Das Unendliche Land - 2. Teil

3. Kapitel - Der König von Arcadia

Niemand vermochte später zu sagen, warum Alessandra für den Besuch bei ihrer Schwester Simona den Weg durch das Weiße Königreich gewählt hatte. Die nördliche Route durch das Land des großen Königs Karl hätte sie auf kürzerem und auch sichererem Weg in das Blaue Land geführt. Und doch wählte sie den Weg im Süden. Eine Entscheidung, die schicksalhafte Folgen haben sollte.

Die beiden schweigsamen Ritter, die der Schwarze König ihr als Eskorte mitgegeben hatte, führten sie in raschem Tempo durch geheime Wege und Abkürzungen - einmal sogar einen Tunnel - innerhalb von nur zwölf Stunden an die Grenze. Es war noch Tag, als Alessandra sie erreichten.

Einer der Ritter wandte sich an sie und verkündete mit dumpfer Stimme: "Die Hauptstraße trifft etwa 10.000 Schritt in westlicher Richtung auf die Grenze. Dort hat Euer Vater den Grenzposten verstärkt. Aber hier", er wies auf einen kaum erkennbaren Pfad, "könnt Ihr unentdeckt passieren, Hoheit."

Es war in der Tat nur ein besserer Wildwechsel, der an dieser Stelle aus dem Unendlichen Land herausführte. "Aber seid trotzdem vorsichtig, Prinzessin", sagte der andere Ritter. "Es gibt jetzt viele Patrouillen entlang der Grenze. Laßt Euch nicht fassen."

"Keine Angst. Und danke euch beiden!"

Sie winkten ihr zum Abschied zu, dann wendeten die Ritter ihre Pferde um und verschwanden fast lautlos wieder im tiefen Wald, der sie nach wenigen Metern verschluckt hatte.

Alessandra atmete tief durch, dann ließ auch sie ihre Stute lostraben.

Viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf, während sie nahe der Grenze Richtung Osten ritt. Sie hatte eine weite Reise vor sich. Östlich des Schwarzen Reiches kam das Troll-Land, dahinter die Fürstentümer Ganda und Botha. Wer weiß, vielleicht waren sie bereits im Krieg mit ihrem Vater.

Bei diesem Gedanken bekam sie ein schlechtes Gewissen. Durfte sie ihren Vater jetzt, in dieser schweren Zeit, so lange allein lassen? Aber sie würde Kunde von Simona mitbringen, und das war ihr sehr wichtig. Sie mußte unbedingt wissen, ob es ihrer kleinen Schwester gutging.

Wenn sie das Fürstentum Botha erreicht hatte, mußte sie nach Nordosten abbiegen und praktisch das ganze Land durchqueren, bis sie dann auf das Blaue Land stieß.

Wie würde man sie dort empfangen? Schließlich hatte ihr Vater König Erich den Krieg erklärt. Sie seufzte. Schwalbe wieherte leise, wie um sie aufzumuntern.

Die Landschaft veränderte sich langsam. Der dunkle Wald des Schwarzen Königreiches war hinter der Grenze abrupt in buschiges Heideland übergegangen, wo jetzt, im Spätsommer, überall die zahllosen lila Blüten des Heidekrauts blühten. Unzählige Bienen, Hummeln und leuchtende Schmetterlinge suchten sie auf und tranken ihre winzige Portion Nektar. Weiter vorn, genau in der Richtung, in die Alessandra ritt, begann ein Birkenwald, der weiter im Innern ziemlich dicht und unwegsam erschien. Aber bisher waren sie und Ornella noch überall durchgekommen.

Gedankenverloren spielte sie mit ihrem Tigerring. Dabei dachte sie an Ornella und Simona.

Der Ring ... Wenn sie Thoran Simonas Ring brachte, vielleicht konnte er ihn dann auch verhexen, so daß sie alle drei miteinander sprechen konnten.

Bisher hatte sie es noch nicht ausprobiert, und der Schwarze König hatte ja auch gesagt, daß es nur in Notfällen funktionierte, aber es war dennoch beruhigend, diese Möglichkeit zu haben.

Es wurde langsam dunkel, und sie suchte sich eine einigermaßen geschützte Stelle am Waldrand zum Übernachten. Die Nächte waren immer noch sehr warm, und der inzwischen wieder zunehmende Mond spendete ein wenig Licht. In eine Decke gehüllt und an Schwalbe geschmiegt, schlief Alessandra ein.


Als sie am anderen Morgen aufwachte, war Schwalbe bereits unterwegs, um sich Futter zu suchen. Die Prinzessin holte sich etwas aus ihrer Tasche. Später kam die Stute zurück, und sie ritten tiefer in den Birkenwald hinein, Richtung Osten.

Der Vormittag verlief ereignislos, lediglich einmal begegnete Alessandra einem einsamen Wanderer, der ihr entgegenkam. Dem Aussehen nach war es vermutlich ein Schafhirte, der von nirgendwo kam und nach irgendwo wollte. Sie grüßten sich stumm, er erkannte sie offenbar nicht, dann zog jeder seines Weges.

Am Mittag machte sie auf einer großen, mit Blaubeeren und Himbeersträuchern bewachsenen Lichtung Rast. Nach dem Essen saß sie wieder auf und ritt ein Stück weiter, doch da wurde Schwalbe plötzlich nervös. Alessandra hielt an und lauschte. Waren da nicht Stimmen? Doch! Noch eine gute Strecke entfernt, aber sie kamen näher. Und dann vernahm sie das leise Klirren von Rüstungen und Waffen, dazu das Schnauben mehrerer Pferde. Eine Patrouille ihres Vaters! Aufmerksam sah sie sich um, und dann sah sie die Reiter am anderen Rand der Lichtung. Vorsichtig, um nicht gehört zu werden, ließ sie Schwalbe antraben, dann galoppieren. Doch sie hatte Pech: Einer der Soldaten sah sie zwischen den lichten Bäumen verschwinden. Mit lautem Rufen alarmierte er die anderen, und augenblicklich begann die Jagd.

Die Soldaten waren schnell. Alessandra hörte die aufgeregten Stimmen der Männer und das Wiehern und Schnauben der Pferde schon ziemlich dicht hinter sich. Der Lärm, mit dem die Reiter durch das Unterholz brachen, kam immer näher, und Alessandra mußte nun, da sie ohnehin entdeckt war, jede Vorsicht aufgeben und in vollem Galopp fliehen.

Schwalbe konnte einen guten Vorsprung herausholen, doch da näherten sich weitere Reiter von Süden. Offenbar waren sie ausgeschwenkt, um ihr den Weg abzuschneiden.

"Also gut", rief sie zu sich selbst, "dann eben nach Norden durch das Troll-Land!"

Die Verfolgung zog sich den ganzen Nachmittag hin. Immer wieder fanden die Soldaten Alessandras Spur, außerdem hatten einigen von ihnen mittlerweile auch Verstärkung geholt. Offenbar waren entlang der Grenze inzwischen zahlreiche Posten und Wachtstationen errichtet worden. Die tiefstehende Sonne zur Linken floh Alessandra nach Norden in das Niemandsland, wo der Legende nach Unholde und Kobolde hausten. Einen Weg gab es längst nicht mehr, Schwalbe galoppierte über sumpfige Wiesen und trügerische Moore. Mehr als einmal verlor das Pferd den sicheren Boden unter den Hufen und versuchte halb schwimmend, halb laufend, wieder festes Land zu erreichen. Irgendwann blieb auch der Prinzessin nichts Anderes übrig, als abzusteigen und selbst zu laufen oder manchmal auch zu schwimmen. Sie war bis auf die Haut durchnäßt mit der braunen, modrigen Brühe, durch die sie sich hatte durchkämpfen müssen, und noch immer waren ihr wahrscheinlich die Soldaten auf den Fersen. Es waren ziemlich viele gewesen, und sie schienen wild entschlossen zu sein, das ganze Gebiet abzukämmen. Offenbar hatte ihr Vater oder der Rittmeister ihnen Befehle erteilt, die wenig Spielraum für Interpretationen ließen.

Die Weiße Prinzessin kletterte schließlich auf einen Baum, den höchsten, der in dieser nebligen Sumpflandschaft wuchs, und schaute sich um. Tatsächlich sah sie ein gutes Stück zurück vier Soldaten, die allerdings nicht mehr so genau wußten, wo sie sie noch suchen sollten. Plötzlich zuckte einer der Ritter zusammen. Alessandra konnte es nicht genau erkennen, aber es sah aus, als sei er von einem Pfeil getroffen worden. Dann tauchten aus einem Wasserloch neben den Männern mehrere zottige Gestalten auf und warfen ein Netz über die Soldaten. Zwei konnten jedoch entkommen und flohen in wilder Panik. Der dritte, es war derjenige, der von dem Pfeil getroffen worden war, fiel vom Pferd, der vierte jedoch zog sein Schwert und hieb das Netz, das ihn gefangenhielt, entzwei. Dann drang er auf die unheimlichen Gestalten ein, die sich jedoch heftig wehrten. Das mußten Trolle sein, auch wenn die Prinzessin ihre fratzenhaften Gesichter nicht genau erkennen konnte.

Alessandra kletterte, so schnell sie konnte, von ihrem Baum herunter.

"Schnell, Schwalbe. Lauf, was du kannst", rief sie, nachdem sie sich in den Sattel geschwungen hatte. "Wir müssen unseren Rittern helfen."

Doch sie sah die Männer nie wieder. Als sie an der Stelle des Überfalls ankam, fand sie nur noch die Spuren des Kampfes. Aber von den Trollen, den beiden Rittern und ihren Pferden fehlte jede Spur.

Alessandra beschloß, zu dem hohen Baum zurückzukehren und in seinen Ästen zu übernachten. Sie hoffte, daß es dort sicherer war. Denn trotz allem hatte sie nicht vor, sich von ihrem Plan abbringen zu lassen und sich den Soldaten ihres Vaters zu stellen. Jetzt noch nicht.

Es wurde überraschend schnell dunkel, und Alessandra erreichte den Baum im Licht der letzten Sonnenstrahlen. Sie hoffte, daß die Unholde und Gnome an Pferden nicht interessiert waren, denn schließlich konnte sie Schwalbe nicht mit auf dem Baum nehmen.

Doch ihre Stute schien keine Angst zu empfinden. In aller Ruhe begann sie, nach Gras und Kräutern zu suchen.

Alessandra hüllte sich fröstelnd in ihre Decke und suchte eine einigermaßen bequeme Stellung in einer großen Astgabel zu finden. Sie versuchte zu schlafen, doch in diesem unheimlichen Land gelang ihr das erst nach längere Zeit. Mit einer Hand am Knauf ihres Schwertes döste sie endlich ein, doch ein grauenhafter Schrei ließ sie wieder emporfahren. Hätte sie sich nicht in letzter Sekunde daran erinnert, daß sie auf einem Baum saß, wäre sie heruntergefallen.

Mit pochendem Herzen, die Sinne bis zum Zerreißen gespannt, spähte sie angestrengt in die Dunkelheit. Da! Ein geisterhaftes, fahles Leuchten zuckte über den blubbernden Sumpf, erlosch dann jedoch wieder. Danach war nichts zu hören außer dem Zirpen von Insekten und dem gelegentlichen traurigen Quaken einiger Frösche. Sie starrte hinauf in den Himmel, doch Sterne waren nicht zu sehen. Der Himmel war von eigenartiger, grauer Farbe, und war deutlich zu erkennen. Seltsamerweise spendete er kein Licht. Die Landschaft am Boden war in tiefe Schwärze gehüllt. Nur die Konturen einiger Bäume zeichneten sich vage ab. Es dauerte lange, bis die Prinzessin wieder einschlief. Doch lange ließ der Sumpf sie nicht schlafen. Ein seltsames Kichern und Flüstern weckte sie erneut. Stimmen! Dann das erschrockene Wiehern Schwalbes. Schon war die Prinzessin drauf und dran, mit gezogenem Schwert herunterzuspringen, doch da beruhigte sich der Sumpf wieder. Die Stimmen verschwanden, das unmenschliche Kichern erstarb, und die Frösche begannen wieder ihr aufdringliches Konzert.

Für kurze Zeit rissen die grauen Wolken auf und ließen die Mondsichel hindurchscheinen, und bei ihrem Anblick faßte Alessandra neuen Mut. Wieder schlief sie ein.

Und wieder riß sie ein lautes Geräusch aus dem unruhigen Schlaf. Es war Donner gewesen. Alessandra riß die Augen auf und merkte, daß sie durch und durch naß war. Es regnete in Strömen. Blitze durchzuckten die Nacht, aber die meisten entluden sich zwischen den Wolken und ließen sie geisterhaft aufglühen. Pausenlos krachte der Donner, brach sich am Boden brach und ließ ihn erbeben. Es war immer noch mitten in der Nacht, und Alessandra war müde und erschöpft. Dazu kamen nun die Nässe und diese eigenartige, saugende Kälte. Zitternd stieg sie vom Baum herunter, um nach Schwalbe zu sehen, da fuhr ein gewaltiger Blitz dicht neben ihr in den Sumpf. Ein Stromschlag ließ ihren Körper sich aufbäumen. Das unglaublich grelle Licht blendete sie, doch vorher enthüllte es für den Bruchteil eines Atemzuges eine grausige Gestalt, ein riesiges, gehörntes Monstrum, das nahe dem Baum stand und zu ihr hinüberzublicken schien. Ein Donnerschlag von ungeheurer Stärke fegte Alessandra von den Füßen, und sie schrie vor Angst und Schmerz.

Dann war der Blitz entladen und tiefste Dunkelheit senkte sich über das Land. Mit weit aufgerissenen Augen versuchte Alessandra, irgend etwas zu erkennen, das Monstrum auszumachen, das der Blitz nur für einen kurzen Augenblick aus dem Schattenreich geschält hatte, doch die Helligkeit war zu groß gewesen. Verzweifelt fragte die Prinzessin sich, ob sie für immer ihr Augenlicht verloren hatte. Mit dem Mut der Verzweiflung sprang sie wieder auf, rutschte mit ihren zittrigen Gliedern auf dem glitschigen Untergrund aus, stürzte hin, rappelte sich wieder empor, riß ihr Schwert aus der Scheide und drang zu der Stelle vor, an der sie das Ungeheuer gesehen hatte. Mit der linken Hand ertastete sie sich den Weg, doch dann bleib sie mit einem Fuß in einem Sumpfloch stecken und fiel wieder hin. Das Schwert entglitt ihr, und sie strampelte in wilder Panik, um sich zu befreien. Das Loch schien sie festhalten zu wollen, doch irgendwann gelang es ihr, freizukommen. Sie sprang auf und wollte davonrennen, aber wohin?

Wieder zuckte ein Blitz über die Wolken. Alessandra sah es. Eine Welle des Glücks darüber, daß sie nicht erblindet war, durchströmte sie, und sie sank an der Stelle, an der sie gerade stand, auf den Boden, dann legte sie sich einfach hin und wartete ergeben auf das, was noch kommen sollte. Schlimmer konnte es nicht mehr werden.


Es kam der nächste Tag.

Es regnete immer noch, aber es war wenigstens wieder hell.

Alessandra wäre wohl noch nicht so früh von selbst erwacht, aber Schwalbe weckte sie. Die Prinzessin zuckte zusammen und war schlagartig wach, doch dann beruhigte sie sich. Eigentlich verspürte sie nur noch den Wunsch, so schnell wie möglich aus diesem Alptraumland zu entkommen.

Sie erhob sich und sah sich um. Es roch plötzlich nach Schwefel. Der Sumpf blubberte unheimlich, und das Quaken der Frösche klang irgendwie traurig, wie Totengesang.

"Ah, da hängt ja meine Tasche." Sie war in der Nacht ein gutes Stück von ihrem Schlafbaum davongerannt und hatte unterwegs in einem Krüppelbaum ihre Satteltasche verloren, wo sie nun an einem Ast baumelte.

"Und da liegt ja auch mein Schwert." Sie nahm es auf, wischte vorsichtig den Matsch von der scharfen Klinge ab und schob es wieder in die Scheide.

Langsam sah sie sich um. Das Monster! Wo war es geblieben? Was hatte sie da überhaupt gesehen? Es war... irgendwo dort drüben? Sie drehte sich in die Richtung, in der sie in der Nacht die Alptraumgestalt gesehen hatte, was auch immer es gewesen sein mochte. Wahrscheinlich nur ein Baum mit ...

Ihr Herz blieb einen Moment stehen, die Zeit eines Augenblicks dehnte sich zur Ewigkeit. Das Monster - es stand da! Mit seinen schwarzen Augen blickte es sie an, dann durchlief es ein Beben, und es begann, auf die Prinzessin zuzustapfen. Alessandra konnte sich um keinen Millimeter bewegen, als das grauenvolle Ungeheuer auf sie zukam, sie packte und hochhob, als wiege sie nur soviel wie eine Feder.

Kein Schrei entwand sich ihren Lippen, ihr Körper war wie aus Eis, erstarrt, abgestorben, nicht mehr der ihre.

Das gehörnte Ungeheuer sprang mit einem gewaltigen Satz in ein finsteres Wasserloch und tauchte darin unter. Nun würde sie ertrinken, aber irgendwie berührte sie das nicht mehr. Das Grauen war zuviel.

Doch dann - sie konnte nicht sagen, wieviel Zeit verstrichen war - fand sie sich auf trockenem Boden wieder. Ihre Beine lagen immer noch halb im Wasser. Sie wälzte sich mühsam herum und kroch dann weiter das Ufer hinauf. In ihrem Blickfeld erschienen zwei Füße, mit zottigem Fell bewachsen und mit Krallen statt Zehennägeln.

Alessandras Blick wanderte nach oben, den Leib der Kreatur hinauf. Aber wenn sie erwartet hatte, das Ungeheuer zu sehen, das sie entführt hatte, dann wurde sie enttäuscht. Dies hier war mit Sicherheit kein Dämon, sondern ein Unhold.

Struppiges Fell bedeckte seinen über zwei Meter großen Körper, aber er trug auch Reste einer Kleidung: Ein zerrissenes, ehemals weißes Hemd und eine speckige Lederhose mit großen Rissen und Löchern, die so dreckig war, daß sie wahrscheinlich von selbst stand.

Der Unhold hatte keinen Hals, sein massiger Kopf mit nur einem großen Auge in der Mitte der Stirn wuchs ihm direkt aus dem Rumpf. Er hatte unglaublich breite Schultern und war vermutlich sehr stark. Seine Arme hingen ihm bis zu den Kniekehlen herunter, in der einen Hand hielt er ein langes Messer.

Jetzt öffnete er den Mund: "Harlengart fort. Ich dich zu Tonka bringen", murmelte er mit tiefer, schlecht verständlicher Stimme. Alessandra sah in seinem breiten Maul pflastersteinartige Zähne und eine plumpe, dunkelfarbene Zunge.

Mit der freien Hand griff der Unhold nach ihr und zog sie auf die Beine. Dann stieß er sie vor sich her. Alessandra stolperte die aus bemoostem Kies und Schotter bestehende Uferböschung hinauf. Es kam ihr wie ein Wunder vor, daß sie überhaupt noch laufen konnte, nach allem, was sie in letzter Zeit hatte durchmachen müssen. Mit den Händen wischte sie Wurzeln beiseite, die von oben herabhingen. Als ihr klar wurde, daß Wurzeln normalerweise nicht aus dem Himmel herunterwachsen, blickte sie erstaunt nach oben. Aber da war gar kein Himmel, sondern die lehmige Decke einer Höhle. Und diese wurde von zahlreichen Wurzeln durchstoßen. Also befand sie sich unter der Erde. Aber woher kam dann das Licht?

Sie bleib stehen und sah sich um. Der Unhold war davon so überrascht, daß er gegen sie prallte und sie dabei fast umwarf.

"Paß doch auf", rief sie ihm ärgerlich zu. Er reagierte nicht darauf und stieß sie weiter vor sich her. Nun sah die Prinzessin, woher das Licht kam: In zahlreichen Nischen dieses unterirdischen Ganges wuchsen leuchtende Pilze, und ihr teils gelbliches, teils bläuliches Licht erzeugte soviel Helligkeit wie die Sonne an einem trüben Nachmittag im Wald.

"Wer bist du eigentlich?", fragte Alessandra den Unhold. Er sah zwar zum Fürchten aus, schien aber relativ harmlos zu sein. Doch er antwortete nicht.

Nach einigen Dutzend Metern weitete sich der Tunnel zu einer unterirdischen Halle. Sie wurde nicht nur von Pilzen, sondern auch von Fackeln erleuchtet. An ihrem Ende stand ein mächtiger Thron aus massivem schwarzen Granit. Von der Halle zweigten zahlreiche Gänge in alle Richtungen einschließlich oben und unten ab. Die Decke wurde gebildet aus Wurzeln, gelegentlich ragten auch ganze Stämme heraus und verschwanden unten im Boden. An den Wänden hingen merkwürdige Waffen und unidentifizierbare Gegenstände, außerdem die Geweihe seltsamer Tiere und mehrere menschliche Skelette. Einige davon waren sogar noch in ihre Kleider gehüllt. Auch ein offensichtlich königlicher Mantel war an der Wand in einem Holzrahmen befestigt, allerdings ohne menschliche Überreste darin. Staunend erkannte Alessandra das Wappen des Arcadia-Landes.

Da der Unhold sie nicht mehr weitertrieb, konnte sie sich ausgiebig umsehen. An eine Stelle stapelten sich Schatzkisten, davor lagen Perlenketten, Ringe und Goldschmuck und sogar eine zerbeulte Krone achtlos herum. Schädel dienten als Kerzenhalter und Öllampen. Der Thronsaal des Trollkönigs war ein bizarrer Ort.

Der Unhold stand hinter ihr im Eingang der Höhle, aus der sie gekommen waren, und starrte stumpfsinnig vor sich hin. Ab und zu sah er sich um, als warte er auf etwas. Oder jemanden.

Alessandra war sich darüber im klaren, welches Schicksal ihr hier zugedacht worden war. Die Skelette sprachen eine deutliche Sprache. Doch merkwürdigerweise verspürte sie keine Angst. Denn jetzt kannte sie die Gefahr und konnte ihr entgegentreten. Halb unbewußt tastete ihre Hand nach dem Schwert und sie war überrascht, daß sie es noch hatte.

Ein krächzendes Geräusch ließ sie herumfahren. Ein seltsames, scheußlich anzusehendes Wesen, ein Troll, trat aus einem der Tunnels heraus, gefolgt von einem halben Dutzend weiterer Kreaturen.

Der Troll kam auf sie zugesprungen und rief dann mit seiner häßlichen, krächzenden Stimme: "Ich bin Tonka, die rechte Hand von Fürst Harlengart. Bis der Fürst zurückkehrt, werden wir dich einsperren."

"Was habt ihr mit mir vor?" wollte Alessandra wissen.

Der Troll hopste vor Alessandra auf und ab und brüllte mit schriller Stimme: "Du wirst in die Sammlung des Höllenfürsten einverleibt! Komm. Komm. Ich zeige sie dir!". Ein stolzes Grinsen glitt über seine schmalen Lippen, dann packte er mit seiner kalten, glitschigen Hand Alessandra am Arm und zerrte sie mit sich. Es ging durch die Halle hindurch bis zu dem Holzrahmen mit dem Königskleid. Alessandra sah, daß dahinter ein Gang tiefer in das Höhlenlabyrinth führte, den sie vom Eingang aus nicht hatte erkennen können.

"Harlengart, der Fürst der Hölle, sammelt seit Urzeiten Könige und Prinzessinnen", erklärte der Troll mit seiner schrillen Stimme.

"Und vor Kurzem hat er einen Zauber entdeckt, mit dem er die Körper und das Leben der Menschen erhalten kann." Sein schrilles, irres Lachen ließ Alessandra zusammenfahren. "Das Leben, das Geheimnis des Lebens! Ja, er kennt es! Ja, ja!"

Der Troll zog sie weiter in den Tunnel, der sich nach kurzer Zeit in eine kleine Halle erweiterte. Dort hatte jemand etwa ein Dutzend großer, massiver Steinplatten oder -altäre aufgebaut, jede etwa ein mal zwei Meter groß und einen halben Meter hoch. Am Ende der Halle stand eine weitere Platte, die im Licht der Fackeln seltsam schimmerte. Als Alessandra näher heranging, sah sie, daß diese Platte nicht wie die anderen aus Stein, sondern aus purem Gold war. Allerdings waren alle diese Platten leer, bis auf zwei. Auf einer, nahe dem Eingang, lag ein Skelett, die zweite war von einer Glashaube überspannt.

"Da, sieh. Sieh!", krächzte Tonka und zeigte auf die goldene Platte. "Die hat Harlengart der Mächtige für die Goldene Königin gemacht. Nur für sie gemacht!" Er gab ein schrilles Krächzen von sich.

"Die Goldene Königin?", wunderte sich Alessandra. "Aber die gibt es doch nur im Märchen!"

"Märchen! Nein, nein. Kein Märchen." Der Troll lachte kreischend. "Harlengart der Meister weiß, es gibt sie wirklich. Es gibt sie. In der Tat! Wirklich." Alessandra war verwirrt, doch sie hatte keine Zeit, darüber weiter nachzudenken. Der Troll sprang wieder zurück zu der Platte, die mit Glas geschützt war. "Sieh! Sieh hier. Hier! Das ist König Cordo aus Arcadia-Land. Harlengart, der Geniale, hat ihn zu sich gelockt und ihn dann hier konserviert. Sieht er nicht wunderschön aus?"

Die Krallenhand des Trolls streichelte über die Glashaube.

"König Cordo?" Sie war wie elektrisiert. "Aber der ist seit über hundert Jahren tot. Oder genauer gesagt: Vermißt."

Tonka gab wieder sein gräßliches, kreischendes Lachen von sich: "Nein. Er ist tot und lebt doch. Er lebt. Und wann immer mein Herrscher es will, kann er ihn aufwecken und mit ihm spielen. Tot und lebendig, ja!"

Zitternd vor Aufregung trat Alessandra nun näher an die Glashaube heran und betrachtete den König genauer. Es war ein stattlicher Mann, etwa Mitte dreißig, und er sah genauso aus, wie auf dem Bild im Thronsaal ihres Vaters. So hatte sie ihn sich immer vorgestellt. Auch jetzt noch waren seine Gesichtszüge sanft und doch majestätisch. Die Prinzessin fragte sich, wie er wohl als Mensch gewesen war. Man erzählte sich von ihm immer noch die tollsten Geschichten: Er habe sagenhaften Mut und große Kraft besessen. Er habe jeden feindlichen Ritter besiegt und sogar Drachen herausgefordert. Gleichzeitig sollte er ein weiser und gütiger König gewesen sein. Nun, wo Alessandra ihn sah, hielt sie das alles für wahr.

Dann wurde ihr klar, daß sie bald neben ihm liegen würde, ebenfalls unter einer Glashaube und als Spielzeug dieses grauenvollen Ungeheuers, das sie oben entführt hatte. Nur einen Augenblick später bestätigte Tonka diesen Gedanken. "Harlengart. Harlengart, er holt den Zauber. Und dann", krächzte der Troll, "dann wird er auch dich konservieren." Er begann zu kreischen und tanzte wild um die Prinzessin herum.

So weit sind wir noch lange nicht, Freundchen, dachte sie sich.

Mit einer fließenden Bewegung riß sie Ihr Schwert heraus und hieb den Troll mitten durch. Dieser sackte in sich zusammen, ohne noch einen Laut von sich zu geben.

Alessandra zog sich den Tiger-Ring vom Finger und rief: "Schwester! Wenn du mich hörst, dann hilf mir."

*

Die Sonne schien durch die seltsamen Muster der bunten Glasfenster und zauberte leuchtende Ornamente auf den Fußboden des Bücherzimmers. An einem großen, schweren Eichentisch saß Ornella mit einer Zofe, und studierte einen Grundriß des Schwarzen Schlosses. Immer wieder ließ sie sich die Bedeutung der einzelnen Räume erklären. Das Schwarze Schloß war fast doppelt so groß wie das Weiße, hatte allerdings auch einen großen Innenhof und einige weitere, kleine Terrassen, die das Bauwerk interessant, aber auch sehr unübersichtlich machten. Und überall gab es Gänge und geheime Verstecke.

"Und hier, sagtest du, geht es in den Weinkeller, nicht?"

"Ja, Herrin."

Die Zofe war eine Frau aus dem Dörfchen, etwas älter als Ornella, aber auch verheiratet. Sie hieß Clara. Thoran hatte alle als Dienerinnen in Frage kommenden Frauen einbestellt, und Ornella hatte sich einige als Zofen aussuchen können. Alle diese Frauen waren etwas scheu und recht schweigsam, aber sehr nett und ihrer neuen Herrin treu ergeben.

"Hmm. Den Weinkeller sollte ich mal besichtigen."

Sie warf der Dienerin ein Lächeln zu und freute sich, als sie es etwas schüchtern erwiderte.

"Nanu, was ist das?" Mit einem metallischen Geräusch war ihr Löwen-Ring vom Finger gerutscht und auf den Tisch gefallen. Sie wollte ihn aufheben, doch der Ring entrollte sich zu einem winzigen, aber kompletten Löwen. Der Löwe schüttelte sich und sagte dann: "Königin! Deine Schwester braucht deine Hilfe."

Sprachlos vor Erstaunen starrte sie den winzigen, metallenen Löwen an. Clara war aufgesprungen und versteckte sich nun, zitternd vor Angst, halb hinter Ornella. Alles, was mit Magie zu tun hatte, flößte den Bewohnern des Schwarzen Königreiches eine panische Angst ein.

"Oh, mein Gott, Alessandra! Sag, wo ist sie? Wie kann ich ihr helfen?"

"Der Höllenbaron Harlengart hat sie gefangengenommen und will sie konservieren. Ja, sie soll als lebende Tote für alle Ewigkeit ihm gehören. Als Spielzeug! Wenn du sie retten willst, mußt du dich beeilen. Harlengart ist nur für kurze Zeit weg, um den Zauber zu holen."

Mit diesen Worten rollte der Löwe sich wieder zusammen und war nur noch ein ganz normaler Ring. Hastig steckte Ornella ihn sich an den Finger, dann sprang sie auf und rannte durch das Schloß zum Thronsaal.

"Mein Bestgeliebter! Der Ring hat zu mir gesprochen. Alessandra ist in großer Gefahr." Sie berichtete in aller Eile, was sie erfahren hatte.

Der Schwarze König nickte und erhob sich. "Zu lange schon habe ich gezögert, mit dieser Brut mal aufzuräumen." Er wandte sich Ornella zu. Seine Stimme war ruhig. Fast zu ruhig - gefährlich. "Du bist jetzt die Schwarze Königin und es wird Zeit, daß ich dich in einige deiner Pflichten einführe."

Dann stürmte er im Laufschritt aus dem Saal hinaus, und Ornella rannte hinter ihm her. Es ging durch dunkle Korridore - einige waren so finster, daß die Königin sich an den Wänden entlangtasten mußte und nur den Schritten ihres Mannes folgen konnte - dann eine Wendeltreppe hinab. Manchmal wurde es wieder heller, doch irgendwann gab es gar keine Fackeln und Kerzen mehr, und die beiden liefen durch absolute Finsternis. Dennoch schien Thoran genau zu wissen, wohin er wollte. An keiner Stelle zögerte er auch nur eine Sekunde, und es war für Ornella schwer, ihm zu folgen.

"Halt!"

"Wo sind wir?"

"Bereits tief unter der Erde."

Ornella streckte die Hände aus uns tastete sich vorwärts, aber da war überall eine massive, grob zugehauene Wand.

Doch dann spürte sie eine seltsame Kraft, die von ihrem Mann ausging und sich in der Wand entlud. Blaue Blitze und Funken zuckten durch die Luft und verteilten sich auf dem Fels. Sie tauchten die Gesichter der beiden Menschen in geisterhaftes Licht. Dann wurde es wieder finster, doch mit einem Mal spürte die Königin einen warmen Luftzug auf ihrem Gesicht. Sie hörte, wie ihr Gemahl voranschritt, dorthin, wo eben noch die Wand gewesen war. Sie tastete die Stelle ab, doch da war nichts mehr. Thoran ergriff ihre Hand und zog sie mit sich durch die Dunkelheit.

"Mein Bestgeliebter, was geschieht hier?", fragte sie ängstlich.

"Wir holen uns Unterstützung. Du wirst jetzt den Bewacher des Unendlichen Landes kennenlernen."

Es wurde wieder etwas heller. Ein rötliches Glühen lag in der Luft. Es wurde auch merklich wärmer. Ornellas Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt, so daß sie vage den Höhlengang erkennen konnte, durch den sie und ihr Mann schritten.

An einigen Stellen schimmerte die Wand metallisch, aber das tiefrote Licht verhinderte, daß sie das Material erkennen konnte. Sie fragte den Schwarzen König danach.

"Es ist Gold, meine Bestgeliebte. Hier unten gibt es mehr Gold, als sich irgend jemand vorstellen kann. Aber es ist so gut wie unmöglich, es zu bergen. Außerdem bedenke: Wenn es alles heraufgeholt würde, hätte es keinen Wert mehr in der Welt der Menschen. Später werde ich dir alles erklären. Aber jetzt mache dich bereit, Gawron gegenüberzutreten!"

Ein Schauder lief Ornella den Rücken herab, als sie den Namen hörte.

Wenig später, es war noch etwas heller geworden, zweigte ein Gang vom Hauptkorridor ab. Wie tief dieser noch in die Erde führte, vermochte sie nicht zu sagen, denn Thoran zog sie in den Seitengang.

"Gawron! Du wirst gebraucht!", rief er mit befehlender Stimme.

Als dann dicht vor ihnen wie aus dem Nichts zwei tiefblaue Augen aufglühten, stieß Ornella einen leisen Schrei aus.

"Mach etwas Licht und zeige dich deiner neuen Herrin, mein Kleiner."

Aus dem Maul des Drachen fuhr ein Flammenstrahl gegen die Decke und erleuchtete für einen Moment seine Ruhestätte.

Er hatte helle, fast weiße und glatte Haut und nicht etwa Schuppen, wie man es bei einem Drachen erwartete. Seine Augen waren von einem intensiven Blau, und er hatte schwarze Haare auf seinem Drachenkopf. Nie in ihrem Leben hatte Ornella etwas Ähnliches ... doch! Die Rüstung. Der Drache auf der Rüstung! Damals, bei dem Turnier. Jetzt fiel es ihr wieder ein. Bevor Thorans Blick sich mit ihren gekreuzt hatte, bevor sie sich in ihn verliebt hatte, da hatte sie Gelegenheit gehabt, die Rüstung und diesen ungewöhnlichen, darauf gemalten Drachen zu studieren. Kein Zweifel, es war das Bild Gawrons gewesen. Oder? Nein, es war Gawron selbst gewesen, der sich in ein Bild verwandelt hatte. Sie wußte nicht, woher sie das auf einmal wußte, aber sie war sich dessen sicher.

"Nun, meine Bestgeliebte. Befiehl ihm. Er wird dir gehorchen wie mir."

Erstaunt sah sie den Schwarzen König an, dann wieder den Drachen. Irgendwie gefiel ihr dieses Wesen auf einmal. Ja, sie fand es überaus sympathisch. Langsam, vorsichtig streckte sie eine Hand aus, ging auf den Drachen zu und berührte ihn.

Er fühlte sich weich und warm an, seine Haut war so wie die eines Menschen.

Sie spürte geradezu den spöttischen Blick ihres Gemahls in ihrem Rücken, dann sage er: "Der Schein trügt. Seine Haut ist hart wie Stahl, und er ist fast unverwundbar."

Sanft strich Ornella dem Drachen über das Gesicht und die samtenen schwarzen Haare. Gawron sah sie eigenartig an, dann streckte er seine gespaltene Zunge hervor und fuhr zärtlich über Ornellas Gesicht. Sie schluckte gerührt.

"Bitte, lieber Drachen. Meine Schwester ist in großer Gefahr. Kannst du ihr helfen?"

"Sage mir, was ich tun soll, Gebieterin und Freundin."

"Freundin", echote der Schwarze König. "Noch nie hat er einen Menschen so genannt. Ich muß sagen, meine Bestgeliebte, du überraschst mich und ich bin sehr stolz auf dich. Ich werde jetzt gehen und die Armee sammeln. Gawron wird dich nach draußen führen. Wie treffen uns in einer halben Stunde im Exerzierhof."

Ornella sah ihren Gatten im rötliche Zwielicht verschwinden, dann erklärte sie dem Drachen, in welch mißlicher Lage sich ihre Schwester befand.

Gawron antwortete: "Der Höllenbaron lebt schon seit vielen Jahrtausenden und seine Macht ist in all der Zeit immer mehr gewachsen. Nun hat er offenbar das Geheimnis des Lebens entdeckt. Es wird wirklich Zeit, daß mein Gebieter gegen ihn einschreitet. Komm', meine Gebieterin und Freundin. Setze dich auf meinen Rücken. Wir werden fliegen."

Der Flug durch das Höhlenlabyrinth war mehr als abenteuerlich. Mit unglaublicher Geschwindigkeit schoß der Drachen durch die engen, meist stockdunklen Tunnels und Gänge, und mehr als einmal glaubte Ornella, daß ihr letztes Stündlein geschlagen hätte. Doch plötzlich durchbrachen sie eine Wand, die in Wirklichkeit nur aus Luft bestand, und waren im Freien. Unter sich sah die Schwarze Königin die hohen Tannen, die das Schwarze Schloß umgaben. Der Drachen zog eine Schleife und flog zum Schloß zurück. Sanft wie eine Feder landete er im Innenhof, wo der Schwarze König bereits mit etwa 20 berittenen Soldaten bereitstand.

Er befahl diesen abzusitzen. Dann wandte es sich an Ornella: "Du kannst nicht mit uns kommen, meine Bestgeliebte. Es wird sehr gefährlich werden, und du kannst weder mit dem Schwert, noch mit Magie kämpfen."

Sie wollte widersprechen, doch sie sah ein, daß er Recht hatte. Hätte sie doch nur auch, wie Alessandra, den Kampf mit der Waffe gelernt und nicht nur den mit spitzen Worten.

Thoran schien ihre Gedanken zu erraten, denn er fügte hinzu: "Die Magie mußt du aber sowieso lernen. Das gehört zu deinen Pflichten als Landesherrin. Wenn ich zurück bin, werde ich beginnen, dich darin einzuweisen. Und was den Kampf mit Waffen angeht: auch darin solltest du dich üben!"

Dann drehte er sich zu seinen Soldaten und ihren Pferden um. Wieder ging diese Kraft von ihm aus, und er murmelte in beschwörendem Tonfall: "Ich befehle eurer Materie, sich in Falken zu verwandeln. Ich befehle es euch." Und sie begannen zu schrumpfen und sich mit Federn zu überziehen. Schnäbel wuchsen ihnen, ihre eisernen Stiefel wurden zu Vogelkrallen, und am Ende hatten sie sich in Falken verwandelt. Die Pferde wurden zu Enten, die ebenfalls zu den sehr schnell fliegenden Vögeln zählen. Dann vollzog Thoran den Zauber an sich selbst.

Zusammen mit Gawron erhoben sie sich in die Lüfte und schossen davon. In wenigen Minuten schon würden sie das Troll-Land erreicht haben. Dann galt es, das Versteck Harlengarts zu finden.

Ornella sah dem Vogelschwarm und dem ihn begleitenden Drachen nach, bis er hinter der Mauerkrone aus ihrem Blick entschwunden war. Gedankenverloren drehte sie ihren Löwen-Ring hin und her. Hoffentlich ging alles gut.


Der Schwarze König kannte ungefähr den Ort, an dem Harlengart sein unterirdisches Reich hatte. Er, seine Soldaten, die Pferde und der Drachen landeten in der Umgebung dieser Stelle, und er verwandelte alle wieder zurück. Gawron hatte den Flug ohnehin in seiner richtigen Gestalt gemacht.

"Wartet. Ich will versuchen, seine Anwesenheit zu erspüren."

Doch das erwies sich als unnötig. Plötzlich sahen sie sich umzingelt von Dutzenden Trollen und Unholden, die sich mit bestialischem Gebrüll auf sie stürzten.

*

Alessandra seufzte. Ob die Nachricht ihre Schwester wohl erreicht hatte? Ihr Ring jedenfalls hatte keinerlei Reaktion mehr gezeigt.

Sollte sie sich nun verstecken, oder versuchen zu entkommen, solange Harlengart fort war? Aufmerksam lauschte sie in den Gang hinein, aber wie es schien, war sie allein. Keine der scheußlichen Kreaturen war ihnen gefolgt. Vorsichtig schlich sie sich zurück und spähte dann hinter dem Holzrahmen mit dem Kleid Cordos hervor. Zwei Kobolde standen am anderen Ende der Halle und redeten auf den Unhold ein, der sie hierhergebracht hatte. Alessandra dachte daran, sie in den Gang zu locken und dort auszuschalten. Doch wie viele dieser Bestien gab es hier unten? Wenn Harlengart wirklich der Baron der Hölle war, dann hatte er bestimmt viele Untertanen. Mehr, als sie mit ihrem Schwert besiegen konnte. Und wo der Ausgang lag, wußte sie auch nicht. Doch da kam ihr eine Idee.

Sie legte das Schwert beiseite, taumelte dann aus dem Gang hervor und rief mit stöhnender Stimme: "Kommt schnell. Hilfe. Es ist was passiert." Dann zog sie sich rasch zurück, nahm ihr Schwert fest in die Hand und spähte durch die Ritzen des Holzrahmens, was die drei taten. Zuerst kamen die beiden Trolle herbeigehüpft, aufgeregt schnatternd und kreischend. Als sie dicht vor dem verdeckten Eingang waren, sprang die Prinzessin hervor und hieb erst den einen, und dann den anderen, der vor Schreck wie erstarrt war, nieder. Dann stürzte sie sich auf den Unhold, hielt ihm das Schwert an die Stelle, wo sie die Kehle vermutete und rief: "Und du zeigst mir jetzt sofort den Ausgang, Freundchen, sonst geht es dir wie den beiden da!"

Der Unhold starrte sie aus seinem einzigen Auge an und sie befürchtete schon, er würde einfach da stehenbleiben und gar nichts tun, doch da drehte er sich um und stapfte mit schwerfälligen Schritten auf einen der Tunnels los.

"Beeil dich", trieb Alessandra ihn an, und sie verschwanden gerade noch rechtzeitig in der Röhre, bevor andere Trolle und Gnome in den Thronsaal kamen. Als diese die beiden Toten sahen, erhoben sie ein fürchterliches Geschrei, und der Unhold blieb verwirrt stehen. Alessandra trieb ihn mit ihrem Schwert entschlossen weiter, doch es ging ihr viel zu langsam. Schließlich ließ sie den Unhold einfach stehen und floh alleine weiter.

Das Unendliche Land - Harlengart, der Höllenbaron

Unterwegs begegneten ihr seltsame Kreaturen, doch sie wurde nur einmal angegriffen und konnte fliehen. Nur - den Ausgang fand sie nicht.

Über zwei Stunden irrte sie durch die lehmigen Gänge dieses unterirdischen Labyrinthes. Verzweifelt ließ sie sich schließlich an einer Wand in die Hocke herabsinken.

"He, Prinzessin. He! Der Ausgang ist doch direkt über dir."

Sie fuhr herum. "Wer spricht da."

"Ich, ich!"

Der Kopf eines seltsamen Wesens schaute schräg über ihr aus der Wand.

"Hier. Komm." Es zog sich in sein Loch zurück und verschwand darin, und dann fielen Sonnenstrahlen daraus in den Gang. Das Wesen hatte also die Wahrheit gesagt.

Alessandra steckte ihr Schwert in die Scheide, dann kletterte sie die lehmige, nachgiebige Wand hoch, erweiterte das Loch und schob sich robbend heraus.

Neben ihr stand der Gnom und grinste sie zufrieden an. Ihr wurde schwarz vor Augen und sie erkannte schemenhaft, wie er wuchs und sich in einen Riesen verwandelte. Hörner sprossen ihm aus dem Kopf, und dann sagte er mit dröhnender Stimme: "Da bin ich ja gerade rechtzeitig zurückgekommen!"

"Nicht ganz", zischte es hinter ihm. Harlengart fuhr herum, und auch Alessandra sprang auf.

Ohne einen Moment zu zögern, warf sich der Baron der Hölle auf den Drachen, doch dieser sprang in die Luft und umkreiste das Ungeheuer. Mit heftigen Flammenstrahlen hielt er ihn auf Distanz, doch sie schienen ihm nicht viel anhaben zu können. Harlengart wehrte sich nun mit heftigen Blitzen, die er dem Drachen entgegenschleuderte und denen dieser geschickt auswich. In einem günstigen Moment, als der Höllenbaron ihr den Rücken zuwandte, sprang Alessandra hinzu und versuchte, ihm mit aller Kraft ihr Schwert zwischen die Rippen zu stoßen. Doch es konnte die Haut des Ungeheuers nicht einmal ritzen und brach ab. Die Prinzessin zerbiß einen Fluch zwischen den Zähnen.

"So wirst du ihn, fürchte ich, nicht besiegen", sagte da eine vertraute Stimme von hinten.

Der Schwarze König war auf seinem Roß erschienen und wandte sich nun Harlengart zu. Blaue Blitze und eine seltsame, unheimliche Kraft flossen von ihm auf den Höllenbaron zu, während dieser gleichzeitig von der anderen Seite aus durch Gawron heftig angegriffen wurde.

Der Baron der Hölle stöhnte auf. Er schien etwas zu schrumpfen, dann lösten sich grelle Funken von ihm und fuhren in die Bäume ringsum. Nur der Schwarze König und der Drachen wurden nicht getroffen. Es war, als schütze sie eine übermächtige Kraft.

"Ahhhh. Zur Hölle mit dir, Thoran von Caair", röhrte Harlengart. Er riß einen Baum aus und fegte mit einer blitzschnellen Bewegung den Schwarzen König aus dem Sattel. Mit diesem Angriff hatte der nicht gerechnet, und für einen Moment war er wehrlos. Trotz der heftigen Attacken Gawrons hob Harlengart eine seiner gewaltigen Fäuste und sammelte darin einen Blitz, der den Schwarzen König zerschmettern würde. Mit einem urgewaltigen Schrei schleuderte er die geballte Energie auf den Schwarzen König, doch einen Moment früher hatte sich Alessandra über ihn geworfen und zur Seite gerollt. Der Blitz hinterließ ein riesiges Loch, in dem das Wasser sprudelnd zischte und kochte.

"Danke", rief Thoran hastig, dann sprang er wieder auf und erstarrte. Sein Körper wurde in gelbes Licht getaucht, bis er nur noch daraus zu bestehen schien, dann entlud sich die Energie auf den Höllenbaron. Wäre dieser voll davon getroffen worden, wäre sicher nichts von ihm übriggeblieben. Doch in letzter Sekunde hatte er sich zur Seite geworfen und war nur gestreift worden. Dennoch schrie er gepeinigt auf, und sein grauenvolles Brüllen erfüllte die Sumpflandschaft weithin.

Einen Moment später war er verschwunden. Nein, er hatte sich in ein urtümliches Flugwesen aus den frühen Tagen der Schöpfung verwandelt und floh nun mit unglaublicher Geschwindigkeit in die Wolken.

Gawron verfolgte ihn, konnte ihn aber nicht mehr einholen.

Enttäuscht kehrte er wenig später zu seinem Herrn zurück. Auch die Ritter hatten sich dort versammelt. Vier von ihnen waren verwundet, einer tot. Aber sie hatten zahllose Trolle und Gnome getötet und den Rest in alle Winde getrieben.

"Schade, daß er uns entkommen ist", meinte Thoran. "Denn ich fürchte, das war nicht unsere letzte Begegnung. Diesmal war die Überraschung auf unserer Seite. Aber beim nächsten Mal ..." Er blickte Gawron an: "Wir müssen vorsichtig sein." Der hellrosa Drachen nickte.

Dann wandten sie sich Alessandra zu. Etwas verlegen erwiderte die Prinzessin den Blick. Doch dann ging sie auf den Schwarzen König zu und sagte: "Ich danke dir zutiefst, daß du gekommen bist, um mich zu retten." Sie sah auf und fügte hinzu: "Ich danke euch allen für eure Tapferkeit und euren Mut."

"Was wolltest du denn hier in dieser gräßlichen Gegend?", wollte der Schwarze König wissen.

Alessandra erzählte ihm, wie sie in diese Lage gekommen war. Sie berichtete auch von König Cordo, doch der Schwarze König wagte sich nicht daran, Harlengarts komplizierten Zauber zu brechen. Zu leicht hätte es für den Arcadier das endgültige Ende bedeuten können.


"Tja, vor Trollen bist du erst mal sicher. Bis die sich von ihrem Schrecken erholt haben, wird es eine Zeitlang dauern. Und ihr Gebieter ist über alle Berge. Du kannst also deinen Weg von nun an gefahrlos fortsetzen. Und wir reiten zurück und räuchern jedes Troll-Nest aus, das wir unterwegs finden."

"Nochmals danke. Und richte meiner Schwester schöne Grüße aus."

Irgendwoher hatte der Schwarze König ihr Pferd Schwalbe herbeigeholt oder -gezaubert. Nun übergab er es ihr, hob sie darauf und ließ es loslaufen. Er sah der Prinzessin nach, bis sie seinen Blicken entschwunden war.

Dann begruben sie den toten Soldaten.

*

Es war Oktober geworden. Doch das machte keinen großen Unterschied, denn in den Bergen des Blauen Königreiches von König Erich dem Bärentöter lag immer Schnee, selbst im Hochsommer. Irgendwie schafften es ein paar Bäume trotzdem zu wachsen, und unten in den Tälern blühten sogar saftige, bunte Wiesen. Es lebten nur wenige Menschen in diesem frostigen Land, und sie betrieben auch kaum Ackerbau. Für niedere Bauernarbeit war das Blaue Volk zu stolz. Hier ging man lieber auf Bärenjagd, und wenn die scheuen Räuber gerade nicht auffindbar waren, begnügte man sich auch mit Wölfen, Bibern oder Blaufüchsen. Besonders diese brachten auf den Märkten der benachbarten Reiche wegen ihrer Pelze einen hohen Preis, und dieses Jahr war die Saison nicht schlecht gewesen.

Die ersten tastenden Sonnenstrahlen fielen durch das lichte Dach der Bäume auf die Hüttenstadt, die dem Blauen König in diesem Sommer als Hauptstadt diente. Wenn die Gegend abgegrast war, würde er die Hütten woanders aufbauen lassen und dort auf die Jagd gehen.

Quietschend öffnete sich eine Tür und ein kräftiger, halbnackter Mann mit einem mächtigen Schnurrbart sprang heraus. Er holte tief Luft, und als er sie wieder ausstieß, dampfte sie in der morgendlichen Kälte. Dann rannte er durch den Schnee auf den kleinen Fluß zu und sprang in das eisige Wasser. Wild plantschte er darin herum, brüllte und trommelte sich mit den Fäusten auf die Brust.

Simona, seit ein paar Monaten die Blaue Königin, tauchte im Türrahmen auf, ebenfalls ziemlich dünn bekleidet für die eisige Kälte des Morgens. Als ihr ein kalter Windstoß ins Gesicht blies, überlegte sie kurz, ob sie das Bad nicht lieber verschieben sollte. Doch dann spurtete auch sie los und hopste neben ihrem Mann in den Eisbach. Sie tollten umher, bespritzen sich mit Wasser, und bald gesellten sich weitere Männer und Frauen zu ihnen und veranstalteten ein wildes, ausgelassenes Badevergnügen. Die Fische flohen entsetzt, die Vögel sahen von ihren Ansitzen dem lauten Treiben verständnislos zu, und die Hunde der Jäger, die sich in ihrer Freude und Begeisterung zu nah ans Wasser wagten, wurden gnadenlos naßgespritzt und jaulten empört auf.

Nachdem sich alle etwas ausgetobt hatten, liefen sie in ihre Hütten zurück und trockneten sich wieder ab. Dann wurde Holz geholt und Feuer für ein kräftiges Jägerfrühstück bereitet.

Erich und Simona, immerhin König und Königin, mußten allerdings ihr Feuer nicht selbst machen. Auch bei den Eismännern gab es Diener und Lakaien, die sich im übrigen nicht an den morgendlichen Eisbädern beteiligten und daher in den Augen der echten Eisleute immer etwas blaß und kränklich aussahen.

Die beiden schrubbten und rubbelten sich gegenseitig trocken.

"Weißt du, daß letzte Woche mein Geburtstag war?", fragt Simona später beim Frühstück.

Erich brummte irgend etwas Unverständliches, während er ein Stück Fleisch von einer gebratenen Keule riß. Nachdem er es hinuntergeschluckt hatte, fügte er hinzu: "So was Schönes wie Sofrejan kann ich dir sowieso nicht bieten, Wölfchen."

"Aber Bärchen, es geht doch gar nicht um den Wert", dozierte 'Wölfchen' Simona, "sondern es muß vom Herzen kommen."

"Hmm", brummte Erich, und dann nochmal "grmmm."

"Hast du gestern den violetten Eisvogel gesehen?" fragte die Königin.

"Blauen Eisvogel. Hab' schon seit Monaten keinen mehr gesehen. Sind ziemlich selten geworden. Bringen 'ne Menge Kohle in Gel-Almanaum oder Kiünis, aber hier scheint schon alles abgegrast zu sein. Schade."

"Ja, er hatte soooo ein schönes Gefieder. Vor allem die großen, prächtigen Schwanzfedern! Nicht mal Zuhause hatten wir so schöne Vögel. So tolle Farben... Ich frage mich, woher sie diesen metallischen Glanz bekommen."

"Keine Ahnung. Was soll's auch? Sie haben ihn halt, auch ohne daß wir wissen, wieso und wozu. Wahrscheinlich machen sie's wie bei uns: um die Weiber zu beeindrucken." Er lachte dröhnend.

Simona langte über den Tisch nach Erichs Hand und drückte sie zärtlich. Er gab ein zufriedenes Knurren von sich. Dann sagte er: "Deinen Schwestern würden die Haare zu Berge stehen, wenn sie dich jetzt so sehen könnten, Wölfchen. Hier, bei uns Wilden." Er grinste sie an, und sie gab ihm ein liebevolles, warmes Lächeln zurück. "Ach, Wölfchen, ich liebe dich. Du bist so süß und putzig."

"Putzig? Oh, du... Ich bin eine Königin, jawohl. Und Königinnen sind nicht putzig." Doch dann mußte auch sie lachen, und die Männer und Frauen an dem großen Tisch fielen ein.

"Was hast du heute vor?" erkundigte Simona sich nach dem Frühstück.

"Naja. Ein paar Burschen kontrollieren die Fallen, aber ich muß heute und morgen Gericht halten. Du hast sicher die Leute gesehen, die seit vorgestern hier nach und nach eingetrudelt sind. Sie sind gekommen wegen Streitereien, und ich als ihr König werde sie entscheiden. Und wer mir blöd kommt, der kriegt eine aufs Dach." Zur Bekräftigung hieb er mit der Faust auf den Tisch, daß es krachte.

Dann stand er auf, ging zu seinem Lager, wo eine große, schwere Holztruhe stand, öffnete sie und kramte seine Krone hervor.

"Oh", brummte er dabei, zog noch etwas heraus, hielt es aber versteckt. "Das hätte ich ja beinahe ganz vergessen."

Neugierig schaute Simona zu ihm hinüber. Er kam zurück, hielt aber eine Hand hinter dem Rücken.

"Rat' mal, was ich hier habe."

"Für mich?"

"Mhmm."

Simona bekam ganz leuchtende Augen. "Also, äh, ähm, was könnte es nur sein? Ein ... äh, oder vielleicht eine ..."

Irgendwann dauerte es Erich zu lange und er holte seine Hand hervor und zeigte seinem Wölfchen den Inhalt. "Oh," hauchte Simona. "Ein ausgestopfter violetter Eisvogel! Und ganz für mich allein." Mit einem Juchzer sprang sie auf und fiel Erich um den Hals. Er konnte sich ihrer Begeisterung kaum erwehren, und die Anwesenden grölten vor Begeisterung. Von Anfang an hatte Simona mit ihrem offenen und spontanen Wesen die Herzen dieser rauhen Burschen im Sturm erobert, und mit jedem Tag wurde sie beliebter.

"Oh, Erich, mein geliebtes Bärchen. Danke, tausend Dank. Nein, ist der hübsch!" Nach etlichen weiteren schmatzenden Küssen ließ sie wieder von ihm ab. Sie strich über das metallisch schimmernde Gefieder, dann hielt sie sich den Vogel hinter den Kopf, so daß seine prächtigen Schwanzfedern hinter ihrem Haupt emporragten. "Na, wie steht mir das?"

"Vorsicht, Wölfchen. Eine Feder ist schon herausgefallen."

"Oooo."

"Steck' sie dir doch ins Haar."

"Nein, die hebe ich so auf."

Während Simona für den Vogel einen guten Platz suchte, rückte Erich würdevoll seine Krone zurecht, dann schritt er an das Ende der Tafel und sagte mit lauter Stimme: "Dann wollen wir mal mit dem Gerichtstag beginnen. Den Tisch abräumen! Und dann laßt die ersten Streithähne herein."

Der Gerichtstag war für den König anstrengend und für die Königin unheimlich spannend. Erich versuchte, so gerecht und unparteiisch wie möglich zu urteilen und fragte oft seine Frau und seine Freunde um Rat, denn die wenigsten Fälle waren klar und einfach zu lösen.

Gegen Mittag wurde die Verhandlung zum Essen unterbrochen, am Nachmittag dann ging es weiter.

Irgendwann brummte Erich: "Wenn das so weitergeht, dann werden es drei oder vier Tage, bis die alle durch sind. Und dann noch die, die noch Zeugen auftreiben müssen. Oh je."

"Wir können uns ja abwechseln", schlug Simona vor.

"Hmm. Ich weiß nicht. Du hast noch zu wenig Erfahrung. Vielleicht beim nächsten Mal. Weißt du, Simona" - immer, wenn er sie bei ihrem richtigen Namen nannte, meinte er es ernst - "man kann viel falsch machen und viel Porzellan zerschlagen, auch wenn man es gar nicht merkt. Aber die Leute vergessen das nicht. Glaub' mir, es ist ein schwieriges Geschäft."

Es wurde tiefe Nacht, bis der letzte Fall des Tages entschieden war. Dann gab es ein kräftiges Abendessen, ein paar Männer kühlten noch im Fluß ihr Mütchen, manche warfen auch ihre Frauen hinein, nackt, wenn's ging, was natürlich eine wilde Wasserschlacht zu Folge hatte, dann gingen alle schlafen.


Am nächsten Morgen schliefen die Jäger länger als sonst. Müde und verschlafen schlichen sie dann aus ihren Hütten, doch das eisige Wasser weckte sehr schnell ihre Lebensgeister. Nach wenigen Minuten waren alle im oder am Wasser versammelt und lieferten sich eine begeisterte Schneeballschlacht.

Keiner bemerkte zunächst den Reiter auf der edlen, hellbraunen Stute, der hinter den Bäumen auftauchte und sich neugierig dem Ort des Gekreisches und Geplansches näherte. Eigentlich war es auch kein Reiter, sondern eine Reiterin, auch wenn man das unter den dicken Decken und Fellen nicht auf Anhieb sehen konnte.

"He!", rief einer der Männer, und richtete sich im Fluß auf, woraufhin er sofort mit einer Salve aus Schneebällen eingedeckt wurde. Da er nur eine Art Fell-Unterhose trug, verwandelte er sich rasch in einen Schneemann.

"Hört doch mal auf", brüllte er und zeigte auf die Reiterin. "Das ist keiner von uns."

"Stimmt", antwortete diese ihm.

Abrupt endete das eisige Badevergnügen. Teils neugierig, teils mißtrauisch blickten die Männer und Frauen hinüber. Diejenigen, die gar nichts anhatten, also die besonders mutigen, bedeckten unwillkürlich ihre Blöße mit den Händen. Schließlich war man ja jetzt nicht mehr unter sich.

Die Reiterin schlug ihre Kapuze zurück: "Ich suche meine Schwester. Man hat mir ge..."

"Alessandra!" rief da Simona begeistert dazwischen.

Die Prinzessin sprang vom Pferd herab und lief Simona entgegen, die nun aus dem Wasser aus sie zustürmte.

"Oh, mein Gott, Simona. Du bist ja fast nackt!"

"Alessandra, geliebte Schwester!"

In der Tat ging die Blaue Königin beim Baden mit gutem Beispiel voran und trug nur einen sehr knappen Rock.

Alessandra traute ihren Augen kaum, als ihre Schwester, triefend naß vom eisigen Wasser und mit Schnee in den Haaren, durch den hier fast knietiefen Schnee auf sie zugestürmt kam.

Simona umarmte Alessandra stürmisch, dann rief sie: "Warum kommst du nicht auch ins Wasser? Es macht so viel Spaß."

"Oh, du Kindskopf," antwortete die Prinzessin. "Du wirst dir den Tod holen!"

"Unsinn! Das ist gesund. Keiner hier ist krank oder erkältet. Es härtet ab." Sie nickte begeistert.

Alessandra war erstaunt. Nicht nur Ornella war ein anderer Mensch geworden, offenbar hatte Erich das mit seiner Simona auch geschafft.

"Aber schämst du dich denn nicht. Unbekleidet, vor all den Männern?"

"Die sind alle verheiratet. Außerdem sind sie ja auch fast nackt. Und glaubst du, die hätten noch nie eine Frau ohne Kleider gesehen?"

Die Sitten und Gebräuche im Blauen Königreich unterschieden sich von denen daheim offenbar in einigen wesentlichen Punkten.

"Wenn ich das Vater erzähle, dann fällt er in Ohnmacht."

Mit Schwalbe überquerte Alessandra den Fluß an einer provisorischen Holzbrücke, während Simona hindurchschwamm, nicht ohne zu versuchen, ihre Schwester naßzuspritzen.

Dann begleitete sie Alessandra in die königliche Hütte.

Der Badespaß war vorbei und die Männer und Frauen gingen nun alle in ihre Häuser zurück, um sich zu trocknen und anzuziehen. Dann erschienen sie alle nach und nach beim Blauen König, denn dieser Besuch war natürlich ungeheuer spannend. Ehrensache, daß der Gerichtstag ausfiel; auch die Leute, die extra deswegen angereist waren, um Recht zu suchen, hörten natürlich lieber die Geschichten, die die Schwester ihrer neuen Königin über ihre Abenteuer zu berichten hatte. Und es waren geradezu unglaubliche Geschichten über den Schwarzen König, Drachen und Kobolde. Und den Baron der Hölle. Als Alessandra von diesem erzählte, klebten die Blicke der Eisleute geradezu an ihren Lippen.

Spät am Abend nahm Alessandra ihre Schwester beiseite und sagte leise zu ihr: "Ich wollte dir noch was sagen, was die anderen nicht unbedingt zu wissen brauchen. Es geht nur dich, mich und den Schwarzen König etwas an."

"Den Schwarzen König? Ich wüßte nicht, was ich mit dem zu schaffen hätte", erwiderte Simona mißtrauisch.

"Sprich nicht so abfällig über ihn. Er hat mir immerhin das Leben gerettet. Ich habe euch nicht erzählt, wie ich ihn damals gerufen habe, als der Troll-König mich gefangenhielt."

"Gerufen? Stimmt. Woher wußte er, daß du in Gefahr warst?"

"Dadurch", sagte sie, und hielt Simona den Tiger-Ring hin.

"Durch den Ring? Aber der ist doch von Prinz Sofrejan. Wieso..."

"Wenn du mich ausreden ließest, würde ich es dir ja sagen. Also. Zu seiner Vermählung mit Ornella hat Thoran mir und ihr ein Geschenk gemacht, das wirklich unvergleichlich ist!"

Simona schielte zu ihrem violetten Eisvogel hinüber, unterbrach Alessandra aber nicht.

"Er hat Ornellas und meinen Ring verzaubert, so daß wir uns verständigen können, wenn eine von uns in Not ist. Auf diese Weise habe ich durch Ornella den Schwarzen König zu mir rufen können."

Sie schwieg einen Moment und sagte dann leise und mit feierlichem Tonfall: "Und ich will, daß auch du und Olivia mit uns sprechen könnt, wenn ihr in großer Gefahr seid. Deswegen möchte ich deinen Ring dem Schwarzen König bringen, damit er ihn in diese magischen Kette einschmiedet."

Simona sah Alessandra lange und ernst an, dann zog sie schweigend ihren Gepardenring vom Finger und übergab in ihrer Schwester.

"Vielleicht hast du Recht. Ich kenne den Schwarzen König wirklich nicht. Aber wenn es stimmt, was du sagst, daß Ornella mit ihm so glücklich ist wie ich mit Erich, dann vertraue ich ihm."

Alessandra küßte sie auf die Stirn und sagte: "Schwester, ich hab' dich ganz furchtbar lieb."

"Ich dich auch, große Schwester." Simonas Augen blitzten auf, dann sagte sie: "Ich hab’ auch was für dich. Hier." Sie holte die große, blauviolett schillernde Feder des Eisvogels hervor, die am Tag zuvor ausgefallen war. "Nimm sie, und wenn du sie betrachtest, denke immer an mich und an Erich."

*

Einige Wochen zuvor.


"Mutter, was tust du da?" fragte Prinz Sofrejan aufgeregt. Überall in der Hauptstadt und den Dörfern der Sonneninsel wurden Soldaten ausgehoben und Pferde und Schiffe beschlagnahmt.

"Wir sind im Krieg gegen diesen Verräter im Norden, den Weißen König Harro. Und was soll diese dumme Frage überhaupt? Du weißt doch genau, was ich tue. Ich leite die Mobilmachung persönlich!"

"Aber wir haben ihnen doch nicht mal den Krieg erklärt."

"Stimmt, du naiver Dummkopf." Sie stöhnte gequält auf und murmelte zu sich selbst: "Womit habe ich einen so einfältigen Sohn verdient." Zu Sofrejan sagte sie: "Natürlich habe ich ihnen keine offizielle Kriegserklärung gesandt. Wir beteiligen uns mit Waffen, Soldaten und vor allem Geld am Feldzug der Arcadier. Das ist viel sicherer für uns, denn so hat der Weiße König nichts gegen uns in der Hand. Wir sind ja neutral, und wenn er uns trotzdem angreift, setzt er sich vor aller Welt ins Unrecht. Und dem würden die anderen Fürsten und Könige nicht tatenlos zusehen. Du siehst, wir können nur gewinnen!"

"Aber Mutter, das ist unehrenhaft."

"Träumer! Was glaubst du, wie die Sonneninsel so lange ihre Unabhängigkeit erhalten konnte? Nur durch geschickte Politik. Übrigens: Du wirst den Feldzug unserer arcadischen Freunde offiziell als Beobachter mitmachen. Das heißt, du hast in Wirklichkeit das Oberkommando unserer Truppen. Das hat mir König Starrus zugesichert."

"Und hast du auch vor, dich an der Unterwerfung der freien Städte am Fluß zu beteiligen?"

"Wenn Starrus das verlangt, und ich schätze, das wird er, dann müssen wir wohl mit einmarschieren."

"Warum willst du überhaupt gegen den Weißen König Krieg führen? Was können wir dabei gewinnen?"

Die Imperatrice sah ihn lange und durchdringend an, aber der Prinz hielt ihrem fast drohenden Blick stand.

"Was wir gewinnen können? Alles, mein lieber Sohn. Alles! Und nun geh, und melde dich bei General Karuman. Er ist der Militärbotschafter von Arcadia-Land und überwacht unsere Vorbereitungen."

Etwas verwirrt und ziemlich unzufrieden verließ der Prinz den Sonnenpalast und ging die Hauptstraße hinunter zur arcadischen Botschaft. Die Straße, wie viele andere auf der Sonneninsel, war mit breiten Platten aus rosa Marmor gepflastert, das aus der ehemaligen arcadischen Nordprovinz, dem jetzigen Weißen Reich stammte. Ganze Heerscharen von Sklaven waren ständig nur damit beschäftigt, sie zu säubern und zu polieren.

Aus dem gleichen Material waren der Palast, zahlreiche Villen in und um die Hauptstadt, und mittlerweile sogar etliche der Hafengebäude rings um die Insel. Wenn morgens und abends die Sonne tief stand und die Insel beleuchtete, erglänzte sie in einer fast überirdischen Schönheit. Von daher hatte sie auch den Namen Sonneninsel. Diese Pracht hatte das Vermögen mehrere Generationen gekostet, und doch waren sowohl die Herrscher als auch die einfachen Bürger immer reich gewesen. So reich, daß sie stets ihre Unabhängigkeit hatten sichern können.

Prinz Sofrejan betrat die Botschaft und ließ sich vom General empfangen.

*

"Seid ihr endlich fertig, ihr Tagediebinnen?", herrschte die Imperatrice ihre Hofhexen an.

"Ja, eure Majestät. Soeben fertig geworden. Seht!", antworteten diese unterwürfig. Beata hatte schon mehr als eine ihrer Hexen hinrichten oder heimlich vergiften lassen, wenn sie nicht zufrieden war. Ihr oberstes Ziel aber, nicht mehr altern und keine Sterbliche mehr sein zu müssen, hatte sie nicht erreicht. Sie wußte, daß nur der Schwarze König dieses Geheimnis kannte, und deswegen haßte sie ihn inbrünstig.

Die Hofhexen hatten ihr vor vielen Jahren eine magische Kugel gegeben, mit der sie den Schwarzen König hatte beobachten können. Doch dann hatte der es gemerkt und die Kugel mit einem Zauber zerstört. Nun hatte die Imperatrice eine neue Kristallkugel anfertigen lassen. Doch den Schwarzen König wollte sie diesmal nicht bespitzeln, das war ihr zu gefährlich. Nein, der Weiße König war ihr Ziel. Er war für sie der Schlüssel, denn daß sie Thoran von Caair sein Geheimnis nicht entreißen konnte, wußte sie. Es gab aber noch einen anderen Weg.


Die Kerzen erhellten die Gruft nur notdürftig. Früher, noch in den barbarischen Zeiten, war hier ein heidnischer Friedhof gewesen, nun lag er über zwanzig Meter unter dem Palast und diente der Imperatrice als Zauberwerkstatt. Denn die dunklen Kräfte erfüllten noch immer diesen Ort. Nur hier funktionierte auch die magische Kugel.

Manchmal kamen die Schatten der Toten aus den Gemäuern und sahen zu, doch niemand hatte je mit ihnen sprechen können. Aber sie mußten es sein, denen diese finstere Halle ihre Kraft verdankte.

Mit feierlichen, zauberischen Bewegungen beschwor die Imperatrice die Kraft der Kugel, während die Hexen um sie herumtanzten und seltsame Kräuter und Gewürze zerrieben und in die Luft bliesen. Betäubende Dämpfe stiegen aus den glühenden Kohlebecken auf, und ihre Glut warf bizarre Schatten an die Wände.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte Beata in die Kugel. Ihr Atem ging stoßweise, als sie sich mit aller Macht konzentrierte.

Und dann erschien das Bild des Weißen Schlosses im Kristall. Erst undeutlich, dann aber immer klarer.

"Ja. Jaaaa. Komm'. Komm'! Und jetzt, zeig mir den Weißen König. Ich befehle es dir!"

Ein Gesicht erschien in der Kugel. Zuerst dachte sie, es sei König Harro, doch dann erkannte sie es und schrie vor Wut auf. Es war Elysiss. Und dann wuchs ihre Gestalt in der Kugel, wurde größer und größer, und einen Moment lang bannte sie den Blick Beatas mit ihren Augen. Dann explodierte der Kristall mit unglaublicher Wucht und zersprang in tausend Splitter, die wie Geschosse durch den Raum sprühten. Einer von ihnen traf die Imperatrice ins rechte Auge. Auch zwei der Hexen wurde getroffen und starben sofort an ihrem eigenen bösen Zauber.

Gellend schrie Beata auf und hielt sich die Hand vor das Auge, doch es war zu spät. Schreiend und tobend vor Wut und Schmerz zerstörte sie alles, was sich ihr in den Weg stellte. Die umgeworfenen Kohleleuchter entfachten zahlreiche Brände, zwischen denen die Imperatrice wie eine Teufelin tobte. Ihre Züge hatten nichts Menschliches mehr an sich, und das Blut lief ihr über das Gesicht. Doch endlich verließen sie die Kräfte, und sie schleppte sich mit letzter Anstrengung hinaus, zurück in ihre Gemächer, wo die Zofen sie schließlich fanden.

"Dafür werde ich dich töten, Elysiss!", murmelte sie noch, bevor die Ohnmacht sie überfiel.

*

Prinz Sofrejan ahnte noch nichts vom Schicksal seiner Mutter, als General Karuman ihn in die Lage einwies. Sofrejan wußte, daß seine Mutter sich mit schwarzer Magie befaßte, hatte das aber nie sehr ernst genommen. Viele taten das, aber es kam nie etwas dabei heraus. Und so lauschte er gespannt den Ausführungen des Generals.

"Der Anschlag auf seine Hoheit, den Prinzen Nuitor, kam für meinen Herrn, König Starrus, nicht wirklich überraschend", erklärte der arcadische General, "denn die allgemeine Lage ließ erwarten, daß unser Feind König Harro eine Verbindung zwischen dem Prinzen und einer seiner Töchter ablehnen und stattdessen euch, Prinz Sofrejan, den Vorzug geben würde. Daher waren wir auch rechtzeitig auf - sagen wir mal - Verwicklungen vorbereitet." Er lächelte selbstgefällig.

Es gefiel Sofrejan überhaupt nicht, was er da zu hören bekam. Die Rolle, die ihm in diesem Kuhhandel zugedacht war, fand er unter seiner Würde. Nur - leider mußte er das tun, was seine Mutter von ihm verlangte. Sie war eine äußerst resolute und durchsetzungsfähige Herrscherin, auch gegenüber ihrem einzigen Sohn und Nachfolger auf dem Sonnenthron.

Sofrejan bedauerte es oft, daß seine zwei Schwestern schon so früh gestorben waren. Er konnte sich noch an sie erinnern und wünschte, sie wären noch bei ihm, denn gemeinsam ließe sich dieses Leben sicherlich leichter ertragen. Nicht, daß es ihm materiell schlechtgegangen wäre, aber im Grunde war er nur das Objekt der Geschäfte und Intrigen seiner Mutter. Eigentlich hätte er auch gerne Prinzessin Ornella oder Olivia geheiratet. Beide waren sehr hübsch und sympathisch. Daß er nun ausgerechnet gegen ihren Vater Krieg führen mußte, noch dazu einen Krieg, dessen Zweck er keineswegs einsah, das paßte ihm gar nicht.

"Unsere Truppen waren also vorbereitet", fuhr General Karuman fort, "und stießen rasch ins feindliche Land vor. Zur Zeit halten wir einen breiten Streifen im Südosten des feindlichen Reiches, außerdem stören wir die gesamten Verbindungen zwischen der Hauptstadt und den Städten am Siina-Fluß. Die feindliche Mobilisierung wird dadurch stark behindert, was wiederum uns und Eurer Mutter zugute kommt, Prinz Sofrejan."

"So, so", murmelte dieser.

Der General fuhr fort, Truppenstärken, Aufmarschpläne und bereits stattgefundene Schlachten vorzutragen. Schließlich kam er auf die Unterstützung durch die Imperatrice zu sprechen: "Ihre Hoheit, die Imperatrice, hat uns 1000 Soldaten, 2000 Pferde und die riesige Summe von fünftausend Golddublonen zugesagt. Ein Teil des Geldes wurde bereits nach Tansir, unserer Hauptstadt, verbracht, den Rest sowie die Soldaten und die Ausrüstung bitte ich nun Euch zu übernehmen und direkt nach Gel-Gabal zu verlegen.

Gel-Gabal war die Nachbarstadt Gel-Almanaums. Sie gehörte zum Weißen Königreich und war von arcadischen Truppen erobert und besetzt worden. Nun diente sie als arcadisches Truppenhauptquartier. Zur Zeit war die kleine Stadt eine riesige Garnison, und täglich starteten von hier aus Expeditionen gegen die Soldaten des Weißen Königs. Die freie Stadt Gel-Almanaum war bisher verschont worden, aber Sofrejan war sich darüber im klaren, daß König Starrus diese reiche und mächtige Stadt ebenfalls einkassieren würde, sobald er den Weißen König besiegt hatte.

"Tausend Soldaten", staunte Sofrejan. "Woher hat meine Mutter so viele Truppen? Sogar der Weiße König hat nur knapp Tausend."

"Jetzt nicht mehr. Auch der Feind läßt mobilisieren. Ihr müßt Euch also beeilen, Hoheit."

"Sehr wohl", antwortete der Prinz. "Wie meine Mutter befiehlt."

Ein polternder Lärm unterbrach die Unterredung.

Ein Bote aus dem Palast stürmte zur Tür herein und rief: "Majestät. Eure Mutter. Sie hatte einen schweren Unfall und" - er holte keuchend Atem - "es geht ihr schlecht. Kommt! Rasch!"

Unwillkürlich dachte Prinz Sofrejan daran, daß er nicht in den Krieg zu ziehen brauchte, wenn seine Mutter nun überraschend starb, doch sogleich schämte er sich dafür. Sofrejan verzichtete auf die Sänfte und rannte den kurzen Weg zum Palast zurück.

Er fand seine Mutter bewußtlos. Ihr Gesicht war blutüberströmt, und sie sah furchtbar aus. Sie war umringt von zahlreichen Ärzten, doch die konnten nicht viel für sie tun. Ihr rechtes Auge war unwiederbringlich verloren.

"Was ist geschehen?" fragte der Prinz, doch es dauerte eine Zeitlang, bis er die drei überlebenden Hexen fand und verhören konnte.

Er bestand darauf, die Gruft persönlich zu besichtigen, und er war entsetzt, was sich ihm darbot. Es waren nicht einmal die Zerstörungen, die seine Mutter noch angerichtet hatte: Alles lag in Trümmern. Nein, es war die Düsternis und das Grauen dieses Ortes, die sich auch auf ihn übertrugen.

"Und hier hat meine Mutter ihre Zauberkunststückchen ausprobiert?"

"Ja, Herr!"

Wortlos verließ er den ehemaligen und nun unterirdischen Friedhof. Im Palast ließ er seinen Majordomus antreten: "Ich befehle, daß diese Gruft zugeschüttet und dann der Eingang zugemauert wird."

"Aber Herr. Eure Mutter ..."

"Sofort! Keine Widerrede!"

"Wie ihr befehlt, Hoheit."


Doch um den Krieg kam er nicht herum. Seine Mutter erholte sich wieder. Zwar wurde sie nicht wieder richtig gesund, aber ihr Haß gegen das Weiße Königreich war dafür um so stärker. Wegen der versiegelten Gruft verlor sie kein einziges Wort.

Ende September traf der Prinz mit seinen 1000 Soldaten in Gel-Gabal ein. Und der arcadische Oberbefehlshaber, es war König Starrus persönlich, haßte das Weiße Königreich ebensosehr, wie seine Mutter es tat.

*

"He du!", rief der Schwarze König. Die Angesprochene, eine Palastdienerin, bleib abrupt stehen, drehte sich ihrem Herrscher zu und kniete dann ergeben nieder.

"Du heißt Anica, nicht wahr?"

"Ja, Herr."

Es war wahrscheinlich das erste Mal, daß der Schwarze König sich für den Namen einer seiner Dienerinnen interessierte. Aber er wußte, daß sie zu den Frauen gehörte, mit denen sich seine Bestgeliebte gut verstand. Und da sie sich mit allen Menschen, Tieren und Drachen im Schwarzen Schloß gut verstand, hatte Thoran beschlossen, daß seine Lakaien eigentlich nicht nur lebendes Inventar, sondern echte Menschen waren. Daher die Frage nach ihrem Namen.

"Erhebe dich. Und sage mir, wo meine Frau ist."

"Sie befindet sich, glaube ich, im südöstlichen Innenhof, Herr."

"Danke."

Der südöstliche Innenhof war eigentlich mehr eine Art überbauter Balkon, eingekeilt zwischen Türmen und Außenwänden diverser Palastanlagen. Er lag in über 30 Metern Höhe, war nach vorne offen, und man hatte eine herrliche Aussicht über die dunklen Tannen hinweg auf die Landschaft ringsum, bevor einem die hohen, schneebedeckten Berge den Blick verstellten. Nur durch ein paar schmale Einschnitte und Pässe konnte man weiter sehen, tief hinab in die Ebene des Weißen Königreiches. Dies war auch der Grund, warum die Schwarze Königin oft hierherkam. Sie saß dann einfach nur so da und ließ ihre Blicke und Gedanken in die Ferne schweifen, in ihre Heimat vielleicht. Manchmal fütterte sie die Vögel, manchmal ließ sie sich von einer Dienerin das lange, schwarze Haar kämmen und zu Zöpfen flechten.

Die Wände des Innenhofs waren über und über von Efeu bewachsen, die niedrige Steinbrüstung gab weichen, dunkelgrünen Moospolstern einen Platz zum Leben. Obwohl morgens eine Zeitlang die Sonne direkt hineinschien, war der Innenhof ein dunkler, geheimnisvoller, fast märchenhaft verwunschener Platz. Königin Ornella war gerne hier in der halbdunklen Stille, hoch über dem Wald und dem Land ringsum.

Als der Schwarze König über eine der schmalen Treppenaufstiege den Balkon betrat, saß seine Frau auf der Brüstung und blickte nach Südosten, dorthin, wo etwa vier Tagesritte entfernt das Weiße Schloß stehen mußte. Sie lächelte beim Eintreffen ihres Gemahls, obwohl dieser sich fast lautlos genähert hatte, dann wandte sie langsam den Kopf und sah ihn mit ihren großen, schwarzen Augen versonnen an. Ihr Lächeln vertiefte sich.

Ein Gefühl des Glücks und der Zufriedenheit ergriff den Schwarzen König. Seine Frau sah wunderschön aus, wie sie da so saß, ein bißchen einsam und verloren auf dem verwitterten, von Moos dunkelgrün gefärbten Balkon. Sie trug ein dunkelbraunes, knielanges Kleid, samtene Palastschuhe an ihren schmalen Füßen, und ihr Haar wurde durch einen goldenen Reif zusammengehalten. Die Blicke des Schwarzen Königs gingen an ihren bloßen, geschmeidigen Unterschenkeln hoch, über die tuchbedeckten, kraftvollen Oberschenkel zum weiblich geformten Körper, über ihre kleinen, straffen Brüste den Schwanenhals hinauf, und versanken in ihren unergründlichen Augen.

Trotzdem brachte er noch sein unnachahmliches, halb spöttisches, halb nachdenkliches Lächeln zustande. Sie erwiderte es voller Wärme und Zuneigung. Ihre Nasenflügel bebten leicht.

Langsam ging er zu ihr hinüber und setzte sich dann schweigend ihr gegenüber an das andere Ende der Brüstung. Sie senkte den Blick, dann schaute sie wieder hinaus in die Landschaft, während er weiterhin ihren wunderschönen, begehrenswerten, weiblichen Körper musterte.

"Du errötest ja, meine Bestgeliebte", flüsterte er ihr leise zu.

Sie stand auf, ging auf ihn zu, schlang ihre Arme um ihn und küßte ihn, während er durch ihr Haar strich. Seine Blicke schweiften nach Südosten.

"Vermißt du deinen Vater und deine Schwestern?"

Sie seufzte.

"Du darfst es ruhig zugeben, auch wenn du nun mir gehörst. Immerhin ist es ja deine Familie."

"Ja. Ich vermisse sie sehr. Auch meinen Vater. Verzeih mir."

Er zog sie zu sich herunter. "Ich habe dir nichts zu verzeihen. Und ich hege auch keinen Groll gegen deinen Vater. Ich hoffe nur, daß er eines Tages Vernunft annimmt." Sanft streichelte er ihr Gesicht.

"Oh, mein Bestgeliebter", hauchte Ornella. "Wenn ich dir nur sagen könnte, wie sehr ich die liebe."

"Auch ich empfinde so, meine Bestgeliebte. Komm. Küß' mich!"


Später standen sie auf. Thoran sagte: "Ich habe dich gesucht, weil ich vorhabe, dich als Königin im Reich einzuführen. Dafür werden wir alle wichtigeren Städte und Ortschaften besuchen. Hmm, viele davon werde selbst ich zum ersten Mal sehen. In ein paar Tagen werden wir aufbrechen. Aber vorher will ich dir noch etwas zeigen."

Er zog sie an der Hand mit sich durch den kleinen Durchlaß ins Innere des Schwarzen Schlosses. Dann ging es hinauf, durch finstere, geheimnisvolle Gänge und steile Treppen, bis unter das Dach des höchsten Turmes.

Es war ein runder Raum, von dem aus man in alle Richtungen hinaussehen konnte. Es gab zahlreiche große Fenster, und sie waren alle verglast. So blieben Wind und Wetter selbst hier oben draußen.

Der Turm überragte alle Gebäude des Schlosses und alle Bäume im Wald, und von hier aus konnte man sogar durch Bergpässe hindurchsehen, die für den südöstlichen Innenhof zu hoch waren.

"Eine Etage tiefer habe ich immer einen Posten, der die Umgebung beobachtet. Aber hier, ganz oben, kommt außer mir normalerweise niemand hin."

"Was ist das?", fragte Ornella und wies auf eine messingfarbene Röhre, die auf einem dreibeinigen Gestell drehbar gelagert war. Außer diesem Ding und einem Hocker gab es in diesem Raum nur noch ein Regal mit ein paar Büchern, Karten und Papieren. Ansonsten war er leer.

"Die Pläne zu dieser Konstruktion hat Numero aus Siinabal mitgebracht. Es ist eine neue Erfindung aus dem Land hinter dem Osten, wie man sich erzählt. Es ist ein Vergrößerungsrohr, mit dem man ferne Dinge ganz nah sehen kann. Hier. Du mußt dort in das kleine Loch hineinsehen. Und dann richtest du das andere, große Ende auf einen Punkt ganz weit weg."

Ornella versuchte es. Zunächst sah sie gar nichts, doch nachdem der Schwarze König das Fernrohr eingestellt hatte und sie wieder hindurchblicken ließ, gab sie einen überraschten Ruf von sich.

"Aber - das ist ja wie Zauberei. Der Baum ... als ob er direkt vor mir stünde!"

Thoran lächelte. Er ließ Ornella eine Zeitlang herumprobieren, was sie mit großer Begeisterung tat. Sie betrachtete die fernen Bäume, die Berge die kleinen Weiler.

"Da, ein Falke. Was für ein schöner Vogel!"

Thoran sah seiner Frau lächelnd zu. Er erinnerte sich an seine eigene Begeisterung, nachdem ihm Schogan Liss zum ersten Mal dieses Fernrohr präsentiert hatte. Dann sagte er: "Wahrscheinlich hast du dir noch nie Gedanken darüber gemacht, warum das Schwarze Schloß gerade an dieser Stelle erbaut worden ist - damals. Und heute weiß es auch keiner mehr, außer den Schwarzen Königen und vielleicht Gawron."

Ornella sah ihn überrascht und neugierig an.

"Es ist nämlich so: Von keinem anderen Punkt im Schwarzen Königreich, ausgenommen die Berggipfel selbst, hat man einen besseren Überblick über die gesamte Landschaft. Im Norden kannst du bis tief in das Reich Karls blicken, im Osten bis nach Ganda, und wenn das Wetter sehr gut ist, sieht man im Südosten ganz in der Ferne das Weiße Schloß!"

"Mein Schloß!" rief sie voller Begeisterung.

"Ja. Heute haben wir eine besonders klare Luft. Vielleicht haben wir Glück. Warte mal, mal sehen, ob ich es ausmachen kann." Er trat an das Fernrohr heran und begann dann, den Horizont im Süden und Osten abzusuchen.

"Aha. Da ist es ja. Sieh!"

Vorsichtig führte Ornella ihr Auge an das Okular. "Ja, rief sie begeistert. Das ist es. Wie klein es doch ist von hier aus. So winzig." Doch dann stieß sie dagegen und verlor das Schloß aus dem Bild. "Oh. Ärgerlich!"

"Macht nichts. Du kannst es ja selbst mal suchen."

Tatsächlich fand die Königin es nach kurzer Zeit wieder.

Der Schwarze König sagte: "Wenn du traurig bist und Heimweh hast, dann kannst du hierherkommen und das Weiße Schloß suchen. Allerdings - wenn auch nur ein paar Wolken am Himmel sind, bleibt es dahinter unsichtbar. Es ist sehr weit entfernt."

"Oh, mein Bestgeliebter", sagte Ornella begeistert, "ich danke dir. Du bist so lieb und aufmerksam."

Der Schwarze König ließ seine Frau dann allein. Ornella beschäftigte sich bis zum Einbruch der Dunkelheit intensiv mit dem Fernrohr und studierte auch die Dörfer und Städte im Schwarzen Königreich, die sie von hier aus sehen konnte. Es waren allerdings nicht viele, das Land war ja nur sehr dünnbesiedelt, und die meisten der Dörfchen duckten sich in enge Täler und Schluchten.

Später, beim Abendessen, trafen sie sich wieder, und Ornella fragte den König, warum es im Schwarzen Königreich viel weniger Städte gab als bei ihr Zuhause.

"Du hast recht. Es liegt nicht nur daran, daß sie hinter den Bergen versteckt liegen, sondern es leben tatsächlich viel weniger Menschen in meinem Reich als anderswo." Er überlegte eine Zeitlang, dann sagte er: "Ich glaube, daß du als Schwarze Königin darüber Bescheid wissen solltest, warum wir Schwarzen Könige das so halten. Komm'!"

"Wohin?"

"In den Wald."

"In den Wald? Jetzt? Es ist schon Nacht."

"Für unseren Ausflug genau die richtige Zeit. Vielleicht begegnen wir dabei auch deinem Freund Keck."

"Oh, Keck! Sag, ist er wirklich ein verzauberter kleiner Junge?"

"Ja, stimmt. In meinen Wäldern leben viele Menschen als Wölfe. Sie altern nicht, können sich dafür aber auch nicht vermehren. Nur ab und zu stirbt einer bei einem Unfall. Aber natürlich gibt es auch richtige Wölfe. Die können jedoch nicht sprechen und sind sehr scheu."

Sie traten aus einem Seiteneingang ins Freie hinaus. Eine Straße führte hier an der Schloßmauer entlang, und unmittelbar dahinter begann der dunkle Wald.

Die beiden gingen ein Stück weit hinein, dann drehte sich der Schwarze König zu Ornella um und sagte: "Du wirst jetzt das Unendliche Land aus einer ganz neuen Perspektive kennenlernen. Und ich glaube, du wirst es danach mit anderen Augen sehen."

Funken begannen, seinen Körper zu umspielen. Sie wanderten seine Arme hoch und sprühten dann auf die Königin über. Ihr wurde kurz schwindlig, und als sie wieder klar sehen konnte, war ihr Gemahl verschwunden. An seiner Stelle stand da ein großer, schwarzer Wolf mit hellblauen Augen. Die Umgebung hatte sich verändert, alle Bäume schienen viel höher zu sein als eben noch.

"Nanu, was ist passiert?"

Der Schwarze Wolf grinste sie mit einem wölfischen, spöttischen Lächeln an.

Sie streckte ihre Hand nach dem Wolf aus, doch stattdessen erschien eine Pfote in ihrem Blickfeld. Irritiert wandte sie den Kopf. Da war auf einmal ein buschiger Schwanz, der aufgeregt hin und her wedelte. Und was war aus ihren Beinen geworden?

"Du bist wirklich ein ganz entzückendes Wolfsmädchen geworden, meine Bestgeliebte!"

Es dauerte etwas, bis Ornella klar wurde, was passiert war. "Oh", hauchte sie dann.

Probeweise setzte sie eine Pfote vor die andere. Sie machte einen leichten, anmutigen Schritt, dann begann sie, aufgeregt hin und herzutänzeln. Neugierig vergrub sie ihre Schnauze in dem dichten, weichen und warmen Fell ihres Mannes und sog seinen Duft ein. Dann knabste sie an seinem Ohr und sprang übermütig einen Satz zurück, als der Schwarze Wolf wild den Kopf schüttelte.

Sie lächelte ihn auf Wolfsart an, dann tänzelte sie auf ihn zu und schmiegte sich an ihn. Sein Körper war weich, geschmeidig und gleichzeitig kraftvoll, und sie genoß diese Berührung.

"Komm!", rief sie übermütig, dann sprang sie davon.

Thoran war etwas überrascht, doch dann jagte er Ornella hinterher.

Es bereitete den Beiden keinerlei Mühe, sich im dunklen Unterholz zu orientieren und sich geräuschlos fortzubewegen. Wie Schatten huschten sie über den sandigen Waldboden durch die Nacht.

Ornella sah diese Welt nun wirklich mit anderen Augen denn als Mensch. Ihr Gehör war jetzt viel schärfer, sie vernahm sogar das ganz leise Rauschen des Fluges der Waldeule, das Trippeln der winzigen Füßchen der Mäuse und das kaum wahrnehmbare Prasseln der Beine der Tausendfüßer. Mit ihrer Nase roch sie die Spuren der Tiere, auch wenn sie schon vor Stunden hier vorbeigekommen waren. Erst jetzt, als Wölfin, fühlte sie das ganze Leben, das in den dunklen Tannenwäldern des Schwarzen Reiches existierte.

Es waren viele majestätische und seltene Tiere darunter, aber auch die Käfer, Asseln und die kleinen Ameisen in ihren Wohnburgen waren Teil der natürlichen Balance, die alles Leben miteinander verband. Jedes noch so unbedeutend erscheinende Leben hatte seinen Platz.

Voller Erregung und Neugier streifte sie durch den dunklen, ihr nun auf einmal so seltsam vertrauten Wald. Als sie in der Ferne das Heulen eines anderen Wolfsrudels vernahm, wollte sie einstimmen, doch eine in wilder Flucht vorbeistürmende Reh-Herde lenkte sie wieder ab. Spielerisch verfolgte sie die anmutigen Tiere, doch als eines von ihnen über eine Wurzel stolperte und das Gleichgewicht verlor, da war sie mit einem Satz über ihm und schnappte zu.

Es war ein sehr junger Rehbock. Ornella war erstaunt über sich selbst, doch dann riß sie die Beute und fraß sich richtig satt. Der Schwarze Wolf stand etwas abseits und ließ ihr den Vortritt, dann machte auch er sich über die Jagdbeute seiner Königin her.

"Unglaublich!", rief Ornella begeistert. "Daß ich das getan habe!"

Ausgelassen sprang sie hin und her. "Weißt du, meine Bestgeliebte", sagte Thoran irgendwann, "ich mag die Menschen nicht. Nur wenige von ihnen. Aber ich liebe dieses wilde Land. Das ist der Grund, warum es im Schwarzen Reich nur so wenige menschliche Bewohner gibt, und warum sie so arm sind. Wären sie wohlhabend, würden sie sich ausbreiten und vermehren und all das hier ihren Bedürfnissen anpassen. Dann würden sie sich mit Gott verwechseln und die Furcht vor der Natur verlieren. All das Schöne, Wilde und auch das uns grausam Erscheinende in dieser Natur würde für immer ausgelöscht. So aber sterben viele von ihnen schon als Kinder, und der Rest fürchtet diese wilde Natur und auch mich. Das Gleichgewicht bleibt gewahrt, seit über tausend Jahren nun schon. Bei euch führt ihr stattdessen endlose Kriege um Dinge, die ihr anderen weggenommen habt und die die anderen euch nun wieder rauben wollen. Hier gibt es nichts, was jemand einem anderen genommen hat, und deshalb hat seit Menschengedenken keine feindliche Armee mehr das Unendliche Land betreten. Das heißt, inzwischen gibt es doch etwas, und ich halte jede Wette, daß es Soldaten in mein Land ziehen wird, wie das Feuer die Motten."

"Was? Sage es mir."

"Dich."

"Ich? Aber ..."

"Mein Schwiegervater, der Weiße König, wird der Meinung sein, ich hätte dich geraubt, und ich bin sicher, daß er dich mit Gewalt zurückholen wird, sobald er die Gelegenheit dazu hat."

Ornella schwieg betroffen. Sie spürte, daß der Schwarze Wolf Recht hatte. "Dann habe ich also das Gleichgewicht des Schwarzen Königreiches gestört."

"Ja. Aber mach dir deswegen keine Gedanken. Damit werde ich ohne weiteres fertig. Meine Macht ist groß genug, um meine Vorstellungen auch gegen erhebliche Widerstände durchzusetzen. Es ist ja nicht so, daß die Menschen im Unendlichen Land nicht nach Wohlstand streben würden. Und im Gegensatz zu den Tieren im Wald könnten sie es sehr wohl schaffen. Aber dank der Arbeit von Numero weiß ich immer, wo ich welche Ressourcen abziehen muß, um die Balance zu erhalten. So bleiben sie immer in Armut. Vielleicht ist das der tiefere Grund, warum man mich grausam nennt. Aber ich bin der unerschütterlichen Ansicht, daß die Alternative auf lange Sicht viel schlimmer ist. Auch dein Vater wird das Gleichgewicht nicht zerstören können, dafür werde ich sorgen." Seine Stimme klang entschlossen.

"Oh, mein Bestgeliebter. Bitte vernichte meinen Vater nicht."

"Keine Angst. Ich habe nichts gegen ihn. Aber wenn er kommen sollte, werde ich ihm eine Lektion erteilen. Vielleicht hilft mir Elysiss wieder dabei. Ich habe sie in letzter Zeit sehr zu schätzen gelernt."

"Liebst du sie?" rutschte es Ornella unwillkürlich heraus. Im nächsten Moment hätte sie sich dafür am liebsten in die Zunge gebissen. Verlegen senkte sie den Kopf und zog den buschigen Schwanz ein. "Es tut mir leid", flüsterte sie, "ich wollte nicht ... was für eine blöde Frage."

Der Schwarze Wolf stupste sie mit seiner Schnauze an der Schulter, dann leckte er ihr über das Gesicht. "Du bist eifersüchtig. Wie süß!"

"Oh!", flötete Ornella in gespielter Empörung, dann sprangen beide aneinander hoch und balgten sich wie verspielte Welpen.

Später, es war schon fast früher Morgen, zogen sie sich unter eine dichte Hecke zurück. Ornella rollte sich zusammen und steckte ihren Kopf unter ihren flauschigen Schwanz. Der Schwarze Wolf schmiegte sich zärtlich an sie.

"Ich glaube, mein Bestgeliebter", sagte sie mit schläfriger Stimme, "es wird mir nicht leichtfallen, das Gleichgewicht bewahren zu helfen, wenn dafür so viele Menschen leiden müssen."

"Ich weiß. Aber vielleicht kann ich dich doch noch überzeugen. Denke mal an die Pest-Epidemie, die vor knapp siebzig Jahren viele Reiche im Süden betroffen hat. Weiß du, wie viele Menschen im Unendlichen Land daran gestorben sind?"

"Hmm?"

"Kein einziger. Das Gleichgewicht ist nach den Maßstäben der Sterblichen vielleicht grausam und unmenschlich, aber es schützt alles Leben, auch das der Menschen selbst. Außerdem sind meine Untertanen nicht unglücklicher als anderswo."

"Stimmt. Du hast recht. Ich habe es in Sydur gemerkt. Aber jetzt laß uns schlafen." Zärtlich biß sie in das Nackenfell des Schwarzen Wolfes, dann kuschelten sie sich zusammen und schliefen ein.


Am Vormittag wurde die Königin von wärmenden Sonnenstrahlen geweckt. Der Schwarze Wolf war verschwunden, und sie wollte auf ihre vier Pfoten aufspringen, um ihn zu suchen. Es gelang ihr aber nicht ganz, und sie verlor das Gleichgewicht. "Hoppla. Ach so, ich bin wieder ein Mensch", rief sie zu sich selbst. Es war im ersten Moment ungewohnt, zweibeinig die Balance zu halten. Auf vier Pfoten lief man viel sicherer. Doch nach einem kurzen Moment hatte sie sich wieder daran gewöhnt.

Sie zog ihre weichen Schuhe aus, steckte sie unter den Gürtel und schlich dann leise durch das lichte Unterholz. Viele Vögel hatten sich auf der nahen Lichtung versammelt und balgten sich um die Brombeeren, die dort wuchsen. Ornella wollte sie nicht stören, darum blieb sie in der Deckung eines großen Baumes stehen und sah sich um. Weiter drüben hörte sie ein Plätschern und Prusten. Die Vögel ließen sich davon nicht stören, doch die Königin vermutete, daß ihr Mann sich dort gerade wusch. Sie glitt mit anmutigen Bewegungen, die sie nicht erst als Wölfin gelernt hatte, durch den Wald, bis sie den Schwarzen König sah.

Er kniete mit unbekleidetem Oberkörper vor einem klaren Bach und schüttete sich gerade Wasser über seine Haare.

"Guten Morgen, mein Bestgeliebter", flötete Ornella ihm zu, dann setzte sie sich neben ihn und tauchte ihre Füße in das kalte, erfrischende Wasser.

"Hallo, meine Bestgeliebte. Na, hast du die Nacht gut überstanden?"

"Es war wie im Märchen. Einfach unbeschreiblich. Du hattest Recht, und ich glaube, als Herrin dieses Landes muß ich noch viel lernen."

"Stimmt. Aber das hat Zeit. Hier kennen wir keine Hektik. Alles fließt in seinem natürlichen Rhythmus."

Nachdem er sich abgetrocknet und wieder angezogen hatte, wanderten sie zum Schwarzen Schloß zurück, das sie am frühen Nachmittag erreichten. Einer der Diener kam ihnen im Exerzierhof entgegen und berichtete, daß die Vorbereitungen für die Rundreise durch das Königreich wie geplant vorankamen.

*

Alessandra blieb noch einige Tage im Blauen Königreich. Sie nahm an den Gerichtstagen teil, und abends, um die Lagerfeuer versammelt, lauschten sie und Simona den Erzählungen der alten Jäger und ihrer Heldentaten. Erich gab zum x-ten Mal die Geschichte zum Besten, wie er seinen ersten Bären mit bloßen Händen getötet hatte. Und auch Alessandra mußte oft ihre abenteuerliche Reise vortragen. Was sie über den Schwarzen König berichtete, ließ viele nachdenklich werden.


Einmal gingen Simona und Alessandra auf die Jagd. Zu Fuß, bewaffnet mit Pfeil und Bogen, pirschten sie durch den weißen, tiefverschneiten Wald. Überall kreuzten Wildfährten ihren Weg und es war geradezu ein Kinderspiel, ihnen zu folgen.

Simona streckte die Hand aus und wies einen Abhang hinunter: "Da unten ist ein See. Die Rehe und Elche kommen oft zum Trinken hinunter."

"Gut", flüsterte Alessandra zurück. "Dann sehen wir uns mal da um."

Vorsichtig stiegen sie den Talkessel hinab, jede Deckung nutzend, um nicht ihre mögliche Jagdbeute frühzeitig zu verscheuchen. Als sie unten ankamen, erwartete sie allerdings eine Überraschung: Der See war zugefroren. Nur an einigen Stellen hatten größere Tiere mit ihren Hufen noch Löcher freigehalten. Im Moment allerdings waren keine zu sehen. Simona meinte leise: "Weit können sie noch nicht sein. Wenn wir ein bißchen ..."

"Warte mal. Was ist das?"

"Hmmm?"

Alessandra zeigte auf einen kleinen Schneehügel auf dem Eis nahe dem Seeufer. Neugierig ging sie darauf zu. Prüfend setzte sie dann ihren Fuß auf das Eis, aber es hielt problemlos. Vor dem Schneehaufen hockte sie sich nieder und begann dann, den Schnee wegzuräumen.

"Nanu?" Darunter kam etwas Schwarzes zum Vorschein. Alessandra erkannte Federn. Nach und nach schälte sich heraus, was sich dort verborgen hatte: Eine Gans mit tiefschwarzem Gefieder.

"Schon tiefgefroren", meinte Simona zufrieden. "Die gibt einen guten Braten."

"Warte, sie hat sich gerade bewegt."

"Macht nichts. Ich habe ein Messer dabei." Flink lief Simona über das Eis.

Da hob die schwarze Gans ihren Kopf und blickte Alessandra mit furchterfüllten Augen an. Hilflos flatterte sie mit den Flügeln. Alessandra sah bestürzt, daß die Füße der Gans eingefroren waren.

"Nein!", rief sie Simona zu. Nie hätte sie es übers Herz gebracht, dieses Tier zu töten. "Gib mir das Messer. Ich befreie sie!"

Simona war über diesen plötzlichen Sinneswandel nicht sehr überrascht, sie kannte ihre Schwester lange genug. Wortlos reichte sie ihr das Messer. Alessandra begann damit, das Eis aufzuhacken, und hatte nach einigen Minuten das gefangene Tier herausgeholt. Voller Dankbarkeit blickte es seine Retterin an, dann hob die Gans den Kopf und küßte mit ihrer Schnabelspitze Alessandras Stirn. Die Prinzessin war tief gerührt, und auch Simona dachte nun nicht mehr daran, diese Gans zu braten. Die Gans schlug mit den Flügeln, erst vorsichtig, dann immer kraftvoller, erhob sich schließlich in die Lüfte und flog schnell wie der Blitz davon. "Danke, Prinzessin. Das werde ich dir nie vergessen."

Die beiden Schwestern sahen sich nachdenklich an.

"Jagen wir woanders", meinte Simona schließlich.


Schließlich, es war bereits Ende Oktober, verabschiedete Alessandra sich von Simona, dem Blauen König und seinen Leuten. Der Abschied fiel ihr sichtlich schwer, doch nachdem sie nun schon so lange von Zuhause fort war, zog es sie doch mit aller Macht dorthin zurück. Wie mochte es wohl Olivia gehen? Und ihrem Vater?

"Wenn du heimkommst", sagte Simona zum Abschied, "dann sag Vater, daß ich ihn liebe und vermisse. Er soll nicht Krieg führen gegen Erich und sein Land."

"Keine Angst, ich werde es ihm ausrichten. Bestimmt ist sein Groll inzwischen verraucht. Auf Wiedersehen, liebe Schwester. Bald komme ich wieder und bringe dir den Ring zurück."

"Auf Wiedersehen."

Das ganze Dorf war zum Abschied zusammengekommen und winkte der Weißen Prinzessin nach, bis sie und Schwalbe hinter den dichten Bäumen verschwunden waren.


Alessandra durchquerte das Blaue Land innerhalb weniger Tage und wurde überall, wo sie rastete, herzlich aufgenommen. Dann überschritt sie die Grenze zum Fürstentum Botha. Hier begegneten ihr die Menschen mit Mißtrauen, ja oft sogar mit Feindseligkeit, dennoch passierte sie auch dieses Gebiet schließlich sicher und unbehelligt.

In der vierten Oktoberwoche - es wurde nachts bereits recht kühl - sah sie in weiter Ferne den Grenzposten des Weißen Königreiches. Freudig galoppierte sie darauf zu, doch das Wachhäuschen wirkte seltsam verlassen. Als sie näherkam, sah sie bestürzt, daß es ausgebrannt war. War der Krieg gegen Arcadia-Land schon so weit nach Norden vorgedrungen?

Sie stieg ab und durchsuchte die Überreste der Station. Sie fand niemanden, aber dann stieß sie auf eine verschlossene Tür. Davor lagen halb verbrannte Stühle und Tische, vielleicht hatten die arcadischen Soldaten den Raum deshalb übersehen. Jedenfalls gelang es der Prinzessin, die Tür aufzubrechen. Der Raum dahinter war mit stickigem Rauch erfüllt, aber ansonsten völlig unversehrt. Alessandra wedelte den Rauch weg und bekam große Augen, als sie erkannte, was sie da gefunden hatte: Die Waffenkammer.

Blitzblank poliert hing eine Rüstung neben der anderen. Davor standen, fein säuberlich aufgereiht, kostbare Schwerter, Pfeil und Bogen und andere Waffen. Ein Schwert brauchte die Prinzessin nicht, sie hatte sich längst einen Ersatz für das beim Kampf gegen Harlengart zerbrochene besorgt. Die Rüstungen hingegen waren ein Geschenk des Himmels. Alessandra probierte eine nach der anderen an und entschied sich schließlich für eine besonders widerstandsfähige aus dunklem Eisen. Kein Schwert würde den massiven und doch überraschend leichten Brustpanzer durchdringen können.

Zuletzt nahm sie einen drohend aussehenden Helm, steckte die violette Feder darauf, die sie von Simona bekommen hatte, und kehrte zu ihrem Pferd zurück.

Sie ritt noch einmal um die Station. Hinter dem Haus waren zwei frische Gräber, ein Weißes und ein arcadisches. Aber wo waren die Soldaten? Von ihnen fehlte jede Spur. Entweder waren sie sehr hastig geflohen, oder ... Alessandra wollte das gar nicht zu Ende denken. Sie klappte das Visier hoch, dann gab sie Schwalbe die Sporen. Vorsichtig und wachsam ritt sie die breite Straße entlang ins nächste Dorf. Auch hier fand sie zunächst niemanden, aber sie spürte, daß hier Menschen waren und sich nur versteckten.

"He, hallo! Ihr braucht keine Angst vor mir zu haben. Ich bin es, Prinzessin Alessandra! Kommt doch heraus." Sie nahm den Helm ab, und ihre rotbraunen Haare fielen wallend über den eisernen Panzer.

In der Tat öffneten sich kurz darauf einige Türen, und mit Knüppeln und Sensen bewaffnete Bauern traten daraus hervor. Als sie sahen, daß es tatsächlich ihre Prinzessin war, und daß ihr keine feindlichen Soldaten gefolgt waren, stellten sie die Waffen beiseite und hießen Alessandra erleichtert willkommen.

"Es ist furchtbar, Hoheit", berichtete einer, wahrscheinlich der Dorfvorsteher. "Die Arcadier haben die Felder verwüstet und das ganze Vieh mitgenommen. Wir können von Glück sagen, daß wir am Leben gelassen wurden. Aber wovon sollen wir uns nun im Winter ernähren? Was sollen wir essen? Sie haben alles mitgenommen. Es wird eine Hungersnot geben."

"Ja, es bleibt nur eins", warf eine Frau ein, "wir müssen in der Hauptstadt Schutz und Obdach suchen. Der König muß uns helfen."

"Dann ziehen wir zusammen dorthin, denn auch ich will zurück ins Weiße Schloß", antwortete die Prinzessin. "Wir können uns unterwegs gegenseitig schützen!"

Und so versammelte sie alle Dorfbewohner, ließ sie sich mit Sensen und Heugabeln bewaffnen und alles, was sie noch brauchen konnten mitnehmen, dann zogen sie los. Das erste Zwischenziel war die Provinzhauptstadt Trok.

Trok lag von dem Dorf nur einen halben Tagesmarsch entfernt, doch mit den Frauen, Kindern und Alten verzögerte sich der Zug, so daß sie tief in der Nacht schließlich doch auf freiem Feld rasten und sich für die Nachtruhe vorbereiten mußten.

Die Prinzessin ritt noch ein letztes Mal auf Schwalbe um das primitive Lager herum und schaute sich aufmerksam um, ob sie nicht Anzeichen der feindlichen Armee entdecken konnte. Doch sie sah stattdessen etwas Anderes. "Was ist das?" rief sie und deutete auf den Horizont, der in unheimlichem Licht rötlich glühte. "Das kann doch nicht die Abenddämmerung sein. Es ist fast Mitternacht."

"Nein, Herrin. Genau dort liegt Trok."

"Aber ..."

"Sie haben sie angesteckt. Was Ihr seht, ist der Widerschein der brennenden Stadt!"

Alessandra erschrak. Vor ihrem geistigen Auge sah sie das Inferno. Es wurde in diesen Sekunden klar, daß sie zum ersten Mal in ihrem Leben wirkliches Leid, Hunger, Krieg und Tod kennenlernte. Tausende, wenn nicht Zehntausende waren davon betroffen, allein hier, in der Nordost-Provinz. Ihre Kehle schnürte sich zusammen.

Und dann kamen die ersten Flüchtlinge. Elende Gestalten, die ihre wenige, halb verkohlte Habe durch die Nacht schleppten, weg von der sterbenden Stadt, weg von dem erbarmungslosen Feind. Mütter trugen ihre Kinder auf dem Arm. Viele schrien, andere waren so erschöpft, daß sie nicht mehr schreien konnten. Alessandra war erschüttert, als sie die Verzweiflung in den Augen dieser Menschen sah, deren Gesichter oft noch schwarz vom Ruß und der Asche ihrer niedergebrannten Häuser waren. Viele hatten Brandwunden und stöhnten vor Schmerzen. Die Prinzessin fragte sich, wie diese Menschen es überhaupt bis hierher geschafft hatten.

Auch Soldaten waren unter den Flüchtenden. Die Prinzessin ritt den Verzweifelten entgegen und stoppte vor einem der Soldaten. Sie nahm all ihre Entschlossenheit zusammen, denn sie spürte, daß es jetzt auf sie alleine ankam. Mit fester und entschlossener Stimme sagte sie: "Ich bin Prinzessin Alessandra, und ich befehle dir innezuhalten und mir zu berichten."

Sie hielt eine Fackel in ihrer Hand und sah genau in das stumpfe, leere Gesicht des Soldaten. Sie erschrak, als sie die Resignation erkannte. Wie hatte es nur soweit kommen können?

"Da gibt es nichts zu berichten, Prinzessin." Er spuckte das letzte Wort förmlich aus. "Wir wurden besiegt, das ist alles." Dann ging er einfach weiter und ließ sich nicht mehr aufhalten. Es war offensichtlich, daß er dem Weißen Königshaus die Schuld an dem Elend und der Niederlage gab. Die Menschen im Weißen Land waren diese Härte nicht mehr gewöhnt. Zu lange hatte es Frieden und Wohlstand gegeben. Jetzt traf es sie völlig schutzlos und unvorbereitet. Alessandra erschreckte vor allem, daß auch die Soldaten davon betroffen waren.

Sie schnappte sich den nächsten Soldaten.

"Wer ist in Trok der Kommandeur?" "Oberst Lukasch. Das heißt, er war es. Wer sein Nachfolger wurde, wißt Ihr bestimmt besser als ..." Der Rest ging in einem unverständlichen Murmeln unter.

Alessandra sah ein, daß sie im Moment nichts mehr ausrichten konnte, und zog sich auf das Feld mit den Dorfbewohnern zurück. Den Bauern hatten sich inzwischen zahlreiche Flüchtlinge hinzugesellt. Die Prinzessin bestimmte ein paar Verantwortliche, dann ließ sie Nachtwachen einteilen, schließlich schickte sie die übrigen zum Schlafen und tat dann dasselbe.

Das Stöhnen der Verwundeten hielt sie noch lange wach, endlich schlief sie dann doch noch ein.


Am nächsten Morgen wachte sie früh auf. Sie hatte unruhig geschlafen und schlecht geträumt, und das war bestimmt nicht die Schuld der Rüstung gewesen, die sie nicht gewagt hatte auszuziehen. Sie weckte nach und nach die Männer und ließ sie Wasser von einem nahen Bach herbeibringen. Dann wurden einige der Vorräte verteilt, so daß jeder immerhin etwas im Magen hatte. Zuletzt ließ sie alle wehrfähigen Männer antreten. Sie ritt vor sie hin. Ihre dunkelbraune, eiserne Rüstung glänzte im Schein der aufgehenden Sonne, und die Feder auf ihrem Helm funkelte in einem strahlenden Violett, das bald einige Berühmtheit erlangen sollte. Sie hielt ihr glänzendes Schwert hoch in die Luft und rief mit entschlossener Stimme: "Untertanen des Weißen Königs! Ich werde nach Trok reiten und versuchen, den Feind von dort zu vertreiben. Wer sich mir anschließen will, soll sich bewaffnen und mir folgen. Wer hat genug Mut, dem Feind entschlossen entgegenzutreten und ihn für seine Grausamkeit bezahlen zu lassen?"

Anscheinend hatte sie den richtigen Tonfall getroffen. Die Gesichter der Männer zeigten erst Überraschung, dann hellten sie sich auf und schließlich rief einer: "Ich, Prinzessin." Weitere Stimmen fielen ein. Es meldeten sich schließlich ausnahmslos alle freiwillig. Manch einer sagte, es sei eine Schande für die Weiße Armee, daß eine Frau mehr Mut und Geschick im Krieg beweise als die Soldaten. Alessandra sah das auch so, doch darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Hier und jetzt mußte sie kämpfen und ihren Mann stehen, und sie war wild entschlossen, genau das zu tun.

Mit leuchtenden Augen folgten die Bauern, Bürger und versprengten Soldaten ihrer neuen Anführerin. Alessandra hatte ein Wunder vollbracht, und dieses Wunder hieß Hoffnung.


Die Arcadier hatten Trok niedergebrannt, waren aber noch mit Plündern beschäftigt, als der Alarm sie überraschte. Alessandra ließ die völlig offen vor ihr liegende Stadt kurzerhand stürmen. Wie ein Racheengel stürzte sie sich auf den Feind, gefolgt von schlecht bewaffneten, aber zu allem entschlossenen Männern. Die völlig überraschten Arcadier leisteten kaum ernsthaften Widerstand. Es kam zu schrecklichen Szenen der Rache, viele feindliche Soldaten wurden mit Holzknüppeln und Dreschen niedergemacht, und nur wenige überlebten den Sturm. Doch endlich gelang es der Prinzessin, dem Gemetzel Einhalt zu gebieten: "Diese Leute sind jetzt unsere Gefangenen und wir brauchen sie vielleicht als Geiseln. Ich verbiete euch, sie weiter zu töten und zu quälen."

Und ihrem Befehl wurde sofort gefolgt. Vor ihrer kühnen Prinzessin wahrten die Bauern eisern Disziplin.

Die Kunde von der mutigen Weißen Prinzessin, die die Provinzhauptstadt vom Feind zurückerobert hatte, machte schnell die Runde, und viele der Flüchtlinge strömten in den folgenden Tagen zurück. Alessandra ließ Trok nun in aller Eile befestigen. Alle arbeitsfähigen Männer und Frauen mußten schanzen. Bald schon zog sich ein tiefer Graben rings um die Stadt, verstärkt von einer Mauer, teils aus Holz, teils aus Steinen. Für den Fall weiterer Brände wurden überall Wasservorräte angelegt. Dann organisierte Alessandra die Soldaten neu. Ohne Rücksicht auf bisherigen Dienstgrad wurden die Fähigsten, Mutigsten und Intelligentesten zu Führern ernannt. Sie bekamen die uneingeschränkte Gewalt über ihre Soldaten, trugen aber auch die ganze Verantwortung. Die Menschen faßten neuen Mut.


Doch die Arcadier und die mit ihnen verbündeten Sonneninsel-Soldaten gaben Alessandra nur drei Wochen, dann rückten sie mit einer riesigen Armee an.

Die Prinzessin stand auf einem der hohen Wachttürme. Sie trug, wie fast immer in letzter Zeit, ihre eiserne, im Sonnenlicht dunkelbraun schimmernde Rüstung und ihren Helm mit der blauvioletten Feder. Sorgenvoll blickte sie dem anrückenden feindlichen Troß entgegen. Wie sollte sie sich gegen diese vielen Soldaten verteidigen? Aber dann formierte sich in ihrem Kopf ein kühner Plan. Sie ließ die Arcadier weiter beobachten, wie sie sich vor der Stadt zusammenzogen, während sie ihre Generäle zu sich rief.

"Wir werden nicht warten, bis sie uns aushungern und dann überrennen. Wir greifen noch heute nacht mit aller Kraft an. Laßt eure Leute jetzt ausruhen und sich für die Schlacht vorbereiten. Außerdem sollen sie bereits jetzt für eine bestimmte Stelle eingeteilt werden und sie sich von den Türmen aus ansehen, damit sie sich später in der Dunkelheit zurechtfinden."

Die Generäle sahen sich überrascht und erstaunt an, doch sie erkannten schließlich, daß dies wahrscheinlich die einzige Chance war, die sie angesichts dieser Übermacht überhaupt hatten: entschlossen zuschlagen, bevor der Feind sich richtig formieren konnte. Und so wurde es dann auch gemacht.

Bis zum Abend geschah nichts weiter. Die Arcadier begannen unterdessen damit, ihre Zelte aufzuschlagen und provisorische Barrikaden zu errichten. Die Späher in Trok meldeten Alessandra, daß sie beobachtet hatten, daß sich die feindliche Armee aus zwei Gruppen zusammensetzte: etwa 1500 arcadische Soldaten, aber auch ein Kontingent von über 200 Kriegern von der Sonneninsel, die etwas abseits des arcadischen Lagers Stellung bezogen hatten.

"Mit denen werden wir Schwierigkeiten bekommen, Prinzessin", meinte einer der Posten. "Sie haben saubere Abwehrstellungen bezogen, außerdem scheinen sie sich auch nicht zu betrinken."

"Und die Arcadier selbst?"

"Die feiern jetzt schon ihre Niederlage", sagte der Soldat ironisch, "und zwar mit viel Bier und Wein."

Als die Nacht hereinbrach, zündeten die Arcadier große Lagerfeuer an und feierten noch ausgiebiger ihren bevorstehenden Sieg. Spät in der Nacht zogen sie sich in ihre Zelte zurück und ließen nur ein paar Wachen stehen, aber die waren wahrscheinlich auch betrunken.

Anders sah es im Lager der Sonneninsel-Soldaten aus. Hier hatte der Kommandeur die Disziplin gehalten, und auch jetzt, tief in der Nacht, hörte man die klingenden Schritte der Patrouillen in ihren Rüstungen. Das viel größere Lager der Arcadier bewachten sie jedoch nicht. Es lag im Prinzip schutzlos von Alessandras Kriegern.

Nun kam die große Stunde der Prinzessin. Sie sandte die geschicktesten Männer aus, die sich in der Dunkelheit zum Lager der Arcadier schlichen und dort völlig lautlos die Wachen ausschalteten. Dann blies sie zum Angriff. Mit den wenigen Pferden, die es in Trok noch gab, stürmte die Kavallerie voran, an ihrer Spitze die Prinzessin selbst, gefolgt von zu allem entschlossenen Fußsoldaten, teilweise nur mit Knüppeln und Heugabeln bewaffnet, aber bereit, bis zum Tod zu kämpfen. Doch das war nicht nötig. Die Arcadier erlitten eine der schmählichsten Niederlagen ihrer Geschichte. Über 1000 Soldaten wurden fast ohne Gegenwehr gefangengenommen. Die gesamte Ausrüstung, die Pferde, der Proviant und die Zelte fielen den Weißen Soldaten und ihrer Anführerin in die Hände.

Ganz anders sah die Situation bei den Sonneninsel-Leuten aus. Sie waren sofort alarmiert und fielen dann von der anderen Seite ins Lager der Arcadier ein, wo sie Alessandras Soldaten eine wilde Abwehrschlacht lieferten. Viele Arcadier konnten dadurch entkommen, flohen aber in wilder Panik, während vom bereits eroberten Teil des arcadischen Lagers her die Prinzessin mit den letzten Reserven herbeiritt und in einem wilden Kampf den Sieg errang. Als der Kommandeur der Sonnen-Leute seine Niederlage gegen die Übermacht der Weißen Kämpfer absehen konnte, befahl er die Flucht, und bedauerlicherweise waren die Weißen wegen des Tumultes bei den Arcadiern nicht in der Lage, sie aufzuhalten.

Dennoch war es ein überwältigender Sieg. Und Alessandra wurde gefeiert wie eine Heilige. Der Jubel kannte kein Ende, und die Kunde verbreitete sich in Windeseile über das ganze Land und darüber hinaus. Und in der Tat wagten sich nie wieder während dieses Krieges arcadische Soldaten oder ihre Verbündeten so weit in den Norden des Weißen Königreiches.


Als Alessandra ihren Aufbruch bekanntgab, herrschte in Trok große Aufregung, fast Bestürzung, doch die Prinzessin beruhigte die Menschen: "Ihr habt jetzt fähige Soldaten und Generäle hier, und ihr wißt jetzt, wie man sich verteidigen kann. Ich aber muß nun endlich zu meinem Vater zurückkehren. Er braucht mich dringend. Denn auch die Hauptstadt wird bedroht. Lebt wohl, meine lieben Freunde."

Und so ritt sie, begleitet von einer Eskorte von 20 Rittern, in Richtung des Weißen Schlosses los. Überall, wo sie vorbeikamen, zeigten sich noch die Spuren schwerer Kämpfe. Beim Einrücken hatten die Arcadier alles geplündert, und als sie fliehen mußten, den Rest angezündet. In Trok hatte Alessandra genügend Männer zur Verteidigung gehabt, doch weiter im Süden hatte der Weiße König bereits zu viele Männer abgezogen, um die Grenze am Siina-Fluß zu schützen, denn auch dort griffen die Arcadier heftig an. Das hatte natürlich zur Folge, daß für die Verteidigung im Landesinnern zu wenig Menschen zur Verfügung standen. Und der Preis für diese Entscheidung war sehr hoch: Das ganze Land im Osten war verwüstet und niedergebrannt.

Die Prinzessin und ihre Soldaten näherten sich einer kleinen Stadt, aus der noch Rauch aufstieg. Schon wollte Alessandra zu Hilfe eilen, als plötzlich über die Felder zu ihrer Linken ein großer Trupp feindlicher Soldaten herangaloppiert kam. An den Wappen und Fahnen erkannte sie, daß es Krieger von der Sonneninsel waren, wahrscheinlich die, die ihr vor Trok entkommen waren. Rasch überlegte sie: Der Kommandeur dieser Abteilung, dessen Namen sie leider nicht erfahren hatte, schien ein schlauer und gefährlicher Mann zu sein. Also hatte er vermutlich einen Hinterhalt für sie gelegt. Etwa 30 Reiter kamen von Links auf sie zugestürmt, rechts war ein dichter Wald. Steckten dort die übrigen? Es konnten weit über 100 sein.

"Nach links. Zum Angriff!" schrie sie entschlossen. Doch als sie den Sonneninsel-Soldaten entgegenstürmte sah sie, daß sie allein war. Nur einer der Ritter hatte ihren Befehl befolgt, wenn auch wahrscheinlich nicht verstanden. Die anderen waren nach rechts in den vermeintlich sicheren Wald galoppiert. Als daraus tatsächlich ein großer Trupp feindlicher Ritter hervorgaloppiert kam, ergriff Panik und Verwirrung die Weißen Ritter, und sie wurden von der feindlichen Übermacht niedergemacht. Trotzdem war die Prinzessin wild entschlossen, ihre Haut so teuer wie möglich zu verkaufen. Aber der feindlichen fünfzehnfachen Übermacht erlag sie schließlich doch, und mußte sich mit ihrem Getreuen geschlagen geben.

Alessandra war ohne größere Verletzungen geblieben, aber der Ritter, die sie begleitet hatte, war gefallen. Die Sonneninsel-Soldaten brachten sie zu den anderen Rittern ihrer Eskorte, von denen noch acht übrig waren. Die anderen waren tot oder geflohen. Vor Scham und Verlegenheit wagten sie nicht, die Prinzessin auch nur anzusehen, und einer zog sein Messer und tötete sich selbst, weil er die Schande nicht ertragen konnte.

Alessandra hatte nicht viel Zeit, über dieses tragische Schicksal erschüttert zu sein, denn da trat der feindliche Kommandeur auf sie zu.

"Das ist also die Weiße Prinzessin Alessandra, die wie ein Mann kämpft. Hmm. Stimmt nicht. Du kämpfst wie zehn Löwen, und wenn deine Leute nicht so unglaublich dumm und undiszipliniert gewesen wären, wären sie jetzt frei und am Leben. Naja, Glück für mich. Und Pech für dich. Ich werde dich nach Gel-Gabal bringen und den Arcadiern übergeben, und die werden dich zweifellos hinrichten. Die halbe Welt hat über sie gelacht, als du sie vor Trok einkassiert hast. Ich fand das allerdings nicht so lustig und ich warne dich: Wenn du hier Schwierigkeiten machst, dann kommst du gar nicht mehr lebend in Gel-Gabal an!"

Und so wie er es sagte, war der Prinzessin klar, daß er es tödlich ernst meinte. Dann trat er näher zu ihr hin und zog die lila Feder von ihrem Helm. Mit einem zufriedenen Lächeln steckte er sie ein.

In Ketten gefesselt und an ein Pferd gebunden mußte Alessandra schließlich zu Fuß den bitteren Weg in die Gefangenschaft antreten.


Die Sonne brannte heiß vom Himmel. In der Nacht zuvor hatte es schon leichten Frost gegeben, aber jetzt schien sich der Sommer noch einmal mit aller Kraft zurückzumelden. Seit ihrer Gefangennahme hatte man der Prinzessin und ihren Rittern weder etwas zu essen noch zu trinken gegeben. Durst quälte die Gefangenen, und als der Kommandeur einmal an ihnen vorbeiritt, rief ihm Alessandra mir heiserer Stimme zu: "Behandelt Ihr Eure Gefangenen immer so? Gebt uns gefälligst etwas Wasser."

Der Befehlshaber sah sie von seinem Pferd herab lange mit seinem seltsamen, unergründlichen Blick an, dann beugte er sich zu ihr herab und sagte mit leiser, ausdrucksloser Stimme: "Nein."

In der Nacht rasteten sie am Rande eines Waldes. Völlig erschöpft waren die Prinzessin und ihre ehemalige Eskorte auf dem Acker zusammengebrochen. Die Soldaten der Sonneninsel ketteten sie trotzdem an Bäumen fest, dann schlugen sie ihre Zelte auf, machten kleine, gut getarnte Feuer und brieten sich ihr Abendessen. Die ganze Zeit patrouillierten einige von ihnen in der Gegend umher und kein Weißer Soldat wäre ihnen entgangen.

Wieder bekamen Alessandra und ihre Leute nichts zu essen und zu trinken. Offenbar wollte der feindliche Kommandeur sich auf diese Weise an ihnen rächen. Alessandra wollte gar nicht daran denken, was ihnen noch alles bevorstehen könnte. Ob sie Gel-Gabal lebend erreichten, war unter diesen Umständen mehr als fraglich.

Trotz ihres Durstes fiel sie schließlich in einen erschöpften Schlaf.

Mitten in der Nacht jedoch wurde sie unsanft geweckt. Zuerst wußte sie nicht, wo sie war. Etwas Nasses lief ihr über das Gesicht. Dann wurde ihr klar, daß jemand ihr mit einer Kelle Wasser ins Gesicht schüttete.

"Psst."

"Wer...?"

"Leise. Wenn du ein bißchen nett zu mir bist, dann bekommst du so viel davon, wie du willst. Weißt du, ich kann nämlich auch verdammt nett sein."

Es war einer der Soldaten, vielleicht die Nachtwache

"Verschwinde, du Bastard. Sie verpaßte dem in der Dunkelheit nur schemenhaft Sichtbaren einen kräftigen Tritt, so daß dieser gepeinigt aufschrie.

"Na warte, du verdammtes Flittchen! Das wirst du mir büßen. Du hältst dich..."

Er kam nicht mehr dazu, den Satz zu vollenden. Hinter ihm war der Kommandeur aufgetaucht. Als er sein Schwert aus der Scheide zog, verstummte der Soldat erschrocken. "Kommandeur de Roqueville! Ich, äh, wollte nur ... ahhh!"

Dann hörte Alessandra seinen Körper schwer auf der Erde aufprallen.

Der Prinzessin hallte noch der Todesschrei des Mannes in den Ohren, als kurz darauf aufgeregt weitere Soldaten herbeieilten. Mit ruhiger, unbeteiligter Stimme sagte der Kommandeur: "Grabt eine Grube, werft ihn rein und stellt ein Kreuz drauf." Dann ging er davon.

Lange konnte Alessandra nicht einschlafen, und diesmal nicht, weil sie der Durst quälte.

Es graute schon der Morgen, als sie aufgeregte Stimmen aus dem unruhigen Schlaf rissen. Hastig sattelten die Soldaten ihre Pferde, dann wurde die ungerührte Stimme des Kommandeurs vernehmbar: "Das schaffen wir nicht mehr. Sie sind schon zu nahe. Wir müssen kämpfen. Aber wir werden gewinnen. Kommt mit."

Leider verstand die Prinzessin nichts von den weiteren Anordnungen, aber sie war sich sicher, daß der Sonneninsel-Befehlshaber nicht aus Spaß gesagt hatte, er werde gewinnen.

Kurz darauf war das wilde Galoppieren zahlreicher Pferde zu hören, dann das Aufeinanderprallen von Schwertern und der Lärm einer Schlacht. Kurz darauf zogen sich die Sonneninsel-Soldaten rasch, aber in geordneter Formation zurück, hart bestürmt von Weißen Soldaten. Sie zogen genau an den Bäumen vorbei, an denen sie und ihre ehemalige Eskorte gefesselt waren. Bei ihrem Anblick vergaßen die Weißen Ritter für einen Augenblick den Feind, der ohnehin floh, und stürzten von ihren Pferden, um die Prinzessin zu befreien. Und da erkannte Alessandra den Plan des feindlichen Kommandeurs. Er nutzte den Moment der Unaufmerksamkeit gnadenlos aus und stürzte sich mit den restlichen Soldaten, die er in einem Hinterhalt verborgen hatte, auf die abgesessenen und damit fast schutzlosen Weißen Soldaten.

Es entbrannte eine wilde, erbarmungslose Schlacht. Immerhin waren die Weißen Soldaten in der Überzahl, und es gelang ihnen auch, die Prinzessin zu befreien, aber in Sicherheit waren sie noch lange nicht. Viele waren schon gefallen, doch der Rest hatte sich gerade von seiner Überraschung erholt, als die Sonneninsel-Ritter den Befehl zur Flucht bekamen. Sie flohen so rasch, daß die Weißen Ritter sie nicht einholen konnten.

Die Bilanz dieser Schlacht sah für die Weißen Soldaten nicht sehr gut aus. Sie hatten die Befreiung der Prinzessin mit hohen Verlusten erkaufen müssen, während der Feind sich fast ohne Verluste hatte absetzen können. Und Alessandra vermutete, daß er wiederkommen würde. Sie wollte den Weißen Oberst, der sie befreit hatte, warnen, doch der bestand darauf, daß sie sich zunächst stärkte. Ein tödlicher Fehler, denn in diesem Moment griffen die Soldaten der Imperatrice tatsächlich erneut von zwei Seiten an. Wieder entflammte ein wildes, gnadenloses Gemetzel. Auch Alessandra kämpfte trotz ihrer Erschöpfung mit großer Verbissenheit, wurde dann aber von einem Pferdehuf am Kopf getroffen und brach ohnmächtig zusammen.

*

Die Einführungsreise Ornellas durch das Schwarze Königreich war ein großer Erfolg. Überall begegneten ihr die Menschen mit Ehrfurcht, aber auch natürlicher Offenheit.

Außer dem Schwarzen Königspaar, das in einer tiefschwarzen, mit Silberornamenten verzierten vierspännigen Kutsche reiste, nahmen an der Rundreise noch einige Lakaien, vier von Schogans Leuten und vier Eskortesoldaten teil. Die Männer Numeros führten eine Menge Instrumente und seltsames Material in verschlossenen Kisten mit sich und taten auch sonst sehr geheimnisvoll.

Zunächst war das Königspaar in den Nordosten des Landes gefahren, hatte die kleinen Siedlungen und Dörfer im Tinbeth-Tal unweit der Quelle des Uva-Flusses besucht und danach - nur mit den Pferden - einen Abstecher ins Hochgebirge zum Chongoon-See, aus dem der Uva entsprang, gemacht. Der Chongoon-See war ein wilder, einsamer Bergsee in einem großartigen Naturpanorama und hinterließ bei Ornella einen tiefen Eindruck. Menschen verirrten sich so gut wie nie hier hinauf, höchstens vielleicht mal ein Wilderer, der Gemsen oder Steinböcke jagte.

Der Troß war dann dem Hauptweg weiter nach Osten gefolgt, hatte den Uva überquert und war dann nach Süden abgebogen. Dieser Landesteil war nur sehr dünnbesiedelt, nur ein paar Schafzüchter und Bergbauern wohnten hier. Der Uva war hier oben auch noch wild und ungezähmt. Über zahllose Stromschnellen und Wasserfälle stürzte er aus dem Gebirge hinab in die weite Ebene, den Süden des Reiches Karls. Dort floß er dann ruhig und langsam und war auch als Wasserstraße stark genutzt.

Die nächste größere Stadt auf der Rundreise war Sydur, wo man sich noch lebhaft an den ersten Aufenthalt Ornellas erinnerte, und der Königin zu Ehren wieder ein Konzert gab, von dem nicht nur diese zutiefst ergriffen war. Ornella erkundigte sich nach dem Schicksal der jungen Sängerin, deren Bruder gestorben war. Als sie erfuhr, daß man sie aus ihrem Haus vertreiben wollte, weil sie die Schulden der Familie nicht mehr allein bezahlen konnte, verbot sie dies und ließ die Schuld streichen. Der Gläubiger war schließlich ihr eigener Ehemann, der Schwarze König, und der hatte nichts dagegen, daß seine Bestgeliebte den Leuten ein wenig half.


Geographisch nicht weit von Sydur, aber durch unüberwindliche Gebirgsketten getrennt und daher zwei Tagesreisen entfernt, lag in einer Ebene die kleine Stadt Marlus, die wegen ihrer Weitläufigkeit als Zwischenhandelsplatz für den gesamten Südosten diente. Da allerdings die Bewohner des Schwarzen Königreiches im wesentlichen Selbstversorger waren, war auch das Handelsvolumen gering und Marlus im Grunde genauso unbedeutend wie alle anderen Dörfer und Ortschaften des Schwarzen Reiches. Das Städtchen lag ziemlich genau auf der Verbindungslinie zwischen dem Weißen und dem Schwarzen Schloß und war daher von dort aus mit dem Fernrohr leicht zu finden, im Gegensatz zu Sydur, das sich hinter seinen Kesselbergen gut versteckte.

Das Königspaar hielt sich einen Tag in Marlus auf, und der Schwarze König nahm eine kleine Volkszählung vor. Die Leute Numeros nutzten die Zeit für irgendwelche Vermessungen. Ständig waren sie mit ihren Instrumenten unterwegs und notierten endlose Zahlenkolonnen, aber außer ihnen selbst schien keiner so recht zu wissen, was sie eigentlich taten.

Von Marlus aus ging die Reise weiter ziemlich genau Richtung Süden hinab ins Vorgebirge, an dessen Fuß auch die Weiße Grenze verlief. Kurz vor dieser Grenze, die höchst selten ein Bewohner des Schwarzen Königreiches je überschritt, lag die verschlafene Stadt Nieder-Wies. Hier bleib das Königspaar mehrere Tage und sammelte einen Siedler-Treck um sich. Ornella wunderte sich, wieso die Reise nun mit so vielen Begleitern fortgesetzt werden sollte. Der Schwarze König antwortete ihr: "Mit diesen Leuten beginnen wir die West-Kolonisation. Vor einem Jahr schon habe ich Numero befohlen, aus allen Städten und Dörfern hier im Süden abkömmliche Leute zusammenzustellen, die auf der Westseite des großen Kettengebirges angesiedelt werden sollen. Jetzt ist es soweit. Und wir werden sie persönlich ans Ziel bringen." Stolz klang aus seiner Stimme. Anscheinend bedeutete ihm dieses Projekt sehr viel.

"Aber die beiden Tunnels durch das Gebirge, die dein Vater begonnen hat, sind doch noch lange nicht fertig!"

"Ja, aber wenn drüben auch Leute wohnen, können wir von beiden Seiten aus graben. Und davon abgesehen kann man dieses Land ja sehr wohl erreichen. Nur führt der Zugang entweder oben herum durch das Reich Karls, was eine Reise von über einer Woche ist, oder im Süden durch Niemandsland. Ich werde nun die Grenze ausdehnen und den Westen dem Schwarzen Reich hinzufügen. Besonders wichtig ist mir dabei auch der Oberlauf des Siina und seine Quelle. Die liegt praktisch vor unserer Haustür und gehört dennoch nicht zu meinem Land - jedenfalls noch nicht."

Im Laufe der folgenden Woche versammelten sich über tausend Menschen: Männer, Frauen, Kinder, mit Vieh, Saatgut und Vorräten für den Winter, der allerdings im Westen bei weitem nicht so streng sein sollte wie im Kernland. Nördlich von Nieder-Wies entstand vorübergehend eine zweite Stadt, eine kurzlebige Zelt- und Hüttenstadt, in der die neuen Siedler auf den Tag des Aufbruchs warteten.

Während auch der König darauf wartete, daß endlich die letzten der einbefohlenen Siedler sich einfanden, ließ er sich von seinen Grenzsoldaten - es waren allerdings im gesamten Gebiet nur neun Stück - über die Lage auf der anderen Seite berichten, denn das Weiße Königreich begann nur einen kurzen Fußmarsch von Nieder-Wies entfernt.

"In den letzten Wochen und Monaten", so berichtete der Hauptmann, "hat der Weiße König seine Grenzsoldaten zunächst auf über 100 Mann verstärkt, die ständig patrouilliert haben. Sie haben auch die alten Stationen erneuert und Wege angelegt. Aber dann, vor ein oder zwei Wochen, wurden die meisten wieder abgezogen. Im Moment scheint es dort nur noch etwa 20 Soldaten zu geben. Warum, konnten wir nicht herausfinden."

"Wahrscheinlich hat er Probleme mit den Arcadiern bekommen. Wohin sind sie denn verschwunden?"

"Majestät, es gibt nur die eine Straße, und die führt von der Grenze aus nach Südosten. Alle Soldaten sind von dort gekommen und dorthin auch wieder abmarschiert."

"Stimmt eigentlich. Auf jeden Fall behaltet ihr die Grenze weiter im Auge und schickt mir regelmäßige Berichte. Ich bin sicher, sobald mein Schwiegervater mit den Arcadiern fertig geworden ist, wird er hier etwas unternehmen."

"Ihr meint, er will einen Krieg führen, Majestät?" rief der Soldat entsetzt. Er war sich über die Zahlenverhältnisse der beiden Armeen sehr wohl im klaren.

"Keine Angst. Darum kümmere ich mich persönlich, wenn es soweit ist. Ich muß nur rechtzeitig informiert werden."

Dem Hauptmann fiel sichtlich ein Stein vom Herzen und zackig bestätigte er den Befehl.


Einige Tage später war es dann soweit: Der größte Zug, den es seit Menschengedenken im Schwarzen Königreich gegeben hatte, setzte sich in Bewegung. Eine ganze Stadt war aufgebrochen, um neues, und wie man hörte, fruchtbares Land zu kultivieren.

Dem Zug voran rollte lautlos die Schwarze Kutsche mit dem Königspaar.

"Ob es eine gute Idee ist, so kurz vor dem Winter mit dieser Besiedlung zu beginnen?", fragte Ornella.

Thoran lächelte sein spöttisch-nachdenkliches Lächeln, dann antwortete er nach langem Schweigen: "Und das ist nicht die einzige Schwierigkeit. Der Westen ist bis zur Fertigstellung der Tunnels kaum zu erreichen. Die Siedler werden sich womöglich selbständig machen. Wir müssen sie gut im Auge behalten. Deswegen habe ich vor, den Ausgangspunkt an einem ganz bestimmten Ort zu errichten. Hier, sieh!"

Er entrollte eine Karte des Schwarzen Königreiches, auf dem alle wichtigen Berge, Hauptstraßen und Ortschaften eingetragen waren. "Vom Aussichtsturm des Schlosses kann man in insgesamt fünf Richtungen über unsere Grenzen hinausschauen: Nach Nordosten und Ost-Nordost ins Reich Karls, und nach Südost und Ost-Südost in das Weiße Reich. Und dann gibt es hier, im Südwesten, noch eine ganz schmale Lücke, durch die man in die Steppe und bis in die Wüste Algora sehen kann. Genau auf dieser Sichtlinie liegt auch die Oase Coor, die man bei besonders klarem Wetter ganz in der Ferne erahnt. Genau auf dieser Linie werde ich eine Stadt gründen, und sie soll Udor heißen. Hier!" Er tippte mit seinem Finger auf einen Punkt mitten im Vorgebirge, bereits weit hinter der jetzigen Schwarzen Grenze.

"Das Gebiet wird hier in Südwesten bis an den Siina-Fluß ausgedehnt. Es hat mich, ehrlich gesagt, schon immer gewundert, warum das nicht bereits dein Vater gemacht hat. Seltsamerweise hört das Weiße Land kurz vor der Quelle des Siina auf. Nun gut, jetzt werden wir es stattdessen in Besitz nehmen. Und weiter im Norden werden wir dann eine Stadt anlegen, von der aus die Arbeiten an den Tunnels von der anderen Seite aus begonnen werden. Ich denke, wir nennen diese Stadt Alessandrina."

"Alessandrina", wiederholte Ornella andächtig. Sie war gerührt.

"Ja. Aber um auf das zurückzukommen, was du vorhin erwähntest, meine Bestgeliebte: Ich habe es deswegen so eilig, weil ich zugetragen bekommen habe, daß sich auch König Karl für dieses Gebiet interessiert. Es grenzt direkt an sein Land, und es ihm zuzufügen, wären nur ein Federstrich auf der Karte. Ich will ihm zuvorkommen."

"Aber wenn er merkt, daß er zu spät gekommen ist, was wird er dann tun?"

"Nichts. Der Süden seines Landes ist kaum bewohnt. Er wird keinen Streit anfangen wegen eines Streifens Land, mit dem er im Grunde sowieso nichts anfangen kann. Aber das gilt auch umgekehrt: Wenn er es zuerst hat, habe ich das Nachsehen. Deshalb diese Eile."

Vier Tage später erreichte der Zug die Stelle, an der die Stadt Udor gegründet werden sollte. Der Platz lag mitten in schon recht flachen Vorgebirge, und es war hier bereits deutlich wärmer als weiter im Osten. Der Boden war fruchtbar, und überall standen große, gutgewachsene Bäume, aus deren Holz die neue Stadt gebaut werden konnte.

Der König ließ die ersten Zelte und Hütten errichten, während er höchst selbst Vermessungen vornahm. Nachdem es ihm gelungen war, das Schwarze Schloß anzuvisieren, gab er sein endgültiges Einverständnis. Selbstverständlich wußte außer ihm selbst, der Königin und Schogan Liss keiner, daß die Stadt von Schwarzen Schloß aus jederzeit sichtbar war und daß sogar die ihre Hauptstraßen in Richtung von West-Südwest nach Ost-Nordost verlaufen sollten, um ebenfalls einsehbar zu sein. Dieses Geheimnis behielt der Schwarze König wohlweislich für sich.

Noch am selben Tag bestieg er dann sein Pferd und ritt mit Ornella und vier Soldaten in raschem Galopp nach Südosten, wieder tiefer hinein ins Gebirge. Bald endete der Weg, und der Trupp mußte sich seinen Weg durch gebirgige Wildnis bahnen. Es wurde Abend, dann Nacht, doch Thoran schien genau zu wissen, wo sein Ziel lag. Ornella fragte sich, wie er in dieser Finsternis den Weg fand, denn die dünne Mondsichel und die funkelnden Sterne gaben nur wenig Licht. Es ging höher und höher hinauf, manchmal mußten sie sogar absteigen und die Pferde von Hand über die schmalen Gebirgspfade führen. An manchen Stellen lag bereits Schnee, und es war eisig kalt. Doch irgendwann hörte Ornella in der Ferne ein Murmeln und Plätschern von Wasser.

"Endlich! Die Quelle des Siina-Flusses", sagte der Schwarze König. Er schaute sich um und ließ den Blick über die schneebedeckten Gipfel schweifen, die selbst in der Nacht klar zu erkennen waren. "Hier tritt er aus dem Gletscher. Und hier setzte ich den neuen Grenzstein."

Er holte einen mit Ornamenten und Wappen reichverzierten Stein aus seiner Satteltasche und vergrub ihn zur Hälfte im eisigen Boden. In einer seltsamen, magischen Zeremonie, die bis zum Morgengrauen andauerte, nahm er dann das Land in Besitz. Dann ritten sie weiter nach Südosten, wo Thoran die Zeremonie mit einem weiteren Grenzstein wiederholte. Erst am Mittag machten sie sich auf den Weg zurück nach Udor. Alle, vielleicht der Schwarze König ausgenommen, waren todmüde.

Ornella, die sich noch einmal umdrehte, sah, daß nun auch hier mitten durch die Natur eine deutlich sichtbare Grenze lief, die das Schwarze Königreich vom Niemandsland daneben schied.

Erst tief in der Nacht erreichten sie Udor wieder und ruhten sich erst mal aus.

Tags darauf befahl der König die Errichtung einiger Beobachtungsposten entlang der neuen Grenze, der ständig von einem oder zwei Mann besetzt sein mußten. Extra dafür hatte er auch schon Soldaten mitgebracht. Es war alles sehr gut durchorganisiert. Auch die Stadt Udor selbst bekam einen mit einigen Soldaten besetzten Grenzposten.

Von Udor aus zog dann der Rest des Trecks, noch etwa 300 Menschen, weiter nach Norden und errichteten nach zwei Tagesreisen am nördlichen Mangiarra-Fluß eine weitere Siedlung, die in einer feierlichen Zeremonie auf den Namen Alessandrina getauft wurde. In der Nacht wiederholte der Schwarze König die magische Handlung der Grenzsetzung, diesmal bis hinauf an die Grenze zum Reich Karls.

Das Schwarze Königspaar blieb etwa eine Woche in Alessandrina, dann brachen sie mit einigen Arbeitern und Ingenieuren auf, um die Westseite des Großen Kettengebirges zu erkunden. Es ging einen besseren Trampelpfad den Fluß entlang und dann wieder hinauf ins Hochgebirge. Thoran befahl, hier eine gangbare Straße anzulegen, wohl wissend, daß das viele Jahre dauern würde. Nachdem sie nach zwei Tagen ihr Ziel erreicht hatten, vermaßen die schweigsamen Ingenieure die Position, an welcher der südliche Tunnel von der anderen Seite herauskommen mußte. Dort wurde nun ebenfalls mit Grabungsarbeiten begonnen, so daß sich in einigen Jahrzehnten die beiden Röhren in der Mitte der himmelhohen Bergkette treffen mußten.

Ornella staunte darüber, daß man den Weg des Tunnels durch den Berg überhaupt so genau berechnen konnte, aber die Ingenieure waren sich ihrer Sache sicher.

"Und was ist mit dem Tunnel im Norden?", fragte sie den König.

"Vorläufig nichts. Ich werde lediglich ein paar Markierungen setzten. Zur Zeit haben wir nicht genügend Leute, um dort oben eine Stadt zu gründen und graben zu lassen. In ein oder zwei Jahren erst kann ich damit anfangen."

Sie verließen die neue Baustelle und zogen am Fuße des Kettengebirges nach Norden. Ornella begann zu verstehen, warum sich nie eins der angrenzenden Reiche für das Unendliche Land interessiert hatte, denn es war so abgeschieden und unzugänglich, daß es jedem Herrscher als völlig wertlos erscheinen mußte. Aber es war wunderschön, ein kaltes Märchenreich - ihre neue Heimat, die sie jetzt bereits tief und inniglich liebte.

Schließlich erreichten sie die Südgrenze des karolingischen Reiches. Dieses Land war von vollkommen anderem Charakter, weit, offen und dicht bewaldet. Und ebenfalls nahezu menschenleer. Und durch dieses Land führte sie nun ihr weiterer Weg, denn Thoran wollte wieder nach Osten, auf die andere Seite des Kettengebirges, und der Weg dorthin erforderte einen längeren Ritt durch Karls Reich, der sich aber als vollkommen problemlos erwies. Auf dem ganzen Weg, der fast einen Tag dauerte, begegnete der kleine Zug nicht einer Menschenseele.

Vom Nordrand des Gebirges aus ging es dann wieder nach Süden. Fast direkt auf dem Rückweg lag der Eingang zum Nordtunnel. Der Schwarze König, mittlerweile nur noch in Begleitung seiner Frau und zweier Diener, beschloß, die Baustelle zu besichtigen. Als sie ankamen, sahen sie nicht sehr viel, außer einem riesigen Steinhaufen, einer armseligen Hütte und einem unauffälligen Brunnen. Einige Meter dahinter ragte fast senkrecht die Gebirgswand auf, und an ihrem Grund war ein geradezu winzig wirkendes schwarzes Loch, das in den Berg führte. Thoran und Ornella fanden den Baustellenleiter, nahmen sich Fackeln und gingen mit ihm hinein.

"Wie viele Leute arbeiten hier?"

"Insgesamt zehn in zwei Schichten, Herr. In der Hütte schläft immer die Hälfte, die andere ist im Berg. Leider fallen oft Leute aus, weil sie in der schlechten Luft und durch die schwere Arbeit krank werden."

"Was sind das für Leute?", wollte die Königin wissen.

"Diebe, säumige Schuldner, Wilderer, so was in der Art, Herrin. Es gibt hier kaum richtige Verbrechen, aber wenn einer sich was Größeres zu Schulden kommen läßt, dann landet er meist hier am Berg."

Allmählich gewöhnten sich ihre Augen an das trübe Licht. In der Ferne hörten sie nun auch das Hämmern und Klopfen, mit dem dem Berg Stückchen für Stücken des Weges abgerungen wurde. Das Gestein war äußerst hart und die Arbeit dementsprechend schwer.

Dann näherte sich dem Königspaar ein Rumpeln.

"Das ist wohl der Wagen, mit dem sie die Steine ins Freie schaffen."

Die Karre kam in Sicht. Als der Mann, der sie schob, seinen König erkannt, da erstarrte er, dann fiel er demütig auf die Knie und begann, unverständliche Worte zu stammeln.

Doch den Schwarzen König interessierte das nicht. Er befahl dem Mann, mit seiner Arbeit fortzufahren. Ornella begleitete ihn schweigend tiefer in den Berg. Und dann trafen sie auf die übrigen Arbeiter. Es waren drei, und auch sie fielen vor dem König und der Königin in den Staub.

"Wo ist der fünfte?"

"Tot, Herr", antwortete der Leiter. "Vorgestern haben wir ihn begraben."

"Hmm. Es wird ewig dauern, bis der Tunnel fertig ist. Naja, ich werde euch Ersatz schicken lassen, sofern sich einer findet."

Schweigend verließen sie den Berg wieder.

Erst draußen konnte die Königin wieder frei atmen. "Wer hier arbeitet, kommt nicht mehr zurück, nicht wahr?"

"So ist es. Aber leider gräbt sich der Tunnel nicht von selbst. Komm jetzt. Laß uns diesen öden Ort verlassen und so langsam nach Hause zurückkehren."

Und so kehrte der Schwarze König mit seiner Frau nach einer anstrengenden, aber sehr erfolgreichen Reise schließlich Anfang November in sein Schloß zurück. Viele der Wege waren bereits tiefverschneit, und es würde ein harter Winter werden. Aber im Schwarzen Königreich war jeder Winter hart.

*

"Und! Wo ist sie denn nun?" fragte Prinz Sofrejan.

Der Bote, der vor ihm niederkniete, antwortete: "Herr, Euer Kommandeur Ralph de Roqueville hat die Prinzessin sofort nach seinem Eintreffen in Gel-Gabal an die Arcadier überstellt. Sie ist jetzt auf dem Weg nach der Hauptstadt Tansir, wo man sie zweifellos sogleich hinrichten wird."

Der Prinz glaubte, sich verhört zu haben. "Was! Das darf doch nicht wahr sein. Dieser ..." Er zerknirschte den Fluch zwischen seinen Zähnen.

Aufgrund des schlechten Gesundheitszustandes seiner Mutter war er kurzzeitig zur Sonneninsel zurückgekehrt, und genau in die Zeit seiner Abwesenheit fiel die Gefangennahme der Weißen Prinzessin. Sofrejan kochte vor Wut. Dieser Krieg war ihm sowieso zuwider, und jetzt sollte eine Frau, gegen die er nicht das geringste hatte, die er sogar für ihren Mut bewunderte, hingerichtet werden, obwohl er es hätte verhindern können, wenn er es rechtzeitig erfahren hätte.

Wütend trommelte er mit den Fäusten auf dem Tisch herum. Der Bote zog den Kopf noch tiefer ein und hoffte, der Zorn seines Herren möge ihn verschonen. Doch er hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen. Sofrejans Zorn galt allein seinem ehrgeizigen Kommandeur, der, wie es schien, den Arcadiern treuer ergeben war als ihm selbst, denn sonst hätte er ihn vor der Auslieferung der Prinzessin erst konsultiert. Schließlich war die Weiße Prinzessin nicht irgendeine x-beliebige Kriegsgefangene. Die Sache war hoch politisch, und de Roqueville mußte sich darüber völlig im klaren sein.

Nur die Ruhe, sagte Sofrejan sich. Den Kerl werde ich mir greifen.

Es war klar, daß er diesen außerordentlich fähigen Kommandeur nicht einfach an die Arcadier verkaufen durfte, denn dann hätte er sich ein hübsches Kuckucksei gelegt. Es mußte doch eine elegante Art geben, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Ihm kam da eine Idee. Er wandte sich an den Boten und befahl ihm: "Du reitest auf dem schnellsten Wege zurück nach Gel-Gabal und teilst de Roqueville mit, er habe sich zum persönlichen Rapport hierher auf die Sonneninsel einzufinden. Und zwar umgehend!"

"Zu Befehl, Euer Majestät."

Nur, daß der Prinz nicht im Traum daran dachte, hier auf den Kommandeur zu warten. Im Gegenteil: er würde ihn warten lassen. Monatelang, wenn es sein mußte. Er gab, nachdem der Bote übergesetzt hatte und davongeritten war, die Anweisung, den Kommandeur in der Hauptstadt zu empfangen und solange festzuhalten, bis er wieder zurück war. Er fügte hinzu, daß er in einer äußerst wichtigen Mission nach Tansir reisen mußte, die sich aber über etliche Wochen hinziehen konnte. Solange durfte Kommandeur de Roqueville die Sonneninsel auf keinen Fall verlassen.

Der einzige Unsicherheitsfaktor war seine Mutter. Wenn sie sich erholte und wieder die Zügel in die Hand nahm, dann würde es schwierig werden, die Sonneninsel aus dem Krieg herauszuhalten. Doch wie es aussah, drohte von dort keine Gefahr. Sicher, die Alte war zäh, aber es ging ihr von Tag zu Tag schlechter. Er würde ihr keine Träne nachweinen, wenn sie gestorben war.

Dann bereitete er seine Abreise nach Tansir vor. Er war entschlossen, die Hinrichtung der Prinzessin zu verhindern. Es war nur die Frage, ob er rechtzeitig ankam. Denn so, wie der Bote es berichtet hatte, würde König Starrus, der zur Zeit in seiner Hauptstadt weilte, mit seiner Feindin, die ihm so große Schwierigkeiten und Blamagen bereitet hatte, kurzen Prozeß machen.

*

Sie hatten Alessandra ihrer herrschaftlichen Kleider beraubt, sie in Lumpen gehüllt und in einen Käfig gesperrt. Der Käfig stand auf einem großen Wagen und wurde vor den Augen aller Leute mit großer Eskorte quer durch Arcadia-Land nach Tansir gefahren. Und wenn der Treck ein Dorf oder eine Stadt passierte, dann bewarfen die Menschen ihre gefangene Feindin mir faulen Eiern und Tomaten und spuckten auf sie.

Sie bekam nichts zu essen und zu wenig Wasser, so daß sie nach wenigen Tagen mehr einer armseligen, halbverhungerten Bettlerin glich als einer Prinzessin.

Aber nicht alle Menschen, denen sie unterwegs begegnete, empfanden nur Haß.

Am dritten Tag ihrer Reise hielt der Zug, wie immer, am Mittag an. Sie waren in einer Stadt, deren Namen Alessandra nicht kannte, und die Soldaten und Knechte begaben sich in die Wirtshäuser, um sich für den weiteren Weg zu stärken. Alessandra stieg der Duft gebratenen Fleisches in die Nase, der von der Küche eines der Wirtshäuser zu ihrem Karren herüberzog, und das Wasser lief ihr im Munde zusammen. Doch kein Mensch dachte auch nur im Traum daran, ihr etwas zu Essen zu bringen.

Ihre sehnsüchtigen Blicke ruhten auf dem Wirtshaus, als sie plötzlich das Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Sie sah sich um, doch auf den ersten Blick sah sie nichts Auffälliges. Die üblichen Bettler und Hausierer hatten sich bei dem Zug eingefunden und feilschten jetzt mit den Soldaten. Einige Leute, darunter viele Frauen und Kinder, musterten ganz ungeniert die Gefangene, tuschelten und zeigten mit Fingern auf sie. Aber das war es nicht. Eine seltsame Unruhe ergriff die Prinzessin, und sie musterte den Platz, auf dem der Troß haltgemacht hatte, genauer. Ihr Blick streifte über eine seltsame Gestalt mit völlig vermummtem Gesicht. Sie konnte die Augen nicht sehen, vielleicht hatte der Fremde gar keine mehr und hatte deshalb sein Gesicht verhüllt. Aber ...?

Da erhob sich die Gestalt plötzlich mit einer kraftvollen und entschlossenen Bewegung, die gar nicht zu einem blinden Bettler gepaßt hätte. Langsam ging der Mann - Alessandra war sich nun sicher, daß sich unter den schwarzen Tüchern ein Mann verbarg - auf sie zu. Wenn er den anderen Schaulustigen zu nahe kam, wichen diese wie elektrisiert zurück und starrten den Schwarzverhüllten mit schreckgeweiteten Augen an. Langsam kam der Mann näher, doch Alessandra empfand keinerlei Furcht.

"Wer bist du?", frage sie freundlich.

Doch der Mann sprach nicht. Stattdessen zog er ein ansehnliches Stück Brot und getrocknete Wurst aus der Tasche und steckte es ihr in dem Käfig.

"He da!" brüllte eine der Wachen. "Das Füttern der Gefangenen ist verboten, verdammmich!" Er ergriff seine Hellebarde und stürmte auf den Mann zu. Dieser drehte sich langsam dem Soldaten zu und damit gleichzeitig von Alessandra weg, so daß sie nicht sehen konnte, was genau er tat. Das heißt, sie sah sehr wohl, was er tat, er zog nämlich das Tuch von seinem Gesicht, aber die Prinzessin konnte nur seinen Hinterkopf sehen. Was der Soldat zu sehen bekam, blieb ihr also verborgen, aber die Wirkung war durchschlagend. Der Soldat blieb wie vom Donner gerührt stehen. Die Hellebarde fiel ihm aus der Hand, dann schlug er die Hände vor seinem Gesicht zusammen, gab einen halb erstickten Schrei von sich und stolperte rückwärts davon. Mit vor Überraschung weit aufgerissenen Augen verfolgte Alessandra dieses merkwürdige Ereignis.

Irritiert schüttelte sie den Kopf und wandte sich wieder dem Schwarzverhüllten zu, doch - er war nicht mehr da! Nirgends konnte sie ihn sehen. Es war, als habe ihn der Erdboden verschluckt.

Aber das Brot war noch da.

Nach einer Zeit begann die Prinzessin, es zu essen, und es schmeckte ausgezeichnet. Es war für längere Zeit das letzte, was man ihr zu essen gab.


Eines nachts rasteten sie auf dem Platz einer großen Stadt. Es regnete, und Alessandra konnte wenigstens ihren schlimmsten Durst stillen. Doch dann fing es an zu schneien, und ihre nassen Kleider sogen jede Wärme aus ihrem Körper. Die Prinzessin war krank, erschöpft und verzweifelt. Am schlimmsten war der Haß, den ihr die arcadischen Bürger entgegenbrachten. Ihr abgemagerter Körper sank zitternd vor Kälte in sich zusammen und sie hoffte, am nächsten Morgen nicht mehr aufwachen zu müssen.

Doch plötzlich wurde es hell um sie. Die Kälte wich, und ein warmes Licht erfüllte das Innere des Käfigs. Im Nu waren ihre Kleider wieder trocken. Aus der Helligkeit trat Elysiss hervor, warf ihr einen warmen Blick zu und legte eine wärmende Decke um sie. "Mehr kann ich nicht für dich tun, mein Kind. Nur einen Rat habe ich noch: Benutze den Ring." Dann verschwand sie wieder, und das Licht und die Wärme mit ihr.

Der Ring! Natürlich. Den hatte sie ganz vergessen. Die Arcadier hatten ihr zwar den Ring Simonas weggenommen, aber ihren eigenen nicht, denn nur Würdige konnten ihn sehen, und die Soldateska war bestimmt nicht würdig.

Vorsichtig schaute Alessandra sich um, aber alle schliefen schon. So zog sie den Tigerring vom Finger und sprach zu ihm: "Schwester. Wenn du mich hören kannst, dann wisse, daß die Arcadier mich gefangengenommen haben und bald hinrichten wollen. Bitte, hilf mir, wenn du kannst."

Wie beim letzten Mal, so erfolgte auch jetzt keine Antwort. Doch Ornella hatte sie gehört. Allerdings hatte es einen weiteren, unerwarteten Zeugen gegeben.

*

Die Schwarze Königin schlief allein in ihren Gemächern, als sie durch eine Bewegung auf ihrer Brust geweckt wurde. "Was ...?" murmelte sie verschlafen.

"Psst. Ich bin's, Isini!", zischte es in der Dunkelheit.

Sie schreckte hoch. Es war stockfinster, alle Fackeln waren gelöscht, die Kerzen längst heruntergebrannt.

"Isini?"

Ihre Hände ertasteten einen großen, von Federn bedeckten Körper, der auf ihrer Brust ruhte.

"Isini! Du?", rief sie ungläubig. Das konnte doch nicht sein!

"Ja. Ich bin's wirklich. Ich bin immer noch ein Adler. Ich bin gekommen, um euch zu warnen."

"Uns?"

"Ja. Dich und Thoran."

"Warte. Ich hole ihn."

"Nein. Ich ... ich glaube nicht, daß ich seine Nähe ertragen würde."

"Aber warum willst du ihn dann warnen?"

"Frage nicht. Sage ihm, der Baron der Hölle hat neue Kräfte gesammelt und ist angetreten, ihn zu vernichten." In diesem Moment begann Ornellas Löwenring zu leuchten. Durch den Schein konnte sie jetzt auch den Adler erkennen.

"Was ist das?", fragte Isini und schlug unruhig mit ihren majestätischen Schwingen.

Ornella stieß aufgeregt den Vogel von ihrer Brust und starrte auf den Ring, der von ihrem Finger gefallen und auf der Bettdecke gelandet war. "Meine Schwester. Alessandra!", flüsterte sie erregt.

Der Ring entrollte sich, wurde zu einem winzigen Löwen und sprang auf der Bettdecke umher auf die Königin zu: "Ornella, deine Schwester ist von den Arcadiern gefangengenommen worden. Sie bringen sie nach Tansir, wo sie sie hinrichten wollen!"

Dann erlosch das Licht und der Ring kehrte an Ornellas Finger zurück. Sie hob den Adler hoch, setze ihn neben sich auf das Bett und zündete dann eine Kerze an.

"Ich danke dir, Isini. Aber ich muß sofort meinem Bestgeliebten Bescheid sagen."

"Wem?"

"Meinem Gemahl, den Schwarzen König."

"Wie hast du ihn genannt?"

"Mein Bestgeliebter."

Erstaunt sah Isini Ornella an. "Bestgeliebter ... du liebst ihn wirklich?"

"Mehr als alles andere auf der Welt. Du tust mir so leid, Isini. Welch eine Chance hast du ungenutzt verstreichen lassen."

Da kullerte eine Träne über den Schnabel des Vogels. Dann schwang sich Isini wortlos in die Luft und flog pfeilschnell aus einem der Fenster hinaus in die Nacht.

Ornella sah Isini nach, aber nicht lange. Dann sprang sie auf und rannte in das Gemach ihres Mannes. Sie rüttelte ihn wach und rief: "Isini ist bei mir gewesen. Sie hat uns vor einem Angriff Harlengarts gewarnt. Aber auch Alessandra braucht unsere Hilfe. Die Arcadier wollen sie hinrichten."

"Isini?"

"Ja. Sie kam zu mir geflogen, weckte mich und sagte dann, der Baron der Hölle habe neue Kräfte gesammelt und wolle dich vernichten. Aber wie sollen wir meiner Schwester helfen, wenn wir uns gegen Harlengart verteidigen müssen? Hoffentlich haben wir genug Zeit."

"Genau das haben wir wegen Harlengart nicht." Er überlegte, dann sagte er: "Alessandras einzige Hoffnung ist im Moment Elysiss. Ich hingegen muß das Schloß sichern. Und du, du weckst Gawron! Das Tor wird sich vor dir öffnen, soviel Magie besitzt du bereits. Beeile dich jetzt."

Ornella wollte noch etwas sagen, doch dann lief sie davon, hinunter zum Eingang in das unterirdische Labyrinth.


Blitze umzuckten das Schwarze Schloß und schälten für Sekundenbruchteile seine Konturen aus der Nacht. Ein Bote aus dem Schloß eilte durch das kleine Dorf an seinem Fuß und weckte die Bewohner: Sie sollten so schnell wie möglich fliehen und erst zurückkehren, wenn der Kampf zwischen ihrem König und dem Baron der Hölle entschieden sei.

Langsam fing das Schwarze Schloß an zu glühen, aber es war ein kaltes Licht, das schon in kurzem Abstand wieder in der Dunkelheit versickerte. In seinem Zaubersaal stand der Schwarze König und beschwor die magischen Kräfte und die finsteren Mächte. Unheimliche Schatten huschten durch die Gewölbe und hinterließen ihre geisterhaften Spuren auf den Wänden.

Seltsames Geflüster erfüllte den Raum, gezischelt in uralter Sprache, die nur noch Wenige verstanden. Eine gewaltige Säule aus kaltem Feuer stieg aus einem eisernen Kessel empor, Blitze und verzerrte Gesichter tauchten für einen Moment darin auf. Die Kraft dieses Objekts war auch für den Schwarzen König kaum zu bändigen, doch er schaffte es, die Kräfte des Unheils in die Mauern seines Schlosses zu lenken, um dem Baron der Hölle eine Falle zu schaffen, in der er verderben sollte. Dann betraten die Schwarze Königin und der Drache Gawron die Halle. Unheimlich erschienen ihre Gestalten in dem geisterhaften, flackernden Licht. Glühende Funken stoben von dem Feuer auf und schufen für kurze Zeit einen Bogen heißer Energie. Wo er auftraf, öffnete sich die Unterwelt und zeigte wie in einem magischen Spiegel den Baron der Hölle. "Auch das wird dich nicht retten, Schwarzer König", brüllte es hervor, bevor sich das Tor wieder schloß und die Erscheinung verschwand.

"Ohne Isinis Warnung hätte er uns alle vernichten können", brüllte Thoran durch das Brodeln und Tosen der Energien.

"Mein Bestgeliebter, was tust du da?", schrie Ornella ihm zu. Weder sie noch der Drache konnten zu ihm gelangen, denn eine Mauer aus magischer Urkraft trennte sie. Die Mauer wurde milchig, während sie plötzlich eine unheimliche Kälte ausstrahlte. Selbst das Feuer erlosch in wenigen Sekunden. Alles erstarrte zu Eis. Dann hob sich das dämonische Gebilde und drang ebenfalls in das Gemäuer des Schlosses ein.

Und von einem Augenblick zum anderen herrschte gespenstische Stille. Mit leisen, knackenden Geräuschen entspannten sich die aufgeheizten und dann tiefgekühlten Instrumente. Der Rauhreif auf dem Boden verschwand wieder, die kleinen Eiszapfen fielen von den Fratzen und Totenköpfen, mit denen die Säulen und Wände verziert waren, herab und schmolzen.

"Jetzt sind wir bereit", sagte Thoran mit unnatürlich ruhiger Stimme.

"Und wenn er heute nacht nicht kommt?", knurrte Gawron.

"Er wird kommen, dafür habe ich gesorgt. Du hältst dich bereit, ihn zu überfallen, wenn er seine Aufmerksamkeit ganz auf mich gerichtet hat."

"Und ich?", fragte Ornella.

"Hier. Komm mit." Er ging zu einem steinernen Schrank und öffnete lautlos die schweren Türen. In seinem Inneren hingen mehrere Rüstungen. Thoran nahm zwei davon heraus. "Eine ist für mich, eine für dich."

"Aber die ist mir zu groß."

"Nein, wenn du sie anziehst, wird sie dir passen. Sie passen jedem Träger, der sie beherrschen kann." Er streifte sich seine über, und Ornella tat es ihm gleich. "Sie würde selbst Gawron passen, aber er braucht keine. Ich ..."

Doch in diesem Moment ging es los. Ein Troll erschien wie aus dem Nichts, und begann, in der Halle umherzutoben und alles zu zerschlagen, was er erreichen konnte. Gawron tötete ihn mit einem Feuerstrahl. Doch dann erschienen überall im Schwarzen Schloß weitere Trolle und Unholde. Sie fielen über die Palastwache her und steckten alles in Brand, was sie erreichen konnten. Die wenigen Menschen konnten nicht gleichzeitig gegen die Ungeheuer kämpfen und löschen, doch die Feuer erloschen von selbst und eine unirdische Kälte drang plötzlich aus den Wänden hervor. In Panik flohen die Trolle, doch für die meisten war es zu spät. Sie froren am Boden fest, erstarrten zu Eissäulen und zersprangen dann in tausend Splitter. Doch das war erst der Anfang. Über dem Schloß zog sich in Sekundenschnelle ein furchtbares Gewitter zusammen. Und dann schoß Blitz auf Blitz in die Gemäuer und löschte die schützende Kälte aus. Neue Trolle tauchten für kurze Zeit auf, doch sie hatten keine Macht mehr und verschwanden wieder ins Schattenreich.

Thoran, Gawron und Ornella stürmten aus der magischen Halle hinaus. Der Schwarze König und die Königin liefen hinab zum Exerzierhof, denn genau hier würde der Baron der Hölle erscheinen. Währenddessen legte sich der hellhäutige Drachen in einen Hinterhalt. Sein Schwanz peitschte vor Aufregung.

Draußen regnete es inzwischen. Unvorstellbare Wassermassen stürzten vom Himmel, eingehüllt in flammende Blitze, die viele von ihnen noch in der Luft verdampften. Ohrenbetäubender Donner dröhnte über dem Schloß und ließ die Mauern erbeben. Und dann begann auch die Erde zu zittern.

"Jetzt!" Thoran riß sein Schwert heraus, als sich vor ihm die Erde spaltete und Harlengart daraus hervorschoß. Der Höllenbaron wurde von dem Angriff überrascht. Blitze spritzten auf, und er fuhr herum und stieß ein urweltliches Brüllen aus. Ornella hatte einen Bogen mit magischen Pfeilen bekommen, doch durch die Wasserwand konnte sie das Ziel kaum erahnen. Und näher heran wagte sie sich nicht. Nur schwer war der Kampf zwischen ihrem Mann und dem riesigen Dämon zu erkennen. Sie sprang auf, legte einen Pfeil ein, spannte den Bogen und schoß.

Keinen Moment zu früh. Harlengart hatte mit seinen unglaublich kraftvollen Hieben Thoran das Schwert aus der Hand geschlagen und prügelte jetzt auf ihn ein. Der Schwarze König verteidigte sich mit seinen Zauberkräften, doch auch gegen die ging der Höllenbaron machtvoll an. Als ihn der Pfeil traf, ließ er einen Moment vom Schwarzen König ab und warf sich herum. Doch da griff ihn Thoran erneut mit dem Schwert an. Er schleuderte es mit aller Kraft, und es drang tief in den Leib des Königs der Trolle. Doch noch war dieser lange nicht geschlagen. Aus der Erdspalte kamen weitere Dämonen gekrochen und wollten sich auf die beiden Menschen stürzen. Nun mußte Gawron eingreifen. Die Lage wurde immer bedrohlicher.

Harlengart riß sich das Schwert heraus, zerbrach es und schleuderte es davon. Dann baute er sich vor Thoran auf.

"Stirb denn", brüllte der Höllenbaron röhrend und holte zum letzten, entscheidenden Schlag aus.

Doch der Schwarze König sagte nur: "Jetzt." Und die in den Mauern seines Schlosses gespeicherte Energie schoß herab und hüllte Harlengart ein in einen Vorhang aus Flammen, Tod und Verderben. Der Höllenbaron brüllte auf, er schleuderte Blitz und Donner, Wände zerbarsten und die Luft kochte, doch selbst seine Kräfte reichten nicht, der geballten Macht des Schwarzen Königs zu widerstehen. Seine Bewegungen unter den roten, lodernden Flammen wurden langsamer, dann stürzte er zu Boden. Blitz und Regen hörten schlagartig auf, das Loch im Boden schloß sich und Gawron tötete die letzten Dämonen. Und in diesem Moment war die Kraft des Schwarzen Schlosses erschöpft. Der Feuervorhang erlosch und gab den Blick frei auf den mit letzter Kraft um Atem ringenden Troll-König.

"Du... du hast gesiegt", röchelte er. "Jetzt töte mich." Sein Kopf fiel vornüber und seine Hörner trafen funkensprühend auf das zerstörte, teilweise geschmolzene und wieder erstarrte Pflaster. Der Schwarze König hob die Faust, um mit einem letzten Energiestoß die Existenz des Höllenbarons für immer und alle Zeiten zu beenden, doch da rief Ornella: "Warte! Ich habe eine Idee."

Etwas verwirrt sah Thoran sie an und ließ die Faust sinken.

"Wenn er schwört, sich nie wieder gegen uns zu wenden, dann schenke ihm das Leben als Gegenleistung für zwei Aufgaben, die er lösen muß."

Harlengart gab ein gequältes Stöhnen von sich, dann hob er den Kopf und blickte Ornella aus trüben Augen an. Kleine Rauchwölkchen kringelten sich aus seinen Nasenlöchern.

Der Schwarze König fragte: "Und welche Aufgaben?"

"Erstens soll er mit seiner Kraft den nördlichen Tunnel durch das Kettengebirge zu Ende graben. Aber vorher muß er uns helfen, Alessandra zu retten."

Erstaunt sah der Schwarze König seine Bestgeliebte an, dann nickte er anerkennend. "Nun, Harlengart. Schwörst du?"

"Ja", röchelte dieser.

Finster blickte er zum Schwarzen König und seiner Frau auf. "Ich gebe euch mein Unehrenwort. Und ich will alles tun, was ihr verlangt."

"Dann hör gut zu", sagte die Königin und trat auf ihn zu.

*

Einige Wochen zuvor im Weißen Schloß.


"Vater, ich muß mit Euch sprechen."

"Nicht jetzt, Olivia. Du weißt doch, daß ich in den Krieg ziehen werde. Mein Pferd ist bereits gesattelt und meine tapferen Soldaten erwarten ihren König, der sie in die siegreiche Schlacht führen wird."

"Wie Ihr befehlt", flüsterte die junge Frau bedrückt.

Seit der Flucht Alessandras und Ornellas drückte Olivia die schwere Schuld, ihrem Vater das nicht erspart zu haben, obwohl sie es vermocht hätte. Als er erfahren hatte, daß zwei seiner Töchter zum Schwarzen König geflohen waren, hatte es ihm fast das Herz gebrochen. Er war um Jahre gealtert, und als Adalbert Olivia erzählt hatte, daß der König sich persönlich den Feldzug gegen die Arcadier stürzen wollte, war sie fassungslos und voller Sorge gewesen. Hätte sie nur diese Flucht verhindert! Wenn ihre Schwestern schon so verantwortungslos waren, ihren Vater in dieser schweren Stunde alleinzulassen, dann hätte sie wenigstens alles tun müssen, diesem Wahnsinn Einhalt zu gebieten. Ständig kreisten ihre Gedanken um diese schicksalhafte Nacht, als sie heimlich Zeugin der Flucht geworden war. Ja, sie war sich sicher, daß sie Ornella und Alessandra davon hätte abbringen können.

Oder doch nicht? War Ornella nicht von dem Schwarzen König verhext worden? Und Alessandra?

Olivia litt unter diesen Gedanken, sie aß kaum noch und schlief schlecht. Ihr Vater bemerkte wohl, daß mit dem Mädchen etwas nicht stimmte, aber er hatte im Moment ganz andere Sorgen. Die Soldaten der Imperatrice hatten sich mit den Arcadiern verbündet. Dabei hatte Beata aber eine offene Kriegserklärung unterlassen, so daß auch kein offener Angriff auf die Verräter stattfinden konnte. Im Gegenzug waren aber die feindlichen Truppen bereits tief ins Weiße Königreich vorgestoßen. Täglich trafen Flüchtlinge in der Hauptstadt ein, die alles verloren hatten und nun praktisch als Bettler leben mußten. Es war zwar die Pflicht des Weißen Königs, seinen Untertanen in dieser schweren Zeit beizustehen, aber wer sollte dann die Schlachten gewinnen?

Wenigstens hatte der General inzwischen an die 5000 Soldaten ausgehoben und trainiert. Mit ihnen gedachte er sich noch am heutigen Tage dem frechen Feind entgegenzuwerfen.

Der Weiße König gab Olivia einen Kuß auf die Wange, dann eilte er in die Vorhalle. Dort zog er seine Rüstung an, schnallte sein Schwert fest, das Schwert seiner Familie, das - wie man sich erzählte - schon über 1000 Feinden den Tod gebracht hatte, bestieg sein Pferd und ritt mit erhobener Faust die Rampe hinunter. Seine Soldaten jubelten ihm zu, er gab ihnen neue Hoffnung.

Mit versteinertem Blick starrte Olivia hinter ihm her.

Adalbert trat an ihre Seite. Auch er trug in diesen Zeiten eine schwere Verantwortung, oblag ihm doch die Versorgung der Soldaten und der Vertriebenen mit dem Lebensnotwendigsten. Aber er hatte immer ein freundliches Wort für die junge Prinzessin übrig.

"Was bedrückt dich denn so sehr, mein Kind?" fragte er sie mit sanfter Stimme.

Olivia rang mit den Tränen, wollte sich an Adalberts Brust werfen und nur noch weinen, doch sie konnte es nicht. "Nichts, Onkel Adalbert", flüsterte sie stattdessen und lief dann davon.

Der Majordomus sah ihr kopfschüttelnd nach. Doch da kamen schon wieder seine Beamten auf ihn zugestürmt und brachten die neuesten Nachrichten und Zahlen, und die waren allesamt nicht sehr erfreulich. Die Arcadier hatten etwa ein Zehntel des Weißen Landes besetzt, darunter fast das gesamte Gebiet am Fluß. Handel war nun sehr gefährlich. Im Osten waren sie an der Grenze weit nach Norden vorgestoßen, es waren schon Flüchtlinge aus Trok eingetroffen, obwohl die Stadt noch nicht erobert war. Aber angeblich war das nur eine Frage der Zeit. Und wo die Arcadier und die mit ihnen verbündeten Sonneninsel-Leute nur durchgezogen waren, ohne das Land gleich zu besetzen, da hatten sie alles niedergebrannt, die Ernte gestohlen oder auch verbrannt und das Vieh mitgenommen. Hunger und Verzweiflung machte sich in ihrem Gefolge breit.

"Ich hoffe", seufzte der Majordomus, "daß unser König einen Sieg heimbringt." Vom Fenster seines Arbeitszimmers sah er dem Zug der Weißen Ritter nach, wie sie durch die Straßen der Stadt ritten, dann durch das östliche Tor, um schließlich in der Ferne zu verschwinden.


Der Weiße König stellte die feindlichen Truppen bei einem unbedeutenden Dorf in der Nähe der Provinzhauptstadt Meriad im Südosten. Die Arcadier hatten Stellung bezogen, um von dort aus direkt gegen die Weiße Hauptstadt vorzustoßen. Dies wollte der König unter allen Umständen verhindern. Seine Armee war der feindlichen zahlenmäßig überlegen, und so gelang es ihm nach langen und schweren Kämpfen, die sich über fast eine Woche hinzogen, die arcadischen Soldaten nach Osten abzudrängen und zu zerstreuen. Doch seine eigenen Verluste waren auch sehr hoch, und als die Arcadier Verstärkung durch ein Bataillon Sonneninsel-Soldaten unter einem überaus fähigen Kommandeur bekamen, da konnte der Weiße König nicht mehr standhalten. Zwar war die Gefahr eines direkten Angriffs auf die Hauptstadt erst einmal abgewendet, doch die Feinde schlugen ihn und stießen wieder nach Norden vor.

Etwa zeitgleich mit der Rückkehr der Weißen Armee erreichte die Nachricht vom Fall und der Vernichtung Troks die Weiße Hauptstadt.

Die Straßen waren voller zerlumpter Gestalten, Männer, Frauen und Kinder, viele in erbärmlichem Zustand. Auf Karren wurden die Toten hinausgefahren und beerdigt. Durch das östliche Stadttor ritt der Weiße König mit seinem Gefolge wieder in die Stadt ein. Die Menschen erkannten ihn, doch ihre leeren Blicke ließen den König erschaudern. So kannte er seine Untertanen nicht. Bisher hatten sie stets im Wohlstand gelebt, Hunger und Krankheiten waren so gut wie unbekannt gewesen. Der Einfall der Arcadier hatte das Land völlig unvorbereitet getroffen und zutiefst erschüttert.

"Hoch lebe der König", rief einer der Untertanen, doch niemand stimmte ein.

Stumm erreichte der Zug den Palast. Schweigend stieg der Weiße König von seinem Pferd herab. Wie viele Feinde hatte er diesmal im Kampf Mann gegen Mann getötet? Keinen einzigen. Es war einfach nicht mehr zu leugnen: Er war für das Kriegführen zu alt. Aber wem sollte er diese Verantwortung, die letztendlich über das Wohl und Wehe des ganzen Landes entschied, überlassen? Trok war gefallen, seine Armee hatte keinen geeigneten Führer. Nur noch ihn. Sicher - da war noch der alte General. Er hatte sich schon in vielen Schlachten bewährt, war aber noch älter als er selbst. War das der richtige Nachfolger?

Der Weiße König ging mit schleppenden Schritten die Treppe zu den Arbeitsräumen des Majordomus hinauf, doch als er von oben die Stimme seiner Tochter hörte, hielt er inne.


Kurz nach dem Abmarsch ihres Vaters war Olivia schwer krank geworden. Doch auch die Fieberträume brachten ihr keine Erleichterung, im Gegenteil. Sie schwor sich, ihrem Vater ihren vermeintlichen Verrat zu gestehen, sobald er wieder zurück war. Von den Ereignissen des Feldzuges bekam sie in ihren Fieberanfällen fast nichts mit, auch nicht, daß ihr Vater schließlich wieder auf dem Rückweg war. In den Wochen, die der Kriegszug gedauert hatte, wurde sie von Emilie liebevoll gepflegt und kam schließlich auch wieder auf die Beine. Doch ihr schlechtes Gewissen, das sie sich eingeredet hatte, ließ ihr keine Ruhe. Und so suchte sie schließlich den Majordomus auf, denn er war vielleicht der einzige Anwesende, dem sie wirklich vertrauen konnte.

"Es ist alles meine Schuld", flüsterte sie mit tonloser Stimme, nachdem sie den Majordomus aufgesucht und dieser seine Leute aus dem Büro herausgeschickt hatte. Adalbert unterbrach sie nicht und sah sie auffordernd an. Er war froh, daß die Prinzessin nun endlich bereit war, ihre schwere Bürde jemandem zu offenbaren.

"In der Nacht, als Olivia und Alessandra flohen, war ich wach und habe alles mitangehört. Ich hätte sie aufhalten müssen, aber ich habe es nicht getan und ..." Sie schluchzte, dann fuhr sie mit heiserer Stimme fort: "... und das hat Vater fast das Herz gebrochen. Oh, Onkel Adalbert, es ist allein meine Schuld. Wenn ich sie nur überredet hätte vernünftig zu sein und zu bleiben."

Weinend fiel sie Adalbert in die Arme, und der streichelte ihr sanft über den Kopf. "Du hättest sie bestimmt nicht überreden können, meine kleine Olivia. Ich bin ..."

Er unterbrach sich und sah erschrocken auf. In der Tür stand der König. Er sah schlecht aus, sein Gesicht war eingefallen und in seinen Augen flackerte ein ungesundes Licht.

Olivia fuhr herum, dann warf sie sich vor ihren Vater auf den Boden und rief: "Oh, Vater, das habe ich nicht gewollt. Bestraft mich, tötet mich, wenn ihr wollt, aber ich habe es nicht mit Absicht getan. Bitte, verzeiht mir, Vater."

Der Weiße König sah sie lange an, dann murmelte er: "Du Verräterin. Ich verachte dich zutiefst. Wie hatte ich gehofft, daß mir wenigstens eine meiner Töchter bleiben würde. Aber du hast mit den Anderen gemeinsame Sache gemachte. Ich werde..."

"Aber Majestät", wagte der Majordomus ihn zu unterbrechen, "sie ist doch eure Tochter. Ihr müßt ihr ihre jugendliche Unerfahrenheit verzeihen."

"Schweig!", donnerte der König und zückte sein Schwert. Dann brüllte er: "Wache. Werft diese Frau in das finsterste Verließ. Sie ist nicht mehr meine Tochter."

Entsetzt blickte Adalbert dem König nach. Dieser verließ auf dem kürzesten Wege das Schloß, sammelte seine Soldaten und ritt erneut gegen den Feind. Es war ein Akt der Verzweiflung.

*

Olivia wußte nicht, wie viele Tage sie schon hier unten verbracht hatte. Zweimal am Tag schob ihr die Wache ein Tablett mit ein paar Scheiben Brot und einer kleinen Kanne Wasser in die Zelle, aber es war der Prinzessin egal. Sie hatte mit ihrem Leben abgeschlossen. Oft aß sie nicht mal das wenige, was man ihr noch zugestanden hatte, und gab das Tablett unberührt wieder zurück.

Während ihre Schwester Alessandra sich entschlossen gegen ihren Tod in der Gefangenschaft der Arcadier stemmte, hatte sie sich aufgegeben.

Die Zelle war kalt, feucht und dunkel. Es gab oben ein kleines, vergittertes Fenster, das nach draußen führte, aber es wies in den düstersten Winkel einer engen, finsteren, halb eingestürzten Gasse am Rande des Palastes. Olivia hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihr Gefängnis zu erkunden, denn dann hätte sie festgestellt, daß die große Pfütze in der anderen Ecke gar keinen Boden hatte. Vielleicht ging es von dort aus in die Kanalisation, doch das interessierte sie nicht. Sie saß nur auf ihrer Bank und wartete auf das Ende. Allerdings wollte sich das doch nicht so schnell einstellen, wie sie es gehofft hatte.

Irgendwann wurde wieder einmal mit lautem Knarren das Türchen geöffnet, durch das ihr die Wache ihr Essen hereinschob. Olivia stand auf, doch dann überfiel sie die Schwäche und sie stolperte, fiel hin und rollte halb unter die Bank, auf der sie sonst saß und auch schlief. Müde und kraftlos wollte sie sich wieder hochstemmen, doch da berührte ihre Hand etwas hartes, Metallenes.

Sie hob es auf und hielt es gegen das Fenster, das immerhin genügend Licht spendete, um sie erkennen zu lassen, was sie da gefunden hatte: Ein uraltes, halb verrostetes Messer. Wie lange es schon da gelegen hatte? Vielleicht Jahrzehnte. Diese Zelle war schon seit Ewigkeiten nicht mehr benutzt worden. Das heiß, doch, vor ein paar Monaten für kurze Zeit. Den Schwarzen König hatten sie hier eingesperrt, doch der war kurz darauf spurlos verschwunden. Der Schwarze König: Der Dämon, der sie alle ins Unglück gestürzt hatte. Verflucht sollte sein Name sein.

Mit einem entschlossenen Ruck stieß Olivia sich das Messer in die Pulsadern ihres linken Armes. Und mit dem Blut quoll auch ihr Leben aus ihrem entkräfteten Körper und verteilte sich über den steinernen Boden.

*

Wieder fiel die Rückkehr des Weißen Königs mit einer wichtigen Nachricht aus Trok zusammen. Völlig überraschend hatte Prinzessin Alessandra dem frechen Feind eine schmachvolle, verheerende Niederlage zugefügt. Und da auch der Weiße König erfolgreich gekämpft und den Sonneninsel-Leuten einen beachtlichen Schatz und zahlreiches Kriegsmaterial hatte abnehmen können, war er bester Laune. Offenbar hatte sich das Kriegsglück nun doch noch zu seinen Gunsten gewendet. Doch kaum im Schloß, erreichte ihn eine beunruhigende Nachricht. Die Gefangene hatte schon seit drei Tagen ihr Essen nicht mehr angerührt.

Der Weiße König kniff die Lippen zusammen. Alessandra hatte in Norden wie eine Löwin gegen die Arcadier gefochten. Es war nicht zu leugnen, daß sie eine Heldin geworden war. Nie hätte Harro das vermutet. Konnte es sein, daß er ein paar Dinge ganz falsch eingeschätzt hatte?

"Gebt mir eine Fackel und kommt mit", befahl er dem Kerkermeister. Im Laufschritt eilten sie durch die verwinkelten Gänge und Verließe des Palastkerkers. Der König erinnerte sich, daß er zuletzt als kleiner Junge hier unten gewesen war und sich fast zu Tode gefürchtet hatte.

Endlich erreichten sie die letzte Tür. Der König stieß sie auf und hielt seine Fackel vor sich. Und dann sah er das braune, getrocknete Blut, das fast den ganzen Boden bedeckte.

Olivia fand er nicht.

Er hatte das Gefühl, innerlich zu Eis erstarren zu müssen. Er durchsuchte die ganze Zelle, was angesichts ihrer geringen Größe die Sache eines Blickes war. Aber nirgends war auch nur die Spur eines Menschen. Olivia, sei sie nun tot oder nicht, konnte sich doch nicht einfach in Luft aufgelöst haben!

Er drehte sich zu den Wächtern um, die ebenso sprachlos waren wie er und rief: "Geht. Laßt mich allein. Bitte."

Dann setzte er sich auf die Pritsche, und als er sicher war, daß sich kein Mensch mehr in seiner Nähe befand, versenkte er sein Gesicht in seine kräftigen Hände und begann zu schluchzen. Was hatte er getan? Was hatte er nur getan? Wie hatte er so blind und so grausam sein können? Simona - sie liebte ihren Mann, und wie hatte er reagiert? Er hatte sie erst jagen lassen und ihnen dann eine Kriegserklärung nachgeschickt. Es war wie ein Fluch, den er den beiden auferlegt hatte. Und warum?

Und Elysiss.

Du mußt akzeptieren, daß der Schwarze König nicht dein Feind ist.

Und hatte sie nicht vorhergesehen, wie er darauf reagieren würde, obwohl er ihr geschworen hatte, auf ihren Rat zu hören? Galt das Ehrenwort eines Weißen Königs jetzt nichts mehr?

Nicht der Schwarze König hatte sein Land verflucht, er selbst war es gewesen. Und nun hatte er auch noch seine letzte Tochter ins Verderben gestoßen.

Allerdings hatte er im Gegensatz zu Olivia nicht vor, sich nun aufzugeben. Im Gegenteil: Die Reue entfachte neue Kräfte in ihm. Er wollte alles zum Guten wenden. Er stürmte aus der Zelle, durch den Palast auf die höchste Zinne seines strahlenden, marmorgeschmückten Schlosses und rief mit lauter Stimme: "Elysiss, bitte vergib mir. Ich weiß, daß ich schwer gesündigt habe, Elysiss, aber sei nicht so grausam, wie ich selbst es in meiner Blindheit war. Wenn du mich bestrafen willst, dann tu es. Ich werde jedes Urteil akzeptieren. Aber hilf meinen Volk - deinem Volk." Mit leiser Stimme fügte er hinzu: "Ich weiß, daß mein Ehrenwort nichts mehr wert ist, aber wenn du mir noch glaubst, dann verspreche ich, daß ich jede Strafe, die du mir auferlegst, annehmen werde, Elysiss. Bitte, sprich doch zu mir."

Er blieb lange oben auf dem Turm, doch die Schützerin des Weißen Reiches sprach nicht.

Schließlich ging er wieder hinab und befahl allen Leuten, nach einer Spur seiner Tochter zu suchen. Dann ging er langsam und in großer Sorge in sein Gemach.

Und dort erwartete ihn Elysiss. Ein sanftes Lächeln lag auf ihren vollen Lippen, und als der König dies sah, faßte er neue Hoffnung.

"Hab keine Sorge, König. Alles wird sich zum Guten wenden, wenn du es nur willst. Und Prinzessin Olivia wirst du schon bald gesund und munter wiedersehen." Und mit diesen Worten wurde sie durchsichtig und war kurz darauf verschwunden. Nur ihr warmes Lächeln schien noch einen Augenblick länger in der Luft zu hängen.

"Adalbert! General! Wo seid ihr?"

Kurz darauf standen sie beiden vor ihm: "Majestät?"

"Ich befehle, daß noch heute nacht ein Bote zum Blauen Königreich aufbricht und die Kriegserklärung widerruft. Und was meine Tochter Simona angeht, so hat sie meinen Segen für die Ehe mit dem Mann, den sie liebt."

Die Erleichterung war den beiden Angesprochenen deutlich anzusehen: "Wie ihr befehlt, Majestät."

Und der Majordomus fügte hinzu: "Eine sehr weise und großmütige Entscheidung."

*

Olivia kämpfte gegen die Schwäche, die sie immer wieder in die Ohnmacht zurückfallen lassen wollte. Irgendwann schaffte sie es, kurzzeitig die Augen zu öffnen, aber sie sah nur verschwommene, halbdunkle Bilder, dann schlief sie wieder ein. Sie träumte wirre Dinge von seltsamen Tieren, die wie Menschen sprachen, dann wieder von ihren Schwestern und ihrem Vater.

Irgendwann später, vielleicht waren inzwischen Tage vergangen, erwachte sie wieder. Jemand flößte ihr Milch ein, warme Milch mit Honig. Sie entspannte sich ein wenig und lächelte mit geschlossenen Augen, doch dann verließen sie ihre Kräfte wieder und erneut umfing sie der Schlaf, und die merkwürdigen Träume und Stimmen kamen zurück.

Noch später erwachte sie erneut. Sie fühlte sich nun sogar relativ kräftig. Wie ein Schlag durchzuckte sie die Erkenntnis, daß sie eigentlich tot sein sollte. Sie riß die Augen auf, aber es war dunkel. Nur ein ganz schwacher Schimmer ließ eine Art Türöffnung erahnen, sonst war alles in vollkommene Finsternis gehüllt. Mit der rechten Hand fuhr sie tastend sie über den linken Unterarm. Die Stelle, wo sie sich das Messer hineingestoßen hatte, war mit einem Tuch verbunden. Probeweise wollte sie die Hand bewegen, doch ein stechender Schmerz hinderte sie daran. Vielleicht war das aber auch ein gutes Zeichen, daß der Heilungsprozeß im Gange war.

Dann fiel ihr ein, daß sie eigentlich keine Ahnung hatte, wo sie sich befand. In ihren Gemächern jedenfalls nicht. Dazu war schon allein die Unterlage, auf der sie lag, zu grobschlächtig.

"Na, endlich aufgewacht?", fiepte eine helle Stimme aus der Dunkelheit ihr zu.

"Wo bin ich?", flüsterte sie.

Sie wollte sich aufrichten, aber zwei Hände drückten sie auf das Bett - oder was immer das war - zurück.

"Du bist im Reich der Kanalratte. Und die Kanalratte bin ich", kicherte die Stimme, die jetzt ganz aus ihrer Nähe kam. Ein paar borstenartige Haare strichen über ihre Backen und kitzelten sie.

"Hast du Hunger?", fragte die Stimme leise. Dann drückte sich eine warme, feuchte Schnauze gegen ihre Lippen und flößte ihr honigsüße Milch ein.

"Hmm", schnurrte Olivia zufrieden und leckte sich die Lippen. "Ich glaube, ich träume immer noch."

"Ganz und gar nicht, meine kleine Prinzessin. Ich habe dich gerettet, weil du dir unvorsichtigerweise das Leben nehmen wolltest. Ja, die Kanalratte weiß alles. Niemand kennt die Kanalratte, aber sie weiß alles, Jawoll."

Olivia beschloß, sich zunächst mal keine Gedanken über ihren seltsamen Retter zu machen. Sie war offenbar in Sicherheit, und das allein zählte jetzt erst mal.

"Danke, mein unbekannter Freund, daß du mich gerettet hast. Aber verbessert hat sich meine Situation dadurch leider nicht."

"Oh, sag' so was nicht!", piepste die Stimme. "Es ist alles eine Frage der Perspektive. Sie mich an, und beschwere ich mich vielleicht?"

"Ich kann dich ja nicht sehen."

"Wieso nicht?"

"Weil es dunkel ist."

"Ach so. Ihr Menschen könnt ja nichts sehen im Dunkeln."

"Was...?"

"Warte. Ich werde dir Licht machen. Aber erschrick nicht, wenn du mich siehst."

"Moment, ich ...."

Olivia richtete sich nun doch auf und tastete nach dem seltsamen Wesen. Schließlich fand ihre Hand etwas weiches und Warmes, eine Art Fell. Sanft streichelte sie darüber, und die Kanalratte gab ein schnurrendes Geräusch von sich. "Ich habe keine Angst vor dir", beruhigte die Prinzessin ihren Retter.

"Nun gut." Er entzündete eine Kerze und daran eine Fackel. Und während er das tat, schälte sich im flackernden, warmen Licht seine Gestalt aus der Dunkelheit.

Olivia hatte nie zuvor ein so seltsames Wesen gesehen. Es hatte den Kopf und die Gestalt einer Ratte, lief aber auf zwei Beinen. Es hatte ein weiches, struppiges Fell und große, rötlich schimmernde Augen, mit denen es offenbar auch im Dunkeln sehen konnte. An der Spitze seiner Schnauze trug es lange Schnurrhaare.

Ohne Furcht musterte die Prinzessin die Kanalratte, und diese betrachtete ebenso neugierig die Prinzessin. Schließlich lächelte diese, und auch die Kanalratte verzog ihre Lefzen zu einer Art Lächeln und entblößte dabei eine Reihe langer, spitzer und gefährlich aussehender Zähne.

"Du bist lieb. Warum nennst du dich Kanalratte?"

"Weil ich in den Abwasserkanälen unter der Weißen Hauptstadt leben muß. Eigentlich bin ich ein Mensch, glaube ich, aber aus irgendeinem Grund wurde meine Familie verhext oder verflucht, und das Resultat bin ich. Sie wollten mich damals auch töten, indem sie mich in einen Abwasserschacht warfen, aber ich habe überlebt. Seitdem lebe ich hier unten, aber manchmal komme ich in der Nacht hinauf und beobachte die Menschen, wie sie schlafen. Und manchmal stehle ich ihnen etwas, was ich brauchen kann."

"Du Ärmster. Weiß du, wer deine Familie verflucht hat? War es der Schwarze König?"

"Nein. Der war sehr nett zu mir, als er vor ein paar Monaten in der Zelle war, in die man auch dich eingesperrt hatte. Er wollte mich sogar mit in sein Reich nehmen, aber ich habe mich schon so an dieses Leben hier unter dem Weißen Palast gewöhnt, unter dem schönen Weißen Palast ... "

Er seufzte leise, dann sagte er: "Ich glaube, es war die Hexe von der Sonneninsel. Sie ist ein sehr böser Mensch und eine Zauberin, aber zum Glück hat sie nur geringe Macht und kann nicht viel Schaden anrichten. Es ist schon so lange her ... ich kann mich nur noch sehr dunkel an alles erinnern."

"Setz dich doch zu mir", forderte Olivia die Kanalratte auf. "Hast du auch einen richtigen Namen. Ich meine, 'Kanalratte' ist doch kein Name."

"Nein, sonst habe ich keine Namen. Niemand hat mir nie einen gegeben." Er fiepte traurig. "Ich habe schon Gold und Juwelen gefunden hier unten, aber trotzdem bin ich so arm dran, daß ich keinen Namen habe." Mit seinen großen, rotbraunen Augen sah er Olivia traurig an.

"Ich kann dir ja einen geben. Ich bin immerhin die Tochter des Königs."

"Du? Ja, oh, das wär' so lieb von dir. Ja, wenn du mir einen schönen Namen geben würdest ... das wäre toll, ein richtiger Name. Nur für mich allein."

"Such' dir einen aus."

"Hmm, wie wäre es mit, äh... oder, ähm, ich weiß nicht. Welchen soll ich wählen?"

"Wie wäre es mit 'Tom'?"

"Oh, Tom! Ja, ein hübscher Name. Der gefällt mir. Er paßt auch zu mir. Danke, Prinzessin. Tausend Dank!"

"Sag einfach Olivia zu mir, Tom."

"In Ordnung, Prinzessin. Mach' ich."

Sie mußten beide lachen.

"Übrigens, Prinzessin, äh, Olivia. Der König sucht dich schon überall. Er hat dir verziehen und will dich zurückhaben."

"Er hat ..." Sie schluckte gerührt. Eine Zentnerlast fiel von ihr ab.

"Ja, ja! Außerdem hast du doch gar nichts Böses getan. Nur dein Vater war so wütend, dabei war es nicht deine Schuld. Aber er hat inzwischen eingesehen, daß er dir großes Unrecht getan hat. Komm', ich bring' dich ins Schloß zurück."

Er zog sie hoch, doch Olivia wehrte ab und sagte: "Aber was wird dann aus dir? Du mußt nicht für immer hier unten bleiben."

"Was soll die Kanalratte bei den Menschen? Mich will doch keiner."

"Hm, ich weiß nicht. Aber ich möchte dir so gerne helfen."

"Laß nur, Olivia, ich komme hier schon zurecht. Aber wenn du ab und zu etwas Honig oder ... oder Schokolade in die Zelle stellen könntest..."

Er fuhr sich mit seiner langen Zunge genießerisch über die Schnauze.

"Klar, Ehrensache."

"Prima. Dann komm' jetzt."

*

Der Gefangenenzug mit Alessandra näherte sich Tansir. Eine Tagesreise fehlte noch, als am Abend mit großem Aufgebot König Starrus und sein in der Hauptstadt verbliebener Sohn, Prinz Nordus, eintrafen. Alessandra hatte erwartet, daß sie sofort "besichtigt" werden sollte, doch stattdessen verschwanden die Hoheiten im Kommandeurszelt und verließen es in dieser Nacht nicht mehr.

Am nächsten Morgen jedoch wurde sie unsanft geweckt. Ein paar grobschlächtige Knechte zerrten sie aus dem Wagen, dann wurde sie mit kaltem Wasser übergossen und bekam ein paar einigermaßen saubere Kleider. "Damit du nicht so stinkst, wenn du vor den König trittst", sagte einer der Knechte gehässig.

Dann wurde sie ergriffen. Die Kerle schubsten sie vor sich her und stießen sie in das große Zelt.

"Knie nieder vor dem König", wurde sie angeherrscht, als sie vor dem Thron stand, auf dem mit selbstzufriedener Miene König Starrus saß.

"Pah, ich bin eine Prinzessin und nicht gewohnt, vor jemandem zu knien", gab sie patzig zurück. König Starrus machte ein Zeichen, und die Knechte stießen sie zu Boden.

"So, so, eine Prinzessin", hörte sie Nordus sagen, der sich auf einem prächtigen Stuhl neben dem Thron seines Vaters flegelte.

"Prinzessinnen liegen normalerweise nicht auf dem dreckigen Fußboden herum, nicht wahr, Vater?" Alle brachen in ein brüllendes Gelächter aus.

Alessandra erhob sich und funkelte den arroganten Prinzen wütend an. Dann rief sie: "Ich hatte geglaubt, Ihr als Prinz seid etwas wohler erzogen als Eure dummen Soldaten, die nicht zu wissen scheinen, wie man eine Prinzessin behandelt. Aber ich habe mich wohl geirrt."

Nordus quittierte es mit einem blasierten Lächeln, dann antwortete er: "Da Ihr ohnehin übermorgen hingerichtet werdet, will ich Euch Eure Frechheit für dieses Mal nachsehen." Er blickte seinen Vater an, und dieser wandte sich nun selbst an Alessandra: "Man sagt, unsere Niederlage bei Trok sei allein auf deine Kriegskünste zurückzuführen. Wenn ich mir dich so ansehe, kann ich das kaum glauben."

"Dann glaubt es eben nicht. Und was meine Hinrichtung angeht, so muß ich Euch beide warnen: Ihr könntet Euren Entschluß schnell bereuen. Außerdem habt ihr nicht das Recht, eine Prinzessin einfach so hinzurichten."

Prinz Nordus wollte etwas sagen, doch der König fuhr sie mit scharfer Stimme an: "Wie kannst du in deiner Lage es wagen, mir zu drohen! Ich sollte dich für deine Unverschämtheit auspeitschen lassen."

"Na wenn schon. Noch viel Schlimmeres, als ich bisher ohnehin schon habe ertragen müssen, könnt Ihr mir nicht mehr antun. Nur meinen Glauben an die Ehre und den Edelmut aller Hoheiten habe ich inzwischen verloren. Mein Vater..." sie wandte sich den Versammelten zu, "ist immer ehrenhaft, weise und großmütig gewesen. Aber euer König ist ein Schurke, ein gemeiner ..."

Sie kam nicht dazu, den Satz zu vollenden, denn einer der Soldaten schlug sie nieder. Dann wurde sie hinausgeschleift und wieder in den Käfigwagen gesperrt.


Am folgenden Tag erreichten sie die Hauptstadt von Arcadia-Land.

Tansir war auch im Herbst eine wunderschöne Stadt. Sie lag an der Nordspitze einer ausgedehnten, flachen Bucht des warmen Octavius-Meeres, das für ein mildes, ausgeglichenes Klima sorgte, und mit seinen Handelsrouten dem Land beträchtlichen Reichtum beschert hatte, der sich allerdings ziemlich ungleich unter den Menschen verteilte.

Wie in der Weißen Hauptstadt, so waren auch in Tansir viele Gebäude mit weißem Marmor verkleidet oder sogar ganz daraus erbaut. Die Straßen waren weite, offene Alleen, gesäumt von Palmen, exotischen Blüten und tropischen Bäumen, deren Früchte von jedermann geerntet werden durften. Aber das meiste fraßen die Affen und die großen, bunten Vögel, die sich hier wie Zuhause fühlten.

Die Rückkehr des Königs mit einer wichtigen Gefangenen wurde gebührend gefeiert, trotz der Niederlagen, die die Armeen des Königs in letzter Zeit hatten hinnehmen müssen. Schließlich hatte es auch Siege gegeben, und jetzt hatte man eine der Töchter des Weißen Königs in der Hand. Morgen sollte sie hingerichtet werden, auf dem großen Platz vor dem königlichen Palast. Und daß Starrus es bitter ernst meinte, konnte jeder sehen, der auch nur einen Blick auf den Platz warf: Die Handwerker waren gerade dabei, das Schafott aufzubauen.

Der Zug des Königs zog quer durch ganz Tansir, denn der königliche Palast, auf dessen Vorplatz der Käfig mit der Gefangenen in dieser Nacht ausgestellt werden sollte, lag ganz im Süden, direkt am Meer. Die Bevölkerung jubelte dem König und seinem stolzen Sohn Nordus zu, denn der Krieg und die Plünderungen im Weißen Land hatten den Arcadiern einigen Reichtum beschert.

Man hatte Starrus gefragt, warum er die gefangene Prinzessin nicht gegen ein hohes Lösegeld wieder herausgeben, sondern stattdessen unbedingt hinrichten wollte. Dafür gab es mehrere Gründe. Zum einen wollte sich das ganze Königshaus für die Demütigung, die der Weiße König dem Prinzen Nuitor beim Turnier zugefügt hatte, rächen. Außerdem war König Starrus sehr wohl darüber informiert, wer allein seine Soldaten vor Trok besiegt hatte. Prinzessin Alessandra war ihm zu gefährlich. Sie mußte unbedingt beseitigt werden. Und sie war ihm und Nordus mit ihrer temperamentvollen, unabhängigen Art zutiefst unsympathisch. Keiner würde ihr auch nur eine Träne nachweinen.

Der Troß hielt auf dem großen, weißen Platz vor dem märchenhaften Palast an, den noch der Ururgroßvater Alessandras hatte bauen lassen. Der Käfig wurde abgeladen und zur allgemeinen Besichtigung freigegeben. Für Alessandra war es die Hölle. Die ganze Nacht hindurch liefen die Bürger Tansirs um ihren Käfig herum und beschimpften sie. Der König hatte zwar verboten, sie mit Steinen zu bewerfen, denn er wollte nicht, daß sie vor ihrer Hinrichtung starb, aber das war auch das einzig Gute an ihrer Situation. Jedesmal, wenn sie einschlief, wurde sie sogleich von den Soldaten mit Stichen ihrer Lanzen wieder geweckt. Und natürlich bekam sie immer noch nichts zu Essen oder Trinken. Aber das spielte jetzt wohl keine große Rolle mehr.

Dennoch war sie tief in ihrem Innern voller Hoffnung, seit ihr Elysiss erschienen war. Sie wußte, daß sie gerettet werden würde.

Sie sollte Recht behalten, aber die Art und Weise, wie es geschehen würde, sollte sie überraschen.


Der Morgen graute, dann erhob sich eine goldene Sonne über dem östlichen Horizont und tauchte den Platz vor dem Palast in mildes Herbstlicht. Eine Kompanie Soldaten marschierte auf, Stühle und Bänke wurden aufgestellt, später kamen andere Hofbedienstete und brachten den Thron des Königs heraus. Neben diesen stellten sie weitere prächtige Sessel für den Prinzen und die Würdenträger des Reiches.

Nach und nach versammelten sich Dutzende von Hofbeamten auf dem Platz. Dann ließ man das gemeine Volk ein, das hinter einer Absperrung dem Schauspiel beiwohnen durfte.

Alessandra dachte an ihren Vater. Sie fragte sich, wann dort zu letzten Mal eine Hinrichtung stattgefunden hatte. Es fiel ihr keine ein, doch dann erinnerte sie sich, daß sie unterwegs irgendwo gehört hatte, daß kürzlich vier Grenzsoldaten hingerichtet worden waren, kurz nach dem Turnier. Ob dort auch das Volk wie bei einem Jahrmarkt zusammengeströmt war? War eine Hinrichtung denn eine Volksbelustigung? Handelten so Könige? Ihr Vater hatte die Vier aus Verzweiflung und zur Abschreckung köpfen lassen, doch König Starrus tat es aus purem Hochmut und Verachtung. Und so schien auch das arcadische Volk zu empfinden.

Es war schon spät am Vormittag, als sich Prinz Nordus in Begleitung seiner zwei Schwestern Aurelia und Serene zur Besichtigung der Gefangenen begab. Diesen Auftritt hätte Alessandra gerne vermieden, doch sie war hilflos. Die blasierten Prinzessinnen musterten sie mit einem Blick, den man normalerweise für Kakerlaken und schleimige Würmer reservierte. Dagegen war der triumphierende Hochmut in den Augen von Nordus geradezu gnädig.

Die Prinzessinnen, beide sehr hübsch und elegant, tuschelten unentwegt miteinander, zeigten auf Alessandra, betrachteten sie mit angewiderten Blicken und kicherten dann einander wieder zu. Alessandra versuchte, es mit möglichst gleichmütiger Miene über sich ergehen zu lassen, doch diese Blicke trafen ihre Seele im Innersten.

Sie atmete auf, als die Drei schließlich das Interesse verloren und in den Palast zurückgingen.

Und dann kam endlich der König.

Würdevoll schritt er die breiten Stufen der Palasttreppe hinunter. Hinter ihm folgte sein Sohn in einem prächtigen Gewand, dann kamen hohe Beamte, Generäle und die Prinzessinnen. Gemessenen Schrittes ging Starrus auf seinen Thron zu und nahm umständlich darin Platz. Die Menge verstummte erwartungsvoll.

König Starrus setzte zum Sprechen an, doch er verstummte wieder, als er Hufgetrappel vernahm. Vom nördlichen Rand des Platzes näherte sich in gestrecktem Galopp ein Apfelschimmel mit einem elegant gekleideten Reiter darauf. In Panik stürzte die Menge auseinander und machte dem Reiter den Weg durch ihre Mitte frei. Das Pferd übersprang mühelos die Absperrung und ließ sich auch von den herbeieilenden Soldaten nicht beirren. Erst kurz vor dem Thron hielt der Reiter an und sprang herab.

König Starrus hatte keine Miene verzogen, sein Sohn allerdings war ziemlich nervös geworden. Doch jetzt beruhigte er sich schnell wieder.

Starrus erhob sich: "Ich grüße Euch, Prinz Sofrejan. Es freut mich, daß Ihr extra die weite Reise gemacht habt, um dieser außergewöhnlichen Hinrichtung beizuwohnen."

"Entschuldigt bitte mein unangemeldetes Erscheinen und seid auch Ihr gegrüßt, König Starrus. Aber ich bin keineswegs gekommen, um mir eine Hinrichtung anzusehen, sondern ich verlange, daß Prinzessin Alessandra am Leben bleibt und mir ausgehändigt wird."

Alessandra, deren Käfig nur wenige Schritte entfernt stand, war wie vom Donner gerührt.

Nun drehte sich Prinz Sofrejan zu ihr hin und warf ihr ein aufmunterndes Lächeln zu.

Auf dem Platz herrschte eisiges Schweigen. Eine Stecknadel hätte man fallen hören können. Starrus zog seine Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und sagte mit mühsam beherrschter Stimme: "Prinz Sofrejan. Die Gefangene hat unserem gemeinsamen Heer große Schande bereitet, und dafür wird sie jetzt hingerichtet!"

Prinz Nordus sprang auf und rief unbeherrscht: "Wie könnt ihr es überhaupt wagen, so mit meinem Vater zu sprechen? Ihr vergeßt wohl, daß Ihr Euch in unserem Land befindet. Hier gelten nur unsere Gesetzte, und das sind die Gesetzte meines Vaters!"

"Und ihr vergeßt, daß meine Leute die Prinzessin gefangengenommen haben. Nur durch ein Mißverständnis ist sie überhaupt in Euren Besitz gelangt. Wenn Ihr sie tötet, könnt Ihr nicht mehr mit meiner Unterstützung in diesem Krieg rechnen!"

Das war eine Ungeheuerlichkeit. Alessandra bewunderte den Mut und die Entschlossenheit dieses Mannes, den sie nicht mal näher kannte. Sicher, er hatte damals, vor dem Turnier, heftig mit Ornella und Olivia geflirtet, und er war als heißer Kandidat für den Turniersieg gehandelt worden, aber warum stellte es sich nun ganz allein König Starrus entgegen? Bisher hatte sie den Prinzen immer für einen schwachen, bedeutungslosen Schönling gehalten. Aber offenbar hatte er auch andere Seiten.

"Heißt das", fragte Starrus zurück, "daß Eure Mutter tot ist und Ihr jetzt den Oberbefehl über Eure Soldaten habt?"

"Nein, die Imperatrice lebt. Noch. Aber da sie sehr krank ist, habe ich de facto sehr wohl den Oberbefehl über unsere Leute ...", er machte eine Kunstpause, "und unser Geld. Ich sage es noch einmal: Prinzessin Alessandra wurde von meinen Leuten gefangengenommen und ich verlange sie zurück."

"Ist das Euer letzte Wort?"

"Ja!"

"Nun denn, Sofrejan", sagte König Starrus. "Meine Soldaten sind sehr wohl ohne die Hilfe der Piraten von der Sonneninsel in der Lage, gegen den Weißen König zu gewinnen, wo er doch schon Frauen als seine Generäle einsetzen muß." Gelächter brandete auf, doch es erstarb gleich darauf wieder, als der König weitersprach: "Betrachtet das Bündnis hiermit als gekündigt. Und noch etwas: Nur Eurer Mutter zuliebe lasse ich Euch unbehelligt mein Land verlassen. Und nun verschwindet!"

Sofrejan blickte König Starrus nachdenklich und überrascht an. Das Gespräch war völlig anders verlaufen, als er es sich vorgestellt hatte. Bisher hatte Starrus immer als vernünftiger Mann und kühler Rechner gegolten. Daß er jetzt wegen einer Gefangenen das Bündnis mit der Sonneninsel hinwarf, daß ihm so viele Vorteile gebracht hatte, das hätte der Prinz nie erwartet. Alessandra zu retten war jetzt unmöglich, aber er hatte immerhin für sich erreicht, daß er aus dem Krieg draußen war. Das sparte ihm ein beachtliches Vermögen an Geld und zahllose Menschenleben.

Er wandte sich seinem Pferd zu, doch da hörte er König Starrus sagen: "Äh, wartet, Prinz. Wolltet Ihr nicht der Hinrichtung beiwohnen?"

Entgeistert fuhr Sofrejan herum: "Seid ihr verrückt geworden?"

Doch der König gab seine Soldaten einen Wink. Sofrejan langte nach seinem Schwert, doch er sah, daß er gegen die Überzahl keine Chance gehabt hätte. Also setzte er sich auf den Stuhl, den der König eilig heranschaffen ließ, und verfiel in dumpfes Grübeln.

"Nun denn. Liebe Untertanen!" König Starrus hatte sich erhoben und sprach zu seinem Volk. "Heute ist ein großer Tag für Arcadialand. Mit der Hinrichtung der Weißen Prinzessin können wir endlich die Demütigung rächen, die ihr ruchloser Vater unserem geliebte Prinzen Nuitor beim großen Turnier beigebracht hat."

Prinz Sofrejan zuckte zusammen. Das war es also! Es ging um die verdammte Ehre dieses nutzlosen Prinzen. Seine Mutter hätte das vorher gewußt, und er erkannte schmerzlich, wie unerfahren es immer noch war, trotz seiner 25 Jahre. Er hatte mehr Porzellan zerschlagen, als er gemerkt hatte, und er konnte von Glück sagen, wenn Starrus ihn überhaupt wieder lebend gehen ließ. Alessandra zu retten war damit völlig aussichtslos geworden. Aber er war es seiner Ehre schuldig gewesen, mochte es nun ausgehen, wie es wollte.

Starrus sprach weiter: "Auch das Komplott, daß er mit dem Schwarzen König gegen alle anderen Majestäten eingegangen ist, wird nun gebührend gerächt werden, denn..."

"Haltet ein!", rief da plötzlich eine durchdringende Stimme vom Rande des Platzes. "Ich, euer König, befehle es euch!"

Auf einem Schimmel saß ein Mann, dessen Bild in Arcadia-Land jedes Kind kannte, dessen überlebensgroßes Porträt im Thronsaal des arcadischen und auch des Weißen Königs hing, der im Land eine Legende war: König Cordo.

Neben ihm, etwas im Hintergrund, saß auf einem schwarzen Pferd ein in eine schwarze Rüstung gekleideter Mann, dessen entschlossener Blick nichts Gutes verhieß. Auf seiner Rüstung prangte das Bild eines fast weißen Drachens mit blauen Augen und schwarzen Haaren. Doch diesmal starrten die Leute nicht den ungewöhnlichen Drachen an, sondern ihren legendären König, der von den Toten zurückgekehrt sein mußte.

Alessandra erkannte den König ebenfalls sofort. Als sie ihn zuletzt gesehen hatte, hatte er unter einer Glasglocke in der Höhle Harlengarts gelegen und einen totenähnlichen Schlaf geschlafen. Wie hatte es ihr Schwager, der Schwarze König, wohl fertiggebracht, ihn nun doch dem Höllenbaron wegzunehmen und ihn wieder zum Leben zu erwecken?

Während König Cordo langsam durch die in Ehrfurcht erstarrte Menge auf König Starrus zuritt, stieg der Schwarze König vom Pferd und begab sich unauffällig zum Käfig, den er mit einem kleinen Zauber mühelos öffnete. Nur Prinz Sofrejan schien das zu bemerken, alle anderen waren ganz auf Cordo fixiert.

Der Schwarze König half Alessandra aus dem Käfig. Flüsternd unterhielt er sich dann mit ihr: "Du siehst gar nicht so gut aus, Mädchen." Er schenkte ihr einen seiner üblichen spöttisch-ironischen Blicke.

"Das macht nichts. Ich danke dir, daß du mich wieder gerettet hast. Wie kann ich das jemals vergelten?"

"Weißt du, wenn ein Freund seinem Freund hilft, dann steht dieser trotzdem nicht in seiner Schuld. Außerdem: Du hast mir meine Bestgeliebte gebracht, und dafür bin ich dir auf ewig dankbar. Ornella ist so eine wunderbare Frau." Er zog einen Lederbeutel mit Wasser hervor und gab Alessandra zu trinken. Dann beobachteten sie, was sich zwischen den Königen Cordo und Starrus abspielte. Sie wurden Augenzeugen des Beginns einer großen Tragödie, die sehr weite Kreise ziehen sollte.

König Cordo war vor Starrus hingetreten und hatte mit befehlender Stimme den Thron verlangt.

Starrus hatte ihn wie einen Geist angestarrt, und noch immer rang er um seine Fassung. Mit bebender Stimme rief er: "Wer seid Ihr, daß Ihr dieses wagt?"

Auch Prinz Nordus war aufgesprungen und rief: "Hier gibt es nur einen rechtmäßigen König: Meinen Vater. Ihr seid ein Betrüger!"

Unruhe brach aus. Doch wie ein Fels in der Brandung trotzte König Cordo dem Tumult. Das gab einigen Soldaten ihren Mut zurück. Sie hatten erkannt, auf welcher Seite sie zu stehen hatten, nämlich auf der ihres legendären, seit 100 Jahren verschollenen Königs Cordo.

Prinz Sofrejan, der als einziger keine Ahnung hatte, was los war, nutzte das Durcheinander, sprang auf und lief zum Käfig. Doch als er erkannte, wer da neben Alessandra stand, griff er unwillkürlich zu seinem Schwert. Alessandra rief: "Nein, Prinz Sofrejan, wartet!"

Der Schwarze König machte eine Handbewegung, und das Schwert des Sonneninsel-Prinzen schoß von allein aus der Scheide und landete in der ausgestreckten Hand Thorans. "Wenn du dein ungläubiges Gesicht jetzt sehen könntest, Sofrejan", rief er übermütig. Noch immer achtete keiner auf die drei.

"Hier, nimm das Schwert wieder, und nimm auch Alessandra mit. Und beeil dich, bevor die merken, was los ist." Er reichte das Schwert dem völlig verdutzten Sofrejan, der es automatisch ergriff und wegsteckte. Dann schob er Alessandra zu ihm hin, winkte ihr noch mal kurz zu und lief dann unbemerkt am Rande des Platzes entlang zu seinem Pferd zurück. Da die Lage auf dem Platz weiterhin kritisch war, stieg er zwar auf, ritt aber nicht weg, sondern beobachtete weiter.

Anders hingegen Sofrejan. Er hatte sich rasch von seiner Überraschung erholt, schnappte sich Alessandra, hievte sie auf sein Pferd, das er den völlig mit anderen Dingen beschäftigten Wachen leicht abnehmen konnte, schwang sich selbst darauf und wollte davongaloppieren, doch die Prinzessin sprang wieder herab und lief auf Cordo und Starrus zu, Sofrejan hinter sich herziehend. Dieser kam sich ganz schön blöd vor, denn im Grunde wußte er immer noch nicht, was hier eigentlich gespielt wurde, wer der seltsame Mann war, der behauptete, ein seit 100 Jahren verschollener König zu sein, und warum Alessandra sich auf einmal nicht mehr retten lassen wollte.

Vom Rand des Platzes aus beobachtete der Schwarze König die überraschende Wendung. Wenn Alessandra in dieser Situation leichtsinnigerweise damit herausplatzen sollte, wer König Cordo gerettet hatte, dann hatte dieser verspielt. Denn der legendär schlechte Ruf, den sich die Könige des Unendlichen Landes zugelegt hatten, würde wahrscheinlich stärker sein als die kniefällige Verehrung, welche die Arcadier ihrem Alten König entgegenbrachten.

Starrus, Cordo und Nordus waren in ein heftiges Wortgefecht verwickelt, bei dem jedoch Cordo völlig ruhig und souverän blieb, während Starrus und sein Sohn wild brüllten und gestikulierten. Die Soldaten ihrerseits taten nicht das geringste, um ihrem bisherigen König helfend beizustehen. Sie waren dem Charisma Cordos erlegen.

Als plötzlich eine helle, energische Frauenstimme erscholl, schwiegen die Drei überrascht. Alessandra baute sich vor ihnen auf, dann blitzte sie Starrus an: "Du behauptest, König Cordo sei ein Betrüger, weil er vor 100 Jahren verschwunden ist. Sieh ihn dir doch an und vergleiche ihn mit dem Bild in deinem Thronsaal. Diese Ähnlichkeit ist nicht gespielt. Es ist wirklich euer Alter König, was jeder, der nicht völlig blind ist klar und deutlich sehen kann. Der Baron der Hölle, Harlengart, hat ihn gefangengenommen und 100 Jahre lang konserviert. Ich habe ihn dort unten selbst gesehen. Und nun hat er sich befreit und ist zurückgekehrt, um seinen ihm rechtmäßig zustehenden Thron zu übernehmen."

Erleichtert lehnte sich der Schwarze König im Sattel zurück. Alessandra hatte sich richtig verhalten. Aber der eigentliche Zweck seiner Mission war noch nicht erfüllt. Er war nicht gekommen, um König Cordo zu irgendwelchen Rechten zu verhelfen, sondern, weil er auf diese Weise Alessandra elegant und unauffällig retten konnte. Stattdessen debattierte sie nun mit den Männern herum, die sie am liebsten geköpft hätten und das wahrscheinlich immer noch vorhatten. War das nun Mut oder Leichtsinn? Aufmerksam beobachtete er den weiteren Fortgang der Entwicklung.

König Cordo war nun ebenfalls vorgetreten und rief in die Menge: "Die Prinzessin sagt die Wahrheit. Nach 100 Jahren in der Gefangenschaft Harlengarts konnte ich mich endlich befreien und zu meinem Volk zurückkehren. Und was sehe ich: daß eine unschuldige Geisel, noch dazu aus unserer eigenen Familie, kaltblütig hingerichtet werden soll. Es ist eine Schande für das Land aller ehrlichen Arcadier."

Jetzt brüllten Starrus und Nordus gleichzeitig los und versuchten, sich vor dem Volk, daß noch vor wenigen Augenblicken voll auf ihrer Seite gewesen war, zu rechtfertigen, aber niemand hörte noch auf sie. Cordo ließ die beiden einfach stehen, und sie blieben da und redeten weiterhin verzweifelt auf eine ständig abnehmende Zahl von Zuhörern ein.

Währenddessen befahl Cordo, das Schafott sofort abzureißen, was auch umgehend geschah, allerdings unter dem Protestgeschrei von Starrus und Nordus.

"Komm, mein Kind", sagte Cordo dann zu Alessandra, und sie folgte ihm in den Palast. Dabei sah sie ihn die ganze Zeit mit leuchtenden Augen an.

Der Alte König fand sich sofort zurecht, schließlich war es einst seine Residenz gewesen, und vieles davon hatte noch sein Vater erbaut, was seitdem nicht mehr verändert worden war. Er seufzte leise. Dann rechnete er kurz nach und fand, daß das nun schon an die 140 Jahre her war. Dabei hatte er als kleiner Junge noch selbst den Abschluß der Bauarbeiten mitangesehen. Und dann hatte sein Vater das große Reich unter seinen zwei Söhnen Cordo und Giancano aufgeteilt. Der Norden war zum Weißen Reich geworden, den Süden behielt den Namen Arcadia oder Arcadialand.

Wie selbstverständlich nahm er auf dem Thron des Königs Platz. Er befahl, Alessandra das Gemach der Königin zuzuweisen und ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Denn der Schwarze König hatte Cordo keineswegs im Unklaren darüber gelassen, wem er seine Entdeckung und damit den Anstoß zu seiner Rettung zu verdanken hatte. Er schuldete Alessandra und Ornella viel. Über die Rolle des unheimlichen Schwarzen Königs machte er sich dabei nicht allzu viele Gedanken.

Er ließ seine Diener antreten. "Und jetzt führt mir diesen Starrus, meinen eigensinnigen Enkel, vor." Doch dazu kam es nicht mehr.


Starrus und sein Sohn lamentierten und drohten den immer weniger werdenden Zuhörern. Doch dann, wie auf Verabredung, schwiegen sie beide und sahen sich an. Ein bitterer Zug hatte sich um Nordus' Mund gelegt, und Starrus sah nicht viel freundlicher aus. Sie sahen sich um und bekamen noch mit, wie Cordo durch das prächtige Portal im Innern ihres (ehemaligen) Palastes verschwand.

Wieder sahen sich die beiden an, und ohne viel Worte war ihnen klar, was sie jetzt zu tun hatten. Entschlossen drehten sie sich um und marschierten durch einen Seiteneingang in den Palast. Nordus begab sich sofort in die Schatzkammer und raffte alles zusammen, was er tragen konnte.

Starrus suchte mittlerweile ein paar Diener zusammen, auf deren Ergebenheit er auch jetzt noch zählen konnte.

Alles ging sehr schnell. Die Diener trugen einen großen Teil des Staatsschatzes, darunter die gesamte Kriegskasse der Imperatrice, in die königliche Kutsche. Kaum waren das Gold, die Prinzessinnen und Nordus zugestiegen, gab Starrus den Befehl zum Aufbruch.

Ihr Ziel war Gel-Gabal, das derzeitige Truppenhauptquartier. Als König Cordo nach ihnen schicken ließ, waren sie bereits aus der Hauptstadt heraus. Mit größtmöglichem Tempo ging es dann nach Norden. Unterwegs erzählten sie jedermann, daß ein übler Betrüger sich als der legendäre König Cordo ausgab und mit Gewalt den Thron an sich gerissen hatte. Der erste Stein für einen Bürgerkrieg war gelegt. In Gel-Gabal wollten sie dann die Armee sammeln und gegen Cordo führen. Und wer weiß, vielleicht unterstützte sie ja auch noch die Imperatrice Beata?

Aufmerksam beobachtete der Schwarze König die überhastete Abreise seines Kollegen und seiner Familie. Ihm war klar, was wahrscheinlich dabei herauskommen würde. Und das bedeutete, daß er in Zukunft noch öfters auf Alessandra würde aufpassen müssen. Für den Moment aber war sie in Sicherheit. Nur eines gab es noch zu erledigen.

*

"Pech gehabt, alter Soldat. Leider wieder verloren!"

"Nenn' mich nicht Soldat, du Würstchen. Ich bin Ha ... Hauptmann, verstehst du?"

Zu fünft saßen sie an einem klapprigen Eichentisch in der Ecke einer Kaschemme und würfelten um Geld. Gerade hatte der Hauptmann seinen letzten Sold durchgebracht. Wütend knurrte er sein Gegenüber an, vor dem sich ein ganz beachtlicher Geldhaufen auftürmte.

"Zeig mal die Würfel her." Er grabschte sie sich, konnte aber keinen Betrug feststellen. "Na gut, aber was sagt ihr dazu?" Er zog einen Ring aus einer seiner speckigen Taschen und warf ihn auf den Tisch. Die vier anderen bekamen große Augen, als sie sich den Ring genauer ansahen.

"Woher hast du den?"

"Der hat der gefangenen Prinzessin Alessandra gehört. Ich habe ihn ihr persönlich abgenommen." Er zeigte auf den Geldhaufen vor dem anderen Mann. "Den Ring gegen das alles."

"Den Ring gegen dein Leben", erscholl plötzlich eine durchdringende Stimme hinter ihm. Erschrocken fuhr er herum. Er kannte den Fremden nicht, der ihn so unverschämt angesprochen hatte, aber keiner durfte ihm blöd kommen. Wütend riß er sein rostiges Schwert heraus, mit dem er schon viele Feinde niedergemacht hatte. Er holte aus und hieb auf den Fremden ein. Doch das Eisen drang durch ihn hindurch, als wäre er gar nicht vorhanden. In der Kneipe war es plötzlich sehr still.

Wie wild hieb der Soldat jetzt auf den Fremden ein, doch er traf nichts, nur Luft. Unbeeindruckt ging der andere auf ihn zu, durch ihn hindurch und ergriff den Ring.

"Wie du schon sagtest: Er gehört Prinzessin Alessandra." Eigentlich war es Simonas Ring, den Alessandra bei sich getragen hatte. Ihr eigener Ring war verzaubert und damit für alle Fremden unsichtbar. Doch Thoran hielt es nicht für nötig, diesen Landsknecht solche Feinheiten zu erklären. Er warf dem Dieb noch einen glühenden Blick zu, den dieser nie in seinem Leben vergessen sollte. Und dann verschwand er vor den Augen der versammelten Mannschaft.

"Das war der Schwarze König", flüsterte einer. Ein paar Männer bekreuzigten sich, doch nach und nach beruhigten sie sich wieder. Nur der Hauptmann fand in dieser Nacht keinen Schlaf.

*

Einen Tag später trat Prinz Sofrejan vor König Cordo und Alessandra hin und sagte: "Majestät, Prinzessin. Ich muß jetzt nach Hause aufbrechen. Wenn Ihr es wünscht, kann ich Prinzessin Alessandra bis zur Sonneninsel eskortieren."

"Ein weiser Entschluß, Prinz Sofrejan", antwortete König Cordo mit seiner tiefen, angenehmen Stimme. "Die Bürger der Hauptstadt stehen treu auf meiner Seite, aber draußen in der Provinz regt sich bereits der Ungeist, den Starrus und sein Sohn säen. Es wird bald nicht mehr sicher sein. Ihr müßt Euch beeilen. Und das gilt auch für Euch, hochverehrte Alessandra. Ich werde euch einige meiner Soldaten als Schutz bis zur Grenze zuteilen. Außerdem wird euch ein Bote begleiten, der eine Nachricht an meinen Großneffen, den Weißen König, überbringen soll."

Alessandra sah den jungen Alten König lange und intensiv an. Dann nickte sie zögernd, denn sie sah sehr wohl die Gefahr, die durch Starrus heraufbeschworen wurde. "Ich danke Euch für die Gastfreundschaft, König Cordo. Wir werden uns bald wiedersehen, das verspreche ich. Aber Ihr habt recht: Die Zeiten werden schon wieder unsicherer. Also werden wir noch heute aufbrechen." Sie seufzte leise und ihre Augen begannen so seltsam zu schimmern. Rasch wandte sie sich ab.

Wieder einmal hatte Sofrejan das Gefühl, etwas nicht mitbekommen zu haben. Wieso sollten sie sich noch für Starrus und seine finsteren Machenschaften interessieren? Die Leute aus der Provinz würden genauso zu Cordo überlaufen wie die Menschen der Hauptstadt es getan hatten. Aber wie auch immer, er war froh, wenn er wieder Zuhause war. Oder? Ihm kam da gerade eine interessante Idee. Warum ritt er nicht gleich mit zum Weißen Schloß und machte offiziell Frieden mit dem Weißen König. Dann würde er auch Olivia wiedersehen - Ornella war ja leider inzwischen vergeben. Er hatte es kaum glauben können, als Alessandra ihm gestern abend die Geschichte erzählt hatte. Offenbar hatte er sowohl Ornella als auch den Schwarzen König falsch eingeschätzt. Aber da ihm das oft so ging und er es gewöhnt war, machte er sich darüber keine allzu großen Gedanken und nahm es einfach hin. Auf jeden Fall war die süße kleine Olivia noch frei. War das nicht eine günstige Gelegenheit?

Wenig später verabschiedete er sich von König Cordo. Es entging ihm nicht, daß der Abschied Alessandras vom Alten König wesentlich herzlicher ausfiel, als es zwischen Respektspersonen üblich war. Wahrscheinlich empfanden sie etwas füreinander, obwohl sie es vor sich selbst vielleicht noch gar nicht eingestanden hatten. Auf jeden Fall hatte König Cordo nach besten Kräften Sorge dafür getragen, daß sie die Weiße Hauptstadt sicher erreichten, indem er ihnen 50 Ritter als Eskorte mitgab. Das war eine beachtliche Streitmacht, und auch Sofrejan würde unterwegs froh sein, sie zu haben.

Auf dem Weg passierten sie zahlreiche klein Städte und Dörfer, und je weiter sie sich von Tansir entfernten, desto unfreundlicher wurden sie empfangen. Das Gift, daß König Starrus ausgebreitet hatte, wirkte bereits. Prinz Sofrejan nahm es mit Erstaunen zur Kenntnis. Er unterhielt sich mit Alessandra darüber, die die Lage von Anfang an völlig richtig eingeschätzt hatte. Um die Leute für sich zu gewinnen, wäre das persönliche Erscheinen Cordos nötig gewesen. Die 50 Ritter wirkten zwar auch ziemlich überzeugend, und in mehr als einer Stadt konnten sie den Ausschlag für die Partei Cordos geben, doch das würde auf Dauer nicht genügen. Schlimmer: In ein paar Tagen, wenn Starrus mit seiner Kutsche und all dem Geld im Truppenhauptquartier angekommen war, würde es erst richtig losgehen. Ihr rascher Aufbruch war eine weise Entscheidung gewesen und er bewunderte Alessandra wegen ihres klaren Verstandes.

Oft glitten während der langen Ritte seine Blicke über ihre funkelnde Rüstung und ihr kastanienbraunes, langes Haar, das im Wind flatterte. Trotzdem verspürte er nicht den Wusch, sie zu besitzen. Olivia wäre viel eher sein Fall gewesen. Er hoffte, daß seine Bitten beim Weißen König auf fruchtbaren Boden fielen.

Alessandras Gedanken weilten meist bei Cordo. Er war genauso, wie sie ihn sich als kleines Mädchen immer vorgestellt hatte, wenn sie im Audienzsaal ihres Vaters sein Bildnis betrachtet hatte: Stark und gütig. Und majestätisch schön. Ein richtiger Märchenkönig.

Irgendwann riß Sofrejan sie aus ihren Gedanken: "Der Siina-Fluß. Die Grenze."

"Dann trennen sich unsere Wege hier, Prinz", antwortete Alessandra.

"Äh, nein. Ich habe mich entschlossen, Eurem verehrten Herrn Vater einen diplomatischen Besuch abzustatten."

Alessandras Miene hellte sich auf. Sie war doch recht froh, den Rest des Weges, immerhin noch zwei bis drei Tagesreisen, nicht allein mit Cordos Boten machen zu müssen. Die Ritter der Eskorte würden sowieso nicht weiter mitkommen, sondern hier umkehren und nach Tansir zurückkehren. König Cordo brauchte sie bestimmt.

Sofrejan meinte noch: "Außerdem ist es gar kein so großer Umweg. Die Sonneninsel liegt ja von hier aus genau im Westen, und die Weiße Hauptstadt in westnordwestlicher Richtung."

Alessandra nickte ihm aufmunternd zu, dann meinte sie: "Dann müssen wir nur noch eine Fähre oder eine Brücke finden."

"Siinabal ist nicht weit. Dort gibt es sowohl eine Brücke als auch eine Fähre. Allerdings kosten beide eine Maut."

"Bei euch ist die Passage zur Sonneninsel auch nicht umsonst", meinte Alessandra spitz.

Und so ritten sie schließlich zu dritt nach Siinabal ein.

Die Stadt war im Krieg bisher neutral geblieben, so daß sie keine Schwierigkeiten bekamen. Sofrejan zahlte an der Brücke das Geld, dann führten sie die Pferde über die hölzerne Konstruktion auf die nördliche Seite des Flusses. Hinter der Stadtgrenze begann das Weiße Königreich.

"Auch Siinabal hat mal zum Weißen Reich gehört", meinte Prinz Sofrejan, als sie die Stadt verließen.

"Aber das ist schon lang her. Seit der Zeit kurz nach König Cordo..." Unwillkürlich schweiften Alessandras Gedanken zu Cordo ab. Sofrejan lächelte versonnen und sagte nichts.

*

"Die Weiße Hauptstadt!" Alessandra sagte es voller Stolz und wies mit der ausgestreckten Hand auf die leuchtende Silhouette der prächtigen Stadt, die sich in der Ferne abzeichnete. Wir werden hier übernachten und sind dann morgen Vormittag Zuhause. Endlich!"

"Ihr wart wirklich lange unterwegs und habt viele unglaubliche Abenteuer erlebt, Prinzessin."

"Ja." Ihr Blick verlor sich in weiten Fernen, als sie an diese lange Reise zurückdachte. Mehr als einmal hatte ihr Leben auf des Messers Schneide gestanden. Doch sie hatte Erfolg gehabt und viele neue Freunde gefunden.

"Und es sind unruhige Zeiten", spann Sofrejan den Faden fort. "Eigentlich ist es unwahrscheinlich, daß allein das Auftauchen des Schwarzen Königs beim Turnier all das ausgelöst haben soll. Die Probleme muß es schon vorher gegeben haben."

Alessandra sah ihn fragend an. Darüber hatte sie sich noch nie Gedanken gemacht. Sie zuckte mit den Schultern. Dann ritten sie den Hügel hinab in das kleine Dörfchen am Wegesrand, suchten sich einen einigermaßen akzeptablen Schlafplatz und richteten sich für die Nacht ein. Die Bauern boten ihnen die herrschaftlichsten Betten an, die sie hatten, aber Alessandra begnügte sich mit einer warmen Scheune. Gemessen an dem, was sie schon erlebt hatte, war das bereits der reinste Luxus. Und Sofrejan schloß sich ihr ohne zu zögern an, worüber sie sich etwas wunderte. Auch diese Seite hatte sie an ihm noch nie zuvor bemerkt. Aber er war nicht der verweichlichte Dummkopf, für den ihn viele hielten.

Cordos Bote hingegen entschwand in eine Gaststätte.

"Was wohl aus Schwalbe geworden ist?", meinte Alessandra kurz vor dem Einschlafen, nachdem sie beim Bauern ein kräftiges Abendessen bekommen hatten.

"Schwalbe?"

"Meine Stute. Ein hervorragendes Pferd. Eure Leute, die mich gefangengenommen haben, haben es mir weggenommen. Sie war für mich fast wie eine Freundin."

"Wenn ich wieder Zuhause bin, werde ich mich darum kümmern. Vielleicht ist es noch im Besitz meiner Soldaten. Und wenn mein Kommandeur Ralph de Roqueville sie bei König Cordo abgeliefert hat, werdet Ihr sie wohl ebenfalls zurückbekommen können."

"Ich habe Cordo bereits darum gebeten. Hoffen wir das Beste."

*

Am nächste Morgen brachen sie zeitig auf, denn alle drei waren ungeduldig und brannten darauf, ihr Ziel endlich zu erreichen. Sie trieben ihre Pferde an, und diese folgten willig. Sie schienen das nahe Ziel zu spüren. Und dann tauchte die Weiße Hauptstadt zum ersten Mal wieder hinter einer Hügelkette auf. Diesmal bleib sie sichtbar - das Wahrzeichen einer großen Dynastie. Langsam rückte sie näher, während die Stunden verrannen. Und dann ritten sie endlich durch das südliche Stadttor ein.

Voller Vorfreude und gespannter Erwartung sah Alessandra sich um. Doch wie hatte sich die Stadt verändert, seit sie aufgebrochen war! Die Straßen waren immer noch voller Flüchtlinge, obwohl viele bereits wieder abgezogen waren. Die verwüsteten Städte und Felder, vor allem im Osten, und der bevorstehende Winter hinderten allzu viele an der Heimkehr. Krieg und Hunger hatten die Hauptstadt gezeichnet.

Doch als die Menge Alessandra erkannte, kannte der Jubel keine Grenzen. Für die Menschen war die tapfere Prinzessin eine Heldin. Mit Sofrejan und dem Boten konnten die meisten Leute nichts anfangen, aber das tat der Freude keinen Abbruch.


"Vater, Herr Vater. Alessandra ist zurückgekehrt!" Mit vor Aufregung geröteten Wangen stürmte Prinzessin Olivia in den Audienzsaal.

Längst waren ihre Wunden verheilt, auch die ihrer Seele.

Der Weiße König, der gerade lustlos über Landkarten gebrütet hatte, fuhr auf und blickte seine Tochter entgeistert an: "Was sagst du da. Alessandra!"

"Ja, Herr Vater. Sie ist es wirklich. Mit einer prächtigen Rüstung und zwei Männern als Begleitung reitet sie durch die Straßen auf den Palast zu. Und einer der Männer ist Prinz Sofrejan!"

Ihr Gesicht bekam einen verträumten Ausdruck.

Auch des Königs Blicke verklärten sich, als er an seine Tochter dachte. Wie sehr er sie vermißt hatte, wurde ihm erst jetzt klar. Ohne weiter zu überlegen, stürmte er auf das schwere Portal zu, riß es unter lärmendem Quietschen auf, rannte durch die Vorhalle und dann die Rampe hinunter. Und dann bog Alessandra auf ihrem stolzen Roß um die Ecke.

Ihre Blicke trafen sich, und einen Moment lang stand die Welt still. Sie sahen sich einfach nur an, und in die Augen des Weißen Königs traten ein paar Freudentränen.

Und dann kam hinter dem Weißen König Olivia aus dem Palast gestürmt und rief: "Alessandra! Schwester. Du bist zurück!" Und dann fielen sich alle drei weinend in die Arme. Auch Prinz Sofrejan, der etwas abseits noch auf seinem Pferd saß, konnte die Tränen der Freude und Rührung nicht unterdrücken. Und Alessandra war froh, daß sie nicht, wie sie heimlich befürchtet hatte, für ihr langes Fortbleiben ausgeschimpft wurde.

"Oh, meine Tochter. Wie sehr hast du uns allen gefehlt! Aber kommt doch erst mal hinein. Und Ihr, Prinz Sofrejan, seid natürlich auch eingeladen, und auch der arcadische Bote. Heute laß' ich mir die Freude von nichts und niemandem verderben."

Der König ließ den Majordomus in der Küche ein königliches Essen ordern. Während dessen begaben sich die Fünf in den Audienzsaal und setzten sich an einen der großen, prächtig geschnitzten Tische. Es gab so viel zu erzählen.

Zuerst mußte Alessandra von ihren Abenteuern berichten. Als sie schilderte, wie Ornella den Schwarzen König geheiratet hatte, verdüsterte sich die Miene der Weißen Königs, doch Alessandra beruhigte ihn: "Vater, es ist nicht so, wie Ihr glaubt. Ornella liebt ihn über alles, und ihre Liebe wird aufrichtig erwidert. Der Schwarze König ist kein Teufel. Mir hat er allein zweimal das Leben gerettet." Dann fuhr sie mit ihrem Bericht fort und unterbrach ihn auch nicht bei dem wahrhaft fürstlichen Mittagessen, das die Hofbediensteten nach und nach auftischten. Temperamentvoll und oft mit vollem Mund schilderte sie ihre haarsträubenden Erlebnisse in den leuchtendsten Farben.

Dann kam Prinz Sofrejan an die Reihe. Wie zufällig saß er neben Prinzessin Olivia, und die beiden turtelten schon die ganze Zeit heftig miteinander.

"Nun, Majestät", begann der Prinz der Sonneninsel, "da meine Mutter sehr krank ist, obliegen mir die Amtsgeschäfte meines Reiches. Und ich muß Euch sagen, daß ich an einer Fortsetzung des Krieges gegen Euer Reich in keinster Weise interessiert bin und diesen Beschluß meiner Mutter auch nie befürwortet habe. Ich habe das Bündnis zwischen der Sonneninsel und König Starrus bereits gekündigt, und auch mit König Cordo habe ich Neutralität vereinbart." Er sah den Weißen König auffordernd an, doch dieser wandte seinen Blick stattdessen auf Olivia, die verlegen zu Boden schaute.

Sofrejan faßte sich also ein Herz, erhob sich, atmete tief ein und sagte: "Und hiermit bitte ich Euch um die Hand Eurer Tochter Olivia."

Olivias Wangen waren vor Erregung feuerrot und ihre Augen glühten schier. Alessandra lächelte still in sich hinein. So ähnlich hatte Ornella den Schwarzen König angesehen.

"Aber gern", antwortete der Weiße König huldvoll. "Sehr gerne willige ich in diese Verbindung ein, die sowohl Eurem, als auch meinem Land von Nutzen sein soll. Und natürlich zu allererst meiner geliebten Tochter."

"Oh, Vater!", brachte diese nur heraus. König Harro konnte zwar manchmal furchtbar stur sein, aber er hatte ein gutes Herz.

Später kam auch König Cordos Bote noch dazu, seine Mission zu erfüllen. Im Grunde ersuchte der Alte König lediglich um Neutralität bei der Auseinandersetzung mit König Starrus. Den Krieg Starrus' gegen das Weiße Königreich wollte er außerdem unverzüglich beenden.

"Hmm, das klingt doch hervorragend, nicht wahr?", meinte der Weiße König. "Und Starrus wird wohl nicht an zwei Fronten gleichzeitig kämpfen können. Ich denke, ich werde Cordo sogar unterstützen."

Der Weiße König konnte nicht ahnen, daß diese fast beiläufig getroffene Entscheidung sein Reich in die größten Schwierigkeiten bringen, zahllose Menschen ins Unglück stürzen und sogar ein Ungeheuer auf den Plan rufen sollte.


Doch zunächst gab es noch ein anderes Problem.

Spät am Abend setzte er sich noch mit Prinz Sofrejan zusammen. "Mein lieber zukünftiger Schwiegersohn. Ihr wißt, ich bin nicht mehr der Jüngste. Tja, und wenn ich mich dereinst zur letzten Ruhe bette, dann ist dieser Thron verwaist. Daher bitte ich Euch, Euer Reich mit dem meinen zu vereinigen und es als König zu regieren, sobald Eure Vermählung mit meiner Tochter stattgefunden hat.

Der Prinz war ob dieses wahrhaft königlichen Angebotes sprachlos. Viele Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf, aber eins war klar: Dieses Vorhaben widersprach leider vollkommen der Staatsräson seines Landes. Und damit war es Jahrhunderte lang bestens gefahren. Die Sonneninsel war immer reich gewesen, aber nicht so mächtig und wichtig, daß jemand sich der großen Mühe unterzogen hatte, sie erobern zu wollen. Wenn sie jetzt Teil des Weißen Reiches wurde, bot sie eine ungleich größere Angriffsfläche im Feld des ewigen Machtkampfes der Fürstentümer und Königreiche. Was seine Mutter dazu sagen würde, interessierte ihn hingegen nicht sonderlich. Für ihn hatte sie abgedankt. Aber andererseits: Konnte und durfte er den Weißen König enttäuschen? Aber ihm blieb ja immer noch Alessandra. Wenn sie Cordo heiratete, dann würde das Alte Reich wieder erstehen - war das nicht viel verlockender?

Er sprach mit dem Weißen König darüber, erntete aber nicht viel Verständnis für seine Bedenken. Sein zukünftiger Schwiegervater hatte fest mit seiner Zustimmung gerechnet, denn wer würde schon ein ganzes Reich als Geschenk ausschlagen? Der Weiße König war sehr enttäuscht, auch wenn er es so gut als möglich verbarg.

Sie verblieben so, daß Prinz Sofrejan sich erst am Tage der Hochzeit entscheiden mußte. Zuerst aber wollte dieser zur Sonneninsel zurückkehren, um dort einige Dinge zu regeln. Anschließend, in wenigen Wochen, sollte dann in der Weißen Hauptstadt die Hochzeit stattfinden.


Am anderen Tag übergab der Weiße König Cordos Boten eine Nachricht, in der er seinem Großonkel seine Unterstützung im Kampf gegen Starrus zusicherte. Er ließ den Beschluß auch öffentlich verkünden und erhielt von allen Menschen jubelnden Beifall. Man war gewiß, mit dem verhaßten Starrus jetzt abrechnen zu können. Damit machte sich der Bote auf den gefährlichen Weg zurück.

Prinz Sofrejan blieb noch einen Tag länger, dann brach auch er auf, versprach Olivia aber, so bald als möglich wieder zurück zu sein.

*

Alessandra stand neben Olivia auf der Turmspitze und sah Prinz Sofrejan und seine Eskorte in der Ferne entschwinden. Eine Taube umkreiste den Turm und setzte sich dann neben die beiden jungen Frauen auf die steinernen Zinnen.

Alessandra fiel sie als erste auf. Die Taube war auffällig dunkel, fast schwarz, und sie blickte die Prinzessin mit seltsamen, orangeroten Augen an. Dann öffnete sie den Schnabel und sagte mit gurrender Stimme: "Prinzessin. Der Schwarze König schickt mich, um dir zu sagen, daß er den Ring Simonas in Sicherheit gebracht und in die Kette eingefügt hat. Wenn Prinzessin Olivia es wünscht, muß sie oder jemand anderes auch ihren Ring ins Schwarze Schloß bringen." Damit erhob sie sich wieder in die Lüfte und flog pfeilschnell davon.

Olivia blickte Alessandra ziemlich entgeistert an. Sie hatte noch nie ein sprechendes Tier gesehen. Für Alessandra hingegen war das inzwischen nichts Ungewöhnliches mehr. Sie sagte: "Ich habe es doch schon erzählt: der Schwarze König hat meinen Ring, den mir damals beim Turnier Prinz Sofrejan geschenkt hat, und den Ring von Ornella verzaubert. Wenn eine von uns in großer Not ist, kann sie damit die Schwester zu Hilfe rufen. Auch Simonas Ring, den ich an mich genommen hatte, als ich sie besuchte, ist jetzt verzaubert. Irgendwann muß ich ihn ihr bringen." Sie lächelte Olivia aufmunternd an. "Jetzt mach' doch nicht so ein entgeistertes Gesicht. Ach ja, und Thoran sagte auch, daß nur Würdige den verzauberten Ring überhaupt sehen können. Deshalb haben ihn mir die arcadischen Soldaten auch nicht wegnehmen können."

Olivia öffnete den Mund, sagte aber nichts. Ihr Gesicht war voller Zweifel, doch dann fiel ihr offenbar etwas ein: "Wer ist Thoran?"

"Thoran? Der Schwarze König. Er heißt Thoran von Caair. Wußtest du das nicht?"

"Ich hatte keine Ahnung, daß er überhaupt einen Namen hat. Seltsam. Ist es nicht unglaublich, daß unsere Schwester mit einem Mann verheiratet ist, über den niemand etwas Genaues weiß, und den jeder für einen Teufel hält? Ich muß ihn unbedingt kennenlernen."

"Aber nicht jetzt. Mein Bedarf an Ausflügen ist erst mal erschöpft."

"Da glaube ich", sagte Olivia lachend.

Später betrachtete sie nachdenklich ihren Pantherring. Sollte es tatsächlich möglich sein, ihn mit magischen Fähigkeiten auszustatten?

*

In den Blauen Bergen brach der Winter herein. Unten in der weiten Ebene, in der sich das Weiße Königreich, das Arcadia-Land und viele andere erstreckten, herrschte noch der goldene Herbst, aber im Blauen Land klirrten wieder überall Eis und Schnee.

Gestern war ein Bote des Weißen Königs angekommen und hatte die Kriegserklärung annulliert und Simona den ehelichen Segen ihres Vaters überbracht. Jetzt lag die junge Königin in ihrer winterlichen Hütte, eingekuschelt in warme Tierfelle. Neben ihr schlief Erich. Simona musterte sein edles Gesicht, das jetzt, im Schlaf, dem eines kleinen Kindes glich. Unter der Decke fuhr sie mit der Hand über ihren Bauch und dachte zärtlich an das neue Leben, das darin heranwuchs. Sie war sehr, sehr glücklich.

*


Das Unendliche Land - Karte der Sonneninsel

Erstellt am 11.2.2001. Letzte Änderung auf dieser Seite: 23.2.2017