Das Unendliche Land - 3. Teil

Winter 1242


4. Kapitel - Basilisk

Einige Jahre zuvor, im Norden.


"Da werden wir wohnen. Ist es nicht hübsch?"

Wie immer, so wagte Gabriele auch jetzt nicht, ihrem Mann zu widersprechen, denn in so einem Fall konnte er manchmal unberechenbar reagieren. Aber fast wäre es ihr trotzdem herausgerutscht, was für eine erbärmliche Bruchbude die Reichsbehörden ihnen da zugewiesen hatten.

"Ein bißchen saubermachen, etwas neue Farbe ...", sagte der Zikadenmann, "... dann fühlen wir uns gleich wie Zuhause."

Gabriele lächelte gezwungen. Was bleib ihr auch anderes übrig? Ihr Mann hatte das Angebot angenommen - ohne sie zu fragen, natürlich - und jetzt waren sie eben hier. Es war Grenzland, man konnte die Blauen Berge von hier aus manchmal am östlichen Horizont sehen, bei gutem Wetter, aber das war selten. Meist war es kalt und regnerisch.

"Also, da... das ist jetzt unser Heim. Freut ihr euch nicht?" fragte der Zikadenmann. Seine Stimme hatte etwas Lauerndes. Gabriele und die zwei Kinder nickten heftig und quälten sich ein Lächeln ab. In Wirklichkeit waren sie zutiefst enttäuscht. Die Siedlung bestand aus kaum mehr als einigen uralten Bretterbuden, matschigen Wegen, jeden Tag Nieselregen, dazu die Strapazen der Anreise auf holprigen Karren durch völlig verwahrlostes Land ...

Sie kamen aus Karolingia, der zweitgrößten Stadt im Reich Karls III. Sie waren Großstädter und die Annehmlichkeiten der Stadt gewöhnt. Aber hier, am Rande der Welt, gab es nichts davon.

"Dann wollen wir mal reingehen! Drinnen ist es bestimmt noch gemütlicher."

Der Zikadenmann öffnete die quietschende Tür und trat ein. Gabriele und die Kinder schnappten sich die Koffer und Säcke und folgten ihm ins düstere Innere. Gabriele kannte ihren Mann. Sie spürte, daß er sich hier wohlfühlen würde. Aber für sie und die Kinder würde es die Hölle werden. In Karolingia hatte sie ihre Freundinnen gehabt, bei denen sie sich hatte ausweinen können, wenn ihr Mann sie wieder geschlagen hatte. Aber all das lag nun viele Tagesritte weit weg. Die junge, ehemals sehr schöne Frau fühlte instinktiv, daß sie ihre alte Welt nie wiedersehen würde.

"Ja! Ist es nicht herrlich hier? Das alles gehört uns. Die Kolonialbeamten des Königs waren wirklich sehr großzügig."

Sehr großzügig, dachte Gabriele, uns mit einer mindestens hundert Jahre alten Bruchbude abzuspeisen in einem Landstrich, den seit ebenso langer Zeit keiner haben will.

Früher hatte dieses Gebiet mal zu irgendeinem anderen Königreich gehört und davor zu irgendwelchen Raubrittern, aber das war schon ewig her. Dann hatte man es in einem Kompromiß-Frieden dem Fürstentum Botha zugeschlagen, als externes Verwaltungsgebiet oder so was, vielleicht auch einen Teil dem Barbaren Erich, aber jetzt war irgendein verrückter Kolonialbeamter des Königs Karl III auf die Idee gekommen, es mit Reichsuntertanen zu besiedeln. Dabei brachte dieses öde Land keinem einen Nutzen. Deshalb hatte es auch keiner haben wollen. Nur die Fallensteller hatten hier ab und zu gejagt, und das würden sie sicher auch weiter tun.

"He, Gabriele. Das wird mein Zimmer. Ein hübscher Blick auf die Straße!"

Natürlich. Und ich und die Kinder dürfen unter dem halb eingestürzten Dach hausen, wo es reinregnet, dachte die verhärmte Frau verbittert. Chorus Fröhlichkeit bereitete ihr fast körperliches Unbehagen. Die Stimmungen ihres Mannes konnten sehr schnell umschlagen.

"Ah, und da ist ja die Küche. Ich habe einen Bärenhunger!"

Gabriele wußte, was nun von ihr erwartet wurde. Wenigstens hatte das Kolonialamt ihnen genügend Vorräte für die erste Zeit mitgegeben. Sie begann auszupacken, während Choru, den alle aus irgendeinem Grund den Zikadenmann nannten, sich weiter im Haus umsah.

"Hier gibt es ja sogar einen Keller!"

Sie rief ihre Kinder herbei, als sie in einem Schrank, dessen morsche Türen halb herausgebrochen waren, einen Besen und einen Eimer fand, und forderte sie auf, mit dem Saubermachen anzufangen. Die beiden hätten am liebsten zu Weinen angefangen. Nicht, weil sie putzen sollten, sondern aus Heimweh. Auch sie hatten alle Freunde und Spielkameraden zurücklassen müssen, ihre ganze vertraute Umgebung. Dabei hatten sie sich am Anfang noch riesig über das tolle Abenteuer gefreut. Gabriele hingegen war von Anfang an klar gewesen, was da auf sie zukam.

Aus dem Keller tönte dumpf die Stimme ihres Mannes hervor: "Schick mir mal den Johann, er soll hier mal die Spinnweben wegmachen." Johann war ihr Sohn, 10 Jahre alt. Seine um zwei Jahre jüngere Schwester hieß Helene. Sie war gerade dabei, zusammen mit ihrer Mutter die Küche einigermaßen herzurichten.

"Kommt ihr da oben zurecht? Wo bleibt Johann, dieses faule Stück! Dem werde ich... ah, da bist du ja endlich. Los, mach schon ... da... u ... und vergiß die Regale nicht. Nanu, was ist das für ein Ding? Und da liegt noch mehr Zeug rum. Los, gib mir mal den Lappen. Und steh nicht so blöd rum!"

Vor dem Haus lag etwas Feuerholz, und Gabriele holte es herein. Es war schon so alt und verrottet, daß es unter ihren Fingern zerbröselte, aber es war trocken und würde gut brennen. Wenigstens ein Lichtblick, denn Choru würde nicht ewig mit dem Essen warten wollen.

Der Herd war uralt und verrostet, aber immerhin noch funktionsfähig. Nervös fummelte Gabriele einige Töpfe und das Geschirr aus den Säcken und Taschen heraus. Helene stand ihr dauernd im Weg herum, und sie scheuchte sie auf den Dachboden, der nur über eine halb zerfallene Leiter zu erreichen war. Es war ein Wunder, daß das Mädchen sich dabei nicht den Hals brach.

"Mann, was liegen hier für tolle Sachen rum?". Dumpf tönte die Stimme ihres Mannes aus dem Keller hervor. Johann kam mit einem Eimer voller Schutt herauf. Er blickte seine Mutter fragend an, und sie schickte ihn hinters Haus, um den Eimer zu leeren.

Tolle Sachen - wahrscheinlich war es nur verstaubter Schrott. Aber für so was hatte sich der Zikadenmann schon immer besonders interessiert.

Es wurde still. Offenbar hatte Choru im Keller etwas gefunden, was ihn für eine Weile beschäftigte. Im Herd loderte mittlerweile ein munteres Feuer und vertrieb die Kälte und Feuchtigkeit. Zum ersten Mal fühlte sich Gabriele etwas heimisch. Sie stellte Wasser auf die Platte. Es knirschte verdächtig. Hoffentlich hielt der Herd. Sie schickte die Kinder hinaus, um weiteres Holz zu suchen. Das Kolonialamt hatte hier Vorarbeit geleistet, auch wenn sie im Grunde Pioniere waren. Es gab eine Art Lager mit Artikeln des täglichen Bedarfs, das in den ersten Monaten die Bevölkerung versorgen sollte. Die meisten der neuen Siedler waren Bauern, Choru allerdings arbeitete als Buchhalter oder so was. Gabriele hatte sich nie sonderlich dafür interessiert, und ihr Mann sprach auch nicht von sich aus über seine Arbeit. Im Grunde war sie froh, wenn er fort war. Er hatte manchmal etwas Unheimliches an sich, und mehr als einmal hatte die junge Frau sich schon gefragt, warum sie diesen Mann überhaupt geheiratet hatte.

Einige Zeit später ertönte von unten wieder seine Stimme: "Was macht das Essen? Warte, ich glaube, ich komme mal rauf."

Gabriele drehte sich hastig um und stieß dabei an den Topf mit dem mittlerweile fast kochenden Wasser. Irgendein Teil des rostigen Herdes zerbrach, der Topf rutschte weg und ergoß seinen Inhalt über ihre Beine.

Gabriele schrie gellend auf. Choru kam die Leiter heraufgeschossen, und als er die Misere sah, begann er hemmungslos zu fluchen. Trotz ihrer furchtbaren Schmerzen versuchte Gabriele, ihn zu beruhigen, aber er schrie: "Für diese Schlamperei werde ich das Kolonialamt anzeigen. Jawohl. Und du mußt sofort zu einem Arzt! Oh, mein Gott!"

Er zerrte sie mit sich, und sie wurde vor Schmerzen fast besinnungslos. Sie bekam kaum mit, wie der Zikadenmann das halbe Dorf zusammenrief und dabei wie ein Irrer herumtobte. Schließlich fand sich ein Arzt, der ihr eine Salbe auf ihre verbrühten Beine strich und sie verband. Die ganze Zeit standen Johann und Helene weinend hinter ihr. Gabriele versuchte irgendwie, sie zu trösten.

Schließlich schickte der Arzt sie nach Hause. An der Seite ihres Mannes, der sie stützte, schaffte sie es auch irgendwie. Erschöpft, zitternd und am Ende ihrer Kräfte ließ sie sich dort auf einen Stuhl fallen. Der Zikadenmann sagte: "Da wären wir wieder. Jetzt ist ja wohl alles soweit wieder in Ordnung. Tut es noch weh? Und beeil' dich mit dem Essen."

In diesem Moment hätte sie ihn umbringen können. Sie wußte nicht, wie sie es schaffte, an diesem Abend noch zu kochen, aber irgendwann ließ der Zikadenmann sie in Ruhe und legte sich hin. Gabriele fand keinen Schlaf, sie weinte vor Schmerzen.

*

Der Schnee fiel in dicken, wattigen Flocken vom Himmel, als Prinz Sofrejan das imperiale Fährboot verließ, das ihn über den Sonnensee transportiert hatte. Er war nur drei Wochen fort gewesen, aber in der Zwischenzeit war der Winter hereingebrochen - früh in diesem Jahr.

Die Eskorte empfing den Prinzen und fuhr ihn mit einer prächtigen goldenen Kutsche durch seine im Schnee funkelnde Märchenstadt zum Palast. Unterwegs erkundigte er sich nach dem Befinden seiner Mutter, doch die Höflinge drucksten herum und wollten oder konnten keine klare Auskunft geben.

Kaum angekommen, sprang Sofrejan heraus und eilte in die Gemächer der Imperatrice. Die Wachen an dem schweren Portal ließen ihn wortlos ein, doch seine Mutter war nicht da. Im Grunde hatte er es auch gar nicht anders erwartet.

"Wo ist meine Mutter?", fuhr er dennoch die Soldaten an.

"Mein Prinz, sie können Euch keine Auskunft geben", erscholl da die Stimme des Palastverwalters den langen Gang herab. Atemlos kam Mayer, der kleine, hektische, wieselflinke Mann herangelaufen. Diese schnelle Fortbewegungsart war normalerweise weit unter seiner Würde und strengte ihn deshalb ersichtlich an. "Niemand weiß, wo sich Eure Mutter die meiste Zeit aufhält."

"Was soll das heißen?" Sofrejan verstand kein Wort.

"Zu den ungewöhnlichsten Zeiten, meist mitten in der Nacht, verläßt die Imperatrice ihre Gemächer und verschwindet dann irgendwo im Palast. Keiner weiß, was sie tut oder wann sie zurückkommt."

Sofrejan dachte nach, und es kam ihm ein schlimmer Verdacht. Doch er behielt ihn erst mal für sich. Streng musterte er den Verwalter: "Du hast deine Pflichten vernachlässigt! Meine Mutter ist krank und darf nicht unbeaufsichtigt bleiben. Wenn ihr was passiert, wird dein Kopf rollen. Ich hoffe, ich habe mich deutlich genug ausgedrückt!" Der kleine Mann nickte eifrig und wischte sich den Schweiß von der Stirn, allerdings weniger wegen Sofrejans Drohung. Er schwitzte eigentlich immer von sich aus. Diensteifrig und unterwürfig versicherte er dem Prinzen, daß er die Imperatrice von nun an ständig beobachten lassen würde.

"Gut, und nun werde ich mich in den Thronsaal begeben, wo ich den Kommandeur de Roqueville erwarte."

"Herr. Der Kommandeur ist vor zwei Wochen abgereist."

Sofrejan, der gerade davongehen wollte, blieb wie vom Donner gerührt stehen. "Majestät", fuhr der Verwalter fort, "leider sind mir die genauen Details nicht bekannt, aber ich weiß, daß er zuletzt mit dem Militärgesandten der Arcadier gesprochen hat. Danach setzte er über den See und verschwand. Soweit ich gehört habe, hatte er nur wenig Gepäck und auch keinen Begleiter."

Schlagartig wurde es Sofrejan klar, daß eine Menge Dinge passierten, über die er gar nichts oder viel zu spät erfuhr. Das mußte sich ändern. Seine mit allen Wassern gewaschene Mutter hatte immer alle Fäden in der Hand gehabt. Und wenn er die Sonneninsel durch stürmische Zeiten führen sollte, dann mußte er das auch. Da war der bevorstehende Bürgerkrieg zwischen Starrus und Cordo. Außerdem stand seine Hochzeit bevor. Und seine Mutter ... daran wollte er lieber gar nicht so genau denken.

"Sag' General Karuman, ich erwarte ihn umgehend." Er ist ja hoffentlich nicht auch überraschend verschwunden, fügte er in Gedanken hinzu.

General Karuman war der Militärbotschafter der Arcadier. Aber Sofrejan wollte nicht nur herausfinden, was de Roqueville vorhatte, sondern auch, ob Karuman auf der Seite von Starrus oder Cordo stand.

Nachdenklich schritt der Prinz dann in den Thronsaal. Was er brauchte, war ein Informationssystem, das ihn immer über alles Wichtige auf dem Laufenden hielt. Das Problem war nur, daß er sich bisher nie mit solchen Dingen befaßt hatte. Eigentlich hatte er ziemlich in den Tag hineingelebt und alles der straffen und überaus energischen Hand seiner Mutter überlassen. Doch jetzt lastete die ganze Aufgabe auf einmal auf seinen Schultern. Und er kannte keinen auf der Sonneninsel, dem er eine solche Aufgabe hätte anvertrauen können. Das Angebot des Weißen Königs kam ihm in den Sinn: Die Vereinigung ihrer beiden Reiche. Der Weiße König hatte viel Erfahrung und gute Leute, auf die er nach der Hochzeit mit Olivia als neuer Weißer König, der er dann sein würde, zurückgreifen konnte. Trotzdem stand sein Entschluß fest, das Angebot abzulehnen. Es wurde Zeit, daß er die Männer kennenlernte, derer seine Mutter sich bedient hatte.

Später, er hatte mittlerweile im Thronsaal mit dem Studium geschäftlicher Unterlagen begonnen, wurde ihm General Karuman annonciert.

Sofrejan bot ihm einen Platz und Tee an. Dann begann er: "Ich habe gehört, mein so unerwartet abgereister Kommandeur de Roqueville hat Euch den Grund seines Aufbruchs mitgeteilt. Bei uns war er leider nicht so gesprächig."

Daß der arcadische General wirklich in seinem Gespräch mit de Roqueville etwas über dessen Motive erfahren hatte, war reine Vermutung. Sofrejan wollte den General damit ein bißchen aus der Reserve locken, doch Karuman war viel zu erfahren, um darauf hereinzufallen, aber auch zu höflich, um es seinem Gesprächspartner direkt zu zeigen. Also bleib er bei Unverbindlichkeiten: "Wir hatten in der Tat ein Gespräch, aber es war leider nur von kurzer Dauer, denn de Roqueville war sehr in Eile. Ich glaube, er hatte von den Schwierigkeiten König Starrus' gehört und wollte sich nach Gel-Gabal begeben. Was er dort genau zu tun gedenkt, weiß nur er allein."

"So. Schade, ich hatte gehofft, ihr wüßtet etwas über ... naja. Ich hatte ihm schließlich befohlen, hier zu bleiben und auf weitere Anweisungen zu warten."

"Ach?"

Sofrejan entging der verächtliche Ton in diesem Wort nicht. Offenbar hielt Karuman nichts von einem Befehlshaber, dem die Soldaten nach Lust und Laune davonlaufen konnten. "Und das heißt", fuhr der Prinz zornig fort, "daß er sich der Befehlsverweigerung schuldig gemacht hat."

Karuman sagte nichts dazu. Schließlich hatte er es gewußt. Und de Roquevilles Motive kannte er ebenfalls. Doch er hatte nicht vor, den jungen Prinzen darüber in Kenntnis zu setzen. Sollte er es doch alleine herausfinden, wenn er so schlau war.

"Nach Gel-Gabal, sagtet Ihr. Wahrscheinlich wird er sich in die Dienste von Starrus stellen", vermutete Sofrejan, nachdem er vergeblich auf eine Antwort Karumans gewartet hatte.

Gut kombiniert, aber es war wohl nicht schwer, darauf zu kommen, dachte der General sich, sagte aber wiederum nichts und zog nur in gespielter Überraschung eine seiner Augenbrauen hoch. Schließlich bemerkte er: "Der Tee ist hervorragend."

Also gut, Freundchen, wir können es auch so machen, dachte Sofrejan.

"Es ist sehr bedauerlich, daß ich so einen qualifizierten Mann nun wohl an Starrus verliere, aber der braucht jetzt wohl jeden Mann gegen diesen Cordo."

"Man hört, mein Prinz, Ihr hattet schon Gelegenheit, diesen Cordo näher kennenzulernen."

Sofrejan wunderte sich, wie der General das so schnell erfahren hatte. Offenbar verfügte er über das, was er noch aufbauen mußte: einen Informationsdienst und gute Spitzel. Natürlich schickt Arcadia seinen besten Mann zur Sonneninsel. Wir sind wichtig ...

"De Roqueville hat gegen meine Absicht Prinzessin Alessandra an Starrus ausgeliefert. Ich habe sie zurückgeholt, denn ich möchte mich, wie Ihr wohl wißt, aus dem Krieg heraushalten." Bei diesen Worten wurde ihm durch das Verhalten des Generals schlagartig klar, daß er und Karuman praktisch Gegner waren: Seine Mutter hatte den Arcadiern Waffen und Geld gegeben, und er drehte den Hahn nun wieder zu. Damit war auch klar, daß Karuman auf der Seite von Starrus stand.

Sofrejan beendete das Gespräch. Es war zwar nicht so verlaufen, wie er erhofft hatte, aber er hatte doch irgendwie alles erfahren, was er hatte wissen wollen. Mit ein paar höflichen Floskeln komplimentierte er den Militärgesandten hinaus, dann ließ er einen Schreiber kommen und das Ablöseschreiben für Karuman verfassen. Diesem aalglatten Mann mußte er so schnell wie möglich von seiner Insel vertreiben. Es stellte sich nur die Frage, an wen er das Schreiben adressieren sollte: Starrus oder Cordo? Er entschied sich für Cordo. Das würde für Karuman eine zusätzliche Demütigung bedeuten.


Sofrejan arbeitete bis tief in die Nacht. Immer wieder ließ er Experten und Beamte antreten und fragte sie aus über Handelsverträge, Umfang und Leistungskraft seiner Flotte, den Standort der ausgeliehenen Soldaten und so weiter. Es gab so unglaublich viel zu tun.

Erst nach Mitternacht ging er erschöpft, aber mit sich zufrieden ins Bett. Doch bevor er seine Gemächer erreichte, traf er seine Mutter. Sie stand plötzlich neben ihm und musterte ihn mit eigenartigem Blick.

Ihr rechtes Auge war durch eines aus Glas ersetzt worden, doch in ihm schien ein unheimliches Feuer zu brennen. Sie war, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte, um viele Jahre gealtert. Schlohweißes, dünnes Haar hing ihr wirr um den Kopf, die Lippen waren eingefallen und das verbliebene Auge lag tief in der Höhle. Dennoch schien in ihr ein düsteres Feuer zu brennen, das sie trotz ihres Zustandes am Leben hielt. Mit heiserer Stimme krächzte sie: "Wie man sieht, hat die Sonneninsel jetzt einen neuen Herrscher. Ungewöhnlich. wenn man bedenkt, daß der alte noch am Leben ist." Sofrejan wollte etwas erwidern, aber Beata schnitt ihm das Wort ab: "Aber das interessiert mich nicht mehr. Ich habe wichtigeres zu tun. Ich kann dir nur raten, dich nicht in meine Angelegenheiten einzumischen. Hier!" Ihr Auge blitzte tückisch auf, als sie einen Sack hervorholte, den sie bisher hinter ihrem Rücken verborgen gehalten hatte. Sie langte hinein, und Sofrejan glaubte, das Blut müsse in seinen Adern gerinnen, als er das abgetrennte Haupt sah, das seine Mutter aus dem Sack herausholte.

Es war der Kopf eines der Palast-Lakaien, Sofrejan kannte ihn flüchtig. Sein Gesicht war noch im Tode ein Ausdruck des Grauens und sein Mund war zu einem stummen Schrei geöffnet.

Beata sagte: "So geht es jedem, den du hinter mir herschickst als Spitzel!" Sie ließ den Kopf fallen, dann schlurfte sie in einen Seitengang. Kurz darauf waren ihre Schritte nicht mehr zu hören. Sofrejan faßte sich ein Herz und sah nach, aber die Imperatrice war wie vom Erdboden verschluckt.

Sofort ließ er den Palastverwalter und die Wache antreten und erklärte ihnen ohne viel Umschweife die Lage. Er befahl, seine Mutter sofort festzunehmen, wenn das ohne Risiko möglich war. Denn daß es auch gefährlich sein konnte, das hatte er mehr als deutlich vorgeführt bekommen.


In den nächsten Tagen hatte der Prinz viel Arbeit. Fast kam ihm der nahende Hochzeitstermin mit Olivia ungelegen und er spielte schon mit dem Gedanken, die Hochzeit auf der Sonneninsel stattfinden zu lassen, um sich die Reise zu sparen. Doch dann dachte er an den Soldaten, den sie in der vorigen Nacht aufgefunden hatten. Er war nicht tot, aber er hatte den Verstand verloren. Offenbar war er der ehemaligen Imperatrice begegnet. Und das letzte, was Sofrejan wollte war, daß seine Mutter Olivia etwas antat. Er würde sie also im Weißen Schloß heiraten und dort lassen, bis sich die Lage beruhigt hatte.

Im Lauf der folgenden Woche wurde Beata des öfteren gesehen, wie sie seltsame Dinge in ihrem Sack herumtrug. Niemand wußte, woher sie kam, was das für Sachen waren und wohin sie damit verschwand, aber man ließ sie stillschweigend in Ruhe, und sie tat keinem mehr etwas. Schließlich unterbrach Sofrejan seine Amtsgeschäfte. Es war soweit alles zu seiner Zufriedenheit geregelt: General Karuman war abberufen worden, einige Handelsverträge waren günstig verlängert worden, die Vorräte für den Winter waren unter Dach und Fach, die Soldaten seiner Mutter waren aus dem Heer von König Starrus zurückgezogen worden, König Cordo hatte ihm einen großen Teil der Kriegskasse zurückerstattet und seine Mutter machte keine Schwierigkeiten mehr. Jetzt konnte er ans Heiraten denken.

*

Choru hatte ein paar Tage freigehabt, um sich in seinem neuen Haus einzurichten. Gabriele ging es nicht gut, aber dafür interessierte sich der Zikadenmann nicht, seit er DAS BUCH gefunden hatte: das Buch des Unendlichen Landes.

Es war ein sehr altes Buch, vielleicht schon über tausend Jahre alt. Er hatte es durch Zufall gefunden, als er etwas auf eines der Kellerregale hatte stellen wollen und dieses zusammengebrochen war. Die Wand dahinter war ebenfalls morsch, und aus Neugier hatte er ein paar Steine entfernt. Als er auf Metall gestoßen war, war sein Jagdtrieb erwacht. Er hatte so lange gegraben, bis er die metallene Truhe aus der Wand geholt hatte, wo sie vor urdenklichen Zeiten jemand versteckt haben mußte. Eigentlich verdankte er es nur der wechselvollen Geschichte dieses Landstrichs, daß nicht schon lange vor ihm jemand die Wand erneuert und die Truhe dabei gefunden hatte. Über Jahrhunderte hinweg war dieser öde Landstreifen umkämpft gewesen, kaum jemand hatte hier länger als ein paar Jahre leben können, wenn überhaupt. Das Interesse der diversen Herrscher an diesem Landstrich mutete seltsam an, wenn man bedachte, daß er praktisch völlig wertlos war. Dazu kam noch, daß Naturkatastrophen und die Pest hier immer besonders hart gewütet hatten. Sein Haus war bestimmt auch schon weit über 100 Jahre alt, und der Keller wohl noch viel älter.

Hinter der Truhe fand Choru ein Skelett, doch es interessierte ihn nicht weiter.

Die Truhe leistete hartnäckigen Widerstand. Er hätte sie zum Schmied bringen können, doch er wollte nicht, daß irgend jemand erfuhr, daß er in seinem Keller etwas Geheimnisvolles gefunden hatte. Vielleicht waren ja kostbare Juwelen darin. In seiner Phantasie sah er sich schon in alten Goldmünzen baden. Hätte der Zikadenmann gewußt, was sich wirklich darin befand, hätte er sogar seine Frau und die Kinder aus dem Haus geworfen, um sicherzugehen.

Er brauchte volle drei Tage, bis der Deckel endlich nachgab. Atemlos vor Spannung öffnete Ellis endlich die Kiste.

Das Innere mußte früher mit Samt ausgekleidet gewesen sein, doch dieser war größtenteils zu Staub und Fetzen zerfallen. Übrig waren noch ein Buch mit Seiten aus echtem Leder, die die Jahrhunderte praktisch unverändert überstanden hatten, und ein relativ unscheinbarer Ring mit einem tiefschwarzen Stein.

Choru zitterte vor Aufregung. Das Buch mußte noch aus der Alten Zeit stammen. Ganz egal, was darinstand, allein das machte es unglaublich wertvoll. Nie in seinem Leben hatte Choru auch nur von weitem jemals ein Buch aus der Zeit vor Tartanos gesehen, auch nicht im Reichsmuseum von Karolingia. Von damals war nichts übriggeblieben.

Der Zikadenmann atmete tief durch, dann nahm er mit zitternden Fingern das Buch heraus und legte es erst mal vorsichtig auf den Tisch. Dann griff er nach dem Ring mit diesem geheimnisvollen Stein.

Als Choru den Ring berührte, war es ihm, als erhielte er einen leichten elektrischen Schlag. Erschrocken ließ er ihn fallen, doch als nichts weiter geschah, hob er ihn wieder auf.

Er betrachtete den Ring genauer und sah, daß er doch erheblich kostbarer war, als er zunächst gedacht hatte. Der Ring war zweifellos aus purem Gold. Aus was der tiefschwarze Stein bestand, konnte er nicht sagen. So eine völlige Schwärze hatte er noch bei keinem Mineral gesehen. Choru hielt die Oberfläche direkt neben eine Kerze, aber es spiegelte sich nicht der leiseste Schimmer. Im Gegenteil, der Ring schien das Licht geradezu aufzusaugen.

Der Ring war recht groß. Wenn er ihn sich ansteckte, würde er zweifellos von seinem Finger rutschen, wenn er ihn nicht festhielt. Dennoch zog er ihn an und gab einen gellenden Schrei von sich, als es plötzlich rings um ihn herum dunkel wurde. Nicht der geringste Lichtstrahl war in der abgründigen Schwärze zu sehen, und voller Panik riß Choru den Ring wieder vom Finger. Und plötzlich war alles wieder wie vorher.

Fassungslos betrachtete er den Ring und steckte ihn sich erneut an. Wieder wurde es finster um ihn. Er hörte, wie jemand die Kellerleiter herabkletterte und rief: "Vater! Was ist los. Wo seid Ihr? Herr Vater."

Dann hörte er Schritte. Es war sein Sohn, der den Keller absuchte, nachdem er geschrien hatte. Aber wieso sah er ihn nicht? Er saß doch deutlich sichtbar am ... sichtbar! Schlagartig wurden ihm zwei Dinge klar. Erstens: Der Ring machte ihn unsichtbar, und zweitens: Das war auch der Grund, warum es um ihn herum so unglaublich dunkel wurde. Wenn alles Licht um ihn herum abgelenkt wurde, so daß er für seine Umgebung unsichtbar wurde, dann erreichte natürlich auch kein Licht mehr seine Augen. Aber er konnte noch hören, fühlen und riechen.

Nach einiger Zeit verschwand sein Sohn wieder nach oben und rannte aufgeregt zu seiner Mutter. Choru zog mit vor Erregung zitternden Fingern den Ring ab und betrachtete ihn lange. Ihm wurde nach und nach klar, was für eine Macht ihm damit in die Hände gefallen war. Und passen tat der Ring nun auch. Er hatte sich genau der Größe seines Fingers angeschmiegt. Wem er wohl früher gehört hatte? Es mußte ein Riese gewesen sein.

Choru stieg dann ebenfalls hinauf in die Wohnstube und speiste seine Familie mit ein paar dünnen Erklärungen ab. Sie gaben sich damit zufrieden, denn sie waren es nicht gewohnt, viele Fragen zustellen.

Der Zikadenmann überlegte unruhig, wo er diesen unglaublichen Ring verstecken konnte. Wo war er wirklich sicher? Schließlich hängte er ihn sich mit einer Kette um den Hals. Die ganze Nacht fand er keinen Schlaf. Mehr als einmal ging er mitten in der Nacht hinaus, um den Ring auszuprobieren. Mit lautem Schreien weckte er die Nachbarn und hörte dann zu, wie sie nach ihm auf der Straße suchten, ihn aber nicht finden konnten, obwohl er direkt vor ihnen stand. Daß er dabei auch nichts sehen konnte, störte ihn kaum. Vor seinem inneren Auge spielten sich die Szenen dafür umso lebhafter ab.


Choru wußte es nicht und würde es vielleicht auch nie erfahren: Der Ring der Finsternis war nicht für Sterbliche gemacht. Manchmal aber kamen Menschen auf die Welt, die für die Werkzeuge des Bösen, wie dieser Ring eines war, eine natürliche Affinität besaßen. Der Zikadenmann war einer davon. Die Unsterblichen glichen die Finsternis der Unsichtbarkeit mit ihren übernatürlichen Kräften aus, doch Choru Ellis schaffte das auf seine Weise ebenfalls. Und die Welt sollte erfahren, welches Grauen von Menschen wie ihm ausgehen konnte, wenn sie in den Besitz der falschen Gegenstände kamen.


Erst am nächsten Morgen übermannte Ellis der Schlaf, doch von Alpträumen gepeitscht wachte er immer wieder auf. Es waren wirre Träume von Dämonen, die in dem schwarzen Stein wohnten und ihn holen wollten. In einem anderen Traum betrat er eine riesige Höhle und wurde dort zu Stein. Nur eins träumte er nicht: daß jemand seinen Ring stehlen wollte.

Gabriele war froh, daß sie an diesem Tag weitgehend Ruhe vor Choru hatte. Auch an den folgenden Tagen sollte es so bleiben. Einmal am Tag kam der Arzt vorbei, wechselte die Verbände und trug neue Salbe aus. Doch das linke Bein, welches stärker verbrüht worden war als das rechte, hatte sich entzündet, und die arme Frau konnte sich vor Schmerzen kaum bewegen. Choru bekam davon nichts mit, aber er verlangte auch nichts weiter von ihr. Um das Essen kümmerten sich die Kinder. Was sie nicht wußten war, was den Zikadenmann so beschäftigte: Es war das BUCH aus der Truhe, das zweite Werkzeug der Dunklen Mächte, das irgendein Troll oder Dämon hier mitten in der Wildnis von Urzeiten versteckt haben mochte.

Das BUCH war unheimlich. Wenn der Zikadenmann eine Seite aufschlug, dann erschien sie für einen ganz kurzen Augenblick leer, bevor sie sich mit Schriftzeichen, manchmal auch Skizzen und Bildern füllte. Choru Ellis war sich durchaus darüber im Klaren, daß er hier einen Schatz in den Händen hielt, wie es in der Welt der Menschen kaum einen zweiten gab. Jedesmal, wenn er eine Seite umschlug und das Pergament berührte, durchlief ihn ein Schauder der Erregung. Einmal sah er sich in eine bizarre Traumwelt versetzt und vergaß minutenlang zu atmen, starb dabei aber nicht. Die Macht dieses dämonischen Objektes rettete ihn.

Das BUCH war in einer sehr alten und kaum verständlichen Sprache geschrieben. Choru verstand nur das Wenigste und rätselte über die vielen unbekannten Zeichen und Buchstaben. Als Beamter hatte er wenigstens schon mal von diesen Dingen gehört, doch um den Text in moderne Sprache zu übersetzen, brauchte er einen Experten. Aber es war dem Zikadenmann klar, daß er das BUCH niemandem anvertrauen konnte. Vielleicht stand etwas über den Ring darin. Und da waren diese seltsamen Karten und das uralte Symbol für Gold. Es kam ziemlich oft vor.

Das Jagdfieber hatte den Zikadenmann gepackt. Obwohl er kaum etwas in dem BUCH lesen konnte, brachte er es nicht fertig, es wieder aus der Hand zu legen. Mühsam, Zeichen für Zeichen, kämpfte er sich durch den Text. Das Zeichen für Gold war in einem der Kapitel oftmals kombiniert mit einem anderen Zeichen, das Ellis kannte: dem für König oder Königin. Offenbar ging es hier um die sagenhafte Goldene Königin. Der Zikadenmann rätselte herum, was sie mit dem Goldland zu tun hatte. Vielleicht wohnte sie da. Es war schon zu ärgerlich, daß er den Text kaum entziffern konnte. Er beschloß jedenfalls, daß er dieser Frau vielleicht besser aus dem Weg gehen sollte, wenn er sie traf. Denn er hatte nicht vor, das Gold, daß er sich erhoffte, mit jemandem zu teilen. Mit niemandem, auch nicht mit den sagenhaftesten Märchengestalten.

Nein, keine Menschenseele durfte je dieses Buch zu sehen bekommen! Sein wahrer Wert bestand nicht in seinem sagenhaften Alter, sondern in dem, was darin geschrieben stand. Und Choru brauchte jetzt auf jeden Fall eine Art Wörterbuch.


Es sollte fast zwei Jahre dauern, bis er das Buch übersetzt hatte. Doch als er es hatte, nahm das Unheil unaufhaltsam seinen Gang.

*

"Vater, Vater! Ein Bote von Prinz Sofrejan ist soeben in die Stadt eingeritten. Jetzt kann es bestimmt nicht mehr lange dauern, bis auch er kommt." Olivia war vor Aufregung völlig aus dem Häuschen. Seit der Abreise Sofrejans fieberte sie seiner Rückkehr und der Hochzeit entgegen.

Der Weiße König versuchte, sie etwas zu beruhigen: "Sicher, mein Kind, sicher. Aber ich fürchte, Geduld mußt du noch lernen."

"Oh, Vater, wenn er doch nur schon hier wäre."

"Wer? Der Bote oder der Prinz?"

Olivia sah ihren Vater irritiert an, doch dann erwiderte sie sein schelmisches Lächeln.

Wenig später wurde mit Trompetenklängen der imperiale Bote angekündigt. Harro fragte sich, warum man den Herrscher der kleinen Sonneninsel Imperator nannte. Er wußte es nicht, es war eben schon immer so gewesen.

Er rückte die Krone zurecht und setzte sich möglichst würdevoll in seinen Thron. Dann stießen die Hoflakaien mit gewaltigem Quietschen das Portal auf.

"Wenn ich bei Elysiss mal einen Wunsch frei habe, dann werde ich mir wünschen, daß dieses gräßliche Quietschen aufhört", murmelte er zu sich selbst. Dann betrat der Bote der Sonneninsel den Thronsaal. In der einen Hand trug er das imperiale Banner, in der anderen eine Art Lederköcher, aus dem er nun ein Schriftstück hervorzog. Nach einer formvollendeten Begrüßung kam er zur Sache: "Majestät. Im Auftrag meines Gebieters, des regierenden Prinzen Sofrejan von der Sonneninsel habe ich dieses Schreiben zu verlesen. Wenn Ihr gestattet..."

"Nur zu." Der Weiße König nickte ihm huldvoll zu.


"An den erlauchten König Harro von Hocharco, den Herrscher des Weißen Landes, und seine liebreizende Tochter, die Prinzessin Olivia. Majestät. Hiermit erlauben wir uns in aller Form, um die Hand Eurer Prinzessin anzuhalten. Die Hochzeit soll stattfinden am dritten Tage von heute. Wir bedauern es außerordentlich, das großzügige Angebot Eurer Majestät zur Vereinigung unserer beiden Reiche nicht annehmen zu können und hoffen, daß dies der Hochzeit nicht im Wege steht. Des weiteren annoncieren wir unser Eintreffen in Eurer Hauptstadt für den morgigen Tag.

Gezeichnet Sofrejan, Prinzregent der Sonneninsel."


Der Weiße König verbarg seine Enttäuschung über die Absage Sofrejans, was seine Nachfolge anging, denn um nichts Anderes ging es ihm ja bei dem Vereinigungsangebot. Und es hieß weiter, daß Sofrejan statt dessen Olivia mit sich auf die Sonneninsel nehmen würde und er somit die dritte Tochter verlor. Doch das war wohl sein Schicksal als Vater von vier Mädchen. Irgendwie würde er es schon schaffen. Immerhin blieb ihm ja noch Alessandra.

Olivia hingegen interessierte die hohe Politik überhaupt nicht. Sie war glücklich, ihren Geliebten bald wiederzusehen.

"Vielen Dank, mein lieber Bote. Wenn ihr zurückreitet, dann gebe ich Euch eine Ritter-Eskorte mit, die den Prinzen sicher durch mein Gebiet geleiten wird."

"So soll es geschehen, Majestät. Ich bedanke mich im Namen meines Herrschers für Eure Gastfreundschaft." Und nachdem man den Boten verpflegt und ihm ein neues Pferd gegeben hatte, ritt er mit 50 Soldaten unter der persönlichen Führung des Rittmeisters von Walldorff seinem Prinzen entgegen, der bereits unterwegs war.


Seufzend ließ sich der Weiße König in einem Stuhl im Büro Adalberts nieder. Ihm gegenüber saß der Majordomus, und in der Tür lehnte Alessandra, die ihrem Vater gefolgt war, als sie ihn sorgenvoll durch die Vorhalle hatte gehen sehen.

"Ach, Adalbert. Jetzt verliere ich schon die dritte meiner Töchter, und es ist noch immer kein Nachfolger für mich in Sicht. Wer soll das Reich führen, wenn ich mal nicht mehr da bin?"

"Nun, mein König, wenn ich einen Vorschlag machen dürfte?"

"Du weißt doch, daß du mir alles sagen darfst. Das war schon immer so, mein getreuer Adalbert."

Der Majordomus lächelte warmherzig, dann sagte er: "Habt Ihr schon mal darüber nachgedacht, daß das Reich statt von einem König auch von einer Königin regiert werden könnte?"

Hatte er nicht. Diese Idee war für ihn völlig neu und überraschend. Mit großen Augen starrte er den Majordomus an.

"Und wen hast du dabei im Sinn, Onkel Adalbert?", fragte Alessandra dazwischen.

"Dich!", antwortete er frei heraus, und nun war es an der Prinzessin, perplex dreinzuschauen. Dann blickte der Weiße König seine Tochter an, und schließlich beide den Majordomus.

"Ja, ja, du Teufelskerl!", rief der Weiße König begeistert. "Das ist die Idee!"

"Aber ..." wehrte Alessandra ab. Sie als Weiße Königin?

"Wir müssen es ja nicht heute entscheiden", beruhigte Adalbert sie. "Mein liebes Kind, es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird."

Nachdenklich verließ Alessandra den Verwaltungsflügel. Der Weiße König hingegen war in Hochstimmung, obwohl es dafür kaum einen Grund gab. Denn wie Adalbert völlig richtig bemerkt hatte: Es war noch überhaupt nichts entschieden.


Spät am Abend saßen Olivia und Alessandra auf dem Bett zusammen. Im Zimmer waren die Kerzen bis auf eine heruntergebrannt, und im Halbdunkel sahen sich die beiden jungen Frauen mit großen Augen an.

"Du wirst jetzt bald heiraten und fortgehen." Alessandras Stimme klang sehr traurig. "Ich glaube, ich spüre jetzt zum ersten Mal richtig, daß unsere unbeschwerte Kindheit vorüber ist. Simona, Ornella, jetzt du. Und ich soll vielleicht die Weiße Königin werden."

Olivia zeigte Erstaunen, sagte aber nichts. Sie sah Alessandra fragend an.

"Ja, Adalbert hat es Vater heute vorgeschlagen. Weil Sofrejan dich mit sich nehmen will, statt hier König zu werden. Oh, Schwester, ich vermisse dich jetzt schon." Sie lachte etwas gequält: "Ist das nicht albern?"

Olivia öffnete die Lippen zu einer Erwiderung, doch dann streichelte sie Alessandra über das Haar und zog den Kopf ihrer jüngeren Schwester an ihre Brust.

Sie fühlte ihre Tränen und flüsterte: "Alessandra. Du weinst ja."

Olivia war zutiefst gerührt. So kannte sie ihre Schwester überhaupt nicht, ihre trotzige, wilde, eigensinnige, tapfere Schwester.

"Wein' doch nicht, sonst muß ich auch anfangen. Dabei werde ich in drei Tagen meinen Schatz heiraten." Sie seufzte.

"Frauen dürfen eben manchmal weinen", flüsterte Alessandra leise. "Zum Glück."


Es war nicht so wie damals beim Turnier. Sofrejan hatte nur ein paar Diener dabei und er brachte auch nicht viele Geschenke. Doch alle betrachteten das als selbstverständlich, und Olivia war es sowieso völlig egal. Sofrejan war noch nicht richtig vom Pferd herunter, da war sie ihm schon um den Hals gefallen. Dann waren sie in ihrem Zimmer verschwunden, und nur mühsam hatte der Prinz seine Verlobte nach ein paar Stunden davon überzeugen können, daß er vor dem Ja-Wort noch einiges zu erledigen hatte. Zum Beispiel eine Unterredung mit dem Weißen König.

Selbst bei einer Bauernhochzeit gab es vorher einiges auszuhandeln. Und dies hier war die Vermählung zweier der wichtigsten Herrscherhäuser ...


Harro erneuerte sein Angebot zur Vereinigung seines Reiches mit der Sonneninsel, doch Sofrejan erklärte, daß er nicht derjenige Imperator sein wollte, der eine ewige Tradition brach. Eine Tradition zudem, mit der die Sonneninsel immer gut gefahren war, wie ihr Reichtum bewies.

Der Weiße König nahm es schließlich mit einem letzten Seufzer hin.

Dann gingen sie die Einzelheiten der Trauung durch, die in der Weißen Kathedrale stattfinden sollte. Es war zwar kein großes Fest geplant, denn immerhin waren noch zahllose Flüchtlinge in der Stadt, aber einen feierlichen Abend für alle würde es schon geben. Sofrejan sicherte dem Weißen König seine Unterstützung beim Wiederaufbau des vom Krieg zerstörten Ostens zu und bat dafür um Hilfe bei seinen eigenen Problemen: Dem Aufbau eines Geheimdienstes und der internationalen Diplomatie.

Der Weiße König, dem die Wichtigkeit solcher Dinge wohlvertraut war, ließ Gerald Markow, einen seiner besten Geheimdienst-Männer kommen und teilte ihn Sofrejan zur Unterstützung zu. Dann unterhielten sie sich über Cordo und Starrus. König Harro war durch Alessandra in allen Einzelheiten über die Umstände von Cordos Rückkehr informiert. Vor allem wußte er, welche Rolle der Schwarze König dabei gespielt hatte. Er brachte es Sofrejan schonend bei. Immerhin war ja auch eine seiner Töchter mit dem Schwarzen König verheiratet, und wie man hörte, war sie glücklich dort.

Sofrejan wollte das nicht so recht glauben, und er nahm sich vor, den Schwarzen König eines Tages zu besuchen, um sich selbst ein Bild zu machen. Er hatte ihn ja nur kurz kennengelernt und keinen klaren Eindruck von ihm gewinnen können. Nur eine gewisse geheimnisvolle Faszination war geblieben.

"Tja, das Auftauchen Cordos hat mehr Probleme erzeugt als gelöst", meinte der Weiße König schließlich. "Aber ich bin sicher," fuhr er fort, "daß er mit meiner Unterstützung bald mit diesem Widerling Starrus aufgeräumt haben wird."

"Ach, Ihr unterstützt Cordo ganz offen? Das wußte ich gar nicht", antwortete Sofrejan überrascht.

"Doch, doch. Kein Problem. Mit Starrus habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen. Seht Euch nur mal in der Stadt um: Alles voller Flüchtlinge, die wegen der verbrannen Felder und Städte nicht wissen, wie sie über den Winter kommen sollen. Dafür werde ich Starrus bestrafen, selbst wenn ich auf meine alten Tage noch mal persönlich ins Feld ziehen muß!"

"Ich glaube auch nicht, daß Starrus seinen Thron zurückerobern kann. Aber Ihr sagtet, der Schwarze König hätte ihn aus der Konservierung des Barons der Hölle befreit. Warum eigentlich?"

"Nun, Alessandra hat mir berichtet, daß sein Ziel eigentlich war, ihre Hinrichtung zu verhindern."

"Aber das hätte er mit seinen Zauberkräften doch leicht gekonnt. Warum dieser Aufwand?"

"Weil er genau das nicht wollte, nämlich hingehen und mit seinen magischen Kräften eine Weiße Prinzessin retten. Alessandra sagte, er wollte seinen schlechten Ruf nicht verlieren."

Sofrejan blickte den Weißen König an, als habe er den Verstand verloren. "So, so", sagte er schließlich kopfschüttelnd. Den Schwarzen König als guten Menschen konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen.


Am Abend des übernächsten Tages fand die Trauung statt. Es war der 5. Januar des Jahres 1243.

Eine feierliche Stimmung war an diesem Wintertag in der Weißen Hauptstadt eingekehrt. Schnee bedeckte die Straßen und Häuser, und ließ sie in der Abendsonne wie aus Zuckerguß aussehen. Alles wirkte sauber, und eine fast heilige Stille senkte sich über die Stadt, als der Weiße König, gefolgt vom Prinz Sofrejan und Prinzessin Olivia den Palast verließ und durch die Straßen der Innenstadt zur Kirche zog. Hinter ihnen kam Prinzessin Alessandra als Olivias Trauzeugin, Mayer, der Palastverwalter Sofrejans, als dessen Trauzeuge, dann der Weiße Majordomus, Rittmeister von Walldorff, General Aistimarat und die hohen Beamten des Weißen Reiches.

Die Glocken der Kathedrale läuteten, und in vielen Seitenstraßen hatte man Feuer entzündet, über denen Hirsche und Fasane, Ochsen, Hasen, fette Hunde, Hühner und Schweine gegrillt wurden. Der Klang der Glocken und der Duft der Festtagsbraten zogen durch die hereinbrechende Winternacht und gaben ihr etwas Märchenhaftes.

Voller stummer Ergriffenheit sahen die Menschen, oft selbst nur in Lumpen gekleidet, dem königlichen Brautpaar hinterher, wie es in seinen golden funkelnden Gewändern majestätisch durch die Straßen ging. Die Älteren erinnerten sich noch an die Hochzeit des Weißen Königs mit der Weißen Königin, einer sanften und wunderschönen Frau. Damals hatte das Volk jubelnd auf den Straßen getanzt, heute herrschte eine andächtige, heilige Stille. Die temperamentvolle Olivia, der junge Wildfang Alessandra - sie waren wie ausgewechselt. Engelsgleich schwebten sie durch die Märchenstadt und brachten den Herzen der vom Krieg gezeichneten Menschen Ruhe und Frieden.

Plötzlich das Hufgetrappel zweier Pferde, dann der Aufprall von zwei Stiefelpaaren auf dem Pflaster. Viele Augen flogen herum, doch diesmal geriet seltsamerweise niemand in Panik, keiner schrie auf beim Anblick des Schwarzen Königs und der Schwarzen Königin. In dieser Märchennacht ging selbst von diesen beiden Frieden aus, zumal jeder Prinzessin Ornella erkannte.

Langsam, mit gemessenen Schritten, seine Bestgeliebte an seiner Seite, bahnte sich Thoran seinen Weg durch die Menge, die bereitwillig vor ihm zurückwich. Jetzt wurde auch der Weiße König und sein Zug aufmerksam. Harro bekam große Augen. Er hatte seine älteste Tochter seit vielen Monaten nicht mehr gesehen. Und nun war sie auf einmal da, zusammen mit ihrem unheimlichen Mann.

"Ornella!" rief Alessandra, als sie ihre Schwester sah. Sie löste sich aus der Prozession, rannte auf ihre älteste Schwester zu und fiel ihr lachend und weinend zugleich in die Arme. Keine drei Schritte hinter ihr kam Olivia, ebenso glücklich. Etwas abseits stand der Schwarze König, seine Würde wahrend, doch damit war es vorbei, als Alessandra auch ihn stürmisch umarmte und ihn auf die Wangen küßte.

"Thoran, Schwester! Wie freue ich mich, euch zu sehen."

Der Schwarze König lächelte sie unergründlich an, dann kehrten Alessandra und Olivia in die Prozession zurück. Thoran und Ornella traten dem königlichen Zug ebenfalls bei.

Sofrejan warf seinem zukünftigen Schwippschwager einen mißtrauischen Blick zu, sagte aber nichts. Denn die Freude Olivias zumindest über das Erscheinen ihrer großen Schwester und die Begeisterung, mit der Alessandra den Schwarzen König begrüßt hatte, verhießen eigentlich nur Gutes. Wie es schien, würde die Hochzeit trotz dieses unangemeldeten Besuches harmonisch und friedlich verlaufen.

In der Kirche war es hell erleuchtet. Überall brannten Fackeln und Kerzen, und an den Wänden standen Jungen und Mädchen in weißen Gewändern Spalier und warfen Blumen auf das Hochzeitspaar. Die Glocken schlugen wieder, und die Kinder formten einen Chor und begannen leise, feierliche Lieder zu singen. Ihre Augen leuchteten dabei vor Freude. Dazu ertönte leise die große Reichsorgel und füllte die Kathedrale und die angrenzenden Straßen und Plätze mit ihrem getragenen, feierlichen Ton.

Schließlich traten Sofrejan und Olivia vor den Priester.

"Prinz Sofrejan, zukünftiger Imperator der Sonneninsel! Und du, Weiße Prinzessin Olivia aus dem Hause Hocharco. Ihr seid heute hier zusammengekommen, um in den heiligen Stand der Ehe zu treten. Wie es Tradition ist, sollt Ihr Euch das, was Euch am wichtigsten ist, geloben, wenn Ihr Euch über die Schwere und Tragweite Eures Entschlusses im klaren seid." Auffordernd blickte er den Prinzen an.

"Meine geliebte Olivia. Ich schwöre, dich immer zu lieben und zu beschützen vor allem Schmutzigen und Bösen, bis an das Ende meiner Tage."

Und Olivia antwortete mit leiser, aber fester Stimme: "Mein über alles geliebter Sofrejan. Ich gelobe dir meinen Rat, meine Ehrerbietung und meine flammende Liebe auf ewig."

Alessandra erinnerte sich, daß Ornella bei ihrer Hochzeit mit Thoran fast dieselben Worte verwandt hatte, und warf ihrer ältesten Schwester einen wissenden Blick zu, den diese mit einem feinen Lächeln erwiderte.

Der Priester blickte in die Runde und fuhr fort: "Da Ihr Euch nun über Euren Entschluß im Klaren seid, vereinige ich Euch hiermit im heiligen Stand der Ehe, bis daß der Tod Euch scheidet!"

Und dann brach der Jubel los.

Es wurde ein rauschendes Fest, das die Bewohner der Weißen Stadt in dieser Nacht auf ihren Straßen und Plätzen feierten. An Schlaf dachte keiner, es wurde gegessen und getanzt, und mitten unter ihnen das frischvermählte Paar, der Weiße König, der Schwarze König mit seiner Königin und Prinzessin Alessandra.

"Hier!" Thoran, neben dem einige Plätze freigeblieben waren, war aufgestanden und zu Alessandra hinübergegangen. Er hatte etwas aus einer Tasche hervorgeholt und überreichte es nun der Prinzessin, die sich gerade angeregt mit Ornella und Olivia unterhielt.

"Oh, Simonas Ring!"

"Ja. Ich habe ihn in die Kette eingefügt. Gib ihn deiner jüngsten Schwester, wenn du sie wiedersiehst!"

Sein Blick richtete sich nun auf Olivia. "Kennst du die Bedeutung dieser Kette, Olivia?"

Scheu erwiderte Olivia den Blick Thorans. "Ja", sagte sie, unsicher den Tisch vor sich anstarrend.

"Wenn du willst, kann ich auch deinen Ring noch einfügen. Ihr werdet bald weit voneinander getrennt sein. Die Ringe helfen euch in Zeiten der Not, einander zu Hilfe zu rufen."

Olivia wandte nun den Kopf dem Schwarzen König zu und blickte ihn schüchtern und vorsichtig an. Erstaunt registrierte sie, daß Ornella aufgestanden war und sich nun zärtlich an den Schwarzen König schmiegte. Irgendwie gab ihr das etwas Mut. Entschlossen zog sie ihren Pantherring vom Finger und reichte ihn ihm. Der Schwarze König nahm ihn entgegen, lächelte der frischgebackenen Prinzessin der Sonneninsel aufmunternd zu und steckte den Ring ein.

"Ich denke, ich sollte jetzt wieder gehen, nachdem ich Gelegenheit hatte, zumindest den größten Teil meiner angeheirateten Verwandtschaft kennenzulernen."

"Oh, bleib doch noch", rief Alessandra enttäuscht, aber Thoran schüttelte den Kopf. Dann meinte er: "Aber meine Bestgeliebte kann noch ein paar Tage bleiben, wenn sie möchte." Er blickte Ornella an, und ihre großen schwarzen Augen leuchteten vor Freude auf.

"Nun denn." Er küßte seine Frau lange und inniglich, dann verabschiedete er sich von den anderen, teils herzlich, wie bei Alessandra, teils eher reserviert. Schließlich bestieg er sein schwarzes Pferd, ritt aus der Stadt und wurde kurz darauf von der Dunkelheit verschluckt.


"Vater, was hast du?" fragte Alessandra, als sie den Weißen König nachdenklich an seiner Tafel stehen sah. Es war schon sehr spät, fast schon früher Morgen. Die Feuer waren heruntergebrannt, aber immer noch drehten sich an den Spießen große Fleischstücke. Alessandra ging zu ihm hinüber und schlang ihre Arme um seinen Hals.

"Ist es wegen Thoran?" flüsterte sie in sein Ohr.

"Hmm? Nein. Aber ich frage mich, warum Elysiss heute nicht gekommen ist. Ich mache mir Sorgen. Ich hätte meinen ... Schwiegersohn fragen sollen. Leider ist es mir erst zu spät eingefallen." Er brummte unwillig vor sich hin.

"Stimmt. Mir ist es gar nicht aufgefallen, aber du hast recht. Ich werde Ornella bitten, Thoran zu fragen, wenn sie wieder im Schwarzen Schloß ist."

"Sage Ornella doch bitte, sie soll mal zu mir rüberkommen."

"Gern, Vater."

Etwas scheu trat kurz darauf trat die Schwarze Königin vor den Weißen König hin. Offensichtlich hatte sie ein schlechtes Gewissen. Die Ereignisse damals waren turbulent und zum großen Teil sehr unerfreulich gewesen, und sie hatte durchaus eine gewisse Mitschuld daran.

König Harro musterte seine Tochter lange und eingehend. Olivia hatte sich verändert. Fast als einzige der anwesenden Frauen trug sie keinen Rock, sondern einen schwarzen Hosenanzug aus einem Material, das der Weiße König nicht kannte, eine Art mattglänzendes Leder. Der Anzug stand ihr hervorragend. Er umschmiegte ihren weiblichen Körper sehr eng, war aber so elastisch, daß sie darin jede Bewegungsfreiheit hatte. Die tiefschwarzen Haare hatte sie, genau wie früher, zu zwei Zöpfen geflochten, die rechts und links über ihre Schultern fielen. Die dunklen Augen bildeten einen reizvollen Kontrast zur alabasterweißen Haut ihres Gesichts und ihren blutroten Lippen. Der Weiße König fand, daß seine älteste Tochter unglaublich gut aussah. Ihre Gesichtszüge strahlten die königliche Ruhe und Würde aus, die er sich von seinem Geschlecht immer gewünscht hatte, egal, ob es sich um männliche oder weibliche Angehörige handelte.

Er lächelte Ornella an und streckte eine Hand nach ihr aus: "Meine liebe Tochter. Komm, setzt dich doch mal zu mir. So. Mein Gott, wenn mir einer gesagt hätte, daß ich mal der Schwiegervater des Schwarzen Königs werden würde ... Du bist zu einer wunderschönen und stolzen Frau herangewachsen. Ich mache mir Sorgen, ob du in den richtigen Händen bist, mußt du wissen."

Ornella öffnete den Mund zu einer Antwort, doch dann überlegte sie es sich anders. Ein versonnenes Lächeln umspielte ihre vollen Lippen. Schließlich gurrte sie: "Das kann dir bald dein Enkel erzählen!"


Der Abschied war schwer und tränenreich. Ornella kehrte ins Unendliche Land zurück, und Sofrejan nahm seine Frau mit zur Sonneninsel, die selbst jetzt, im Winter, Licht und Helligkeit auszustrahlen schien. Seine Mutter war in letzter Zeit kaum noch in Erscheinung getreten, somit drohte von dieser Seite wohl keine Gefahr mehr, und er wollte natürlich von seiner geliebten Frau nicht getrennt sein.

Zurück blieben Alessandra und der Weiße König.

*

Alessandra besuchte bald darauf Simona und überbrachte ihr ihren Gepardenring. Dabei erfuhr sie, daß Simona ebenfalls Mutterfreuden entgegensah. Mit dieser erfreulichen Nachricht kehrte sie zu ihrem Vater zurück, der sich wegen dieser Reise mitten im Winter große Sorgen gemacht hatte. Aber es verlief alles glatt, und die Prinzessin, die mittlerweile offen als neue Weiße Königin gehandelt wurde, kehrte gesund und munter ins Weiße Schloß zurück.


Aber noch jemand anderes hatte sich den Winter zum Reisen ausgesucht.

*

Wenn man sich die große Karte, die im Arbeitszimmer des Majordomus Adalbert hing, ansah, dann fiel einem ein recht kleines, grob rautenförmiges Landstück mit Namen "Herzogtum Rolfes" auf, das östlich der Sonneninsel begann, südlich an das Weiße Königreich und westlich an Arcadialand grenzte. Auf der Karte war auch eine Süd- und eine Westgrenze dieses Herzogtums eingezeichnet, aber das entsprach nicht der Realität. Wo die Macht von Herzog Rolfes II endete, wußte nicht mal er selbst. Irgendwo kam die letzte Stadt, dann das letzte Dörfchen, dann der letzte Hof, und dann begann irgendwo dahinter die herrenlose Steppe, das südliche Ödland.

Vor nicht einmal hundert Jahren waren Nomaden aus den Wüsten und Halbwüsten im fernen Westen mit ihren Herden in diese bis dahin praktisch unbewohnte Gegend gekommen und hatten sich niedergelassen. Ihr Anführer war noch Viehtreiber und Stammeshäuptling gewesen, sein Sohn nannte sich dann schon Herzog Rolfes I, und dessen Sohn führte den Titel Herzog geradezu mit heiliger Inbrunst. Doch in den Augen des übrigen Hochadels waren sie immer noch stinkende Ziegenhirten.


Es war Ende Januar des Jahren 1243, und ein eisiger Wind pfiff über das vereiste Land. Er jagte Schneeböen vor sich her und trieb den fünf einsamen Reitern, die tief eingehüllt in ihre Mäntel auf ihren Pferden saßen, die Tränen in die Augen. Das Land war flach und offen, aber der Sturm und die tiefhängenden grauen Winterwolken verhinderten, daß man mehr als ein paar hundert Meter weit sehen konnte. Zum Glück wußte der Führer, wohin die Gruppe zu reiten hatte, und die Pferde, kleine, pummelige Steppentiere mit dichtem, struppigem Fell, kannten den Weg ebenfalls.

Die vier anderen Reiter waren Kommandeur de Roqueville, einer seiner Stellvertreter, König Starrus und sein Sohn Nuitor. Und sie waren auf dem Weg zu Herzog Rolfes II.

Stunde um Stunde quälten sie sich durch den eisigen Wind. Ihre Hände waren schon gefühllos, als sie endlich ein Zeltlager der Rolfes-Leute erreichten. Starrus hatte Geld dabei, viel Geld sogar, und da die Bewohner des Herzogtums nicht gerade reich waren, hätte man sie auch dann einquartiert, wenn der Führer nicht einer der Ihren gewesen wäre.

Sie übernachteten also in einem zugigen Zelt, und am nächsten Tag ging es weiter, weiter durch Sturm, Eis und Schnee.

Das ging fünf Tage lang so, und jeder der vier Fremden wünschte sich in jeder Sekunde, er hätte sich nicht darauf eingelassen: auf den kühnen Plan von König Starrus, mit dem er Cordo in die Knie zwingen wollte. Doch am Mittag des fünften Tages erreichten sie endlich Stomol, die herzögliche Hauptstadt.

Außer dem Führer, der vorausritt, um sie bei seinem Herzog anzukündigen, hatten sich alle unter einer Hauptstadt etwas Anderes vorgestellt als ein besseres Hüttendorf mit ein paar Steinbaracken, jedoch hüteten sie sich, abfällige Bemerkungen zu machen, obwohl sie die Stadt und ihre armseligen Bewohner voller Verachtung und Herablassung betrachteten. Doch sie brauchten Rolfes II. Und sie würden seine Hilfe bekommen, denn Starrus wußte, was der Herzog mehr als alles andere begehrte.

Bald darauf kehrte der Führer wieder zurück. Er war einer der zahllosen Söhne des Herzogs, die dieser mit seinen Frauen, deren Zofen, den Zimmermädchen, Köchinnen, Sklavinnen und jeder anderen erreichbaren Frau gezeugt hatte. Wegen seiner Verwandtschaft mit dem Herrscher hatte er auch keine Schwierigkeiten gehabt, beim Herzog vorzusprechen. Nun trat er zu den Vieren, die inzwischen in einem großen, gut geheizten Zelt untergekommen waren, in dem reichlich Essen und Getränke angeboten wurde, und sagte: "Mein Vater ist im Moment leider zu beschäftigt für eine Audienz, aber er hat heute abend einen wichtigen Termin verschoben, extra, um Euch anzuhören."

Nuitor preßte ob dieser Unverschämtheit die Kiefer vor Wut so fest zusammen, daß es knackte. Mitten im Winter hatte dieser Hirte, der sich Herzog nannte, nichts, aber auch rein gar nichts zu tun, es sein denn, er amüsierte sich gerade mit einer seiner Gespielinnen. Stattdessen behandelte er den mächtigen arcadischen König wie einen Bittsteller. Starrus, der offensichtlich genauso dachte, warf seinem Sohn einen warnenden Blick zu. Er war entschlossen, mit Rolfes wegen dieser Demütigung abzurechnen, nachdem er Cordo erledigt hatte. Aber erst dann.

Der Kommandeur, den er kürzlich eingekauft hatte, den besten der ganzen Sonneninsel-Armee übrigens, hatte hingegen keine Miene verzogen, ebensowenig wie sein Stellvertreter. De Roqueville war ein Mann, den so gut wie nichts aus der Ruhe brachte und der alle schlechten Eigenschaften der Menschen kannte, so daß er nie unangenehm überrascht werden konnte. Dazu war er ein eiskalter, berechnender, oft grausamer Draufgänger und genialer Taktiker. Und natürlich der Mann, der sich in den Augen von Starrus ewigen Ruhm damit erworben hatte, daß er Prinzessin Alessandra gefangengenommen hatte.

"Danke", erwiderte Starrus knapp und so frostig, wie es gerade noch ging. Dann wandte er sich demonstrativ wieder seinem Essen zu. Das Essen war hier wirklich der einzige Lichtblick. Diese Bauerntrampel verstanden zu kochen.

Später setzten sie sich zu ein paar Kartenspielern an einen Tisch und vertrieben sich die Zeit bis zum Abend. Dabei glänzte vor allem de Roqueville durch besonderes Geschick und nahm einen der Rolfes-Leute nach dem anderen aus. Selbst Starrus und Nuitor mußten an ihn zahlen, und der Kommandeur dachte gar nicht daran, auf seinen neuen Herrn und dessen Sohn besondere Rücksicht zu nehmen. Davon abgesehen besaß Starrus mehr, als dieser Soldat je in seinem Leben haben würde, es machte ihm also nichts aus. Auch Nuitor ertrug es mit Fassung, doch er beobachtete de Roqueville genau und wurde im Laufe des Abends immer besser.

Dann trat Rolfes' Sohn an ihren Tisch und sagte mit salbungsvoller Stimme: "Der Herzog läßt jetzt bitten."

Nuitor wollte sich schon erheben, doch Starrus hielt ihn am Arm fest und drückte ihn auf seinen Stuhl zurück. Er blickte den anderen nur kurz an und sagte: "Teile er seinem Herrn mit, daß wir gerade eine Glückssträhne haben und diese auszunutzen gedenken. Wir kommen dann etwas später."

Der Junge stand wie vom Donner gerührt da, dann drehte er sich verstört um und lief wieder hinaus. Etwas später - schließlich wollten sie es nicht übertreiben - folgten Starrus und seine Begleiter.

Der König von Arcadialand war neugierig, wie der Herzog sie nun empfangen würde. Es war eigentlich alles möglich: Er konnte wegen der Mißachtung seiner Person tief beleidigt sein, oder vielleicht bewunderte er Starrus gerade wegen seiner Arroganz und königlichen Unnahbarkeit.

Und so war es auch, obwohl Rolfes II es nicht sofort offen zeigte. Starrus wußte, daß dem sogenannten Herzog seine niedere Abstammung nachhing und er sich nichts sehnlicher wünschte, als vom alten Hochadel als Seinesgleichen anerkannt zu werden. Genau damit wollte Starrus ihn locken, denn die Krieger des Herzogs waren tapfere und zähe Soldaten, die für ihr Land schon so manche aussichtslos erscheinende Schlacht herumgerissen hatten. Genau der richtige Menschenschlag, um mit den fanatisierten Anhängern Cordos fertig zu werden.

Nach einer mehr als langatmigen Begrüßung, die der Herzog wohl für besonders vornehm hielt, kamen er und Starrus dann zur Sache. Während dessen sah sich de Roqueville im Thronsaal, wenn man ihn mal so nennen wollte, um. Selten hatte er so viel wertlosen Krempel und scheußlichen Kitsch an einer Stelle versammelt gesehen. Offenbar hatte man diesen Hirten allen Schrott angedreht, den man woanders nicht mehr verkaufen konnte, und sie hatten in ihrer Naivität geglaubt, es sei besonders alt und wertvoll. Dann wandte der Kommandeur seine Aufmerksamkeit wieder den zähen Verhandlungen zu.

Die Wünsche von Starrus waren einfach: So viele Soldaten wie möglich. Dafür bot er zunächst Geld, lockte dann aber auch, indem er durchblicken ließ, daß er eine seiner Töchter an einen der Söhne von Rolfes verheiraten könnte. Damit würde der Ziegenhirte in den alten Hochadel aufrücken, und wenn schon nicht er selbst, dann wenigstens sein Sohn. Doch irgendwie schien Rolfes das zu Kopf gestiegen zu sein, denn er verlangte mehr. Er wollte selbst König werden. Und so war sogar der kaltblütige de Roqueville überrascht, als Starrus schließlich umschwenkte und sagte: "Wenn Eure Soldaten gegen Cordo und seinen Verbündeten, den Weißen König siegen, dann werdet Ihr die Weiße Krone erhalten."

Die Weiße Krone war DAS Symbol schlechthin für königliche Herrlichkeit, die anerkannteste und begehrteste Krone von allen. De Roqueville verstand zwar, daß Prinz Sofrejan sie abgelehnt hatte, aber das war eine Ausnahme. Und noch eines war allen Anwesenden außer dem Herzog klar: Daß er die Krone niemals bekommen würde. Starrus hätte ihm sonstwas versprochen, und dieser Bauer glaubte alles. Das bedeutete, daß de Roqueville als designierter Oberbefehlshaber der gesamten arcadischen Armee und der herzöglichen Hilfstruppen sich schon jetzt, in dieser Sekunde darauf einzurichten hatte, die Soldaten des Herzogs nach getaner Arbeit loszuwerden. Und zwar für immer. Schon in der Aufstellung der ersten Schlachtordnung war zu berücksichtigen, daß ganz am Ende, vielleicht erst nach Jahren, die Hirten entsorgt werden mußten. Und ihr dämlicher Herzog am besten gleich als erster. De Roquevilles Augen leuchteten. Dies war die Art von Herausforderung, die er so liebte.


Die Aussicht auf die Weiße Krone hatte bei Rolfes II jedes Maß verlorengehen lassen. Er versprach Starrus alle wehrfähigen Männer seines gesamten Reiches, alle Pferde, Geld, so viel er brauchte, Frauen für ihn und seine Leute, was der König zumindest für sich selbst entschieden ablehnte, kurz: er stellte praktisch sein gesamtes Reich Starrus zur Verfügung. Und Starrus griff zu. Er blieb zusammen mit de Roqueville in Stomol und befahl die sofortige Mobilisierung, während er seinen Sohn und den Adjutanten nach Gel-Gabal zurückschickte, um dort den Einsatz der Herzöglichen zu planen und für einen sofortigen Angriff zu rüsten. Denn kein Mensch in Arcadialand oder im Weißen Königreich rechnete mit einem Angriff mitten im tiefsten Winter.


Anfang März wäre es soweit gewesen, doch Rolfes II war zu ungeduldig. Er drängte schon Wochen vorher auf einen sofortigen Aufbruch der bereits mobilisierten Soldaten. Weder Starrus noch de Roqueville sahen darin einen Sinn, bis dem gerissenen Arcadier eine Idee kam. Er nahm de Roqueville zur Seite und raunte ihm zu: "Warum lassen wir den alten Schwachkopf nicht versuchen, die Sonneninsel zu erobern?" "Brillant, Majestät", antwortete der Kommandeur nur, denn er verstand den Plan sofort: Seit Menschengedenken hatte kein Feind mehr die Sonneninsel erobern können, und dem militärischen Dilettanten Rolfes II würde es erst recht niemals gelingen. Aber hier konnte er sein Mütchen kühlen, was bei einer sich endlos hinziehenden Belagerung von ganz allein passieren würde. Und während dieser Zeit konnte er Starrus nicht stören oder kontrollieren. Für Rolfes winkte hingegen der blendende Glanz des imperialen Throns. Daß er ihn nicht bekommen würde, daran verschwendete der langsam größenwahnsinnig werdende Herzog keinen Gedanken.

De Roqueville fügte hinzu: "Wir müssen auf diesen Ziegentreiber gut aufpassen. Allmählich wird er uns gefährlicher als der Feind. Mit der Sonneninsel müssen wir ihn so lange wie möglich beschäftigen. Ich habe da ein paar Ideen."

"Sehr gut. Ich sage es ja immer, mein lieber Roqueville: Unter Sofrejan war Euer Talent verschwendet."

Der Kommandeur gab ihm recht. Er war zwar gegen Schmeicheleien ziemlich immun, aber er wußte genau, daß es weit und breit kaum einen besseren Taktiker gab als ihn. Nur gegen die Weiße Prinzessin Alessandra wäre er gerne einmal wieder angetreten. Sie hatte sich als würdige Gegnerin gezeigt. Er nahm sich vor, seine Feldzüge so zu organisieren, daß es eines Tages dazu kommen konnte. Sicher war das aber nicht, denn normalerweise zogen Frauen nun mal nicht in den Krieg.


Und so begann Anfang Februar ein ziemlich chaotischer Zug der Leute des Herzogs nach Nordosten. An ihrer Spitze ritt Rolfes II persönlich. Im Laufe mehrerer Tage zogen sie sich am Südufer des Sonnensees zusammen und begannen mit dem Ansturm beziehungsweise dem, was sich Rolfes darunter vorstellte. Denn als er erst einmal da war, hatte er keine Idee, wie er die Insel erobern sollte. In seiner Phantasie war er immer als strahlender Sieger durch die Straßen der Sonneninsel gezogen und alle hatten das Haupt vor ihm beugen müssen, vor ihm, den sie zuvor noch verspottet hatten. Nun, an Spott fehlte es auch jetzt nicht. Trotz seiner geringen militärischen Erfahrung war es nämlich für Sofrejan ein Kinderspiel, sich die Rolfes-Leute vom Hals zu halten, die nicht mal über Schiffe verfügten. Und die wackeligen Flöße, die sie in aller Eile zusammenzimmerten, wurden von den geübten und disziplinierten Soldaten und Matrosen Sofrejans meist noch an Land abgefackelt, der Rest auf dem Wasser versenkt.

Und so geschah das, was sich Starrus und de Roqueville erhofft hatten. Sie waren in Stomol zurückgeblieben, mit allen herzöglichen Vollmachten, und plünderten systematisch die kriegswichtigen Ressourcen des Landes für sich selbst aus, während der Herzog weit weg verzweifelt und ohnmächtig um seine Ehre focht.

Ende März schickte Starrus den Kommandeur mit neuen Befehlen zu Nordus und Nuitor nach Gel-Gabal. Vor der Stadt, die die Arcadier schon zu Beginn des Krieges besetzt hatten und seitdem als ihr Truppenhauptquartier im Feindesland nutzten, hatten sich inzwischen Weiße Soldaten zusammengezogen. Starrus wollte einen Zweifrontenkrieg vermeiden und hielt es für günstig, diese Stellung zu räumen, um sich in einer Alles-oder-Nichts-Entscheidung mit König Cordo zu messen. Die Weißen sollten ihm dabei nach Möglichkeit nicht in die Quere kommen. Eine Woche später zog er an der Spitze eines fast 15.000 Mann starken Heeres von Stomol aus gegen seine eigene (ehemalige) Hauptstadt Tansir, während von Norden her seine Söhne und de Roqueville mit weiteren 6.000 Soldaten ebenfalls gegen die Hauptstadt zogen, in der nun Cordo regierte.

*

Übellaunig saß Rolfes II in seinem prächtigen Zelt und brütete dumpf vor sich hin. Aber es führte kein Weg an der Einsicht vorbei, daß der gerade Weg zum Triumph nicht gangbar war. Und lange genug hatte dieser nichtsnutzige Prinz Sofrejan ihn und seine tapferen Männer zum Narren gehalten.

Oh, Sofrejan! In den blühendsten Farben malte Rolfes sich aus, was er mit dem Prinzen machen würde, wenn er ihn erst mal hatte. Darüber vergingen weitere Stunden, während seine Männer am Ufer des Flusses entlangzogen, um die Schiffe der Sonneninsel anzugreifen, wann immer sich die Gelegenheit bot. Daß sich eigentlich so eine Gelegenheit seit Kriegsbeginn noch nie geboten hatte, war mehr als ärgerlich für den Herzog. So ein Pech, daß der Feind nicht so dumm war, wie er ihn gerne gehabt hätte.

Da kam einer seiner Soldaten in das Zelt gestürmt. "Verzeiht mir, Vater!" rief er mit zitternder Stimme, "aber es ist etwas Unglaubliches passiert." Rolfes II zuckte zusammen. "Ja?" fragte er erwartungsvoll, weil er davon ausging, daß sie endlich einen Sieg errungen hatten und seines Sohnes Stimme vor Ehrfurcht vor seiner Kriegskunst zitterte. Doch er wurde enttäuscht.

"Wir ... wir kamen gerade von einer Patrouille vom See", stammelte der junge Offizier, "da trat uns ein Ungeheuer in den Weg und tötete die meisten meiner Männer. Alle bis auf mich und noch zwei andere wurden versteinert und zerfielen vor unseren Augen zu Staub!"

Rolfes sah seinen Sohn, dessen Namen er vergessen hatte, an, als habe er den Verstand verloren. Der rang sichtlich um Fassung, und brachte die Geschichte dann noch ein zweites Mal hervor. Da wurde der Herzog wütend. Er verprügelte den hirnlosen Burschen und jagte ihn aus dem Zelt. Doch schon bald sollte er wieder an das Vorkommnis erinnert werden.

*

Auf einem weiten, jetzt am Ende des Winters brachliegenden Feld nördlich von Tansir, trafen die Armeen von Cordo und Starrus aufeinander. Die Könige kommandierten die Schlacht persönlich. Die zahlenmäßige Überlegenheit, mit der Starrus seinen Widersacher völlig überraschte, machten Cordos Leute durch besonderen Mut wieder wett. Lange stand die Schlacht auf der Kippe: die arcadischen Soldaten Starrus' waren nicht begeistert darüber, ihre Brüder zu töten, die zufällig auf der anderen Seite unter Cordo kämpften, und die herzöglichen Leih-Soldaten waren zwar zähe Burschen, die keine Gnade kannten, aber sie waren katastrophal ausgebildet und unerfahren. Aber de Roqueville verheizte sie gnadenlos, und so gelang es ihm schließlich, nach stundenlangen erbitterten und sehr verlustreichen Kämpfen, die Schlacht zu seinen Gunsten zu entscheiden.

Mitten in der Nacht zogen sich die besiegten Ritter Cordos zurück, allerdings nicht in heilloser Flucht, sondern geordnet, so daß Starrus und seine Leute ihnen nicht den Rest geben konnten. Trotzdem ließ de Roqueville schnellst möglich nachrücken, und am anderen Morgen hatte sich die Frontlinie bereits bis auf Sichtweite der Hauptstadt genähert.

Starrus ließ verkünden, daß er die Stadt grausam und unnachgiebig bestrafen würde, wenn sie weiterhin mit dem Verräter Cordo kollaborierte, sie aber schonen wollte, wenn sie sich sofort ergab.

Daraufhin tat Cordo etwas sehr Edles und - von Seiten Starrus' - unerwartetes: Er befreite die Tansirer von ihrem Konflikt und zog sich mit seinen Getreuen, immerhin noch an die 5.000 Soldaten und Freiwillige, aus Tansir zurück.

Starrus ließ seinen Sohn Nordus die Stadt umgehend besetzen, hielt aber Wort: es wurde nur mit denen abgerechnet, die sich besonders innig mit Cordo kompromittiert hatten. Die zahllosen kleinen Mitläufer, die nun ohnehin wieder Starrus zujubelten, ließ man unbehelligt.

Was nun folgte, war der lange Zug Cordos durch Arcadia nach Norden. Er war entschlossen, das Wort des Weißen Königs einzulösen, der ihm Hilfe angeboten hatte. Doch dazu mußte er erst mal ins Weiße Königreich kommen. Die feindliche Übermacht war ihm stets dicht auf den Fersen. Aber auch Starrus hatte Probleme, allerdings von einer Art, auf die Cordo als echter Ritter nie gekommen wäre.

*

"Majestät."

"Ah, Roqueville. Was Neues von Cordos Truppe?"

"Ich hörte," sagte der Kommandeur, ohne auf die Frage des Königs einzugehen, "daß Ihr plant, Cordo durch Rolfes den Weg nach Norden verlegen zu lassen."

"Richtig. Der Ziegenhirt muß inzwischen eingesehen haben, daß er an der Sonneninsel nichts ausrichten kann. Und seine Truppen stehen günstig. Wenn er es nicht tut, dann wird Cordo über den Fluß ins Weiße Königreich entkommen. Dann haben wir die auch noch am Hals. Außerdem besteht ja die Möglichkeit, daß Rolfes im Kampf gegen Cordo fällt. Die Ziegenhirten, die wir unter uns haben, sind ja inzwischen recht ordentliche Soldaten geworden, aber die vor der Sonneninsel haben in den letzten zwei Monaten praktisch keinen echten Einsatz gehabt. Die wissen kaum, an welcher Stelle man ein Schwert anfaßt. Mit denen hat Cordo leichtes Spiel, verliert aber eine Menge Zeit."

"Nun, mein König", antwortete der Kommandeur, "ich fürchte, daß Rolfes sich nicht darauf einlassen wird. Die Sonneninsel ist inzwischen zu einer Art Besessenheit für ihn geworden, gerade weil er nicht den geringsten Erfolg hat. Stellt Euch vor, jetzt baut er sogar Schiffe. Der ganze Siina-Fluß lacht darüber. Diese Kerle haben ja nicht mal schwimmfähige Flöße zustande gebracht. Und diese neuen Schiffchen wird Sofrejan schnell brandsaniert haben. Ich denken, wir müssen uns wohl oder übel allein um Cordo kümmern und mit Rolfes danach abrechnen."

"Hmm." Starrus dachte einen Moment lang nach. "Ärgerlich. Könnte sein, daß Ihr Recht habt. Aber wie auch immer: Ich habe bereits einen Boten an diesen Möchtegern-Herzog geschickt. Mal sehen, was er antwortet."


Die Antwort sollte mehr als überraschend werden.

*

Der Mann stand mitten auf der Straße. Es war eine der Straßen, die die herzöglichen Soldaten mehr oder weniger aus Langeweile gebaut hatten, und die direkt zum Sonnensee hinunterführte.

Ein Trupp Soldaten marschierte in ziemlich chaotischer Ordnung die sanfte Neigung hinab und geradewegs auf die seltsame Gestalt zu, die keine Anstalten machte zur Seite zu treten. Als die Soldaten näherkamen, sahen sie, daß der Fremde völlig vermummt war. Sein Gesicht war mit zerlumpten schwarzen Tüchern bedeckt, und nur an der Figur und Größe konnte man erkennen, daß es überhaupt ein Mann war.

"Aus dem Weg", brüllte der Feldwebel, der den Zug anführte.

Doch stattdessen hob der Fremde seine Hände vor das Gesicht und begann, die Verbände und Tücher abzuwickeln. Den Soldaten wurde es irgendwie mulmig zumute. Hatte man nicht von einem Ungeheuer gehört, daß schon öfters Soldaten überfallen und versteinert hatte? Der Kerl sah zwar nicht wie ein Ungeheuer aus, aber wer konnte da sicher sein, solange man nicht sein Gesicht gesehen hatte.

Unwillkürlich gingen die Soldaten langsamer und drängten sich enger zusammen. Nur der Feldwebel spielte den Mutigen und trat dem Fremden, der sich jetzt nur noch ein großes Tuch mit der Hand vorhielt, mit gezücktem Schwert entgegen.

Er holte tief Luft, um den unverschämten Kerl zusammenzuscheißen, doch da ließ dieser das Tuch sinken. Der Feldwebel sah ihn an - und erstarrte in einem Atemzug zu Stein. Dann zerbröckelte er vor den Augen seiner Soldaten zu feinem, weißem Staub, der langsam davonwehte.

Der Fremde zog sich das Tuch wieder vor das Gesicht. Man konnte seine Augen nicht mehr sehen, doch die Soldaten fühlten seine grauenvollen Blicke immer noch auf sich ruhen. Da sagte der Mann mit dünner Stimme: "Ich lasse euch am Leben, damit ihr jedem erzählt, wozu der Basilisk fähig ist. Und jetzt rennt um euer Leben."

Und sie rannten.

Sie rannten und rannten, bis sie in Rolfes' Lager ankamen. Und die Panik, die sie verbreiteten, konnte zunächst nicht mal der Herzog selbst in den Griff bekommen, obwohl er einen Tobsuchtsanfall bekam. Doch die Soldaten, die ihren Feldwebel zu Staub hatten zerfallen sehen, nahmen ihren tobenden Herzog kaum wahr. Vielleicht war es das, was ihren Aussagen die Glaubwürdigkeit verlieh. Jedenfalls blieb Rolfes II am Ende nichts übrig, als die Geschichte ebenfalls zu glauben, was gar nicht so einfach war für jemanden, der sie für baren Unsinn hielt.

Er ordnete auf jeden Fall an, den Fremden sofort zu töten, sobald man seiner gewahr wurde. Aber das war leichter gesagt als getan.


In den folgenden Wochen tötete das Ungeheuer mehrere Soldaten, stets unter zahlreichen Zeugen, als lege es besonderen Wert darauf, daß man seinen Namen überall kennenlernte. Nervosität breitete sich aus unter den Leuten.

Es war Ende März, als wieder einmal eine Schar aufgebrachter Soldaten ins Lager stürmte. In der Nacht waren einige ihrer Kameraden nahe am See versteinert worden, und jetzt verlangten sie von ihrem Kriegsherrn eine Entscheidung. Sie riefen vor dem Zelt den Namen des Herzogs, doch niemand antwortete. Schließlich faßte einer der Soldaten, es war ein Sohn des Herzogs, Mut und ging hinein.

Kurz darauf kam er wieder heraus, bleich wie der Tod und an allen Gliedern zitternd. Er sagte nichts. Auf die fragenden Blicke der Soldaten hin schüttelte er nur den Kopf.

Tot! Der Herzog war ebenfalls versteinert worden.

Da zerbrach die Armee Rolfes so schnell, wie sie entstanden war. Die Leute waren einfach plötzlich keine Soldaten mehr, sondern wieder Zivilisten. Sie nahmen ihre Sachen auf und machten sich auf den Weg nach Hause. Sie mußten sich um ihr Vieh kümmern. Und waren da nicht auch Felder zu bestellen? Für diesen albernen Krieg hatten sie jetzt wirklich keine Zeit mehr.

*

"Dann ist es also wahr!" Olivia sah ihren Mann, den Prinzen, furchterfüllt an.

Sofrejan war eine Zeitlang im Zelt Rolfes des Zweiten verschwunden gewesen. Die abrückenden Soldaten des Herzogs hatten es einfach stehen lassen. Keiner von ihnen hatte gewagt, es nochmals zu betreten.

"Ja. Er ist versteinert und zerbrochen. Aber man kann ihn noch erkennen." Sofrejan schluckte. Sein Gesicht war grau.

"Wer kann das getan haben?" Olivias Augen waren dunkel vor Furcht. Sofrejan sah sie kurz an und schüttelte dann den Kopf. Er kannte nur diese Gerüchte über ...

"Ich!"

Das Prinzenpaar und die zwei Soldaten, die sie als Begleitung dabeihatten, fuhren herum.

"Laßt eure Waffen stecken", sagte der vermummte Fremde mit ruhiger Stimme zu den Soldaten. "Ich habe nicht vor, euch etwas zu tun." Langsam ging er auf Olivia zu, die sich eng an ihren Mann drückte.

"Sage deinem Vater, daß er in höchster Not auf die Hilfe des Basilisken zählen kann. Aber wenn er mich ruft, wird er einen hohen Preis zahlen müssen."

Dann drehte sich der Basilisk um und verschwand wieder zwischen den Bäumen.


Olivia war sichtlich erleichtert, als sie wieder Inselboden unter den Füßen hatte. Hier fühlte sie sich sicher und geborgen. Fragend sah sie ihren Mann an: "Was - bei allen Göttern - war das? Was kann er gemeint haben? Was hat mein Vater mit ihm zu tun?"

"Ich habe während der Überfahrt darüber nachgedacht. Der Fremde hat uns gegen Rolfes geholfen. Und wenn Cordo deinen Vater um Soldaten bittet und Starrus gegen ihn gewinnt, dann brauchen wir wieder Hilfe. Die Hilfe eines Dämons vielleicht."

"Oh, nein", rief Olivia bestürzt.

"Ich fürchte, um deinen Schwager, den Schwarzen König zu zitieren: Das Schicksal vermögen wir nicht aufzuhalten. Aber vielleicht können wir uns darauf vorbereiten."

"Soll das heißen, wir ..."

"Ruhe, nur die Ruhe. Noch wissen wir ja gar nicht, was dieser Basilisk will. Dich und mich jedenfalls nicht, denn uns hätte er ja vorhin ohne weiteres töten können."

Olivia traten die Tränen in die Augen: "Wie kannst du nur so ruhig über diese schrecklichen Dinge reden?"

Aber Sofrejan schüttelte nur den Kopf. "Komm jetzt, Mädchen. Ich habe noch eine Idee. Wenn ich meine Mutter finde, werde ich sie fragen, was sie über den Basilisken weiß."

"Deine Mutter?"

Sofrejan nickte.


Später durchsuchte er das Schloß. Stundenlang lief er durch die finstersten Winkel und suchte alle bekannten Geheimgänge ab, aber er fand seine Mutter erst, als sie sich finden lassen wollte. Es war schon tief in der Nacht. In einer dunkeln Nische trat sie von hinten an ihn heran und raunte: "Der Basilisk, wie?" Natürlich - sie wußte schon Bescheid.

Die Imperatrice fuhr fort: "Ja, über den könnte ich dir eine Menge erzählen. Ein Wunder, daß er dich am Leben gelassen hat." Sie kicherte häßlich, und ihr Glasauge funkelte dabei unheimlich. Dann fuhr sie fort: "Prektar von Caair, der Großvater des jetzigen Schwarzen Königs Thoran - er war einer der größten Zauberer aller Zeiten - hat den Basilisken verflucht. Vor langer Zeit ist das geschehen, und seitdem irrt er durch die Welt und versucht zu sterben. Aber er ist unsterblich und sein Fluch verhindert, daß er jemals glücklich werden kann, weil er so grauenvoll aussieht. Jeder, der ihn ansieht, versteinert. Es ist die härteste Strafe, von der ich je gehört habe, daß sie einem Sterblichen auferlegt worden ist." Wieder ertönte das hysterische Lachen.

Sofrejan erschauderte. Mit rauher Stimme fragte er: "Mutter. Was kann er gemeint haben mit dem hohen Preis?"

"Jetzt, wo die nackte Angst dich treibt, erinnerst du dich wieder an deine arme, alte Mutter, Narr." Sie kicherte irre. "Das habe ich dir doch gerade gesagt: Entweder sucht er den Tod, aber das ist ganz und gar unmöglich. Jedenfalls solange der Fluch nicht gebrochen ist. Oder er versucht, den Fluch zu lösen und wieder ein Mensch zu werden. Zittere vor der Stunde, an der er seine Forderung stellt!"

"Aber was ist es? Sag es mir, bitte."

"Die Hand einer Jungfrau natürlich, du armer Tor. Nur die wahre Liebe einer Frau kann ihn erlösen. Aber welche Frau könnte so ein Monster lieben?" Das Kichern der Alten wurde zu einem grauenvollen Lachen. "Ich bewundere den alten Schwarzen König aufrichtig. Es ist ganz klar, was der Basilisk verlangen wird: Die Hand von Prinzessin Alessandra. Schade, daß ich nicht dabei sein kann, wenn er sie sich nimmt."

*

Sofrejan saß in seinem Gemach und zermarterte sich den Kopf über das, was er gehört und gesehen hatte. Für ihn ergab es keinen Sinn: Wenn der Basilisk den Weißen König zwingen wollte, ihm seine Tochter auszuliefern, warum tötete er dann seine Feinde und stellte nicht einfach seine Forderungen? Er hatte so viel Macht, daß man sie hätte erfüllen müssen.

Es klopfte, aber er registrierte es nicht bewußt.

Kurz darauf ging die Tür auf und Olivia trat vorsichtig ins Zimmer. Sie trug nur ein kurzes Nachthemd. Offenbar hatte sie schon geschlafen, denn ihre Haare waren zerzaust und ihre Augen müde. Dennoch fand der Prinz, daß seine Frau noch nie so reizend ausgesehen hatte. Er empfand das starke Bedürfnis, sie in seine Arme zu nehmen und zu beschützen. Lange sahen sie sich schweigend an, dann ging Olivia zu ihrem Mann hinüber und setzte sich neben ihn auf das Ledersofa.

Sofrejans Blick saugte sich fest an den geschmeidigen Bewegungen Olivias, an dem Spiel ihrer Muskeln, das ja kaum von Kleidern verhüllt war, an den knackigen Brüsten, die sich unter dem fast durchsichtigen Stoff deutlich abzeichneten, und heißes Begehren flammte in ihm auf. Er schlang einen Arm um ihre schmale Taille und zog sie mit einem Ruck fest an sich.

"Sofrejan, was ist? Was hast du herausgefunden? Hast du deine Mutter gesprochen?" flüsterte sie in sein Ohr. Ihre Lippen spielten bei diesen Worten mit seinem Ohrläppchen, was sein Verlangen nur noch mehr anheizte.

"Ja", antwortete der Prinz und fuhr mit den Fingern durch Olivias festes, rotbraunes Haar. "Aber frag nicht weiter. Es ist zu schrecklich. Am liebsten würde ich es wieder vergessen."

Olivia schmiegte sich noch enger an ihren Mann und zog die Beine unter sich. "Aber ich bin doch deine Frau. Erinnerst du dich nicht mehr, was ich dir bei unserer Hochzeit gelobt habe: meinen Rat."

Sofrejan holte tief Luft, dann sagt er: "Nun gut. Meine Mutter hat mir erzählt, daß der Mann, den man Basilisk nennt, von einem früheren Schwarzen König verflucht worden ist. Und um den Fluch zu brechen, braucht er die aufrichtige Liebe einer Frau. Meine Mutter meint, die Frau, die er dafür auserkoren hat, sei Alessandra."

Olivia sagte lange Zeit nichts. Sofrejan fühlte ihr Herz heftig pochen, und fürchtete schon, der Schock sei zu viel für sie gewesen. Da warf sie mit einer entschlossenen Bewegung den Kopf herum, sah ihrem Mann fest in die Augen und sagte: "Küß' mich."


Sofrejan erwachte am nächsten Morgen durch das Licht der ersten Sonnenstrahlen. Dem grauenvollen Tag war eine wunderbare Nacht gefolgt, dank seiner Frau. Er hatte gar nicht gewußt, was alles in ihr steckte. Sie verfügte über einen wachen Verstand und großen Mut, aber auch über Zärtlichkeit und feurige Liebe. Um nichts in der Welt hätte er sie wieder hergegeben. Er fragte sich einen Moment lang, was er wohl tun würde, wenn der Dämon Olivia verlangen würde. Er wußte es nicht, aber es würde mit Sicherheit zu einer Katastrophe kommen.


Nach dem Frühstück beschlossen er und Olivia, dem Weißen König eine Warnung zu senden. Mehr konnten sie im Moment nicht tun.

*

"Tot! Aber ..."

"Wiederhole das!" Die Stimme de Roquevilles duldete keinen Widerspruch. Und während König Starrus ziemlich fassungslos auf seinem Thron hockte, berichtete der Bote nochmals, was sich vor dem Sonnensee zugetragen hatte: Daß der Herzog tot war und seine Armee nicht mehr existierte.

"Danke, Bote. Du darfst jetzt gehen."

"Zu Befehl, mein Kommandeur!" antwortete der Reiter zackig und verließ das Zelt so schnell er konnte.

De Roqueville wandte sich Starrus zu: "Das paßt ja besser, als ich je zu hoffen gewagt hätte."

"Was?", rief Starrus verwirrt. "Versteht Ihr denn nicht, Roqueville? Der Tod dieses Hirten interessiert mich nicht, aber die Art, wie es passiert ist, macht mir graue Haare! Verdammt."

"Wenn dieser Bursche hier auftauchen sollte, werden wir schon mit ihm fertig. Verlaßt Euch auf mich, Majestät."

"Ich glaube, Ihr überschätzt Euch diesmal. Aber ihr habt Recht: Wir lösen das Problem erst, wenn es aktuell wird. Vielleicht sehen wir diesen Basilisken nie wieder." Er warf de Roqueville einen skeptischen Blick zu. War sein Kommandeur wirklich so angebrüht, oder war es nur eine Maske?

Der fuhr fort: "Dann können wir uns ja wieder Cordo zuwenden. Er ist inzwischen, wie wir es befürchtet haben, auf Weißes Gebiet entkommen, und der Weiße König hat ihm jetzt ganz offiziell Hilfe zugesagt. Die ersten Soldaten sollen schon in Marsch gesetzt worden sein. Seht her. Laut meinen Informationen stehen die Feinde etwa dort, nahe Allera." Er rollte eine Karte aus und wies auf eine Stelle nahe dem Siina-Fluß.

Später kam auch noch Nuitor hinzu, und zu dritt planten sie nun den Feldzug gegen Cordo und den Weißen König.

*

"Bitte, Vater. Ich muß Cordo einfach wiedersehen." Alessandra sprach mit eindringlicher Stimme auf den Weißen König ein, nachdem ein Bote des Alten arcadischen Königs eingetroffen war und die Nachricht überbracht hatte, daß dieser auf Weißem Gebiet Zuflucht gesucht hatte und König Harro um Hilfe bat. Außerdem hatte der Bote Schwalbe mitgebracht, und das hatte Alessandras Unternehmungslust erst recht geweckt. Schließlich stimmte Harro dem Plan seiner Tochter zu, wenn auch nur schweren Herzens. "Aber vergiß nicht, daß unterwegs überall Gefahren lauern können."

"Aber Vater. Cordo ist doch bereits auf unserem Land. Wo sollen da Gefahren herkommen? Ich nehme einfach ein paar Männer der königlichen Garde mit, dann ..."

Ein Fanfarenstoß ließ den Rest von Alessandras Satz im Lärm untergehen. Dann erscholl eine laute Stimme: "Ein Bote seiner Majestät, des Prinzregenten der Sonneninsel, Prinz Sofrejan, ist soeben eingetroffen mit wichtigen Neuigkeiten für seine Majestät, den Weißen König und seine Tochter, die Prinzessin Alessandra."

Alessandra und ihr Vater blickten sich verwundert an: "Neuigkeiten für dich und mich? Von der Sonneninsel?"

"Ja, sonderbar. Führt den Boten sofort herein!"

Kurz darauf betrat ein ziemlich erschöpft aussehender Ritter den Thronsaal. Man sah im an, daß er den langen Ritt ohne viel Rast zurückgelegt hatte.

"Man bringe dem Boten etwas zu Trinken und eine Stärkung!", befahl der Weiße König.

"Danke Majestät, aber meine Botschaft ist sehr wichtig. Ich bitte daher darum, Euch und die Prinzessin allein sprechen zu dürfen."

Ein Lakai reichte dem Ritter einen Krug mit erfrischendem Saft, den dieser ein einem Zug leerte.

"Sorge er auch dafür, daß mein Pferd gut versorgt wird!"

Der Lakai nickte eifrig und verschwand hastig.

"Nun, denn", sagte der Weiße König, "wenn es so wichtig und geheim ist, dann gehen wir ins Kabinett."


Das Kabinett war ein relativ schmaler, aber hoher Raum, der sich dem Audienzsaal anschloß. Er hatte zwei Zugänge. Man gelangte vom Audienzsaal über ein paar Treppen durch eine versteckt liegende, meist verschlossene Tür hinein, außerdem gab es noch eine weitere Tür, die durch einen Gang direkt ins Freie hinter dem Palast führte. Doch nur Adalbert und der König besaß für diese Tür den Schlüssel, und Alessandra hatte sie noch nie offen gesehen. Das Kabinett war an den Wänden mit hohen Regalen versehen, die mit Büchern, Landkarten, einigen ausgestopften Tieren und seltsamen Geräten vollgestopft waren. An den freien Stellen an der Wand hingen weitere Karten und Pläne, außerdem ein Relief, daß das Weiße Königreich zu einer Zeit zeigte, als es noch zu Arcadialand gehört hatte.

Obwohl das Kabinett nur selten benutzt wurde, hatte der Weiße König doch bestimmt, daß es regelmäßig saubergemacht und abgestaubt werden sollte. Daher sah man ihm nicht an, daß sich nicht oft Menschen darin aufhielten.

Alessandra war in ihrem ganzen Leben bestimmt nicht mehr als dreimal hier drin gewesen, und sie freute sich, daß die Besprechung in diesem Zimmer stattfinden sollte, in den durch die hohen Mosaikglasfenster immer ein warmes, anheimelndes Licht fiel.

Nachdem der Weiße König, die Prinzessin und der Bote Platz genommen hatten, begann dieser mit seinem Bericht. Er trug vor, daß die Belagerung der Sonneninsel durch den Tod des Herzogs beendet worden war, dann kam er auf die näheren Umstände dieses Todes zu sprechen: "Es ist in der Tat zweifelsfrei bewiesen, daß Herzog Rolfes II keines natürlichen Todes gestorben ist. Er wurde auf grauenhafte Weise ermordet, und mein Herr ist der Ansicht, daß von dem Mörder eine große Bedrohung für Euer Land ausgeht."

"Wie das?" fragte der Weiße König ungläubig.

"Der Mörder ist ein Monstrum, das von einem Schwarzen König, der der Großvater des jetzigen Schwarzen Königs war, mit einem schrecklichen Fluch belegt worden sein soll. Sein Aussehen soll so grauenvoll sein, daß jeder, der ihn anblickt, sofort zu Stein erstarrt, weshalb man ihn den Basilisken nennt. Genau dies ist auch Herzog Rolfes II passiert. Prinz Sofrejan hat persönlich die steinernen Überreste des Herzogs gesehen, die seine Männer zurückgelassen haben."

"Das heißt", fragte Alessandra ungläubig dazwischen, "daß dieser Basilisk das feindliche Heer ganz alleine vertrieben hat?"

"So ist, es, Prinzessin."

Das stimmte zwar nicht ganz - das Heer war nach dem Tod des Herzogs einfach desertiert - aber im Prinzip lief es darauf hinaus.

"Schön und gut," meinte Alessandra, "aber warum sollte ich unbedingt an dieser Besprechung teilnehmen? Das, was Ihr bisher berichtet habt, hätte doch eher General Aistimarat und den Majordomus interessiert."

"Ihr habt Recht, Hoheit. Das, was ich bisher berichtet habe. Aber das Schlimmste kommt noch, seid gefaßt. Mein Herr und Gebieter befragte daraufhin seine Mutter, die Imperatrice, über den Basilisken. Sie erzählte ihm von dem Fluch und, daß er versuchen werde, ihn zu brechen. Und nur mit der Liebe einer Jungfrau kann das geschehen. Die Imperatrice war sich sicher, daß Ihr, Prinzessin, die Auserwählte des Ungeheuers seid."

Alessandra schreckte zurück. Blaß und ungläubig starrte sie den Boten an. Lange schwebten seine drohenden Worte im Raum.

"Aber das kann nicht sein", rief der Weiße König, und fügte dann murmelnd hinzu: "Die alte Prophezeiung sagt doch ..." Aber niemand schien seine Worte zu hören.

"Ich muß sofort Thoran aufsuchen", sagte Alessandra entschlossen.

Der Weiße König zuckte zusammen. "Wenn das stimmt, was Sofrejan herausgefunden hat," sagte er dann mit entschlossener Stimme, "dann mußt du das in der Tat, meine Tochter." Er wandte sich an den Boten: "Ihr könnt Euch in meinem Schloß aufhalten, solange Ihr wollt. Wenn Ihr dann zu Prinz Sofrejan zurückkehrt, dann teilt ihm meinen aufrichtigen Dank für seine Warnung mit."

"Danke, Majestät. Wenn Ihr gestattet, werde ich morgen aufbrechen."

*

Es war das erste Mal, daß Alessandra mit ausdrücklicher Billigung ihres Vaters ins Schwarze Königreich ritt. Einst hatten alle den Schwarzen König gefürchtet und verflucht, jetzt war er plötzlich ihre Hoffnung geworden.

Die Prinzessin wurde begleitet von einer Eskorte aus vier Rittern, doch es kam unterwegs zu keinen Zwischenfällen. Arcadische Soldaten hatten sich noch nie so weit nach Westen gewagt.

Sie ritten zügig und erreichten am Abend des zweiten Tages die Schwarze Grenze, die sich - wie schon früher - deutlich in der Landschaft abzeichnete. Im Gegensatz zu ihren bisherigen Ausflügen hatte Alessandra diesmal keinen abgelegenen Seitenweg, sondern die Hauptstraße benutzt. Sie war erst kürzlich wieder instandgesetzt worden, und das Grenzhäuschen war mit mehreren Soldaten bemannt.

"Hier trenne sich unsere Wege," sagte Alessandra bestimmt. "Ich reite allein ins Schwarze Königreich. Ihr werdet hier auf meine Rückkehr warten. In wenigen Tagen bin ich wieder zurück."

"Aber Hoheit, wollt Ihr mitten in der Nacht durch das Gebirge reiten?"

"Zumindest noch ein Stück weit. Entlang der Hauptstraße kann man sich nicht verlaufen. Gleich hinter der Grenze kommt das Dorf Nieder-Wies, und noch vor dem Gebirgsaufstieg kommt eine weitere kleine Ortschaft. Dorthin werde ich heute noch reiten. Die Zeit wird mir knapp."

"Wie ihr befehlt, Prinzessin." Die Soldaten kannten natürlich nicht den wahren Grund für diese Reise, aber sie waren solche Extratouren der Prinzessin gewöhnt und fügten sich ihrem Befehl. Und so überquerte Alessandra kurz vor Sonnenuntergang die Grenze. Sie ritt durch Nieder-Wies, ohne anzuhalten oder aufgehalten zu werden.

Drei Stunden später erreichte sie Ober-Wies am Fuß des Hochgebirges. Dort erhielt sie ohne Probleme ein Nachtlager. Die Schwester der Schwarzen Königin war immer willkommen.

In aller Frühe brach sie dann am folgenden Morgen wieder auf, und am Nachmittag kam endlich das Schwarze Schloß in Sichtweite. Es war ein anstrengen der Ritt über die Gebirgspässe und Serpentinen gewesen, doch Schwalbe hatte sich tapfer gehalten und die schwierige Strecke ohne zu ermüden zurückgelegt. Außerdem kannte Alessandra inzwischen die eine oder andere Abkürzung.

Jetzt, in Sichtweite des düster und drohend wirkenden Schwarzen Schlosses, verlangsamte Alessandra die Gangart ihrer Stute unwillkürlich. Obwohl sie mit Thoran sehr gut befreundet war, näherte sie sich dem dunklen Schloß nur mit einer gewissen Scheu. Vielleicht lag es am Basilisken. Er hatte ihr die Grenze zwischen dem Reich der Sterblichen und dem der Zauberer und Dämonen deutlich aufgezeigt. Und Thoran gehörte nun mal zu den größten Zauberern.

Die Prinzessin umrundete das Schloß, denn der einzige Eingang, der meist offenstand, war an der Nordseite, wo auch die Häuser der kleinen Stadt und die Kapelle standen. Die Prinzessin ritt durch das Städtchen, das kaum diesen Namen verdiente. Sie sah keinen Menschen, aber das war normal.

Das große Tor zum Schwarzen Innenhof stand offen, und Alessandra ritt hinein. "Hallo? Ich bin es, Alessandra. Ist niemand hier?" Aber keiner antwortete. Alessandra stieg ab, öffnete eine der Türen, die ins Innere des Schlosses führten - sie kannte sich ja einigermaßen aus - und suchte den Weg in den Thronsaal. Wenn Thoran anwesend war, dann war hier die Wahrscheinlichkeit am größten, ihn zu treffen.

Durch dunkle, kaum beleuchtete Gänge und Treppenaufgänge ertastete die Prinzessin sich den Weg, soweit sie sich daran erinnerte. Schließlich stand sie vor einem großen Portal, dessen schwarze Umrisse sich im düsteren Licht gerade noch für Alessandras Augen abzeichneten. Ihre Fingerspitzen fühlen, daß es aus Holz war, und sie konnte auch die eingeschnitzten Figuren und Ornamente ertasten, die den Eingang zum Thronsaal wiesen. Sie drückte gegen die Flügel, und mit einem schauerlichen Quietschen, das sie an Zuhause erinnerte, schwangen sie auf.

Innen war es warm und hell erleuchtet. Der Schwarze König saß an einem langen Tisch, neben ihm der widerliche Schogan Liss, und studierten irgendwelche Unterlagen. Beide drehten sich langsam und gemessen herum, als sie die Türe sich öffnen hörten.

Thorans Gesicht erhellte sich in dem gleichen Maße, in dem sich Schogans Gesicht verdüsterte. Er war über diese Störung offenbar nicht sehr glücklich. Der Schwarze König gab ihm einen Wink, und er verließ den großen Raum wortlos, mit einer Kerze in der Hand.

"Meine Schwägerin Alessandra. Mit dir hätte ich jetzt wirklich nicht gerechnet." Er zog an einer Schnur, und irgendwo bimmelte ein Glöckchen.

"Ich hoffe, ich störe nicht."

"Nein. Es ist das Privileg des Adels, Herr über die eigene Zeit zu sein. Nur Knechte arbeiten nach der Uhr. Komm', setz' dich doch."

Wieder wurde das Portal quietschend aufgestoßen, und eine Zofe erschien. "Herr?"

Der Schwarze König wandte sich an Alessandra: "Was zu Essen und zu Trinken?" Sie nickte heftig, und er befahl der Zofe, etwas herbeizuholen. "Ach, und sage der Königin Bescheid, daß ihre Schwester überraschend eingetroffen ist." Dann wandte er sich wieder zu Alessandra. Er kam direkt zur Sache: "Was gibt's?"

"Warte, bis Ornella da ist. Sie soll es auch wissen. Bis dahin, erzähl' mir doch, wie es euch geht. Übrigens, daß ihr zu Olivias Hochzeit gekommen seid, das war wirklich eine tolle Überraschung."

"Olivia. Richtig, der Ring. Warte, ich hole ihn, dann kannst du ihn ihr bei nächster Gelegenheit geben. Er ist nämlich fertig." Er verschwand durch irgendeine Tür und ließ Alessandra allein.

Kurz darauf kam die Zofe zurück, gefolgt von einem Küchenjungen. Sie brachten ein köstliches Abendessen für drei Personen. Alessandra setzte sich an die Tafel, wollte aber erst auf die Rückkehr des Schwarzen Königs warten. Da ging die Türe erneut auf, und Ornella kam hereingelaufen. "Alessandra! Ich konnte es kaum glauben, als mir gesagt wurde, daß du da bist!"

Alessandra sprang auf, und sie fielen sich in die Arme und begrüßten sich stürmisch. Kurz darauf kam auch Thoran zurück, und übergab Alessandra Olivias Pantherring. Dann setzten sie sich an die Tafel und aßen erst mal.

"Auch dein Pferd wird versorgt. Ich habe es angeordnet", meinte zwischendurch der Schwarze König. "Es freut mich, daß du es wiederhast."

"Schwalbe?" fragte Ornella dazwischen.

"Ja, Schwalbe. König Cordo hat sie bei sich gefunden und mir mit seinem Boten bringen lassen. Eigentlich wollte ich ihn aufsuchen, aber ... es ist was dazwischengekommen."

"Was?"

"Das erzähle ich euch nach dem Essen."

Der Rest des Abendessens wurde schweigend eingenommen, dann setzten sich alle drei vor den Kamin, dessen lodernde Flammen eine gemütliche Atmosphäre schufen. Der Schwarze König und seine Frau blickten Alessandra erwartungsvoll an.

"Tja, es gibt schlechte Neuigkeiten. Zumindest, wenn das stimmt, was Sofrejans Bote vor wenigen Tagen meinem Vater und mir berichtet hat. Ihr wißt vielleicht, daß Herzog Rolfes II die Sonneninsel belagert hat."

"Belagert - so kann man das auch nennen", bemerkte Thoran sarkastisch.

"Naja, aber er wurde ermordet. Von einem Ungeheuer!", rief sie aufgeregt. "Einem Wesen namens Basilisk, das so schrecklich aussieht, daß jeder zu Stein erstarrt, der es ansieht. Sofrejan hat persönlich die Überreste von Herzog Rolfes gesehen, und sie waren versteinert. Und dann hat er seine Mutter gefragt, was sie über diesen Basilisken weiß. Sie soll gesagt haben, daß dein Großvater", sie sah dabei Thoran an, "diesen Mann verflucht und zu dem Monstrum gemacht hat, das er jetzt ist. Und die Imperatrice hat auch gesagt, daß der Basilisk jetzt versucht, den Fluch zu brechen, und daß er dazu die Liebe einer Jungfrau erlangen muß." Erregt war sie aufgesprungen und gestikulierte temperamentvoll. Die unerschütterliche Ruhe Thorans brachte sie noch zusätzlich aus der Fassung.

"Und sie hat bestimmt gesagt, daß damit nur du gemeint sein kannst", ergänzte der Schwarze König, als Alessandra eine kurze Pause machte.

Ornella fuhr zusammen und sah abwechselnd ihren Mann und ihre Schwester entsetzt an. Der Schwarze König fuhr ungerührt fort: "Es stimmt. Ich habe in den Schwarzen Büchern über diesen Burschen gelesen. Eigentlich hat er gar nichts so schlimmes verbrochen. Er war ein Idealist und Träumer, aber er hat sich den Falschen herausgesucht, um die Welt zu verbessern. Mein Großvater hatte gerade ein paar neue Zaubersprüche entdeckt, und da kam ihm dieser wichtigtuerische kleine Grafensohn gerade recht."

Auch Ornella war bei diesen Worten aufgesprungen. Im Temperament waren sich die vier Schwestern alle sehr ähnlich. "Aber stimmt es", fragte sie erregt, "daß er Alessandra will? Das kann doch nur ein Witz sein. Sag, daß es nicht stimmt, Thoran."

"Keine Ahnung. Könnte schon sein. Klar stimmt es. Und wenn, werde ich bestimmt nichts dagegen unternehmen."

Ornella starrte ihren Mann fassungslos an. Alessandra war nicht minder überrascht.

"WAS?"

"Ich werde versuchen, euch die Gründe zu erläutern. Ja, es stimmt wahrscheinlich, was die Hexe von der Sonneninsel prophezeit hat: Daß er sich von Alessandra Erlösung erhofft. Denn er weiß - und das ist auch meine Meinung - daß sie die einzige ist, die dazu in der Lage ist. Keine andere Frau, die ich je kennengelernt habe oder mir vorstellen kann, hätte sonst dafür genügend Mut und, also, wie soll ich sagen, Alessandra weiß im entscheidenden Moment, was zu tun ist."

"Ja, aber ..." Ornella setzte sich wieder hin. Verwirrt sah sie ihren Mann an, dann ihre Schwester.

"Warte, Ornella. Wir Schwarzen Könige sind immer mächtige Zauberer gewesen, aber auch wir können das Schicksal nicht aufhalten. Als der junge Graf, äh ... Aulendorff hieß er glaube ich, in den Basilisken verwandelt wurde, da wurde ihm prophezeit, daß dereinst eine Prinzessin ihn erlösen würde. Wenn Alessandra diese Prinzessin ist, dann wird es so geschehen." Er sah seine Schwägerin mit seinem unverkennbaren, halb spöttischen, halb nachdenklichen Blick lange an, dann sagte er zu ihr: "Vielleicht ist das Schicksal hart und grausam zu dir, aber es bleibt dir trotzdem nicht erspart, es anzunehmen. Es tut mir leid, aber ich kann dir nicht helfen. Aber ..." er dehnte seine Worte lange aus "... aber wahrscheinlich wäre das auch gar nicht notwendig."

Alessandra senkte den Blick, doch Ornella war nicht bereit, so schnell aufzugeben. Sie sprang wieder auf und faßte ihren Mann am Arm und schüttelte ihn: "Das ... das kann doch nicht dein letztes Wort sein! Willst du ernsthaft riskieren, daß meine Schwester beim Anblick dieses Ungeheuers versteinert?"

"Ersten kann ich nichts dagegen tun, zweitens ist er kein Ungeheuer, sondern ein Fluchbeladener. Und drittens versteinert nicht jeder, der ihn ansieht. Er kann diese Kraft bewußt steuern. Wenn er Alessandra wirklich haben will, dann hat sie zumindest in dieser Hinsicht nichts zu befürchten." Er stand nun ebenfalls auf, wandte sich an seine Schwägerin, legte seine Hand unter ihr Kinn und drückte sachte ihren Kopf hoch, bis sie ihm genau in die hellblauen Augen sah: "Wenn du ihn siehst, dann sei auf eine Überraschung gefaßt."

"Du machst einem wirklich Mut", sagte sie mit einem gekünstelten Lachen, wobei sie die Tränen mühsam unterdrückte.

"Du bist mit großen Hoffnungen und Erwartungen zu mir gekommen, du junges, unerfahrenes Ding. Lerne, daß die Enttäuschung um so größer ist, je größer die Erwartungen sind."

"Ich werde das nicht zulassen", rief Ornella feurig. Sie kam mehr und mehr in Fahrt, und das Verhalten ihres Mannes versetzte sie in helle Empörung. "Wenn es sein muß, werde ich Alessandra hier verstecken, bis alles vorbei ist." Sie sah ihren Mann kämpferisch an, und erwartete, seinen Widerspruch niederzumachen. Um so überraschter war sie, als er einfach antwortete: "Gut." Dann warf er Ornella ein spöttisches Lächeln zu, daß sie vollends aus der Fassung brachte.

Damit wandte er sich um und verließ den Raum.


Ornella nahm ihre Schwester mit in ihre Gemächer, wo sie noch lange redeten, hauptsächlich über die Gefahr, in der Alessandra nun offenbar schwebte. Aber später wechselten sie die Themen und sprachen auch über Olivias Ehe und die Nachfolge des Weißen Königs. Ornella war nicht allzu überrascht, als Alessandra ihr sagte, daß sie als Weiße Königin gehandelt wurde.

"Ich wünsche dir von ganzem Herzen", meinte sie dann, "daß du einen Mann findest, den du ebenso lieben kannst, wie ich den meinen."

Erst spät in der Nacht fanden beide Schlaf.


"Wo ist sie?", fauchte Ornella ihren Mann an. Der lag noch im Bett und wälzte sich träge zu seiner aufgebrachten Frau herum. Doch dann glitt ihm wieder dieses spöttisch-ironische Lächeln auf die Lippen. Ornella kannte diesen Ausdruck: "Ich nehme an, du willst damit andeuten, daß Alessandra fort ist."

"Genau!"

"Ich habe dir doch gesagt, daß ich das Schicksal nicht aufzuhalten vermag. Sie ist gegangen, um sich dem ihren zu stellen. Ich habe damit übrigens nicht das Geringste zu tun, außer, daß ich wußte, daß so etwas Ähnliches geschehen mußte."

"Dann werde ich ihn nachreiten und ihr helfen."

Thoran blickte sie an. Er blickte sie einfach nur an, sehr lange und ernst, und Ornellas Entschlossenheit schwand wie Schnee in der Sonne. Mit hängenden Schultern schlich sie davon, doch der Schwarze König schwang sich aus dem Bett, lief ihr nach und faßte sie sanft am Arm. "Sei ohne Sorge, meine Bestgeliebte. Alessandra wird nichts passieren."

*

Mutlos und voller Zweifel ritt Alessandra zurück zur Weißen Grenze, wo die Eskorte sie schon sehnlichst erwartete. Das Mißtrauen gegen den Schwarzen König und das Unendliche Land war immer noch sehr groß. Alessandra ritt den Weg, den sie inzwischen gut kannte, langsam hinab, doch sie machte kaum Rast und erreichte den Grenzposten tief in der Nacht. Dort endlich fiel sie erschöpft in ein Bett und schlief sogleich ein.

Alpträume erfüllten ihren Schlaf, doch als sie spät am anderen Morgen erwachte, war sie trotzdem recht frisch und gut erholt. Die Frühlingssonne schien vom Himmel und tauchte das Land in ein frisches, optimistisches Licht. Alessandra und ihre Ritter versorgten sich noch mit Reiseproviant, dann brachen sie auf.

Unterwegs erreichte sie die Nachricht, daß arcadische Truppen im Süden des Landes gesichtet worden seien, wo sie König Cordo abfangen wollten, was ihnen jedoch nicht gelungen war. Der Alte König sei entkommen und befinde sich auf dem Weg zur Weißen Hauptstadt.

Immerhin, dachte Alessandra, hatten die beiden Reiche noch zusammengehört, als Cordo ein Kind war. Es war unvorstellbar. Wie würde die Welt wohl in hundert Jahren aussehen? Cordo war eine Märchengestalt, und daß er sich in der modernen Welt so gut zurechtfand, grenzte nach Meinung der Prinzessin ans Wunderbare. Man erzählte sich auch schon die Geschichte von der Belagerung Tansirs durch den üblen Starrus, der gedroht hatte, die Bewohner zu bestrafen. Nur ein wahrer Edelmann wie Cordo war in der Lage gewesen freiwillig abzuziehen, also auf einen eigenen Vorteil zu verzichten, um seinen Untertanen Leid zu ersparen. Viele Menschen bewunderten ihn dafür. Nicht nur in Arcadialand war Cordo eine Sagengestalt.

Zwei Tage später erreichte die Weiße Prinzessin mit ihrem Trupp sicher und wohlbehalten die Weiße Hauptstadt. Auf dem Weg hatten sie viele Bauern auf ihren Feldern gesehen. Das war ein gutes Zeichen, denn es versprach eine reiche Ernte, und die konnte gerade der vom Krieg verheerte Osten gut gebrauchen. Adalbert hatte schon die entsprechenden Anweisungen herausgegeben und auf Kosten der Krone extra Saatgut importieren lassen. Der Handel war hauptsächlich über die Sonneninsel abgewickelt worden, nicht zuletzt deshalb, weil Sofrejan in diesem Fall auf die sonst fälligen Zölle verzichtet hatte. Trotz seiner Weigerung, die Weiße Krone zu übernehmen, schien er sich mit dem Weißen Reich eng verbunden zu fühlen.


"Na, mein Kind, was hast du erfahren?", fragte sie ihr Vater nach der Begrüßung.

Alessandra vermißte das Leben, das ihre drei Schwestern ins Weiße Schloß gebracht hatten. Jetzt war sie mit ihrem Vater allein.

Sie seufzte: "Thoran hat gesagt, es sei mein Schicksal, den Basilisken zu erlösen. Er kann mir dabei nicht helfen."

"Was! Das glaube ich nicht. Er ist doch ein mächtiger Zauberer."

"Er hat aber recht, fürchte ich. Ich werde in wenigen Tagen zu König Cordo aufbrechen. Und wenn ich unterwegs diesem Ungeheuer begegne ... ich kann nur beten, daß es mich tatsächlich nicht töten will."

"Das werde ich auf keinen Fall zulassen. Wenn der Schwarze König dir nicht hilft, der Weiße König wird es. Ich habe bereits meine Soldaten ausschwärmen lassen, um den Dämon zu vernichten. Sei also beruhigt. Hier kann dir nichts geschehen."

Alessandra war alles andere als beruhigt. Sie fühlte, daß es nicht so einfach abgehen würde. Aber ihr Vater hatte recht: Jetzt draußen herumzureiten hieße, das Schicksal herauszufordern.

Der Weiße König fuhr fort: "Ich habe König Cordo übrigens 200 Ritter zur Unterstützung geschickt, an der Spitze unser bewährter General Aistimarat. Sie haben den Feind bereits gestellt und ihm eine große Niederlage beigebracht. Bald wirst du König Cordo hier persönlich empfangen können."

Alessandra vernahm es erleichtert. Endlich konnte sie wieder ein bißchen lächeln. Vielleicht erlaubte es das Schicksal, daß sie Cordo noch einmal sah, bevor sie ...

*

Starrus' Truppen waren den Siina-Fluß aufwärts gezogen und hatten nahe der Stadt Allera Stellung bezogen, wo sie die Soldaten des Weißen Königs erwarteten, deren Nahen ihnen ihre Kundschafter angekündigt hatten.

Allera, das von einem Weißen Landgrafen verwaltet wurde, lag nordwestlich der arcadischen Grenze, nicht weit vom Fluß entfernt, war aber weder ein Fischerdorf noch ein Handelshafen. Auf dem anderen Ufer war bereits herzögliches Gebiet, allerdings praktisch unbewohntes, und diese armselige Nachbarschaft strahlte auch auf die ganze Region hier im Weißen Land aus. Erst noch weiter im Westen, näher zur Sonneninsel hin, wurde es wieder zivilisierter und besser erschlossen. Allera hatte aber in den Augen des arcadischen Königs einige Vorteile: Es war nicht befestigt und verfügte auch sonst über keine nennenswerten militärischen Einrichtungen. Die Gegend war leicht hügelig und daher geeignet für Hinterhalte. Außerdem konnte man sich zur Not über den nahen Fluß absetzen. Starrus hatte dazu sicherheitshalber die Flöße herbeischaffen lassen, die Rolfes und seine Leute am Südufer des Sonnensees zurückgelassen hatten.


"Es sind mindestens 500 der Ritter von Cordo und 200 Weiße, Majestät", berichtete einer der Späher.

Starrus wünschte sich de Roqueville herbei. Doch der war mit einer anderen, möglicherweise kriegsentscheidenden Mission beauftragt. Im Grunde war er - Starrus - hier nur ein Lockvogel, der mit ein paar Mann möglichst viele feindliche Soldaten binden sollte. Und das würde er jetzt tun.

"Wie weit noch?"

"Höchstens eine Stunde zu Pferde."

"Das heißt, im Galopp maximal eine halbe. Gut. Wir gehen vor wie befohlen."

Der Soldat bestätigte. Zusammen mit dem König trat er aus dem Kommandeurszelt heraus und gab das Zeichen.

Die arcadischen Soldaten, nicht mehr als 200, und weitere etwa 200 Herzögliche, die man am Desertieren hatte hindern können, verließen ihre Stellungen im Laufschritt. Sie trugen Fackeln und hatten den Befehl, Allera in Brand zu stecken, sobald eine nennenswerte Weiße Armee zum Angriff heranrückte.

Die Einwohner der kleinen Stadt waren ohnehin längst geflohen, aber wenn sie noch dagewesen wären, hätte Starrus trotzdem keine Sekunde gezögert. Er wollte, daß die Weißen unter Druck gerieten, denn das würde sie unvorsichtig machen. Und er hatte ein paar hübsche Überraschungen für sie bereit.

Seine Soldaten hatten die nahe Stadt inzwischen erreicht und zündeten jedes erreichbare Haus an. Starrus beobachtete inzwischen von einem Hügel aus die Weißen Soldaten. Als diese die Rauchfahnen sahen, fielen sie sofort in Galopp und stürmten auf die brennende Stadt zu. Starrus lachte lautlos. Es war eine sinnlose Reaktion. Zu retten gab es nichts mehr, dafür waren sie bei ihrem Eintreffen völlig er schöpft.

Starrus ließ die arcadischen Soldaten sich zurückziehen. Die Herzöglichen jedoch schlichen sich weiter vor. Dort hatte Starrus Fallgruben ausheben lassen. Einige Minuten später erreichten die ersten Weißen Vorauskommandos den Stadtrand, und nicht wenige von ihnen landeten in den Löchern. Die übrigen waren dadurch völlig verwirrt und in Unordnung gebracht, so daß die herzöglichen Soldaten leichtes Spiel zu haben glaubten. Doch die Weißen waren tapfere Soldaten und wehrten die nicht gerade sehr professionell kämpfenden Herzöglichen in schweren Kämpfen ab.

Starrus sah es mit Unmut. Es war ein Fehler gewesen, an dieser entscheidenden Stelle keine arcadischen Soldaten einzusetzen. Diese hätten wahrscheinlich gesiegt und dem Feind damit eine wichtige, vielleicht schon entscheidende Niederlage beigebracht. Er ärgerte sich über sich selbst, denn es war sein Plan gewesen, seine Leute zu schonen. Erreicht hatte letzten Endes das Gegenteil. Er gab den Befehl, die Flöße bereitzumachen.

Einige Minuten später erreichte der Rest der Weißen Soldaten den Stadtrand. Starrus sah den General des Weißen Königs, einen sehr erfahrenen Kämpfer und guten Strategen. Und da die Weißen fast 2:1 in der Überzahl waren, war diese Schlacht so gut wie entschieden. Immerhin, der Hauptzweck war erreicht, nämlich von der Operation weiter im Norden abzulenken.

Im Laufe der nächsten Stunden drängten die Weißen die Soldaten von Starrus zum Fluß, wo diese sich schließlich absetzten. Doch nur zum Schein.

"Wir lassen uns ein Stück flußabwärts treiben", befahl Starrus, nachdem die siegreichen Weißen außer Sicht waren, "dann gehen wir wieder auf Weißem Gebiet an Land und machen einen Gewaltmarsch bis etwa zehn Kilometer östlich der Weißen Hauptstadt. Dort werden wir dringend gebraucht."

Es war Nachmittag, als die Arcadier und die etwa 150 überlebenden Herzöglichen wieder auf Weißem Territorium landeten. Und dann begann der lange Marsch, der die Streitmacht in knapp zwei Tagen fast ohne Pausen zur entscheidenden Stelle brachte.

*

Das Unendliche Land - Die Zweikönigsschlacht

1000 plus 6000 gegen unsere 11000. Gar nicht schlecht. Aber es ist ihr Land, und daher sind sie im Vorteil.

De Roqueville analysierte die Lage sachlich und emotionslos. Er wußte, daß er siegen würde. Der Weiße König hatte auf die Schnelle nur 1000 Mann zusammengebracht. Offenbar hatte er die Stärke der arcadischen Invasionsarmee unterschätzt. Das feindliche Rückgrat bildeten also die zu allem entschlossenen Männer Cordos. Sie waren dem Alten König bedingungslos ergeben. Er - de Roqueville - selbst hatte 8000 arcadische und 3000 herzögliche Soldaten unter sich. Die Versorgung dieser Männer war nicht einfach, daher hatte er auf eine rasche Entscheidung gedrängt. Im Grunde ging es in diesem Krieg nicht um die Niederwerfung des Weißen Landes. Die Beseitigung Cordos war das Hauptziel. Doch Nordus und Nuitor hatten bereits durchblicken lassen, daß sie sich den Weißen Thron nicht entgehen lassen würden, wenn er ihnen ohnehin in die Hände fiel. De Roqueville hielt es allerdings für fraglich, ob ihnen eine schnelle Eroberung der Weißen Hauptstadt gelingen würde. Eine lange Belagerung war jedenfalls sinnlos, denn das hätte dem Land Zeit gegeben, seine Kräfte zu sammeln und die Arcadier zu besiegen. Im Grunde verdankten er und Starrus es nur der Naivität des Weißen Königs, daß sie so weit gekommen waren. In der Geschwindigkeit lag das Geheimnis. Und im richtigen Zeitplan des Angriffs.

Das arcadische Heer war fast bis auf Sichtweite an die Weiße Hauptstadt herangerückt. Jetzt näherte sich das Weiße Heer von Westen, und das Heer Cordos von Süden, um die vermeintliche Bedrohung der Hauptstadt abzuwenden. Eine ideale Konstellation, um sie einzeln zu besiegen. Doch de Roqueville hatte eine bessere Idee. Er ging davon aus, daß die anderen die wahre Stärke seiner Armee nicht genau kannten. Um sie weiter zu täuschen, ließ er seine Soldaten sich beim Anblick des herannahenden Feindes zurückziehen, wobei er so vorging, daß immer nur ein Teil für die Weißen sichtbar war, so daß ihre Späher und Kundschafter seine wahre Stärke nicht herausbringen konnten.

So ging das Spielchen mit Rückzug und Nachrücken bis zum Abend. Die Armee des Weißen Königs hatte sich mit der Cordos problemlos vereinigt und stoppte den Marsch nun, um für die Nacht zu rasten. Sie fühlten sich sicher, und diesen Vorteil gedachte de Roqueville zu nutzen.

Seine Leute hätten nach den harten Märschen eine ruhige Nacht auch bitter nötig gehabt, doch statt dessen würden sie kämpfen müssen. Sorgfältig beobachtete er den Zug der feindlichen Armee, als ihm plötzlich ein Ritter in dunkelbrauner Rüstung, die in der Abendsonne glänzte und funkelte, auffiel. Der Ritter hatte sein Visier heruntergeklappt und ritt ganz vorne mit. Ab und zu gab er den anderen Zeichen und Befehle, die der Kommandeur natürlich wegen der großen Entfernung nicht verstehen konnte. Aber de Roqueville kannte die Rüstung und ihren Träger: Es war niemand anderes als die Weiße Prinzessin Alessandra. Nur die violette Eisvogelfeder fehlte: die steckte nämlich in seiner eigenen Tasche.

Damit war sein Plan, die vereinigte Armee in der Nacht zu überfallen, zum Scheitern verurteilt, denn diese Idee hatte zuerst die Prinzessin selbst vor Trok erfolgreich durchgeführt, und auf ihren eigenen Trick würde sie niemals hereinfallen.

Er hätte sich ärgern können: Eine Chance absichtlich vergeben, die andere aus der Hand genommen. Statt dessen empfand er tiefe Befriedigung. Es würde ein würdiger und interessanter Kampf werden.

"Kommandeur! Wann greifen wir endlich an?" hörte er da eine bekannte Stimme hinter sich. Es war Nordus, der eitle, aber fähige arcadische Prinz. Allerdings hatte Starrus seinen Söhnen klargemacht, daß de Roqueville den alleinigen Oberbefehl über alle Operationen hatte, und daß auch sie ihm untergeordnet waren. Langsam drehte sich der Kommandeur um, dann streckte er die Hand aus und wies auf den Ritter in der dunkelbraunen Rüstung: "Seht Ihr diesen Soldaten im Rang eines Weißen Generals? Es ist Prinzessin Alessandra. Damit ist der Plan eines nächtlichen Überraschungsangriffs gescheitert."

Immerhin sah Nordus das ein, auch wenn er mit dieser Wendung ziemlich unzufrieden war. De Roqueville befürchtete, daß er von dieser Seite Schwierigkeiten bekommen würde.

Außerdem mußte er sich einen neuen Plan zurechtlegen. Nach kurzem Nachdenken kam ihm eine diabolische Idee. Ungeduldig wartete er den Einbruch der Nacht ab.

Wie er erwartet hatte, hatten Cordo und die Prinzessin zahlreiche Wachen aufstellen lassen, und sie waren auch nicht betrunken, wie damals die arcadischen Soldaten vor Trok. Doch genau das war Alessandras Fehler. Sie war sich sicher, gegen einen Nachtangriff gerüstet zu sein. Das aber würde sich noch zeigen.

Der Kommandeur schickte den ersten Trupp los, kaum daß sich drüben die Meisten zur Ruhe begeben hatten. Die Reiter stürmten mit wildem Getöse auf das Lager zu, schossen ein paar Pfeile ab, warfen einige Brandfackeln und verschwanden dann wieder in der Nacht.

Das ganze Lager der Vereinigten war in heller Aufruhr. De Roqueville lächelte zufrieden. Er sah geradezu vor seinem inneren Auge, wie die schöne Prinzessin vor ihren Rittern auf- und abging und ihnen die Gefahren eines nächtlichen Überfalls in den blühendsten Farben schilderte. Dementsprechend waren sie nun auch am Rande einer Panik. Es dauerte fast zwei Stunden, bis sich das Lager wieder beruhigte. De Roqueville wußte, daß er selbst in dieser Nacht nur wenig Schlaf finden würde, denn kaum war drüben wieder alles ruhig, schickte er die nächste Schwadron los. Diese durchbrachen nun sogar die äußeren Verteidigungslinien, wurden dann aber von den Wachen und den rasch geweckten Rittern abgewehrt.

Wieder verging eine Stunde, die der Kommandeur diesmal selbst zum Schlafen nutzte. Dann wiederholte er das Spiel. Und so ging es noch dreimal in dieser Nacht. Und als der Morgen graute und die Weißen mit den Nerven am Ende waren, da begann der echte Angriff.

Er endete mit einer schweren Niederlage der Vereinigten, die sich daraufhin mit größter Geschwindigkeit in Richtung zur Weißen Hauptstadt zurückzogen. Und dann näherte sich von Süden die kleine Armee des Starrus. Der alte Haudegen hatte es gerade noch rechtzeitig geschafft.

Seine Männer waren erschöpft, doch sie wußten, um was es ging, was auf dem Spiel stand, und warfen sich mit todesmutiger Entschlossenheit auf die Vereinigten Armee, die dadurch kurzzeitig völlig aus dem Gleichgewicht geriet. Doch irgendwie schaffte es die Prinzessin, ihre Leute wieder zu ordnen. Die Soldaten von Starrus vorn, die riesige Armee de Roquevilles hinter sich, kämpften die Weißen und Cordos Leute mit dem Mut der Verzweiflung. Die Reihen der Vorhut de Roquevilles schwankten, und einigen Vereinigten wäre sicher der Durchbruch gelungen, doch damit hätten sie die anderen im Stich gelassen, denen sie den Rücken freihalten mußten, und so blieben sie und schlugen weiter Lücken in die Reihen der Arcadier. Von seinem Hügel aus beobachtete de Roqueville vor allem den Kampf, den die Weiße Prinzessin dem Trupp Nuitors lieferte, der ganz vorne kämpfte. Hätte die vereinigte Armee mehr solcher mutigen und klugen Kämpfer gehabt, wäre ihr womöglich der Sieg gelungen.

*

Alessandra sah sich umzingelt. Nur noch wenige ihrer Ritter waren an ihrer Seite, und die Reiter Nuitors stürmte mit wilder Entschlossenheit auf sie ein. Offenbar hatte der Prinz seine Gegnerin erkannt, denn sonst wäre diese Wildheit kaum erklärlich gewesen.

Alessandra schrie einen Befehl, und dank ihrer hohen, weittragenden Stimme hörte sie jeder. Sie befahl einen Ausfall nach Westen, um den dortigen Soldaten die Flucht durch die schon stark geschwächten Linien Starrus' zu ermöglichen. Die Rösser preschten davon, da wurde Schwalbe von einem Pfeil getroffen und sackte unter ihr zusammen. Mit einem verzweifelten Aufschrei stürzte sie zu Boden. Und da waren auch schon die Ritter Nuitors mit ihren silbern glänzenden Rüstungen über ihr und entwanden ihr das Schwert. Zahlreiche Lanzen und Schwertspitzen waren auf ihren Hals gerichtet.

Dann zerrten sie sie wieder auf die Beine. Langsam kam Nuitor auf sie zugeritten, dann stieg er ab und zog seinen Helm ab. Alessandras Helm hatte man ihr schon vorher vom Kopf gerissen, und nun fielen ihr ihre langen rotbraunen Haare über ihre eiserne, dunkel schimmernde Rüstung.

Nuitor, den der Weiße König damals beim Turnier aus dem Verkehr gezogen hatte, was er und sein Vater Starrus ihnen nie verziehen hatte, zog sein Schwert aus der Scheide. Es war braun von daran haftenden Blut zahlloser gefallener Feinde. Er hob es hoch und setzte es dann der Prinzessin an die Kehle.

"Na los. Tötet mich schon", zischte sie verzweifelt und trotzig.

Nuitor sah sie mit einem seltsamen Blick an. Lange verweilten seine Augen auf ihr, dann ließ er das Schwert wieder sinken.

"Töte sie!" rief da Nordus, der gerade herangestürmt kam. "Dummkopf. Töte sie."

Nuitor sagte nichts, aber er stellte sich so vor Alessandra, daß Nordus sie nicht mit einem Pfeil erledigen konnte.

"Paß auf, was du sagst, Bruder."

Nordus wollte gerade zu einer geharnischten Antwort ansetzten, als irgend etwas passierte. Die Ritter, die hinter Alessandra standen, ließen plötzlich ihre Waffen fallen.

*

Cordo und Starrus sahen einander fast gleichzeitig. Die Lage war verworren: Starrus' Leute waren nur wenige und zudem erschöpft durch den langen Marsch vom Fluß herauf. Andererseits waren Cordos Leute nach einer Nacht des Terrors jetzt auf der Flucht vor de Roqueville, der ihnen dicht auf den Fersen war.

Obwohl die beiden arcadischen Könige auf ihren prächtigen Streitrössern sich nur von weitem sahen, schien es doch in diesem Moment die stillschweigende Absprache zu geben, hier und jetzt die Entscheidung zu suchen. Jeder gab seinen Rittern den Befehl, den Feind sofort anzugreifen. Mit Feuereifer stürmten die beiden Trupps aufeinander los, die Könige ganz vorn.

Wild fielen die feindlichen Heere übereinander her, und Starrus kämpfte gegen Cordo Mann gegen Mann. Eisen prallte auf Eisen, während rings herum die Soldaten versuchten, ihren jeweiligen König zu schützen. Doch das Durcheinander war zu groß. Hätte Cordo jetzt den Befehl zum sofortigen Rückzug gegeben, hätte er leicht mit fast allen seinen Rittern entkommen können. Doch er wollte Starrus, so wie Starrus ihn wollte.

Mit einem unglaublich kräftigen Hieb seines langen Schwertes hob Cordo seinen Gegner aus dem Sattel. Starrus' Schwert zerbrach dabei, und er krachte mit dem Rücken auf den Boden. Sein in Panik davongaloppieren des Pferd streifte mit einem Huf auch noch den Brustpanzer des gestürzten Königs und schleuderte ihn zur Seite. Gepeinigt stöhnte der Arcadier auf, doch im Grunde war es Glück im Unglück: An der Stelle, an der er eben noch gelegen hatte, bohrte sich die Lanze Cordos in den Grund. Der Alte König sah, daß er seinen Gegner zwar verfehlt hatte, dieser aber im Moment wehrlos war. Er sprang vom Pferd und stürzte sich auf Starrus. Dicht vor ihm holte er mit seinem mächtigen Schwert aus, um dem am Boden Liegenden den Rest zu geben, da schleuderte Starrus mit aller Kraft das Griffstück seines Schwertes mit dem Stumpf der Klinge gegen Cordo. Das vorne zersplitterte Eisen durchdrang mit der Wucht des Wurfes den ledernen Bauchpanzer Cordos und bohrte sich tief in seine Eingeweide. Mit einem Aufschrei ließ der Alte König sein Schwert fallen und griff sich verzweifelt an den Unterleib, aus dem nun Starrus' Schwertgriff ragte.

Starrus nutzte seine Chance sofort, rollte sich ab, ergriff Cordos Schwert, sprang auf und streckte seinen verhaßten Rivalen nieder. Dann sah er sich triumphierend um. Doch niemand hatte es bemerkt. Jedenfalls im ersten Moment nicht. Doch dann verbreitete sich die Kunde vom Tod Cordos wie ein Lauffeuer durch die Reihen. Die Soldaten der Vereinigten Armee flohen nun in wilder Panik. Nur ein Wunder konnte sie jetzt noch vor dem Untergang retten.

Und das Wunder geschah. Es kam in Gestalt des Weißen Generals mit seinen Leuten, die in harten Märschen Starrus dicht auf den Fersen den ganzen Weg vom Siina-Fluß herauf gefolgt waren. Auch sie hörten vom Tod Cordos, doch das brachte Aistimarat nicht aus der Fassung. Wütend ließ er seine Leute den Trupp von Starrus und den mittlerweile herangerückten Teil der Ritter de Roquevilles angreifen und verhinderte so die Gefangennahme der Weißen Armee. Doch seine eigenen Leute wurden mehr und mehr umzingelt, denn jetzt kam nach und nach die gesamte riesige Armee des Kommandeurs heran.

Der General und seine Leute wehrten sich verzweifelt, und während etwas weiter nördlich die Reste der vereinigten Armee sich zur Weißen Hauptstadt absetzen konnten, sah der Weiße General mit seinen Rittern und denen Cordos, die unter ihm fochten, seinem Untergang entgegen.

Starrus ließ keine Gnade walten und tötete jeden Arcadier, der auf der Seite Cordos gekämpft hatte. Die Weißen Soldaten wollte er gefangennehmen lassen, doch diese kämpften Seite an Seite mit ihren arcadischen Waffenbrüdern bis zum Tod. Zum Schluß fiel auch der alte General. Nun lag die Weiße Hauptstadt praktisch offen vor dem alten und neuen arcadischen König. Und wieder rettete ein Wunder die Weißen. Nur, daß es diesmal ein finsteres Wunder war.

*

Die arcadischen Soldaten ließen ihre Waffen fallen und rannten schreiend davon, zumindest die, die nicht versteinerten. Nordus, Nuitor und Alessandra wirbelten herum. Und da stand er: der Basilisk. Das Ungeheuer, das Menschen allein durch seinen Anblick zu einer Statue werden lassen konnte. Er hatte das schwarze Tuch wieder vor das Gesicht gezogen und ging langsam auf die Drei zu.

Alessandra musterte den Unheimlichen mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu. Doch irgendwie ... plötzlich erkannte sie ihn: Sie war diesem Wesen schon einmal begegnet.

"Ihr?", rief sie fragend.

Sie hatte ihn erkannt, den Schwarzvermummten, der ihr, als sie als Gefangene der Arcadier auf dem Weg nach Tansir war, zu Essen und zu Trinken gegeben hatte.

Der Basilisk nickte leicht. Dann wandte er sich den beiden arcadischen Prinzen zu, die jetzt bereits vor Angst und Entsetzten so erstarrt waren, daß sie sich nicht mehr rühren konnten.

Dann nahm der Basilisk seine Maske ab und fixierte die beiden Unglücklichen. Die unheimliche Kraft seiner Augen faßte nach ihnen.

"Nein!", rief da Alessandra verzweifelt. "Bitte, laßt sie leben. Ich bin es doch, die Ihr wollt."

Der Basilisk wandte sich nun frontal der Prinzessin zu, und zum ersten Mal sah sie sein Gesicht deutlich und in allen Einzelheiten. Sie war zutiefst erschüttert. Die Augen waren die eines Raubtieres, einer Schlange, mit geschlitzten Pupillen, in denen sich die Abgründe der Hölle widerzuspiegeln schienen. Auch das Gebiß war der Fang eines wilden Tieres, mit spitzen Reißzähnen.

In scharfem Kontrast dazu stand der Rest des Gesichtes, der vollkommen menschlich war, nur überzogen von seltsamen Narben und Malen. Man hätte den Basilisken für einen ganz normalen Mann halten können, wenn er Mund und Augen schloß. Nicht zuletzt dieser Kontrast zwischen menschlichen und dämonischen Zügen verwandelte das Gesicht in die Fratze eines Ungeheuers.

Alessandra glaubte bei diesem Anblick, ihr Herz müsse stehenbleiben. Ihr Blick verlor sich in den abgründigen Augen dieses Monsters, und die Zeit schien einzufrieren.

"Zu spät", sagte die Stimme des Basilisken in ihre Trance hinein.

Als entfernt plötzlich Fanfaren ertönten, zuckte sie zusammen und kehrte in die Realität zurück. Zwei Herolde der Armee von König Starrus galoppierten durch das inzwischen fast verwaiste Schlachtfeld und riefen: "Cordo ist gefallen. Lang lebe der rechtmäßige König Starrus. Cordo, der Verräter, ist tot."

Als Alessandra dies vernahm, schwanden ihr endgültig die Sinne.

Das Unendliche Land - Alexander Graf von Aulendorff, der Basilisk

Sie wußte zuerst nicht, wo sie war, als sie langsam das Bewußtsein wiedererlangte. Was für ein gräßlicher Alptraum war das nur gewesen! Ihr geliebter Cordo tot, Schwalbe von einem Pfeil dahingestreckt, und dann diese Bestie ...

Sie schlug die Augen auf und sah vor sich den sandigen, blutdurchtränkten Boden, und als sie das sah, da durchzuckte sie wie ein Blitzschlag die Erkenntnis, daß es keineswegs nur ein Alptraum gewesen war. Langsam richtete sie sich auf. In einiger Entfernung sah sie den zu Stein erstarrten Nordus. Von Nuitor fehlte hingegen jede Spur. Und auch der Dämon war im Moment nicht zu sehen.

Vor ihrem inneren Auge erschien Cordo. Ihr letzter Wunsch, ihn noch einmal zu sehen, war in Erfüllung gegangen. Noch am Morgen hatte jeder seinen Teil der vereinigten Armee übernommen, doch dann waren sie im Verlauf der sehr schweren Kämpfe getrennt worden. Und jetzt ... jetzt war er tot. Die Prinzessin schluchzte. Erst jetzt wurde ihr bewußt, wie sehr sie ihn geliebt hatte.

Von weit her hörte sie das Getrappel zahlloser Hufe und die charakteristischen Geräusche, die eine große Armee in rascher Bewegung machte. Doch es interessierte sie nicht mehr. In ihr war jedes Gefühl abgestorben.

*

Als de Roqueville den Basilisken aus dem Unterholz auftauchen und auf die beiden Prinzen und ihre Gefangene zugehen sah, da sagte ihm sein nüchtern analysierender Verstand, daß er die Schlacht verloren hatte. Aber was machte das? Das Kriegsziel war erreicht. Doch dann sah er von seinem Hügel aus, wie Nordus und Nuitor von dem Dämon getötet wurden, während die Weiße Prinzessin dem Basilisken in den Arm fiel, allerdings zu spät. Warum Nuitor ihr nach ihrer Niederlage das Leben geschenkt hatte und sie nun anscheinend versuchte, seins zu retten, wußte er nicht. Er wußte nur, daß dieser Feldzug anders verlaufen war, als er sich das gedacht hatte. Kurz darauf galoppierten Boten des siegreichen Königs Starrus nahe an Alessandra und dem Basilisken vorbei und riefen ihnen die Nachricht vom Tode Cordos entgegen. Offenbar erkannten sie den Basilisken nicht, denn sie galoppierten weiter, und es sah nicht nach einer panischen Flucht aus. Der Kommandeur sah, wie die Prinzessin zusammenbrach. Offenbar war die Nachricht zuviel für sie gewesen. Der Basilisk ließ sie liegen und wandte sich dann gegen die arcadische Armee, die jetzt nachrückte. De Roqueville wollte schon zum Rückzug blasen, als er zu seiner Überraschung sah, wie sich Prinz Nuitor erhob, kurz umsah, und dann davonrannte.

De Roqueville schickte ein paar Boten aus, die Nuitor einsammeln und Starrus mitteilen sollten, daß die Armee sich zurückziehen mußte. Dann räumte auch er sein Feldherrenzelt auf dem Hügel. Er nahm sich vor, mehr über den Basilisken herauszufinden, denn Niederlagen nahm der ehrgeizige Mann niemals einfach so hin. Nur jetzt, das wußte er, mußte er sich erst einmal fügen und schleunigst das Weite suchen.


Und so zog sich die arcadische Armee nach Südosten zurück, in das Lager Gel-Gabal. Der Rückzug erfolgte geordnet, doch die eben noch vorhandene Siegeszuversicht der stolzen Ritter war Nervosität und Enttäuschung gewichen. Nur die finstere Entschlossenheit ihres Kommandeurs gab den Soldaten zu denken.

*

Alessandra wartete auf die Rückkehr ihres neuen Herrn. Denn daß sie der Preis für die Befreiung des Weißen Landes sein würde, daran zweifelte sie nicht mehr im geringsten.

Sie wußte nicht, wieviel Zeit verstrichen war, als der Basilisk schließlich zurückkehrte. Sein Gesicht war wieder verhüllt. Wortlos näherte er sich der Weißen Prinzessin. Er faßte sie am Arm und zog sie hoch. Dann gingen sie schweigend der untergehenden Sonne entgegen, dort, wo die Weiße Hauptstadt lag. Auch unterwegs sprachen sie kein Wort. Alessandra nahm nur wenig von dem wahr, was um sie herum vorging. Und was im Kopf des Basilisken vor sich ging, vermochte sowieso keiner zu sagen.

Zwei Stunden nach Sonnenuntergang erreichten sie das prächtige östliche Stadttor. Es war geschlossen und von mehreren Gardisten des Rittmeisters bewacht. Doch als sie die Prinzessin sahen, ließen sie sie und den vermummten Fremden ein.


Ein Bote kündete dem Weißen König die Rückkehr seiner Tochter und eines in Schwarz verhüllten Fremden. Der König wußte, um wen es sich dabei handelte. Seine Angst vor dem Dämon hielt sich die Waage mit der Erleichterung, daß wenigstens seine Tochter vom Schlachtfeld zurückgekehrt war.

Denn die Bilanz dieses Tages war grauenvoll. Der gute, alte General war gefallen. Cordo, seine große Hoffnung, war von Starrus getötet worden. Der Angriff auf die Hauptstadt war zwar abgewehrt worden, aber um welchen Preis! Und Starrus war mit zumindest einem seiner Söhne und dem gefährlichen de Roqueville unbehelligt abgerückt. Der Krieg gegen Arcadia konnte noch jahrelang weitergehen. Und die vielen Gefallenen auf seiner Seite! Zu viele tapfere Ritter hatten den Tod gefunden.

Sicher, er hatte den entkommenen Arcadiern aus der vereinigten Armee Asyl gewährt, denn er wußte, daß Starrus jeden von ihnen töten ließ, dessen er habhaft wurde. Sie, immerhin noch weit über 3000 Mann, bildeten eine beachtliche Streitmacht, und wenn er die Militärmaschinerie seines Reiches richtig hochlaufen ließ, hatte er mehr als genug Soldaten, um die Arcadier aus seinem Land zu werfen. Doch die Sieger dieses Tages hießen Starrus und Basilisk, und das warf lange Schatten in die Zukunft.

Der Basilisk ...

Im Palast wurde es still, als der Verhüllte, die Prinzessin hinter sich herziehend, durch das Wachhäuschen schritt und die Rampe hinaufging. Schritt für Schritt, in aller Ruhe und Gelassenheit, wie es schien, näherte sich das Böse dem Herzen des Reiches, dem Thronsaal. Und dann ging die Tür auf. Das Quietschen erfüllte den totenstillen Raum für einen Moment, dann trat der Basilisk ein. Doch richtig erschrak der Weiße König beim Anblick seiner Tochter. Mit welchem Feuereifer war sie am Morgen noch in die Schlacht gezogen, weil der General, sein zuverlässigster Kämpfer, im Süden König Starrus verfolgte. Und wie kam sie jetzt zurück! Ihre Haltung war gebeugt, ihr Gang schleppend, ihre Augen leer und ausdruckslos auf den Boden gerichtet.

"Oh mein Gott. Kind!"

Alessandra hob kurz den Kopf und sah ihren Vater an. Er erschauderte unter diesen Augen. Und dann der Unheimliche, der ein Stück neben ihr stand und unter seinem schwarzen Tuch den Raum und die Anwesenden durchdringend zu mustern schien. Genau konnte man das nicht erkennen.

Wo war jetzt Elysiss? Nie hätte der König sie dringender gebraucht als jetzt, in dieser verzweifelten Stunde. Selbst den Schwarzen König hätte er willkommen geheißen, doch auch der war so fern. Er hatte sich sogar mit einer faulen Ausrede geweigert, seiner Schwägerin Alessandra zu helfen. Und nun sollte sie diese Bestie heiraten und - ja, der Basilisk würde dann König werden! Ein Monstrum auf dem Weißen Thron.

Der Weiße König war entschlossen, eher zu sterben, als das zuzulassen. Aber was konnte er tun? Der Basilisk war unverwundbar. Und mit seinem tödlichen Blick verfügte er über eine Waffe, mit der er gerade eine ganze Armee in die Flucht geschlagen hatte. Jetzt verstand der Weiße König, warum Alessandra diesen Blick hatte. Sie hatte resigniert. Der Tod ihres geliebten Cordo und das Schicksal, das sie erwartete, hatte sie gebrochen.

"Sprecht!", hörte der König sich selbst zu dem Basilisken sagen.

"Weißer König. Ihr wißt, daß ich Eure Stadt und Euer Land vor dem Feind bewahrt habe. Als Belohnung dafür verlange ich nichts als die Hand Eurer Tochter Prinzessin Alessandra."

Stille. Die Worte waren ausgesprochen, aber der Weiße König wußte keine Antwort. Niemand wußte eine. Da hob Alessandra die Augen und flüsterte mit dünner Stimme: "Um des Friedens und unseres Reiches Willen bin ich einverstanden."

"Tochter!"

"Dann laßt uns sofort einen Termin für die Hochzeit festlegen. Sie soll schon Morgen stattfinden!", rief der Basilisk. "Zeigt mir nun unser Gemach."

"Wartet. Zuerst will ich wenigsten euer Gesicht sehen", unterbrach ihn der Weiße König.

"Nun gut."

Alle im Saal hielten den Atem an, als der Basilisk die Tücher von seinem Gesicht nahm. Einige fielen in Ohnmacht, andere stießen unterdrückte Entsetzensschreie aus. Der König war erschüttert. Er konnte die Tränen der Verzweiflung nicht länger zurückhalten und vergrub sein Gesicht in den Händen.

*

Es war einmal ein alter Graf namens von Aulendorff. Dieser Graf hatte einen Sohn, einen schönen, jungen Heißsporn, der sich in jeden Streit einmischte und es immer besser wußte. Dabei war er aber charmant und intelligent, so daß ihn im Grunde jeder in dem kleinen Land, daß der Graf als Lehen des Großen Königs bekommen hatte, mochte.

Der alte Graf holte die besten Lehrer aus fernen Ländern herbei, um seinen Sohn erziehen zu lassen, denn er war sein einziges Kind. Er würde das Lehen erben und sollte es gut und weise verwalten.

Als der junge Graf achtzehn Jahre alt war, da sagte ihm sein Vater: "Sohn, ziehe in die Welt hinaus und lerne aus dem, was dir dort begegnet. Und wenn zwei Jahre vergangen sind, dann kehre zurück auf den Thron Derer von Aulendorff."

Und so setzte sich der schöne junge Graf auf sein prächtiges Pferd und ritt davon. Viele Länder und Menschen lernte er kennen, doch überall sprach man vom Unendlichen Land, dem finsteren Schwarzen Königreich, das von seinem grausamen König gepeinigt und ausgesaugt wurde. Und so beschloß der junge, unerfahrene Grafensohn, das Schwarze Königreich aufzusuchen, um den finsteren König zur Umkehr zu bewegen, denn er wollte den armen Menschen dort helfen.

Er ritt viele Tage und Nächte, und dann sah er die Schwarze Grenze vor sich. Und als er sie sah, da wußte er, daß er kein gewöhnliches Land betrat, denn wo sonst gab es eine Grenze, die zwar nirgends markiert war, aber sich in der wilden Natur so deutlich abhob?

In der ersten Nach begegnete ihm ein sprechender Wolf, doch er tötete ihn in seiner Angst.

Dann erreichte er eine Stadt, die ihre Bewohner Sydur nannten. Niemand hieß ihn dort willkommen. Die eingeschüchterte Bevölkerung empfing ihn voller Mißtrauen und war froh, als er am anderen Tag wieder abreiste. Sie warnten ihn, flehten ihn an, das Unendliche Land so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Doch statt dessen zog der junge Graf tiefer in das Land hinein. Am Abend des übernächsten Tages erreichte er das Schwarze Schloß. Davor standen ein paar Häuser. Der Graf stieg vom Pferd und klopfte an die erste Tür. Kaum hatte er geklopft, da wurde sie aufgerissen. Darunter stand ein Mann, wie ihn der junge Graf noch nie gesehen hatte. Er war ganz in Schwarz gekleidet, aber seine Haare waren hellblond und die Augen hellblau. Auf dem Kopf trug er eine fremdartig anmutende Krone. Und auf seinen Lippen lag ein eigenartiges, halb spöttisches, halb verächtliches Lächeln. Der Graf hatte keine Zweifel, daß es der Schwarze König war, der ihn hier so überraschend empfangen hatte.

Da trat ein grausamer Zug in die Augen des Schwarzen Königs, und er sagte: "Ich will verdammt sein, wenn ich dich von hier weggehen lasse, ohne dir eine Lektion zu erteilen, die du niemals vergessen wirst. Dazu hat dein Alter dich doch ausgeschickt, nicht wahr? Nun, hier kannst du was fürs Leben lernen. Die Lektion lautet: Mische dich nie in Angelegenheiten, die dich nichts angehen."

Und er verwandelte den armen jungen Grafensohn in das schreckliche Monster, das man von da an nur noch den Basilisken nannte. Zuletzt sagte er: "Ewig wirst du leben und Furcht und Schrecken verbreiten. Jeder, der dich sieht, wird zu Stein werden, und alle werden dich hassen und fürchten. Niemals sollst du die Liebe einer Frau erlangen können, die allein den Bann brechen kann. Das ist meine Strafe für dich." Und mit seinem typischem spöttisch-arroganten Lächeln schickte er den Unglücklichen fort und verbannte ihn aus seinem Reich und gleichzeitig aus der Gemeinschaft aller Menschen.

Fortan zog der junge Graf, der nicht mehr altern und sterben konnte, als Ausgestoßener, Gezeichneter durch die Welt. Oft versteckte er sich jahrelang in der Wildnis, um nicht anderen Menschen begegnen zu müssen. Er litt unter der grausamen Strafe, und als er eines Tages erfuhr, daß der Schwarze König gestorben oder zumindest für immer verschwunden war, da schwand endgültig all seine Hoffnung und er stürzte sich von den Klippen des Octavius-Meeres. Doch er überstand es ohne einen Kratzer, und auch das wochenlange Umhertreiben auf offener See konnte seinem verfluchten, unsterblichen Körper nichts anhaben. Schließlich wurde er irgendwo an Land gespült, doch auch hier flohen die Menschen voller Entsetzen, wenn sie ihn nur von Weitem sahen.

Und so zog er als verlorene Seele durch das Land.

Eines Tages kam er auf die Idee, sich mit Hilfe eines Spiegels selbst zu versteinern. Doch selbst diesen letzten Ausweg hatte der grausame Schwarze König ihm verbaut, denn als er sein Gesicht im Spiegel sah, da schwanden seine Kräfte. Er konnte es einfach nicht, so sehr und so oft er es auch versuchte. Andere zur Hölle zu schicken war für ihn ein Kinderspiel, doch bei ihm selbst versagte seine Macht völlig.


Doch eines Tages, es waren viele, unzählig viele Jahre vergangen, da schöpfte er neue Hoffnung. Er hatte aufgehört, die Jahre zu zählen, die er nun schon als Ungeheuer durch die Welt ziehen mußte, als er von Ferne einen großen Heereszug sah, der sich auf dem Weg nach Süden befand. In der Mitte des Zuges war ein Gefängniswagen, und darin saß eine wunderschöne Frau. Sie war zwar durch Kälte und Hunger gezeichnet, doch als der Basilisk sie zum ersten Mal aus der Nähe sah, da entflammte sein Herz in heißem Begehren, und er war entschlossen, sie zu gewinnen, koste es, was es wolle. Er gab ihr zu Essen und zu Trinken und vertrieb die Soldaten, die das verhindern wollten, doch er traute sich nicht, die Schöne anzusprechen. Wie würde sie auf ein Ungeheuer wie ihn reagieren? Nein, er mußte sichergehen, durfte nichts dem Zufall überlassen. Und als das südliche Land gegen das nördliche, dem Heimatland der schönen Prinzessin, Krieg zu führen begann, da war seine Stunde gekommen. Er half denen aus dem Norden und verlangte als Belohnung die Hand der schönen Prinzessin, hoffend, daß sie sich aus Dankbarkeit für die Rettung ihres Landes freiwillig fügte. Denn nur, wenn sie sich ohne Zwang in ihn verliebte, konnte der Fluch endlich gebrochen werden.

Doch es kam, wie er es befürchtet hatte. Die Prinzessin fügte sich, aber sie sah in ihm nichts Anderes als all die anderen Menschen, denen er auf seinem Lebensweg begegnet war: ein Monstrum.


Der Basilisk hatte die Tücher wieder abgenommen. Er saß der Prinzessin gegenüber auf dem großen Bett in dem Zimmer, das man beiden gewiesen hatte. Mit seinen kalten Schlangenaugen sah er Alessandra an, suchte ihren Blick, doch dieser ging durch ihn hindurch in weite Ferne.

"Du wirst mich niemals lieben, nicht wahr?", fragte er mit hohler Stimme.

"Ihr könnt mich haben. Aber verlangt nicht, daß ich Euch liebe."

"Was muß ich tun, damit du mich liebst? Ich bin zu allem bereit. Und ich meine 'alles'."

Alessandra schüttelte den Kopf. Ihr Gesicht wirkte immer noch abwesend. "König Cordo, der Mann, den ich liebte, ist tot. Nichts spielt jetzt noch eine Rolle."

"So sehr hast du ihn geliebt?"

Die Prinzessin nickte langsam. "Ob ich tot bin oder lebe, selbst das ist mir egal."

Nachdenklich sah der Basilisk die schöne Prinzessin an. "Und ich wäre immer am liebsten tot gewesen. Erst, seit ich dich gesehen habe, habe ich wieder Hoffnung. Aber wenn ich dich heirate, dann wird es dir das Herz brechen."

"Mein Herz ist schon gebrochen", flüsterte Alessandra tonlos. "Ihr könnt mich haben, wenn Ihr es verlangt."

"Ich wünschte, wir könnten beide glücklich werden. Irgendwie."

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und eine entschlossene Stimme brüllte: "Stirb denn, Ungeheuer!"

*

Schweigend ritt Nuitor neben seinem Vater her an der Spitze der sich zurückziehenden Armee. Wenn der Prinz sich umwandte, dann konnte er sehen, wie immer mehr Soldaten sich heimlich oder auch ganz offen aus der Kolonne lösten und in Richtung Süden davonliefen. Es waren Herzögliche, die da desertierten. Aber niemand weinte ihnen auch nur eine Träne nach, selbst de Roqueville, der schon für erheblich weniger als Desertation die Todesstrafe zu verfügen pflegte, sah darüber hinweg.

Der arcadische Prinz dachte an seinen Bruder. Hätte der Basilisk ihn statt seiner zuerst fixiert, dann wäre er jetzt tot und Nordus am Leben. Dieser Blick ... Er hatte seine Kraft gespürt, wie sie auch an seinem Leben gesaugt hatte. Ohne Alessandra wäre er nur einen Moment später an der Reihe gewesen. Da durchzuckte es ihn wie ein Blitz. Er fuhr in seinem Sattel zusammen und sein Herz begann heftig zu pochen, denn er glaubte auf einmal zu wissen, wie er den Mörder seines Bruders besiegen konnte.

Doch wenn er sich irrte? Dann würde er sterben.

Er ließ sein Pferd etwas zurückfallen, auf die Höhe de Roquevilles. Seinem Vater mochte er seinen Plan nicht anvertrauen, denn er hätte es bestimmt verboten. Doch Nuitor war wild entschlossen, sich nicht aufhalten zu lassen. Der Kommandeur hingegen hatte keine Befehlsgewalt über ihn und konnte ihn nicht zurückhalten.

"Kommandeur!"

"Prinz?"

"Ich werde den Basilisken töten. Ich weiß jetzt, wie es geht. Doch sollte ich mich irren und nicht zurückkehren, dann sagt meinem Vater, was geschehen ist."

Die Augen de Roquevilles leuchteten auf. Sein Jagdinstinkt war erwacht. "Wie wollt Ihr ihn erledigen?"

"Ich verrate es Euch, wenn ich zurückkomme. Und wenn nicht, war meine Idee falsch und verdient nicht, weiter erwähnt zu werden. Lebt wohl, Kommandeur."

Doch de Roqueville war nicht im mindesten gewillt, die Sache so einfach auf sich beruhen zu lassen. Er wartete, bis Nuitor einen guten Vorsprung hatte. Dann winkte er zwei Boten zu sich. Dem einen sagte er: "Du stellst mir die hundert besten Ritter des Heeres zusammen für einen Spezialauftrag. Sofort! Aber unauffällig. Der König braucht nichts davon zu bemerken. Der hat jetzt andere Sorgen."

"Zu Befehl, Herr!" Der Reiter preschte davon.

Dem zweiten sagte er: "Der Prinz hatte eine Idee, wie er den Basilisken töten kann. Aber ich glaube, daß er Unterstützung brauchen wird. Die bekommt er von mir. Wenn wir bis Morgen nicht zurück sind oder der König nach unserem Verbleib fragt, dann sage ihm, daß Nuitor unterwegs zur Weißen Hauptstadt ist, um den Mörder seines Bruders zur Strecke zu bringen, und daß ich ihm dabei helfe."

"Wie Ihr befehlt, mein Kommandant!"


Es war bereits tiefe Nacht, als Nuitor die Mauern der Weißen Hauptstadt erreichte. Er war erschöpft. Der Tag war lang und hart gewesen, voller Kämpfe. Doch er fühlte in sich ein Feuer brennen, daß ihn nicht zur Ruhe kommen lassen würde, bis er seine Mission erfüllt hatte.

Vom Turnier her kannte er noch die Schleichwege, die an den Wachen vorbei in die Stadt führten. Zu Fuß, nur mit dem nötigsten Material versehen, schlich er sich dann durch die jetzt stillen Gassen zum Weißen Schloß, das sogar in der Nacht noch hell leuchtete. Dort brannte in vielen Fenstern noch Licht. Nuitor war nicht überrascht. Der Basilisk mußte für große Verwirrung und Bestürzung gesorgt haben. Bestimmt tagten überall Krisenrunden.

Vorsichtig schlich der Prinz die Rampe zur Vorhalle hinauf. Die Nacht schützte ihn, außerdem war kein Mensch weit und breit zu sehen. Nur hören konnte man einige im Inneren des Schlosses.

Das Portal zur Vorhalle war geschlossen, aber nicht abgesperrt. Trotzdem konnte Nuitor natürlich nicht wissen, wer sich dahinter gerade aufhielt Er sah sich um und entdeckte ein offenes Fenster einige Meter über sich. Er holte ein mit Enterhaken versehenes Seil hervor, warf es ein paarmal hoch, bis es sich verfing, und zog sich daran in die Höhe. Dann kletterte er in den Palast und machte sich auf die Suche nach der Prinzessin.

Stattdessen stieß er nach einiger Zeit auf eine Wache. Er überrumpelte den Mann, der im Halbschlaf vor sich hin gedöst hatte, und hielt ihm seinen Dolch an die Kehle: "Keinen Laut, Soldat."

Nachdem sich der Posten vom ersten Schreck erholt hatte, zischte Nuitor: "Weißt du, wer ich bin?"

Der Soldat nickte ängstlich.

"Sage mir, wo sich der Basilisk aufhält. Ich werde ihn töten!"

"Ihr? Aber ..."

Nuitor drückte den Dolch etwas fester an die Kehle des Postens. "Diese Bestie hat meinen Bruder versteinert, und dafür werde ich sie zur Strecke bringen!"

Ein eigenartiger Ausdruck trat in die Augen des Soldaten: "Wenn Ihr das schafft, Herr, dann seid Ihr der Held des ganzen Weißen Reiches. Kommt, ich führe Euch hin."

"Aber unauffällig. Es braucht nicht gleich der ganze Palast aufzuwachen."

"Keine Sorge Herr. Ich kenne stille Wege. Allerdings wird das Gemach des Brautpaares bewacht."

"Brautpaar? So eilig hat er es?"

Der Soldat nickte verbissen.

Dann führte er den arcadischen Prinzen kreuz und quer durch dunkle und verwinkelte Gänge des Weißen Schlosses. Schließlich hielt er an. "Hinter dieser Biegung ist der Korridor, an dessen Ende die Tür zum Gemach ist. Aber davor stehen zwei Posten. Aber ich kenne sie. Laßt mich mit ihnen reden."

"Aber beeil' dich. Und wenn du sie nicht überzeugen kannst, mein Schwert schafft das sicher!" Nuitor war zum Äußersten entschlossen.

Der Soldat huschte um die Ecke, dann hörte Nuitor, wie er hektisch auf die beiden Posten einredete. Schließlich ertönte ein leises Poltern, dann der Ruf: "Prinz. Es geht los!"

Einer der Wachen lag bewußtlos am Boden.

"Er wollte nicht mitmachen, dieser Idiot."

"Egal", antwortete Nuitor. Dann holte er tief Luft und stieß die Tür auf. "Stirb denn, Ungeheuer!", rief er und stürmte mit gezogenem Schwert auf den Basilisken zu. In seiner Linken hielt er dabei etwas hinter seinem Rücken versteckt.

Der Basilisk war völlig überrascht, doch er reagierte blitzschnell. Sein Kopf flog herum und fixierte Nuitor. Als dieser den unheimlichen Sog fühlte und sein Leben davonrinnen sah, da riß er im letzten Sekundenbruchteil den metallenen Spiegel hervor, den er bisher hinter seinem Rücken verborgen hatte, und hielt ihn dem Ungeheuer genau vor das Gesicht.

Der Basilisk gab einen gurgelnden Schrei von sich. Das, was er hunderte Male vergeblich versucht hatte, nun funktionierte es auf einmal. Seine Macht war losgelassen und erst danach gegen ihn selbst gerichtet worden. Nichts konnte den Prozeß jetzt noch aufhalten. Ein Entsetzen jenseits aller Worte erfaßte den Grafensohn. Endlose Jahrzehnte hatte er in der Vorhölle geschmort und zahllose Male versucht, sich das Leben zu nehmen, und jetzt, die Erlösung vor Augen, schlug der Fluch ein letztes, erbarmungsloses Mal zu, raubte ihm den letzten Hoffnungsschimmer - und sein Leben.

Sein Körper überzog sich mit feinen Rissen, und er versteinerte. Die Risse wurden größer und zahlreicher, der steinerne Körper zerbröckelte und zerbröselte in immer kleinere Stückchen. Zum Schluß blieb nichts als ein Häufchen Staub, der von der Bettkante herunterrieselte.

Nuitor ließ den blind gewordenen Spiegel sinken und steckte sein Schwert in die Scheide. Die beiden Soldaten kamen herein, und als sie die zu Staub gewordenen Reste der Bestie sahen, da brachen sie in lauten Jubel aus. Nuitor sank erschöpft neben Alessandra auf das Bett. Mit einem Mal fühlte er sich völlig leer und verbraucht. Er hätte jetzt bis zum nächsten Nachmittag schlafen können. Doch vorläufig sollte es nicht dazu kommen.

Denn der Lärm, den die beiden Soldaten machten, schreckte natürlich sofort das ganze Schloß auf. Die meisten hatten sowieso keinen Schlaf finden können. Die Nachricht, daß das Ungeheuer vernichtet war, breitete sich wie ein Lauffeuer aus, und keine Viertelstunde später war die ganze Hauptstadt auf den Beinen, trotz der nächtlichen Stunde. Nur Alessandra wirkte apathisch und unbeteiligt.

"Prinzessin", rief Nuitor, "was ist mit Euch? Freut Ihr Euch nicht?"

"Euer Vater hat den Mann getötet, den ich geliebt habe. Ich habe keine Freude mehr übrig, Prinz."

Kopfschüttelnd erhob Nuitor sich. Aber was soll's, dachte er sich. Schließlich war er gekommen, um seinen Bruder zu rächen, und das war ihm glänzend gelungen. Eine Prinzessin mit Liebeskummer war nicht sein Problem. Und doch - irgendwie tat sie ihm leid, und er hätte sie gerne getröstet. Dabei war sie eigentlich seine Feindin ...

In diesem Moment schritt der Weiße König in das Gemach, begleitet vom Majordomus und einigen Höflingen. Er sah Nuitor ernst an, doch dann entspannten sich seine Züge und er sagte mit feierlicher Stimme: "Prinz Nuitor. Ihr habt mein Land von einem schrecklichen Alptraum befreit und meine einzig verbliebene Tochter gerettet. Zwar seid ihr der Sohn meines schlimmsten Feindes, aber ..."

"Er könnte doch Alessandra heiraten und unsere beiden Reiche auf diesem Weg friedlich vereinen", raunte ihm Adalbert zu.

"Ja, stimmt. Könnte er eigentlich. Aber ich fürchte, Alessandra ist im Moment nicht in der Stimmung für solche Dinge."

"Wollt ihr mich schon wieder verschachern, Herr Vater? An denselben Mann, den Ihr damals vom Turnier ausschließen wolltet?"

"Wußte ich's doch!" brummte Nuitor wütend. "Aber egal, das ist lange her. Außerdem will ich die Prinzessin gar nicht heiraten." Er sah sie an, dann fügte er hinzu: "Oder?"

Alessandra warf ihm einen finsteren Blick zu, doch Nuitor schmunzelte. "Ich muß sagen, Alessandra, Ihr seid wirklich unglaublich schön." Dann wandte er sich dem Weißen König zu: "Majestät. Mein Vater erwartet mich zurück. Ich hoffe, Ihr laßt mich in Frieden ziehen."

"Selbstverständlich, Prinz. Aber wenn ihr wollt, könnt Ihr Euch als mein Gast betrachten und Euch hier ausruhen, so lange ihr wollt."

Da kam ein Posten hereingestürmt: "Majestät! Vor den Stadtmauern sind feindliche Soldaten gesichtet worden."

"Das ist bestimmt ein Trupp meines Vaters. Er wird mich suchen lassen, denn ich habe dem Kommandeur erzählt, wohin ich wollte. Bringt mich sofort zu ihnen. De Roqueville ist sicher zu allem fähig, wenn er mich in Gefahr wähnt."

"So soll es geschehen", befahl der Weiße König.

Nuitor stürmte mit ein paar Weißen Rittern hinunter, wo schon ein Pferd auf ihn wartete. Er galoppierte aus der Stadt, und tatsächlich empfing ihn dort der Kommandeur. Nuitor berichtete ihm, was geschehen war, und dann ritten sie zusammen dem arcadischen Heer nach.


Es sollte eine Zeitlang dauern, bis Nuitor wieder einmal in die Weiße Hauptstadt kam. Und auch von Starrus, de Roqueville und dem arcadischen Heer hörte man nicht mehr viel in der nächsten Zeit. Jeder hatte erreicht, was er wollte, doch es hatte zu viele Opfer gekostet.



5. Kapitel - Der Zikadenmann

Es wurde Sommer, dann Herbst, schließlich Winter.

Irgendwann war Gabriele gestorben. Ihre entzündeten Brandwunden waren immer schlimmer geworden, und der Arzt, der alle paar Wochen mal in der Gegend weilte, hatte am Ende nicht mehr für sie tun können, als ihre Schmerzen etwas zu lindern und ihr das Sterben ein bißchen zu erleichtern.

Choru Ellis war es kaum aufgefallen. Er hatte monatelang sämtliche Büchereien der nächsten Städte nach einem Wörterbuch für die alte Sprache im Buch des Unendlichen Landes abgesucht. Das allein war schon schwierig gewesen, denn die nächstgelegenen Städte waren entweder selbst nur armselige Nester oder weit weg. Er hatte seine Arbeit vernachlässigt und war schließlich strafdegradiert worden, aber auch das machte ihm nichts aus. Denn wenn er unterwegs war, benutzte er oft den Ring, um für seinen Unterhalt zu sorgen, und das hieß, er raubte Leute und Häuser aus, ohne daß ihn je jemand fangen konnte. Dafür hatte er eine Art natürliche Begabung. So kam er auch zu seinem Haushaltsgeld, von dem er das meiste seiner Tochter Helene ablieferte, die nun den Haushalt führte.

Nachdem er endlich ein einigermaßen brauchbares Übersetzungsbuch gefunden und an sich gebracht hatte, verbrachte er Tag und Nacht in seinem Keller und studierte die alten Texte. Es war da die Rede vom Schwarzen Königreich, in dessen Untergrund unermeßliche Goldschätze liegen sollten. Das war, so folgerte der Zikadenmann, wohl der Grund, warum der Schwarze König sein Land das Unendliche nannte: Weil es unendlich reich war. Und er, Choru Ellis, würde sich seinen Teil holen.

Es gab da auch ein Kapitel, das nur indirekt mit Gold zu tun hatte, wie Ellis enttäuscht feststellte, nachdem er es übersetzt hatte. Es ging dabei um die Goldene Königin, jene sagenumwobene Frau, die der Welt Frieden und Glückseligkeit bringen sollte. Ellis übersprang das Kapitel, nachdem er es flüchtig durchgelesen und festgestellt hatte, daß es sich nur um allgemeine Aussagen über diese Sagengestalt handelte. Ursprünglich hatte er ja befürchtet, die Goldene Königin könnte das Goldland bewachen und ihn um seinen Anteil bringen. Doch nichts dergleichen. Aber im Laufe der fast zwei Jahre, die er sich Tag und Nacht mit dem Buch des Unendlichen Landes beschäftigte, wurde er davon so besessen, daß er es schließlich Seite für Seite auswendig lernte. Und die paar Seiten über die Goldene Königin gehörten auch dazu.

Die Sage der Goldenen Königin war überall in der bekannten Welt verbreitet. Auch im Reich Karls erzählten sie die Mütter ihren Kindern oft vor dem Einschlafen. Es hieß darin, daß die Goldene Königin eines Tages vom Himmel herabgestiegen kam, um die Menschen von den Dämonen zu erlösen. Zu seiner Überraschung fand der Zikadenmann, daß im Buch des Unendlichen Landes etwas Anderes stand: Daß die Goldene Königin nämlich zu den Menschen aufsteigen würde. Die Übersetzung dieses Wortes war nicht sehr genau, aber es war trotzdem soweit eindeutig, daß es nicht 'herabsteigen' heißen konnte. Choru Ellis wunderte sich darüber. Noch mehr wunderte er sich darüber, daß in diesem Buch die Goldene Königin überhaupt vorkam. Im Grunde wurde nichts Konkretes über sie ausgesagt; weder wann sie leben sollte noch woher sie stammte. Ellis fand den Rest des Buches viel interessanter, die detaillierten Karten des Schwarzen Königreiches, die Lage und Menge des Goldes, die Pläne des Schwarzen Palastes, der den Eingang zum Goldland schützte, den Ort, wo der Drache Gawron Wache hielt und so viele andere Dinge.


Eines Tages, der Schnee lag hüfttief auf den Straßen, klopfte es energisch gegen die halb verrottete Tür des Hauses. Helene öffnete. Sie kannte den Mann, der Einlaß begeht hatte, recht gut. Es war Adam Ropot, der Gemeindevorsteher. Schon oft waren er oder einer seiner Beauftragten hier gewesen, um mit ihrem Vater zu sprechen, und meist hatte es dabei Streit gegeben. Auch jetzt sah es danach aus, denn Ropot machte nicht gerade ein freundliches Gesicht.

"Ist dein nichtsnutziger Vater wieder in seinem Keller? Diesmal fliegt er raus, das schwöre ich."

Das Mädchen nickte wortlos. Sie verstand das alles nicht. Was wollten diese Leute von ihrem Vater? Wieso stritten sie dauernd? Sie warfen ihm vor - deutlich genug war es ja immer zu hören - daß er seine Arbeit vernachlässigte. Aber er arbeitete doch den ganzen Tag da unten wie ein Besessener. Interessierte das niemanden?

Ropot stapfte durch den Eingang und kletterte dann umständlich die Treppen herunter, wobei er leise vor sich hin fluchte.

"Du schon wieder!", empfing ihn Ellis. "Scher' dich aus meinem Haus."

"Das wird nicht mehr lange dein Haus sein. Wir brauchen hier Leute, die anpacken können. Aber du tust rein gar nichts. Ich habe dafür gesorgt, daß du gefeuert wirst. Der Brief ans Kolonialamt ist schon unterwegs. Und dann fliegst du hier raus. Wurde auch Zeit."

Ellis sah ihn wortlos an, aber man konnte deutlich erkennen, wie der blanke Haß in ihm aufstieg. "Wann hast du den Brief abgeschickt?"

"Heute morgen mit der Postkutsche. In ein paar Tagen kommt er an. Du kannst schon mal packen."

"Und du kannst schon mal ..." Der Rest verlor sich in einem undeutlichen Murmeln. Ropot maß dem keine Bedeutung bei. Er stieß noch einige Verwünschungen aus, dann kletterte er die Leiter wieder rauf und verschwand in die verschneite Winterlandschaft, welche ihre Nähe zu den Blauen Bergen nicht verleugnen konnte.

Es wurde Nacht, aber nicht richtig dunkel, denn der Schnee reflektierte das Sternenlicht und sorgte für eine diffuse Helligkeit. Doch die Nacht hatten sowieso nur Diebe und Mörder nötig, nicht aber der Zikadenmann, der sich, nachdem seine Kinder eingeschlafen waren, vorsichtig aus dem Haus schlich. Er achtete darauf, daß er keine erkennbaren Spuren im Schnee hinterließ. Da es seit ein paar Tagen nicht mehr geschneit hatte und es zahllose ausgetretene Pfade gab, war das relativ leicht möglich. Ellis prägte sich den Weg ein, dann steckte er den Ring an und schlich unsichtbar zum Gemeindehaus. Dort tastete er sich zur Haupteingangstür und befestigte daran ein Schloß. Es bereitete ihm keine Schwierigkeiten, dies ohne sehen zu können durchzuführen. Jedenfalls konnte jetzt niemand mehr das Haus verlassen, ohne die schwere Tür mit Gewalt aufzubrechen.

Dann tastete er sich weiter zum Stall, der direkt an das Wohnhaus und die Verwaltungsgebäude angebaut war. Erst, als er darin war und damit außer Sicht eines zufällig noch wachen Dorfbewohners, zog er den Ring wieder ab. Er sah sich um. Da er in absoluter Dunkelheit hergekommen war, erschien ihm der dunkle Stall als hell genug, um die Konturen der Pferde zu erkennen.

Er band alle bis auf eines los, dann öffnete er die Stalltür wieder und spähte mißtrauisch hinaus. Es war aber keine Menschenseele zu sehen. Die Pferde würden ungehindert fliehen können, wenn er das Haus und die Familie Ropot, die es bewohnte, ansteckte.

Er ging zur Leiter, die zum Heuboden führte, kletterte sie hinauf und zündete oben das Heu an. Hier lag der ganze Wintervorrat. Das große Haus würde in fünf Minuten brennen wie eine Fackel. Und hinaus konnte keiner. Jedenfalls nicht in den paar Sekunden, die sie hatten zwischen dem Aufwachen und der Erkenntnis, daß die einzige Fluchttür von außen versperrt war.

Choru hörte es oben bereits knistern, und die Pferde wurden unruhig. Die Ersten trabten ins Freie. Choru band das, das er sich vorher herausgesucht hatte, los, schwang sich darauf und steckte den Ring an. Es wurde dunkel um ihn, doch das Pferd war davon ausgenommen. Warum das so war, wußte der Zikadenmann nicht, aber es kam ihm sehr zustatten, denn ansonsten wäre das Pferd wohl entweder in blinder Panik davongaloppiert und hätte ihn womöglich abgeworfen oder - schlimmer noch - vor Schreck einfach stehengeblieben und mit ihm hier verbrannt.

Draußen waren die ersten Rufe aufgeschreckter Dorfbewohner zu hören. Ellis galoppierte vielleicht direkt an ihrer Nase vorbei, aber er sah sie genausowenig wie sie ihn. Für die Leute stürmte einfach eine Gruppe Pferde kopf- und vor allem reiterlos aus dem flammenden Scheune davon.

Der Zikadenmann ritt eine Zeitlang in Finsternis, dann zog er den Ring wieder ab und sah sich um. Hinter ihm, bereits vom Wald verdeckt, lag das Dorf. Ein roter Feuerschein stieg jetzt davon auf und färbte den wolkenverhangenen Himmel mit den Farben der Hölle.

Zufrieden wendete der Zikadenmann sein neues Pferd und ritt in Richtung Danca, der nächst größeren Stadt. Dort, so wußte er, lief die Postkutsche am Abend ein und fuhr erst am nächsten Morgen wieder ab. Dorthin mußte er, wenn er den verhängnisvollen Brief abfangen wollte.

Die Postkutsche war nicht allzuschnell, jetzt, im tiefsten Winter schon gar nicht, aber auch für Ellis war der Ritt anstrengend. Erst lange nach Mitternacht kam er an. Er wußte, in welchem Gebäude die Postleute schliefen. Erwartungsgemäß stand die Kutsche davor. Die Pferde waren in irgendeinem Stall in der Nähe. Die Frage war nun: War die Post in der Kutsche oder im Haus?

Ellis ließ sein Pferd am Stadtrand zurück, dann prägte er sich den Weg ein, soweit er ihn sehen konnte, und machte sich unsichtbar. Er tastete sich bis zu einer sicheren Stelle vor, nahm den Ring ab, sah sich erneut um, und so ging es weiter, bis er vor der Kutsche stand und sie so leise wie möglich aufbrach. Dann schlüpfte er hinein, nahm den Ring ab und stellte fest, daß er genau auf dem Postsack saß. Er nahm in an sich und legte den Weg zurück auf die gleiche Weise zurück, wie er hergekommen war.

Irgendwo tief im Wald verbrannte er die Post, nicht ohne sich zu vergewissern, daß der verfängliche Brief wirklich dabei war. Dann ritt er zurück zum Dorf. Ein Stück außerhalb ließ er das Pferd frei und schlich sich dann - meist unsichtbar - in sein Haus. Unterwegs rastete er an sicheren Stellen und blickte sich um. Es war kurz vor Morgengrauen, das hieß, seit seiner Abreise waren über 10 Stunden vergangen, aber die Dörfler waren immer noch damit beschäftigt, die letzten rauchenden Trümmer des Gemeindehauses zu löschen. Befriedigt sah Ellis, daß davon so gut wie nichts übriggeblieben war.

Zurück in seinem Keller, widmete er sich erneut seinem Buch, bis ihn dann irgendwann der Schlaf übermannte.

*

Es war im folgenden Sommer, als der Zikadenmann mit dem Studium des Buches und seinen Plänen fertig war. Er kannte es nun Seite für Seite auswendig, und eines Tages beschloß er, daß jetzt der Zeitpunkt für den Aufbruch gekommen sei. Er entschied, das Buch nicht mitzunehmen, damit es nicht unterwegs in die falschen Hände fallen konnte. Stattdessen schloß er es wieder in die metallene Truhe ein und schob diese in den Hohlraum hinter der Wand zurück. Zuvor holte er aber das Skelett hervor, das immer noch tief in dem Loch hinter der Wand lag. Dann setzte die Ziegel wieder ein und packte die Sachen zusammen, die er für seine Reise brauchen würde.

Zum ersten Mal seit Monaten ließ er seine Gedanken abschweifen. Das Feuer. Damals hatte er das Gemeindehaus angezündet, und die gesamte Familie Ropot war in den Flammen umgekommen. Es hatte alles hervorragend geklappt. Niemand hatte Verdacht geschöpft, daß er etwas damit zu tun hatte. Seine Entlassung aus dem Dienst war damit natürlich vom Tisch gewesen. Und nach dem Flammentod seines lästigen Chefs hatte sich auch keiner mehr um ihn gekümmert. Obwohl er sich kaum an seiner Arbeitsstelle hatte blicken lassen, hatte er jede Woche seinen Lohn erhalten.

Heute nacht würde es wieder brennen, und diesmal würde er die Leute glauben machen, er selbst sei im Feuer umgekommen. Er plazierte die Knochen so auf seinem Stuhl, daß man später glauben mußte, er sei dort eingeschlafen und dann vom Feuer getötet worden.

Dann wartete er die Nacht ab.

Ein letztes Mal ging er seine Ausrüstung durch, aber dann sagte er sich, daß er mit dem Ring sowieso das Wichtigste immer bei sich hatte. Alles andere war ersetzbar. Als es ruhig im Haus wurde, ging er leise in die Küche. Im Herd war noch etwas Glut. Er warf Holz nach, bis der Scheit hell loderte, dann legte er ihn vor den Herd auf den Boden. Dazu gab er weiteres Holz, Papier und andere leicht brennbare Materialien. Als er sicher war, daß das Haus Feuer gefangen hatte, zog er den Ring an und schlich sich ins Freie. Trotz der absoluten Finsternis, die ihn umgab, fand er seinen Weg mühelos, denn er war ihn oft genug gegangen. Am Dorfrand blieb er stehen und lauschte. Als er keine Anzeichen von Menschen hörte, zog er den Ring ab und blickte sich aus der Deckung heraus um. Sein Haus brannte bereits lichterloh. Schon waren einige Leute dabei, eine Eimerkette zu bilden. Der Zikadenmann wußte, daß sie zu spät kamen. Zufrieden drehte er sich um und ging leichten Schrittes davon, in eine goldene Zukunft.

Die Todesschreie seiner zwei Kinder hörte er nicht mehr, und wenn er sie gehört hätte, hätte er sich wohl gefragt, wie diese zwei Kinder in sein Haus kamen. Ach ja, das waren ja seine eigenen. Aber egal, jetzt war es ohnehin zu spät, und er hatte wirklich Wichtigeres zu tun.

Er träumte von Gold und Macht. Was er in dem BUCH über das Unendliche Land gelesen hatte, war einfach phantastisch. Großartig. Unbeschreiblich. Er fühlte sich so gut wie noch nie in seinem Leben.


Es war eine lange und kühle Nacht, aber trotzdem verließ das Hochgefühl den Zikadenmann nicht. Er lief immer weiter weg von dem Dorf und er wußte, daß er nie wieder dorthin zurückkehren würde, zu diesen kleinkarierten Spießern, deren Träume sich darin erschöpften, daß sie eine gute Ernte herbeiwünschten oder einen neuen Küchenschrank für ihre Hütte. Nun, statt dessen hatten einige von ihnen eine hübsche Feuerbestattung erhalten, was an sich schon mehr war, als sie verdienten, und der Zikadenmann freute sich darüber, die Welt wenigstens von einigen dieser verachtenswerten Kleinbürger befreit zu haben.

Es war tief in der Nacht, fast schon am nächsten Morgen. Die ersten Vögel begannen noch schläfrig zu zwitschern, da vernahm Ellis das satte Brummen eines fliegenden Käfers, das sich ihm rasch näherte. Dann spürte er, wie der Käfer gegen seine Brust prallte und mit einem leisen Plumps auf dem Boden landete. Neugierig beugte er sich hinab. Es war dunkel, aber ein bißchen konnte man erkennen, und was da lag, sah irgendwie nicht nach einem Käfer aus. Es war länglich und für einen Käfer ziemlich groß, eher eine Art Libelle. Vorsichtig nahm der Zikadenmann das Ding mit zwei Fingern auf und war überrascht, als er Wärme und weiche Haut spürte. Er legte das Ding auf seine andere Handfläche und betrachtete es im Licht der schmalen Mondsichel. Er sah lange hin, bis er glaubte, was er sah: Er hatte eine Waldelfe gefangen.

Irgendwann schlug die Elfe ihre Augen auf. Trotz ihres winzigen Gesichts waren sie deutlich zu erkennen, und auch die Angst darin. Choru hauchte sie an, um sie etwas zu wärmen, wie er das früher manchmal mit seinen Zikaden und Käfern getan hatte, bevor er sie aufgespießt hatte. Die Elfe war nur knapp bekleidet, aber ihr Zittern rührte nicht von der Kühle der Nacht.

"Tu' mir nichts, tu' mir nichts. Laß' mich doch bitte am Leben", flehte sie mit heller, zirpender Stimme.

"Warum sollte ich dir was tun?"

"Weil du böse bist. So schrecklich böse." Vor Angst konnte die Elfe kaum sprechen.

"Böse. Ich? Unsinn! Wer behauptet denn so was. Ich habe noch nie im Leben auch nur einer Fliege etwas zuleide getan."

"Doch. Du bist böse, und du tötest mich allein durch deine Nähe, Zikadenmann. Ich wollte meinem Freund meinen Mut beweisen, indem ich mich dir näherte, aber jetzt bin ich gefangen und werde sterben. Deine Nähe allein tötet mich. Bitte, laß' mich doch frei."

"Gern, kleine Elfenfrau. Du kannst jederzeit wegfliegen."

Und er warf die Elfe hoch in die Luft und sah, wie sie torkelnd davonflog.

Was er nicht sah war, wie sie mit letzter Kraft ins Unterholz schwirrte, den Auftrieb ihrer hauchdünnen Flügel endgültig verlor und schließlich tot zu Boden stürzte. Seine Aura hatte genügt, sie in kurzer Zeit zu töten.

Choru Ellis hingegen fühlte sich gut, weil er einem unschuldigen Geschöpf das Leben geschenkt hatte, obwohl er es jederzeit hätte töten können. Aber so etwas taten schließlich nur Sadisten. Und er hatte noch nie im Leben etwas Böses getan. Darauf konnte er jederzeit einen heiligen Eid schwören.

Irgendwann kletterte er auf einen Baum und schlief dort mehrere Stunden. Als er aufwachte, verspürte er Hunger, doch es erschien ihm unklug, sich in einem Dorf hier in der Nähe blicken zu lassen. Es hätte sich früher oder später herumgesprochen, daß er doch nicht tot war. Also mußte er sich Nahrung auf andere Weise beschaffen. Und da er sich zwar felsenfest einbildete, ein gutes Gewissen zu haben, in Wirklichkeit aber überhaupt keines besaß, kam ihm schnell eine seiner diabolischen Ideen, wie er es anstellen konnte. Es war nur eine Frage der Zeit bis ...

Und wirklich brauchte er nicht lange zu warten, bis er Hufgetrappel hörte. Schnell versteckte er sich hinter einem Gebüsch. Als der Reiter in Sicht kam, steckte der Zikadenmann sich den Ring an den Finger und wartete, bis das Pferd ganz dich bei ihm war. Dann sprang er auf die Straße und riß sich den Ring herunter, wodurch er urplötzlich, wie aus dem Nichts, für das Pferd sichtbar wurde. Dazu sprang er mit einem lauten Schrei auf und riß die Arme in die Luft, wodurch das Pferd in Panik geriet.

Choru Ellis hatte eine natürliche Begabung für das Böse. Wenn er einem Menschen schaden wollte, dann klappte das immer. Auch hier war es so. Der Reiter hätte das Pferd vielleicht wieder unter Kontrolle bekommen können, und wenn nicht, hätte er sich beim Sturz vielleicht nur die Schulter verstaucht. Doch gegen die Aura des Zikadenmannes hatte er keine Chance. Er wurde in hohem Bogen heruntergeschleudert und brach sich beim Aufprall das Genick.

Seine glasigen Augen starrten immer noch in die Luft, als Ellis sich in aller Ruhe die Vorräte und das Geld nahm. Auch das Pferd hatte er schnell wieder eingefangen. Dann schleifte er den Toten ins Gebüsch, wo ihn wahrscheinlich im Laufe der nächsten paar hundert Jahre niemand finden würde. Er genoß das verspätetes Frühstück, dann bestieg er den Hengst und ritt weiter, nach Südwesten, seinem Ziel entgegen, das noch in so weiter Ferne lag.

Am Westrand des Blauen Gebirges zog er entlang, Woche um Woche, und wann immer er einem Menschen begegnete, geschah ein Unglück. Leichen, brennende Häuser, verzweifelte Opfer säumten seinen Weg, und doch er hätte jeden heiligen Eid geschworen, noch nie im Leben jemandem Unrecht getan zu haben.

Viele Tage lang sah er zur Linken die hohen Berge des Blauen Landes, doch dann hörten sie auf und gingen in flacheres Land über. Aber noch immer lag links von ihm das Land des Blauen Königs. Allerdings war es jetzt, Anfang Herbst, verlassen, denn die Jäger und Fallensteller waren allesamt im Hochgebirge, wo sie seltenen Tieren nachstellten und auch schon Wintervorräte sammelten. Dieser Umstand rette sicherlich vielen von ihnen das Leben, denn er verhinderte, daß sie dem Zikadenmann über den Weg liefen.

Hätte jemand Choru Ellis gesagt, daß inzwischen ein Trupp von 10 Rittern hinter ihm her war, hätte er treuherzig gefragt, was sie von ihm wollten. Jedenfalls hatte er inzwischen so viel Aufmerksamkeit erregt, daß der Provinzverwalter eine Polizeitruppe hinter dem unheimlichen Massenmörder hergeschickt hatte. Doch sie erwischen ihn nicht, denn Ellis wechselte, als er die Grenze zum Fürstentum Botha erreichte, auf die andere Seite. Hier, außerhalb des direkten Machtbereichs des Königs Karl, fühlte er sich instinktiv sicher, und so ritt er ganz offen in die nächste größere Stadt und kehrte in ein Wirtshaus ein. Geld hatte er genug, mit dem er seine Speisen und ein Zimmer für die Nacht bezahlen konnte.

Früh am nächsten Tag brach er wieder auf. Er hatte mittlerweile knapp die Hälfte des langen Weges zurückgelegt, doch die Straßen im Botha-Land waren schlecht - wenn es überhaupt welche gab - und so kam er hier nur sehr langsam vorwärts. Das ganze Fürstentum war ärmlich, schlecht regiert und in lang dauernden Kleinkriegen gegen seine Nachbarn ausgeblutet. Das hatte erst vor knapp 20 Jahren aufgehört, als der alte Fürst gestorben war. Aber Ellis wußte, daß der neue Fürst Wilhelm und sein Sohn, der ebenfalls auf den Namen Wilhelm hörte, sehr krank waren. Wenn sie starben, würde der Krieg wieder aufflammen, diesmal um die Erbfolge. Sicher würde auch König Karl Ansprüche erheben, denn das Fürstentum Botha hatte einst zu seinem Reich gehört, auch wenn das schon über hundert Jahre zurücklag.

Auf seinem Ritt über Feldwege und Trampelpfade hatte der Zikadenmann genügend Zeit und Gelegenheit, über solche Dinge nachzudenken. Dann pflegte er sich auszumalen, wie er - nach Abschluß seiner Mission - mit Gold beladen zurückkehrte und den ganzen verkommenen Laden übernahm. Dann war er glücklich und zufrieden mit sich und der Welt.


Eines Abends sah er voraus einen Feuerschein. Er ritt durch einen lichten Wald, weit und breit gab es keine Stadt oder auch nur ein Dorf. Da es schon ziemlich kalt war, beschloß er, die Leute, die das Feuer entzündet hatten, aufzusuchen und um eine warme Übernachtungsmöglichkeit zu bitten.

Etwas später konnte er erkennen, daß es sich um ein Zigeunerlager handelte. Etwa dreißig dieser Menschen waren es. Sie hatten ihre Wagen auf einer weiten Lichtung im Halbkreis abgestellt und in der Mitte ein großes Feuer entzündet, über dem sie jetzt saftige Fleischstücke brieten. Als sie den Zikadenmann herankommen sahen, luden sie ihn freundlich ein, ihr Gast zu sein. Ellis freute sich über den herzlichen Empfang, denn normalerweise waren die Menschen in Botha-Land abweisend und Fremden gegenüber äußerst mißtrauisch. Die Zigeuner aber waren offen und gastfreundlich und boten dem Zikadenmann von ihrem knusprigen Braten und dem würzigen Wein an, soviel er nur wollte.

"Danke, liebe Freunde", sagte er schließlich, vom Wein schon ziemlich benebelt. "Ich will euch aber nichts schuldig bleiben. Hier!" Er holte seinen Geldbeutel hervor und zählte einige Kupfermünzen ab. Doch die Zigeuner weigerten sich, das Geld anzunehmen, ja, sie fühlten sich fast beleidigt. Choru wollte sie nicht zu ihrem Glück zwingen, also steckte er das Geld wieder ein und legte sich dann auf den Schlafplatz, den sie ihm zugewiesen hatten. Kaum hatte er sich einmal umgedreht, da war er auch schon eingeschlafen.

Und so hätte er sicher die ganze Nacht ruhig und selig durchgeschlafen, doch irgend etwas weckte ihn plötzlich. Er fuhr auf, doch alles war ruhig. Dennoch wurde er das dringende Gefühl nicht los, daß etwas völlig falsch war. Mehrere endlose Sekunden lang kreisten seine Gedanken wie durch Leim, dann fuhr er mit einem gellenden Schrei hoch. Der Ring! Der Ring der Unsichtbarkeit, der immer an einer Kette an seinem Hals hing, war weg!

Unruhe kam im Lager auf, doch das war noch gar nichts dagegen, was los war, als Ellis herangestürmt kam. Mit hysterisch kreischender Stimme schrie er, er wolle seinen Ring wiederhaben. Und dann schrie er etwas, was die Zigeuner auf unheimliche, unausweichliche Art ins Verderben stürzen sollte. Er brüllte: "Der Ring ist unersetzbar. Er macht seinen Träger unsichtbar, wenn man ihn sich ansteckt. Wenn ich den Dieb erwische, dann ..."

Er kam nicht dazu, den Satz zu vollenden, denn nicht weit von ihm entfernt erscholl ein gellender Schrei. Ellis wußte intuitiv sofort, daß nur der Dieb geschrien haben konnte. Er hatte seine Worte gehört und der Versuchung nicht widerstehen können, es auszuprobieren und sich unsichtbar zu machen. Und natürlich war er dann durch die unvermittelt einsetzende totale Finsternis in Panik geraten.

Ellis hatte sich die Stelle mit tödlicher Präzision gemerkt. Nun stürmte er darauf zu, riß sein Schlachtermesser heraus und hieb blind vor Wut wilde Schläge scheinbar in die Luft. Doch die Todesschreie des Getroffenen und der Schwall von Blut, der mitten aus der Luft hervorströmte bewiesen, daß er sich nicht geirrt hatte.

Er hieb wie ein besessener auf den Träger des Ringes ein und zerstückelte ihn geradezu. Ein Körperteil nach dem anderen wurde sichtbar und fiel zu Boden. Schließlich traf der Zikadenmann die Hand des Diebes und trennte sie ab, wodurch der zerfleischte Rest des Körpers sichtbar wurde. Die Zigeuner, die inzwischen herangestürmt waren, waren vor Entsetzen wie gelähmt. So, wie die Aura des Bösen die kleine Elfe getötet hatte, so lähmte der unbeschreibliche Vernichtungswille des Zikadenmannes die Zigeuner. Doch als sie sahen, wen Ellis da gerade zerhackte, da fiel der Bann von ihnen ab. Es war die Tochter des Sippenführers. Ihr Kopf rollte über den Boden, blutüberströmt, das Gesicht vor Grauen verzerrt, die Augen weit aufgerissen.

Mit einem tierischen Schrei stürmten sie auf Ellis zu, mit Fackeln bewaffnet oder einfach mit bloßen Fäusten, doch sie liefen gerade in ihr Verderben. Ellis hatte die Hand, wiewohl dank des Ringes immer noch unsichtbar, nämlich inzwischen gefunden. Er riß den Ring von dem unsichtbaren Finger. Als er die schreiend auf ihn zustürmen den Zigeuner sah, da zog er sich den Ring selbst an. Und dann begann er erst richtig loszulegen.


Kein einziger der Zigeuner überlebte das Zusammentreffen mit Ellis. Der folgende Tag sah anstelle des Lagers nur noch rauchende Trümmer, anstelle der Menschen nur zerhackte Leichenstücke. Ein Wanderer, der dies zufällig gesehen hätte, hätte nie und nimmer geglaubt, daß ein einzelner Mensch solch eine Verwüstung anrichten konnte.


Der Herbst ging vorbei, dann kam der Winter. Niemand zählte die Toten, die auf dem Weg des Zikadenmannes geblieben waren. Inzwischen war er im Fürstentum Ganda, das westlich an Botha-Land grenzte. Zwischen ihm und seinem Ziel, dem Schwarzen Schloß, lag damit nur noch das Troll-Land.

Und das Schicksal. Denn eines Tages rutschte sein Pferd auf einer zugefrorenen Pfütze aus und brach sich dabei beide Vorderläufe. Choru Ellis wurde herabgeschleudert und brach sich ebenfalls einen Arm. Aber schlimmer noch: Er landete halb unter dem Pferd, das sich vor Schmerz und Verzweiflung eine Zeitlang wild herumwarf und den Zikadenmann dabei fast zerquetschte. Er schrie wie am Spieß, und das Wunder geschah: Jemand hörte ihn.

Der Zikadenmann bekam allerdings von seiner Rettung kaum etwas mit. Er sah nur noch einen großen, kräftigen Mann, der irgend etwas tat, woraufhin das Pferd plötzlich ganz ruhig wurde. Dann verließen ihn die Sinne. Daß der Mann den Schwerverletzten auf seinen Schlitten lud und ihn dann nach Haus brachte, davon merkte Ellis nichts. Er wachte auch in den folgenden Tagen immer nur kurz auf, bevor ihn die Kräfte wieder verließen. Jemand schien ihm mit zarter Hand Suppe einzuflößen, außerdem war es warm, dort wo er sich befand.

Irgendwann kam er dann zum ersten Mal wieder richtig zu sich. Es war finster, mitten in der Nacht. Choru fühlte sich kräftig und erholt, doch als er sich aufsetzten wollte, wurde ihm sofort schwindelig und ein stechender Schmerz zuckte durch seinen rechten Arm. Stöhnend ließ er sich zurücksinken. Dann zuckte seine linke Hand hoch an seine Brust. Als er dort den Ring unter seiner Kleidung spürte, stieß er einen erleichterten Seufzer aus und schlief beruhigt und voll innerem Frieden wieder ein.


"Wie geht es ihm heute?"

Gero sah überrascht von seinem Frühstück auf und blickte Andrea, seine Frau an: "Woher soll ich das wissen? Ich dachte, du hättest schon nach ihm gesehen."

"Angeline hat gesagt, er sein heute nacht wach gewesen", antwortete Andrea, ohne direkt auf Geros Frage einzugehen.

"So, so." Er verzog mißbilligend das Gesicht.

"Sei nicht so streng mit ihr", meinte Andrea, die Geros Reaktion sehr wohl interpretieren konnte. Denn daß ihre Tochter Angeline ein großes Interesse an dem exotischen Fremden zeigte, war dem Rest der Familie nicht entgangen. "Sie ist ein junges Ding, und ..."

"Eben!", unterbrach Gero sie. "Jung und unerfahren. Was wissen wir schon über diesen Mann, außer daß er mindestens zweimal so alt ist wie Angeline. Vielleicht gehört er sogar zu dieser Mörderbande, von der sich alle erzählen."

"Na klar! Einer von den Mördern reitet einfach so am hellichten Tag durch das Land, fällt vom Pferd und läßt sich von dir retten." Andrea schüttelte entschieden den Kopf. "Vielleicht wollten die ja gerade ihn überfallen, und du bist dazwischengekommen und hast ihn gerettet."

In diesem Moment kamen Carus und Peter, die beiden Söhne, die Holztreppe herabgestürmt. Das ging nie ohne viel Lärm und Aufregung ab, denn die beiden jungen Burschen strotzten nur so vor Energie. Sie stürmten an den Frühstückstisch und machten sich lärmend über die frischen, warmen Brötchen her, die Andrea gerade aus dem Ofen geholt hatte.

"Übrigens," warf Gero ein, "wo steckt Angeline eigentlich?"

"Na wo wohl?" rief Peter mit vollem Mund dazwischen.

Gero warf ihm einen verweisenden Blick zu. "Sei nicht so vorlaut. Sieh du lieber zu, daß du rechtzeitig fertig wirst und nicht zu spät zur Schule kommst. Die Kirchturmuhr hat gerade Viertel vor Acht geläutet, also dalli!"

Peter quittierte es mit einem Murren. Er wäre viel lieber, wie sein älterer Bruder, zum Müller oder zum Schmied in die Lehre gegangen. Doch das erlaubten seine Eltern erst, wenn er vierzehn war. Aber dann! Dann würde er mal so richtig auf den Putz hauen.

Gerade, als die beiden Jungen fertig waren und ihre Taschen zusammenpackten, kam Angeline die Treppe heruntergeschwebt. Wie immer, wenn sie vom Krankenlager des Zikadenmannes kam, lag ein seliges Lächeln auf ihren Lippen, und ihre Füße schienen ein Stück über dem Boden zu schweben.

"Guten Morgen Vater, guten Morgen Mutter, hallo Peter und Carus."

"Hallo, Angeline."

"Wiedersehen!"

Rumms fiel die Tür ins Schloß, und weg waren sie.

"Tja, für mich wird es auch Zeit, und dann muß ich noch im Wald Holz holen, glaube ich", rief Gero. "Kann ich euch beide mit dem Fremden allein lassen?"

Er erwartete keine Antwort und stand auf.

Andrea warf ihrer Tochter ein warmherziges Lächeln zu: "Ich glaube, unser Vater ist nicht so ganz glücklich mit dem Fremden, den er da auf der Straße aufgelesen hat."

"Das sagt er doch jeden Morgen", maulte Angeline.

Sie war 20 Jahre alt, und trotz ihrer Schönheit hatte sie immer noch keinen festen Freund. Vielleicht lag das daran, daß sie ziemlich weit draußen wohnten. Bis ins Dorf war es eine dreiviertel Stunde zu Fuß. Außerdem war sie ein zartes, verträumtes Mädchen, das lieber Bücher über Prinzen und Helden las, als sich mit den grobschlächtigen Bauernsöhnen der Nachbarschaft einzulassen. An Verehrern hatte es nie gefehlt, aber Angeline hatte mit keinem viel anfangen können, und so waren sie alle nach einiger Zeit enttäuscht wieder davongeschlichen.

"Heute nacht war er zum ersten Mal richtig wach", sagte sie mit aufgeregter Stimme.

"So? Und was hat er gemacht?"

Angeline erzählte in aller Ausführlichkeit, daß er eigentlich gar nichts gemacht hatte, dann fügte sie hinzu: "Jetzt wird er bestimmt bald wieder gesund."

Sie nahm eins der Brötchen, schnitt es auf, bestrich es dann liebevoll mit Honig, und ging wieder hinauf, wo die Familie ihre Schlafzimmer hatte, und wo in einer kleinen Kammer auch Choru Ellis untergebracht war.

Gero war keineswegs so beruhigt, wie er getan hatte. Er holte das Pferd aus dem Stall und spannte den Schlitten an, mit dem er später das Holz transportieren wollte. Wenn er an den Fremden dachte, hatte er irgendwie ein ungutes Gefühl. Als er dann in Richtung der Provinzhauptstadt Sedoun fuhr, wo er einige Geschäfte zu erledigen hatte, kreisten seine Gedanken unaufhörlich um den Fremden. Er hatte ihn gerettet, wobei er das Pferd mit seiner Axt hatte erschlagen müssen. Sonst hätte es den Mann unweigerlich zerquetscht. Immerhin hatte es eine willkommene Ladung Fleisch geliefert.

Der Fremde war zwar äußerlich ziemlich unversehrt geblieben, hatte aber den rechten Arm und zwei Rippen gebrochen und sich einige schwere Quetschungen und Prellungen zugezogen, wie später der Arzt festgestellt hatte. Für die Untersuchung und die Schienen und Verbände hatten sie den Mann weitgehend entkleiden müssen, und das, was dieser in seinen Kleidern so bei sich getragen hatte, hatte Gero zu denken gegeben. Es war nicht nur das viele Geld in Münzen verschiedener Länder, es waren alle möglichen kleineren Gegenstände, die irgendwie verdächtig waren, ohne daß er direkt hätte sagen können warum. Sie sahen einfach nicht so aus, als ob sie alle ihm gehören könnten, eher so, als habe sie jemand planlos zusammengestohlen. Es waren mehrere goldene Ringe dabei, Eheringe mit Gravur sogar. Und wie kam jemand in den Besitz von gleich sechs oder sieben Eheringen? Noch dazu immer einzeln.

Vor Geros geistigem Auge erschien eine furchtbare Szene: Der Fremde erschlug der Reihe nach sieben Leute und raubte sie dann aus.

Und die beiden Goldzähne. Seine eigenen waren es nicht, das Gebiß des Fremden war in Ordnung. Hatte er seinen Opfern auch noch die Zähne herausgebrochen? Gero schüttelte unwillig den Kopf. Sicher war der Fremde ein Goldhändler, oder ein Goldschmuggler ... oder ... oder ...

Er verscheuchte gewaltsam diese finsteren, abartigen Gedanken, aber er war froh, heute nach Sedoun zu kommen, denn dort gab es eine größere Polizeipräfektur. Wenn man dort etwas wußte ... oder vielleicht konnte er einen Polizisten bitten, sich den Fremden mal genauer anzusehen.

Gero atmete tief durch und wandte dann seine Aufmerksamkeit der wunderschönen Umgebung zu. Sein Atem bildete eine dicke, weiße Wolke in der eisigen Luft. Die Landschaft war tief verschneit und strahlte in einem unglaublich reinen Weiß. Alles sah so sauber aus, so unschuldig.

Der Weg machte eine Biegung. Dahinter entsprang eine Quelle aus dem Berg, die auch im Winter nicht versiegte. Gero überlegte, ob er durstig war, doch dann entschied er, weiterzufahren. Schließlich hatte er ja erst vor einer Stunde gefrühstückt.

Die Quelle kam in Sicht. Das Wasser sprudelte aus einer steinernen Einfassung, deren nasse Schwärze sich stark vom Schneeweiß der Umgebung abhob. Geros Augen saugten sich geradezu daran fest. An was nur erinnerte ihn das? Und dann kam es ihm: Es war dieser Ring. Der Ring, den der Fremde an einer dünnen Messingkette um seinen Hals trug. Keiner von ihnen hatte es gewagt, den Ring auch nur zu berühren, auch Angeline nicht. Etwas Unheimliches ging von ihm aus.

Gero zuckte zusammen, als ihm plötzlich noch etwas einfiel. Das lange Messer des Fremden. Wieso war er nicht vorher darauf gekommen? Die Klinge war blank geputzt, aber die Scheide war alles andere als sauber. Nur hatte er zuerst nicht darauf geachtet, und oben, im Kerzenlicht, konnte man die Farbe des Schmutzes nicht so genau sehen. Aber es gab keinen Zweifel: Es war Blut. Altes, längst geronnenes Blut. Und die etwas helleren Flecken auf dem Leder waren jüngeres Blut.

Gero glaubte einen Moment lang, sein Herz müsse stehenbleiben.

"Unsinn, ich mache mich doch nur selbst verrückt!", rief er zornig zu sich selbst. Sein Pferd drehte neugierig den Kopf zu ihm hin, doch als es sah, daß es da nichts für es gab, stapfte es brav weiter. Das Blut war einfach Schmutz. Schließlich war der Fremde ja unter sein Pferd geraten. Kein Wunder, daß alles mit Schlamm imprägniert war.

Oder? Wahrscheinlich war der Fremde einfach ein Soldat, ein alter Söldner oder so was ...

Die nagenden Zweifel blieben. Eins jedenfalls war sicher: Gero würde mit der Polizei ein längeres Gespräch haben.

Und Angeline. Sie interessierte sich zu sehr für diesen Unbekannten, von dem sich nicht einmal den Namen kannten. Sicher, er faszinierte das jungen Mädchen, außerdem konnte sie ihn pflegen und bemuttern, was sie ja auch ausgiebig tat. Aber wenn er dann wieder gesund war und weiterzog? Und das war noch das mindeste, was Angeline würde verkraften müssen, denn vielleicht war er ja doch einer der Killer aus dem Osten. Ein Glück nur, daß sein Arm immer noch geschient war, so daß er ihn nicht benutzen konnte.


Als Angeline die kleine Kammer betrat, in der ihr Vater den Fremden untergebracht hatte, blieb sie erschrocken und überrascht in der Tür stehen. Der Unbekannte hatte sich halb aufgerichtet und sah sie freundlich und neugierig an.

"Verzeiht. Ich wußte nicht, daß ..." stammelte die junge Frau aufgeregt. Fast wäre ihr das Tablett mit dem belegten Brötchen und dem warmen Tee aus der Hand gerutscht, doch sie konnte es gerade noch ausbalancieren. Das Lächeln des Mannes vertiefte sich, und Angeline faßte den Mut, endgültig einzutreten. Mit dem Fuß schob sie die Tür hinter sich zu, dann stellte sie das Tablett auf den kleinen Tisch neben das Bett. Sie wollte sich wieder erheben und draußen warten, als der Fremde mit schwacher Stimme sagte: "Warst du die, die mich gesundgepflegt hat?"

Angeline errötete leicht und antwortete: "Ja, Herr."

"Dafür danke ich dir vielmals. Und nenn mich Choru, nicht Herr."

"Ja, Herr."

Der Zikadenmann ging nicht weiter darauf ein, sondern wandte sich dem Frühstück zu. Zum ersten Mal seit ... Mit vollem Mund blickte er auf und fragte: "Wie lange bin ich schon hier?"

"Seit etwa zwei Wochen, Herr."

"Choru!", korrigierte er sie.

"Choru."

"Seit zwei Wochen. Ich habe viel zuviel Zeit verloren. Ich muß schleunigst weiter." Er wollte sich erheben, doch dabei wurde ihm wieder schwarz vor Augen. Mit einem Seufzer sank er zurück ins Bett. Sofort war Angeline bei ihm, um ihn zu stützen.

"Danke, Mädchen", ächzte der Zikadenmann.

"Ich heiße Angeline", entfuhr es ihr.

"Was für ein hübscher Name. Du erinnerst mich ein bißchen an meine Frau, weißt du das."

"Ihr seid verheiratet!", rief Angeline entgeistert. Damit hatte sie nicht gerechnet.

"Ich war es. Sie ist vor ein paar Jahren gestorben. Es war eine schlimme Sache." Er seufzte.

Angeline fühlte sich durch diese Worte irgendwie grenzenlos erleichtert, doch dann schämte sie sich ihrer Gefühle. Wie konnte sie sich nur über den Tod eines Menschen freuen! Verlegen blickte sie zu Boden. Sie hatte Angst, daß man ihr ihre unschicklichen und bösen Gedanken auf der Stirn ablesen konnte. Das was natürlich Unsinn. Genauer gesagt, es wäre Unsinn gewesen, wenn sie es nicht mit IHM zu tun gehabt hätte. Choru Ellis spürte das Schlechte und Böse mit tödlicher Sicherheit. Die Gedanken und Gefühle dieses jungen Dings lagen plötzlich klar und offen vor ihm, ohne daß er sich dessen aber bewußt geworden wäre. Aber eines wußte er: Angeline würde alles für ihn tun. Nur - er bedurfte dieser Macht gar nicht. Bald war er gesund, dann würde er weiterziehen, und das war's dann.

Nun, es sollte etwas anders kommen.

Angeline verbrachte den ganzen Vormittag bei Choru, und dieser erzählte aus seinem Leben.

"Als kleiner Junge war ich immer der Schwächste in der Klasse. Immer habe sie mich verprügelt. Deshalb bin ich auch Amtmann geworden, und kein Zunfthandwerker. Denn da kommt es auf den Verstand an, nicht auf brutale Kraft." Es war exakt das, was Angeline hören wollte.

Sie blickte Ellis bewundernd an, während er erzählte. Alles, was er sagte, war mehr oder weniger die Wahrheit, doch niemand, der diese Geschichte gehört hätte, wäre darauf gekommen, daß es der Lebenslauf eines Ungeheuers war.

"Schon früh in der Schulzeit habe ich angefangen Insekten zu sammeln, vor allem Schmetterlinge und Käfer. Es gab bei uns vor der Stadt große Wiesen, die jahrelang brachlagen. Dort blühten viele Blumen im Sommer, und es gab Millionen von Zikaden. Ich habe sie eingefangen, in einen Kasten mit Fächern gesteckt und dann beschriftet. Ich weiß heute noch alles über Insekten." Was er nicht erzählte war, daß die Zikaden und Käfer noch gelebt hatten, wenn er sie aufspießte, und daß er mit seinen Freunden immer gewettet hatte, wie viele Tage sie noch zappeln würden, bis sie endlich starben. Stundenlang hatten sie vor den Kästen gesessen und zugeschaut, wie die Kreaturen mit den Beinen in der Luft herumruderten und nie den Boden erreichen konnten, weil die Metallnadeln, die sie ihnen durch den Leib gestoßen hatten, sie festhielten. "Und dann", erzählte Ellis weiter, "eines Tages, als ich meine Sammlung mit in die Schule nehmen wollte, haben die Kerle aus der anderen Klasse mir aufgelauert und alles kaputtgemacht. Das tut mir heute noch leid." Er seufzte erneut und erntete einen mitleidigen Blick von Angeline.

Später sind wir dann umgezogen, als ich eine große Chance bekam bei der Südostkolonisation. Dort habe ich auch die Aufzeichnungen gefunden, wegen denen ich jetzt unterwegs bin."

Er redete und redete, und Angeline kam kaum dazu, das alles zu behalten. Dennoch hatte sie, als Andrea sie später zu Tisch rief, das Gefühl, den Zikadenmann genau zu kennen, ja sogar, ihn schon immer gekannt zu haben. Zwischen ihnen war eine Vertrautheit und Verbundenheit entstanden, die das junge Mädchen im siebten Himmel schweben ließ. Und erwiderte er nicht ihre Gefühle? Es war der interessanteste und faszinierendste Mann, den sie je kennengelernt hatte. Was waren gegen ihn die Bauerntölpel aus der Gegend hier?

Gedankenverloren stocherte sie in ihrem Essen herum, und erst, als ihre Mutter sie auf Ellis ansprach, kehrten ihre Gedanken in die Realität zurück. Dann aber sprudelte es nur so aus ihr heraus. Doch auch ihre Mutter, die vom Mißtrauen Geros inzwischen angesteckt worden war, konnte anhand dessen, was Angeline ihr erzählte, unmöglich auf die Idee kommen, daß sie ein Monster in ihrem Haus beherbergte. Schmetterlinge und Raupen sammeln - das hatte sogar Gero als kleiner Junge mal gemacht. Es war das harmloseste der Welt, und so verhielt es sich auch mit allem anderen, was Angeline ihr berichtete.

Später am Nachmittag kehrte Peter aus der Schule zurück. Angeline berichtete auch ihm begeistert von Choru, und so wurde der Junge neugierig und besuchte den Fremden in seinem Zimmer. Als er zurückkam, war er von der Harmlosigkeit und Freundlichkeit des Zikadenmannes fest überzeugt, und so legte sich auch Andreas Mißtrauen langsam wieder. In der Tat: Choru Ellis war ein netter, freundlicher und zugleich interessanter Mann, der viel herumgekommen war in der Welt. Nur wohin er jetzt unterwegs war und was er dort wollte, hatte er niemandem verraten. Da er aber sonst sehr viel über sich erzählt hatte, fiel das nicht weiter auf.


Als erstes, nachdem Gero die Polizeistation betreten hatte, fiel ihm ein Steckbrief auf, der in der Eingangshalle hing. Gesucht wurde eine Bande von Männern, die vermutlich aus Botha-Land oder dem karolingischen Reich gekommen waren, und denen man eine so lange Liste an schwersten Verbrechen vorwarf, wie Gero sie noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Es waren keine Bilder der Gesuchten dabei, und auch die Beschreibung war so vage, daß sie auf jeden zweiten männlichen Erwachsenen paßte. Die Verfasser des Steckbriefes waren wohl davon ausgegangen, daß die Mörder durch ihr Verhalten so auffällig waren, daß eine nähere Beschreibung überflüssig sei. Kopfschüttelnd las Gero den Steckbrief ein zweites Mal durch. Nein, es war völlig unmöglich, daß der kranke Fremde in seinem Haus mit diesen hier etwas zu tun haben konnte.

Nachdenklich verließ Gero die Station wieder, und ging seinen Tagesgeschäften nach. Er verkaufte einen Teil des Pferdefleisches, das bei dem Unfall des Fremden gewissermaßen angefallen war, und daß sich dank der Kälte gut konserviert hatte. Den Erlös wollte er seinem Schützling natürlich zurückgeben, obwohl das Geld für ein neues Pferd natürlich nicht reichen würde. Aber arm war der Mann ja nicht.

Dennoch ging Gero den ganzen Tag dieser Steckbrief nicht aus dem Kopf, und so schaute er am Abend doch noch mal bei der Polizei vorbei. Es war nur noch ein Polizeibeamter da, in der prunkvollen Uniform, die so gar nicht zu den ordentlichen, aber sonst eher bescheidenen Verhältnissen paßte, die im Fürstentum Ganda herrschten. So einen herausgeputzten Polizei-Wachtmeister konnte man sich viel eher auf der steinreichen Sonneninsel oder im Weißen Königreich vorstellen. Gero trat also ein, stellte sich vor und trug dann sein Anliegen vor. Der Polizist hörte aufmerksam zu, dann stellte er einige Fragen. Zuletzt blickte er Gero sehr ernst und eindringlich an und sagte: "Behaltet den Mann gut im Auge. Ich werde morgen oder übermorgen mal vorbeikommen."

"Glaubt ihr, daß er ..."

"Nein, ziemlich unwahrscheinlich. Aber er könnte die Killer gesehen haben. Jeder Hinweis hilft uns."

Gero verließ die Station wieder und bekam nicht mehr mit, wie der Polizist ein Stoßgebet an die guten Götter schickte. Wenn er nicht davon ausgegangen wäre, daß Choru Ellis krank und hilflos daniederlag, wäre er sogar sofort mitgekommen.

Spät am Abend kehrte Gero nach Hause zurück. Er hatte unterwegs noch Holz geschlagen und stapelte es nun vor dem Haus unter dem Vordach auf. Was seinen Patienten betraf, war er einigermaßen beruhigt. Beim Abendessen unterhielt er sich mit seiner Frau darüber. Andrea beklagte sich, daß Angeline den ganzen Tag bei Choru verbracht hatte und ihr bei den Hausarbeiten kaum geholfen hatte.

Wenn's weiter nichts ist, dachte Gero erleichtert. Nein, Choru konnte nichts mit diesen Massenmördern zu tun haben. Schließlich war er ja allein. Vor Geros innerem Auge lief der Steckbrief nochmals ab. Diese Mörderband mußte aus mindestens einem halben Dutzend Kumpanen bestehen, sonst wären diese geradezu phantastischen Verbrechen gar nicht möglich gewesen.

Hoffentlich erwischte man sie bald.


Am nächsten Tag kam der Arzt vorbei und untersuchte Ellis. Er stellte fest, daß er die Armschiene noch zwei oder drei Wochen tragen mußte. Außerdem sollte er sich schonen, denn auch die gebrochenen Rippen waren noch nicht ganz verheilt. Ansonsten gehe es ihm aber wieder gut. Der Zikadenmann vernahm es erleichtert. Auch Angeline nahm es mit Freude auf. Ihr war nicht bewußt, daß Ellis sie in dem Augenblick verlassen würde, in dem er wieder reisefähig war.


Es klopfte an der Tür. Angeline, die im Moment außer Ellis die einzige Anwesende im Haus war, warf ihrem Patienten einen entschuldigenden Blick zu, dann ging sie hinunter und öffnete.

"Ja?" Als sie den Polizisten aus Sedoun und seine zwei Gehilfen erblickte, bekam sie große Augen. "Was wünschen Sie?"

"Können wir Ihren Vater sprechen?"

"Der ist in Sedoun. Geschäftlich. Wieso?"

"Nun, er war gestern bei uns. Wir wollen uns mal Ihren Gast ansehen." Mit diesen Worten drückte er die Tür auf und schob sich hinein. Die beiden anderen Polizisten folgten ihm. "Wo befindet er sich?"

"Was hat er verbrochen? Er ist der freundlichste Mensch, den man sich nur vorstellen kann!", widersprach Angeline heftig. Was hatte ihr Vater sich dabei nur gedacht? Sie war richtig wütend. Und dann kam ihr eine Idee.

Der Polizist sagte: "Seit einiger Zeit treibt eine Bande äußerst gefährlicher Massenmörder hier in der Gegend ihr Unwesen. Wir wollen Ihren Gast befragen, ob er vielleicht Zeuge gewisser Vorfälle geworden ist."

"Er ist fort."

Die drei Polizisten blickten Angeline ungläubig an. Diese bekräftigte: "Er hatte es sehr eilig. Daher ist er heute früh aufgebrochen."

"Und wohin?"

"Nach Süden. Ich glaube, Choru wollte ins Weiße Königreich."

Die Polizisten sahen sich vielsagend an. "Dürfen wir uns hier mal ein bißchen umsehen?"

"Wieso! Was wollen Sie noch?"

"Wo ist Ihre Mutter?"

"Ins Dorf zum Einkaufen."

"Und Ihre Brüder?"

"Was soll dieses Kreuzverhör? Halten Sie jetzt vielleicht mich für einen Komplizen dieser irren Killer?"

Es ging noch eine Zeitlang so hin und her, doch dann schaffte Angeline es endlich, die drei abzuwimmeln. Oben in seinem Zimmer nahm der Zikadenmann leise den Ring vom Finger, stellte sein Schlachtermesser in die Ecke zurück und ließ sich erleichtert ins Bett zurücksinken.

Kurz darauf kam Angeline wieder zu ihm und berichtete, was sich zugetragen hatte. Dann fragte sie: "Was wollten die bloß von dir? Bist du diesen Killern schon mal begegnet?" Ihre Augen blickten ihn angsterfüllt an.

"Nein, und ich habe keine Ahnung. Da ich eigentlich nur auf der Durchreise bin, weiß ich auch nicht, was hier bei euch so los ist. Von einer Bande verrückter Massenmörder höre ich eigentlich zum ersten Mal was." Und nach einer kurzen Denkpause fügte er hinzu: "Schlimm, schlimm, was heutzutage alles frei herumlaufen darf."

Angeline nickte entschieden und seufzte erleichtert. Choru streichelte ihr langes Haar, und sie warf ihm dafür einen schmachten den Blick zu.

Eine Woche später kam der Arzt wieder vorbei. Es gab nur diesen einen, und er hatte eine halbe Provinz zu betreuen. Aber Chorus Zustand hatte sich weiter gebessert. Er war nun bereits den ganzen Tag auf den Beinen, konnte wegen seines immer noch geschienten rechten Arms aber nicht viel tun. Der Arzt sagte, wenn er in ein oder zwei Wochen das nächste Mal käme, könne er die Schienen abnehmen.

Am Abend gab der Zikadenmann Gero Geld und bat ihn, bei nächster Gelegenheit in Sedoun für ihn ein Pferd zu kaufen. Gero fragte: "Warum kommt Ihr nicht mit? Dann könnt Ihr Euch selbst eins aussuchen." Ellis antwortete: "Nein, dazu fühle ich mich noch zu schwach. Bei der Kälte da draußen."

Am übernächsten Tag brachte Gero seinem Gast ein schönes, neues Pferd mit, und dieser war's zufrieden.


Das Fürstentum Ganda war zwar recht klein und unbedeutend, aber nicht so ärmlich und heruntergewirtschaftet wie sein größerer Nachbar Botha-Land. Trotzdem waren die meisten Straßen schlecht, vor allem jetzt, im Winter. Und so kam es, daß Briefe manchmal gar nicht, manchmal mit Tagen oder Wochen Verspätung eintrafen. Wäre dem Brief des Polizeipräfekten der Stadt Herraris auch ein solches Schicksal widerfahren, dann hätte das vier Menschen das Leben gerettet, und Geros Familie wäre relativ glimpflich davongekommen. Doch das Schicksal wollte es anders. Die mit dem fürstlichen Wappen verzierte Postkutsche traf am Ende der Woche in Sedoun ein, und der Brief wurde dem hiesigen Polizeihauptmann sogleich zugestellt. Er hielt ihn für nicht so wichtig und schob ihn erst mal Richtung Ablage P. Aber als er ihn am Abend, nachdem er gerade nichts Besseres zu tun hatte, doch noch las, war der Teufel los. Er trommelte sofort alle verfügbaren Männer zusammen und machte sich auf den Weg. In gestrecktem Galopp eilten sie zu Geros einsam gelegenen Bauernhof.

Am Nachmittag hatte der Zikadenmann zum ersten Mal eigenmächtig die Armschiene abgelegt. Wegen der Halteschlingen hatte er dazu auch sein Hemd ausziehen müssen. Sein rechter Arm schmerzte nicht mehr und bereitete ihm auch sonst keine Schwierigkeiten, abgesehen davon, daß er nach der langen Ruhezeit etwas steif war. Als Angeline unangemeldet ins Zimmer kam, machte sie Choru Vorwürfe, daß er die Anweisung des Arztes mißachtet und so seine Gesundheit gefährdet hatte. Choru antwortete: "Der Doktor kommt doch sowieso morgen oder übermorgen. Und ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten." Er atmete tief ein, seine Brust schob sich vor, und der Ring der Finsternis, den er dort - wie immer - an einer Kette trug, zog auf einmal wie magisch Angelines Aufmerksamkeit auf sich. Ihr Blick hing wie gebannt an dem unnatürlich schwarzen Stein. Und im gleichen Moment empfand der Zikadenmann das unstillbare Bedürfnis, dieses zarte Mädchen zu vernaschen.

Es gab keine logische Beziehung zwischen diesen Ereignissen, oder vielleicht waren sie durch eine höhere Macht gelenkt, jedenfalls trat Ellis auf Angeline zu, deren Augen immer noch staunend auf dem Stein lagen, ergriff ihre Hände, bog sie auf den Rücken und hielt sie dort mit einer Hand fest, während er mit der anderen begann, Angelines Kleidung herunterzureißen. Die junge Frau wehrte sich nicht. Vielleicht wußte sie nicht, was ihr bevorstand, vielleicht fühlte sie es aber auch instinktiv und wollte es sogar. Der Zikadenmann ging ziemlich brutal vor. Nachdem er Angeline entkleidet hatte, warf er sie zu Boden, aber sie war immer noch wie hypnotisiert und starrte ihn einfach nur an. Ihr Atem ging stoßweise und ihr Herz raste. Jetzt zog Ellis sich selbst in aller Hast aus. Er hatte das Gefühl, vergehen zu müssen, wenn er diese Frau jetzt nicht sofort bekam. Und dann stürzte er sich auf sie und drang in sie ein.


Als er sich wieder anzog, lag Angeline immer noch da. Langsam wandte sie ihren verschleierten Blick dem Zikadenmann zu, dann zuckte sie zusammen und begann hemmungslos zu schluchzen. Choru Ellis betrachtete sie mit Befriedigung. Erst sie, dann das Gold. Alles würde ihm gehören. Er setzte sich aufs Bett und wartete, daß sie wieder ansprechbar würde. Nach einiger Zeit hörte er von draußen das Hufgetrappel von vier oder fünf Pferden. Er wußte, daß es die Polizisten waren. Woher er das wußte? Er wußte es eben. Und sie kamen, um ihn abzuholen. Er wußte nur nicht, warum. Er hatte doch noch nie einer Fliege etwas zuleide getan. Sogar das neue Pferd hatte er ehrlich bezahlt.

Die Polizisten pochten heftig an die Tür. Gero öffnete ihnen.

"Der Mann, der bei ihnen gewohnt hat, hieß doch Choru Ellis?"

"Ja", antwortete Gero. Ellis konnte es von oben deutlich hören. In aller Ruhe zog er sich an, schnallte sein Messer um und nahm den Ring der Finsternis in die rechte Hand, ohne ihn jedoch schon anzustecken.

Wieder hörte er, wie unten der Polizeihauptmann erregt auf Gero, Andrea und die beiden Söhne einredete: "Ich habe soeben Nachricht aus Herraris bekommen. Einer der gesuchten Mörder, wahrscheinlich sogar ihr Anführer, heißt Choru Ellis aus dem Reich Karls."

Also doch!

"Oh, ihr Götter."

"Aber wieso gewohnt hat?", fragte Gero nervös. "Er ist immer noch hier und ..."

"Verdammt, wußte ich's doch. Die Kleine hat uns angelogen!", brüllte der Polizist.

Dann stürmten er und seine Männer mit gezückten Schwertern ins Haus und die enge Treppe hinauf, allen voran Gero. Er stieß die Tür auf, und das erste, was er sah, war seine Tochter Angeline, die völlig nackt zusammengekrümmt auf dem Boden lag und weinte. Doch er kam nicht dazu, noch etwas zu tun. Ein einziger Hieb mit dem Messer des Zikadenmannes bereitete seinem Leben ein schnelles Ende. Blutüberströmt brach er neben seiner Tochter auf dem Boden zusammen. Als Andrea dies sah, stieß sie einen gellenden Schrei aus und wollte sich an den Polizisten vorbei auf Ellis stürzen, doch der ging ohne zu zögern auf die Polizisten los und hatte bereits den ersten niedergemacht. Wie sich später herausstellte, war wurde er dabei aber nicht getötet, sondern nur schwer verletzt, und überlebte das Massaker als einziger seiner Kollegen. Einen Moment später stürzten sich die drei anderen in die Kammer, doch da verschwand der Zikadenmann vor ihren Augen. Sie kamen nicht mehr dazu überrascht zu sein. Das Messer Chorus fand seine Ziele, auch ohne daß er sie sehen konnte.

Ellis zog den Ring wieder ab. Andrea, Peter und Carus waren vor Grauen wie erstarrt und zu keiner Reaktion mehr fähig. In aller Ruhe packte Ellis seine Sachen, nahm noch Proviant aus der Küche mit, setzte sich dann auf das Pferd und ritt einfach davon, in die eisige Winternacht hinaus.


Als der Arzt am nächsten Vormittag kam, um nach seinem Patienten zu sehen, wurde er statt dessen mit dem schlimmsten Blutbad konfrontiert, daß er in Friedenszeiten je zu sehen bekommen hatte. Es gelang ihm, das Leben des Polizeihauptmannes zu retten, seine drei Kollegen und Gero konnte er nur noch begraben. Und dann mußte er sich um Andrea und ihre drei Kinder kümmern, die alle einen schweren Schock erlitten hatten. Angeline war dem Wahnsinn nahe, Andrea nicht ansprechbar, und Peter und Carus redeten meist nur wirres Zeug und lachten irre. Der Doktor bezweifelte, daß die vier so bald wieder ein normales Leben würden führen können.


Vielleicht war noch nie ein Sterblicher auf die Idee gekommen, das Troll-Land mitten im Winter zu durchqueren. Es war nämlich nicht so, daß hier im Winter Schnee lag und die Sumpflöcher, in denen die Trolle und Unholde hausten, zugefroren waren. Statt dessen türmten sich an manchen Stellen riesige Schneeverwehungen und Eisberge, während der Rest des Landes unnatürlich warm war. Von Eis keine Spur, nur der allgegenwärtige schweflige Nebel hüllte alles ein und machte die trüben Januartage noch dunkler und unheimlicher. Von überall her hörte man die Geräusche der Unheimlichen, die hier lebten, das irre Kichern, das aus dem Nichts kam, die grausamen Schreie, die einem scheinbar direkt ins Ohr gebrüllt wurden. Doch wenn man sich umsah, da war da nichts außer den verzerrten Umrissen verkrüppelter Bäume. Und das schreckliche Flüstern, als ob ständig die Untoten miteinander sprächen - es konnte einen in den Wahnsinn treiben.

Der Zikadenmann bekam davon nichts mit. In Gedanken weilte er schon in Land des Goldes und stellte sich vor, wie es sein würde, wenn er erst sein Ziel erreicht hatte und reich sein würde. Reich, unvorstellbar reich. Reicher, als es je ein König gewesen war oder sein würde. Reicher als tausend Könige. Es würde alles ihm gehören. Alles, die ganze Welt.

Er bemerkte die Durchquerung des unheimlichen Troll-Landes kaum, außerdem kam er hier schnell voran. Das änderte sich allerdings schlagartig, als er die Grenze zum Schwarzen Königreich überquerte, denn dieses war in klirrender Kälte erstarrt und tief eingeschneit. Er brauchte fast zwei Wochen, weil er den Weg zur Überquerung der himmelhohen Grenzberge nicht fand, aber dann stand er endlich vor dem Talkessel von Sydur. Er blickte hinunter in eine weiße Märchenlandschaft.



6. Kapitel - Das Unendliche Land

Choru Ellis ritt den vereisten Weg nach Sydur am hellichten Tag hinunter. Daß man ihn von unten aus als schwarze Gestalt gegen den blendend weißen Schnee deutlich sah und seiner Ankunft mißtrauisch entgegensah, interessierte ihn nicht. Schließlich hatte er keine bösen Absichten. Er hätte nicht mal einer Fliege was zuleide tun können, warum sollten sie Sydurer also etwas gegen ihn haben? Außerdem war er sowieso viel zu erschöpft, um sich über solche unwichtigen Dinge noch groß Gedanken machen zu können. Die letzten Wochen hatten ihn gezeichnet.

Als er in die Stadt einritt, begrüßte er die Leute dennoch freundlich. Dann erkundigte er sich nach dem Weg zum Schwarzen Schloß. Eigentlich hätte er rasten müssen, doch dazu war später Zeit. Später, wenn er all das Gold gefunden hatte.

Ein alter Mann, der gebeugt an einem Stock ging, kam auf ihn zu und fragte mit fester Stimme: "Was sucht Ihr dort im Schwarzen Schloß, Fremder? Hat Euch der Schwarze König zu sich gerufen?"

"Ja. Das hat er. Aber ich kenne mich hier nicht so gut aus. Wenn Ihr mir den Weg freundlicherweise zeigen könntet."

Wondja, der Stadtvorsteher, war irritiert. Sein Gebieter hatte keinen Besuch angekündigt. Dennoch wagte er nicht zu widersprechen. Der Fremde hatte etwas Unheimliches an sich, also konnte es durch aus stimmen, daß er ein Gast des Schwarzen Königs war. "Wollt Ihr in Sydur übernachten? Es wird bald dunkel."

"Nein, d ... danke. Meine Mission ist sehr eilig. Sagt mir einfach, wohin ich reiten muß."

"Ihr habt noch einen weiten und anstrengenden Weg vor Euch. Dorthin müßt Ihr Euch wenden, nach Westen. Den Weg könnt Ihr nicht verfehlen, aber im Winter ist es sehr gefährlich. Und in der Nacht ganz besonders."

"Ich fürchte mich nicht vor der Dunkelheit. Habt vielen Dank."

Und so ritt der Zikadenmann wieder aus Sydur hinaus. Seine Vorräte waren längst aufgebraucht, aber was interessierte ihn das jetzt noch. Auch, daß sein Pferd mitten in der Nacht vor Erschöpfung zusammenbrach, war Ellis egal. Er ließ es einfach liegen, nahm die nötigsten Sachen an sich und ging zu Fuß weiter. Es wurde Tag dann wieder Nacht. Irgendwo unterwegs fand er in einer verlassenen Hütte etwas zu essen. Dort schlief er auch ein paar Stunden, aber dann trieb ihn die Unruhe weiter. Weiter und weiter ging es, mechanisch setzte er einen Fuß vor den anderen, und als er irgendwann um den letzten Berg bog, da lag die kleine Hochebene mit dem Schwarzen Schloß in ihrer Mitte vor seinen Augen. Er ging nicht schneller und nicht langsamer. Schritt um Schritt näherte er sich dem Schwarzen Schloß. Einem außenstehenden Beobachter hätte es vorkommen müssen, als könne nichts auf der Welt diesen Mann, der nun eher einer Maschine glich, aufhalten. Wie ein aufgezogener Roboter setzte er einen Fuß vor den anderen, und seine Augen glänzten irre. Näher und näher kam das Ziel. Die Sonne stieg am Himmel hoch und senkte sich dann wieder herab. Und endlich, es war schon spät am Nachmittag, betrat Choru Ellis wieder eine Ansiedlung. Es war das kleine Dörfchen am Fuße des Schwarzen Schlosses, und nur wenige Meter weiter war das Tor zum Innenhof. Es war geschlossen, aber nicht versperrt. Choru drückte dagegen, und lautlos glitten die riesigen hölzernen Türflügel auseinander. Vor seinem inneren Auge tauchten die Seiten des Buches auf, in denen der Weg beschrieben stand. Er hatte sie auswendig gelernt. Jetzt fand er seinen Weg ohne überlegen zu müssen.

Er überquerte den Exerzierhof, dann stand er vor der mit mythischen Ornamenten und Totenköpfen verzierten Tür, die ins Innere des Schlosses führte. Auch sie war nicht verschlossen. Seit Jahrhunderten hatte es niemand gewagt, hier ungefragt einzudringen. Wozu hätte der Schloßherr also abschließen sollen?

Ellis trat ein und schritt weiter. Sein Herz pochte heftiger, aber seine Schritte hatten noch den alten Rhythmus behalten. Mit konstanter Geschwindigkeit, wie eine Maschine, setzte er Fuß vor Fuß. Es ging eine Treppe hinauf, dann durch einen langen, nur durch wenig Fackeln erleuchteten Korridor. Eine Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm trat aus einem Seitenzimmer auf den Gang hinaus. Als sie Chorus Schritte hörte, fuhr sie herum und starrte ihn an. Der Zikadenmann kam näher. Er sah an der Frau vorbei, dennoch nahm er unterbewußt war, daß es die Schwarze Königin war. Sie rief ihm etwas zu, aber er hörte es nicht. Er zog sein Schlachtermesser und bohrte es der Frau in den Leib.

Wenn er nicht das Böse gewesen wäre, dann wäre Ornella vielleicht mit einer Fleischwunde davongekommen. Doch so traf er mit tödlicher Sicherheit ihr Herz und spießte es auf. Königin Ornella war tot, noch bevor sie auf dem Boden aufschlug. Ellis ging weiter. Er hörte das kleine Mädchen weinen und nach seiner Mutter schreien, doch die Stimme wurde leiser, je weiter er vordrang. Es ging wieder durch eine Tür, dann eine endlose Treppe hinab. Es wurde immer dunkler, schließlich gab es gar kein Licht mehr. Aber Ellis kannte den Weg. Schließlich stand er vor einer Mauer. Er steckte sich den Ring der Finsternis an, und durchdrang das Hindernis, als wäre es aus Luft. Dahinter war es wärmer. Ellis zog den Ring wieder aus. Der Drache. An ihm mußte er noch vorbei, dann waren alle Schätze dieser Welt sein.

Er wußte, wie viele Schritte er gehen mußte, bis zur Rechten die Höhle des Gawron abzweigte. Wenn der Drache schlief, dann konnte er ihn leicht niederstechen, wenn er die richtige Stelle traf. Doch der Zikadenmann entschied sich dafür, keine Zeit mehr zu verlieren. Er ließ die Höhle des Drachen unbeachtet liegen und ging weiter. Und dann sah er im rötlichen Schein, der hier unten begann, die erste Goldader in der Wand des Stollens.

Ellis zuckte heftig zusammen, sein Herz verkrampfte sich und hörte auf zu schlagen. Ihm schwindelte. Das BUCH. Das Buch des Unendlichen Landes. Darin hatte er über das Gold gelesen und unglaubliche Strapazen auf sich genommen, um es zu finden. Doch erst jetzt, als er es mit eigenen Augen sah, da wußte er, daß alles wahr war. Sein Herz zuckte wieder, dann jagte sein Puls hinauf, daß Ellis glaubte explodieren zu müssen. Zitternd streckte er die Hand aus und fuhr über das Gold. Er wußte nicht, wie lange er so verharrte, es war ein unglaubliches Gefühl, das ihn nun erfüllte. Es gab kein Wort dafür, keine Beschreibung. Es war ihm, als ob er schwebe, als ob er neben sich stünde, als ob er Gott sei. Alles erschien ihm irreal, alles machbar. Alles Gold gehörte nun ihm, und mit dem Gold die Macht, die Menschen, die Welt.

Nach einiger Zeit ging er schließlich weiter. Den Ring der Finsternis hatte er wieder an der Halskette befestigt. Er brauchte ihn nun nicht mehr. Langsam wurde es heller, der Schein gelblicher. In den Höhlenwänden waren nun so viele Goldadern, daß dazwischen kaum mehr Gestein Platz hatte. Auch auf dem Boden lagen überall goldene Klumpen herum. Ellis nahm einen davon auf und fühlte eine eigenartige Kraft seine abgemagerte und halberfrorene Hand durchfließen. Nie hätte er sich so etwas träumen lassen.

Und dann weitete sich die Höhle. Er bog um die letzte Ecke, und was er dann sah, ließ ihn endgültig vor Ehrfurcht erstarren. Es war eine riesige, unterirdische Welt, die sich vor seinen Blicken öffnete, so groß, daß er mit seinen Augen ihre Grenzen nicht erkennen konnte. Und sie war aus purem Gold. Der Boden, die mächtigen Säulen, die die Hunderte von Metern über ihm befindliche Decke stützten, die Felsen, die Decke selbst. Alles war reines, pures, glänzendes Gold, soweit das Auge reichte. Wie weit mochte der Horizont entfernt sein? 10 Kilometer, 100? Er wußte, wo er jetzt war: im Unendlichen Land.

Der Zikadenmann verlangsamte seine Schritte und blieb dann stehen. Er weinte. Er konnte nicht weiter. Der unglaubliche Anblick bannte ihn. Tränen liefen seine Wangen herunter, dann brach er zusammen und begann hemmungslos zu schluchzen. Er war jetzt Gott, das Universum, alles. Alles war sein, er war ... das Namenlose, Unvorstellbare ...

Er erhob sich und rannte los. Er schrie und rannte und brüllte seine ungezügelte Freude und Begeisterung hinaus, und er rannte weiter und weiter und weiter, und alles war Gold. Nirgends gab es eine Grenze, soweit das Auge reichte.

"Ihr Götter", schrie er aus Leibeskräften, "Ich danke Euch. Ich danke euch." War er nicht dabei, den Verstand zu verlieren? Nein! Er war nie klarer gewesen.

Das Unendliche Land war wirklich grenzenlos. In fernen Tiefen der Erde erstreckte sich das märchenhafteste Reich, das sich jemals ein Mensch vorstellen konnte. Ellis rannte und rannte, bis er keine Kraft mehr hatte. Er sank auf die Knie nieder und blickte sich um. Lange starrte er einfach nur das Gold an, das überall um ihn herum war, und ließ seinen Glanz und die Macht, die es darstellte, auf sich wirken. Dann sah er in der Ferne die goldenen Statuen. Neugierig wollte er sich erheben, aber seine Beine versagten den Dienst. Er schrieb es seiner Erschöpfung zu und zwang sich aufzustehen. Es war mühsam. Ihm kam es vor, als habe jemand seine Muskeln mit Blei gefüllt. Langsam, mühsam einen Schritt nach dem anderen machend, ging er auf die Statuen zu. Stunden schien er zu dauern, bis er sie erreicht hatte. Langsam ging er um sie herum. Und als er ihre Gesichter sah, da war es ihm, als verwandelte sich seine Brust in Eis. Das nackte Grauen packte ihn.

Das waren keine Statuen. Kein Künstler der Welt konnte so lebensechte Kunstgeschöpfe machen. Und erst recht nicht diesen Ausdruck im Gesicht: die Gier nach Gold und Macht stand den vier Goldenen so deutlich ins Gesicht geschrieben, daß es Ellis war, als blicke er in einen Spiegel. Diese vier waren Menschen gewesen, und etwas hatte sie hier unten zu goldenen Statuen werden lassen. Ellis wollte mit den Fingern über ihre Gesichter streichen, doch er brachte es kaum fertig, seine Arme zu heben. Er blickte an sich herab und stellte fest, daß seine Arme und Beine ebenfalls schon zu Gold geworden waren. Auch seine Kleidung war von Goldfäden durchwebt, die ständig größer wurde.


Der Zikadenmann endete so beiläufig, so banal und unbemerkt wie all die Menschen, die er auf seinem Weg umgebracht hatte: er erstarrte einfach zu einer goldenen Statue. Nur stand in seinem Gesicht nicht mehr die Gier, sondern die nackte Todesangst. Und mehr noch: das alles auslöschende Nichts, das man empfindet, wenn man alles verliert: Das Leben, die Hoffnung, das Universum, alles. Sein letzter Gedanke war: Warum ich? Ich habe doch nie jemandem etwas getan.


Das einzige, was an ihm nicht zu Gold wurde, war der abgrundtief schwarze Stein im Ring der Finsternis.


*

Eine Smaragdeidechse sonnte sich in den ersten Strahlen des nahenden Frühlings. Eigentlich war es im Schwarzen Königreich im Februar noch zu kalt für diese Reptilien, aber hier im Westland, das der Schwarze König erst vor zwei Jahren seinem Reich hinzugefügt hatte, war es an manchen Tagen deutlich wärmer als im Hochgebirge des Ostens.

Das metallisch glänzende Reptil hatte sich auf einem Felsvorsprung ausgebreitet und streckte den Kopf der Sonne entgegen, die die himmelhohen Berge beschien. Einige Vögel zwitscherten, und aus Felsspalten krabbelten zwischen Moospolstern Ameisen hervor, um auf Nahrungssuche zu gehen. Doch beides kümmerte die Eidechse nicht. Sie spürte, wie sich ihr Körper langsam erwärmte, und sie schloß genießerisch die Augen.

Ein Falke kreiste hoch über ihr und nutzte die Aufwinde am Steilhang, um weiter an Höhe zu gewinnen. Er stieß seinen Jagdschrei aus. Die Eidechse riß die Augen auf, doch nicht der Schrei des Raubvogels war der Grund dafür. Der Felsen hatte plötzlich gebebt. Und schon lief ein neuer Stoß durch den Berg, diesmal wesentlich heftiger. Mit einem Satz huschte die Smaragdeidechse davon, und keine Sekunde zu früh, denn mit einem gewaltigen Schlag zerplatzte der Felsgrat, auf dem sie gerade noch gesessen hatte, in tausend Stücke. Von innen, aus dem Berg heraus, tauchte eine gewaltige Faust auf, wurde zurückgezogen, schlug erneut zu und spaltete wieder ein großes Stück Fels heraus. Ein urweltliches Brüllen erscholl, dann holte die Faust ein letztes Mal aus und sprengte ihrem Besitzer endgültig den Weg ins Freie. Ein paar mächtiger Hörner erschienen im Tunnelausgang, dann trat der Baron der Hölle heraus ins Licht.

Zwei Jahre hatte er gebraucht, um den Berg zu durchbrechen, wie er es dem Schwarzen König, verflucht sollte er sein, und der Schwarzen Königin, einen besonderen Fluch auch ihrer verwesenden Leiche, hatte versprechen müssen. Die zwei Bedingungen hatte er erfüllt: Den Tunnel und die Wiedererweckung seines Spielzeugs, des arcadischen Königs Cordo. Von der dritten Aufgabe hatte er nichts erzählt, aber auch sie war nun gelöst: Seine Rache am Schwarzen König und seiner sanften, so zerbrechlichen Frau Ornella. Jeden Tag hatte er sie in Gedanken zerquetscht und zerrissen, ihr imaginären Schreie und ihr Winseln gehört und das ungläubige, dumme Gesicht Thorans vor sich gesehen, als er vor dem toten Körper seiner Bestgeliebten stand. Und dann hatte er mit ungeheurer Wut und Wucht zugeschlagen und wieder ein Stück aus dem Berg gehauen.

Etwa dreißig Meter von hier im Innern des Berges befand sich eine große Höhle. Auch sie war nicht natürlichen Ursprungs. Sie war entstanden, als der Höllenbaron vom Tod Ornellas erfahren hatte. Vor Freude und Zufriedenheit hatte er getobt wie ein Wahnsinniger und mit seinen Fäusten, Hörnern und Hufen diese Höhle geschaffen. Kurz ließ er den Ablauf der Ereignisse vor seinem inneren Auge Revue passieren.


Harlengart besaß die Fähigkeit, das Böse in jedem Menschen sofort zu erkennen. Als er nach seinem ersten Kampf gegen den Schwarzen König aus dem Troll-Land geflohen war, war er zufällig dem Siedlerzug begegnet, mit dem der Zikadenmann in seine neue Heimat fuhr. Das Böse, das diesem Mann innewohnte, hatte ihn schon von weitem angezogen, so wie der Geruch des Blutes einen Hai über große Entfernungen anzulocken vermag. Es war ein Kinderspiel für ihn gewesen, die genauen Pläne und Absichten der Siedler herauszufinden. Er hatte erfahren, in welches Haus Choru Ellis ziehen würde. Er hatte den Ring der Finsternis und das Buch des Unendlichen Landes hinter einer Mauer im Keller des Hauses versteckt und dafür gesorgt, daß alles so aussah, als sei es viele Jahrhunderten alt. Was den Ring und das Buch betraf, so war das nicht mal übertrieben: Beide Objekte waren sogar noch viel, viel älter, Werkzeuge unheimlicher Mächte aus grauer Vorzeit, die einst die Welt erschaffen hatten. Aus Spaß hatte Harlengart auch noch ein Skelett hinzugefügt. Der Zikadenmann hatte dafür dann ja auch eine clevere Verwendung gefunden, indem er seinen eigenen Tod vortäuschte.

Der Zikadenmann - Harlengart fand den Namen überaus passend, denn Choru Ellis war genauso emotionslos böse und beiläufig tödlich wie ein Insekt - war auf den Schwindel natürlich hereingefallen. Seine Gier und seine Macht-Triebe hatten ihm gar keine Wahl gelassen, als nach dem Gold zu suchen, das im Buch des Unendlichen Landes beschrieben war. Er hatte es mit seinem nutzlosen Leben bezahlt. Wäre er nicht im Unendlichen Land zu einer Statue erstarrt, dann hätte Gawron ihn getötet, denn die Geschichte mit der empfindlichen Stelle, an der man den Drachen töten konnte, stimmte natürlich nicht. Harlengart hatte sie nur erfunden, um Ellis hereinzulegen. Wichtig war nur, was der Zikadenmann vor seinem Tod getan hatte: auf seinem Weg hatte eine Spur der Verwüstung gezogen und dem Schwarzen König das kostbarste genommen, was er besaß, nämlich seine Frau, seine Bestgeliebte. Der Plan hatte aus zwei Gründen funktioniert: Erstens wußte Harlengart, daß die Gemächer der Schwarzen Königin auf dem Weg lagen, den Ellis nehmen mußte. Und zweitens würde das abgrundtief Böse im Zikadenmann dafür sorgen, daß Ornella ihr Leben verlor. Und so war es auch geschehen. Das arme Mädchen hatte gegen Ellis ebensowenig eine Chance gehabt wie all die anderen, die er auf seinem langen Weg abgeschlachtet, verbrannt, zerhackt, erstochen, erwürgt, erschlagen oder auf noch abartigere Weise getötet hatte.

Harlengart stieß ein donnerndes Lachen aus. Schade war nur, daß der Schwarze König nie erfahren würde, wem er sein Unglück zu verdanken hatte. Ach ja, und daß der Ring der Finsternis nun im Arsenal des Schwarzen Königs lag ... aber das war ein geringer Preis: Vielleicht konnte er ihn sich eines Tages zurückholen.

Er war nun mit seinem Todfeind quitt. Hinter ihm traten bleiche, ausgemergelte Männer blinzelnd ins Freie. Es waren die, die in den letzten zwei Jahren die von ihm zertrümmerten Steine aus dem Tunnel weggeschafft hatten. Das helle Sonnenlicht blendete ihre Augen. Harlengart erinnerte sich, daß mehr als eine dieser Elendsgestalten bei seinen Hieben gegen den Fels von herabfallenden Steinen erschlagen worden war und den finsteren Tod im Berg gefunden hatte.

"Sagt eurem Herrn, ich habe mein Unehrenwort gehalten." Fast hätte er laut auflachen müssen, konnte sich aber gerade noch zurückhalten. Der Schwarze König und die Königin hatten ihm tatsächlich geglaubt. Und er hatte es gehalten, nur anders, als sie gedacht hatten. "Ich verschwinde jetzt, und er wird mich nie wiedersehen. Wie abgemacht." Dann rannte er mit gewaltigen Sätzen so schnell davon, daß er nach wenigen Augenblicken den Augen der Männer entschwunden war. Nur sein Lachen klang noch eine Zeitlang in ihren Ohren nach.

Nach nur wenigen Minuten hatte Harlengart die nahe Grenze des Schwarzen Reiches erreicht. Er übersprang sie mit einem riesigen Satz und konnte sich nun endlich wieder verwandeln. Er wählte die Form eines geflügelten Dämons, wie es sie in den finsteren Tagen kurz nach der Schöpfung viele gegeben hatten, und jagte mit nahezu Schallgeschwindigkeit davon, Richtung Osten.


Harlengart flog zum Haus Chorus. Er brauchte für die Strecke nur wenige Minuten. Dort angekommen, grub er das Buch des Unendlichen Landes aus dem Versteck, in das Choru es vor seiner Abreise wieder getan hatte, aus, und nahm es an sich. Das Feuer hatte ihm nichts anhaben können. Dieses Objekt konnte durch menschliche Eingriffe nicht zerstört werden.

Es war nicht für Sterbliche bestimmt - was herauskam, wenn es ihnen doch mal in die Hände fiel, hatte man ja gesehen. Zufrieden erhob Harlengart sich wieder in die Luft und jagte davon. Man sollte lange nichts mehr von ihm hören.


Das Unendliche Land - Starrus, König von Arcadia


Erstellt am 1.4.2001. Letzte Änderung auf dieser Seite: 28.8.2017