Das Unendliche Land - 4. Teil

7. Kapitel - Die Schwarze Hexe

Mai 1245.

Eine Reiterin näherte sich der Weißen Hauptstadt von Nordosten. Die Frühlingssonne ließ ihren Schimmel gegen den Hintergrund der saftigen, grünen Felder hell aufleuchten.

Eine prächtige, reichgeschmückte Kutsche kam von Südwesten.

Und von Nordwesten ritt eine dritte Person auf die Stadt zu, eine Frau. Ihre kastanienbraune Mähne fiel feurig über ihre Eisenrüstung, die in der Sonne wie flüssiges Metall glühte.

Wie es der Zufall wollte, trafen sie sich alle drei gleichzeitig vor der Rampe, die zum Weißen Schloß hinaufführte.


"Simona! Und dein Baby. Wie freue ich mich, euch wiederzusehen!"

"Alessandra!"

"Und wer ist das in der Kutsche?" Dem Wappen nach kam das prächtige Fahrzeug von der Sonneninsel. Die Tür schwang auf, und Olivia steckte ihren Kopf hinaus. Überrascht sah sie ihre Schwestern an: "Alessandra! Simona! Was macht ihr denn hier? Ich habe eine Nachricht von meinem Pantherring bekommen, daß ich mich unbedingt Zuhause einfinden muß."

"Ja, mein Gepardenring hat zu mir dasselbe gesagt", staunte Simona. Und auch Alessandra nickte eifrig. Sie hatte von ihrem Tigerring eine gleichlautende Botschaft erhalten.

Fragend sahen sie sich an. Schließlich übergaben sie ihre Pferde und die Kutsche den Stallburschen und gingen dann durch das Wachhäuschen die Rampe hoch. Der Sommer stand bevor, und es war schon recht heiß. Die Sonne schien aus einem fast wolkenlosen Himmel auf das Weiße Schloß herab und ließ es so grell leuchten, daß es in den Augen der drei Frauen beinahe schmerzte.

So, wie sie gekleidet waren, konnte man sich nur schwer vorstellen, daß die drei jungen Frauen Schwestern waren. Simona war in elegant geschnittene Tierfelle gehüllt, die ihr das exotische und verwegene Aussehen einer Indianerin gaben. Die Eisleute mochten zwar etwas rückständig sein, aber ihre Frauen verstanden wirklich etwas vom Schneidern. Auf dem Rücken trug Simona in einer Art Tragetasche ihr Baby, den kleinen Erich Junior. Trotz des langen Rittes, den er hatte mitmachen müssen, schlummerte er tief und friedlich, einen Daumen im Mund. Leichtfüßig und völlig lautlos in ihren eleganten Lederschuhen ging die Blaue Königin neben ihren Schwestern her.

Alessandra trug ihre dunkelbraune Eisenrüstung, die im gleißenden Sonnenlicht, intensiv leuchtete. An ihrer Seite hing ihr Schwert, und ihre braunen Augen funkelten neugierig und unternehmungslustig. Sie trug ihr Haar, wie meistens, offen. Nur unter dem Helm schlang sie es manchmal zu einem Knoten zusammen. Trotz der Rüstung bewegte die junge Frau sich elegant und anmutig.

Olivia, die offiziell den Titel 'amtierende Prinzgemahlin der Sonneninsel' trug - das Wort 'Imperatrice' hatte man tunlichst vermieden, war völlig anders gekleidet: Sie trug die mehr als üppig verzierten, überladenen Gewänder, die an Hof der Sonneninsel üblich waren, dazu kostbare Halsketten, Ringe und Kopfschmuck. Sie gaben ihr ein wahrhaft majestätisches Aussehen. Mit einer Hand raffte Olivia die schweren Reifröcke zusammen, so daß sie mit ihren Schwestern Schritt halten konnte. Auch sie bewegte sich leicht und mit königlicher Grazie.

"So wie du aussiehst, Schwesterchen", rief Olivia Alessandra übermütig zu, "warst du ganz schön lange unterwegs."

"Während du wahrscheinlich die ganze Zeit auf deiner Insel auf der faulen Haut gelegen hast", rief Simona dazwischen, bevor Alessandra noch antworten konnte.

"Nicht ganz. Warts nur ab", antwortete die junge Regentin geheimnisvoll.

Sie erreichten das Eingangsportal und traten ein. Seit dem endgültigen Abzug der arcadischen Besatzungsarmee aus dem Weißen Königreich war es hier wieder ruhiger geworden. Auch die Flüchtlinge aus dem Osten und Süden waren alle wieder heimgekehrt. Das war nun schon über zwei Jahre her. Alessandra hatte sich manchmal gefragt, warum König Starrus den Krieg beendet hatte, wo er doch für ihn ziemlich günstig verlaufen war. Aber nach der Geschichte mit dem Basilisken und dem Tod seines Sohnes Nordus war er mit seiner Armee abgezogen und nach Tansir zurückgekehrt. Alle besetzten Gebiete, auch Gel-Gabal, waren geräumt worden. Seitdem herrschte wieder Frieden.

"Herrin, da seid Ihr ja endlich wieder! Dem Himmel sei Dank!" Emilie, die alte Zofe, kam auf Alessandra zugestürmt. Als sie auch Olivia und Simona bemerkte, schlug sie vor Überraschung die Hände vor dem Gesicht zusammen und begrüßte die beiden auf das herzlichste. Dann nahm sie Alessandra am Arm und zerrte sie mit sanfter Gewalt in ihre Gemächer. Die Prinzessin rief ihren Schwestern noch zu: "Ich ziehe mir nur schnell die Rüstung aus, dann komme ich wieder." "Und ein Bad müßt Ihr nehmen, Herrin! Unbedingt!", fügte Emilie energisch hinzu.

"Ein Bad könnte mir auch nicht schaden, meinte Simona. "Und dem kleinen Erich auch nicht. Mal sehen, wie unsere alten Zimmer aussehen."

"Ja, los komm!" Olivia hatte nichts von ihrem Temperament verloren.

"Warte. Wo ist eigentlich Vater?"

Von einem Hofbediensteten erfuhren sie, daß ihr Vater einen Jagdausflug anführte und erst am nächsten Tag zurückerwartet wurde. Doch da nun drei seiner vier Töchter da waren, würde man einen Boten schicken und ihn sogleich zurückholen.

Simona und Olivia wollte sich gerade dem Aufgang zu ihren Gemächern zuwenden, als sie eine bekannte Stimme hörten. Unwillkürlich mußten sie grinsen, als der Sprecher so nahe heran war, daß sie ihn verstehen konnten.

"... will ich nichts hören, verstanden! Und sag diesen faulen Säcken, wenn sie wieder die Nacht durchpennen, dann mache ich sie persönlich rund. So was läuft bei mir nicht! Wer hat diese häßlichen Figuren überhaupt bei der Armee zugelassen?"

Mit einem energischen Ruck wurde die Eingangstür aufgerissen und Reimund von Walldorff, mittlerweile General der königlichen Armee, schob sich hindurch. Er knurrte seine zwei Flügeladjutanten, die hinter ihm herdackelten, noch mal an, dann wandte er sich um. Sein Blick fiel auf Simona und Olivia. Einen Moment war er verblüfft. "Sieh mal an, die Prinzesschen sind auch mal wieder da", brummte er dann, konnte sich aber ein schelmisches Grinsen nicht ganz verkneifen.

Olivias Augen blitzten auf. Simona verstand. Ihre Schwester war beim Anblick dieses Mannsbildes in Hochform gekommen und würde jetzt ein bißchen Katz' und Maus mit ihm spielen. Wie in alten Tagen. Und daß bei einem Kerl wie von Walldorff nicht unbedingt feststand, wer die Katze war, machte die ganze Sache erst richtig aufregend.

"Na, mein lieber Rittmeister", schnurrte Olivia mit verführerischer Stimme und schwebte langsam auf ihn zu. Ihre Hüften schwangen dabei aufreizend hin und her und sie warf dem Rothaarigen schmachtende Blicke zu.

"General, wenn ihr gestattet, Prinzesschen."

"Amtierende Prinzgemahlin, wenn IHR gestattet, Freundchen."

Sie stand nun ganz dicht vor von Walldorff. Ihr Parfüm stieg ihm in die Nase und seine Augen wurden langsam, aber sicher, immer größer. Olivia strich mit ihrer Hand unter dem Kinn des Generals entlang. Dieser mußte unwillkürlich schlucken.

"Ich gratuliere Euch zu eurer Beförderung, General", hauchte sie dann und schob sich noch etwas näher an ihn heran. Da wurde es von Walldorff zu viel. Er umfaßte mit seinen Händen Olivias Taille, hob sie mühelos hoch, stellte sie zur Seite und stapfe dann brummend davon. Hinter ihm brachen die beiden Frauen in jugendliches Gelächter aus.

Sie hörten noch so was wie "Verrückte Weiber!" Dann schwebten sie die Treppe empor und ließen sich ebenfalls ein Bad bereiten.


Alessandra hatte ihr Bad beendet und einen Morgenmantel angezogen. Mit einem Kamm versuchte sie nun, Ordnung in ihre frisch gewaschene und noch nasse Mähne zu bringen. Da klopfte es an die Tür.

"Herein! Oh, Simona. Du brauchst doch nicht zu klopfen."

"Schön warm hast du's hier."

Alessandra warf ihrer kleinen Schwester einen fragenden Blick zu. Immerhin war der Sommer nicht mehr fern.

"Naja, das Badewasser haben sie nicht so schnell heiß bekommen", erklärte Simona.

"Meins schon. Und ich dachte, du badest grundsätzlich nur in Eiswasser."

Simona zog es vor, darauf nicht zu antworten.

Erich Junior wachte auf und fing sofort an zu schreien. Simona setzte sich neben ihre Schwester auf das Bett und fütterte ihn. Zufrieden schmatzte der Kleine vor sich hin. Sinnierend musterte Alessandra die beiden. Wie es wohl war, Mutter zu sein? Sie hatte ja nicht mal einen Mann - Cordo, ihre große Liebe, hatte sie ja verloren. Sie seufzte.

Simona schien zu wissen, was sie gerade gedacht hatte, und streichelte zärtlich das Haar ihrer älteren Schwester. Seit sie sich nur noch so selten sahen, verstanden sie sich viel besser als früher. Fast schien es, als könne die eine manchmal die Gedanken der anderen lesen. Simona warf Alessandra ein aufmunterndes Lächeln zu.

Nachdem Simona ihren Sohn gesäugt hatte, schlief dieser schnell wieder ein. Alessandra schnappte ihn sich. Ihr Bademantel war nur mit einem Band um die Hüfte verschlossen. Dieses löste die Prinzessin nun und legte sich das Baby dann auf ihre nackte Brust. Sie schloß die Augen und fühlte den Herzschlag, die Atemzüge und die unglaublich weiche Haut dieses jungen Lebens. Seligkeit überzog ihr Gesicht. Sie bemerkte kaum, daß währenddessen auch Olivia den Kopf zur Tür hereinsteckte und dann eintrat.

Alessandra schlug die Augen wieder auf, gab Erich noch einen Kuß auf den Kopf und reichte ihn dann seiner Mutter zurück. Simona nahm ihn an sich und legte ihn dann auf ein Kissen. Dann aber wandte sie sich wieder Alessandra zu und zog den Umhang zurück, den diese sich gerade wieder übergezogen hatte. "Nanu?" Simonas Finger strichen über die Haut Alessandras, die an vielen Stellen von Schorf bedeckt war. Sie sah sie fragend an. "Das kommt von der Rüstung", antwortete Alessandra auf die unausgesprochene Frage. "Aber wenn sich erst mal überall Hornhaut gebildet hat, dann tut sie gar nicht mehr weh."

Olivia hatte sich unterdessen von einigen ihrer Kleiderschichten befreit und sich im Schneidersitz vor das Bett gehockt, auf dem ihre Schwestern saßen beziehungsweise lagen. Sie zog ihre Schuhe aus und stellte sie hinter sich. Dann streckte sie sich ausgiebig. "Das ist immer eine Tortur in diesen Kutschen. Und noch dazu bei dieser Hitze. Aber Sofrejan hat darauf bestanden." Ihre Blicke schweiften im Zimmer umher, dann aber fixierte sie ihre Schwestern. Diese spürten, daß Olivia ihnen etwas Wichtiges mitteilen wollte. Neugierig und auffordernd sahen sie sie an. Olivias Mund verzog sich zu einem immer breiteren Lächeln, während ihre Augen geheimnisvoll funkelten. Schließlich platzte Olivia heraus: "Ich werde bald Mutter!"

"Nein, so was! Herzlichen Glückwunsch, Schwester", rief Simona.

Auch Alessandra gratulierte ihr. Dann sagte sie: "Wißt Ihr. Ich bin so glücklich, daß wir drei uns jetzt so gut verstehen. Das ist bei Frauen etwas sehr Kostbares."

Eine Zeitlang herrschte danach Schweigen. Jede hing ihren eigenen Gedanken nach. Dann sagte Alessandra: "Aber jetzt laßt uns darüber sprechen, wie es uns ergangen ist und warum wir eigentlich hier sind."

*

Einige Wochen zuvor im Blauen Königreich.


Das Iglu war gerade fertig geworden. Klein-Erich, der kürzlich begonnen hatte zu krabbeln, wickelte sich mit wonnevollem Quietschen in das Schafsfell, das Simona auf dem Eisboden ausgebreitet hatte. Kopfschüttelnd holte sie ihn daraus hervor, legte das Fell wieder ordentlich auf den Boden, und gab Erich dann ein paar an Fäden zusammengebundene Pelzknäuele zum Spielen. Das faszinierte ihn so sehr, daß er für eine Zeitlang Ruhe gab.

Der große Erich war indessen draußen damit beschäftigt, einigen erlegten Wasserratten das Fell abzuziehen. Kleinkram nur, aber das dichte Winterfell dieser Tiere brachte viel Geld. Sie würden es bald gegen ihr Sommerfell vertauschen, Eile war also geboten, wollte man die Saison noch nutzen. Aus dem Rest dieser Tiere konnte man eine hervorragende Fleischsuppe machen. Zufrieden lauschte Erich dem Juchzen und Quietschen seines Sohnes. Er wünschte sich noch viel mehr davon, aber da Simona es nicht so eilig hatte, ließ er ihr Zeit. Im Grunde waren sie sich einig.

Einer seiner Männer kam aus dem Wald zurück. Zu Fuß, denn für die Pferde war es hier zu glatt. Tagsüber taute die Aprilsonne oft die Eisschicht auf den Wegen an, dann wurden sie zu Rutschbahnen. Auf seinem breiten Rücken trug der Mann ein Wildschwein. Es lebte noch und strampelte heftig mit den gefesselten Beinen. Es würde als lebender Proviant dienen.

"Sehr gut! In den Verschlag da!", wies Erich den Mann an. Extra für solche Fälle hatte jede Ansiedlung ein Gatter, in dem Hühner, Schweine und andere Nutztiere untergebracht wurden, bis man sie verspeiste.

Erich sah nach oben. Die Sonne war kurz vor dem Untergehen. Er fluchte. Die Tage waren immer viel zu kurz, man kam kaum mit der Arbeit durch. Naja, jetzt erst mal was Gutes zu Essen, vielleicht konnte er ja heute nacht noch ein paar Fallen kontrollieren.

In dem Iglu-Dorf lebten zur Zeit vier Familien. Gestern erst war Erich mit Frau und Kind angekommen. Man hatte ihm als König eines der schon fertigen Iglus angeboten, aber sie hatten nur dort übernachtet, zusammen mit der anderen Familie, was zwar ziemlich eng, aber auch recht gemütlich war, und hatten dann alle zusammen am nächsten Tag noch eines dazu gebaut.

Nachdem es endgültig dunkel geworden war, kroch Erich durch die Röhre ins Innere des Schneehauses. Auf einem Stein hatte Simona ein Feuer entzündet, der Rauch konnte oben durch eine verschließbare Lederklappe abziehen. Über dem Feuer brieten saftige Fleischstücke, aber auch Gemüse, was in dieser Gegend eine Rarität war, im Gegensatz zum Fleisch. Denn Tiere gab es reichlich in den Blauen Wäldern, auch wenn die Jäger sich oft fragten, wovon sie alle lebten während der endlosen Winter. Vielleicht lag es aber auch nur daran, daß es hier nur sehr wenige Menschen gab.

Simona stillte den kleinen Erich, während sein Vater sich bereits laut schmatzend über den Braten hermachte. Dann griff auch die Königin herzhaft zu. Erich Junior war ein lebhaftes Baby und machte seiner Mutter viel Arbeit. Und doch war sie nie so glücklich und zufrieden gewesen. Das Leben im Einklang mit der Natur ließ sie aufblühen.

Nach dem Essen saßen der König und seine Königin eine Zeitlang schweigend einander gegenüber. Manchmal brabbelte das Baby im Halbschlaf. Erich lächelte sein Wölfchen zärtlich an und sie erwiderte es. Gerade wollte er etwas sagen, als plötzlich Simonas Gepardenring an ihrem Finger zu leuchten anfing. Simona zuckte zusammen, dann spreizte sie die Finger. Sie hatte Erich von dem Geheimnis erzählt, aber nun sah er es zum ersten Mal mit eigenen Augen. Und er staunte nicht schlecht, als der Ring sich entrollte, und die winzige, aber in allen Details perfekte Raubkatze auf den Boden sprang, immer noch von innen heraus geheimnisvoll schimmernd.

"Königin Simona. Du mußt auf dem schnellsten Wege ins Weiße Schloß kommen."

Dann wurde das Leuchten wieder schwächer. Mit einem kräftigen Satz hüpfte die Metallkatze auf Simonas Hand zurück und rollte sich wieder um ihren Ringfinger. Sprachlos sahen sich Erich und Simona an. Schließlich brummte der Bärentöter: "Was hat das zu bedeuten? Konnte dieses Viech sich nicht deutlicher ausdrücken?" Man sah ihm an, daß ihm die ganze Sache ziemlich unheimlich vorkam.

"Ich finde, das war mehr als deutlich. Morgen breche ich auf!" Sie sagte das so bestimmt, daß Erich nicht widersprach.

"Ich fürchte", sagte er stattdessen, "daß ich dich nicht begleiten kann. Die Arbeit, du weißt ..."

Simona nickte nur. "Aber den Kleinen nehme ich mit."

"Was! Auf diese lange Reise. Er kann doch hier bei Petrona bleiben, äh ..."

"Hast du Angst, ich könnte nicht auf mich und ihn aufpassen?" fragte sie schnippisch.

Erich brummte nur. Wenn sich sein Wölfchen etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann war es besser, man ließ ihr den Willen.

"Ich schau dann noch mal nach den Fallen." Umständlich erhob er sich, drehte sich um, ließ sich wieder herunter, weil er sonst nicht durch die Röhre gekommen wäre, robbte hinaus, fluchte, kehrte um, holte sich eine Fackel, kroch wieder ins Freie und stapfte dann in den verschneiten Wald.

Der Schnee schimmerte in der eisigen Kälte der Nacht tief dunkelblau, und der Mond gab soviel Licht, daß man seinen Weg fand. Erich hatte die Gegend schon öfters besucht und kannte sich gut aus. Gut genug jedenfalls, um nicht in seine eigenen Fallen zu stolpern.

Der Wald war still. Irgendwie fand Erich, daß etwas nicht stimmte. Es war zu still für eine Frühlingsnacht. Erich kam an der alten Eiche vorbei, die er bei sich immer Uropa nannte. Niemand wußte, wie alt sie war. Schon sein Urgroßvater, den er als kleines Kind noch kennengelernt hatte, hatte von dieser Eiche erzählt, und damals war sie schon uralt gewesen. Sie war mindestens drei Meter dick und überragte alle anderen Bäume in der Umgebung bei weitem. Nachdenklich betrachtete Erich den Widerschein seiner Fackel auf der dünnen Eisschicht, die die Wurzeln des Baumes überzog. Ein plötzliches Knarren ließ ihn zusammenzucken. Unwillkürlich stieß er einen Fluch aus und tastete nach seinem Schwert. Aber er hatte nur sein großes Jagdmesser dabei. Immerhin, in der Hand eines Mannes wie dem Bärentöter eine absolut tödliche Waffe.

Wieder knarrte es. Erichs Sinne waren bis zum äußersten gespannt. Das unheimliche Geräusch kam direkt von der Eiche!

Und dann öffnete sich der Baum! Erich fielen fast die Augen aus dem Kopf. Es war wie eine Art Tür, die aufschwang. Im Inneren war es finster, doch dann trat ein Wesen aus dem Baum hervor, das man sich grauenvoller kaum vorstellen konnte. Es war ein Skelett, aus dessen Augen Hörner wuchsen. Überzogen war das ganze Ding mit einer pergamentartigen, gelblichen Haut, die bei jeder Bewegung leise knisterte. Der Dämon sah sich um, dann tappte er unbeholfen auf Erich zu und röchelte: "Lu .... wo ... ist ... Luna... l ..." Dann brach er zusammen und zerfiel vor Erichs Augen zu Staub.

Erich wußte nicht, wie lange er einfach nur dagestanden hatte. Irgendwann aber ließ ihn die beißende Kälte der Nacht wieder zu Bewußtsein kommen. Er schüttelte den Kopf und blickte auf den Haufen Staub und Knochen vor seinen Füßen. Ein Traum war das nicht gewesen, ganz und gar nicht. Mit einem kräftigen Fluch machte er sich wieder Mut, nahm das Messer fest in die Faust und ging dann vorsichtig, aber zu allem entschlossen auf die Eiche zu.

Obwohl er den Baum lange untersuchte und sogar ein tiefes Loch in ihn hineinschnitzte, fand er weder eine Tür, noch irgendeinen Hohlraum. Es blieb völlig rätselhaft, wo dieser Dämon hergekommen war.

Als der Bärentöter spät in der Nacht in das Igludorf zurückkehrte, schlief Simona schon, Klein-Erich auf ihrer Brust.

Erich beschloß, seiner Frau nichts von seinem unheimlichen Erlebnis zu berichte. Sie erfuhr es erst viel später.

Am anderen Tag hingen die Wolken tief. In der Nacht hatte es ein bißchen geschneit. Trotzdem ließ sich Simona nicht davon abbringen, gleich nach dem Frühstück aufzubrechen. Sie hatte ihr Pferd mit Vorräten vollgepackt und auch reichlich Geld dabei. Als Königin hatte sie ohnehin soviel, wie sie wollte, zur Verfügung. Klein-Erich war warm verpackt. Simona transportierte ihn in einer Umhängetasche, die sie über der Brust oder auf dem Rücken befestigen konnte.

Der Abschied von ihrem Mann und den übrigen Blauen Leuten war herzlich. Schließlich machte sie sich los und sagte: "Aber ich komme ja wieder. In ein paar Wochen bin ich wieder zurück. Alles Gute bis dahin."

Und dann bestieg sie ihren Schimmel und verschwand bald in der Ferne.

Später am Tag kam doch noch die Sonne hervor. Erich kehrte zu der alten Eiche zurück. Die Knochen des Dämons waren unter den Neuschnee begraben worden, aber Erich fand sie sofort. Auch jetzt, bei Tage, konnte er in dem Baum keine Tür oder Öffnung finden. Irgendwann ließ er es bleiben und kümmerte sich wieder um seine Fallen.


Simona kam nur langsam voran, weil sie wegen des Eises auf den Wegen oft nicht reiten durfte, sondern neben dem Pferd herlaufen mußte. Der Weg war steil, und ständig rutschte sie irgendwo aus, was sie jedesmal mit einem kräftigen, nicht sehr damenhaften Fluch quittierte, aber es war ja keiner in der Nähe, der sie hätte hören können. Auch ihr Pferd hatte Schwierigkeiten, schaffte es aber dank seiner vier Beine doch erheblich besser als die Blaue Königin.

Irgendwann näherte sie sich einem Hindernis auf dem Weg. Weil es zugeschneit war, konnte sie zunächst nicht erkennen, was es war. Als sie näher herankam, wurde ihr Pferd unruhig. Simona ließ es zurück und untersuchte das, was sich unter dem Schnee verbarg, näher. Vorsichtig wischte sie etwas Schnee beiseite. Darunter kam dichtes, weißliches Fell zum Vorschein. Simona erschrak, dann aber setzte sie ihre Arbeit tapfer fort.

Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt, als sich nach und nach aus dem Schnee herausschälte, was da vor ihr lag: Es waren die zerfetzten Überreste eines Schneebären. Einige Körperteile ließen sich überhaupt nicht mehr auffinden, der Rest war wie durch einen Fleischwolf gedreht. Simona hatte so etwas noch nie gesehen und fragte sich, wer ein so starkes Tier wie diesen erwachsenen Bären so zurichten konnte. Kein bekanntes Lebewesen war dazu in der Lage, auch ein anderer Bär nicht, abgesehen davon, daß sie einander sowieso aus dem Weg gingen und so gut wie nie kämpften. Einer der großen Raubsaurier hätte das wohl vermocht, aber Simona war sich nicht sicher, ob die überhaupt in Wirklichkeit existierten. Und wenn, dann niemals hier im Eisland.

Die Blaue Königin hoffte, daß sie es nie erfahren mußte, denn gegen so einen Gegner hätte sie natürlich keine Chance gehabt. Sie überlegte, ob sie umkehren sollte, entschied sich aber dann dagegen. Sie atmete tief durch, dann führte sie ihr Pferd energisch an dem gefrorenen Kadaver vorbei und setzte ihre Reise fort.

Der Weg ins Weiße Schloß dauerte fast drei Wochen, verlief aber abgesehen von der unheimlichen Begegnung ruhig. Es machte sich auch schon weit vor der Weißen Grenze bemerkbar, daß der Krieg aus war: Es war viel sicherer geworden, die Schlachtenbummler und Plünderer waren wieder untergetaucht. Simona fragte sich, wo sie bei einem Krieg immer herkamen, und wohin sie danach wieder verschwanden.

Nachdem sie das Blaue Land hinter sich gelassen und Botha-Land erreicht hatte, wurde es wärmer. Der Weg war eisfrei, und Simona konnte den Rest reiten. Und dann kam endlich das leuchtende Weiße Schloß in Sicht, wo sie ihre Schwestern traf.

*

Olivia


Sofrejan lief unruhig im Thronsaal auf und ab. Außer ihm und seiner Frau waren noch einige Lakaien anwesend, außerdem Akrol, Chef der Palastgarde und zwei Zauberinnen. Diese waren intensiv damit beschäftigt, Knochen und Steine auf den Boden zu werfen und mystische Worte zu murmeln, angeblich uralte Zaubersprüche.

Voller Mißtrauen und Ungeduld musterte Sofrejan sie bei ihrer undurchschaubaren Tätigkeit. Der Prinz war überzeugt davon, daß das alles reiner Humbug war.

Olivia trat an seine Seite und blickte ihn mit großen Augen an: "Was hast du nur, mein Gemahl?"

"Ich mache mir große Sorgen wegen der Imperatrice. Irgend etwas geht vor. Ich fühle es."

"Warum läßt du nicht den Palast durchsuchen?"

"Das habe ich schon früher tun lassen. Aber zu viele meiner Leute sind nicht mehr zurückgekehrt. Oder jedenfalls nicht mehr in einem Stück." Schaudernd dachte er an den Kopf eines Lakaien, den ihm seine Mutter einmal präsentiert hatte. Damals vor zwei Jahren, als alles angefangen hatte. Nun hatte man schon seit über einem Jahr von der alten Imperatrice nichts mehr gesehen oder gehört, und jeder fragte sich, worüber sich der Erbe des Reiches eigentlich Sorgen machte. Sofrejan wußte es selbst nicht. Aber er fühlte, daß sich irgend etwas zusammenbraute.

"Majestät", sagte Akrol halblaut, "wir wissen nicht mal, ob Eure Mutter noch lebt. Sie ..."

"Schweig'! Sie lebt noch. Ich weiß es. Und ich muß sie finden." Er wandte sich an die Hexen: "Na, was ist jetzt! Redet endlich!" Fast hätte er noch ein paar ziemlich unhöfliche Worte hinterhergeschickt, beherrschte sich aber.

Eine der beiden Frauen sah auf. Sie hatte ein undefinierbares Alter und irre funkelnde Augen: "Majestät", flüsterte sie mit heiserer Stimme, "die heiligen Steine sagen, daß Eure Mutter noch lebt und Böses bereitet."

Sofrejan warf Akrol einen triumphierenden Blick zu, dann wandte er sich wieder an die Hexe. Es war eine von denen, die damals den Zwischenfall in der Gruft, bei der seine Mutter ihr rechtes Auge verloren hatte, überlebt hatte. Narben entstellten ihr Gesicht. Aber sie kannte die Imperatrice gut.

"Weiter!", forderte Sofrejan sie auf, doch er erfuhr nichts mehr. Alles, was die Hexen noch sagten, war völlig wertlos.

Irgendwann, es war schon tief in der Nacht, gab er es schließlich auf. Mürrisch stapfte er zu seinem Gemach. Olivia schwebte anmutig wie immer hinter ihm her.

Der Imperator ließ sich in sein Bett fallen und starrte die reich bemalte Decke an. Seine Frau setzte sich neben ihn auf die Bettkante und zog ihm die Stiefel aus. Sofrejan bemerkte es kaum. Doch als Olivia plötzlich zusammenzuckte, schreckte auch er aus seinen brütenden Gedanken hoch. Mit einem metallischen 'Pling' fiel etwas von Olivias Hand auf den Boden. Sofrejan sah genauer hin und war sprachlos, als er einen winzigen, leuchtenden Panther auf dem Boden umherspringen sah. Es war zweifellos Olivias Ring. Der, den er selbst ihr damals geschenkt hatte. Sie hatte ihrem Gemahl von dessen Zauberkräften erzählt, nur hatte er es nie so recht glauben wollen.

Der winzige Panther blieb schließlich stehen, sah Olivia an und piepste dann: "Königin. Du mußt auf dem schnellsten Wege ins Weiße Schloß kommen. Wichtige Dinge erwarten dich dort."

Mit einem gewaltigen Satz kehrte der Ring daraufhin an den Finger seiner Besitzerin zurück.

Olivia wandte sich Sofrejan zu und wollte etwas sagen, doch dieser kam ihr zuvor: "Geh nur, meine Liebe. Ich denke, wenn meine Mutter immer noch hier herumspukt, dann bist du dort sowieso sicherer."

"Dann willst du also nicht mitkommen?"

"Nein. Ich werde hier gebraucht."

"Dann reite ich sofort morgen los."

"Nein, nimm wenigstens eine Kutsche mit Eskorte. Schließlich bist du die amtierende Sonnenkönigin. Das sind wir unserem Ruf schuldig!"


Am nächsten Morgen setzte die Prinzgemahlin noch vor Sonnenaufgang über den See.

Am Landesteg des Osthafens herrschte beträchtliche Aufregung. Ein größerer Menschenauflauf drängte sich um etwas herum, was Olivia aber von ihrer Position aus nicht sehen konnte. Die Wachen bahnten ihr einen Weg, als sie sie erkannten, und dann sah die Königin, was die Aufregung verursacht hatte. Was es war, konnte sie nicht sagen, es sah nichts ähnlich, was sie je gesehen hatte. Direkt am Ufer, noch halb vom Wasser umspült, lag es. Es waren irgendwelche undefinierbaren Überreste von etwas Großem, unbekannten.

"Ein Seeungeheuer!", rief jemand.

Olivia fand, daß das sehr wohl zutreffen könnte. Aber da es tot und schon halb zerfallen war, war es wohl nicht mehr gefährlich. Sie wies die Soldaten an, die Überreste zu bergen, damit man sie genauer untersuchen konnte. Außerdem wurden Wachen eingeteilt, die den See Tag und Nacht beobachten sollten. Vielleicht kamen ja noch mehr dieser Dinger aus der Tiefe hervor.

"Königin!", rief einer der Fischer. Er hatte sich durch die Reihen gedrängt und kniete nun vor Olivia nieder. "Helft uns, Hoheit. Viele haben Angst, auf den See zum Fischen zu fahren."

"Dann soll die königliche Flotte ebenfalls auslaufen und die Fischer beschützen, sollten sie von noch so einem Ding angegriffen werden. Ich denke, mehr können wir nicht tun, solange wir nichts Genaueres wissen."

"Habt tausend Dank, Majestät."

Nachdem das geregelt war, bestieg die Prinzgemahlin ihre Kutsche und fuhr los. Die Reise verlief ohne Zwischenfälle, aber Olivia fragte sich, ob dieses Ungeheuer etwas mit der Imperatrice zu tun haben könnte.

*

Alessandra


Als der Morgen graute, erwachte die Prinzessin frisch und ausgeschlafen. Sehr zum Mißvergnügen ihres Vaters hatte sie für heute Kampftraining angesetzt. Sie freute sich schon darauf, mit ihrem Lehrer die Klinge zu kreuzen. Später würden sie auch Bogenschießen und Krafttraining absolvieren. Ihre Leistungen waren für eine Frau außergewöhnlich, sie war sogar vielen Männern in der Ausbildungsgruppe überlegen. Dabei sah man ihr diese Fähigkeiten nicht an: ihr Körper war schlank und graziös, und trotz ihrer Kraft bewegte sie sich mit vollendeter Anmut. Als sie sich aufrichtete, fiel ihr Blick auf einen Zettel, der neben ihrem Bett auf dem Boden lag. In einer fließenden Bewegung bückte sie sich und hob ihn auf. Mit krakeliger Schrift stand darauf etwas geschrieben, was sie in höchste Unruhe versetzte:


Liebe Alessandra.

Du kennst mich nicht. Ich bin Tom. Ich bin ein Freund von Olivia. Sie hat mir meinen Namen gegeben, als ich sie gerettet habe. Elysiss ist in großer Not. Nur du kannst ihr helfen. Sie hat sich im Sandland versteckt vor der Schwarzen Hexe. Hilf ihr.

Tom


Tom! Alessandra erinnerte sich, daß Olivia mal in Schwierigkeiten gewesen war. In sehr großen Schwierigkeiten. Es hatte nie jemand genau erfahren, was sich damals eigentlich zugetragen hatte, aber es mußte so sein, daß dieser Tom ihr geholfen hatte, auch wenn Olivia den Namen nie erwähnt hatte. Alessandra war sich ganz sicher. Und dann dieses Wort 'Sandland'. Kein normaler Mensch verwendete es, doch Alessandra wußte, was damit gemeint war. Es war das unerschlossene Gebiet im Süden und Westen, das man normalerweise "Südliches Ödland" nannte, eingeschlossen im Norden vom kühlen Reich Karls, im Osten vom Schwarzen und vom Weißen Königreich und im Westen von der Wüste Algora. Einen Teil dieses riesigen, herrenlosen Territoriums hatte Herzog Rolfes sich damals einfach genommen und sein Herzogtum darauf gegründet. Im Grunde genommen konnte es selbst heute noch jedermann ihm gleichtun, denn niemand beanspruchte dieses riesige Gebiet.

Genauer gesagt, niemand konnte es beanspruchen. Es gab noch lange nicht wieder genug Menschen, um dieses unfruchtbare Land besiedeln zu müssen.

Viel war über die Katastrophe von damals nicht mehr bekannt, aber die Märchen über Tartanos kannte jedes Kind. So lange war es noch gar nicht her, vielleicht 300 oder 400 Jahre, da lebte ein Mensch namens Tartanos. Was genau damals geschah, wußte heute niemand mehr, aber als Tartanos verschwand oder starb, da lebte im Umkreis von tausenden von Kilometern so gut wie niemand mehr. Nach und nach waren dann wieder Menschen zugewandert und hatten die Reiche gegründet, die es heute gab. Was davor gewesen war, davon waren so gut wie keine Erinnerungen oder gar Aufzeichnungen geblieben.

Alessandras Gedanken kehrten zum Südlichen Ödland zurück.

Jeder, der wollte, konnte es in Besitz nehmen. Das Problem war nur, daß das Überleben dort schwierig war. Die Böden waren unfruchtbar, großenteils bestanden sie aus rotem oder gelben Sand. Es gab auch Stellen mit fast weißem Sand oder Felsen, sonst aber nicht viel Abwechslung. Das Wetter war launisch, und so manche bescheidene Ernte war entweder von Stürmen vernichtet worden oder verdorrt. Auch größere Tiere gab es dort, im Gegensatz zu den Gebieten im Norden und Osten, nur wenige, dafür um so mehr Kaninchen und Erdhörnchen, die ganze Landstriche umgruben. Es war schon ein Wunder, daß wenigstens die Herzöglichen dort ihr Auskommen fanden, aber die waren auch bekannt für ihre Zähigkeit und Anspruchslosigkeit. Einem zivilisierten Menschen hatte diese Ödnis jedenfalls nichts zu bieten.

Aber sie war andererseits ein beliebter Zufluchtsort für Verbrecher, Flüchtlinge und Verfolgte, die dort oft den kurzen Rest ihres Lebens fristeten. Und nun hatte offenbar auch die Schutzherrin den Weißen Königreiches dorthin fliehen müssen. Alessandra fragte sich, welche Macht wohl stark genug war, Mistress Elysiss zu bedrohen. Der Schwarze König hätte es sicher vermocht, aber das hielt die Prinzessin für ausgeschlossen. Alessandra dachte weiter nach: Wenn es für die mächtige Zauberin schon so gefährlich war, wie konnte gerade sie ihr dann überhaupt helfen? Trotzdem stand ihr Entschluß fest: Sie würde in die Ödnis reiten und Elysiss suchen.

Gedankenverloren stocherte Alessandra etwas später in ihrem Frühstück herum. Es fiel ihr ein, daß das für die nächsten Wochen oder Monate wahrscheinlich ihr letztes warmes Frühstück sein würde.

König Harro kam hinzu und nahm an der Tafel Platz. Natürlich bemerkte er die Stimmung seiner Tochter sofort und fragte sie, was das zu bedeuten habe. Alessandra erzählte ihm von der Nachricht. Danach war der König sehr nachdenklich. Schließlich schickte er die Lakaien hinaus und blickte Alessandra tief in die Augen. "Jetzt wird mir so manches klar", sagte er mit leiser, eindringlicher Stimme. "Es war in den finsteren Zeiten nach diesem fürchterlichen Turnier, als Krieg und Verderben über uns hereinzubrechen drohten. Du warst fort, hattest Ornella zum Schwarzen König gebracht, Simona war mit diesem Wilddieb getürmt, ich mußte in den Krieg, und da kam eines Tages Olivia und sagte zu mir, sie hätte dich und Ornella in der Nacht, in der ihr eure Flucht plantet, belauscht, euch aber nicht zurückgehalten. Ich wurde daraufhin so wütend, daß ich sie ..." seine Stimme sank zu einem Flüstern herab, "daß ich sie in den finstersten Kerker werfen ließ. Später bereute ich es, aber da war sie verschwunden. Nur der Boden der Zelle war voller Blut."

Alessandra sah ihren Vater erschüttert an. Dieser fuhr fort: "Wir waren sicher, daß sie tot sei, obwohl wir keine Leiche fanden. Ich war so verzweifelt, daß ich ... Doch dann tauchte sie eines Tages wieder auf. Es war wie ein Wunder. Sie sagte, ein Freund habe sie gerettet, ein seltsames Wesen, daß unter dem Schloß in den Katakomben lebt. Es muß derselbe Tom sein, der dir diese Nachricht geschrieben hat."

Alessandra und der Weiße König hingen eine Zeitlang ihren Gedanken nach. Dann gab sich die Prinzessin einen Ruck und sagte entschlossen: "Ich reite noch heute los. Ich muß Elysiss finden."

"Weißt du", meinte Harro, "sie ist schon seit fast zwei Jahren nicht mehr bei uns gewesen. Wenn sie sich die ganze Zeit versteckt halten mußte, muß sie wirklich in großer Gefahr sein. Dieser Tom hat gewiß die Wahrheit gesprochen ... geschrieben. Ich frage mich nur, wer diese Schwarze Hexe ist. Ich werde unsere Hofmagier befragen. Warte noch so lange, bis sie gesprochen haben."

Alessandra nickte. Dann stand sie auf und lief in den Stall. Dort suchte sie sich ein Pferd, das die kommenden Strapazen ertragen konnte.

Seit sie ein Kind gewesen war, kannte sie jedes Pferd im königlichen Gestüt. Bei vielen Geburten war sie dabei gewesen, auch wenn ihr Vater, ihre Schwestern und die Hofdamen immer der Ansicht gewesen waren, daß sich das für eine Prinzessin nicht schickte. Alessandra wußte also um die Stärken und Schwächen eines jeden Pferdes, und für sie kam nur eines in Frage: Phobos, der jüngere Bruder von Schwalbe. Er war ein großer, unglaublich ausdauernder Vollbluthengst und, was Alessandra besonders schätzte: er hatte großen Mut und war nicht so schreckhaft wie die meisten anderen Pferde.

Die Prinzessin befahl dem Stallburschen, Phobos bereit zu machen, dann kehrte sie in den Palast zurück, um ihre Sachen zu packen. Sie ließ auch ihre Rüstung hervorholen und polieren, und ihr Schwert und die Messer schärfen.

Später begab sie sich in die Kellergewölbe, wo die königlichen Hofzauberer dabei waren, mit ihrer Magie die Fragen König Harros zu beantworten. Rauch und nach Schwefel stinkender Nebel hüllte Wände und Boden ein, und aus den Kesseln blubberte es unheimlich. Die Zauberer taten sehr geheimnisvoll und murmelten magische Sprüche in einer uralten Sprache. An eine Säule gelehnt stand der Weiße König und beobachtete das Treiben ungeduldig.

"Na, was ist nun?"

"Geduld, Herr. Die magischen Kugeln - ihr wißt schon." Der Magier kicherte nervös. Stunden vergingen. Heraus kam dabei nichts. Irgendwann verloren Alessandra und ihr Vater die Geduld. Enttäuscht verließen sie die Gewölbe wieder. "Das sind keine Zauberer, sondern Clowns", grollte der König. "Ich werde sie hinauswerfen lassen."

"Das macht jetzt auch nichts mehr. Ich werde unsere Elysiss auch so finden. Leb' wohl, Vater."

"Alles Gute und den Segen der Götter für dich, meine Tochter."

Und so ritt Alessandra davon.


Nach einer Woche befand sie sich bereits tief im Ödland. Hier wuchsen hauptsächlich kleine Kiefern, einige dürre Birken und anspruchslose Büsche. Ansonsten war das Land überzogen von Heidekraut, Gras, Sand und Felsen. Es sah genauso aus, wie die Prinzessin es sich immer vorgestellt hatte.

Es war für Alessandra und Phobos schwierig Wasser zu finden, da dieses im Sand sofort versickerte und daher fast keine Bäche oder gar Seen existierten. Auch Höhlen, die dem Reisenden Schutz vor den bitterkalten Nächten geboten hätten, gab es keine. Nur das endlos weite, meist offene Land mit den eingestreuten Waldinseln. Irgendwann war die Prinzessin durch ein ausgetrocknetes Flußbett geritten. Sie hatte sich gewundert, daß es hier überhaupt so etwas gab. An den Uferböschungen war die Vegetation sogar deutlich dichter als weiter draußen. Anscheinend floß hier sehr wohl ab und zu Wasser, ziemlich viel sogar. Jetzt allerdings war davon weit und breit nichts zu sehen.

Einmal kam Alessandra an einem verlassenen Haus vorbei. Sie untersuchte es, aber dort wohnte seit vielen Jahren niemand mehr.

Und so viel sie auch suchte, sie fand keine Spur von Elysiss. Sie traf auch keinen, den sie hätte fragen können. Das Land war trostlos und vollkommen verlassen. Schließlich beschloß Alessandra, weiter nach Westen zu reiten, bis zur Oase Coor. Das Schwarze Gebirge immer im Rücken ritt sie der untergehenden Sonne nach.

Eines Abends, sie war schon lange geritten, sah sie sich nach einem Rastplatz um. Die Vegetation war immer spärlicher geworden, der Boden staubtrocken und kaum noch fruchtbar. Hier wuchs nur noch anspruchslosestes Unkraut. Die Nähe der Wüste Algora machte sich bereits bemerkbar. Da sah Alessandra in der Ferne am südwestlichen Horizont eine große Felsformation, die von einem dichten Grüngürtel umstanden war. Offenbar gab es dort eine Quelle. Aber es war noch ein weiter Weg bis dorthin. Alessandra trieb Phobos an, und dieser folgte willig und verfiel in einen lockeren Galopp. Die Prinzessin wußte, daß er diesen stundenlang beibehalten konnte ohne zu ermüden.

Die Sonne ging unter und ließ den Dreiviertelmond, der hoch am nächtlichen Himmel stand, in hellem Glanz erstrahlen. Er tauchte die Steppe in ein eigenartiges Licht, nicht hell und nicht dunkel. Kleine Tiere huschten über den Boden, wenn sie die Reiterin herankommen hörten. Alessandra wurde schläfrig und achtete kaum noch auf die Umgebung, doch dann riß sie ein seltsames Leuchten aus ihrem Halbschlaf. Sie hob den Kopf und sah, daß die Felsengruppe, auf die sie zuritt, irgendwie strahlte. Ein unheimliches, kaltes Glühen ergoß sich aus ihr in den Himmel. Fasziniert beobachtete die Prinzessin, daß das schimmernde rötliche Licht immer greller wurde. Es zielte genau auf den Mond. Wie ein Magnet schien dieser das Licht aufzusaugen, während die Felsen immer heller erstrahlten, wobei ihre Konturen gleichzeitig immer mehr verschwammen.

Ein eisiger Wind trieb über die Ebene und ließ Alessandra frösteln. Und dann ertönte das Brüllen. Es war der Urschrei eines urweltlichen Ungeheuers, dessen war die Prinzessin sicher, obwohl sie nichts davon sehen konnte. Einen Moment später jedoch schoß ein schwarzer Schatten aus der Mitte der Felsen in die Luft, breitete dort seine Schwingen aus und flog mit hoher Geschwindigkeit genau auf Alessandra zu. Phobos behielt die Nerven, und Alessandra zückte ihr Schwert. Umsonst allerdings, denn der Drache schoß zehn Meter über ihrem Kopf hinweg. Mit einem durchdringenden Pfeifen jagte er mit einer unglaublichen Geschwindigkeit über die einsame Reiterin hinweg ins Ödland hinein. Lange noch sah Alessandra ihm mit pochendem Herzen nach, bis der unheimliche Ton verklungen, der Schatten von der fahlen Nacht verschluckt worden war. Damals ahnte sie noch nicht, daß ihre Schwestern ähnliche, unheimliche Erlebnisse haben würden. So ritt sie weiter auf die Felsen zu, die nun nicht mehr strahlten, sondern sich gegen den vom Mondlicht erhellten Himmel nur noch als schwarze Schatten abhoben.

Die Felsgruppe erwies sich als ziemlich weitläufig. Als Alessandra näherkam, sah sie ein schwaches, rötliches Licht aus einer Höhle. Offenbar brannte dort ein Feuer. Im ersten Augenblick wollte sie voller Freude darauf zureiten, doch dann gewann ihre Vorsicht die Oberhand. Womöglich lebten hier doch noch Räuber. Und außerdem war der Dämon hier irgendwo aufgestiegen. Vielleicht gab es noch mehr von seiner Sorte hier.

Alessandra ritt leise ein Stück näher heran, dann stieg sie ab und ging zu Fuß die letzten Meter. Ziemlich abrupt wuchsen vor ihr die ersten Felsen aus dem grauen Sandboden. Leise kletterte sie darüber hinweg und dann weiter in die Höhe, wo sich der Eingang der Höhle befand. Ihre Rüstung klirrte leise und sie mußte ziemlich athletische Bewegungen vollführen, um darin die recht steile Felswand hochzukommen. Doch dann zog sie sich am letzten Sims hoch und blickte in den Eingang.

Alessandra hörte Stimmen, die rauhen, schweren Stimmen mehrerer stockbesoffener Männer. Womöglich hatten diese Burschen von dem Drachen gar nichts mitbekommen. Der Duft gebratenen Fleisches stieg der Prinzessin in die Nase und das Wasser lief ihr im Munde zusammen. Wie lange hatte sie keinen saftigen Braten mehr gegessen? Doch sie war immer noch vorsichtig. Als Frau unter lauter Kerlen - das konnte ins Auge gehen. Leise schob sie sich weiter in den Eingang der Höhle hinein. Sie wollte erst mal sehen, was darin los war. Die Stimmen wurden deutlicher, und schließlich konnte Alessandra die ersten Worte verstehen.

"... bringen wir ihn nicht einfach um?", lallte eine schwere Stimme.

"Quaaatsch. Der kann uns noch eine Menge Geld bringen. Immer hin ist er König oder Fürst oder so was."

"Fürst, ha ha." Einer der Burschen brach in lallendes Gelächter aus, bis ihn ein Fußtritt des Räuberhauptmannes wieder zum Schweigen brachte.

"Ich sa ... sage, er bringt uns nur 'ne Menge Ärger. Schlitzen wir ihm einfach die Kehle durch und werfen ihn raus. Die Geier werden sich freuen." Als Antwort erscholl ein dreckiges Lachen.

Offenbar hatten die Banditen jemanden gefangen und beratschlagten nun, was sie mit ihm machen sollten. Für die Prinzessin war es Ehrensache, dem Gefangenen zu helfen, doch das wollte bei der zahlenmäßigen Überlegenheit der Banditen gut überlegt sein.

Irgendwo mußten sie doch ihre Pferde haben. Hier oben bestimmt nicht. Also unten. Es würde gut sein, sie in die Steppe zu jagen, damit die Räuber ihr nicht mehr folgen konnten, falls sie schnell verschwinden mußte. Alessandra schickte sich an, wieder hinunterzuklettern, als hinter ihr jemand sagte: "Nun sieh mal an, wen wir da haben!"

Alessandra erschrak fast zu Tode. Natürlich. Die Räuber hatten ihre Pferde bewachen lassen, und die Wache hatte sie heraufsteigen sehen. Da kam ihr eine Idee. Langsam drehte sie sich um und zog den Helm vom Kopf. Ihr langes Haar wallte herab über ihre Rüstung, und dem Banditen verschlug es die Sprache. Alessandra warf auch ihre Kettenhandschuhe weg und ging dann langsam und mit verführerischen Bewegungen auf den Räuber zu. Die anderen in der Höhle hatten nichts gemerkt, und der hier hatte seine Sprache noch nicht wiedergefunden. Dem Mann quollen fast die Augen heraus. Alessandra ging ganz dicht an den Burschen heran, obwohl sie sich dazu überwinden mußte, denn er stank und war auch sonst alles andere als eine angenehme Erscheinung. Sie warf ihm ein verführerisches Lächeln zu und strich mit ihrer Hand über seinen struppigen Bart. Der Bandit gab ein Glucksen von sich, und Alessandra zischte: "Psst. Die da drin brauchen es doch nicht zu wissen. Oder?"

Augen und Mund des Räubers waren weit aufgerissen. Sie schienen die schöne Prinzessin geradezu verschlingen zu wollen. Alessandra schmiegte sich noch näher an ihn und schob ihr Bein an seiner Flanke hoch. Der Räuber röchelte vor Erregung. Es war das letzte, was er in diesem Leben tat. Alessandra zog das Messer, das in ihrem Stiefelschaft steckte, und tötete den Räuber so schnell und geschickt, daß er nicht mehr zu einem Schrei kam. Lautlos stürzte er die Klippen hinunter.

Alessandra setzte sich erst mal hin und atmete tief durch. Ihre Hände zitterten. Dabei hatte sie schon einige Schlachten geschlagen und auch schon so manchen Feind getötet. Langsam beruhigte sie sich wieder. Dann stieg sie die Felsen hinab und suchte die Pferde. Sie fand sie in einer Schlucht, die nur durch einen schmalen Weg zu erreichen war. In der Schlucht aber gab es wirklich einen kleinen See, an dessen Ufer die Pferde angebunden waren. Als sie Alessandra sich nähern hörten, erwachten sie. Die Prinzessin band sie los und führte sie dann so leise wie möglich hinaus in die Steppe. Dort jagte sie sie dann weg. Weit würden sie sich natürlich nicht entfernen, aber immerhin so weit, daß die Räuber sie sie nicht sofort fanden.

Jetzt ging es gegen den Rest der Bande. Alessandra band Phobos, nachdem sie ihm Wasser gegeben hatte, vor dem Aufstieg zur Höhle fest, dann kletterte sie erneut hinauf. Es war inzwischen sehr spät geworden. Alessandra stellte fest, daß ihre Aufgabe inzwischen um einiges leichter geworden war. Das Feuer war fast heruntergebrannt und die Banditen waren eingeschlafen und schnarchten nun ohrenbetäubend. Alessandra schlich sich heran und überzeugte sich, daß sie wirklich alle schliefen. Dann wandte sie sich dem Gefangenen zu, der weiter hinten gefesselt auf dem Boden lag.

Als sie ihn losschnitt, erwachte er.

"Alessandra? Ja, Ihr seid es!"

Die Weiße Prinzessin zuckte zurück. Wer konnte hier draußen ihren Namen kennen? Es war so dunkel, daß sie sein Gesicht nur als Schatten sehen konnte.

"Wer seid Ihr?" Seine Stimme war durch die Gefangenschaft so heiser, daß sie sie nicht erkannt hatte.

"Ich bin Nuitor."

"Prinz Nuitor!"

"Leise. Außerdem inzwischen König Nuitor. Aber jetzt schneidet mich erst mal los."

Wortlos machte sich die Prinzessin an die Arbeit. Dann reichte sie Nuitor ihr Messer. "Hier. Falls wir kämpfen müssen."

"Danke. Draußen ist noch eine Wache. Wir müssen sehr aufpassen."

"Den hab' ich schon erledigt. Wie habt Ihr mich eigentlich erkannt hier im Dunkeln?"

"Naja, wer Euch einmal begegnet ist, vergißt das nicht so schnell. Ach übrigens, wartet mal." Er zögerte kurz. Offenbar war ihm etwas eingefallen. Er schlich sich durch die Höhle und holte einen großen Sack aus einer Ecke. Dann begann er darin zu kramen und zog schließlich einen länglichen Gegenstand daraus hervor, den er Alessandra reichte. "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Prinzessin. Eure Eisvogelfeder."

"Geburtstag?" Alessandra war sprachlos. Nicht im Traum hätte sie damit gerechnet, mitten in einer Räuberhöhle von ihrem ehemaligen Feind ihre geliebte Feder zurückzubekommen. Gerührt nahm sie sie an sich und steckte sie wieder an ihren Helm. Endlich war er wieder komplett. Sie rechnete kurz nach. Es war tatsächlich der 20. Mai des Jahres 1245, und heute wurde sie 22.

Scheu blickte sie auf. Die Glut ließ seltsame Schatten über Nuitors Gesicht huschen. Zum ersten Mal bemerkte Alessandra seine Ähnlichkeit mit seinem Urgroßvater Cordo. Vielleicht lag es an dem Bart, der ihm inzwischen gewachsen war. Und sein Blick, mit dem er die schöne Prinzessin so seltsam musterte, ließ ihre Haut kribbeln. Ein eigenartiges Gefühl ergriff ihr Herz, aber sie schüttelte es verwirrt ab. Dann straffte sie sich, räusperte sich heiser und flüsterte: "Kommt jetzt, Nuitor, bevor die wieder aufwachen."

Vorsichtig schlichen sie hinaus und kletterten dann die Felswand herunter. Unten angekommen stürmte der arcadische König erst mal zur Wasserstelle und stillte seinen Durst.

"Wenn Ihr nicht gekommen wärt, hätten sie mich entweder gleich umgebracht oder verdursten lassen. Nochmals danke, edle Prinzessin."

"Hmm. Ich weiß nicht, ob ich Euch hätte retten sollen. Immerhin seid ... wart ihr unser Feind."

"Feind? Aber wir haben seit zwei Jahren Frieden."

"So? Eine Kriegserklärung haben wir damals bekommen. Einen Friedensvertrag gibt es aber nicht. Also ist immer noch Krieg und Ihr seid mein Gefangener." Herausfordernd sah sie Nuitor an. "Wieso nennt Ihr Euch eigentlich König? Ich wußte gar nicht, daß Starrus gestorben ist."

"Ist er auch nicht. Aber er hat abgedankt und eine Art Klosterschule eröffnet, wo er sich nun dem Studium der Philosophie und der Wissenschaften widmet. Er hat Gelehrte aus aller Welt zu sich gerufen, um die Natur und den Menschen zu erforschen und die Weisheit zu erlangen."

Alessandra war erstaunt. Sollte der alte Eisenfresser Starrus sich tatsächlich so geändert haben? Nuitor fuhr fort: "Ich glaube, es war der Tod von Nordus, der ihn zum Umdenken gebracht hat. Und er hat auf seine Weise seinen Frieden gefunden." Er machte eine Pause, dann sagte er: "Ich wußte gar nicht, daß zwischen unseren Reichen immer noch Kriegszustand herrscht. Das müssen wir sofort ändern."

"Nun gut, dann sei ab jetzt Friede, König Nuitor."

"So sei es, Prinzessin Alessandra. Und nochmals Dank für die Rettung." Sie schüttelten sich feierlich die Hände.

"Gern geschehen. Ich glaube", fügte sie schnippisch hinzu, "ich hätte Euch sogar gerettet, wenn ich vorher gewußt hätte, daß Ihr es seid."

"Zu freundlich", erwiderte er ironisch. "Was sucht Ihr überhaupt hier, mitten im Ödland?" Er trat einen Schritt auf Alessandra zu.

"Das geht Euch gar nichts an, König. Und jetzt lebt wohl. Ich muß weiter."

Nuitor lachte spöttisch auf. "Mitten in der Nacht? Habt Ihr so viel Angst vor mir?"

"Was! Angst vor Euch? Unsinn. Aber da oben sind immer noch die Räuber. Besser, ich bin verschwunden, wenn sie wieder zu sich kommen. Lebt wohl."

Sie bestieg Phobos und galoppierte davon.

Erst am nächsten Tag fiel ihr ein, daß sie den Arcadier und auch die Räuber nach Elysiss hätte fragen sollen. Sie ärgerte sich über sich selbst und ihre unfreundliche Reaktion Nuitor gegenüber. Aber jetzt war es zu spät. Der Arcadier hatte Recht gehabt: sie war vor ihm davongelaufen. Oder vor sich selbst und ihren Gefühlen? Wütend und etwas ratlos schüttelte sie den Kopf.

Und dann sprach der Ring zu ihr und befahl ihr, schnellst möglich zum Weißen Schloß zurückzukehren. Von Elysiss hatte sie keine Spur gefunden.

*

Es war Abend geworden. Olivia und Simona hatten Alessandras Geschichte gebannt gelauscht. Jetzt sahen sie sich fragend an. Olivia stellte schließlich die entscheidende Frage: "Aber wer hat uns denn nun gerufen, und wozu?"

Wie aufs Stichwort erschollen in diesem Moment von den Wachtürmen laute Fanfaren, die die Ankunft eines offenbar wichtigen Gastes ankündigten. Gleichzeitig sprangen die drei Schwestern auf und eilten zur Tür. Es gab an sich keinen Grund zu der Annahme, daß der Ankömmling etwas mit ihnen zu tun hatte, es war nur so eine Ahnung. Und die sollte nicht trügen.

Als sie unten angekommen waren und vor den Palast traten, hielt dort eine nachtschwarze Kutsche.

"Ein Bote von Thoran?" fragte Alessandra unsicher. "Oder Ornella?"

"Richtig, unsere große Schwester fehlt ja noch!"

Erwartungsvoll sahen sie die Kutsche an. Durch ihre dunklen Fenster konnte man nicht ins Innere blicken. Und dann öffnete sich die Tür. Simona und Olivia waren enttäuscht, als sie sahen, wer da ausstieg: eine unbekannte Frau. Nur Alessandra starrte die Fremde wie einen Geist an. Sie stieg aus, dann half sie einem kleinen, höchstens dreijährigen Mädchen die Stufen herunter.

"Wer ist das denn?" fragte Simona und sah Alessandra an. Als sie ihre Schwester sah, zuckte sie zusammen: "Alessandra. Was ...?"

"Wißt ihr, wer das ist? Das ist ... das ist doch nicht möglich."

Die schwarzgekleidete Frau kam den drei Schwestern mit langsamen, gravitätischen Schritten entgegen, die Rampe hinauf. Mit ihren tiefschwarzen, unergründlichen, unendlich traurigen Augen sah sie sie der Reihe nach an, und ein Schauer durchlief sie.

"Ja, ich bin es, Isini, die ehemalige Schwarze Königin. Und das hier ist Rosalia, Ornellas Tochter."

"Ornella ..." mehr bekam Alessandra nicht heraus. Sie fühlte, daß etwas Furchtbares geschehen war.

Isini blickte ihr gerade in die Augen. "Tot!"

Ein einfaches, kleines Wort. Und doch absolut endgültig. Tot.

Mit weit aufgerissenen Augen starrten die drei Schwestern die Schwarze Königin an. Tränen liefen über ihre Wangen, als ihnen klar wurde, was ihnen gerade offenbart worden war. Nie wieder würden sie Ornella sehen können, nie wieder mit ihr sprechen, spielen, raufen. Ihre Klugheit, ihre Schönheit, ihr faszinierendes Wesen - ausgelöscht. Alessandra wandte sich ab und warf sich schluchzend an Olivias Brust. Simona stand wie erstarrt.

Isini blieb einige Schritte vor den drei Schwestern stehen und wartete unbewegt. Sie wirkte irgendwie unwirklich, schwerelos, fast durchsichtig. So, als wäre sie nicht von dieser Welt. Das kleine Mädchen an ihrer Hand verhielt sich ebenfalls völlig still. Wenn man es nicht gerade direkt ansah, schien es gar nicht zu existieren.

Instinktiv ging schließlich Simona auf Rosalia zu und nahm sie auf den Arm.

Olivia blickte auf und rief: "Was ist geschehen? Was ist mit Ornella passiert? Rede! ... bitte."

Der unergründliche Blick aus Isinis traurigen Augen ließ sie frösteln. Langsam ging die ehemalige Schwarze Königin die Rampe hinauf und schob sich zwischen den drei Mädchen hindurch ins Innere des Weißen Palastes. Diese folgten ihr auf dem Fuß.

Sie betraten den Audienzsaal, in dem sich im Moment keine Hofbediensteten aufhielten. Nur Alessandra registrierte unbewußt, daß das Portal sich völlig geräuschlos öffnete. Isini ging in die Mitte des Raumes und glitt dann auf den Boden. Mit untergeschlagenen Beinen saß sie da und blickte durch die drei Prinzessinnen hindurch, die eng aneinandergedrängt in der Nähe des Throns standen. "Das Böse hat den Schwarzen König heimgesucht", sagte sie schließlich mit seltsam tonloser, leiser Stimme. "Ein Mann namens Choru Ellis aus dem Reich Karls hat das Buch des Unendlichen Landes gefunden und wurde von ihm besessen." Sie blickte auf. "Fast kein Wesen, schon gar kein sterbliches, weiß, was das Unendliche Land in Wahrheit ist. Denn das Wissen darüber führt jedesmal zu einer Katastrophe. Und so auch diesmal."

Sie machte eine lange Pause, dann fuhr sie fort: "Die Schwarzen Könige sind die Bewahrer des Gleichgewichtes in der Menschenwelt und die Hüter des Unendlichen Landes. Dort gibt es mehr Gold, als sich je ein Mensch vorstellen kann. Aber es ist durch einen mächtigen Zauber geschützt. Jeder, der es betritt, erstarrt nach kurzer Zeit zu einer Goldstatue. So erging es schließlich auch Choru Ellis. Aber zuvor, auf seiner Reise vom Reich Karls zum Schwarzen Schloß hat er mehr Menschen ins Verderben gestürzt als je ein einzelner Sterblicher vor ihm, Tartanos ausgenommen. Er vernichtete alles und jeden, der zufällig seinen Weg kreuzte. Ornella fiel durch seine Hand, und Rosalia wurde Zeugin dieser grauenvollen Bluttat. Sie mußte mitansehen, wie ihre Mutter starb. Seitdem hat sie kein Wort mehr gesprochen." Sie blickte Simona an, die die Kleine immer noch auf dem Arm trug.

"Als der Schwarze König von den Palastdienern alarmiert wurde und die Leiche seiner Frau fand, da erwachte finstere Kräfte. Sie sagten ihm, was geschehen war. Sie riefen auch mich zurück. Denn ich gehöre immer noch ihm." Isinis Stimme war zu einem Flüstern herabgesunken. "Ich werde immer ihm gehören. Thoran, mein König und Gebieter, begab sich ins Unendliche Land und barg die goldene Statue, zu der Ellis geworden war. Er schmolz sie ein und legte die Barren in einen besonderen Teil seiner Schatzkammer. Dann trat er an meine Seite und befahl mir, Rosalia ins Weiße Schloß zu bringen. Ich hoffe von ganzem Herzen, daß sie hier glücklich wird. Bei uns könnte sie das niemals mehr. Bitte, helft mir. Helft ihr. Ornellas Tochter braucht euch."

Schweigen hing schwer im Saal. Schweigen und Dunkelheit. Die Sonne war untergegangen, aber das war es nicht. Die Herzen der drei Prinzessinnen hatten sich verdüstert. Die Sonne ihres Lebens war erloschen.

Isini erhob sich und ging langsam, wie im Traum, auf das Portal zu. Doch da faßte Alessandra sie am Arm und hielt sie fest. Überrascht, fast erschrocken, sah Isini zu ihr auf. Ihre traurigen, verzweifelten Augen schienen sie anzuflehen.

Alessandra zog die in schwarzes Leder und seltsames Metall gekleidete Frau zu sich hin und bettete ihren Kopf an ihrer Brust. "Oh, Isini. Geh nicht. Noch nicht. Wir wollen dich ..." Sie vollendete den Satz nicht, aber ihre Schwestern nickten zustimmend.

"Dies", sagte Alessandra dann mit fester Stimme, "ist eine besondere Stunde. In dieser Zauberstunde soll nicht das Böse, sondern die Liebe siegen. Wir haben unsere Schwester verloren, aber eine neue gefunden. Von jetzt an, Isini, sollst du meine Schwester, Freundin und Vertraute sein. Und wehe dem, der dir wehtun will. Und wenn es der Schwarze König selber wäre."

Isinis Augen leuchteten. Und dann stahl sich ein kleines, schüchternes Lächeln auf ihre Lippen. Es war das erste Mal seit vielen, vielen Jahren, daß sie lächelte. Dann kniete sie vor Alessandra nieder, doch die zog sie schnell wieder hoch. "Ich danke dir von ganzen Herzen. Euch allen. Noch nie seit dem Tod meines Vaters ist jemand gut zu mir gewesen. Das werde ich euch nie vergessen."

"Was ist mit dem Schwarzen König?" fragte Olivia. "Warum gehst du zu ihm zurück? Er hat doch deinen Vater ..."

"Nein! Sprich es nicht aus", rief Isini. "Ja, es stimmt, aber er hat sich geändert. Ornellas Tod war nicht umsonst. Sie hat einen anderen Menschen aus ihm gemacht. Ich ... ich glaube", flüsterte sie schließlich so leise, daß man es kaum hören konnte, "ich glaube, daß ich ihn liebe." Rasch senkte sie den Kopf.

Alessandra bekam große Augen. Empörung spiegelte sich in ihren Zügen. "Wie kannst du ... ich meine, es ist wahr, daß Thoran ein Mensch ist, den man nicht mit normalen Maßstäben messen kann, und ich persönlich habe ihm auch nichts vorzuwerfen, aber du! Er hat dir und deiner Familie so viel Leid zugefügt, dann eine andere Frau genommen und dich abgeschoben, und jetzt, wo sie tot ist, bist du wieder gut genug für ihn!"

"Oh nein, Alessandra. Glaube mir, er hat sich geändert und er braucht mich jetzt. Es ist auch für ihn eine schreckliche Zeit. Ich ... ich kann es nicht erklären, aber ich will ihn! Es gibt ein Band zwischen uns, das stärker ist als ... Es darf nicht alles umsonst gewesen sein." Isini schwieg und sah die drei Schwestern - ihre neuen Stiefschwestern - unsicher an. Als sich deren skeptische Minen etwas aufhellten, atmete sie auf.

"Oh, hier." Sie zog Ornellas Löwenring aus einer Tasche hervor und hielt ihn Alessandra hin.

"Nein", rief die Prinzessin. "Von jetzt an sollst du ihn tragen, Schwester."

"Ich werde ihn tragen, bis Rosalia alt genug für ihn ist. Es ist das einzige, was ihr von ihrer Mutter geblieben ist."


Schweigend nahmen die vier Frauen das Abendessen. Keine hatte sonderlich viel Appetit. Dann verzogen sie sich auf Alessandras Zimmer und redeten fast die ganze Nacht hindurch.

Am anderen Vormittag traf endlich der Weiße König ein. Als er vom Tod seiner ältesten Tochter hörte, verlor er die Fassung. Tränen rannen sein Gesicht herunter, dann ließ er sich die ganze schreckliche Geschichte erzählen.

"Die Welt der Unsterblichen soll immer von der der Sterblichen getrennt bleiben", sagte er schließlich. Seine Stimme bebte immer noch. "Sonst kommt Unglück über beide." Dann befahl er eine einwöchige Staatstrauer.

*

Isini hatte den Sarg mit den sterblichen Überresten Ornellas mitgebracht. Sie wurde auf dem Weißen Friedhof beigesetzt, Seite an Seite mit dem legendären ersten arcadischen König Celestriért, seinen Söhnen Cordo und Giancano, unter denen das Reich geteilt worden war, Giancanos Sohn Sawarian - Harros Vater, und seiner Frau Constanza, die wenige Jahre nach der Geburt Simonas gestorben war.

Es war der traurigste Tag seit langem, als Alessandra, ihre Schwestern, Isini, König Harro, Adalbert und der gesamte Hofstaat hinter dem schlichten, schwarzen Sarg hergingen. Der Zug ging vom Weißen Schloß durch die ganze Stadt und zurück zum Friedhof. Als der Sarg in die Grube hinabgelassen wurde und für immer den Blicken entschwand, da war es Alessandra, als stürbe ihre Schwester ein zweites Mal, und das Herz im Leibe wollte ihr zerspringen. Sie erinnerte sich an die wilde, abenteuerliche und schöne Reise, die sie beide ins Schwarze Königreich gemacht hatten, an die vielen Gefahren, die sie Seite an Seite überwunden hatten, und an das gute Ende, das die Reise zumindest für Ornella genommen hatte. Ihr Bestgeliebter - sie hatte ihn gefunden und war glücklich geworden. Viel zuwenig Zeit hatten sie füreinander gehabt, viel zuwenig Zeit hatte ihr das Schicksal zur Erfüllung ihres eigenen Lebens gelassen ...

*

Doch die Zeit heilt alle Wunden. Und eines Tages beschloß Isini, nun zu ihrem Mann zurückzukehren. Auch Simona und Olivia machten sich auf die Rückreise. Die kleine Rosalia blieb am Weißen Hof, wo sich Alessandra und die Erzieherinnen liebevoll um sie kümmerten. Doch sie blieb stumm und verschlossen.

Und dann, sechs Tage nach ihrem Aufbruch, war Isini wieder da. Was sie berichtete, klang unglaublich. So unglaublich, daß Alessandra es selbst in Augenschein nehmen wollte. So sattelte sie ihr Pferd, und zusammen mit Isini in ihrer schwarzen Kutsche ritt sie zur Schwarzen Grenze.

Die Fahrt währte wiederum drei Tage. Meist saß Alessandra bei ihrer 'Adoptivschwester' in der Kutsche und redete mit ihr.

Schließlich kam das Unendliche Land in Sicht. Isini deutete aus dem Fenster. Alessandra folgte ihrem Blick und riß überrascht die Augen auf. Was sie da sah, das konnte doch nie und nimmer das Schwarze Königreich sein!

Von weitem sah es aus, als wäre das ganze Unendliche Land in eine dichte weiße Wolke gehüllt, die so hoch reichte, daß sie im Himmel den Blicken entschwand. Doch als die beiden Frauen näherkamen, sahen sie, daß diese Wolke in Wirklichkeit ein unvorstellbar riesiger Schneesturm war, ein gigantischer Eisorkan, der haargenau an der Schwarzen Grenze entlangfegte und alles, was sich darin befand, in undurchdringliche, wirbelnde Schneemassen hüllte. Nichts von den majestätischem, erhabenen Bergen war zu sehen, nur die rasenden weißen Eiskristalle, die bis zum Himmel hoch das Land unter sich begraben hatten.


Kurz vor der Grenze weigerten sich die Pferde weiterzulaufen. Alessandra und Isini stiegen aus der Kutsche aus und schritten auf den Eisschirm zu, bis sie unmittelbar davor standen. Es war unheimlich und unglaublich. Am schlimmsten war die Stille. Diese angesichts dieser entfesselten Gewalten vollkommen unnatürliche Stille. Sie selbst standen in warmer Sommerluft, die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel, und unmittelbar vor ihnen erhob sich wie mit dem Lineal gezogen der Orkan aus unirdischer Kälte und Eis. Alessandra zog ihre Jacke hoch und setzte an, die Grenze zu durchqueren. Isinis konnte sie gerade noch zurückhalten. "Bei den Göttern! Nicht! Ich weiß nicht, ob es nicht gefährlich ist."

Vorsichtig streckte Alessandra ihre Hand aus. Der Übergang von der Wärme außen zu einer geradezu unvorstellbaren Kälte innen war abrupt. Die Kälte sog im Bruchteil einer Sekunde alle Wärme aus Alessandras Hand, während die Eiskristalle des Orkans dagegenprallten und sofort festfroren. Mit einem erschrockenen Aufschrei zog Alessandra ihre Hand zurück. Sie dampfte vor Kälte. Die Finger waren steif gefroren, Alessandra konnte sie nicht bewegen. Vorsichtig legte Isini ihre Hände um Alessandras Hand und taute sie mit ihrer Wärme und ein bißchen Magie wieder auf.

Nach einigen Minuten kehrte das Leben in die Hand zurück. Alessandra war froh. Hätte sie die steife Hand irgendwo angeschlagen, wäre sie bestimmt zerbrochen. Nachdenklich bewegte sie ihre Finger. "Glück gehabt. Gut, daß du mich zurückgehalten hast, Schwester."

Isini lächelte schüchtern. Dann sagte sie: "Thoran war schon bei meiner Abreise so seltsam, so verschlossen. Ich fürchte, der Schmerz hat ihm den Verstand geraubt. Deswegen hat er in seinem unendlichen Kummer das ganze Land eingefroren. Schrecklich! Und ich kann nicht mal zu ihm, um ihm zu helfen."

"Hmm", erwiderte Alessandra nur. So kannte sie Thoran eigentlich nicht, aber wer konnte schon in seine Seele blicken? Sicher war nur, daß er Ornella über alles geliebt hatte. Vielleicht hatte Isini recht, vielleicht war er wirklich verrückt geworden.

"Sieh dort!", rief die Schwarze Königin plötzlich. Sie zeigte den Weg zurück zur Wachstation. Die Kutsche war zwar direkt daran vorbeigefahren, aber Alessandra und Isini hätten es nicht mal gemerkt, wenn die Station in hellen Flammen gestanden hätte, so sehr waren sie von dem Eisschirm gefesselt gewesen. Jetzt aber bemerkten sie, daß die Wachstation in hellen Flammen stand. Sie zuckten zusammen und rannten los, auf der Suche nach Löschwasser.

"Nein, es hat keinen Sinn!", rief Isini. Aus dem größten Teil des Wachhauses loderte bereits das Feuer, und das glühende Dach war kurz vor dem endgültigen Einsturz. Zwei Personen konnten es unmöglich allein löschen.

"Aber vielleicht ist noch jemand drin", schrie Alessandra gegen das Prasseln des Brandes und stieß die Tür auf. Sofort zog ihr dichter, beißender Qualm entgegen, der aber nach kurzer Zeit verflog. Dafür züngelten aus dem hinteren Teil des Raumes bereits die Flammen. Doch Alessandra konnte sehen, was sich in dem vorderen Raum befand. Ihr verschlug es den Atem. "Oh, ihr Götter", flüsterte sie. Isini kam herbeigelaufen und sah das Grauen ebenfalls.

Der Raum war völlig verwüstet, die Möbel zertrümmert, sogar die Wände waren teilweise beschädigt. Und dann die Leichen. Alessandra konnte nicht so genau sagen, von wie vielen Männern sie die Einzelteile sah, es mußten ungefähr fünf oder sechs gewesen sein. Und überall war Blut.

"Da, der bewegt sich noch!", rief Isini.

Alessandra sprang kurz entschlossen in die Flammen, packte den Wachsoldaten und schleifte ihn heraus. Isini half ihr dabei. Kurz hinter ihnen brach der brennende Dachstuhl zusammen und begrub alles, was sich noch im Haus befunden hatte, unter sich.

Nachdem die beiden Frauen den schwerverletzten Soldaten in Sicherheit gebracht hatten, benetzte Isini sein Gesicht mit Wasser, während Alessandra seine Wunden untersuchte. "Wir brauchen Verbandszeug", murmelte sie und warf einen Blick auf die Kutsche. Vielleicht fand sich dort etwas. Ihr Blick streifte auch den Kutscher, während sie darauf zulief. Es war eine seltsame Kreatur, die nie sprach oder etwas anderes tat, als die Kutsche zu lenken. Wahrscheinlich stammte sie aus dem Arsenal von Zombies, das dem Schwarzen König bei Bedarf zur Verfügung stand. Jedenfalls war von ihm keine Unterstützung zu erwarten.

Alessandra sprang in die Kutsche und durchwühlte das Gepäck, bis sie etwas halbwegs Brauchbares fand. Dann rannte sie zu dem Verletzten zurück. Dieser war inzwischen wieder zu sich gekommen, aber nur halb. Er bewegte sich unruhig, murmelte unverständliches Zeug und zuckte ab und zu zusammen. Die ganze Zeit redete Isini beruhigend auf ihn ein, aber es schien nicht so, als ob er etwas davon mitbekam.

Nachdem Alessandra zurück war, streifte sie das halb zerfetzte Kettenhemd des Soldaten ab, denn dort waren seine Verletzungen am schlimmsten. Es sah aus, als hätte eine gewaltige Pranke seine Brust aufgeschlitzt, denn darüber verliefen vier parallele Schnitte, die immer noch heftig bluteten. Hätte der Soldat keinen Schutz getragen, wäre er wahrscheinlich genauso zerstückelt worden wie seine Kameraden. Immerhin hatte die Pranke das Kettenhemd aufgeschlitzt, als wäre es aus Papier.

"Nein", stöhnte der Soldat, als Alessandra die Tücher um seine Brust wickelte. Dann schlug er die Augen auf, doch er schien nichts von seiner Umgebung wahrzunehmen. Er stieß einen gellenden Schrei aus, dann sank er wieder zurück und fiel erneut in eine Ohnmacht.

"Grauenvoll", murmelte Alessandra. "Was nur passiert sein mag?"

"Was auch immer, es muß kurz vor unserer Ankunft geschehen sein."

Alessandra sah auf. Das stimmte. Und daraus folgte, daß das Ungeheuer, das für diese Aktion verantwortlich sein mußte, noch ganz in der Nähe war. Auch Isini war mittlerweile auf diesen Gedanken gekommen und blickte sich wachsam um. Alessandra fragte sich, ob die Schwarze Königin notfalls Zauberkräfte benutzen konnte. Es wäre gegen einen solchen Gegner bestimmt eine große Hilfe gewesen.

"Da! Spuren."

Eigentlich waren diese "Fußabdrücke" oder was immer das war, nicht zu übersehen. Nur hatten die beiden Frauen bisher anderes zu tun gehabt, als auf Eindrücke im Boden zu achten. Die Abdrücke begannen irgendwo hinter dem nun langsam niederbrennenden Haus, führten dort hinein, wieder hinaus und schnurstracks auf die Grenze zu. Ein Fußabdruck verlief sogar zu Dreivierteln auf der Weißen und zu einem Viertel auf der Schwarzen Seite. Es gab keinen Zweifel: Der Mörder hatte die Eisgrenze durchquert.

"Ich sehe mir das mal genauer an", sagte Alessandra entschlossen. "Du paßt so lange auf den Soldaten hier auf."

Isini nickte, und Alessandra eilte die Spur der Abdrücke entlang auf den Eisschirm zu. Sie ging so nahe heran wie möglich, und tatsächlich glaubte sie dahinter eine riesige schwarze, aber vollkommen reglose Gestalt erkennen zu können. Ein Ungeheuer. Einige Schritte weit hatte es der Kälte getrotzt, dann war es erstarrt. Unerreichbar für Alessandra, aber so lange außer Gefecht gesetzt, bis der Eisschirm wieder erlosch. Wenn es dann aber auftaute ... In diesem Fall wollte die Prinzessin lieber nicht in der Nähe sein.

Sie ging zu Isini zurück und berichtete ihr.

Danach passierte nicht mehr viel. Das Wachhaus brannte bis auf die Grundmauern nieder, und der Abend senkte sich langsam über das hügelige Land. Die untergehende Sommersonne tauchte den Himmel in wunderschöne Pastellfarben, die noch verstärkt wurden durch die Reflexion am schneeweißen Eisschirm, der unverändert in völliger Stille tobte.

Die Frauen holten sich von ihren Vorräten aus der Kutsche und aßen etwas. Sie beschlossen, hier zu übernachten, denn eine Nachtfahrt in der Kutsche war anstrengend und unangenehm. Lediglich den Soldaten, den Isini in einen tiefen Schlaf versenkt hatte, legten sie hinein, denn dort war er besser aufgehoben. Seine Wunden bluteten nicht mehr. Er würde es sicher überleben und wieder gesund werden.

Alessandra blickte zum Himmel auf. Isini folgte ihrem Blick. Im blauschwarzen Firmament funkelten freundlich und still tausende von Sternen mit einer Klarheit, wie sie die beiden Frauen schon lange nicht mehr gesehen hatten.

"Wunderschön", flüsterte die Prinzessin. Isini nickte schweigend und andächtig. Dann sagte sie: "Das Universum ist so groß, aber auf der Erde gibt es so viel Streit und unheimliche Dinge. Dabei erscheint mir das alles auf einmal so klein und unwichtig." Sie seufzte.


Am nächsten Morgen nahmen sie ein kleines Frühstück zu sich. Der unheimliche Kutscher hatte sich die ganze Zeit nicht um einen Millimeter bewegt. Wahrscheinlich war nur ein teilweise lebendiger Bestandteil der Kutsche selbst. Doch als Isini und Alessandra die Kutsche bestiegen und den Befehl zur Rückkehr ins Weiße Schloß gaben, kam wieder Leben in ihn, und er trieb die Pferde an.

Nach den üblichen drei Tagen Fahrt erreichten sie wieder das Weiße Schloß. Sie übergaben den Soldaten den Ärzten, die versicherten, daß es ihm gutgehe. Unterwegs war er nur zweimal kurz erwacht um etwas zu trinken. Gesprochen hatte er nichts und war sogleich wieder in tiefe Ohnmacht gefallen. Er hatte ja auch viel Blut verloren.

Einen Tag später jedoch kam er für längere Zeit zu sich. Alessandra, Isini und König Harro waren bei ihm, als er die Geschichte des Überfalls erzählte. Es war etwa so passiert, wie Alessandra es sich aufgrund der Spuren zusammengereimt hatte. Doch etwas war seltsam: Das Ungeheuer war zwar furchterregend gewesen, doch zunächst hatte es gar nicht angegriffen. Auch dann nicht, als die völlig verstörten Soldaten mit ihren Schwertern und Lanzen auf es eingedrungen waren. Stattdessen hatte es nach einem Ort gefragt, von dem keiner der Soldaten je gehört hatte. Erst, als es merkte, daß niemand seine Frage beantworten konnte, war es in wilde, verzweifelte Raserei verfallen und hatte in Sekundenschnelle die Soldaten niedergemacht und das Haus schwer beschädigt. Daß dabei auch die Feuerstelle im Nachbarzimmer außer Kontrolle geraten war, war eigentlich reiner Zufall gewesen.

Alessandra sah ihren Vater fragend an, dann wandte sie sich wieder dem Soldaten zu. "Kannst du dich an den Namen des Ortes erinnern, nach dem das Ungeheuer gefragt hat?"

"Nein, ich weiß nicht, Herrin. Ich weiß nur, daß ich davon noch nie zuvor gehört habe. Irgend etwas mit Luna oder so."

"Denk nach. Wenn es dir einfällt, sage uns sofort Bescheid." Alessandra spürte, daß diese Information von großer Wichtigkeit war, auch wenn sie nicht sagen konnte, warum. Vielleicht war es ihre weibliche Intuition.

Schweigsam verließen sie das Krankenlager. Alessandra suchte Rosalia auf, während Isini in den Gewölben der Hofzauberer verschwand. Diese waren über den Eindringling nicht sehr erfreut: "Halt. Wer seid Ihr?", rief der Ober-Magier der Schwarzen Königin ungehalten zu.

Isini warf dem massigen Mann mit seinem grauen Rauschebart einen schwer zu deutenden Blick zu und ging einfach an ihm vorbei. Dieser wich unwillkürlich zurück, doch dann packte ihn die Wut. Schließlich konnte er sich nicht vor seinen drei Kollegen so herunterputzen lassen. "Halt, sage ich. Du hast hier nichts zu suchen!" Er machte zwei schnelle Schritte auf Isini zu, packte sie an der Schulter und zog sie herum. Die Schwarze Königin machte eine kurze Handbewegung. Etwas blitzte kurz auf, und dann erstarrte der Zauberer zu einer Statue und konnte sich nicht mehr rühren. Erschrocken wichen die drei anderen zurück und ließen die Schwarze Königin gewähren. Diese ging auf das schwere, überladene Bücherregal zu und fing an, ein Buch nach dem anderen durchzublättern.

Stunden vergingen. Neben Isini stapelten sich inzwischen Dutzende von Zauberbüchern, alten Kartensammlungen und magischen Sprüchen, doch immer noch schien sie nicht das gefunden zu haben, wonach sie suchte. Dann aber klappte sie das letzte Buch zu, stellte alle an ihren Platz zurück, stand auf und wandte sich dem Ausgang zu. Wieder machte sie eine magische Bewegung, und der Bann fiel von dem Hofzauberer ab. Seine Augen wurden groß, dann sank er erschöpft in sich zusammen. Die anderen sahen Isini hinterher, wie sie scheinbar schwerelos die steile Wendeltreppe hinaufschwebte.

Isini begab sich zum Krankenlager des Grenzsoldaten. Die Ärzte waren nicht da, sie war allein mit dem Patienten. Sie setzte sich neben ihn und blickte ihn aus ihren tiefschwarzen Augen intensiv an. Kraft schien von ihr auf den Verwundeten überzufließen. Kurz darauf schlug der Mann die Augen auf, doch er war wie hypnotisiert.

"Der Name des Ortes", sagte die Schwarze Königin, "war er Lunaloc?"

"Lunaloc, ja."

Die Kraft erlosch, und der Soldat fiel wieder in seinen Schlaf.

Isini erhob sich. Sie war äußerst beunruhigt. Rasch verließ sie das Krankenlager und eilte zu Alessandras Gemächern. "Lunaloc - das verwunschene Kraftzentrum des Mondes. Wir schweben in großer Gefahr", murmelte sie unterwegs zu sich selbst.


Seufzend sah Alessandra ihre kleine Nichte an. Rosalia war knapp zwei Jahre alt, in Alessandras Augen fast noch ein Baby, aber doch so anders als andere Kinder in ihrem Alter. Sie sprach nicht, sie weinte nie, sie schaute nur immer aus ihren großen, dunklen Augen, die sie von Ornella geerbt hatte, traurig und fragend in die Welt hinaus. Alessandra fühlte, daß das Kind dringend eine Mutter brauchte. Doch sie konnte diese Rolle nicht übernehmen, zu viel lastete auf ihren Schultern.

Rosalia saß auf dem Boden und spielte mit einer Puppe. Emilie hatte sie ihr gegeben. Es war eine alte Strohpuppe, mit der schon Alessandras und ihre Mutter gespielt hatten. Rosalia hatte sie sich zielsicher unter allen ausgesucht und sie nicht mehr hergegeben. Alessandra war froh, daß sie wenigstens diese Puppe liebte, wenn sie schon zu keinem Menschen eine richtige Beziehung aufbauen konnte.

Was Rosalia mit der Puppe machte, war allerdings ihr Geheimnis. Sie sprach auch zu ihr kein Wort, schob sie nur in einem seltsamen Ritual über den Boden und zog sie dann wieder an sich.

"Oh, Rosalia, Mädchen. Wenn doch nur deine Mutter noch da wäre."

Plötzlich flimmerte vor Alessandra die Luft. Die Prinzessin griff instinktiv nach dem Messer, doch hier, im Palast, trug sie natürlich normalerweise keines bei sich. Somit fuhr ihre Hand ins Leere. Bevor sie etwas Anderes unternehmen konnte, erschien in der Luft ein Gesicht, umrahmt von seltsamen Lichtern, die wie kleine Fünkchen durchs Zimmer stoben. Alessandra gab einen leisen, überraschten Schrei von sich, als sie das Gesicht erkannte, das sich immer deutlicher herausschälte: Es war Elysiss. Doch wie sah sie aus! Ihre Haltung wirkte erschöpft, sie schien um Jahrzehnte gealtert, ihre Augen waren trübe. Tiefe Linien hatten sich in ihre Züge gegraben. Sie öffnete ihre schmalen, faltig gewordenen Lippen und hauchte: "Alessandra, geliebtes Kind. Dies ist die Stunde des Abschieds. Und der Warnung. Die Macht des Bösen steht kurz davor, mich endgültig zu besiegen. Du darfst dich nicht einmischen, sonst bist auch du verloren. Suche nicht nach mir. Behalte mich in Erinnerung, wie ich einst war. Und hüte dich vor der Schwarzen Hexe. Lebe wohl."

"Nein! Elysiss! Verlaß' uns nicht!" Doch das Bild in der Luft war schon erloschen. Aber Alessandra hatte keine Zeit, über diese schreckliche Nachricht nachzudenken, denn im gleichen Moment sah sie, wie die Strohpuppe Rosalias in hellen Flammen aufging. Ohne zu überlegen griff sie nach einer Decke und warf sie über die Puppe. Doch die Flammen erloschen keineswegs. Unter der Decke verging die Puppe zu Asche, ohne daß die Decke dabei auch nur warm wurde. Und die ganze Zeit stand Rosalia daneben und fixierte die Puppe mit einem seltsamen Blick.

Alessandra erschauderte. War das kleine Mädchen das gewesen? Sie wußte instinktiv, daß es so gewesen sein mußte. Immerhin war ihr Vater einer der größten Zauberer der bekannten Welt.

Immer noch zitternd vor Aufregung setzte die Prinzessin sich auf das Bett, als die Tür aufging und Isini hereinkam. Sie setzte zum Sprechen an, doch dann hielt sie inne und faßte Rosalia ins Auge. Das kleine Mädchen und die Schwarze Königin fixierten sich eine endlos scheinende Zeit, dann senkte Rosalia den Blick und tapste davon - stumm wie immer.

"Wenn das Böse in ihr die Oberhand gewinnt, dann habt ihr ein gefährliches Problem", sagte Isini schließlich, wie zu sich selbst. Dann sah sie Alessandra an: "Aber das ist im Moment nicht die größte Schwierigkeit. Ich habe etwas herausgefunden, was ..."

Doch Alessandra unterbrach sie: "Elysiss hat zu mir gesprochen. Sie ist in Lebensgefahr. Ich muß sie suchen. Bitte, Schwester! Ich muß sie finden und ihr beistehen."

"Du verstehst nicht", erwiderte Isini heftig. "Euer ganzes Land schwebt in größter Gefahr. Ich habe den Namen des Ortes erfahren, von dem der Dämon gesprochen hat. Und ich kenne seine Bedeutung."

"Was interessiert mich jetzt das Ungeheuer an der Schwarzen Grenze!", rief Alessandra entrüstet. "Die gute Fee unseres Landes sieht dem Tod ins Auge. Ich werde ihr helfen, koste es, was es wolle."

"Es kann viel kosten, Alessandra. Zu viel, vielleicht."

Doch die Weiße Prinzessin hörte schon nicht mehr zu. Sie war aufgesprungen und lief aus dem Zimmer. Kurz darauf hörte Isini, wie sie ihre Waffen zusammentrug. Sie war offenbar entschlossen, noch in der gleichen Stunde aufzubrechen. "Was ist, Isini - kommst du mit mir?", fragte sie zwischendurch.

Die Schwarze Königin verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln: "Wohin willst du denn reiten?"

"Ins Ödland. Dort irgendwo muß sie sein." Isini holte tief Luft und schüttelte den Kopf: "Irgendwo im Ödland! Weißt Du nicht, wie groß dieses Gebiet ist? Du wirst sie niemals finden. Also gut, ich helfe dir. Ich werde meine magischen Kräfte dazu benutzen, den Weg zu finden. Aber ich warne dich: Die Dämonen von Lunaloc werden schon sehr bald zu einer unvorstellbaren Gefahr. Wer weiß - vielleicht sind sie es sogar, welche Elysiss angreifen."

"Lunaloc? Nein, sie sprach von der Schwarzen Hexe."

Isini dachte nach. Dann antwortete sie: "Na, mich wird sie ja wohl nicht gemeint haben. Aber wer sonst die Schwarze Hexe sein könnte, habe ich keine Ahnung."

"Du kennst sie also nicht?"

Isini schüttelte den Kopf. Dann sagte sie: "Warte hier auf mich."


Es dauerte lange. Isini blieb die ganze Nacht verschwunden. Irgendwann verlor Alessandra die Geduld und ging nachsehen, wohin ihre Stiefschwester gegangen war. Sie fand sie schließlich im Gewölbe der Zauberer, wo sie in einem komplizierten Hexenritual die Spur von Elysiss zu finden versuchte. Irritiert verkrümelte sich Alessandra wieder. Diese dunkle Seite ihrer Schwester wollte sie vielleicht lieber nicht so genau kennenlernen. Ihr Vater hatte schon recht: Die Welt der Sterblichen und der Unsterblichen sollte besser für immer getrennt bleiben. Ihr fiel Rosalia ein. Sie stand zwischen den beiden Welten. Wie mochte ihr Schicksal wohl aussehen? Bestimmt war ihr kein einfaches und angenehmes Leben beschieden. Den Auftakt der Schwierigkeiten hatte der Tod ihrer Mutter gemacht. Was kam danach als Steigerung? Die Dämonen von Lunaloc? Lunaloc - was war das überhaupt? Alessandra ärgerte sich, daß sie Isini nicht zugehört hatte. Aber das Leben von Elysiss stand auf dem Spiel! Im Moment zählte nur das, denn was sollten sie alle ohne ihre Schutzherrin machen? Was geschehen konnte, wenn sie das Reich verließ, hatten sie alle ja schmerzlichst erfahren müssen.

Die Prinzessin lief im Schloß umher und suchte ihren Vater. Schließlich fand sie ihn im Amtszimmer von Adalbert, wo er sich mit dem Majordomus besprach. Es war den Leuten am Hof keineswegs entgangen, daß sich etwas tat. Nur wußte noch keiner so recht, was. Alessandra berichtete den beiden alles, was sie wußte. Sie war froh, daß ihr Vater ihren Entschluß, die Fee zu suchen, ausdrücklich guthieß. Sein Angebot, ihr eine Gruppe Soldaten mitzugeben, wollte sie ablehnen, doch der Weiße König bestand darauf. Er sagte: "Du hast doch selbst vor den Dämonen von Lunaloc gewarnt. Allein bist du schutzlos."

"Ich bin keineswegs schutzlos, Vater. Ich kann mich sehr gut verteidigen!"

"Genauso, wie die armen Soldaten an der Schwarzen Grenze, hmm?"

"Gegen so einen Feind helfen keine Soldaten, sondern nur ein paar gute Ideen. Und Magie. Isini wird mich begleiten."

"Sooo?"

Alessandra wurde unsicher. Ihr Vater bestand weiterhin auf einer Eskorte, und schließlich ließ sie sich doch überzeugen.

Es war schon tief in der Nacht. Sie ging in ihr Gemach zurück und schlief wider Erwarten sofort ein. Doch wilde Träume quälten sie, und als sie irgendwann schweißgebadet aufwachte, blickte sie in Isinis ernstes Gesicht: "Ich glaube zu wissen, wo du suchen mußt. Aber ich werde dich nicht begleiten. Ich suche Lunaloc und werde versuchen, die Gefahr, die uns allen vor dort droht, zu bannen."

Alessandra, noch im Halbschlaf, verstand erst kaum, was Isini ihr gesagt hatte. Und als sie auffuhr, um sie zurückzuhalten, da war sie schon fort. Nur eine Karte hatte sie neben ihr Bett gelegt. Mitten im Ödland war ein Kreuz gemalt.

*

Gelangweilt spielt der Verwalter mit der ausgefransten Schreibfeder und schiebt ein paar Papiere auf seinem riesigen Schreibtisch hin und her. Wann ist denn endlich Feierabend? Zwar hat laut Dienstvorschrift der oberste Gebietsverwalter niemals Dienstschluß, aber in der Praxis wird das nicht so eng gesehen.

Wer klopft denn jetzt noch an die Tür, verdammt! So wichtig kann es doch gar nicht sein, daß es nicht Zeit bis Morgen hätte.

Die Tür wird aufgestoßen, bevor der Verwalter 'Herein' sagen kann. Ein Fremder tritt ein, dem Aussehen nach ein kleiner Adliger oder so was. Der Verwalter hat ihn noch nie gesehen, aber er kennt diese Sorte. "Abend", murmelt er gelangweilt und so unfreundlich wie möglich. Hoffentlich geht dieser Störenfried bald wieder.

"Ich will den Engelsberg kaufen. Was kostet er? Geld spielt keine Rolle!"

Den Engelsberg kaufen. Guter Witz. Zum Spaß sagt der Verwalter: "Heute im Angebot. Nur eine Million Golddublonen."

Wortlos tritt der Fremde an den ausladenden Schreibtisch, hebt einen großen, schweren - sehr schweren - Ledersack hoch, öffnet ihn und kippt den Inhalt auf den Tisch. Dem Verwalter bleibt schier der Atem weg angesichts des Berges an Goldmünzen, die sich da vor ihm ergießen.

"Genau eine Million. Zähle er nach!"

Eine Million in Gold. Das sind die Steuereinnahmen des gesamten Reiches für zehn Jahre!

"Aber ... aber ..." Der Verwalter ist völlig verwirrt und rührt hilflos in dem Gold herum

"Stimmt´s!" Es ist mehr eine Feststellung als eine Frage.

Der Verwalter nickt wie hypnotisiert. Er ist völlig aus der Fassung. Wahrscheinlich ist das sowieso alles nur ein Traum. Aber dieser Fremde ...

"Dann gebe er mir die Urkunde!" befiehlt der Fremde. Seine Stimme läßt jetzt keinen Widerspruch mehr zu.

Urkunde? Ach ja. Aber gottseidank dauert das ein paar Tage. Die ganzen Formalitäten ... Erst mal Zeit gewinnen. Vielleicht ist ja jemand anders zuständig. Mein Gott, eine Million! Wieso passiert so was gerade ihm?

Der Verwalter sagt dem Fremden, daß es länger dauert. Übernervös fügt er hinzu: "A ... äh ... Außerdem mu ... muß das Geschäft von König Karl abgezeichnet werden."

"Du lügst. Ich weiß, daß du alle Vollmachten hast." Von dem Fremden geht etwas Unheimliches aus. Wer ist er überhaupt?

Der Verwalter stottert: "Aber es, äh, sind schon alle Schreiber und äh, Dings weg, äh, Zuhause. Es ist schon spät ... äh, und ..."

"Sie sind nicht Zuhause, sondern im Wirtshaus. Hole er sie her! Sofort!"

Der Verwalter wagt nicht, dem Fremden zu widersprechen, der jetzt gar nicht mehr wie ein kleiner Adliger aussieht. Er spurtet los und holt diejenigen seiner Mitarbeiter, die noch da sind, zurück an ihre Schreibtische. Die anderen findet er, wie der Mann gesagt hat, in der Kneipe. Dann kehrt er zitternd zurück, zieht eine Urkunde aus seinem Schreibtisch und läßt sie von einem Schreiber und den Beisitzern ausfüllen.

"Hier, Herr. Unterschreibt."

Der Fremde nimmt die Feder und setzt die drei Buchstaben C.V.C. unter das Dokument.

Der Verwalter will ihm sagen, daß das nicht gültig ist, daß er mit vollem Namen unterschreiben muß, aber er bringt kein Wort heraus. Der Fremde nimmt eine Kopie der Urkunde an sich, steckt sie ein und geht. Nie wieder wird er in der Stadt gesehen.

Der Verwalter läßt sich vom Bürgermeister zwei Wachen schicken, die sein Büro mit dem Gold bewachen. Zwei weitere stehen unten an der Eingangstür.

Am nächsten Tag wird das Geld mit großer Eskorte nach Cosmo, der Hauptstadt des Reiches, verbracht. Der König fragt nicht, woher das viele Geld kommt. Er kann es gut gebrauchen, deswegen ist es ihm egal. Und was hat er dafür geben müssen: irgendeinen Berg, von dem er nicht mal weiß, wo auf der Karte seines riesigen Reiches er überhaupt liegt.

Später, als die unheimlichen Dinge auf dem Engelsberg anfangen, will er mehr wissen. Aber da ist es zu spät.

*

Der Zug mit Prinzessin Alessandra an der Spitze war nun schon seit über zwei Wochen unterwegs und bereits tief ins Ödland vorgedrungen. Da es hier aber keine Straßen oder Wege gab, sondern nur Sand und Geröll, war das Fortkommen relativ beschwerlich und entsprechend langsam. Alessandra schätzte, daß sie noch mindestens eine weitere Woche brauchen würden, bis sie ihr Ziel erreicht hatten, das geheimnisvolle Kreuz.

Diese Stelle, die Isini auf der Karte markiert hatte und die hoffentlich wirklich den Ort angab, an dem Elysiss Hilfe erwartete, lag ziemlich weit nördlich, dicht unterhalb der Grenze des karolingischen Reiches. Allerdings hatte Alessandra schon zu viele Grenzen gesehen, um den Karten alles zu glauben. Meist war es so, daß diese Linien auf den Landkarten eher unverbindlichen Charakter hatten, vor allen an Außengrenzen, hinter denen nur noch Wildnis kam.

Der Ritterhauptmann, der neben ihr ritt, deutete hinauf in den Himmel. Dunkle Wolken zogen dort auf, ein Sturm kündigte sich an. Regnen würde es bestimmt nicht, denn die Steppe war gerade im Sommer knochentrocken. Aber trotzdem ordnete Alessandra an, Schutz zu suchen. Man konnte nie wissen, und die Sandstürme hier draußen waren nicht gerade angenehm. Mit dem Schutz sah es allerdings nicht so gut aus: Ab und zu mal eine vertrocknete Baumgruppe, ein paar herumliegende Felsen, das war alles, was diese offene und öde Landschaft zu bieten hatte.

"Also gut, reiten wir zu diesen Bäumen da." Sie wies auf eine Art Wäldchen, das etwas abseits ihres bisherigen Weges lag. Es sah ziemlich grün aus, vielleicht gab es dort sogar Wasser. Ihre Vorräte waren schon ziemlich zur Neige gegangen.

Nun, um Wasser brauchte sich der Trupp keine Sorgen zu machen. Noch bevor sie das Wäldchen erreichten, begann ein fürchterliches Gewitter. Es goß in Strömen, und im Nu waren alle bis auf die Haut durchnäßt. Die Rüstungen boten einen guten Schutz gegen feindliche Waffen, gegen diese Regenmassen waren sie jedoch völlig nutzlos.

Entschlossen galoppierten Alessandra und ihre 50 Ritter in den kleinen Wald hinein, um wenigstens den Blitzen, die pausenlos vom Himmel herabfuhren, kein Ziel mehr zu bieten. Die Baumkronen boten auch einen gewissen Schutz gegen den peitschenden Sturm und hielten wenigstens etwas von dem Regen ab.

Die Reiter stiegen ab und duckten sich unter den Bäumen, die scheuenden Pferde gut festhaltend. Sonst wären sie bestimmt durchgegangen, denn es war das reinste Weltuntergangswetter. Knallend fuhr Blitz auf Blitz vom Himmel herab und tauchte das Land jeweils für Sekundenbruchteile in magisches, rosa-violettes Licht.

Alessandra zog den Helm ab, wischte sich das Wasser aus den Augen und sah sich um. Es waren kaum mehr als ein paar Dutzend Bäume, die hier standen. In der Mitte war eine Felsgruppe, aus der tatsächlich eine kleine Quelle entsprang. Jetzt sprudelte aus ihr das Wasser nur so heraus, aber bald würde sie wohl wieder nur tröpfeln. Immerhin war es wohl genug für das Gestrüpp hier. Sie stieß Ritter Ralph, den Hauptmann, an, um ihn darauf aufmerksam zu machen. Als dieser Alessandras Blick folgte, fuhr ein gewaltiger Blitz mitten in die Felsen. Ein Stromstoß durchzuckte die Männer und die Pferde, und der krachende Donner machte alle für einen Moment taub. Auch Alessandra fuhr erschrocken zusammen. Und plötzlich bewegte sich der Felsen. Er wurde beiseite geschoben, und eine Hand kam zum Vorschein. Alessandra glaubte zu träumen, aber als sie Ralphs Entsetzensschrei hörte, wußte sie, daß er dasselbe sah. Der Klauenhand folgte ein langer, in der Nässe schimmernder Arm, dann der Oberkörper. Es war der Leib eines Ungeheuers, eines lebenden Leichnams. Auf dem skelettiert wirkenden Körper saß ein insektenhafter Kopf, dem neben den Fühlern noch ein Armpaar entwuchs. Dann schob sich das Ungeheuer ganz ins Freie. Alessandra schrie auf, als sich dahinter ein weiteres Monster aus dem Untergrund hervorarbeitete. Wie viele mochten es wohl sein? Die Ritter waren aufgesprungen und hatten ihre Schwerter gezogen, doch da krachte ein weiterer Blitz herab und traf einen von ihnen. Er leuchtete kurz in unirdischem Licht auf, dann verkrampfte er sich und brach langsam zusammen.

Insgesamt drei Ungeheuer hatten sich aus ihrem unterirdischen Reich befreit und standen nun vor den Felsen. Alessandra, die bereit gewesen war, sich mit ihrem Schwert auf die insektenhaft wirkenden Dämonen zu stürzen, zögerte. Diese Ungeheuer wirkten irgendwie orientierungslos. Sie tappten unsicher herum und sahen mit ihren Facettenaugen mal hierhin, mal dorthin, soweit man das überhaupt sagen konnte.

Ob das die Lunaloc-Dämonen sind, vor denen Isini uns gewarnt hat?, fragte die Prinzessin sich.

Dann wandten die Dämonen sich einander zu. Ein weiterer Blitz fuhr in das Wäldchen und zeichnete die Konturen der Bäume, der Felsen und der drei Ungeheuer in grellem Licht. Der Donnerschlag ließ die Ritter erbeben, und die Pferde gingen nun endgültig durch. Doch es bemerkte keiner. Alle Aufmerksamkeit war auf die drei Dämonen gerichtet. Diese schienen sich nun zu besprechen. Einer deutete auf die 50 Ritter und Alessandra. Und dann verlor einer der Ritter die Nerven und stürmte mit einem wilden Schrei und vorgestreckten Schwert auf die Drei zu. Die anderen wurden davon mitgerissen. Alles bis auf die Prinzessin. Sie wollte die Männer zurückhalten. Doch es war zu spät.

Der vorderste Ritter holte weit aus und ließ dann sein Schwert mit aller Wucht auf einen der Dämonen krachen. Dieser wurde von der Wucht des Schlages weggewischt, jedoch anscheinend nicht verletzt. Er erhob sich wieder, und zu dritt stürzten sie sich nun ihrerseits auf die Ritter. Es entstand ein wüstes Gerangel, bei dem die Dämonen, obwohl waffenlos, einen Ritter nach dem anderen erbarmungslos zusammenschlugen. Alessandra brüllte den Befehl, sich zurückzuziehen, aber keiner hörte auf sie. Einer der Ritter hatte zufällig die schwache Stelle der Riesenameisen gefunden und eine von ihnen geköpft. Die anderen Ritter waren vor Angst und Panik in einem wahren Blutrausch. Die Gegner ließen nicht voneinander ab, bis alle drei Dämonen tot waren.

Ebenso plötzlich, wie das Gewitter begonnen hatte, endete es auch wieder. Die Sonne kam hinter den dunklen Wolken hervor und schickte ihre Strahlen auf die Kampfszene. Die drei Dämonen lagen tot am Boden. Alessandra wunderte sich, daß sie rotes Blut hatten. Grünes wäre ihr passender erschienen. Dann sah sie sich ihre Männer an. Zwei waren tot, einer lag im Sterben, vierzehn waren schwer und fast der gesamte Rest zumindest leichtverletzt.

Ritter Ralph kam keuchend auf sie zu gehumpelt und stöhnte: "Hoheit. Seid Ihr unverletzt?"

Alessandra biß die Zähne zusammen. Schon einmal hatte eigenmächtiges Handeln einer ihr unterstellten Truppe eine Katastrophe ausgelöst. Sie stieß Ralph zur Seite, stemmte die Fäuste in die Hüften und rief mit wütender Stimme: "Ihr seid mir eine schöne Eskorte. Wer hat euch den Angriff befohlen? Und wo habt ihr Kämpfen gelernt? Ihr habt euch drangestellt wie Rekruten. Tote und Schwerverletzte hat es gegeben wegen eurer Undiszipliniertheit. Ich werde euch alle zum Weißen Schloß zurückschicken. Ihr seid mir keine Hilfe bei meinem Kampf für Elysiss."

Diese Worte trafen die Soldaten noch härter als die Prügel, die sie hatten einstecken müssen. Ritter Ralph sagte kleinlaut: "Unser Handeln war unverzeihlich, Hoheit. Aber Ihr dürft uns nicht zurückschicken. Jeder von uns ist bereit, ohne zu zögern sein Leben für Euch zu geben. Es könnte weitere Gefahren geben, und ein zweites Mal werden wir nicht versagen. Das schwöre ich bei meiner Ehre."

Alessandras Wut war schon wieder verraucht. Ihre harten Worte taten ihr sogar leid, denn immerhin hatten die Ritter ja geglaubt, sie beschützen zu müssen. Sie lief zu den Verletzten und half nun, ihre Wunden zu versorgen. Sie sagte: "Also gut. Ich glaube, ihr habt daraus gelernt. Aber die Schwerverletzten müssen zurück. Unbedingt. Und ein paar der heil Gebliebenen müssen mit, um unterwegs auf sie aufzupassen."

Sie blieben noch zwei Tage an dieser Stelle, um die Schwerverletzten transportfähig zu machen, dann teilte sich der Zug. Nur zwölf Ritter begleiteten Alessandra, der ganze Rest mußte ins Weiße Schloß zurückkehren. Als Alessandra ihnen nachsah, kamen ihr die Leute vor wie geprügelte Hunde, die sich davonschlichen. Mitleid kam in ihr auf, aber es war das Beste. Viele der Ritter würden für längere Zeit ärztlicher Behandlung bedürfen. Sie konnte sie unmöglich bei sich behalten.


"Da, Prinzessin. Seht!"

Es war etwa eine Woche später, und Ritter Ralph deutete aufgeregt nach vorne. Deutlich zeichneten sich dort in nördlicher Richtung einige Hütten und Häuser gegen den Horizont ab. Daneben schien es auch ein paar Felder zu geben. Sie waren Alessandra schon vorher aufgefallen, und sie hatte sich gefragt, ob hier wirklich Menschen lebten. Nun, es war tatsächlich so. Sie hatten ein bewohntes Dorf gefunden. Beim Näherkommen zeigte sich, daß das Dorf immerhin aus zwei Dutzend Häuschen bestand. Man konnte es gut überblicken.

Auf dem zentralen Platz gab es einen nicht zu übersehenden Menschenauflauf. Ein Mann auf einem Pferd schien erregt auf die Umstehenden einzureden. Alessandra und Ralph warfen sich fragende Blicke zu, dann ließen sie ihre Pferde antraben, und erreichten nach wenigen Minuten den Rand des Dörfchens.

Als der Reiter in der Mitte des Platzes des sich nähernden Trupps ansichtig wurde, verstummte er und beobachtete das Näherkommen der wahrscheinlich ungebetenen Fremden mißtrauisch.

Alessandra und ihre Ritter hielten schließlich an. Die Prinzessin wollte gerade zu einer Begrüßung ansetzten, als der andere Reiter seine Stimme erhob: "Ich bin Graf Willard von Allheim, Sohn des großen und weisen Herrmann von Allheim. Und ich bin auf der langen, großen und schicksalsentscheidenden Suche nach der Goldenen Königin. Habt ihr sie vielleicht gesehen?"

Alessandra fragte sich unwillkürlich, ob dieser komische Graf noch alle beieinanderhatte. Sie kannte das Geschlecht derer von Allheim. Sie waren Untertanen des Weißen Königs und stammten aus dem Norden des Weißen Reiches, nicht mal einen Tagesritt von der Hauptstadt entfernt. Dort hatten sie an einem kleinen Flüßchen ein kleines Schlößchen und ein schnuckeliges, sauberes kleines Städtchen, das der Graf verwaltete. Zu sagen hatte er nichts, er war im Grunde nur ein etwas höhergestellter Untergebener des Königs. Nur seinen pompösen Titel hatte er behalten dürfen, damals, als der legendäre erste Weiße König sein Reich geeint hatte. Die Prinzessin erinnerte sich auch daran, daß der alte Graf einen Sohn hatte, von dem man sich unter der Hand erzählte, er sei ein bißchen weltfremd und schrullig. Nun, offenbar war das weit untertrieben. Willard war allem Anschein nach aus seiner kleinen Grafschaft noch nie herausgekommen, wenn er die legendäre Kriegerprinzessin Alessandra nicht erkannte, auch wenn sie und ihre Eskorte sicherheitshalber keine Wappen trugen.

Und schon redete der kleine Graf weiter: "Ihr habt doch sicher schon von der Goldenen Königin gehört. Sie wird vom Himmel herabsteigen und allen Menschen Frieden und uns Grafen von Allheim unseren Besitz wiederbringen. Wißt Ihr wohl, wo ich sie finden kann?"

Alessandra konnte sich das Lachen nun nicht mehr verkneifen, was ihr einen verweisenden Blick von Willard eintrug. Sie wollte sie entschuldigen, doch wieder wurde sie vorher unterbrochen, diesmal von einem der beiden Begleiter des Grafen. Es war ein recht großer und ziemlich fetter Typ mit einfältigem Gesicht. Er sagte mit heller Fistelstimme: "Es geziemt sich nicht, über seine Excellenz zu lachen, Fremde. Seine heilige Mission ist von großem Ernst durchdrungen."

"Seine Excellenz?" echote Alessandra. "So, so. Nun, Eure Excellenz, dann wünsche ich Euch viel Glück bei der ... äh ... schicksalsentscheidenden Suche nach der Goldigen Königin."

"G ... Goldig?!", hustete der Graf. Vor Empörung überschlug sich seine Stimme, dann ließ er einen wüsten Stapel von Beschimpfungen vom Stapel, drohte der Prinzessin mit ewiger Verdammnis und fuchtelte mit seinem Schwert wild in der Luft herum. Alessandra beschloß, diesem kauzigen jungen Grafensohn eine Lektion zu erteilen, bevor er zu einer Gefahr für sich selbst wurde. Sie gab Phobos die Sporen, zückte ihr Schwert und hob dann Willard mit einem einzigen flachen Hieb aus seinem Sattel. Mit einem lauten Aufschrei landete er im Staub.

"Na, Willard", höhnte sie von oben herab. "Was sagt ihr jetzt!"

Willard erhob sich taumelnd aus dem Sand und blickte sich um. Immer noch stand das ganze Dorf um ihn herum und beobachtete das groteske Schauspiel mit steigender Erheiterung. So etwas hatte man hier garantiert noch nie gesehen. Ein paar Leute waren in ihre Hütten geeilt, hatten sich etwas zu Essen und ein paar Sitzkissen geschnappt und machten es sich jetzt wieder draußen bequem. Sie hofften, daß noch mehr passieren würde.

Willard wurde erst weiß, dann knallrot. Wütend starrte er Alessandra an, dann hob er sein Schwert auf und steckte es mit einem entschlossenen Ruck ein. Dabei landete es auf dem Boden, denn der Graf hatte die Scheide verfehlt. Er machte ein Gesicht, als wollte er gleich anfangen zu weinen, dann bückte er sich wohl oder übel erneut und hob es auf. Diesmal gelang es ihm, es einzustecken.

"Graf Willard von Allheim, so so", spottete Alessandra von ihrem Roß herunter. "Graf Trottel wäre wohl passender."

"Ich werde Euch für Euren Hochmut bestrafen. Wer seid Ihr überhaupt, daß Ihr es wagt, einem Grafen entgegenzutreten!", kreischte Willard. "Sicher nur gemeiner Pöbel. Kein Umgang für Uns!" Daß Alessandra eine Eskorte von immerhin 12 Rittern bei sich hatte, schien ihn nicht im Geringsten zu interessieren.

"Soll ich diese unverschämte Frau für Euch bestrafen, Excellenz?", fragte Willards zweiter Begleiter, ein schlaksiger Jüngling, der ein viel zu großes Schwert trug.

"Nein, Edler Meller, nein. Ein echter Graf läßt sich nicht mit dem gemeinen Pöbel ein. Lebt wohl, Ihr!"

"Pöbel!", rief da empört Ritter Ralph. "Das ist ..."

"Sssscht!", zischte Alessandra. "Wir vom gemeinen, äh, Pöbel wollen doch nicht einen echten Grafen, noch dazu eine Excellenz, belehren."

"Sehr wohl, Prin ... äh, äh ... Dings." Etwas Anderes fiel Ralph auf die Schnelle nicht ein, und es war ihm ziemlich peinlich. Willard und seine zwei Begleiter merkten davon allerdings nichts.

Einer der Dorfbewohner biß herzhaft in einen Apfel und blickte Willard auffordernd an: Wie, das war alles?, schien er sagen zu wollen. Willard zuckte leicht zusammen, dann aber schritt er würdevoll zu seinem Pferd, stieg etwas ungeschickt auf und sagte zu seinen Begleitern: "Kommt. Hier verschwenden wir nur unsere Zeit. Wir werden die Goldene Königin woanders suchen. Nicht bei diesem ... Plebs!"

Kopfschüttelnd sahen Alessandra und ihre Ritter den Grafen davonreiten, gefolgt von seinen zwei seltsamen Begleitern.

Wie drei Zirkusclowns, dachte Alessandra bei sich. Fehlen nur noch die Pappnasen. Sie mußte sich zusammennehmen, um nicht laut aufzulachen. Die Dorfbewohner hingegen waren enttäuscht. Doch sie sollten sehr schnell auf etwas andere Weise noch auf ihre Kosten kommen.

Aus dem Dorfbrunnen drang auf einmal ein seltsames Kreischen und Brummen. Die Menschen zuckten zusammen, und der Prinzessin kam eine schreckliche Ahnung. "Vorsicht!", rief sie und zog ihr Schwert. Sie galoppierte auf den Brunnen zu, doch noch bevor sie dort ankam, kletterte schon ein Dämon daraus hervor.

Alessandra hatte nie etwas Ähnliches gesehen. Das Wesen war mindestens drei Meter hoch, in den Schultern zwei Meter breit, unglaublich fett und massig, und hatte einen kugelrunden Kopf. Darin saßen auf der rechten Seite zwei Augen untereinander, auf der linken Seite eine fleischige Nase, nur der gewaltig große Mund war an seinem normalen Platz. Auffällig waren besonders die tiefen keilförmigen Narben überall auf dem Körper des Riesen.

Das Monster öffnete seinen riesigen Mund nun und dröhnte: "Lunaloc. Lunaloc!" Aus dem Brunnen fielen weitere Stimmen ein.

Einen Moment lang fragte sich Alessandra, wie dieser Fleischberg aus einem Brunnenschacht gekommen sein konnte, der selbst höchstens einen Meter Durchmesser hatte, da kam das nächste Ungeheuer hervorgeklettert. Es ähnelte ein bißchen den Riesenameisen aus dem Wäldchen, hatte aber keine Facettenaugen, sondern menschliche. Auch dieses Wesen kreischte "Lunaloc, Lunaloc!"

Eine weitere Kreatur kam aus dem Brunnen hervorgeklettert. Alessandra war sprachlos. Alles hatte sie erwartet, aber nicht diesen wunderschönen Schmetterling. Fasziniert musterte sie die zarten pastellblauen und violett gemusterten Flügel, die großen, ausdrucksstarken Augen und den zerbrechlich wirkenden Körper.

Der Schmetterling erwiderte Alessandras Blick einen Moment lang, und ein ganz eigenartiges Gefühl durchflutete die Prinzessin. Sie zuckte zusammen, als sie hinter sich Waffenlärm hörte, und drehte sich hastig nach ihren Rittern um. Alle hatten die Hand am Schwert, doch diesmal waren nicht sie es, die die Disziplin gebrochen hatten, sondern die Dorfbewohner. Mit Knüppeln, Heugabeln, Sensen und sogar abgebrochenen Stuhlbeinen waren sie drauf und dran, gegen die Lunaloc-Dämonen loszugehen. Doch dann hielten sie plötzlich inne und blieben wie angewurzelt stehen. Irgend etwas hatte ihnen auf einmal den Angriffswillen geraubt. Unschlüssig standen sie herum. Einige betrachteten ihre Waffen, als sähen sie sie zum ersten Mal in ihrem Leben, andere starrten blicklos irgendwohin. Alessandra folgte den Blicken und erkannte, daß es der Schmetterling gewesen sein mußte, der die wütenden Menschen zur Ruhe gebracht hatte. Sein zarter Blick hatte gereicht, den tobenden Mob zum Stehen zu bringen.

Der Schmetterling flatterte nun auf Alessandra zu. Die Prinzessin erkannte, daß es sich um eine Schmetterlingsfrau handelte, wenn es so was überhaupt gab. Ihr Körper war sehr zart, aber menschlich proportioniert. Eigentlich erinnerten nur die großen Flügel, die Fühler und die farbenfrohen Muster auf ihrem Körper an ein Insekt. Es war nicht zu erkennen, ob dieses Wesen nackt oder bekleidet war, aber Alessandra hatte den Eindruck, daß das, was wie Kleider aussah, in Wirklichkeit eine Art Bemalung war, die die Schmetterlingsfrau selbst hervorgebracht hatte. Sie wunderte sich über diesen Gedanken, er erschien ihr in dieser Situation äußerst unpassend.

"Wir müssen nach Lunaloc", stellte die Schmetterlingsfrau entschieden fest, dann wandte sie sich an die beiden Ungeheuer und sagte: "Kommt, Brüder."

"Warte!", rief Alessandra. "Sage mir wenigstens, wie du heißt."

"Coco. Mein Name war Coco."

"War?" echote Alessandra. Was sollte diese Antwort nun wieder bedeuten? Verwirrt blickte sie sich um. Die ganze Szene war irgendwie irreal. Die so gefährlich aussehenden Monster machten keinerlei Anstalten zu Feindseligkeiten. Sie wollten nach Lunaloc, das war alles. Wenn man sie in Frieden ziehen ließ, war alles in bester Ordnung. Und Alessandra war durchaus gewillt, sie gehen zu lassen.

Willard aber war es nicht. Mit einem urgewaltigen Kampfschrei kam er plötzlich herangestürmt. Auf einmal sah er gar nicht mehr komisch aus, wie er mit gezogenem Schwert auf den größeren der beiden Unholde zu galoppierte. Ein Unglück war unausweichlich.

"Neiiin!", schrie Alessandra. Phobos machte einen gewaltigen Sprung, und der Prinzessin gelang es, den Grafen aus der Bahn zu werfen, bevor er von dem Dämon zerquetscht werden konnte. Denn daß er gegen diese Ungeheuer keine Chance hatte, daran zweifelte Alessandra keine Sekunde, nach den Erfahrungen, die sie bereits hatte machen müssen.

Zusammen mit Willard rollte sie über den Boden, aber es gelang ihr nicht, ihm das Schwert zu entwinden. Er hielt sich daran fest wie ein Ertrinkender. Wütend hieb er mit der freien Hand auf Alessandra ein, was dieser dank ihrer Rüstung allerdings nicht viel ausmachte. Doch schließlich entwischte ihr der Graf. Sie sprang auf - und prallte gegen ihn, denn er war plötzlich stehengeblieben.

"Was ... was ist denn jetzt?"

Die Erklärung war allerdings einfach, und sie sah sie, als sie um Willard herumschaute.

Coco hatte sich vor ihn gestellt und ihn auf ihre seltsame Art angeblickt. Und wie vom Donner gerührt stand er nun da, der tapfere kleine Graf. Als der Schmetterling und die beiden Ungeheuer nach Norden davonmarschierten, sah er ihnen wortlos nach, bis sie hinter einer Baumgruppe verschwanden.

Irgendwann kam Willard wieder zu sich. Erneut bestieg er sein Pferd und ritt dann mit seinen Gefährten davon, wortlos, hinaus in die Steppe. Alessandra sah ihnen noch lange nach, bis sie außer Sicht gerieten.


Die Prinzessin und ihre Eskortesoldaten wurden in dem Dorf, das von seinen Bewohnern Cidr genannt wurde, herzlich willkommen geheißen, was sicher auch damit zu tun hatte, daß sie gut bezahlten. Goldmünzen wurden überall auf der Welt gerne genommen. Die Ritter wurden zu zweit oder dritt in passende Räume einquartiert, Alessandra durfte das Hauptgebäude beziehen. Im Grunde war es nur eine Hütte mit einer Feuerstelle, aber für eine ruhige Nacht allemal gut genug.

Die Dorfbewohner versorgten auch die Pferde, dann wurde an der großen Feuerstelle auf dem Dorfplatz das Abendessen bereitet. Trotz der ärmlichen Umgebung herrschte hier ein überraschender Wohlstand.

Alessandra und ihre Eskorte blieben noch einen weiteren Tag, dann brachen sie auf, weiter nach Westen. Die Zeit drängte. Schließlich waren sie unterwegs, um Elysiss beizustehen, und Alessandra hätte es sich nie verziehen, wenn sie aufgrund ihrer Bequemlichkeit zu spät kommen würde.

Und so ging es weiter. Viele Tage zog der Trupp entlang der südlichen Grenze des karolingischen Reiches. Die Wege waren schlecht, oft gab es gar keine, und es war schwer zu sagen, wo genau man sich gerade befand. Manchmal fanden sie ein Dorf oder ein paar Hütten. Überall konnten die Leute von Lunaloc-Dämonen berichten. Meist waren die Begegnungen friedlich verlaufen, doch nicht immer. Ein Dorf fand Alessandras Trupp völlig zerstört vor, in zwei weiteren hatte es heftige Kämpfe mit vielen Toten gegeben. Die Prinzessin war zunehmend beunruhigt über diese Entwicklung, und sie beschloß, sich darum zu kümmern, sobald sie ihre Mission erfüllt hatte. Immerhin waren Isinis Warnungen mehr als eindringlich gewesen.


"Halt! Da liegt einer."

Ritter Ralph deutete auf einen reglos im Sand liegenden Körper. Alessandra ritt hin, stieg dann ab und drehte den Mann um.

"Tot."

Der Tote wies schwere Verletzungen auf, vor allem tiefe Kratzer, Schnitte und Bißwunden. In der einen Hand hielt er noch ein Messer, dessen Klinge vorne abgebrochen war.

"So, wie es aussieht, muß er wohl gegen einen dieser Dämonen gekämpft und verloren haben", meinte Alessandra.

Einer der Ritter machte sie auf die Spuren aufmerksam. Hier hatten nicht nur zwei Wesen gekämpft. Es mußten mehrere Pferde, ziemlich viele Menschen und einige Bestien gewesen sein, die hier zusammengetroffen waren. Nachdenklich sah Alessandra den Spuren nach. Sie verloren sich in der Ferne. Da die Richtung ungefähr mit der übereinstimmte, in die sie selber mußten, beschloß sie zu versuchen, die Leute einzuholen. Nach einer letzten, gründlichen Untersuchung des Kampfplatzes saßen die Ritter wieder auf und ritten teils im Trab, teils im Galopp dem vorgezeichneten Weg nach.

Am Nachmittag trafen sie auf einen weiteren Kampfplatz. Hier lagen zwei tote Männer sowie eine Frau und ein kleiner Junge. Beide lebten noch, lagen aber im Sterben. Alessandra half ihnen, so gut sie konnte, wohl wissend, daß sie ihnen damit höchstens das Sterben etwas erleichtern konnte.

Die Frau war noch ansprechbar. Mit heiserer Stimme flüsterte sie: "Herrin. Folgt nicht dem Zug der Verzweifelten. Selbst der König konnte uns nicht gegen die Ungeheuer beschützen." Sie hustete heiser und rang nach Atem.

"Der König? Karl?"

"Nein, es war ..."

Ihre Augen brachen. Alessandra biß die Zähne zusammen.

Sie ließ die Toten begraben. Auch der kleine Junge war gestorben. Sie würde nun nicht mal erfahren, ob er der Sohn der Frau gewesen war. Auf jeden Fall beerdigten sie ihn neben ihr.

"Wir reiten weiter. Vielleicht schaffen wir es noch vor Einbruch der Nacht."

"Aber bedenkt die Gefahr, Hoheit! In der Nacht sind die Lunaloc-Dämonen noch gefährlicher."

"Die Toten, die wir bisher gesehen haben, waren allesamt unbewaffnete Zivilisten. Wir aber sind Ritter und gut bewaffnet", erwiderte die Prinzessin entschlossen. "Außerdem kennen wir die Gefahr inzwischen recht gut. Das wird uns helfen!" Dann schwang sie sich wieder in den Sattel und galoppierte davon.

Kurz nach Sonnenuntergang hörten sie den Lärm einer Schlacht.

Rot zeichnete sich ein großes Feuer gegen den tief dunkelblauen Himmel ab. Alessandra preßte die Lippen aufeinander. Diese Szene erinnerte sie an die brennenden Städte während des arcadischen Krieges.

Allerdings brannte diesmal, wie sie kurz darauf beim Näherkommen feststellen konnten, keine Stadt, sondern zum Glück nur einer der strohtrockenen Wälder. Und überall wurde gekämpft. Es war nicht zu überblicken, wie viele Dämonen angriffen und wie viele Menschen verzweifelt um ihr Leben fochten, denn das Schlachtfeld durchzog den ganzen Wald. Überall in dieser feuererfüllten Kulisse des Weltuntergangs wurden kleine Gruppen von nur mit Knüppeln oder brennenden Ästen bewaffneten Menschen von Dämonen angegriffen. Das Schreien und Stöhnen der Verwundeten, das Brüllen der Ungeheuer, das Prasseln der Flammen vermischten sich zu einem Szenario aus einem Alptraum. Wie eine Rachegöttin stürzte sich Alessandra auf den nächsten Dämonen und hieb ihn mit einem einzigen Schwertstreich in zwei Stücke. Stöhnend sank das Wesen zu Boden und versuchte ein letztes Mal, die wehrlosen Leute anzugreifen, bevor es sein Leben endgültig aushauchte. Alessandra galoppierte weiter, zur nächsten Kampfgruppe. Auch ihre Ritter taten ihr Bestes, den hilflosen Menschen - wahrscheinlich Nomaden oder Bauern - zu helfen. Eine wilde Schlacht entbrannte. Die grauenvollen Dämonen erkannten bald, daß sie es mit einem neuen, mächtigen Feind zu tun hatten, und stürzten sich voller Fanatismus auf die Ritter und die mutige Prinzessin.

Bald schon sah diese sich von mehreren Dämonen umzingelt. Ihre Ritter waren ebenfalls in wilde Kämpfe verwickelt und konnten ihr nicht helfen. Sie gab Phobos die Sporen, und mit einem mächtigen Satz sprang dieser über die Köpfe der Ungeheuer hinweg. Eines traf er dabei noch mit seinem Huf, und es fiel bewußtlos zu Boden. Doch leider war ein anderes noch schneller gewesen. Es war eine Kreatur mit zwei Beinen und vier langen Tentakelarmen. Einen davon warf es Alessandra um das Fußgelenk und zog sie aus dem Sattel, als Phobos gerade im Sprung war.

Gedankenschnell hieb die Prinzessin den Fangarm ab, aber es war zu spät. Sie landete auf dem Boden, umgeben von mindestens sechs dieser gräßlichen Ungeheuer. Entschlossen, vor ihrem Tod wenigstens noch so viele wie möglich mitzunehmen, bereitete sie sich auf ihren letzten Kampf vor. Mit wilden Schlägen drang sie auf die brüllenden, kreischenden Dämonen ein und traf einen von ihnen. Da wurde sie von hinten gepackt und festgehalten. Ihr Schwert wurde ihr entrissen, dann bauten sich die Ungeheuer vor ihr auf. Die langen Klauen, die spitzen Reißzähne funkelten im Licht der brennenden Bäume. Eines der Wesen holte zum tödlichen Schlag aus - und brach selbst tot zusammen, getroffen von einem mächtigen Schwerthieb. Die anderen fuhren herum, doch der fremde Ritter - war es der König, von dem die sterbende Frau gesprochen hatte? - war schneller. Er tötete vier der Kreaturen. Die anderen flohen.

Er sah ihnen nach, dann wandte er sich wieder Alessandra zu.

"Jetzt sind wir quitt, glaube ich." Er schob sein Visier hoch und grinste die Prinzessin fröhlich an.

"Nuitor!" Mit allem hätte Alessandra gerechnet, nur nicht damit, den neuen arcadischen König hier wieder zu treffen.

"Ja. Und ich bin hier, um mit dieser Brut aufzuräumen. Es gibt eine alte Prophezeiung, daß die Dämonen des Mondes die Welt bedrohen, wenn es ihnen gelingt, ihre Heimat Lunaloc zu erreichen. Und Lunaloc soll hier irgendwo sein. Hier, im Ödland."

Alessandra wollte etwas erwidern, doch aus den Augenwinkeln sah sie, wie einer der Dämonen von hinten Nuitor anfallen wollte. Sie warf sich vor, stieß den König zur Seite und tötete das Ungeheuer.

"2 zu 1 für mich", stellte sie fest und lachte glockenhell auf. Die Anwesenheit von Nuitor versetzte sie in Hochstimmung. "Das ist also der Grund, warum Ihr Euch hier herumtreibt", stellte sie fest. Nuitor nickte lächelnd. Dann stürzten die beiden sich wieder ins Getümmel.

Dennoch dauerten die Kämpfe die ganze Nacht und endeten erst, als das letzte Ungeheuer tot oder geflüchtet war. Aber auch unter den Menschen hatte es viele Tote gegeben. Einige waren verbrannt oder im Rauch erstickt, die meisten aber von den Lunaloc-Dämonen getötet worden. Auch unter den Rittern Alessandras hatte es Verluste gegeben. Zwei waren so schwer verwundet worden, daß die Prinzessin sie nach Hause zurückschicken mußte, in Begleitung weiterer zwei Männer. Blieben nur noch acht - und der arcadische König, der allerdings allein unterwegs war. Das war sehr mutig. Es gefiel Alessandra immer besser.


Die Menschen ruhten sich den ganzen Tag und auch den folgenden aus. Dann machten sich die Bauern, die vor den Dämonen geflüchtet waren, auf den Weg zurück in ihre Dörfer.

Alessandra und Nuitor unterhielten sich über ihre weiteren Pläne. Die Prinzessin weigerte sich, dem König bei seiner Suche nach Lunaloc, dem Versammlungsplatz der Monddämonen, zu helfen. Sie betrachtete ihre Aufgabe als vordringlich. Und so trennten sich die Wege der beiden wieder einmal. Doch diesmal fiel der Abschied beiden sichtlich schwer. Nach den vielen Schwierigkeiten, die sie miteinander gehabt hatten, verband sie nun doch so eine Art Zuneigung. Oder vielleicht sogar noch etwas mehr.


Endlich näherte die Prinzessin sich der Stelle, die Isini auf der Karte markiert hatte.

"Hier irgendwo muß es sein", murmelte sie zu sich selbst. Sie sah sich aufmerksam um und verglich die Geländemerkmale mit den Symbolen auf ihrer Karte. Hier an der Nordgrenze der Steppe mußte der Ort irgendwo sein.

Es war kurz vor Sonnenuntergang. Ritter Ralph drängte darauf, das Nachtlager aufzustellen. Sie hatten gerade einen kleinen Bach überquert, eine günstige Stelle für ein Lager. Doch Alessandra war von einer seltsamen Unruhe erfüllt. Schließlich willigte sie ein, sagte aber: "Ich werde mich hier noch ein wenig umsehen. Baut Ihr derweil die Zelte auf." Mit diesen Worten schwang sie sich erneut in den Sattel und trabte davon.

Die Landschaft hier, weit im Westen, war nicht mehr so eintönig wie zuvor. Es gab Hügel und ausgedehnte, wenngleich recht lichte Wälder. Allerdings war das Land immer noch trocken. Seen hatte Alessandra überhaupt keine entdeckt, und der größte Fluß, den sie überquert hatten, war so schmal gewesen, daß man hätte darüber springen können. Die Weiße Prinzessin ließ Phobos auf einen Hügel in der Nähe steigen. Oben angekommen, sah sie sich aufmerksam um. Eine seltsame Energie schien in der Luft zu liegen, wie vor einem Gewitter. Doch der Himmel war sternenklar. Der Abendstern stand dicht über dem Horizont, und die untergehende Sonne schickte ihre letzten Strahlen über die Steppe. Irgendwo weit weg heulte ein Wolfsrudel. Alessandra glaubte, die Silhouette eines der Tiere in der Ferne ausmachen zu können.

Weit und breit war nicht die geringste Spur menschlicher Zivilisation zu entdecken. Wahrscheinlich zog hier nicht öfter als alle paar Jahre eine Wüstenkarawane nach Norden, um mit den Städten Karls Handel zu treiben. Ständige Bewohner gab es keine.

Unten hatten die Ritter derweil ein Feuer entzündet und begannen nun, Tee und Suppe zu kochen. Die Pferde tranken am Bach, einige weideten das trockene Gras ab, das an einigen Stellen wuchs. Es schien ihnen zu schmecken.

Aber irgend etwas stimmte nicht an diesem friedlichen Bild. Irgendwo lauerte etwas. Waren es weitere Dämonen?

Alessandra zuckte zusammen, als am Rande ihres Blickfeldes etwas aufleuchtete, nur ein kurzer, heller Schemen, vielleicht nur eine Einbildung. Doch die Prinzessin war alarmiert. Ohne weiter nachzudenken, gab sie Phobos die Sporen und galoppierte in die Richtung, aus der sie das Leuchten gesehen zu haben glaubte.

Ein Summen lag in der Luft, als Alessandra näherkam. Dann ertönte ein seltsames Zischen, und wieder leuchtete es hinter einem der Hügel auf. Alessandras Haare stellten sich auf, als wären sie elektrisch geladen. Phobos tänzelte nervös hin und her und weigerte sich schließlich weiterzugehen. Als Alessandra abstieg, zuckten kleine Fünkchen über den Sattel. Die Prinzessin schlich vorsichtig zu Fuß weiter. Eine Hand hatte sie immer am Griff ihres Schwertes, mit der anderen schob sie Äste und Büsche beiseite, die ihr im Weg waren.

Sie schlich mit aller Vorsicht um eine letzte Felsgruppe, und dann sah sie es: In einem Talkessel schwebte eine leuchtende Gestalt mit entgegen der Schwerkraft nach oben wallenden Haaren, eingehüllt in eine grünlich-gelbe Energieaura, über die immer wieder blaue und schwarze Blitze zuckten, wenn sie getroffen wurde. Der Angreifer war nur schemenhaft erkennbar, ein tiefschwarzer nebelhafter Schatten, der die Wände des Tals entlanghuschte und immer wieder auf das Wesen im Zentrum feuerte. Ab und zu schossen helle Energieblitze aus der Aura heraus zurück in die Felswände und erzeugen dieses seltsame Wetterleuchten, das Alessandra hergelockt hatte.

Die Gestalt in der Aura drehte sich langsam um ihre Achse. Zuerst hatte sie der Weißen Prinzessin den Rücken zugekehrt, doch dann drehte sie sich weiter und wandte Alessandra schließlich das Gesicht zu. Sie zuckte zusammen, als sie sie erkannte. Es war niemand anderes als die gute Fee Elysiss. Sie hatte sich in eine strahlende Energiegestalt verwandelt, vermutlich, um den Angriff des schwarzen Schattens abzuwehren. Wieder ging eine Serie von schwarzen Blitzen auf die Aura nieder, die sich nun für endlose Sekunden mit einem Netz feiner schwarzer Linien überzog, wie ein Glas unmittelbar vor dem Zerspringen. Alessandra erkannte, daß die Niederlage von Elysiss unmittelbar bevorstand. Fieberhaft überlegte sie, was sie jetzt tun sollte. Was konnte sie gegen die magischen Kräfte, die hier am Werk waren, schon ausrichten? Aber die Prinzessin war wild entschlossen, ihrer Elysiss irgendwie zu helfen, und wenn sie sich dafür selbst opfern mußte.

*

Nuitor hielt den Kompaß hoch. Es war kein gewöhnlicher Kompaß. Ein seltsamer alter Magier namens Boran hatte ihn ihm zusammen mit dem geheimnisvollen Mondstein übergeben, um Lunaloc zu finden. Zumindest hatte der arcadische König das so verstanden. Und nun vibrierte die feine Nadel, die angeblich aus reinem Astralgraphit hergestellt war, heftig unter der Quarzscheibe, und pendelte sich schließlich in einer Richtung ein. Lange, viel zu lange schon war der König nun schon auf der Suche. Oft hatte er an der Wirkung des Zauberkompanden gezweifelt, doch nun war das Signal eindeutig. Er löschte hastig das Lagerfeuer, packte seine Sachen ein und bestieg sein Pferd. Er gab ihm die Sporen und galoppierte los.

Es wurde Abend, dann Nacht. Aber die Graphitnadel leuchtete in einem seltsamen, schwarzen Licht, wie es nie zuvor eines Menschen Auge erblickt hatte. Sie wies dem König den Weg.

Das Land wurde hügelig und damit unübersichtlich. Doch als Nuitor das Wetterleuchten hinter den Hügeln sah, da wußte er endgültig, daß er auf dem richtigen Weg war. Er zog den Mondkristall, den er seit dem Beginn seiner Reise stets an einer Kette um den Hals getragen hatte, hervor. Er war warm geworden, fast schon heiß. Er reagierte auf die Energie, die Lunaloc, das Kraftzentrum des Mondes, verstrahlte.

Vor dem letzten Hügel hielt Nuitor an - unfreiwillig, denn sein Pferd weigerte sich, auch nur noch einen Schritt zu machen.

Vielleicht bist du vernünftiger als ich, dachte der arcadische König bei sich, doch er war entschlossen, der Gefahr entgegenzutreten. Auch in seinem Land wimmelte es inzwischen nur so von Dämonen. Aus alten Brunnen, verwitterten Felsen, ausgetrockneten Quellen und uralten Bäumen kamen sie hervor. Meist bei Vollmond, aber auch sonst. Und es wurden immer mehr. Hunderte hatte man nach schweren Kämpfen schon erschlagen, aber das war ja nur der Anfang. Nur an der Quelle konnte die Gefahr gebannt werden.

Der Zauberer hatten ihm nicht sagen können oder wollen, wie er den Mondkristall gegen die Dämonen einzusetzen hatte. Er würde es vom Kristall selber erfahren, hatte er nur gesagt, bevor er wieder verschwunden war.

Der Kristall war nun so heiß geworden, daß Nuitor die Kette abstreifen mußte. Vorsichtig stieg er über den Hügel und spähte in den Talkessel hinab.

"Aber ... was ...?", entfuhr es ihm unwillkürlich. Was er zu sehen bekam, verwirrte ihn. Dämonen hatte er erwartet, wie sie um ein Feuer tanzten und ihren Götzen anbeteten. Stattdessen schwebte der leuchtende Geist einer uralten Frau, gehüllt in eine Aura, mitten in dem kleinen Tal, und wurde von einem schwarzen Schatten attackiert, der in rascher Folge finstere Energiestrahlen auf die Aura abschoß.

Und dann sprang plötzlich eine Gestalt, ein Ritter, hinter einem Felsen hervor und stellte sich schützend vor die Gestalt. Nuitor wollte es kaum glauben, als er den Ritter erkannte. Es war niemand anderer als Prinzessin Alessandra. Da wurde dem arcadischen König klar, daß er in die Irre geführt worden war. Dies war nicht Lunaloc, sondern eine verdammte Falle ...

Richtig, du kleiner Schlaumeier! dröhnte da die Stimme des schwarzen Schemens in seinen Gedanken.


Alessandra sah erschrocken auf, dann erkannte sie König Nuitor, der wie von Geisterhand durch die Luft schwebte. Allerdings offenbar nicht ganz freiwillig, wie sein Strampeln und Schreien zeigte.

Alessandra! Was tust du!

"Elysiss?" Die Stimme hatte direkt in ihrem Kopf gesprochen. "Elysiss. Sag' wie ich dir beistehen kann!"

Doch die geisterhafte Stimme schwieg. Unsanft landete Nuitor vor Alessandras Füßen. Hastig rappelte er sich wieder auf. Die Prinzessin sah, daß er in einer Hand an einer Kette einen hell strahlenden Kristall trug, von dem ein eigenartiges Pulsieren ausging. Vielleicht - ja ganz sicher konnte der Kristall ...

"Wo ist der schwarze Geist geblieben?", rief sie Elysiss zu. Die Antwort sollte sie sogleich erhalten. Ein schrilles Kichern ertönte, dann packte eine unsichtbare Faust sie und Nuitor und schleuderte sie in hohem Bogen zur Seite. "Der Kristall!" schrie Alessandra dem arcadischen König zu. "Schnell, Nuitor, wirf ihn in die Aura."

Nuitor reagierte blitzschnell. Er warf den glühenden Mondkristall in Elysiss' Energiesphäre.

Ein gellender Schrei ertönte. Die Aura erlosch, dann zuckte ein gewaltiger Blitz von ihr hinüber zu den Felsen. Er hüllte die schwarze Gestalt ein, die sich dabei mehr und mehr aus ihren schemenhaften Umrissen herausschälte. Blitze und Flammen umtosten das Wesen, und ein schriller Schmerzensschrei entfuhr der Gestalt.. Alessandra zweifelte nicht mehr daran, daß dies die geheimnisvolle Schwarze Hexe war. Offenbar war es Elysiss dank des magischen Kristalls des arcadischen Königs gelungen, sie schwer zu treffen.

Ein letzter Strahl durchfuhr donnernd das kleine Tal, dann materialisierte sich der Körper der Schwarzen Hexe endgültig. Er rutschte an einem Felsen herab und blieb reglos unten liegen.

Alessandra wollte auf die Hexe zulaufen, doch die ruhige Stimme Elysiss' hielt sie zurück: "Warte, tapfere, geliebte Alessandra. Die Hexe könnte immer noch gefährlich sein. Laß mich vorgehen."

Mit gezogenem Schwert folgte Alessandra Elysiss. Daß deren Einschätzung richtig war, wurde unmittelbar darauf auf furchtbare Weise bestätigt. Die Schwarze Hexe bewegte sich wieder und hob den Kopf. Als Nuitor sie nun genauer ansah, zuckte er zusammen.

"Die Imperatrice Beata!" entfuhr es ihm. Er war vollkommen fassungslos.

"Du hast recht!" bestätigte Alessandra heiser. Auch sie war total überrascht. Jeden hätte sie hier erwartet, nur nicht die Schwiegermutter ihrer Schwester, deren künstliches Auge tückisch schimmerte.

"Vorsicht", rief Elysiss erneut, als die Imperatrice, die sich in die Schwarze Hexe verwandelt hatte, sich schwankend erhob.

"Verflucht sollst du sein, Elysiss!", rief sie keuchend. "Finsternis soll dich umhüllen für immer und alle Ewigkeit. Du glaubst, du hast gewonnen. Aber du irrst dich. Ha ha ha ha haaa." Sie stieß ein irres Lachen aus. Doch dann sank sie keuchend zusammen.

"Ach?" fragte Elysiss zurück. Sie war jetzt ganz ruhig, obwohl man ihr die Anstrengungen des mörderischen Kampfes deutlich ansah. Ihr einstmals so jugendlicher Körper war alt und ausgemergelt geworden. Aber ihre Stimme war fest. "Die Mondquelle hat mir die Kraft gegeben, deinen letzten, heimtückischen Angriff abzuwehren. Du hast all deine Kraft, die du mir rauben wolltest, verschleudert. Meine Unsterblichkeit wolltest du haben. Jetzt wirst stattdessen du sterben, denn deine Lebensenergie ist endlich verbraucht. Sie war es schon vor Jahren, und nur durch schreckliche Untaten konntest Du genügend Zeit gewinnen für dieses letzte Duell. Und jetzt stirb. Und mit dir soll all das Böse sterben, daß du über andere gebracht hast."

Sie hob ihre Hände, um einen letzten, tödlichen Blitz auf ihre Todfeindin abzufeuern, da öffnete diese ihren verschrumpelten Mund und flüsterte: "Stella."

Elysiss riß entgeistert die Augen auf. Kraftlos sanken ihre Arme herab.

"STELLA!"

"Nein. NEIIIINNN!!!"

Alessandra wußte plötzlich, daß die finstere Imperatrice das Geheimnis des Lebens der Fee Elysiss kennen mußte. Wenn sie ihren wahren Namen ein drittes Mal aussprechen konnte ... Die Prinzessin riß gedankenschnell ihr Schwert heraus und schleuderte es mit aller Kraft. Es durchbohrte die Brust der Schwarzen Hexe und prallte dahinter gegen den Felsen, wobei die Spitze abbrach - so fest hatte Alessandra geworfen. Die Schwarze Hexe stieß einen gurgelnden Laut aus und klappte zusammen. Doch im Niedersinken flüsterte sie noch: "Stellaaaa ..."

Ein eisiger Wind durchwehte plötzlich das Tal. Elysiss blickte Alessandra unendlich traurig an. Dann löste sie sich langsam vor ihren Augen auf. Ein letztes Mal sprach die Fee und Schutzherrin des Weißen Reicher zu ihrer Prinzessin: "Hab Dank für deinen Mut, mein geliebtes Kind. Aber die Schwarze Hexe hat gewonnen. Ich wußte nicht, daß sie mein Geheimnis kannte. Ich kann unser Reich nun nicht mehr schützen."

Sie war schon fast völlig durchsichtig geworden, ihre Stimme nur noch ein fernes Flüstern. "Aber in der Stunde meines Todes will ich Dir, Alessandra, die Prophezeiung offenbaren, die ich deiner Mutter in der Stunde ihres Todes gab: Ihre Töchter werden heiraten und glücklich werden. Nur eine ist dazu ausersehen, wahrhaft Großes zu leisten. Dafür aber wird es ihr nicht vergönnt sein, je einen Mann den ihren nennen zu können."

Die Gestalt verblaßte endgültig und war dann ganz verschwunden. Dafür erhob sich nun die Schwarze Hexe. Von Alter und Verfall war keine Spur mehr an ihr. Beiläufig zog sie das Schwert aus ihrer Brust und warf es achtlos weg. Sie atmete tief durch und sah sich dann auf eine Weise um, als sehe sie die Welt zum ersten Mal in ihrem Leben.

"Das ist also die Unsterblichkeit. Sie hätte keine Sekunde später über mich kommen dürfen. Ein unglaubliches Gefühl!" Sie nahm Alessandra ins Visier: "’Wahrhaft Großes’ hat sie gesagt. So, so. Das wollen wir doch erst mal sehen, Kindchen. Du wolltest mich töten, dafür wirst jetzt du sterben." Sie kicherte irre. "Ich hoffe für dich, daß Schmerzen dir nichts ausmachen. Denn da man nur einmal stirbt, sollst du auch was davon haben." Sie bleckte die Zähne und sah Alessandra drohend an. "So wie ich eben", bellte sie dann.

Das Gesicht der Schwarzen Hexe war ganz dicht vor Alessandras tränenfeuchten Augen. Als sie es musterte traf es die Prinzessin wie ein Schlag: Das Glasauge der Imperatrice war verschwunden. Dafür blickte ihr aus der rechten Augenhöhle das hellblaue rechte Auge von Elysiss entgegen. Es war das einzige, was von der Schutzherrin des Weißen Reiches geblieben war. Das linke Auge hingegen war tief dunkelbraun und funkelte gefährlich. Wenn man dieses Gesicht länger betrachtete, wurde man wahnsinnig.

Die Schwarze Hexe trat ein paar Schritte zurück, musterte Alessandra etwa so, wie eine Schlange eine Maus, hob dann ihre Hände und zielte auf die Prinzessin. Da trat entschlossen Nuitor vor und rief: "Halt, Beata. Nehmt mich statt ihrer."

Alessandra durchzuckte eine Idee: "Beata Beata Beata!"

Die Schwarze Hexe sah sie nur mitleidig an: "Pech gehabt, Kindchen. Das funktioniert bei mir nicht! So was ist nur für Schwächlinge!"

Dann fixierte sie mit ihren zwei so unterschiedlichen Augen Nuitor. Schließlich sagte sie zu Alessandras Überraschung: "Also gut. Dann fahren wir beide jetzt zur Hölle und statten dem Teufel meinen Antrittsbesuch ab. Er, der kleine König hier und ich werden viel Spaß zusammen haben." Sie faßte Nuitor an der Hand und verschwand mit ihm in einem grünen Funkenregen.

"Nuitor!", flüsterte Alessandra. "Nuitor. Warum hast du das getan?" Alessandra fühlte eine schreckliche Leere ich sich. Nuitor hatte ihr mehr bedeutet, als sie sich je bewußt gewesen war. Dieser grobe, aber doch so tapfere, gutaussehende ...

Sie war erschüttert. Erschüttert und verwirrt. Tausend Gedanken kreisten in ihrem Kopf. Elysiss' Prophezeiung ... Cordo, ihre erste wahre Liebe war tot. Der Basilisk, der unmittelbar davorgestanden hatte, sie zu heiraten, war tot, Nuitors Schicksal war womöglich noch schlimmer. Wieso hatte die Schwarze Hexe sich auf diesen Tausch eingelassen? Sie hätte sie doch beide haben können.

Alessandra sank zu Boden und begann hemmungslos zu weinen. Warum war das Schicksal so grausam zu ihr?


Die Prinzessin zuckte zusammen, als etwas Weiches sie anstieß. Sie mußte eingeschlafen sein. Verwundert rieb sie sich die Augen. Es war ja schon hell. Hatte sie etwa die ganze Nacht hier gelegen?

"Hoheit! Meldet Euch doch!", hörte sie in weiter Ferne jemanden rufen. Es war die Stimme von Ritter Ralph, kein Zweifel.

Wieder stupste sie etwas an. Benommen sah die Weiße Prinzessin auf. "Oh, Phobos. Du bist es."

Mit einer eleganten Bewegung erhob sie sich. Langsam kehrte die Erinnerung zurück, und Alessandra musterte den Ort, an dem in dieser Nacht so furchtbare Dinge geschehen waren. Aber nicht die geringste Spur war davon geblieben. Nicht einmal Fußabdrücke, außer ihren eigenen und denen von Nuitor. Doch halt, da lag etwas, das im Licht der aufgehenden Sonne funkelte. "Der Mondstein. Damit wolltest du Elysiss retten. Und beinahe wäre es Dir auch gelungen. Oh, Nuitor!" Doch der Angesprochene war nicht da. Niemand wußte, welches Schicksal ihn ereilt hatte. Alessandra bückte sich und hob den Kristall auf. Nachdenklich musterte sie ihn. Er sah seltsam aus. Von manchen Seiten aus war er fast durchsichtig, von anderen schimmerte er metallisch. Man konnte sich in diesen Facetten sogar spiegeln.

Alessandra hängte ihn sich um den Hals. Dann nahm sie Phobos am Zaumzeug und führte ihn aus dem Tal hinaus. Kurz darauf traf sie auf Ralph.

Die Prinzessin berichtete ihren Begleitern, was sich in der vorigen Nacht ereignet hatte. Die Ritter hatten die Blitze und Energieüberschläge auch gesehen, sich aber nicht näher herangetraut. Alessandra machte ihnen keine Vorwürfe. Sie hätten ohnehin nichts ausrichten können.

"Was machen wir nun, Hoheit?", fragte Ralph schließlich.

"Unsere Mission ist gescheitert", antwortete die Prinzessin mit leiser Stimme. "Wir haben eine wertvolle Freundin verloren und wahrscheinlich einen gefährlichen Gegner dazubekommen. Dämonen überschwemmen die Welt, das Schwarze Königreich ist unzugänglich, die Macht der Finsternis greift nach uns allen." Alessandras Bilanz war alles andere als erfreulich. Sie fuhr fort: "Wir müssen Arcadialand, die Sonneninsel und all die anderen Reiche warnen und unsere Kräfte einen, um den Gefahren widerstehen zu können." Mit einem Ruck stand sie auf und sagte entschlossen: "Vor allem müssen wir Lunaloc finden, das Zentrum des Bösen. Reiten wir zurück ins Weiße Schloß und machen uns dann auf die Suche nach Isini. Sie weiß, wohin wir uns wenden müssen."


Doch vorher ließ Alessandra an der Stelle, an der Elysiss den Tod gefunden hatte, ein Kreuz aufstellen. Die Inschrift lautete:

Hier siegte das Böse über das Gute, und eine geliebte Freundin fand den Tod. Doch wir werden niemals aufhören, an das Gute zu glauben. Und eines Tages werden wir uns in einer besseren Welt wiedersehen.


Der direkte Weg zum Weißen Schloß führte in Richtung Ost-Südost. Alessandra ließ jedoch trotz der Gefahr durch die Lunaloc-Dämonen einen Umweg machen und zog genau nach Osten, wo sie nach einigen beschwerlichen und kampfreichen Wochen auf die Schwarze Grenze traf. Die Prinzessin wollte sich Gewißheit darüber verschaffen, ob der Eis-Schirm wirklich das gesamte Reich Thorans umspannte. Nun - es sah ganz danach aus. Alessandra und ihre Ritter zogen dann an der Frostgrenze entlang nach Süden, und nirgends gab es auch nur die kleinste Lücke. Der unirdisch kalte Sturm tobte lautlos überall im Inneren des Schwarzen Königreiches und ließ keine Stelle aus.

Entmutigt traf der kleine Zug dann einige Tage später in der Weißen Hauptstadt ein. Doch der strahlende Glanz, den die weißen Häuser und vor allem der Palast in der Hochsommersonne verbreiteten, gaben Alessandra und den Rittern neue Hoffnung.

"Wenn diese Stadt fällt", dachte die Weiße Prinzessin, "dann verliert mein Volk seine Seele." Doch trotz allen Unglücks hatte sie bisher immer standgehalten. Und das würde sie auch weiterhin.

*


Rückblick. Etwa ein Jahr zuvor in den Kavernen


Die Grenze zwischen Arcadialand und dem Reich der Lagunenkönigin teilte die breite Landzunge, die weit in das Octaviusmeer hineinragte, in zwei fast gleichgroße Hälften. Auf der nordöstlichen Seite dieser Grenze hatten die Arcadier dem Landstrich den Namen Gondrella-Provinz gegeben, während die südwestliche Hälfte, wiewohl sie mehr als ein Drittel des Staatsgebietes der Lagunenkönigin ausmachte, keinen eigenen Namen trug.

Ganz an der Spitze der Landzunge, wo oft Schiffe vorbeifuhren, sich aber an Land nur selten Menschen hin verirrten, lag in einer unzugänglichen Klippen- und Felslandschaft der Eingang zu den Kavernen der Eingeweihten. Die Kavernen waren riesige Höhlen tief unter dem Meer, ein düsteres Zauberland aus gelben Tropfsteinen, wallenden Vorhängen aus Stein und Alabaster und dem ständigen Rieseln von Wasser. Niemand vermochte zu sagen, wohin das Wasser eigentlich abfloß, hier, Dutzende Meter unter dem Meeresspiegel. Vielleicht hätte der Oberste Verkünder eine Antwort darauf gewußt, wenn ihn jemand gefragt hätte. Denn er wußte, daß hinter den Kavernen noch etwas kam. Es ging noch weiter in die Tiefe, in ein unheimliches Reich: Hinter diesen Höhlen lag der zweite bekannte Eingang zum Unendlichen Land.


Der Oberste Verkünder blickte sorgenvoll empor zur Mondquelle, deren Glanz die riesige Zentral-Kaverne mit buntem, flackerndem Irrlicht erfüllte. Der Kristall leuchtete dabei nicht selbst, sondern reflektierte und verstärkte nur das Licht der Fackeln und Feuer zu seltsamen Mustern, die über die weißen Kalkgebilde huschten.

Die uralte Weissagung mußte sich bald erfüllen, das spürte der Zauberer. In den letzten Wochen waren von der Mondquelle starke Schwingungen ausgegangen, so starke, daß die Eingeweihten schon befürchtet hatten, die Sterblichen an der Oberfläche könnten sie ebenfalls spüren und würden herabsteigen, um nachzusehen. Der Oberste Verkünder wußte, daß das das Ende einer uralten Kultur bedeuten würde: Das endgültige Ende ihrer alten Welt.

Einst, in der Alten Zeit, vor über tausend Jahren, hatten die Magier, Feen, Hexen und Zauberer überall auf der Erde gelebt und milde geherrscht. Doch dann hatten die Menschen, die Sterblichen, immer mehr an Zahl zugenommen und schließlich die Übermacht gewonnen. Weltliche Reiche waren gegründet worden, Königreiche und Piratenrepubliken, Fürstentümer und Kirchenländereien, die sich in jahrhundertelangen Fehden blutig bekämpften. Den Zauberern war am Ende nichts Anderes übriggeblieben, als sich zurückzuziehen. Die meisten Überlebenden waren schließlich hier unten in den Kavernen gestrandet, wo sie auch das Wüten des Tartanos überstanden hatten. Einige wenige hatten sich irgendwie an die neuen Verhältnisse angepaßt und lebten weiter in der Welt der Sterblichen, wie etwa die Hexe des Achten Weges oder die Fee Stella, deren irdische Existenz so zerbrechlich war, daß sie sich draußen Elysiss nennen mußte. Gerade von ihr hatte das niemand erwartet, doch ihren trotzigen Mut zog sie vielleicht gerade aus ihrer Schwäche. Nur ein Einziger hatte es geschafft, sich der Entwicklung entgegenzustemmen.

Der Oberste Verkünder erinnerte sich an diesen Einen noch gut. Zu gut. Sein Name war Trokahn von Caair gewesen, den man später den Schwarzen König nennen sollte. Trokahn war nicht einmal der mächtigste unter den Zauberern gewesen, aber der grausamste und härteste. Er allein hatte dem Hereinbrechen einer neuen Zeit erfolgreich getrotzt und ein Königreich etabliert, das in der Isolation des Schwarzen Gebirges noch heute existierte. Sicher - er selbst hatte längst sein Leben verloren beim Experimentieren mit den Dunklen Mächten, aber der Stamm, den er begründet hatte, herrschte noch immer.

Die Freundschaft zwischen Trokahn und dem, der sich heute der Oberste Verkünder nannte, war damals zerbrochen und sie waren Todfeinde geworden. Mit Hilfe des Mondkristalles hatte der Oberste Verkünder versucht, den grausamen Magier zu bekämpfen. Dies war gescheitert, furchtbar und blutig gescheitert. Die Niederlage hatte die verbliebenen Zauberer so viel von ihrer Macht gekostet, daß sie sich nie wieder offen an die Oberfläche, in die Welt der Sterblichen, wagen durften. Und schlimmer noch: Der Mondkristall war zersprungen. Eine Hälfte, die die Mondquelle genannt wurde, befand sich noch immer im Besitz der Eingeweihten, die andere aber, Seelenstein geheißen, war verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Und der hiesige Zugang zum Unendlichen Land konnte seit diesen Tagen nicht mehr benutzt werden. So gebot also der Schwarze König seitdem allein über das Gold und die Macht, die das Unendliche Land verlieh, denn unter seinem Schloß lag der einzige andere bekannte Zugang.

Der Oberste Verkünder wußte nicht, welcher Art die Sperre war, die den Zugang hinter den Kavernen unter dem Octaviusmeer blockierte. Es war ein Schwarz - einen anderen Ausdruck konnte man kaum finden. Wer in das Schwarz eindrang ... Der Verkünder hatte Kundschafter ausgesandt - Dutzende im Lauf der Jahrhunderte - die überzeugt gewesen waren, es mit Hilfe ihrer Zauberkräfte herausfinden zu können. Doch niemals war auch nur einer von ihnen je wieder zurückgekehrt.


Wieder lief ein heftiges Flackern und Leuchten über die Kalksäulen und weißen steinernen Vorhänge. Dann erschienen schemenhaft Gesichter. Die Mondquelle reagierte auf etwas! Der Oberste Verkünder konzentrierte sich auf die Macht des Kristalls und versuchte, die Gesichter klarer zu sehen. Schließlich erkannte er einen Mann, eine junge Frau und eine Hexe. Doch so sehr er sich auch anstrengte, genaueres konnte er nicht herausbekommen. Schließlich sank er erschöpft in seinen steinernen Thron zurück, während der Kristall seine Energien unkontrolliert versprühte. Es drohte große Gefahr, aber aus welcher Richtung?

"Meister. Sollen wir die Fackeln löschen?"

Die Stimme des Exekutors riß den Obersten Verkünder aus seinen Gedanken. Wie oft hatte er schon darüber gegrübelt. Im Grunde lebten sie alle in der Vergangenheit, seit sie der Welt der Menschen hatten weichen müssen. Er sah den Zauberer, der ihm die Frage gestellt hatte, nachdenklich an.

Der Mondkristall ... das alte Zeichen ihrer Macht. Nur ein Stück davon war ihnen geblieben, doch sie hatten sich nicht einmal daran freuen können. Denn in den Sternen hatte es geschrieben gestanden, daß sie auch diesen Teil eines fernen Tages verlieren würden. Ja, im Grunde führten sie seit tausend Jahren das Leben von ängstlichen Würmern. Sie, die einst weise und mächtig das Schicksal der Welt gelenkt hatten. Jetzt zitterten sie bei jedem Sturm, bei jedem kleinen Erdbeben, denn es könnte ja den Verlust der Mondquelle ankündigen.

Und dieses Pulsieren, dieses Atmen! Der Oberste Verkünder war sich sicher, daß die Endzeit nun sehr nahe war.

Sie hatten herausgefunden, daß der Kristall sich etwas beruhigte, wenn man das Licht, das er brach, schwächer werden ließ. Aber wenn man an den Symptomen herumwurstelte, heilte man damit die Ursachen?

"Nein. Laß nur. Das hilft uns auch nicht mehr."

"Wir sind bereit zu kämpfen!"

"Ich weiß." Aber das war eine Lüge. Der Wille der Eingeweihten war im Grunde längst gebrochen. Tausend Jahre Furcht hatten sie zermürbt.

Sie lebten schon viel zu lange ihr feiges, ängstliches Leben in den Kavernen. Nie war hier unten jemand geboren worden. Alle waren sie hierher geflüchtet, alle hatten sie die gute alte Zeit noch gekannt. Und es gab keinen einzigen, der ihr nicht nachtrauerte.

Diese Gedanken quälen uns seit tausend Jahren. Es ist eine Schande. Der Oberste Verkünder mußte gegen die Tränen ankämpfen. Er war sich über die ehrlose und unwürdige Situation vollkommen im klaren, doch keiner von ihnen hatte es je geschafft, dagegen anzukämpfen. Vielleicht war ihre Zeit einfach vorbei, und sie waren nur noch Fossilien, zwar formal noch am Leben, aber in Wirklichkeit schon lange vermodert. Er atmete tief ein.

"Ja. Laß uns kämpfen. Ein letztes Mal. Bereitet den Mondkristall vor." Seine Stimme klang kraftlos.

Änderte das noch etwas? Er wußte es nicht. Aber er war es seinem Rest an Selbstachtung schuldig. Und dann wartete er. Er wußte, lange konnte es nicht mehr dauern. Doch dann kam alles ganz anders.


Die Mondquelle warf wieder heftige rote und violette Lichtspeere an die Wände. Es ging los. Der Oberste Verkünder spürte, wie sich etwas näherte. Dann hörte er ein seltsames Ticken. Und dann sah er über sich auf dem Saumpfad eine Bewegung. Er und alle anderen wandten ihre Aufmerksamkeit nach oben. Aber ... was war das? Oder besser: Wer war das?

Die alte, irgendwie verfault wirkende Frau erschien nicht etwa einfach mitten in der Kaverne und griff an, so wie die Eingeweihten es erwartet hatten. Nein, sie kam - gestützt auf ihren Stock - den schmalen, steilen Weg heruntergehumpelt, den seit Menschengedenken niemand mehr benutzt hatte und der zur Welt der Sterblichen hinaufführte.

Der Oberste Verkünder war verwirrt. Vor kurzen hatte er das Bild eine Hexe gesehen, und jetzt, wo er diese Alte vor sich sah, erkannte er, daß sie es gewesen war, die die Mondquelle ihm da gezeigt hatte. Aber wozu? War das der seit tausend Jahren erwartete wütende Feind, der ihnen ihr Allerheiligstes rauben wollte? Die Alte sah eher aus wie eine Sterbliche, die ihre letzten Stunden hier unten verbringen wollte. Doch es ging etwas Eigenartiges von ihr aus, etwas, das keiner der Eingeweihten je zuvor gespürt hatte. Der Oberste Verkünder fröstelte.

Die alte Frau humpelte keuchend die letzten Meter herab, dann sah sie sich schwer atmend um. Die Mondquelle, diesem unbeschreiblichen Mysterium, würdigte sie keines Blickes. Der Oberste Verkünder war fassungslos.

"Zauberer. Wo seid ihr? Wenn es euch noch gibt." Ihre kreischende, dünne Stimme ließ die alten Magier erbeben. Übelkeit stieg in ihm auf. Was für ein Wesen war das nur?

"Oder seid ihr alle längst tot und begraben? Ha ha ha ha" Das harte, hysterisches Lachen brach sich tausendfach in der Höhle und ließ die Ohren der Zauberer dröhnen.

Verwirrt traten einige aus ihren Nischen hervor. Auch der Oberste Verkünder erhob sich von seinem in Dunkelheit gehüllten Steinthron, schritt ins Licht, das der Kristall auf den Boden schickte und rief mit seiner tiefen, ehrfurchtgebietenden Stimme: "Wer bist du, daß du es wagst, hier einzudringen?"

"Meister, töten wir sie", rief der Exekutor. Doch noch siegte beim Obersten Verkünder die Neugier.

Die Alte watschelte auf ihn zu. Als sie näher heran war, sah der Oberste Verkünder, daß sie nur ein Auge hatte. Das andere war aus Glas und funkelte tückisch - raubtierhaft.

"Ich werde nicht eher gehen, bis ich nicht erfahren habe, was ich wissen will!", zischte die Frau ihm heiser entgegen. Sie war von dem Abstieg immer noch außer Atem. Der Oberste Verkünder betrachtete sie nachdenklich. Was für eine Irre war das? Mit dem Mondkristall konnte sie unmöglich etwas zu tun haben. Daß sie jetzt gerade hier auftauchte, war reiner Zufall. Sie störte aber die Vorbereitungen für den letzten Kampf gegen den wahren Feind.

"Hinaus! Störe nicht unsere Ordnung. Dies ist nicht die Welt der Sterblichen." Er hob feierlich die Hände, und die Mondquelle schickte einen hellen Strahl herab, der den Obersten Verkünder in eine lichte Aura hüllte. Er sah die Frau an und erkannte plötzlich, daß er einen tödlichen Fehler gemacht hatte. Er wußte es auf einmal, dank der verbliebenen Macht des Kristalls. Diese Frau war der Feind, auf den sie gewartet hatten. Obwohl sie tatsächlich nichts mit ihrem größten Heiligtum zu tun hatte, brachte sie das Verderben, das ihnen vor 1000 Jahren prophezeit worden war.

"Ich habe gesagt", zischte sie dem Obersten Verkünder zu, "daß ich nicht eher gehen werde, bis ich erfahren habe, was ich wissen will. Sieh mich an: ich stehe an der Schwelle des Todes. Aber ihr alle werdet mir in die Hölle folgen!" Und dann griff sie an.

Einer der Zauberer torkelte plötzlich aus seiner Nische heraus und brach stöhnend zusammen. Noch bevor er den Boden erreicht hatte, war er zu Staub zerfallen. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Von der alten Hexe gingen schwarze Blitze in alle Richtungen, Und wo sie trafen, verbreiteten sie Tod und Verderben. Einer der Blitze traf auch den Mondkristall und riß ihn aus dem Anker, der ihn tausend Jahre lang gehalten hatte. Wie ein Komet stürzte er zu Boden. Der Blitz jedoch wurde reflektiert und traf die Alte voll, die daraufhin gellend aufschrie und zurücktaumelte. Der Oberste Verkünder erkannte seine Chance. Er stürzte sich auf den am Boden liegenden Mondkristall, hob ihn auf und sah sich um. Nur noch wenige seiner Getreuen waren am Leben. Er war ihn dem Zauberer Boran zu und rief: "Boran, geh', und bringe den Kristall in Sicherheit. Schnell, bevor die Hexe wieder zu sich kommt."

Boran fing den Mondkristall auf. In diesem Moment projizierte der Kristall wieder ein Bild: Das Bild eines Prinzen in den besten Jahren. Seine edlen und entschlossenen Züge waren einen Augenblick lag klar und deutlich zu erkennen, bevor das Bild wieder erlosch. Boran drückte den Stein fest an sich und verschwand. Keinen Moment zu früh, denn einen Augenblick später raffte sich die Alte wieder auf und schleuderte einen verheerenden Blitz gegen den Obersten Verkünder. In flammende Energie gehüllt, sah dieser sein Leben ein letztes Mal an sich vorüberziehen. Die Alte Zeit, in der er weise und gütig über die noch unschuldige Menschheit geherrscht hatte, der Umbruch, der Abschied von seiner Freundin und Geliebten Stella, der Kampf gegen Trokahn, und dann die Ewigkeit im freiwilligen Gefängnis.

Der Oberste Verkünder brach auf dem feuchten Kalkboden zusammen und rang nach Luft. Ein Paar Stiefel erschien in seinem Blickfeld, dann hörte er von oben die schrille Stimme der Hexe. Als er hörte, was sie wollte, wurde ihm schwindelig.

Gekämpft hatte er, sein Leben hatte er gegeben, um seine Hälfte des Mondkristalles zu schützen. Doch die Alte war wegen etwas völlig Anderem gekommen. Sie zischte: "Und jetzt wirst du mir Elysiss' wahren Namen verraten! Ich lasse dich nicht sterben, bis ich es weiß."

Irgendwann hielt er die Folter nicht mehr aus und verriet es, obwohl er wußte, daß er damit seine Geliebte zum Tode verurteilte. Dann durfte er endlich sterben.


8. Kapitel - Entscheidung im Vulkanland

Der Weiße König empfing seine zweitjüngste Tochter mit großer Erleichterung und drückte sie fest an sich.

"Meine geliebte Alessandra. Ich weiß wirklich nicht, wie oft ich diese Todesängste noch ertragen kann. Hier im Weißen Reich ist der Teufel los, und in den anderen Ländern ebenfalls. Aus allen Löchern und finsteren Winkeln kriechen Monster und Dämonen hervor und bedrängen die Menschen."

"Ich weiß. Es sind die Lunaloc-Dämonen. Isini ist bereits unterwegs, um ihr Hauptversteck zu suchen."

"So? Und wenn sie es gefunden hat? Zum Glück sind diese Teufel nicht unverwundbar, aber es sind viele und es werden immer mehr und sie sind stark. Dutzende meiner Ritter sind schon gefallen. Wie viele der einfachen Bauern es schon erwischt hat, weiß kein Mensch zu sagen. Wir leiden große Not, und wenn du dich immer in der Fremde herumtreibst, kann dir wer weiß was passieren. Wir brauchen dich hier, meine Tochter."

"Aber Vater, ich ..."

"Warte. Du weißt noch nicht alles. Wir haben eine dieser Kreaturen gefangengenommen und in das Verließ gesperrt. Ich möchte, daß du sie verhörst."

"Gut. Sehr gut. Ich habe schon mit vielen dieser Wesen zu tun gehabt und verspreche dir, daß ich alles erfahren werde, was der Dämon weiß."

Entschlossen ging sie in Begleitung einiger Ritter hinunter in die Gefängnisanlage. In der hintersten, düstersten Kammer, in der bereits der Schwarze König und Olivia geschmachtet hatten, hatte man nun auch den Lunaloc-Dämon eingesperrt. Alessandra trug ihr Kettenhemd und volle Rüstung. In den letzten Wochen, Monaten fast, hatte sie sie praktisch Tag und Nacht getragen und spürte sie gar nicht mehr. Die königlichen Kleider, die Olivia zu tragen pflegte, wären ihr geradezu schwerelos vorgekommen.

Als der Kerkermeister den Schlüssel in das schwere Schloß schob, zogen die Ritter und die Prinzessin ihre Schwerter. Mit der freien Hand langte Alessandra zu dem Mondkristall, der an der Kette um ihren Hals hing. Doch er war kalt und pulsierte nicht. Die Prinzessin war verwirrt, doch sie sollte den Grund dafür sogleich erfahren.

Der Kerkermeister riß die Tür auf und ... leer.

Die Zelle war winzig. Nichts, was größer als eine Maus war, konnte sich hier verstecken. Ganz klar, der Dämon war weg.

Ratlos sahen sich die Ritter an. "Er hat sich in Luft aufgelöst", wisperte der Kerkermeister. Da trat Alessandra vor. Sie hatte die Dämonen inzwischen kennengelernt. Sie lösten sich nicht in Luft auf, wenn sie mal da waren. Und sie erinnerte sich an die Geschichten, die sie über Olivias Haft hier drin gehört hatte - das dunkle Wasserloch in der hinteren Ecke der Zelle war immer noch da.

Die Prinzessin deutete darauf: "Durch dieses Loch ist er entkommen!"

"Loch?", fragte der Kerkermeister entgeistert. Daß die schrecklichste Zelle, die er hatte, so unsicher sein sollte, konnte er nicht glauben.

Spontan entschloß sich Alessandra zu einer ihrer üblichen tollkühnen Aktionen. Sie warf die Ritter aus der Zelle raus, dann zog sich die Rüstung aus, anschließend das Kettenhemd, die Schuhe und den Großteil ihrer Kleider. Nur das Schwert band sie wieder um. Dann holte sie noch mal tief Luft und glitt wild entschlossen in das finstere Wasserloch hinein. Sie spürte noch die verwirrten Blicke der Ritter auf sich ruhen, die neugierig in die Zelle hineinschauten, was ihre Herrin da machte, dann umfing sie dunkles, eiskaltes Wasser. Mit ruhigen Bewegungen tauchte die Prinzessin durch die sich langsam weitende Röhre. Sie wußte nicht, wie lang diese war, aber sie mußte auf diese Weise passierbar sein. Tom und Olivia hatten es schließlich auch geschafft.

Mit einer Hand tastete die Prinzessin an der Röhrendecke entlang während sie mit den Beinen strampelte, um voranzukommen. Schließlich faßten ihre Finger ins Leere. Alessandra tauchte auf und sog mit einem tiefen Atemzug die kalte Luft ein. Jeder in der Nähe hätte sie hören können, aber Alessandra war überzeugt davon, daß das Ungeheuer schon längst über alle Berge war. Nach Lunaloc wollten sie alle, was sollte es hier also herumtrödeln?

Alessandra zog sich aus dem Wasser. Es war nicht völlig dunkel, durch ein paar Ritzen sickerte von irgendwoher trübes Licht herein und zeichnete schwach die Konturen der Wände und des Bodens nach. Alessandra zog ihr Schwert und hielt es vor sich. Mit der anderen Hand strich sie an der Wand entlang, dann setzte sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Zwischendurch blieb sie immer wieder stehen und horchte. Zeitweise wurde es etwas heller, an anderen Stellen hingegen war es vollkommen dunkel. Alessandra wunderte sich, daß unter dem Palast eine richtige unterirdische Stadt existierte, von der so gut wie kein Mensch eine Ahnung hatte. Wer hatte sie eigentlich angelegt? Und warum war sie in Vergessenheit geraten? Immerhin, daß vor dem Weißen Schloß hier schon Gebäude gewesen waren, davon hatte die Prinzessin mal gehört. Aber das war schon so lange her ...

"Tom!", rief sie ein paar Mal. Aber das Wesen, das sich selbst Kanalratte genannt hatte, antwortete nicht.

Mit ihren Füßen tastete sie sich über den Boden und kam nur sehr langsam voran. Überall lagen Schutt und Steine herum, und es gab stellenweise auch gefährliche Löcher. An einigen Stellen war der Untergrund naß, manchmal mußte sie sogar durch knöcheltiefes Wasser gehen. Aber anderswo war der Boden nicht nur trocken, sondern sogar warm. Alessandra wunderte sich darüber. Vorsichtig erkundete sie das Labyrinth. Sie ließ sich Zeit und kehrte des öfteren an ihren Ausgangspunkt zurück, so daß sich allmählich in ihrem Gehirn eine Art Karte dieser Gänge bildete. Schließlich erreichte sie den Raum, in dem Tom Olivia gesundgepflegt hatte. Von irgendwo schimmerte ein wenig Licht herein, so daß die Prinzessin nicht nur auf Gehör und Tastsinn angewiesen war.

Etwas Helles lag auf der Pritsche an der Wand. Zumindest vermutete Alessandra, daß die dunkle Kontur vor der noch dunkleren Wand eine Art Bett war.

Doch bevor sie darauf zugehen konnte, stieg ganz schwach ein bekannter Geruch in ihre Nase.

"Wachs! Jemand hat vor höchstens einer Stunde eine Kerze gelöscht", murmelte sie flüsternd zu sich selbst. Dann rief sie mit lauter Stimme: "Tom. Bist du hier? Ich bin es, Alessandra!" Doch keine Reaktion.

Sie tastete sich vorsichtig zum Bett weiter und langte nach dem weißen Gegenstand.

"Papier. Na so was!"

Sie lief zu der hellsten Stelle, die es in diesem Zimmer gab, aber das spärliche Licht reichte gerade dafür zu erkennen, daß sich auf dem Zettel Schriftzüge befanden. Unmöglich zu lesen, welche Worte es waren. "Hmm. Mal sehen."

Und es gelang Alessandra nach längerem Suchen tatsächlich, die Kerze zu finden und zu entzünden.


Liebe Olivia. Ich muß nach Lunaloc. Rebor hat mir meine Bestimmung offenbart. Wir werden uns nie wiedersehen. Alles Gute. Dein Tom


Tom - ein Lunaloc-Dämon! Unglaublich. Und doch ... Alessandra dachte an Coco, die Schmetterlingsfrau. Auch sie paßte kaum in das Schema von Teufeln und Dämonen. Offenbar waren sie nicht alle gleich.

Was steckte nur hinter dieser Geschichte? Es ergab einfach keinen Sinn.

Grübelnd setzte sich Alessandra auf dem Boden. Isini ... wo mochte sie jetzt sein? Daß die Kerze erlosch, bemerkte sie gar nicht, ihre Gedanken schweiften ziellos umher. Zu viel war in der letzten Zeit geschehen. Jetzt hatte sie die Ruhe, über alles nachzudenken. Sie mußte schmunzeln, als sie sich im Geiste selbst betrachtete: barfuß und fast nackt, die Haare immer noch naß, saß sie in fast völliger Dunkelheit auf einem wahrscheinlich ziemlich dreckigen Fußboden und dachte über weltbewegende Dinge nach. Einer Prinzessin sah sie im Moment sicher nicht sehr ähnlich.

Die Schwarze Hexe und Nuitor. Was sie mit dem Armen wohl gemacht hatte? Wenn er doch nur jetzt hier wäre, hier bei ihr. Er war zwar oft grob und rücksichtslos gewesen, aber er war auch klug und tapfer - letzteres hatte er Alessandra auf drastische Art bewiesen, als er sich für sie geopfert hatte. Und er hatte etwas Faszinierendes an sich.

Und dieser Fluch, der auf ihr selbst lastete! Elysiss hatte es Prophezeiung genannt, aber für Alessandra war es ein Fluch. War dieser Fluch am Schicksal Nuitors Schuld? Und am Schicksal Cordos und des Basilisken? Oder stimmte es am Ende gar nicht. Schließlich sollten drei der vier Schwestern ein glückliches Leben führen - und was war aus Ornella geworden?

"Nein!", rief sie entschlossen. "Ich werde mich mit aller Kraft gegen diesen Unsinn stemmen."

Entschlossen stand sie auf. Es gab viel zu tun. Tom war mit dem entkommenen Dämon weggegangen, und sie würde ihnen folgen, um Lunaloc zu finden. Isini mußte ebenfalls gefunden werden. Und Nuitor!

Alessandra war einfach nicht der Typ, der abwartend dasaß. Sie wollte handeln. Sofort!


Die Ritter atmeten erleichtert auf, als Alessandra endlich wieder auftauchte.

"Vater. Ihr hier!", rief die Prinzessin überrascht. "War ich so lange weg?"

Der strenge Blick des Weißen Königs sagte alles. Er war vor Sorge halb gestorben.

Alessandra berichtete, was sie herausgefunden hatte. In eine Decke gehüllt lief sie dann in ihr Gemach und nahm erst mal ein heißes Bad.

In den folgenden Tagen besprach sich Alessandra oft mit den Hofzauberern. Es wurde ihr recht schnell klar, daß diese von wahrer Magie kaum eine Ahnung hatten, aber immerhin kannten sie einige der alten Schriften und wußten auch, womit Isini sich beschäftigt hatte. Nebenher studierte Alessandra auch alle verfügbaren Karten der Reiche, doch nirgends gab es einen Ort namens Lunaloc. Im Grunde steckte sie in einer Sackgasse. Und einfach so losziehen und Isini suchen, das war völlig aussichtslos. Genauso aussichtslos wie Elysiss in Ödland zu finden, und doch habe ich es geschafft, wenn auch am Ende vergebens.


"Wo steckt eigentlich General von Walldorff?", fragte die Weiße Prinzessin eines Tages ihren Vater.

"Der ist mit seinen Soldaten unterwegs, um den Kampf gegen die Teufel zu organisieren."

"Hmm." Irgendwie brachten diese Worte Alessandra auf eine Idee. Nachdenklich starrte sie vor sich hin, dann sagte sie zum Weißen König: "Jetzt könnten wir einen wie Schogan Liss gut brauchen."

"Liss? Wer ist das denn?"

"Thoran nennt ihr Numero. Er ist der Zahlenmeister des Schwarzen Königreiches. Er führt Listen und Statistiken über alles Mögliche, was sich dort abspielt, Viehbestand, Getreideernten und so weiter. Ich denke, wenn man die Orte, an denen Lunaloc-Dämonen aufgetaucht sind, auf einer Karte markiert, und die Richtungen, wohin sie gehen, auch, dann könnte man vielleicht etwas über ihre Absichten und vor allem ihr Ziel erfahren. Das ist die einzige Informationsquelle, die wir haben."

"So, so. Interessant." Seiner Miene nach verstand der Weiße König kein Wort. "Und wozu soll das gut sein? Und das dauert auch viel zu lange."

"Eben deshalb könnten wir Liss gut gebrauchen. Er kennt sich damit aus, wie man so was organisiert."

"Warte mal - Liss ... Schogan Liss. Das war doch dieser Mörder aus, äh, Siinabal. Ja, Jetzt erinnere ich mich. Und der soll jetzt beim Schwarzen König in Diensten stehen? Das paßt ja wieder."

Alessandra rümpfte die Nase, sagte aber nichts. Manche Ansichten waren einfach nicht zu ändern. Schließlich waren zahllose Generationen mit einer festen Vorstellung vom Unendlichen Land und seinem König groß geworden.

"Egal. Es ist im Moment unsere einzige Chance." Sie sprang auf und stürmte in Adalberts Arbeitszimmer, um mit ihm ihren Plan in die Tat umzusetzen. Sie besorgte sich eine Karte, dann setzte sie einen Brief mit den Anweisungen auf, ließ ihn in zahlreichen Exemplaren kopieren, gab diese Kopien Boten und schickte sie los. Sogar in die benachbarten Königreiche sandte sie Boten mit der Bitte um Hilfe.

Es war dies vielleicht das erste Beispiel einer Rasterfahndung in der Geschichte. Und es blieb nicht erfolglos. Die ersten Daten trug sie selbst ein, denn sie war ja schon oft Lunaloc-Wesen begegnet und erinnerte sich noch genau an die Orte und die Wege. Dann kamen die Daten aus der Weißen Hauptstadt. Auch hier waren mindestens zwei Dutzend dieser Ungeheuer erschienen. Die meisten waren fortgelaufen, und Alessandra stellte fest, daß etwa zwei Drittel von ihnen sich direkt nach Norden gewandt hatte, während der Rest völlig ziellos in der Gegend umhergeirrt und schließlich den Soldaten zum Opfer gefallen war.

Ähnliches kristallisierte sich auch aus den Berichten heraus, die im Laufe der nächsten Tage und Wochen bei der Prinzessin eintrudelten. König Harro und sein Stab waren mehr und mehr beeindruckt. Sie hätten es nie für möglich gehalten, daß man aus dem wirren Gestammel verängstigter Bauern und verprügelter Landsknechte schließlich ein Bild auf eine Karte malen konnte, aus dem sich eine ganz klare Situation abzeichnete.

Einen wichtigen Hinweis erhielt Alessandra ein paar Tage später von General von Walldorff, der mit den Resten einer großen Patrouille zurückkehrte. Nahe der Stadt Silverina, die gut 100 Kilometer westlich der Weißen Hauptstadt lag, waren die Ritter auf einen straff geführten Trupp Dämonen gestoßen, etwa 80 an der Zahl. Der Anführer dieser Horde hatte allerdings den Fehler gemacht, seinen Weg stur zu verfolgen, und der führte mitten durch Silverina. Die Bewohner waren in helle Panik verfallen und zusammen mit den Rittern wie die Verrückten auf die Dämonen losgegangen, bis keiner mehr am Leben war. Nur zwei Geflügelte waren entkommen. Silverina, das vorher ein schnuckeliges Städtchen gewesen war, war nun eine Trümmerwüste, und der General hatte fast ein Drittel seiner Ritter verloren. Aber sie hatten gesiegt. Und sie wußten, woher die Ungeheuer gekommen waren und in welche Richtung sie gewollt hatten.

Alessandra faßte ihre Ergebnisse schließlich vor einer illustren Zuhörerschaft folgendermaßen zusammen: "Allem Anschein nach gibt es zwei Gruppen dieser Dämonen. Die einen wissen, wohin sie wollen, die anderen sind orientierungslos und bewegen sich auf zufälligen Wegen. Ich habe von unseren Soldaten einige von ihnen verfolgen lassen. Die Orientierungslosen sind völlig unberechenbar. Manche sind aggressiv gegen alles und jeden, andere hilflos und passiv. Die mit festem Ziel sind ungefährlich, solange man sie gehen läßt. Versucht man jedoch, sie aufzuhalten, dann kämpfen sie bis zum Tod." Die Anwesenden waren beeindruckt. Die völlig unzusammenhängenden Berichte der Betroffenen fügten sich auf einmal wie von Zauberhand zu einem stimmigen Bild. Alessandra ließ ihr Blicke über die Versammelten schweifen: Da saß ihr Vater, Adalbert, zwei hohe Armeeoffiziere, ihr Schwager Imperator Sofrejan mit einigen Beratern, ein Militärattaché aus Arcadia sowie Botschafter und Militärs fast aller benachbarter Reiche. Sie alle hatten mitgewirkt, denn schließlich waren sie alle bedroht.

Alessandra fuhr fort: "Aber das ist noch nicht alles. Wenn man die Wege markiert, die die Dämonen nehmen, dann stellt man fest, daß die, die bei uns auftauchen, sich nach Nord-Nordwest halten. Die aus dem Blauen Land ziehen nach West-Nordwest. Die aus Cidr und dem Westen des Ödlandes gingen nach Norden oder Nord-Nordost. Wenn man diese Linien auf der Karte aufmalt, dann treffen sie sich alle im Reich Karls, und zwar ungefähr hier."

Ihr Finger wies auf die Gegend südöstlich von Cosmo, der Hauptstadt.

"Der Engelsberg!" rief einer der Anwesenden. Alessandra kannte ihn nicht persönlich, aber der Mann hatte recht. Die markanteste Stelle in dieser Gegend war neben der Hauptstadt Karls der erloschene Vulkanberg, den man Engelsberg genannt hatte. An vielen Stellen trat dort noch immer Dampf und kochendheißes Wasser zu Tage. Es war ein unheimlicher Ort. Und vor etwa 50 Jahren war er noch um ein vielfaches unheimlicher geworden!

Fragendes Gemurmel erhob sich. Auch ein Gesandter Karls war anwesend. Dieser erhob sich nun und wandte sich an die Anwesenden: "Es ist wahr, daß seit zwei Generationen niemand mehr diesen Berg betreten hat. Es liegt eine Urkunde vor, daß der Berg an einen gewissen C.V.C. verkauft wurde für die sagenhafte Summe von einer Million Golddublonen. Das Geld wurde damals bar bezahlt, ein großer Teil davon liegt immer noch in den Schatzkammern meines Königs. Aber von diesem Tage an verschwanden nach und nach alle Bewohner dieser Region, und niemand gelangt mehr von außen dorthin. Seit über 50 Jahren hat kein Mensch mehr den Engelsberg betreten oder lebend verlassen!"

"Dann ist doch alles klar. Dort müssen wir suchen!" Alessandras braune Augen blitzten triumphierend.

Die Versammelten diskutierten aufgeregt. Was sich da ergeben hatte, kam ihnen wie Zauberei vor. Und fertiggebracht hatte das alles eine Frau. Allerdings wußte jeder, daß die Weiße Prinzessin eine ganz und gar außergewöhnliche Frau war. Ihre majestätische Schönheit war überall bekannt, ihr Mut und unbeugsamer Wille ebenfalls. Aber daß sie auch einen geschliffenen Verstand besaß, beeindruckte die Anwesenden vielleicht am meisten. Und sie schöpften neue Hoffnung. Alessandra fühlte die leuchtenden Augen der Menschen auf sich ruhen. Sie war die Hoffnungsträgerin geworden, die Führerin in einem Kampf, der vielen als nicht gewinnbar erschienen war. Und nun ergab alles irgendwie auf einmal einen Sinn. Die Dämonen waren keine unberechenbaren Teufel mehr, sondern Wesen aus Fleisch und Blut, deren Schritte man vorhersehen konnte - meistens jedenfalls.

Die Prinzessin fühlte den Mondkristall auf ihrer Brust sachte pulsieren. Das geheimnisvolle Geschenk Nuitors mußte ebenfalls mit Lunaloc zu tun haben, und sie war sicher, daß der Kristall ihr helfen würde.

"Nun gut!", rief sie mit durchdringender Stimme. "Was wird als nächstes geschehen? Irgend etwas hat die Dämonen geweckt oder gerufen. Sie versammeln sich nun auf dem Engelsberg, und dann? Wir dürfen es nicht so weit kommen lassen. Dahinter kann nur eine schreckliche Absicht stehen. Wir müssen die Dämonen vorher aufhalten. Jedes Reich schickt sofort so viele Ritter und Soldaten, wie es entbehren kann. Alle Kriege und Fehden ruhen bis dahin. Und dann werden wir die finsteren Mächte schlagen!"

Die Versammelten sprangen begeistert auf und ließen die Prinzessin hochleben.

Und damit begann der Feldzug, den man später den ersten Lunaloc-Krieg nannte.


In den folgenden zwei Wochen trafen über 5000 Soldaten aus den Reichen im Süden ein und fügten sich zu den 3000 Rittern des Weißen Reiches. Die weiter im Norden gelegenen Länder würden ihre Krieger dem nach Norden ziehenden Zug zugesellen, wenn er vorbeikam. Denn da die Dämonen schon ziemlich weit vorgedrungen waren, konnten sie erst kurz vor dem Engelsberg gestellt werden. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit.

Auch das Reich Karls versprach Soldaten, vor allem aber Verpflegung für das durchziehende Heer. Keine leichte Aufgabe, denn das Land war riesig, kaum bewohnt und wegen seiner langen Winter auch nicht sehr ergiebig.

Als auch die versprochenen Armeen der Seekönigreiche sowie der ehemaligen Herzöglichen eingetroffen waren, übernahm die Weiße Prinzessin den Oberbefehl und ließ abmarschieren.

Vier Tage später trafen sie auf die Grenze zum Fürstentum Ganda, wo sich der Fürst wie versprochen persönlich mit 1000 Soldaten anschloß. Später trafen weitere 800 Mann aus dem benachbarten Botha-Land ein, und wenige Tage später, kurz vor dem Überqueren der Grenze zum Reich Karls, kamen mit großem Hallo und Getöse 200 Blaue Jäger unter der persönlichen Führung von Erich und Simona. Alle unterstellten sich widerspruchslos und wie selbstverständlich dem Oberbefehl der Weißen Prinzessin.


Wieder lag ein langer Gewaltmarsch hinter der Armee. Seitdem sie das Weiße Reich hinter sich gelassen hatten, waren die Wege schlecht, und sie kamen nur noch langsam voran. Dazu kamen die ständigen Attacken der Dämonen, denen offenbar klar wurde, was da auf sie zukam. Zum Glück gab es, anders als zunächst gedacht, in den wildreichen Wäldern wenigstens genug zu Essen.

Alessandra blickte sich um. Die untergehende Herbstsonne tauchte das Land in warmes, rotes Licht, und ließ die fernen Berge des Schwarzen Königreiches, die jetzt schon weit im Süden lagen, ein letzte Man aufglühen. Das heißt, es war eher der Eissturm, dessen kalte, weiße Kristalle das rote Licht zurückwarfen. Die Berge dahinter waren verborgen. Allerdings waren sie schon so weit weg, daß man mit bloßem Auge keine Einzelheiten mehr sehen konnte. Spätestens morgen würde das Unendliche Land hinter dem Horizont verschwinden. Die Prinzessin vermißte den Schwarzen König und seine Macht in dieser Situation schmerzlich. Wie gut hätte er ihnen helfen können! Und Ornella ... Sie seufzte. Was wohl aus Isini geworden war? Ornella würde nicht mehr wiederkommen, aber Isini war noch da. Warum half sie ihnen jetzt nicht?

Simona, die neben ihm am Feuer saß, schien Alessandras Gefühle zu teilen. Sie rückte näher zu ihr heran. Alessandra wollte sich aber jetzt nicht mit diesem traurigen und sowieso nicht zu ändernden Thema beschäftigen und fragte stattdessen: "Wo ist denn der kleine Erich?"

"Och, der ist gut aufgehoben bei einer Freundin, die auch gerade zwei Kleine hat."

Sie unterhielten sich lange über Erich Junior und die kleine Rosalia. Spät in der Nacht erst gingen auch sie zu Bett. Morgen würde wieder ein anstrengender Tag werden.

*

Es klopft an der Tür. Zitternd vor Angst schmiegt sich die Familie in der Hütte aneinander. Wieder klopft es, diesmal lauter. Coco geht schließlich hin und macht auf. Draußen steht der Teufel. Sie kennt ihn. Jeder kennt ihn. Er befiehlt ihr mitzukommen. Er hat schon viele aus dem Vulkandorf geholt. Coco weiß nicht, was aus ihnen geworden ist, aber sie gehorcht. Weinend vor Angst läuft sie hinter dem Teufel her. Es geht den Berg hinauf. Es geht immer den Berg hinauf. Hinunter kommt keiner mehr.

Coco erinnert sich an Trempapu, den Riesen. Er war der stärkste und größte Mann, den sie je gesehen hat. Trempapu hatte gedacht, er könnte sich gegen den Teufel wehren. Mit einem Beil hat er auf ihn eingehauen. Jeder Hieb hätte gereicht, einen Baum zu spalten, aber der Teufel wurde gar nicht verletzt. Stattdessen spritzt das Blut aus zahllosen Wunden in Trempapus dickem Leib. Und mit jedem Schlag wird es eine mehr. Zuerst merkt der Riese es in seiner blinden Wut nicht, daß er sich selbst in Stücke haut, doch dann bricht er in einem See von Blut zusammen. Der Teufel berührt ihn mit seinem Zeigefinger und läßt ihn dann über sich schweben. Unter einem Regen von Blut nimmt er den Riesen mit. Den Berg hinauf.

Den Engelsberg hinauf.

Coco stolpert. Der Teufel geht weiter, dreht sich nicht mal um. Ob sie einfach liegenbleiben soll? Und dann weglaufen? Doch die Angst treibt sie wieder auf die Beine. Sie rennt hinter dem Teufel her, bis sie den Anschluß hat.

Es geht über den Kraterrand hinüber und auf der anderen Seite wieder hinunter in die Tiefen des Vulkans. Keinen grausigeren Ort kann es auf Erden geben. Dampf und Schwefel steigen aus tiefen Rissen im Fels. Coco betet inbrünstig zu allen Heiligen, die sie kennt. Viele sind es nicht. Sie ist ein Findelkind, dürr, barfüßig, eine billige Arbeitskraft, und es hat sich nie jemand sonderlich um sie gekümmert. Deswegen hat auch sie die Tür aufmachen müssen und nicht die Mutter oder die Stiefgeschwister.

"Oh, bitte, lieber Teufel, laß mich doch gehen!" Mehr als ein Flüstern wird es nicht.

Der Teufel bleibt stehen, dreht sich um und sieht sie an. Sie glaubt, im nächsten Moment müßte ihr Herz zu Stein werden. Sie gibt einen erstickten Laut von sich und taumelt weiter.

Hinunter geht es, immer tiefer in die Höhlen des Vulkans hinein. Es riecht nach Hölle und Schwefel, aber es wird nicht richtig dunkel.

"Dies ist Lunaloc, der Kraftplatz des Mondes. Von hier aus werde ich meine Rache vollenden", sagt der Teufel zu ihr. Coco spürt nichts mehr. Sie hat ein Stadium der Angst erreicht, das jede Empfindung absterben läßt.

Dann legt der Teufel sie auf eine Art Tisch und schneidet sie auseinander. Ihr schwinden die Sinne. Blitze zucken, und ein seltsames Kichern und Murmeln von Stimmen aus dem Jenseits erfüllt den Felsendom.

Irgendwann kommt Coco wieder zu sich.

"Steh auf!"

Sie erhebt sich. Es fällt ihr leicht, und sie hat auf einmal auch keine Angst mehr. Seltsam. Sie sieht den Teufel ... Teufel? Er hat einen Namen. Calract heißt er, und er ist jetzt ihr Herr und Meister. Ihr Vater. Sie gehört nun ihm. "Komm hier herüber und betrachte dich im Spiegel, meine Schöne."

Der Spiegel sieht aus wie eine aufrecht stehende Wasserfläche. Coco wundert sich, daß er nicht ausläuft und im Boden versickert. Dann sieht sie ihr Spiegelbild. Sie ist fasziniert, kann lange nicht den Blick wenden von ihrem neuen Körper. Sie hat blau und violett gemusterte Flügel, Schmetterlingsflügel. Probeweise läßt sie sie schlagen, und erhebt sich eine Handbreit vom Boden. Nie hat sie etwas Schöneres gesehen. Bunte Ringe und Flecken wandern über ihre nackte, schlanke Gestalt. Sie kann jede Farbe annehmen, die ihr gefällt. Und dieser wundervolle Körper gehört nun ihr.

"Oh, Calract!" Zu Tränen gerührt wirft sie sich ihrem Vater zu Füßen und dankt ihm.

Auch ihr Vater, Herr und Meister ist sehr zufrieden. Er sagt: "Leider sind nicht alle meiner Kinder so gut geraten wie du. Höre nun meine Befehle. Du begibst dich an folgenden Ort und wartest dort auf das Signal."

Er beschreibt ihr den Ort nicht mit Worten, aber das Bild einer Landschaft und eines Brunnens entsteht in ihrem Geist und sie weiß, wohin sie gehen muß.

"Es wird lange dauern, viele Jahre. Immer, wenn der Mond scheint, wird er dir und deinen Geschwistern Kraft spenden für den großen Kampf. Warte, sammele die Energie und sei bereit. Du bist etwas Besonderes. An dir wird es liegen, die verlorengegangenen Kinder des Mondes einzusammeln und zu mir zurückzubringen. Dann wirst du als Kommandantin mit mir an der Spitze meiner Truppen gegen den verachtenswerten Feind ziehen!"

Coco erhebt sich und fliegt aus der Höhle hinaus ins Freie. Unter sich sieht sie andere Menschen, die letzten des Engelsberges. Calract wird auch aus ihnen Kinder des Mondes machen. Nachdem Coco die Grenze der Vulkanlandschaft erreicht hat, muß sie sich ausruhen. Die Kraft des Mondes hat sie noch nicht oft gespürt, kann nicht so große Strecken auf einmal fliegen. Es dauert viele Wochen, bis sie an dem Brunnen in dem einsamen Dorf Cidr im Südlichen Ödland ankommt. Sie fliegt in den Brunnen hinein und integriert sich in ihn. Doch sie ist nicht allein. Auch Trempapu ist hier, und noch ein weiterer ehemaliger Mensch aus dem Vulkanland. Sie haben sich nichts zu sagen, aber Coco ist froh über die Nähe der anderen. Sie spürt, daß sie einander vielleicht brauchen werden.


Zeit vergeht. Wieviel Zeit? Das spielt keine Rolle. Vielleicht Wochen, vielleicht Jahrhunderte. Oft ist der Mond auf- und wieder untergegangen, und die Kinder Lunalocs haben viel Kraft gesammelt.

Dann ist es soweit. Aus der Ferne gibt Calract das Signal. Coco, Trempapu und der andere erwachen gestärkt und voller Tatendrang. Draußen begegnen ihnen wütende Menschen und eine kriegerische Prinzessin. Coco setzt ihre neuen Fähigkeiten ein und beruhigt sie. Dann nimmt sie ihre beiden Brüder, denen es nicht so gut geht wie ihr, und macht sich auf den langen Rückweg.

Sie weiß, daß der Herr und Meister seit nunmehr fünfzig Jahren jeden Tag ein oder zwei Lunaloc-Kinder gemacht hat. Das ergibt ungefähr Zwanzig- bis Dreißigtausend. Coco ist überrascht, daß sie das einfach im Kopf ausrechnen kann. Hat sie doch nie eine Schule betreten dürfen. Auch das gehört zu ihren neuen Fähigkeiten. Sie ist erfüllt von Dankbarkeit gegenüber ihrem Vater. Sie weiß, daß sie nur ein Werkzeug ist, ein Instrument seiner Rache, das er benutzt und dann wegwirft. Aber es macht ihr nichts aus. Sie ist glücklich. Sie wird für ihn kämpfen und, wenn es sein muß, sterben.

*

Das Unendliche Land - ein Lunaloc-Dämon

*

"Der Engelsberg!" Atacus, der General der karolingischen Armee wies mit ausgestrecktem Arm nach Norden. Alessandra kniff die Augen zusammen. Das Ziel war noch sehr weit entfernt - mehrere Tagesmärsche - und selbst hoch zu Pferde kaum zu erkennen. Doch daß man sich ihm näherte, bemerkte man an den ständig härter werdenden Attacken der Dämonen. Zu Hunderten streunten sie in den Wäldern umher und lieferten den Soldaten Alessandras permanente Scharmützel. Es war ihr Glück, daß die Dämonen immer noch unorganisiert und offenbar verwirrt waren, denn ihre körperliche Kraft und Widerstandsfähigkeit war erschreckend. Hätten sie einen fähigen Feldherrn an ihrer Spitze gehabt, wären sie zu einer fürchterlichen Streitmacht geworden. Daß dieser Führer allerdings schon auf dem Weg war, wußte Alessandra zum Glück nicht, denn es hätte sie sehr beunruhigt. Im Moment beschäftigten sich ihre Gedanken mit dem Vulkanland, das die Untertanen Karls den Engelsberg nannten, obwohl es ein recht weitläufiges Gebiet vulkanischen Ursprungs war. Der eigentliche Engelsberg allerdings war eine so markante Formation, daß er nicht zu übersehen war.

"Berichtet mir bitte alles, was Ihr über den Engelsberg wißt, General Atacus", forderte die Prinzessin den Ritter auf.

Der Mann zuckte die Schultern und antwortete: "Alles Wissen ist über 50 Jahre alt, denn seitdem ist dieses Territorium unzugänglich, wie Ihr ja wißt, Hoheit."

"Wurde denn wenigstens versucht herauszufinden, was mit den Kundschaftern geschehen ist?"

"Nun", wand sich der General verlegen, "es hat nie Kundschafter gegeben. Wir haben nur die Kenntnis von Jägern, Wanderern und Kaufleuten, deren Verschwinden irgendwann den Reichsbehörden gemeldet wurde. Die Vorfälle wurden niemals systematisch untersucht."

"Aber das Vulkanland liegt keine 300 Kilometer von Cosmo entfernt an dieser markanten Flußschleife. Wie konnte man es 50 Jahre lang völlig ignorieren? Und was ist mit der dortigen Bevölkerung geschehen?", wunderte sich Alessandra.

"Verzeiht, Herrin, aber ich weiß es nicht. Niemand weiß das."

Alessandra hatte die Karten genau studiert. Der Fluß Uva, der tief im Schwarzen Königreich seine lange Reise zum Nordmeer begann, floß von der Quelle aus zunächst in nordwestlicher Richtung. Dicht vor Cosmo, der karolingischen Hauptstadt, vereinigte er sich mit dem Fluß Elbro und floß von dort aus etwa 300 Kilometer nach Süden. Dort bog er in einer Schleife von etwa 150 Grad nach Nordosten ab. Und in dieser Schleife lag das Vulkanland. Alessandra nahm an, daß Schiffer und Flößer auf dem Uva nicht zu verschwinden pflegten. Denn dieser Fluß war eine der Lebensadern des Reiches Karls, und wenn dort etwas Ungewöhnliches geschah, würde es keine 50 Jahre lang ignoriert werden können. General Atacus bestätigte den Gedankengang. Solange kein Matrose auf dem Nordufer der Schleife an Land ging, passierte nichts. Wer aber dort anlandete und vielleicht sogar übernachtete, der wurde in den meisten Fällen nie wieder gesehen.

"Hmm", murmelte die Prinzessin. Doch dann wurde sie durch laute Schreie aus ihrem Nachdenken gerissen. Ein urweltliches Brüllen fuhr durch den lichten Birkenwald, in dem sich der Großteil der Vereinigten Armeen gerade befand.

"Dort! Ein Drache. Ein Ungeheuer!" schrie jemand. Das Klirren von Waffen war zu hören und die Schreie von Menschen und Pferden.

Alessandra und der General galoppierten sofort los.

Es war tatsächlich ein Drache, der feuerspeiend gegen etwa 20 Ritter anging. Brüllend erhob er sich in die Luft, um dann auf die tapferen Männer niederzustoßen. Es war ein schauriger Anblick. Alessandra sah zwei ihrer Männer reglos im glimmenden Unterholz liegen, neben sich die Pferde. Die übrigen Ritter versuchten mit Pfeil und Bogen, den Drachen abzuwehren und trafen ihn auch, doch das reizte ihn erst recht. Er zog höher, flog eine rasche enge Schleife und schoß dann erneut auf die Ritter zu. Eine Feuerlohe hüllte die Männer ein, und die Schilde begannen zu glühen. Schreiend vor Schmerz warfen die Ritter sie davon, doch jetzt waren sie vollkommen schutzlos. Zwei stürzten sich von ihren Pferden auf den Drachen, und einem gelang es, sich an seinem Rücken festzuhalten. Er hieb mit der Kraft der Verzweiflung mit einem Messer auf den Panzer des Drachen ein. Alessandra sah rotes Blut hervorsprudeln, doch bei diesem Ungeheuer brauchte es mehr, um es zu töten. Der Drache schüttelte sich, und der Mann flog in hohem Bogen herunter. Dann wandte er den Kopf und betrachtete den Ritter, der da vor Angst bibbernd auf dem Boden lag, neugierig. Dann riß er sein Maul auf. In diesem Moment riß die Weiße Prinzessin den heftig pulsierenden Mondkristall hervor. Ein blasser Lichtstrahl hüllte den Drachen ein. Verblüfft fuhr dieser herum, dann wurde er durchsichtig und war einen Herzschlag später verschwunden.

Einen Moment lang war nur das Knistern der brennenden Bäume zu hören. Es brauchte etwas Zeit, das Wunder zu verarbeiten. Alessandra faßte sich als erste wieder: "Los. Holen wir die Verwundeten da heraus, bevor alles in Flammen steht. Und löscht die Brände."

Sie sah sich um. Die herbeigestürmten Hilfstruppen erwachten aus ihrer Starre und entwickelten eine emsige Tätigkeit. Alessandra hatte nicht nur den militärischen Teil, sondern auch die Verpflegung und die Versorgung der Verwundeten durchorganisiert. Vor allem letzteres, denn mit zahllosen Verletzten mußte gerechnet werden.

"Wo ist der nächste Kampfplatz?" Sie sah sich entschlossen um.

"Dort, Königin", rief einer der Ritter. Daß er die Prinzessin mit dem falschen Titel angesprochen hatte, fiel keinem weiter auf. "Etwa zwei Kilometer von hier kämpfen einhundert unserer Ritter gegen eine Horde dieser Bestien. Es hat auf unserer Seite schon viele Tote gegeben."

Alessandra galoppierte los und erreichte nach kurzer Zeit den Kampfplatz. Auch hier stand der Wald in hellen Flammen, diesmal, weil die Ritter sich mit Brandfackeln gegen die Dämonen gewehrt hatten. Der Kampfschauplatz war daher äußerst unübersichtlich, Rauch verhüllte die Szene, und die vielen brennenden Bäume versperrten den Weg. Am besten konnte man sich noch nach Gehör orientieren, denn wo Mann gegen Mann beziehungsweise Dämon gefochten wurde, entstand eine Menge Lärm. Alessandra ritt zu einer dieser Stellen hinüber. Zwei riesige, wurmartige Dämonen bedrängten fünf Ritter. Drei weitere lagen tot am Boden. Die Prinzessin hielt erneut die Mondquelle hoch. Wieder fuhren fahle Lichtspeere daraus hervor und ließen die Ungeheuer ins Nichts verschwinden. Die Ritter glaubten, ihren Augen nicht trauen zu können, doch die Nachricht von der Wunderwaffe der Prinzessin machte rasend schnell die Runde.

An diesem Tag tötete Alessandra fast 100 Dämonen und verschaffte ihrer Armee damit so viel Entlastung, daß sie in Ruhe ein befestigtes Lager aufbauen und eine fast ungestörte Nacht verbringen konnten.


Den nächsten Tag nutzte Alessandra, um den Rittern eine Erholungspause zu geben. Die Männer und auch die Pferde waren von den langen Märschen und den ständigen Kämpfen völlig erschöpft. Zwar brannten sie alle darauf, den unheimlichen Feind zu bekämpfen - sie waren allesamt Freiwillige, die man nicht erst zum Kriegsdienst hatte pressen müssen - doch ihre Kräfte waren nicht unerschöpflich und mußten geschont werden.

Alessandra selbst unternahm mit einer kleinen Eskorte Aufklärungsritte in die Umgebung und erkundete das vor ihnen liegende Gelände, durch das die Armee in den nächsten Tagen ziehen mußte. Zu ihren Begleitern gehörten auch Erich und Simona, die bereits früher durch besonderen Wagemut und Tapferkeit aufgefallen waren.

Das Land Karls war im Vergleich zum Weißen Königreich sehr dünn besiedelt, und auch hier, einige Tagesritte südlich des Engelsberges, gab es keine einzige Stadt und nur wenige verstreut liegende Waldhütten und kleine Dörfer. Allerdings waren die Vereinigten Armeen seit Wochen auf keines mehr gestoßen, das nicht schon vorher von den Dämonen niedergemacht worden war.

Die Landschaft war mehr oder weniger dicht bewaldet und hügelig, also sehr unübersichtlich. Das bereitete Alessandra Sorge. Man konnte hier eine halbe Armee verstecken, ohne daß man es bemerkt hätte.

"Wenn diese Dämonen mehr von Strategie verstünden, sähe es für uns ziemlich schlecht aus", meinte sie zu einem ihrer Begleiter. Nachdenklich musterte sie den Mann, der im Rang eines herzöglichen Obristen stand. Er kam Alessandra vage bekannt vor. "Sagt mal, Herr Oberst", meinte sie schließlich, "kenne ich Euch nicht?"

Der Mann schlug verlegen die Augen nieder. Doch es blieb ihm schließlich nichts Anderes übrig, als die Wahrheit zu sagen: "Ja, Herrin, das ist durchaus möglich. Ich habe damals für König Starrus gegen Euren Vater gekämpft. Es tut mir sehr leid, Herrin, und ich bereue es sehr, denn die Arcadier haben uns sehr schlecht behandelt."

"Alles vergeben und vergessen. Jetzt kämpfen wir alle Seite an Seite gegen einen gemeinsamen Feind."

"Ja, Königin." Der Oberst war sichtlich erleichtert.

"Sagt mal, Herr Oberst, ihr kennt nicht zufällig einen Kommandeur namens Roqueville?"

"Selbstverständlich kenne ich ihn, Herrin. Aber wie es scheint, nimmt er an diesem Feldzug nicht teil. Seit dem letzten Krieg habe ich nichts mehr von ihm gehört."

"Hmm." Das war Alessandra gar nicht so unrecht. De Roqueville war zwar ein äußerst fähiger Soldat, aber die Prinzessin hatte ihn hassen gelernt und war froh, ihn nicht sehen zu müssen.


Ein Reiter näherte sich der Prinzessin. Sie erkannte Erich, den Blauen König, und begrüßte ihn freudig.

"Es ist ziemlich ruhig hier. Zu ruhig, wenn du mich fragst", grollte er.

Alessandra nickte. "Die Ruhe vor dem Sturm."

Erich brummte etwas Unverständliches. Sehr freundlich klang es nicht.

"Reiten wir zurück."


Bis zum Abend blieb es friedlich. Die Männer hatten gut gegessen, ihre Ausrüstung in Ordnung gebracht und die Pferde versorgt und gepflegt. Jetzt vertrieben sie sich die Zeit mit Würfeln, Kartenspielen oder Geschichtenerzählen. Es waren Ritter aus aller Herren Länder, die hier zusammengekommen waren, und sie hatten einander viel zu erzählen. Was bei den einen selbstverständlich war, war bei den anderen verboten, denn die Sitten und Gebräuche unterschieden sich zum Teil erheblich. Und doch herrschte hier, in diesem riesigen Feldlager, eine seltsam gelöste, friedfertige Stimmung. Die sonst unter Soldaten üblichen Schlägereien um Geld und Ehre - hier gab es sie nicht. Nur der gemeinsame, heilige Kampf gegen das Böse zählte. Sie alle waren Brüder in dieser Schlacht, und eines jeden Leben konnte in der nächsten Stunde schon vom Mut und Können des anderen abhängen.

Vor Sonnenuntergang stellten Alessandras Sanitäter einen Zug für die Verletzten zusammen, die nicht mehr kämpfen konnten. Sie wurden auf Wagen verladen und brachen auf nach Süden zur Stadt Manako, die auf wundersame Weise von den Dämonen verschont geblieben war. Die Reise dorthin war weit, aber der Süden war bereits vom Feind gesäubert worden - schließlich waren die Vereinigten Armeen ja von dort gekommen. Die Verletzten waren also in Sicherheit.

Das zumindest dachten alle, bis die Überlebenden mitten in der Nacht zurückkehrten.

Und dann begann der Weltuntergang.

Aus Süden, Osten und Westen brachen Horden von Lunaloc-Dämonen über das Lager herein. Alessandra war sofort klar, daß nun das eingetreten war, was sie insgeheim die ganze Zeit befürchtet hatte: ein Stratege hatte sich der dämonischen Armee angenommen. Und seine ersten Opfer waren die Verwundeten gewesen. Sie waren den im Süden lauernden Ungeheuern genau in die Arme gelaufen und von ihnen niedergemacht worden. Jetzt zählte nur noch der Kampf bis zum letzten Blutstropfen.

Überall stand der Wald in hellen Flammen. Drachen, Riesen und bizarre Monster aller Art stürmten auf die Ritter los und metzelten alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. Die provisorischen Befestigungszäune des Lagers waren keine Hindernisse gegen die Ungeheuer. Wenn eines daran scheiterte, was sofort ein anderes, größeres da, das die Barrikaden einfach hinwegfegte. Die Flugdrachen konnten damit sowieso nicht aufgehalten werden.

Die Soldaten kämpften mit dem Mut der Verzweiflung, und Alessandra gab ihr Letztes, um mit dem Mondkristall die anstürmenden Horden zurückzudrängen. Vielleicht hätte sie es sogar geschafft, denn die Dämonen schienen gegen die unheimliche Macht des Kristalls kein Mittel zu besitzen. Doch sie lernten schnell, der Prinzessin auszuweichen. Alessandra trieb Phobos zu unglaublichen Leistungen an, und schließlich erkannte sie, wo der gegnerische Stratege ungefähr stehen mußte.

Ihre Vermutung erwies sich als richtig, denn als sie auf diese Stelle zu galoppierte, wichen die Dämonen nicht mehr aus, sondern opferten reihenweise ihr Leben, um Alessandra das Durchkommen unmöglich zu machen. Doch der Mondstein, der in der Hand der Prinzessin heiß glühte, vernichtete sie alle.

Und dann lichteten sich die feindlichen Reihen, und vor der Prinzessin stand das Wesen, das diesen verheerenden Feldzug organisiert hatte: Coco, der wunderschöne Schmetterling.

Alessandra und die Schmetterlingsfrau standen einander schweigend gegenüber: Die Prinzessin auf ihrem Roß, Coco dümpelte ruhig in der Luft. Sie schienen einander gegenseitig gebannt zu haben. Ein Gedanke der Weißen Prinzessin hätte genügt, die Strategin der Lunaloc-Dämonen ebenfalls zu Nichts werden zu lassen. Doch sie konnte es nicht. Die unheimliche Fähigkeit Cocos, feindliche Gedanken in friedliche zu verwandeln, schützte sie. Und während um Alessandra herum die Ritter um ihr Leben fochten und zu Dutzenden dahingemetzelt wurden, war die Prinzessin selbst gefangen in ihrer Verzweiflung, helfen zu müssen und es nicht zu können. Die Kraft der Dämonin war größer. Alessandra vermochte keinen Finger zu rühren. Tränen liefen über ihre Wangen, weil sie die Todesschreie der Soldaten mit anhören mußte, der Soldaten, die ihr vertrauten und die sie jetzt im Stich ließ. Aber sie konnte es nicht, sie war gebannt. Und während rings um sie ihre Armee unterging, wußte sie, daß nur noch ein Wunder sie alle retten konnte.

Und das Wunder geschah.

Fahlgrüne Blitze zuckten durch die Nacht, die sich nun mit den gellenden Todesschreien der Dämonen erfüllte. Coco zuckte erschrocken zusammen, und der Bann, der auf Alessandra gelastet hatte, brach. Sie wandte sich um und sah einen Flugdrachen in der Luft vergehen. Nur ein Regen glühender Asche blieb von ihm übrig, nachdem ihn der Energiestrahl getroffen hatte. Aber wer war es, der ihnen in letzter Sekunden zu Hilfe geeilt war? Noch war nichts zu erkennen. Alessandra vernichtete mit dem Mondkristall alle Dämonen, denen sie begegnete, aber es waren nur noch wenige. Die meisten lagen tot am Boden, einige flohen, wurden aber von den Blitzen eingeholt und zerstört. Alessandra erkannte endlich den Ausgangspunkt dieser Blitze. Von ihrem Hügel galoppierte sie hinab und auf den anderen Hügel wieder hinauf, auf dessen Spitze sie die Gestalt ausgemacht hatte. Sie stieg ab und näherte sie sich ihr vorsichtig. Sie erkannte, daß es eine Frau war, die immer noch voller Kraft und Wut ihre unheimlichen grünen Blitze gegen die Dämonen schleuderte. Doch schließlich wurde es ruhiger. Die Frau drehte sich um. Alessandra glaubte, zu Eis erstarren zu müssen, als sie in das dunkle linke und das hellblaue rechte Auge dieses unverkennbaren Gesichtes blickte.

"Die Schwarze Hexe", hauchte sie. Ihre Hand verkrampfte sich unwillkürlich um den Mondkristall.

"Der nützt dir nichts, Kindchen", rief die ehemalige Imperatrice zu ihr hinüber. "Damit kannst du vielleicht diese Brut beeindrucken, aber nicht mich. Ha ha ha ha ha ha!" Sie lachte ihr charakteristisches höhnisch-hysterisches Lachen.

Alessandra entspannte sich etwas. Immerhin hatte die Schwarze Hexe ihre Armee vor der Vernichtung bewahrt. Fragte sich nur, warum. Bestimmt nicht aus Menschenfreundlichkeit. Trotzdem sagte Alessandra: "Ich danke dir für deine Hilfe."

"Pah. Eigentlich hast du mir geholfen, auch wenn du es nicht weißt, Kindchen. Aber ich denke nicht im Traum daran, mich zu bedanken. Bei niemandem, verstehst du!"

Alessandra schaute verwirrt drein. "Aber ...?"

"Du verstehst gar nichts. Paß auf, Kindchen. Da drüben auf dem Engelsberg lebt der begabteste und mächtigste Zauberer der Gegenwart. Ich wollte mich mit ihm verbünden, aber dieser arrogante Schweinepriester hat mich einfach rausgeschmissen. Mich, die Schwarze Hexe. Stell dir das vor! Und dafür werde ich mich an ihm rächen. Das hier war erst der Anfang. Warts nur ab." Und mit diesen Worten hüllte sie sich selbst in einen schwarzen Blitz und verschwand.

Dem Teufel einen Besuch abstatten, das waren doch damals ihre Worte gewesen. Schlagartig wurde Alessandra klar, daß das nicht einfach so dahingesagt gewesen war.


Alessandra suchte die ganze Nacht nach Überlebenden. Als der Morgen graute, konnte sie eine erste Bilanz aufstellen. Positiv war, daß die Dämonen offenbar fast völlig vernichtet worden waren. Von Coco allerdings fehlte jede Spur, und die Prinzessin bezweifelte, daß sie zu den Toten gehörte. So einfach starb ein Wesen wie dieses nicht.

Auf ihrer eigenen Seite waren die Verluste schlimm, aber nicht so katastrophal, wie sie in der Nacht befürchtet hatte. Am schlimmsten hatte es den Zug der Verwundeten erwischt, der fast bis zum letzten Mann dahingemetzelt worden war. Man hatte die Stelle inzwischen gefunden und war dabei, die Toten notdürftig zu begraben, sofern überhaupt etwas zum Begraben übrig war. Unter den Rittern waren etwa 1000 gefallen und weitere 2000 kampfunfähig geworden. Das hieß, daß immer noch über 8000 einsatzfähig waren. Und die Kampfmoral war keineswegs gebrochen. Im Gegenteil, die Männer brannten darauf, diesen Überfall mit Blut zu rächen. Alessandra teilte diese Gefühle, doch es schien ihr, als sei sie die einzige, die sich über das Ausmaß der Gefahren wirklich klar war. Nur durch das Eingreifen der Schwarzen Hexe waren sie der sicheren Vernichtung entgangen, das stand nun mal fest. Sie versuchte, das ihren Männern beizubringen, doch sie stieß weitgehend auf taube Ohren. Und so blieb ihr am Ende nichts Anderes übrig als die Flucht nach vorn.


"Das weitere Vorgehen", so dozierte sie am folgenden Tag vor den Generälen und Anführern, "liegt klar vor uns." Sie zeigte mit einem Stock auf die Karte, die den Engelsberg und seine Umgebung zeigte.

"Wir ziehen westlich am Vulkanland vorbei, setzen dort über den Uva und dringen dann von Norden her ein. Die Götter mögen uns beistehen!"

Doch vorher ließ Alessandra eine längere Ruhepause einlegen. Mitten im tiefsten Wald entstand ein riesiges Heerlager, und die Versorgungstrupps schwärmten in die Umgebung aus, um die Ritter mit frischem Fleisch zu versorgen. Aus den angrenzenden zivilisierten Gebieten des karolingischen Reiches trafen große Züge mit weiteren Lebensmitteln ein, und noch einen weiteren Zustrom gab es: den von Freiwilligen. Kaum einer, der reiten und ein Schwert halten konnte, war noch davon abzubringen, sich dem jetzt schon legendären Kampf der Weißen Prinzessin anzuschließen. Aus aller Herren Länder strömten Ritter, Landsknechte und Soldaten, aber auch Handwerker wie Schmiede und Waffenmacher, dem Lagerplatz der Vereinigten Heere zu und leisteten vor Alessandra ihren Schwur. Diese ermahnte jeden zu bedenken, daß er vielleicht nicht mehr nach Hause zurückkehrte, doch davon ließ sich kein einziger abhalten. Im Gegenteil, es verstärkte ihre Entschlossenheit noch mehr.

Um nicht zu viel Zeit zu verlieren, sortierte Alessandra zügig all diejenigen aus, die so schwer verwundet waren, daß sie für die zu erwartenden harten Gefechte nicht mehr taugten, und schickte sie nach Hause. Ein Bronzegießer, der sich dem Zug kürzlich angeschlossen hatte, goß extra zum Anlaß dieser Schlacht eine Gedenkmünze. Vorn zeigte sie das Wappen des alten arcadischen Reiches, hinten das des karolingischen Reiches sowie einen von einer Lanze durchbohrten Drachenkopf. Alessandra händigte persönlich jedem, der den Feldzug vorzeitig verlassen mußte, eine solche Medaille aus. Nicht selten vergossen selbst die härtesten Burschen bei dieser Gelegenheit Tränen der Ergriffenheit. Denn daß der Feldzug mehr als eine x-beliebige Schlacht in einem kleinen Territorialkrieg war, daß wußte selbst der Dümmste. Hier ging es um nichts weniger als das Wohl und Wehe der ganzen bekannten Menschheit. Und die ganze Verantwortung ruhte auf den schmalen Schultern der Weißen Prinzessin in ihrer dunkelbraunen Eisenrüstung und der längst legendären violetten Eisvogelfeder auf ihrem Helm.

Knapp eine Woche später brach der Zug wieder auf, fast genau nach Norden. König Karl im fernen Cosmo hatte alle Schiffe, derer er habhaft werden konnte, requirieren lassen, um die Soldaten so rasch als möglich über den Uva übersetzen zu lassen. Die Schiffe und Flöße warteten an der vereinbarten Stelle auf das Eintreffen der Vereinigten Armeen.

Und sie kamen. Unterwegs hatte es keine nennenswerten Begegnungen mehr mit den Lunaloc-Dämonen gegeben. Und auch Coco und die Schwarze Hexe blieben einstweilen verschwunden. Alessandra war oft mit ihrer Schwester und Erich zusammen, die sich beide als mit allen Wassern gewaschene Feldherren erwiesen hatten. Die Tapferkeit der Blauen Soldaten war jetzt schon legendär. Doch Erich wäre es lieber gewesen, seine Leute wären nicht so draufgängerisch: von den ehemals 200 hatte er bereits über 100 verloren. Zwar waren im Laufe der Zeit weitere 120 dazugestoßen, doch die Verluste schmerzten. Nur die Herzöglichen, die sich auch nach dem Tod von Rolfes II noch so nannten, hatten prozentual höhere Verluste zu beklagen. Die Versorgung der Witwen und Waisen zu organisieren, würde nicht einfach sein - nach dem Feldzug. Doch es stand einfach zu viel auf dem Spiel. Wenn es sein mußte, würde jeder Ritter bis zum Tod kämpfen.

"Das Übersetzten wird kritisch", meinte Simona, als der Zug sich dem Uva-Fluß näherte. "Es war in den letzten Tagen verdächtig ruhig."

Erich knurrte zustimmend. Alessandra antwortete: "Wenn wir es klug anstellen, bleibt die Gefahr gering. Ich habe so ein paar Ideen für den Notfall."

Am Abend vor der Ankunft an der Fährstelle ließ Alessandra alle Heerführer versammeln und trat vor sie hin: "Es herrscht die Ansicht, meine Freunde, daß der Feind uns womöglich beim Übersetzen angreifen wird, weil unsere Kräfte dann geteilt sind. Daher habe ich eine Plan entwickelt, wie wir möglichst rasch über den Uva gelangen und gleichzeitig einen Überraschungsangriff vereiteln können. Wir werden nämlich nicht in Booten übersetzen, sondern die Boote werden eine Brücke bilden, Seite an Seite, auf der wir dann im Eiltempo über den Fluß gelangen können. Die Einzelheiten habe ich schon ausgearbeitet."

Die Generäle, Herzöge und Könige waren überrascht. Wieder einmal erwies sich ihre Anführerin als äußerst gerissen. Die Vorbereitungen, die vor allem im Herbeischaffen und zurechtsägen von Baumstämmen bestanden, begannen noch in der Nacht. Die Holzbretter, die die Brücke bilden sollten, ließ man einen kleinen Seitenfluß hinuntertreiben. Unten, bei der Mündung in den Uva, wurden sie dann von Soldaten Karls aufgefangen und zusammengenagelt.


Ein Fanfarenstoß erscholl. Weit war er zu hören in der dunklen, nebligen Herbstnacht.

"Platz für den Boten des Königs!"

Erwartungsvoll trat Alessandra aus ihrem Zelt. Wäre es nicht so dunkel gewesen, wäre dies eine der seltenen Gelegenheiten dieses Feldzuges gewesen, sie ohne Rüstung zu sehen.

Kurz darauf traf der angekündigte Bote Karls vor dem Zelt ein, stieg ab und kniete vor Alessandra nieder.

"Erhebt euch, bitte. Und seid mir gegrüßt", sagte diese.

"Majestät. Ich habe von König Karl persönlich den Auftrag erhalten, sein morgiges Erscheinen an der Fährstelle anzukündigen."

Alessandra war überrascht. König Karl regierte zwar ein riesiges Land, doch daran gemessen war seine Präsenz sehr gering. Kaum einer der Könige und Grafen im Süden kannte ihm persönlich. Aber vielleicht lag das eher an den großen Entfernungen, als an der Scheu dieses Herrschers. Allerdings war Alessandra aus einem anderen Grund nicht begeistert von der Idee Karls. Sie sagte zu dem Boten: "Offengesagt halte ich diese Idee Eures Königs für gefährlich. Die Furt ist eine ideale Stelle für den Feind, uns anzugreifen. Es wäre bedauerlich, wenn dadurch auch König Karl in Gefahr geriete."

"Ich bedauere Hoheit, aber es ist zu spät für Einwendungen. Seine Majestät ist bereits unterwegs, und wird pünktlich morgen früh an der bezeichneten Stelle erscheinen. Außerdem hat er für seine Sicherheit gesorgt."

"Sicher hätte er das, wenn wir es mit einem normalen Gegner zu tun hätten. Nun ja, wir werden also besonders wachsam sein müssen. Aber nun kommt und seid unser Gast heute Nnacht."


Am nächsten Vormittag trafen dann die Vereinigten Heere an der vorgesehenen Stelle ein und stießen auf die fertige Brücke. Der Strömung folgend verlief sie schräg zum Fluß, so daß die mechanischen Querkräfte minimal blieben. Schiffe waren ja genügend vorhanden.

Auf dem ersten Schiff der Brücke stand ein Mann mit schwarzen Bart und verschränkten Armen. Auf dem Kopf trug er eine Krone. Es war kein anderer als der König: Karl der Dritte.

Besorgt musterte Alessandra das gegenüberliegende Ufer, doch dort blieb alles ruhig. Sie ritt auf die Rampe zu, die zum ersten Schiff führte, stieg ab und trat vor Karl hin: "Ich grüße Euch, Majestät, und danke im Namen aller für Eure großzügige Unterstützung."

"Seid auch Ihr mir gegrüßt, Prinzessin Alessandra. Von Euch erzählt man sich wahre Wunderdinge, und ich muß zugeben, daß Ihr meinen Vorstellungen entsprecht. Bei Euch weiß ich unsere heilige Sache in den besten Händen."

Karl hatte eine ruhige, angenehm klingende Stimme. Seine hellbraunen Augen hatten einen festen, unbeugsamen Blick, und Alessandra vermutete, daß er ein strenger, aber gerechter Herrscher war. Sein Reich war trotz der Größe gut durchorganisiert, das hatten die Unterstützungsmaßnahmen zu ihrem Feldzug bewiesen. Auch mit der Brücke hatte es keine Probleme gegeben, obwohl die Prinzessin ihre Pläne erst vor drei Tagen per Boten dem hiesigen Bauleiter hatte zukommen lassen. Der Termin war so knapp gehalten worden, um dem Feind möglichst wenig Zeit für Gegenmaßnahmen zu lassen.

Karl bat dann die Prinzessin, ihm vom bisherigen Verlauf des Feldzuges zu berichten. Alessandra faßte sich möglichst kurz und wies auf die Gefahren eines Überfalls hin. Gemeinsam verließen sie die Brücke dann wieder. Alessandra schwang sich auf Phobos und verabschiedete sich knapp vom König. Dann galoppierte sie an der Spitze der Vorhut über die Schwimmbrücke und sicherte das andere Ufer. Aber alle Vorsicht erwies sich als überflüssig. Es geschah rein gar nichts. Völlig unbehelligt setzte das gesamte Heer über und bezog Stellung.

Alessandra warf einen letzten Blick zurück. König Karl hatte ebenfalls den Befehl zum Aufbruch erteilt. Die Brücke wurde bereits wieder aufgelöst und in einzelne Schiffe zerlegt, die sich dann in sicherer Entfernung für das Rück-Übersetzmanöver bereitzuhalten hatten. Die Prinzessin schickte ein Stoßgebet in dem Himmel, dann wandte sie sich wieder ihrem Ziel zu. Zunächst ließ sie die Gegend erkunden. Man befand sich hier bereits am Fuße des Vulkanlandes, unmittelbar neben einem verlassenen und verfallenen Dorf.

Alessandra, Simona und Erich ritten hinein und untersuchten die Überreste, die sie in den eingestürzten, verfallenen Häusern noch vorfanden. Doch es gab keine Hinweise auf Kämpfe oder Gewalttaten. Die Bewohner waren offenbar ohne nennenswerte Gegenwehr verschwunden. Das Rätsel löste sich damit nicht.


"Freunde, Kameraden!" Alessandras Stimme klang weit von dem kleinen Hügel herab. Zu ihren Füßen hatten sich die etwa 12000 Ritter und Soldaten aufgestellt und lauschten andächtig ihren Worten. "Wir brechen nun auf in ein unbekanntes und äußerst gefährliches Gebiet, das Herzland des Feindes. Wir haben anscheinend fast alle Dämonen im Süden getötet, aber es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß nicht genauso viele aus dem Norden, Osten und Westen eingetroffen sind. Diese sind vielleicht schon hier und lauern uns auf. Ich werde voranreiten und versuchen, sie mit dem Mondkristall von uns fernzuhalten. Dennoch ist jeder einzelne von Euch in der Pflicht, seinen Teil dazu beizutragen, das Böse zu finden und zu vernichten." Die aufgehende Sonne ließ Alessandras Rüstung wie flüssiges Eisen aufglühen, und ihre kastanienbraunen Haare leuchteten im Morgenlicht wie Gold. Dann zog sie ihren Helm mit der berühmten Feder auf und gab Phobos die Sporen. Dieser stieg steil auf, wendete auf der Hinterhand und sprang unternehmungslustig los. Eine Welle der Begeisterung erfaßte die Ritter. Sie spürten, mit dieser Anführerin würden sie sogar die ganze Welt aus den Angeln heben können. Denn die Götter waren mit Alessandra, das war für jedermann offensichtlich.


Der Weg durch das Vulkanland war unheimlich. Der Boden war weich und dunkelbraun, dunkelgrau oder schwarz. Nirgendwo sonst gab es Boden mit dieser Farbe. Er dämpfte die Schritte und verschluckte jedes Geräusch. Akustisch war Alessandras riesiger Heerzug wie weggewischt. Und die Pflanzen! Bäume und Büsche wuchsen vereinzelt aus dem Boden, auch Grasinseln, doch dazwischen lag der grobkörnige Boden nackt da. Es sah fast aus wie in einem botanischen Garten. Zu diesem Eindruck trug auch die unnatürliche Wärme bei. Dennoch lag oben auf dem Kraterrand Schnee. Man konnte ihn deutlich von unten aus sehen.

Der Zug stieß auf seinem Weg auch auf Gehöfte und kleine Dörfer, doch nirgends regte sich auch nur die Spur menschlichen Lebens. Einmal fanden sie das Skelett eines menschlichen Armes, aber das war auch schon alles. Und dann stießen sie auf den Toten.

Alessandras Mondkristall pulsierte leicht, als sie um die Biegung ritt. Als sie und Phobos gleichzeitig die Leiche mitten auf dem Weg liegen sahen, scheute das Pferd erschrocken und warf Alessandra ab. Ihr passierte allerdings nichts, denn der Boden war auch hier weich und seltsam nachgiebig, als liefe man über Watte. Sie erhob sich und ging vorsichtig und mit gezogenem Schwert auf den auf dem Bauch liegenden Körper zu. Dort angekommen, drehte sie ihn auf den Rücken. Seine Hand streifte dabei die ihre, und sie zuckte mit einem leisen Aufschrei zurück: Die Hand war warm. Zitternd legte sie ihre Finger an den Hals des Mannes. Tatsächlich - sie spürte ganz schwach den Puls.

"Er lebt!" Ein erstauntes Raunen ging durch die Männer, die sich inzwischen eingefunden hatten. Einen lebendigen Menschen hatte hier keiner zu finden erwartet.

"Bringt ihn in den Wagen und ruft einen Arzt", befahl Alessandra. Nachdem dies geschehen war, war die Prinzessin unschlüssig. Dieser Mann konnte sehr wichtig für sie werden. Sollte man also warten, bis er erwacht war und reden konnte? Oder besser in Bewegung bleiben? Sie entschied sich für letzteres. Das Ziel war nahe, und sie wollte die Sache hinter sich bringen.

"Vorwärts. Wir reiten weiter!"

Sie selbst wechselte in den Planwagen, wo zwei Ärzte den Fremden betreuten.

Zum ersten Mal konnte die Prinzessin nun das Gesicht des Mannes richtig sehen. Vorher hatte es ja nach unten gezeigt und war mit grauer Vulkanasche verschmiert gewesen. Die Ärzte hatten es gesäubert, und Alessandra musterte es nun eindringlich. Irgendwie hatte sie das Gefühl, diesen Mann zu kennen. Sein Gesicht ... es hatte etwas Vertrautes. Aber das war doch völlig unmöglich!

Verwirrt schüttelte die Weiße Prinzessin den Kopf.

Stundenlang ging die Fahrt dahin. Manchmal bewegte sich der Mann und murmelte unverständliche Worte. Alessandra wachte über ihn und hoffte, daß er bald erwachen möge.

*

Coco


Als ich plötzlich der Feindin gegenüberstand, war es mir, als müßte ich zu Eis erstarren. Sie, die Trägerin der allmächtigen Mondquelle, hätte mich mit einem Gedanken in das ewige Nichts schicken können. Ich flatterte hilflos auf der Stelle und konzentrierte all meine Kraft auf sie, um ihre Gedanken zu bannen, und das Wunder geschah: Es gelang mir, sie zurückzuhalten. Deutlich spürte ich ihren inneren Kampf. Rings um sie wurde ihre Armee vernichtet, und sie selbst war völlig wehrlos. Offenbar konnte sie mit der Mondquelle nicht gut umgehen, sonst hätte sie uns im Handumdrehen besiegt. Doch dann kam das andere Ungeheuer, die Schwarze Hexe, und vernichtete stattdessen meine Armee. In der Verwirrung gelang es mir zu fliehen. Später sammelte ich den Rest meiner Brüder und Schwestern ein, die wenigen, die noch am Leben waren, und flüchtete mit ihnen über den Großen Fluß in das Land unseres Vaters, nach Lunaloc. Dort waren auch all die versammelt, die unser Vater aus anderen Teilen der Welt zurückgerufen hatte. Hier, an ihrer Geburtsstätte, konnten sie sich in den Höhlen des Vulkans in Decke, Boden und Wände integriert, so daß ein Sterblicher sie nie finden konnte. Ich aber suchte IHN.

Ich wollte ihm berichten und die Strafe für mein Versagen, die nur der Tod sein konnte, entgegennehmen, aber unser Vater war nicht da. Eine Sekunde lang fürchtete ich, der Feind hätte ihn schon getötet, aber das war unmöglich. Dazu war Calract viel zu mächtig. Wie er damals die Schwarze Hexe fertiggemacht hatte ... so lange war das noch gar nicht her, und jetzt hatte sie sich gerächt. Warum hatte er das zugelassen?

Aber er hatte sicher seine Gründe dafür. Und ganz gewiß war er mir keine Rechenschaft schuldig. Ich wies die Kinder des Mondes an, sich mit den anderen zu vereinen und auf die Rückkehr unseres Gebieters zu warten. Ich selbst hatte noch eine selbstgestellte Aufgabe zu erfüllen.

Aus der Waffenkammer holte ich mir eine leichte Armbrust. Sie war aus besonderem Metall gefertigt und besaß eine Durchschlagskraft, die größer war als alles, was die Sterblichen herstellen konnten. Mit dieser Waffe und ein paar Pfeilen verließ ich das unterirdische Vulkanlabyrinth und flog vorsichtig und immer in Deckung dem Zug der dämonischen Prinzessin und ihrer ahnungslosen Ritter entgegen.

Ich war bestürzt zu sehen, wie weit sie schon vorangekommen waren. Wenn sie nicht rasteten, konnten sie noch heute nacht den Vulkan erreichen, den eigentlichen Engelsberg, das Herz SEINES Reiches. Sollte ich umkehren und lieber die Verteidigung organisieren? Nein, dazu war ich schon zu weit gegangen. Und außerdem - die Sterblichen konnten die Kinder des Mondes sowieso nicht finden. Ihnen drohte keine Gefahr. Nein, ich mußte und wollte meine Mission zu Ende bringen: Wenn die dämonische Weiße Prinzessin erst mal tot war, dann würde dieser Feldzug auf der Stelle zusammenbrechen.

Ich flog ein Stück weit vor dem Troß her und suchte mir eine günstige Stelle. Der Weg wurde dort recht breit, rechts davon war ein Steilhang, links eine Gebüschgruppe, die mir Sichtdeckung gab. Vorsichtig klappte ich meine Schmetterlingsflügel zusammen und schob mich in die Hecken. Ich konzentrierte mich, und die Flügel und meine Haut verfärbten sich so, daß sie in dem Licht- und Schattenspiel praktisch unsichtbar wurden. Dann wartete ich.

Nach einiger Zeit kamen drei Reiter herangaloppiert. Sie waren offenbar Erkunder, denn sie ritten weiter und verschwanden dann hinter der nächsten Biegung. Eine halbe Stunde später kamen sie wieder zurück. Inzwischen spürte ich bereits die Nähe der Mondquelle. Die feindliche Anführerin mußte bald da sein. Nervös strichen meine Hände über das kühle Metall der Armbrust. Ich schloß die Augen und konzentrierte mich auf die Feindin. Zuerst war das Bild von ihr nur sehr undeutlich und verschwommen, doch sie kam näher, immer näher, und ich sah sie klarer und klarer. Ohne die Augen zu öffnen, legte ich einen Pfeil ein und spannte die Waffe. Ganz langsam. Ich spürte die Aura der anderen Soldaten. Die Vorhut ritt gerade vorbei. Eine schnelle Bewegung, und man hätte mich gesehen, trotz meiner Tarnung. In zeitlupenhafter Bewegung hob ich die Waffe und zielte. Die Feindin war unsichtbar hinter der Plane eines Wagens, aber ich benutzte ja nicht meine Augen, um sie zu sehen. In meinem Kopf stand sie in aller Deutlichkeit vor mir, wie sie auf der linken Bank saß und jemandem, der auf der rechten Bank lag, mit einem feuchten Tuch die Stirn abtupfte.

Kontakt.

Mein Zeigefinger spannte sich um den Auslöser. Ich wußte schon vor dem Schuß, daß der Pfeil sie treffen würde. Treffen und töten.

*

Der Mann stöhnte auf. Alessandra beugte sich über ihn, um ihm den Schweiß von der Stirn zu tupfen. Ihre Augen musterten zum ungezählten Male seine Züge, die ihr so seltsam vertraut waren. Sie wollte gerade eine schweißnasse Strähne aus seinem Gesicht wischen, als der Mann die Augen aufschlug. Alessandra zuckte zurück, und in diesem Moment durchbohrte sie Cocos Pfeil. Sie gab einen leisen Seufzer von sich und brach zusammen.

Was nun folgte, rief später, als man sich diese Geschichte erzählte, überall nur ungläubiges Kopfschütteln hervor. Aber es war eine Tatsache, daß Alessandra mit dem Fremden zum Zeitpunkt des Attentates allein im Wagen gesessen hatte, und daß wirklich und wahrhaftig niemand draußen den lautlosen Schuß bemerkt hatte.

Niemand erfuhr je, was in den endlosen Minuten geschah, bis man die tödlich verwundete Prinzessin durch einen Zufall endlich fand. Auf jeden Fall war der Fremde verschwunden, ohne irgendeine Spur zu hinterlassen. Den Mondkristall hatte er mitgenommen.

*

"Ich glaube, ein anderer wäre längst tot. Der Pfeil hat ihr Herz gestreift. Eigentlich kann niemand das überleben." Der Arzt musterte die Anwesenden mit sehr ernstem Gesicht. Sein Gesicht war weiß und seine Hände zitterten leicht. Die Männer standen um das Krankenlager herum. Bestürzung und Nervosität waren überall zu spüren. Sie machten sich schwere Vorwürfe. Wenn die mit dem Tode ringende Prinzessin den Kampf verlor, war das die größte denkbare Katastrophe für den Feldzug und das ganze Unternehmen. Man hätte sie hüten müssen wie den eigenen Augapfel. Stattdessen hatte irgendein hergelaufener Heckenschütze sie völlig unbemerkt und problemlos niedergeschossen. Und was das Schlimmste war, man hatte es erst nach einiger Zeit bemerkt. Wie lange die Prinzessin da in ihrem Blut gelegen hatte, wußte selbst jetzt noch niemand. Starb sie, so waren sie alle ehrlos und mußten lebenslang unter Schande leben.

Draußen beteten die Krieger. Sie knieten demütig auf der Erde und leisteten ihren Göttern feierliche Gelübde, wenn sie nur das Leben der Prinzessin schützten. Drinnen kämpften die besten Ärzte um ihr Leben. Man hatte nach Cosmo gesandt, doch bis von dort Hilfe eintreffen konnte, würde mindestens eine Woche vergehen. Aber bis dahin war längst alles entschieden, so oder so.

"Könnt Ihr nicht irgend etwas tun, Doktor?", fragte Simona mit tränenerstickter Stimme.

Der Arzt hatte den Pfeil, der vorne und hinten aus Alessandras Körper herausgeragt hatte, mit aller Vorsicht entfernt und die Blutungen, so gut es ging, gestillt, doch damit war er mit seiner Kunst am Ende.

"Alles Weitere liegt nun allein in Gottes Hand."

Die nächsten Minuten sprach keiner ein Wort, bis der Arzt sie alle bat, das Zelt zu verlassen.


"Wir müssen auch an unsere Sicherheit denken", erklärte Erich am Abend seinen Leuten. Um ihn herum waren einige der anderen Abteilungskommandeure versammelt, dazu die Unterführer seines eigenen Trupps. Der Schein der Lagerfeuer spiegelte sich in ihren schweißverklebten Gesichtern und gab ihnen ein unheimliches Aussehen. "Wir befinden uns mitten im Feindesland, und die Ungeheuer können jederzeit wieder über uns herfallen. Nur - so lange Alessandra nicht transportfähig ist, müssen wir hier ausharren."

Er erntete zustimmendes Gemurmel. Der Vorschlag, sich zurückzuziehen, war jedenfalls vom Tisch. Die Männer waren entschlossen, ihre Prinzessin und ihre Mission bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Erich war damit stillschweigend als neuer Anführer angenommen. Die Kommandeure ließen ihre Ritter ausschwärmen und teilten die Nachtwachen ein. Dann wurde eine provisorische Befestigung um das Lager herum errichtet.

*

"Du hast versagt!", donnerte die Stimme. SEINE Stimme. "Und schlimmer noch: Du hast ohne Befehl eigenmächtig gehandelt. Und wer hat dich geheißen, die feindliche Prinzessin zu töten?"

Coco sank auf die Knie. Tränen rannen aus ihren großen, schönen Augen, die selbst hier, im Dunkeln der Höhle, noch feurig leuchteten.

"Verzeiht mir, mein Herr und Gebieter. Ich habe die schlimmste Strafe verdient."

"Du hattest nur den Auftrag, meine Kinder im Westen zu mir zu bringen. Daß viele von ihnen mir schlecht gelungen sind und ihre Orientierung oder sogar ihr Gedächtnis verloren haben, ist zwar nicht deine Schuld, aber du wußtest es ja. Davon, daß du gegen die Menschen kämpfen sollst, war nie die Rede. Es hat hohe Verluste gegeben. Hättest du den Auftrag ausgeführt, wie ich es befohlen habe, wären die meisten noch am Leben!"

Coco sank in sich zusammen. Sie flüsterte: "Vater. Keine Strafe, die Ihr mir auferlegen könnt, kann meine Schande und meine Verfehlungen wiedergutmachen."

"Ich habe nicht vor, nach diesen hohen Verlusten jetzt auch noch dich zu töten, falls du daß meinst." Calracts Stimme wurde etwas versöhnlicher: "Außerdem hättest du in der Tat einen glänzenden Sieg davongetragen, wenn nicht Beata dazwischengekommen wäre, und das war nicht deine Schuld. Und zum Glück sind die Dämonen, die diese wilde Kriegerprinzessin mit der Mondquelle glaubt ausgelöscht zu haben, alles andere als tot. Und ich habe das hier!" Die Mondquelle leuchtete in seiner Hand auf. "Also, sei es verziehen. So, und da kommen auch die anderen!"

Schritte erklangen. Drei Wesen näherten sich.

"Ah, Hedrass, Gon und Nuitor." Es waren zwei der vier Kommandeure Calracts. Nuitor hingegen spielte eine besondere Rolle.

"Herr", erwiderte Nuitor.

Calract wandte sich an das Wesen, das wie der leibhaftige Tod aussah und Nuitor zu ihm gebracht hatte: "Danke, Sensenmann." Seine Stimme klang leicht ironisch. Eigentlich hieß dieser Dämon Gon, doch der Spitzname Sensenmann hatte sich wegen seines Aussehens blitzschnell eingebürgert. Gon schien er sogar zu gefallen, denn er trug jetzt tatsächlich eine Sense bei sich, die er wohl irgendwo auf dem Schlachtfeld aufgelesen haben mochte.

Gon war der Oberbefehlshaber der Lunalocdämonen im Norden und hatte damit die Position inne, die Coco im Westen besaß. Er war hinter Nuitor hergegangen und hatte ihn zu Calract geleitet. Schweigend trat er nun ein paar Schritte zurück. Seine roten Augen glühten in der Düsternis und gaben ihm ein wahrhaft schauriges Aussehen.

Calract wandte sich an Nuitor: "Wie du ja wahrscheinlich erfahren hast, habe ich meine Kinder zu mir zurückgerufen, weil die Zeit der Abrechnung da ist. Gon hat die Dämonen des Nordens eingesammelt und zu mir geführt. Trotz der problematischen Verfassung, in der sich leider viele von ihnen befinden, hat er gute Arbeit geleistet. Der Kommandeur im Osten, Hedrass, hat seine Sache ebenfalls gut gemacht. Die Befehlshaberin des Westens, Coco, hatte - sagen wir mal - größere Schwierigkeiten und dank deiner ehemaligen Besitzerin Beata hohe Verluste. Schlimm ist es vor allem im Süden gelaufen. Xuuth wurde getötet. Wie ich erfahren habe, ist er bei einer Stadt namens Silverina mit fast seinem gesamten Gefolge vernichtet worden. Du, Nuitor, wirst, wenn die Zeit gekommen ist, seinen Platz als Befehlshaber in der Lunaloc-Armee Süd einnehmen. Das war der Grund, warum ich dich dieser aufgeblasenen Möchtegern-Hexe abgenommen habe. Bist du bereit für die große Aufgabe?"

"Ja, Herr!" Nuitor nickte. "Ich bin auch bereit, gegen Alessandra zu kämpfen, wenn es sein muß", fügte er hinzu.

"Die Weiße Prinzessin ist tot", platzte Coco dazwischen.

"Irrtum", korrigierte Calract. "Du hast ihr Herz knapp verfehlt. Sie ringt mit dem Tod, aber sie wird es wahrscheinlich schaffen."

An die anderen gewandt fuhr er fort: "Dann laß uns jetzt über Vergangenes und Zukünftiges reden." Er blickte die vier Kommandeure der Reihe nach an. "Vor 50 Jahren habe ich das Schwarze Königreich verlassen, weil es von einem völlig unfähigen Mann regiert wird, den nur die Zufälligkeiten der Erbfolge an diese Position gebracht haben - meinem älteren Bruder. Er ist wahrhaftig eine Schande für alle Schwarzen Könige. Damals beschloß ich, ihn zu stürzen und den Schwarzen Thron in Würde weiterzuführen. Ich habe all die Jahre hindurch Menschen zu Kindern des Mondes gemacht, nur um jetzt, wo die Zeit für den großen Schlag gekommen ist, feststellen zu müssen, daß die meisten davon Fehlkonstruktionen sind. Sie haben alles vergessen, ihre Herkunft, ihre Aufgabe, ihre Bestimmung. Es war für die Menschen allzu leicht, sie zu töten. Nur die Tatsache, daß die Länder nördlich des Engelsberges fast unbewohnt sind, hat verhindert, daß Gon und Hedrass ebenso große Verluste hinnehmen mußten wie Coco und die führungslosen Dämonen des Südens. Meine Kinder wurden schmerzlich dezimiert, und ich will auf keinen Fall, daß sie noch mehr leiden müssen. Und schlimmer noch: mein lieber Bruder hat es tatsächlich geschafft, sein Reich mit einem Schutzschirm zu umgeben. Das hätte ich ihm nie zugetraut. Meine Kinder des Mondes sind dagegen leider machtlos."

Calract seufzte. Coco durchfuhr der Gedanke, daß ihr geliebter Herr und Gebieter 50 Jahre lang praktisch umsonst gearbeitet hatte. Schmachtend blickte sie zu ihm auf. Sie hätte ihn so gerne getröstet ... Sie sprang auf, und wie in Trance hauchte sie Calract einen Kuß auf seine Lippen. Über sich selbst zu Tode erschrocken riß sie entsetzt die Augen auf und sank erneut zu Boden. Doch Calract warf ihr nur einen halb spöttisch, halb nachdenklichen Blick zu, während die Augen des Sensenmannes sich in roten Sonnen verwandelt hatten. Nuitor stand mit steinerner Miene daneben. Was der seltsame Hedrass dachte, konnte man seinem knöchernen Gesicht nicht ansehen.

"Aber ...", fuhr Calract ungerührt fort. "... der Zufall und die unglaubliche Dummheit und Ignoranz dieser Schwarzen Hexe haben mir nicht nur einen fähigen Kommandeur, sondern vor allem das hier in die Hände fallen lassen. Und damit wird es keine weiteren 50 Jahre bis zum Sieg dauern!" Triumphierend streckte er seine zur Faust geballte Hand vor und öffnete sie dann. Die Finger gaben den magischen, blaß funkelnden Edelstein frei, der nun einige Zentimeter in die Luft stieg und dort über Calracts Hand verharrte.

"Eigentlich habe ich mich aus reiner Neugier zu den Soldaten begeben, die uns angreifen wollen. Sie haben hart und gut gekämpft und ich fand es vorteilhaft, mehr über sie zu erfahren. Aber wer stellt sich meine Überraschung vor, als ich bemerkte, daß ihre Anführerin die Mondquelle bei sich trägt, die ich dank Coco völlig problemlos an mich bringen konnte. Sie ist zwar nur ein Bruchteil des ganzen Mondkristalles, aber sie reicht für meine Zwecke aus. Wo die andere Hälfte steckt, weiß sowieso keiner. Unmöglich, sie zu finden, auch in 50 Jahren nicht. Egal, wir brechen sofort auf. Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren." Er machte eine kleine Pause und fügte dann hinzu: "Wahrscheinlich werden wir unser geliebtes Lunaloc so schnell nicht wiedersehen."

Und die Menschenarmee?

Es war die "Stimme" des Sensenmannes. Er hatte in seinem Totenschädel weder Lippen noch Zunge und konnte keinen Laut von sich geben. Er sprach direkt in das Bewußtsein seiner Gesprächspartner und las dort auch deren Gedanken.

"Die interessiert mich nicht. Du wirst sehen, nachdem sie die Mondquelle nicht mehr haben und die Prinzessin erst mal ausfällt, erwarten uns von dort keine Schwierigkeiten mehr. Ach ja, das hätte ich fast vergessen. Nuitor: Da wir nicht kämpfen werden und deine Süd-Armee sowieso praktisch nicht mehr existiert, übernimmst du einstweile eine andere Aufgabe. Du begibst dich zu diesem traurigen Haufen und bringst alles in Erfahrung, was für unsere Sache wichtig sein könnte. Das wird nicht lange dauern, denn die Sterblichen sind für uns keine echte Bedrohung. Danach bist du einstweilen frei und kannst tun, was immer dir beliebt, bis ich dich wieder rufe. Irgend so ein Gefühl sagt mir, daß jemand diese Prinzessin Alessandra im Auge behalten sollte. Ach ja, ich werde dir Tetys mitgeben, einen meiner besten Dämonen. Er wird dich unterstützen, wenn du ihn brauchst."

"Ja, Herr." Nuitor verbeugte sich ehrfurchtsvoll, dann drehte er sich um und schritt davon.


Calract beugte sich herab und faßte Coco sanft an der Wange. Dann zog er sie hoch. Erregt und verwirrt gleichzeitig starrte sie ihn an.

Ich glaube, sie ist unzuverlässig, "sprach" Gon.

"Ich habe dich nicht nach deiner Meinung gefragt."

Verzeiht, Vater.

"Ihr drei sammelt eure Kinder, und dann brechen wir auf. Coco übernimmt vor allem die Sicherung." Streng blickte er seine drei Anführer an: "Keine Kämpfe! Wir weichen den Menschen aus und marschieren schnellst möglich nach Süden, zum Schwarzen Königreich. Meinem Zuhause."

Calract straffte sich. Entschlossen trat er ins Freie, dann ließ er die Mondquelle aufsteigen. "Dann wollen wir mal die Kinderchen zurückholen, die Alessandra hat verschwinden lassen." Der Kristall stieg noch ein Stück höher und leuchtete dann auf wie eine Sonne.

*

Es war tief in der Nacht, fast schon früher Morgen. Außer zwei Ärzten und Simona hielt sich zur Zeit niemand in Alessandras Zelt auf. Man hatte mehrere Feuer entzündet, um der mit dem Tode ringenden Frau Wärme zu spenden. Aber die Wärme machte auch schläfrig. Einer der Ärzte war auf seinem Stuhl zusammengesunken und eingeschlafen, der andere hielt sich nur mühsam wach. Simona hingegen konnte nicht schlafen. Seit dem Abend wachte sie an der Seite ihrer Schwester und hielt ihre Hand. Doch nun fühlte sie den ohnehin schwachen Puls noch schwächer werden. Sie war sofort hellwach.

"Doktor! Ich glaube, ..." Den Rest des Satzes brachte sie nicht heraus, weil die Tränen ihre Stimme abschnürten.

Der Arzt schüttelte benommen den Kopf, dann beugte er sich über die totenblasse Prinzessin. Doch er wußte nur zu genau, daß er nichts mehr tun konnte. Wenn Alessandra jetzt starb, dann konnte keine Macht der Welt das mehr verhindern.

"Oh nein", schluchzte Simona. "Bitte, Schwester, du darfst nicht sterben, Bitte nicht."

Wie in Trance wandte sie plötzlich den Kopf dem Eingang zu, dessen Vorhang in Bewegung geriet. Eine nachtschwarze Gans schob sich hindurch. Das schöne Tier sah sich einen Moment um und schritt dann auf Alessandras Krankenlager zu. Ja, sie schritt und watschelte nicht so, wie Gänse das normalerweise zu tun pflegen. Der Arzt wollte der Gans in den Weg treten, doch Simona hielt ihn zurück. Dunkel keimte in ihr die Erinnerung an diese schwarze Gans auf. Es war schon Jahre her - bei einem Jagdausflug hatte Alessandra sie aus dem Eis eines zugefrorenen Sees gerettet. Kam sie jetzt, um es ihr zu danken?

Die Gans schwang sich mit einem kurzen Flügelschlag auf die Bettkante. Vorsichtig stieg sie auf die Prinzessin, dann breitete sie ihre tiefschwarzen Schwingen über sie aus. Simona und der Arzt bekamen große Augen. Sie wagten kaum zu atmen. Zärtlich strich die Gans mit ihrem Kopf über das Gesicht Alessandras, und dann - dann zog die Prinzessin mit einem leisen Seufzer einen tiefen Zug Luft ein. Ihre Hände bewegten sich, dann begann sie, sanft das Gefieder der Gans zu streicheln. Und dann öffnete sie die Augen.

"Danke, meine Freundin", hauchte sie kaum hörbar.

"Das war das mindeste, was ich tun konnte, meine Königin", antwortete der schwarze Vogel genauso leise, faltete seine Flügel wieder zusammen, hauchte einen letzten Kuß auf Alessandras Stirn und sprang dann vom Bett herunter. Einen Augenblick später war die Gans ins Freie marschiert und davongeflogen.

Es dauerte eine Zeitlang, bis Simona, die Ärzte und schließlich die Ritter das Wunder akzeptierten, doch dann war die Freude unbeschreiblich. Leider währte sie nicht lange.

Calract hatte Pläne ...

*

"Nuitor!"

Das königliche Zelt war vollgestopft mit Menschen. Lediglich um das Lager Alessandras herum hielten sie einen respektvollen Abstand. Die Prinzessin trug einen Verband um ihre Brust und ihren Rücken, und war noch ziemlich schwach, ansonsten aber wohlauf. Jetzt jedoch, wo sie des arcadischen Königs ansichtig wurde, der so völlig überraschend das Zelt betreten hatte, fuhr sie empor.

"Nuitor, mein lieber Freund!"

Langsam, schweigend, trat Nuitor zu ihr hin, kniete vor ihrem Lager und küßte ihr dann die Hand. Er öffnete den Mund, als wolle er etwas sagen, brachte dann aber doch kein Wort heraus. Aber Alessandra verstand auch so: "Bitte, meine Freunde", wandte sie sich an die Versammelten, "laßt uns einen Moment allein."

Nur Simona und Erich protestierten: "Aber Alessandra! Wir wissen doch gar nicht, wo er herkommt und was er hier will."

"Bitte. Ich kann schon allein auf mich aufpassen."

"Also gut. Wir warten draußen."


Nachdem alle gegangen waren, zog Alessandra Nuitor neben sich auf das Bett. Dann richtete sie sich auf und umarmte und küßte ihn inniglich. "Nuitor."

"Alessandra."

"Sag, wo bist du gewesen. Wie hast du der Schwarzen Hexe entkommen können? Was hat sie dir angetan?"

Doch Nuitor schüttelte nur langsam den Kopf. Seine Blicke wirkten abwesend. "Ich weiß es nicht. Das letzte, woran ich mich erinnere, ist der Kampf gegen die Hexe. Dann ... aber ... ich glaube, es kommt eine Gefahr auf uns zu. Du mußt ..."

In diesem Augenblick trompeteten die Wachen Generalalarm.

*

"Ich habe keine Lust, mich mit der Menschenarmee herumzuprügeln. Die werden wir bald los sein. Du, Coco", er zeigte auf mich, "wirst sie daran hindern, Dummheiten zu begehen, wenn wir jetzt da runtergehen."

"Ja, mein Gebieter", hauchte ich zurück. Wie immer, wenn er mich direkt ansah oder ansprach, fühlte ich mich verwirrt und glücklich zugleich.

Dann flatterte ich los. Hinter mir marschierte ER, dann kamen die Mondkinder, angeführt von Gon, Hedrass und einigen weiteren Dämonen. Es war ein Zug von vielen tausend Wesen, die in den Augen der dummen Menschen allesamt reine Kreaturen der Hölle sein mußten. Sie wußten es eben nicht besser.

Wir verließen Lunaloc, die unterirdische Vulkanhöhle und Kraftplatz des Mondes, an dem mein Gebieter so lange gewirkt hatte. Für mich war es heiliger Boden. Schließlich war ich hier zum zweiten Male geboren worden.

Schweigend stieg der Zug den inneren Kraterrand hinauf. Der Weg war schmal, und die, die nicht fliegen konnten, mußten ihn im Gänsemarsch passieren. Calract ging ganz vorne, und er sah sich kein einziges Mal um. Ich flatterte ein Stück vor ihm. Er winkte mir zu. Ich verstand. Es wurde Zeit, sich um die Ritter zu kümmern. Ich überflog den Kraterrand und flog auf der anderen Seite wieder herab. Der Boden hier war sehr fruchtbar, dennoch wuchsen hier nur ein paar Gräser und Büsche, allenfalls verkrüppelte Bäumchen. An den meisten Stellen war der Boden völlig nackt. Das Gelände war von hier oben betrachtet sehr übersichtlich, und ich konnte das Lager der Menschenarmee schon von Weitem ausmachen. Sie standen südwestlich von uns, etwa zwei Stunden entfernt. Aber sie rührten sich nicht. Warum sie nicht weiterzogen, wußte ich nicht. War es wegen ihrer Prinzessin? Allein beim Gedanken an diese teuflische Frau wallte heiße Wut in mir auf.

Ich flog zielstrebig auf die Armee zu. Irgendwann wurde dort Alarm geblasen. Wenn sie sich jetzt in Marsch setzten, mußte es kurz vor dem großen Fluß zum Zusammenstoß kommen. Und genau das mußte und würde ich verhindern. Ich sah mich um. Das war also der Grund für den Alarm gewesen: Die ersten Mondkinder hatten gerade den Kraterrand überstiegen. Die Flugdrachen warteten noch unten, aber die, die zu Fuß unterwegs waren, wurden jetzt nach und nach sichtbar, einer nach dem anderen. Kein Wunder, wenn die Menschen in Panik gerieten. Sie mußten an einen Angriff glauben. Daß wir gar nichts von ihnen wollten, würden ihre primitiven Gehirne nicht begreifen. Es waren einfach nur Wilde und Barbaren, die nichts als Töten im Sinn hatten. Warum schonte Calract sie? Aber seine Befehle an mich waren eindeutig.

Drüben, im Menschenlager, wurde währenddessen eiligst mobilisiert. Ich flog schneller und ließ meine Flügel eine goldene Farbe annehmen, die bei jedem Schlag die Strahlen der Sonne in das Ritterlager reflektierten. Ich wollte ihnen meine Schönheit zeigen, obwohl ich genau wußte, daß das Perlen vor die Säue geworfen war.

Die Menschen bauten derweil eiligst die Zelte ab und löschten die Lagerfeuer, andere sattelten die Pferde und machten die Waffen bereit. Als ich näherkam, sah ich das große Königszelt. Der Eingang wurde aufgeschlagen und heraus traten Nuitor und ... mir stockte der Atem. Es war diese Teufelin Alessandra. Ich stieß einen leisen Schrei aus. Alessandra! Wie konnte sie meinen Pfeil überlebt haben? Vater hatte gesagt, daß sie es überlebt hatte, aber ich hatte es nicht glauben wollen. Und daß sie jetzt schon wieder herumlaufen konnte - ich begriff es nicht. Ja, sie war wirklich eine Hexe und unter den über 10.000 Menschen hier unser einziger wirklich gefährlicher Gegner.

Calracts Worte kamen mir wieder in den Sinn: "Irgend so ein Gefühl sagt mir, daß jemand diese Prinzessin im Auge behalten sollte." Unser Vater hatte - wie immer - Recht gehabt. Ein dunkles Geheimnis umgab diese Frau. Aber diesmal sollte sie sich uns nicht in den Weg stellen, das schwor ich mir. Ich atmete tief ein, und dann ließ ich meine Kräfte wirken. Der Erfolg war sofort sichtbar. Die Menschen hörten einfach mit ihrer Tätigkeit auf und blieben stehen, wo sie gerade standen. Einige sahen sich verwirrt um, unfähig, irgend etwas zu unternehmen. Andere stierten nur noch vor sich hin. Selbst die Pferde verfielen in völlige Apathie. Sie machten nicht einmal Anstalten zu grasen oder herumzulaufen. Sie blieben einfach wie angewurzelt stehen und machten gar nichts mehr.

Kurz darauf hörte ich hinter mir die gedämpften Schritte Tausender Füße. Der Zug der Mondkinder hatte das Ritterlager erreicht. In den Augen einiger der Ritter sah ich Angst und Verunsicherung. Einer blickte zu seinem Schwert, das noch immer in der Scheide steckte. Aber er konnte es nicht ziehen, er konnte einfach den Entschluß dazu nicht aufbringen. Völlig friedlich passierten die Kinder des Mondes die menschliche Kriegerhorde, die sonst keinen Moment gezögert hätte, sich auf sie zu stürzen. Es war wirklich ein denkwürdiger Augenblick: tausende und abertausende Dämonen zogen nur wenige hundert Meter vor dem Lager der schwerbewaffneten Ritter vorbei nach Süden, zum Fluß hinab, und die Menschen standen untätig herum und taten nichts.

Ich flog ein Stück zurück und ließ meine Blicke über das Lager der Barbaren schweifen. Alle waren reglos. Alle bis auf eine - Alessandra (und Nuitor natürlich). Sie trug statt ihrer Rüstung einen Verband, aber ich sah ganz deutlich, wie sie mit ihrer Hand an die Stelle langte, an der normalerweise ihr Schwert befestigt war. Jetzt trug sie keines, und das ärgerte und verwirrte sie. Ich flog näher zu ihr hin. Sie entwand sich den stützenden Griff Nuitors und versuchte, stattdessen sein Schwert zu ziehen, schaffte es aber nicht, weil sie einen Schwächeanfall erlitt. Nuitor sprang sofort zu ihr hin und fing sie auf. Aber es war ganz klar, daß sie Herrin ihres Willens war und meiner Kraft nicht mehr unterlag. Ich wußte nicht, warum das so war, aber eine unheilige Empörung erfaßte mich und ich war entschlossen, nun zu vollenden, was mir ein paar Tage zuvor mißglückt war. Zwar war ich unbewaffnet, aber dem ließ sich sehr schnell abhelfen. Ich würde sie töten. Entschlossen flatterte ich auf den nächst besten bewaffneten Menschen zu und holte mir sein Schwert, ohne daß er es auch nur sichtbar bemerkt hätte. Dann wandte ich mich der Teufelin zu und ...

Coco!

Ich zuckte zusammen. Und dann stand ER vor mir. Vor einer Minute noch hatte ich ihn an der Spitze des Zuges marschieren sehen, aber jetzt war er hier, vor mir. Zitternd sah ich ihn an. Ich verstand mich selbst nicht mehr. Wieder hatte ich seine Befehle mißachtet. Ich hatte den Tod verdient.

Calract holte aus und versetzte mir eine schallende Ohrfeige. Ein Feuerwerk greller Farben explodierte über meinem Gesicht und meinen Körper, aber trotz der Schmerzen fühlte ich mich irgendwie erleichtert.

Coco, meine Liebe, ich schätze dich sehr, aber Disziplin mußt du wohl erst noch lernen. Komm jetzt!

Ein leises Lachen erscholl in meinem Kopf. Dann fuhr er mit normaler Stimme fort: "Du verfügst über seltsame Kräfte. Vielleicht kannst du sogar Ereignisse aus der Zukunft erspüren. Das würde deine blinde Eifersucht auf Alessandra erklären."

Meine Augen hingen an seinen Lippen, ohne daß ich zunächst wirklich mitbekam, was mein Gebieter mir sagte. Er fuhr fort: "Du wirst hier weitermachen wie befohlen und dich von Alessandra und Nuitor fernhalten."

"Ja, mein Geliebter."

Ich erschrak zu Tode. "Geliebter" hatte ich gesagt statt "Gebieter". Die Welt begann sich um mich zu drehen, aber nur kurz, denn dann war ER verschwunden. Goldene Muster liefen meine Arme und Beine entlang, meine Flügel wollte ich lieber gar nicht ansehen. Erneut erschrak ich: Hatte ich noch die Kontrolle über die Menschen? Mit zitternden Knien und Flügeln flog ich auf. Zu meiner Erleichterung sah ich die Barbaren immer noch völlig apathisch und teilnahmslos. Ob sie sich wohl gewehrt hätten, wenn wir sie jetzt angegriffen hätten? Warum verschonte Calract ihr Leben? Und warum verschonte er ... nur nicht diesen Namen denken. Ich atmete tief ein und konzentrierte mich dann wieder ganz auf meine wichtige Aufgabe.

Von hier oben aus konnte ich beobachten, wie die Spitze des Zuges den Uva-Fluß erreichte. Calract ging als erster über das Wasser, das unter seinen Füßen fest und tragfähig wurde. Die anderen folgten ihm, ohne sich noch einmal umzusehen.

Das war also der Abschied von Lunaloc. Verstohlen wischte ich mir eine Träne aus dem Augenwinkel. Ich hielt die Barbaren in Schach, bis alle Mondkinder den Fluß überschritten hatten. Das war für diejenigen, die fliegen konnten und bis jetzt im Krater abgewartet hatten das Zeichen, ebenfalls aufzubrechen. Und auch ich flatterte nun über den Uva, meinen Brüdern und Schwestern hinterher.

*

Alessandras Herz pochte, während sie versuchte, die Schwäche und die Schmerzen niederzukämpfen. Doch es gelang ihr nicht rechtzeitig. Als sie wieder einigermaßen bei Sinnen war, war schon alles vorbei. Sie war außer sich vor Wut, hauptsächlich auf sich selbst, daß sie den Feind hatte entkommen lassen, und doch wußte sie, daß weder sie selbst noch ihre Ritter etwas hätten unternehmen können. Sie hatte die unheimliche Kraft dieses Schmetterlings ja schon am eigenen Leib erfahren.

"Seltsam, daß ich diesmal verschont geblieben bin", murmelte sie zu sich selbst.

Völlig verstört erschienen kurz darauf Erich, Simona und die Generäle in ihrem Zelt. Keiner verstand, was geschehen war, obwohl sich alle genau an jede Einzelheit erinnerten. Sie hatten ohne die geringste Gegenwehr den Todfeind abziehen lassen. Sie verstanden die Welt nicht mehr.

Schwer atmend setzte sich Alessandra auf ihrem Lager auf und versuchte, ihre Leute zu beruhigen: "Es war diese Schmetterlingsfrau. Coco ist ihr Name. Sie verfügt über die Fähigkeit, anderen Wesen den Willen zu rauben. Seltsamerweise hat es diesmal bei mir nicht funktioniert, aber ich war zu schwach für einen Kampf." Sie seufzte.

"Unser Verhalten", sagte General Atacus, "hat uns alle entehrt. Wir ..."

"Nein, General. Es war nicht eure Schuld. Versteht doch. Es war eine Waffe der Dämonen."

"Aber ... aber wenn sie uns unsere Kräfte rauben können, wie können wir dann noch gegen sie kämpfen?"

Das - fand die Prinzessin - war eine gute Frage. Sie antwortet: "Da hilft nur noch Magie, fürchte ich."

Die Anwesenden sahen ihre Führerin fragend an. "Magie?"

"Ja. Wir müssen alle Zauberer und Hexen finden und sie bitten, uns zu helfen. Es bleibt uns wohl nichts Anderes übrig. Aber auf jeden Fall müssen wir dem Zug dieser Ungeheuer folgen. Wir dürfen sie nicht wieder auf die Menschheit loslassen. Wer weiß, wo sie hinwollen. Gebt König Karl Bescheid, daß wir wieder seine Boote brauchen."

Nachdem die Versammelten gegangen waren, saß Alessandra noch eine Weile allein im Zelt und dachte nach. Dieser Feldzug war voller Überraschungen, und er verlief so völlig anders, als sie sich das vorgestellt hatte. Was für ein Feind war das nur, gegen den sie da kämpfen mußten?


Die Vereinigten Armeen setzten einen Tag später ebenfalls über den Uva-Fluß und eilten dann den Lunaloc-Dämonen hinterher.

*

"Berichte, Coco!"

"Die Barbaren sind dicht hinter uns, mein Gel ... Gebieter." Vor Verlegenheit huschten goldene Muster über mein Gesicht, doch ich nahm mich, so gut es ging zusammen. "Sie haben sogar etwas aufgeholt."

"Gut. Beobachte sie weiter. Sollten sie zurückfallen, gib mir umgehend Bescheid. Wir brauchen sie noch als Zuschauer beim nächsten Akt dieses Spielchens."

"Ja, mein Vater."

"In wenigen Tagen erreichen wir den Eisschirm. Dann geht's erst richtig los. Laß die Flugdrachen vorausfliegen und die Gegend erkunden. Sollten sie auf menschliche Siedlungen im Zielgebiet stoßen, sollen sie die Menschen ohne unnötiges Blutvergießen vertreiben."

"Wie Ihr befehlt, Vater."

*

Nachdenklich blickte Alessandra von ihrem Hügel aus nach Süden. Der Zug der Dämonen war deutlich zu sehen. Fast hätte man den Eindruck haben können, sie machten extra langsam, damit die Verfolger nicht ihre Spur verloren.

Alessandra schmiegte sich an Nuitor, der auf seinem Pferd dicht neben ihr ritt. Er war schweigsam geworden seit seiner geheimnisvollen Rückkehr, aber Alessandra war bereit, ihm so viel Zeit zu geben, wie er brauchte. Und sie war froh, die Last der Verantwortung nicht mehr ganz alleine tragen zu müssen. Nuitor nahm ihr viel ab.

Sie warf ihrem Geliebten einen auffordernden Blick zu, den dieser mit einem leichten Lächeln erwiderte. Alessandra sagte: "Wo sie wohl hinwollen? Bald werden sie auf den Eisschirm treffen. Morgen oder übermorgen."

Nuitor zuckte mit den Schultern. Dann meinte er: "Ich muß mich noch um die Verpflegung für die Ganda-Leute kümmern. Und sie ein bißchen aufmuntern. Schließlich ist ihr Land dann wohl das nächste Ziel dieser unheimlichen Armee, falls sie am Schirm entlang nach Osten zieht."

"Und du erinnerst dich wirklich an nichts mehr?" Viele Ritter mißtrauten Nuitor mehr oder weniger offen, doch Alessandra hielt eisern zu ihm.

Ohne zu antworten gab der arcadische König seinem Pferd die Sporen und galoppierte den Hügel hinunter. Doch er ritt nicht auf dem direkten Weg in das gandaische Feldlager, sondern zog sich in einen kleinen, aber sehr dichten Wald zurück. Dann langte er in seine Rocktasche und zog etwas heraus, das wie ein kleiner Käfer oder etwas Ähnliches aussah. Erst beim genaueren Hinsehen hätte man erkannt, daß es ein winzig kleines menschenähnliches Wesen war. Es war aber auch keine Elfe, sondern Tetys, Calracts Spion.

Tetys stellte sich auf Nuitors Handfläche auf und blickte den König an.

"Ich denke", sagte Nuitor, "du hast mich jetzt lange genug bespitzelt. Verschwinde. Kehre zu Calract zurück und teile ihm mit, daß alles nach Plan verläuft. Wie auch immer dieser Plan aussehen mag."

Tetys sprang von der Hand herab und schon im Fallen wuchs er auf die Größe eines Hasen. Auf dem Boden angekommen verdoppelte er abermals seine Größe, dann huschte er wieselflink durch das Unterholz davon und war einen Atemzug später verschwunden.

Nuitor verließ den Wald nun, doch er erreichte das gandaische Feldlager trotzdem nicht. Ein Bote kam herangaloppiert: "Herr. Die Dämonen haben ihr Tempo plötzlich verdoppelt. Wir müssen sofort aufbrechen."

Nuitor war überrascht, dann antwortete er: "Gut. Alarmiere alle, ich kehre zur Prinzessin zurück."

*

Der ideale Platz war gefunden. Die Flugdämonen hatten nur zwei verlassene Gehöfte vernichten müssen, um für das Lager Platz zu schaffen. Es war ein Hügel, der vom Eisschirm genau halbiert wurde. Calract hatte das Marschtempo verdoppeln lassen, was seine Dämonen mühelos leisten konnten. Er brauchte etwa einen halben Tag Zeit für seine Vorbereitungen. Im wesentlichen bestanden sie darin, die Lunaloc-Kinder überzeugend verschwinden zu lassen. Mit großer Geschwindigkeit rückten diese nun an und verteilten sich auf und vor dem Hügel, während Calract die Mondquelle, die er Alessandra abgenommen hatte, aktivierte.

*

Alessandra hatte Alarm gegeben und Boten losgeschickt, nachdem sie gesehen hatte, daß der Zug der Monster es auf einmal sehr eilig hatte. Ganz klar, es stand etwas bevor. Nachdenklich sah sie den unheimlichen Troß nach, der im Moment größtenteils in einem dichten Wald marschierte. Allerdings waren einige der Ungeheuer so groß, daß man sie trotzdem nicht übersehen konnte. Die Weiße Prinzessin spürte, daß die Entscheidung nahte.

Eine schwarze Gans flog heran und landete auf der Schulter der Prinzessin.

"Nanu? Ach, du bist es, schwarze Gans! Und ich dachte schon, ein Engel wäre auf meiner Schulter gelandet." Sie strahlte.

"Danke. Zu viel der Ehre, meine Prinzessin."

Alessandra hob die nachtschwarze Gans herab, hielt sie dann im Arm und kraulte ihr samtenes Gefieder. Die Gans schnatterte wohlig, dann aber hob sie den Kopf und sagte leise: "Ich bin gekommen, um dich zu warnen. Dieser Unhold Calract hat eine große Teufelei vor."

"Ich danke dir für deine Warnung, schwarze Gans. Aber wenn du nicht mehr weißt, nützt es mir nicht viel. Übrigens, hast du eigentlich einen Namen?"

"Ja. Nenne mich Theo. Und ich weiß doch noch etwas. Calract wird die Mondquelle für seine teuflischen Pläne benutzen."

"Theo! Du bist also ein Ganter. Sehr erfreut." Sie warf der schwarzen Gans ein warmes Lächeln zu, dann fuhr sie fort: "Ich nehme an, daß dieser Calract, den du erwähntest, der oberste Teufel ist. Aber was ist die Mondquelle?"

"Die Mondquelle ist der Teil des Mondkristalls, den er dir gestohlen hat."

"So, so. Und woher weißt du das alles?"

"Ganz einfach. Ich habe sie heimlich belauscht. Auf einen Vogel achtet doch keiner. Keiner außer dir. Aber das ist leider schon alles, was ich weiß. Oh, ich muß gehen, da kommt Nuitor. Er braucht nichts von uns zu wissen. Schließlich ist er ..." Die letzten Worte verstand Alessandra nicht mehr, weil Theo bereits davonflog. Sie war beunruhigt. Was sollte das heißen. Nuitor - welche Rolle spielte er wirklich? Konnte sie ihm vertrauen? Das beschäftigte sie fast mehr als die Pläne, die der Feind aushecken mochte.

Er ist ein Lunaloc-Dämon. Aber nein, das ist doch Unsinn. Er sieht genauso aus wie immer, nur ein bißchen verschlossen. Aber das ist ja kein Wunder. Aber er war bei Calract ... Die Zweifel nagten weiter.

Als Nuitor an ihre Seite ritt, wich sie unwillkürlich ein Stück zurück, aber Nuitor schien es nicht zu bemerken. Oder hatte er sich so gut unter Kontrolle?

"Wir reiten sofort los!", entschied Alessandra dann, um dem peinlichen Schweigen und einem vielleicht noch peinlicheren Gespräch auszuweichen, und gab Phobos die Sporen. An der Spitze ihres Zuges ritt sie dann den Dämonen nach. Immerhin war das eine Gemeinsamkeit mit ihrem Feind, dessen Namen sie nun kannte, denn er war auch stets ganz vorne marschiert.

*

"Wie lange noch, mein Herr und Gebieter?"

"Geduld. Bald wird es Nacht. Und die Vereinigten Armeen sind auch nicht mehr fern. Bald wird es losgehen, meine kleine Coco. Die Mondquelle ist bereit."

Calract zog den Splitter des Mondkristalles hervor und ließ ihn ein Stück über seiner Hand schweben. Sein Blick wurde starr, dann glühten seine Augen rot auf. Gleißende Helligkeit strahlte mit einemmal von der Mondquelle aus, und die Schmetterlingsfrau mußte geblendet ihre Augen schließen. Doch selbst dann war alles reines Licht.

Kurz darauf aber erlosch der Stein wieder. Calract sagte mit zufriedenem Tonfall: "Das war nur zum Warmlaufen. Die Mondquelle vermag noch viel, viel mehr. Und bald ist es soweit. Zeit für den nächsten Schachzug."

*

Es wurde Nacht. Dann begannen wieder die Schwerter zu klirren. Die vorne reitenden Ritter hatten erste Feindberührung. Doch dieses Mal fielen die Dämonen nicht wie wild über die Ritter her, sondern zogen sich langsam zurück, den Hügel hinauf.

"Da oben sitzen sie doch in der Falle", durchzuckte es Alessandra. "Da ist doch was faul." Zurück konnten die Dämonen nicht, denn da erwartete sie die Vereinigte Armee. Und vor ihnen war der Eisschirm, der, soweit die Prinzessin wußte, auch für die Dämonen ein unüberwindliches Hindernis darstellte.

Alessandra hatte große Bedenken, doch ihre Soldaten suchten die Entscheidung. Immer mehr Ritter drängten mit gezückten Schwertern und gesenkten Lanzen nach vorn, den Hügel hinauf, und griffen die Dämonen erbittert an. Die bekamen nun auch Unterstützung aus der Luft. Ihre geflügelten Brüder und Schwestern flogen heran und spien Feuer oder warfen zumindest Steine auf die Angreifer, womit sie diesen erhebliche Verluste beifügten. Doch nichts konnte jetzt noch den Schwung der Vereinigten Armee brechen. Welle um Welle brandete gegen die Abwehr der Dämonen, bis diese schließlich auf die Spitze des Hügels zusammengetrieben wurde, dicht an den drohenden Eisschirm heran. Fast ängstlich erschienen sie, wie sie sich um ihren Anführer Calract drängten.

Alessandra focht ebenfalls ganz vorne, mitten im Getümmel. Sie gab kein Pardon und kämpfte wie eine Löwin. Doch plötzlich stellte sie fest, daß sie zu tief in die Reihen der Gegner vorgedrungen war. Sie war umzingelt, nur daß die Ungeheuer das noch nicht bemerkt hatten. Sonst hätten sie sich sicherlich sofort alle auf sie gestürzt.

"Also gut, Mädchen!", feuerte sie sich selbst an. "Wenn das das Ende ist, dann will ich wenigstens ihren Anführer mit in die Hölle nehmen!" Und so ließ sie Phobos mit gewaltigen Sprüngen über die Köpfe der Dämonen hinwegspringen, genau auf das Herz des Feindes zu. Und dann sah sie ihn. Und erstarrte. Und er sah sie. Und lächelte dieses unnachahmliche wölfische Lächeln ...

"Ihr!" Der Mann, den sie scheinbar halbtot von einem Weg im Vulkanland aufgelesen hatten und den sie gepflegt hatte. Und als er die Augen aufgeschlagen hatte, als sich ihre Blicke einen winzigen Moment gekreuzt hatten, da hatte sie der Pfeil durchbohrt. Bis zu diesem Augenblick hatten sie ihn nie aus der Nähe als Anführer der Dämonen gesehen und war einfach nicht auf die Idee gekommen, daß dieser Mensch, falls er denn wirklich ein Mensch war, der feindliche Anführer und damit sicherlich einer der größten und gefährlichsten Zauberer der bekannten Welt war.

Es war wirklich eine Ironie: seit Monaten hatte sie es mit den Dämonen zu tun, aber denjenigen, der das alles auf dem Gewissen hatte, sah sie nun zum ersten Mal in seiner wahren Rolle.

Da drehte Coco sich um. Wenn Blicke töten könnten, dann wäre Alessandra in diesem Moment vergangen. Doch die exotisch-schöne Schmetterlingsfrau hielt sich zurück, obwohl ihr deutlich anzusehen war, daß sie sich am liebsten sofort auf die Weiße Prinzessin gestürzt hätte.

"Nun paß gut auf, Alessandra. "HAAAAAA!"" Calract stieß seine Hand hervor und spreizte die Finger. Ein Energiestrahl fuhr daraus hervor und fegte Alessandra aus dem Sattel. Dann öffnete die andere Hand und ließ die Mondquelle hoch emporschweben. Versonnen sah er hinein.

Alessandra war trotz des fürchterlichen Schlages relativ weich gelandet. Einen Atemzug lang lag sie benommen am Boden, doch dann fuhr sie zusammen und sprang wieder auf die Beine. Sie sah, daß Calract mit dem Mondkristall beschäftigt war, der in diesem Moment hell zu leuchten begann. Wild entschlossen riß sie ihr Schwert aus der Scheide, warf es herum, fing die Klinge mit der Hand auf, holte aus und schleuderte es mit aller Kraft gegen den Teufel. Die blitzende Klinge fuhr zischend durch die Luft. Calract blieb gerade noch die Zeit, überrascht aufzusehen, dann durchbohrte der Stahl seine Brust. Über eine Entfernung von fast 30 Meter hatte Alessandra ihr Ziel fast auf den Zentimeter genau getroffen.

Calract lächelte ein wölfisches Lächeln.

Und dann explodierte die Mondquelle in einer Eruption aus Helligkeit, wie sie nie eines Menschen Auge gesehen hatte.

Die Zeit schien stehenzubleiben. Alles war nur noch Licht. Es gab keine Konturen mehr, keine Schatten, keine Farben, nur reines, kaltes Licht. Eigentlich hätte es allen Menschen die Augen ausbrennen müssen, doch keiner trug einen Schaden davon, wie sich später herausstellte.

Alessandra war wie erstarrt. Überall war der Schlachtenlärm erstorben, und auch das Grunzen und Brüllen der Dämonen war verstummt, verschluckt von der unirdischen Helligkeit. Die Welt da draußen schien nicht mehr real zu existieren. Alles war nun noch Licht.


Irgendwann wurde es wieder dunkel. Alessandra erwachte aus ihrer Trance. Sie stellte fest, daß es gar nicht dunkel, sondern Tag war, fast Mittag, und daß die Sonne schien. Ja, es war sogar sehr hell. Alles war kristallklar und deutlich zu sehen, vor allem der nahe, funkelnde Eisschirm.

Das Licht ... das Licht aus dem Kristall ... Alessandra zuckte zusammen. Die Dämonen! Und ihre Ritter! Nuitor. Calract!

Sie wandte sich um und sah einige ihrer Ritter verwirrt herumstehen. Als sie sie sahen, wirkten sie erleichtert. Nur - die Dämonen waren verschwunden. Keine einziger war mehr zu sehen. Ungläubig schüttelte die Weiße Prinzessin den Kopf. Sie hob ihr Schwert auf, das dicht vor dem Eisschirm am Boden lag. Es war blitzblank, kein Tropfen Blut klebte daran. Alessandra steckte es in die Scheide. Sie wollte sich gerade abwenden, da streifte ihr Blick etwas, was dicht neben der Stelle, an der das Schwert gelegen hatte, auf der Erde lag. Alessandra bückte sich und sah genauer hin. Es war eine Blume! Eine Rose. Verwundert kniete sie sich hin und hob sie auf.

"Aua!" Sie hatte sich an den dünnen, aber langen und spitzen Dornen gestochen. Vorsichtig ergriff sie die Rose erneut und betrachtete sie fasziniert. Die Blüte hatte eine Farbe, wie sie sie noch nie bei einer Blume gesehen hatte: kastanienbraun. Die gleiche Farbe wie ... "Mein Haar!"

Erschrocken ließ Alessandra die Rose wieder fallen und lief davon. Doch dann kehrte sie zurück und nahm sie an sich.

Dann fand sie Phobos und stieg in den Sattel. Sie ritt hinunter und sammelte ihre Leute. Auch Nuitor war noch da. Also gehörte er doch nicht zu den Dämonen, sonst wäre er ja mit ihnen verschwunden. Alessandra war mehr als erleichtert, und als der arcadische König sie vom Pferd hob und fest an sich drückte, vergaß sie einen Moment lang alle Probleme und war einfach glücklich.


Aber was war eigentlich geschehen?

Die Ritter durchsuchten drei Tage lang die ganze Gegend, aber sie fanden nicht einen einzigen Dämon mehr. Und gerade das beunruhigte Alessandra und Nuitor. Das Ganze roch nach einem Trick. Aber andererseits hatte die Prinzessin den Feind doch mit ihrem Schwert durchbohrt. Aber genügte das? Auch die Schwarze Hexe hatte einen solchen Angriff mühelos überstanden. Jetzt jedoch waren alle Dämonen verschwunden. Das mußte wohl der Sieg sein ...

Und dann standen die dunkelhäutigen Ritter der Lagunenkönigin vor der Weißen Prinzessin und dem arcadischen König und teilten ihnen in aller Form und Höflichkeit mit, daß sie nun nach Hause aufbrechen würden, da die Gefahr ja gebannt sei.

"Wenn das zum Plan Calracts gehört, dann wird er funktionieren", murmelte Alessandra. Aber inzwischen glaubte sie selbst nicht mehr so recht daran. Die Dämonen waren fort, und sie wollte gar nicht wissen wohin, solange sie nur nie wiederkamen. So trat sie denn vor die Führer und Unterführer der Vereinigten Armeen hin. Die Spannung war deutlich zu spüren, die Männer erwarteten von ihr die erlösenden Worte:

"Ritter, Generäle, Fürsten. Ihr alle habt mehr als tapfer gekämpft, und wir haben gewonnen."

Sie wollte noch viel mehr sagen, aber der unbeschreibliche Jubel, der nun losbrach, ließ sie nicht mehr zu Wort kommen. Die militärische Disziplin, die all die Wochen und Monate in geradezu vorbildlicher Weise gehalten hatte, fiel auseinander. Einige bestiegen ihre Pferde und ritten einfach davon, nachdem sie ihren Kameraden Lebewohl gesagt hatten. Andere sammelten Holz und machten große Freudenfeuer. Die Ritter der Lagunenkönigin verabschiedeten sich vorvollendet von ihrer obersten Kommandantin. Sie erwiesen Alessandra ein letztes Mal ihren Respekt, indem jeder vor ihr niederkniete und den Saum ihres Reitrocks küßte, dann brachen sie geschlossen auf zu ihrem langen, langen Weg nach Süden. Alessandra, die sich an Nuitor schmiegte, sah den Davonreitenden nachdenklich und traurig nach. Traurig deshalb, weil sie mit ihnen so viel geteilt hatte, Siege und schmerzliche Niederlagen, das oft karge Essen, die kalten Nächte auf hartem Boden ...

Alessandra war zur meistbewunderten Frau ihres Zeitalters geworden. Viele sahen in ihr jetzt schon eine Heilige. Dennoch, die Zeit zum Aufbruch war da, und nichts konnte daran etwas ändern. Es hatte viel Schweiß und Tränen gekostet, aber rückblickend war es eine großartige Zeit gewesen. Für viele der Teilnehmer sicherlich die größte ihres Lebens, von der noch ihre Kinder und Enkel bewundernd sprechen würden. Denn wer hatte schon Gelegenheit, in seinem Leben an einer so großen Sache mitzuwirken. Das war etwas Anderes als jahrein, jahraus den Acker zu bestellen, Heu einzufahren, Kinder großzuziehen und dann irgendwann abzutreten. Jeder, der hier gekämpft hatte, hatte einen Beitrag zum Schutz der ganzen Menschheit geleistet. Das war nur wenigen je vergönnt.

Aber da war auch noch diese Unruhe, dieses nagende Gefühl, als sei das noch längst nicht alles gewesen.


Die Feuer erloschen. Der Duft der gebratenen Hirsche und Schweine verflog. Die Ritter kehrten zurück in ihre Länder, zu ihren Frauen und Kindern.

Erich, Simona und die Blauen Krieger bogen einen Tag später links ab, während Alessandra mit den Weißen, den Arcadiern und den Herzöglichen nach Süden weiterritt. Die anderen waren schon weg, viele vielleicht schon daheim.

Alessandra war glücklich, es stand eine Hochzeit bevor. Die Hochzeit zwischen ihr und ihrem Geliebten, dem arcadischen König Nuitor. Und endlich, nach einem Jahrhundert der Trennung, würden ihre Reiche wieder eins werden.


Das Unendliche Land - Imperatrice Beata, die Schwarze Hexe

Erstellt am 23.6.2001. Letzte Änderung auf dieser Seite: 23.2.2017