2044

Letztes Jahr war der alte Mann gestorben. Monate später hatte man seine mumifizierte Leiche vor der immer noch laufenden Multi-DI-Wand gefunden, und jetzt hatte die Gemeindeverwaltung Alfons hergeschickt um aufzuräumen. Viel war normalerweise in solchen Wohnungen nicht zu holen, eine Multi-Dimensions-Immersions-Wand war schon ein eher seltener Fund, meist hatten die alten Leute gerade mal 4D-Fernsehwände besessen. Nicht, daß sie sich nichts besseres hätte leisten können, doch wer alt war, wollte eben nicht mehr so gerne auf etwas völlig neues wechseln, sehr zum Leidwesen der Unterhaltungsindustrie, die unter der alternden Bevölkerung der United States of Europe (USE) in den letzten Jahrzehnten sehr zu leiden gehabt hatte.

Natürlich gab es eine USE-Verordnung, nach der jedes Unterhaltungssystem - salopp gesagt - feststellen können mußte, ob sein Besitzer noch am Leben war, und sich bei Verneinung dieser Frage selbständig abzuschalten hatte. Schließlich wollte jeder Strom sparen, allen voran die Bürokraten aus Brüssel. Aber wer konnte das schon kontrollieren, heutzutage? Die Bevölkerung alterte nicht nur rapide, sie schrumpfte auch genauso schnell. Alfons kannte das aus seiner eigenen Behörde, der regionalen Wohnraumüberwachung. Planstellen hatten sie über 20, tatsächlich arbeiteten dort gerade mal 12 Leute, davon 10 "Häuptlinge" und zwei "Indianer". Und einer von denen war eben Alfons. Ohne die weitgehend autonomen Transportroboter hätte er seinen Job als Wohnungsräumer überhaupt nicht machen können. Und auch so war es eine Sisyphus-Arbeit. Auf seiner Liste standen noch Hunderte von Wohnungen, die in gesäubertem und geräumtem Zustand irgend jemandem zu übergeben waren. Wobei "irgend jemand" meist die jeweilige Gemeinde war. Denn hätten die Alten noch Erben oder Verwandte gehabt, hätten sie kaum wochen-, monate- oder manchmal sogar jahrelang unentdeckt tot in ihren Wohnungen gelegen.

Alfons kniff den Mund zusammen. Rein statistisch gesehen befanden sich in diesem Wohnblock hier noch mindestens zwei oder drei von denen. Sie warteten darauf, irgendwann entdeckt und verscharrt zu werden. Alfons gab über seinen P-Sam eine Blickgeste auf das Türschloß. Der P-Sam leitete die Geste an den Transportroboter weiter, der daraufhin mit seinen Spezialwerkzeugen die Tür innerhalb weniger Sekunden öffnete. Solche mechanischen Schlösser waren nach einer USE-Verordnung seit zig Jahren verboten - eigentlich, denn wer konnte das schon kontrollieren? Nun ja, technisch gesehen wäre unter anderen auch das der Job von Alfons und seinen Kollegen gewesen. Ein flüchtiges Grinsen huschte über seine Lippen, als er daran dachte, dem Toten vielleicht eine Geldstrafe aufzubrummen - kleiner postmoderner Scherz am Rande.

Alfons sah sich um. Allerdings - eine Multi-DI-Wand sah er nicht. Da hatte wohl einer nicht so genau darauf geachtet, wo er auf dem Erfassungsbogen seine Kreuzchen verteilt hatte. Naja, war ja sowieso immer dasselbe, wer achtete da schon auf solchen langweiligen und im Grunde belanglosen Details?

Aha, wie erwartet ein alter 4D-Fernseher. Oder ... Alfons ging näher heran. Nachdenklich rieb er sich das Kinn. Nein, ein 3D-Modell! Was für eine Antiquität war das denn! "Samsung UE55D6200TSXZG , Baujahr 2011", blendete der P-Sam ein. Alfons bekam große Augen. Ein 33 Jahre alter Fernseher!

"Das Gerät ist nicht mehr funktionsbereit", ergänzte der P-Sam Alfons’ unausgesprochene Frage einen Moment später. Ja, so sah diese Kiste auch aus. Aber was hatte der alte Mann, dessen Namen draußen an der Tür stand, den Alfons sich aber nicht gemerkt hatte, eigentlich die letzten Jahre seines Lebens gemacht, wenn nicht ferngesehen? Nun ja, was auch immer. Alfons’ Blick glitt rasch und professionell über die Einrichtung des geräumigen Zimmers, ergänzt um die Einblendungen des P-Sam, der über den Anblick der Alten Realität wie eine zweite Haut die erweiterte Virtuelle Realität legte und zu jedem Gegenstand, jedem Stuhl, jedem Tisch, jeder Lampe, zusätzlichen Infos einblendete, die Alfons aber kaum noch bewußt wahrnahm. Was spielte es schon für eine Rolle, ob dieser klapprige Preßspanplattentisch da die USE-Formaldehyd-Grenzwerte um ein paar Prozent überschritt oder die durchgewetzte Ikoda-Couch einmal die beliebtestes von ganz Skandinavien gewesen war? Jetzt war sie es bestimmt nicht mehr.

Das Wohnzimmer war recht groß. Platzprobleme gab es nicht mehr, die nur noch gut 60 Millionen Deutschen hatten mehr leerstehenden Wohnraum, als ihnen lieb war. Was einst die Ersparnisse eines ganzen Lebens gekostet hatte, bekam man - von wenigen Boomregionen abgesehen - jetzt praktisch nachgeworfen. Und das galt auch für die Dinge, die die Menschen in ihren Wohnungen angehäuft und gesammelt hatten. Antiquitäten fand Alfons oft in den Wohnungen, die er zu säubern hatte. Aber wer wollte sie noch haben? Einst kostbar und hoch geschätzt, waren sie jetzt wertlos. Den Mustafas, Chens und An-Minhs bedeuteten die jahrhunderte-alten Hinterlassenschaften der europäischen Kultur wenig bis nichts, und deutschstämmige Europäer, "echte" Deutsche, wie Alfons sie bisweilen bei sich nannte und zu denen er sich selbst ebenfalls zählte, gab es nicht mehr genug, um einen geordneten Markt für Kunstwerke zu bilden. Bei Unterhaltungselektronik stellte sich diese Frage sowieso nicht. Das Zeug konnte in der Anschaffung so hip und teuer gewesen sein wie es wollte, nach spätestens ein paar Monaten war es wertlos.

Alfons seufzte. Er machte diese Arbeit nun schon seit fast 15 Jahren. Früher hatte er - stillschweigend geduldet - sich erst mal selbst bedient, denn so gut wie alles hier landete am Ende ja doch nur in der Endverwertung. Gegenstände aus Holz beispielsweise wurden üblicherweise verbrannt, um CO2-neutralen Strom zu erzeugen. Ob es sich dabei womöglich um einen über 200 Jahre alten Biedermeiersekretär handelte, interessierte die Roboter, die die Kraftwerke betrieben, nicht. So war mehr und mehr in Alfons’ großer Wohnung gelandet und hatte sie in ein Gerümpellager verwandelt, bis es Alfons irgendwann zu blöd geworden war. "Ich will meine Wohnung wiederhaben", hatte er entschieden und damals, vor knapp 10 Jahren, mit seiner eigenen Wohnung das gemacht, was er sonst nur mit fremden Wohnungen tat: sie leergeräumt. Jedenfalls so ziemlich. Und seitdem war nur wenig dazugekommen. Es mußte schon etwas wirklich ganz besonderes sein, wenn Alfons es jetzt noch an sich brachte und mit nach Hause nahm.

Mit surrenden Servos hatte der Roboter inzwischen seine Tätigkeit aufgenommen. Alfons überraschte es nicht, daß der defekte antike Fernseher das erste Stück war, das den Weg nach unten in den Container nahm. So alt, wie er war, enthielt er relativ viele wertvolle Stoffe wie Indium und Europium. Die Endverwerter würden sich freuen. Alfons brauchte auch nicht lange herumzusuchen: hier im Wohnzimmer gab es nichts erhaltenswertes. Nichts, für das irgend jemand auch nur eine VCU (Virtual Credit Unit) überwiesen hätte. Der Robbi würde hier etwa zwei Stunden beschäftigt sein, Zeit genug für Alfons, einen Blick in die übrigen Zimmer zu werfen. Er öffnete eine der drei verbliebenen Türen, die vom Flur abgingen. Aha. Das Schlafzimmer. Vollkommen unspektakulär. Ziemlich verlottert, wie man das halt zu erwarten hatte, wenn hier jemand 40 oder 50 Jahre gelebt bzw. geschlafen hatte. Selbst der P-Sam hatte hier nicht viel zu vermelden. Die zweite Tür: Bad und Toilette im Stil des späten 20. Jahrhunderts. Auch das fand man noch oft - in der Alten Realität. In den Medien, der Reklame, den virtuellen Magazinen hingegen nie, da war immer alles modern, jung, auf Hochglanz poliert.

Die dritte Tür. Alfons kannte den Grundriß, den diese Wohnungen üblicherweise hatten. Schließlich tat er seit fast eineinhalb Jahrzehnten nichts anderes, als sich jeden Tag eine oder zwei davon vorzunehmen. Hier fand sich jedenfalls immer das interessanteste, ein Hobbyraum, ein Privat-Kino, irgend etwas überraschendes, für den ehemaligen Besitzer kennzeichnendes. Und jetzt natürlich ebenfalls für die Endverwertung bestimmt. Die Tür schwang auf, fast etwas widerstrebend, wie es Alfons schien, und gab den Blick frei auf einen Raum, der erheblich größer war als erwartet. Und voller Bücher, liebevoll einsortiert in ebenso liebevoll und vor allem kunstvoll aufgebaute Holzregale. Alfons kannte den leichten Duft alter Bücher, doch so intensiv wie hier hatte er ihn noch nie wahrgenommen. Es mußten Tausende, womöglich Zehntausende Bücher sein. Alle nun unwiederbringlich verloren. Denn wer interessierte sich heutzutage noch für Bücher? Der P-Sam schien seine Informationen diesmal nur zögern einblenden zu wollen, und aus irgend einem Gefühl heraus zog Alfons ihn nun ab. Nachdenklich betrachtete er das Gerät. Ein P-Sam konnte alles mögliche sein. Manche Bürger trugen ihn als Visier, das das halbe Gesicht verdeckte. Alfons hatte, wie die meisten Leute, einen in Form einer Brille. Es gab ihn aber auch als Kontaktlinsen oder - der neueste Schrei - als Linsenimplantat. Wer sich so etwas einsetzen ließ, brauchte nebenbei kein Mikroskop mehr, denn die künstlichen Augenlinsen hatten natürlich eine vielfach höhere Akkomodationsfähigkeit als die echten. Der P-Sam war Informationszentrale, Supercomputer, Internet-Terminal, persönlicher Informationsmanager, Telecom, unentbehrliches Arbeits- und Alltagsgerät für alles und jeden. Und natürlich Kommunikationszentrale für all die Implantate, die in modernen Menschen, vor allem in Jugendlichen, steckten. Nach Alfons’ Ansicht waren diese vorlauten Bengel sowieso schon mehr als nur halbe Cyborgs. Jedenfalls - ein Bürger ohne P-Sam war etwa so häufig wie ein Mensch mit zwei Köpfen.

Alfons steckte dennoch seinen P-Sam in die Tasche, bevor er den Raum betrat. Er hatte als Kind noch die Zeit miterlebt, als es noch Bücher, echte Bücher aus Papier, zu kaufen gegeben hatte. Die digitale Revolution hatte ihnen dann aber sehr schnell den Garaus gemacht. Aus dieser Zeit stammte ein netter Vergleich, der etwa so ging: "Auch heute noch besitzen Menschen Pferde, aber sie reiten damit nicht mehr zur Arbeit, sondern halten sie für Sport und Freizeit". Nun, Pferdehalter gab es nicht besonders viele, und Käufer realer Bücher noch weniger. Virtuelle Bücher waren ja auch so viel praktischer: immer dabei, multimedial, multi-dimensional, per DRM jederzeit und überall ergänz-, zensier- und löschbar, was die Werbung natürlich nicht so in den Vordergrund stellte, und alles mögliche. Und so waren gedruckte Bücher innerhalb weniger Jahre aus dem Alltagsleben der Bürger verschwunden. Bis in die 30er Jahre hinein hatte noch das Antiquariatswesen geblüht, doch auch dieses war inzwischen seinen Kunden gefolgt und verwelkt und vergangen. So etwas wie diese riesige Privatbibliothek hier würde Alfons in seinem Leben vielleicht kein weiteres Mal zu sehen bekommen. Wo heutzutage selbst öffentliche Bibliotheken in massiver Kritik standen, sinnlos Steuergelder zu verschwenden für etwas, das niemand mehr brauchte und wollte.

Fasziniert sah der Beamte sich um. Langsam, genüßlich, glitten seine Blicke über diese Kunstwerke der Alten Realität, aufwendig geschnitzte Regale, liebevoll gestaltete Bücher, eins am anderen. Jedes erzählte seine eigene Geschichte. Die Sache war nur die: all diese Geschichten waren schon seit Jahrzehnten im Netz verfügbar. Jedes dieser Bücher hatte ein virtuelles Gegenstück im Internet. Man brauchte nicht mehr in eine Bibliothek zu gehen, um es zu lesen. Der P-Sam holte es einem herbei, wann und wo immer man wollte, vieles davon sogar kostenlos und mit nur wenigen Werbe-Einblendungen. Wenn all das hier endverwertet wurde, ging also nichts verloren. So jedenfalls dachte Alfons. Bis er den verglasten Schrank in der Mitte des Raumes fand. "Schrank" war eigentlich nicht der richtige Ausdruck für dieses kostbare Vitrinenobjekt, das Alfons auf locker 150 Jahre schätzte, reich verziert mit Jugendstil-Intarsien und kostbaren, aufwändig geschliffenen Glasscheiben. Das Stück besaß eine zweiflügelige Tür, versehen mit einem kunstvollen Schloß, für das Alfons jedoch nicht den Roboter bemühen mußte, denn der prächtige Schlüssel steckte. Ehrfürchtig streckte Alfons die Hand aus und drehte den schweren Messingschlüssel. Mit einem satten Schnappen öffnete sich der Verschluß, die Türflügel schwangen auf und gaben die bibliophilen Schätze frei. Alfons war sich sicher, daß nicht wenig von dem, was er jetzt vor sich hatte, nicht in der Endverwertung landen würde, sondern bei ihm Zuhause.

Er zog ein winziges, kaum handtellergroßes Büchlein hervor, das in einem seltsamen, an lackiertes Leder erinnerndes Material gebunden war, und schlug es auf. Im ersten Moment glaubte Alfons, ein Buch in einer fremden Sprache vor sich zu haben, denn die Buchstaben sahen vollkommen anders aus als das, was er kannte. Immerhin "1834" konnte er lesen. Bei näherem Hinsehen schälten sich aus den fremdartigen Buchstaben dann aber doch vertraute Formen. "Miniatur-Bibliothek der Deutschen Klassiker", entzifferte Alfons mühsam. Er zog den P-Sam wieder auf, doch das Gerät brauchte überraschend lange, bis es die virtuelle Schicht einblendete, von der ein Agent irgendwo im Netz der Ansicht war, sie würde Alfons weiterhelfen. Was sie im übrigen auch tatsächlich tat. Das Büchlein war komplett digitalisiert im Internet, in irgend einer selten genutzten virtuellen Bibliothek. Links blendetet der P-Sam die eingescannten Originalseiten in Frakturschrift (aha, so hieß das also) ein, recht den Text in Klarschrift. Nicht schlecht. Aber eins der Originale in Händen zu halten war eben doch etwas ganz anderes als dieses flüchtige digitale Surrogat, das Alfons auf einmal erschreckend erbärmlich vorkam. Sicher, jeder auf der Welt konnte es sich laden und ansehen. Aber wer tat das? Wie oft in den Jahrzehnten, seit dieses Buch digitalisiert worden war, hatte sich jemand dafür interessiert? Ein Original zu besitzen, war einfach etwas vollkommen anderes.

Alfons legte das Büchlein auf den Schreibtisch, einen antiken Sekretär, der direkt neben der Vitrine stand und der selbst nach heutigen Maßstäben noch als kostbar zu gelten hatte. Die Blicke des Beamten schweiften weiter über die zum großen Teil ledernen Buchrücken und blieben schließlich an einem in dieser Umgebung fast schäbig wirkenden, irgendwie schmutzig grau gebundenen Buch hängen. "Das Saar-Buch", las Alfons. Da zufällig sein Vater aus der Euroregion Saar stammte, machte ihn der Titel neugierig. Er zog das Buch heraus, nahm am Sekretär platz, warf einen kurzen Blick nach draußen auf den Flur, wo der Transportrobbi unermüdlich hin und her marschierte, und schlug das Buch auf. "Das Saarbuch - Schicksal einer deutschen Landschaft 1934" las er. 1934, so so. "Mal sehen", murmelte er zu sich selbst. Auch hier war alles in dieser kaum entzifferbaren Frakturschrift geschrieben. Also wieder auf den P-Sam warten. Aber irgend etwas stimmte nicht. Es dauerte mehrere Sekunden, und nichts geschah. Ungläubig wanderten Alfons’ Augen hin und her, doch der P-Sam blendete keine Infos ein, an denen sich die Augen hätten festmachen können. Irritiert schaltete der Beamte mit einer Blickgeste auf Spracheingabe um und wiederholte die Anfrage im Klartext. Aber auch jetzt bekam er keinen Treffer. Alfons konnte sich nicht erinnern, daß das jemals, seit er denken konnte, vorgekommen war. Er diktierte "Euroregion Saar" ein. Über eine Million Treffer auf Deutsch, weitere Millionen auf Französisch usw. Auch andere Kombinationen von "Saar", "Land" und "Region" ergaben die übliche, sich Unendlich nähernde Treffermenge. Doch dieses spezielle Buch - nichts. Wie war das möglich?

Alfons wählte den "Books Every"-Dienst. Normalerweise machte der P-Sam so etwas automatisch. Niemand mußte sich mehr darum kümmern, woher die Informationen kamen, dazu gab es mehr als genug Software-Agenten und Dienste aller Art, die nur darauf warteten, still und leise im Hintergrund ihre Dienste verrichten zu dürfen, manche für ein paar VCUs, die meisten kostenlos, gesteuert vom P-Sam oder gleich in diesen integriert. Doch auch "Books Every", der größte Buchhändler des Planeten, zeigte keinen Treffer. Lange starrte Alfons auf die erste aufgeschlagene Seite. Irgendwann begann er dann zu blättern. Bilder, Texte, teilweise sogar in lesbarer Schrift, Karten eines Gebildes namens "Deutsches Reich" - Alfons erinnerte sich daran, daß das im Virtuellen Schulunterricht mal drangekommen war. Was der L-Agent und der Lehr-Betreuer ihnen damals aber beigebracht hatte, war längst seinem Gedächtnis entschwunden. Das war alles schon so lange her. Längst schon gab es die United States of Europe. Und es hatte mal so etwas wie die französische Revolution und den ersten und den zweiten Weltkrieg gegeben. Alles längst vergessen. Graue Vergangenheit, an die sich, ehrlich gesagt, auch niemand erinnern wollte. Oder konnte, denn wer eine der European Integrated Schools besucht hatte - übrigens eine Schulform, die es nur in Deutschland gab - dessen Bildungsstand reichte für solche komplizierten Sachverhalte üblicherweise nicht aus. Vieles von dem, was Alfons heute wußte, zum Beispiel über Antiquitäten, hatte er sich später selbst angeeignet.

Ein grinsendes schwarzes Gesicht erschien vor Alfons’ geistigem Auge. Google! Am Anfang des 21. Jahrhunderts das größte Informationsimperium der Welt, dann von der Konkurrenz und der technischen und sozialen Entwicklung überrollt, verschwunden, vergessen. Bis der cleverste - und reichste - Investor der Welt die Aktien für ein paar VCUs aufgekauft hatte. Malcolm Al Khebal heiß der Mann (angeblich), aber alle kannten ihn nur unter dem Namen Daddy Rich. Sein Markenzeichen war eben jenes verbindliche, unwiderstehliche Grinsen seiner schneeweißen Zähne, das von einem Ohr bis zum anderen zu gehen schien und ohne das man Daddy Rich noch nie gesehen hatte. Wahrscheinlich war es festgewachsen, aber dafür wirkte es wiederum zu echt. Nun ja, jedenfalls hatte Daddy Rich das alte Google zu neuer Größe gebracht und ein Imperium daraus gemacht, das bei weitem nicht nur mit Informationen handelte. Von der Kopfschmerztablette bis zum organisierten Massenauflauf war alles im Angebot. Und zufälligerweise hatte Alfons dort einen Account. Einen kostenpflichtigen Behördenaccount, um genau zu sein, was bedeutete, daß er erheblich mehr Informationen bekam als andere Leute. Mit ein paar Blick-Gesten loggte er sich ein und wiederholte nun dort seine Suchanfrage. Doch auch Google schwieg. Dieses Buch hier existierte in der Virtuellen Realität nicht!

Alfons zog zischend die Luft ein. Draußen zog der Robbi seine Bahnen und leerte inzwischen das Schlafzimmer. Schließlich zog Alfons ein weiteres Buch aus der Vitrine, diesmal eins aus dem Jahre 1939, und stellte fest, daß auch dieses in der virtuellen Haut, die die Welt überzog, ein Loch darstellte. Lange kreisten Alfons’ Gedanken um das, was er in der Schule über diese Zeit gelernt hatte. Beziehungsweise hätte lernen sollen. Die Wikipedia half hier einen guten Schritt weiter, doch der Artikel, so lang und ausführlich er auch war, hatte aus der Perspektive, die Alfons jetzt inne hatte, eine seltsame Unverbindlichkeit. Und auch die weitere Suche im Netz brachte ihn immer zum gleichen Ergebnis: die Zeit von 1933 bis 1945 war aus der Virtuellen Realität irgendwie ausgestanzt worden. Keine Auktionen von Original-Gegenständen, keine Original-Bücher, keine Original-Filme, keine Fotos, nichts. Dafür umso mehr Berichte über diese Zeit. Aber eben nur Berichte aus zweiter und dritter Hand, keine Originale. Wo waren sie geblieben? Nun, ein paar davon lagen vor Alfons ausgebreitet auf dem Sekretär. Doch das war nicht einmal alles. Alfons fand ein Buch über Völkerkunde aus dem Jahr 1885, der Hochzeit des Kolonialismus, als man Afrikaner noch "Neger" nannte. Auch dieses Buch war aus der VR herausgeschnitten und damit außerhalb dieses Zimmers nicht existent. Alfons dachte an ein anderes Buch, einen Klassiker der Weltliteratur mit dem Titel "1984" von George Orwell, das er mehrfach gelesen hatte. Wie primitiv der dortige Große Bruder doch gewesen war, daß er seine Bürger mit brutalster Gewalt zum Gehorsam hatte zwingen müssen. Die Schilderung, daß dies durchaus und vollständig gelungen war, war erschreckend. Doch noch erschreckender waren für Alfons die Parallelen zu seiner eigenen alltäglichen Welt gewesen, die er durchaus gesehen hatte. Beispielsweise das Verbot von Bargeld. Hätte der Große Bruder aus "1984" Bargeld verboten, hätte er einfach jeden Menschen zu Tode gefoltert, der sich nicht daran hielt. Die USE hatten Bargeld ebenfalls verboten, aber sie hatten diese Verordnung durchgedrückt und den Bürgern damit eins der wichtigsten Menschenrechte geraubt, ohne daß auch nur einem Menschen ein Haar gekrümmt worden war. Im Gegenteil - es hatte durchaus Widerstand gegeben, und in einigen Bundesstaaten, darunter auch Deutschland, war die Verordnung nie umgesetzt worden. Der sanfte Große Bruder in Brüssel hatte trotzdem seinen Willen erzwungen. Es war einfach alles Bargeld nach und nach eingezogen worden. Man hatte es von den Banken abgeschöpft, die kein neues mehr ausgeben durften. Und seitdem ging jeglicher Geldverkehr sauber kontrollierbar über Konten. Ein einziges Bit in dem Datensatz, den jeder Mensch als Datenschatten irgendwo in der VR hatte, entschied über Konto oder nicht Konto. Und wessen virtuelle Lebensader abgeschnitten wurde, der verdarb unweigerlich auch in der Alten Realität. Nicht mal ein Glas Wasser konnte man sich kaufen, wenn der Sanfte Große Bruder es nicht wollte.

Alfons erinnerte sich nicht, daß das jemals vorgekommen wäre. Aber würden die Medien über so etwas überhaupt berichten? Allein die Angst vor diesem virtuellen Menschenfresser reichte, um jeden gewünschten Gehorsam zu erzwingen. Natürlich gab es Datenschutzrechte in Hülle und Fülle. Zum Beispiel war alles, was durch einen P-Sam lief, privat und streng geschützt. Aber war Schutz überhaupt möglich in einer Welt, in der jeder Mensch im virtuellen Raum eine Datenspur mit sich schleppte, gegen die sein Auftreten in der Alten Realität nur ein Schatten war? Wenn man 99% davon schützte, ließen sich aus dem restlichen 1% immer noch sämtliche Lebensumstände eines Menschen mühelos bis ins letzte Detail rekonstruieren.

Irgendwann kehrten Alfons Gedanken und Blicke wieder zur Vitrine zurück. Hastig nahm er den P-Sam ab und steckte ihn in die Tasche. Tief atmend und mit klopfendem Herzen verweilte er eine Zeitlang regungslos vor den Büchern, dann zog er eines heraus, dessen schwarzer Einband mit der abgegriffenen Vergoldung irgendwie seinen Blick auf sich gezogen hatte. "Adolf Hitler - Mein Kampf". Das Verbotenste des Verbotenen. Mit zitternden Fingern schob Alfons das Buch in seine Tasche - natürlich nicht die, in der der P-Sam steckte. Seine Knie fühlten sich seltsam weich an und er mußte sich setzen. Dabei war der Besitz dieses Buches an sich durchaus erlaubt - im Prinzip jedenfalls. Aber in "1984" war auch alles erlaubt gewesen, im Prinzip ... Draußen wurde es langsam dunkel und Alfons beschloß Feierabend zu machen. Der Robbi machte eine letzte Fuhre und verschwand dann in dem Container, der sich daraufhin selbständig in Bewegung setzte. Alfons wußte, daß er nun der Endverwertungsstelle zustrebte und dort im Laufe der Nacht seine Ladung übergab, fein säuberlich sortiert nach Möglichkeiten der Verwertung oder Wiederaufarbeitung. Gerade in uraltem Elektronikschrott steckte eine Schatzkammer an kostbarsten Rohstoffen: Gold, seltene Erden, Lithium, Tantal und vieles mehr. In der Virtuellen Schule hatte man ihnen beigebracht, daß man das früher alles weggeworfen hatte. Alfons hatte das nie glauben wollen. Selbst früher, in jenen legendären Zeiten der maßlosen Verschwendung, wäre doch kein Mensch auf die Idee gekommen, Gold in den Müll zu werfen?

Alfons’ P-Sam steckte immer noch in seiner Tasche, und so sah er zum ersten Mal die Straßen der Stadt so, wie sie sich in der Alten Realität darboten. Ohne die grelle Reklame, die freundlichen Avatare, die einem zum Kauf verführen wollten, all die quirligen Einblendungen, die die Städte der USE in bonbonbunte Märchenlandschaften verwandelten. Die Alte Realität hingegen erinnerte Alfons eher an die grauen, verfallenden Städte aus Orwells "1984". Was in der VR ein buntes, geschmackvoll eingerichtetes Schaufenster war, war in Wahrheit eine Ziegelwand, von der der dunkelgraue Putz herunterbröckelte. Eigentlich brauchte man nur den P-Sam abzunehmen, um sie so zu sehen, wie sie war. Doch das tat keiner. Wer wollte schon all die Informationen missen, die überall auf einen einstürzten, beispielsweise, in wieviel Sekunden die nächste U-Bahn fuhr, welche Bonuspunkte man wo sammeln konnte, wenn man vor dem Laden einen Handstand machte oder wie die VCU zum US-Dollar stand - wahnsinnig spannend all das. Die Leute waren ganz verrückt auf solches Zeug. Süchtig eben, nackt und hilflos ohne ihren zweite Haut aus der VR. Und dann die allgegenwärtigen Kameras. Jeder, der beispielsweise an dieser verfallenen Ziegelwand vorbeikam, sah etwas anderes darin. Je nachdem, was sein Profil auswies. Natürlich konnte man den P-Sam anweisen, im anonymen Modus zu arbeiten. Aber dann bekam man ja keine personalisierten Infos mehr, wo zum Beispiel sich der nächste Freund gerade aufhielt, wo man sich ein paar VCUs ergattern konnte und dergleichen. Auch anrüchige und "illegale" Angebote gab es. Illegal - Alfons mußte lachen. Als ob es im tausendfach überwachten Netz irgend etwas hätte geben können, was gegen eine USE-Verordnung verstieß. Dabei brauchten die Behörden die Überwachung nicht einmal selbst zu leisten - konnten sie aus Personalmangel auch gar nicht. Das besorgte das Millionenheer der Anwälte und ihrer Netz-Agenten, die alle die Millionen von Verordnungen und Richtlinien bis zum letzten Komma kannten und jeden in die Steinzeit klagten, der auch nur das geringste bißchen dagegen verstieß.

Was nicht hieß, daß es keine Illegalität mehr gab. Im Gegenteil. Mit dem Verschwinden des Bargeldes waren weder Schwarzarbeit noch Schattenwirtschaft verschwunden. Die organisierte Kriminalität war geradezu aufgeblüht. Nur eben hauptsächlich in der Alten Realität, nicht im Netz. Dort agierten nur die ganz großen Fische, die sich genügend Anwälte oder - noch besser - Politiker leisten konnten. Und so verrottet wie die Städte waren dementsprechend auch die gesellschaftlichen Zustände. Nur in der VR war alles wundervoll, ein ewiges buntes Disneyland ohne Schmutz, ohne Gemeinheit, ohne böse Menschen. Alfons Finger glitten über das Buch. Es hier herauszuziehen wäre keine gute Idee gewesen. Besser bis Zuhause warten. Er seufzte und setzte den P-Sam wieder auf. Sofort verwandelte sich seine Umgebung. Alles leuchtete, blinkte, war erfüllt von freundlichen, fröhlichen Avataren, die vor guter Laune und Herzlichkeit geradezu zerflossen. Alfons beeilte sich nach Hause zu kommen.

Die Tür erkannte ihren Herrn bei dessen Annäherung - wie es die USE-Verordnung vorschrieb. Drinnen gingen jetzt die Lichter an, genau die, von denen die Hauselektronik, die mit dem P-Sam in ständigem Kontakt stand, erwartete, daß Alfons sie brauchen würde. Die Tür schwang geräuschlos auf. Doch drinnen blieb es dunkel. Ein Instinkt warnte den Beamten, doch es war schon zu spät. Eine riesige Gestalt sprang aus der Dunkelheit hervor, und dann klickten die Handschellen. Alfons landete unsanft mit dem Gesicht nach unten auf dem abgetretenen Linoleum-Boden. "Was ..." stöhnte Alfons. "Umweltpolizei", antwortete ihm dröhnende Stimme von oben. Eine gewaltige Pranke fuhr herab und zog "Mein Kampf" aus der Tasche. "Bürger Alfons Meilbauer, Sie sind verhaftet wegen eines Vergehens gegen Umweltparagraphen 221, 7992 und 8118. Sie haben dieses Buch unterschlagen, der Endverwertung entzogen und die Allgemeinheit damit um etliche Kilowattstunden Strom betrogen". Mühsam sah Alfons nach oben. Der hünenhafte Polizist hielt das Buch falsch herum, vielleicht sogar absichtlich, so als wolle er demonstrieren, daß jedes unterschlagene Buch zu einer Verhaftung geführt hätte. Alfons wußte, daß er jetzt schlechte Karten hatte. Umweltverbrechen wurden teilweise strenger geahndet als Mord und Vergewaltigung. Denn schließlich betraf ein Umweltverbrechen nicht nur eine Person, sondern die gesamte Menschheit, und zwar jetzt und für alle kommenden Generationen. Alfons würde also viel Zeit zum Nachdenken haben.

"Aber wie ..." brachte er krächzend heraus. Der Polizist beugte sich zu ihm herunter und schlug das Buch auf. Alfons Augen weiteten sich, als er es sah. Unter dem Papier des hinteren inneren Einbanddeckels zeichnete sich eine winzige Erhebung ab. Man sah sie nur, wenn man - im wahrsten Sinne des Wortes - mit der Nase darauf gestoßen wurde. "Ein RFID-Chip!"


Erstellt am 1.5.2014. Letzte Änderung: 1.6.2016