Das Unendliche Land - 5. Teil

9. Kapitel - Alessandras Hochzeit

Der erste Schnee war gefallen und bedeckte die Ländereien rings um die Weiße Hauptstadt mit einem Flaum aus Puderzucker. Alessandra, die zusammen mit Nuitor an der Spitze des Zuges ritt, sah sich um. Sie waren da. Hier gabelte sich die von Norden kommende Hauptstraße. Der eine Zweig führte zur nahen Weißen Hauptstadt, der andere weiter nach Süden, in die Heimat der Arcadier, der Herzöglichen und der Lagunenleute.

"Nun ist für mich ein letztes Mal die Zeit des Abschieds gekommen", rief die Prinzessin dem Rest der Vereinigten Armeen zu, die sie bis hierher begleitet hatte. Viele Gruppen waren schon vorher aus dem Verband ausgeschert und in ihre Heimatländer zurückgekehrt.

Die Weiße Prinzessin fuhr fort: "Wir sind Zuhause, und denen, die noch weiter müssen, wünsche ich alles Gute, und daß Ihr daheim als die Helden empfangen werdet, die ihr nun seid. Mein Adjutant wird nun die Urkunden, Ringe und Medaillen verteilen, und dann, tja, dann kann ich nur noch sagen: lebt wohl, und danke für alles."

Ein letztes Mal empfing sie den Jubel der Ritter, spürte ein letztes Mal die Vertrautheit mit diesen Menschen, von denen nicht wenige noch vor einiger Zeit ihre Feinde gewesen waren. Doch der gemeinsame Kampf hatte sie geeint, und Alessandra hoffte, daß dieses Zusammengehörigkeitsgefühl nicht sogleich wieder vergessen werden würde. Es wäre schade, wenn die Reiche nun wieder in ihre üblichen Kleinkriege verfielen.

Dann ließ sie Phobos wenden und ritt an der Seite von Nuitor voraus, der Weißen Hauptstadt entgegen, die in der nachmittäglichen Herbstsonne in hellem Rosa leuchtete. Alessandras Herz schlug höher, als sie diesen einmalig schönen Anblick auf sich einwirken ließ. Sie liebte diese Stadt, den wuchtigen Weißen Palast, dessen Ausstrahlung alle anderen übertraf, und sie liebte ihr Volk, diese fleißigen, tüchtigen Menschen, die all das geschaffen und trotz großer Schwierigkeiten erhalten hatten.

Mit leuchtenden Augen sah sie Nuitor an. "Wenn wir heiraten, Nuitor, dann werden unsere Reiche endlich wieder vereint sein. Nach all den langen Jahren und den vielen Kriegen. Ich freue mich ja so, mein Liebster."

Nuitor schenkte ihr ein strahlendes Lächeln und drückte sie an sich. "Ich auch, meine tapfere kleine Alessandra. Laß uns den Termin für die Hochzeit so bald als möglich legen, ja?"

"Ja, das machen wir. Und es soll die schönste Hochzeit aller Zeiten werden. Wir ... nanu. Ein Bote. Bestimmt hat Vater ihn uns geschickt, um uns willkommen zu heißen." Temperamentvoll winkte sie dem Reiter zu, doch dieser reagierte nicht. Ohne sichtbare Regungen kam er auf die beiden zugeritten.

"Da stimmt was nicht", rief Nuitor. "Ich fühle es." Sein eben noch so strahlender Blick verdüsterte sich.

Leider sollte er Recht behalten. Der Bote hielt vor der Prinzessin an, begrüßte sie höflich und übergab ihr dann eine Urkunde. Alessandra rollte sie auf uns las laut vor:


Hiermit verpflichten wir, König Harro von Hocharco, Regent des Weißen Reiches, uns gegenüber der Regentin des Lagunenreiches, Königin Gerena, ihrem Sohn Ósimo dereinst eine unserer Töchter zur Frau zu geben.

S. M. Harro von Hocharco

Alessandra war sprachlos. Gedankenverloren rollte sie das Pergament wieder zusammen, dann sah sie Nuitor fragend an. Doch der schüttelte nur den Kopf.

Der Bote räusperte sich verlegen: "Hoheit. Königin Gerena und ihr Sohn befinden sich seit Tagen in der Stadt und erwarten Euch bereits. Die Vorbereitungen für die Vermählung laufen bereits auf Hochtouren."

Alessandra wollte etwas erwidern, doch Nuitor war schneller: "Und was sagt der Weiße König dazu, Bursche?", frage er streng.

"Herr, der König hat sein Einverständnis gegeben."

"Nuitor!" rief Alessandra. Ihr Temperament war kurz davor durchzugehen. "Nuitor, Liebster, ich werde diesen Schwachsinnigen nicht heiraten. Um nichts in der Welt. Laß uns zusammen fliehen."

"Nein, das kläre ich. Keine Angst, das bekommen wir schon wieder hin."

Alessandra standen die Tränen in den Augen. "Ein feiner Empfang ist das. Fast drei Monate habe ich gegen Bestien und Dämonen gekämpft und jetzt, und jetzt ..." Sie konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. Mehr und mehr wurde ihr klar, welch diabolisches Spiel da jemand inszenierte. Sie war grenzenlos enttäuscht. So einen Empfang hatte sie nicht erwartet und auch nicht verdient. Nuitor zog sie an sich und hielt sie fest, während sie an seiner Brust gegen die Tränen kämpfte. Schließlich sagte sie: "Es geht schon wieder. Komm, laß uns in die Stadt reiten und mit meinem Vater reden."

Sie gaben ihren Pferden die Sporen und ließen den Boten einfach stehen.

Der Jubel, den Alessandra vermißt hatte, stellte sich dann aber doch noch ein, als sie das nördliche Stadttor passierten. Ihre Ankunft war schon seit Tagen angekündigt, und die ganze Stadt hatte sich geschmückt und herausgeputzt. Es war nicht so protzig wie damals vor über drei Jahren bei dem Turnier, dafür aber sichtlich liebevoll arrangiert. Trotz der Kühle der Jahreszeit waren die Straßen mit Blumen bestreut. Die Menschen säumten Alessandras Weg, winkten und ließen die Prinzessin und den arcadischen König hochleben. Geschnitzte und bunt bemalte Tafeln erinnerten an die großen Szenen dieses Krieges, man hatte sie an Seilen über die Straßen gehängt. Alessandra und Nuitor waren gerührt. Oft ließen sie ihre Pferde anhalten, um die Tafeln genau studieren zu können und wiesen einander dann auf besonders gelungene Details hin. Fast war die Anwesenheit der Lagunenkönigin und ihres Sohnes vergessen.

Am Fuß der Rampe, die zum Weißen Palast hinaufführte, stiegen sie von ihren Pferden, die sie treu durch jede Schlacht getragen hatten, und übergaben sie den Stallburschen. Alessandra schmuste ein letztes Mal mit Phobos, dann atmete sie tief durch und setzte an, zusammen mit Nuitor die Rampe hinaufzuschreiten, als sich oben die riesigen Flügel öffneten und der Weiße König ins Freie trat. Doch er war nicht allein. Hinter ihm stapfte die Lagunenkönigin, und an ihrer Hand hing Prinz Ósimo.

*

Nuitors Augen wurden groß, als er den Prinzen sah. Er hatte schon gehört, daß er schwachsinnig war, doch daß es so überdeutlich in seinen Zügen geschrieben stand, erschreckte ihn.

"Und den sollst du heiraten? Niemals!"

"Niemals, mein Geliebter!", antwortete Alessandra ebenso leise.

Auf der Mitte der Rampe trafen sie sich. Es war ein denkwürdiger Augenblick. Nuitor war die finstere Entschlossenheit. Alessandra war wütend und wollte ihren Vater zur Rede stellen. Doch als sie ihn dann von nahem sah, da verwandelte sich ihre Wut in Erschrecken. Mein Gott, ist er alt geworden!

"Vater!" Sie rannte auf ihn zu und warf sich an seine Brust. Das von Kummer gezeichnete Gesicht des Weißen Königs entspannte sich zum ersten Mal seit langer Zeit. Vergeblich kämpfte er gegen die Tränen, während er seine Tochter an sich drücke und ihr Haar streichelte.

"Vergib mir, Alessandra!", flüsterte er kaum hörbar.

Gerena, die Lagunenkönigin, beobachtete die Szene mit einem schwer zu deutenden Gesichtsausdruck. Und der Prinz? Der schnitt eine Grimasse, sah irgendwelchen Figuren nach, die nur in seiner Einbildung existierten und fing dann leise an zu kichern. Seine Mutter gab ihm einen Stoß, woraufhin er aufgrunzte und irgendwo in den Himmel deutete. "Nimm dich zusammen, Ósimo. Das ist deine zukünftige Braut."

"So?" Nuitor sagte nur dieses eine Wort, doch der Blick, den ihm Gerena daraufhin zuwarf, ließ ihn frösteln. Und unsicher werden. Diese Sache würde sich nicht so einfach aus der Welt schaffen lassen, wie er zunächst gedacht hatte. Und diese Frau, die Lagunenkönigin. Man erzählte sich viele Geschichten über sie. Sie sollte ihren Gatten umgebracht haben, um an den Thron zu kommen. Ihre Machtgier war legendär. Und sie schreckte vor nichts zurück. Offenbar war sie jetzt auf den Weißen Thron aus. Und ihre Waffen waren dieses alte Dokument und ihr schwachsinniger Sohn.

Der arcadische König beschloß, die Dinge erst einmal abzuwarten. Früher hätte er sicher versucht, die Königin zu provozieren, doch nicht nur sein Vater war inzwischen weiser geworden. Auch er hielt es mittlerweile für wenig ratsam, etwas zu überstürzen. Später allerdings bereute er diesen Entschluß. Denn das erste, was Gerena tat war, ihn auszubooten.

"Ich denke, Majestät", sagte sie zum Weißen König, "mein Sohn und Alessandra haben viel zu besprechen. Und wir beide müssen die Hochzeitsvorbereitungen vorantreiben. Schließlich haben wir nur noch fünf Tage bis zur Vermählung." Sie schnappte sich den König und Alessandra und zerrte sie hinter sich her in den Palast. Prinz Ósimo trottete brav hinterher, ab und zu über seine eigenen Füße stolpernd. Auch Nuitor wollte sich ihnen anschließen, doch da traten ihm vier bewaffnete Lagunenleute in den Weg und versperrten die Rampe.

Verdammt schlau ausgedacht von der Alten. Sie hat ihre Hausmacht gleich mitgebracht. Mehr und mehr wurde es dem arcadischen König klar, daß er es mit einer mit allen Wassern gewaschenen Gegnerin zu tun hatte. Er erinnerte sich an den Feldzug gegen die Lunaloc-Dämonen. Auch Soldaten der Lagunenkönigin hatten sich daran beteiligt. Oft hatte er mit ihnen zusammen am Lagerfeuer gesessen und sich über dieses und jenes unterhalten. Doch wenn die Sprache auf ihr Königshaus kam, dann waren sie immer auffällig schweigsam geworden. Im Gegensatz zu seinen Leuten, den Weißen oder fast allen anderen waren die Lagunenleute auf ihr Königshaus nicht stolz. Sie versuchten vielmehr, möglichst nicht daran erinnert zu werden. So schlimm ist es also. Aber ich will Alessandra jetzt nicht allein lassen.

Er blickte die vier grimmigen Bewaffneten an, die sich drohend vor ihm aufgebaut hatten. Und dann schloß er die Augen und ließ in seinem Kopf ihre Gedanken und Gefühle erscheinen. Als Befehlshaber von Calracts Dämonenarmee verfügte er über Kräfte, mit denen die Lagunenkönigin, die im Gegensatz zu Imperatrice der Sonneninsel ganz gewiß keine Hexe war, sicher nicht rechnete.

Der erste heißt Mansaar Todt. Sein Bruder sitzt im Gefängnis, weil er einen Laib Brot gestohlen hat. Wenn er nicht pariert, läßt Gerena ihn hinrichten.

Der zweite ist nur auf das Geld aus, daß Gerena ihm bezahlt. Der Dritte ist ein Berufsverbrecher, der für die Königin arbeitet als Dank, daß sie ihn nicht einen Kopf kürzer gemacht hat. Sein Job bringt ihm viel Geld, denn er darf die, die er auf Befehl der Königin ermordet, anschließend ausrauben.

Der vierte ist fast so irre wie der Prinz und tut alles, was man ihm sagt.

Und jetzt befehle ich euch, mich durchzulassen, sonst werdet ihr den Tag verfluchen, an dem ihr geboren wurdet!

Die vier bekamen einen starren Blick und ließen ihre Waffen sinken. Völlig apathisch ließen sie den Arcadier passieren. Nuitor dachte kurz nach, dann verschwand er unauffällig nach oben.


Zu viert saßen sie an einem der Tische im Audienzsaal. Alessandra war nicht bereit, auf ihre ungebetenen Gäste besondere Rücksicht zu nehmen, und fragte frei heraus: "Vater, wie könnt ihr zulassen, daß ich den da heiraten soll?" Mit spitzen Fingern zeigte sie auf den Prinzen, der gerade mit seinen Kleidern herumspielte. Empörung sprach aus ihrer Stimme, doch bevor König Harro antworten konnte, fuhr Gerena dazwischen. Keuchend langte sie an ihr Herz, dann zischte sie: "So eine Unhöflichkeit haben wir noch nie erlebt! Majestät, wir bestehen darauf, daß Ihr Eurer Tochter Manieren beibringt. Ihre Grobheit hat uns zutiefst gekränkt, und wir verlange eine strenge Strafe." Alessandra glaubte sich verhört zu haben. Sie sprang auf und rief: "Ihr vergeßt euch, Königin! Ihr seid hier nur Gast, ein höchst ungebetener Gast obendrein, und ich denke nicht im Traum daran, euren geistesschwachen Sohn zu heiraten. Pah! Eher bekommt Ihr mein Schwert zu spüren."

Doch sie erfuhr umgehend, daß im Weißen Palast mittlerweile ein anderer Wind wehte. Die Lagunenkönigin sprang nun ebenfalls auf und schrie mit ihrer durchdringenden Stimme: "Wache! Diese Person hat unser Leben und das unseres Sohnes bedroht. Hilfe. So helft mir doch. Verhaftet sie alle." Sie brach keuchend über dem Tisch zusammen, erholte sich aber rasch wieder, als die Tür mit lautem Knarren aufgestoßen wurde und mehrere schwerbewaffnete Soldaten in den Saal stürmten. Alessandra sah mit Erschrecken, daß es keineswegs nur Lagunenleute waren. Mit gezogenen Schwertern stürmten sie auf Alessandra zu, die inzwischen auf den Tisch gesprungen war. "Vater, was hat das zu bedeuten?", rief sie unsicher. Was, zum Teufel, ist hier eigentlich los?

"Verhaftet die Prinzessin!", kreischte die Lagunenkönigin.

Wie in einem Traum sah Alessandra die Wachen auf sich zukommen. Es waren fünf Männer, die alle ein grimmiges und entschlossenes Gesicht machten.

In diesen Sekunden stand das Schicksal der Weißen Prinzessin auf des Messers Schneide. Es war einer jener seltenen Punkte im Leben eines Menschen, in denen sich in einem einzigen Augenblick sein zukünftiges Schicksal entscheidet. Sollte sie gegen die Soldaten kämpfen und dann fliehen? Sie würde es sicher schaffen, die Männer zu besiegen und zu entkommen, davon war sie überzeugt. Dann würde sie fortreiten und irgendwo unerkannt in Frieden ihr Leben zu Ende leben, weit, weit weg. Vielleicht in Arcadia ...?

Oder sollte sie sich stellen und versuchen, alles aufzuklären? In diesem Fall war ihr Schicksal zumindest eine Zeitlang in den Händen anderer Menschen, die offenbar nichts Gutes mit ihr vorhatten. Am Ende siegte Alessandras Glaube an die Gerechtigkeit, die am Ende immer irgendwie zu siegen hatte. Sie steckte ihr Schwert ein, sprang vom Tisch und ergab sich den Soldaten.

"In den Kerker mit ihr bis zur Hochzeit!", plärrte Gerena, doch an dieser Stelle stellte sich ihr der Weiße König energisch entgegen: "Halt! So behandelt man keine meiner Töchter. Begleitet die Prinzessin in ihr Gemach."

Die Lagunenkönigin, die ein sehr feines Gespür dafür hatte, wie weit sie gehen durfte, nahm es widerspruchslos hin. Die Soldaten, die eben noch Alessandra fest gepackt hatten, ließen nun von ihr ab und führten sie mit dem gebotenen Respekt, aber gezogenen Schwertern, in ihr Zimmer.


Es war Nacht geworden. Alessandra öffnete die Tür. Fast wie sie es erwartet hatte, standen davor zwei bewaffnete Posten, die sie daran zu hindern hatten, ihre Gemächer zu verlassen. Sie stellte fest, daß Gerena dafür gesorgt hatte, daß sie von Lagunensoldaten bewacht wurde. Offenbar befürchtete sie, sich auf die Weißen Soldaten nicht verlassen zu können. Das machte der Prinzessin etwas Hoffnung. Sie zog sich in ihr Zimmer zurück und schloß die Tür. Dann setzte sie sich auf ihr Bett und dachte nach. Wo wohl Nuitor jetzt war? Sie sprang wieder auf und lief zu dem schmalen Fenster. Es war nicht viel mehr als eine Schießscharte und wahrscheinlich auch einmal dafür konstruiert worden. Aber inzwischen waren die Zeiten moderner geworden und man hatte es sogar verglast. Und Glas, zumal in dieser Größe, war eine ausgesprochene Kostbarkeit.

Alessandra löste den Riegel und öffnete das Fenster. Ihre Schultern paßten gerade noch zwischen den Mauern hindurch, und sie lehnte sich weit hinaus, um ihr Reich zu betrachten, wie es sich im Mondlicht vor ihr ausbreitete. Aus einigen Wölkchen am Himmel schneite es ein klein wenig, und es war bitter kalt. Immerhin war es Ende November. Der weiße Flaum machte die Nacht hell und klar. Alessandras Atem verwandelte sich bei jedem Zug in eine dicke weiße Wolke, und sie sah ihr versonnen nach, wie sie sich innerhalb von Sekunden jedesmal ins Nichts auflöste.

So wie Calract und seine Ungeheuer. Auch sie sind ins Nichts verschwunden. Aber das Wasser, daß ich ausatme, verschwindet ja nicht wirklich. Es kommt als Regen wieder.

Sie sah zum Mond empor. Ob Calract jetzt dort weilte und auf sie herabsah? Calract ... so kurz nur hatten sie direkt einander gegenübergestanden, aber kaum ein anderes Wesen hatte sie je so beeindruckt. Er war anders als alle Menschen, denen sie zuvor begegnet war, Thoran eingeschlossen.

Langsam kehrten ihre Gedanken zu ihrer jetzigen Lage zurück. Sie war am Anfang so grenzenlos überrascht und enttäuscht gewesen, aber nun kehrte allmählich ihr kühler Kopf zurück. Erstens war sie eine Gefangene in ihrem eigenen Schloß, und das würde sie gleich mal ändern. Zweitens mußte sie unbedingt mit ihrem Vater sprechen.

Als sie hörte, wie ihre Tür leise geöffnet wurde, zog sie den Kopf zurück, verriegelte das Fenster wieder und drehte sich dann um. Es waren zwei Soldaten, wahrscheinlich die Ablösung derjenigen, die vor kurzem noch vor ihrer Tür gestanden hatten. Aber diesmal waren es Weiße ...

"Majestät! Der Majordomus konnte es arrangieren, daß ihr in dieser Nacht nur von eigenen Leuten bewacht werdet. Ihr habt Gelegenheit zu fliehen. Es ist schon alles ..."

"Ich denke nicht daran zu fliehen!", erwiderte Alessandra aufbrausend. Ihr Temperament ging mal wieder mit ihr durch, und sie sprach wie eine Wasserfall auf die beiden Ritter ein: "Was denkt sich dieses Weibsstück eigentlich, wen sie vor sich hat. Ich habe gegen Teufel und Dämonen gefochten und wenn ... wenn die glaubt, so was mit mir machen zu können, dann werde ich sie eines Besseren belehren. Ich muß unbedingt mit meinem Vater sprechen. Kommt, meine Freunde."

"Aber Hoheit. Seid vorsichtig. Die Lagunenkönigin hat über 100 Mann im Schloß und in der Stadt. Wenn ihr im Schloß erwischt werdet ..."

"Über 100 Soldaten!" Alessandra war entsetzt. Das bedeutete im Klartext, daß sie wie nach einem verlorenen Krieg erobert und besetzt worden waren. Nur, daß es keinen Krieg gegeben hatte. Vorsicht Mädchen. Wer so was zustande bringt, den darf man nicht unterschätzen.

"Also gut. Dann geht und holt meinen Vater hier her. Aber beeilt euch!"

"Ja, Herrin!" Die Soldaten waren offensichtlich froh, daß Alessandra auf ihren waghalsigen Vorschlag doch nicht eingegangen war. Sie verschwanden blitzartig und huschten dann den Turm hinab zu den Gemächern des Königs.

"Nuitor. Isini. Wenn ihr doch jetzt bei mir wärt. Und Ornella." Sie wollte den Gedanken an ihre Schwester beiseite schieben, um nicht weinen zu müssen, doch ganz gelang es ihr nicht. Es war zu traurig.

Sei ganz ruhig, Pferdchen. Es wird alles wieder gut werden. Glaube nur deiner älteren und erfahreneren Schwester.

Kurz darauf öffnete sich ihre Tür wiederum, und ihr Vater trat ein. Und wieder erschreckte sie es zutiefst, ihn anzusehen. Als sie ausgezogen war gegen die Lunaloc-Armee - fast schon wehmütig dachte sie an diese großartige Zeit zurück - da war ihr Vater ein stattlicher Mann gewesen, ein Baum, an den sie sich in Zeiten größter Not immer noch anlehnen konnte, der ihr half, ihre Last zu tragen, denn auf ihren Schultern hatte ja nicht mehr und nicht weniger als das Schicksal der Menschheit geruht. Ruhe, Kraft, Weisheit hatte er ausgestrahlt!

Und jetzt? Gebrochen war er nicht, aber so alt geworden, so schrecklich alt und müde.

Doch als der Weiße König seine zweitjüngste Tochter ansah, da kehrte für eine Zeit das alte Feuer in seine Augen zurück. Er trat auf Alessandra zu und nahm ihre Hand. Und dann erzählte er ihr die Geschichte seiner großen Schuld, und warum sie nun den geistesschwachen Prinzen Ósimo heiraten mußte.


Es war zu einer Zeit, als Alessandra noch ein kleines Mädchen war. Simona war erst wenige Wochen auf der Welt, und ihre Mutter, die schöne und gütige Weiße Königin Constanza, war noch am Leben.

Da erhielt König Harro eines Tages eine Einladung seines Jugendfreundes Todor, des Lagunenkönigs. Es gehe ihm sehr schlecht, und er wollte seinen Freund und Gefährten aus Jugendtagen noch einmal sehen. Ihm zu Ehren sollte es ein großes Fest in Laguna, der Hauptstadt des Lagunenreiches, geben. Harro war hoch erfreut, machte sich aber gleichzeitig auch Sorgen um seine Gattin. Die Geburt war sehr schwer gewesen, und sie hatte sich noch lange nicht erholt. Konnte er sie einige Wochen lang allein lassen?

Doch Königin Constanza sagte zu ihm: "Geh nur, mein Geliebter. Ich bin doch hier bestens versorgt. Alle kümmern sich um mich und um unsere Kleinen. Und wer weiß, vielleicht ist es das letzte Mal, daß du deinen Freund sehen kannst."

Und so nahm der Weiße König mit einem lachenden und einem weinenden Auge Abschied von seiner Frau, und machte sich auf die weite Reise. Die Fahrt in der königlichen Kutsche dauerte fast eine Woche und führte durch Arcadialand, mit dem bereits wieder ein Krieg um die Städte am Siina-Fluß in der Luft lag. Normalerweise ging die Route über Tansir und dann weiter per Schiff, doch Harro hielt es diesmal für sicherer, den steilen und beschwerlichen Weg durch die Berge zu wählen, der auch nicht ganz ungefährlich war. Doch es kam zu keinen Zwischenfällen, und schließlich kam Laguna, die wunderschöne Stadt am großen Octaviusmeer, in Sicht.


Viele Schiffe waren von der wein- und olivenbewachsenen Anhöhe, die zur Hauptstadt hinunterführte, zu sehen, wie sie in den Hafen Lagunas einliefen oder ihn wieder verließen. Exotische Galeeren waren darunter, Piratenschiffe, die hier zumeist Sklaven anlandeten, auch die einfachen, aber schnellen Segler der Barbaren und die riesigen Frachtkähne der Seerepubliken tief im Osten und im heißen Süden, jenseits des Meeres. Alle liefen Laguna an, denn diese Stadt war die einzige weit und breit mit ausgebautem Tiefwasserhafen. Tansir, die arcadische Hauptstadt und heftige Konkurrentin Lagunas, hatte diesen natürlichen Vorteil nicht zu bieten und konnte nur von kleinen Schiffen angesteuert werden, die großen mußten weit draußen be- und entladen werden. Je nachdem, wer gerade arcadischer König war, wurde dieses Procedere entweder aus der Staatskasse bezuschußt, um Laguna Paroli bieten zu können, oder verboten, um die Kassen zu schonen. Und da der gerade amtierende arcadischer König Starrus sehr sparsam war und Geld für seine Heerzüge brauchte, war vor Tansir nichts los. Im Hafen Lagunas dafür um so mehr.

Für den Weißen König waren die bunten, oft mit aufwendigen Wappen und Symbolen geschmückten Segel, die sich im Wind blähten, ein faszinierender Anblick, den er so gerne mit seiner Frau und vor allem seinen lebhaften Töchtern geteilt hätte ... naja, es ging halt diesmal nicht.

Die Posten auf den Mauerkronen Lagunas erblickten den Weißen Troß und bliesen ihre Fanfaren. Der Wind trieb die Töne den Hügel hinauf, so daß Harro ein bißchen davon hören konnte. Er gab den Befehl zur Weiterfahrt. Kurz darauf kam ihnen eine große Ehreneskorte Todors entgegen. Der Anführer begrüßte den Weißen König mit allem Respekt und teilte das Bedauern seines Herren mit, aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich erscheinen zu können.

"So schlimm steht es um ihn?" fragte der Weiße König besorgt. Der Ritter nickte nur.

Als sie in die Stadt einfuhren, standen die Menschen rechts und links Spalier und jubelten dem Weißen König zu. Dieser genoß das Bad in der Menge, aber er wunderte sich auch ein bißchen. Nicht mal zu Hause wurde er so begeistert empfangen. Ob es wohl einen besonderen Anlaß gab, daß die Menschen sich so freuten? Er fragte einen der Eskorte-Soldaten. Doch dieser wurde durch die Frage sehr verlegen und antwortete mit ein paar dünnen Bemerkungen. Der Weiße König nahm sich vor, seinen Freund Todor zu fragen.

Wenig später dann erreichten sie den Lagunenpalast, eine märchenhaft schöne Anlage mit einem wunderbaren Blick über das Meer, mit zahllosen Springbrunnen, Wasserspielen, Mosaikfußböden, deren Kostbarkeit Harro schwindeln ließ, und zahmen exotische Tieren, die überall frei herumliefen. Pfaue und bunte Papageien fraßen den Palastdienerinnen zutraulich aus der Hand, und überall tollten Affen und Hörnchen herum. In den üppigen Gärten sah Harro ein paar zahme Geparden miteinander spielen, und in einem großen Freigehege sollte sogar ein kleiner Dinosaurier stecken. Nur zeigte der sich heute leider nicht.

Trotz seiner Krankheit hatte es sich Todor nicht nehmen lassen, den Weißen König wenigstens hier persönlich zu empfangen. Doch Harro erschrak, als er seinen alten Freund erblickte. Todor sah wirklich nicht gut aus, dabei war er sogar etwas jünger als er. Aber die Krankheit hatte ihn gezeichnet. Todor war schrecklich fett und aufgetrieben, und fast alle seine Haare waren ausgefallen. Seine Haut war pergamentartig gelb und voller Runzeln. An vielen Stellen mußte er wegen Entzündungen Verbände tragen.

Verdammt, was ist nur mit ihm los? So was kenne ich doch: schwere Mangelernährung, Skorbut oder so was. Kommt auf langen Kriegszügen ab und zu mal vor. Aber hier, mitten in diesem Reichtum? Diese Gedanken gingen den Weißen König durch den Kopf, als er ausstieg und Todor umarmte.

Todor begrüßte seinen Freund ebenso herzlich. Irgendwie hatte der Weiße König das Gefühl, daß Todor damit rechnete, daß dies ihre letzte Begegnung sein würde. Doch dann sagte er: "Jetzt komm' erst mal rein und erhole dich von den Strapazen der langen Reise. Ich bin so froh, daß du gekommen bist. Wir haben wi ..." Dem Lagunenkönig blieb das Wort im Hals stecken, als er neben sich seine Frau auftauchen sah, Gerena.

Der Weiße König ergriff ihre Hand und küßte sie, wie es das Protokoll verlangte. Aber er mußte sich dazu zwingen. Nicht, daß Gerena häßlich gewesen wäre, im Gegenteil, sogar 20 Jahre später, als sie Alessandras Hand für ihren Sohn einforderte, war sie noch ausgesprochen attraktiv. Aber von dieser Frau ging etwas Negatives aus, eine Art intimer Grausamkeit, die den Weiße König unbewußt abstieß. Es war sein erstes Treffen mit der Lagunenkönigin. Todor hatte sie erst vor fünf Jahren geheiratet, und wenige Wochen später war ihr Sohn zur Welt gekommen, was viel Anlaß zu wilden Spekulationen und Tratsch gegeben hatte. Hätte der Weiße König Gerena früher gekannt, hätte er seinem Freund sicher von einer Heirat abgeraten. Aber andererseits ging ihn das eigentlich nichts an.

Todor hakte sich beim Weißen König unter, und zusammen mit Gerena machten sie einen Spaziergang durch den Schloßpark. Später brachte eine der Kinderfrauen den kleinen Prinzen. Ósimo war ein neugieriger, fröhlicher Knirps, den jeder im Palast gern hatte. Er ähnelte darin sehr seinem Vater, wie er früher gewesen war.

Ich muß unbedingt allein mit Todor sprechen. Ohne Gerena. Er muß mir etwas Wichtiges zu sagen haben.

Doch bis zum großen Festessen am Abend wich Gerena ihrem Mann nicht mehr von der Seite. Gerade so, als wollte sie verhindern, daß er mit Harro ungestört reden konnte.

Währenddessen richtete der Weiße König sich in den prächtigen Gemächern, die man ihm zugewiesen hatte, häuslich ein. Mehrmals versuchte er, mit den Dienern ins Gespräch zu kommen, aber es gelang ihm nicht. Die Männer und Frauen waren alle scheu und mehr als zurückhaltend. Um so mehr freute sich der König auf die angekündigte Feier am Abend. Man hatte sogar ein großes Feuerwerk vorbereitet, das teils im Palast, teils auf Schiffen draußen auf dem Wasser abgebrannt werden sollte. So etwas hatte selbst der reiche Weiße König noch nicht gesehen, und er war sehr gespannt.

Ein warmes Meer vor der Haustür war eben doch etwas besonders. Die Weiße Hauptstadt hatte dagegen nicht mal einen Fluß.

Der Abend verlief denn auch äußerst positiv, ausgenommen den Umstand, daß Gerena auch hier ständig ihren Gatten bewachte. Sie machte sich, wie sie sagte, um seine Gesundheit große Sorgen. Einmal zischte sie ihm zu: "Wenn du weiter so viel Wein trinkst, dann ... ach, womit habe ich das verdient. Nimm doch auch ein bißchen Rücksicht auf mich. Du weißt, mein Herz ...!"

Trotzdem prosteten sich der Weiße und der Lagunenkönig reichlich zu, und als das Feuerwerk begann, waren beide ziemlich blau.

"Entsch ... schuldige, mein Lieber", lallte Todor schließlich, "a ... aber mir ist ja sooo schlecht. Ich mmm muß mich ein b ... bißchen ausruhen. Bis später."

Gerena stützte ihren Mann und schleppte ihn in Richtung seiner Gemächer. Dem Weißen König warf sie einen vorwurfsvollen Blick zu. Der schüttelte nur den Kopf, dann ließ er seine Blicke wieder zum Himmel schweifen, der vom Feuerwerk in bunte Farben getaucht wurde. Es war ein herrlicher Anblick. Später dann suchte er Todor auf, um zu sehen, wie es ihm ging. Ungefähr kannte er noch die Lage des königlichen Gemachs. Es lag im dritten Stockwerk eines der großen Prachtbauten, die alle zusammen den Palast bildeten, und nahm die ganze Etage ein. Der Weiße König torkelte also die Treppe hoch, dann die zweite, und schließlich die letzte. Oben angekommen lehnte er sich erschöpft gegen eine Wand, verfehlte sie aber, und seine Hand traf eine der dort aufgestellten Ritterrüstungen. Krachend fiel sie in sich zusammen, und der Weiße König purzelte hinterher. In diesem Augenblick erfüllte der grauenhafte Schrei eines Kindes das Gebäude. Der Weiße König fuhr hoch und sah nur noch, wie ein kleiner Junge aus einem der Fenster stürzte.

*

"Ich war sofort wieder nüchtern und lief zu dem Fenster. Und unten lag der kleine Prinz."

Alessandra sah ihren Vater mit großen Augen an. Dann fuhr dieser fort. "Ósimo war aber nicht tot. Die Ärzte konnten ihn retten. Aber seitdem ist er geistesschwach. Und es ist allein meine Schuld. Durch diese verdammte Ritterrüstung habe ich ihn so erschreckt, daß er aus dem Fenster ge ... gefallen ist." Die letzten Worte hatte der König nur noch geflüstert. Tränen rannen aus seinen Augen.

"Aber es kam noch schlimmer. Todor ist in dieser Nacht gestorben. Es war der schwärzeste Tag meines Lebens. Gerena machte mich für beides verantwortlich. Wie konnte ich ihr es abschlagen, als Ausgleich dem jungen Prinzen die Hand einer meiner vier Töchter zu versprechen. Eine andere Frau würde er doch nie bekommen können. Oh mein Gott, Alessandra, es tut mir ja so leid, und ich wünschte, ich könnte alles ungeschehen machen."

"Vater. Aber warum hast du uns nie davon erzählt?"

Der Weiße König schluckte, dann holte er ein Taschentuch hervor und wischte sich die Augen ab. "Ich habe es vergessen. Und ich wollte es auch vergessen. Kurz nach meiner Rückkehr wurde deine Mutter sehr krank und starb bald darauf. Und diese furchtbare Sache ... ich habe einfach nie wieder daran gedacht. Bis dann vor drei Wochen Gerena mit ihrem Zug vor der Tür stand und mein Wort einforderte. Verzeih' mir, Tochter. Bitte, verzeih' mir."

Er wartete Alessandras Antwort nicht ab, sondern floh aus ihrem Zimmer.

Und dann trat König Nuitor hinter dem Vorhang hervor. Alessandra starrte ihn an wie einen Geist. Nuitor hatte etwas Fremdartiges an sich - es war schwer in Worte zu fassen, aber irgendwie war er verändert, ein Fremder. Flehentlich richtete Alessandra ihren Blick auf ihn, erhoffte ein aufmunterndes Lächeln, ein tröstendes Wort, doch der arcadische König blickte sie nur sehr ernst an. Dann sagte er: "Du wirst ihn heiraten." Es war der Prinzessin nicht klar, ob es eine Frage oder eine Feststellung war. Aber Alessandra hörte sich antworten: "Ja, Nuitor. Ich werde mich fügen."

Nuitor sah sie lange an, und viele Dinge spiegelten sich in seinen tiefblauen Augen, die im Schein der Fackeln fast schwarz wirkten.

Dann drehte Nuitor sich um und ging davon, ohne noch etwas zu sagen. Es war das beste so. Er konnte nicht zwei Menschen gehören, Alessandra und Calract. Doch die schöne, tapfere Weiße Prinzessin tat ihm leid.


Alessandra fühlte, wie sich ihr Hals zuschnürte. Sie wollte weinen, aber sie war wie erstarrt. Eine Zeitlang waren selbst ihre Gedanken wie gelähmt, dann sank sie auf ihrem Bett zusammen.

Irgendwann erloschen die Fackeln, und schließlich, es war schon Morgengrauen, übermannte der Schlaf die arme Prinzessin dann doch noch und erlöste sie für ein paar kurze Stunden von ihren Qualen.

Als sie am anderen Morgen erwachte, stand neben ihrem Bett auf dem Tischchen ein einladendes Frühstück. Alessandra zwang sich, etwas davon zu essen, doch nach ein paar Bissen bekam sie einfach nichts mehr herunter. Ihre Gedanken kreisten ständig um Gerena, ihre zukünftige Schwiegermutter. Seltsamerweise machte ihr die Vorstellung, mit einem Schwachsinnigen verheiratet zu sein, bei weitem nicht so viele Probleme wie die, daß diese schreckliche Frau demnächst ihre Schwiegermutter sein würde. Vielleicht hatte der Prinz ja auch seine guten Seiten. Aber Alessandra spürte es in jeder Faser ihres Herzens, daß sie nach solchen bei der Königin vergeblich suchen würde.

Sie stand auf und öffnete die Tür. Sofort ließen die beiden Posten, Lagunenleute, ihre Lanzen herab, um ihr den Weg zu versperren. Alessandra rief: "Ich verlange, mit meinem zukünftigen Gatten zu sprechen. Los, holt ihn herbei!"

Mißtrauisch blickten die beiden Männer die Prinzessin an. Einer schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich bemerkte er es selbst nicht einmal, aber Alessandra registrierte es dafür um so aufmerksamer. Wieder so ein Mosaiksteinchen.

Der andere Posten ging schweigend davon. Etwa eine halbe Stunde später kam er zurück. Er klopfte an Alessandras Tür und trat ein, nachdem die Prinzessin ihn hereingerufen hatte.

"Majestät, ich bedauere Euch mitteilen zu müssen, daß ein Treffen heute nicht möglich sein wird. Entscheidung von Königin Gerena", fügte er wie entschuldigend hinzu.

Er hat es gewußt. Er, und der andere auch!

"Danke. Ich werde schon Mittel und Wege finden, meine Ziele zu erreichen." Doch mit diesem Worten erzielte Alessandra eine überraschende Reaktion. Der Soldat zuckte leicht zusammen. Dann drehte er sich vorsichtig um und vergewisserte sich, daß die Tür geschlossen war. Nervös trat er ein paar Schritte näher zu der Prinzessin hin und flüsterte: "Majestät. Wenn wir Gerena nicht gehorchen, sind wir in großen Schwierigkeiten. Auch Ihr, Majestät."

Alessandra war überrascht. Doch sie reagierte schnell und faßte den Soldaten am Kragen. Obwohl sie unbewaffnet war und der Soldat ein Schwert trug, machte er keine Anstalten, sich zu wehren. Er wand sich nur ein wenig in Alessandras Griff.

"Wovor hast du Angst? Du stirbst ja vor Angst! Rede!"

"Nein, Prinzessin. Die Königin ... sie wird uns alle ins Unglück stürzen. Bitte ..." Er riß sich los und hastete aus dem Zimmer.

Gerena! Alessandra wurde allmählich wütend. Versprochen oder nicht versprochen, das hieß noch lange nicht, daß sie sich alles gefallen lassen mußte. Was bildete sich diese Frau denn ein? Und schlimmer als Beata, die sich in ihrer Bosheit in die Schwarze Hexe verwandelt hatte, konnte die Lagunenkönigin auch nicht sein.

Sie hörte von draußen einen Schrei und stürzte zur Tür. Doch sie war abgeschlossen! Alessandra lauschte und hörte, wie der Soldat, der gerade mit ihr geredet hatte, abgeführt wurde, wobei er lautstark seine Unschuld beteuerte und um Gnade flehte. Dazwischen waren die Stimmen weiterer Soldaten sowie Gerenas zu hören. Allerdings konnte die Prinzessin nicht verstehen, was sie sagten.

Dann wurde es wieder ruhig.

An diesem Tag geschah nicht mehr viel. Man brachte Alessandra das Mittagessen, am Ende das Abendessen. Einmal erschien ein Bote und teilte ihr mit, daß die Hochzeit in drei Tagen stattfinden würde. Alessandra verlangte erneut nach dem Prinzen und ihrem Vater, doch ihre Wünsche wurden völlig ignoriert. Irgendwann wurde er der temperamentvollen Frau zu bunt. Sie zog ihr Kettenhemd und ihr Schwert an, dann knotete sie aus Bettlaken eine Art Seil und ließ sich in den unter ihrem Zimmer liegenden Raum herunter. Von dort aus schlich sie sich zu Adalberts Zimmer. Doch der Majordomus war weder in seinen Räumen noch in seinem Arbeitszimmer.

Alessandra schnappte sich einen Bediensteten und fragte nach dem Majordomus. Der Knecht war überrascht, Alessandra an diesem Ort anzutreffen, dann antwortete er: "Herrin, ich weiß nicht, wo der Majordomus geblieben ist. Man sagte uns nur, daß er sich um die Hochzeitsvorbereitungen zu kümmern habe."

"Danke. Und verrat' keinem, daß du mich hier gesehen hast."

"Eher würde ich mir die Zunge herausschneiden lassen, Herrin!", antwortete der Mann mit wilder Entschlossenheit.

Alessandra wollte nun nach ihrem Vater suchen, doch da kam ihr eine Idee. Gerena hatte so eine Art Putsch ausgeführt. Zwar irgendwie legal, denn es gab ja dieses vom Weißen König unterschriebene Dokument. Aber das sah nur eine Hochzeit vor, nicht einen Staatsstreich. Gerenas Macht gründete sich auf ihre Soldaten. Aber die hatte Alessandra doch auch. Männer, die nicht nach irgendwelchen Papieren fragen, sondern für ihre Prinzessin durchs Feuer gehen würden. Falls ...

Sie hielt den Knecht zurück. "Weißt du, wo sich die Weißen Soldaten aufhalten, die mit mir aus dem Lunaloc-Krieg zurückgekehrt sind? Sie müssen kurz nach Nuitor und mir in die Stadt gekommen sein."

"Ja, Herrin. Sie wurden festlich empfangen und dann nach Hause geschickt."

Pech gehabt. Die meisten waren sonstwo im Weißen Königreich daheim. Unmöglich, sie alle wieder zusammenzutrommeln. Gerena hatte also auch daran gedacht.

"Verflixt noch mal", grollte Alessandra. "Die Alte macht das so geschickt, als hätte sie ihr ganzes Leben nichts Anderes getan."


"Halt. Die Prinzessin ist entkommen. Haltet sie auf!"

Sie war entdeckt. Erreicht hatte sie nicht viel, und wohin sie sich auch gewandt hatte, stets war ihr die Lagunenkönigin zuvorgekommen. Sie ergab sich den Lagunen-Soldaten, die sie jetzt durch das Schloß jagten, aber trotzdem nicht, denn dann hätten sie ihr mit Sicherheit ihr Schwert abgenommen. Statt dessen floh sie dahin, wo sie sowieso hin sollte, nämlich in ihr Gemach, und verschloß es von innen.


"Nanu, was ist denn das für ein Lärm?" Es war schon spät, aber auf dem Palast-Vorplatz, den Alessandra von ihrem Fenster aus einsehen konnte, drängten sich plötzlich zahlreiche Menschen, darunter auch viele der Soldaten Gerenas. Vier Männer trugen eine Art Kiste heran, die sehr schwer zu sein schien. Alessandra beugte sich weiter aus dem Fenster. Es wurden weitere Fackeln und Kohleleuchter entzündet, und plötzlich erkannte die Prinzessin, was da unten aufgestellt wurde: keine Kiste, sondern der Holzklotz einer Exekutionsstätte.

"NEIIIIN!" schrie sie außer sich. Gerena war drauf und dran, die Soldaten, die Alessandra hatten entkommen lassen, hinzurichten. "Nein! Das könnt ihr nicht tun."

Doch niemand hörte sie. Kurz darauf traten die Soldaten vor. Mit sich schleppten sie zwei Lagunenleute - Wachsoldaten. Man hatte von ihren Uniformen alle Rang- und Ehrenabzeichen heruntergerissen und die beiden offenbar noch gefoltert, denn sie konnten sich kaum auf den Beinen halten.

Der Ketzrichter trat vor und verlas Anklage und Urteil. Keiner der umstehenden Menschen wagte etwas zu unternehmen. Die Lagunenleute waren viel zu verschüchtert, und die Weißen sagten sich vielleicht, daß sie das ja im Grunde nichts anging, denn die zu Exekutierenden waren ja keine von ihnen. Die Soldaten schleppten den ersten Mann heran und drückten ihn nieder. Sein Hals kam auf dem Klotz zu liegen. Ein Lakai brachte einen Korb und stellte ihn vor den Klotz. In ihn würde den Kopf fallen.

Alessandra stöhnte auf, aber sie konnte nichts machen. Ihre Tür war nämlich inzwischen auch von außen abgesperrt worden, außerdem standen dort mehrere Wachen, und die würden bis zum Tod kämpfen, um sie im Zimmer zu halten. Denn wenn nicht, würden sie ja das Schicksal ihrer beiden Kameraden dort unten teilen.

Der Henker trat an den Verurteilten heran. Es ging alles sehr schnell. Mit einem kräftigen Schwertstreich köpfte er den Mann, dann trat er vor, hob den Kopf aus dem Korb und zeigte ihn herum.

Alessandra registrierte es kaum, aber nur die Lagunenleute klatschten Beifall. Viele der Weißen wandten sich angewidert ab und gingen davon. Doch das rettete den anderen natürlich auch nicht. Gerena kannte keine Gnade. Auch sein Kopf rollte. Alessandra glaubte, von Ferne ein hämisches, hysterisches Lachen zu hören, aber das war wohl nur die Einbildung ihrer überreizten Nerven.

Wieder fand die Weiße Prinzessin kaum Schlaf. Zum ersten Mal verspürte sie so etwas wie Angst. Todesangst. Es war ganz anderes als bei den Gefechten gegen die Lunalocdämonen, wo sie mit ihren Rittern Mann gegen Mann gefochten und viele Freunde und Feinde hatte sterben sehen. Das hier war kein Krieg, es war etwas unvorstellbar Heimtückisches. Eine namenlose Grausamkeit, die jeden bedrohte, jeden verschlingen konnte, selbst solche, die sich nichts hatten zuschulden kommen lassen. "Wie lange wird Gerena mich leben lassen? Wenn ihr Sohn den Weißen Thron hat, dann bin ich doch nur im Weg." Es wurde der Prinzessin klar, daß sie vielleicht doch besser geflohen wäre. Aber jetzt war es zu spät.

Noch in der gleichen Nacht trafen weitere hundert Lagunensoldaten in der Weißen Hauptstadt ein. Der Ring zog sich immer enger um das Weiße Reich zusammen.


Als Alessandra am nächsten Tag erwachte, fühlte sie sich erschöpft und elend. Ein stummer Diener brachte ihr das Frühstück. Später besuchte sie ihr Vater, aber sie waren beide gezeichnet. Sie hatten sich nicht viel zu sagen. Der Weiße König hatte resigniert. Vielleicht war er sich auch gar nicht ganz darüber im klaren, was da auf ihn, sein Land und seine Tochter zukam. Die Schuld, die er auf sich geladen hatte, drückte ihn nieder. Er war nicht in der Lage, Gerena Widerstand zu leisten. Sicher, was sie tat, war in seinen Augen schändlich, aber es war zumindest in seinen Augen völlig legal. Und er war ihr gegenüber im Wort und dem Prinzen gegenüber für immer und alle Zeiten verpflichtet.

Alessandra hingegen war nach zwei zermürbenden Nächten und den grauenvollen Erlebnissen der beiden Tage mit den Nerven ziemlich am Ende. Sie wünschte sich die Hochzeit herbei, weil sie hoffte, daß es danach nicht mehr so schlimm sein würde. Wenn Gerena hatte, was sie wollte, ließ sie sie vielleicht in Ruhe. Zumindest hoffte die Prinzessin das innig.

Am Abend klopfte es erneut an ihre Tür. Nach einem ausgiebigen Mittagsschlaf war die Prinzessin wieder etwas erholter, und so rief sie neugierig: "Herein!".

Sie gab einen überraschten Laut von sich, als sie sah, daß es der Prinz und die Königin waren. Was sie nicht wußte war allerdings, was für einen diabolischen Plan sich Gerena ausgedacht hatte, um ihren Willen endgültig zu brechen. Einen Plan, der so raffiniert und teuflisch war, daß nicht mal die Schwarze Hexe darauf gekommen wäre.

Gerena schob ihren Sohn ins Zimmer und pflanzte ihn auf einen Stuhl. Prinz Ósimos leere Blicke schweiften unstet umher, ohne daß man hätte sagen können, ob er irgend etwas von seiner Umgebung bewußt wahrnahm. Nur einen kurzen Moment lang, als sich sein Blick mit dem Alessandras für den Bruchteil einer Sekunde kreuzte, da war es der Prinzessin, als verberge sich tief im Innern des Prinzen doch noch so etwas wie ein Funken Menschlichkeit. Was man von seiner Mutter sicher nicht sagen konnte.

Sie setzte sich neben ihren Sohn an den Tisch und gab ein paar Belanglosigkeiten über die Hochzeit von sich. Dann begann sie, wüste Drohungen und Beschimpfungen gegen Alessandra auszustoßen und geriet dabei mehr und mehr in Rage. Schließlich sprang sie auf und schrie: "Wenn ich gewußt hätte, was für ein Ungeheuer dein wertloser Vater meinem armen Sohn zur Frau ge ... ge ... oh, m ... mein Herz." Sie brach röchelnd über dem Tisch zusammen. Prinz Ósimo gab einen glucksenden Lacher von sich. Offenbar hatte ihn das Muster auf der Tapete amüsiert.

Alessandra sprang auf und pochte mit aller Kraft gegen die Tür: "Wachen. Die Königin hat einen Herzanfall. Schnell, einen Arzt."

"Nein, es geht schon wieder. Das ist alles deine Schuld, du ..." Erneut brach sie zusammen. Speichel rann aus ihrem Mund, ihr Gesicht wurde blau und ihr Atem ging pfeifend. Einen Augenblick später stürmten mehrere Männer ins Zimmer und trugen die Königin heraus. Hinter ihnen wurde die Tür wieder abgesperrt.

Alessandra starrte gegen die Tür. Alles drehte sich in ihrem Kopf. Was war nur los? Starb Gerena jetzt? War sie dann daran schuld? Da spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Wie in Trance drehte sie sich um. Vor ihr stand Prinz Ósimo, und es war nichts Wahnsinniges mehr an ihm. "Setz' dich, Alessandra", sagte er und wies auf das Bett.

*

Ósimo


"Mein Sohn, hüte dich vor der Königin."

Diesen Satz, den mir mein Vater oft gesagt hatte, wenn wir allein waren, habe ich mein Leben lang nicht vergessen, obwohl ich damals noch keine vier Jahre alt war.

"Sie will den Lagunenthron. Ich bin sicher, daß ich deswegen vergiftet werde. Jeden Tag sterbe ich ein bißchen mehr."

Er sah damals schon sehr schlecht aus, und als er fühlte, daß Gerena kurz vor ihrem Ziel stand, da schickte er nach seinem Freund aus alten Tagen, dem Weißen König, denn er sagte zu mir: "Ósimo. Ich bin dieser Frau hörig. Ich kann mich nicht gegen den süßen Tod, den sie mir bereitet, wehren. Aber du, du bist in höchster Gefahr. Der Weiße König soll dich zu sich nehmen und beschützen vor deiner Mutter."

Ich verstand damals höchstens die Hälfte davon, aber das sollte sich schnell ändern. Ein paar Tage später kam dann der Weiße König, und mein Vater bekam neue Hoffnung. Doch es ging ihm immer schlechter. Als er nach dem Fest in sein Gemach getragen wurde, war ich in dem Geheimversteck, das er heimlich für mich gebaut hatte, damit wir ungestört reden konnten. Die Leute legten Todor auf sein Bett, doch dann kam Mutter und schickte sie hinaus. Was dann geschah, hat sich für immer und alle Zeiten in mein Gehirn eingebrannt:

"Gerena. Mein geliebtes und gehaßtes Weib. Was willst du noch?"

"Spar' die die Sprüche. Warum hast du Harro kommen lassen?"

"Um ..."

Doch sie schnitt ihm das Wort ab und zischte: "Aber da spielt jetzt sowieso keine Rolle mehr. Hier!" Sie reichte ihm einen Becher.

"Was ist da drin. Medizin?" Er fragte es mit einem ironischen Tonfall, den ich damals jedoch nicht erkannte. Ich glaubte, daß er tatsächlich glaubte, sie wollte ihm helfen.

"Medizin. Ja, deine letzte. Trink' und stirb."

Ich war wie gelähmt, wollte schreien, meinem Vater helfen, ihn warnen, es nicht zu trinken. Er setzte den Becher an die Lippen und leerte ihn in einem Zug. Und dann brach er tot zusammen. Was dann passierte, weiß ich nicht mehr genau. Ich glaube, ich bin schreiend und vom Grauen geschüttelt aus dem Versteck und aus dem Zimmer gerannt. Ich erinnere mich flüchtig an den Weißen König, der neben einer umgestürzten Ritterrüstung am Boden lag, und an seine großen Augen, mit denen er mich ansah, aber damals bemerkte ich ihn gar nicht. Ich bekam überhaupt nichts mehr von meiner Umwelt mit. Ich rannte irgendwo hin, Glas klirrte, und dann wurde alles schwarz.


"Viele Jahre hat es gedauert, bis ich die Folgen dieser Verletzungen überwunden hatte, aber damit fing meine Leidenszeit erst an. Denn es wurde mir mehr und mehr klar, daß Gerena auch mich vergiften würde, wenn sie die Wahrheit erfuhr. Daß ich wieder gesund war und somit der rechtmäßige Thronfolger. Also mußte ich weiter den Idioten spielen. Nur deswegen bin ich noch am Leben. Ihr Götter, wenn ich einen Wunsch auf Erden freihabe, dann laßt Gerena jetzt sterben. Laßt sie ganz langsam und qualvoll verrecken. Laßt sie büßen für alles, was sie mir, meinem Vater, unserem Land und unseren Untertanten angetan hat. Alessandra! Du ahnst gar nicht, in was für einer Hölle wir dort unten leben. Keiner wagt es frei zu atmen. Da hast ja die Hinrichtungen gestern gesehen. Es war kein Zufall, daß sie genau vor deinem Fenster stattgefunden haben. Gerena ist der grausamste und machtbesessenste Mensch, den man sich vorstellen kann. Sie ist schon über Berge von Leichen gegangen. Nur weiß das außerhalb meines kleinen Landes keiner. Und ..."

In diesem Moment ging die Tür auf. Gerena stand drin. Wie eine flammende Rachegöttin kam sie auf den Prinzen und die Prinzessin nieder.

Ósimo wollte sich wieder schwachsinnig stellen, doch Gerena sagte langsam und mit höhnischem Tonfall: "Laß das, Sohn. Du beleidigtes mich. Ich weiß schon seit vielen Jahren, daß du nur so tust und in Wirklichkeit vollkommen gesund bist. Ha! Aber da spielt jetzt keine Rolle mehr. Morgen werdet ihr heiraten. Dann gehört der Weiße Thron mir. Und ihr beiden werdet sterben. Ich brauche euch nicht mehr." Drohend kam sie näher. "Von jetzt an könnt ihr keinen Bissen mehr essen, keinen Schluck Wasser mehr trinken, den es wird vergiftet sein."

"M ... Mutter. Dein Herz ...?" stammelte der Prinz. Es war der letzte Strohhalm, an den er sich noch klammern konnte.

"Mein Herz ist vollkommen in Ordnung. Ich wollte dich nur dazu bringen, dich selbst ans Messer zu liefern. Und das hat doch ..."

"Halt. Das reicht dann ja wohl!", rief da eine Stimme aus dem Hintergrund.

"Wer ...?" Gerena fuhr herum. Alessandra lief es eiskalt den Rücken herunter, als sie erkannte, wer da so plötzlich aufgetaucht war. Es war niemand anderes als die Schwarze Hexe, die sich aus einer Serie schwarzer Blitze herausgeschält hatte. Mit geschmeidigen Bewegungen ging sie auf die Lagunenkönigin zu. Sie fixierte sie mit ihrem schwarzen und ihrem blauen Auge eindringlich und zischte dann: Alessandra gehört allein mir. Wenn sie einer tötet, dann bin ICH das! STIRB, du Flittchen!

Und dann ging eine unheimliche Welle durch Alessandras Gemach. Es war, als würden die Wände aufstöhnen und sich der Boden verbiegen. Dann konzentrierte sich die Energie auf Gerena und kroch langsam an ihr hoch.

Die Augen der Lagunenkönigin waren in Todesangst aufgerissen, doch die Frau war zu keiner Bewegung fähig.

Alessandra sah das Haar Gerenas weiß werden, schlohweiß. Ihr Körper sank zusammen, die Haut schrumpelte, und ihr Blick brach unter der Kraft der Schwarzen Hexe. In diesen Sekunden, die sich zu einer Ewigkeit dehnten, durchlebte sie all die Grausamkeiten, die sie anderen angetan hatte, am eigenen Leib. Ihr ganzes Leben hatte nur aus Bosheit, Verachtung und Intrigen bestanden. Und jetzt kehrten die Geister all derer, die sie in Verzweiflung und Tod getrieben hatte, zurück, um sich an ihr zu rächen.

Kein einziger Laut kam über ihre Lippen, doch was sie in diesem Moment durchmachte, strahlte selbst auf Alessandra so deutlich aus, als steckte sie in Gerenas Körper. Zitternd sank das, was von der Lagunenkönigin schließlich noch übrig war, auf den Boden und wurde von der Schwarzen Hexe mit Tritten aus dem Zimmer gescheucht.

Der Bann brach. Ósimo sprang auf. Er war völlig verwirrt, verstand nicht, was da geschehen war. Doch die Schwarze Hexe streckte ihre Hand zu ihm aus, und aus den Fingerspitzen zuckte ein Blitz, der den Prinzen quer durch den Raum gegen eine Regalwand schleuderte. Diese brach über ihm zusammen und begrub ihn unter Büchern und allerlei Krimskrams. Der Prinz gab noch ein ‘Uff’ von sich, dann herrschte erst mal Stille.

Alessandra erhob sich und ging langsam um die ehemalige Imperatrice der Sonneninsel herum. Dann sagte sie leise, aber mit fester Stimme: "Ich muß mich bei dir bedanken. Du hast mir und Prinz Ósimo höchstwahrscheinlich das Leben gerettet."

"Ach was. Ich kann doch nicht zusehen, wie diese billige Schlampe dich umbringt, wo ich doch gekommen bin, um dich zu quälen. Wo bliebe dann der Spaß! Ha ha ha ha haaa." Sie stieß ihr schrilles, hysterisches Gelächter aus und tanzte vergnügt im Raum herum. Dabei schrie sie: "Ach, was bin ich heute wieder so fürchterlich schrecklich. Hysterisch, und vollkommen überdreht." Sie wandte sie sich wieder Alessandra zu und sagte: "Ich habe dir gestern bei der Hinrichtung zugesehen. War das nicht herrlich. Wutsch, ab der Kopf. Und du bist fast verzweifelt. Nur dadurch bin ich überhaupt auf deine so schrecklich mißliche Lage aufmerksam geworden. Ha ha ha ha ha ha ha. Großartig! Phantastisch! Aber es kommt noch viel besser. Wart' nur mal ab, was die Zukunft bring. Denn ER ist wieder da!"

"Er?"

"Calract, du dummes Mädchen. Und was er diesmal vorhat, daran gemessen war dein Lunaloc-Krieg nicht mal die Vorspeise. Warts nur ab! Übrigens, wenn du Nuitor noch heiraten willst, dann beeil dich. Die Zeit wird knapp."

"Calract ist tot!" schrie Alessandra ihr entgegen, doch die Schwarze Hexe brach nur in ein schrilles Gelächter aus. Sie erwiderte: "Du weißt selbst, daß das nicht stimmt. Er hat sich eine Zeitlang verzogen, damit du, ja du, ihm nicht in die Quere kommst. Jetzt sind die Armeen aufgelöst und du weit weit weg, jetzt kann er loslegen."

"Aber ... nein. Nein, das darf nicht sein."

"Himmlisch, dich so leiden zu sehen. Winselnd, verzweifelt. Das hat sich doch wirklich gelohnt."

"Du ... du hast dir das alles nur ausgedacht, um mir Angst zu machen."

Das Gesicht der Schwarzen Hexe wurde mit einem Mal sehr ernst. Sie fragte: "Wann war das letzte Mal Vollmond?"

"Was? Was hat das denn ..."

"Schscht. Denke nach. Du wirst es sehr bald verstehen."

"Also, vor etwa einer Woche oder so."

"Vor genau sechs Tagen. Vor sechs Tagen war Vollmond, also nimmt der Mond jetzt ab, hmm?"

Alessandra nickte. Das war so sonnenklar wie der nächste Tag.

"Dann", fuhr die Schwarze Hexe fort, "sieh mal aus dem Fenster."

Als Alessandra hinausblickte, sah sie zunächst nichts Ungewöhnliches. Doch dann richtete sie ihre Augen zum Himmel und es war ihr, als greife eine eisige Hand nach ihrem Herzen. Dort stand der Vollmond am Himmel!

"Aber ... Schwarze Hexe?"

Doch die war nicht mehr da. Nur noch ihr schrilles, hysterisches Lachen hing noch einen Moment im Raum.


Ósimo wälzte sich stöhnend unter einem Bücherberg hervor. Alessandra sprang auf ihn zu und rief: "Erzählt das alles meinem Vater. Ich muß Nuitor einholen."

Und weg war sie.

Sie rannte zum königlichen Stall. Unterwegs begegnete sie den verstörten Dienern der Lagunenkönigin, die offenbar zur Abreise rüsteten. Die Soldaten beachteten die Weiße Prinzessin überhaupt nicht, und die hatte weder Zeit noch Lust, sich um ihr Befinden zu kümmern.

Im Stall angekommen holte Alessandra Phobos aus seiner Box und flüsterte ihm ins Ohr: "Wir haben jetzt eine harte Strecke vor uns, aber ich muß Nuitor finden. Und dann werde ich ihn heiraten!"


Sie erwischte ihren Bräutigam kurz vor der Grenze. Er hatte sich zu seinen Soldaten gesellt, die auf dem Rückweg vom Lunaloc-Feldzug waren. Zusammen hatten sie nach Hause reiten wollen, doch zumindest Nuitor mußte nun wieder umkehren. Stürmisch wie immer umarmte Alessandra ihren Geliebten und sprudelte ihre Worte nur so heraus. Eigentlich kapierte der arcadische König die komplette Geschichte erst auf dem zweitägigen Rückweg, als Alessandra ihm alles noch mal in aller Ruhe und Ausführlichkeit erzählte.

"Hmmm. Seltsam. Das Lagunenreich ist unser Nachbarland, aber wir haben von all diesen schrecklichen Vorgängen nichts gewußt."

"Habt ihr denn nicht viele Handelskontakte und so?" fragte Alessandra.

"Kaum eigentlich. Über Land sowieso nicht, denn die Grenze verläuft entlang eines wüsten Landstriches, der ziemlich unzugänglich ist. Außerdem wohnen dort Zauberer. Keiner, der bei klarem Verstand ist, geht freiwillig dort hin. Übrigens: habe ich dir schon die Geschichte erzählt, wie ich zu dem Mondkristall gekommen bin?"

"Nein."

"Ja, das war ganz merkwürdig. Im nachhinein betrachtet glaube ich, daß ich nur eine Art Werkzeug war, damit der Stein seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt wird."

"Aber welche soll das sein? Wie es aussieht, hat dieser Calract ihn ja jetzt. Ob das so geplant gewesen war?"

"Hmm. Glaube ich eher nicht." Nuitor schüttelte nachdenklich den Kopf. Dann fuhr er fort: "Also, die Geschichte ist eigentlich weder spannend noch aufregend. Da stand einfach eines Tages ein seltsam gekleideter alter Mann vor meinem Schreibtisch. Es war kurz nachdem sich mein Vater der Philosophie zugewandt und mir den Thron überantwortet hatte. Der Mann stellte sich als der Eingeweihte Boran vor. Ich fragte ihn, was ein Eingeweihter denn sei. Er sagte, es wären die letzten der Alten Magier, die einst die Welt beherrscht hätten. Sie hätten dann 1000 Jahre unter dem Gondrella-Land gehaust, seien aber vor kurzen überfallen und fast alle getötet worden. Aber das Kostbarste hätten sie gerettet. Und mit diesen Worten zog er diesen seltsamen Stein heraus, zusammen mit einer Art Kompaß. Dann sagte er, mit dem Kompaß könnte ich Lunaloc finden, den Ort, an dem sich die Ungeheuer treffen, die damals schon vereinzelt auftauchten. Und mit dem Stein könnte ich sie besiegen. Ich zweifelte an seinen Worten, aber als er vor meinen Augen verschwand, war mir klar, daß er wohl doch die Wahrheit gesagt haben mußte."

Nuitor wandte sich auf seinem Pferd Alessandra zu und fügte dann hinzu: "Inzwischen bin ich mir da aber nicht mehr so sicher. Weder hat mich der Kompaß nach Lunaloc geführt, noch habe ich damit gegen die Ungeheuer, denen ich unterwegs begegnet bin, etwas ausrichten können. Vielleicht war der Mondkristall ja für dich bestimmt, denn du hast damit ja hervorragend gekämpft. Tja, und dann ist er dem Herrscher der Dämonen in die Hände gefallen. Was Calract damit vollbringen kann, kann ich nicht mal ahnen."

"Viel, fürchte ich", sagte Alessandra bedrückt. Dann erzählte sie von der Schwarzen Hexe und dem, was diese über Calracts nächsten Plan gesagt hatte. Am Schluß sagte sie: "Ich bin sicher, daß sie im Wesentlichen die Wahrheit gesagt hat. Wir werden wieder harten Zeiten entgegensehen, werden wieder in den Krieg ziehen und kämpfen müssen."

"Kämpfen? Du kannst ohne Zauberkräfte nicht gegen einen wie Calract bestehen, mein Schatz. Überlege dir das gut."

"Ich weiß, aber ich muß. Wenn alle auf mich blicken, kann ich sie dann enttäuschen?"

"Wenn du sterben würdest, würde es Menschen geben, die dann sehr traurig wären", murmelte Nuitor. Alessandra sah ihn mit eigenartigem Blick an, dann ritt sie an seine Seite, zog ihn an sich und küßte ihn hingebungsvoll.

"Danke, mein Geliebter. Bitte, weiche nie von meiner Seite. Ich weiß nicht, ob ich diese Last noch einmal alleine tragen kann."

Doch zu Alessandras Überraschung antwortete Nuitor: "Das kann ich nicht versprechen, aber ich versuch's."

Er weigerte sich jedoch, diesen Satz zu erläutern, und bei Alessandra blieb ein seltsames Gefühl zurück. Manchmal erschien ihr Verlobter ihr wie ein Fremder.

Und des Nachts, wenn sie unter freiem Himmel schliefen, stand der Vollmond am Himmel. Jede Nacht an der gleichen Stelle.


Nichts desto trotz erreichten sie nach zwei Tagen die Hauptstadt. Prinz Ósimo war mittlerweile abgereist, und von seiner Mutter, die erstaunlicherweise noch am Leben war, hatte man auch nichts mehr gehört. Alessandra war sich sicher, daß von dieser Seite keine Schwierigkeiten mehr zu erwarten waren. Aber ein gutes hatte die Sache doch gehabt: es waren schon alle Hochzeitsvorbereitungen getroffen. Und weder die Weiße Prinzessin noch der arcadische König störten sich daran, daß sie für eine andere Hochzeit gedacht gewesen waren.

"Weißt du, mein Geliebter", sagte Alessandra, "ich wollte eigentlich, daß es die schönste und prächtigste Hochzeit aller Zeiten wird. Aber jetzt will ich nur noch dich. Und selbst wenn die Trauung in einer Dorfkapelle stattfände!"

Nuitor streichelte Alessandra über das kastanienbraune Haar und küßte sie dann leidenschaftlich.

Und dann war er da, der 1. Dezember. Der Tag der Hochzeit.


10. Kapitel - Gad’ta

Man sah es den Blumen auf der Promenade in keiner Weise an, daß sie eigentlich für die Hochzeit des Prinzen Ósimo besorgt worden waren. An der Seite Alessandras schritten links der Weiße König, rechts Nuitor, der Bräutigam. Dahinter kamen die hohen Würdenträger des Reiches, Adalbert und General von Walldorff, dazu der arcadische Botschafter mit seiner Frau und einigen Mitgliedern seines Stabes. Nuitor hatte zwar nach seiner Familie schicken lassen, aber er bezweifelte, daß sie sich blicken lassen würden. Erstens war der Termin ziemlich knapp gelegt, so daß sie sich sehr hätten beeilen müssen. Und zweitens war diese Verbindung bei seinen Schwestern nicht gerade auf große Begeisterung gestoßen. Er vermutete, daß sie immer noch ein schlechtes Gewissen hatten. Nordus und seine Mutter waren sowieso tot, und Starrus interessierte sich nicht mehr für weltliche Dinge. Um so überraschter war er, als er plötzlich aus südlicher Richtung einen Reiter auf sich zukommen sah.

"Vater!"

Es war wahrhaftig kein anderer als Starrus. Und obwohl er nur in einfache Gewänder gehüllt war, war doch nach wie vor jeder Zoll an ihm ein echter König. Mit einem freundlichen Lächeln stieg er vom Pferd, und dann wurde er von den Bürgern der Weißen Hauptstadt freundlich begrüßt. Trotz allem, was gewesen war. Es war verziehen und vergessen. Die Zeiten hatten sich geändert, die Arcadier hatten unter Alessandra bravourös gegen die Lunaloc-Armee gefochten, und jetzt blickte man lieber in eine rosig erscheinende Zukunft.

Nuitor und Starrus umarmten sich, dann begrüßte der alte arcadische König den Weißen König. Dieser hatte sich von den Qualen, die Gerena ihm bereitet hatte, erstaunlich schnell erholt, und jetzt freute er sich, seinen ewigen Feind und Rivalen endlich als Freund und Gast begrüßen zu können. Er umarmte Starrus ebenso herzlich wie zuvor Nuitor es getan hatte, und hieß ihn willkommen. Ein besonderer Moment war die Begrüßung zwischen Alessandra und ihren ehemaligen Intimfeind. Doch als sie in seine Augen sah und Güte und Weisheit darin fand, war sie bereit, alles zu verzeihen und die Vergangenheit ruhen zu lassen. "Seid auch Ihr mir herzlich willkommen, Schwiegervater!"

Starrus erwiderte es mit einem warmen Lächeln. In einem Alter, wo andere nicht mal mehr ihre Frühstücksgewohnheiten ändern konnten, war er ein anderer Mensch geworden. Alessandra war davon tief beeindruckt. Und so gingen sie zu viert, Seite an Seite, zu der großen Weißen Kathedrale, in der schon Alessandras Großmutter, ihre Mutter und ihre Schwester Olivia in den heiligen Stand der Ehe getreten waren.

Jubel brandete auf, als Nuitor sie vor den Stufen der Kirche hochhob und hinauftrug. Alessandra zog seinen Kopf zu sich herab und stahl sich einen Kuß, bevor Nuitor sie wieder absetzte und sie durch das mit Schnitzereien reichverzierte Holzportal in die Kirche eintraten.

Drinnen brannten zahllose Kerzen und spendeten ein anheimelndes Licht. Es war warm und gemütlich. Alessandras Herz füllte sich mit Wärme und Glück. Endlich. Endlich bekam sie einen Mann, den sie nicht nur liebte, sondern der auch tapfer, mutig, kühn, stark und intelligent war. Und - was natürlich nur sie und er wußten - war er auch ein hingebungsvoller Liebhaber.

"Zu schade, daß Olivia nicht kommen kann", meinte der Weiße König. "Aber sie bekommt bald ihr Kind. Naja, wenn sie wieder bei Kräften ist, seht ihr euch ja dann alle."

"Ja, und der Bote für Erich und Simona konnte das Blaue Land wohl nicht rechtzeitig erreichen", antwortete Alessandra. "Ich hoffe, Simona verzeiht mir, daß ich ohne sie heirate. Aber wißt ihr, wen ich wirklich vermisse? Isini. Ja, sie fehlt mir so. Fast so wie du mir gefehlt hast, Nuitor."

Der Chor setzte ein, und Braut, Bräutigam und die Trauzeugen traten gemessenen Schrittes vor. Der Priester verlas sie übliche feierliche Erklärung. Dann kam er zu dem Teil, auf den Alessandra gewartet hatte: "Nuitor, König der Arcadier. Und du, Weiße Prinzessin Alessandra. Ihr seid heute hier zusammengekommen, um in den heiligen Stand der Ehe zu treten. Wie es Tradition ist, sollt Ihr Euch das, was Euch am wichtigsten ist, geloben, wenn Ihr Euch über die Schwere und Tragweite Eures Entschlusses im klaren seid." Auffordernd blickte er König Nuitor an. Dieser setzte gerade zu seiner kurzen Rede an, als die Tür aufgestoßen wurde. Ein eisiger Wind fuhr durch das Gewölbe und ein Entsetzensschrei ging durch die Versammelten. Nuitor fuhr herum: "Tetys!"

Mit jedem Schritt, den der Abgesandte Calracts auf den Altar zuging, wuchs er ein Stück. Hereingekommen war er als Gnom, doch als er kurz vor Nuitor stand, war er fast zwei Meter groß, ein zottiges, affenähnliches Wesen mit intelligenten Augen.

Alessandra war unfähig, etwas zu denken oder zu tun. Das mußte ein Traum sein. Ein Traum, denn wenn nicht, dann war alles verloren ...

Tetys hob die linke Hand hoch. "Ihr werdet gerufen, Kommandant", knurrte er und wandte Nuitor die Handfläche zu. Dieser trat zu Tetys hin und legte seine rechte Handfläche dagegen. Dann verschwanden sie beide in einem grellen Lichtblitz.


Nur eine kastanienbraune Rose mit sehr langen und spitzen Stacheln blieb zurück. Und eine gebrochene Alessandra.

*

Normalerweise waren die Berge des unendlichen Landes jetzt, Anfang Dezember, bereits tief verschneit und boten dann einen prächtigen, ehrfurchtgebietenden Anblick. Doch dieses Jahr mußten die Bewohner des Rittergutes Palato auf die schöne Aussicht verzichten, denn das Schwarze Königreich lag seit vielen Monaten unter dem Eisschirm, der keine Blicke in sein Inneres zuließ. Tschuri fragte sich manchmal, ob das Land dahinter überhaupt noch existierte. Einmal hatte sie ihren Vater danach gefragt, doch der hatte sein Nicht-Wissen und seine Unsicherheit wie üblich mit einer barschen, abweisenden Antwort zu verbergen gesucht.

Das Rittergut lag nahe der Nordgrenze des Weißen Königreiches in einer ebenso abgelegenen wie exponierten Lage. Die nächsten größeren Städte waren Sedoun im Fürstentum Ganda und Ostero, das schon auf halbem Weg zur Weißen Hauptstadt lag. Dafür waren die Schwarze Grenze und die Grenze zum Troll-Land nahe. Bis zum Eisschirm konnte man in zwei Stunden reiten, und seine ständig sichtbare Präsenz - er reichte bis in den Himmel hinauf - wirkte auf die Bewohner Palatos bedrückend.

Und vom Troll-Land waren vor allem früher immer wieder Ungeheuer herübergekommen und hatten das Rittergut überfallen. Dementsprechend war es allerdings auch konstruiert: eine weitläufige Anlage mit massiven, gut zu verteidigenden Gebäuden, einem festungsähnlichen Stammsitz und einigen unterirdischen Verbindungsgängen, die vor allem auf die Kinder eine unwiderstehliche Faszination ausübten. Neben der ritterlichen Familie - Tschuri war die älteste Tochter und hatte drei Schwestern und zwei kleine Brüder, dazu ihre Eltern, Großeltern und einige entfernte Verwandte - lebten auf dem Gut etwa 150 Menschen: der Schmied und der Fleischer mit ihren Familien, der Rest waren Wehrbauern, Pächter und Leibeigene.

Während des Lunaloc-Feldzuges war fast ein Drittel der Menschen, nämlich ausnahmslos alle wehrfähigen Männer, fort gewesen, und hatten ihrer Majestät, wie Prinzessin Alessandra hier meist genannt wurde, gedient. Die Feldarbeit war also an den Frauen und Kindern hängengeblieben. Es war eine harte Zeit gewesen, aber es hätte noch schlimmer kommen können: die Lunaloc-Armee war vorbeigezogen und hatte das Gut verschont. Tschuri konnte sich sehr gut vorstellen, wie es hier jetzt im anderen Fall aussehen würde.

Nun, inzwischen waren die Männer, darunter auch ihr Vater und zwei Onkel, wieder zurück. Aus der Verwandtschaft war nur ihr Vetter Franko nicht zurückgekehrt, aber darüber hatte nicht nur sie viele bittere Tränen vergossen. Man erzählte ihr von dem heldenhaften Kampf Frankos, daß er jetzt in fremder Erde ruhe und daß man ihn nie vergessen und jedermann als leuchtendes Beispiel für Mut und Opferbereitschaft der Palato-Familie präsentieren würde. Aber all das brachte ihn ihr nicht zurück.

Doch irgendwann ließ die Trauer nach, und Tschuri fand zu ihrer stillen Heiterkeit zurück, für die sie hier allgemein bekannt war. Oft, wenn die Bauersfrauen sich nach einem langen Tag auf dem Feld, in den Ställen und in den Küchen auf dem Dorfplatz noch einmal trafen, um sich das neueste vom Tag zu berichten, und wenn sie dann auf Tschuri zu sprechen kamen, dann sagten sie, in ihrem Herzen brenne ein helles Licht, das jeder, der selbst reinen Herzens sei, deutlich sehen könne. Regelmäßig fügte dann eine der Bäuerinnen - jeden Tag eine andere allerdings - hinzu, daß Ritter Faro von Palato, Tschuris Vater, dieses Licht in seinem ganzen Leben bestimmt noch nie gesehen habe und auch nie sehen werde.

Einen größeren Unterschied zwischen zwei so nahe verwandten Menschen konnte man sich in der Tat kaum vorstellen. Ritter Faro war ein vierschrötiger Haudegen und ein fast brutal zu nennender Draufgänger, der seine Familie und das Wehrdorf mit harter Hand regierte. Nicht, daß er grausam oder ungerecht gewesen wäre, das konnte man ihm wirklich nicht vorwerfen. Er hatte einfach bestimmte Vorstellungen vom Leben und Zusammenleben, und danach hatten sich alle zu richten. Aber vielleicht war das in harten Zeiten sogar der einzige Weg. Und hart waren die Zeiten oft. Körperlich war Faro groß und sehr kräftig. Oft rühmte er sich damit, einmal einen Lunaloc-Dämon mit einem einzigen Schlag seiner Klinge in zwei Stücke gehauen zu haben. Was aber seine Intelligenz anbelangte, so hatte er das zuwenig, was Tschuri mehr hatte.

Tschuri war der heimliche Schwarm aller jungen Männer im Gut. Sie war eine gerade erblühende Schönheit mit großen, verträumten Augen, langen Beinen, einer schlanken, hinreißenden Figur und recht kurzen, blauschwarzen Haaren. Vielleicht waren es diese Haare und die dunklen Augen (je nach Beleuchtung wirkten sie tief blau oder tief braun), die ihr das Leben an der Seite ihres Vaters so schwermachten, denn keiner sonst in der Verwandtschaft hatte sie. Alle anderen waren irgendwo zwischen strohblond und mittelbraun mit blauen Augen. Also - so hatte sich Tschuri oft überlegt - vermutete ihr Vater insgeheim, sie sei gar nicht seine leibliche Tochter. Gesprochen wurde darüber natürlich nie, nicht mal hinter vorgehaltener Hand.

Tschuri wurde streng erzogen. Dazu kam noch, daß sie die Älteste war und früh schon neben ihrer Mutter Verantwortung für ihre recht zahlreichen kleinen Brüder und Schwestern hatte übernehmen müssen. Daher war sie ein stilles, introvertiertes Mädchen, das am liebsten Bücher las. Doch trotz der schweren Arbeit, die sie oft tun mußte, beklagte sie sich nie. Alles ging ihr irgendwie leicht von der Hand. Auf dem Feld fluchte sie nie wie die anderen Frauen, wenn diese Kartoffeln ausgraben mußten, während ihre Männer sich im Wirtshaus betranken. Sie lächelte nur ihr leichtes, kaum sichtbares Lächeln und grub weiter. Und ihr Licht übertrug sich dann auch auf die anderen Frauen und versöhnte sie wieder mit ihrem Los, denn das Leben auf dem Rittergut war zwar hart, hatte aber auch unbestreitbar seine schönen Seiten.

Und wegen ihrer ungewöhnlichen Intelligenz, gepaart mit Einfühlungsvermögen und Mitgefühl, war sie trotz ihrer jungen Jahre bereits eine gefragte Ratgeberin für alle Probleme des täglichen Lebens. Nur über den unheimlichen Eisschirm wußte sie genausoviel wie alle anderen, nämlich nichts.

*

Die Standuhr schlug 6. Zeit zum Aufstehen. Draußen war es noch dunkel, und der Vollmond stand hell am Himmel. Tschuri schob das Kissen beiseite und ignorierte die beißende Kälte, die sich sofort auf sie stürzte. Ihr Vater war der Ansicht, es härte die Menschen ab, also mußten zumindest im Stammhaus alle ohne nächtliches Feuer schlafen.

Das Mädchen setzte seine Füße auf den eisigen Boden und erhob sich in einer fließenden Bewegung. Dann ging es zum Fenster und sah nach oben, zum Himmel hinauf. Weit in der Ferne, aber dennoch deutlich sichtbar, reflektierte der Eisschirm das Licht des Vollmondes, der oben am Himmel wie festgenagelt hing. Seit zwei Wochen war nun jede Nacht Vollmond. Die Nerven der Menschen und Tiere lagen inzwischen blank. Jeder spürte unbewußt die Unnatürlichkeit dieses Phänomens und die stumme Bedrohung, die es ausstrahlte, als wollte es sagen: das war erst der Anfang. Jeden Tag wurden die Bewohner des Gutes nervöser, ständig kam es zu Reibereien wegen Nichtigkeiten, und Tschuri fürchtete, daß es auch dann zum großen Knall kam, wenn nichts weiter geschah, als daß der Mond jede Nacht ein Vollmond war.

Tschuri wandte sich wieder ab. Zeit, sich zu waschen. Wie es sich für die Tochter eines Ritters von altem Schrot und Korn gehörte, gab es in den Räumen selbst natürlich keine Waschbecken. Statt dessen mußte man in den Innenhof gehen und sich das eiskalte Wasser aus dem Brunnen erst hochziehen, bevor man loslegen konnte. Und wehe, Faro erwischte einen bei einer Katzenwäsche. So mancher war schon kopfüber im Brunnen gelandet.

Tschuri holte tief Luft und zog sich dann das Nachthemd aus. Vor einigen Jahren hatte sie mal etwas beobachtet, was sie nie wieder hatte vergessen können. Es war Winter gewesen, und die Familie war zu einer mehrtägigen Jagd ausgeritten. Tschuri war eines Morgens ziemlich früh aufgewacht und durch seltsame Geräusche schließlich aus dem Zelt gelockt worden. Sie ging der Quelle dieses morgendlichen Lärms nach, der sie hinunter zu dem zugefrorenen See führte. Und dort angekommen, sah sie, wie ihr Vater sich wusch. Er war völlig nackt, hatte ein Loch in die Eisdecke des Sees gehauen und plantschte jetzt in dem Wasser, von dem Tschuri nur zu genau wußte, wie kalt es war.

Faro prustete und schnaubte wie ein Pferd, wenn er auftauchte, schüttelte seine Mähne und seinen wallenden Bart, tauchte wieder unter, boxte ein paar Meter entfernt von unten das Eis durch und plantschte heftig herum.

Die Wangen des kleinen Mädchens hatten vor Bewunderung für ihren Vater geglüht. Er war ihr geradezu als unbesiegbar stark erschienen, denn Tschuri hatte sich immer vor kaltem Wasser gefürchtet.

An diesem Tag beschloß sie, genauso stark und hart zu werden wie ihr Vater.


Das Nachthemd fiel zu Boden. Tschuri angelte mit dem Fuß danach und warf es achtlos auf das Bett. Der leuchtende Mond hüllte den nackten, weißen Körper des Mädchens, das sich seiner jugendlichen Schönheit durchaus bewußt war, in ein unheimliches, fahles Licht. Tschuri drehte sich um, verließ ihr Zimmer und huschte durch den stockdunklen Gang zur Haupttür. Mit den Füßen ertastete sie die kleinen Unebenheiten, Astlöcher und Fugen im Holzboden, die sie alle wie im Schlaf kannte, so daß sie auch ohne etwas zu sehen genau wußte, wo sie war. Zielsicher griff sie schließlich nach dem Türöffner und schob die schwere Tür auf. Wieder griff eisige Kälte nach dem Mädchen, doch Tschuri trotze ihr und sprang hinaus.

Draußen auf dem Hof lagen mindestens 5 Zentimeter Schnee. Als sie ins Freie schlüpfte und die Kälte sie einhüllte, fragte Tschuri sich, ob wohl jemand jetzt schon auf war und sie heimlich aus einem der dunklen Fenster heraus beobachtete. Diese Vorstellung machte die Sache erst recht spannend. Mit anmutigen Bewegungen ging sie einige Schritte in Richtung Brunnen und streckte sich dann ausgiebig. Wenn ihr Vater sie jetzt sehen würde ... Bei diesem Gedanken zuckte Tschuri leicht zusammen. Hastig lief sie weiter.

"Au weia, hoffentlich ist der Brunnen nicht gefroren." Dann fing die Arbeit erst richtig an. Tschuri huschte über den Hof. Sie war die erste, die über den Schnee lief, nicht mal Vögel hatten bisher ihre Spuren hinterlassen. Am Brunnen angekommen, sah sie sich um. Alles war noch dunkel. Leise warf sie den Holzeimer hinunter und atmete erleichtert auf, als sie ihn ins Wasser platschen hörte. Anschließend zog sie ihn ebenso leise wieder hinauf. Dann hob sie den Eimer über den Kopf und schüttete sich das eisige Wasser über den Kopf. Sie genoß das Gefühl, von tausend Eisnadeln durchbohrt zu werden, denn sie glaubte fest daran, daß es sie abhärten und genauso stark machen würde wie ihr Vater.

Das Gefühl war jedesmal unbeschreiblich. Der Schock der beißenden Kälte auf der Haut, die sich rasch nach innen durchfraß ... Tschuri rubbelte sich ab und warf den Eimer dann erneut hinunter. Wieder goß sie sich einen Schwall Eiswasser über den Kopf und prustete dabei verzweifelt. Dann hüpfte sie auf der Stelle und rubbelte sich wieder trocken. Dampfende Wärme stieg von ihrem nackten, warmen Körper in die eisige Winterluft empor. Nachdem sie sich auf diese Weise getrocknet hatte, flitzte sie zurück ins Haus und in ihr Zimmer. Immerhin hatte sie ein eigenes. Ihre Geschwister mußten sich zu zweit oder zu dritt eins teilen.

Irgendwo fand sie eine Kerze und entzündete sie. Dann bändigte sie ihr nasses Haar mit einer Spange und suchte ihre Kleider zusammen, die wie immer ziemlich verstreut im Zimmer herumlagen. Sie zog sich an und steckte ihre Füße dann in die groben Holzschuhe, die ihr Vater irgendwann mal für sie geschnitzt hatte. Sie lächelte versonnen. Faro hatte es gut gemeint, doch Schuhe wie diese waren der Grund, warum Tschuri lieber barfüßig unterwegs war. Dann stand sie auf und ging zu ihrem Kleiderschrank hinüber.

Tschuri öffnete den großen Holzschrank und warf einen Blick auf ihren zweitgrößten Schatz: richtige Schuhe, wie sie sie sich immer gewünscht hatte. Vor ein paar Monaten, kurz vor dem Lunaloc-Krieg, war die ganze Familie für zwei Tage nach Ostero gefahren. Faro hatte dort zu tun gehabt, und Tschuri hatte sich von dem Geld, daß sie lange zusammengespart hatte, diese unglaublich schönen Stiefeletten gekauft. Sie waren aus feinstem, zartem und dennoch festem, weißen Leder und reichten ihr bis über die Knie. Sicherheitshalber hatte sie sie vor ihren Eltern versteckt, denn zumindest ihr Vater hätte für solche Produkte der Dekadenz, wie er es nannte, keinerlei Verständnis aufgebracht. Und ihre Mutter hätte sie ihr zwar nicht weggenommen, es aber Faro erzählt ...

Aber es war alles gutgegangen, und Tschuri konnte die Stiefeletten zwar nicht anziehen - weil zu auffällig - aber immer ansehen. Und überhaupt, wenn sie sie nicht trug, wurden sie auch nicht schmutzig oder abgenutzt. Mit dem für sie so charakteristischen scheuen Lächeln verschloß sie den Schrank wieder, nachdem sie ihren Schatz unter einem dicken Stapel Tücher und Decken verborgen hatte, dann nahm sie die Holzschuhe in die Hand, lief hinunter in die Küche, zog sie dort wieder an und begann Feuer zu machen. Bald würden ihre Schwestern und ihr Mutter kommen und ihr beim Zubereiten helfen, denn Faro und seine Söhne erwarteten am Morgen ein ordentliches Frühstück. Das Poltern ihrer Holzschuhe war gewissermaßen das Startsignal für den Tag.

Nachdem das Feuer brannte, lief Tschuri hinüber zum Hühnerhaus und holte acht Eier, genug für alle. Es waren nicht jedesmal so viele, und wer dann leer ausging, war nicht schwer zu erraten. Deshalb hatte das Mädchen sich ein System ausgedacht, um wenigstens jeden zweiten Tag garantiert ihr eigenes Frühstücksei zu bekommen, indem sie je nach Lage mal ein oder zwei liegenließ und erst am nächsten Tag holte. Sie merkte sich dabei auch, welche Eier die alten vom Vortag waren, und servierte sie meist ihrem Vater. Dem war das sowieso egal, Hauptsache Ei.

Auf dem Rückweg warf das Mädchen einen Blick zum östlichen Horizont, wo sich bald die ersten Vorboten der Morgendämmerung zeigen mußten. Tschuri freute sich immer, wenn die kalte, dunkle Nacht vorüber war und ein neuer Tag mit neuen Aufgaben und Herausforderungen aufzog. Nicht, daß sie in der Dunkelheit Angst gehabt hätte, dazu hatte sie ein viel zu tapferes Herz. Aber das Licht, das in ihrer Seele leuchtete, verlangte nach gleichem Licht in ihren Augen.

Als sie zurück in die Küche kam, war ihre Mutter bereits dabei, die Brötchen in den Ofen zu schieben. Auf frische Brötchen legten sie alle großen Wert. Und schnell gemacht waren sie ja. Tschuri begrüßte ihre Mutter mit einem freudigen Kuß, dann fuhr sie mit ihrer Arbeit fort.


Gut eine Stunde später - alle hatten gegessen und waren erst mal mit sich und der Welt zufrieden - bemerkte Tschuri, daß etwas nicht stimmte. Sie bat um die Erlaubnis, aufstehen zu dürfen. Es war kurz vor 8, aber immer noch dunkel draußen.

Das Mädchen trat ins Freie. Aber immer noch stand hoch über ihr der Vollmond, genau im Zenit, und der neue Tag dachte gar nicht daran heraufzudämmern. Erwartungsvoll, fast sehnsüchtig, spähte Tschuri nach Osten, aber dort war es so finster, als wäre es mitten in der Nacht. Aufgeregt lief sie in die Küche und berichtete, was sie festgestellt hatte. Faro knurrte etwas Ärgerliches, aber er war es von seiner ältesten Tochter gewöhnt, daß das, was sie sagte, Hand und Fuß hatte. Und so versammelte sich die ganze Familie auf dem Innenhof und schaute angestrengt nach Osten. Doch dort herrschte eine geradezu provozierende Finsternis.

Tschuri war es, als griffe eine eisige Hand nach ihrem Herzen. Ihr inneres Licht geriet ins Flackern, als auch ihr Vater sich verwundert über diese Erscheinung äußerte und sie damit sozusagen für alle offiziell und verbindlich machte.

Tschuri dachte an ihren größten Schatz: ein Physikbuch. Es hatte in der Bibliothek ihres Vaters gestanden, und sie hatte es sich eines Tages geschnappt und studiert. Ihrem Vater war das Fehlen dieses Buches nie aufgefallen, er las sowieso nie, höchstens die königliche Steuerfestsetzung. Aber Tschuri verstand mittlerweile genug von Funktionieren der Welt, daß sie sich in lebhaftesten Farben ausmalen konnte, was passieren würde, wenn die Sonne nicht mehr aufging. Es war nicht mehr und nicht weniger als das Ende allen Lebens.


Kein Mensch auf Gut Palato dachte an diesem im doppelten Sinn schwarzen Tag ans Arbeiten. Die Familien liefen aufgeregt hin und her, als könnten sie irgend etwas tun. Aber sie konnten nichts tun, und das trieb alle an den Rand des Wahnsinns. Angst begann aufzusteigen. Leise, nackte Angst. Der Weltuntergang stand bevor ...

Viele der Menschen, Männer wie Frauen, waren kurz davor, sich in irgendeiner Kurzschlußreaktion alle gegenseitig den Schädel einzuschlagen. In ihrem Aberglauben gab jeder allem Möglichen die Schuld. Und dann stand plötzlich die Scheune in Flammen. Ein grauenvoller Schrei ertönte, so voller Panik, daß man die Stimme nicht einmal identifizieren konnte. Es ließ sich auch später nicht mehr feststellen, wer für die Katastrophe verantwortlich gewesen war. Die Scheune war bis unters Dach voller Heu für den Winter. Sie brannte nicht einfach, sie explodierte förmlich. Ein Regen aus Feuer ging über dem Wehrdorf nieder und steckte alles in Brand. Menschen und Tiere gerieten in Panik. Faro und seine Ritter waren die einzigen, die einigermaßen einen klaren Kopf behielten. Doch die anderen flohen oder schlimmer noch: behinderten gar die Löscharbeiten. Es gelang lediglich, das Vieh freizulassen, doch selbst das war vergebliche Liebesmüh'. Die Tiere waren auf ihre Art genauso zermürbt wie die Menschen, Sie flohen nicht vor dem Feuer. Hühner blieben einfach sitzen, wo sie saßen und wurden zu lebenden Fackeln, wenn die Glutwelle sie erreichte. Faro zerrte verzweifelt zwei Pferde aus dem Stall hinaus, dessen hintere Wand schon zu glühen begann. Er kämpfte wie ein Besessener gegen das Schicksal. Tschuri eilte zu ihm, um ihm zu helfen, da brach die Scheune zusammen und begrub alle unter einem riesigen funkensprühenden Scheiterhaufen.

*

Er war nicht mehr da.

Erst langsam spürte Alessandra, welche Leere Nuitors Verschwinden in ihr hinterlassen hatte. Wie unter Strom gestanden hatte sie mit ihrem überschäumenden Temperament in den kurzen Tagen vor der Hochzeit, und die Welt war ihr so wunderbar erscheinen, daß sie sie am liebsten umarmt und geküßt hätte. Vergessen und verziehen waren die Leiden, die ihr Gerena angetan hatte, angesichts der bevorstehenden Vermählung.

Als Tetys - woher hatte Nuitor diesen Namen gekannt? - ihren Liebsten mit sich genommen hatte, da war es ihr, als würde sie sterben, erlöschen, innerlich erfrieren. Die glühenden Flammen ihrer Liebe verwandelte sich in Eis, dann ins Nichts, und ließ die Prinzessin als leere Hülle zurück.

Die Welt war grau geworden, und sie hatte ihre Farbe bis heute nicht mehr wiederbekommen. Alessandra fühlte sich elend, erschöpft, und sie sehnte den Tod herbei. Nach all den langen Kämpfen, den endlosen Schwierigkeiten, dem kurzen Rausch des Glücks in Nuitors Armen war jetzt alles vorbei.

Alessandra weinte nicht, sie hatte keine Tränen mehr übrig.

Ihr Vater, Adalbert, Emilie, alle hatten versucht, sie irgendwie zu trösten, hatten jeden verzweifelten Versuch unternommen zu helfen. Was sie nicht verstanden war, daß es keinen Trost gab, keine Hoffnung mehr. Calract hatte ihr den Geliebten genommen. Seltsamerweise machte sie weder ihm noch Nuitor einen Vorwurf. Nichts war jetzt noch wichtig. Bald war es ohnehin vorbei. Seit einer Woche hatte sie nichts mehr gegessen und kaum geschlafen. Nicht nur seelisch war sie am Ende. Immer war da dieses alles durchdringende bohrende Gefühl, dieses Nagen ihrer zweiten, großen verlorenen Liebe, das sie so ausfüllte, daß der Rest der Welt keinen Platz mehr fand. Ihr Herz war gebrochen, und daß sie noch atmete und ihr Herz noch schlug, war nur ein vorübergehender Fehler.


Irgendwann brachten sie Rosalia zu ihr - der letzte Strohhalm. Doch das kleine Mädchen setzte sich neben seine Tante aufs Bett und tat, was es auch sonst immer tat: Es schwieg, und sein Geist weilte in Welten, die nie eines Fremden Augen gesehen hatten und je sehen würden.


Später, vielleicht Minuten, vielleicht Tage danach, bemerkte Alessandra, daß sie wieder allein war. Sie drehte den Kopf. Es war Zeit. Dort hing ihr Schwert an der Wand. Wenn sie jetzt aufstand und es herunternahm, dann konnte sie endlich in Frieden sterben.

Sie versuchte aufzustehen, war aber so schwach, daß sie nach dem ersten Schritt stolperte und zu Boden fiel. Doch ein kleiner Rest ihrer Zähigkeit war noch da. Dieses letzte Ziel wollte sie wenigstens noch erreichen. Und so kroch sie über den Boden bis zur Kommode, zog sich daran hoch und reichte schließlich zu ihrem Schwert. Leise, damit es niemand hören konnte, zog sie es aus der Scheide.

Dort. Auf dem Bett werde ich es tun.

Mit aller Kraft, die sie noch aufbringen konnte, schleppte sie sich wieder zurück und ließ sich dann einfach fallen. Neben ihr landete das Schwert auf dem Kissen.

Stirbt so eine Königin? Durch einen elenden Selbstmord?

Sie richtete den Oberkörper auf und zog das Schwert heran. Szenen ihres Lebens zogen noch einmal vor ihrem inneren Auge vorbei. Ihre glückliche, kurze Kindheit an der Seite ihrer Mutter. Sie war gestorben, als Alessandra noch ein kleines Mädchen war, dennoch erinnerte sie sich an sie und an die behütete, von Liebe erfüllte Zeit. Nie wieder danach in ihrem Leben war es so gewesen.

Später hatte sie sich zu einer kämpferischen Einzelgängerin entwickelt, über die jeder am Hof den Kopf schüttelte. Dann war von einem Tag auf den anderen ihre Kindheit zu Ende gewesen. Nie würde sie dieses Ereignis vergessen, den Tag des Turniers, der die ganze Welt verändert hatte. Und auch sie und ihre Schwestern hatten sich verändert. Früher hatten sie oft gestritten, doch danach waren sie unzertrennlich geworden.

Sie hatte ihre erste heiße Liebe Cordo verloren, dann den unheimlichen Basilisken, der von ihr Erlösung erhofft hatte. Oft noch mußte sie an diese gequälte Kreatur denken, ein Monster in den Augen der anderen, eine verlorene Seele in Wirklichkeit.

Dann der Tod Ornellas und die unheimliche Lunaloc-Geschichte. Ein Schauder durchrann ihren Körper. Lunaloc - es war noch nicht zu Ende. Im Gegenteil. Der Initiator - Calract - hatte wieder zugeschlagen und ihr Leben zerstört. Der Himmel mochte wissen, was er sonst noch den Menschen und der Welt antun würde, doch Alessandra interessierte das nicht mehr. Mit einem entschlossenen Atemzug ergriff sie das Schwert und setzte es an ihre Brust.

Wie der Tod wohl sein wird? Friede? Wenn nur diese Qualen ein Ende haben, dann gehe ich gerne von dieser Welt.

Ein letztes Mal spannten sich ihre Muskeln, um die Klinge in ihr Herz zu treiben, da legte sich eine Hand auf ihre Hände, und die Farben kehrten in Alessandras Welt zurück.

Es war kein Mensch, es konnte kein Mensch sein. Diese Wärme, diese Güte, diese Kraft, die er ausstrahlte. Alessandra erwachte aus einem tiefen Alptraum. Das Schwert fiel klirrend zu Boden. Sie riß ihren Kopf hoch und starrte IHN an.

Lange konnte sie nichts Anderes tun als mit großen Augen das Bild dieses Mannes, seine Aura, in sich aufzusaugen. Dann begann ihr Körper zu zittern und schließlich brachen all die Gefühle aus ihr hervor, die sie zuvor durch die Betäubung nicht hatte empfinden können. Schluchzend brach sie auf dem Bett zusammen. Der Mann - vielleicht war es ein Gott, der herabgestiegen war, um ihre Seele zu retten - glitt neben sie auf das Bett und drückte sie sanft an sich. Sie spürte seine Wärme und seine innere Kraft, und ließ den befreienden Tränen ihren Lauf.

Irgendwann blickte sie wieder auf. Es war das erste Mal seit dem Verschwinden Nuitors, daß sie etwas bewußt wahrnahm. Und sie sah ihn.

Und mit seinen Augen, die hellbraun waren wie der Sand der Wüste, erwiderte er ihren Blick. Dann öffnete er die sinnlichen Lippen und sagte mit einer Stimme wie Samt: "Mein Name ist Gad’ta. Ich bin ein Eunuch. Bruder Starrus hat mich geschickt, weil Du Hilfe brauchtest."

Dann erhob er sich in einer fließenden Bewegung, beugte sich über die Prinzessin und hob sie in seine Arme. Er trug sie aus dem Zimmer, den Turm hinunter und in die Küche. Dort ließ er sie sanft auf eine Bank gleiten und gab den Köchinnen einen Wink. Diese waren ob dieses Wunders starr vor Staunen, doch der Blick Gad’tas allein genügte ihnen zu sagen, was sie jetzt zu tun hatten. Die Mädchen zuckten zusammen und hasteten dann los, um ihrer Prinzessin etwas zu Essen zu holen.

Die ersten Speisen - nahrhaftes Truthahnfleisch, eine kräftige Suppe - landeten auf dem Tisch, und vorsichtig begann der schöne Fremde, Alessandra davon einzuflößen.

Im Hintergrund versammelten sich im Laufe nur weniger Minuten Dutzende von Menschen. Der halbe Palast war da, um das Wunder zu sehen. Es sprach sich in Windeseile überall herum, auch in der Stadt.

Alessandra hatte eine kleine Schale Suppe aufgegessen. Sie wußte, daß sie nach dieser Hungerkur nur sehr langsam wieder beginnen durfte. Doch sie verspürte mit einem Mal einen Bärenhunger und gleichzeitig eine tiefe, umfassende Müdigkeit und Erschöpfung. Sie blickte den Mann an, der sich mit Gad’ta vorgestellt hatte. Dieser exotische Name paßte zu ihm unglaublich gut. Mit großen Augen saugte die Prinzessin das Bild in sich auf. Er hatte diese faszinierenden hellbraunen, sandfarbene Augen, dunkelblondes Haar und eine makellos glatte, leicht hellbraune Haut ohne Anzeichen eines Bartwuchses. Und er war der schönste Mann, denn Alessandra je gesehen hatte. Schön nicht im Sinne von begehrenswert, sondern eher wie eine dieser meisterhaften, harmonischen antiken Heldenstatuen. Die Proportionen seines Körpers waren perfekt und er bewegte sich mit einer Leichtigkeit und Anmut, die sie bei einem Mann noch nie gesehen hatte. Am beeindruckendsten aber war seine Aura, die Ausstrahlung seiner Persönlichkeit. Alessandra wußte, daß er sie allein damit zurückgeholt hatte. Es war, als leuchte in ihm ein göttliches Licht der Güte und Harmonie, die sich auf alles übertrug, was er auch nur ansah.

"Laßt mich durch", hörte sie eine vertraute Stimme aus dem Hintergrund. Die kräftige, befehlsgewohnte Stimme ihres Vaters.

"Platz für den König", rief der Koch und schubste seine Mädchen unsanft zur Seine. Dann kam der Weiße König hereingerauscht. "Alessandra. Tatsächlich!" Er schlug in einer theatralischen Geste die Hände über dem Kopf zusammen. "Ein Wunder ist geschehen. Meine Gebete sind erhört worden." Er stürmte auf seine Tochter zu und drückte sie fest und liebevoll an sich. Verstohlen wischte er sich dabei eine Träne aus dem Augenwinkel.

Dann wandte er sich Gad’ta zu: "Wer auch immer Ihr seid. Ich, wir alle, stehen tief in Eurer Schuld. Ihr habt dem ganzen Reich seine Sonne wiedergegeben. Was auch immer ihr dafür als Belohnung verlangt, Ihr sollt es bekommen."

Doch Gad’ta lächelte nur, und aller Kummer und alle Sorgen fielen von dem Weißen König ab.

Dann begannen draußen die Glocken zu läuten, und Alessandra weinte vor Glück und Erleichterung. Dann schlief sie ein, und Gad’ta trug sie so vorsichtig zurück in ihr Gemach, daß sie nicht aufwachte.


Alessandra schlief fast einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Danach verschlang sie ein riesiges Frühstück, und als sie das gegessen hatte, fühlte sie sich zum ersten Mal seit vielen Tagen wieder richtig wohl. Vorsichtig stand sie auf. Sie war trotzdem noch ziemlich schwach, aber das würde sich schnell geben. Gad’ta, der die ganze Zeit über sie gewacht hatte, saß auf einem Stuhl und blickte ruhig zu ihr herüber. Sie ging zu ihm und setzte sich auf die Armlehne.

"Starrus?"

Gad’ta verstand die Frage. "Ja, Alessandra, es war tatsächlich Bruder Starrus, dem du deine Rettung zu verdanken hast."

"Nein, die verdanke ich allein dir", widersprach sie energisch. Sie blickte ihn fragend an. Auch dieses Mal verstand Gad’ta sie ohne viel Worte. Es war, als würden sie sich schon seit einer Ewigkeit kennen.

Wie zwei Verliebte. Aber ich liebe ihn nicht. Ich liebe Nuitor. Doch mit Gad’ta verbindet mich ein anderes, ebenso festes Band. Nicht das der Liebe, sondern das des Lebens.

Gad’ta schenkte ihr sein warmes, sanftes Lächeln, dann antwortete er: "Ich bin ein Fischersohn und wurde vor vielen Jahren in die Klosterschule von Tansir geschickt, weil mein Vater mich und meine sieben Geschwister nicht mehr ernähren konnte. Vor zwei Jahren traf ich dann dort auf Bruder Starrus, unseren alten König. Er hat nun sein Leben der Suche nach Weisheit und Wahrheit verschrieben. Das Kloster erlebt seitdem einen nie gekannten Aufschwung. Weise und Philosophen aus der ganzen bekannten Welt sind dort zu Gast und lehren jeden, der Wissen sucht, was sie über den Menschen, die Natur und das Universum herausgefunden haben. Bruder Starrus bat mich, mich deiner anzunehmen. Auch in ihm leuchtet die Weisheit, und als er am Tag deiner Hochzeit Zeuge der Entführung deines Liebsten wurde, da fühlte er genau, wie es dir erging."

Alessandra antwortete eine Zeitlang nichts. Sie dachte über das nach, was Gad’ta ihr gesagt hatte. So viel gab es darauf zu antworten, so viele Fragen zu stellen. Schließlich sagte sie zögernd: "Du irrst dich. Nuitor, mein Liebster, wurde nicht entführt. Jedenfalls nicht am Tag meiner Hochzeit. Ich glaube, ich habe ihn schon vor langer Zeit verloren, damals, als die Schwarze Hexe ihn mir wegnahm." Sie berichtete kurz, was sich damals zugetragen hatte, dann fuhr sie fort: "Irgendwie muß Nuitor Calract in die Hände gefallen sein. Und der hat ihn zu einem seiner Sklaven gemacht. Nein, Sklave ist nicht das richtige Wort. Es gibt kein Wort dafür. Nuitor ist ein freier Mann, aber dennoch ein Diener Calracts. Als Tetys ihn rief, kam er freiwillig mit. Calract bedeutet ihm mehr als ich."

Sie zog tief die Luft ein und sagte dann mit bebender Stimme: "Ich habe mich nie getraut, es auch nur zu denken, aber die ... die Wahrheit ist, mein Liebster ist ein Lunaloc-Dämon. Ein Wesen aus der Hölle und Diener des schlimmsten aller Teufel." Tränen liefen über Alessandras Gesicht, aber sie versuchte immerhin Haltung zu bewahren.

Gad’ta legte seine Hand auf die Hand Alessandras, und wieder strömte diese Wärme und Zuversicht auf sie über. Sanft streichelte er ihr Haar. "Schwester Alessandra. Fasse Mut. Eines Tages wird er zu dir zurückkehren. Aber du wirst hart kämpfen müssen."

"Hart gekämpft habe ich mein ganzes Leben, Bruder Gad’ta. Und wenn es das Schicksal so will, dann werde ich auch gegen diesen Teufel antreten, damit er mir meinen Mann wiedergibt."

"Dann, Alessandra, werde ich dir ein paar Kampftechniken beibringen, die dich vielleicht einmal retten können. Wir können sofort anfangen."

"Aber ich bin noch nicht wieder ganz bei Kräften, Gad’ta."

"Keine Angst. Kraft brauchst du dafür nicht." Er stand auf und zog sie hoch. Dann gingen sie hinunter in die Ställe. Gad’ta hatte hier sein Pferd stehen, und auch Phobos wartete schon auf seine Herrin und wieherte freudig auf, als er sie nach langer Zeit endlich wiedersah. Alessandras Herz hüpfte vor Freude, aber gleichzeitig schämte sie sich auch ein bißchen. Wie hatte sie an Selbstmord denken können, wenn ihr Tod sogar ihrem Pferd das Herz brechen würde!

Mit müheloser Leichtigkeit hob Gad’ta Alessandra in den Sattel, dann glitt er auf sein Pferd, das er ohne Sattel ritt, und langsam trabten sie aus dem königlichen Stall heraus durch die Straßen der Weißen Stadt und dann draußen über das Land.

Unterwegs sagte er zu ihr: "Auf dem Weg zur Weißen Stadt habe ich eine Stelle gesehen, wo es Menschen leichtfällt, mit sich und der Natur eins werden zu können. Es ist ein besonderer Platz, und zu dem reiten wir jetzt. Er ist gar nicht weit."

Alessandra konnte sich nicht vorstellen, was Gad’ta damit meinte, aber sie folgte ihm willig. Der kühle Wind, die kraftvollen Bewegungen ihres Rosses, ließen ihre Kräfte rascher als geglaubt zurückkehren.

Nach einer Viertelstunde verließen sie den befestigten Weg und ritten querfeldein. Alessandra war noch nie hier gewesen, dabei lag die Hauptstadt gerade mal ein paar Hügel weit weg.

Es war eine faszinierende Landschaft, die sie da durchritten. Wie ein Gebirge im Spielzeugformat. Große, unregelmäßig geformte Felsen lagen herum, als hätte ein Riese Murmeln gespielt. Dazwischen waren Risse im Boden, nicht tiefer als ein oder zwei Meter, die sich zwischen niedrigen, aber recht steilen Sandsteinfelsen schlängelten. Überall wuchsen kleine Büsche und zierliche Bäumchen, im Schatten der Felsen lag Schnee. Vögel saßen auf den Felsen und äugten neugierig zu den beiden seltsamen Besuchern hinab, die die Ruhe ihres abgeschiedenen Landes so unangemeldet störten.

Es war still. Ein leichter, kalter Wind wehte, aber es gab keine hohen Bäume, in denen er hätte rauschen können. Die Landschaft war wie ein Märchen, voller abwechslungsreicher Schönheit und Harmonie im Miniaturformat.

Alessandra warf Gad’ta einen begeisterten Blick zu. Kurz darauf hielt dieser an und ließ auch die Prinzessin absteigen. Er sah sie lange an, und auf geheimnisvolle Weise entstand eine Verbindung zwischen ihnen, ein unsichtbares Band der Harmonie. Gad’ta zog sein Hemd und seine Schuhe aus und legte auch seine Tasche und sein Schwert in den weichen Sand. Alessandra tat es ihm gleich. Eine seltsame Ergriffenheit befiel sie, als sie ihre nackten Fußsohlen wieder auf den Boden setzte, auf den eiskalten, mit einer dünnen Schneeschicht bedeckten Sandboden. Auch sie trug nun nur noch einen kurzen Rock, ein Hemdchen und ihren Tigerring, den sie niemals ablegte. Sie fühlte sich auf eigenartige Weise neben sich stehend.

Eigentlich müßtest du vor Kälte zittern, dachte sie zu sich selbst. Es ist kaum über Null, und da hast nichts an, was der Rede wert wäre. Aber statt dessen fühlst du dich unglaublich gut. Wärme erfüllt dich - wohlige Wärme und Zufriedenheit. Wie ist das nur möglich?

Gad’ta kletterte auf eines der Sandsteinplateaus und atmete tief und langsam ein. Alessandra tat es ihm gleich. Wieder wunderte sie sich, wie mühelos sie die fast senkrecht stehende, vier Meter hohe Sandsteinwand hinaufgekommen war. Daß sie barfuß war und sich auch mit den Zehen hatte festhalten können, daran allein konnte es nicht liegen. Fast kam es ihr so vor, als wäre sie emporgeschwebt. Irgendwie ist das alles ein Traum. Einen so vollkommenen Menschen wie Gad’ta kann es in der Wirklichkeit nicht geben.

Doch es war kein Traum. Es gab Calract, es gab Nuitor, und es gab Gad’ta.

Dieser begann nun, mit zeitlupenhaften Bewegungen Figuren zu bilden. Er focht gegen einen imaginären Gegner, und jeder seiner imaginären Schwertstreiche dauerte Minuten. Dabei hielt er auch bei den kompliziertesten Stellungen, meist auf einem Bein, mühelos die Balance. Alessandra staunte, wie er dabei seinen Körper verbog. Mit dem linken Fuß stand er auf dem Boden, als wäre er dort festgeklebt, während er das rechte Bein wie zu einem Tritt gestreckt nach oben zog. Alessandra erwartete, daß die Bewegung irgendwann zum Halten kommen mußte, doch das Bein wanderte höher und höher, bis es schließlich senkrecht nach oben stand und der Fuß in den Himmel wies. Keine Ballettänzerin hätte eine größere Beweglichkeit haben können. Alessandra schloß die Augen und ließ Gad’tas Harmonie durch das unsichtbare Band auf sich überströmen.

Zuerst die Balance.

Sie fühlte den eisigen Sandstein unter ihren Füßen, den festen Boden, der nun auch ihr einen unzerstörbaren Halt geben sollte.

Spüre, wie dein Fuß am Boden festwächst, eins wird mit der Erde, und dich in jeder Lage tragen wird.

Sie glaubte, jedes einzelne Körnchen des Felsens, auf dem sie stand, fühlen zu können. Ihr Fuß schien ein Stück in den Felsen hineinzuwachsen, und dann war die Verbindung perfekt. Dann hob sie ihr anderes Bein nach oben, wie Gad’ta es getan hatte. Sie fühlte, daß er noch immer in dieser Stellung verharrte, auf sie wartend, so daß sie danach vereint, synchron weitermachen konnten. Dabei stand Alessandra von ihm abgewandt und hatte sie Augen geschlossen. Dennoch wußte sie, wie sie sich zu bewegen hatte, um die Harmonie nicht zu stören. Auch ihr Bein wies schließlich senkrecht nach oben. Dann beugte sie in einer Bewegung, die mindestens 5 Minuten dauerte, ihren Körper nach hinten, bis ihre Haare schließlich den Boden berührten.

Stunden verbrachten die beiden Menschen mit diesen Übungen, ohne auch nur ein einziges Wort miteinander zu sprechen. Dann, wie auf ein geheimes Kommando, sprangen sie beide gleichzeitig hinunter, wo ihre Pferde die vertrockneten Grasreste freischarrten. Erst nachdem Alessandra unten aufgekommen war, öffnete sie wieder die Augen und kehrte zurück aus der Zauberwelt. Kaum wagte sie, Gad’ta anzusehen, als fürchte sie, allein mit ihren unreinen Blicken ein großes Heiligtum zu entweihen. Denn Gad’ta konnte kein Mensch sein ...

Gad’ta legte die Hand auf ihre Schulter, und diese seltsamen Gedanken waren vergessen. Tief blickten sie sich in die Augen. "Morgen üben wir mit den Schwertern, Schwester."

Alessandra nickte nur.

Dann zogen sie ihre Sachen wieder an und ritten zurück in die Stadt.


In dieser Nacht schlief die Prinzessin so gut wie schon lange nicht mehr. Dennoch erwachte sie einmal mitten in der Nacht und blickte irritiert zum Fenster hinüber, weil sie dachte, es sei schon Morgen. Doch dann sah sie, daß es der Vollmond war, dieser unheimliche Vollmond, der nun schon seit Wochen da oben am nächtlichen Himmel hing und nie unterging. Aber rasch schlief sie wieder ein, denn die Ruhe, die ihr am Vortag zugeströmt war, wirkte immer noch.

Als dann tatsächlich der Morgen graute - Im November so etwa gegen halb acht - sprang sie tatendurstig aus den Federn.

"Gad’ta?" Bisher hatte er immer in ihrer Nähe geweilt, doch jetzt war er nicht da. Sie zog ihre Sachen an und machte sich dann auf die Suche.

Einige der Hofbediensteten hatten gesehen, wie er schon ganz früh am Morgen den Palast verlassen hatte, anscheinend Richtung Gärten.

Die Gärten waren eine Art Park mit einem kleinen See und einem Bach, angelegt nahe dem südlichen Stadtrand und zumindest um diese Zeit und Jahreszeit vollkommen menschenleer. Alessandra verzichtete auf ein Pferd und lief zu Fuß über die Kopfsteinpflasterstraßen aus dem weißem Marmor, dem Wahrzeichen der Hauptstadt.

Außer dem Bäcker und seinem Lehrling, die die Brötchen austrugen, begegnete ihr kein Mensch. So früh ist es doch gar nicht mehr. Ach so, heute ist Sonntag. Außerdem ist es kalt und unfreundlich, da schlafen die lieben Untertanen etwas länger.

Als sie den Park erreichte, schlüpfte sie durch das eiserne, reichverzierte Tor hinein und schlich sich dann zum See. Und tatsächlich hörte sie es platschen. Vorsichtig schaute sie hinter einem dicken Baum hervor, der ihr Sichtschutz gab. Und dann sah sie ihn: Gad’ta beim morgendlichen Bad. Alessandra verschlug es beim Anblick seines nackten, perfekten Körpers den Atem. Wie Edelsteine glitzerten die Wasserperlen auf seiner bronzenen Haut, darunter zeichnete sich das Spiel seiner Muskeln ab, wie er sich mit anmutigen Bewegungen Wasser über den Körper goß. Dann erhob er sich - er sah wirklich aus wie einer dieser antiken Götter - und ging tiefer ins Wasser. Er tauchte unter und blieb lange unten. Alessandra wurde schon nervös, als er endlich am anderen Ende des Sees wieder auftauchte und mit kräftigen Stößen zurückschwamm.

Hastig zuckte Alessandra zurück, als er seinen Kopf einmal zufällig in ihre Richtung wandte. Doch lange hielt sie es in der Deckung nicht aus. Gad’ta war inzwischen wieder am Ufer angekommen und stieg aus dem Wasser. Mit großen Augen verfolgte Alessandra jede seiner Bewegungen. Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke: Er weiß es. Er weiß, daß ich ihn heimlich beobachte.

Sie wußte nicht, woher sie das wußte, sie wußte es eben. Und errötete. Soll ich jetzt zu ihm gehen, und wir schwimmen beide nackt in dem eiskalten See?

Der Gedanke erregte sie. Doch statt dessen schlich sie sich so leise sie konnte davon und war froh, als sie wieder durch das Tor hinausgeschlüpft war. Heftig atmend lehnte sie sich dagegen, doch da hörte sie seine ruhigen Schritte von Ferne auf den Ausgang zukommen und lief davon, zurück in den Palast.


Als sie sich beim Frühstück einander gegenübersaßen, da brachte sie vor Verwirrung kein Wort heraus. Doch dann sah Gad’ta sie an, und seine Augen schienen zu sagen: Eine Schwester braucht sich vor ihrem Bruder doch nicht zu schämen.

Alessandra errötete wieder, doch dann fühlte sie sich erleichtert und aß den Rest ihres Frühstücks mit großem Appetit.

Später am Tag und auch an den folgenden Tagen ritten sie wieder zum Spielzeuggebirge, wie Alessandra den Landstrich bei sich genannt hatte, und machten Meditationen und Übungen. Gad’ta verströmte eine ungeheure Kraft und innere Wärme, und Alessandra fühlte sich zeitweilig, als sei sie gerade zum zweiten Mal geboren.


11. Kapitel - Calract

Und dann kam der Tag des Abschieds. Sie hatte es tief in ihrem Innern schon lange gewußt. Durch das Band, daß sie beide verknüpfte, wußte jeder auf geheimnisvolle Weise alles vom anderen.

Alessandra seufzte, als sie ihn wortlos seine wenigen Sachen packen sah.

"Geh nicht, Bruder. Bitte. Niemand hat mir je so viel gegeben wie du, außer vielleicht meine Mutter. Du wirst mir so fehlen."

"Du mir auch, Schwester. Aber es braucht ja kein Abschied für immer zu sein. Du hast jetzt alle Kraft, die ich dir für deinen schweren Weg geben konnte. Nun mußt du deinen Liebsten suchen. Ich wünsche dir alles Gute der Welt. Die Götter mögen dich beschützen."

"Wie süß", vernahmen sie da plötzlich eine Stimme, die zumindest Alessandra nur zu bekannt vorkam. Sie zuckte zusammen und fuhr herum: "Die Schwarze Hexe!"

Gad’ta und die Schwarze Hexe musterten sich lange. Ihre Blicke bannten einander, und jeder versuchte, die Seele des anderen zu ergründen. Alessandra zählte die Zeit nicht, aber es waren sicher mehrere Minuten, bis die Schwarze Hexe schließlich die Augen senken mußte. Groll überzog ihr Gesicht, doch als sie wieder aufblickte, da war Gad’ta schon aufgesessen und ritt davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

Es sollte für lange Zeit das letztemal sein, daß Alessandra Gad'ta sah.

"Danke", knurrte die Weiße Prinzessin wütend. "Vielen, vielen Dank. Was, zum Teufel, willst du hier?"

"Du sagst es: Teufel ist genau richtig. Komm, wir haben keine Zeit zu verlieren."

"Was ist los? Wohin soll ich denn?"

"Zur schwarzen Grenze. Wenn du siehst, was dort los ist, wirst du keine so dummen Fragen mehr stellen."

"Und was ist dort los?"

"Calract. Calract ist los."

Alessandras Herz zuckte zusammen. Ohne weitere Fragen packte sie ihre Sachen, zog ihre eiserne Rüstung und ihr Schwert an, steckte die violette Feder auf ihren Helm und verabschiedete sich von ihrem Vater und Onkel Adalbert. Dann bestieg sie ihr Pferd und ritt an der Seite der Schwarzen Hexe, die erstaunlicherweise ebenfalls zu Pferde unterwegs war, nach Norden davon. Es wurde eine Reise in die Hölle.


Während des ganzen Rittes kamen den beiden Frauen endlose Menschenzüge entgegen, und ihr Gesichtsausdruck, die nackte Panik in ihren Augen, flößte Alessandra weitere Angst ein. Die Leute hatten all ihre Habseligkeiten auf Wagen, Pferde, Esel oder Ochsen verladen oder trugen sie einfach mit sich. Sie waren auf der Flucht vor irgend etwas. Alessandra kamen diese Bilder bekannt vor. Im arcadischen Krieg waren ihr ähnlich verzweifelte Gestalten begegnet. Doch vor wem flohen sie diesmal? Sie wollte die Menschen fragen, doch die Schwarze Hexe hielt sie zurück: "Warte, bis du es selbst siehst. Fragen nützt nichts."

Irgendwo übernachteten sie, aber die Weiße Prinzessin fand nicht viel Schlaf. In aller Frühe brachen sie und die Schwarze Hexe dann wieder auf und ritten zügig weiter nach Norden.

Angst und Ungeduld trieb Alessandra vorwärts. Und dann kam ES in Sicht. Schon von weitem sah man es, doch Alessandra verstand nicht, was sie da sah. Es war, als hätte jemand schwarze Tinte über den Himmel geschüttet, die nun in unregelmäßigen Klecksen da oben saß und an einigen Stellen den Tag zur Nacht machte. Und diese Finsternis breitete sich weiter aus.

"Was ist das?", fragte Alessandra mit bebender Stimme.

"Warts ab, bis wir da sind."

Am späten Nachmittag ritten sie unter eine dieser schwarzen Zonen. Übergangslos wurde es dunkel, und die tief am Horizont stehende Sonne wurde schlagartig durch einen am Zenit festgenagelten Vollmond ersetzt. Alessandra glaubte, ihr Herz müsse stehenbleiben. Die Pferde reagierten äußerst nervös und waren kurz vor dem Durchgehen. Voller Panik sah die Weiße Prinzessin sich um. Hinter ihr lag Licht, die Zone der Sonne und des zu Ende gehenden Tages. Hier aber herrschte der Mond, Calracts Kraftquelle.

"Er will den Eisschirm brechen, den Thoran um sein Reich gelegt hat", sagte die Schwarze Hexe. Es war das erste, was sie in den letzten Stunden gesagt hatte. Sie fuhr fort: "Allein hätte er so was nicht geschafft, aber er hat die Mondquelle, die eine Hälfte des Mondkristalles. Sie verlieht ihm diese Macht. Wir müssen sie ihm abnehmen, aber es kann uns beide das Leben kosten. Bist du bereit, Kindchen?"

"Ja!", antwortete Alessandra mit fester Stimme.

"Dann war ja die Nachhilfe dieses Kastrierten doch nicht ganz umsonst."

"Waaas? Wage es nie wieder, meinen Bruder so zu nennen, du gräßliche ..."

"Schon gut, schon gut. Wie sentimental. Aber wir haben jetzt andere Probleme. Sieh dich noch einmal um. Es wird für Wochen oder Monate das letzte Mal sein, daß du die Sonne siehst."

Das stimmte aber nur fast.


Es war wirklich eine Reise in die Hölle. Alessandra verlor jegliches Zeitgefühl. Tag und Nacht gab es nicht mehr, immer nur diesen verwaschenen, konturlosen Vollmond, der das ganze Land in sein silbernes, mattes Licht tauchte, ein Licht, das zu schwach war um Farben erkennen zu können. Es war grauenhaft.

Und dann tauchte der erste Lunaloc-Dämon auf. Es war wie früher. Alessandra focht mit ihm auf Leben und Tod, während die Schwarze Hexe auf ihrem Pferd saß und in aller Seelenruhe zusah. Doch Alessandra hatte von ihr auch nichts Anderes erwartet. Mit der ihr eigenen Geschicklichkeit und den Techniken, die Gad'ta ihr beigebracht hatte, gelang es ihr schließlich, das gepanzerte Ungeheuer zu töten. Dann ging es weiter, stundenlang, durch das finstere Land, den Norden des Weißen Reiches.

Einmal fragte Alessandra: "Wie groß ist dieser schwarze Bereich. Weißt du es?"

"Er ist an allen Stellen etwa gleich dick, und er umgibt das Unendliche Land ringsum. Wir sind von der Schwarzen Grenze noch über einen Tagesritt entfernt, da kannst du dir ja ausrechnen, was Calract alles hat verschlucken lassen."

Alessandra rief sich die Karte ins Gedächtnis. Wenn dieser Ort des Grauens überall einen Tagesritt von der Schwarzen Grenze entfernt war, dann umfaßte er den Süden des karolingischen Reiches, das gesamte Troll-Land, mindestens die Hälfte von Ganda, ein Drittel des Weißen Königreiches und ein großes Stück des Ödlandes. Und wer wollte schon wissen, ob sich die Zone nicht noch weiter vergrößerte. Vielleicht sogar bis ...

"Wird Calracts Gebiet auch die Weiße Hauptstadt verschlingen?", fragte Alessandra ihre Begleiterin ängstlich.

"Wer weiß? Keine Ahnung. Wahrscheinlich schon. Klar, warum nicht!", antwortete diese vielsagend. Alessandra war nun so schlau wie vorher, aber auf jeden Fall kein bißchen beruhigt. Wenn die Hauptstadt fiel, dann war das das Ende ihres Landes.

Irgendwann machten sie Rast. Alessandra konnte aber nicht schlafen, und so ritten sie irgendwann weiter. Keiner zählte mehr die Stunden und Tage. Manchmal passierten sie Dörfer und Städte, aber sie trafen niemanden mehr an. Dafür fanden sie auf der Straße zahlreiche verstümmelte Leichen - die Opfer der Dämonen, die Calract wieder losgelassen hatte und die anscheinend nun hier herumstreunten.

Und dann erreichten sie die Schwarze Grenze. Der Eisschirm schimmerte immer noch in seinem glitzernden Weiß, das doch kein Licht spendete. Alessandra, die die Grenze genau untersuchte, stellte zu ihrer Überraschung fest, daß der Schirm gewandert war. Er verlief nun nicht mehr exakt entlang der Grenze, sondern einige Meter weit im Inneren des Unendlichen Landes. Sie wies die Schwarze Hexe darauf hin. Diese meinte: "Calracts Arbeit zeigt also schon die ersten Erfolge. In spätestens ein paar Jahren hat er den Schirm vollständig beseitigt. Ich frage mich, was der Schwarze König dann wohl macht."

"Ein paar Jahre!" Alessandra war über diese Zeitvorstellungen entsetzt. "Aber das bedeutet ja, daß dieses Mondland hier jahrelang ..."

"Eben. Du sagst es, Kindchen. Und deswegen sind wir hier. Wenn die Alptraumlandschaft hier länger als ein paar Wochen bestehenbleibt, dann sterben alle Pflanzen aus Mangel an Licht. Außerdem regnet es hier nicht. Alles Bäche und Flüsse werden vertrocknen. Das ganze Land wird zu einer riesigen Todeszone, in der nichts und niemand mehr leben kann. Wir müssen uns beeilen."

Wieder rasteten sie nahe dem abgebrannten Wachhaus, wie damals Alessandra und Isini. Alessandra hatte festgestellt, daß der Dämon, der damals ein paar Schritte tief in den Eisschirm eingedrungen war, seine Freiheit wiedererlangt haben mußte, als der zurückweichende Schirm ihn wieder herausgegeben hatte. Er war fort, nur noch seine klauenartigen, riesigen Fußabdrücke waren zu sehen.

"Keine Angst, Kindchen. Wenn einer kommt, dann kümmere ich mich um ihn. Schlaf' ein bißchen."

"Ich kann nicht schlafen."

"Doch. Ich helfe einfach ein bißchen nach."

Und da Alessandra wirklich erschöpft war, hatte sie nichts dagegen. Ihre letzten Gedanken, bevor sie entschlummerte, galten der Schwarzen Hexe. Warum sie wohl auf einmal so umgänglich geworden war? Wahrscheinlich, weil sie sie in ihrem Kampf gegen Calract brauchte.

Ein paar Stunden später wachte Alessandra wieder auf, und sie ritten weiter, den Eisschirm entlang nach Osten. Der Schirm war um einen weiteren Meter zurückgedrängt worden, während Alessandra geschlafen hatte. Sie fragte sich, was Thoran wohl jetzt gerade tat. Es war ihr inzwischen klar, daß der Schirm nichts mit Ornellas Tod zu tun hatte, wie Isini vermutet hatte, sondern gegen die Lunaloc-Armee gerichtet war. Aber ob er auch gegen Calracts Mondquelle bestehen konnte?

Stundenlang ging es durch trübes Mondlicht. Der Prinzessin fiel auf, daß sie, seit sie in die Zone des Mondes eingedrungen war, keinen einzigen Vogel mehr hatte singen hören. Überhaupt schienen alle Tiere verschwunden zu sein. Diese seltsame Lähmung, die Calracts Bann auf Alessandra ausübte, schien auch die Tiere getroffen zu haben. Ob sie überhaupt noch lebten?

Die Pferde setzten ein Bein vor das andere, sie bewegten sich wie aufgezogenen Puppen. Und auch Alessandra fühlte sich so ähnlich. Nie hatte sie etwas ähnlich deprimierendes und Kräftezehrendes erlebt. Sie dachte an Nuitor. Er mußte hier sein, hier in der Alptraumlandschaft. Und er erfüllte seinen Dienst für Calract, worin auch immer der bestehen mochte. Alessandra war wild entschlossen, Nuitor aus den Klauen dieses Teufels zu befreien. Er ist ein Dämon geworden, aber wenn Calract tot ist, ist er wieder frei!

Irgendwann schlief die Prinzessin wieder, dann ritten sie wieder, dann wieder Schlafen. Zwischendurch wurde etwas gegessen, doch Alessandra spürte langsam ihre Kräfte schwinden. Der Mond saugte sie langsam aber sicher leer. Das graue oder dunkelbraune Einerlei der Landschaft wurde allmählich zuviel für ihren Verstand. Und so glaubte sie schon an Halluzinationen, als sie plötzlich irgendwo in der Ferne ein helles Licht aufblitzen sah. Dann aber zuckte sie zusammen, weil diese Helligkeit nur von einem großen Feuer stammen konnte. "Der Wald brennt. Da, sieh doch."

"Da irrst du dich aber gewaltig. Weißt du nicht, wo wir hier sind?"

Alessandras leicht umnebelter Verstand reagierte nicht auf diese Frage. Irritiert sah sie sich um. Der Wald brannte. Aber wo war das Feuer? Irgendwann drangen die Worte der Schwarzen Hexe in ihr Bewußtsein. Ja, wo waren sie hier? Nervös sah Alessandra sich um. Sie waren ein Stück weiter geritten, und da erkannte die Prinzessin, daß die Schwärze, die den Himmel bedeckte, an einer Stelle ein Loch hatte. Ein Loch, durch das die Sonne schien.

Alessandra war sich sicher, noch nie in ihrem Leben etwas Schöneres gesehen zu haben. Es war ein unglaublicher, überwältigender Anblick, und Alessandra begrüßte die Lebensspenderin mit Tränen in den Augen.

"Freu' dich nicht zu früh. Wir sind genau da."

"Wo denn?"

Doch die Schwarze Hexe verzog ob dieser Begriffsstutzigkeit nur ihr Gesicht.

Alessandra sah sich aufmerksam um. Ja, sie standen auf einer Kreuzung von vier, fünf, sechs, sieben, acht Wegen. Acht...

Alessandra erschauderte. Der achte Weg. Sie erinnerte sich. Es war die Stelle, die sie damals mit Ornella auch passiert hatte, als sie sie zum Schwarzen König geführt hatte. Nur waren es damals nur sieben Wege gewesen. Und jetzt ...

"Die Hexe vom Achten Weg", hauchte sie. "Sie ist gekommen."

"Aha, es hat also geklingelt. Übrigens, wenn die Hexe den Achten Weg nicht geöffnet hätte, könntest du die Sonne gar nicht sehen. Also los, suchen wir sie. Immer dem Licht nach."

Was sie fanden, war zumindest für Alessandra gelinde gesagt eine Überraschung. Sie ritten durch die von hellem Sonnenschein überschüttete Waldschneise. Doch auch hier gab es weder Vögel noch andere Tiere. Aber wenigstens die Pflanzen sahen noch gesund und lebendig aus. Obwohl das im Winter etwas relativ war. Alessandra atmete tief durch. Die Luft war hier nicht so stickig wie im Mondland, sondern so frisch, wie sich das für Waldluft gehörte.

Und dann ritten sie aus dem Wald heraus auf eine große Lichtung und sahen etwas geradezu Unglaubliches.

Auf der rechten Seite stand ein riesiges, seltsames, rundes Haus, besser ein Turm, der mindestens zehn Stockwerke hoch war. Es war auf den ersten Blick nicht zu erkennen, aus was er gebaut war, entweder schwarzes Holz oder dunkler Granit. An der Basis durchmaß der Turm mindestens fünfzehn Meter und verjüngte sich nach oben nicht. Jedes Stockwerk hatte außen eine umlaufende Galerie, so daß man leicht nachzählen konnte, wie viele es waren.

Links, etwa fünfzig Meter neben dem Haus, erhob sich ein Berg aus strahlend weißem Schnee, der in der grellen Sonne so stark glänzte, daß es fast in den Augen wehtat. Doch irgend etwas stimmte mit diesem Schnee nicht, ganz davon abgesehen, daß er längst hätte schmelzen müssen. Alessandra kniff die Augen zusammen und sah genauer hin. Doch es dauerte lange, bis sie bereit war zu glauben, was ihr ihre Augen zeigten. Es war gar kein Schnee, es war ein mindestens 50 Meter hoher Berg aus Knochen, weiß gebleicht in der Sonne.

"Nein", hauchte die Prinzessin.

"Oh doch. Das ist das Werk der Hexe vom Achten Weg. Sie frißt alles, ob Mensch oder Tier. Und in den tausend Jahren, die sie hier schon ihr Unwesen treibt, ist so allerlei zusammengekommen, wie man sieht. Sehr beeindruckend, muß ich sagen." Die Schwarze Hexe lachte trocken.

Doch Alessandra hörte nur mit halbem Ohr zu. Zu tief saß der Schock. Hier mußten die Überreste von zigtausend Menschen und Tieren liegen, ein grauenhafter, schauriger Friedhof.

Alessandra konnte ihre Blicke erst wieder von diesem Monument des Todes wenden, als sich am Rande ihres Blickfeldes etwas bewegte. Sie zuckte zusammen und griff instinktiv nach ihrem Schwert.

Doch es war nicht die Hexe vom Achten Weg, sondern ein kleines Mädchen.

Es hatte auf einem Holzstoß gesessen, der neben dem Turmhaus aufgeschichtet war. Dort lag allerhand Zeug herum, leere Fässer, zerrissene Körbe und so weiter, so daß Alessandra das Kind zunächst nicht bemerkt hatte. Doch nun hielt sie nichts mehr. Sie sprang von Phobos herunter, rannte auf das Kind zu und rettete es. Wovor, darüber dachte sie nicht nach in dieser Sekunde. Immerhin war keinerlei Bedrohung erkennbar. Jedoch ließ dieser Knochenberg nichts Gutes vermuten.

"Schnell, wir müssen hier so schnell wie möglich weg, bevor die Hexe zurückkommt."

Das kleine Mädchen nickte. Flüchtig bemerkte Alessandra, daß sie sich beim ersten Anblick dieses Kindes verschätzt hatte. Aus der Nähe wirkte es älter, auch wenn das korrekte Alter auf schwer erklärliche Weise unbestimmbar blieb. Das Mädchen war fast so groß wie eine erwachsene Frau, mußte also mindestens dreizehn oder vierzehn Jahre alt sein. Es hatte gut schulterlanges, goldblondes und sehr dichtes Haar, ein kindliches, fast puppenhaftes Gesicht, das eher einer Sechsjährigen zu gehören schien. Nur die dunklen Augen paßten nicht dazu. Es waren die Augen einer erfahrenen, alten Frau.

All diese Eindrücke nahm Alessandra mehr unbewußt in sich auf, dann schnappte sie sich das Kind, denn für ein solches hielt sie diese Person immer noch, und rannte zurück zu ihrem Pferd. Das Mädchen ließ es willig mit sich geschehen. Alessandra hob es aufs Pferd, sprang dann selbst in den Sattel und gab Phobos die Sporen.

Erst, nachdem sie wieder tief im Mondland waren, hielt Alessandra an. Nachdem sie sich vergewissert hatte, daß keine Gefahr mehr drohte - das Sonnenlicht des Hexenbezirks war gar nicht mehr sichtbar - da stieg sie ab und half auch dem Mädchen herunter.

Die Schwarze Hexe hatte die ganze Zeit dazu geschwiegen. Auch jetzt stieg sie wortlos von ihrem Pferd und stellte sich neben Alessandra und das Mädchen.

"Wie heißt du?" Damit begann die Prinzessin die Unterhaltung.

"Ich heiße Oktavia", antwortete das Mädchen gehorsam.

"Ich bin Alessandra, und das ist meine, äh, meine ..."

"... Partnerin", half die Schwarze Hexe der Prinzessin aus.

"Äh, genau. Sie heiß Beata."

"WAS!" Die Schwarze Hexe war empört, doch Alessandra fuhr sie an: "Wir dürfen doch das arme Wesen nicht erschrecken. Also sei still!"

"Was für ein armes Wesen? Wenn du wüßtest ...", murmelte die Schwarze Hexe so leise, daß Alessandra sie nicht verstehen konnte. Es interessierte sie auch gar nicht, denn sie hatte ihre Aufmerksamkeit wieder Oktavia zugewandt.

"Wie kommst du an so einen schrecklichen Ort? Hat dich die Hexe vom Achten Weg entführt?"

Hinter ihr vernahm sie das Kichern der Schwarzen Hexe. "Was gibt's da zu lachen?", fuhr sie sie an. Diese antwortete, mühsam ihre Heiterkeit bezwingend: "Wenn du dich jetzt sehen könntest. Es ist zu süß."

Alessandra verstand kein Wort. Fragend blickte sie das Mädchen Oktavia an, dieses rätselhafte Geschöpf, das nun heftig mit dem Kopf nickte.

"Weißt du, wohin die Hexe gegangen ist?"

Oktavia schüttelte den Kopf und blickte sehr traurig drein. Mitleid überkam die Weiße Prinzessin. Sie nahm Oktavia in die Arme und drückte sie beschützend an sich: "Hab' keine Angst. Niemand wird dir jetzt noch etwas Böses tun."

Sie überlegte: "Aber was machen wir mit dir? Du kannst unmöglich mit uns kommen. Wir ziehen in die Schlacht, und ..."

"Ich begleite euch!", sagte da Oktavia mit einem seltsamen Tonfall, der auf bestimmte Art und Weise keinen Widerspruch zuließ. Alessandra sah die Schwarze Hexe fragend und etwas verwirrt an, doch diese machte ein unbeteiligtes Gesicht und meinte: "Warum nicht! Vielleicht will sie sich auch an diesem Ungeheuer Calract rächen?"

Oktavia nickte. Alessandra zuckte die Schultern.

Und damit war diese seltsame Vereinbarung perfekt.

"Heute", fügte die Schwarze Hexe noch hinzu, "ist doch ein guter Tag für so einen Handel."

"Was meinst du?", fragte Alessandra.

"Naja. Heute ist der 24. Dezember - Weihnachten."

Weihnachten ... Alessandra sah sich um. Weihnachten in der Hölle. Sie mußte gegen die Tränen kämpfen. Und sie schwor dem, der das getan hatte, bittere Rache.

Das Unendliche Land - Gon, der Sensenmann

Wieder ging es durch das Mondland. Tag und Nacht gab es nicht. Es wurde auch nie wärmer oder kälter. Die Zeit hatte aufgehört, den Rhythmus der Natur und des Menschen zu berühren. Sie schien im Mondlicht verdampft zu sein.

Und dann stießen sie auf die Ruine.

"Ob das das Rittergut Palato war?" Alessandra sah sich aufmerksam um. Sie hatte dieses Wehrdorf nie persönlich besucht, kannte es aber von verschiedenen Bildern, die man ihnen in der Schule gezeigt hatte. Die Ritter von Palato genossen seit langer Zeit schon einen fast legendären Ruf im Weißen Reich.

Allerdings waren im trüben, alle Konturen verwischenden Mondlicht Details nur schwer zu erkennen. Außerdem war Palato völlig niedergebrannt, zumindest der Teil, der brennbar gewesen war. Anders ausgedrückt: übrig waren nur noch die steinernen Fassaden einiger ehemaliger Hauptgebäude sowie die verkohlten Reste von Scheunen und dem Rest des Dorfes.

Alessandra stieg ab und sah sich den Ort der Verwüstung aus der Nähe an. Während dessen untersuchte Oktavia den Brunnen und stellte fest, daß noch Wasser darinnen war. Sie suchte einen Eimer, um es zu schöpfen, denn die Bäche versiegten bereits. Wasser wurde langsam kostbar.

Alessandra stocherte in den schwarzen Balken herum, die einmal das Dach der großen Scheune gewesen sein mußten. Zu ihrem Erstaunen stellte sie fest, daß sie teilweise nur angekohlt waren. Zumindest an dieser Stelle hatte das Feuer etwas übriggelassen. Vielleicht hatte man auch versucht, es zu löschen, und das wenigstens hier geschafft. Dann aber mußten die Bewohner geflohen sein, wahrscheinlich auch wegen des sich ausbreitenden Mondlandes. Und sie hatten wohl alles mitgenommen, was noch übrig gewesen war.

Die Prinzessin wollte sich schon abwenden, als ein unbestimmtes Gefühl ihre Aufmerksamkeit zurück auf die Reste der Scheune lenkte. Irgendwie ...

Sie faßte einen der Balken und zog ihn beiseite. Mißtrauisch beäugte sie das, was sie freigelegt hatte. Im Grunde war nichts zu erkennen in der Dunkelheit, und sie räumte weitere Bretter und verkohlte Stümpfe beiseite. Und dann sah sie ein Bein. Ihr Herz machte einen Sprung, und wie rasend schleuderte sie weitere Reste zur Seite.

Nach und nach kam die Gestalt eines jungen Mädchens unter den verkohlten Trümmern hervor.

"Was soll diese Mühe. Die ist längst hin", maulte die Schwarze Hexe, die auf einmal neben Alessandra aufgetaucht war. Doch diese hörte nicht auf, bis sie den Körper des Mädchens komplett freigelegt hatte. Vorsichtig zog sie den Leib herum und legte ihre Finger auf das Handgelenk des Mädchens.

"Ihr Puls. Mein Gott, sie lebt noch! Sie lebt noch!"

Und da schlug Tschuri ihre Augen auf, ihre großen, dunklen Augen, und als sich ihre Blicke mit denen Alessandras trafen, da war es für die Weiße Prinzessin wie ein Schlag. Dieser Blick, um Hilfe flehend und doch voller Kraft und Würde. In dieser Sekunde entstand ein Band zwischen den beiden Frauen, das eine tiefe und innige Freundschaft begründen sollte.

Mit aller Vorsicht hob Alessandra den völlig ausgemergelten und ausgetrockneten Körper auf. Sie erschrak über die Leichtigkeit dieses Körpers. Das Kind war unmittelbar vor dem Verhungern, vom Verdursten ganz zu schweigen. Es mußte schon seit vielen Tagen da gelegen haben, und nur seine unglaubliche Zähigkeit hatte es vor dem sicheren Tode gerettet. Alessandra trug das Mädchen zum Brunnen, wo Oktavia inzwischen Wasser geschöpft hatte. Sie tauchte ihre Hand in das klare, kalte Wasser und benetzte die ausgetrocknete, vom Ruß geschwärzten Lippen des Mädchens damit. Doch das reichte nicht. Voller Mitgefühl sah Alessandra das junge Leben an, das da vor ihr lag und an einem seidenen Faden hing. Nur mit der größten Vorsicht und Liebe konnte es noch gerettet werden.

Alessandra nahm einen Schluck Wasser in den Mund und beugte sich dann über das Mädchen, bis sich ihre Lippen berührten. Dann ließ sie das Wasser Tropfen für Tropfen in ihren ausgetrockneten Mund rinnen. Sie fühlte, wie langsam das Leben in sie zurückkehrte. Als die Prinzessin sich aufrichtete, um einen weiteren Schluck Wasser zu nehmen, da sah sie, wie sich die Lippen des Mädchens mit einem zarten, scheuen, fast nur angedeuteten Lächeln überzogen, und sie fühlte sich so glücklich und gelöst wie noch nie, seit sie in diese furchtbare Todeszone eingeritten war.

Die Schwarze Hexe machte ein paar höhnische Bemerkungen, doch Alessandra ließ sich davon nicht beirren. Schluck um Schluck flößte sie dem Mädchen Wasser ein, bis sie fühlte, daß es ihm wieder etwas besserging.

Sie stellte fest, daß der rechte Arm des Mädchens mehrfach gebrochen war, wahrscheinlich durch die herabfallenden Balken der abbrennenden Scheune. Auch die linke Hand war verletzt. Dazu wies das Mädchen an vielen Stellen vor allem des Oberkörpers Brandwunden, Schnitte und Quetschungen auf. Es war schon fast ein Wunder, daß das Kind das überhaupt lebend überstanden hatte. Alessandra suchte ein paar passende Holzstück und Verbandsmaterial zusammen. Wortlos half ihr Oktavia dabei, während die Schwarze Hexe irgendwo anders herumschlich und sich umsah.

"Danke", sagte Alessandra zu Oktavia, dann wandte sich sich an das Mädchen: "Ich muß jetzt deinen Arm schienen. Das wird ein bißchen wehtun. Naja, es wird sogar sehr wehtun, aber es muß sein. Aber du schaffst das schon, nicht?"

Das Mädchen lächelte sie auffordernd an, und wieder war es Alessandra, als ginge die Sonne auf. Sie legte die Holzstücke zurecht und tastete dann den gebrochenen Arm ab. In den Feldzügen und sonstigen Abenteuern, die sie inzwischen schon mitgemacht hatte, hatte sie so etwas schon öfters machen müssen. Sie wußte, welche Schmerzen dem Patienten dabei entstanden, wenn man seine gebrochenen Knochen von außen wieder in die richtige Position drückte und dann mit Stützen und Bandagen fixierte. Sie ertastete die Bruchstellen, atmete tief ein und drückte zu.

Sie hatte fest erwartet, daß das Mädchen dabei aufschrie, doch es zuckte nicht einmal. Nur seine Augen verdunkelten sich und zeugen von den Höllenqualen dieser Prozedur, und Alessandra war es, als müsse ihr Herz zerspringen, als sie dies sah. Mit zitternden Fingern band sie den Arm und die Holzschienen zusammen und war mehr als froh, als es endlich überstanden war. Da spürte sie die teilweise verbrannte linke Hand des Kindes auf ihrem Arm. Das Mädchen öffnete den Mund und flüsterte: "Danke." Eigentlich war es nicht einmal ein Flüstern; Alessandra las es von ihren Lippen ab. Sie beugte sich hinunter und sagte: "Du warst sehr tapfer, mein Kind. Ich bin stolz auf dich."

Langsam hob das Mädchen seine Hand und zog dann Alessandras Kopf nahe an seinen Mund. Es flüsterte kaum hörbar: "Könnt Ihr mir einen Gefallen tun, Majestät?"

Alessandra war nur kurz erstaunt, daß sie unter diesen Umständen erkannt worden war, dann antwortet sie: "Für dich bin ich einfach Alessandra, und ich tue dir jeden Gefallen der Welt."

Tschuri flüsterte: "In meine Zimmer waren meine weißen Stiefel in meinem Kleiderschrank. Es war mein kostbarster und liebster Schatz. Könntet Ihr bitte nachsehen, ob sie nicht verbrannt sind." Mit einer kraftlosen Bewegung wies sie in die ungefähre Richtung.

"Das tue ich. Selbstverständlich. Aber du mußt mir versprechen, daß du ganz schnell wieder gesund wirst, ja?"

Das Mädchen lächelte und nickte schwach.

Alessandra fiel es schwer, das hilflose Wesen alleinzulassen, aber Oktavia war ja in der Nähe. So erhob sie sich und lief zu den Überresten des Haupthauses. Als erstes galt es herauszufinden, wo das Mädchen wohl sein Zimmer gehabt hatte. Alessandra drang in die Ruine ein und sah das ganze Ausmaß der Zerstörung. Hier war so gut wie nichts mehr übrig. Immerhin waren von den meisten Möbelstücken noch so viele Überreste zu sehen, daß man ahnen konnte, was sie einmal gewesen waren. Alessandra fand insgesamt fünf Schränke, davon waren drei praktisch völlig eingeäschert, die beiden anderen waren immerhin noch als Schrank erkennbar. Alessandra öffnete den einen davon. Er enthielt die noch ganz gut erhaltenen Überreste einer Kücheneinrichtung, also Teller, Karaffen und Schüsseln. Alessandra wandte sich dann dem anderen Schrank zu. Er hatte früher im Obergeschoß gestanden, aber das gab es nicht mehr. Sie zog die verkohlten Bretter auseinander und stieß auf einen Haufen angesengter Tücher. Mit einem entschlossenen Griff hob sie sie alle auf einmal hoch und warf sie beiseite. Sie traute ihren Augen nicht, als darunter zwei elegante, blütenweiße und völlig unbeschädigte Lederstiefeletten zum Vorschein kamen.


"Ein paar Tage müssen wir hierbleiben. Solange, bis Tschuri mit uns reiten kann!" Alessandras Stimme war entschlossen. Doch das war die Schwarze Hexe auch: "Ich denke nicht im Traum daran, wegen der da hier sinnlose Tage zu vertrödeln. Sieh sie dir doch mal an, sie ist im Eimer, so oder so. Und dir ist wohl nicht klar, was jeder Tag für dein Land bedeutet. Es wird mehr und mehr zur Wüste, und am Ende kann es niemand mehr retten. Ich werde ..."

"Laßt nur", erklang das die Stimme Tschuris. Unbemerkt war sie erwacht und hatte das Streitgespräch mitgehört. "Eure Mission ist zu wichtig. Ich komme hier schon klar." Sie lächelte Alessandra aufmunternd an, doch die ließ sich nicht beirren: "Du kommst mit uns. Auf keinen Fall lasse ich dich hier zurück. Ich will doch nicht so werden wie Calract."

Die Schwarze Hexe schnaubte empört. "So eine Unverschämtheit. Ich werde euch beide in Würmer verwandeln. Dieses undankbare Pack! Das hat man nun davon."

"Warum heilst du nicht ihren gebrochenen Arm, wenn du schon deine Zauberkräfte anwenden willst?"

"Weil ... ach, das verstehst du nicht."

"Ich verstehe sehr wohl", konterte Alessandra: "Du kannst es nicht."

Die Schwarze Hexe lief rot an: "Also ... also, das ist ja unglaublich!"

"Aber es stimmt", warf Oktavia mit ihrer sanften, aber dennoch energischen Stimme dazwischen. "Hexen können andere nur verwandeln, wenn sie sich in ihrem Reich befinden. Und wir sind hier in Calracts Gebiet." Sie warf einen flüchtigen Blick nach oben, wo der Mond sie in jeder Sekunde an ihre Lage erinnerte.

"Und wie willst du dann gegen Calract kämpfen?", fragte Alessandra skeptisch.

"So!" schrie die Schwarze Hexe. Sie war aufgesprungen und schleuderte einen grünen Blitz gegen einen der traurigen Überreste des Rittergutes, der daraufhin krachend in sich zusammenstürzte. "Glaub' bloß nicht, wir hätten hier keine Macht!"

"Wir?", echote Alessandra. Doch die Schwarze Hexe ging nicht näher darauf ein.

"Alessandra", sagte Tschuri leise, "ich glaube, im Keller unter der Küche sind noch Vorräte. Ihr könnt sie sicher gut gebrauchen. Die Küche ist ... war im Mittelteil ..."

"Ich glaube, ich weiß, wo sie ist", unterbrach Alessandra die Erklärungen Tschuris. Sie erinnerte sich an den Küchenschrank. "Ich sehe mal nach, ob ich was finde." Sie wandte sich drohend an die Schwarze Hexe: "Wehe, wenn du sie anrührst!"

"Ja, ja. Schon gut. Wozu auch. Die macht es sowieso nicht mehr lange."

Oktavia begleitete Alessandra in die nun endgültig eingestürzte Ruine. Zusammen wühlten sie sich bis zur Küche durch und legten dann den Boden frei. Schließlich fanden sie die nur oberflächlich angekohlte Falltür und stemmten sie auf.

"Donnerwetter!", rief Alessandra. Eine so reich bestückte Speisekammer hatte sie seit Tagen (oder waren es mittlerweile Wochen?) nicht mehr gesehen. Im Mondland gab es keine Tiere mehr, nicht mal Ameisen und Käfer. Um so willkommener waren nun diese Vorräte. Die beiden Frauen holten etwas davon hervor, dann machte Alessandra Feuer und bereitete ein warmes Abendessen zu. Tschuri versuchte ihr dabei zu helfen, war aber noch zu schwach. Immerhin konnte sie alleine essen, und Alessandra staunte, wie entschlossen sie das mit ihrer verbundenen linken Hand trotz der Schmerzen ihrer Brandwunden machte. Den gebrochenen rechten Arm trug sie in einer Schlinge.

"Schlaf jetzt, Mädchen", sagte Alessandra nach dem Essen zu ihr. "Ich fürchte, morgen müssen wir weiter."

"Ich komme hier schon zurecht, Herrin", antwortete Tschuri leise, doch Alessandra widersprach ihr energisch: "Vergiß das sofort wieder! Ohne dich reite ich hier nicht weg, klar?"

Tschuri antwortete mit einem dankbaren, liebevollen Blick aus ihren großen Augen, und wieder war es Alessandra, als ginge in ihrem Herzen die Sonne auf. Sie gab dem Mädchen einen Gutenachtkuß auf die immer noch rußgeschwärzte Stirn, dann half sie ihr beim Zudecken. Wenige Augenblicke später war Tschuri eingeschlafen. Alessandra tat es ihr gleich; mochten Oktavia und die Schwarze Hexe mittlerweile tun und lassen, was sie wollten.


Einige Tage später. Die vier Frauen ritten weiter nach Norden. Tschuri, deren linke Hand sich inzwischen entzündet hatte, saß vor Alessandra auf Phobos, Oktavia ritt bei der Schwarzen Hexe mit.

Es mußte das Troll-Land sein, das sie gerade durchquerten, aber es war genauso trostlos und tot wie jeder andere Flecken im Mondland. Alessandra empfahl schließlich eine Rast und machte dann zusammen mit Oktavia ein Feuer. Während dessen verschwand die Schwarze Hexe wie üblich irgendwo hin. Tschuri bat um die Erlaubnis, sich ein bißchen umsehen zu dürfen. Alessandra hatte nichts dagegen. Tschuri konnte zwar im Moment ihre Hände kaum benutzen, war aber ansonsten wieder einigermaßen bei Kräften und gut zu Fuß. Oktavia jedoch warnte: "Es könnte gefährlich sein. Ich glaube, daß Calract das Gebiet von seinen Dämonen durchkämmen läßt."

Alessandra sah Oktavia fragend an, doch diese zuckte nur mit den Schultern. Tschuri meinte leichthin: "Bisher sind wir keiner Menschenseele begegnet, auf der ganzen Reise nicht. Wieso soll gerade hier eine Gefahr auf uns lauern?"

Sie sprang auf, lief zu Phobos, steckte den einen Fuß in den Steigbügel, hielt sich mit den Zehen darin fest und schwang sich mit einem kräftigen Schwung des anderen Beines, ohne die Hände zu benutzen, auf. Mit einem kräftigen Druck ihrer Schenkel und Fersen ließ sie Alessandras edles Pferd angaloppieren. Sie wollte weg sein, bevor Alessandra sie zurückhalten konnte. Die Brüche ihres Armes heilten schlecht, und die Brandwunden der linken Hand taten höllisch weh. Doch Tschuri hatte schnell herausgefunden, daß sie trotzdem reiten konnte, und das sogar sehr gut auch ohne daß die Prinzessin hinter ihr saß und sie festhielt. Und wenn sie schon sonst nicht viel tun konnte, wollte sie sich wenigstens auf dieses Weise nützlich machen.

Weit nach vorne gelehnt, die Beine fest an den muskulösen Leib des Pferdes gepreßt, krallte sie sich mit den Füßen in Phobos' Flanken und fand so trotz des unruhigen Galopps sicheren Halt. Die Zügel konnte sie nicht mehr halten, aber zu lenken brauchte sie auch nicht viel, Phobos fand seinen Weg trotz der Dunkelheit ohne Probleme. Ansonsten konnte sie ihn leicht mit Druck ihrer Beine und Füße dirigieren. Phobos war ungewöhnlich intelligent und einfühlsam. Genau wie seine Herrin.

Die Gegend hier war womöglich noch fürchterlicher als das Waldland, das sie bisher durchquert hatten. Der bleiche Vollmond paßte sehr gut zu dem bleichen Schilfgras, das hier die vorherrschende Vegetation bildete. Obwohl es seit dem Beginn der ewigen Nacht nicht mehr geregnet hatte, war der Boden hier feucht und sumpfig. An vielen Stellen spiegelte sich der Mond in Pfützen und Tümpeln, und einmal hörte Tschuri sogar einen Frosch quaken, was ihr ein erleichtertes Lächeln entlockte. Allerdings sah es keiner. Selbst die Trolle waren tot oder verschwunden oder was auch immer.

"Nanu, was war denn das?" murmelte Tschuri zu sich selbst. Irgend etwas hatte sie gesehen, einen schwachen Lichtblitz oder so was. Neugierig lenkte sie Phobos weiter in diese Richtung. Dann hörte sie undeutlich und ganz aus der Ferne Lärm. Hinter den fahlen, düsteren Büschen und den verkrüppelten Sumpfbäumen zuckten helle, teils farbige Blitze. Tschuri schwang sich herab und schlich sich vorsichtig näher heran. Der Lärm, zuvor nur ein undefinierbarer Geräuschteppich, zerfiel nun in einzelne Geräusche, ohne daß Tschuri aber etwas damit hätte anfangen können. Es war ein Zischen, Dröhnen, Knurren und dumpfes Brüllen, dazwischen immer wieder gellende Schreie, aber in so hoher Tonlage, daß sie unmöglich zu einem Menschen gehören konnten. Dann aber hörte sie ganz deutlich eine menschliche Stimme, die laut rief: "Paktor, nach links!"

Entsetzt und fasziniert zugleich schlich sich Tschuri geduckt und teilweise auf den Knien noch näher heran, und dann, als sie über einen flachen Hügel gelangte und hinter einem umgestürzten Baumstumpf Deckung suchte, konnte sie die ganze Szene unter sich überblicken: Es war der Todeskampf einer Elfenfestung gegen eine Jägerbrigade Calracts. Der Anführer der Jäger war erstaunlicherweise kein Dämon, sondern ein Mann, von dem Tschuri in letzter Zeit viel gehört hatte.

"Nuitor. Der arcadische König", entfuhr es ihr entgeistert.

Sie war viel zu weit weg, als daß einer der wütend angreifenden Dämonen sie hätte hören können. Doch dann drehte Nuitor sich auf seinem Pferd um und blickte sie über eine Distanz von fast einem halben Kilometer aufmerksam an. Tschuri war, als müsse sie zu Eis erstarren. Nuitor ritt auf sie zu, wurde dann durchsichtig und verschwand für einen Moment, nur um gleich darauf direkt hinter ihr wieder zu erscheinen wie ein Geist.

Mit einer kraftvollen Bewegung schwang er sich von seinem Geisterpferd und trat auf Tschuri zu, die sich in panischer Angst und mit rasendem Herzen gegen den Baumstumpf drückte.

Nuitor beugte sich zu ihr herab, ergriff ihre linke Hand am unverletzten Unterarm und zog sie auf die Füße. Er sah sie lange schweigend an, und langsam legte Tschuris Angst sich wieder. Dieser Mann ... er verwirrte sie. Er war ein Diener Calracts und damit ein Feind, ein Todfeind, denn sie waren gekommen, um Calract und seine Brut zu vernichten. Doch Nuitor bedrohte sie nicht. Er sah sie nur aufmerksam und durchdringend an. Dann sagte er langsam: "Du heißt also Tschuri ... Sage Alessandra, sie soll umkehren, solange es noch möglich ist. Calract hat die Jägerbrigade losgeschickt, um alle Störfaktoren zu beseitigen, damit er sich mit aller Kraft dem Eisschirm widmen kann. Nur deswegen hat er sich noch nicht persönlich um euch gekümmert und nur deswegen seid ihr überhaupt noch am Leben. Wenn ihr zu ihm gelangt, ist es euer sicherer Tod. Ich möchte nicht, daß meine Liebste so endet." Tschuri sah seine Augen auf einmal sehr traurig werden.

Abrupt drehte Nuitor sich um, schwang sich wieder auf sein Pferd und verschwand.

Doch Tschuri hatte nicht mehr die Kraft, sofort zurückzureiten. Nachdem sich ihr pochendes Herz wieder etwas beruhigt hatte, wandte sie sie erneut dem ungleichen Kampf zwischen den Elfen und den Dämonen zu. Es war schaurig. Die kleinen Waldelfen feuerten verzweifelt mit ihren bunten Zauberstrahlen auf die Übermacht der Dämonen. Welche Kraft normalerweise in dieses Strahlen steckte, war deutlich zu sehen: Jeder Lunaloc-Dämon, der getroffen wurde, verwandelte sich zurück in den Menschen, aus dem Calract ihn einst geschaffen hatte. Doch nach einem kurzen Augenblick gewann die Kraft des Mondes wieder die Oberhand und verwandelte die Menschen zurück in Ungeheuer. Diese griffen ihrerseits die Elfen mit allem an, was sie hatten, und das war auch nicht von schlechten Eltern. Normalerweise wären die winzigen, aber überaus mächtigen Elfen mit so einem Feind spielend fertiggeworden, doch hier war es anders. Die Kräfte der Dämonen wurden ständig regeneriert, sie erlahmten nie, und sie töteten im Laufe mehrerer Stunden eine Elfe nach dem anderen. Und je mehr dieser winzigen, eleganten Wesen fielen, desto schneller drangen Nuitors Ungeheuer gegen die Übriggebliebenen vor.

Und schließlich sah Tschuri mit Tränen in den Augen die letzte Elfe fallen.

Die Dämonen verschwanden so plötzlich, wie sie gekommen waren. Nach dem stundenlangen Toben und Brüllen herrschte mit einem Mal eine gespenstische Ruhe. Zitternd vor Aufregung und Angst, und doch zu allem entschlossen, erhob Tschuri sich und lief den Hügel hinab, um nach eventuellen überlebenden Elfen zu suchen und ihnen zu helfen. Doch viel Hoffnung machte sie sich nicht nach allem, was sie gesehen hatte.

Die ehemalige Elfenfestung bot ein Bild totaler Verwüstung. Die mächtigen verzauberten Bäume waren zu Kleinholz zerlegt worden. Tschuri sah an vielen Stellen den Boden glitzern. Es waren die Flügel der Elfen. Ihre Körper oder das, was noch davon übrig war, war auf größere Entfernung bei diesem Licht kaum zu erkennen, aber die zarten Flügel schillerten hell im Licht des Mondes. Tschuri zählte über 100. Und dann sah sie etwas, was vielleicht noch nie eines Sterblichen Augen zuvor erblickt hatten. Ein toter Lunaloc-Dämon, durch die Kraft der Elfen zur Hälfte zu einem Menschen zurückverwandelt, die andere Hälfte nach wie vor ein Ungeheuer.

Das Biest lag tot und mit zerschmetterten Gliedern auf dem aufgewühlten Boden. Angeekelt und fasziniert zugleich ging Tschuri näher, immer darauf bedacht wegzulaufen, falls das Ungeheuer doch noch am Leben war. Bei jedem Schritt quoll zwischen ihren Zehen schlammige Erde hervor, und Tschuri wollte gar nicht daran denken, daß der Schlamm wahrscheinlich nicht aus Wasser bestand, sondern aus Blut.

Vorsichtig, aber von unbändiger Neugier getrieben, inspizierte sie dann den halben Dämon und setzte vorsichtig einen Fuß auf seine Brust. Er war tot, ohne Zweifel. Doch dann entdeckte sie in seinen Klauen eine noch lebende Elfe. Tschuri kniete sich nieder und versuchte, den zerbrechlichen Körper der halb bewußtlosen Elfe aus den Krallen zu befreien, aber ohne ihre Hände war das gar nicht so einfach. Mit den Zähnen versuchte sie, die knolligen Finger aufzubiegen, doch die bewegten sich nur um Millimeter und schnappten sofort wieder in ihre Position zurück, sobald das Mädchen losließ.

Am Ende blieb ihr nichts Anderes übrig, als die Klaue mit ihrem Messer vom Arm zu trennen. Da Tschuri wußte, daß die Muskeln, die die Hände und Finger bewegen, hauptsächlich im Unterarm sitzen, versprach sie sich davon die Lösung. Es tat höllisch weh, als sie mit ihrer verbundenen linken Hand das Messer aus der Scheide zog. Gar nicht daran zu denken, damit zu arbeiten. Doch das Mädchen hatte noch eine andere Möglichkeit. Nicht nur der unbequemen Holzschuhe wegen hatte Tschuri eher selten Schuhe getragen. Ihre Füße waren von Natur aus geschickt, und Tschuri hatte sie gut trainiert. Also setzte sie sich vor den Arm und griff das Messer mit den Zehen des rechten Fußes, während sie mit dem linken Fuß den Unterarm des Dämons gegen den Boden drückte. Das Messer war sehr scharf, dennoch war es eine äußerst schwierige Arbeit. Ständig rutschte das Messer aus Tschuris schlammverschmierten Zehen, sodaß sie schließlich mit beiden Füßen zupackte und sich mit wütender Entschlossenheit durch Haut, Muskeln und Knochen durchhackte. Und sie hatte Recht. Als die Hand abgetrennt war, gab sie endlich nach. Mit geschickten Füßen pellte Tschuri die Elfe aus den Krallen, und nahm sie dann ganz vorsichtig heraus. Deutlich fühlte sie die Zerbrechlichkeit dieses erlöschenden Körpers. Sie legte die Elfe auf ihre verbundene Hand, hielt sie vor sich und hauchte sie an, um sie zu wärmen. Tschuri spürte, daß auch diese letzte Elfe dem Tode nahe war.

Neben ihr gab es ein schauriges Geräusch, und sie zuckte zusammen als sie sah, daß sich der menschliche Rest des Dämons nun, da die Elfe von ihm gewichen war, in den Lunaloc-Dämon zurückverwandelte. Aber er bleib tot. Darüber war das Mädchen sehr froh, denn es hätte nicht gewußt, wie es sich gegen dieses Biest hätte wehren sollen. Nachdenklich blickte sie auf das Messer, nahm es mit ihrem rechten Fuß hoch und betrachtete sinnierend die schlamm- und blutverschmierte Klinge. Eigentlich gar nicht schlecht, wie weit sie gekommen war, ohne ihre Hände benutzt zu haben. Sie versuchte sich vorzustellen, ob sie auf diese Weise auch hätte kämpfen können.

Da zirpte etwas. Die Elfe. Tschuri hob die Hand und betrachtete das arme Wesen aus der Nähe. "Es tut mir so leid, daß ich euch nicht helfen konnte", flüsterte sie traurig.

"Wer bist du?", piepste es mit schwacher Stimme an ihr Ohr.

"Ich bin Tschuri, eine Menschenfrau."

"Du bist ein gutes und tapferes Wesen. Aber daß du nicht in diesen Kampf eingegriffen hast, war sehr klug von dir." Die Stimme war so schwach, daß das Mädchen sie kaum verstehen konnte. So, wie sie jetzt die Elfe vor sich liegen hatte, hatte sie selbst noch vor wenigen Tagen vor der Weißen Prinzessin gelegen, völlig hilflos und dem Tode nahe. Nur daß sie gerettet worden war ...

Die Elfe sprach weiter: "Ich sehe in der Dunkelheit ein Licht leuchten, das Licht in deinem Herzen, Tschuri. Mit meiner letzten Kraft will ich dir dieses Licht dienstbar machen."

Ein greller Funkenregen ging plötzlich von der Elfe aus und traf Tschuris Kopf. Ihr wurde schwindelig und sie fiel hin. Die Elfe rutschte von ihrer Hand, aber es spielte für sie keine Rolle mehr: sie war tot. Dann durchströmte eine starke, wohlige Wärme Tschuris ganzen Körper. Und die Schmerzen, die die zahllosen Verletzungen und Verbrennungen an ihrem Körper hervorgerufen hatten, verschwanden. Auch ihre linke Hand tat nicht mehr weh, fühlte sich an wie neu. Aber das war noch nicht alles.

Verwundert sah Tschuri sich um, nachdem sich ihre Benommenheit wieder gelegt hatte. Es war heller geworden. Es war, als sei auf einmal die Sonne hervorgetreten. Verwundert sah sie sich um, bis sie endlich auf die Idee kam, mal nach oben zu blicken.

"Oh!", rief sie erstaunt, als sie erkannte, was da über ihrem Kopf schwebte. Es war eine helle Sphäre, etwa faustgroß, aus der strahlendes Licht sich nach allen Seiten ergoß.

Während Tschuri hineinblickte, wurde das Licht dunkler, schließlich erlosch es völlig, und die Sphäre verschwand.

"Licht!" Das Lichtgebilde war wieder da und versprühte sein warmes, helles Leuchten. Tschuri konzentrierte sich, und das Leuchten wurde heller und heller. Mehr und mehr Kraft steckte sie in den Lichtball, und bald war es, als wäre die Sonne selbst auf die Erde hinabgestiegen. Unglaubliche, gleißende, alles durchdringende Helligkeit erfüllte für einen kurzen Moment den Wald, dann wurde Tschuri durch die Überanstrengung ohnmächtig. Allerdings erholte sie sich rasch wieder. Ihre Zähigkeit war eine ihrer hervorstechenden Eigenschaften.

"Ich danke dir, liebe Elfe. Ich danke dir tausend Mal."

Frohgemut löste sie den Verband von ihrer Linken. Auch der gebrochene rechte Arm war geheilt. Jetzt konnte sie sich endlich wieder richtig nützlich machen und an der Seite ihrer Königin gegen die Dämonen kämpfen. Sie nahm das Messer auf und steckte es wieder in die Scheide. Es war ein erhebendes Gefühl, endlich wieder die Hände richtig benutzen zu können.

Und dann begrub Tschuri die Elfen. Alle, die sie fand.

Ihre Finger waren schwarz von blutdurchtränkter Erde, als sie endlich fertig war. Sie stand auf, verneigte sich ein letztes Mal vor den Toten, atmete tief durch und wollte gerade zu Phobos zurückkehren, der hier irgendwo in der Nähe sein mußte, als plötzlich vor ihr die Luft flimmerte. Und dann stand ER vor ihr

Sie hatte Calract nie gesehen, aber trotzdem wußte sie sofort, wen sie vor sich hatte. Seltsamerweise strahlte er nicht die böse Aura aus, die sie erwartet hatte. Doch die Stärke seiner Persönlichkeit nahm sie in ihren Bann.

Calract trat ein paar Schritte auf sie zu, musterte sie mit einem eigenartigen wölfischen Lächeln und sagte dann: "Vergiß, was Nuitor dir gesagt hat. Ich erwarte euch. Ich freue mich schon darauf, euch alle zu besiegen. Und diese arme Närrin Alessandra wird den Untergang ihrer lächerlichen kleinen Streitmacht erleben, bevor ich auch sie erledige." Er warf Tschuri noch einen Blick zu der bis in ihr Innerstes zu reichen schien, dann wurde er wieder unsichtbar und war verschwunden.


Eine Zeitlang zitterten Tschuris Knie so sehr, daß sie sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Ihre Gedanken wirbelten hektisch und ziellos durch ihren Verstand. Doch dann beruhigte sie sich wieder. Du willst kämpfen und brichst allein bei seinem Anblick zusammen. Was soll die Prinzessin von dir denken. Schäm' dich, Mädchen.

Entschlossen sprang sie auf, entzündete ihr Elfenlicht und fand wenig später Phobos in der Nähe der Stelle, wo sie ihn zurückgelassen hatte. Während sie noch ihre Hände betrachtete, ergriff sie automatisch mit ihrem linken Fuß den Steigbügel, stieß sich mit dem rechten ab, hatte das Bein übergeschwungen und saß im Sattel. Ihre Hände landeten auf dem Sattelknauf, während sie sich wieder mit den Beinen festhielt und das Pferd mit ihren Füßen lenkte. Sie mußte über sich selbst lachen, als sie dachte" Jetzt, wo meine Hände wieder einsatzklar sind, kann ich endlich die Stiefeletten anziehen, aber dann muß ich mir eine andere Technik zum Aufsteigen und Reiten suchen.

In flottem Galopp ging es dann zurück.


Alessandra war ganz aus dem Häuschen, als Tschuri endlich zurückkehrte. Sie überschüttete sie mit Fragen und Vorwürfen, doch als das Mädchen ausführlich erzählte, daß es Nuitor und Calract begegnet war, was diese gesagt hatten, und was sie schließlich mit den Elfen erlebt hatte, da schwiegen Alessandra, die Schwarze Hexe und Oktavia lange.

Schließlich ergriff die ehemalige Imperatrice als erste das Wort: "Unter diesen Umständen sollten wir ernsthaft darüber nachdenken, uns zurückzuziehen. Wenn Calract vorgewarnt ist und uns schon erwartet, dann haben wir keine guten Karten."

"Nuitor wird uns helfen, das spüre ich", murmelte Alessandra nachdenklich.

"Träumerin. Er ist ein gehorsamer Diener seines Herrn."

"Wie konnte er uns dann warnen?"

"Calract läßt ihn an der langen Leine. Moderner Führungsstil eben. Kann sogar sein, daß Nuitor dich wirklich noch liebt. Aber das wird dir trotzdem nichts nützen. Er kann nicht gegen seinen Herrn und Meister kämpfen, kapier' das doch!"

Doch das wollte Alessandra einfach nicht hören. Und so beschlossen sie weiterzuziehen, um irgendwie das Verhängnis abzuwenden und den Zauberer doch noch zu besiegen. Es war eine reine Verzweiflungstat, aber Alessandra gab die Hoffnung nicht auf.


Einige Zeit später - sie alle hatten längst jedes Zeitgefühl verloren - machten sie an einem fast ausgetrockneten Bach Rast. Alessandra und Oktavia schöpften das letzte Wasser heraus und versorgten die beiden Pferde und dann sich selbst.

"Ich sehe mal nach, ob weiter unten noch Wasser ist. Ich glaube, ich war schon mal in der Gegend. Damals war da ein See. Ich würde alles geben für ein Bad", verkündete Alessandra und machte sich dann davon. Eine Zeitlang waren noch ihre Schritte auf dem strohtrockenen Laub zu hören.

Tschuri war ebenfalls aufgestanden, um sich, wie üblich, ein bißchen umzusehen. Sie überlegte, ob sie Alessandra folgen sollte, denn auch sie hätte ein Bad bitter nötig gehabt. Wasser war in der Todeszone inzwischen sehr selten, und dementsprechend war das Mädchen nach den langen Tagen oder Wochen hier über und über mit Schmutz, Schweiß und getrocknetem Schlamm bedeckt. Sie hatte es nicht über sich gebracht, unter diesen Umständen ihre immer noch strahlend sauberen Stiefeletten anzuziehen. Etwas gedankenverloren schlich sie also durch das trockene Unterholz. Auf ihren samtenen Sohlen bewegte sie sich völlig lautlos. Rasch allerdings stellte sie fest, daß es hier nichts Aufregendes gab. Das war allerdings eine Fehleinschätzung, wie sie kurz darauf feststellen konnte. Sie machte sich auf den Rückweg und sah nun kurz vor dem Lager das Feuer, das die beiden Zurückgebliebenen entzündet hatten. Die beiden Frauen saßen mit dem Rücken zu ihr und sprachen leise miteinander. Tschuri blieb stehen. Was sie nun auf diese Weise zu hören bekam, gab ihr zu denken.

Die Schwarze Hexe sagte gerade: "Warum sagst du es ihr nicht einfach? Sie braucht dich. Wir haben so schon keine echte Chance gegen Calract, wenn der erst voll loslegt. Alessandra wäre nie so verrückt, dich wegzuschicken."

Oktavia schwieg lange, dann antwortete sie leise: "Ich kann nicht. Ob du's nun glaubst oder nicht, ich schäme mich." Sie wandte sich der Schwarzen Hexe zu, sah sie mit seltsam stechenden Blick an und fuhr fort: "Das Herz der Weißen Prinzessin ist rein und unbefleckt. Eine Kannibalin wie mich kann sie einfach nicht ..."

Doch die Schwarze Hexe machte nur eine verächtliche Handbewegung. Sie schien solche moralischen Skrupel nicht zu kennen. Natürlich nicht.

Tschuri wartete noch eine Zeitlang, dann schlich sie sich leise davon und kehrte dann aus einer anderen Richtung wieder zurück, wobei sie so viel Geräusch machte, daß die beiden Frauen sie schon von weitem hören konnten.

Später überlegte sie sich, ob sie Alessandra etwas von dem Gespräch berichten sollte. Sie entschied sich dagegen, denn im Grunde hatte sie keine echten Informationen, sondern nur eine Handvoll Vermutungen. Aber sie beschloß, Oktavia gut im Auge zu behalten.

Eine Stunde später kehrte Alessandra zurück. Es war, als hätten die Lunaloc-Dämonen nur darauf gewartet. Eine Horde von ihnen kam plötzlich aus dem Wald hervorgestürmt und griff an. Die Schwarze Hexe hatte zwar keine Mühe, sie sich vom Hals zu halten, aber das Lagerfeuer geriet fast außer Kontrolle, und am Ende waren die vier Frauen mehr mit dem Löschen des sich ausbreitenden Waldbrandes als mit dem Kampf gegen die Ungeheuer beschäftigt.

Sie schafften es am Ende, doch von nun an wurde die Reise schwierig. Sie standen unter ständiger Beobachtung durch Lunaloc-Dämonen. Meist sah man sie nicht, aber sie waren da. Und niemand konnte wissen, wann sie den Angriffsbefehl erhalten würden. Die Schwarze Hexe konnte sie zwar leicht abwehren, was wahrscheinlich der Grund war, warum sie noch nicht über die vier hergefallen waren, aber ihr ständiges Lauern zehrte an den Nerven. Alessandra und ihre drei so verschiedenen Begleiterinnen beeilten sich daher, den Ort, an dem sie Calract vermuteten, so schnell wie möglich zu erreichen.

Irgendwann, es konnte nicht mehr weit bis zum Ziel sein, griff eine Horde Dämonen an, als die Schwarze Hexe gerade unterwegs war. Doch diesmal war es Tschuri, die die Ungeheuer mit ihrem Elfenlicht blendete, so daß Alessandra sie mit dem Schwert einen nach dem anderen töten konnte.

Und dann erreichten sie endlich den kleinen Berg. Den Berg, auf dem Alessandra - wie sie damals geglaubt hatte - den Teufel Calract getötet hatte. Genau dieser Berg, damals durch den Eisschirm genau halbiert, war nun sein Hauptquartier.

Schon von weitem konnte man sehen, daß der Eisschirm, der damals die Kuppe des Hügels genau in der Mitte geschnitten hatte, nun an seinem südlichen Fuß verlief. Auf dem Hügel stand ein surrealistisch anmutendes, großes Holzgebäude, daß sich Calract wahrscheinlich von seinen Dämonen hatte bauen lassen.

"Ob er weiß, daß wir kommen?", fragte Alessandra unsicher. In den letzten Stunden war es verdächtig ruhig gewesen. Ihre Hand lag auf dem Griff ihres Schwertes, als sie sich zusammen mit der Schwarzen Hexe und Oktavia an den Hügel heranschlich. Tschuri hatten sie bei den Pferden zurückgelassen, und eigentlich hatte Alessandra auch das Mädchen Oktavia dort lassen wollen, aber dieses hatte mit Nachdruck darauf bestanden, an dem Einsatz teilzunehmen: "Du wirst sehen, ohne mich könnt ihr es nicht schaffen." Alessandra hatte protestieren wollen, doch als sie das nachdenkliche Nicken der Schwarzen Hexe gesehen hatte, hatte sie nachgegeben. Es war ihr schon früher aufgefallen, daß Oktavia ein Geheimnis hatte. Nun würde sie wahrscheinlich bald erfahren, was es damit auf sich hatte.

"Los, weiter. Für solche Überlegungen ist es jetzt zu spät", zischte die Schwarze Hexe.

Doch zu ihrer Überraschung drangen sie ohne Widerstand in das merkwürdige Haus ein.

"Was nun?", fragte Alessandra. Weit und breit war kein Lebewesen zu sehen.

"Wir müssen Calract finden und besiegen", antwortete die Schwarze Hexe. "Ich würde vorschlagen, du suchst inzwischen die Mondquelle. Wenn du sie irgendwie außer Betrieb nehmen kannst, haben wir schon so gut wie gewonnen." Sie nickte Oktavia zu: "Los, gehen wir."

"Moment. Ich will jetzt endlich wissen, was diese Geheimnistuerei soll", sagte Alessandra wütend.

Oktavia blickte sie lange und traurig an. Dann sagte sie: "Willst du das wirklich wissen?" Dann drehte sie sich einfach um und folgte der Schwarzen Hexe.

Verwirrt blieb Alessandra noch einen Moment stehen, dann schlich sie durch einen anderen Gang davon.

Das Innere des Hauses war hell erleuchtet, wenngleich man keine Fackeln oder Kerzen sehen konnte. Das Licht war einfach da.

Alessandra drückte vorsichtig eine schwere, mit Schnitzereien verzierte Holztüre auf. Im lautlosen Öffnen solcher Türen war sie schon immer besonders gut gewesen. Erstaunt weiteten sich ihre Augen, als sich das Innere des Raumes ihren Blicken offenbarte. Es war eine Art Künstler-Atelier und damit sicher das letzte, was die Prinzessin an diesem Ort erwartet hätte. Staunend trat sie ein. An den Wänden hingen nur wenige fertige Bilder, offenbar wurde hier noch nicht lange gearbeitet. Alessandra trat näher an eines heran, das schon fertig war. Es zeigte eine bunte Blumenwiese am Rande einer hügeligen Landschaft. Auf der Wiese, dem Betrachter zu dreiviertel abgewandt, kniete ein kleines Mädchen und pflückte Blumen. Es war eine schöne, friedfertige Szene, meisterhaft ausgeführt. Man glaubte fast, den Duft der Blumen riechen zu können, so realistisch sahen sie aus. Unten trug das Bild eine Signatur: C.V.C.

... liegt eine Urkunde vor, daß der Berg an einen gewissen C.V.C. verkauft wurde für die sagenhafte Summe von einer Million Golddublonen ...

C.V.C. Konnte es sein? Es war ganz offensichtlich, daß das erste C. für Calract stand. Aber wie konnte ein so teuflisches Wesen etwas so schönes und Harmonisches wie dieses Bild erschaffen?

Alessandra betrachtete das daneben hängende Bild. Es zeigte sie selbst, wie sie gerade dabei war, ihr Schwert gegen Calract zu schleudern. Gemalt war es aus Calracts Perspektive. Im Mittelpunkt dieses ebenfalls meisterhaften Werkes schwebte leuchtend die Mondquelle über Calracts ausgestreckter Hand. Darum herum gruppiert waren Horden von Dämonen, jeder liebevoll bis ins letzte Detail durchgearbeitet. Sie selbst stand am Rande der Leinwand, aber doch wurden durch die geniale Komposition des Bildes alle Blicke schließlich an diese Stelle gelenkt.

Wenn Calract wirklich diese Bilder gemalt hatte, dann war er einer der größten Meister der letzten Jahrhunderte.

Er hat sich mit mir beschäftigt. Dies verunsicherte Alessandra sehr. Was für einen Gegner hatte sie da vor sich?

Sie lehnte ihren Bogen gegen die Wand und schlich sich mit gezücktem Schwert weiter.

Kurz darauf hörte sie ein leichtes Schaben und lugte vorsichtig um die Ecke. Ihr Atem blieb stehen, als sie IHN sah. Er stand vor einer hohen Leinwand und hatte einen Pinsel in der Hand. Nachdenklich musterte er sein Bild, das Alessandra von ihrer Position aus nicht erkennen konnte. Dann legte er den Pinsel weg und drehte sich zu ihr um.


12. Kapitel - Die Eiserne

Der Hund war der Duftspur gefolgt und dann in die Falle gestürzt, die Hotaru gegraben hatte. Unten hatte sie angespitzte Stäbe in den Boden gesetzt, und auf diesen hatte der Hund sich aufgespießt. Hotaru kniete oben, am Rand der Grube, und sah zu, wie der Hund langsam starb. Der Hund hieß Tuko und gehörte den Walters, ihren Nachbarn, wenn man das so nennen konnte, denn Hotarus Familie war in ihrem Dorf allenfalls noch geduldet, und richtige Nachbarn hatten sie eigentlich schon lange nicht mehr.

Hotaru haßte sie alle und sie stellte sich vor, wie die Dörfler statt des Hundes dort unten aufgespießt hingen und jammernd verbluteten. Dann stellte sie sich vor, wie sie selbst dort unten diesen grausigen Tod starb, und sie wünschte sich, daß dann niemand dabei war. Wenn sie sterben mußte - sie dachte oft an ihren Tod - dann wollte sie alleine sterben. Es gab keinen Menschen, der ihr etwas bedeutet hätte. Ihr Vater Gernot war in ihren Augen ein Schwächling, im Grunde gutmütig, aber ein Suchtspieler und Säufer, der das bißchen Wohlstand, daß sie sich hätten erarbeiten können, sofort wieder durchbrachte. Wenn er betrunken war, schlug er seine Familie, ausgenommen Hotaru, denn die war einmal mit einem glühenden Schürhaken auf ihn losgegangen, und hätte sich nicht ihre Mutter dazwischengeworfen, dann wäre ihr Vater jetzt wahrscheinlich tot. Ihre Mutter hatte davon eine böse Narbe behalten, die ihr Gesicht entstellte. Wenn Gernot betrunken war, dann beschimpfte er sie deswegen als häßliche Hexe. Für Hotaru war es erschütternd zu sehen, wie ihre Mutter alles hinnahm, ohne auch nur den Versuch zu machen sich zu wehren. Hotaru verachtete auch ihre Mutter.

Sie hatte Geschwister. Neun oder zehn oder so. Ein paar waren abgehauen, einer saß im Folterturm, weil er im Suff einen Mann niedergeschlagen hatte. Ihre älteste Schwester schaffte im weit entfernten Manako an. Hotaru war längst alt genug um den Sinn dieses Satzes zu verstehen.

Wieder beugte sie sich vor, um den Hund zu beobachten. Jetzt lief ihm Blut aus Maul und Nasenlöchern, sein Schwanz zuckte unkontrolliert, und er kämpfte röchelnd um jeden Atemzug. Hotaru hoffte, daß er noch eine Zeitlang lebte. Sie wollte nicht, daß er jetzt schon starb. Tuko war ein freundlicher, gutmütiger Hund gewesen. Hotaru hatte ihn nie leiden können und hatte ihn oft gequält, aber er hatte es ihr nie übelgenommen. Deswegen verachtete sie ihn. Wer Schläge einsteckte, ohne sich zu wehren, war ein erbärmlicher Schwächling.

Sie betrachtete nachdenklich ihre bloßen Arme. Sie waren übersät mit gerade einigermaßen verheilten Striemen und grünen und blauen Flecken. Vorige Woche hatte man sie aus dem Verließ freigelassen, in das man sie wegen Diebstahls gesteckt hatte. Ihr Vater hatte sie abgeholt und sie dann Zuhause halbtot geschlagen. Es war etwas Anderes. Sie hatte diesmal keinen Schürhaken gehabt, und Gernot war nüchtern gewesen. Und verdient hatte sie es auch. Sie wußte, daß Diebstahl schlecht war. Daß sie schlecht war. Ohne eine Chance, je im Leben etwas Positives zu tun oder zu bewirken.

Sie war Abschaum, Tochter von Abschaum, und wenn sie Kinder haben würde, würden auch diese Abschaum sein.

Einem plötzlichen Impuls folgend begann sie, die Erde in die Grube zurückzuschaufeln. Tuko jaulte leise auf. Er war nur ein dummer Hund, aber er wußte, was ihm geschah. Gerne hätte Hotaru ihn heraufgeholt und gestreichelt, ihr Gesicht von seiner warmen, rauhen Zunge lecken lassen.

Statt dessen schaufelte sie weiter Erde in das Loch. Das letzte, was sie von Tuko sah, waren seine flehenden braunen Augen. Dann verschwand er unter der dunklen Erde und erstickte.

Hotaru füllte das Loch vollständig auf und richtete es so her, daß niemand merken würde, daß hier ein Loch gewesen war. Sie würden trotzdem alle ihrer Familie die Schuld geben, sobald Tukos Fehlen auffiel.

Hotaru stand auf. Sie sah an sich herab. Sie trug uralte, zerschlissene Kleider und Sandalen, die so oft schon geflickt waren, daß man sie nur noch mit gutem Willen als eine Art Schuhwerk bezeichnen konnte. Hotaru schämte sich nicht arm zu sein, sie schämte sich schwach zu sein. Langsam ging sie durch den lichten Wald zurück. Das Dorf Kitsai lag zwei oder drei Kilometer südlich, und sie hatte die Schwarzen Berge am Horizont vor sich, als sie lief. Manchmal dachte sie an den Schwarzen König, der dort hausen sollte. Grausam und mächtig sollte er sein. Hotaru bewunderte ihn, und sie schwor sich, ihn eines Tages aufzusuchen und ihm ihre Seele zu verkaufen, wenn er sie dafür stark machte. Eines Tages, wenn sie älter war ...

Plötzlich war ein seltsames Knistern in der Luft, wie vor einem Gewitter. Aber es war keine Wolke am Himmel zu sehen an diesem warmen Herbsttag. Die Luft um Hotaru begann zu flimmern, dann erschien ein Regenbogen - ganz schwach sichtbar nur. Und aus diesem Regenbogen, der sich zu einem Tor formte, trat ein Wesen hervor, daß das Mädchen sofort in seinen Bann schlug. Hotaru blieb stehen und starrte das Geschöpf an. Und wenn nun das Ende ihres Lebens gekommen sein sollte - an der Seite dieses engelsgleichen Jünglings würde sie gerne ihr Leben geben.

Der Engel trat vor sie hin. Er bewegte sich voller Anmut und Sicherheit. In einer Hand hielt er eine Art Hellebarde, deren Doppelschneide überirdisch glitzerte. Man konnte Felsen damit spalten.

Der Jüngling hatte goldblondes, knapp schulterlanges Haar, ein makelloses, weiches Gesicht und entschlossene, blaugraue Augen, in denen Hotaru einen so seltsam vertrauten Zug von Grausamkeit zu erkennen glaubte. War dies ihr anderes Ich? Ihr schönes, himmlisches Spiegelbild?

Mit heller, entschlossener Stimme sprach der Engel aus dem Regenbogen zu ihr folgende Worte: "Hotaru Katare. Großes ist dir bestimmt, aber auch großes Leid. Bewahre dein Leben gut. Und vergiß mich nicht."

Dann drehte er sich in einer unvergleichlich eleganten, fließenden Bewegung um und trat wieder durch das Regenbogentor, daß sich hinter ihm schloß.

Hotaru träumte jede Nacht von ihm. Als man ihr eines Tages wegen fortgesetzten Diebstahls die rechte Hand abhackte, da waren ihre Gedanken ebenfalls bei ihm.

*

Calract drehte sich in aller Ruhe zu Alessandra um und legte Pinsel und Staffelei aus der Hand. Dann brach die Hölle auf Erden los. Alles lief so schnell ab, daß sich Alessandra später nur noch an einzelne Szenen erinnerte. Zumindest eins war klar: Nur ihren phänomenalen Reflexen verdanke sie es, daß sie den ersten Angriff überhaupt lebend überstand. Mit Calract ging im Bruchteil einer Sekunde eine dramatische Veränderung vor sich. War er eben noch der nachdenkliche Künstler gewesen, so verwandelte er sich einen Augenblick später in eine fürchterliche Kampfmaschine. Seine Muskeln spannten sich, sein Gesicht bekam etwas raubtierhaftes, dann riß er die Hand hoch und schleuderte einen Energiestrahl verheerender Stärke auf die Weiße Prinzessin.

"HAAA!"

Doch da stand Alessandra bereits nicht mehr an der Stelle. Blitzschnell war sie zur Seite gesprungen und rollte sich nun hinter eine Säule in Deckung.

Da brach mit einem ohrenbetäubenden Knall die seitliche Tür auf, und wie eine Rachegöttin schoß die Schwarze Hexe in den Raum, um sich Blitze und Verderben streuend. Neben ihr schwebte Oktavia, mit der eine schreckliche Verwandlung vorging. Zuerst flimmerte nur die Luft um sie herum, als wäre sie stark erhitzt worden, dann bildeten sich Feuerringe um ihre Beine, Arme und den Leib. Und darin verwandelte sich das junge Mädchen Oktavia in die menschenfressende Hexe vom Achten Weg, eine walkürenhafte, mit Reißzähnen und einem mächtigen Fang bestückte Frau mit Raubtieraugen und geschlitzten Pupillen. "Ja, jetzt weißt du es, Alessandra!", schrie sie. "Ich bin es, die verabscheuungswürdige Kannibalin. Aber jetzt ist es zu spät, jetzt kannst du mich nicht mehr wegschicken. Jetzt kämpfen wir Seite an Seite gegen den daaa ..." und aus ihren Fingern fuhren glühende Flammenstrahlen gegen den Führer der Lunaloc-Armee. Die Energie-Entfaltung war so verheerend, daß das halbe Gebäude explodierte und den Wald ringsum sofort in Brand setzte.

Dennoch drängten sich die Drachen und sonstigen Lunaloc-Dämonen ohne zu zögern in die Überreste der Halle, und es entbrannte ein furchtbares Gemetzel. Hoch über allen schwebte Coco wie ein Racheengel. Doch ihre merkwürdige Fähigkeit, anderen Wesen den Angriffswillen zu nehmen, versagte hier. Zu sehr waren alle schon im Kampf verstrickt, außerdem konnte sie gegen die starke Magie der beiden Hexen nichts ausrichten. Um so fanatischer feuerte sie dafür ihre Dämonenarmee mit Kampfschreien an. Calract hingegen hielt sich auffallend zurück. Meist wich er nur den Strahlen und Blitzen der beiden Hexen aus und hielt nur selten dagegen. Alessandra kannte den Grund: Seine Kräfte waren gebunden durch den Druck, den er auf den Eisschirm ausübte. Wenn Calract losließ, dann würde der Schirm an seine ursprüngliche Position zurückspringen, und die Arbeit der letzten Wochen wäre verloren. Dafür aber würde in diesem Falle seine geballte Macht freiwerden für den Kampf. Die Prinzessin hoffte, daß es nicht dazu kam.

"Da unten!" schrie Coco. "Dort, meine Brüder und Schwestern. Die verabscheuungswürdige Weiße Prinzessin!" Die klare, tragende Stimme dieses zerbrechlichen Wesens durchdrang mühelos den Schlachtenlärm. Dutzende von Augen richteten sich auf die Stelle, auf die Coco zeigte. Alessandra, die eben noch in einer recht guten Deckung gelegen hatte, sah sich nun im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von zig Dämonen. Aufspringen und das Schwert ziehen waren eins. Sie stürzte sich auf den nächsten Dämon und nutzte den Umstand aus, daß die meisten anderen sich gegenseitig im Weg standen. Unter ihren wilden Schwerthieben fiel das Ungeheuer nach wenigen Sekunden. Alessandra sprang instinktiv zur Seite, rollte sich ab, kam unter einen anderen Dämon heraus und durchbohrte ihn von unten. Weiter, Hieb um Hieb austeilend, gelang es ihr schließlich, die Dämonen zurückzutreiben. Viele waren tot oder verwundet, die übrigen bekamen langsam Respekt vor der Prinzessin, die so gut kämpfen konnte. Dennoch wäre sie früher oder später der Übermacht erlegen. Doch da befahl Coco die Dämonen zurück und landete vor Alessandra.

"Nur ich gegen dich!", rief sie haßerfüllt, zog ihr zierliches Schwert und stürzte sich mit einem wilden Kampfschrei auf die Prinzessin.

Alessandra hätte nicht gedacht, daß diese zierliche Dämonin sich als so zäher Gegner erweisen würde. Außerdem machte Coco von ihren hervorragenden Flugfähigkeiten und ihrer übermenschlichen Schnelligkeit ausgiebig Gebrauch. Feurige Farbmuster huschten über ihre vier Flügel, während sie erbittert auf die Prinzessin einschlug. Die umstehenden Dämonen bildeten dabei eine Arena und wichen zurück, wenn die Kämpferinnen sich ihnen näherten. Wild flatternd hieb Coco auf Alessandra ein und drängte sie Schritt um Schritt zurück. Diese wehrte sich tapfer, doch es ging unaufhaltsam gegen die Wand. Und dort hatte Alessandra dann erheblich weniger Spielraum, ihrer fliegenden Gegnerin auszuweichen. Doch noch ein anderes Problem, von dem Alessandra allerdings nichts wußte, lauerte dort hinter einem Mauervorsprung: Tetys mit einem Dolch in der Hand.


Tschuri dachte keine Sekunde lang daran, bei den Pferden zu bleiben und ihre Prinzessin alleinzulassen. Kaum waren die Drei außer Sicht, schlich sie ihnen hinterher. Weit kam sie allerdings nicht. Hinter einem Baum kam ein Dämon hervorgesprungen und stellte sich ihr in den Weg. Von den Seiten näherten sich weitere dieser Kreaturen. Für das Mädchen sah es nicht gut aus. Ein Kampf mit ihrem Messer als einziger Waffe war von vornherein aussichtlos, blieb also nur noch das Elfenlicht. Tschuri holte tief Luft, und als die Dämonen ganz nahe heran waren, ließ sie über ihrem Kopf eine sonnenhelle Lichtsphäre entstehen.

Die Dämonen schrien und brüllten gepeinigt auf. Sie hatten in den letzten Wochen nie etwas anderes als das trübe Mondlicht zu sehen bekommen und waren jetzt völlig geblendet. Tschuri schlüpfte zwischen den orientierungslos herumtaumelnden Ungeheuern hindurch und rannte den Hügel hinauf. Dort hatte inzwischen die große Schlacht begonnen. Alle Dämonen waren mit dem erbarmungslos geführten Kampf gegen die beiden Hexen beschäftigt, so daß Tschuri sich vorsichtig nach Alessandra umsehen konnte. Schließlich entdeckte sie sie inmitten eines Ringes aus Dämonenleibern in einem verzweifelten Kampf gegen einen Schmetterling. Hilflos mußte das Mädchen zusehen, wie Coco die Prinzessin vor sich hertrieb. Alessandras Kampf gegen diesen geflügelten Gegner, der sich so schnell bewegte, daß das Auge kaum folgen konnte, war nicht mehr als eine Abwehrschlacht. Coco gelangen sogar mehrere Treffer, doch diese wurden funkensprühend von Alessandras Eisenrüstung aufgehalten. Alessandra stand nur noch zwei Schritte vor der Wand, heftig atmend und mit dem Schwert die fanatisch von oben angreifende Feindin abwehrend. Da klappte Coco ihre Flügel zusammen, fiel wie eine Katze zu Boden, federte wieder hoch, machte eine Dreivierteldrehung in der Luft und landete mit ihren Füßen auf Alessandras Brustpanzer. Die Wucht dieses Trittes beförderte die Prinzessin in hohem Bogen gegen die Wand. Sie verlor das Gleichgewicht und rutschte zu Boden.

Mein Bogen!

Instinktiv griff sie danach, doch da erschien ein dunkler Schatten über ihr.

"Vorsicht, Alessandra. Eine Falle!" Es war die helle Stimme Tschuris, die Alessandra im letzten Moment warnte.

Wieder ging alles unglaublich schnell. Alessandra griff nach ihrem Bogen und rollte sich ab. An der Stelle, wo sie einen Sekundenbruchteil zuvor noch gelegen hatte, fuhr der Stahl von Tetys´ Dolch in den Steinboden und hinterließ eine funkensprühende Spur. Ein grelles Licht blendete den Dämon - Tschuris Elfenlicht - und Alessandra nutzte diese Sekunde. Sie spannte den Bogen, zielte auf den Schatten und schoß. Ein gellender, hoher Schrei erscholl. Tetys hatte sich geblendet die Hand vor die Augen gerissen, und an dem Dolch, den er immer noch in der Hand hatte, war Alessandras Pfeil abgelenkt worden und hatte Coco getroffen.

Etwas fiel vor Alessandras Füße: Coco. Der Pfeil hatte genau ihr Herz durchbohrt.

"Tschuri!", schrie die Prinzessin.

"Flieht, meine Königin! Flieht! Ich halte sie solange auf."

Tschuri sprang mitten unter die Dämonen. Alessandra dachte nicht daran, sie allein zu lassen, doch plötzlich war neben ihr die Schwarze Hexe und zerrte sie einfach mit sich.

"NEIIIIN! Tschuri!" Das letzte, was Alessandra von dem Mädchen sah war, wie es unter einem Berg sich windender Dämonenkörper begraben wurde. Dann erlosch ihr Elfenlicht.


Ein Flammenstrahl Oktavias traf Calract am Bein, und er schrie wütend und empört auf. Überall lagen die Überreste halb verbrannter Dämonen. Seine Kinder zeigten sich den beiden Hexen nicht gewachsen. Es blieb nur er selbst ...

Calract biß die Zähne zusammen, bis es knirschte. Eine kochende, flammende Wut erfüllte ihn. Die Arbeit vieler Wochen war umsonst ... und dann ließ er den Eisschirm los.

"HAAAA!"

Die Hexe vom Achten Weg wurde voll getroffen. Sie war auf Kernschußweite an Calract herangegangen, um ihm den Rest zu geben, doch nun erwischte statt dessen er sie voll. Als das tosende Glühen erlosch, war von der Hexe nichts mehr zu sehen.

Tetys stürzte sich auf Tschuri und wischte sie mit seiner Pranke einfach weg. Hart pralle das Mädchen gegen einen Pfeiler und schrie vor Schmerzen auf, als einige Rippen mit einem widerlichen knackenden Geräusch nachgaben. Doch so schnell gab Tschuri sich nicht geschlagen. Sie sprang wieder auf, doch nur, um von einem erneuten Schlag von einem der Dämonen zu Boden geschleudert zu werden.

Dann war Tetys über ihr und legte seine Klaue um ihren Hals. Mühelos zog er sie hoch, bis ihr langsam blau anlaufendes Gesicht auf der Höhe des seinen war. Sein Neandertalergesicht zeigte blanke Mordlust. Langsam drückte er zu.

Tschuri wurde ganz ruhig. Sie hatte nur noch ein paar Sekunden, und sie wußte das ganz genau. Sie schloß die Augen, dann erschien auf ihren Lippen dieses zuversichtliche und gleichzeitig scheue Lächeln, das schon so vielen Menschen den Tag erhellt hatte. Und dann entzündete sie zum letzten Mal mit aller Kraft das Elfenlicht.

Das Brüllen und Kreischen der Dämonen hörte sie nicht mehr bewußt. Auch, daß sie hart auf dem Boden aufschlug, nahm sie nicht mehr war. Stille herrschte, ein wunderbare, friedvolle Stille. Und dann Dunkelheit.

Plötzlich berührte sie etwas an der Schulter, ein greller Blitz durchzuckte sie, und dann flutete das Leben in sie zurück.

Das muß der Himmel sein, und Gott hat mich zu sich geholt.

Tschuri lächelte, dann öffnete sie ihre schönen, großen Augen, die im Licht des Gebäudes tief blau strahlten, und sah Calract vor sich. Seine Hand leuchtete, und Lebensenergie floß von ihm auf sie über.

Tschuri war in diesen Sekunden zu keinem Gedanken und keinem Gefühl fähig. Sie war wie erstarrt, als sei sie jemand anderes, der neben ihrem Körper stand und der ganzen Szene unbeteiligt zusah.

Calract sagte: "Ich habe schon viele sterben sehen. Aber nie sah ich dabei jemanden lächeln. Du sollst leben und mir als Waffe gegen Alessandra dienen."

Er ließ sie los. Tschuri war völlig verwirrt. Orientierungslos blickte sie umher. War sie jetzt tot? Vielleicht wäre das besser gewesen, als IHM in die Hände zu fallen. Alessandra war fort, auch die beiden Hexen, doch ...

Die Luft begann wieder zu flimmern, dann entstanden Feuerringe, die die Kontur eines menschlichen Körpers nachbildeten. Darin materialisierte sich - niemand anderes als Oktavia. Sie schrie: "So schnell bin ich nicht aus der Form zu bringen!" Blitzschnell sprang sie zu Boden, stürzte sich auf den nächst besten herumliegenden Lunaloc-Dämon, und dann riß sie ihr mächtiges Raubtiergebiß weit auf und biß ein riesiges Stück Fleisch aus dem toten Körper. Ihre Raubtieraugen sprühten geradezu vor Energie, als sie in Sekundenschnelle den halben Dämon mit den Zähnen zerfetzte und verschlang. Selbst Calract war fassungslos.

"Und jetzt stirb, du Ungeheuer!" schrie sie ihm mit blutverschmiertem Mund entgegen.

Der Strahl traf Calract voll. Er war so kraftvoll und heiß, daß alles brennbare Material in der Nähe sofort Feuer fing. Die Hexe vom Achten Weg verfügte über eine Feuerkraft, die atemberaubend war. Dennoch konnte sie keinen Erfolg erzielen. Calracts Mondquelle war viel stärker. Der Herrscher von Lunaloc reflektierte den Strahl zurück, und je mehr sich Oktavia verausgabte, um so mehr geriet sie dabei selbst in Bedrängnis. Doch sie gab nicht auf. Tschuri verkroch sich in die Ecke, denn der Boden begann langsam zu glühen. Und dann, mit einem ohrenbetäubenden Schrei, schoß eine letzte Flammenwand auf Calract zu und hüllte ihn ein.

"HAAAAAAAA!"

Aus dem Feuer heraus traf der Strahl die Hexe vom Achten Weg. Tschuri konnte nicht erkennen, was mit ihr geschah, denn Rauch, Blitze und Flammen nahmen ihr die Sicht, und die grellen Feuer hatten sie geblendet. Doch als die Feuerwand um Calract erlosch, da war Oktavia verschwunden. Nur glühende Asche lag überall herum.

Calract sah sich um. Er war sichtlich erschöpft, machte aber ein zufriedenes Gesicht. Langsam ging er auf Tschuri zu. Diese, immer noch am Boden, kroch weg, bis sie gegen eine Wand stieß und nicht mehr weiterkam. Calract trat vor sie hin und hockte sich dann ab. "Hast du Angst, daß ich dich jetzt noch töte, nachdem ich dir gerade eben das Leben geschenkt habe?" Er lächelte dieses unnachahmliche wölfische Lächeln, das Alessandra nur zu bekannt vorgekommen wäre. Er musterte das Mädchen. Tschuris Kleider waren zum großen Teil zu Asche zerfallen, ihre Haut von der Hitze des Feuers versengt. Auf ihren Sohlen und Handflächen hatten sich Brandblasen gebildet, und sie litt offensichtlich große Schmerzen. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte sie, etwas zu sehen, konnte aber nur verwaschenen Schatten erkennen.

Calract fuhr fort: "Wie es aussieht, wirst du diesen Angriff als einzige überleben. Die Hexe vom Achten Weg gibt es nicht mehr, und den beiden anderen nutzt ihre Flucht auch nichts. Gleich werde ich mich um sie kümmern. Daß Alessandra Coco getötet hat, verzeihe ich ihr nicht. Und die Schwarze Hexe mit ihren billigen Tricks wird ebenfalls vom Erdboden getilgt. Sie hat mich lange genug belästigt." Er erhob sich mit einer kraftvollen, eleganten Bewegung. Gerade wollte er sich abwenden, als er Tschuris Hand an seiner Hose spürte.

"Bitte, Herr. Macht mit mir, was ihr wollt, aber verschont die Prinzessin. Ich gehöre Euch und tue alles, was ihr verlangt, wenn Ihr ihr Leben schont."

Der Herr über Lunaloc fuhr überrascht herum. Lange lagen seine Blicke in den erloschenen Augen Tschuris. Sie konnte ihn nicht mehr sehen, aber seine Wut und seine Macht geradezu körperlich spüren, und sie war entschlossen, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen, um ihrer über alles geliebten Königin das Leben zu retten.

Als sie Calract spöttisches Lachen hörte, glaubte sie verloren zu haben. Doch er sagte: "Das bringt mich auf eine gute Idee." Dann fing er an, dröhnend zu lachen.

"Was ist daran so komisch", fragte das Mädchen empört.

"Du wirst meine Sklavin, und ich werde Alessandra los, ohne noch einen weiteres meiner Kinder opfern zu müssen."

Dann verschwand er.


Es wurde für Alessandra und die Schwarze Hexe eine harte Flucht. Calract war ständig in ihrer Nähe und griff pausenlos an - nur Nadelstiche zwar, aber im Grunde erwarteten die Fliehenden jederzeit den Fangstoß. Dazu kamen die Attacken der Dämonen. Die Pferde waren längst tot oder davongelaufen, und so mußten die beiden Frauen zu Fuß flüchten.

"He Prinzessin!" rief Calract ihr zu, als er mal wieder in der Nähe erschien. Er spielte Katz' und Maus mit den beiden. "Ich habe Tschuri. Ja, sie lebt und ist meine Geisel. Wenn du mir noch mal in die Quere kommst, dann wird das Mädchen dafür bezahlen. Denk' nach. Erreichen kannst Du sowieso nichts gegen mich. Mehr als eine Störung hast du nicht erreicht, dafür aber zwei deiner Leute verloren!"

Dann verschwand er wieder. Dafür tauchten ein paar Dämonen auf und warfen mit Speeren und Felsbrocken nach den beiden Fliehenden.

"Warum verwandelst du uns nicht in Vögel?", fragte Alessandra die Schwarze Hexe.

"Das geht hier nicht. Es ist Calracts Land. Nur wenn wir irgendwo in die Sonne kommen, könnten wir fliehen."

Wieder mußten sie einem Angriff ausweichen. Sie sprangen in den nächsten Graben, krochen davon und flohen dann tiefer in die sterbenden Wälder. Es war kalt, trocken und stickig. Der Atem des Todes hing über dem Mondland. Calracts Atem. Und plötzlich stand wie ein Geist Isini vor ihnen!

Alessandra war sprachlos. Doch für lange Begrüßungen war keine Zeit.

"Schnell. Kommt mit mir!" Isinis zerrte Alessandra und die Schwarze Hexe mit sich. Es ging über Stock und Stein, schließlich standen sie in einer tiefen Schlucht. Rings herum waren die Dämonen auf der Suche nach ihnen, und es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie sie wieder fanden.

"Eine feine Falle ist das, in die du uns da geführt hast!", zischte die Schwarze Hexe böse. Auch sie war am Ende ihrer Kräfte.

"Wartet. Gleich." Auf dem Gesicht der Schwarzen Königin zeichnete sich äußerste Konzentration ab. "Noch ein paar Sekunden ... Jetzt!"

Und dann tauchte ein Sonnenstrahl die Schlucht in helles Tageslicht. Triumphierend sah Isini die beiden anderen an. "Rasch jetzt!"

Die Schwarze Hexe schaltete schnell. Sie verwandelte alle in Vögel, sich selbst in einen Adler, Alessandra in eine weiße Ganz und Isini in eine Ente, worüber diese ziemlich empört war. Doch viel Zeit zum Protestieren blieb nicht. "Wohin fliegen wir denn?"

"Zum Octavius-Meer."

*

Nachdenklich sah Calract den drei Vögeln nach.

Aramus. Verfolge sie. Und berichte mir dann.

Einer seiner geflügelten Dämonen erhob sich auf seinen vier ledrigen Schwingen in die Lüfte und nahm die Verfolgung auf.


Calract kehrte zu Tschuri zurück.

"Und nun zu Dir, mein hübsches Opfer."

Tschuri war in eine Art Trance verfallen, schreckte aber auf, als Calract seine Worte an sie richtete. Zugleich durchzuckte sie der Schmerz ihrer gebrochenen Rippen und ihrer schlimmen Brandverletzungen. Sie stöhnte leise. Und was war ihr Leben jetzt noch wert? Was hatte der Teufel mit ihr vor? Immerhin konnte sie wieder einigermaßen sehen. Die Helligkeit der feurigen Gefechte hatte ihre Netzhäute zum Glück nur vorübergehend betäubt.

Calract ließ sie nicht lange über seine Pläne im Unklaren: "Leider habe ich meine Arbeit am Eisschirm wegen dieses Angriffs abbrechen müssen. Die Arbeit der letzten Wochen war für die Katz'. Aber einen Vorteil hat es doch: ich bin jetzt hier eine Zeitlang abkömmlich, bevor ich wieder loslege. Wir beide gehen jetzt nach Lunaloc. Und weißt du, was ich dort mit dir mache?" Ein triumphierendes Grinsen breitete sich über sein Gesicht aus. "Ich mache dich zu einer Lunaloc-Dämonin. Ja! Ein häßliches, willeloses, schleimiges Ungeheuer wirst du werden, uaha ha ha!"

Tschuri hatte sich während ihrer Reise lange mit Alessandras über deren Abenteuer, vor allem auch die Geschehnisse im Zusammenhang mit Calracts unheimlicher Armee, unterhalten. Sie hatte vom traurigen Schicksal Ornellas gehört und vom vermeintlichen Sieg der Vereinigten Armeen über Calract, einen Sieg, der sich inzwischen als glatte Niederlage entpuppt hatte. Und mit dem Begriff 'Lunaloc-Dämon' verband sie schlechthin das Grauen. Menschen wurden zu Calracts willenlosen Sklaven gemacht.

"Wenn das der Preis für Alessandras Leben ist, Calract, dann bezahle ich ihn", hauchte Tschuri.

Calract sah die Angst in ihren Augen, und er genoß es. Jedenfalls eine Zeitlang. Dann hob er eine Hand und ließ seine Macht auf seinen Körper wirken. Er verwandelte sich in einen gewaltigen, grünbeschuppten Drachen. Mit seinem Fang packte er dann das zitternde nackte Mädchen, hob es auf und schwang sich in die Luft.


Irgendwann beruhigte sich Tschuri wieder. Sie konnte sogar den Flug ein wenig genießen. Es war erstaunlich, die winterliche, verschneite Welt so von oben zu sehen. Nach kurzem Flug hatten sie das Mondland hinter sich gelassen und flogen wieder in der Sonne, im Land des Lebens. Sie überflogen Wälder, Flüsse, einige kleine Ortschaften, und schließlich, nach einem langen Flug kam ein majestätischer Berg in Sicht, dessen Fuß vom Uva, dem längsten Fluß der bekannten Welt, umspült wurde: der Engelsberg.

Calract landete auf dem Kraterrand und verwandelte sich wieder zurück. Doch dann stutzte er und sah sich wachsam um. Menschen! Er sah Leute, Eindringlinge. Sicher, so ohne weiteres konnten sie mit seinen Zauberutensilien nichts anfangen, aber sie hatten hier nichts zu suchen. Dies war sein Berg, er hatte ihn gekauft. Und er gehörte noch immer ihm!

"Komm'. Ich muß hier mal ein bißchen aufräumen."

Mit ausgreifenden Schritten stieg er den schmalen Kraterweg hinab. Tschuri stolperte hinterher. Normalerweise bewegte sie sich sicher und geschmeidig, aber im Moment war sie mit ihren Kräften ziemlich am Ende. Ihre verbrannten Füße schmerzten höllisch bei jedem Schritt. Nur ihre Zähigkeit verhinderte, daß sie einfach aufgab und zusammenbrach. Sie biß die Zähne zusammen und hielt mit Calract Schritt.

Calract hatte inzwischen den Grund des Kraters erreicht. Überall traten Schwefel und heiße Dämpfe aus dem Boden und bildeten kristallene Ablagerungen von faszinierender Schönheit. Einen Moment hielt Tschuri inne. Ihr Forschertrieb war erwacht und sie beugte sich über einen der gelben Schlote. Verblüfft wandte Calract sich zu ihr um: "Viele tausend Menschen sind mir schon auf diesem letzten Weg gefolgt. Aber du bist die erste, die anhält, um sich diese phantastischen Schwefelkristalle zu betrachten." Er lachte leicht auf. Tschuri sah auf und blickte ihn mit ihren großen Augen an. Es lag etwas in diesem Blick, das den Herrn über Lunaloc faszinierte. Mit einem feinen Lächeln, das dem Tschuris in diesem Moment erstaunlich glich, ging er schließlich weiter. Tschuri folgte ihm tiefer in den Krater hinein. Sie betraten einen Tunnel. Dann hörten sie Stimmen. Calract ging mit gleichmäßigen Schritten dahin, doch Tschuri konnte genau fühlen, wie seine Wut wuchs. Und dann betraten sie Calract Arbeitssaal mit dem Mondaltar in der Mitte.

Vier Ritter mit Fackeln in den Händen standen staunend vor dem Spiegel, der wie aufrecht stehendes Wasser aussah. Einer streckte die Hand aus und berührte vorsichtig die Fläche, die sich daraufhin kräuselte. Mutig geworden, steckte er die Hand tiefer in das ‘Wasser’, doch nach wenigen Zentimetern kam sie auf der anderen Seite wieder hervor, ohne daß sonst etwas geschehen wäre. So ließ sich das Geheimnis dieses Spiegels nicht erkunden.

Calract machte nicht viele Umstände. Ohne Vorwarnung schoß er den Ritter mit einem Energiestrahl ab: "HAAAAAA!"

Die drei anderen Ritter folgten im Abstand von Sekundenbruchteilen.

Tschuri schrie auf, doch der Herr über Lunaloc beruhigte sie: "Keine Angst, sie leben noch. Sie werden sogar noch sehr lange leben. Lunaloc-Dämonen sind nahezu unsterblich. Und nun entspanne dich ein bißchen und leg' dich auf diesen Tisch."

Mit zitternden Händen berührte Tschuri den Tisch, der wie ein Altar aussah. Er war warm. Calract zauberte ein wenig und ließ allen Schmutz, Dreck und Schlamm von ihrem Körper verschwinden. Nackt und in nahezu makelloser Schönheit stand sie so vor Calract, der sie ungeniert durchmusterte. Instinktiv versuchte sie, ihre Blöße zu bedecken, doch Calract lachte nur: "Was glaubst du, wie viele tausend Männer und Frauen hier schon gelegen haben? Und ich habe sie nicht nur von außen, sondern auch von innen gesehen. Also los, keine langen Geschichten!"

"Wie werde ich sein, wenn du ... fertig bist?", fragte Tschuri mit matter Stimme. Sie hatte Tränen in den Augen und war der Verzweiflung nahe.

"Das werden wir dann ja sehen. Nein, stimmt nicht, ich weiß schon, was ich aus dir mache. Ein gräßliches Ungeheuer, daß allein mit seinem Aussehen jeden Feind in die Flucht schlägt. Ja, und wenn Alessandra dich sieht, dann ..."

Da schloß Tschuri endgültig mit ihrem Leben ab. Sie wünschte sich den Tod herbei, doch selbst das würde Calract nicht erlauben. Ohne Widerstand legte sie sich auf den Stein. Zu ihrem Erstaunen war er nicht nur warm, sondern auch sehr anschmiegsam, es lag sich angenehm darauf. Calract beugte sich über sie. Vor irgendwoher hatte er plötzlich seltsame Instrumente, leuchtende Nadeln, Messer und Instrumente, die das Mädchen noch nie gesehen hatte. Bläuliches Licht sickerte aus dem Altar heraus und füllte den Raum. Tschuri spürte die Macht des Mondes, während Calract ihren Körper in Stücke schnitt, ihr die Haut abzog, ihren Körper zerlegte, irgend etwas damit anstellte und sie dann wieder zusammenbaute. All das geschah völlig ohne Schmerzen, aber in einer absolut unwirklichen Stimmung.

Tschuri wußte nicht, wie lange der Vorgang insgesamt dauerte, Minuten oder Tage. Calract arbeitete sicher und konzentriert. Man merkte, daß er das schon sehr oft gemacht hatte. Manchmal konnte Tschuri Teile ihres Körpers in seinen Händen sehen, einmal sogar ihr Gehirn. Organe trieben herrenlos durch die wie flüssig wirkende blau schimmernde Luft, bis Calract sie wieder einfing und einsetzte. Sie sah, wie Calract ihre Augen herausnahm und in eine seltsame, leuchtende Brühe tauchte. Wie konnte sie das sehen ohne ihre Augen? Sie fürchtete verrückt zu werden, doch die Kraft des Mondes verhinderte das. Irgendwann wurde es dann dunkel um sie.


Tschuri wachte wieder auf. Sie fühlte sich ausgeruht und entspannt. Doch sie wußte sofort, wo sie war, und was geschehen war. Und jetzt war sie ein Ungeheuer ... oder?

Ich Herz machte einen Sprung. Sie wußte noch, wer sie war. Ihre Erinnerung hatte er ihr gelassen. Sie empfand Dankbarkeit dafür. Aber wie sah ihr Körper aus? Schleimig und häßlich ...

In einem steinernen Thron, einige Schritte von ihr entfernt, saß Calract und musterte sie, wie ein Künstler sein Meisterwerk begutachtet. Mit einer wortlosen Geste deutete er auf den unheimlichen Spiegel. Tschuri erhob sich. Dann aber fiel ihr ein, daß sie nicht einmal wußte, ob sie überhaupt noch Beine hatte. Sie sah an sich herunter und stellte zu ihrer großen Erleichterung fest, daß zumindest der Teil ihres Körpers, den sie sehen konnte, noch genauso aussah wie immer. Ängstlich und erwartungsvoll zugleich trat sie dann vor den unheimlichen Spiegel. Ihr Erstaunen war groß, als sie feststellte, daß sie noch genauso aussah wie zuvor. Das heißt - fast. Die Farben stimmten nicht.

Calract war hinter sie getreten: "Coco hatte die Fähigkeit, ihre Flügel und ihren Körper bunt einzufärben. Ich fand das sehr nützlich und habe es bei dir perfektioniert. Lange genug hat es ja auch gedauert, bis ich diesen Trick beherrscht habe." Er lächelte versonnen, dann fuhr er fort: "Deine Haut kann jede Farbe annehmen. Die perfekte Tarnung. Allerdings ...", fügte er gedehnt hinzu, " ... kannst du diese Fähigkeit natürlich nicht auf Kleider anwenden, die du trägst. Ach ja, und noch was." Er berührte mit seinem Finger Tschuris Kopf, und das Elfenlicht flammte auf. Tschuris große, schöne, dunkle Augen wurden noch größer. Er hatte ihr auch das Elfenlicht gelassen. Ruckartig drehte sie sich zu ihm um. Alles hätte sie erwartet, aber das nicht. Auch ihre Brandwunden und die Knochenbrüche waren natürlich geheilt. Calract streckte die Hand aus, und Kleider erschienen darauf. Er warf sie dem Mädchen zu.

"Meine weißen Stiefeletten!" Es war nach der Anprobe in dem Geschäft in Ostero das erste Mal, daß sie sie anziehen konnte.

Tschuri schluckte gerührt und kämpfte gegen die Tränen der Erregung. Calract ... der Teufel ... er hatte auch eine andere Seite. Und natürlich war er jetzt nicht mehr der Teufel, sondern ihr Vater, der sie mit viel Liebe und Hingabe neu erschaffen hatte.

Hinter ihr hörte sie ein Geräusch. Sie drehte sich um und sah vier Dämonen. Sie waren schrecklich anzusehen, doch Tschuri verspürte eine merkwürdige Verbundenheit zu ihnen. Es waren die vier Ritter - gewesen. Nun waren es ihre Brüder. Und sie alle waren Diener und Kinder Calracts. Tschuris Körper und Seele gehörten jetzt IHM, aber - konnte sie es akzeptieren? Immerhin hatte sie ihr Wort gegeben. Von nun an war das ihr Leben. Wilde Gefühle lagen im Widerstreit, Scham vor ihrer Hilflosigkeit, Faszination, dieses seltsame Gefühl der Verbundenheit, Abscheu vor Calracts Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit, Dankbarkeit ... Ihr Vater war tot, was aus dem Rest des Dorfes geworden war, wußte sie nicht. Sie hatte keine Heimat und keine Familie mehr. Dafür interessierte sich dieser unglaubliche Mann nun für sie. Auf eine Art, die sie sich nicht mal in ihren wildesten Träumen hätte ausmalen können.

"Ihr vier", sagte Calract zu den ehemaligen Rittern, "werdet hier aufpassen. Niemand darf ohne meine Erlaubnis den Engelsberg betreten. Das ist ja wohl klar. Und nun geht und vertreibt die neuen Siedler, die sich schon wieder überall breitgemacht haben."

"Ja, Herr! Sollen wir sie töten?"

"Nein, laßt nur. Vielleicht brauche ich sie noch." Ich hatte immerhin hohe Verluste, wer weiß ...

Tschuri sah den Vieren nach. Dann übte sie die Verfärbung ihres Körpers. Sie ließ alle möglichen Muster über ihre Haut laufen, am Ende sogar Buchstaben. Sie war darüber entzückt. Und dankbar. Dankbar gegenüber einem Mann, der weder Gewissen noch Reue kannte, der über Berge von Leichen ging, wenn es ihm paßte. Sie schämte sich über sich selbst, doch dann sagte sie sich, daß auch das zu ihrem jetzigen Leben gehörte. Und vielleicht ... Calract schien auch gute Seiten zu haben. Vielleicht konnte sie sie ja hervorholen.

"Fünfzig Jahre waren also nicht ganz umsonst. Nur daß mein verdammter Bruder so etwas wie diesen Eisschirm zustande bringt, das hätte ich nicht gedacht!"

"Bruder? Der Eisschirm stammt doch vom Schwarzen König Thoran, und der hat keinen Bruder. Alessandra hat mir alles erzählt."

Calract fixierte Tschuri auf eine Art, daß ihr abwechselnd heiß und kalt wurde. (Daß ihr Körper dazu die passenden Farben annahm, wurde ihr gar nicht bewußt.)

"Thoran? Wer, zum Teufel, ist Thoran?"

Tschuri schluckt und antwortete mit heiserer Stimme: "Thoran, der Schwarze König. Thoran von Caair, Er ... C.V.C." Sie fuhr zusammen. Mit heiserer Stimme rief sie: "Calract von Caair! Oh, mein Gott."

"Gott kommt später. Ich will jetzt erst mal wissen, wer Thoran ist, und was aus meinem Bruder Sáltaris, diesem Schwächling, geworden ist. Wenn du es weißt, dann rede!" Sein Befehl ließ keinen Widerspruch zu. Tschuri sagte mit tonloser Stimme: "Sáltaris ist seit langem tot. Thoran ist sein Sohn und einer der mächtigsten Schwarzen Könige aller Zeiten."

Calract schwieg lange. Dann atmete er tief durch und murmelte: "So ist das also. Vielleicht hätte ich die letzten 50 Jahre doch nicht nur hier verbringen und Dämonen erschaffen sollen. Und Sáltaris, dieses Würstchen - nicht mal abrechnen kann ich mit ihm." Er sah Tschuri niedergeschlagen an, doch sein Blick ging wie verloren durch sie hindurch. In dem Mädchen entstand spontan der Impuls, zu ihm zu eilen und ihn tröstend in die Arme zu nehmen. Doch einen Gedanken später zuckte sie innerlich davor zurück. Diesen Mann trösten, nach allem, was er ihr angetan hatte?

Gerade deshalb. Wenn du ihm vergibst, dann kann er ein besserer Mensch werden.

Sie stand auf, glitt katzengleich zu Calract und schmiegte sich ihm zu Füßen. Dann nahm sie seine Hände in die ihren und legte ihren Kopf auf seinen Schoß. Pastellfarbene Muster liefen über ihren Körper. Eigentlich überraschte es sie, daß er es geschehen ließ getröstet zu werden, war er doch sonst immer der strahlende, unbesiegbare Held, der nie eine Schwäche hatte - oder zumindest nie zeigte.

Aber gerade jetzt beweist er Stärke und Größe.

Calract seufzte tief, dann sagte er gedankenverloren: "Du bist anders als Coco."

Und wie zu sich selbst: "Die letzten 50 Jahre waren also ... Der mächtigste Schwarze König aller Zeiten, hmm. Das werden wir noch sehen. Ich wette, am Ende ist er nur der zweitmächtigste gewesen." Seine Augen begannen wieder unternehmungslustig zu funkeln und auf seinen Lippen erschien das berühmte wölfische Lächeln. "Ob Sáltaris oder Thoran, das bleibt sich doch letztlich gleich. Los, Mädchen, auf geht's. Wir haben viel zu tun! Sogar sehr viel mehr als gedacht!"

*

Die drei Vögel hatten das Mondland hinter sich gelassen. Kaum waren sie wieder im belebten Gebiet, als die Schwarze Hexe niederstieß und einen Hasen schlug. Sie schlang ihn so gierig in sich hinein, daß schon fast nichts mehr übrig war, als Isini und Alessandra neben ihr landeten.

"Eine Ente", quakte Isini vorwurfsvoll, doch die Schwarze Hexe sah sie nur höhnisch an und schlang dann den Rest des Hasen hinunter. "Das habe ich jetzt einfach gebraucht." Sie fixierte Isini und meinte: "Ich habe zwar keine Ahnung, was wir beim Octaviusmeer sollen, aber wenn du eine Idee hast, dann immer raus damit."

"Laß' dich überraschen."

"Quatsch. Rede endlich, sonst verwandelte ich dich zurück und fliege mit Alessandra allein weiter."

Isini wollte etwas erwidern, wurde aber von Alessandra unterbrochen: "Schluß damit! Wir fliegen jetzt weiter. Wenn es etwas gibt, das wir vorher wissen müssen, dann wird meine Schwester es uns schon sagen."

"Schwester, so so", höhnte die Schwarze Hexe. "Das ist aber schnell gegangen. Kaum ist Ornella unter der Erde, da wird sie ..." Weiter kam sie nicht, denn Alessandra stürzte sich auf sie, und es entbrannte ein wildes Ringen. Es war nicht so gefährlich, wie es aussah, denn die Schwarze Hexe verzichtete auf den ernsthaften Einsatz ihrer messerscharfen Krallen und Schnäbel. Als sie schließlich am Boden war, ließ Alessandra von ihr ab, zischte sie noch einmal böse an und rief dann: "Also los. Weiter geht's!"

"Ganz schön dünnhäutig, was, Kindchen? Wie süß ... ha ha ha ha ha!"


Die Drei flogen praktisch den ganzen Tag durch. Es war vor allem für die Prinzessin ein sehr beeindruckendes Erlebnis. Am Abend kam das Meer in Sicht, das tiefblaue, unendlich weit erscheinende Octaviusmeer. Schließlich landete Isini mit ihnen an der Südspitze der Gondrella-Provinz. Die Schwarze Hexe verwandelte sich und die beiden anderen wieder in Menschen zurück. Dann wandte sie sich an Isini: "Ich gehe keinen Schritt, solange du mir nicht endlich sagst, was wir hier sollen."

"Weiß nicht. Ich bin ja nur eine dumme Ente."

Die Schwarze Hexe wurde wütend. Blitze begannen über ihre Kleidung zu zucken. "Los! Rede!"

Isini zeigte sich unbeeindruckt, antwortet dann aber: "Du weißt wirklich nicht, wo wir hier sind?"

"Natürlich weiß ich es. Da unten habe ich diesem verrotteten Zauberer das Geheimnis von Elysiss abgenommen - ihren wahren Namen!" Alessandra zuckte bei diesen Worten zusammen. Beata nahm es erfreut zur Kenntnis. Ungerührt fuhr sie fort: "Aber er war sehr, sehr unkooperativ und wollte es mir zuerst nicht sagen. Deswegen mußte ich ihm ein bißchen wehtun. Und leider ist jetzt keiner mehr am Leben und ..."

"Irrtum. Ein paar konnten fliehen", widersprach Isini energisch.

"So? Na ja, macht nichts."

"Das macht eine ganze Menge. Du weißt es offenbar wirklich nicht. Du hast hier gewütet wie der Teufel, und das Wichtigste völlig übersehen."

Die Schwarze Hexe wurde langsam nervös. Ungeduldig blickte sie Isini an, dann Alessandra.

"Hinter den Höhlen", verkündete Isini mit wichtigem Gesicht, "dort, wo du anscheinend nicht hingekommen bist, liegt der zweite Zugang zum Unendlichen Land. Wenn wir es schaffen hindurchzukommen, können wir auf diesem Wege meinen Gemahl erreichen."

Alessandra holte tief Luft. Die Schwarze Hexe wurde blaß, winkte dann aber großspurig ab. Alessandra hingegen blickte die Schwarze Königin wie erstarrt an. Lange Sekunden vergingen, dann sagte Isini: "Aber vor tausend Jahren wurde bei einem fürchterlichen Kampf dieser Eingang verschlossen. Niemandem ist es seitdem gelungen, durch ihn in das Unendliche Land zu gelangen. Wir müssen uns was einfallen lassen."

Das weckte Alessandras Entschlossenheit. Sie zog ihr Schwert und rief: "Wir werden es schaffen. Aber erst morgen. Nach allem, was wir hinter uns haben, sollten wir erst mal ausruhen. Gehen wir zur Höhle und suchen uns einen einigermaßen gemütlichen Rastplatz."

Aber daraus wurde erst mal nichts. Als die drei Frauen das letzte Stück des Weges zurückgelegt hatten und in die Schlucht eindrangen, an deren Grund der Eingang zur Höhle lag, da hörten sie Stimmen und das leise Wiehern von Pferden. Alessandra wollte zur Vorsicht gemahnen, doch die Schwarze Hexe schritt entschlossen vor. Wahrscheinlich suchte sie jemanden, an dem sie Dampf ablassen konnte. Notgedrungen folgten Alessandra und Isini ihr. Und dann sah die Prinzessin die beiden Männer: Einen einfältigen Dicken und einen schlaksigen Jungen. Die Zirkusclowns ...

"Dann kann ja Graf Trottel auch nicht weit sein", murmelte die Prinzessin zu sich selbst.

"Was", zischte die Schwarze Hexe fragend. "Du kennst diese beiden Jammergestalten?"

"Allerdings. Zum ersten und bisher auch letzten Mal bin ich Willard von Allheim und diesen beiden Burschen im Ödland begegnet, kurz bevor ich ...", ihre Mine verdüsterte sich. Es war gewesen, kurz bevor sie Elysiss hatte sterben sehen.

Sie trat vor. Erst jetzt bemerkten Godro und Meller ihre Anwesenheit.

"Seid mir gegrüßt, meine Herren. Erinnert Ihr Euch noch an mich?"

Die finsteren Blicke, die die beiden ihr zuwarfen, sprachen Bände. Der Edle Meller nestelte nervös an seinem riesigen Schwert herum, und Godro wischte sich den imaginären Schweiß von seiner Halbglatze.

"Ist Graf Willard immer noch auf seiner Suche?", fragte die Prinzessin leicht ironisch.

"Was?", zischte die Schwarze Hexe dazwischen, "er sucht auch den Zugang?"

"Nein", antwortete Alessandra geduldig, "sie suchen die Goldene Königin."

"Schön, daß Ihr Euch noch daran erinnert", rief Godro mit seiner Fistelstimme.

"Und - hat er sie schon gefunden?"

Meller schüttelte den Kopf. "Leider nein. Aber wir habe einen Hinweis erhalten, daß hier ein Zugang zum sagenhaften Goldland liegen soll, wo die Goldenen Königin haust."

Er sagte wirklich 'haust' und nicht 'wohnt' oder gar 'residiert'. Er fuhr fort: "Es soll sehr gefährlich sein, dort einzudringen. Wir warten schon seit ..." "Schweige er, Edler Meller!", unterbrach Godro ihn grob. "Sie brauchen doch nicht gleich alles zu wissen."

"Alles habe ich ihnen ja auch noch gar nicht gesagt."

Alessandra blickte Isini an. Als sie ihren ungläubigen Gesichtsausdruck sah, brach sie in glockenhelles Lachen aus. Um so finsterer war die Mine der Schwarzen Hexe. Schließlich platzte sie heraus: "Was gehen uns diese beiden Schwachsinnigen an, zum Teufel? Entweder, wir gehen jetzt da runter, oder wir machen Rast bis morgen und sehen uns dann um. Ins Unendliche Land kommen diese Witzbolde sowieso nicht, und wenn sie es tausend Jahre lang versuchen."

Nachdem alle nun so konsequent aneinander vorbeigeredet hatten, beschloß Alessandra, den Vorschlag der Schwarzen Hexe - eigentlich war es eher ihr eigener gewesen - anzunehmen und erst Mal zu rasten. Sie hatte die mit Vorräten reich beladenen Pferde der drei Männer gesehen und überlegte sich, wie sie sie dazu bringen könnte, etwas davon herauszurücken. Wenn sie ihnen einfach sagte, wer sie war, würden sie ihr nicht glauben. Also mußte eine kleine List her.

Sie sagte zu Isini: "Eine Rast wäre jetzt sicher das Beste. Wir sind alle erschöpft und hungrig. Aber ich fürchte, die beiden Ritter werden uns nichts von ihren Vorräten abgeben."

Isini antwortete ahnungslos das, was die Prinzessin erhofft hatte: "Aber sie sind doch deine Untertanen. Du brauchst nur zu befehlen."

Godro und Meller sahen zuerst ziemlich perplex aus, dann aber bekamen große Augen. Man könnte sagen, es fiel ihnen wie Schuppen von den Augen. Schließlich kannte jedermann im Reich die Weiße Prinzessin zumindest vom Hörensagen: ihr kastanienbraunes Haar, die eiserne Rüstung, und die legendäre violette Eisvogelfeder auf ihrem Helm.

Man konnte förmlich die Rädchen in Godros und Mellers Gehirn klicken hören. Und dann war es soweit. Das Resultat war angekommen.

Die beiden warfen sich Alessandra zu Füßen. Sie knieten nicht einfach nieder, nein, sie vollführten eine so überschwengliche Ergebenheitsgeste, daß es Alessandra fast schon wieder erheiterte.

Mit einem Wortschwall, den man dem Dicken nichtzugetraut hätte, überschüttete er dann Alessandra mit Entschuldigungen, Lobeshymnen und Ergebenheitsbezeugungen. Die Prinzessin konnte seinen Redefluß erst nach ein paar Minuten unterbrechen. Dann stellte sie ihre Begleiterinnen vor, und dann ließ sie den Wunsch zu essen durchblicken.

Godro und Meller überschlugen sich fast darin, ein fürstliches Abendessen zu bereiten. Sie zogen aus ihren unergründlichen Satteltaschen, Kisten und Säcken einen geschnitzten Intarsientisch hervor - jetzt war es an Alessandra, große Augen zu bekommen - dazu silbernes Besteck, reich bemalte Porzellanteller, Gewürze in kostbaren Behältern, bequeme Holzstühle, ein großes, buntes Zelt, welches sie um das alles herum aufbauten, einen eisernen Küchenofen und eine komplette Küchenausstattung. Während Meller Wasser holen eilte, entfachte Godro mit geschickten Fingern ein Feuer und stellte das Essen auf. Er war ein hervorragender Koch, wie man ihm im übrigen auch sofort ansah. Dann ging es ans Bewirten. Edler Wein, gebratener Hund, zum Nachtisch süßen Pudding - Alessandra fragte sich, woher sie das alles herbeizauberten.

Irgendwann, vom Wein leicht benebelt und von dem hervorragenden Essen todmüde, schlief die Weiße Prinzessin sanft und selig ein.

*

Calract und Tschuri, die sich inzwischen vollständig angekleidet hatte, hatten die Lunaloc-Höhle verlassen und waren zum Kraterrand aufgestiegen. Von dort sahen sie auf den Uva-Fluß und das Land Karls herab. Es war ein schönes, friedliches Bild einer stillen, verschneiten Winterlandschaft. Der Schnee ließ alles sauber und hell erscheinen, trotz der tiefstehenden Sonne. Unten im Fluß trieben zwei Flöße vorbei. Die Strömung war hier, wo der Uva eine 120-Grad-Schleife machte, sehr stark, und die Flöße glitten rasch durch das klare, schäumende Wasser dahin. Wenn Tschuri genau hinsah, konnte sie sogar ein paar Menschen erkennen, winzig klein da unten in der Tiefe, aber mit ihren neuen Augen klar auszumachen. Sie lächelte versonnen.

Fragend blickte sie Calract an, der nach Süden deutete. Die orangefarbenen Sonnenstrahlen ließen ihre Augen in einem tiefen Dunkelbraun erscheinen. Der Zauberer meinte schließlich: "Bereit für den Rückflug?"

Und dann ging mit ihm eine Verwandlung vor sich, die das Mädchen früher sicher zu Tode erschreckt hätte. Aber jetzt nicht mehr. Calract verwandelte sich in einen mächtigen geflügelten Drachen. Als dies vollbracht war, wandte er seinen mit glänzenden Schuppen bedeckten Kopf dem Mädchen zu und knurrte freundlich: "Na komm', steig auf."

Und dann schwang er sich mit mächtigen Flügelschlägen in die Lüfte und schoß nach Süden.

Der Flug zum Eisschirm dauerte nur ein paar Stunden, und die genoß Tschuri in vollen Zügen. Nachdem sie schließlich ihr Ziel erreicht hatten, verwandelte sich Calract wieder zurück und betrat sein verwüstetes Hauptquartier, das jetzt wieder direkt neben dem Eisschirm gelegen war. Einige der Dämonen hatten begonnen aufzuräumen. Er fragte nach Tetys.

"Ich bin hier, Herr!"

"Das freut mich. Ich dachte schon, Tschuris Elfenlicht hätte dich verbrannt."

Er wandte sich dem Mädchen zu: "Aber zum Glück sind Lunaloc-Dämonen zäh. Die bringt so leicht nichts um. Es sei denn, einer vom Kaliber dieser Hexen greift an." Mit verkniffenem Mund sah er zu, wie zahllose tote Ungeheuer an ihm vorbeigetragen wurden, Opfer der erbarmungslosen Schlacht.

"Es hat zu viele Opfer gekostet. Es war mein Fehler. Ich habe sie unterschätzt. Ich hätte den Eisschirm gleich loslassen und mit voller Kraft gegen sie k ..." Er sprach den Satz nicht fertig, denn in diesem Moment trugen zwei Dämonen den Leichnam Cocos hinaus.

Calract wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und warf ihr eine Kußhand nach. Tschuri war erschüttert. In der Brust dieses Zauberers wohnten wirklich zwei Seelen. Oder vielleicht noch mehr ...

"Hast du sie geliebt?", wagte sie zu fragen.

"Nein. Aber sie mich. Und wenn ich sie auch nicht geliebt habe, so hat sie mir doch sehr viel bedeutet. Nicht nur, weil sie eine so hervorragende und fanatische Kämpferin war. Nie wird sie mir jemand ersetzten können. Auch du nicht, Tschuri."

Er wandte sich wieder dem Haus zu. "Es wird Zeit, daß ich mich an die Arbeit mache. Aber zuvor erzählst du mir alles, was du von Thoran weißt."

Tschuri nickte. Dann setzte sie sich auf eine freie Stelle des Bodens und begann ihren Bericht.

*

Hotaru hatte mit ihrem Leben abgeschlossen, als man sie hinauswarf, den blutenden Armstumpf notdürftig abgebunden. Draußen wartete ihr Vater. Sie erinnerte sich noch daran, wie sie damals - wie viele Jahre war das nun schon her? - zum ersten Mal aus dem Verließ entlassen worden war, wie Gernot damals auf sie gewartet und sie dann halbtot geschlagen hatte. Nun, und jetzt ... jetzt hatte er erst recht einen Grund, seine mißratene Tochter totzuprügeln. Und sie konnte sich auch nicht mehr wehren. Schade war es nur, daß sie SEINEM Befehl, ihr Leben gut zu schützen, nun nicht mehr Folge leisten konnte. Sicher würde ER enttäuscht sein, aber ihr Leben war sowieso nichts mehr wert. Doch es kam ganz anders. Erstens war Gernot nüchtern. Zweitens sah Hotaru Tränen in seinen Augen. Nicht Tränen der Wut, sondern des Mitleides. Drittens legte Gernot seiner verstümmelten, in Lumpen gekleideten, barfüßigen Tochter eine warme Decke um die Schultern und führte sie nach Hause.

Die Schmerzen quälten das Mädchen wochenlang und sie war kaum fähig aufzustehen oder gar irgend etwas Nützliches zu tun. Doch daß man im Dorf mit Häme auf sie und ihre Familie zeigte, das bekam sie trotz allem mit.

Keiner sprach viel in diesen dunklen Tagen, auch Hotarus Mutter nicht. Doch Gernot hatte sich verändert. Er trank auf einmal nicht mehr, und eines Tages kam er mit einem seltsamen Ding in der Tasche zurück. Er bat Hotaru, die inzwischen wieder auf den Beinen war, an den Tisch, dann holte er es hervor. Die junge Frau sah zunächst nur ein dunkelbraunes, undefinierbares Ding, an dessen einem Ende ein paar Lederriemen herausschauten. Dann aber analysierten ihre Blicke und ihr Verstand das Gebilde Stück für Stück. Es war eine Hand aus Eisen mit über Schieber beweglichen Fingern. Die Lederriemen dienten dazu, die Hand an ihrem Arm festzuschnallen.

Mit großen Augen sah sie ihren Vater an. Erst nach einiger Zeit wurde ihr bewußt, daß sie weinte. Es war vielleicht das erste Mal in ihrem Leben, daß jemand gut zu ihr war. Es war aber auch für lange Zeit das letzte Mal. Ein paar Tage später nur brach über Kitsai eine Katastrophe herein, und man gab, ohne lange zu fragen, den Katares die Schuld. Der tobende Mob zündete mitten in der Nacht die Hütte an. Einige von Hotarus Brüder und Schwestern starben in den Flammen, ihren Vater und ihre Mutter schlugen sie draußen tot, und Hotaru entkam nur knapp.


In Hotaru vereinigten sich ziemlich widersprüchliche Charaktereigenschaften: Passivität und die Fähigkeit, unglaubliches Leid zu ertragen, gleichzeitig aber auch ein sprühendes Temperament. Mitgefühl und gleichzeitig ein Hang zur Grausamkeit. Und ein ungeübter, aber dennoch wacher Verstand. Hotaru blickte zum Dorf zurück. Es war Nacht und ein verwaschener Vollmond stand in der Mitte des Himmels. Komisch war nur, daß es eigentlich Tag sein sollte mit der Sonne am Himmel. Es war die Verdammnis, die über das ganze Land hereingebrochen war. Gestern hatte es angefangen. Wie düstere Wolken waren aus dem Süden, vom Schwarzen Königreich kommend, diese tintenschwarzen Finger am Himmel entlanggezogen, hatten sich immer weiter ausgebreitet und die Sonne verdunkelt. Panik war aufgekommen, Untergangsstimmung bei Mensch und Tier. Dann war das erste Haus in Flammen aufgegangen. Niemand hatte es gelöscht, alle waren nur mit sich selbst beschäftigt, mit dem Niederkämpfen ihrer Angst, der alles erstickenden Angst, nie wieder die Sonne zu sehen.

Kopflos waren die Leute herumgeirrt, hatten sich in die Kirche geflüchtet - Hotaru hatte mitbekommen, daß der Pfarrer selbst den Leuten eingepeitscht hatte, wenn man nur den Schuldigen opfere, würde alles wieder gut werden. Und einen Schuldigen hatte man schnell gefunden. Die Katares waren schon immer Ausgestoßene gewesen, die als Parias am Rande des Dorfes hatten hausen müssen. Sie waren in Hotarus Augen zu Recht der Abschaum des Dorfes gewesen: der Vater ein Säufer, die Mutter eine entstellte Schlampe, die Kinder Verbrecher oder Huren. Zwangsläufig hatte das alles in Mord und Totschlag enden müssen. Hotaru schwor sich, sie alle auf grausame Weise zu bestrafen. Sie sollten langsam und unter unsäglichen Qualen krepieren. Genau so wie damals Tuko der Hund. Oder noch viel schlimmer.

Völlig zusammenhanglos dachte Hotaru an ihre eiserne Hand. Sie mußte nach ihren Verhältnissen ein Vermögen gekostet haben. Ihr Vater hatte mindestens ein halbes Jahr dafür geschuftet, rechnete sie im Kopf schnell nach. So lange etwa war sie nämlich wieder draußen. In der ganzen Zeit war er nicht einmal betrunken gewesen. Hotaru kannte genügend Säufer um zu wissen, welche übermenschliche Leistung ihr Vater damit geschafft hatte. Es war der Familie materiell in dieser Zeit noch schlechter gegangen als sonst, aber nun wußte Hotaru, wohin das Geld gegangen war. Seltsamerweise verspürte sie Erleichterung über den Tod ihres Vaters, denn nun mußte sie ihm nicht mehr dankbar sein. Stöhnend sank sie in sich zusammen. Sie war ein Monster. Die Leute hatten schon recht, sie so zu behandeln.

Plötzlich spürte sie eine warme Hand auf ihrer Schulter. Es war ER, der Regenbogenkrieger mit dem sanften Gesicht und den grausamen Augen.

Hotarus Herz machte einen Sprung bis zum Hals. Er war gekommen, um sie zu bestrafen, weil sie ihm nicht gehorcht hatte. Aber nur zu gern würde sie von IHM den Tod entgegennehmen. Sie kniete vor ihm nieder und senkte das Haupt.

"Steh' auf. Noch ist deine Zeit nicht gekommen, Freundin. Noch lange nicht. Gehe nach Süden."

Und dann erzählte der Regenbogenkrieger der jungen Frau eine geradezu unglaubliche Geschichte. Die Geschichte von Calract, dem mächtigen Zauberer und Herr über den Vollmond, und was sie bei ihm zu tun hatte.

Der Regenbogenkrieger blickte Hotaru mit einem verzehrenden Blick an und sie glaubte, vor Liebe vergehen zu müssen. Abrupt wandte er sich schließlich ab, trat durch sein blaß strahlendes Tor und war verschwunden. Neue Kraft durchfloß Hotaru. Sie hob ihre linke Hand, ballte sie zur Faust und schüttelte sie gegen ihr Dorf. Dazu schrie sie: "Ihr seid alle verdammt. Ich werde euch das Verderben bringen." Dann drehte sie sich um und ging los.

Es war Winter. Schnee lag auf dem Boden. Ein Wanderer, der zufällig die Spur Hotarus gekreuzt hätte, hätte sich darüber gewundert: Stiefel hinterließen nämlich normalerweise keine zierlichen Fußabdrücke mit fünf Zehen. Des Rätsels Lösung lag einfach in den Umständen, unter denen Hotaru hatte fliehen müssen. Außer ihrem Leben hatte sie nur noch ihr Nachthemd und ihre Eisenhand gerettet. Sonst nichts. Doch irgendeine Macht schien zu verhindern, daß sie einfach erfror. Statt dessen stapfte sie weiter, Schritt um Schritt durch die Nacht des ewigen Vollmondes zum Reich Calracts, des Zauberers, dessen Hilfe sie sich bedienen sollte.

Der eisige Wind zerzauste Hotarus schmutzige, schwarze Haare und riß an ihrem zerfetzten Nachthemd. Sie spürte ihre eiskalten Füße schon lange nicht mehr. Doch sie trugen sie immer noch. Auch ihre Hand war steif wie Eis. Einmal war sie an einem toten Fuchs vorbeigekommen. Der Kadaver war steif gefroren. Hotaru hatte ihn hinunterschlingen wollen, doch sie konnte ihn nicht zerlegen. Ihre rechte Hand konnte nur mit den Schiebern bewegt werden, die sie mit der linken Hand betätigen mußte. Diese aber war im Moment nicht zu gebrauchen. Schließlich hatte die Frau wie ein wildes Tier mit bloßen Zähnen den Fuchs zerrissen und aufgefressen. Das hatte ihr etwas neue Kraft gegeben. ER hatte gesagt, daß es nur zwei oder drei Tagesmärsche waren. Sie wußte, daß sie es schaffen würde, obwohl es keine Tage mehr gab. ER hatte ihr verboten zu sterben, also würde sie leben. Lebendig würde sie vor Calract treten.

*

Die Luft summte vor Energie. Calracts richtete seine ganze Wut, vor allem die Wut über sich selbst, gegen den Eisschirm seines Neffen Thoran. Von der Mondquelle flossen ihm die Energien zu, die er dazu brauchte. Tschuri ging nach draußen. Kurz hinter dem Haus begann das unheimliche Gebilde, das jeden, der hineintrat, sofort zu Eis erstarren ließ. Mit großen Augen verfolgte sie, wie die Eisgrenze Zentimeter um Zentimeter zurückwich - widerwillig nur, aber letztlich mußte sie sich den unheimlichen Kräften Calracts fügen.

Nach einer Zeit drehte Tschuri sich um. Sie ging in das verwüstete Haus zurück. Das heißt - sie wollte. Denn kurz bevor sie den Eingang, der die Kämpfe seltsamerweise völlig unbeschadet überstanden hatte, erreichte, sah sie die Gestalt. Nein, zwei Gestalten. Eine Frau in einem zerfetzten Nachthemd, die sich mehr tot als lebendig den Hügel hinaufschleppte, und etwas dahinter eine seltsamen jungen Mann, der irgendwie von innen heraus zu leuchten schien.

"Wer ..."

Die beiden gingen an ihr vorbei, ohne sie zu beachten. Tschuri schlüpfte hinter ihnen in das Haus und eilte an ihnen vorbei zu Calract. Sie hatte erwartet, daß er schon Bescheid wußte - Calract wußte immer alles. Doch diesmal nicht. Sie sah es seinem erstaunten Gesicht an, als die fast erfrorene Frau und der Engel eintraten. Tschuri war es, als greife eine eisige Hand nach ihrem Herzen als sie sah, wie Calracts Gesicht erstarrte. Seine Züge sahen auf einmal aus wie aus Granit gehauen, grau und eisig. Ohne die geringste Regung verfolgte er, wie die beiden so ungleichen Wesen vor ihn hintraten.

Seine Augen schwenkten zu dem Engel. Dann schien er sich an etwas zu erinnern.

"Du ...", fragte er gedehnt. Doch er bekam keine Antwort. Jedenfalls nicht von ihm. Statt dessen trat Hotaru einen Schritt vor und zog Calracts und Tschuris Aufmerksamkeit auf sich.

Hotarus Lippen waren blau, ihre Finger und Zehen schwarz - erfroren. Doch ihre Augen glühten noch. Langsam öffnete sie die Lippen und krächzte mit schleppender Stimme: "Calract. Ich verkaufe dir meine Seele, wenn du mir meine Rache gibst."

Die Antwort war irgendwie typisch für den Lunaloc-Führer, und als Tschuri sie vernahm, entspannte sie sich wieder ein wenig. "Mich interessiert weder deine Seele, noch deine Rache. Aber der da interessiert mich dafür um so mehr." Er deutete auf den Regenbogenkrieger, der - halb durchsichtig - ein paar Zentimeter über dem Boden schwebte.

Schweigend starrten Calract und der Engel einander an - eine dämonische Abart des Beamtenmikados: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Schließlich war aber Tschuri es, die es nicht mehr aushielt. Sie trat vor den jungen, geisterhaften Mann hin und rief energisch, und weil ihr einfach nichts Besseres einfiel: "Wenn Du etwas von Calract willst, dann rede jetzt, oder geh'!"

Und ihr wurde tatsächlich geantwortet. Mit hoher, klarer Stimme sprach der Regenbogenkrieger: "Hotaru kann für deinen Herrn eine sehr wertvolle Hilfe sein. Alessandra steht kurz davor, die zweite Hälfte des Mondkristalles in Besitz zu nehmen. Was das für Calracts Mission bedeutet, kann er am besten selbst abschätzen."

"Der Seelenstein!", entfuhr es Calract begeistert. "Wenn sie ihn findet, und wenn sie etwas damit anfangen kann ... aber dieser Frau traue ich allmählich alles zu. Sie könnte mich damit besiegen. Nein, sie wird mich niemals besiegen können, falls ..." Er vollendete den Satz nicht, aber Tschuri empfand ihn auch so schon als drohend genug.

Calract wandte sich wieder direkt an seine 'Gäste': "Hotaru - so, so. Und du?" Er blickte den Regenbogenkrieger durchdringend an. "Was ist deine Rolle in diesem Spiel? Mit Kleinkram gebt ihr euch doch nicht ab. Da steckt doch mehr dahinter."

"Du hast die Wahl, mein Angebot anzunehmen oder es auszuschlagen, Calract von Caair."

Nachdenklich blickte Calract Tschuri an. Nicht, daß er sie um ihre Meinung gebeten hätte, vielleicht half es ihm einfach beim Überlegen. "Also gut." Er erhob sich und ging auf den Regenbogenkrieger zu - drohend, wie es den Anschein hatte. "Also gut. Aber nicht aus den Gründen, die du vermutest. Ich bin Calract, und ich fürchte weder Tod noch Teufel. Laß uns beginnen! Tschuri und die anderen meiner Kinder: Raus!"


Tschuri war erleichtert, den unheimlichen Ort verlassen zu können. Zwar war sie nun selbst eine Dämonin, vor der sich Sterbliche fürchten sollten, aber im Grunde ihres Herzens war sie immer noch ein junges Mädchen, das nachts im Dunkeln vor Geistern zitterte. Und da drinnen waren mindestens zwei davon.

Unheimliche Geräusche drangen durch das große Haus, ein eigenartiges Kichern, dann ein hohes, fast schmerzhaftes Summen, daß abrupt zu einem tiefen Baß abfiel. Dann diese unheimlichen Stimmen aus dem Jenseits, die unverständliche, uralte Zauberworte flüsterten. Einmal wurde der Boden unter Tschuris weißen Stiefeln durchsichtig und das Mädchen glaubte, in die Tiefe stürzen zu müssen. Aber der Grund war noch da, er trug. Kurz darauf war er auch wieder sichtbar. Auch der Eisschirm flackerte heftig, hielt aber stand.

Das Unheimliche dauerte lange, viele Stunden. Kein Lunaloc-Dämon, außer Tschuri und Tetys, wagten sich in dieser Zeit auch nur in die Nähe des halb zerstörten Hauses. Doch dann war es auf einmal vorbei. Tschuri spürte es ganz deutlich, dieser schreckliche Druck war auf einmal weg. Sie konnte wieder frei atmen. So schnell sie konnte, stürmte sie in den Saal.

Hotaru lag am Boden, doch Tschuris Blicke streiften sie nur kurz, um sich dann ihrem Herrn zuzuwenden. Calract hing völlig erschöpft in seinem Thron. Mit letzter Kraft winkte er Tschuri zu sich heran.

"Das war hart", flüsterte er leise. "Ich muß mich jetzt ein bißchen ausruhen. Du bleibst hier und paßt auf. Vor allem auf die da." Dann lehnte er den Kopf zurück und fiel sofort in einen tiefen Schlaf.

Tschuri sah sich nach dem Engel um, aber der war nirgends zu sehen. Er war so geheimnisvoll gegangen, wie er gekommen war.

Sie beugte sich über die junge Frau, die ihnen als Hotaru vorgestellt worden war, und erschrak. Hotaru trug immer noch ihre künstliche Eisenhand, aber nun war sie nicht mehr mit Lederriemen an ihrem Armstumpf festgebunden, sondern mit diesem verwachsen. Tschuri zweifelte nicht, daß Hotaru diese Hand, wiewohl sie immer noch aus Metall war, wieder vollwertig benutzen konnte. Hotaru war bewußtlos, und in ihren entspannten Zügen lag etwas von Wahnsinn und Grausamkeit. Was hatte Calract sich da eingefangen?

Tschuri ging nach draußen, um nach den Dämonen und dem Eisschirm zu sehen. Wie sie es fast erwartet hatte, war dieser an seine alte Position zurückgesprungen. Thorans Konstruktion hatte eine bemerkenswerte Stabilität. Aus Neugier entzündete sie ihr Elfenlicht, doch das hatte auf den Schirm nicht den geringsten Einfluß, so sehr sie sich auch anstrengte.

Tschuri sah sich nachdenklich um. Ganz in der Ferne, weit im Norden, lag etwas Schnee. Er war gefallen, kurz bevor Calract die Mondquelle aktiviert hatte. Seitdem hatte es nicht mehr geregnet oder geschneit. Tschuri fiel ein, daß es inzwischen Winter war. Eine große Erleichterung überfiel sie plötzlich. Im Winter ruhte die Vegetation nämlich sowieso, also würde ihr die lange Mondnacht nichts anhaben. Die Prophezeiung der Schwarzen Hexe, daß sich hier bald alles in eine tote Wüste verwandeln würde, würde sich also nicht erfüllen - vorausgesetzt, Calract hatte den Eisschirm bis zum Frühjahr geknackt und ließ die Sonne wieder durch. Wenn aber nicht, dann wurde es wirklich kritisch.

Sie setzte sich auf einen Stein, dicht an der Grenze des Eisschirmes, und ließ ihre Blicke dorthin schweifen, auf die glitzernde, weiße, unglaublich rasch dahinwirbelnde Wand, die jeden sofort schockgefror, der in sie einzudringen versuchte. Die rasenden Eiskristalle bildeten immer neue Muster und Wirbel, die sofort wieder vergingen, bevor sich das Auge darauf einstellen konnte. Es war irgendwie ein majestätischer Anblick, vielleicht auch deswegen, weil alles in völliger Stille geschah. Ein solcher Sturm hätte toben und brausen müssen, Häuser abdecken und Bäume entwurzeln. Aber nichts von alledem. Es war wie die Grenze zwischen zwei Welten, von denen die eine zur anderen keinen Kontakt haben durfte.

Alessandra steht kurz davor, den Seelenstein in Besitz zu nehmen.

Und was dann? Diese Frage war nicht schwer zu beantworten. Dann kam es zum entscheidenden Duell. Und sie, das kleine Mädchen Tschuri, stand genau zwischen den Fronten. Sollte sie Calract den Sieg wünschen oder lieber den Tod? Er durfte nicht sterben, er war ein zu außergewöhnlicher Mensch. Aber er mußte irgendwie gezähmt werden. Sie, Tschuri, hatte vom Schicksal die Aufgabe erhalten, aus Calract einen besseren Menschen zu machen.

Sie ahnte nicht, was für einen langen Weg sie dafür noch vor sich hatte.


Später schrak sie hoch. Offenbar war sie eingenickt, aber jetzt war sie von diesem summenden Druck wieder geweckt worden. Calract drückte wieder gegen den Eisschirm.

Tschuri kehrte in den zerstörten Palast zurück. Hotaru lag noch immer nackt auf dem Boden, aber Calract saß entspannt in seinem steinernen Sessel.

Seltsam. Ihn scheint der Kampf gegen den Eisschirm gar nicht anzustrengen.

Schüchtern blickte sie den Mächtigen an. "Herr?"

"Hmm?"

"Glaubt Ihr wirklich, daß diese Frau", sie wies auf Hotaru, "Euch im Kampf gegen Alessandra helfen kann. Wird sie sie ... töten?"

"Seit wann nennst du mich eigentlich ‘Herr’?" Er lächelte sein charakteristisches wölfisches Lächeln. "Calract hat mir besser gefallen. Oder Vater. Und zu deiner Frage - keine Ahnung. Ist mir auch völlig egal."

"Was! Aber ... aber der Bote, äh, ich meine, er sagte ..." Tschuri war ziemlich fassungslos. Felsenfest hatte sie daran geglaubt, daß Calract sich eine neue Waffe besorgt hatte.

Hatte er auch, nur anders, als Tschuri es sich vorstellen konnte.

"Und du sagtest, sie solle ... äh ..."

"Habe ich nie behauptet. Das sollten nur alle glauben. Und wie ich sehe, hat es funktioniert. Nein, hier geht es um viel größere Dinge. SIE haben sich gezeigt, SIE, von denen selbst die Unsterblichen nur Flüstern, und von deren Existenz Sterbliche so gut wie nie auch nur erfahren. Mit Hotaru habe ich einen Fuß in der Tür. Ich werde ... vielleicht ..."

"SIE?" flüsterte Tschuri. Das Wort hing wie eine Drohung im Raum. Eine ultimative Drohung.

Calract schien es gar nicht gehört zu haben. Wie zu sich selbst sagte er: "Ja. Jetzt erinnere ich mich wieder. Damals, im Schwarzen Schloß. Ich war noch ein kleiner Junge. Ich habe in uralten Zauberbüchern herumgestöbert ... in alten Weissagungen. Der Mondkristall - er ist eines IHRER Werkzeuge. Sie haben unglaubliche Macht. Wie du weißt, Tschuri, besitze ich selbst nur einen Splitter des Mondkristalls, und welche Macht er mir doch gibt ... Ja, verdammich. Darum geht es IHNEN. Sie wollen den Mondstein wiederhaben. Und Alessandra und ich sind ihre Werkzeuge. Und Hotaru. Sie wird alles anstoßen. Es kann nicht anders sein."

Und da war es wieder: Das Raubtier. Es war für Tschuri erschütternd zu sehen, wie Calract sich von einem Atemzug zum nächsten in einen Jäger verwandelte, eine Bestie, die, wenn es sein mußte, über Berge von Toten ging. In seinen Augen leuchtete ein dämonisches Feuer, und seine Züge sahen aus, wie aus glühender Lava gemeißelt. Nur seine Stimme war noch so wie zuvor, wenn da nicht dieser vibrierende Unterton gewesen wäre, den nur jemand heraushörte, der Calracts Stimme gut kannte.

"Auch das Unendliche Land ist eines IHRER Werkzeuge. Niemand weiß, wozu es einst gedient hat, aber SIE haben die Kontrolle darüber verloren."

"Und die Schwarzen Könige haben sie bekommen", flüsterte Tschuri ehrfurchtsvoll.

"Unsinn! Wir vermögen nicht mehr, als ein bißchen damit herumzuspielen. Wir wissen nicht mal, welchem Zweck es in Wirklichkeit dient. Gerade, daß wir es betreten können, ohne zu Statuen zu werden. Aber ich werde ihnen ihr Spiel vermasseln. Mir ist gerade eine phantastische Idee gekommen. Und ihr beide, Du und Hotaru, spielt darin die Hauptrolle."

Tschuri wußte, daß ihr Leben jetzt keinen Pfifferling mehr wert war. Calract erhob sich. Er stand nicht auf, wie ein Mensch einfach so aus einem unbequemen Sessel aufsteht, nein, er bebte vor Energie, er fuhr so blitzartig empor, daß Tschuri die Bewegung nicht einmal sehen konnte. Über seiner ausgestreckten Hand begann es zu flimmern, dann formte sich dort ein irisierendes Ding, das nichts ähnelte, was das Mädchen je gesehen hatte. Oder doch? Natürlich. Der Spiegel im Lunaloc-Vulkan. Das aufrecht stehende Wasser, das sich kräuselte, wenn man es berührte. Die Kugel, die über Calracts Hand schwebte, sah exakt genauso aus, nur daß sie eben rund war statt flach.

Calract blickte Tschuri verzehrend an. Von der Kugel, die nun langsam auf sie zu glitt, ging eine tödliche Kälte aus. Und dann traf sie die plötzlich rasend schnelle Sphäre wie ein Hammer vor die Brust und drang darin ein. Unbeschreibliche Schmerzen erfüllten jede Zelle von Tschuris Körper. Sie schrie, sie schrie ... und dann löste sie sich langsam in Nichts auf.

Anschließend verpaßte Calract auch Hotaru eine solche Kugel. Zufrieden lehnte sich der Herr über Lunaloc zurück.

Aramus! Berichte! Und was der Dämon, der die Weiße Prinzessin und ihre Begleiterinnen verfolgt hatte, zu sagen hatte, bereitete Calract größte Befriedigung.

*


Das Unendliche Land - Karte des Nordens

Erstellt am 12.10.2001. Letzte Änderung auf dieser Seite: 23.2.2017