Nach der Arbeit

Er war zufrieden. Das Werk war vollendet, und es war gut geworden. Er schwebte im absoluten Nichts und dachte eine Zeitlang an gar nichts. Flüchtig streifte seine Aufmerksamkeit das Kristalluniversum, das er erschaffen hatte, ein 108-dimensionales zeitloses Wunder, vollkommen ausgefüllt von einem fraktalen Kristall, dessen strahlende Schönheit auszuloten mehr als eine Ewigkeit erfordert hätte. Er hatte im Kristalluniversum die Dimension der Zeit weggelassen, sodaß es sich niemals veränderte. Es existierte nur einen Moment lang und doch in ewigem Feuer seiner Schönheit.

Er selbst hatte keine Dimensionen, weder räumliche noch zeitliche. Deshalb hatte er seine ersten Universen mit einer unermeßlichen Überfülle an beidem ausgestattet. Die Ergebnisse waren jedoch äußerst enttäuschend gewesen: nichts als das vollkommene, strukturlose Chaos. Nachdem er sich in zahllosen Universen daran sattgesehen hatte, hatte er angefangen, die Zahlen der Dimensionen zu beschränken. Die besten Ergebnisse entstanden, wenn es nur 0 oder 1 zeitliche Dimension gab. Bei der Wahl der Raumdimensionen mußte man sich nicht so extrem beschränken. Auch sehr hochdimensionale Räume konnten, wenn man die übrigen Parameter richtig setzte, eine tiefgründige Faszination entfalten. Manchmal jedenfalls.

Noch später war er dazu übergegangen, Universen mit sehr geringer Zahl an Dimensionen zu erschaffen. Mit drei gelangen ihm dabei die besten Resultate, aber selbst 2-dimensionale Welten brachten gelegentlich komplexe Strukturen und sogar Leben hervor. Doch diese Flachländer waren zu stark eingeschränkt. Unerwartet viel besser waren die mit 3 Dimensionen, und auch hier waren die inneren Gesetzmäßigkeiten und Parameter entscheidend. Natürlich hatte ein Universum, das sich nahezu unendlich schnell ausdehnte, seinen ganz eigenen Reiz, doch sonst geschah darinnen natürlich nicht viel. Anders herum gab es Welten, die eine explosive Fülle der phantastischsten Farben und Phänomene zeigten, aber nur winzigste Bruchteilen von Pikosekunden existierten und dann schon wieder dorthin entschwanden, woher sie gekommen waren: ins Nichts.

Wieviele Universen existierten jetzt gerade? Diese Zahl war für ihn nicht zu bestimmen, weil "jetzt" für ihn keine Bedeutung hatte, trotz der vielen Universen, die er mit einer Zeitdimension versehen hatte. Solche Welten konnten selbst dann spannend sein, wenn sie überhaupt keine räumliche Ausdehnung hatten, also nulldimensional waren. Zum Beispiel gab es eine, die aus unendlich vielen Punkten bestand, von denen jeder mit jedem direkt benachbart war. Raum, Abstand und Geschwindigkeit gab es in dieser Welt nicht, doch die Punkte entfalteten ein unglaublich komplexes Eigenleben, wenn man die Naturgesetze richtig wählte. Wenn ... Denn das war in praktisch jeder der von ihm geschaffenen Welten die Bedingung.

Eins der Universen hatte ihn besonders beeindruckt, eigentlich eine Spiel-Welt mit abstrus gewählten Parametern. Er hatte es "Universum der Menschen" genannt nach der Spezies, die dort besonders herausgeragt hatte. Vom ersten Anfang an war er überzeugt gewesen, daß aus dieser Welt nichts werden konnte, daß sie unmöglich so etwas wie Schönheit und Spannung würde entfalten können. Denn der feurige Beginn war nach einer unvorstellbar kurzen Zeit dahin, und von da an war dieses Universum eigentlich nur noch mit Leere erfüllt, mit einer nahezu unendlichen Leere, in der sich nur hier und da mal ein Atom oder ein Staubkörnchen fand.

Dazu hatte er die Naturgesetzt äußerst restriktiv gemacht. Es gab gerade mal vier Wechselwirkungen mit Kopplungsstärken, die zueinander in geradezu aberwitzigem Mißverhältnis standen, eine Handvoll Teilchen, von denen die meisten auch noch extrem instabil waren, und die Lichtgeschwindigkeit war nicht nur endlich, sondern so gering, daß alles, was es in dieser Welt gab, praktisch an Ort und Stelle gefangen war, wie in einem kosmischen Eis eingefroren. Nie konnte aus so einer Welt etwas vernünftiges werden, und so wollte er sie einfach sich selbst überlasen und eine neue, vielleicht bessere schaffen.

Doch wie angenehm war er überrascht worden. Offenbar gab es so etwas wie ein übergeordnetes Gesetz, das besagte, daß je restriktiver die Strukturen und je knapper die Ressourcen waren, desto zäher und kämpferischer sich das Leben dort entfaltete. Er sah es schon fast als Wunder, wie aus gerade mal drei Sorten Elementarteilchen sich ein Zauber aus Strukturen entwickelte: Atomkerne, daraus Atome, daraus Moleküle, daraus kosmischer Staub, daraus Sonnen und Planeten, daraus wiederum Galaxien und schließlich eine das ganze Universum überspannende hauchzarte Netzstruktur von Galaxienclustern.

Am aufregendsten waren die mittleren Strukturen, die sich auf den unzähligen Planeten bildeten. Hier war es so spannend, daß er fast vergaß, wie unendlich winzig und unbedeutend diese Systeme waren im Vergleich zum unendlichen Nichts, das zwischen ihnen war und sie unabänderlich für immer und alle Zeiten voneinander trennte.

Einzeller und einfachstes Vielzeller - sie entstanden in jeder Galaxie milliardenfach auf jeder Welt, die dafür auch nur halbwegs geeignet war. Viele wurden wieder ausgelöscht, wenn ihre Sonnen sich in rote Riesen verwandelten oder sie einer anderen unabwendbaren Katastrophe anheimfielen, von denen es unzählige gab. Denn er hatte sich fest vorgenommen, nach dem Start eines seiner Universen nicht mehr einzugreifen und nur noch still zu beobachten. Und so konnte er sich an einer explodierenden Fülle des Lebens erfreuen, mußte aber auch dessen permanenten Untergang mitansehen.

Einige wenige Welten schafften es, komplexe Vielzeller hervorzubringen, die sich in ständigem tödlichen Konkurrenzkampf immer höher entwickelten, oder ausstarben. Unzählige vielversprechende Ansätze gingen unter, was er sehr bedauerte. Doch sein Universum war so groß, daß es sicher auch irgendwo mal klappen würde.

Und in der Tat entwickelte sich in einem kleinen Galaxienhaufen auf einem großen, aber ansonsten unauffälligen Planeten eine Spezies intelligenter Schirmwesen. Sie waren stolz und sehr kriegerisch, und sie verehrten ihn als Gott, obwohl sie von seiner Existenz nichts wissen konnten. Dahingerafft wurden sie schließlich von einem Todesengel ganz eigener Art. Da sie ständig gegeneinander Krieg führten, sahen sie sich gezwungen Wissenschaft zu betreiben, um bessere Waffen bauen zu können. Eines Tages entdeckte einer ihrer Wissenschaftler den Grund, warum es neben ihrer eigenen Art noch so viele andere Arten auf ihrer Welt gab, die ihnen verblüffend ähnelten, aber Tiere geblieben waren: weil sie ihre Vorfahren waren. Die Psyche der Schirmwesen aber verkraftete diese Erkenntnis nicht. Sie zerbrachen daran, und ihre Zivilisation ging unter. Kleine Gruppen von ihnen existierten noch sehr lange, bis ganz zum Ende sogar, doch zu alter Größe kehrten sie niemals wieder zurück.

Doch da gab es noch eine andere Sorte interessanter Wesen. Sie stammten von Baumbewohnern ab, erhoben sich dann aber auf zwei Beine und durchstreiften so ihre Welt. Sie erwiesen sich trotz ihrer zerbrechlichen Körper als unglaublich robust. Eines Tages brach auf ihrem Planeten ein Vulkan so heftig aus, das er einen lange währenden Winter hervorrief. Die Zweibeiner, die sich später Menschen nannten, standen kurz vor dem Untergang. Nur wenige tausend überlebten. Doch sie schafften es.

Er war fasziniert und irgendwie auch gerührt. Die Menschen brachten in ihm eine bislang unbekannte Saite zu klingen, obwohl ihre Psyche ihm immer unerklärlich blieb. Liebe und Haß, mörderische Kriege und aufopferungsvolle Nächstenliebe, finsterer Aberglaube und messerscharfe Rationalität, Hingabe und Gleichgültigkeit, feinsinnigste Kunst und blinde Zerstörungswut - sie vereinten mühelos alle nur vorstellbaren Gegensätze in sich.

Manchmal ging er mit ihnen auf die gefährliche Jagd nach Mammuts, verband zusammen mit den Frauen die verletzten Jäger, saß neben ihnen am Feuer und sah mit ihnen zu, wie das Fleisch garte, und wie sie sich darauf freuten, es schließlich essen zu können. Doch die Gefühle, die diese Menschen empfanden, wenn sie am Abend erschöpft und doch fröhlich die Früchte ihrer harten und gefährlichen Arbeit genossen, wenn sie in das knusprige Fleisch bissen - diese Gefühle würde er nie selbst empfinden können. Er konnte ihnen nur zusehen.

Auch später zog ein apokalyptischer Reiter nach dem anderen über sie: Kriege, Hungersnöte, die große Eisschmelze, die man später die Sintflut nannte, dazu Krankheiten, Naturkatastrophen, später die Überbevölkerung. Sie überlebten alles. Sie wuchsen sogar daran. Stetig mehrte sich ihr Wissen. Sie hatten das Glück, daß ihr Planet groß genug war. Irgendwo brannte stets das Licht weiter, wenn es woanders zeitweise verlosch.

Wehmütig dachte er schon damals an das nahe bevorstehende Ende. Die Menschheit war zu spät geboren worden.

Doch das wußten sie noch nicht.

Irgendwann trieben zwei konkurrierende Reiche sich gegenseitig in den Weltraum, und obwohl es seine Naturgesetze nahezu unmöglich machten, auch nur von einem Planeten zum anderen zu kommen, ließen die Menschen sich davon nicht aufhalten. Sie taten es trotzdem. Später schickten sie Generationenschiffe aus, um die ganze Milchstraße zu kolonisieren. Er hätte das wegen vollkommener Aussichtslosigkeit niemals auch nur in Erwägung gezogen. Doch die Menschen - sie machten es einfach. Wieder und wieder machten sie das Unmögliche möglich. Ein paarmal verstieß er sogar gegen seinen Grundsatz, niemals einzugreifen, wenn er die Bahn des einen oder anderen kosmischen Felsbrockens eine Winzigkeit abänderte, sodaß er eins dieser Schiffe knapp verfehlte statt es zu zerstören. Denn die Menschen hatten das, wie er meinte, einfach verdient.

Hunderte, Tausende Welten in dem, was sie ihre kosmische Nachbarschaft nannten, besiedelten sie im Laufe der Zeit. Dabei konnten diese Welten nicht einmal miteinander kommunizieren. Selbst die nächsten brauchen Jahrzehnte, um ein Signal einmal hin und wieder zurück zu senden.

Trotzdem begriffen sie sich immer noch als gemeinsame Menschheit.

Und dann kam das Verhängnis.

Lange schon war bei ihnen bekannt, daß ihr Universum beschleunigt expandierte. Eines Tages entdeckten sie dann, wie schnell diese Beschleunigung wirklich voranschritt. Die dunkle Energie, die für die Expansion verantwortlich war, wuchs proportional zum bereits vorhandenen Volumen. Und wenn eine Größe sich proportional zu sich dem ändert, was davon bereits vorhanden ist, folgt daraus mit mathematischer Gesetzmäßigkeit exponentielles Wachstum. Die Menschen merkten es auf vielen Planeten nahezu gleichzeitig, weil die Ausdehnung bereits so schnell verlief, daß sich die Gravitationskonstante meßbar veränderte.

Als den Menschen klar wurde, was das bedeutete, lief eine Selbstmordwelle durch die Milchstraße. Es bedeutete zum Beispiel, daß die Sterne am Himmel bereits unerreichbar waren, weil sie sich schon mit Überlichtgeschwindigkeit entfernten. Die heimatliche Milchstraße hatte sich bereits aufgelöst. Wochen später nur waren die Sonnensysteme dran. Es ist nun mal ein Wesensmerkmal des exponentiellen Wachstums, daß am Ende alles ganz schnell geht. Stunden darauf lösten sich die Planten auf. Selbst jetzt noch kämpften einige Menschen gegen das unvermeidliche Ende an, von dem sie nur noch Minuten trennte, indem sie, als ihre Planeten ihre Atmosphären nicht mehr halten konnten, in Raumkapseln Zuflucht suchten. Doch die Raumkapseln, ebenso wie die menschlichen Körper, bestanden aus Molekülen, die nur von der elektromagnetischen Wechselwirkung zusammengehalten wurden, und auch diese wurden nur Minunten später von der alles umfassenden kosmischen Expansion zerrissen. Dann kamen die Atome dran, dann die Kerne und zuletzt die Nukleonen. Die kosmische Expansion, die einst als unmeßbar kleiner Effekt begonnen hatte, überwand jetzt in kürzester Zeit jede andere Kraft. Selbst die Kernkraft, über vierzig Größenordnungen stärker als die Gravitation, wurde überflügelt und bedeutungslos zurückgelassen.

Von da an herrschte nur noch Leere. Eine dem Verstand unzugänglichen, alles umfassende, absolute Schwärze in einem vollkommen leeren Universum, das sich mit irrsinniger Geschwindigkeit weiter ausdehnte, hinein ins unendliche Nichts.

*

Er faltete das Universum der Menschen wieder zusammen, justierte ein paar Parameter neu und ließ es dann wieder am Anfang starten. Er ruhte sich ein Weilchen aus, tauchte für kurze Zeit in das fraktale Kristalluniversum ein, das mit seinen unendlichen Strukturen den Geist stets auf neue beschäftigen konnte und das für immer so unauslotbar blieb wie die Psyche der Menschen, die nun verschwunden waren.

Dann wandte er sich erneut diesem zur Zeit noch sehr feurigen 3D-Universum zu und hoffte, er würde ihm erneut Spannung und Vergnügen breiten.


Erstellt am 19.1.2014. Letzte Änderung: 27.1.2014