Das Unendliche Land - 1. Buch, 1. Teil

Prinzessin Alessandra stand auf der höchsten Zinne des Weißen Palastes. Es war Frühling des Jahres 1242. Ein kalter morgendlicher Windstoß fuhr durch ihre kostbaren Kleider und ließ sie frösteln. Sie war noch sehr jung, fast noch ein verträumtes Mädchen, und sie sehnte sich in die unbekannte Zauberwelt der himmelhohen Berge, die sie von hier oben aus schemenhaft am nordwestlichen Horizont erkennen konnte. Dort lag das Schwarze Königreich, das drohende, unzugängliche Gebirge, das von seinem Herrscher das Unendliche Land genannt wurde. So viele unheimliche Geschichten erzählte man sich über dieses Land und seinen König. Unvorstellbar grausam sollte er sein, schlimmer noch als Tartanos, der vor vielen Generationen die Welt entvölkert hatte. Doch noch nie hatte Alessandra jemanden getroffen, der darüber aus eigener Erfahrung hätte berichten können. Waren das alles nur Märchen, mit denen die Mütter im Weißen Königreich ihren Kindern Angst machen wollten, wenn sie nicht brav waren? Oder stimmte womöglich sogar das Gerücht, daß er alle seine Untertanen getötet und aufgefressen hatte?

Alessandra war die zweitjüngste der vier Töchter von Harro von Hocharco, den man meist den Weißen König nannte. Damit stammte sie aus einem der ältesten und angesehensten Adelsgeschlechter. Aber manchmal war ihr das mehr eine Last als eine Ehre. Sie seufzte leise und hoffte, der Wind möge ihre Gedanken und Hoffnungen irgendwohin tragen, wo sie jemand hören würde.

Das Land zu ihren Füßen war reich und verwöhnt. Die Böden waren fruchtbar, das Klima mild, und so hatte seit langer Zeit niemand mehr ernstlich Hunger leiden müssen. Ihr Vater war in vielen Schlachten und Kämpfen erfolgreich gewesen und hatte jedem Feind die Stirn geboten. Doch jetzt war er alt und der Mühen, die es gekostet hatte, müde, und man erzählte sich, daß er seine vier Töchter an die Fürsten der Nachbarreiche verheiraten wollte, um einen dauerhaften Frieden zu besiegeln.

Alessandra dachte mit Schaudern daran, auf diese Weise an einen Unbekannten verschachert zu werden. Wieder schweiften ihre Gedanken zum Unendliche Land, das für sie zum Symbol für Freiheit geworden war. Warum trug es diesen seltsamen Namen, wo es doch viel kleiner war als etwa das Weiße Königreich? Und warum war von dort aus seit Menschengedenken eigentlich nie ein Angriff auf ihr Reich erfolgt? Wenn der Schwarze König wirklich so grausam war ... sie wußte, eines Tages, vielleicht schon sehr bald, würde sie vor ihm stehen und ihn fragen. Sie war schon oft aus dem Palast ausgerissen, geflohen vor den Sticheleien und kleinen Intrigen ihrer Schwestern und dem Unverständnis, das der Palast ihr entgegenbrachte. Sie war wild, eine Reiterin und Kriegerin, und das gehörte sich schließlich nicht für eine so edle, schöne Prinzessin. Niemand hatte sie je wirklich schlecht behandelt, im Gegenteil. Vor allem ihr Vater versuchte, Verständnis und Liebe für sie aufzubringen, doch da draußen, allein auf dem Rücken eines dahinfliegenden Pferdes, fühlte sie sich um so vieles wohler und freier. Die Etikette am Hof kam ihr abwechselnd drückend und lächerlich vor, und sie versuchte ihr zu entfliehen, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bot.

Ihre Hand strich über ihren weiten, ungeliebten Reifrock, und ein Lächeln stahl sich auf ihre vollen Lippen, als sie den Knauf des Schwertes fühlte, das sie unter dem Rock trug. Wenn das ihre Zofe gewußt hätte! Und ihr Schwert war alles andere als ein Spielzeug.

"Oh, Goldene Königin!", rief sie in den blauen Himmel, "welches ist mein Weg. Was soll ich tun?" Ihre Mutter, die schon vor vielen Jahren gestorben war, hatte ihr und ihren Schwestern oft die Legende von der Goldenen Königin erzählt, die eines Tages herabsteigen und die Menschen erlösen würde. Die Bewohner des Weißen Landes waren wohlhabend und satt, aber dennoch - hatte nicht im Grunde jeder irgendwo einen geheimen Wunsch, dessen Erfüllung er herbeisehnte?


1. Kapitel - Das Turnier

"Hast Du schon gehört, Ornella?"

"Was, Schwester?"

"Vater möchte uns endlich unter die Haube bringen. Er hat Boten in alle Fürstentümer und Königreiche gesandt, um die tapfersten Prinzen zu finden. Ach, Schwester, ist das nicht aufregend?"

Ornella, die älteste der vier Prinzessinnen, schüttelte unwillig ihren Kopf. Ihre dicken schwarzen Zöpfe flogen dabei heftig umher.

"Sei doch nicht so kindisch." Ihre Stimme bekam den üblichen, leicht ironischen Tonfall, mit dem sie mit ihrer jüngsten Schwester zu reden pflegte. "Meine kleine Simona. Du benimmst dich wie ein kleines Mädchen. Aber du bist ja auch noch eins, hi hi."

"Was!", rief die jüngste der Prinzessinnen in gespielter Empörung. "Ich bin schon 16 Jahre alt." Und schnippisch fügte sie hinzu: "Noch jung genug fürs Heiraten."

"Oh, Du! Und außerdem bist Du erst 15, wenn mich nicht alles täuscht!" Ornella schnappte sich ein Kissen und warf es nach ihrer Schwester, doch die wich spielerisch aus.

"Fang mich doch, wenn du kannst! Na los, fang mich!"

Sie stürzte nach dem Kissen, riß es empor und warf es zurück.

Mit einer gleichgültigen Geste fing Ornella es wieder auf. Wahrhaftig, mit ihren 22 Jahren war sie doch schon viel zu alt für solche Streiche. Daß sie selbst damit angefangen hatte, störte sie dabei nicht.

Mit einer eleganten Bewegung erhob sie sich von der Liege, strich ihren samtenen, reichverzierten Rock glatt und schritt leichtfüßig über den Mosaikboden, dessen abstrakte, verwinkelte Muster immer schon die Phantasie der vier Mädchen beschäftigt hatte.

"Ornella! Warte, wohin willst du denn so schnell?"

"Zum Majordomus, Dummchen. Wenn einer etwas weiß, dann Vaters rechte Hand."

Sie spürte die bewundernden Blicke Simonas in ihrem Rücken, als sie zu dem großen Holzportal schritt, das den Thronsaal von der riesigen Vorhalle trennte, auf deren anderer Seite es zu den Regierungsräumen ging, dem Reich Adalberts.

Adalbert, der Majordomus des Weißen Reiches, war ein alter, kluger und herzensguter Mann, der die vier Prinzessinnen über alles liebte, obwohl er die Schwächen einer jeden von ihnen genau kannte: den Ehrgeiz Ornellas, Olivias Leichtfertigkeit, die Verschlossenheit Alessandras und den unbekümmerten Leichtsinn Simonas.

Mit dem üblichen, unvermeidlichen Quietschen öffnete sich das Portal. Wie oft schon hatte Adalbert die Zimmerleute damit beauftragt, die Zapfen einzuschmieren. Doch genutzt hatte es nie. Und wie oft schon hatten sich die Prinzessinnen heimlich des Nachts in den Thronsaal schleichen wollen und versucht, das Portal ganz langsam und leise zu öffnen. Doch es hatte sie jedesmal verraten. Nur Alessandra kannte, so erzählten sich die Soldaten der Nachtwache, das Geheimnis, das Portal lautlos zu öffnen. Überhaupt: Alessandra, die Geheimnisvolle. Sie ließ niemanden wirklich an sich heran. Nur ihrer Erzieherin hatte sie vertraut, aber die war vor fünf Jahre gestorben. Überall konnte man der jungen Prinzessin begegnen, meist an Plätzen, an denen sich Prinzessinnen normalerweise nicht aufzuhalten pflegten: in den Ställen oder in der Küche, wo sie manchmal die Gänse vor dem Kochtopf rettete. Oder - Gott bewahre - beim Waffenschmied!

Kraftvoll, fast wütend, stemmte Ornella das schwere Portal auf, doch kaum war sie draußen, veränderte sich ihre Haltung unter den Augen der Soldaten und Knechte, die immer irgend etwas in der Vorhalle zu tun hatten. Mit geschmeidigen Bewegungen schwebte sie hinüber zu dem anderen Treppenaufgang, und Simona folgte ihr wie ein junger, verspielter Hund seinem Herrchen.

Mit einem entrückten Lächeln folgten die Blicke der Diener und Beamten der ältesten Prinzessin. Sie war wunderschön, unerreichbar für jeden von ihnen, eine echte zukünftige Königin.

Ornella würdigte die Hofbeamten keines Blickes und lief flink die Treppe hinauf. Doch als sie Adalbert sah, das verwandelte sich ihr arrogant schmollender Mund in ein strahlendes Lächeln. Der gute alte Onkel Adalbert - was wären sie alle ohne ihn?

"Na, Prinzessin Ornella, und die kleine Simona!" Adalberts faltiger Mund verzog sich zu einem warmen Lächeln.

"Onkel Adalbert, stimmt es, daß Vater Boten überall ins Reich ausgesandt hat, um Prinzen einzuladen, die uns heiraten sollen?", fragte Simona etwas außer Atem.

Ornella ließ ihrer Schwester den Vortritt bei der Informationsbeschaffung, schließlich wollte sie ja nicht als neugierig dastehen.

"Ja, und nicht nur in unser Reich, auch noch viel weiter, in das Reich Karls, das Große Reich im Osten, das Blaue Land, und in viele kleine Fürstentümer und Grafschaften. Ich glaube nicht, daß ihr sie alle kennt, aber alle werden kommen, um um Eure Hand anzuhalten. Sogar die Imperatrice von der Sonneninsel hat ihr Kommen angesagt. Es wird das größte gesellschaftliche Ereignis seit Jahrzehnten!"

"Will die alte Schachtel von der Sonneninsel etwa eine von uns heiraten?", platzte Simona heraus, doch dann errötete sie unter dem strafenden Blick Ornellas. Adalbert sah auch die Erregung und gespannte Erwartung Ornellas auf dieses Ereignis, obwohl sie ihre Gefühle zu verbergen suchte. Aber er kannte sie viel zu Lange. Ein warmes Lächeln überzog erneut seine Lippen, ein Lächeln, daß tief aus seinem Herzen kam. Und ebenso wurde es erwidert, denn die vier Prinzessinnen liebten und verehrten ihn zutiefst.

"In wenigen Wochen schon ist es soweit. Es wird ein Turnier geben. Nur die vier Stärksten und Tapfersten werden euch heiraten dürfen!", verkündete er salbungsvoll.

Dann seufzte er. "Vielleicht geht ihr dann fort und ..."

"Nein!", unterbrach Simona ihn erschrocken. "Wir bleiben für immer hier."

Sie sah Ornella auffordern an: "Komm, wir erzählen es Olivia und Alessandra."

*

"Was will unser Vater tun?" rief Alessandra ungläubig, als Simona in ihrem Gemach erschien und ihr von dem berichtete, was Adalbert ihr bestätigt hatte. Die Gerüchte stimmten also!

Lautlos war Ornella ihr gefolgt. Nun warf sie ihrer zweitjüngsten Schwester einen fast verächtlichen Blick zu. "Spiel doch nicht die kleine Unschuld! Wir wissen es doch schon seit Monaten. Alle wissen es."

"Ich konnte es nicht glauben", erwiderte Alessandra entrüstet. "Und ich will es nicht glauben. Er kann uns doch nicht wie auf einem Viehmarkt an den Meistbietenden verkaufen."

"Was weißt Du schon vom Heiraten, Pferdchen?"

Ornella hatte Alessandra schon vor vielen Jahren, als beide noch klein waren, diese Spitznamen gegeben, weil sie schon damals so gut reiten konnte. Wenn das verschlossene Mädchen Kummer hatte, dann schwang es sich aufs Pferd und kehrte manches Mal tagelang nicht zurück. Oft schon hatte der König sie suchen lassen und sie nach ihrer Rückkehr fürs Ausreißen bestraft. Erreicht hatte er damit natürlich gar nichts. Und wo sie sich dabei immer herumtrieb, das hatte auch nie einer herausgefunden.

"Ich heirate nie!" rief Alessandra trotzig.

"Aber warum denn nicht?", fragte Simona mit schüchterner Stimme.

"Weil mich sowieso niemand liebt", erwiderte sie mit gespielter Bestimmtheit. Sie sprang auf und lief auf die Tür zu.

"Wohin willst Du denn?"

"Zu Vater. Ich... er kann das nicht tun."

"Aber willst Du denn nicht," rief Simona ihr nach, "daß Dein Gemahl einst König wird?"

Ornella gab ihr einen Rippenstoß. "Still. Das versteht sie doch sowieso nicht."

"Ich verstehe es sehr gut", rief Alessandra erregt zurück. "Du würdest doch alles tun, daß Dein Mann der neue Weiße König wird, Ornella!" Mit diesen Worten rannte sie hinaus. Sie lief aber nicht zu den Gemächern ihres Vaters, sondern hinab in die Stallungen. Simona und Ornella schauten ihr nach, traurig die eine, zufrieden die andere.

*

In gestrecktem Galopp jagte Alessandra aus dem Schloß hinaus und die Rampe herab, die den Burggraben überspannte, und durch das Wachhaus hinaus auf den Weg, der in den zentralen Teil der Hauptstadt führte. Die Hufe ihrer goldbraunen Vollblutstute flogen über den Boden, und wenn zu dieser Stunde gerade Markt gewesen wäre, dann hätten einige Leute sich sehr schnell in Sicherheit bringen müssen. So aber stoben nur ein paar schnatternde Gänse davon, um sich gleich wieder zu beruhigen und dem davongaloppierenden Pferd neugierig nachzusehen.

Oben aber, auf einer der Zinnen des Weißen Schlosses, stand König Harro und sah seiner Tochter traurig und kopfschüttelnd nach. Was mochte nur in ihrem Kopf vorgehen? Lange blickte er herab und seufzte dabei leise.

Ornella und Simona traten an seine Seite, schweigend, aber er bemerkte ihre Anwesenheit dennoch. "Herr Vater", begann die Älteste, "wollt Ihr wirklich zulassen, daß Pferdchen nach der Hochzeit Königin werden soll?"

Der König drehte sich langsam um. Immer noch sah er das goldbraune Pferd und darauf seine Tochter, deren langes, kastanienbraunes Haar ihr wild um den Kopf wirbelte, vor seinem inneren Auge, obwohl sie inzwischen längst seinen Blicken entschwunden war.

Lange und intensiv musterte er seine älteste Tochter, und es war Ornella anzusehen, daß sie sich unter diesem strengen Blick nicht sehr behaglich fühlte.

"Ich liebe alle meine Töchter gleich. Aber wer von euch Königin wird, ist noch nicht entschieden. Und jetzt will ich nichts mehr davon hören!"

Ornella zog sich schmollend zurück, und Simona folgte ihr, wie immer.

Der König seufzte. Er mußte einen Entschluß fassen. Lange, zu lange, hatte er seinen Töchtern ihren Willen gelassen, aber nun, wo es ans Heiraten ging und vielleicht die Existenz des Reiches auf dem Spiel stand, konnte und durfte er keine Rücksicht mehr nehmen. Entschlossen wandte er sich um, stapfte die Wendeltreppe hinab, und begab sich in die Vorhalle. Dort ließ er den Rittmeister antreten.

*

Hinter Alessandra bleib das Weiße Schloß zurück. Sie hatte nie einen Blick gehabt für die strahlende Pracht dieses wuchtigen und zugleich prunkvollen Gebäudes, dessen leuchtend weiße Marmormauern und -türme unter allen Schlössern der großen Herrscher nicht ihresgleichen hatten. Dieser Marmor war weithin berühmt, und von ihm hatte das Weiße Land auch seinen Namen. Wenn die Prinzessin aus dem Schloß floh, hatte sie es jedoch stets im Rücken, und wenn sie zurückkehrte, dann meist mit gesenktem Kopf und einer Eskorte, so daß sie andere Dinge im Kopf hatte, als die Pracht zu bewundern, die ihr Ururgroßvater vor vielen, vielen Jahren hatte erbauen lassen. Schon damals war das weiße Königreich sehr wohlhabend gewesen.

Schwalbe, ihre Stute und das schnellste Pferd im ganzen großen königlichen Stall, fühlte genau die Stimmung ihrer Herrin, und flog nur so über die Straßen und Felder. Querfeldein ging der pfeilschnelle Ritt, und wenn Schwalbe einen breiten Bach übersprungen hatte, dann warf sie übermütig den Kopf nach hinten, wieherte begeistert und galoppierte noch schneller weiter, immer weiter, nach Nordwesten, weg vom Weißen Schloß, dem Herzen des Reiches.

Vorbei ging es an blühenden Feldern, an fetten Schaf- und Rinderherden, an kleinen, sauberen Dörfchen und Weilern, an kristallklaren Seen, an denen Menschen mit Netzen Fische fingen. Die größten dieser Fische, daß wußte die Prinzessin, gingen direkt in die königliche Küche.

Die Bauern, Hirten, Fischer, die Kinder auf den Gassen, blickten der jungen Prinzessin lange nach, wenn sie an ihnen vorbeigaloppierte. Sie wußten, daß die anmutige junge Frau oft aus dem Schloß floh, und schüttelten verständnislos die Köpfe. Wenn einer in so einem märchenhaften Schloß bei einem so gütigen König wohnen durfte, wie konnte er dann den Wunsch verspüren zu fliehen?

"Da seht, die junge Prinzessin."

"Ja, ist sie nicht undankbar? Ihr Vater ist so ein gütiger Mensch."

"Aber sie war ja schon immer etwas seltsam."

Das war es, was die Leute hinter ihr her sprachen.

Doch Alessandra kümmerte es nicht. Sie war es gewohnt, von niemandem verstanden zu werden. In ihren Augen hatte es auch noch niemand wirklich versucht. Vielleicht zog es sie deshalb nach Nordwesten, zum Schwarzen Königreich, dem geheimnisvollen Unendlichen Land. In ihrer Phantasie war es ein Zauberreich, in dem sie eines Tages ... was genau, wußte sie auch nicht, aber wenn sie aus dem Palast ausrückte, dann meist in diese Richtung. Bisher hatte sie noch nie die Grenze erreicht, geschweige denn überschritten, doch auf ihren vielen Ritten war sie oft schon nahe an das Unendliche Land herangekommen.

Sie wußte, daß sie es merken würde, wenn sie dort war. Denn je näher sie auf ihrem Ritt dem Schwarzen Land kam, desto unwirtlicher wurde die Landschaft, die sie durchquerte. Das Gelände stieg langsam an und es wurde kälter. Die Bauern hier mußten härter für ihr Auskommen arbeiten als die im Süden und Osten des Weißen Reiches, es regnete häufiger, aber der Boden wurde unfruchtbarer und die Dörfer und Gehöfte seltener. Auf der Karte, die im Arbeitszimmer Adalberts hing, war die Grenze zwischen dem Weißen und dem Schwarzen Reich eine sauber gezeichnete Linie, aber in Wahrheit lag dazwischen ein Streifen Niemandsland, in dem schon lange keiner mehr wohnte - außer vielleicht ein paar Räuber und Gnome - und in dem auch niemand leben wollte.

Und so ritt die junge Prinzessin dahin. Langsam senkte sich die Abenddämmerung herab. Hier, einen knappen Tagesritt vom Weißen Schloß entfernt, war das Land bereits hügelig, und seltsamerweise dauerte die Dämmerung hier viel länger als Zuhause.

Die tiefstehende Sonne blendete die junge Frau und ließ ihr Haar wie dunkelrotes Feuer aufleuchten. Längst schon ließ sie Schwalbe nicht mehr galoppieren, und nun verlangsamte sie das Tempo abermals. Sie kannte die Gegend. Nicht weit entfernt stand ein verlassenes, schon halb eingefallenes Häuschen. Wer hier früher einmal gewohnt hatte, wußte sie nicht, aber es war nicht das erste Mal, daß sie hier übernachtete. Es war Anfang Mai und auch nachts schon recht warm - immerhin hatte sie hier auch mache Winternacht verbringen müssen, fast ohne Proviant meistens. Doch inzwischen hatte sie gelernt, und hatte stets einen Notvorrat dabei.

"Eine richtige Vagabundin bin ich geworden", sagte sie schmunzelnd zu sich selbst.

Sie stieg ab. Schwalbe schritt neben ihr her, und sie liebkoste ihr Pferd und streichelte Schwalbes Hals. Manchmal meinte sie, die Tiere seien ihre einzigen wahren Freunde. Sie konnten ihre Gefühle nicht verbergen und hatten nie Hintergedanken - ganz anders als die Menschen, die mit allem, was sie taten, immer etwas bezwecken wollten.

"Dort, hinter der Biegung - da ist es", flüsterte sie Schwalbe zu und wies auf die riesige, alte Erle, die die Wegbiegung markierte.

Der Weg, auf dem sie schritten, wurde kaum noch benutzt. Früher war er gepflastert gewesen, aber im Laufe der Zeit waren die meisten Pflastersteine verschwunden. Der sandige, helle Boden war wieder zum Vorschein gekommen und federte nun angenehm unter ihren Schritten.

Das Haus, eigentlich war es nur noch eine Ruine, stand noch genauso unberührt, wie sie es beim letzten Mal verlassen hatte. Wie lange war das nun her? Sie erinnerte sich nicht mehr so genau. Am Hof lief immer alles seinen gewohnten Gang und man verlor allmählich das Zeitgefühl.

Eine tiefe Traurigkeit überkam die junge Prinzessin, als sie an ihre Schwestern und ihren Vater dachte. Warum konnte sie nicht genauso dazugehören? Warum war sie anders, warum konnte sie niemand verstehen?

Schwalbe spürte die Niedergeschlagenheit ihrer Herrin und stupste sie aufmunternd an, und das brachte sie tatsächlich in eine bessere Stimmung. Sie umarmte den Hals ihres großen Pferdes. "Du bist wirklich meine beste Freundin."

Kurz darauf stand sie vor dem halb heruntergebrochenen Eingang, während Schwalbe sich draußen selbst Futter suchte. In der Umgebung gab es genug davon. Später würde sie dann wieder zu ihr in die Hütte kommen, und sie würden gemeinsam, eng aneinander gekuschelt und sich gegenseitig wärmend, die Nacht verbringen.

Sie trat ungehindert ein - eine Tür gab es schon lange nicht mehr - und sah sich um. Offenbar war niemand hiergewesen seit ihrem letzten Besuch. Aus ihrer Tasche holte sie etwas zu Essen und ihre Wasserflasche. Damit bereitete sie sich ein ziemlich unkönigliches, aber durchaus sättigendes Abendessen. Dann steckte sie sich auf dem Heu aus und döste ein. Nur als Schwalbe hereinkam und sich zu ihr legte, wachte sie noch mal kurz auf.

*

Es war fast noch dunkel, als Alessandra erwachte. Sie schlug die Decke beiseite, dann kroch sie leise von Schwalbe weg, stand auf und ging zu dem kleinen Bach, der einige Meter hinter dem verlassenen Haus murmelnd dahinfloß. Dichter Nebel stand über der zugewucherten Wiese, und im Wald, der gleich hinter dem Bach begann, herrschte noch tiefe Finsternis. Alessandra fröstelte ein wenig. Doch dann verscheuchte sie alle unerfreulichen Gedanken. Sie füllte ihre Feldflasche und trank. Das Wasser war kalt und erfrischend, es schmeckte viel besser als das Brunnenwasser, das man bei Hofe bekam.

Das Unendliche Land - Alessandras Hütte

Erschrocken blickte sie auf, als sie ein raschelndes Geräusch am Waldrand hörte, aber es war nur ein Hase, der noch etwas verschlafen nach seinem Frühstück suchte. Etwas verstohlen blickte Alessandra sich um. Sie wußte, daß außer ein paar Tieren niemand hier war - wahrscheinlich seit Jahren nicht hiergewesen war. Und doch ...

Langsam, Stück für Stück, zog sie ihre Kleider aus und legte sie sorgfältig ins hohe Gras. Und dann sprang sie entschlossen in den Bach. Das eiskalte Wasser schien ihre Haut zu durchbohren, aber nur für einen Augenblick, dann fühlte es sich herrlich erfrischend an. Alessandra wusch sich gründlich, nur ihre Haare ließ sie trocken. Dann stieg sie wieder ans Ufer. Wie eine weiße Elfe schien ihr makelloser Körper über dem Gras und den Farnen zu schweben. Alessandra schloß die Augen und ließ sich von den ersten Strahlen der Morgensonne langsam trocknen.

Kurz darauf erschien Schwalbe neben ihr und stillte ihren Durst.

"Heute, meine Freundin", sagte Alessandra entschlossen, "werden wir es tun. Ja! Heute werden wir die Grenze überschreiten."

Es war ihr, als blicke Schwalbe sie mißbilligend an.

Doch sie spürte eine überwältigende Neugier und Zuversicht. Das Schwarze Königreich! Es war so geheimnisvoll. Vielleicht gab es dort Dinge, die sie bei sich nie finden konnte. Vielleicht fand sie dort, was sie immer gesucht hatte, was auch immer es war. Die Prinzessin war jedenfalls zum Äußersten entschlossen. Mochte es so gefährlich sein, wie es wollte.


Sie ritt bis Mittag, dann stieß sie auf einen Hof. Es war niemand da, aber er war nicht verlassen. Die Bewohner waren wohl auf dem Feld. Alessandra klopfte an die Tür und trat schließlich ein, als sich auch auf ihr Rufen hin niemand meldete.

"Hallo?"

Immer noch antwortete keiner.

Sie ging wieder hinaus zum Brunnen und schöpfte Wasser für sich und Schwalbe.

"He, Ihr!"

Sie hatte niemanden kommen hören. Doch nun trat ein kräftiger junger Mann hinter dem Haus hervor. In seiner Hand hatte er eine Heugabel, die, wenn es sein mußte, eine gefährliche Waffe abgab. Doch als er die junge Frau sah, ließ er sie wieder sinken und lehnte sie dann an die Wand.

"Wer seid Ihr?", fragte er neugierig.

"Ich bin Prinzessin Alessandra, die Tochter des Königs."

Der Bauer zeigte sich wenig beeindruckt. Vielleicht glaubte er ihr auch nicht. Schweigend blickte er die junge Frau an.

"Sag, lebst Du allein hier?" fragte sie ihn schließlich.

"Nein, ich habe eine Frau und zwei Söhne, aber die sind alle auf dem Feld. Es ist kein gutes Auskommen hier."

"Ja. Das Schwarze Königreich ist schon nahe. Dort will ich hin!", verkündete die Prinzessin entschlossen.

Der Mann zuckte zusammen. "Was, Ihr wollt dort hin? Freiwillig?"

"Ja, Bauer. Und nun gib mir und meinem Pferd zu essen. Ich bezahle dich dafür."

Wortlos drehte der Mann sich um und ging davon. Einige Minuten später kam er mit seiner kleinen Familie wieder.

Im Gegensatz zu ihm war die Bäuerin, eine junge Frau mit zu Zöpfen geflochtenem blonden Haar, geradezu unterwürfig. Sie kniete vor Alessandra und küßte ihr Kleid.

"Herrin, was wir haben gehört Euch."

"Unsinn, gute Frau. Ich werde euch alles bezahlen. Aber jetzt bin ich sehr hungrig."

"Sofort. Ich werde Euch sofort etwas bringen, Herrin."

Sie wollte noch etwas sagen, doch dann senkte sie den Blick und verschwand ins Haus. Alessandra drehte sich nach dem Bauern um. "Hast du auch etwas für mein Pferd?"

Wortlos nahm er Schwalbe beim Zaumzeug und führte sie hinters Haus.


Alessandra trat ein und setzte sich an den großen Tisch.

Sie begann eine Unterhaltung mit der Frau, doch dann trat der Bauer ein, und das Gespräch, das sowieso etwas gezwungen war, erstarb wieder.

Schweigend aß die Prinzessin. Es war ein einfaches Essen, daß die junge Bäuerin ihr mit den entsprechenden Entschuldigungen servierte, aber Alessandra stellte erstaunt fest, daß sie ihr einen silbernen Teller hingestellt hatte und sie mit silbernem Besteck aß. Sogar hier, nahe dem Schwarzen Reich, waren die Bauern nicht arm. Und das Essen schmeckte vorzüglich.

"Sagt, Ihr guten Leute. Das Schwarze Königreich ...

"Herrin," unterbrach die Bäuerin sie ängstlich, "bitte - geht nicht dorthin."

Alessandra sah die Angst in den Augen der jungen Frau, eine fast abergläubische Furcht. Auch die Miene des Mannes war abweisend. Er mißbilligte ihren Entschluß zutiefst, sagte aber nichts. Vielleicht wußte er, daß seine Worte sowieso umsonst sein würden.

"Warum nennt sein König es das Unendliche Land?"

Aber sie bekam keine Antwort mehr. Wortlos und verschüchtert deckte die Bäuerin den Tisch ab. Die beiden Burschen waren sowieso wieder aufs Feld gegangen.

Alessandra seufzte ergeben, holte aus ihrer Tasche einen viertel Kupferkreuzer, legte ihn auf den Tisch und verließ das Haus.

Warum, so fragte sie sich zum ungezählten Mal, können die Leute nicht verstehen, was mich bewegt? Warum bin ich immer so einsam? Selbst diese einfachen Leute hier ... es ist immer alles so kompliziert.


Am Abend überquerte sie die Grenze. Ein Stück weit davor hatte sie die Hauptstraße - die einzige Straße, die es hier weit und breit gab und diesen Namen verdiente - verlassen und war einem schmalen Seitenpfad gefolgt, der wohl mal von Menschen angelegt worden war. An der Grenze gab es nämlich ein Wachhäuschen, und die Prinzessin war sich nicht sicher, ob es besetzt war oder nicht. Und auf der Schwarzen Seite würde es sicher auch eins geben. Also besser sich unauffällig durch das Dickicht schlagen.

Normalerweise waren es drei Tagesritte, aber weil Schwalbe ein sehr schnelles und ausdauerndes Pferd war, war Alessandra nun schon einen Tag früher angekommen. Sie hielt an und sah sich um. Die Landschaft war nicht mehr nur hügelig, sie war übergangslos bergig geworden. Es war kalt, viel kälter als am vorigen Abend. Der Pfad war bis zur Grenze noch erkennbar gewesen, endete dort aber. Die Schwarze Grenze war deutlich zu erkennen, obwohl es keinerlei Hinweis auf menschliche Tätigkeit gab: keine Markierungen, keine Mauer, keine Grenztafeln, nur unberührte Wildnis. Aber wie mit dem Lineal gezogen änderte sich die Vegetation: die aufgelockerten Waldinseln gingen abrupt in dichten, abweisenden, düsteren Tannenwald über.

Nun, da sie hier war, kamen ihr erstmals Zweifel am Sinn ihrer Reise. Sie war von Zuhause geflohen, hierher, aber was sollte sie jetzt tun? Seit dem Mittag war sie auf kein Haus, keinen Hof und erst recht keine Ortschaft mehr gestoßen, obwohl es im Norden mehrere Wehrdörfer und Rittergüter geben sollte. Vielleicht lagen um die Hauptstraße noch ein paar Siedlungen, aber entlang dieses abseits gelegenen Weges hatte sie nicht mal mehr bestellte Äcker oder Weiden gesehen.

Nachdenklich blickte sie in den dunklen Wald hinüber, dessen Saum von der tiefstehenden Sonne grell angestrahlt war und doch nicht heller wurde. Fast schien es, als würden die Bäume das orangene Licht aufsaugen und in Finsternis verwandeln.

Sicher, das Schwarze Königreich war klein. Würde es im Flachland liegen, könnte man es mit einem durchschnittlichen Pferd in einem oder eineinhalb Tagen durchqueren. Aber in dieser Gebirgslandschaft wurden die Entfernungen schwieriger zu überwinden. Alessandra wußte nicht, ob hier überhaupt jemand lebte, und wenn ja, wo.

... hat alle seine Untertanen aufgefressen ...

Gewaltsam drängte die Prinzessin diese Gedanken zurück.

Sie sah sich um. Die Landschaft war unübersichtlich, sie kannte keinen Weg, wußte nur gerüchteweise, daß die Hauptstadt dieses kalten Landes ungefähr in dessen Mitte lag, wo das steinige Gebirge in eine kleine Hochebene mündete, rings herum umgeben von himmelhohen Bergen. Dort wollte sie hin. Aber wie es aussah, mußte sie erst Mal im Freien übernachten.

Sie sah Schwalbe fragend an, aber wenn sie eine Antwort erwartet hatte, dann bekam sie keine. Die Stute tänzelte nervös hin und her, ihre Ohren spielten aufgeregt.

Alessandra atmete tief durch und stieg ab. Noch war heimatlicher Boden in Reichweite ...

Angst? Ja, sie hatte Angst, aber tief verborgen in ihrem Innern. Am Sattel war ihr Schwert befestigt, wegen dem sich das halbe Königreich das Maul zerriß. Eine Frau, die mit dem Schwert kämpfte - unmöglich. Sie machte es los und schnallte es sich um die Hüfte. Mit Schwalbe an ihrer Seite verließ sie nun den Weg und ging in den dunklen Wald hinein, um dort irgendwo vielleicht einen geschützten Platz zum Übernachten zu finden. Beim Überqueren der Grenze zögerte sie kurz, doch es geschah nichts. Alles blieb still.

Nach kurzer Zeit erreichte sie eine Lichtung, durch die sogar ein kleiner Bach floß. Das Schwarze Gebirge war überaus wasserreich. Ganz langsam wurde es dunkel, und die Prinzessin begann damit, Holz zu sammeln, um ein Feuer anzuzünden. Dann bildete sie einen Kreis aus Steinen, die überall herumlagen, legte das Holz, das ziemlich trocken war, hinein, und hatte es nach kurzer Zeit entzündet. Die lodernden Flammen beruhigten sie etwas, und sie sah zu Schwalbe hinüber, die übernervös am Rande der Lichtung herumschlich.

Plötzlich raschelte etwas im Unterholz. Mit einem fast panischen Aufwiehern jagte die Stute in blinder Angst davon, und Alessandra wäre ihr fast gefolgt, besann sich aber im letzten Moment darauf, sich der Gefahr zu stellen, was immer es auch sein mochte. Mit verkniffenen Augen, die Hand am Schwertknauf, suchte sie den Waldrand ab. Da! Ein riesiger Schatten, der durch das Halbdunkel schoß, wieder das Knistern von trockenem Laub - ein Tier?

Und dann sah sie ihn. Es war ein riesiger Wolf, der langsam auf sie zukam.

Mit einem entschlossenen Ruck zog sie ihr Schwert, entschlossen, bis zum Letzten um ihr Leben zu kämpfen.

"Also, wenn ich du wäre, würde ich das nicht tun", sagte da der Wolf zu ihr.

Er war etwa fünf Meter vor ihr stehengeblieben und musterte sie furchtlos.

Alessandra war so überrascht, daß sie das Schwert sinken ließ. Doch dann riß sie es wieder hoch. Ein verzauberter Wolf - vielleicht verhexte er ja auch sie!

"Bleib stehen!"

"Weißt du nicht, daß Fremde im Wald des Schwarzen Königs keine Tiere töten dürfen?"

Der Wolf, es war wirklich ein riesiges Exemplar, sah sie aus seinen hellblauen Augen spöttisch an. Fast schien es ihr, als wollte er ihr damit sagen, daß sie hier auch mit ihrem Schwert nichts ausrichten konnte - denn sie war ja im Schwarzen Reich.

Langsam entspannte sich die Prinzessin etwas, und musterte den Wolf nun genauer. Im Schein der Flammen hinter ihr schien sein Fell fast lebendig, warf bizarre Schatten und schien manchmal von einer schimmernden weißen Aura umgeben. Er hatte sich inzwischen auf die Hinterläufe gesetzt, aber Alessandra wußte, daß er jederzeit blitzschnell wieder aufspringen und sich auf sie stürzen konnte.

Sie warf ihm einen mißtrauischen Blick zu, den er mit einem eigenartigen, halb amüsierten, halb nachdenklichen Blick erwiderte.

"Wer bist du eigentlich, fremde Menschenfrau?" fragte der Wolf.

"Ich, äh, ich bin A ... äh, Sandra, eine Bauerstochter."

Der Wolf lachte kurz auf und Alessandra spürte, wie sie errötete. Sie konnte hervorragend reiten und war auch eine gute Kämpferin, aber beim Anlügen von Wölfen scheiterte sie offenbar kläglich.

"Wieso willst du das wissen?", fragte sie ärgerlich zurück. "Wer bist du denn überhaupt?"

"Ich habe keinen Namen. Nenne mich den Schwarzen Wolf, wenn du willst. Ich diene meinem Herrn, dem König des Unendlichen Landes. Und nun sag mir, wer du bist und was du willst, sonst ..." Seine blauen Augen funkelten geheimnisvoll.

Alessandra entschloß sich gewissermaßen zur Flucht nach vorn: "Nun gut, Schwarzer Wolf. Ich bin Alessandra, die Tochter des Weißen Königs. Aber was ich hier will," fügte sie mit resignierender Stimme hinzu, "weiß ich auch ... nicht ... mehr". Ihr Blick wandte sich ab und schweifte in die Ferne.

"Von dir haben wir hier schon gehört, Prinzessin. Ich dachte mir gleich, daß das nur du sein kannst. Aber ich will dir nichts Böses tun. Vielleicht kann ich dir sogar helfen. Und vielleicht kannst du auch meinem Herrn helfen."

Alessandra blickte den großen Wolf erstaunt und fragend an. Sie öffnete den Mund zu einer Frage, brachte dann aber doch nichts heraus. Die Vorstellung, daß der Schwarze König ein menschliches Wesen sei, das ab und zu der Hilfe bedürfe, das war ihr noch nie in den Sinn gekommen.

Der Wolf erhob sich und trabte langsam auf sie zu. Er hatte nun nichts Bedrohliches mehr an sich, trotz seiner Größe. Sogar Schwalbe war zurückgekehrt und äugte mißtrauisch zu dem Raubtier herüber.

Der Wolf setzte sich neben Alessandra und schmiegte sich an sie. Der jungen Frau stockte der Atem, aber nicht vor Angst, sondern vor Freude und Rührung. Noch nie hatte sie sich so geborgen und verstanden gefühlt wie jetzt, in diesem Moment.

Das Schwarze Königreich, das finstere Reich des Bösen? Nein, es war ein märchenhaftes Zauberreich, in dem Tiere sprechen konnten und besser waren als die Menschen in ihrem Land. Und dann brach all der Kummer der vielen Jahre aus ihr heraus. Schluchzend umarmte sie den Wolf und weinte sich an seiner flauschigen Schulter aus. Sie klagte ihm ihr ganzes Leid, und er hörte geduldig zu und leckte ab und zu mit seiner rauhen Zunge ihre Tränen ab.


Es war schon tief in der Nacht. Schwalbe war in einen unruhigen Schlaf gesunken, schreckte aber bei jedem unerwarteten Geräusch auf. Im Hintergrund, nahe dem inzwischen fast heruntergebrannten Feuer, hörte das Pferd das monotone Murmeln ihrer Herrin, die sich immer noch mit dem Wolf unterhielt. Doch was war das plötzlich wieder für ein Geräusch? Aufmerksam lauschte die Stute in die Nacht hinaus. War das nicht Hufgetrappel? Pferde, Reiter? Ja, ganz deutlich!

Auch Alessandra und der Schwarze Wolf waren nun aufmerksam geworden.

"Wer ist das?" hauchte die Prinzessin.

"Es sind, so fürchte ich, Weiße Ritter. Sie sind gekommen, um dich zu holen. Sie werden wohl vom Weg aus das Feuer gesehen haben. Wir sind hier noch sehr dicht an der Grenze."

Er warf ihr einen letzten Blick aus seinen leuchtenden Augen zu, die auch jetzt, mitten in der Nacht ihre hellblaue Farbe nicht verloren hatten, dann sprang er mit einem gewaltigen Satz auf und verschwand in die Dunkelheit.

"Leb' wohl, Prinzessin. Ich kann im Moment nichts für dich tun. Auf Wiedersehen - vielleicht!"

"Nein, bleib hier! Hilf mir doch!"

Und dann kamen sie. Es war tatsächlich die Garde des Rittmeisters. Die Soldaten umkreisten sie mit ihren Pferden, dann hob sie einer von ihnen auf und setzte sie hinter sich aufs Pferd. Ein anderer fing Schwalbe ein, was aber ganz leicht war, denn die Stute war froh, dieses Abenteuer überstanden zu haben und wieder unter vertrauten Menschen zu sein.

Alessandra wollte weinen, doch sie hatte keine Tränen mehr. Auf der ganzen Rückreise, die bis zum Abend des dritten Tages dauerte, sprach sie kaum ein Wort, und wurde auch von den Weißen Soldaten nicht angesprochen.

Und dann ritten sie in die große Vorhalle ein. Eine resolute alte Zofe namens Emilie nahm die erschöpfte Prinzessin in Empfang.

"So, Prinzesschen. Dein Vater hat dich mir anvertraut. Von jetzt an ist es vorbei mit den Extratouren. Bald kommst du sowieso unter die Haube. Besser, du gewöhnst dich schon mal dran. Übrigens: dein Vater will dich sehen."

Sie musterte Alessandra von oben bis unten. Das Mädchen war schmutzig, müde und erschöpft.

"Erst mal bekommst du ein Bad. Und dann geht es ab in den Audienzsaal." Sie lachte entschlossen, faßte Alessandra fest am Arm und zog sie mit sich.


Eine Stunde später, es war schon spät am Abend, trat sie vor ihren Vater hin und kniete vor seinem Thron nieder.

Der Weiße König warf ihr einen langen Blick zu und seufzte leise. Wie viele Seufzer hatte ihn seine zweitjüngste Tochter schon gekostet?

Neben dem König stand Adalbert, und weiter im Hintergrund hatte sich Emilie mit ihrer cremefarbenen Mütze aufgebaut. Der Weiße König musterte Alessandra streng, dann sagte er: "Du darfst dich erheben, meine Tochter."

Langsam und müde stand Alessandra auf.

"Nun, hast du mir nichts zu sagen?"

Sie schüttelte nur langsam den Kopf.

"Wo bist du gewesen?"

"Das wißt ihr doch, Majestät."

Quietschend ging die Türe auf. Olivia, die zweitälteste Prinzessin, trat leise ein. Aber niemand kümmerte sich im Moment darum.

"Ich habe dich gefragt, und ich will eine Antwort."

"Ich war im Unendlichen Land."

"Was! Unendliches Land, wenn ich diesen Unsinn schon höre. Es ist das Schwarze Königreich, und wer dort hingeht, geht in sein Verderben!"

"Aber Vater, es ..."

"Schweig! Du sprichst nur, wenn du gefragt wirst. Was stellst du dir eigentlich vor? Von dir kann das zukünftige Schicksal dieses Königreiches abhängen. Und du benimmst dich immer noch wie ein ungezogenes Kind. Das hört ab heute auf. Du verläßt das Schloß nicht mehr ohne die Erlaubnis von mir oder Adalbert, hast du verstanden?"

"Ja, Majestät", hauchte sie.

"Und du wirst dich auf deine zukünftigen gesellschaftlichen Verpflichtungen vorbereiten. Und dazu gehört weder Reiten noch Schwertkampf. So etwas ist für eine Prinzessin einfach unmöglich. Emilie und noch ein paar Andere werden dir alles beibringen, was du wissen mußt. Und sie werden ein sehr wachsames Auge auf dich haben."

Er stand auf, ging auf sie zu und strich mit der Hand über ihr Haar.

"Meine Tochter. Deine Kindheit ist vorbei. Niemand will dir etwas Böses, aber du hast nun mal eine große Verantwortung und Verpflichtung, auch gegenüber unserem Volk."

Sie dachte daran, daß doch Ornella unbedingt Königin werden wollte, und daß sie selbst somit überhaupt keine Verpflichtungen hatte. Sie selbst wollte nämlich auf keinen Fall die Weiße Königin werden. Doch sie schwieg, weil sie spürte, daß ihr Vater keinen Widerspruch mehr duldete.

"Ich werde Euch gehorchen."

"Ja, so ist es brav. Und jetzt geh schlafen. Du mußt todmüde sein von dem langen und anstrengenden Ritt."

Sie nickte nur, dann zog sie sich zurück.


Als sie draußen war, ließ der Weiße König sich vom Rittmeister genau berichten was dieser erlebt hatte. Vor allem interessierte er sich für das Schwarze Königreich. Doch gerade dort hatten sich die Soldaten nur sehr kurz aufgehalten und konnten kaum etwas vortragen. Schließlich hatten sie die Prinzessin ja schon dicht hinter der Grenze aufgegriffen.

"Ich denke, mein lieber Adalbert," meinte der König anschließend zu seinem Majordomus, "wir sollten diese Ecke unseres Reiches etwas besser im Auge behalten."

"Nun, Majestät, bisher gab es dort noch nie Schwierigkeiten. Seit Jahrzehnten gibt es keinen Kontakt mehr dort hin, und nie wurde vom Schwarzen Reich aus ein Überfall auf unser Land oder ein anderes ausgeführt. Vielleicht lebt dort überhaupt niemand mehr."

"Ja, ich weiß, ich weiß. Aber ich habe so ein Gefühl, verstehst du? In naher Zukunft droht uns von dort Unheil. Verflixt, ich weiß es einfach." Er sprang auf. "Rittmeister! Ihr und der Majordomus bekommen hiermit den Auftrag, den alten Grenzposten an der Hauptstraße wieder instandzusetzen und mit ein paar Mann zu besetzen. Sie sollen auch die Umgebung im Auge behalten. Und wenn dort etwas geschieht, will ich es sofort wissen."

"Zu Befehl, mein König", antwortete der junge Rittmeister. Auch Adalbert bestätigte die Order, obwohl er das dunkle Gefühl seines Königs nicht teilen konnte. Aber wer weiß - sicher ist sicher, dachte er sich.


Sie trafen sich in Ornellas Raum: Simona, Olivia und Ornella selbst. Die beiden jüngeren saßen auf der Bettkante, Ornella hatte es sich auf dem Bett gemütlich gemacht, und Olivia berichtete nun, was sie im Audienzsaal mitbekommen hatte.

"Also, wenn ihr mich fragt, ich kann mir nicht vorstellen, daß sie sich so schnell geändert hat", meinte Olivia schließlich. "Sie hat zwar Gehorsam gelobt, aber morgen ist das bestimmt schon wieder vergessen."

Die anderen stimmten ihr zu.

"Wenn ich bedenke, daß sie vielleicht die neue Herrscherin wird...", meinte Ornella kopfschüttelnd.

"Das wäre ja - undenkbar", stimmte Simona ihr zu.

"Pah, ihr." Olivia sah Ornella trotzig an. "Jeder weiß doch, daß du unbedingt Königin werden willst. Aber an uns denkst du dabei überhaupt nicht."

"Ist das wahr?", fragte Simona erstaunt. Offenbar war ihr dieser Gedanke noch nie gekommen.

"Na und", erwiderte die Älteste trotzig. "Wen würdest Du denn als Königin vorschlagen. Pferdchen vielleicht?"

"Nein, aber..."

"Oder Dich vielleicht!" Sie durchbohrte Simona geradezu mit ihren vernichtenden Blicken, und die fühlte sich darunter ganz klein und häßlich und brachte keinen Ton mehr hervor.

"Na also", resümierte Ornella zufrieden. Sie schüttelte ob so viel Ignoranz den Kopf. "Überlegen wir uns lieber, wie wir es anstellen, daß Pferdchen nicht Königin wird."

Sie beratschlagten bis in den frühen Morgen, und es waren nicht sehr freundliche Gedanken, die sie entwickelten.

"Warum verhelfen wir ihr nicht zur Flucht? Wenn sie für immer im Schwarzen Königreich verschwindet, dann sind wir sie los", schlug Olivia schließlich vor.

"Nein. Sie ist doch unsere Schwester", protestierte Simona.

"Außerdem würden die Soldaten sie sowieso wieder fangen, jetzt, wo sie die Grenze wieder bewachen. Aber... der Gedanke ist gar nicht so dumm. Selbst wenn sie wieder zurückgebracht wird, dann verliert unser Vater das Vertrauen, und sie darf nicht Königen werden."

"Ja, Ornella. So könnten wir das machen."


Der Plan scheiterte dennoch. Alessandra floh nämlich nicht. Zur großen Überraschung aller am Hof fügte sie sich in den Befehl ihres Vaters. Sie tat, was ihr geheißen wurde, sie lernte die höfischen Umgangsformen der anderen Reiche, sie las die Briefe, mit denen die Fürstensöhne ihre Teilnahme am Turnier annoncierten, sie gehorchte jeder Anweisung Emilies. Doch sie sprach nie ein Wort, außer, wenn sie direkt angesprochen wurde.

*

Anfang Juli trafen die ersten Ritter und Fürsten am Weißen Hof ein. Es war eine Pracht, wie man sie selbst in dieser wohlhabenden Stadt selten gesehen hatte. Alles war auf den Beinen, alle Häuser wurden geschmückt und Blumen ausgestreut, dabei sollte das Turnier erst in einem Monat stattfinden. Doch da es das größte Fest seit Menschengedenken werden würde, begann man mit dem Feiern recht frühzeitig.

Die Teilnehmer des Turniers kamen mit prächtigem Gefolge und kostbaren Geschenken. Ihre Rüstungen glänzten silbern oder golden und waren mit prächtigen bunten Federn geschmückt. Die Pferde waren die schönsten, die sie in ihren Heimatländern hatten finden können, und das Gefolge bestand aus den tapfersten Kämpfern ihrer Reiche.

Der Erste war Prinz Sofrejan, der einzige Sohn der Imperatrice Beata von der Sonneninsel. Er war 25 Jahre alt und ein stattlicher, stolzer Mann mit wachem Blick und einem scharf geschnittenen schwarzen Bart. Er ritt auf einem riesigen weißen Pferd, das über und über mit kostbaren Tüchern, Gold und Juwelen behängt war, und hatte in seinem Gefolge nicht weniger als 100 Ritter in goldenen Rüstungen. Dazu exotische Tiere, bunte Vögel, sogar einen Elefanten, und die erlesensten Speisen und Gewürze aus den geheimnisvollen Ländern jenseits des Ostens und Westens, mit denen sein Inselreich Handel trieb. Auf den prunkvollen Wagen führte er die Schätze mit, die als Hochzeitsgeschenke dienen sollten. Allein die Wagen waren jeder für sich ein Vermögen wert, ganz zu schweigen von ihrem Inhalt, den allerdings vorerst niemand zu sehen bekam. Jedermann wußte, daß die Imperatrice der Sonneninsel reich war, sehr reich sogar, aber daß sie über solch märchenhafte Schätze verfügte, daß hatte nicht mal König Harro erwartet.

Mit diesem Auftakt war er mehr als zufrieden, und das auch noch aus einem anderen Grund: Die Sonneninsel lag inmitten eines riesigen Sees, in den weit im Südwesten der Fluß Siina floß und aus dem er am anderen Ende auch wieder herauskam. Dieser Fluß war auch über weite Strecken die Südgrenze des Weißen Reiches, was wiederum bedeutete, daß die Sonneninsel direkt an das Reich grenzte. Wenn Prinz Sofrejan der neue Weiße König wurde, dann wurden die beiden Reiche vereinigt, und sein Land würde eine wahre Perle hinzugewinnen. Denn daß die Hauptstadt auch weiterhin hierbleiben würde und nicht etwa auf die Sonneninsel verlegt wurde, das würde er sich schon rechtzeitig ausbedingen. Es hatte auch mit der Sonneninsel im Laufe der Zeit immer mal wieder Streitigkeiten gegeben, und auch diese würde durch eine Hochzeit für immer beigelegt werden können. Denn wenn die Sonneninsel in ihrer Pracht auch vom Ufer aus in der Ferne zu sehen war, so war sie doch militärisch praktisch uneinnehmbar. Ein diplomatischer Sieg wäre ein ungeheurer Triumph.


Der Prinz ließ sein Lager auf dem zugewiesenen Platz vor der Weißen Hauptstadt aufschlagen. Viele Menschen waren damit beschäftigt, die großen, bunten Zelte aufzustellen und das Gefolge und die Tiere zu verköstigen.

Mit einer kleinen Eskorte ritt Sofrejan schließlich in die Weiße Stadt hinein, mit sich die Geschenke führend, die er bei seinem Antrittsbesuch dem König und seinen schönen Töchtern überbringen wollte.

Das Volk auf den Straßen jubelte ihm zu, und er ließ von seinen Rittern Goldmünzen in die Menge werfen. Die Leute waren begeistert und ließen den stolzen und edlen Prinzen vielmals hochleben.

Hoch erhobenen Hauptes ritt er die mit einem roten Teppich ausgelegte Rampe zum Schloß hinauf und stieg erst in der Vorhalle ab, wo sofort dienstfertige Lakaien hinzusprangen und ihm und seinen Rittern das Pferde abnahmen. Andere nahmen die Schatztruhen mit den Geschenken auf und trugen sie dem Prinzen hinterher, als er den von zahlreichen Kerzen beleuchteten Thronsaal betrat und, gefolgt von seiner Eskorte, dem Weißen König seiner Referenz erwies.

Wie es sich gehörte, trat er vor den goldenen Thron und kniete nieder.

"Mein lieber Prinz Sofrejan, bitte erhebt Euch."

Der König nickte ihm huldvoll zu und warf einen vielsagenden Blick auf seine vier Töchter, die alle versammelt waren und neben dem Thron standen. Die Prinzessinnen waren auf das entzückendste zurechtgemacht, und jeder, der sie sah, war einfach hingerissen von ihrer Schönheit. Nicht anders ging es dem Sohn der Imperatrice. Er musterte eine jede von ihnen lange und mit großem Gefallen, und die Blicke wurden voller Sympathie erwidert, ausgenommen Alessandra. Sie wirkte so abwesend und verschlossen wie immer in den letzten Wochen. Ornella und Olivia, die sich die kompliziertesten Ränke ausgedacht hatten, sahen es zufrieden. Das Problem ihrer Konkurrentin, so schien es, erledigte sich von ganz allein. Um so mehr mußte nun eine auf die andere aufpassen, und bei diesem stattlichen und mächtigen Prinzen würden sie sofort anfangen.

Während Sofrejans Lakaien die Truhen öffneten und dem König und den Prinzessinnen Gold, Elfenbein und die kostbarsten Juwelen entgegenquollen, flirteten Ornella und Olivia mit dem Prinzen. Obwohl sie wegen der Distanz von fast zehn Schritten kein Wort wechseln konnten, entfalteten sie beide darin eine wahre Meisterschaft. Simona beobachtete es staunend, Alessandra verächtlich. Sie war fest entschlossen, dieses Spielchen nicht mitzumachen.

Schließlich öffnete Prinz Sofrejan persönlich die letzte Truhe. Es war eine recht kleine, aber über und über mit Silber und Smaragden beschlagene Eichenschatulle, in ihrem Inneren mit dunkelrotem Samt ausgekleidet. Und darin steckten vier Ringe. Aber es waren keine gewöhnlichen Ringe. Der Prinz überreichte jeder Prinzessin persönlich einen davon, und bei diesem Anblick stockte sogar den verwöhnten Prinzessinnen der Atem und sie bekamen glänzende Augen.

Sprachlos blickte Ornella den Prinzen an, als er ihr den Ring präsentierte, dann ihre linke Hand ergriff und ihn an ihren Finger steckte. Ebenso erging es Olivia. Nie hatten sie eine solche Kostbarkeit gesehen. Die Ringe waren Raubkatzen nachempfunden und mit einer solchen Liebe zum Detail gefertigt, daß man glauben konnte, sie seien verzauberte echte Katzen. Ornella hatte einen Löwenring bekommen. Dessen sandbraunes Fell bestand aus zahllosen winzigen Kristallen, die in dem Gold, aus dem der Körper war, eingelassen waren. Die Krallen an den Pfoten waren aus glasklaren Diamanten, von Meisterhand in Form geschliffen. Denn auf der Sonneninsel arbeiteten die besten und bekanntesten Juweliere der bekannten Welt. Prinzessin Ornella verstand etwas von Schmuck und Juwelen. Dieser Ring war mehr wert als so manches Fürstentum. Und es war nur einer von vieren.

Der Prinz wandte sich schließlich Alessandra und Simona zu, aber man sah ihm deutlich an, daß er es nur noch aus Höflichkeit tat. Sein Interesse war von den beiden älteren Schwestern gefangen, und er schwor sich, das Turnier zu gewinnen, koste es, was es wolle.

"Übrigens, verehrter Weißer König. Ich darf Euch ankündigen, daß auch meine Mutter dem Turnier beiwohnen wird. Sie wird aber erst kurz vor dem Beginn hier eintreffen, da sie noch wichtige Staatsgeschäfte zu erledigen hat."

"Natürlich, natürlich, mein lieber Prinz. Es ist uns allen eine große Ehre und mir eine ganz besondere Freude, Eure Mutter hier begrüßen zu dürfen."

Mit keiner Miene verriet er, daß er die Alte am liebsten zum Teufel gewünscht hätte. Aber wenn alles gut ging - und dem konnte man ja etwas nachhelfen - dann würde sich dieses leidige Problem auf elegante Art erledigen. Zufrieden lächelnd ließ er sich wieder in seinen Thron sinken.

"Wenn es Euch recht ist, Majestät, dann möchte ich morgen den Turnierplatz besichtigen."

"Aber gern, aber gern. Ich werde Euch persönlich einweisen, mein lieber Prinz."


Zwei Tage später traf die Gesandtschaft des Blauen Landes ein.

Einen größeren Kontrast zum Prunk des Prinzen der Sonneninsel hätte man sich kaum vorstellen können. Nicht, daß die Leute aus dem Eisgebirge arm waren, ganz und gar nicht. Sie lebten dort vom Fallenstellen und der Jagd auf Bären, Wölfe und Biber, und verkauften die Felle der Tiere in die ganze bekannte Welt. Nein, reich waren sie durchaus, aber es waren die übelsten und unkultiviertesten Bauerntrampel, die man sich im Weißen Reich nur vorstellen konnte. Sie aßen mit den Fingern, rissen mit bloßen Händen Stücke aus dem Braten, und wenn es ihnen geschmeckt hatte, dann ließen sie es alle Anwesenden mit einem lauten Rülpser wissen. Kurz gesagt: einfach unmögliche Leute.

Ihr Anführer, Erich der Bärentöter, der schon mal mit bloßen Händen einen Bären erwürgt haben sollte, traf mit einer Begleitung von 20 seiner furchterregend aussehenden Kerle ein. Alle trugen sie Tierfelle über ihren Lederrüstungen und Helme mit Hörnern daran. Doch keiner, der sie sah, wagte darüber zu lachen. Die Eisleute waren für ihre Kraft und ihren Jähzorn berüchtigt. Und beeindruckend war sie schon.

Auch sie hatten dem König und den Prinzessinnen kostbare Geschenke mitgebracht, und der König fragte sich, wo diese Bauernlümmel diese Schätze wohl her haben mochten. Immerhin erregte Erich der Bärentöter die ungeteilte Aufmerksamkeit Simonas. Sie war von diesem wilden Mann mit seinen dunkelblonden Zöpfen und dem mächtigen Schnurrbart zutiefst fasziniert.

"Was, wenn er dich wirklich heiratet?", zischte Alessandra ihr zwischendurch zu. "Willst du wirklich mit diesem ... diesem Mannsbild in das Blaue Land gehen?"

"Oh ja", hauchte Simona mit glänzenden Augen zurück.

Alessandra verdrehte nur die Augen und hoffte, daß dieser Kerl nicht siegen würde. Sicher, er war bärenstark, aber im Turnier kam es ebenso auf Geschicklichkeit und die Einhaltung der strengen Regeln an. Und da traute sie diesem Burschen nun doch nicht so viel zu.

Nach der Audienz trabten die Eisleute wieder zu ihrem Lager, wobei auch sie unterwegs Gold und Silber unters Volk warfen. Von da an waren sie willkommen.


In der gleichen Nacht kam aus dem fernen Westen der Zug der Wüstenleute an, die man auch Karawanenherren nannte, und die zum beiderseitigen Vorteil viel Handel mit der Sonneninsel trieben. Es waren exotisch, fast märchenhaft wirkende Menschen mit schmalen Hakennasen und olivbrauner Haut, und ihr Fürst, den man wegen seines Schleiers nicht richtig zu sehen bekam, war der auffälligste von allen. Er ritt ein großes hellbraunes Pferd, während sein Gefolge, fast 50 Wüstennomaden, auf Kamelen ritt. Weitere 100 Kamele bildeten den Troß, und am nächsten Tag, als der Weiße König den Karawanenfürsten empfing, präsentierten sie eine Pracht und eine solche Fülle an kostbarsten Geschenken, daß sie sogar fast den Prinzen von der Sonneninsel damit übertrumpft hätten.

Nach der Audienz luden sie die ganze Hauptstadt in ihr Lager ein und gaben ein Festmahl, wie es die meisten Bürger noch nie gesehen hatten, und vom dem sie noch ihren Kindern und Enkeln erzählen sollten.


Und so trafen im Laufe der nächsten Wochen Gesandtschaft um Gesandtschaft ein: Der junge König Arlus, Herrscher des Torriner Landes im Osten, Ritter Stephan, der Vertreter der Lagunenkönigin, deren Sohn Ósimo wegen einer Erkrankung nicht persönlich erscheinen konnte, die beiden Söhne des Königs Karl aus dem Norden, der ein wahrhaft riesiges Reich besaß, daß sich von der Steppe der Nomaden im Westen bis hinter das Eisgebirge im Osten erstreckte, Prinzen, Herzöge und Barone aus den Freien Städten und den vielen kleinen und großen Grafschaften und Reichen, und - nur eine Woche vor dem offiziellen Beginn des Turniers - Nuitor, der älteste Sohn des Königs Starrus von Arcadia.

Einst, vor vier Generationen, waren Arcadia und das Weiße Königreich noch ein einziges großes, mächtiges und gefürchtetes Reich gewesen, bis dann Harros Urgroßvater das Land entlang des Siina-Flusses unter seinen zwei Söhnen Giancano und Cordo aufgeteilt hatte. Seitdem hatte es einen nie enden wollenden Konflikt um die Erbfolge und gegenseitige Ansprüche gegeben, und in zahllosen Kriegen waren auch viele Städte abgefallen und hatten bisher nicht dauerhaft zurückerobert werden können, weil beide Parteien etwa gleich stark waren und dem anderen die reichen Städte niemals gegönnt hätte. Vor allem die Perle im Osten des ehemaligen Reiches am Fluß Siina, die vornehme und reiche Stadt Gel-Almanaum, war damals verlorengegangen. Um sie hatte es in den folgenden Jahren die heftigsten Kämpfe gegeben, bis sich beide Seiten irgendwann stillschweigend geeinigt hatten, ihren verzehrenden Krieg einschlafen zu lassen.

Wenn die beiden Reiche sich nun wiedervereinigen könnten, würden all diese Territorien an den Weißen König zurückfallen. Doch da auch die Prinzen der abgefallenen Städte das nur zu gut wußten und es bestimmt nicht hinnehmen würden, wünschte der Weiße König sich, er hätte seinen Urgroßneffen nicht einladen müssen. Was, wenn Nuitor hier von einem Spion aus diesen Städten vergiftet wurde, damit er nicht heiraten konnte? Dieser diplomatischen Katastrophe würde der nächste Krieg auf den Fuß folgen.

Wahrscheinlich war Nuitor auch deshalb so spät erschienen. Trotz des frohen Anlasses bleib die Politik also schwierig. Eine Vereinigung mit der Sonneninsel, die im übrigen schon immer unabhängig gewesen war, wäre um vieles leichter zu bewerkstelligen.

Ach ja, die Imperatrice. Wo sie wohl steckte? Vielleicht hatte sie den Termin ja vergessen

*

'Langweilig' war gar kein Ausdruck für den Dienst an der Grenze zum Unendlichen Land. Wenn hier mal ein Vogel zwitscherte, dann war das schon eine kleine Sensation.

Vier Soldaten hatte Adalbert hierhin, ans Ende der Welt abkommandieren lassen. Ab und zu flogen Brieftauben zum Schloß, und einmal alle zwei oder drei Wochen kam ein Bote und brachte sie wieder zurück. Er erzählte dann von den Vorbereitungen zu dem Turnier und den nicht enden wollenden Festen, und wenn die Soldaten ihn hörten, dann hätten sie ihren rechter Arm darum gegeben, jetzt dabei sein zu dürfen. Aber Befehl war Befehl. Und der Rittmeister hatte schon so manchen auspeitschen oder gar köpfen lassen, der sich etwas hatte zuschulden kommen lassen. Also ließ man sich halt erzählen, was zu Hause so passierte.

Und als der Schwarze König die Grenze überschritt, merkte es keiner.


Es war tief in der Nacht. Alle vier Soldaten schliefen, obwohl eigentlich immer einer Wache halten mußte. Doch auch wenn einer mitten auf der Straße gestanden hätte, hätte er die drei Wölfe, die lautlos durch das Unterholz glitten, nicht bemerken können.

Einige Kilometer hinter dem Posten huschten die Wölfe schließlich auf die Straße. Und dann verwandelten sie sich. Der eine, ein besonders großer Wolf mit hellblauen Augen, verwandelte sich in den Schwarzen König. Der zweite, der ein rotbraunes Fell trug und tiefblaue Augen hatte, verwandelte sich in einen Drachen. Und der dritte wurde zu einem großen, schwarzen Pferd.

Der Mond spiegelte sich in der Schwarzen Rüstung des Königs. Der Drachen, ein Wesen, wie es noch nie ein Mensch zu Gesicht bekommen hatte, sprang auf die Rüstung und verwandelte sich in ein Bild, das nun auf dem Brustpanzer prangte. Auf diese Weise würde er die Reise zum Weißen Schloß mitmachen.

Der Schwarze König überprüfte seine Rüstung und den Sitz seines Schwertes, dann bestieg er sein Pferd, und fast geisterhaft lautlos setzte es sich in Bewegung.

*

"Noch drei Tage. Ich halte das einfach nicht mehr aus!"

"Du mußt aber, meine liebe Olivia", schnurrte Ornella ihr mit einem selbstgefälligen Lächeln ins Ohr. Die älteste der Prinzessinnen war ob der zahlreichen Prinzen, die ihr heftig und unermüdlich den Hof machten, bester Laune.

"Sag, Ornella, welcher gefällt dir am besten?"

Seit Wochen schon kannten die drei Schwestern kein anderes Gesprächsthema. Aber seltsamerweise schien Alessandra, die sich nie daran beteiligte, die einzige zu sein, die sich wirklich darüber im Klaren war, was da auf sie zukam. Sie würden verheiratet, eine würde Weiße Königin, und die drei anderen würden ihren Ehemännern auf ihre Schlösser folgen. Sicher, Simona schwärmte immer noch von ihrem Erich und verbrachte viel Zeit bei ihm. Alessandra hatte sie mal bei einem Besuch begleitet. Der Eismann war eigentlich gar nicht so übel, aber daheim in seinem Zelt aus Tierfellen im schneebedeckten Hochgebirge konnte er Simona einfach nicht das bieten, was sie von Zuhause gewohnt war. Aber vielleicht war sie ja jung genug, um sich daran zu gewöhnen. Eigentlich brauchte Alessandra sich um ihre jüngste Schwester keine Sorgen zu machen. Sie liebte Erich wirklich. Es war ihre erste große Liebe, und sie waren oft zusammen in der Stadt oder im Lager, wo der Blaue König seiner jungen Verehrerin Kunststücke vorführte. Er verfügte nicht nur über Bärenkräfte, sondern war auch sehr geschickt mit dem Schwert. Und er konnte Bälle jonglieren - fünf Stück zugleich. Das war bei den Kindern der Weißen Stadt die Sensation. Und als er dann auch noch die Bälle durch Äxte ersetzte, da stieg sein Ruhm beim Jungvolk ins Grenzenlose.

Wenn Erich nun aber nicht unter den ersten vier Siegern war, dann würde Simona kurzerhand an einen anderen Prinzen oder Grafen verschachert. Alessandra hatte sie darauf angesprochen, aber das war das letzte, was das junge Mädchen hören wollte. Sie hatte trotzig geantwortet, daß sie in diesem Fall sogar mit ihrem Geliebten fliehen würde. Alessandra hatte das für sich behalten, aber es hatte ihr zu denken gegeben.

Und sie selbst? Mit jedem Tag fand sie diesen Zirkus abstoßender. Ihre Verschlossenheit hatte nicht wenige der Prinzen fasziniert, und sie schwänzelten ständig um sie herum. Es waren schmierige Karrieristen dabei, harmlose Träumer und auch nette Burschen, aber Alessandra konnte auf alle verzichten. Ja! Sie konnte es nicht länger hinausschieben. Sie würde zu ihrem Vater gehen und ihm sagen, daß sie keinen dieser Edelleute heiraten würde, um nichts in der Welt.

Sie hatte gar nicht bemerkt, wie spät es schon geworden war. Nebenan war das Gespräch ihrer Schwestern leiser geworden, und sie erinnerte sich, daß die große Turmuhr vor kurzem elf Uhr nachts geschlagen hatte. Aber wenn sie es jetzt nicht tat, dann würde sie sich nie mehr trauen. Ruckartig erhob sie sich.


Am Anfang hatte Emilie jeden ihrer Schritte verfolgt, aber da sie sich stets gefügt hatte, konnte sie sich inzwischen wenigstens zeitweise wieder frei und unbeobachtet bewegen. Leise schlich sie die Treppen herunter, durchquerte vorsichtig die Vorhalle, in der auch um diese Zeit oft noch was los war, und drückte geräuschlos die Tür zum Audienzsaal auf. Sie wußte tatsächlich als einzige, wie man es machen mußte, damit sie nicht quietschte.

Hastig schlüpfte sie durch den Spalt und schloß die Tür ebenso leise. Vorsichtig sah sie sich um. Zum Glück stand der Thron so, daß man sich in den Saal schleichen konnte, ohne von dort direkt gesehen zu werden.

Alessandras Blick fiel auf das in einer Ecke aufgehängte Bildnis König Cordos, des legendären Königs von Arcadia-Land, der vor über 100 Jahren spurlos verschwunden sein sollte. Wenn das Bild ihm auch nur ein wenig ähnelte, dann mußte er wirklich eine beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein. Und - er war eigentlich sogar mit ihr verwandt. Ihr Urgroßvater Giancano und König Cordo waren Brüder gewesen.

Oft malte Alessandra sich in ihren Tagträumen aus, wie sie diesen beeindruckenden Mann traf und seinen weisen Ratschlägen lauschte. Schon glitten ihre Gedanken wieder zu ihm, doch da hielt sie inne. Jemand redete mit eindringlicher Stimme mit ihrem Vater. Es war die Stimme einer Frau, eine Stimme, die sie kannte, aber woher? Einen Moment lang mußte sie an ihre Mutter denken, aber ... Es mußte viele Jahre her sein, daß sie diese Stimme zuletzt gehört hatte. Geduckt schlich sie hinter eine Säule und sah sich um. Es waren nur zwei Menschen anwesend, wenn man die Frau als Mensch bezeichnen konnte, denn es war niemand anderes als die Hexe Elysiss, der Schutzgeist des Weißen Reiches.

Alessandra stockte der Atem, als sie vernahm, was die Hexe ihrem Vater offenbarte.

Harro sagte gerade mit heiserer Stimme: "...kann ich doch nicht tun. Was Ihr verlangt, Mistress Elysiss, ist unmöglich."

"Und doch mußt du es tun. Wenn das Turnier stattfindet, wird es eine furchtbare Katastrophe geben und ich weiß nicht, ob ich dein Reich dann noch schützen kann."

"Aber warum nur? Warum? Bitte, Elysiss. Ich tue alles, was du willst, aber sage mir, welches Unheil uns bevorsteht."

"Es tut mir leid, Majestät, aber das kann und darf ich nicht." Sie wandte sich zu der Marmorsäule um, hinter der sich Alessandra verkrochen hatte. Wußte sie, daß sie heimlich hier war? Aber sie sagte nichts und blickte dann den König wieder an.

"Eins noch, König, und höre gut zu: Der Schwarze König wird dich aufsuchen, wenn das Turnier beginnt. Aber du darfst nicht die Waffen gegen ihn erheben, sonst ist alles verloren."

Langsam wurde sie durchsichtig, bis sie schließlich ganz verschwunden war.

"Neiiiiin!!! Mistress Elysiss! Nein, bleibe hier. Ich befehle es dir!" Der König brüllte seine ganze Verzweiflung hinaus.

"Nein", murmelte er schließlich. "Ich kann das Turnier nicht absagen. Ich kann es nicht."

Grübelnd und brütend bleib er auf seinem Thron sitzen. Erst kurz vor Morgengrauen fiel er in einen alptraumerfüllten, unruhigen Schlaf.


Alessandra war entsetzt über das, was sie gehört hatte. Und wie noch nie in ihrem Leben vermißte sie einen Menschen, mit dem sie über alles hätte reden können. In ihrer Verwirrung lief sie ziellos im Schloß umher und landete schließlich im Stall, wo sie sich neben Schwalbe ins Heu warf und hemmungslos zu schluchzen begann, bis auch sie die Müdigkeit schließlich übermannte.

*

Es war Sonntag, der 3. August 1242, ein strahlender Sommertag. Kein Wölkchen war am Himmel zu sehen, und schon am frühen Morgen war es angenehm warm. Heute nachmittag würde das Turnier beginnen. Über 50 Ritter, Prinzen und Edelleute waren angetreten, die vier Prinzessinnen zu gewinnen.

König Harro hatte seiner Wache befohlen, auf jedes ungewöhnliche Ereignis zu achten und ihm sofort zu berichten. Er hatte nicht erklärt, was er erwartete, aber die Art und Weise, wie er es seinen Leuten und dem Majordomus eingeschärft hatte, hatte keinen Zweifel daran gelassen, daß er es bitter ernst meinte, so ernst, wie noch nie in seinem Leben.

Aber alles war in bester Ordnung. Auftragsgemäß war Nuitor vergiftet worden - nicht ernstes, in ein paar Tagen würde er wieder auf den Beinen sein, nur war dann das Turnier vorbei und die Prinzessinnen verheiratet. Auf Drängen Simonas hatte er Erich dem Bärentöter ein paar Tips gegeben und ihm dafür das Versprechen abgenommen, nur Vierter zu werden. Sicher - es war Wahnsinn, die kleine Simona an diesen Bauernlümmel zu vergeben, aber erstens hatte sie es unbedingt so gewollt, und zweitens konnte man ja später noch etwas daran ändern.

Mit Sofrejan, dem Prinzen der Sonneninsel, dessen Mutter zum Glück immer noch nicht aufgetaucht war, war man einig geworden, daß er das Turnier gewinnen sollte. Und die anderen Prinzen, die seine Schatzkammer mit den prächtigsten und erlesensten Kostbarkeiten gefüllt hatten, ahnten von nichts. Wie gesagt, alles war bestens geregelt.

Da kam atemlos eine der Torwachen angerannt.

"Laßt mich durch. Ich habe Befehl des Königs."

"Laßt den Mann sofort durch", befahl der Weiße König mit durchdringender Stimme. Seine gute Laune schlug schlagartig in schlecht verborgenen Nervosität um.

"Nun? Rede! Was ist?" Er fingerte an seinem Schwert herum, während er den Boten lauernd ansah.

"Wir wissen es noch nicht. Von Süden nähert sich eine große Staubwolke der Stadt."

"Was? Eine Staubwolke. Und..."

"Herr!", rief eine andere Wache, die gerade herbeigeeilt kam. "Es ist der Troß der Imperatrice der Sonneninsel."

Dem König fiel ein Stein vom Herzen. Wenn das alles war! Natürlich - die Alte war mit einem so pompösen Aufgebot anmarschiert, daß sie sich in einer Staubwolke verhüllte. Sehr gut, er würde ihr gutes Aussehen nach dieser langen und anstrengenden Reise loben, während sie sich den Dreck aus den Haaren schüttelte. Welch ein Spaß. Unwillkürlich mußte er lachen, und seine Untertanen, die seine Nervosität der letzten zwei Tage sehr wohl gespürt hatten, fielen erleichtert ein.


Imperatrice Beata hatte sich tatsächlich selbst übertroffen. Hundert Elefanten, zehn Giraffen und Nashörner und zweihundert Ritter auf feurigen Rössern bildeten ihr Gefolge und bewachten die Geschenke, die sie dem Weißen König und seinen Töchtern zu überbringen gedachte. Zwar haßte sie ihn genauso innig wie er sie, aber wenn es eine Möglichkeit gab, ihn mit haushoch übertriebener Großzügigkeit zu demütigen, dann ließ sie sich das gerne etwas kosten. Außerdem, so wie es aussah, würde der Schatz ja in der Familie bleiben. Sie war natürlich über die Machenschaften, die der Weiße König eingefädelt hatte, bestens informiert, und hatte sie ihrerseits unterstützt, denn auch sie versprach sich von dieser Hochzeit eine gute Partie. Immerhin schickte sie ihren Sohn, und der Weiße König nur seine Tochter. Wer würde also nachher das Sagen haben?

Während der Zug sich langsam und würdevoll der Weißen Stadt näherte, eilten ihm die Gefolgsleute ihres Sohnes Prinz Sofrejan entgegen und reinigten die Tiere und Menschen vom Schmutz der Reise. Mit grimmigem Gesicht sah der Weiße König diesem Treiben von Weitem zu. Die Alte war wirklich mit allem Wassern gewaschen. Wenn sie durch das Stadttor ritt, würde man sich in ihrem federgeschmückten Prunkhelm spiegeln können.

Naja, dachte der König sich, wenn's nicht schlimmer wird.

Das ganze Volk strömte zum Südrand der Stadt, um der Imperatrice entgegenzujubeln. Auch die Wachen verließen überall ihre Posten, um dem Spektakel zuzusehen. Erst, als der Rittmeister das bemerkte, scheuchte er sie wieder zurück.

Und so sah niemand, wirklich niemand unter den Tausenden von Menschen, die zu dieser Zeit in der Weißen Hauptstadt weilten, wer etwa gleichzeitig von Norden kommend in die Stadt einritt - allein und ohne Gefolge. Aber vielleicht wollte der Besucher auch noch gar nicht gesehen werden.

Doch - einen Beobachter gab es, genauer gesagt eine Beobachterin: Elysiss. Sie hatte seit ihrer Prophezeiung die Stadt nicht mehr verlassen. Und als sie das Nahen des Schwarzen Königs spürte, da stellte sie sich ihm in den Weg.


Die Beschützerin des Weißen Reiches stand in ihren leuchtenden, wallenden Kleidern kurz hinter dem nördlichen Tor mitten auf der breiten, mit weißem Marmor gepflasterten Straße. Das gleißende Licht der Vormittagssonne ließ die weißen, blitzblank geputzten Häuser leuchten, und ihr Licht brach sich auch auf ihren strahlenden Kleidern.

Der Schwarze König auf seinem Roß kam langsam näher, dann ließ er es direkt im Torbogen anhalten. Die beiden sahen sich lange an.

Die Hexe Elysiss war schon viele hundert Jahre alt, sah aber aus wie eine junge Frau in den besten Jahren. Sie hatte silberweißes Haar und war von exotischer Anmut und Schönheit, doch ihr Blick war fest und unbeugsam. Wenn es sein mußte, konnte sie mit ihrer Magie hart und wirkungsvoll kämpfen, vor allen Dingen hier, auf ihrem eigenen Terrain.

Der Schwarze König hingegen war wirklich fast so jung, wie er aussah. Ein unvoreingenommener Beobachter hätte ihn auf Mitte oder Ende Zwanzig geschätzt, tatsächlich war er 33. Nur seine Augen ... - wer sie sah, war davon verwirrt und irritiert. Sie waren von einem hellen Blau, und sein Blick war eine so eigenartige Mischung aus Spott, Amüsiertheit und Nachdenklichkeit, wie man sie bei keinem anderen Menschen je gesehen hatte.

Die beiden Mächtigen musterten sich lange Zeit schweigend. Dann beugte sich der Schwarze König etwas zu der Hexe herab und sagte mit sanfter und doch entschlossener Stimme: "Ich komme in Frieden."

"Und doch wirst Du Verzweiflung und Tod bringen. Geh! Ich bitte dich."

"Und wenn ich es nicht tue? Ich wurde nicht eingeladen, aber mit keinem der hier Anwesenden führe ich Krieg."

"Wenn du trotzdem in die Stadt reitest, kann ich dich nicht daran hindern, Schwarzer König. Und ich weiß, daß es dir nichts bedeutet, wenn die Sterblichen untereinander sich in blutigen Kriegen abschlachten. Aber wenn du meiner Bitte Folge leistest und wieder gehst, dann hast du einen Wunsch frei."


Langsam stieg der Schwarze König von seinem Pferd herab. Seine Bewegungen waren kraftvoll und kontrolliert. Man sah ihm seine Kraft und Geschicklichkeit sehr wohl an.

Mit einem fast arroganten Lächeln ging er auf Elysiss zu und umrundete sie langsam. Die Hexe ließ es geschehen, und drehte sich nicht einmal um, als der König des Unendlichen Landes genau in ihrem Rücken stehenblieb. Dann ging er weiter, bis er wieder vor ihr stand.

"Ich bin noch nicht vielen Menschen begegnet, die Eindruck auf mich gemacht hätten." Er machte eine Pause und sprach dann weiter: "Wesen wie Dich gibt es im Unendlichen Land nicht. Das heißt, eigentlich doch, aber nur zwei." Er blickte auf das Drachenbild auf seiner Rüstung.

Während des Rittes waren ihm viele Menschen begegnet, doch wenn sie ihn sahen, sahen sie nur den Drachen an. Er war so ungewöhnlich, daß die meisten ihn in allen Einzelheiten beschreiben konnten, aber nicht einmal hätten sagen können, ob der Träger der Rüstung ein Mann oder eine Frau gewesen war.

Der Drachen hatte helle Haut, fast wie ein Mensch, unnatürlich tiefblaue Augen und langes schwarzes Haar! Er saß auf seinen Hinterbeinen, die Flügel halb um den Körper zusammengefaltet, die Krallen der Vordertatzen fast verdeckt. Aus seinen Nüstern kräuselten sich zwei Rauchfahnen. Seine Haut war nicht geschuppt, sondern glatt. Und das Bild auf dem Brustpanzer wirkte so realistisch, daß man meinen konnte, der Drachen könnte jeden Moment herabspringen und lebendig werden.

Vielleicht ahnte nur die Hexe Elysiss, daß dies tatsächlich geschehen konnte.

Mit großen Augen blickte sie den Schwarzen König an. Ihr Atem ging auf einmal schneller und eine seltsame Erregung erfaßte sie.

"Einen Wunsch ...", wiederholte der Schwarze König mit fast hypnotisierender Stimme.

Die Worte des Mannes lösten den seltsamen Bann wieder. Elysiss' Kopf zuckte ein ganz kleines Stück zurück, was der König mit einem ironischen Lächeln quittierte, das sich aber auch nur ganz kurz über seine Lippen flog. Die Hexe mußte zugeben, daß sie noch selten von jemandem so fasziniert gewesen war.

"Weißt du", sprach der Schwarze König weiter, "warum man mein Königreich das Unendliche Land nennt?"

"Ich weiß es."

"Dann weißt du auch, daß ich schon alles habe: Unvorstellbare Reichtümer und große Macht. Du kannst mir nichts geben, was ich nicht schon besitze. Aber ich werde deiner Bitte auch ohne Gegenleistung teilweise folgen und auf eine Art und Weise dem Turnier zusehen, daß mich niemand erkennt. Ich verwandele ..."

"Halt! Wer da?" brüllte plötzlich eine andere Stimme.

Erschrocken fuhr Elysiss herum. Doch es war zu spät. Der Ruf der Wache hatte schon viele Leute aufgeschreckt, die nun neugierig herübersahen. Doch es genügte eine halbe Sekunde, um jedermann klarzumachen, wer da gerade dabei war, die Stadt zu betreten.

"Es tut mir leid, Hexe Elysiss. Weder Du noch ich vermochten das Schicksal aufzuhalten!"

Wortlos, mit unendlich traurigem Gesicht, löste die Zauberin sich vor seinen Blicken auf und verschwand. Und dann waren schon die Wachen da und umringten den Schwarzen König mit ihren Schwertern und Lanzen.


Der Zug der Imperatrice hatte inzwischen die Stadt erreicht. Wie es sich gebührte, war der größte Teil des Trosses draußen, auf dem Platz des Prinzen geblieben, nur relativ wenige Reiter und zwei Elefanten ritten in die prächtig geschmückte Stadt ein. Trotz der Hitze und Trockenheit, die jetzt im August herrschte, blühten überall bunten Blumen, alle Straßen und die Fenster der Häuser waren geschmückt, und die Mädchen hatten sich Blumengebinde ins Haar geflochten. Nicht nur die vier Prinzessinnen sollten bei diesem Fest verheiratet werden.

Vor dem Wachhaus ließ die Imperatrice ihren Elefanten abknien. Einer der Diener eilte mit einer vergoldeten Treppe herbei, über welche die Herrscherin der Sonneninsel herabschwebte.

König Harro, der am oberen Ende der Rampe stand, musterte sie mit breitestem Lächeln. Früher war Beata eine große Schönheit gewesen, aber ihre Arroganz, ihre Bosheit und auch das Alter hatten deutliche Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen, die auch durch die geschickt aufgetragene Schminke nicht mehr überdeckt werden konnten.

"Meine verehrteste Imperatrice!" rief er so freundlich, wie er konnte.

Doch weiter kam er nicht. Ein Schatten fiel über ihn und alle Anwesenden. Ruckartig drehte er sich um. Die Wachen schleppten den Schwarzen König herbei.

Der Weiße König glaubte, sein Herz müsse stehenbleiben. Es war, als verfinstere sich der Tag.

Beata schrie hysterisch auf und stürzte dem König des Unendlichen Landes entgegen.

"Was willst du hier, du Dämon?", kreischte sie.

In höchster Erregung fuhr sie herum. "Wer hat den eingeladen? Wir reisen sofort wieder ab!"

Ein Tumult brach aus. Hysterisch schrie die Imperatrice den Weißen König an. Ihre Garde fuchtelte nervös mit den Waffen herum und die Weißen Soldaten hielten zitternd ihre Lanzen an die Kehle des Zauberers gedrückt. Sie hatten den Schwarzen König in Ketten gelegt, doch als diese durch den Körper des Mannes wie durch Luft hindurchfielen und klirrend am Boden landeten, war es mit der Beherrschung der Soldaten vorbei. Sie warfen ihre Lanzen und Schwerter weg und rannten schreiend davon.

Ruhig, mit seinem unnachahmlichen, ironischen Lächeln, ging der Schwarze König auf die Imperatrice zu. "Wie konnte der Weiße König nur so naiv sein, eine Hexe wie dich hierher einzuladen."

Beata war verstummt. Ihr Gesicht war weiß wie der Tod, nur ihre dunklen Augen funkelten bösartig. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, als der Schwarze König fortfuhr: "Oder bist du mir böse, weil ich deine Kristallkugel, mit der du mir immer nachspioniert hast, endlich zerstören konnte?"

Er ließ die Frau, die in den wenigen Augenblicken um Jahre gealtert war, stehen und wandte sich dem Weißen König zu: "Ich möchte dem Turnier als Zuschauer beiwohnen. Das könnt ihr mir doch nicht abschlagen, oder?" Ein langer, eigenartiger Blick traf den Weißen König und ließ ihn bis ins Innerste erschaudern. Mit einem Mal bekam er keine Luft mehr.

Niemand bemerkte, wie oben, am Ende der Rampe, das riesige Portal einen Spalt weit aufgedrückt wurde und die vier Prinzessinnen, die der König zum Empfang der Imperatrice in den Audienzsaal geschickt hatte, hervorstürmten. Neben ihrem Vater erst hielten sie an und drängten sich wie verschreckte Welpen ängstlich aneinander.

Und dann trafen sich die Blicke von Ornella und dem Schwarzen König, und von diesem Moment an wußte die Prinzessin, daß sie nie einen anderen Mann als diesen würde lieben und heiraten können. Hitze und Kälte durchzuckten sie gleichzeitig und ihr Atem stockte. Wie festgesaugt hingen ihre Blicke an dem Zauberer.

Alessandra, die neben ihr stand, die Hände zu Fäusten geballt, bereit, auch ohne ihr Schwert sich auf den Fremden zu stürzen, bekam wie im Traum mit, was mit ihrer Schwester geschah. Sie spürte geradezu den Stromstoß, der Ornella durchzuckt hatte, als der König des Unendlichen Landes sie angesehen hatte.

Vergessen war der Wunsch der Ältesten, Königin zu werden. Nein, nur zu diesem Mann wollte sie gehören, und wenn sie dazu persönlich durch die Hölle gehen mußte.

Dann sah der Schwarze König Alessandra an, und das Mädchen glaubte, zu Feuer und Eis gleichzeitig zu werden. Dieser Blick, diese hellblauen Augen, dieser Gesichtsausdruck - es war kein anderer als der Schwarze Wolf. Der Wolf des Zauberwaldes, an dessen Schulter sie sich ausgeweint hatte! Aber ...

Seltsamerweise empfand sie für den Schwarzen König keine Liebe, dafür aber ein Gefühl der Vertrautheit und Verbundenheit, wie sie es noch nie zuvor in ihrem Leben gefühlt hatte. Ein Schwindel erfaßte sie. Erst die Stimme ihres Vaters brachte sie zurück in die Realität.

Die Wache war unter dem persönlichen Kommando des Rittmeisters zurückgekehrt und drängte den Schwarzen König nun mit heftiger Gewalt weg vom Weißen König, seinen Töchtern und der Imperatrice, und führten ihn ab. Der ließ es ohne Widerstand mit sich geschehen.

Die Herrscherin der Sonneninsel war inzwischen vor Wut, Scham und Erregung so knallrot geworden, daß man in einem weniger ernsten Moment hätte wetten können, sie würde im nächsten Augenblick zerplatzen. Tränen der Wut und Empörung liefen ihr die faltigen Wangen herab, aber sie beherrschte sich mit unvorstellbarer Konzentration, stieg wortlos, wenn auch vor Erregung und Haß zitternd, auf ihren Elefanten und ritt davon.

Minuten später, der Weiße König hatte sich immer noch nicht von seinem Schrecken erholt, hörte man ihre Stimme vom Lagerplatz. Der Platz war mehrere Kilometer weg und lag hinter zahlreichen Häusern und der Stadtmauer. Dennoch konnte man vor dem Palast jedes Wort verstehen. Nie hatte der König jemanden so schreien hören.

Keine halbe Stunde später war das Feld leer.


Zitternd ließ der König sich in seinen Thron fallen. Seine Töchter waren bei ihm, zumindest körperlich. Ornella war allerdings im Moment nicht ansprechbar, und auch Alessandra war mit ihren Gedanken weit, weit weg. Simona und Olivia waren völlig verstört und verängstigt. Olivia, weil sie den Schwarzen König fürchtete, und Simona, weil sie nicht verstand, warum alle anderen so panisch reagiert hatten. Der Fremde hatte doch gar nichts getan. Aber allein durch sein Erscheinen hatte er großen Unheil gesät. Er mußte wirklich böse bis ins Innerste sein, denn er hatte alle verhext, obwohl er doch so gut aussah.

"Majestät!" Der Majordomus und an seiner Seite der Rittmeister und der Kerkermeister stürmten in den Saal.

"König, vergebt uns, aber der Schwarze König - er ist geflohen!"

"Ja, er ist einfach verschwunden. Wir hatten ihn in die sicherste Zelle gesperrt, die wir haben. Aber als wir wieder nach ihm sahen, war er weg. Er hat sich in Luft aufgelöst."

"Seien wir froh, daß er weg ist", bekräftigte Adalbert.

Der König war grau im Gesicht geworden. Auch der Tag war grau geworden. Die bunten Blumen draußen auf den Straßen - sie schienen ihre Farbenpracht verloren zu haben. Aus der Freude war schlecht verhüllte Angst geworden.

Doch da besann der König sich auf seine Position. Er durfte jetzt keine Schwäche zeigen. Er mußte seinem Volk ein leuchtendes Vorbild sein. Und war nicht das Böse, wenn schon nicht besiegt, so doch zumindest erst mal vertrieben worden?

Der Weiße König holte tief Luft, erhob sich mit einer energischen Bewegung und verkündete mit fester Stimme: "Das Turnier findet statt wie geplant."

Allerdings ohne Prinz Sofrejan. Ohne die lohnende Aussicht auf eine Vereinigung mit der Sonneninsel. Warum nur hatte das passieren müssen? Womit hatte er diesen Schicksalsschlag verdient?

Daß der Schwarze König nicht die geringsten Anstalten zu einer Grausamkeit gemacht hatte, das spielte im Bewußtsein aller Beteiligten keinerlei Rolle, mit drei Ausnahmen: Elysiss und den Prinzessinnen Alessandra und Ornella.

Langsam beruhigte sich der Weiße König wieder etwas. Daß das erst der Anfang gewesen war, konnte er nicht ahnen. Doch die nächste Katastrophe näherte sich schon seinem Palast. Es war Prinz Nuitor, der von vier Sklaven auf einer Sänfte die Rampe zur Vorhalle heraufgetragen wurde.


Jemand, der nichts davon verstand, hätte vielleicht meinen können, daß königliche Turniere sportliche Wettkämpfe waren, bei denen es um die Ehre, den Sieg und die Trophäe ging, und bei denen der beste Ritter gewann. Doch dem war ganz und gar nicht so. Ein solches Turnier war im Grunde ein streng ritualisiertes gesellschaftliches und auch diplomatisches Ereignis auf höchster Ebene, bei dem das Ergebnis mehr oder weniger schon vorher feststand. Der Veranstalter hatte es durch zahlreiche Manipulationen in der Hand, wer gewann, und wer schon gleich am Anfang ausschied. Er gab zum Beispiel die Waffen aus. Der vorgesehene Sieger erhielt die beste Lanze, der Verlierer eine, die man vorher so präpariert hatte, daß sie beim ersten Stoß abbrach. Natürlich hätte ein Teilnehmer darauf bestehen können, seine eigene Lanze zu benutzen. Damit hätte er aber dem König vor aller Öffentlichkeit zu verstehen gegeben, daß er ihm nicht traute. Eine solche Demütigung wäre fast einer Kriegserklärung gleichgekommen.

Das Aus-dem-Verkehr-Ziehen von Kandidaten, die man nicht so einfach mit solchen Tricks am Gewinnen hindern konnte, war ebenfalls eine allgemein anerkannte Praxis, wenn auch natürlich nie jemand offen darüber sprach. Es verstand sich einfach von selbst. Selbstverständlich durfte dem Kandidaten nichts Ernstliches geschehen, er mußte nur für ein paar Tage plötzlich erkranken oder etwas in dieser Art. Daß der Kandidat über so etwas nicht sehr erfreut war, war auch klar, aber meistens fügte er sich in die hohe Politik. Doch diesmal nicht.


"Majestät! Prinz Nuitor."

Der Weiße König wurde blaß. Sollte das heißen ...

Die Türe öffnete sich langsam und mit einem enervierenden Quietschen, da gar kein Ende nehmen wollte. Endlich trat der Prinz des Arcadia-Landes ein, eskortiert von vier Rittern, allesamt schwer bewaffnete, furchterregende Krieger.

Man sah Nuitor an, daß er ziemlich schwach auf den Beinen war, sein Gesicht war von unnatürlicher Blässe, und kalter Schweiß stand auf seiner Stirn. Trotzdem trat er aus eigener Kraft vor den König hin und sagte mit hastiger und heiserer, aber dennoch wild entschlossener Stimme:

"Majestät. Auf mich wurde ein Giftanschlag ausgeübt und ich ersuche Euch als Veranstalter dieses Turniers, mir umgehend den Schuldigen zu bringen, damit er bei uns zu Hause hingerichtet werden kann. Ich bin sicher, daß Spione des Schwarzen Königs dabei ihre Hände im Spiel hatten."

Der Weiße König wußte, daß sein Urgroßneffe ganz genau wußte, wer den Anschlag in Wirklichkeit angeordnet hatte, und daß die Erwähnung des Schwarzen Königs nur als Vorwand diente. Seine Forderung nach Hinrichtung war praktisch so gut wie eine offene Kriegserklärung. Aber selbst das genügte dem Prinzen noch nicht. Erregt fuhr er fort: "Solltet ihr mir den Schuldigen nicht bis zum Abend übergeben haben, bedeutet das Krieg. Außerdem verlange ich, daß das Turnier ausgesetzt wird, bis ich wieder im Vollbesitz meiner Kräfte bin."

Er wartete keine Antwort ab, sondern drehte sich brüsk um und verließ dann, gestützt auf einen seiner Krieger, den Audienzsaal.

Von draußen hörte man den Lärm von der Straße und dem Marktplatz hereinschallen. Die Leute waren aufgeregt, fast hysterisch, und verlangten, ihren König zu sehen.

"Was soll ich nur tun?", fragte er verzweifelt in Richtung Adalberts, der einige Schritte neben ihm stand.

"Blast das Turnier ab. Der Schwarze König hat es verflucht, es kann nun nicht mehr stattfinden."

"Und die Geschenke, die Schätze? Und meine Töchter?"

Verzweifelt ließ er den Kopf sinken.

Da trat der Rittmeister vor ihn hin und sagte mit seiner festen, schneidenden Stimme: "Majestät, laßt mich das machen."


Als Rittmeister war Reimund von Walldorff der Chef der Palastgarde, der Polizei der Hauptstadt und auch der Grenzposten. Er war ein Schrank von einem Mann, sehr ehrgeizig, oft grob und verletzend zu seinen Leuten, aber der heimliche oder offene Schwarm eines jeden Mädchens der Weißen Hauptstadt. Er hatte stechend blaue Augen, wildes, rotblondes Haar, manchmal trug er einen Bart, wie es ihm gerade gefiel, und er hatte Bärenkräfte. Als kleiner Junge schon hatte er sich mit jedem Burschen, der ihm dumm daherkam, geprügelt und meistens gewonnen. Allerdings hinkte er seit dieser Zeit ein bißchen. Nicht viel, man sah es nur, wenn man darauf achtete. Bei einer seiner Schlägereien war er von hinten niedergeschlagen worden und war so unglücklich gestürzt, daß er sich das linke Bein mehrmals gebrochen hatte. Doch das hatte ihn nicht an einer steilen Karriere bei der königlichen Garde gehindert, der er seinen ganzen Ehrgeiz gewidmet hatte. Deshalb war er auch noch nicht verheiratet, obwohl er schon über Dreißig war. Für ein Mannsbild seines Kalibers ziemlich ungewöhnlich. Doch er sagte immer: "Wenn ich ein Weib will, dann kriege ich es auch. Wozu heiraten?"

Aber er war nicht nur ein Schläger, sondern auch ein heller Kopf, ein hervorragender Organisator und ein ergebener Diener seines Königs. Und jetzt, in dieser verzweifelten Stunde, wollte er glänzen und sich bewähren.

Als erstes ließ er im Rekordtempo seine Männer antanzen.

"So, ihr Burschen, jetzt wird mal ordentlich rangeklotzt. Du! Du nimmst dir zehn Soldaten und treibst den Pöbel vom Schloß weg."

"Zu Befehl!"

"Du, Hans! Du machst mit deinen Leuten den Turnierplatz dicht. Das Fest fällt aus, klar?"

"Aber ..."

"Quatsch nicht, beweg deinen Hintern, und zwar 'n bißchen plötzlich!"

"Sehr wohl, Herr!"

"Und ihr zwei Figuren kommt mit mir. Ich werde den Höflingelchen eine Ansage machen. Ach ja. Das wichtigste hätte ich beinahe vergessen. Eberhard! Du schwingst deinen Arsch aufs Pferd und schaffst mir die vier Schwachköpfe von der Schwarzen Grenze hierher. Und wenn sie nicht in vier Tagen hier antanzen, dann komme ich mit dem Teufel persönlich und hole sie. Los, Abmarsch! So! Und wer noch übrig ist, besetzt die Posten und die Stadtmauer. Wenn irgendwo Unruhe ausbricht, werden die Leute auseinandergetrieben. Los, bewegt euch gefälligst!"

Dann stapfte er los.

*

Ziemlich verschüchtert saßen Ornella, Olivia, Alessandra und Simona in Olivias Zimmer. Ornella war noch immer geistig ziemlich abwesend, aber immerhin wieder ansprechbar. Sie saß auf einem Kissen am Fenster und blickte hinaus ins Leere - nach Nordwesten, wohin auch Alessandra oft ihre Blicke und Gedanken hatte schweifen lassen. Olivia lag bäuchlings auf dem Bett, den Kopf auf die Hände gestützt, und wippte mit den Beinen. Sie war schockiert und gleichzeitig verärgert über den Verlauf der Dinge. Was hätte es für ein schönes Fest werden können! Gedankenverloren spielte sie mit dem Ring, den der so eilig abgereiste Prinz Sofrejan ihr geschenkt hatte. Was für ein Mann! Daß er quasi Ornella zugeschachert worden war, naja. Vielleicht... Aber dieser verfluchte Schwarze König hatte alles verdorben. Es hatte nur ein Gutes: Sofrejan war jetzt immer noch zu haben.

Alessandra war mit ihren Gedanken ähnlich weit weg wie Ornella. Sie ließ die Frage nicht los, ob der Schwarze Wolf nicht in Wirklichkeit der Schwarze König gewesen sein könnte. Wieder und wieder rief sie sich das Gesicht des Schwarzen Königs in die Erinnerung, als sein Blick den ihren gekreuzt hatte.

Sie schüttelte den Kopf, aber das half ihr auch nicht, ihre Gedanken zu klären.

"Also, ich halte es hier nicht mehr aus", rief Simona entschlossen. Der Rittmeister hat das Turnier abgesagt, und mein Erich ist schon dabei aufzubrechen. Ich... ich muß zu ihm!"

Entschlossen sprang sie auf, doch keine ihrer Schwestern reagierte. Das machte sie unsicher, denn sie hatte mit heftigem Widerspruch gerechnet, doch dann faßte sie Mut und verließ das Zimmer. Sie lief hastig die Wendeltreppe hinab, durch die Vorhalle und zum Schloß hinaus.

Ihre Füße flogen nur so über das Pflaster bei dem Gedanken, der König der Eisleute könnte schon weg sein, doch dann rannte sie durch das Stadttor auf das Lagerfeld und sah noch alle die Zelte aus Bärenfellen da stehen, wo sie in den vergangenen Wochen immer gestanden hatten.

"Erich, Erich!" rief sie und stürmte in sein Zelt.

Der König des Blauen Landes sah sie überrascht an, doch dann lächelte er sie freundlich an und nahm sie in seine starken Arme.

"Wenigstens unsere Verbindung soll von dem Fluch verschont bleiben, den der Schwarze König über dieses Land gelegt hat", meinte er schließlich. "Wenn du es willst, werde ich noch heute deinen Vater um deine Hand bitten."

Der jungen Prinzessin stiegen die Tränen der Freude in die Augen, als sie ihm "ja" zuhauchte. Und dann küßten sie sich lange und innig.

"Also, Mädelchen. Gehen wir." Erich war eben kein Mann langer Worte.

Draußen vor dem Zelt aber stand Olivia. Sie zerrte ihre Schwester beiseite, als sie hinaustrat, und zischte ihr zu: "Bist du verrückt, an so einem Tag ans Heiraten zu denken. Und wie stellst du dir das vor? Bei diesem Wilden! Du kannst doch nicht mit ihm nach wilden Tieren jagen. Hast du schon mal daran gedacht, daß du in Zukunft deine Kleider selbst waschen mußt. Und kochen. Und Tiere schlachten und ausnehmen." Sie verzog vor Ekel das Gesicht.

Simona aber riß sich los und flüchtete zurück zu ihrem Geliebten. Doch dann sah sie ihn fragend an: "Ist das wahr? Muß ich wirklich Bären fangen."

Erich sah sie lange an, doch dann platzte es geradezu aus ihm heraus: ein schallendes Gelächter, und Simona konnte nicht anders, mit ihrer hohen Stimme fiel sie ein, und sie lachten, bis ihnen die Bäuche wehtaten.

Dann nahm Erich die junge Prinzessin an der Hand und marschierte mit ihr zum Schloß. Die Wachen ließen die beiden passieren, da sie keine anderslautenden Instruktionen hatten. Und so trat Erich der Bärentöter vor den gramgebeugten Weißen König hin und rief mit seiner lauten Stimme: "Majestät, hiermit halte ich offiziell um die Hand Eurer Tochter Simona an. Sie ist auch damit einverstanden, und die Hochzeit soll noch heute stattfinden."

Der Weiße König sah die beiden an, als wären sie geradewegs der Klapsmühle entsprungen. Die Wachen schielten schon nervös zu ihren Waffen, doch unternahmen noch nichts.

"Simona, du gehst sofort auf dein Zimmer. Auf der Stelle. Und Ihr, Erich, verlaßt sofort mein Schloß!" brüllte er außer sich.

Die beiden Verliebten waren wie vor den Kopf gestoßen. Und mit dem, was nun folgte, setzte der Weiße König seinem schwärzesten Tag sozusagen das Sahnehäubchen auf.

Erich schnappte sich mit der Linken die Prinzessin, mit der Rechten riß er sein Schwert aus der Scheide, dann stürmte er zur Tür hinaus. Die Wachen, die sich ihm in den Weg stellen wollten, warf er einfach zur Seite. Mit Riesenschritten stürmte er die Rampe hinunter. Am Wachhaus angekommen hieb er mit einem einzigen Schlag einen Ritter vom Pferd, schwang sich selbst darauf, die Prinzessin immer noch unter dem Arm, und galoppierte zur Stadt hinaus.

Mit brüllenden Rufen alarmierte Erich seine Leute. Sie rafften ihre wichtigsten Habseligkeiten zusammen, vergaßen auch das Gold nicht, zündeten dann die Zelte an, schwangen sich auf ihre Pferde und waren so schnell auf und davon, daß die nachrückende Garde nur noch eine Staubwolke sah.


Rittmeister Reimund ließ sie durch das ganze Reich jagen, aber schon nach einem halben Tag hatten seine Leute die Spur verloren. Die Jäger und Fallensteller hatten sich in die dichten Wälder abgesetzt, wo sie so leicht niemand finden und verfolgen konnte.

Und so wurde nicht Ornella, sondern die junge Simona Königin. Zwar nicht die Weiße, aber immerhin die Blaue. Denn als der Trupp Erichs nach zwei Wochen wilder Flucht und Verfolgung durch den überaus hartnäckigen Rittmeister im Eisland eintraf, wo sie in Sicherheit waren, da bestelle der Bärentöter im ersten besten seiner Hüttendörfer, die sie passierten, den Dorfvorsteher, um die Hochzeit zu schließen.

Und Oh Wunder, die blutjunge Königin wurde der ausgemachte Liebling dieses rauhen Volkes, von allen verehrt und geliebt. Ihr fröhliches, unkompliziertes Wesen ließ ihr alle Herzen zufliegen. Und als sie Erich das erste Mal mit auf die Jagd nahm, da erlegte sie zwar keinen Bären, aber immerhin ein Reh. Sie weidete es persönlich unter Erichs Anleitung aus, briet es ihren Leuten am Spieß, und dieses einfache Essen, serviert auf grob zurechtgeschnitzten Holzbrettern an einem rauchenden Lagerfeuer inmitten einer Märchenlandschaft aus Eis und Schnee, war das leckerste, daß sie je in ihrem Leben gegessen hatte.


Über die Kriegserklärung, die ihr Vater ihrem Gemahl schickte, war sie sehr traurig, doch Erich beruhigte sie: zu weit entfernt war das Blaue Land vom Weißen Königreich, als daß eine echte Gefahr bestanden hätte. Im Grunde war es nichts als eine diplomatische Formalität, mit der der Weiße König sein Gesicht wahren wollte.


2. Kapitel - Die Schwarze Königin

Vergangenheit: etwa 12 Jahre früher.

Der Mann hieß Schogan Liss, aber sein späterer Herr sollte ihn meist Numero rufen. Er war Lehrer für Militärstrategie und Organisation an der berühmten herzöglichen Strategenschule von Siinabal, trug den Titel eines Strategen, und als er seinen ersten Mord beging, war er 41 Jahre alt.


Es war dunkel geworden, und der Mond spiegelte sich im Siina-Fluß, der an dieser Stelle an die 500 Meter breit war. Wenn man genau hinsah, konnte man drüben, am anderen Ufer, die Silhouette der Fischerboote erkennen, die der Weiße König seinen Untertanen dort einst geschenkt hatte, damit sie ihm immer frischen Fisch liefern konnten.

Doch für solche Dinge hatte der Mann, der, in einen dunklen Umhang gehüllt, die Uferstraße entlang schlich, keine Zeit.

Aus den Hafenkneipen erscholl Lärm, Musik und lautes Gelächter. Die Leute hatten Grund zum Feiern. Eine große Handelskarawane aus Tansir war heute eingetroffen und die Waren wurden nun hier umgeschlagen. Dies bedeutete ein sehr profitables Geschäft für alle, die daran beteiligt waren. Und die Bürger Siinabals hatten dafür gesorgt, daß keiner der Ihren zu kurz kam. Seit die Stadt im schon ewig dauernden Erbfolgestreit zwischen dem Weißen Königreich und Arcadia-Land ihr Unabhängigkeit endgültig hatte sichern können, hielten die Bürger zusammen wie Pech und Schwefel.

Schogan Liss haßte diese Leute, die in seinen Augen kleinkarierten Krämer waren. Er war zwar hier geboren, damals, als Siinabal zeitweilig zu Arcadia-Land gehört hatte. Dann aber, noch als halbes Kind, war er fortgegangen und in den Dienst des Königs Karl aus dem Norden getreten, und erst vor wenigen Jahren wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt, die inzwischen unabhängig war und von einem Herrscher regiert wurde, der sich Herzog nannte, aber eher der oberste Krämer der Stadt war. Liss hatte gehofft, durch die Unabhängigkeit wäre die Stadt auch weltoffener geworden. In gewissen Sinne war sie das auch: Es kamen mehr Fremde hierher als früher. Siinabal war der ideale Handelsplatz, wenn man von Süden oder Südwesten kam und den Weg bis zur Freien Stadt Gel-Almanaum scheute, die knapp zwei Tagesritte flußabwärts lag. Denn hier gab es eine Brücke über den Siina, eine der ganz wenigen überhaupt. Trotzdem gefiel es Schogan Liss hier nicht; die Leute waren immer noch die gleichen kleinkarierten Spießer. Nur seine Arbeit machte ihm Spaß. Er analysierte vergangene Schlachten und ergründete, warum der eine gewonnen und der andere verloren hatte. Und dieses Wissen brachte er dann seinen Schülern bei. Es waren junge Männer aus allen Reichen darunter, Einheimische natürlich kaum, denn die Stadt war viel zu klein, um eine nennenswerte eigene Armee zu unterhalten. Aber ihre Militärschule war weithin berühmt.

Die Karawane, die heute eingetroffen war, hatte auch unter seinen Schülern Anlaß zu einer spontanen Feier gegeben. Dabei war reichlich Wein und Bier geflossen, nur Liss hatte, wie immer, nichts getrunken. Der Alkohol hatte die jungen angehenden Offiziere gesprächig gemacht, und sie hatten angefangen, mit ihrer Herkunft zu prahlen. In der Tat waren die meisten von ihnen Edelleute, einige hatten sogar königliches Blut in ihren Adern. So hatte Schogan Liss mitbekommen, daß Graf Marmat, ein Leutnantsanwärter, in seiner Stadtwohnung eine beachtliche Summe Geld aufbewahrte, aus der er seinen nicht eben bescheidenen Lebensunterhalt in Siinabal bestritt.

Da hatte der Stratege beschlossen, dieses Geld an sich zu bringen und sich damit irgendwo ein neues Leben aufzubauen. Er entwarf einen sicheren Plan - so sicher, daß er schließlich scheitern mußte.


Nach dem Unterricht waren die Männer, wie üblich, in den bekannten Wirtshäusern am Hafen verschwunden. Liss hatte beschlossen, die Abwesenheit Marmats von seiner Wohnung nicht auszunutzen, denn die Eingangstüre würde verschlossen sein, und Erfahrung als Einbrecher besaß er nicht. Wenn der Graf aber zurückkam, irgendwann tief in der Nacht, dann würde er betrunken sein und die Tür sicherlich nicht mehr hinter sich abschließen. Er würde in sein Bett fallen, falls er es überhaupt so weit schaffte, und bis zum Morgen schlafen. Zeit genug für Liss, die Wohnung zu durchsuchen, das Geld zu stehlen und damit für immer zu verschwinden.

Und so verfolgte er den Grafen heimlich bei seiner Kneipentour, lauerte ihm auf und folgte ihm schließlich, als er kurz vor Mitternacht in Richtung seines Hauses torkelte. Doch er war nicht allein. Zwei seiner Mitschüler waren bei ihm.

Verärgert sah Liss, wie sie zielsicher auf die Wohnung des einen von ihnen zusteuerten, die gleich um die Ecke lag. Es war klar, daß Graf Marmat heute nicht mehr nach Hause kommen würde. Der Stratege unterdrückte einen Fluch. Als militärischer Berater war er in der Theorie eine anerkannte Koryphäe, doch in der Praxis drohte er nun zu scheitern und das machte ihn wütend. Wütend und damit unvorsichtig. Er folgte den Dreien bis zu ihrer Wohnung und wartete dann ab, bis er nichts mehr hörte.

Hastig sah er sich um. In keinem der Häuser brannte mehr Licht. Die Straße, in der er sich befand, führte geradewegs hinunter zum Hafen, und man konnte das leise Plätschern und Murmeln des Flusses hören, wenn es so still war wie jetzt. Nur der Mond spiegelte sich auf den Wellen, die die pechschwarze Oberfläche des träge dahinfließenden Wassers kräuselten.

Liss zuckte zusammen, als irgendwo eine Tür knallte und ein Betrunkener sich mit lauter Stimme von seinen Zechkumpanen verabschiedete. Dann war es wieder ruhig.

Seine Hände waren eiskalt und zitterten ein bißchen. Entschlossen umfaßte er den Griff des Dolches, den er mitgenommen hatte. Das beruhigte ihn etwas. Dann huschte er auf die Eingangstüre zu und drückte sie vorsichtig auf. Er atmete erleichtert auf, als sie lautlos nach innen schwang. Er schlüpfte hindurch, schloß sie wieder, und tastete durch die Dunkelheit an der Wand entlang, bis er auf die Treppe stieß. So leise wie möglich schlich er hinauf. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit, und er konnte sich besser orientieren. Im zweiten Stock führten zwei Türen vom Korridor in zwei Wohnungen. In der einen wohnte vielleicht der Eigentümer des Hauses, in der Wohnung nach vorne, zur Straße hin, sein Schüler. Auch diese Tür war nicht abgeschlossen.

Vorsichtig drückte Liss sie auf. Fast bleib sein Herz stehen, als ihm helles Licht entgegenfiel. Aber es war nur eine Kerze, die zu löschen vergessen worden war. Sie war sowieso schon fast heruntergebrannt und würde bald von selbst ausgehen. Um so besser. Die drei Offiziersanwärter schliefen nämlich tief und fest. Die bekam so schnell keiner mehr wach. Ihr lautes Schnarchen machte den Strategen noch nervöser.

"Kein Wunder, daß ihr so schlecht im Unterricht seid", zischte Liss ihnen verächtlich zu. Ja, er würde es schaffen und als reicher Mann woanders ein neues Leben anfangen. Nie wieder würde er sich mit solchem blasierten Pack herumärgern müssen.

"Idioten wie Euch zu unterrichten, ist wahrhaftig Perlen vor sie Säue geworfen."

Der ganze Haß, den er so lange in sich getragen hatte, brach aus ihm hervor und er verfluchte sein Schicksal und die, die seiner Ansicht nach daran schuld waren.

Als die Tür leise aufschwang, hörte er es nicht.

"Ruhig jetzt, Schogan", flüsterte er zu sich selbst. "Mit denen rechne ich später ab. Ich werde sie alle vernichten. Alle vernichten!"

Er wandte sich Graf Marmat zu und wollte ihm den Schlüssel von seinem Gürtel, an dem er hing, herunterschneiden, als ihm der Beutel mit Golddublonen auffiel, der direkt daneben hing. Er schnitt auch diesen ab und steckte ihn ein. Die anderen mußten doch auch Geld bei sich haben. Er beugte sich über den nächsten, fand den Goldbeutel und nahm ihn an sich. Dann sah er sich nach dem Dritten um. Sein Blick streifte die Tür, und als er den kleinen Jungen darin stehen sah, der ihn schon wer weiß wie lange beobachtet hatte, da blieb ihn fast das Herz stehen.

Was danach geschah, daran konnte er sich nicht mehr so genau erinnern. Er stieß einen erstickten Laut aus und warf sich auf das Kind. Was er getan hatte, wußte er nicht mehr, aber plötzlich war alles voller Blut, und der Junge brach polternd auf dem Boden zusammen. Irgendwo wurde eine Tür geöffnet und ein Name gerufen, aber Schogan Liss war bereits die Treppe heruntergestürmt. Gerade, als er ins Freie trat, ertönte oben der Schrei, ein gellender Schrei, der sofort die halbe Straße aufweckte.

In blinder Panik floh der Stratege, immer mehr in die Enge getrieben, bis ihm schließlich durch den Fluß die Flucht aus Siinabal gelang. Es graute schon der nächste Morgen, als er völlig erschöpft am anderen Ufer zusammenbrach.

Hier war das Weiße Königreich, aber in Sicherheit war er noch lange nicht. Im Gegenteil. Beide Seiten buhlten stets um die Gunst der unabhängigen Städte, und die Weiße Garde würde sich daher alle Mühe geben, einen flüchtigen Verbrecher zu fangen und den Richtern Siinabals zu übergeben. Wie das Urteil lauten würde, das war dem Strategen klar: Tod durch Scheiterhaufen, vorher wahrscheinlich noch Folter. Mit letzter Kraft floh er ins Unterholz.

Später überfiel er eine alte Kräuterfrau und nahm ihr das Essen weg. Dann versteckte er sich wieder in den Wäldern. Er wandte sich nach Nordwesten, sein Ziel war das Schwarze Königreich. Dieses Land war eine Legende, und wenn es für einen wie ihn Erlösung oder ewige Verdammnis gab, dann dort. Und so floh er weiter, wich Dörfern aus, überfiel des Nachts einzelnstehende Bauernhäuser, tötete manchmal die Bewohner, wenn sie Widerstand leisteten, und bewegte sich auf vielen verschlungenen und dunklen Pfaden auf das Schwarze Reich zu.

Einmal wurde er fast von einer Patrouille gefangen. Es war Nacht und er fühlte sich sicher. Vor ihm lag ein großer Bauernhof, den er schon den ganzen Tag beobachtet hatte. Er hatte nur vier Bewohner gezählt, darunter einen sehr alten Mann und zwei Kinder. Und mit dem Bauern, der keinen sehr kräftigen Eindruck gemacht hatte, würde er schon fertig werden.

Der Wald reichte bis dicht an den Hof heran, so konnte Schogan unentdeckt bis fast an das Wohnhaus gelangen. Doch irgend etwas warnte ihn, etwas war nicht so, wie es sein sollte.

Die Pferde! Er hörte deutlich das Scharren ihrer Hufe im Stall und das Klirren des Zaumzeugs. Und es waren viele. Nein, nur weg von hier!

"Da, Leutnant von Walldorff. Da läuft einer!"

"Los, du verdammter Penner, mach' endlich das Tor auf! Wenn er entwischt, dann reiß ich euch den Arsch auf, verlaßt euch drauf!"

Aber da war Schogan schon im dichten Unterholz verschwunden. Zum Glück hatten sie keine Bluthunde dabei.

Die Soldaten suchten ihn die ganze Nacht, und die schneidende Stimme des Reiter-Leutnants, der ihm diese Falle gestellt hatte, würde er nie vergessen. Solche Schüler hätte er sich in Siinabal gewünscht. Aber sie fanden ihn trotzdem nicht.


Es war kurz nach dem ersten Schnee, als er das Unendliche Land erreichte.

Er war stark abgemagert, aber er hatte gelernt, Hunger und Strapazen zu ertragen. Ein langer, struppiger Bart verdeckte sein Gesicht, seine Kleider, die er vor einigen Wochen einem Handelsreisenden geraubt hatte, waren ihm zu klein und starrten vor Dreck. So stapfte er durch den Schnee, immer die Grenze vor Augen, hinter der sich sein Schicksal erfüllen mußte, so oder so.

Und dann überschritt er sie, diese nirgends markierte und doch für Jeden fühlbare Grenze, die das Weiße Königreich vom Unendlichen Land trennte. Unmittelbar dahinter brach er zusammen. Aber keine Ohnmacht erlöste ihn. Er lag einfach nur so da, im Schnee, der wie ein weißer, dünner Flaum das Land in der Nacht weiß gefärbt hatte, und starrte mit weit geöffneten Augen ins Nichts.

Langsam kroch die Kälte in ihm hoch. Wie lange er so da lag, wußte er nicht. Und nur unbewußt registrierte er, was um ihn herum vorging. Tiere und Vögel, die er noch nie gesehen hatte und nur aus Büchern kannte, streunten hier frei herum und suchten sich ihre Nahrung. Es waren auch Raubtiere dabei, große scheue Wildkatzen und sogar ein prächtiger Luchs, doch aus irgendeinem Grund mieden sie den langsam erstarrenden Menschen.

Bunte Vögel flatterten in den dunklen Ästen der Nadelbäume umher und hackten unter der Rinde nach Larven. Liss erinnerte sich, daß er im Weißen Land hauptsächlich Hasen, Ratten und Mäuse gesehen hatte, also Tiere, die sich in der näheren oder weiteren Umgebung menschlicher Siedlungen und Äcker wohl fühlten. Hier jedoch war die Natur völlig wild und unberührt. Ein schöner Ort, um zu sterben. Auch für jemanden wie ihn, denn er war sich durchaus darüber im Klaren, daß er große Schuld auf sich geladen und den Tod verdient hatte.

Dann brach die Nacht herein. Schogan Liss fühlte nun die Kälte nicht mehr, aber er wußte, daß er am nächsten Morgen nicht mehr aufwachen würde. Ruhe und Frieden begannen, sein Herz zu erfüllen.

Wieder schlich sich ein Tier durch das Unterholz auf die Lichtung zu, an deren anderem Rand er lag. Es war ein Wolf, ein riesiger, schwarzer Wolf mit hellblauen Augen, dessen Fell im Mondlicht manchmal seltsam licht schimmerte.

Langsam kam der Wolf auf ihn zu, und plötzlich konnte Schogan sich wieder etwas bewegen. Floß ihm von den dunklen Mächten neue Kraft zu? Sollte er noch nicht sterben?

Der Wolf setzte sich vor ihn und wartete, bis Schogan sich ebenfalls in eine sitzende Position gebracht hatte. Er sah den halberfrorenen Mann mit einem fast spöttischen Blick an, und Schogan fühlte eine Ergriffenheit, wie nie zuvor in seinem Leben, obwohl er keine Ahnung hatte, was eigentlich geschah.

"Wer bist du?", fragte der Wolf mit ruhiger Stimme.

Zunächst brachte Liss nur ein Krächzen heraus und er versuchte, sich zu erinnern, wann er überhaupt das letzte Mal ein Wort gesprochen hatte. War es nicht in der Militärschule gewesen? Nein, auch unterwegs hatte er manchmal zu den Leuten, die er in seine Gewalt gebracht hatte, gesprochen, wenn sie da noch am Leben gewesen waren.

Er holte tief Luft und fühlte auf einmal wieder die Kälte dieser Winternacht.

"Ich bin Schogan Liss. Ich bin Strategielehrer, Dieb und mehrfacher Mörder."

Und dann brach die ganze Geschichte aus ihm heraus. Der Wolf besaß schon damals die Fähigkeit, Menschen, die eine große Last trugen, zum Sprechen zu bringen.

Die halbe Nacht erzählte Schogan die Geschichte seines Lebens, und als er geendet hatte, da war er bereit für den Tod oder für ein neues Leben.

Der Schwarze Wolf hatte ihm die ganze Zeit schweigend und aufmerksam zugehört. Nun blickte er dem Mann lange und tief in die Augen.

"Du bist hier willkommen, denn du hast aus deinen Fehlern gelernt. Wenn du bereit bist, mit all deiner Kraft meinem Herrn zu dienen, dann darfst du bleiben und er wird sich um dich kümmern. Wo nicht, werde ich dich sogleich verlassen, und du wirst hier sterben, in Frieden und Stille."

"Ich schwöre bei allem, was mir noch geblieben ist, daß ich deinem Herrn dienen und auch mein Leben für ihn geben werde, wann immer er es verlangt."

"Dann folge mir!"


Schogan Liss ging davon aus, daß der Schwarze König diesen Wolf geschickt hatte. Doch er irrte sich. Er kam von seinem Sohn. Noch regierte dessen Vater, und noch war seine Stunde nicht gekommen. Doch er bereitete sich darauf vor.

*

Seit dem so katastrophal gescheiterten Turnier waren einige Tage vergangen. Die Menschen im Weißen Königreich hatten sich von dem Schrecken wieder erholt, und die Ritter, die beim Turnier hatten kämpfen wollen, waren unverrichteter Dinge nach Hause zurückgekehrt. Wenigstens hatte die meisten von ihnen trotz ihrer Enttäuschung Verständnis dafür, daß das Turnier wegen des Fluches hatte abgesagt werden müssen, und waren ohne großes Murren abgezogen. Einige waren sogar recht zufrieden. Die vier Weißen Prinzessinnen waren zwar im Moment nicht mehr zu vergeben, aber es gab ja noch andere gute Partien.

Doch für den Weißen König war es noch lange nicht vorbei. Weiteres Ungemach näherte sich dem Palast in Form eines Boten aus Arcadia-Land. Es war nur ein einzelner Reiter. In der einen Hand hielt er die Fahne seines Königs, in der anderen eine versiegelte Pergamentrolle. Es war nicht schwer zu erraten, was ihr Inhalt war.

Der Reiter wurde in die Hauptstadt eingelassen. Ohne zu zögern ritt er durch die Straßen geradewegs auf den Palast zu. Vor dem Wachhaus stieg er ab. Ein Lakai sprang herbei und kümmerte sich um das Pferd, dem man den langen und strapaziösen Ritt ansah. Der Bote warf dem Stallburschen eine Münze zu, dann marschierte er entschlossen die Rampe hinauf.

Wäre der Rittmeister nicht persönlich hinter der geflüchteten Prinzessin Simona her gewesen, dann hätte der arcadische Bote wohl nicht so leicht eintreten können. So aber wagte es keiner der Wachen, ihn abzuweisen. Sie kündigten ihn beim Weißen König an, und dem blieb nichts Anderes übrig, als ihn zu empfangen.

Der König saß auf seinem reichverzierten Thron, als der Bote eintrat. Er trat vor den Weißen König hin, verbeugte sich höflich und übergab dem König dann das Schreiben seines Herrn. Zum Schluß sagte er: "Es wurde mir aufgetragen, sofort wieder abzureisen und nicht auf Antwort zu warten. Verzeiht mir, Majestät, aber ich bitte um die Erlaubnis, mich entfernen zu dürfen."

Schicksalsergeben winkte der König ihm zu. Der Bote verließ den Audienzsaal, nahm sein Pferd und ritt wieder davon.

Aufgeregt erbrach der Weiße König das Siegel und öffnete die Rolle. Doch schon die schwarze Umrandung des Schreibens zeigte ihm, daß es sich um die Kriegserklärung handelte.

"Ihr dürft jetzt nicht verzweifeln, Majestät", versuchte Adalbert ihn zu trösten. "Wir haben schon oft mit Arcadia-Land Krieg geführt."

"Aber diesmal, das fühle ich, steht der Kampf unter keinem guten Stern." Er schüttelte den Kopf. Wäre doch nur die Hexe Elysiss dagewesen, um ihm einen Rat zu geben.


Am Abend traf ein weiterer Bote ein, diesmal von Rittmeister von Walldorff. Er konnte nur berichten, daß der Suchtrupp die Spur der Eisleute im dichten Wald wieder einmal verloren hatte, daß er aber nicht ans Aufgeben dachte. Und dann kam noch jemand.

Wie vier arme Sünder schlichen sich die Posten, die an der Schwarzen Grenze Wache hätten halten sollen, ins Schloß. Sie erwarteten, vom Rittmeister bestraft zu werden, doch als der König erfuhr, daß sie da waren, befahl er sie persönlich zu sich.

"Durch euer schändliches Versagen habt ihr größtes Unheil in meinem Land zu verantworten!"

Er ließ ihnen keine Gelegenheit, sich zu verteidigen. Die Sache war klar und entschieden.

"Ihr alle habt eure Pflichten auf das schlimmste verletzt. Das unbemerkte Eindringen des Schwarzen Königs hat meinem Volk und der Krone schlimmsten Schaden zugefügt. Dafür gibt es nur eine Strafe, den Tod!"

Alles Betteln und Flehen um Gnade half nichts. Schon am anderen Tag ließ der König die vier Unglücklichen zum Schafott führen.


Das Fallbeil war auf dem großen Marktplatz am Fuße des Aufganges zum Schloß aufgebaut worden. Alles Volk der Hauptstadt hatte sich versammelt, um zuzusehen, wie die Schuldigen an ihrem Unglück ihrer gerechten Strafe zugeführt wurden. Zweifel, ob es die richtigen traf, wurden nicht laut.

Der General stand neben dem Schafott und kommandierte die Hinrichtung.

Oben, auf der Rampe, standen der König, der Majordomus und die drei übriggebliebenen Prinzessinnen.

Die vier Posten waren bis auf die Unterwäsche entkleidet und gefesselt worden. Man hatte sie neben dem Fallbeil antreten lassen, wo sie von schwer bewaffneten Soldaten bewacht wurden.

"Volk des weißen Landes", erhob nun General Aistimarat seine Stimme. "Durch die Unachtsamkeit dieser vier Männer, die auf das übelste ihre Pflicht vernachlässigt haben, konnte der Schwarze König in unser Land eindringen und seinen Fluch über unseren König und uns alle bringen. Laßt uns beten, daß diese Strafe den Bann wieder bricht und die Götter versöhnt."

Dann wandte er sich den Vieren zu: "Seid ihr bereit, eure gerechte Strafe entgegenzunehmen?"

Er wartete die Antwort nicht ab und befahl: "Führt den ersten hinauf."

Lanzen senkten sich und trieben den Mann vor sich her. Ohne Gegenwehr stieg er die Treppe hinauf und kniete sich vor dem Holzblock hin, auf dem er nun gleich seinen Kopf verlieren sollte.

Trommelwirbel setzt ein, der Henker zog die schwere Klinge am Gerüst nach oben, Zug um Zug. Dann gab der General einen Wink, und Stille kehrte ein.

Den entscheidenden Befehl mußt der König geben. Alle Augen waren jetzt auf ihn gerichtet. Schon hob er die Hand, da begann vor ihm, die Luft zu flimmern, blaue Funken tanzten für einen Moment in der Luft, und die leuchtende Gestalt einer Frau erschien vor ihm und dem ganzen Volk - Mistress Elysiss.

"Halte ein, König! Diese Männer sind unschuldig. Der Schwarze König hatte sich in einen Wolf verwandelt, als er die Grenze überquerte, tief im Wald. Sie konnten ihn gar nicht finden. Laß sie frei."

"Hexe Elysiss, Beschützerin unseres Reiches. Warum hast du uns diesmal nicht geholfen?"

"Auch ich vermag das Schicksal nicht aufzuhalten. Aber Du, König, kannst es. Handle jetzt klug und weise, dann kannst Du das Verderben abwenden."

"Aber was soll ich tun? Meine jüngste Tochter wurde entführt und deswegen sind wir mit dem Blauen Königreich im Krieg, zwei weitere meiner Töchter sind vom Schwarzen König verhext worden. Arcadia-Land hat uns den Krieg erklärt, und die Imperatrice der Sonneninsel ist ebenfalls kurz davor. Alle Fürsten und Könige sind zutiefst erzürnt, und über meinem Reich liegt der Fluch des Schwarzen Königs. Es gibt jetzt auch keinen Nachfolger für mich. Was kann ich noch tun?" Aus seiner Stimme klang die Verzweiflung.

Die Hexe lächelte ihn seltsam und unergründlich an.

"Ich könnte es dir sagen, aber ich befürchte, daß dies alles noch viel schlimmer machen würde."

"Oh nein, sag es mir. Ich tue alles, was du verlangst. Ich schwöre es."

Atemlos lauschte das Volk, lauschten die Prinzessinnen den Worten der Hexe.

"König, schwöre nicht. Du weißt, daß ich manchmal die Zukunft sehen kann, und heute sehe ich, daß du deinen Schwur brechen wirst, noch bevor du dein Schloß wieder betrittst."

"Niemals, Mistress Elysiss. So sage mir doch, was ich tun soll."

Wieder lächelte die Hexe. Es war ein kraftloses, sehnsüchtiges Lächeln, so als ob sie etwas verloren hatte und nie wiederfinden konnte.

"Nun gut, wie du es wünschst. So höre also: Es wird alles gut, wenn du akzeptierst, daß der Schwarze König nicht dein Feind ist."

Ein Aufschrei der Empörung ging über den Platz. Der König wurde rot vor Zorn und griff nach seinem Schwert. Die Wachen wollten sich auf die Hexe stürzen, aber sie löste sich vor ihren Augen auf. "Ja, geh nur, du falsche Schlange. Verflucht seist du, Verräterin. Ersaufen sollst du in dem Sumpf, aus der du einst entsprungen bist, du verdammte Hexe", schrie der König außer sich. Wild fuchtelte er mit seinem Schwert herum, doch der Feind war nicht mehr da.

"Von nun an wird jeder getötet, der den Namen dieser Hexe in meiner Gegenwart ausspricht. Und nun richtet diese vier Verbrecher hin!"


Damit hatte der König auch seinen letzten Freund verloren. Er war allein, sein Reich stand auf verlorenem Posten, die Menschen waren verunsichert und wegen des Fluchs verzweifelt.

Wenn man ihnen gesagt hätte, daß es gar keinen Fluch gab, hätten sie es nicht geglaubt, denn es kann manchmal sehr schwer sein, jemanden von etwas zu überzeugen, was er nicht glauben will.

Der Weiße König gab den Befehl, sofort zum Krieg gegen Arcadia-Land zu rüsten.

*

Alessandra erwachte aus einem unruhigen Schlaf. Irgend etwas hatte sie geweckt, vielleicht nur ein Gefühl. Oder war es der Schwarze Wolf gewesen, der ihr im Traum erschienen war und sie gewarnt hatte?

Es war tief in der Nacht, aber der Mond spendete ein dünnes, fahles, geisterhaftes Licht. Man konnte nur die Umrisse der Dinge erahnen, und hinter jeder Ecke schienen sich unheimliche Schatten zu tummeln.

Alessandra erhob sich lautlos aus ihrem Bett und schlich zur Tür, die nur angelehnt war. Draußen raschelte es leise. Entschlossen zog sie die Türe auf und blickte in das erschrockene Gesicht Ornellas, das durch den Kerzenschein im Gang beleuchtet wurde.

"Schwester, was tust du hier?", zischte sie.

"Laß mich, Pferdchen. Ich gehe zu ihm!"

Alessandra brauchte nicht zu fragen, zu wem ihre älteste Schwester gehen wollte. Sie blickte an Ornella herab.

"Barfuß? Im Schlafanzug?"

Trotzig warf Ornella den Kopf zurück, und ihre dicken, schwarzen Zöpfe tanzten um ihre Schultern.

"Ich würde auch auf Knie zu ihm rutschen, wenn es sein muß", zischte sie erregt zurück. Ihre Stimme klang verzweifelt und entschlossen zugleich.

"So sehr liebst du ihn. Wie ist das nur möglich?"

"Ich ... ich weiß es nicht. Aber ... ich weiß nur, daß ich ihn liebe. Mehr als alles andere. Und nur das zählt noch für mich."

"Wie willst du denn da hinkommen? Der General hat die Grenzposten verstärkt. Überall werden Soldaten ausgehoben. Sie würden dich doch nie durchlassen. Und wenn Vater erfährt, wohin du unterwegs bist, dann ... Sogar mit unserer Beschützerin, der guten Hexe Elysiss, hat er sich deswegen überworfen."

"Deswegen fliehe ich ja. Ich kann hier nicht mehr atmen. Ich spüre es in meinem Herzen: ER ist kein schlechter Mensch."

"Du hast recht, auch ich empfinde so", bestätigte Alessandra überzeugt.

"Liebst du ihn etwa auch?", fragte Ornella lauernd.

"Nein. Komm." Sie nahm Ornellas Hand und zog sie in ihr Zimmer. Ornella hockte sich auf das Bett, und Alessandra kniete sich ihr gegenüber auf die andere Seite, dann rutschte sie noch ein Stück näher, so daß ihre Gesichter sich fast berührten. Beide fühlten auf einmal eine seltsame Verbundenheit zueinander, wie sie sie nie zuvor gekannt hatten. In der Dunkelheit des Zimmers konnten sie einander fast nicht sehen, doch sie spürten die Gegenwart der anderen dafür um so stärker.

"Ich habe noch nie jemandem erzählt, was ich auf meiner letzten Flucht erlebt habe. Ich war im schwarzen Königreich", flüsterte sie Ornella ins Ohr. Und auf ihren Wangen fühlte sie die Hitze der Erregung, die ihre Schwerster bei diesen Worten durchfuhr.

"Dort traf ich auf einen riesigen schwarzen Wolf, der zu mir gesprochen hat." Sie ergriff Ornellas Arm und hielt ihn fest. "Ja, wir haben uns die halbe Nacht unterhalten, und ich habe mich in sein Fell gekuschelt und ihm von meiner Einsamkeit erzählt. Und dann haben mich die Soldaten gefangen und zurückgebracht." Sie seufzte. "Und dieser Wolf, ich glaube, es war in Wirklichkeit der Schwarze König. Diese Augen ... ich kann diesen Blick nicht vergessen."

Ornella öffnete die Lippen, doch dann sagte sie nichts und fuhr zärtlich mit ihrer Hand über die Haare und das Gesicht ihrer Schwester. Sie küßte ihre Stirn. Nach all diesen Jahren waren sie nun durch ein unsichtbares, aber unzerreißbares Band miteinander verbunden. Aber waren sie das nicht im Grunde schon immer gewesen?

"Oh, Schwester, geliebte Schwester. Was soll nur aus uns werden?"

Eine Zeitlang saßen sie einfach nur so da in der Dunkelheit, und jede hing ihren Gedanken nach.

"Ich werde dich hinführen", sagte Alessandra schließlich. "Zusammen können wir es schaffen. Ich kenne den Weg. Aber es wird ein schwerer Ritt."

"Ich würde alles auf mich nehmen, IHN wiederzusehen."

"Dann zieh' dich an und pack' deine Sachen zusammen. Und vergiß nichts. So schnell kommst du nicht mehr hierher zurück."

Ornella erhob sich und schlich sich leise aus Alessandras Zimmer.

Nebenan lag Olivia hellwach in ihrem Bett und rang mit sich selbst. Sollte sie sagen, sie habe geschlafen und die Fliehenden nicht gehört? Oder sollte sie die Wachen rufen, jetzt gleich und sofort? War Ornella von diesem Schwarzen Dämon verzaubert worden? Er hatte sie alle angesehen, aber sie selbst hatte nichts gespürt. Vielleicht liebte die arme Ornella ihn wirklich. Aber er hatte ihr Land ins Unglück gestürzt.

Und während sie noch mit sich kämpfte, hörte sie unten leises Wiehern und das Scharren von Pferdehufen. Irgendwie war sie froh, daß ihr die Entscheidung abgenommen worden war. Doch dann dachte sie daran, daß sie jetzt schon ihre zweite Schwester verlor. Sie vergrub ihr Gesicht im Kissen.


So leise es ging, führten Alessandra und Ornella ihre Pferde heraus. Die Tiere schienen zu spüren, daß viel auf dem Spiel stand, und bewegten sich so leise wie möglich. Doch leider ließ es sich nicht vermeiden, daß ihre Hufeisen auf dem Pflaster des Vorplatzes deutlich zu hören waren.

Und noch vor dem Verlassen des Platzes wurden die beiden Frauen von einem Posten gestoppt. "Halt, wer da?"

"Wir sind es, Prinzessin Ornella und Prinzessin Alessandra. Wir haben Nachricht von unserer entführten Schwester und müssen sofort aufbrechen."

Der Soldat ließ die beiden passieren, was den Mädchen fast wie ein Wunder vorkam. Daß einer diese faustdicke Lüge glauben würde, hatten sie nie ernsthaft vermutet.

Mutig geworden, bestiegen sie ihre Pferde und ritten den Rest des Weges bis zum nördlichen Stadttor. Dieses war natürlich verschlossen und bewacht.

"Öffnet im Namen des Königs."

"Wer da? Oh, die Prinzessinnen. Ich werden meinem Hauptmann Meldung machen."

"Meldung kannst du später machen", zischte Ornella der Wache zu, während Alessandra sich möglichst unauffällig vom Pferd schwang und sich geduckt von hinten an den Soldaten heranschlich. Und während er noch mit Ornella lamentierte, zog die Prinzessin ihm mit dem Knauf ihres Schwertes kräftig eins über den Schädel.

"Schnell jetzt!"

"He, was ist denn da vorne los?"

"Alessandra, um Himmels Willen, beeil' dich."

Mit der Kraft der Verzweiflung zerrte Alessandra an dem massiven Tor, und endlich schwang es auf.

"Da will einer fliehen. Wache! Holt doch endlich die Wache!"

Es waren aufgeregte Stimmen in der Nacht, und sie kamen schnell näher. Zwei Posten mit Laternen kamen um die Ecke gerannt, doch da hatte sich Alessandra schon wieder in ihren Sattel geschwungen und galoppierte los, was das Zeug hielt.

Im Moment waren sie erst mal in Sicherheit, doch jetzt war die halbe Stadt alarmiert. In wenigen Minuten würde ihnen die erste Patrouille folgen.

Daher ritten die Beiden nicht nach Norden, sondern in weitem Bogen querfeldein nach Osten um die Stadt, bis sie die Hauptstraße nach Gel-Almanaum erreichten. Hier würde man sie so schnell nicht suchen.

Sie galoppierten die halbe Nacht durch und brachten eine beachtliche Strecke zwischen sich und ihre Verfolger, die sie wahrscheinlich im Nordwesten vermuteten. Dann verließen sie die Straße und ritten langsam durch einen tiefen Wald. Die Pferde waren erschöpft, und als der Morgen graute, da machten sie endlich Rast und schliefen ein.


"Ich denke, wir müssen erst mal rausfinden, wo wir sind", meinte Ornella zu ihrer Schwester, nachdem sie gegen Mittag wieder erwacht waren und ein verspätetes Frühstück aus ihrem Proviant zu sich genommen hatten.

"Irgendwo im Osten. Aber das ist nicht so wichtig. Von nun an halten wir uns möglichst genau nach Norden, dann sehen wir in ein paar Tagen zu unserer Linken im Westen das Schwarze Gebirge. Man kann es eigentlich nicht verfehlen."

Ornella sah ihre Schwester skeptisch an. Sie war noch nie allein so weit von Zuhause fortgeritten.

"Ich hoffe, du behältst recht, Pferdchen." Diesmal sprach sie es nicht spöttisch, sondern fast bewundernd aus.

"Aber natürlich, große Schwester."

Sie lachten beide, obwohl sie immer noch ziemlich müde und vom langen Nachtritt erschöpft waren. Doch sie mußten weiter.

Sie ritten in der Nacht und versteckten sich am Tag. Da sie meist über Pfade und Waldwege ritten und sich von den Hauptstraßen fernhielten, und es nördlich der Hauptstadt auch nicht so viele größere Ansiedlungen gab, begegneten sie nur wenigen Menschen. Und schon nach ein paar Tagen hätten sie auch niemand mehr als die Prinzessinnen erkannt. Gelegenheiten zu baden und ihre Kleider zu waschen gab es nämlich unterwegs nicht viele. Und als auch noch die Vorräte ausgingen und sie gezwungen waren, von Beeren und Pflanzen zu leben, die sie unterwegs fanden oder auf den Äckern stahlen, da verging ihnen endgültig die gute Laune.


Nach knapp einer Woche wurde das Gelände uneben und leicht hügelig. Doch von den Schwarzen Bergen war weit und breit nichts zu sehen.

"Mist", schimpfte Ornella.

"Hmm?"

"Meine Schuhe. Jetzt sind sie endgültig hin."

"Das sind ja auch keine richtigen Schuhe wie meine, sondern nur diese Palast-Pantoffeln. Daß die keine Woche auf einer harten Tour aushalten würden, hätte ich dir gleich sagen können."

Wütend schleuderte Ornella die auseinandergefallenen Stoffpantoffeln ins Unterholz.

"So, so. Und kannst du mir auch sagen, woher ich hier neue bekommen soll?"

Alessandra antwortete mit einem vielsagenden Grinsen.

Doch im Laufe der nächsten Tage entdeckte Ornella, daß sie mit dem, was ihr die Natur so mitgegeben hatte, besser zurechtkam, als sie je vermutete hatte.


Einige Tage später.

"Alessandra. Ich habe solchen Hunger. Warum läßt du mich nicht in das Dorf gehen, an dem wir gestern nacht vorbeigeritten sind. Dort gibt es bestimmt was. Geld haben wir doch genug."

"Das kommt überhaupt nicht in Frage. Du bist wohl verrückt. Unser Vater läßt uns doch bestimmt immer noch überall suchen."

"Aber ich habe Hunger. Und uns erkennt sowieso keiner mehr."

Sie blickte auf ihre schmutzigen, staubbedeckten Füße herab, dann streckte sie einen Alessandra entgegen und zeigte darauf.

"Hier sieh! Sieht so eine Prinzessin aus? Jeder wird mich für eine Zigeunerin halten. Oder noch was Schlimmeres."

"Zwei junge Frauen mit Pferd. Wie viele davon, glaubst du, sind wohl im Moment im Reich allein unterwegs und werden per Steckbrief gesucht? Nein, nein. Wie sind viel zu auffällig."

"Dann gehe ich eben alleine und zu Fuß, und du paßt auf die Pferde auf. Ich muß endlich mal wieder was Richtiges essen. Bitte!"

"Also gut." Alessandra seufzte ergeben. "Und bring mir was mit. Und sei vorsichtig."

Kurz darauf betrat Ornella die Straße, die durch den Wald zu dem kleinen Dorf führte. Den Beutel mit Silber- und Goldmünzen hatte sie bei Alessandra zurückgelassen und nur ein bißchen Kleingeld mitgenommen, denn eine zerlumpte Frau wie sie wäre mit dem vielen Geld zu sehr aufgefallen.

Die Straße war nicht befestigt, und der von der Sonne gewärmte Sandboden fühlte sich unter ihren Fußsohlen weich und angenehm an. In Gedanken weilte sie im Schwarzen Reich. Sie stellte sich vor, wie sie ihm - IHM! - entgegentreten würde. Was würde er sagen, wenn er sie so vor sich sah?

Sie war so tief in Gedanken versunken, daß sie den sich von hinten nahenden Wagen erst hörte, als der Bauer, der ihn fuhr, sie anrief: "He da!"

Zu Tode erschrocken fuhr sie herum. Doch der Mann machte nicht die geringsten Anstalten, etwas gegen sie zu unternehmen. Im Gegenteil: "Willst du mitfahren? Ich kann dich ein Stück mitnehmen, bis ins Dorf."

Ornella atmete erleichtert auf. "Danke. Dort will ich auch hin. Ihr seid sehr freundlich, Herr."

Sie stieg auf, und dabei hatte der Bauer Gelegenheit, sie näher zu betrachten.

"So schöne Frauen wie dich sieht man hier nur selten allein unterwegs."

Ornella holte in Gedanken tief Luft. Sie mußte sich jetzt ganz schnell eine Geschichte ausdenken, die ihr dieser Mann auch glauben würde. Doch da sie in solchen Sachen eigentlich, wie ihr nun wieder einfiel, sehr geübt war, sollte es doch möglich sein, diesen Bauerntrampel um den kleinen Finger zu wickeln. Nein, der hatte nicht das Format, sie aufzuhalten.

"Ich kann nicht darüber reden. Ich darf es nicht. Eigentlich dürfte ich gar nicht hier sein." Sie unterstrich ihre fast geflüsterten Worte mit einem schmachtenden Augenaufschlag und ließ ihre Wangen leicht erröten.

Der Bauer ließ sein Gespann wieder anfahren, dann sah er sie fragend an. Neugier und Mitleid spiegelten sich in seinem Gesicht.

Ornella schüttelte den Kopf. "Nein, ich habe schon zu viel gesagt."

"Woher kommst du denn?"

"Von weit her, aus dem Osten."

"Von der Stadt Trok?"

Trok war die letzte große Stadt des Weißen Königreiches vor der Grenze zum Botha-Land, das nordöstlich an das Reich angrenzte. Wer ins Blaue Land reiste, der konnte es zum Beispiel durch das Botha-Fürstentum tun. Ebenso gab es eine gut ausgebaute Straße zum Reich Karls.

"Trok? Äh, ja. Ja, so ist es!"

Sie sagte es absichtlich so, daß es wie eine Lüge klang.

Und so ging das Gespräch eine Zeitlang hin und her. Sie erfuhr eine Menge von dem Bauern und tat so, als würde sie ihm nach und nach ihr großes Geheimnis anvertrauen: Daß sie dem Blauen Volk entstammte und vom König Erich bei dessen Flucht zurückgelassen worden war, weil sie ihn geliebt hatte und sich mit seiner Verbindung zur Weißen Prinzessin Simona nicht hatte abfinden können, nun aber von Reue erfaßt zu ihren Leuten zurückkehren wollte.

Als sie vom Bauern erfuhr, daß inzwischen Krieg zwischen dem Weißen und dem Blauen Reich herrschte, da tat sie zutiefst erschrocken und flehte ihn an, sie nicht zu verraten.

"Bitte, Herr! Seid gnädig. Ich bin keine Feindin."

"Keine Angst, schönes Kind. Auf den guten alten Josef kannst du dich verlassen." Er strahlte Ornella mit seinem Lückengebiß an.

Ja, es war für ihn Ehrensache, der armen verlorengegangenen Schönen zu helfen.

Kurz darauf fuhren sie ins Dorf ein. Der Bauer lud sie ins Wirtshaus ein und stellte sie als entfernte Verwandte vor, die zu Besuch hatte kommen wollen, aber nur knapp den Räubern, die hier ihr Unwesen trieben, entkommen war.

Später, nachdem sie gegessen und Vorräte eingepackt hatte, verabschiedete sie sich von Josef: "Ich danke Euch tausendmal für Eure Hilfe. Ich werde Euch das nie vergessen." Dann hauchte sie ihm einen Kuß auf die Stirn und lief davon.

Am späten Nachmittag fand sie Alessandra wieder und erzählte ihr, wie es ihr ergangen war. Und die Bewunderung, die sie ihr wegen ihrer klugen List zollte, machte Ornella ein bißchen stolz.

"Hier, sieh! Die Vorräte. Und ich habe noch nicht mal was bezahlen müssen." Sie seufzte. "Fast habe ich ein schlechtes Gewissen. Josef war so nett zu mir."

"Ein schlechtes Gewissen? Du? Das ist ja was ganz Neues", wunderte sich Alessandra.

"Ja. Stimmt."

"Dann hat der Schwarze König dich wirklich verändert. Und nicht zu deinem Nachteil, Ornella."

Sie lächelte versonnen über Alessandras Worte. Dann seufzte sie wieder. "Wann werden wir endlich dort sein?"

*

"Herr! Vergebt mir die Störung. Aber eine weiße Gans fliegt auf das Schloß zu."

Aufgeregt war der Wachposten, der auf dem höchsten Turm des Schwarzen Schlosses Wache gehalten hatte, in die Kammer gestürmt, die der Schwarze König zu bewohnen pflegte, wenn er in seinem Schloß weilte.

Der König sah seinen Soldaten, einen der wenigen, die es überhaupt im Schwarzen Reich gab, fragend an. Doch dann erhob er sich von seinem Schreibtisch und ging gemessenen Schrittes hinunter in den weiten Innenhof, den die Schwarzen Mauern umschlossen. Den Posten hatte er wieder auf den Turm geschickt.

Als der König nach oben blickte, sah er die weiße Gans schon ganz nahe. Sie zog eine elegante Schleife, verschwand kurz aus seinem Blickfeld und erschien dann wieder dicht über einer der Mauerkronen. Langsam senkte sie sich herab und landete weich vor den Füßen des Königs. Es war niemand anderes als die Hexe Elysiss, die diesen Weg gewählt hatte, um den Schwarzen König auf dem schnellsten Wege zu erreichen.

"Ich grüße dich, Herrscher des Unendlichen Landes", quakte sie. Sie hatte anscheinend nicht vor, sich in ihre menschliche Gestalt zurückzuverwandeln.

"Sei auch du gegrüßt, Stella."

Wenn eine Gans je entgeistert dreingeschaut hatte, dann tat es diese jetzt.

"Du kennst meinen wahren Namen!"

"Natürlich. Schließlich bin ich der Erbe von Trokahn. Ich weiß alles über euch ..."

"Aber ... Niemand darf ihn kennen. Wenn er dreimal hintereinander ausgesprochen wird ..."

"Keine Angst. In meinem Reich bist du sicher."

Die weiße Gans beruhigte sich wieder etwas.

"Du hast mich also erkannt, obwohl ich in dieser Gestalt erschienen bin und mich in deinem Reich nicht zurückverwandeln kann?"

"Ich kann das für dich übernehmen."

"Nein, es ist nicht notwendig. Ich fliege bald wieder zurück. Finstere Dinge gehen im Weißen Königreich vor sich. Aber deswegen bin ich nicht gekommen. He, was machst du da, quack?"

Der Schwarze König hatte sich die Gans geschnappt. Jetzt hielt er sich fest und streichelte ihr über den Kopf.

"Du nutzt aus, daß ich mich nicht zurückverwandeln kann."

"Stimmt genau." Er lachte freundlich, während sich die Gans mit Strampeln und Flügelschlagen befreite. Schließlich ließ er sie los, und sie glitt wieder zu Boden.

"Laß den Unsinn und hör zu, quack. Die Prinzessinnen Ornella und Alessandra sind hierher unterwegs. Wie es scheint, hast du Ornella ganz schön den Kopf verdreht." Sie quakte aufgeregt. "Sie sind nach Norden geflohen und werden bald an der Grenze des Troll-Landes entlangziehen. Schütze sie, wenn du kannst. Du weißt, wie gefährlich es dort für Sterbliche ist. Quack!"

"Das Troll-Land. Hmm. Ich werde ihnen einen Boten schicken, der sie sicher geleitet. Aber was hast du damit gemeint, ich hätte der niedlichen kleinen Ornella den Kopf verdreht. Soll das etwa heißen ...?"

"Ja, quack! Ganz genau das heißt es. Sie liebt dich, und deshalb kommt sie. Prinzessin Alessandra ist nur mitgekommen, weil sie es allein niemals schaffen könnte."

"Da sehe ich aber ein gewaltiges Problem auf mich zukommen." Nachdenklich blickte er an der Palast Mauer hoch.

"Ja, ich auch. Aber das, quack, quack, gönne ich dir. Wer hat dich schließlich geheißen, auf das Turnier zu kommen, hmm?"

Sie schlug heftig mit den Flügeln, erhob sich wieder in die Lüfte und verschwand mit schnellem Flug in Richtung des Weißen Königreiches. Und wer weiß - wahrscheinlich war sie sogar froh, wieder aus dem Unendlichen Land verschwinden zu können.

*

Die Flucht der beiden Prinzessinnen ging weiter. Meist waren die Ritte zwar anstrengend, aber ruhig und ungefährlich. Doch es gab auch kritische Situationen.


"Es ist so kalt hier", flüsterte Ornella.

"Ja, richtig unheimlich."

"Wo sind wir überhaupt?"

Alessandra zuckte die Schultern. Schweigend ritten sie weiter. Der Wald lichtete sich mehr und mehr, dann ritten sie auf eine seltsame Wegkreuzung. Erschrocken sah sich Alessandra um. "Bloß schnell weg von hier!"

"Aber wieso?", fragte Ornella. Sie verstand nicht, was ihre Schwester auf einmal so beunruhigte.

"Spürst du es nicht."

"Was? Die Kälte?"

"Diese unheimliche ... eins, zwei, drei ..." Alessandra deutete der Reihe nach auf die Wege, die sich hier trafen. "... vier, fünf, sechs... sieben! Oh mein Gott. Das muß das Reich der Hexe des Achten Weges sein. Los, Schwalbe!" Sie gab ihrer Stute die Sporen, und Schwalbe flog nur so davon. Ornella blieb nichts übrig, als hinterherzujagen.

Später, als sie wieder ruhiger ritten, fragte Ornella ihre Schwester, was plötzlich in sie gefahren war. Alessandra sah sie ernst an, dann antwortete sie: "Ich habe manchmal von Bauern die Geschichte der Hexe des Achten Weges erzählt bekommen. Niemand weiß, wo ihr Reich ist, aber es soll eine Kreuzung von sieben Wegen sein, irgendwo tief im Wald. Und hinter dem achten Weg, dem Weg, den niemand sehen und betreten kann, lauert die Hexe. Wen sie dorthin holt, der kehrt nie wieder zurück."

"Du meinst ..." Ornella war etwas blaß geworden.

Alessandra nickte. "Man erzählt sich, sie frißt ihre Opfer auf und läßt die Knochen in der Sonne bleichen. Gut, daß wir schnell davongeritten sind."


Sie ritten weiter. Tage vergingen, fast eine weitere Woche. Die Vorräte gingen wieder zu Ende. In den Wäldern gab es zum Glück Beeren und Pilze, aber es war natürlich nur ein Notbehelf. Ornella klagte nie, und Alessandra kannte dieses karge Leben, doch beide wären froh gewesen, endlich am Ziel zu sein. Fast zwei Wochen dauerte die Flucht nun schon, als sie endlich auf einen Grenzstein des Fürstentums Ganda stießen.

Diese kleine Reich lag eingequetscht zwischen dem großen Land Karls im Norden und dem Weißen Königreich im Süden. Im Osten grenzte es an das Fürstentum Botha, und im Westen lag das Unendliche Land, dazwischen aber ein Gebiet, in dem angeblich Trolle, Zauberer und Unholde lebten, und das keinem Fürsten oder König gehörte. Niemand betrat das Troll-Land, das neblig, sumpfig und gefährlich war, jemals freiwillig, doch die Prinzessinnen mußten es durchqueren, wenn sie nicht an der Nordgrenze des Weißen Königreiches entlangreiten wollten, was wegen der Grenzpatrouillen, die es dort neuerdings wieder gab, nicht ratsam war.

"Nach Westen also", sagte Alessandra zu ihrer Schwester.

"Wollen wir nicht vorher dort hinten etwas essen?"

Sie zeigte auf eine kleine Stadt, die auf einem Hügel hinter der gandaischen Grenze lag.

"Hmm. Seit dem verpatzten Turnier haben wir nicht gerade ein gutes Verhältnis mit dem Fürstentum."

"Aber wir habe auch keinen Krieg. Und es ist außerhalb des Weißen Landes. Man sucht uns dort also nicht." Sie blickte an sich herab und mußte fast gegen ihren Willen schmunzeln, als sie sich so völlig unherrschaftlich sah: "Allmählich gewöhne ich mich ans Barfußreiten, aber ich kann dem Schwarzen König doch nicht so entgegentreten."

"Du willst dort einen Einkaufsbummel machen!" Alessandra lachte glockenhell auf. Sie fand diese Vorstellung urkomisch.

"Was ist daran so lustig?", fragte Ornella ärgerlich. "Wir sehen beide aus wie Bettlerinnen."

"Wir sind Flüchtlinge! Wir können doch nicht einfach dort herumspazieren und ..." Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen. "Jetzt sind wir schon zwei Wochen unterwegs. Willst du, daß jetzt noch was schiefgeht? Komm, bringen wir den Rest des Weges endlich hinter uns!"


Wieder ritten sie meist durch die Wälder, manchmal aber auch über die Straßen von Ganda. Einige davon führten auf jener Seite dicht an der Grenze entlang. Einmal, als sie gerade den Rücken eines Hügels überquerten, von dem aus sie eine gute Sicht ins Umland hatten, sahen sie in weiter Ferne, auf der anderen Seite der Grenze, eine Schwadron Weißer Soldaten. Sie versteckten sich und warteten, bis die Ritter wieder verschwanden.


Sie ritten bis tief in die Nacht nahe der Grenze entlang. Der Mond war als schmale Sichel aufgegangen und spendete nur wenig Licht. In ein paar Tagen würde Neumond sein. Die beiden Frauen konnten das hügelige Land und die großen Felsbrocken, die hier herumlagen, nur schemenhaft erkennen.

Plötzlich hörten sie ein Geräusch. Schritte, ein Schleifen, dann ergriff eine Hand Ornellas Bein und riß sie vom Pferd. Sie schrie, und voller Panik galoppierte ihr Pferd in die Nacht davon. Zwei Männer mit Fackeln stürzten hinter einem Felsen hervor und stellten sich Alessandra in den Weg, während der dritte Ornella am Boden festhielt.

"Ganz ruhig, Mädchen. Wenn ihr genügend Geld habt und wir uns ein bißchen mit euch amüsiert haben, lassen wir euch wieder laufen, ha ha ha."

Doch bei Alessandra waren sie an die Falsche geraten. Überrascht wichen die beiden zurück, als die Prinzessin ihr Schwert zückte und mit Schwalbe in vollem Galopp auf die beiden Räuber zustürmte. Die Stute bewies dabei großen Mut, denn sie zeigte keinerlei Angst vor den Fackeln. Alessandra teilte einige Hiebe aus und einer der Räuber stieß einen gellenden Schrei aus, ließ die Fackel fallen und rannte davon.

Der andere war so überrascht, daß er gar nichts mehr tat, doch der dritte, der Ornella unter sich hatte, riß ein Messer hervor und schrie: "Ich murkse das Flittchen ab, und dich auch, du verdammte ..."

Alessandra sprang vom Pferd und stürmte auf den Räuber los. "Na los, du Feigling. Kämpfe gefälligst gegen jemanden, der sich wehren kann!" Mit einem gekonnt geführten Schwertstreich trennte sie ihn die Hand mit dem Messer vom Arm.

Das letzte, was sie von dem Räuber sah war das maßlose Erstaunen in seinem Gesicht, dann hatte sie Ornella hochgerissen. Zusammen stürzten sie auf Schwalbe zu und sprangen in den Sattel, dann flohen sie in die Dunkelheit.

Erst in der Morgendämmerung fanden sie Ornellas Pferd wieder. Vorsichtig setzten sie ihre Flucht fort, entschlossen, sich durch nichts mehr aufhalten zu lassen.


Das Unendliche Land - Prinzessin Alessandra von Hocharco

Zwei Tage darauf erreichten sie die Westgrenze des Fürstentums. Hier begann das Land der Trolle. Man sagte, daß sie einen Menschen nur anzusehen brauchten, dann versteinerte er oder verwandelte sich in eine Kröte.

"Wir müssen uns nur genau westlich halten, dann kommen wir auf dem kürzesten Weg ins Schwarze Königreich", meinte Alessandra.

"Hmm", antwortete Ornella nur.

Plötzlich wurden die Pferde unruhig. Nervös tänzelten sie hin und her und konnten von den beiden Prinzessinnen nur noch mühsam gebändigt werden.

Und dann sagte jemand, den sie noch nicht sehen konnten, weil er noch hinter den Bäumen versteckt war: "Seid ihr die beiden Weißen Prinzessinnen Ornella und Alessandra?"

Den beiden Mädchen rutschte förmlich das Herz in die Hose beziehungsweise ins Kleid. Doch Alessandra faßte sich schnell wieder. Entschlossen riß sie ihr Schwert aus der Scheide, sprang vom Pferd und rief: "Wer immer du auch bist, zeig dich!"

Gesagt, getan.

"Hier bin ich. Du kannst mich Keck nennen."

Aus dem Wald war ein junger Wolf hervorgetrabt, der sich nun furchtlos vor Alessandra hinsetzte und sie schwanzwedelnd ansah.

"Ein sprechender Wolf", staunte Ornella. Sie kannte so etwas bisher nur aus Märchen. Und aus der Geschichte, die ihr ihre Schwester erzählt hatte.

"Ja. Da heißt, eigentlich bin ich ein kleiner Junge. Der Großvater des heutigen Schwarzen Königs hat mich vor langer Zeit verzaubert, weil ich böse gewesen bin. Aber jetzt hat der König mich geschickt, um euch zu suchen. Die Hexe Elysiss hat ihm erzählt, daß ihr zu ihm wollt, und wo ihr zu finden seid. Und jetzt habe ich euch gefunden. Das freut mich. Vielleicht verwandelt er mich dann wieder zurück. Aber eigentlich bin ich inzwischen ganz gerne ein Wolf. Kommt jetzt. Ich zeige euch den Weg." Fröhlich sprang er auf, lief um die beiden Prinzessinnen herum und strich an Ornellas nackten Beinen entlang, was diese zuerst etwas erschreckte. Aber dann gefiel es ihr, denn Keck hatte ein sehr dichtes und weiches Fell. Sie streichelte ihn, und davon war Keck ganz begeistert.

"Wenn ich bei euch bin", plapperte er weiter, "werden die Trolle es nicht wagen, euch etwas zu tun. Sie haben Angst vor dem Schwarzen König." Seiner Stimme war anzumerken, daß er darauf sehr stolz war.

Das Land wurde sumpfig und unheimlich. Das Schwarze Königreich war kalt und irgendwie unnahbar, aber wild und schön. Aber das Troll-Land war schrecklich. Dichte gelbe Nebelschwaden durchzogen es und verdüsterten selbst jetzt, mitten im Hochsommer, die Sonne. Es war nicht einmal kalt, aber über dem Land lag eine düstere, dämonische Stimmung. Überall waren faulige Bäche, tiefe, schlammige Seen, Sümpfe, aus denen blubbernd stinkende Gase emporstiegen, und dazu das unheimliche Kichern und Wispern der seltsamen Geschöpfe, die hier lebten, die man aber niemals zu Gesicht bekam.

Nachts hörte man grauenvolle Schreie, aber auch ihre Urheber blieben unsichtbar.

Wenigstens begegneten ihnen keine Trolle. Vielleicht fürchteten sie wirklich den Abgesandten des Schwarzen Königs und wichen ihnen aus.

"Der Großvater der Schwarzen Königs - ihr wißt schon, der, der mich verzaubert hat - er hat viele böse Menschen in Unholde und Trolle verwandelt und hierher verbannt. Der jetzige König hat das, glaube ich, noch nie gemacht. Aber er könnte es, ganz bestimmt! Jawoll!" Keck nickte eifrig und ließ seine Ohren spielen.

Ornella lächelte zu ihm herab. "Es ist nicht schwer zu erraten, warum man dich 'Keck' genannt hat, du vorlauter Bursche", sagte sie schmunzelnd.

Der junge Wolf machte einen Luftsprung, dann schoß er nach vorn, verschwand hinter einem Sumpfgrasballen, und als er wieder auftauchte, hielt er eine fette Kröte in seinem Fang. Es knackte, als er zubiß, dann verschlang er sie in einem Stück.

"Schleimig, aber sättigend", sagte er belehrend. "Soll ich euch auch ein paar fangen?"

Die beiden Mädchen schüttelten entsetzt den Kopf.

"Sag mal, Ornella, warum willst du eigentlich zu meinem Herrn?"

Die Prinzessin war von dieser unvermittelten Frage überrascht, obwohl sie seit Wochen eigentlich an nichts Anderes mehr denken konnte. Etwas entgeistert sah sie Keck an.

Alessandra antwortete für sie: "Ganz einfach, mein bepelzter Freund. Sie hat sich unsterblich in ihn verliebt."

Keck erschrak sichtlich. Er zog den Schwanz ein und sah sie lange und traurig an, sagte aber nichts. Und die beiden Prinzessinnen wagten auch nicht zu fragen, was sein seltsames Verhalten zu bedeuten hatte.


Nach zwei langen Tagen und einer schaurigen Nacht dazwischen erreichten sie endlich die Schwarze Grenze. Auch hier stand kein Grenzstein, kein Zeichen, doch der Verlauf der Grenze war deutlich zu erkennen, wie eine Linie inmitten der Natur, die das Troll-Land vom Schwarzen Königreich schied. Die Pflanzen waren andere: im Sumpf kleine, verkrüppelte Bäumchen, giftige Schleimpilze und gelbes Schilfgras, im Schwarzen Reich hingegen dunkle, hohe und majestätische Nadelbäume mit hellen, gras- und blumenbewachsenen Lichtungen dazwischen.

"Wir sind da."

Es waren die ersten Worte, die Keck seit Stunden gesagt hatte. "Kommt weiter. Noch vor dem Abend erreichen wir die Östliche Hauptstraße, und die führt euch in die Stadt Sydur. Dort muß ich euch verlassen, aber ihr werden noch vor der Nacht da sein."

Hatten die beiden Prinzessinnen im Troll-Land die Pferde meist führen müssen, weil der Boden schwammig und trügerisch gewesen war, so konnten sie jetzt wieder durchgehend reiten. Das Unterholz war so dünn, daß sie selbst im tiefen Wald nicht abzusteigen brauchten. Keck lief in seinem ausdauernden Wolfstrab vor ihnen her, und tatsächlich erreichten sie nach etwa drei Stunden eine relativ breite und überraschend gut ausgebaute Straße.

"Ihr müßt nun nach links weiter und dann einfach immer der Straße folgen. Sie führt euch direkt nach Sydur. Lebt wohl, ihr beiden."

"Leb wohl, lieber Keck!" rief Alessandra ihm nach. Ornella hingegen achtete kaum darauf. Irgend etwas beschäftigte sie.

"Naja", meinte Alessandra, nachdem sie ihre Schwester angesprochen, aber keine Antwort bekommen hatte. "Dann mal los. Auf nach Sydur!"

*

In der Nacht zuvor.

Wondja, der Bürgermeister Sydurs, war nach einem langen, anstrengenden Tag endlich zu Bett gegangen. In wenigen Tagen würde Schogan Liss eintreffen und von ihm die diesjährigen Zahlen zur Ernteschätzung verlangen, aber einige seiner Leute waren krank, und so war er mit dem Auftrag im Rückstand. Bis tief in die Nacht hatte er gearbeitet und auch seine Leute nicht geschont, nun aber wollte er endlich die verdiente Ruhe finden. Er blies die Kerze aus, doch es blieb hell, so daß er dachte, sein Atem hätte die Flamme verfehlt, und sie würde noch brennen. Verschlafen wandte er seinen Kopf erneut der Kerze zu, doch sie war aus. Mit einem Schlag war er hellwach.

Das Licht kam von einem funkelnden Blitz, der über die Decke und die Wände seiner Kammer huschte. Dann löste sich die geisterhafte Erscheinung und zog sich in der Mitte des Raumes zusammen. Sie formte eine, wenn auch nur undeutlich erkennbare, menschliche Kontur.

Wondja sank vor dem leuchtenden Schemen auf die Knie: "Herr. Euer ergebener Diener steht zu eurer Verfügung."

So höre, Bürgermeister.

Die Stimme sprach direkt in seinen Kopf. Niemand sonst hätte sie vernehmen können.

Morgen gegen Abend werden zwei Frauen in Sydur eintreffen. Es sind zwei Prinzessinnen aus dem Weißen Reich. Sie sind meine besonderen Gäste. Du sorgst für ihre Sicherheit, ihre Verpflegung und eine angemessene Unterkunft für die kommende Nacht. Dann schickst du sie ins Schwarze Schloß.

"Ja, mein König und Gebieter. Es wird alles zu Eurer Zufriedenheit geschehen!"

*

"Schwester, was hast du nur?"

Ornella blickte überrascht auf: "Ich ... nichts. Hmm. Ich weiß nicht, irgendwie so ein komisches Gefühl."

Schweigend ritten die beiden Frauen über die recht breite Straße. Sie schlängelte sich an den Flanken hoher, oft schneebedeckter Berge entlang, einmal führte sie sogar durch einen kurzen Tunnel, der einen endlos hohen, schier unüberwindlichen Berg durchstieß. Manchmal, wenn das Gelände ebener war, zweigten kleine Straßen nach recht oder links ab. Wahrscheinlich führten sie zu Dörfern oder Höfen in der Nähe. Doch zu Gesicht bekamen die beiden Frauen keines. Dieser Landstrich war offenbar nur sehr dünnbesiedelt. Nur einmal kamen sie an einem verlassenen und halb eingefallenen Bauernhaus vorbei. Die tiefstehende Sonne projizierte seltsame und verzerrte Schatten über seine Wände und den Boden.

"Wie weit mag es noch sein bis Sydur?", fragte Ornella. Sie fror, denn es regnete ein bißchen und wurde immer kälter, je höher sie kamen und je näher die Nacht bevorstand. Im Weißen Königreich war jetzt Hochsommer. Aber hier ... wie mochte dann erst der Winter sein?

"Keck sagte, daß wir vor Einbruch der Nacht da sein würden. Da sieh doch!"

Sie ließ Schwalbe ein Stück galoppieren, um eine bessere Aussicht zu bekommen. Ornella folgte ihr.

Vor den Reiterinnen öffnete sich ein weites, fast kreisrundes Tal, eingerahmt von hohen Bergen. Es war ein märchenhaftes Land, das sich da vor ihren Augen erstreckte. Dunkle Bäume, grüne, von klaren Bächen durchzogene Wiesen, Felder, die in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne golden leuchteten, und in der Mitte des Tals eine kleine, saubere Stadt aus dunklen Fachwerkhäusern. Keine Mauer umgab sie, sie lag offen vor jedem, der sie fand. Das Ganze wurde umrahmt von himmelhohen weißen Bergen, und es gab wohl nur wenige Möglichkeiten, dieses schöne Tal zu betreten.

"Ist das nicht ein wunderschöner Anblick?" meinte Ornella zu ihrer Schwester. Langsam ritten sie weiter, den Weg hinunter. Keine von ihnen hätte so etwas im Unendlichen Land erwartet. Doch es kam noch besser.

Als sie sich der Stadt näherten, hörten sie plötzlich Musik. Zuerst trug der leichte Wind nur wenige und ganz leise Töne an ihre Ohren, doch dann, als sie die ersten Häuser erreichten, wurde die Melodie deutlicher.

Fragend sahen sich die beiden Prinzessinnen an, dann stiegen sie ab, ließen die Pferde am Ortsrand zurück und gingen zu Fuß weiter. Zum wiederholten Male blickte Ornella an sich herab und seufzte. Schmutzig und zerlumpt, wie sie war, sah sie so vollkommen unköniglich aus und wollte doch vor ihrem Geliebten einen guten Eindruck machen. Alessandra gab ihr einen Rippenstoß und zog sie dann sachte weiter.

Die Musik, die da zu ihnen hinüberschwebte, war wunderschön, und sie schien aus der Mitte des Städtchens zu kommen. Vom Paß aus hatten die beiden Frauen erkennen können, daß dort ein offener Platz lag. Offenbar fand dort ein Konzert statt. Leise, um niemanden zu stören, gingen sie den Klängen entgegen.

Die Straßen waren ungewöhnlich sauber, auch die Häuser waren gepflegt, in vielen Fenstern standen Blumen. Allerdings sahen die beiden Frauen auch Fenster, die mit schwarzen Vorhängen umrahmt waren. Dort mußte wohl vor kurzem jemand gestorben sein.

Die Musik wurde lauter und klarer, und dann öffnete sich vor ihnen der zentrale Platz. In seiner Mitte stand ein Brunnen. Ein steinerner Drachen spie unablässig einen kräftigen, klaren Wasserstrahl in das Bassin, in dem sich einige kleine Fische tummelten.

Davor hatte man Stühle und Notenständer aufgebaut, und rings um den Platz saßen die Bewohner Sydurs auf einfachen Bänken und lauschten ergriffen den wunderschönen Klängen. Auch Alessandra und Ornella blieben wie verzaubert stehen. Das Orchester bestand offensichtlich aus den Dorfbewohnern und Bauern, die hier und in der Umgebung lebten. Sie trugen einfache Kleider, viele der Frauen waren sogar barfuß, doch ihre Instrumente, Geigen, Flöten, sogar eine kleine Harfe, waren blitzblank und in tadellosem Zustand. Man sah ihnen an, daß sie liebevoll gepflegt wurden. Und welch herrliche Klänge diese einfachen Leute ihnen zu entlocken vermochten!

Die Musik war stellenweise traurig, dann wieder wild und ausdrucksvoll, und jeder, der sie hörte, vergaß, wo er war, und tauchte ein in ein wunderbares goldenes Land aus Klängen und Träumen. Auch die Spieler gingen völlig in ihrer Musik auf. Voller Konzentration und Ergriffenheit verzauberten sie das Publikum.

Alessandra und Ornella sahen sich staunend an, doch dann konnten sie nur noch den wundervollen Klängen lauschen.

Nach einiger Zeit, niemand konnte sagen, wieviel, ging der Satz zu Ende. Die letzten leisen Töne verstummten, schwebten davon in die samtene Nacht, die sich mittlerweile über das Tal gesenkt hatte. Eine junge Frau trat vor und bestieg das kleine Podest.

"Ich glaube, ich kenne das Stück", flüsterte Ornella ihrer Schwester zu. "Es stammt von einem Komponisten namens Franz Bruch aus dem Land der Lagunenkönigin. Als ich noch klein war, wurde es mal bei uns aufgeführt. Jetzt kommt, glaube ich, eine ziemlich schwierige Arie oder so was."

Die Sängerin holte tief Luft. Zufällig streifte ihr Blick nach oben und sie sah die beiden Fremden am Eingang des Platzes stehen. Sie erstarrte. Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen, dann flogen alle Köpfe herum. Ornella und Alessandra standen von einer Sekunde zur anderen im Mittelpunkt des mißtrauischen Interesses.

Erregte Stimmen wurden laut.

"Fremde. Es sind Fremde in der Stadt."

"Wie kommen sie hierher? Wer sind sie?"

"Ja, was wollen sie?"

An eine Fortsetzung des Konzerts war im Moment natürlich nicht zu denken.

Doch da gebot die energische Geste eines älteren Mannes den aufgeregten Menschen Einhalt. Sofort schwiegen alle.

Der Mann erhob sich langsam. Man sah ihm an, daß er mit vielen Gebrechen zu kämpfen hatte. Das kalte Klima und die oft harte Arbeit auf den Feldern im Schwarzen Land ließen die Menschen früh altern.

Langsam, auf einen Stock gestützt, ging der Mann auf die Prinzessinnen zu. Verwundert musterte er sie. Sein Gesicht war nicht unfreundlich, aber verschlossen.

Schließlich sagte er: "Mein Herr und Gebieter, der Schwarze König, hat mir angekündigt, daß heute nacht zwei Prinzessinnen aus dem Weißen Königreich hier eintreffen sollen." Voller Wachsamkeit und Unsicherheit wanderte sein Blick zwischen den beiden Frauen hin und her. "Aber ihr seht nicht aus wie Prinzessinnen. Wo sind eure königlichen Kleider? Und eure Pferde?"

"Der Schwarze König!" rief Ornella begeistert. "Sag', wo ist er?"

Alessandra hatte, im Gegensatz zu ihrer Schwester, auch die mißtrauischen Fragen des Mannes, der offenbar der Bürgermeister war, gehört. Sie gab Ornella einen Stoß und sagte dann mit ruhiger Stimme: "Unsere Pferde haben wir am Eingang der Stadt zurückgelassen, weil wir euer Konzert nicht stören wollten. Und unsere königlichen Kleider - nun, wir haben sie immer noch an. Jedenfalls das, was nach drei Wochen in der Wildnis noch davon übrig ist. Und hier, sieh! So etwas tragen nur Könige."

Und sie hielt dem Mann den kostbaren Ring hin, den sie vor dem Turnier von Prinz Sofrejan geschenkt bekommen hatte, und den sie seitdem immer getragen hatte - genau wie ihre Schwestern. Es war ein Tiger aus Gold und Titan mit Augen aus Smaragden und Krallen aus Diamanten, der sich in Form eines Ringes um den Finger der Prinzessin schmiegte. Wie bei den anderen Ringen auch, so war hier jedes noch so kleine Detail von dem Künstler akribisch umgesetzt worden: Das flammende Muster des Tigerfells, der majestätische Ausdruck des Raubtiergesichtes, die funkelnden Augen. Niemals vorher in ihrem Leben hatte Alessandra einen solch unvergleichlich schönen und kostbaren Ring gesehen und ihn deswegen praktisch nie abgelegt.

Auch Ornella trug ihren Ring, die perfekte Nachbildung eines Löwen, dem selbst ein Laie seinen ungeheuren Wert sofort ansah.

Als der Bürgermeister dies sah, da wußte er, daß er die wirklichen Prinzessinnen vor sich hatte, kniete vor ihnen nieder und küßte die Säume ihrer Kleider. Als die Sydurer das sahen, knieten auch sie.

"Hoheiten. Wir alle stehen zu eurer Verfügung. Befehlt, wir werden alles tun, um Euren Aufenthalt hier unvergeßlich zu machen."

"Erhebt Euch, bitte. Wir danken Euch und Eurem Herrn für die Gastfreundschaft. Aber unvergeßlich ist unser Aufenthalt in Sydur jetzt schon durch euer herrliches Konzert. Nie haben wir so eine schöne Musik gehört. Und wir wünschen, daß das Stück fortgeführt wird. Und danach führt uns ins Gasthaus. Wir haben eine sehr lange und gefahrvolle Reise hinter uns."

"Wie man sieht", fügte Ornella noch spitz hinzu, mit den Händen den Staub aus ihrem zerrissenen Kleid klopfend.

Man brachte den beiden Prinzessinnen in aller Eile bequeme Stühle aus dem Rathaus, außerdem ein paar Decken, da es inzwischen sehr kalt geworden war. Und dann nahmen die Musiker wieder Platz, auch das Publikum setzte sich wieder auf seine Bänke, und die Sängerin trat auf das Podest.

Leise erklangen die ersten Töne der Geigen, und als die klare, wundervolle Stimme der Sängerin - einem einfachen Bauernmädchen - die Nacht erfüllte, da tauchten sie alle wieder ein in dieses goldene Land der Musik und der Phantasie.


Es war spät in der Nacht, als die Prinzessinnen ihr ausgiebiges Essen beendeten. Sie waren todmüde und gleichzeitig euphorisch glücklich. Nach der gefahrvollen und entbehrungsreichen Flucht waren sie hier wie im Märchenland empfangen worden.

Der Bürgermeister wies ihnen persönlich die besten Gemächer zu, die es in Sydur gab, und die beiden Frauen schliefen sofort ein und erwachten erst spät am nächsten Tag.


Vor den Zimmern warteten bereits adrett gekleidete Zofen, die Bürgermeister Wondja den Prinzessinnen zur Seite gestellt hatte. Ornella und Alessandra badeten zunächst ausgiebig - das erste ordentliche und vor allem heiße Bad seit drei Wochen - dann zogen sie die neuen Kleider an. Der Himmel mochte wissen, woher Wondja über Nacht die feinen Sachen bekommen hatte.

Auch neue Schuhe für Ornella hatte man nicht vergessen.

Glücklich strahlend erschienen die beiden dann unten im Speisesaal des Gemeindehauses, in dem sie auch untergebracht worden waren. Es war das größte Gebäude Sydurs, vielleicht von ein paar Scheunen abgesehen.

Ornella und Alessandra spürten, daß die Leute, die hier unten versammelt waren - die meisten arbeiteten hier normalerweise - bedrückt waren. Sie erkundigten sich bei einem der Beamten nach dem Grund, während eine Magd ihnen ihr Frühstück brachte.

"Der Reichs-Zahlenmeister kommt bereits heute. Eigentlich hatten wir ihn erst Anfang nächster Woche erwartet, und wir sind mit den Schätzungen sowieso schon im Rückstand."

"Der Reichs-Zahlenmeister?" fragte Ornella. Von so einem Mann hatte sie noch nie gehört. Im Weißen Reich gab es jedenfalls keinen. Vielleicht der hiesige Majordomus?

Sie warf dem Mann einen fragenden Blick zu.

"Schogan Liss. Er ist direkt dem Schwarzen König unterstellt und hat umfassende Befehlsgewalt über alle Bürgermeister und Dorfvorsteher im Land."

"Schogan Liss, hmm. Der Name kommt mir doch irgendwie bekannt vor", murmelte Alessandra. Auch Ornella dachte angestrengt nach. "Doch, ja. Das war vor ... ich weiß nicht. Ich war damals noch ein Kind. Ja, und ich war in diesen Wachpostenführer verknallt."

"In Leutnant Reimund von Walldorff, der jetzt Rittmeister ist, ja. So ein unmöglicher Typ, ein Angeber und ... Olivia, Simona und ich haben dich damals für völlig verrückt gehalten."

Ornella kicherte. "Das stimmt. Aber damals fand ich ihn einfach toll. Ja, und er hat mir von einem Mörder und Menschenfresser namens Schogan Liss erzählt, der aus Siinabal oder so geflohen sei und sich bei uns verstecken sollte. Reimund war damals an der Jagd beteiligt und hätte ihn sogar um ein Haar erwischt. Mein Gott, was hat er geflucht, daß er ihm durch die Lappen gegangen ist."

"Und jetzt ist er hier?", meinte Alessandra fragend. "Das überrascht mich nicht."

Dafür fing sie sich einen strafenden Blick Ornellas ein.

Der Stadtbeamte, der ihnen von Liss erzählt hatte, meinte dazu: "Wir wissen nicht viel über den Zahlenmeister, aber er ist vor zehn Jahren zum ersten Mal hier aufgetaucht. Offenbar hat ihn unser Herr und Gebieter zuvor in seine Dienste genommen. Aber auch bei uns erzählt man sich, daß er..."

Der Bürgermeister trat ein, gestützt auf seinen Stock. Hinter ihm betrat ein Mann den Raum, der alle Blicke wie magisch auf sich zog. Er hatte kalte, hellbraune Augen, einen sezierenden Blick und eine Haltung, die jedem klarmachte, daß er vor ihm nur ein Lakai war. Er trug eine randlose Brille und einen dünnen Oberlippenbart. Die Prinzessinnen schätzten sein Alter auf etwa 50. Als Liss sie durchdringend und gleichzeitig analysierend ansah, erwiderte Alessandra seinen Blick fest und gelassen. Und Ornella ließ ihn spüren, daß sie die Herrin und er nur der Diener war - sie beherrschte das perfekt.

"Wer sind die beiden da?", fragte der Mann mit leiser, aber eindringlicher Stimme den Bürgermeister.

"Herr, es sind Gäste unseres Gebieters, des Schwarzen Königs. Es sind zwei Hoheiten aus dem Weißen Königreich, Prinzessin Ornella und Prinzessin Alessandra."

Der Blick, der ihn daraufhin traf, ließ in Wondja den dringenden Wunsch aufkommen, ganz klein zu werden und in einer Bodenritze verschwinden zu können. "So, so. Wenn es wirklich Prinzessinnen und Gäste meines Gebieters sind, warum weiß ich dann nichts davon?"

"Willst du damit behaupten, wir wären jemand anderes?", fragte Ornella mit schneidender Stimme. "Oder zweifelst du an dem Befehl, den der Bürgermeister vom Schwarzen König persönlich bekommen hat?"

Von diesem Moment an ignorierte Liss die Anwesenheit der beiden Prinzessinnen völlig. Er ging über sie hinweg, als seien sie gar nicht vorhanden.


"Was für ein widerlicher Mann", meinte Alessandra zu ihrer Schwester, als sie kurz darauf das Stadthaus verlassen hatten. Sie gingen die Straße herunter zu dem Stall, in dem man ihre Pferde untergebracht hatte, die fröhlich wieherten, als sie die Stimmen ihrer Herrinnen hörten. Als sie an einem Haus vorbeikamen, dessen Fenster allesamt mit schwarzen Vorhängen abgedunkelt waren, öffnete sich in diesem Moment die Eingangstüre, und eine junge Frau trat heraus. Ornella und Alessandra erkannten die Sängerin des vorigen Abends, die mit ihrer schönen Stimme eine so wunderbare Arie gesungen hatte.

Als die junge Frau der beiden Hoheiten ansichtig wurde, erschrak sie und kniete dann vor ihnen nieder.

"Du brauchst nicht vor uns zu knien. Wir sind hier nur Gäste für kurze Zeit. Sag', ist in diesem Haus jemand gestorben?"

"Ja, Herrin. Es ist ... war das Haus meines Bruders." Es war ihr anzusehen, daß sie nur mühsam die Tränen zurückhielt.

Ornella und Alessandra fragten nicht weiter und ließen sie gehen. Es war offenbar ein Charakteristikum des Unendlichen Landes, daß Schönheit und Tod hier eng beieinanderlagen. Die Stadt Sydur selbst war ein gutes Beispiel dafür: Eingebettet in einem fruchtbaren Tal, aber umgeben von Bergen im ewigen Eis, wo niemand leben konnte und die wahrscheinlich jedem den Tod brachten, der versuchte, sie zu bezwingen.

Kurz darauf kam ihnen ein Stallbursche mit ihren Pferden entgegen. Auch er kniete vor ihnen nieder. Was im Weißen Reich nur noch bei feierlichen Anlässen bei Hof praktiziert wurde - hier war es für jedermann selbstverständlich.

"Danke, mein Junge. Hier." Ornella warf ihm eine Kupfermünze zu. Der Junge bekam große Augen. Wahrscheinlich hatte er noch nie soviel Geld auf einmal in der Hand gehabt. Dabei war diese Münze bei ihnen Zuhause kaum einen Laib Brot wert.

Mit ihren Pferden kehrten sie zum Stadthaus zurück, wo der Zahlenmeister gerade dabei war, sämtliche Beamten der Stadt antanzen zu lassen und zusammenzustauchen.

Rasch begaben sie sich in ihre Zimmer, packten ihre paar Habseligkeiten zusammen und gingen dann wieder herunter, um sich vom Bürgermeister zu verabschieden. Dieser war heilfroh, Liss für ein paar Minuten entkommen zu sein. Er wies den Prinzessinnen den Weg und verabschiedete sich mit überschwenglicher Freundlichkeit. Eine Bezahlung der erwiesenen Dienste lehnte er entschieden ab. Und so verließen Ornella und Alessandra Sydur in Richtung Westen. Nach den Worten Wondjas sollten sie noch vor dem Abend das Schwarze Schloß erreichen.

*

Der Weiße König schien um Jahre gealtert, als der Rittmeister ihm das erste Mal wieder gegenübertrat.

"Majestät. Wir haben die Eisleute und Eure Tochter wochenlang verfolgt, aber irgendwann ihre Spur verloren. Ich bedauere das zutiefst. Wenn ihr es befehlt, werden wir ins Blaue Land reiten und sie dort suchen."

Der Weiße König schüttelte den Kopf. Er machte einen abwesenden Eindruck. "Mein lieber Rittmeister von Walldorff. Ich weiß Eure Kühnheit und Ausdauer zu schätzen. Aber wenn es Euch nicht gelungen ist, meine Tochter zurückzuholen, dann hätte es auch kein anderer geschafft. Doch die schlimmste Nachricht kennt ihr noch gar nicht. Auch Ornella und Alessandra sind verschwunden. Wahrscheinlich sind sie ins schwarze Königreich gefloh... geritten." Der Weiße König rang sichtlich mit den Tränen. Für ihn war es ein unbegreiflicher Verrat.

"Ich habe", fuhr er dann fort, "bereits Befehl gegeben, die Schwarze Grenze zu sichern und ständig Patrouille zu reiten. Vergeblich. Die Prinzessinnen sind verschwunden. Seit drei Wochen nun schon. Sie sind wahrscheinlich längst am Ziel."

Der König zog Olivia, die mit versteinerter Miene neben ihm stand, zu sich heran. "Sie ist mir als einzige noch geblieben. Wenn ich auch sie an den Feind verlieren würde, es würde mir das Herz brechen. Was habe ich nur getan, daß sich alle von uns abgewendet haben, sogar Mistress Elysiss, unsere Schutzherrin!"

"Es könnte auch sein, Majestät, daß sie einer Patrouille der Arcadier in die Hände gefallen sind. Wir hatten mehrmals Zusammenstöße mit ihren Soldaten. Sie sind ungewöhnlich schnell in unser Gebiet eingefallen und machen schon den ganzen Süden und Osten bis nach Trok hinauf unsicher."

"Das wäre weniger schändlich, als wenn sie zum Schwarzen König gegangen wären."

"Aber die Arcadier würden mit ihnen wahrscheinlich kurzen Prozeß machen." Reimund fuhr mit der flachen Hand über den Hals.

"Auch das wäre besser als dieser schändliche und unbegreifliche Verrat."

"Aber Majestät", unterbrach ihn nun mit sanfter Stimme Adalbert, der links neben dem Thron stand. "Es ist doch ganz offensichtlich, daß der Schwarze König eure Töchter verhext hat. Sie sind nicht aus freiem Willen fortgegangen. Ihr dürft sie nicht verurteilen. Wenn wir sie gefunden haben, werden unsere Hofzauberer den Bann schon brechen können."

Der Weiße König seufzte. "Unsere Hof- und Hobbyzauberer", murmelte er so leise, daß nur Olivia es hören konnte.

General Aistimarat meldete sich zu Wort: "Majestät. Das wichtigste ist es jetzt, den Feind zu stellen und zu besiegen. Wir haben bereits dreitausend Mann unter Waffen, die nur darauf warten, den frechen Arcadiern entgegenzutreten und sie aus unserem Land zu werfen."

"Da wäre ich mir nicht so sicher", unterbrach ihn von Walldorff. "Das sind doch alles Bauerntrampel, die zum ersten Mal in ihrem Leben ein Schwert in die Hand bekommen. Wenn die Arcadier ausgebildete Soldaten haben, dann treiben sie die zu Paaren."

"Steht es denn wirklich so schlimm?", fragte der Weiße König.

"Naja", antwortete der Rittmeister. "Ich habe knapp zweihundert Leute unter mir, aber das sind alles harte Burschen. Gute Leute."

"Und Ihr, General?"

"Ausgebildete Soldaten haben wir nur etwa 500. Der Rest übt sich gerade im Gebrauch der Waffen. Wir werden die kurze Ausbildung durch Tapferkeit und Mut ausgleichen."

Reimund von Walldorff sagte nichts dazu, aber es war ihm anzusehen, was er von diesen markigen Sprüchen hielt.

*

Das Schwarze Schloß.

Tiefer, dunkler Wald, bestehend aus riesigen, uralten Tannen, reichte bis fast an die schwarzen Mauern dieser riesigen Burg. Davor duckten sich ein paar Häuser und eine kleine Kirche, aber mehr als 100 Menschen wohnten hier sicher nicht. Allerdings konnte man von außen nur schwer abschätzen, was sich im Innern des Schlosses abspielte. Man hätte dort womöglich eine halbe Armee verstecken können.

Düster, drohend und unnahbar ragte das Schwarze Schloß vor der Kulisse himmelhoher, schneebedeckter Berge vor den Reisenden auf. Es befand sich fast genau in der Mitte des Schwarzen Reiches. Wäre das Land so eben gewesen wie das Weiße Königreich, wäre die Grenze von hier aus kaum einen Tagesritt entfernt gewesen. Doch durch das unwegsame Land war ein Fortkommen viel schwieriger. Die einzige Ausnahme stellte die Nord-Süd-Verbindung dar, die von der Grenze des Königs Karl im Norden bis an die Weiße Grenze im Süden führte, und im Sommer in einem oder zwei Tagen bewältigt werden konnte.

Doch der Rest des Schwarzen Landes war nur schwer erreichbar. Selbst mit kräftigen Pferden schaffte man es von Sydur bis hier kaum unter zwei Tagen.

Langsam ritten Alessandra und Ornella näher an das Schloß heran. Hagere, blasse Gesichter erschienen in den Fenstern der Häuschen, verschwanden aber sofort, wenn die Prinzessinnen hinschauten.

Aus einem der Schloßtore kamen vier Ritter in schwarzen Rüstungen herausgeritten. Sie hielten vor den beiden Frauen an. "Wenn ihr die Weißen Prinzessinnen seid, dann folget mir", rief ihnen der Anführer zu. Wortlos machten sie kehrt und ritten den Prinzessinnen voran zurück ins Innere des Schlosses. Dort stieg der Anführer ab und bedeutete den Frauen, es ihm gleichzutun. Die drei anderen Ritter verschwanden durch ein großes Tor in einen anderen Bereich der Burg. Ein Stallbursche kam herbeigerannt und nahm die Pferde an sich.

Der Ritter ging nun voran, auf eine kleine, mit Drachen und Totenköpfen verzierte Eisentüre zu, die zu einer steilen Wendeltreppe eines Aufstiegsturms führte. Mit schweren Schritten stapfte er die Treppe hoch. Beklommen folgten ihm die Prinzessinnen.

Im zweiten Stockwerk verließ der Ritter das Treppenhaus und wies auf einen langen, mit Fackeln beleuchteten Gang, an dessen Ende eine große, zweigeteilte Tür von zwei Soldaten bewacht wurde. Wortlos wies er darauf, dann drehte er sich um und zog sich zurück.

Eng aneinandergedrängt gingen Alessandra und Ornella auf die Tür zu. Ihre Herzen schlugen heftig. Die Wachen, schwer gepanzerte Ritter, deren Gesichter hinter ihren Visieren unsichtbar blieben, zogen lautlos die beiden Türflügel auf. Die Prinzessinnen traten ein.

An einem langen Tisch auf einem Stuhl aus nachtschwarzem Holz saß, mit dem Rücken zur Tür, der Schwarze König. Als er hörte, wie die beiden Frauen eintraten, erhob er sich langsam und drehte sich um. Aus einer dunklen Nische, vielleicht dem Zugang zu weiteren Gemächern, trat lautlos eine Frau an seine Seite.

*

Zehn Jahre zuvor.

Es war keine drei Monate her, daß der Schwarze König seinen Vater begraben und seine Nachfolge angetreten hatte. Sáltaris, der alte Schwarze König, war eines natürlichen Todes gestorben, was für einen Schwarzen König sehr ungewöhnlich war. Die meisten Herrscher aus dieser Linie, die das Unendliche Land seit nunmehr 1011 Jahren regierten, waren mächtige Zauberer gewesen, viele von ihnen unsterblich. Kaum einer war einfach so abgetreten. Meist verschwanden sie irgendwann unter mysteriösen Umständen, wenn sie Mächte beschworen, die sie nicht mehr beherrschen konnten. Auch der Großvater des jetzigen Schwarzen Königs war ein Zauberer gewesen, einer der mächtigsten, berühmtesten, aber auch grausamsten der Linie. Vor knapp 30 Jahren war auch er verschwunden, und mit ihm alle Bewohner eines ganzen Dorfes. Noch heute erzählte man sich, daß die verlorenen Seelen dort des Nachts umgingen.

Sein älterer Sohn Sáltaris hatte dann den Thron bestiegen. Er war ein Idealist und Träumer, und er hatte alles anders und besser machen wollen. Er hatte sogar auf die Schwarze Macht und die Unsterblichkeit verzichtet. Aber er war einer der schwächsten und unbedeutendsten Könige geworden. Und nur zwei herausragende Ereignisse verband man noch mit seinem Namen: erstens das tausendjährige Reichsjubiläum, das durch Zufall gerade in seine Regierungszeit gefallen war, und zweitens den Beginn der Westerschließung.

Westlich der Grenzen des Schwarzen Reiches setzte sich das Hochgebirge nämlich noch ein gutes Stück fort, und dieses Land wurde seit Menschengedenken von niemandem beansprucht. Der Vater hatte vorgehabt, es seinem Reich hinzuzufügen. Doch eine unüberwindliche Gebirgskette trennte es vom Reichsgebiet. Deshalb allein war es noch immer herrenlos. Daher hatte der König den Befehl gegeben, die Berge an zwei Stellen mit großen Tunneln zu durchstoßen.

Nun, nach über zehn Jahren härtester Knochenarbeit, war das Werk erst zu einen Bruchteil fertig. Die Arbeiter steckten mitten im Berg und schufteten in Dunkelheit, Kälte und schlechter Luft Tag für Tag. Und so würde es noch Jahrzehnte weitergehen.

Doch der neue Schwarze König - Thoran war sein Name - war entschlossen, die dunklen und die lichten Mächte zu beschwören, das Ende der Bauarbeiten als junger Mann zu erleben und dann die Einverleibung des Westlandes durchzuführen.

Nun hatte er den Thron geerbt, viel früher, als er sich das vorgestellt hatte. Er war gerade 23, jung und unerfahren, und berauscht von der Macht, über die er nun gebot. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt zu heiraten, und seine Wahl war auf ein schönes junges Mädchen namens Isini gefallen, dessen Vater als Rittmeister in der kleinen Garde diente, die er noch von Sáltaris übernommen hatte, denn dieser hatte mehr auf Menschen als auf Dämonen und Geister vertraut.

Es interessierte König Thoran nicht, daß weder die junge Frau noch ihr Vater diese Verbindung wollten. Das Mädchen ertrug seine Nähe schweigend, und er genoß es, sie damit zu demütigen und ihr seine Macht zu demonstrieren. Doch da sie sich nicht fügte, wurde er ungeduldig und beschloß, den Vater ermorden zu lassen, um den Widerstand der Frau zu brechen.

Der Mann, der den Mord begehen sollte, weilte seit gut zwei Jahren im Reich. Es war ein intelligenter, aber düsterer Mann, der wegen eines Mordes aus der Stadt Siinabal geflohen war.

Thoran hatte seine Fähigkeiten erkannt und seinen Vater überredet, den Flüchtling nicht zu verbannen, sondern ihn im Dorf am Fuß der Schwarzen Burg wohnen zu lassen. Zusammen hatten er und Schogan Liss dann Pläne ausgearbeitet, wie das Reich am besten zu verwalten wäre. Schogan hatte auch hier seine überragenden mathematischen und organisatorischen Kenntnisse eingebracht, was ihm seitens seines neuen Herrn den Spitznamen Numero eingebracht hatte. Doch jetzt hatte der neue Schwarze König einen Spezialauftrag.

Eines nachts schlichen er und Schogan in das Quartier der Wache. Mit einem Zauber verhinderte Thoran, daß die anderen Wachen aufwachten. Dann gab er Schogan den Dolch, und dieser stieß ihn dem Rittmeister tief ins Herz. Mit dieser Bluttat war er für immer seinem Herrn und Gebieter verbunden. Doch den eigentlichen Zweck erfüllte der Mord nicht. Der Schwarze König wurde nun zwar nicht nur von Isini, sondern auch von allen anderen seiner Untertanen gefürchtet, denn wenn er sich dieser Bluttat auch nicht öffentlich rühmte, so stritt er sie auch nicht ab, und jeder wußte, was er getan hatte oder zumindest hatte tun lassen.

Niemand konnte oder wollte ihn dafür zur Rechenschaft ziehen. Niemand, außer Isini. Sie heiratete ihren Peiniger, aber niemals sprach sie auch nur ein einziges Wort mit ihm. Sie schlief mit ihm, wenn er es verlangte, doch niemals berührte oder küßte sie ihn freiwillig.

Mit der Zeit bereute Thoran seine Tat. Das schlechte Gewissen wegen des kaltblütigen Mordes quälte ihn zwar nicht. Wer die dunklen Mächte benutzte und beschwor, für den besaßen die moralischen Kategorien der Sterblichen keine Bedeutung. Es reute ihn deshalb, weil er einsehen mußte, einen Fehler gemacht zu haben. Er hatte ein unschuldiges Wesen ins Unglück gestürzt und dabei überhaupt nichts gewonnen. Denn so sehr er Isini auch quälte und demütigte, sie brach nicht, sie sprach nicht, und sie fügte sich nicht in ihr Schicksal.

Jahre später ließ er von ihr ab. Er peinigte sie nicht länger, auch wenn er wußte, daß sie ihm das nicht danken würde. Und irgendwann vergaß er sie. Sie verließ das Schloß nie, sie begegneten sich oft auf den dunklen Gängen, aber der König hatte sie aus seinen Gedanken gestrichen, sie war zu einer Art lebendem Inventar geworden, so wie die Türen, die Fackeln, die Wachposten.

Und dann landete die Weiße Gans in seinem Exerzierhof und teilte ihm mit, daß eine Frau zu ihm unterwegs war, die ihn über alles liebte und ihn unbedingt heiraten wollte.

*

"Ja, das ist meine Geschichte."

Ornella starrte Thoran mit weit aufgerissenen Augen entgeistert und verzweifelt an. Alessandra faßte sich schneller und musterte Isini, die wie ein Geist neben dem Schwarzen König stand. Sie wirkte irgendwie durchsichtig, fast so, als wäre sie gar nicht da. Ihr Gesicht mußte früher sehr hübsch gewesen sein, doch nun war es verhärmt und von tiefem Leid entstellt. Nur in ihren dunklen Augen schien so etwas wie ein seltsames, düsteres Feuer zu brennen.

Mit seinem unnachahmlichen spöttischen Lächeln ging Thoran auf Ornella zu. Die Prinzessin wich vor ihm zurück, dann schlug sie die Hände vor dem Gesicht zusammen und begann hemmungslos zu schluchzen. Alessandra nahm sie in die Arme. Dann zischte sie den Schwarzen König wütend an: "Wie konntet Ihr der Armen das antun! Reicht es nicht, daß ihr das Leben dieser Frau zerstört habt?" Sie zeigte auf Isini. "Ich habe Euch für einen guten Menschen gehalten, aber in Wahrheit seid ihr grausam und gefühllos." Entschlossen zog sie das Schwert und richtete es gegen Thoran, während sie rief: "Und ich werde nicht zulassen, daß Ihr auch Ornellas Leben zerstört. Eher sterbe ich selbst."

Der Schwarze König blickte sie lange und nachdenklich an. Doch Alessandras Blick senkte sich nicht. Sie war zu allem entschlossen.

Da tat der Schwarze König etwas Unerwartetes. Er drehte sich um, sprang auf den Tisch und rief: "Hexe Elysiss. Wenn dein Versprechen noch gilt und ich einen Wunsch frei habe, dann komm jetzt und hilf mir! Hörst du, Elysiss!"

Langsam wandte er sich wieder den Prinzessinnen zu. Mit einem gewaltigen Satz sprang er vom Tisch und landete nur zwei Meter vor ihnen. Ornella bekam es nicht mit, sie war immer noch in tiefer Verzweiflung versunken. Doch Alessandra riß ihr Schwert erneut empor und zielte mit der Spitze auf den Hals Thorans.

Plötzlich zuckte ein Fünkchen über den Tisch, daraus wurde ein heller Schein, dann ein greller Blitz, und daraus trat die Schutzherrin des Weißen Königreiches hervor.

"Schwarzer König. Du hast mich um Hilfe gebeten. Nun, hier bin ich."

Der Schwarze König drehte sich zu ihr um. Die beiden Mächtigen verständigten sich ohne Worte, nur mit Blicken. Die Hexe schwebte vom Tisch herunter und ging auf die Prinzessinnen zu. "Habt keine Angst." Sie umfaßte sanft die Hand Alessandras, und das Schwert fiel zu Boden. Dann berührte sie auch Ornella. Überrascht blickte die Prinzessin hoch, und als sie Mistress Elysiss erkannte, da faßte sie wieder ein bißchen Mut.

Die Hexe blickte den Mädchen tief in die Augen dann fragte sie: "Vertraut ihr mir?"

Sie nickten beide, Alessandra allerdings etwas zögernd.

Elysiss sagte: "Alles wird gut werden. Habt keine Angst. Kommt."

Mit einer Handbewegung befahl der Schwarze König dem Holz im Kamin, sich zu entzünden. Das Feuer strahlte Licht, Wärme und Geborgenheit aus. Aus den Augenwinkeln sah Alessandra, wie die leeren Ritterrüstungen neugierig ihre Visiere zu ihnen hindrehten, als stecke ein klein wenig Leben in ihnen.

Sie setzten sich alle fünf vor dem Kamin auf die auf dem Boden ausgebreiteten Felle. Sogar Isini setzte sich dazu.

"Ich danke dir, Elysiss. Wenn du nicht gekommen wärst, wäre dasselbe passiert wie im Weißen Königreich. Ich wollte es nicht ins Unglück stürzen. Es geschah, weil in den Menschen zu viele Vorurteile wüten. Wenn sie mich sehen, können sie nicht mehr klar denken, nicht mehr frei entscheiden. Und das wäre beinahe auch hier passiert. Aber - " und nun blickte er Ornella, Alessandra und Isini an, "ich bin entschlossen, alles zum Guten zu wenden. Ja, ich habe Isinis Leben zerstört, aber ich will es wiedergutmachen, wenn ich kann!"

Er nahm die Hand seiner Frau. "Isini. Ich habe dich wirklich einmal geliebt. Aber nun ist deine Zeit an meiner Seite zu Ende. Du bist frei und kannst gehen, wohin du willst. Und du hast einen Wunsch frei. Ich kann dir märchenhafte Schätze geben, mit denen du in der Fremde ein glückliches und sorgenfreies Leben führen kannst. Ich kann die auch deine Jugend und deine Schönheit zurückgeben, die Jahre in meinem Schloß, die für dich verloren waren. Alles, was du willst."

Zum ersten Mal seit zehn Jahren nun öffnete die Frau nun ihren Mund, um zu sprechen. Ihre Stimme klang dünn und heiser, aber darauf achtete keiner. "Und wenn ich wünschte, deine Frau zu bleiben, damit du die Frau, die dich liebt nicht bekommen kannst, und du all die Qualen erleiden mußt, die du mir zugefügt hast?"

Wenn allerdings jemand geglaubt hatte, der Schwarze König hätte sich von dieser Drohung beeindruckt gezeigt, so war er im Irrtum. Doch er schwieg zunächst und ließ seine Frau weitersprechen.

"Aber du hast recht. Ich habe nur einen Wunsch: Daß all das Böse, das du mir und meinem Vater zugefügt hast, wieder rückgängig gemacht wird und ich mit ihm in Frieden leben kann wie vorher."

Thoran schüttelte den Kopf: "Das liegt außerhalb meiner Macht. Tote kann ich nicht ins Leben zurückholen. Niemand kann das."

Isini seufzte, und Tränen liefen ihre Wangen herunter. Die ersten Tränen seit zehn Jahren. Ornella, die neben ihr saß, faßte sie sanft am Arm, doch die Schwarze Königin zog den Arm zurück.

Der Schwarze König blickte sie mit seinem spöttischen, distanzierten Lächeln an, und in diesem Moment wußte die Frau, daß er seine Taten niemals wirklich bereuen würde, daß er nicht die Spur eines schlechten Gewissens hatte, und daß sie selbst nur noch eines wollte: So weit weg vom Unendlichen Land zu sein, wie nur möglich.

Sie blickte ihrem Gemahl tief in die Augen, und darin erschien ein Adler, ein mächtiger, freier, unabhängiger Raubvogel, der nur den Himmel als Grenze und die Luft als sein Reich kannte. Und ihre Arme verwandelten sich in Schwingen, ihr Mund in einen Schnabel, Federn wuchsen ihr am ganzen Körper, und als die Verzauberung beendet war, da erhob sie sich in die Luft, schoß mit zusammengelegten Flügel aus einem der schmalen Fenster hinaus und verschwand mit einem befreiten Adler-Schrei in den Wolken.


Schweigend hing jeder der vier Übriggebliebenen seinen Gedanken nach.

Elysiss ergriff als erste wieder das Wort: "Ich glaube, du brauchst mich nun nicht mehr, nach dieser Blitz-Scheidung." Sie warf Thoran ein ironisches Lächeln zu.

"Vielleicht doch. Als Trauzeugin."

Ornellas Kopf zuckte hoch. Erst entgeistert, dann begeistert blickte sie Thoran an, versank geradezu in seinen hellblauen Augen, so wie er in ihren schönen, großen, dunklen Augen.

Mehrmals setzte Ornella zum Sprechen an, doch dann kam ihr Alessandra zuvor: "Schwester, weißt du, was du da tust?" Sie faßte sie an den Schultern und blickte sie warnend an. "Ist dir das Schicksal Isinis keine Warnung und Abschreckung?"

Aber Ornella schüttelte den Kopf. "Nein, Schwester, ich liebe ihn. So wie er ist. Und ich liebe auch das Böse in ihm." Wieder wanderten ihre Augen zu denen des Schwarzen Königs.

Alessandra wußte, daß sie Ornella nicht umstimmen konnte. Sie liebte den Schwarzen König, während Isini ihn abgrundtief gehaßt hatte. Somit war ihr Schicksal keineswegs besiegelt. Im Gegenteil, vielleicht konnte sie sogar einen anderen Menschen aus ihm machen. Ihr Blick kreuzte sich mit dem der Hexe, und die Zuversicht, die die Zauberin ausstrahlte, übertrug sich auf die junge Prinzessin.

Mit einem Ruck erhob sich Thoran. "Ich habe nie viel Zeit mit Gerede verschwendet. Wenn du willst, meine Bestgeliebte, dann heiraten wir sofort. Jetzt, auf der Stelle! Mein Vater hat für seine Hochzeit unten im Dorf damals extra eine kleine Kapelle errichten lassen, und ein Priester ist auf meinen Befehl jederzeit bereit."

"Ja, mein Bestgeliebter", hauchte sie ihm zurück, dann umarmten und küßten sie sich leidenschaftlich.

Alessandra betrachtete es mit Staunen und Skepsis. Aber war dieser Mann nicht auch der Schwarze Wolf gewesen, dem sie so sehr vertraut hatte? War er ein guter oder ein böser Mensch? Ihr Blick streifte Elysiss, die langsam den Kopf schüttelte und dabei sanft lächelte. Der Schwarze König - vielleicht war er den Menschen deshalb so unheimlich, weil er in keine Kategorie paßte, er sich nicht mit normalen Maßstäben messen ließ. Sein Reich war wie ein Abbild seiner selbst: Schönheit und Tod, unermeßliches Leid und großes Glück lagen Seite an Seite. Was Ornella daraus machte, lag nun allein in ihren Händen.


Der Schwarze König ließ den Priester antreten, während Ornella von einer Dienerin ihr Zimmer gezeigt bekam, wo sie sich noch ein bißchen auf die Trauung vorbereiten konnte. Etwa eine Stunde später trafen sie sich wieder im Thronsaal, dann ging der Schwarze König voran, die Treppe hinab, über den Innenhof und durch das Nordtor hinaus in das Dörfchen.

Irgendwo bimmelte mit dünnem, hellen Klang eine Glocke. Alessandra hatte nie ein verloreneres und gleichzeitig rührenderes Glockenläuten gehört als dieses. Ihre Stimmung war seltsam, sie fühlte sich wie in einem Traum, aus dem sie eigentlich in der nächsten Sekunde erwachen mußte. Konnte es tatsächlich wahr sein, daß ihre Schwester, die immer so hochfahrend und eitel gewesen war, in fünf Minuten den Schwarzen König heiraten und sich ihm demutsvoll hingeben würde?

Und daß der Schutzgeist des Weißen Reiches dem Schwarzen König als Trauzeugin dienen würde? Sie schüttelte den Kopf, aber die Realität wich nicht. Es war kein Traum. Tatsache war vielmehr, daß ihre Schwester ein anderer Mensch geworden war. Ihr aller Leben hatte sich in so kurzer Zeit tiefgreifend geändert. Aus Frieden und dem leichten Leben am Weißen Hof waren Trauer und Krieg geworden, doch aus dieser Asche wuchsen neue Pflanzen. Ornellas Hochzeit, Simona ... bestimmt war auch Simona glücklich.

Alessandra wurde klar, daß sie Ornella, die sie in den letzten drei Wochen so sehr lieben gelernt hatte, nach dieser Trauung so bald nicht mehr wiedersehen würde. Und daher nahm sie sich fest vor, nicht sofort ins Weiße Schloß zurückzukehren, sondern statt dessen Simona im Eisland zu besuchen. Ja, sie vermißte ihr altes, unbeschwertes Leben und die Menschen, die es bestimmt hatten und die Art, wie sie in den Tag hatten leben können, ohne Sorgen, ohne Verantwortung. Ornella würde jetzt die Schwarze Königin werden, Herrin über ein schönes, aber kaltes und oftmals düsteres Land, in dem Freude, Glück und Verderben so schrecklich dicht zusammenlagen.

Sie ergriff die Hand Ornellas und drückte sie ganz fest, und ihre Schwester drückte auch die ihre inniglich.

Dann betraten sie die Kapelle.

Im Innern sah es anders aus, als Alessandra es erwartet hatte. Der Priester, ein alter Mann mit einem beeindruckenden weißen Bart und warmen, gütigen Augen, hatte alle Wände mit zahllosen Kerzen erleuchtet. Es war ein wunderschöner, märchenhafter Anblick. Jeder Lufthauch ließ die Flammen im Gleichtakt hin- und her flackern, und das warme Licht, das sie ausstrahlten, drang in die Herzen der beiden Prinzessinnen ein und erleuchtete sie.

Der eigentliche Kirchenraum schloß sich links an den kleinen Eingangskorridor an, doch während Ornella, Elysiss und Thoran schon vorangingen, wurde Alessandras Aufmerksamkeit von einer Reihe von Bildern gefesselt, die über- und nebeneinander an die Stirnwand des Vorraumes gemalt waren. Es war die Ahnengalerie der Schwarzen Könige.

"Schwester, kommst Du?"

"Eine Sekunde." Zuunterst unten war das Bild Thorans. Die Prinzessin erkannte es trotz des trüben Kerzenlichtes sofort. Darüber erblickte sie einen freundlich aussehenden Mann mit gütigen Augen und einem etwas breiten Gesicht - Sáltaris, Thorans Vater. Doch neben diesem war ein Gesicht an der Wand, das sich der jungen Prinzessin aus irgendeinem unerfindlichen Grund fest ins Gedächtnis einbrannte. Der Mann - es mußte sich um Sáltaris' jüngeren Bruder handeln - war in sehr jungen Jahren gezeichnet worden, dennoch wirkte er auf seltsame Weise zeitlos. Er hatte volle, leicht gelockte graue Haare, die typischen blauen Augen, die fast jeder Angehörige dieser Linie hatte, und ein eigenartiges, wölfisches Lächeln auf seinen Lippen, das Alessandra nicht zu deuten wußte.

"Schwester, wo steckst Du denn?"

Im Abwenden las die Prinzessin noch flüchtig den Namen dieses Mannes: Calract.

Alessandra betrat den Kirchensaal und dachte nicht mehr an dieses seltsame Portrait, denn die warme, freundliche Stimmung, die hier herrschte und die für dieses kalte, abweisende Land eigentlich so untypisch war, verdrängte alle dunklen Gefühle. Die Prinzessin sah die Anwesenden der Reihe nach an.

Die Hexe Elysiss nickte ihr freundlich zu. Was der Schwarze König denken und fühlen mochte, blieb Alessandra verborgen. Doch dann sah sie, als er seine Braut zu sich heranzog, wie er sich ein Tränchen aus dem Auge wischte. Dieser Mann würde ihr wohl immer ein Rätsel bleiben. Sein Charakter war so schillernd und vielschichtig, daß er normalen Sterblichen unergründlich bleiben mußte.

Der Priester trat vor das Brautpaar hin. Der Duft von Weihrauch, den er aus einem reichverzierten Gefäß in die Luft schwenkte, erfüllte die Kapelle - wahrscheinlich das erste Mal seit Jahrzehnten.

"Willst du, Thoran aus dem Stamm Caair, diese Frau, Ornella aus dem Hause Hocharco, zu deiner dir rechtmäßig angetrauten Gemahlin nehmen?"

"Ja. Ich will es. Und ich gelobe dir, meine Bestgeliebte, meinen Schutz, meine Ehrerbietung und meine ewige Liebe. Und diesmal", fügte er hinzu, "weiß ich, wovon ich spreche."

"Und willst du, Prinzessin Ornella, diesen Mann als deinen dir rechtmäßig angetrauten Gemahl nehmen, ihm immer gehorchen und ihn lieben und ehren?"

"Ja. Ich will es mehr als alles andere auf der Welt. Und ich gelobe dir, mein Gemahl und König, meinen Rat, meine Ehrerbietung und meine flammende Liebe für ewig und alle Zeiten."

"So sei es. Und so erkläre ich euch zu Mann und Frau. Die Trauzeugen mögen euch nun die Ringe geben, mit denen ihr diesen Bund besiegelt."

Ornella hatte ihren Löwenring an den rechten Ringfinger gesteckt, so daß der Schwarze König ihr nun seinen Ring, den Elysiss ihm hinhielt, an den linken Ringfinger stecken konnte. Dann nahm sie den Ring, den Alessandra als ihre Trauzeugin ihr reichte, und steckte ihn Thoran an den Finger. "Die Brautleute dürfen sich jetzt küssen."

Ornella sank in Thorans Arme, er zog sie fest und doch zärtlich an sich, und sie küßten sich lange und innig.

Alessandra mußte sich ein paar Tränen aus den Augen wischen, und die Hexe Elysiss lächelte zufrieden. Es war der 22. August des Jahres 1242. Seit dem Turnier waren keine drei Wochen vergangen. Alessandra kamen sie wie eine Ewigkeit vor.

*

Der Schwarze König hatte die Hexe wieder in eine Gans verwandelt und sie war davongeflogen, zurück ins Weiße Reich, wo sie versuchen wollte, die schlimmsten Auswirkungen des Krieges zu verhindern. Auch für Alessandra nahte nun die Stunde des Abschieds. Doch da trat der Schwarze König, begleitet von der neuen Schwarzen Königin, zu ihr hin und sagte: "Bevor du gehst, will ich dir und deiner Schwester ein kostbares Geschenk machen. Gebt mir die Ringe, die ihr von Sofrejan bekommen habt!"

Alessandra blickte Thoran fragend an, doch dann streifte sie ihren Tigerring ab und gab ihn ihm. Auch den Löwenring Ornellas nahm er an sich. Wortlos verschwand er damit in den Tiefen seines Schlosses.

Allmählich wurde es draußen dunkel. Da der König immer noch nicht zurück war, beschloß Alessandra, bei ihrer Schwester zu übernachten und erst am nächsten Morgen aufzubrechen. Beim Schein einer Fackel saßen sie zusammen in dem großen Zimmer, das nun Ornellas war, und redeten.

Plötzlich sah Alessandra auf: "Was war das?"

Ein geisterhafter grüner Schein war über die Wände gehuscht. Ein seltsames Zischen und Knistern erfüllte zeitweise die Luft, dann war es wieder verschwunden.

"Ich weiß nicht", flüsterte Ornella. "Ich glaube, es kam von da." Sie wies auf die Außenwand, die von einigen verglasten Fenstern durchbrochen war.

Neugierig gingen die Frauen näher an die Fenster, doch sie mußten ziemlich den Hals verrenken, um die Quelle des Leuchtens zu erkennen, das seitlich über ihrem Zimmer sein mußte. Von dort zuckten immer wieder grüne und blaue Blitze durch die Nacht und erhellten kurzzeitig die hohen Tannen unter dem Turm, tauchten mit ihrer Kraft die nächtliche Landschaft in flackerndes, unheimliches Licht. Dann sickerte ein tiefrotes Glühen an der Wand des Turmes herab und verschwand wieder ins Nichts.

Und dann ertönte ein furchtbarer, grauenvoller Schrei.

Die Prinzessin und die Königin zuckten zusammen, das Herz schlug ihnen bis zum Hals, aber es geschah nichts weiter, und der Schrei wiederholte sich nicht. Auch die Blitze erstarben.

Stille und Dunkelheit senkten sich wieder über das Schwarze Schloß und das Land. Die Nacht war klar und kalt, und die zahllosen Sterne funkelten und leuchteten hier im Gebirge so intensiv, wie man es im Tiefland des Weißen Königreiches nie zu sehen bekam.

Schritte. Draußen, vor der Tür. Jemand näherte sich, dann wurde die Tür langsam geöffnet. Der Schwarze König trat ein. Er schien verändert, müde, aber irgendwie auch energiegeladen. Einmal, bei einer raschen Bewegung, zuckte ein kleiner blauer Blitz über sein schwarzes Gewand. Er trat auf die beiden Schwestern zu, die sich scheu aneinanderdrückten, dann legte er die beiden Ringe auf einen kleinen, runden Tisch vor ihnen. Das spöttische und zugleich nachdenkliche Lächeln, da so typisch für ihn war, huschte über seine Lippen, dann verwandelte es sich in ein triumphierendes Grinsen.

"Hier." Er wies auf die Ringe. Sie schienen unverändert, sahen aus wie vorher. Vertrauensvoll griff Ornella nach ihrem Löwenring und zog ihn an. Es war nichts zu spüren, der Ring schien nichts als ein ganz gewöhnlicher, wenngleich äußerst kostbarer Ring zu sein.

Alessandra folgte dem Beispiel ihrer Schwester. Auch ihr Tiger-Ring schien völlig normal.

"Wenn ihr in großer Gefahr seid oder in großer Not, dann könnt ihr mit diesen Ringen miteinander sprechen, wo immer ihr euch auch aufhaltet", eröffnete ihnen der Schwarze König. "Und noch eins. Nur, wer würdig ist, kann diese Ringe sehen. So kann sie euch niemals jemand wegnehmen."

Er drehte sich um und ging schweigend hinaus.

Ornella kämpfte mit sich, ob sie ihm folgen oder lieber bei Alessandra bleiben sollte.

"Geh nur zu ihm", ermunterte sie Alessandra. "Du bist jetzt seine Frau, und selbst wenn er die Mächte des Teufels beschwört, mußt du zu ihm stehen."

"Oder die Mächte des Lichts. Aber dies, meine geliebte Schwester, ist das letzte Mal für vielleicht sehr lange Zeit, daß wir uns sehen. Ich verlasse dich jetzt nicht."


Der nächste Morgen war hell und warm - ungewöhnlich für dieses Land.

Der Schwarze König, Ornella, seine Königin und Alessandra nahmen zusammen ein ausgezeichnetes Frühstück. Dann gingen sie hinunter in den Innenhof, wo die Prinzessin Schwalbe entgegennahm. Die Stute begrüßte ihre Herrin freudig.

Alessandra drehte sich zu ihrer Schwester um und beide fielen sich in die Arme. Lange und innig drückten sie sich aneinander, und Ornella vergoß einige Tränen, bevor sie sich wieder trennten. Dann trat der Schwarze König auf die Prinzessin zu, ergriff ihre Hand und zog sie sanft zu sich hin. Zärtlich streichelte er ihr über das kastanienbraune Haar, dann küßte er sie auf die Stirn und sagte: "Ich danke dir, daß du meine Bestgeliebte sicher zu mir gebracht hast. Wann immer du Schutz oder Hilfe brauchst oder einfach nur deine Schwester besuchen willst, bist du uns willkommen."

Er klatschte in die Hände, und zwei Ritter in voller Rüstung auf stolzen Pferden kamen herangeritten.

"Sie werden dich bis zur Grenze eskortieren. Sie kennen jeden Pfad und jede Abkürzung durch die Berge. Mit ihnen erreichst du das Weiße Land noch vor Sonnenuntergang."

Mit diesen Worten hob er die junge Prinzessin auf ihr Pferd. Die Ritter ritten voran, und Alessandra folgte ihnen. Noch lange winkte sie Ornella und dem Schwarzen König zu, bis sie hinter einer Wegbiegung verschwand.

*


Das Unendliche Land - Karte der Mittelländer

Erstellt am 13.1.2001. Letzte Änderung auf dieser Seite: 18.7.2017