Das Unendliche Land - 6. Teil


13. Kapitel - Die Goldene Königin

Es war noch mitten in der Nacht, als Alessandra erwachte. Sie richtete den Oberkörper auf und versuchte, in der Dunkelheit des Zeltes etwas zu sehen. Durch ein paar Schlitze fiel etwas Mondlicht herein, genug, um die zwei anderen Frauen als Silhouetten zu erkennen. Godro und Meller schliefen als echte Kavaliere natürlich nicht mit den Frauen im Zelt, sondern draußen. Die ruhigen und gleichmäßigen Atemzüge Isinis verrieten der Prinzessin, daß sie schlief. Von der Schwarzen Hexe war nichts zu hören. Leise stand Alessandra nun ganz auf und schlich sich ins Freie. Sie fragte sich, ob Graf Willard schon zurückgekehrt war. Doch draußen sah sie nur seine beiden Helfer liegen und leise vor sich hin schnarchen.

Hinter ihr raschelte etwas, und Alessandra fuhr herum. Sie zuckte zusammen, als sie nur wenige Meter über sich die rot leuchtenden Augen eines geflügelten Wesens aufglühen sah. Es war leicht zu erraten, was für eine Kreatur sie da vor sich hatte: einen Spion von Calract.

"Na, warte!", flüsterte sie. Leider sie hatte ihr Schwert nicht bei sich. So sah sie sich nach einem Stein um, den sie nach dem Dämon werfen konnte. Doch bevor sie einen passenden gefunden hatte, schwang sich das Wesen in die Luft und strich davon. Alessandra war wütend und besorgt. Sicher - so schnell konnte Calract seine Streitmacht nicht hierher bringen, aber in Sicherheit waren sie hier keinesfalls. So bald als möglich mußten sie hinunter und ins Unendliche Land eindringen. "Hoffentlich verhindert der Zauber der Schwarzen Hexe, daß wir alle zu Stein werden", wünschte sich Alessandra. Dann glitt sie ins Zelt zurück und schlief tatsächlich bald darauf wieder ein.

Am nächsten Morgen empfingen Meller und Godro die drei Frauen mit einem exquisiten Frühstück. Alessandra erkundigte sich, ob etwas über den Verbleib des Grafen bekanntgeworden sei. Doch niemand hatte ein Lebenszeichen von ihm erhalten. Alessandra bedauerte das, dann fuhr sie fort: "Heute Nacht habe ich einen geflügelten Lunaloc-Dämon verscheucht. Wir sollten uns beeilen, bevor Calract uns hier angreift."

"Das wird er sicher nicht", meinte die Schwarze Hexe abfällig. "Das hätte er schon im Mondland haben können. Ich glaube, er hat uns absichtlich entkommen lassen!"

"Was! Absichtlich. Das ich nicht lache. So einen Unsinn habe ich schon lange nicht mehr gehört!", entgegnete Alessandra hitzig. Während der Flucht hatten sie praktisch ständig in Lebensgefahr geschwebt, deshalb konnte die Weiße Prinzessin nicht verstehen, wie die Schwarze Hexe so eine Behauptung aufstellen konnte.

Die ließ sich von Alessandras Worten aber nicht aus dem Konzept bringen und antwortet spöttisch: "Kindchen. Wenn Calract unsere Köpfe hätte haben wollen, dann wären wir jetzt nicht hier. Denke nur an Oktavia und Tschuri. Uns hätte er genauso leicht erledigen können. Die Mondquelle gibt ihm riesige Macht. Hoffentlich finden wir beim Schwarzen König ein Mittel dagegen. Nur zusammen können wir es schaffen."

Alessandra war angesichts dieser Worte nachdenklich geworden und sagte nichts mehr, was ungewöhnlich für sie war. Schweigend aß sie zu Ende.

Unmittelbar nach dem Frühstück erhob sich die Prinzessin und sagte entschlossen: "So, und jetzt laßt uns aufbrechen!"

Godro und Meller wollten nicht mitkommen. "Prinzessin, verzeiht uns, aber wir müssen hier auf den Grafen warten."

"Also gut. Der Graf ist zwar dort unten und ich weiß nicht, warum ihr dann hier oben auf ihn warten müßt, aber meinetwegen. Es wird sowieso sehr gefährlich. Vielleicht ist es sogar besser, wenn ihr hierbleibt."

Sie streifte sich ihre eiserne Rüstung über, was ihr einen spöttischen Blick der Schwarzen Hexe eintrug, dann schnallte sie ihr Schwert um und sah sich entschlossen um: "Und - wo ist nun der Eingang?"

"Dann komm mal mit, Kindchen."

Isini, die bisher noch nichts gesagt hatte, und Alessandra, die schon auf neue Abenteuer brannte, folgten der Schwarzen Hexe ungeduldig. Diese wandte sich zielsicher durch die Schlucht, bog dann in einen schmalen Weg ein, dessen Wände von hohen Felsen geformt wurden, und schritt diesen voran. Der Weg war teilweise so eng, daß die Frauen sich seitwärts zwischen den Felswänden hindurchschieben mußten, außerdem ging es in ständigen Biegungen und Kurven auf und ab. Plötzlich jedoch wichen die Wände zurück, und unvermittelt standen die Drei auf einer Bergkuppe. Zu ihren Füßen, nur knapp hundert Meter voraus, brandeten die Wellen des Octaviusmeeres gegen die steinige Küste.

"Dort hinunter!"

Es sah gar nicht wie der Eingang zu einer Höhle aus, eher wie ein Felsvorsprung, aber als die Schwarze Hexe diesen passiert hatte, kam sie auf der anderen Seite nicht mehr zum Vorschein. Eilig lief Alessandra ihr nach, zwängte sich durch eine Spalte, und blieb staunend stehen. Vor ihr öffnete sich ein immer weiter werdender Weg in die Tiefe. Die Wände bestanden aus Kalksäulen und alabasternen Vorhängen, die kristallene weiße Einrichtung eines unterirdischen Zauberreiches.

Andächtig schritt Alessandra den Weg hinab. Es ging steil in die Tiefe. An einiges Stellen gab es so etwas wie Stufen, an anderen nur einen ausgetretenen Hohlweg. Und dann endete die rechte Seitenwand und gab den Blick frei in die riesige Höhle, in der einst die Eingeweihten zurückgezogen gelebt hatten, bis - ja bis die Imperatrice ihrem Dasein ein grauenvolles Ende bereitet hatte.

Andächtig und schaudernd zugleich ließ Alessandra ihre Blicke umherschweifen. Obwohl sie sich schon viele Dutzend Meter unter der Erde befand, war es doch so hell, daß man alles erkennen konnte. Der schneeweiße Kalk allein konnte es nicht sein, doch vorerst fand Alessandra nicht heraus, woher das Licht kam. Sie hörte Schritte hinter sich und wandte sich um. Es war Isini.

"Beeindruckend, nicht wahr, Schwester?"

Isini nickte. Ihre schwarzen Augen glitten mißtrauisch umher. Alessandra fand, daß dafür kein Anlaß bestand. Es war eine unheimliche, aber friedliche Welt, in die die Schwarze Hexe sie geführt hatte. Immerhin waren die ehemaligen Bewohner ja alle tot, was sollte also passieren? Aber Mißtrauen lag nun mal in Isinis Naturell. Alessandra kannte die Gründe dafür nur zu gut. Aufmunternd nahm sie deshalb Isinis Hände und sagte temperamentvoll: "Nun komm schon. Was kann uns hier passieren? Jetzt mach doch nicht so ein Gesicht."

"Ich spüre eine finstere Kraft. Eine Kraft, die stark genug ist, die ganze Welt zu erschüttern, wenn sie freigelassen wird", flüsterte die Schwarze Königin.

Alessandra wußte, daß Isini so etwas nicht einfach dahersagte. Aber vorstellen konnte sie sich das nicht. Entschlossen schritt sie weiter. Doch sie kam nicht weit. Der Weg wurde so schmal, daß sich ihre Rüstung als zu hinderlich erwies.

"Au weia. Ich habe fast nichts drunter!", rief sie. Jetzt war es an Isini zu lachen. "Keine Angst. Hier sieht dich keiner. Und ich kann dir ja ein bißchen aushelfen."

Also legte Alessandra notgedrungen ihre Rüstung ab, wobei sie die Stalagmiten als Kleiderständer benutzte. Nur ihr Schwert - das wollte sie auf keinen Fall aus der Hand geben. Sie rief sich das ins Gedächtnis zurück, was Gad'ta ihr beigebracht hatte, wie man sich fast schwerelos und mit natürlicher Leichtigkeit bewegt. So fiel es ihr dann recht leicht, auf dem teilweise nur wenige Zentimeter breiten Sims Tritt zu fassen.

"Ich frage mich, wie das Beata damals geschafft hat", meinte sie während ihrer Klettertour zu Isini. Diese antwortete: "Mit ein paar Zauberkräften ist das gar kein Problem."

"Ah so, natürlich. Was frage ich auch so blöd."

Schließlich war es geschafft und sie standen unten auf dem Höhlenboden. Alessandra sah sich um. Da lag etwas. In dem dämmrigen Licht war es auf größere Entfernung nicht zu erkennen, doch je näher die Prinzessin herankam, desto deutlicher schälten sich die Konturen eines Menschen heraus. Einer Mumie, bessergesagt.

"Eines der Opfer der Schwarzen Hexe", stellte Isini fest und blickte zu der Genannten, doch die zog es vor, sich nicht angesprochen zu fühlen und ging weiter.

Schaudernd wandte Alessandra sich ab. Später stieß sie auf weitere Tote. Einige davon sahen so aus, als schliefen sie nur, von anderen war nun noch das Skelett übrig.

"Wo ist die Schwarze Hexe geblieben?"

Isini deutete wortlos nach vorn. Dort ging es weiter, noch tiefer in die Unterwelt hinab.

Seltsamerweise wurde es immer heller, je weiter die beiden Frauen kamen. Und dann prallten sie fast auf die Schwarze Hexe, die unmittelbar hinter einer Biegung haltgemacht hatte und das Unbeschreibliche betrachtete, das ihr den Weg versperrte.

"Die Barriere", flüsterte Isini. Ihre tiefschwarzen Augen waren riesengroß - vor Angst! Alessandra registrierte es erschrocken. War das die Macht, von der ihre Stiefschwester gesprochen hatte?

Es leuchtete. Es verbreitete in seiner unmittelbaren Nähe eine intensive Helligkeit. Es sah nach nichts aus, was Alessandra je zuvor gesehen hatte. Es war wie leuchtender Nebel oder Watte. Immer wieder formten sich darin seltsame Muster, doch nie konnte das Auge sie fassen, immer zerflossen sie zu schnell. Die Barriere füllte den Gang vollständig aus. Es gab keine Spalte, durch die man sich hätte zwängen können.

Alessandra spürte, wie Isini sich zitternd an sie drängte. "Isini, was ist denn?" Eine unmittelbare Gefahr bestand anscheinend nicht. Schließlich bestand diese Barriere hier schon seit über tausend Jahren. Doch die Schwarze Königin antwortete nicht. Ihr Gesicht war von Panik gezeichnet. Dann drehte sie sich um und rannte davon. Alessandra war betroffen. Und - sie verstand Isinis Reaktion nicht. Sie selbst spürte nämlich gar nichts, keinerlei Gefahr, nichts.

Und die Schwarze Hexe? Die stand da wie angewurzelt und starrte versunken in das Licht. Alessandra trat auf sie zu und schüttelte sie. Die Hexe erwachte schließlich aus ihrer Trance. Mit verschleiertem Blicken sah sie die Prinzessin an, dann schüttelte sie resigniert den Kopf: "Da kommen wir nicht durch", flüsterte sie so leise, daß Alessandra die Worte von ihren Lippen ablesen mußte. Was für eine Schmach für eine Hexe, die sich so viel auf sich selbst einbildete.

Später saßen die drei Frauen auf einem Kalkvorsprung, vielleicht einem ehemaligen Altar der Eingeweihten, und beratschlagten. Die Schwarze Hexe hatte ihre alte Fassung wiedergefunden und führte das große Wort. Sie musterte die Weiße Prinzessin von oben bis unten, wobei sich ein sarkastisches Lächeln auf ihren Lippen breitmachte. Alessandra sah sie verwundert an, doch dann verstand sie schlagartig. Sie trug nur ein schmutziges, löchriges Hemd, einen kurzen Lederrock, dünne Leder-Stiefeletten, in denen kleine Wurfmesser versteckt waren, und natürlich ihr Schwert! Energisch wiederstand sie der Versuchung, die Beine anzuziehen und ihren Körper vor den Blicken der Hexe zu schützen. Sollte die Alte ihre schöne Gestalt doch ruhig so sehen. Gelassen erwiderte sie den Blick der Schwarzen Hexe. Dann sagte sie: "Wenn du so sicher bist es zu schaffen, dann mal los. Worauf wartest du noch?"

"Nein", rief Isini dazwischen. "Wir sollten weggehen. Es ist zu gefährlich. Wenn jemand das Siegel bricht, dann werden diese furchtbaren Energien frei und ... wir dürfen das nicht tun. Niemals!"

"Aber du selbst hast uns doch hierher geführt", rief Alessandra temperamentvoll. Eine eigenartige, fast euphorische Zuversicht erfüllte sie. Sie sprang auf. Bei jeder ihrer anmutigen Bewegungen spielten ihre Muskeln unter ihrer weißen Haut. Ihre rechte Faust schloß sich um den Knauf des Schwertes. Erwartungsvoll blickte sie Isini an. Doch die senkte scheu den Blick und flüsterte: "Ich war nie zuvor selbst hier. Wenn ich das gewußt hätte, hätte ich euch stattdessen oben im Mondland gegen Calract geholfen, statt hierher zu führen."

"So ein Unsinn!", rief die Schwarze Hexe dazwischen. "Dort wären wir alle drei draufgegangen. Ich gehe jetzt und versuche, das Siegel zu brechen. Das wäre ja noch schöner!"

"Nein!" Isinis Stimme klang wild entschlossen. In ihren Augen sprühten grüne Fünkchen. "Das darfst du nicht. Ich werde das nicht zulassen." Sie war aufgesprungen und stellte sich entschlossen vor die Schwarze Hexe. "Du kannst die ganze Welt ins Verderben stoßen!"

"Na und. Was geht mich die Welt an? Hier geht es um meine Ehre als Hexe. Los, aus dem Weg!"

***Alessandra hätte gerne eingegriffen, aber an dieser Stelle war das sinnlos. Isini wurde bald verrückt vor Angst, und die Hexe hatte auf Stur geschaltet. Sie machte einen Satz auf Isini zu, so als wollte sie sich auf sie stürzen, doch bevor sie sie erreicht hatte, war sie verschwunden. Isini begriff schnell, aber es war dennoch zu spät. Die Schwarze Hexe materialisierte direkt am Eingang zu dem Durchgang, der zur Barriere führte, und eilte hinein.

"Neiiiiiin!", schrie Isini. Sie sprang auf und stolperte der Schwarze Hexe hinterher. Alessandra sprang ebenfalls auf, doch sie war zu langsam und konnte nur noch die Schwarze Hexe und wenige Augenblicke später Isini in den Gang verschwinden sehen.

Was auch immer sie nun erwartet hatte, es trat nicht ein. Stattdessen herrschte Stille. Gespenstische Stille. Minutenlang. Unter ihren Füßen schien der Alabasterboden zu vibrieren und zu atmen.

Irgendwann hielt Alessandra die Ungewißheit nicht mehr aus. "Ich muß wissen, was passiert ist", rief sie. Vorsichtig lief sie zum Eingang und spähte hinein. Hinter der nächsten Biegung, etwa 10 Meter voraus, lag die Barriere, das Siegel, das den Zugang zum Unendlichen Land verschloß. Von Isini und der Hexe war nichts zu sehen.

Sie stehen sicher direkt vor der Barriere, hinter der Ecke, so daß sich sie von hier aus nicht sehen kann.

Doch so war es nicht. Als Alessandra dort ankam, war niemand zu sehen. Es gab nur eine Möglichkeit: Die Barriere hatte auch sie verschluckt.

Alessandra verspürte keine Angst. Das verwirrte sie. Dann blickte sie wieder in das Leuchten. Irgendwie erschien es ihr anziehend. Wieso nur war Isini vor Angst fast gestorben? Hinter ihr raschelte es. Umdrehen und das Schwert ziehen waren eins. Doch der vierflügelige Dämon, derselbe wie in der Nacht, machte keine Anstalten sie anzugreifen. Stattdessen glühten seine Augen hell auf, und dann erschien vor ihm in der Luft die stark verkleinerte, halb durchsichtige Gestalt Calracts.

"Hallo, Prinzessin. Bevor du dich nun in das Siegel stürzt und darin verschwindest wie alle anderen zuvor, wollte ich dir noch ein paar Dinge sagen. Vielleicht interessiert es dich, warum ich dich entkommen ließ. Nun, das hast du Tschuri zu verdanken. Sie bot mir ihr Leben für deins. Jetzt ist sie eins meiner Kinder. Und bald wird der Eisschirm fallen, dann gehört mir das Schwarze Königreich. Diese seltsame Isini hatte Recht: Mit der Macht, die das Siegel bildet, könntest du mich besiegen. Aber dazu müßtest du es brechen, und das wird niemals ein Mensch schaffen. Es ist fast schade um dich. Du warst eine würdige Gegnerin."

Die Gestalt wurde immer blasser und verschwand schließlich mit einem leisen, spöttischen Lachen.

Als Calract dann aber durch Aramus' Augen sah, was als nächstes geschah, blieb ihm das Lachen im Hals stecken.


Wilde Entschlossenheit flammte in Alessandra auf. Sie würde Calract besiegen oder bei dem Versuch sterben! Sie streckte ihre Hände vor und schritt langsam auf den leuchtenden Nebel zu. Sie war ganz ruhig. Und dann berührte sie das Leuchten und es geschah - nichts.

Alessandra tauchte tiefer und tiefer in das Licht ein. War dies der Weg, den Isini und Beata gegangen waren? Alessandra spürte, daß das nicht der Fall war. Es war irgendwie anders. Weiter und weiter, Schritt um Schritt ging sie voran. Dabei fühlte sie sich vollkommen sicher und geborgen.

Das Unendliche Land. Ich spüre es!

In der konturlosen Helligkeit war plötzlich eine dunkle Stelle, ein ziemlich scharf abgegrenzter schwarzer Fleck. Er war nicht einfach schwarz, er war das Gegenteil jeden Lichtes, jeder Helligkeit. Von dort ging die tiefste Schwärze aus, die Alessandra je gesehen hatte.

Der Seelenstein. So schwarz muß auch der Stein im Ring der Finsternis ausgesehen haben, der den Mörder Ornellas unsichtbar machte.

Alessandra trat auf das schwarze Ding zu. Im Mittel zwischen diffuser Helligkeit und tiefster Schwärze erkannte sie, daß es eine Art halbierter Kristall war, der in einer Nische in der Kalkwand lag. Einfach so. Die Barriere, die seit tausend Jahren jeden verschlungen und den Zutritt zum Unendlichen Land verwehrt hatte, war nichts als ein schwarzer Kristall, der in einer Wandnische herumlag. Alessandra streckte die Hand aus. Ihre Fingerspitzen tauchten in die schwarze Sphäre ein, dann spürte sie Widerstand und griff zu. Und damit erlosch die Barriere.

Alessandra wurde von einem so heftigen Energiestoß durchpulst, daß es sie von den Füßen riß. Doch sie ließ den Kristall nicht los. Einen Moment später war es auch schon vorbei. Alessandra war verwirrt. So einfach? Das konnte doch nicht sein! Die mächtigsten Zauberer waren an diesem Bollwerk gescheitert ...

"Alessandra! Oh, mein Gott. Du bist es. Du bist die Goldene Königin!"

Es war Isini. Von irgendwoher war sie wieder erschienen, zurück aus dem Nichts, das sie beinahe für immer verschlungen hätte.

"Alessandra. Königin. Herrin der Erde!"

Isini kniete vor der Weißen Prinzessin nieder. Und dann materialisierte sich auch die Schwarze Hexe wieder. Auch sie zurück aus den Abgründen der Hölle. Sprachlos und mit weit aufgerissenen Augen - eins hellblau, das andere fast schwarz - starrte sie Alessandra an. Ihre Lippen bebten und formten lautlose Worte. Und auch sie beugte das Knie vor ihr.

Die Prinzessin konnte es gar nicht glauben. Verwirrt sah sie die beiden demütig zu ihren Füßen verharrenden Frauen an, dann den Kristall in ihrer Hand ...

"Die Goldene Königin. Ja, ihr seid es. Herrin der Erde und der Menschen, verfügt über mich, den Grafen von Allheim. Mein Leben gehört nur noch Euch."

Der Dritte - ebenfalls vom Nichts wieder ausgespien - kniete nun ebenfalls demutsvoll vor Alessandra, die immer noch nicht so recht wußte, was geschah.

Vier oder fünf weitere Gestalten erschienen, doch ihre Umrisse blieben vage. Sie flackerten eine Zeitlang, so als könnten sie sich nicht entscheiden, ob sie in die reale Welt zurückkehren oder für immer ins Nichts entschwinden sollten. Dann erloschen sie wieder, einer nach dem anderen.

"Ich soll die Goldene Königin sein? Ich?" Alessandra war verwirrt. Dann wurde ihr bewußt, daß da drei Menschen vor ihr knieten, Menschen, die wohl nur selten in ihrem Leben das Knie vor jemandem gebeugt hatten.

"Steht doch auf, meine Freunde." Eine starke Zuversicht durchströmte die Prinzessin. Zusammen würden sie es schaffen, den Teufel Calract zu besiegen. Die Drei erhoben sich. Man sah der Schwarzen Hexe an, daß sie sich über sich selbst ärgerte. Doch irgendwie hatte sie nicht anders gekonnt. Alessandra war nun eine Erhabene, Herrin einer Ordnung, der auch sie - die Schwarze Hexe - angehörte, ob sie wollte oder nicht (natürlich wollte sie nicht). Isini hatte die Augen niedergeschlagen, sie wagte nicht, die Prinzessin anzusehen. Ebenso ging es dem Grafen.

"Isini, Schwester. Was ist mit dir?"

"Ich darf nicht länger Eure Schwester sein, Hoheit", erwiderte die Schwarze Königin. "Ihr seid nun die Herrin über alle Kreaturen auf Erden, und auch über meine geringe Existenz."

"Isini! Das ist doch Unsinn." Doch in ihrem Inneren spürte Alessandra, daß Isini recht hatte. Sie war jetzt die Goldenen Königin, die Erlöserin, auf die so viele Menschen unbewußt seit Generationen warteten. Und ihre erste Aufgabe war zugleich die schwerste.

"Kommt, meine Freunde! Laßt uns zu Thoran gehen und zusammen mit ihm gegen Calract kämpfen. Diesmal werden wir ihn endlich besiegen!"

Sie wandte sich um und schritt leichtfüßig voran. Vor ihr öffnete sich das Unendliche Land. Nie zuvor hatte sie solche Mengen an Gold gesehen. Es war mehr, als sie es sich auch nur vorstellen konnte. Aber keine Sekunde fürchtete sie, sie könnte zu einer Statue werden. Es war ihr Reich, es war ihr untertan. Und das galt auch für ihre Begleiter. Das Unendliche Land bekämpfte nur Eindringlinge, nicht aber seinen Herrscher und dessen Begleiter.

"Herrin."

"Isini. Nenne mich nicht so!"

"Verzeiht, Herrin." Es war irgendwie typisch für die Schwarze Königin. Sie neigte in gewissem Maße zu Extremen. Allerdings hatte sie auch einen ziemlich schwierigen Lebenslauf hinter sich. Sie fuhr fort: "Das Schwarze Schloß ist mehr als tausend Kilometer entfernt. Wie sollen wir es zu Fuß jemals erreichen?"

Alessandra dachte nach. "Wir gehen einfach ..." Wohin eigentlich? Woher wußte sie die Richtung? War das der richtige Weg? Sie fühlte, daß er es war, und daß das Ziel nahe war. Hier unten galten die Gesetzt der Welt der Sterblichen nicht. Viele endlose Minuten vergingen - dennoch. Einmal kam Alessandra an einer Gruppe von Goldstatuen vorbei. Sie berührte eine davon, eine junge Frau, und diese erwachte mit der Kraft des Seelensteins wieder zum Leben. Sie warf sich der Goldenen Königin zu Füßen und verpflichtete sich in einer altertümlich wirkenden Sprache mit ihrem Leben, ihr zu dienen. Daraufhin erlöste Alessandra auch die übrigen vier und schickte sie dann nach Hause. Was sie zu tun hatte, ging diese Schatzjäger aus längst vergangenen Zeiten nichts an.

Und dann, Alssandra schätzte, daß inzwischen vielleicht ein oder zwei Stunden vergangen waren, kam der andere Zugang in Sicht. Alessandra wies wortlos auf den Ausgang. Dort lag also das Schwarze Schloß, das niemand mehr auf irgendeinem normalen Weg betreten konnte.

Die vier Menschen traten durch den Ausgang. Das Gold, das das ganze Unendliche Land ausmachte, wurde weniger, nur noch ein paar Adern im Fels, dann war es völlig verschwunden.

Die Höhle von Gawron kam in Sicht. Alessandra trat vor und rief: "Gawron! Bist du da?"

"Wer ruft mich?", kam es erstaunt zurück. Sicherlich hatte Thorans Drache im Leben nicht mit Besuch gerechnet - schon gar nicht aus dieser Richtung.

"Ich bin es, die ... die Goldene Königin."

Stille. Dann ein Rascheln, und dann stand wie aus dem Boden gestampft der hellhäutige Drache vor Alessandra. Mit seinen tiefblauen Augen musterte er sie lange und intensiv. Dann vollführte auch er das Analogon eines demütigen Kniefalles: "Herrin über die Welt. Ich bin Euer."

Alessandra schluckte. War das wirklich notwendig? Sie war die Herrin der Welt - aber was, wenn sie versagte? So viel Macht und Verantwortung für ein junges Mädchen?

Egal, denke später darüber nach. Jetzt sind andere Dinge wichtig.

"Was weißt du über den Eisschirm, mein Freund?", fragte sie mit sanfter Stimme.

"Nicht viel, Herrin. Thoran, mein König, hat ihn errichtet, um einer großen, aber unbekannten Gefahr zu widerstehen. Das gesamte Schwarze Königreich ist vollkommen abgeschirmt und in Kälte erstarrt. Nur das Schloß teilweise nicht."

"Wo ist Thoran?"

"Ich führe Euch zu ihm, Königin. Kommt!"

Lautlos, wie nur sie es vermochte, stieß Alessandra die mit seltsamen Ornamenten verzierte Tür zum Thronsaal auf. Thoran saß mit dem Rücken zu ihr, und vor ihm flimmerte etwas, das sie nicht erkennen konnte, weil sein Körper es verdeckte.

"Thoran!", rief sie, dann trat sie ein, gefolgt von ihren mittlerweile vier Begleitern. Doch der Schwarze König reagierte nicht. Alessandra lief zu ihm hinüber und sah ihn an. Sie erschrak. Thoran sah furchtbar aus, ausgezehrt, totenbleich, fast schon durchsichtig, dem Ende seiner Kräfte nahe. Er war dem Tod näher als dem Leben. Und doch verströmte er eine ungeheure Energie. Alessandra konzentrierte sich auf die Macht des Seelensteins und ließ etwas davon auf sich überfließen. Dann berührte sie den Schwarzen König.

Ein unheimliches, abgrundtiefes Stöhnen ging durch das Schloß. Es knarrte in allen Wänden und Balken und ein seltsames Zittern durchlief den Boden. Und dann schlug Thoran seine Augen auf. Langsam nur kehrte sein entrückter Blick und sein Körper in die Realität zurück. Alessandra erkannte, daß er allein mit der Macht seiner Zauberkräfte die ganzen Monate hindurch ununterbrochen den verhängnisvollen Eisschirm aufrechterhalten hatte. Wie lange er das noch durchgestanden hätte, war unmöglich zu sagen, vielleicht noch Jahre, aber dann hätte er womöglich nicht mehr in die Realität zurückgefunden. Oder vielleicht hätte er sich einfach irgendwann aufgelöst - vielleicht schon morgen?

Thorans Augen weiteten sich vor Erstaunen, als er Alessandra erkannte.

"Schscht. Sag jetzt nichts. Es ist vorbei. Ich bin da, um dem Alptraum ein Ende zu machen. Öffne den Eisschirm."

Thoran nickte schwach. Das Flimmern vor ihm erlosch, dann brach er bewußtlos zusammen. Mit einem Aufschrei stürzte Isini an seine Seite und bettete seinen schweißverklebten Kopf an ihre Brust.

"Der Schirm ist erloschen", rief Gawron mit fauchender Stimme.

Und dann kam ER. Und es kam der Regenbogenkrieger.

"Calract!"

Er war einfach materialisiert. Mitten im Thronsaal. So, als gehöre er bereits ihm.

Alessandra stieß seinen Namen wie einen Fluch aus. Dafür erntete sie nur einen raubtierhaften Blick und dieses spöttische wölfische Lächeln, das sie so sehr haßte.

"Calract von Caair, ganz Recht, Prinzessin. Und bald höchst selbst der neue Schwarze König." Mit einer geradezu aufreizenden Ruhe schritt Calract zum Fenster. "Sieh hinaus!"

Der Vollmond. Dieser grauenvolle, am Zenit festgenagelte Vollmond, der seit Monaten den Tag zur ewigen Nacht und diese Nacht zur Hölle machte.

Calract streckte seine Hand aus. Der Himmel geriet in Bewegung. Alessandra schwindelte und sie taumelte zurück. Doch sie konnte ihre Augen nicht lösen von dem, was sie sah. Zuerst war es nur zu erahnen, doch dann lief die Schwärze der Nacht wie Tinte zurück in den Mond, und die Sonne blitzte durch die größer werdenden Lücken. Calract lachte. "Ihr armen Ignoranten. Ihr alle habt geglaubt, der Mond stünde da oben am Himmel. Aber es war das hier." Der schwarze Himmel war nun vollständig in den blassen Mond zurückgeflossen. Und dieser glitt nun vom Zenit herab in Calracts ausgestreckte Hand. "Es war nicht der Mond, sondern die Mondquelle, das Gegenstück zum Seelenstein."

Und da war es wieder, das Raubtier, das in Calract stets bereit war zu töten. "Gib mir den Seelenstein oder stirb."

"Halt!" Alle (außer Calract) fuhren herum zu dem jungen Mann herum, der plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Hinter ihm schimmerte schwach erkennbar ein Regenbogentor. Doch der Vertreter einer unheimlichen, unbekannten Macht kam nicht mehr dazu, sein Vorhaben auszuführen, welches es auch immer gewesen sein mochte. Calract fackelte nicht lange und schlug zu. Mit aller Kraft und Entschlossenheit, denn dies war der Moment, auf den er so lange gewartet hatte.

"HAAA!"

Der Energiestrahl traf Alessandras Hand. Der Seelenstein wurde herausgeschleudert. Doch er stürzte nicht zu Boden, sondern raste so schnell, daß das Auge nicht folgen konnte, auf die Mondquelle zu, die über Calracts Hand schwebte, und vereinigte sich mit ihr im Bruchteil einer Sekunde zum vollständigen Mondstein. Mit einer verzehrenden Gier blickte der Regenbogenkrieger auf den Stein der Macht, doch bevor er mehr als einen Blick davon erhaschen konnte, traf ein weiterer Kraftstrahl Calracts den Stein. Und dann folgte das Inferno.

"Neiiiiin!" gellte der Schrei des Regenbogenkriegers auf, als er den Mondstein zerbrechen und vergehen sah. "HAAAAAA!" Die Energie des explodierenden Steins war so gewaltig, daß die Wesen im Saal, Sterbliche wie Unsterbliche, wie Blätter im Wind umhergewirbelt wurden. Calract verging wie Schnee in der Sonne, als die Lichtkugel - das letzte Aufbäumen des explodierenden Kristalls - über ihn hinwegging. Und die anderen verloren das Bewußtsein - oder mehr.

14. Kapitel - Spiegel

Irgendwann erwachte Alessandra aus ihrer Ohnmacht. Jede einzelne Faser ihres Körpers schrie vor Schmerzen, und bei jedem Atemzug gab es einen quälenden Stich in ihrer Brust, so als stecke dort ein glühendes Messer. Die Prinzessin stöhnte gequält auf, aber dadurch wurde es noch schlimmer. Doch sie verlor das Bewußtsein nicht mehr. Im Grunde wunderte sie sich, daß sie noch am Leben war. Calract hatte in seinem Wahn den Mondkristall vernichtet und dabei den Tod gefunden. Was aber war mit den anderen geschehen? Alessandra versuchte wieder die Augen zu öffnen. Es gelang ihr erst nach mehreren Versuchen. Zuerst konnte sie nichts erkennen außer verwaschenen dunklen Flecken auf noch dunklerem Hintergrund. Erneut stöhnte sie auf. Nach und nach schälte sich ein Bild aus den Umrissen: die Überreste des Schwarzen Thronsaales.

Calract hatte ganze Arbeit geleistet ... Calract ... Wie ein Echo kreiste dieser Name in Alessandras Kopf. Calract ... da war doch noch etwas. Mühsam versuchte sie sich zu konzentrieren. Was hatte er zu ihr gesagt, kurz vor der Katastrophe: 'Calract von Caair, ganz Recht, Prinzessin'.

Für einen Augenblick war der Thronsaal, waren auch die Schmerzen vergessen, als diese Erkenntnis Alessandra wie ein Blitz durchfuhr. Natürlich! Wie hatte sie all die Zeit nur so blind sein können. Von Caair! Er stammte aus der Linie der Schwarzen Könige. Sie hatte sogar schon seinen Namen gekannt - sie hatte die Ahnentafel der Schwarzen Könige in der Kapelle gesehen, damals, als Ornella Thoran geheiratet hatte - doch sie hatte es wieder vergessen. Und so hatte sie fast ein Jahr lang gegen einen Feind gekämpft ohne zu wissen, wer er in Wirklichkeit war und was er eigentlich wollte. Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie sich mit der Faust vor die Stirn geschlagen. Doch im Moment war sie eigentlich froh, daß sie noch lebte, daß ihr Herz schlug und sie irgendwie atmen konnte.

"Oh, mein Gott. Laß es nicht wahr sein.", flüsterte sie. Ihre blutigen Lippen brannten höllisch bei diesen Worten und sie erkannte ihre eigene Stimme kaum wieder, doch irgendwann ließen die Schmerzen etwas nach.

Aber wenigstens gab es diesmal keinen Zweifel, daß dieser Teufel den Tod gefunden hatte. Die Hölle auf Erden war vorbei. Endlich. Das allein war alle Opfer wert gewesen.

Erbittert rekapitulierte die Prinzessin, was Calract alles auf dem Gewissen hatte: Zehntausende von Menschen waren durch seine Hände in Dämonen verwandelt worden. Viele davon waren so verpfuscht gewesen, daß sie völlig hilflos gewesen waren. Das Ziel, so vermutete die Prinzessin, mußte damals schon die Eroberung des Schwarzen Königreiches gewesen sein. Doch als Calract genügend Krieger beisammenhatte und losschlug, hatte Thoran das verhindert - auf eine Art, die so schaurig war, daß sie nur dem Gehirn eines Schwarzen Königs entsprungen sein konnte. Aber wie man auch immer den Eisschirm einschätzte, wirksam war er gewesen! Alessandra hatte in zahllosen verzweifelten Schlachten gegen Calracts Dämonen tausende von Rittern in den Tod geführt, die Verluste unter den Bewohnern des Schwarzen Königreiches beliefen sich hingegen auf exakt Null.

Dann hatte Calract seinen Tod inszeniert, um im Ruhe gegen den Eisschirm angehen zu können. Aber warum hatte er nicht einfach Alessandra und ihr Heer vernichtet?

Vielleicht, weil er es eilig gehabt hatte? Aber warum auch immer, es war nun egal. Alles war vergebens gewesen, die vielen Toten - umsonst gestorben. Nicht die Tapferkeit der Ritter hatte das Ungeheuer schließlich besiegt, sondern sein eigener Wahn. "Calract, ich verfluche dich," flüsterte Alessandra mit heiserer Stimme. Irgendwie ergab die ganze Geschichte keinen Sinn. Wer war dieser Fremde gewesen, der unmittelbar vor der Katastrophe unter diesem Regenbogen erschienen war? Warum hatte Calract ... es schien, als wäre er auf dieses Ereignis vorbereitet gewesen. Alessandra gruselte bei dem Gedanken, daß vielleicht doch noch etwas nachkommen könnte. Waren hier Mächte am Werk, von denen sie nichts wußte?

"Nein!", sagte sie entschlossen zu sich. "Und ich schwöre, daß ich bis zu meinem letzten Atemzug für mein Volk und die Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen werde. Komme, was da wolle."

Und es kam einiges.

Alessandra ruhte sich noch ein paar Minuten aus, dann wälzte sie sich mühsam herum auf alle Viere. Sie hob den Kopf. Zunächst drehte sich alles um sie. Sie stöhnte auf, ein wilder Schmerz raste durch ihren Leib, doch dann wurde es langsam besser. Sie sah sich um. Der Thronsaal bot ein Bild der Verwüstung. Ein Teil der Außenwand, dort, wo Calract am Fenster gestanden hatte, war weg - zerschmolzen oder ins Nichts verschwunden. Eisiger Schneeregen peitschte von draußen herein. Die Prinzessin, die immer noch kaum etwas anhatte, bemerkte jetzt erst, wie kalt es war. Jeder Atemzug erzeugte ein weißes Wölkchen. Es war halbdunkel draußen. Alessandra wußte nicht, ob es Abend oder Morgen war, doch das trübe Licht ließ immerhin die Zerstörungen im Thronsaal erahnen. Kein Möbelstück war noch heil und ...

"Isini. Oh, ihr Götter!"

Alessandra sprang auf die Füße und eilte, den Schwindel und die Schmerzen ignorierend, zu ihrer Adoptivschwester hinüber. Zu dem, was noch von ihr übrig war.

Isini war tot - aufgespießt auf einem zersplitterten Holzbalken, der zuvor vielleicht als Halterung für eine Rüstung gedient hatte. Das von getrocknetem Blut braune Holz ragte aus ihrer Brust heraus wie ein anklagender Zeigefinger. Isinis Augen waren weit aufgerissen. In ihnen schien sich ein letztes Mal der Schmerz und all die Qualen zu spiegeln, die die Frau in ihrem Leben hatte ertragen müssen. Und wie ihr Leben, so war auch ihr Tod: schrecklich. Doch ... Alessandra sah genauer hin. Isinis Gesicht lag im Dunklen, und Alessandra hatte die Schwärze des rechten Auges für einen Schatten gehalten. Als sie nun aber erkannte, daß es in Wahrheit die leere Augenhöhle war, da wurde ihr vor Grauen schwindelig. Nur das linke Auge war noch da und spiegelte schwach die wenigen Lichtstrahlen, die sich in diese Ecke des Thronsaales verirrten.

Alessandra stand lange reglos vor Isinis totem Körper und hielt weinend eine stille Andacht. Träge nur flossen ihre Gedanken. Bilder und Erinnerungen an bessere, längst vergangenen Zeiten kamen in ihr auf, Erinnerungen an Ornella, die ebenfalls in diesem Schloß des Schreckens einen grauenvollen und völlig sinnlosen Tod gefunden hatte.

"Ich verfluche euch! Hört ihr mich, ihr Schwarzen Könige, ihr alle! Ich verfluche euch euer ganzes Geschlecht, daß über uns Sterbliche nichts als Tod und Verzweiflung bringt."

Die Weiße Prinzessin beschloß, nach weiteren Überlebenden zu suchen, so es noch welche gab, dann das Schloß und das Schwarze Königreich zu verlassen und nie wieder hierher zurückzukehren. Auch ihren Untertanen würde sie es bei strengster Strafe verbieten, das Land, das die Schwarzen Könige in ihrer Vermessenheit das Unendliche nannten, je wieder zu betreten.

Sie erinnerte sich noch genau an den Tag des Turniers, als Ornella sich in Thoran verliebt hatte. Sie hatte ihre Schwester zum Schwarzen König geführt in der festen Überzeugung, das Richtige zu tun. Oh, sie hatte geglaubt, den Schwarzen König besser zu kennen, besser zu wissen als alle anderen, daß er kein Dämon war, kein Teufel, sondern ein völlig mißverstandener einsamer, weiser und im Grunde gütiger Herrscher. Die andere Seite hatte sie nicht sehen wollen, vielleicht damals auch nicht sehen können: daß die dunklen Mächte, mit denen jeder aus diesem Geschlecht untrennbar verbunden war, jeden Sterblichen unweigerlich ins Verderben zogen. Doch, sie hätte es wissen müssen: es war schließlich kein Geheimnis, auf welchem Wege ein Schwarzer König einen anderen abzulösen pflegte. Wenn einer die dunklen Kräfte entfesselte und darin verschwand oder umkam, dann wurde der Thron frei für den Nachfolger. Alessandra hatte das damals für Geschichten aus längst vergangenen Tagen gehalten. Daß es aber jeden Tag erneut grausige Realität werden konnte, das hätte sie damals niemals geglaubt. Zitternd vor Wut und Trauer wandte sie sich schließlich von Isini ab und durchsuchte den Raum.

Doch der einzige, den sie noch fand, war Graf von Allheim. Alessandra schluchzte vor Erleichterung als sie sah, daß er noch lebte.

Thoran von Caair, Gawron und die Schwarze Hexe waren buchstäblich spurlos verschwunden. Was allerdings nicht unbedingt heißen mußte, daß sie tot waren. Und Calract ... sie nahm sich vor, nie wieder diesen Namen auch nur zu denken.

Dann zuckte sie zusammen.

Nuitor!

Nuitor. War auch er - tot? So wie sein Herr? Und was war mit den Dämonen? Hier, an dieser Stelle hatte sie Calract sterben sehen. Aber was war mit den sicherlich noch etlichen tausend Lunaloc-Ungeheuren? Und ihr Geliebter. Alessandra faßte in diesem Moment den festen Entschluß, sich auf die Suche nach ihm zu machen und nicht aufzugeben, bis sie ihn gefunden hatte!


Und so versäumte sie den Einzug der drei Spiegel in die Weiße Hauptstadt.

*

Nachdenklich sahen die Posten zu ihrem Herrscher hinüber. Vor vier Tagen, genau am 12.1.1246, war fast schlagartig die ewige Mondnacht zu Ende gegangen, die sich am Ende über das ganze Weiße Königreich fast bis zur Sonneninsel hinunter erstreckt hatte. Seitdem gab es endlich wieder Tag und Nacht. Unglaubliche Erleichterung hatte sich unter den Untertanen des Weißen Königs breitgemacht, und wenn man es auch nicht definitiv wußte, so zweifelte doch im Grunde keiner daran, daß dies Alessandras Verdienst war. Es mußte einfach so sein. Doch die Prinzessin war noch nicht zurückgekehrt. Der Weiße König verbrachte viele Stunden am Tag hier oben auf den Mauerkronen und sah nach Norden, immer nach einer einsamen Reiterin auf einem schnellen Hengst Ausschau haltend.

"Er verzehrt sich noch selbst", murmelte der eine Wächter seinem Kameraden zu. Doch der Weiße König wollte sich nicht helfen lassen. Er war alt geworden in den letzten Jahren. Öfters schon hatte er darüber gesprochen, die Krone niederzulegen und an seine Tochter abzutreten. Doch das ging natürlich nur, wenn die Prinzessin da war.

König Harro seufzte.

"Majestät. Seht!"

Aufgeregt wies einer der Wachsoldaten nach Südwesten. Noch war außer einer kleinen Staubwolke am Horizont kaum etwas zu erkennen. Aufgeregt eilte der Weiße König herüber und spähte mit zusammengekniffenen Augen in die Ferne. Ganz langsam wuchsen die Pünktchen, und endlich konnte man Wagen und Reiter erkennen. Die Spannung stieg. War das Alessandra? Und wenn ja, wieso kam sie nicht aus dem Norden?

Inzwischen hatte die Nachricht die Stadtbewohner erreicht, und alle strömten ans südliche Stadttor, um die Ankunft von wem auch immer nicht zu verpassen.

Langsam näherte sich der Zug der Stadt. Je mehr man erkennen konnte, desto größere Enttäuschung machte sich auf dem Gesicht des Weißen Königs breit. Das war nicht seine Tochter, das waren Fremde. Aber immerhin brachten sie gutes Wetter mit. Es war zwar einiges unter Null, doch die Sonne schien hell von einem fast wolkenlosen Himmel, was allein schon die Stimmung der Menschen beträchtlich hob. Die Mondnacht hatte zwar, wenn man es im Kalender nachrechnete, nur etwa vier Wochen gedauert, doch das war allen Betroffenen als mehr als eine Ewigkeit vorgekommen. Es hatte zahllose Verzweiflungstaten und sogar Selbstmorde gegeben, aber dieser Alptraum war nun, da die Sonne wieder schien, wie weggeblasen. Überall wurden Feste vorbereitet und in den Kirchen wurde mehr als üblich gebetet. Die ganze Woche über waren für jeden Tag mehrere Dankgottesdienste angesetzt, und alle bisherigen waren völlig überfüllt gewesen.

Und dann erreichte der Zug die Weiße Hauptstadt. Es wurde der pompöseste Einzug seit dem legendären Turnier vor vier Jahren. Zwei mit prächtigen, goldglänzenden Rüstungen bekleidete Ritter sprengten auf ihren Rössern voran durch das weit geöffnete Stadttor und riefen: "Platz für ihre Hoheiten Serpiente, Kokkoro und Madonna de la Flor, die drei Spiegel." Fanfarenstöße ertönten, und mit klirrender Marschmusik zogen die Diener der drei unbekannten Hoheiten ein. Dahinter kamen vier große Kutschen, aus denen Süßigkeiten und Geld unter die Leute geworfen wurde. Lauter Jubel brach aus. Mit leuchtenden Augen verfolgten die Menschen die prächtigen Kutschen und die exotischen Tiere, die diesen folgten. Zwei Giraffen waren darunter, und sogar ein echter Dinosaurier, eine sehr seltene Kostbarkeit aus fernen Ländern. Die langhalsigen Giraffen weigerten sich zunächst, durch das für sie viel zu niedrige Stadttor zu gehen, doch ihr geschickter Tiermeister schaffte es dann doch noch, sie dazu zu bringen, es in gebückter Haltung zu durchschreiten.

Zum Schluß kam ein Wagen mit einem großen Käfig, der voller bunter Papageien war. Als dieser im Innern war, wurde er geöffnet und die prächtigen Vögel flatterten aufgeregt davon. Viele ließen sich in unmittelbarer Nähe nieder. Es waren zahme Vögel, die sich von den begeisterten Menschen leicht einfangen und füttern ließen. Vielleicht war ihnen auch wegen der Kälte nicht zum Davonfliegen zumute. Jedenfalls war der Einzug das Ereignis des Tages - mindestens.

Der Zug der drei Hoheiten, die in ihrer verhängten Kutsche übrigens bislang noch niemand zu Gesicht bekommen hatte, wandte sich quer durch die Stadt bis zum teuersten Gasthof. Johlend und singend begleiteten die Stadtbewohner die Parade, und versammelten sich dann ebenfalls vor dem Gasthof Zur Weißen Krone, der sich direkt am zentralen Stadtplatz erhob. Und dann öffnete sich der Verschlag der prächtigsten Kutsche, und drei Frauen stiegen heraus, die sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich zogen. Für einen Moment hielt alles den Atem an.

Die drei fremden Frauen sahen sich auf den ersten Blick sehr ähnlich, auch wenn sie durchaus verschieden gekleidet waren und die Haare anders trugen. Doch die Gesichtszüge ähnelten einander so sehr, daß man vermuten konnte, sie seien Schwestern. Schon der Name legte das nahe. Sie trugen fürstliche Gewänder in einem eigenartigen Schnitt, so daß sich unwillkürlich jeder fragte, woher sie wohl stammen mochten. Aus dem Westen ... Nun, dann mußten sie wirklich von sehr weit her kommen, denn westlich des Weißen Königreiches kam erst einmal das Ödland und dann die Wüste Algora. Und was dahinter kam, kannte man höchstens aus Sagen und Märchen.

Die drei Frauen sahen sich kurz um, dann marschierten sie schnurstracks in den Gasthof. Mansor Kumm, der Eigentümer, einer der reichsten und angesehensten Bürger der Stadt, eilte ihnen diensteifrig entgegen. In aller Hast hatte er seine Lakaien einen roten Teppich auslegen lassen, über den die drei Frauen jetzt eher beiläufig schritten.

"Wo Beltram nur wieder steckt?", entrüstete sich Kokkoro affektiert. "Schrecklich ist das mit dem Personal heutzutage!"

"Ja, liebste Kokkoro. Nie ist er da, wenn man ihn am dringendsten braucht."

"Laßt mal, Mädels. Nehmen wir so lange den da." Serpiente zeigte auf Mansor Kumm. Sie wandte sich an ihn und sagte in etwas blasiertem Tonfall: "Wir haben vernommen, daß Er das beste Haus am Platz führt."

"So ist es, Hoheit."

"Nun ja, wir werden sehen. Wir möchten es auf unbestimmte Zeit mieten."

"Aber sehr gerne, Hoheit. Wollen Sie die Fürstensuite oder ... äh ...?"

"Waaas? Wofür hält Er uns? Selbstverständlich das ganze Haus. Da! Nehme Er das als Anzahlung." Sie warf ihm einen Beutel hin, aber so schlecht gezielt, daß er Kumm aus der Hand rutschte und zu Boden fiel, wo er aufplatzte und seinen Inhalt über den Teppich ergoß. Alle bekamen große Augen, als sie die großen, schweren Goldmünzen über das Pflaster kullern sahen. Das reichte schon fast, das Haus zu kaufen.

Die drei Hoheiten beachteten den Gastwirt nicht weiter und traten ein, gefolgt von ihrem Hofstaat.

Der Einzug dauerte den ganzen restlichen Tag. Sie belegten wirklich das ganze Hotel für sich allein und bestanden auch darauf, es mit ihren eigenen Dienern zu bewirtschaften. Selbst die Küchenmädchen wurden nach Hause geschickt - mit einer fetten Abfindung allerdings - und durch die Mädchen der de la Flors ersetzt. Eigentlich wurde nur noch Mansor Kumm geduldet, immerhin war das Hotel sein Eigentum und er hatte dort sein Büro und auch seine eigenen Räume. Ansonsten stellten die Fremden alles auf den Kopf. Dekorationen wurden umgestaltet, exotische Teppiche und mit seltsamen Ornamenten verzierte Tücher an Decken und Wänden befestigt, Bilder, die einem seltsamen Geschmack entsprungen waren, aufgehängt, kurzum, am Abend dieses Tages erkannte niemand mehr den traditionsreichen Gasthof wieder.

Derweil bereiteten andere der Diener draußen ein großes Straßenfest vor. Es würde Getränke und offen gegrilltes Fleisch für die Bürger der Weißen Stadt geben, alles umsonst natürlich, den jeder sollte wissen, daß die drei Hoheiten aus dem fernen unbekannten Land reich, mächtig und großzügig waren.

Sie selbst bekam man an diesem Abend nicht zu sehen, nur ihr Faktotum Beltram war unermüdlich auf den Beinen.

Beltram war ein Mann von schwer schätzbarem Alter. Er war mittelgroß, neigte zur Fülligkeit, hatte einen Halbglatze und einen manchmal etwas verschlagen wirkenden Blick. An jenem ersten Abend setzte er sich zu den Feiernden an die Tische und beantwortete ihre zahllosen neugierigen Fragen.

Schließlich traf er auf einen sehr interessanten Gesprächspartner.

"Schmeckt's?", fragte Beltram leutselig, während er seine recht ansehnliche Leibesfülle neben dem Anderen auf die Holzbank plumpsen ließ. Der Uniform nach war der Mann ein hoher Offizier in der Weißen Armee, ein großer, sehr kräftiger Mann mit rotblonden Haaren, einem ebenso rotblonden, verwegenen Bart und strahlend blauen Augen.

"Hmmm!", antwortete der Offizier mit vollem Mund. Er kämpfte gerade mit einer Schweinshaxe und hatte sich vielleicht einen etwas zu großen Bissen zugemutet.

"Ich freue mich", fuhr Beltram fort, "daß wir in eurer Hauptstadt so freundliche Aufnahme gefunden haben. Ach, entschuldigt, äh, Oberst? General? Verzeiht, aber mit euren Dienstgraden bin ich nur wenig vertraut."

"General", quetschte von Walldorff unter der Schweinshaxe hervor.

"Äh, ja, General. Selbstverständlich. Ich, äh, habe mich selbst noch gar nicht vorgestellt. Gestatten, Beltram."

Von Walldorff hatte den Bissen endlich hinuntergewürgt, so daß er wieder sprechen konnte. "So, so. Beltram", antwortete er in seiner polternden Art. "Und weiter? Oder hat es für einen Nachnamen nicht mehr gereicht?"

Beltram lachte gekünstelt, ohne die Frage zu beantworten. Gerade, als er wieder etwas sagen wollte, meinte von Walldorff: "Tolle Haxe. Wirklich. So was bekommt man selbst bei uns nicht alle Tage."

"Danke. Ich freue mich, wenn es den Gästen der Hoheiten schmeckt."

"Gibt es einen besonderen Grund, warum ihr hier eingezogen seid?", fragte der General zahm. Beltram mißverstand die Frage bewußt und antwortete: "Es ist das beste Haus am Platz. Für Ihre Hoheiten ist das Beste gerade gut genug."

Von Walldorff beschloß, nicht mehr länger um den heißen Brei herumzureden. Dieser aalglatte Typ wurde ihm langsam unsympathisch. "Woher kommt ihr eigentlich?"

"Von weither aus dem fernen Westen."

"Und von wo da?"

"Von jenseits der großen Wüste."

"Und wie heißt euer Land?"

"Es ist das Land Flor."

Von Walldorff hatte noch nie in seinem Leben von einem Land Flor gehört, aber kein Mensch im Weißen Königreich wußte, was westlich der Wüste Algora wirklich geschah oder welche Herrscher dort regierten. Es war eine völlig andere Welt, von der man praktisch niemals etwas zu hören oder zu sehen bekam. Vielleicht hatten die Leute von der Sonneninsel bessere Informationen, denn es kamen oft Karawanen der Wüstennomaden dort an und trieben ihren Handel mit Gewürzen und allerlei kostbaren Sachen, die man woanders nicht bekam. Sie wußten sicherlich mehr über das, was westlich ihrer Heimat geschah.

"Und was führt euch zu uns?", wollte er wissen.

Die Antwort überraschte ihn. Beltram bekam einen verträumten Blick und sagte: "Die Hoheiten wollen der Goldenen Königin Alessandra huldigen!"


Nachdenklich stapfte der General zum Palast. Es war bitter kalt und sein linkes Bein schmerzte ein wenig. Auf dem Platz vor der 'Weißen Krone', der praktisch direkt in den Stadtplatz überging, hatten die vielen Feuer und der Wein die Kälte vertrieben, aber hier, zwischen den jetzt stillen Gassen der Weißen Hauptstadt, herrschte klirrender Frost. Es war tief in der Nacht. Viele seiner Soldaten saßen noch an den Holztischen und zechten, aber von Walldorff war unterwegs zu seinem König.

Vor ihm bog eine Gestalt in Rüstung mit Laterne und Lanze um die Ecke - eine der Nachtwachen.

"Halt, wer da!"

Der Soldat hielt von Walldorff seine Lampe unter die Nase. Als er ihn erkannte, zuckte er leicht zusammen und machte dann eine zackige Meldung. Doch von Walldorff hörte diesmal nur mit halbem Ohr hin - es war alles ruhig und würde aller Wahrscheinlichkeit nach auch die nächste Zeit so bleiben. Aber was er von diesem Beltram erfahren hatte, gab ihm zu denken. Er hoffte, daß sein König noch wach war, denn er hatte einiges zu berichten.

Später saßen sich Harro und von Walldorff an dem langen Tisch im Thronsaal einander gegenüber. Einer der Palastdiener hatte die Kerzen entzündet, und sie verbreiteten ein gemütliches, warmes Licht, während der Thron und die Wände in Dunkel gehüllt blieben. Das Flackern der Kerzen ließ seltsame Muster über die Gesichter der beiden Männer huschen. Wie sie da einander gegenübersaßen, tief vorgebeugt und leise miteinander murmelnd, hätte man sie leicht für finstere Verschwörer halten können.

"So waren seine Worte: um der Goldenen Königin Alessandra zu huldigen."

"Also doch!", flüsterte der Weiße König. Als von Walldorff ihn fragend ansah, da holte der alte Weiße König tief Luft. "Es gibt eine alte Prophezeiung, die Mistress Elysiss, die Schutzherrin unseres Landes, meiner Frau in der Stunde ihres Todes gab. Ihre Töchter würden heiraten und glücklich werden. Nur eine sei dazu ausersehen, wahrhaft Großes zu leisten. Dafür aber würde es ihr nicht vergönnt sein, je einen Mann den ihren nennen zu können. Wahrhaft Großes ... ich hätte nie für möglich gehalten, daß meine geliebte Tochter Alessandra die Goldene Königin sein soll." Seine Stimme war nur noch ein Flüstern. "Und doch. Mein Gott, wenn sie nur heil zurückkehrt. Sie hat uns vor den Dämonen und der Ewigen Mondnacht gerettet. Viele Menschen hier und in allen anderen Reichen sehen sie jetzt schon als die Erlöserin der Menschheit an. Wenn sie nun als Goldene Königin zurückkehrt ... sie ist doch fast noch ein Kind."

"Majestät. Noch bevor morgen die Sonne aufsteigt, will ich mit meinen Leuten unterwegs sein und sie suchen."

"Wo wollt Ihr sie denn suchen, General?"

"Im Norden. Von dort kam die Mondnacht, dort muß sie auch bekämpft worden sein. Also müßten wir die Prinzessin dort finden können. Und denkt an den Eisschirm. Ich wette, den gibt es auch nicht mehr."

Der Weiße König schüttelte den Kopf. "Zum Schwarzen König wollt Ihr also. Das ist zu riskant."

"Majestät, ich fürchte weder Tod noch Teufel!", erwiderte von Walldorff mit energischer Stimme.

"Ich weiß, mein Guter. Dennoch. Warten wir noch ein paar Tage."

Nichts desto trotz schickte der General am folgenden Tag fünfzig Soldaten zur Schwarzen Grenze. Sie sollten die Station, die damals von einem der ersten Lunaloc-Dämonen zerstört worden und dann abgebrannt war, wieder aufbauen und die ganze Gegend genauestens im Auge behalten. Ihr vordringlichstes Ziel sollte es natürlich sein, nach jedem noch so kleinen Lebenszeichen der Prinzessin Ausschau zu halten - wenn es sein mußte, auch auf der anderen Seite der Grenze.

*

Eine Woche später.

Die drei Damen de la Flor hatten in kurzer Zeit einen legendären Ruf erworben. Jeden Tag gaben sie ein üppiges Straßenfest, und wenn man auch Beltram wesentlich öfters zu sehen bekam als die drei Hoheiten, so waren sie doch schon bald bei den Bürgern der Stadt äußerst beliebt und das Stadtgespräch schlechthin. Im Grunde wußte man nicht sehr viel über sie, und so kursierten stattdessen die wildesten Gerüchte: daß sie gar nicht aus dem fernen Westen kämen sondern aus dem tiefen Süden, daß sie womöglich entlaufene Sklavinnen seien und so weiter.

Von Walldorff ließ die Aktivitäten der drei Spiegel genau überwachen, aber außer daß sie ihr Geld mit vollen Händen ausgaben und ansonsten etwas seltsame Zeitgenossinnen waren, gab es keinerlei Anlaß zu Mißtrauen. Da klopfte es energisch an die Tür von von Walldorffs Arbeitsraum.

"Reinkommen!"

Ein Ritter in staubbedeckter Rüstung stolperte in das warme, große Zimmer. Von Walldorff saß hinter seinem riesigen Schreibtisch, vor sich einen Krug Milch und die Füße auf dem Tisch. Mißbilligend blickte er den schmutzigen Soldaten an, doch dann fiel ihm wieder ein, wer das war: einer der Männer, die er letzte Woche an die Schwarze Grenze geschickt hatte. Aufgeregt sprang der General auf: "Was gibt's. Rede, los!"

"Mein General. Wir haben ... ich weiß nicht, ob es eine gute oder ..."

"Los, red' schon oder kotz' Buchstaben!"

"Wir haben Phobos gefunden."

"Phobos?" Er dachte kurz nach. "Phobos! Das Pferd der Prinzessin! Hmm." War das nun gut oder schlecht? Wenn das Pferd lebte, bedeutete das, daß die Prinzessin auch noch am Leben war? Im Grunde bedeutete es alles und nichts.

"Und. Wo ist der Gaul?"

"Wir haben ihn in die königlichen Stallungen gebracht."

Von Walldorff ließ es sich nicht nehmen, den Hengst persönlich in Augenschein zu nehmen. Es war Phobos - kein Zweifel. Aber es gab keine Spuren, die auf das Schicksal der Prinzessin hindeuteten. Schließlich begab sich der General zum Weißen König, um ihm zu berichten. Doch er mußte warten. Imperator Sofrejan war da. Und er hatte zwei Leute bei sich, einen Mann und eine junge Frau, die in einer altertümlichen Sprache eine mehr als abenteuerliche Geschichte zu erzählen hatten.

Der Weiße König saß auf seinem Thron. Schräg gegenüber hatten man für Sofrejan einen ähnlich prunkvollen Stuhl aufgestellt. Daneben saßen die Berater des Königs, einer der Hofzauberer, und die Begleiter Sofrejans. Und nicht zu vergessen: die amtierende Prinzgemahlin Olivia.

Von Walldorff lehnte sich an eine Wand und hörte sich schweigend die Geschichte an, die die beiden Fremden vor dem Weißen König berichteten. Es war in der Tat unglaublich, doch Walldorff war sicher, daß es die Wahrheit sein mußte.

Vor mehr als dreizehnhundert Jahren waren acht Menschen - Abenteurer, Schatzsucher und Glücksritter - aufgebrochen, um das Unendliche Land zu finden und die legendären Schätze darin zu heben. Unter abenteuerlichsten Umständen hatten schließlich sechs von ihnen den Eingang gefunden, die beiden anderen waren den Gefahren der Suche bereits erlegen. Die Überlebenden kannten die Gefahren des Unendlichen Landes. Unter dem Schutz eines Zaubers hatten sie gehofft, dort nicht zu Goldstatuen zu erstarren, doch der Zauber hatte sich als zu schwach erwiesen. Nur einer war in letzter Sekunde entkommen - nun schon seit Ewigkeiten tot und begraben, doch die anderen hatten all die Zeiten in leblosem Zustand überdauert, bis sie schließlich von der Goldenen Königin erlöst worden waren. Und diese Königin war niemand anders als Alessandra gewesen, in Begleitung zweier Hexen und eines Grafen namens von Allheim.

Die Erlösten waren aus dem Land des Unendlichen Grauens geflohen und hatten sich dann in alle Winde zerstreut. Zwei von ihnen stammten ursprünglich von der Sonneninsel, und als sie vernahmen, daß es dieses Reich immer noch (oder wieder) gab, da machten sie sich so schnell es ging auf den Weg in ihre alte Heimat. Da sie natürlich keine Verwandten und Bekannten mehr hatten, sich aber über ihren Stellenwert genau im klaren waren, wandten sie sich an den Imperator. Sofrejan erkannte auch sofort, welche Bedeutung die Geschichte dieser zwei Menschen hatte. Es war ihm so wichtig, daß er noch am gleichen Tag so schnell er konnte zur Weißen Hauptstadt aufbrach. Und nun war er da.

Lange Zeit herrschte tiefes Schweigen. Allen Anwesenden war, als hätte sie ein Hauch der Ewigkeit gestreift. Das Unendliche Land, zwei Menschen, die seit weit über tausend Jahren tot sein müßten, die Goldenen Königin ... hier waren unglaubliche Dinge im Gange. Einige der Zofen konnte man in diesen Augenblicken beten sehen.

Keinem fiel es sonderlich auf, daß auch Beltram anwesend war und der Geschichte gebannt lauschte.

Adalbert faßte sich als erster wieder. Er rechnete die Tage nach und kam dann zu dem Ergebnis, daß die Mondnacht verschwunden war einen halben Tag nachdem Alessandra die fünf Glücksritter erlöst hatte.

"Sie muß, kurz nachdem sie diese Menschen getroffen hat, den Urheber der Mondnacht besiegt haben. Wir kennen ihn unter dem Namen Calract, aber ich denke, die Prinzessin weiß mehr über ihn. Nun, jedenfalls ist es wahrscheinlich", spann der Majordomus den Faden fort, "daß sie das Unendliche Land verlassen hat, bevor sie auf Calract traf. Also ist es im Schwarzen Palast geschehen. Ich ..."

"Verzeiht", unterbrach einer der Geretteten den Majordomus, "aber sie könnte auch den Zugang an der Azursee benutzt haben. Aus dieser Richtung schien sie gekommen zu sein, aber wir haben in dem Moment unserer Rettung nicht so genau darauf geachtet." Azursee war die alte Bezeichnung für das Octaviusmeer. Manche der seefahrenden Völker im Süden benutzten diesen Namen heute noch.

Alle drehten sich dem Mann zu. "Den Zugang am Octaviusmeer?", flüsterte der Weiße König. "Aber ..."

"Aber ja, Majestät! Diesen Zugang haben auch wir damals benutzt. Und durch ihn sind wir auch wieder zurückgekommen. Die anderen Zugänge sind viel zu gefährlich."

"Die anderen ... wie viele gibt es denn, Mann?", fragte Harro mit heiserer Stimme.

Der Angesprochene sah den Weißen König überrascht an. Offenbar konnte er sich nicht vorstellen, daß jemand das nicht wußte.

"Nun, ein weiterer liegt im Gebirge von Zetroco unter dem ewigen Eis bei den Trollen und Zauberern. Die anderen kennen wir nur aus Erzählungen. Sie müssen sehr weit weg sein und sehr schwer zu finden."

"Zetroco. Das muß das Schwarze Königreich sein." Keiner der Anwesenden hatte je diesen Namen gehört, aber in 1300 Jahren konnte sich eine Menge ändern. Es war schon fast ein Wunder, daß die beiden noch einen verständlichen Dialekt sprachen.

"Aber natürlich!" rief Adalbert plötzlich. "Es ist doch sonnenklar. Der Eingang unter dem Schwarzen Palast war doch durch den Eisschirm unzugänglich. Also mußte die Prinzessin den am Octavius-Meer benutzen, um zum Schwarzen König zu gelangen. Dort besiegte sie diesen Calract. Also müssen wir im Schwarzen Schloß nachsehen, koste es, was es wolle!"

Der Weiße König schwieg einen Moment, doch dann straffte er sich: "Wir tun es. Sofort! Und ich reite an der Spitzte. Von Walldorff, wir brechen in einer Stunde auf. Laßt alle Ritter antreten, derer Ihr in dieser kurzen Zeit habhaft werden könnt. Und Euch, mein lieber Schwiegersohn, gebührt mein größter Dank."

"Gern geschehen, Schwiegervater. Ich werde Euch ebenfalls begleiten."

"Nein, das ist allein meine Aufgabe. Aber ich bitte Euch, Olivia hierzulassen, bis ich wieder zurück bin, damit sie in meinem Namen die Amtsgeschäfte führt."

"Vater!" Die junge Prinzgemahlin war angenehm überrascht. Gern willigte sie ein, mal für ein paar Tage Weiße Königin zu spielen.

Von Walldorff und Adalbert machten sich sofort an die Arbeit. Der eine zog seine Leute zusammen, der andere organisierte in bewährter Weise die Versorgung.

*

Alessandra beugte sich über den bewußtlosen Grafen. Sein Puls ging erstaunlich kräftig. Wahrscheinlich würde er bald wieder zu sich kommen. Der Prinzessin wurde schwindelig und sie mußte sich setzen. Mit tiefen Atemzügen entspannte sie sich. Es war eisig kalt. Langsam ließ sie ihre nachdenklichen Blicke erneut durch den Raum streifen. Die Reste des beweglichen Inventars lagen zu Kleinholz verarbeitet überall herum. Säulen und Wände wirkten teilweise wie zerschmolzen und glasiert. Der Boden nahe der Außenwand, wo Calract gestanden hatte, war ebenso zerfetzt wie die Wand um das Fenster, jetzt eher ein riesiges Loch, durch das der Schnee hereingeweht wurde.

Inzwischen war es dunkler geworden, die Nacht stand bevor. Eine bitterkalte Januarnacht mitten im verwaisten Schwarzen Schloß im Herzen des Schwarzen Königreiches. Der Prinzessin gruselte es dabei. Sie hatte dieses Land und seine Herrscher fürchten gelernt.

"Bitte, Ihr Götter, laßt den Grafen bald wieder zu sich kommen." Die Vorstellung, hier in der Eiseskälte, in dieser grauenvollen Umgebung, inmitten eines Schlachtfeldes neben zerfetzten Leichen, Geistern und Dämonen eine Nacht allein verbringen zu müssen, ließ sie innerlich schaudern. Doch sie war entschlossen, den bewußtlosen Grafen nicht allein zu lassen. Allerdings - vielleicht konnte sie ihn etwas schneller aufwecken, als das von alleine passieren würde. Sie drehte sich zu Allheim hin und sah, daß er gerade dabei war, wieder zu sich zu kommen. Sie schüttelte ihn an den Schultern und rief seinen Namen. Kurz darauf schlug er die Augen auf, doch seine ziellosen Blicke verrieten Alessandra, daß er noch nicht wußte, wo er war. Dennoch war sie sehr erleichtert.

Hoffentlich hat er nicht den Verstand verloren.

Jedoch erwies sich auch diese Befürchtung als unbegründet. Nach und nach kehrte die Erinnerung des Grafen zurück. Vorsichtig setzte er sich auf. Offenbar hatte er die gleichen Schmerzen, wie sie auch die Prinzessin am Anfang zu ertragen gehabt hatte. Inzwischen war es jedoch viel besser geworden, und das gab auch für von Allheim Hoffnung.

"Majestät."

"Scht. Ruhig, Graf. Ihr seid noch sehr schwach."

"Ich danke den Göttern, daß Ihr noch lebt. Welche Schande wäre sonst über mich gekommen. Oh, diese Schmerzen."

"Das geht vorüber. Bei mir war es genauso." Sie machte eine Pause, dann sagte sie langsam: "Wie es scheint, sind wir die einzigen Überlebenden. Die anderen sind in der Explosion vergangen. Nur von Isini ... ist etwas übriggeblieben." Alessandra deutete zu der Leiche der jungen Frau hinüber, die noch immer wie anklagend auf dem Pflock aufgespießt im Raum hing. Es war gräßlich anzusehen. Offenbar verstand von Allheim ohne viel Worte. Er preßte die Zähne zusammen, dann kam er mühsam auf die Füße und schleppte sich, auf Alessandra gestützt, aus dem Thronsaal hinaus.

"Ich kenne mich hier ganz gut aus", sagte die Weiße Prinzessin. "Es gibt hier relativ warme und auch sichere Zimmer. Trotzdem denke ich, daß immer einer von uns Wache halten sollte. Wer weiß, was noch passiert. Das ganze Land war eingefroren, und jetzt ist der Schwarze König spurlos verschwunden. Oder vielleicht ... vielleicht wäre es besser, wenn wir sofort aufbrächen."

"Wie Ihr befehlt, Hoheit", stöhnte der Graf. Da brachte Alessandra es doch nicht über sich, mitten in der eisigen Sturmnacht loszureiten - oder bessergesagt loszulaufen, denn Pferde hatten sie keine. Doch halt! Ihr kam eine grandiose Idee. Das Unendliche Land! Dort waren sie sicher. Dort war es auch angenehm warm. Und am anderen Zugang warteten Godro und Meller.

Doch sie erlebte eine schwere Enttäuschung. Nachdem sie sich mühsam durch größtenteils stockfinstere Gänge und Treppenaufgänge geschleppt hatten und endlich vor dem goldmarmorierten Zugang zum Unendlichen Land standen, da spürte Alessandra eine so greifbare Bedrohung, daß sie nicht weiterzugehen wagte. Sie fürchtete, daß sie dann zu einer Goldstatue erstarrt wäre.

Es ist der Kristall, der Mondstein. Er ist zerstört, und ich habe keine Macht mehr. Aber das ist auch gut so.

Doch zurück in den Palast schafften sie es nicht mehr. Und so legten sie sich einfach auf den Boden dicht vor dem eigentlichen Eingang - immerhin war es hier unten relativ warm - und schliefen beide sofort ein.

Nach einiger Zeit wachte Alessandra auf. Unmöglich zu sagen, wie viele Stunden vergangen waren. Hier unten gab es nur den immer gleichen schwachen tiefroten Schimmer, den das Unendliche Land hinaufschickte. Und eine Uhr hatte sie sowieso noch nie besessen. Uhren waren ihrer Meinung nach etwas für faule Beamte. Sie fühlte sich recht frisch und gut erholt, aber hungrig und durstig. Sie setzte sich auf, um auf das Aufwachen des Grafen zu warten, doch dann wurden ihre Augenlider schwer und sie schlief doch wieder ein. Und als sie erwachte, da war von Allheim ebenfalls auf.

Zusammen kehrten sie in das Schloß zurück. Alessandras Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Das Schloß schien vollkommen leer, keine Menschenseele weit und breit. Auch kein Dämon und keine von Thorans unheimlichen, halblebendigen Gehilfen. Sie begaben sich in die Küche. Es war eisig kalt dort und die Vorräte waren alle tiefgefroren, aber der Graf hatte schnell ein Feuer im Herd entzündet, und sie bereiteten sich ein üppiges Frühstück. Dann steckten sie alles, was sie mitnehmen konnten, in Säcke und machten sich auf die Suche nach winterfester Kleidung, Waffen und vor allem Pferden.

Alessandra hatte ihre gesamte Rüstung außer dem Schwert in der Höhle unter dem Octaviusmeer zurücklassen müssen, und sie wollte auf keinen Fall halbnackt auf die Suche nach Nuitor gehen, denn abgesehen von der eisigen Winterkälte sie rechnete auch mit Zusammenstöße mit herrenlosen Lunalocdämonen.

Sie erklärte dem Grafen die Zusammenhänge und wies ihn darauf hin, daß er nicht verpflichtet sei, ihr bei ihrer gefährlichen Suche nach ihrem Liebsten zu helfen. Doch der Graf als echter Ehrenmann weigerte sich natürlich, seine Königin auch nur eine Sekunde unbeschützt zu lassen.

Die beiden durchstreiften das Schloß.

Hier irgendwo ...

Dieser Flügel kam Alessandra vage bekannt vor. Ja, hier irgendwo hatte Ornella ihre Gemächer gehabt. Und tatsächlich fand sie nach einiger Zeit ein recht luxuriöses Zimmer mit einer gut sortierten Garderobe. Es kostete die Weiße Prinzessin einiges an Überwindung, gerade diese Kleider anzuziehen, von denen sie nur zu genau wußte, wem sie einmal gehört hatten. Doch sie waren praktisch, bequem, sie paßten - und es waren wahrscheinlich sowieso die einzigen, die es im ganze Schwarzen Schloß gab.

Danke, große Schwester, daß du auch jetzt noch so gut auf mich aufpaßt. Heimlich wischte Alessandra sich eine Träne aus den Augen und hoffte, daß der Graf es nicht sah. Sie hatte keine Lust, ihm jetzt ihre komplizierten Gefühle auseinanderzusetzen.

"Weiter. Waffen brauchen wir auch noch!"

Sie fanden schließlich in einer der Rüstkammern mehr Waffen und Material, als sie je gebrauchen konnten. Und in den Stallungen neben dem Exerzierhof standen Pferde. Ob sie während der Zeit des Eisschirms tiefgefroren gewesen waren, konnte Alessandra nicht herausfinden, vermutete dies aber, da es weit und breit keinen Stallburschen gab, der die Tiere hätte füttern können. Das erste, was die beiden also taten war, die Pferde zu versorgen. Sie nahmen sich drei, das dritte als Packpferd für die Ausrüstung. Die übrigen ließen sie frei. Sie mußten sich von jetzt an selbst helfen. Alessandra wußte, daß kaum eins der Tiere den harten Winter hier oben überleben würde. Sie waren es gewohnt gefüttert zu werden und besaßen nicht mehr die Instinkte, sich ihr Futter unter tiefem Schnee auszugraben. Außerdem waren da die Wölfe, die nur auf solche Gelegenheiten warteten. Dennoch war das die einzig mögliche Lösung.

Nachdem alles soweit fertig war, saßen die Prinzessin und der Graf auf und verließen das Schwarze Schloß. Sie ritten durch das Hüttendorf, das sich zu Füßen des drohenden Schlosses duckte. Alessandra glaubte im Innern einiger der Hütten Bewegungen zu erkennen, aber sie hielt nicht an um nachzusehen. Nur weg von hier. Nach Norden wollte sie, dorthin, wo Calract sein seltsames Hauptquartiert gehabt hatte. Wahrscheinlich existierte es sogar noch. Dort hoffte sie auf eine Spur von Nuitor zu stoßen.

*

Drei Tage später erreichte der Weiße König mit seinen Soldaten die Schwarze Grenze. Ohne zu zögern überschritt er sie. Die Hauptstraße führte weiter zu dem Dorf Nieder-Wies, das direkt hinter der Grenze lag. Von weitem wirkte es wie ausgestorben, doch als der Trupp näherkam, konnte man hastige Bewegungen erkennen. Die Dorfbewohner versteckten sich offenbar. Der Weiße König warf von Walldorff einen fragenden Blick zu, dann sagte er laut: "Wir müssen die Leute befragen. Jeder Hinweis kann von Bedeutung sein. Aber vergeßt nicht, meine Ritter, daß es nicht unsere Feinde sind. Behandelt sie gut. Und nun schwärmt aus und bringt mir ein paar."

Trotz der Ermahnung ihres Königs machten die Soldaten nicht viel Federlesens. Sie galoppierten in das Dorf, brachen in die Häuser ein und nahmen die Menschen, die sie dort vorfanden, einfach mit. Die Dorfbewohner waren verängstigt, wehrten sich aber kaum. Schließlich luden die Ritter etwa zehn Männer, Frauen und Alte vor König Harro ab, der inzwischen vom Pferd gestiegen war und ihnen erwartungsvoll entgegentrat. Die Menschen knieten vor ihm hin, und der Mutigste von ihnen rief:

"Verschont uns, Hoheit. Wir haben nichts getan. Wir ..."

"Beruhige dich. Ich will euch doch nichts tun. Ich habe nur ein paar Fragen. Vor allem interessiert es mich, wie ihr die letzten Wochen verbracht habt." Der Weiße König war neugierig, wie es den Schwarzen Untertanen im Eisschirm ergangen war. Verwirrt sah der Mann den Weißen König an, dann sagte er: "Wir wissen nichts. Plötzlich wurde es kalt und dunkel. Eiskalt, und dann, dann ... irgendwann sind wir wieder aufgetaut. Anscheinend sind viele Tage vergangen. Unser Herr hat uns den Frost gesandt, um uns zu strafen. Aber ..."

"Unsinn!", unterbrach ihn der König. "Um euch ging es dabei gar nicht, guter Mann. Der Schwarze König hat den Eisschirm als Verteidigung gegen die Lunaloc-Armee erschaffen."

Doch damit konnte der Dorfbewohner nichts anfangen. Von Lunaloc hatte er noch nie etwas gehört. Der Weiße König schüttelte den Kopf. Die halbe Welt war in Aufruhr gewesen, und hier, kaum einen Kilometer hinter der Weißen Grenze, hatten die Menschen davon nicht einmal etwas mitgekriegt. Es war unglaublich. "Wir reiten weiter ins Schwarze Schloß!", befahl der König schließlich. "Dort finden wir vielleicht die Antworten."

Zumindest fanden sie Numero.

Sie mußten einmal im Freien übernachten, was in der stürmischen Winterkälte des Unendlichen Landes kein Vergnügen war. Am folgenden Vormittag kam dann das Schwarze Schloß in Sicht. Der Weiße König kannte es bisher nur aus den Erzählungen seiner Töchter, nun war es das erste Mal, daß er es mit eigenen Augen sah.

Und hoffentlich auch das letzte Mal, dachte er grimmig bei sich.

Sie ritten durch das winzige Städtchen, das sich an der Nordseite vor dem drohend aufragenden Schwarzen Schloß duckte, dann durch das offenstehendende Portal in den Exerzierhof. General von Walldorff ließ einen Teil seiner Männer absitzen und ausschwärmen, der Rest blieb in Bereitschaft und patrouillierte umher. Doch sie brauchten nicht lange zu suchen. Irgendwo wurde knarrend eine Tür geöffnet, und drei Menschen traten dem Weißen König entgegen. Der eine kam Harro sogleich vage bekannt vor. Als er sich vorstellte, fiel ihm die alte Geschichte wieder er.

"Mein Name ist Schogan Liss. Und wer seid Ihr?"

"Ich bin der Weiße König, und ich suche meine Tochter. Und den Schwarzen König."

Liss schwieg lange. Die Weißen Soldaten kehrten zurück und bildeten einen Halbkreis um Liss und die beiden Frauen, die wohl Dienerinnen waren. Dann sagte Numero mit tonloser Stimme: "Mein Herr ist wahrscheinlich tot. über den Verbleib von Prinzessin Alessandra weiß ich nichts zu berichten. Und nun geht. Ihr seid hier nicht willkommen."

Von Walldorff schnaubte vor Empörung. Er trat vor und wollte zu einer geharnischten Antwort ansetzen, doch der Weiße König kam ihm zuvor: "Mein lieber Schogan Liss. Du wirst in vielen Ländern wegen Mordes und anderer scheußlicher Verbrechen gesucht. Auch in meinem Land bist du mehrmals zum Tode verurteilt. Und ich werde dieses Urteil auf der Stelle vollstrecken lassen, wenn du nicht alles sagst, was du weißt. Wenn du aber redest, dann will ich Gnade vor Recht ergehen lassen und dich hier deinem Schicksal überlassen, wie auch immer es aussehen mag. Also?"

"Nun gut. Ich werde die Geschichte, so gut ich sie kenne, von Anfang an berichten. Eines Tages also, es muß schon mehrere Monate her sein, da kam mein König zu mir und sagte, er spüre eine schreckliche Gefahr auf sich zukommen. Um diese abzuwehren, wollte er sein gesamtes Reich in einen Frostschild hüllen, der jeden Eindringling sofort gefrieren lasen würde. Doch auch alles Lebende in seinem Land würde gefrieren, sei aber dort in Sicherheit. Er schickte mich in meine Kammer. Schon auf dem Weg dorthin wurde es kälter, so kalt, wie ich es noch nie im Leben gefühlt habe, und Ihr könnt mir glauben, Majestät, daß ich schon mehr als einmal dicht vor dem Erfrieren gestanden habe. Ich schaffte es gerade noch in mein Gemach. Dann erlosch alles. Was dann geschah, weiß ich nicht, niemand außer meinem Herrn hat es bei Bewußtsein miterlebt. Irgendwann taute das Land wieder auf und ich erlangte die Besinnung zurück. Ich hätte nicht zu sagen vermocht, ob nun Minuten oder Jahrhunderte vergangen waren. Zunächst war ich vollkommen entkräftet, aber seit etwa zwei Tagen bin ich wieder auf den Beinen und hatte Gelegenheit herauszufinden, daß ich zumindest den halben Winter hindurch eingefroren gewesen sein muß. Kommt, ich zeige Euch den Thronsaal oder das, was davon noch übrig ist. Seid gefaßt." Er drehte sich um und ging voraus.

Weder der Weiße König noch einer seiner Männer waren je im Schwarzen Schloß gewesen. Es war unheimlich für sie: die langen, eisigen Gänge und Treppenaufstiege, in denen es so finster war, daß man die Hand kaum vor Augen sah. überall seltsame Verzierungen, Drachen- und Totenkopfmotive. Von Walldorff vermutete, daß Liss ihnen hier leicht eine Falle hätte stellen können, wenn er gewollt hätte. Doch schließlich standen sie vor einem schweren, mit schaurigen Schnitzereien verzierten Holzportal. Liss stieß es auf, und es öffnete sich mit einem durchdringenden Quietschen. "Seht nun selbst."

Der Weiße König trat ein und sah sich fassungslos um. Hinter ihm drängten die Ritter in den Saal und waren ebenso entsetzt.

Isinis Leiche hing immer noch auf dem Pflock. Sie war inzwischen tiefgefroren, denn draußen herrschte Tags wie Nachts strenger Frost, der durch die zerstörte Außenwand eingedrungen war. Das Mobiliar war - wenn überhaupt noch erkennbar - völlig zertrümmert worden. Die Spuren eines furchtbaren Kampfes hatten den ganzen Saal gezeichnet. Nichts war heil geblieben. An einer der glasierten Wände hingen die zerfetzten Überreste einer Ritterrüstung wie Papierschnipsel. Der Weiße König konnte sich keine Macht vorstellen, die so etwas zustande brachte.

"Ich weiß nicht", fuhr Liss mit heiserer Stimme fort, "wer der Feind war, gegen den mein König hier gekämpft hat, noch weiß ich, wer gesiegt hat. Ich weiß auch nichts von einer Beteiligung der Weißen Prinzessin. Ich weiß nur das, was ich hier sehe. Mein Herr ist verschwunden. Wäre er noch am Leben, so wäre es seine Pflicht, sein Land wieder zu führen in dieser grauenvollen Zeit."

Es erstaunte den Weißen König, Schogan Liss solche Worte sprechen zu hören, hatte er selbst doch die schrecklichsten Verbrechen auf sein Gewissen geladen.

Numero fuhr fort: "Andererseits frage ich mich, wenn mein König besiegt wurde, wo ist dann der Sieger? Ich weiß es nicht. Niemand kann das verstehen. Ich muß nun versuchen, dieses Land allein zu verwalten, bis ..."

Tja, bis was? Bis vielleicht ein Wunder geschah.

Der Weiße König schüttelte den Kopf. Auch er verstand kaum etwas von dem, was hier geschehen sein mochte. "Isini", murmelte er leise. "Meine Tochter Alessandra hat diese arme Frau sehr geliebt. Wir werden sie ordentlich begraben, eine Messe zelebrieren und dann diesem Ort des Schreckens für immer den Rücken kehren. Und Ihr, Schogan Liss: Sobald Ihr etwas über den Verbleib meiner Tochter erfahrt, so bitte ich Euch, mir eine Nachricht zu schicken. Ihr Wohlergehen ist mir wichtiger als alles andere auf der Welt."

"So soll es geschehen, Majestät."

*

"Brennt's nieder!", schrie die helle, durchdringende Stimme wütend. Es war tief in der Nacht, und überall im Dorf hatte man sie vernommen. Jeder kannte sie. Angstvoll aufgerissene Augen spähten durch die schmalen Ritzen und Lücken der Palisade, die dem Dorf einen mehr als fraglichen Schutz geboten hatte.

"Ich habe euch doch gleich gesagt, eher vernichtete diese Teufelin das Dorf und mit ihm die Beute, als daß sie unverrichteter Dinge wieder abzieht", raunte einer. "Aber jetzt ist es zu spät."

"Gott stehe uns bei."

"Nein, wir werden auch diesen heimtückischen Angriff abwehren, wie alle anderen heute."

"Und dann? Dann fällt ihr wieder etwas Neues ein. Nein, Bruder, wir sind verloren."

Und dann flogen die Brandfackeln. Die Menschen im Innern des Wehrdorfes waren darauf vorbereitet, überall standen Eimer mit Löschwasser herum, doch mit BQMZs neuer Teufelei hatten sie nicht gerechnet. An den Fackeln waren kleine Tonkrüge mit Benzin befestigt. Wo die Fackeln auftrafen, da barsten die Krüge und versprühten ihren explosiven Inhalt über alles, was sich in der Nähe befand. Im Nu stand das ganze Dorf lichterloh in Flammen. Zahllose Menschen verwandelte sich in lebende Fackeln und rannten verzweifelt schreiend umher. Die mühsam aufrechterhaltene Disziplin der Verteidiger brach auf der Stelle zusammen.

BQMZ lachte glockenhell auf, dann gab sie den Piraten den Befehl, das Tor mit dem Rammbock aufzubrechen, was nun, da es nicht mehr von Innen gehalten wurde, leicht gelingen würde. Doch dazu kam es nicht mehr. Das schwere Holzportal wurde von Innen aufgerissen und die Dorfbewohner stürzten heraus. Nur mit knapper Not entkamen sie der Flammenhölle, doch viele wünschten sich, sie wären nicht geflohen. Denn sie liefen BQMZ genau in die Arme. Und ihre Piraten, die schon den ganzen Tag vergeblich gegen das störrische Wehrdorf angerannt waren, waren sehr schlechter Laune. Die Dörfler wurden gnadenlos zusammengeschlagen, dann stürzten die Piraten sich über die Frauen. BQMZ beobachtete die Vergewaltigungen teilnahmslos. Stattdessen patrouillierte sie mit gezogenem Zackenschwert auf und ab und paßte auf, daß keiner der Männer entkam.

Später in der Nacht ließ sie die überlebenden Gefangenen antreten. In der Rechten hielt sie das Zackenschwert, ihr Markenzeichen, und ließ es mit der flachen Schneide immer wieder auf ihre linke Handfläche klatschen. "So, ihr Hunde! Wegen euer Dickköpfigkeit komme ich mit leeren Händen zu Kranos Tuurn zurück. Und das hat er nicht so gern. Du da!" Sie wies auf einen der Gefangenen. "Wieviel hast du bei dir?"

"Nur was ich am Leib trage, Herrin", antwortete der Mann, wahrscheinlich ein einfacher Fischer, angstvoll.

"Geld?"

"Nein, verschont mich, ich ahhh"

In hohem Bogen flog sein Kopf davon. Genüßlich wischte BQMZ das Blut von der Klinge, dann wandte sie sich an den Nächsten: "Und du?" Der Mann war so voller Panik, daß er kein Wort herausbrachte.

"Ha, ich liebe Feiglinge! Wir können solche Jammerlappen gut gebrauchen. Und nun tötet die Alten und Nutzlosen. Die restlichen bringen wir Kranos Tuurn als Sklaven. Aber vorher nehmt ihnen alles ab, was sie bei sich haben. Und ein paar überlaßt mir!"

Die Piraten wußten, was nun kam. Sie trieben vier ältere Männer und zwei alte Frauen zusammen und bildeten einen Kreis um sie und BQMZ. Die schöne junge Frau mit der rabenschwarzen Haut wirbelte ihr Zackenschwert herum, dann machte sie einen akrobatischen Satz mit einem Salto in der Luft und landete dicht vor einem der Männer. Der kam gerade noch dazu, abwehrend die Hand zu heben. BQMZ nutzte den Schwung ihrer Bewegung und hieb den Mann von oben bis unten durch. Wie ein Schemen huschte sie in der improvisierten Arena umher und zerhackte in wenigen Sekunden die fünf anderen. Sie war über und über mit Blut beschmiert, doch ihre Augen funkelten voller Wildheit und Kampfeslust. Nur zu gern hätte sie den Kampf gegen einen ihrer Piraten fortgesetzt, die selbst mit Waffen nur wenig Chancen gegen ihre Chefin gehabt hätten. Aber Kranos Tuurn liebte es nicht, wenn seine Männer so sinnlos starben.

Kranos Tuurn, der Führer der Onoré-Rebellen! Er spielte jetzt die beherrschende Rolle in BQMZs Leben. Einst war sie eine unabhängige Piratin gewesen, doch dann war er auf ihre Talente aufmerksam geworden. Selbstverständlich hatte BQMZ sich geweigert, mit ihm zusammenzuarbeiten, doch Tuurn hatte sich als noch gerissener und skrupelloser als sie erwiesen. Praktisch war sie nun seine Sklavin. Sie mußte ihm dienen. Sie tat es einerseits gern, er verlangte nichts, was sie nicht auch von allein getan hätte, doch sie erwartete voller Ungeduld den Moment, an dem sie mit ihm abrechnen konnte.

*

Lange vor der Grenze, noch tief in Arcadia-Land, da waren Prinz Ósimo und seine Mutter Gerena bereits gewarnt worden. Doch Ósimo wollte es nicht glauben und seine Mutter nahm sowieso an nichts mehr Anteil. Aber es war alles wahr. Als der Prinz seine brennende Hauptstadt sah, angezündet von den Onoré-Rebellen, da erinnerte er sich wieder an alles.

Entlang der Nordküste des Octaviusmeeres zogen sich westlich des Lagunenreiches neben einigen kleinen See-Reichen etliche Fischerdörfer und Schmuggler-Nester hin. Sie standen nicht offiziell unter der Oberhoheit eines Königs, doch schon vor vielen Jahrzehnten waren die Lagunenkönige dazu übergegangen, diese herrenlosen Siedlungen unter ihren Schutz zu stellen, was nichts Anderes bedeutete, daß die Bewohner dem Lagunenkönig Steuern zahlen mußten. Entsprechend verhaßt war die Besatzung auch, aber die Lagunenkönige hatten immer über eine sehr schlagkräftige Flotte verfügt und jede Unbotmäßigkeit hart bestraft. Natürlich hatte Königin Gerena es besonders schlimm getrieben, und so war es kein Wunder, daß sich im Untergrund zahlreiche ansonsten verfeindete Piratengruppen und Abtrünnige zusammenfanden und auf ihre Chance zum Losschlagen warteten.

Selbstverständlich hatte Gerena gewußt, daß sie ein Risiko einging, wenn sie ihre Hauptstadt verließ, um ihrem Sohn den Weißen Thron zuzuschachern. Doch der war in ihren Augen tausendmal mehr wert als ein paar abgefallene Dörfer oder ein kleiner Sklavenaufstand in ihrem Reich. Mit den lächerlichen Fischern und Seeräubern wäre sie leicht fertig geworden. Doch es war alles ganz anders gekommen. Der Weiße Thron war verloren, sie war eine gebrochene Frau, und die Rebellen und Piraten hatten in der kurzen Zeit furchtbare Verwüstungen über das Land gebracht. Man kannte den Anführer der Onoré-Rebellen nur dem Namen nach: Kranos Tuurn. Nie hatte ihn jemand zu Gesicht bekommen, aber seine Grausamkeit war jetzt schon Legende. Man vermutete, daß er sogar ein mächtiger Zauberer sei. Angeblich stammte er aus dem Osten oder Norden, aber auch das waren nur Gerüchte.

Auf jeden Fall er hatte einen Handlanger, der leider ebenso grausam und begabt war wie er selbst: die ehemalige Sklavin und spätere Piratin BQMZ. Sie stammte aus einem Land weit hinter der Südküste des Meeres und war einst als Kind als Beute nach Laguna verkauft worden. Einige Zeit hatte sie als eine Art exotisches Maskottchen sogar im königlichen Palast verbracht, und von da her kannte Ósimo sie. Sie war in jeder Hinsicht eine außergewöhnliche Frau. Ihre Haut war so schwarz, daß man sie mit ihrem eigenen Schatten verwechseln konnte. Ihr rostrotes Haar, daß in der Sonne wie glühendes Eisen schimmerte, bildete einen Kontrast dazu, den man sich größer kaum vorstellen konnte. Sie hatte blaßgrüne, große und etwas schräg stehende Augen und war von exotischer Schönheit. Ihr Körper war biegsam wie der einer Schlange, und als Schlangenmädchen war sie auch oft aufgetreten, zur Zerstreuung des Königs und des Hofstaates. Daß sie auch über enorme Kraft und Schnelligkeit verfügte, wußten damals nur die wenigsten. Und daß sie eine eiskalte Mörderin war, schon gar nicht.

Was in ihrem Kopf vorging, erfuhr keiner. Und eines Tages fand man die zwei Frauen, die für die Sklavinnen zuständig waren, mit durchgeschnittener Kehle in ihren Zimmern liegen. Die Sklavinnen waren alle noch da, bis auf BQMZ. Ängstlich drängten sie sich zusammen, als die schwerbewaffneten Soldaten die Räume durchsuchten. Dann kam Todor, der König. Er verhörte die Frauen, doch diese konnten ihm glaubhaft machen, nichts von den Plänen der Schlangenfrau gewußt zu haben. Todor war's damit zufrieden und wollte BQMZ suchen lassen, doch Gerena hatte darauf bestanden, daß die Sklavinnen mit BQMZ unter einer Decke gesteckt haben mußten. Sie ließ sie alle auspeitschen und viele von ihnen grausam foltern und verstümmeln.

BQMZ jedoch entkam allen ihren Verfolgern. Mit ihrer Geschicklichkeit und ihrer Skrupellosigkeit übertölpelte sie immer wieder die königlichen Soldaten. Wenn es sein mußte, ging sie sogar mal mit einem ins Bett, um ihn dann beim Liebesakt, wenn er wehrlos war, zu ermorden. Schließlich schloß sie sich einer kleinen Piratengruppen an. Kurz darauf starb der Anführer der Piraten. Die Gerüchte, daß BQMZ dabei nachgeholfen hatte, verstummten schnell, als diese das Kommando übernahm. Und als dann das große Geld zu fließen begann, da war sie die Heldin aller, die die Lagunenkönigin - mittlerweile seit einigen Jahren Witwe - haßten.

Und dann kam Kranos Tuurn. Wie ein Alptraum war er über das Land gekommen, kaum daß Gerena ihrer Heimat den Rücken gekehrt hatte. Seine Banditen hatten Stadt um Stadt überfallen und geplündert. Wer sich nicht ergab, war des Todes oder wurde in die Sklaverei verkauft. BQMZ verfügte über alte Verbindungen in die Länder im Westen und Süden des Ozeans, und die Sklavenschiffe, die die Lagunenküste anliefen, kehrten stets vollgestopft mit Menschen in ihre Länder zurück. Das meiste Geld strich Tuurn ein, BQMZ bekam gerade soviel, daß sie ihre eigenen Männer bezahlen konnte.

Das war in etwa das, was über die aktuelle Lage bekannt war. Ósimo öffnete den Verschlag der Kutsche und stieg aus. Es war dieselbe Stelle, an der vor vielen Jahren auch der Weiße König angehalten hatte, um seine Blicke über die leuchtende Lagunenstadt schweifen zu lassen. Doch war es damals ein - wenngleich trügerisches - Bild des Friedens und der Pracht gewesen, so war es nun das Bild einer sterbenden Stadt, die sich in einer Gluthölle ein letztes Mal aufbäumte. Ströme von Flüchtlingen zogen in alle Himmelsrichtungen. Es waren viel mehr, als Tuurn und seine Banditen einfangen und verkaufen konnten, so daß die meisten entkommen würden. Doch wohin sollten sie sich wenden, vertrieben und völlig mittellos?

Ósimo warf seiner Mutter einen fragenden Blick zu. Er wußte nicht, was er jetzt tun sollte, doch die Königin reagierte nicht. Apathisch starrte sie aus ihrem Greisengesicht vor sich hin. Der Prinz selbst hatte nie eine Entscheidung treffen müssen, er war auf das Regieren und das Tragen von Verantwortung in keinster Weise vorbereitet. Sicher - in seinen heimlichen Träumen hatte er sich immer als strahlender, gerechter Herrscher gesehen. All das Unrecht, daß seine Mutter angerichtet hatte, hatte er wiedergutmachen wollen. Doch stattdessen stand er nun vor den Trümmern seines Reiches. Und er erkannte, daß nicht nur seine Mutter böse gewesen war, auch wenn er unter ihrer Bosheit am meisten zu leiden gehabt hatte.

Nachdenklich ließ er seine Blicke über die Piratenschiffe streifen, die dicht vor Laguna kreuzten. Ein reger Beibootverkehr ging zwischen ihnen und der brennenden Stadt hin und her - Beute, die Goldschätze des Palastes, Sklaven, die noch rechtzeitig in Sicherheit gebracht wurden, bevor alles niederbrannte.

Die Piraten - sie waren auch Menschen, Individuen, die sich aus irgendeinem Grunde dazu entschlossen hatten, böse zu sein, andere zu töten und sich an ihrem Eigentum zu bereichern. Ósimo wußte, daß zwar manch Einer zum Dienst in der Piratenflotte gepreßt wurde, doch wer dort nicht bleiben wollte, der konnte nicht auf Dauer gehalten werden. Stattdessen wechselten viele der Zwangsverpflichteten früher oder später freiwillig die Seiten und wurden selbst Piraten, die nun ihrerseits andere überfielen und zur Arbeit zwangen. Was für eine schreckliche, zynische Welt. Aber es war auch Ósimos Welt. Er war nun König, er war verantwortlich.

Der Prinz dachte an Alessandra. Sie war anders. Sie hatte nicht nur ein reines Herz, sondern auch die seltene Gabe, diese Reinheit auf andere zu übertragen. Ihr Mut, ihre Stärke, ihr mitreißendes Temperament spielten angesichts dieser Gabe nur eine untergeordnete Rolle. Wie hätte man es zum Beispiel sonst erklären können, daß die Korruption im Weißen Königreich, das in dieser Hinsicht schon immer ziemlich sauber gewesen war, seit dem Auftritt der Weißen Prinzessin völlig verschwunden war. Mit Zwang war das nicht zu erreichen, denn wer konnte einem kleinen Reichsbeamten Tag und Nacht so genau auf die Finger sehen? Und nicht nur einem, sondern ausnahmslos allen! Seit Alessandra empfand sich jeder im Weißen Reich als beschmutzt, der etwas Unrechtes tat. Alessandra strahlte etwas aus, sie gab den Menschen etwas Wertvolles, auch wenn Prinz Ósimo es nicht in Worte fassen konnte, was es war. Wäre Alessandra jetzt hier ... doch stattdessen war er hier. Aber er war wild entschlossen, die Lage genausogut zu meistern, wie die Weiße Prinzessin es getan hätte. Nur wie?

Er sah sich um. Der 'Hofstaat' bestand aus den Leuten, die Gerena mitgenommen hatte: Verbrecher, Schläger, hirnlose Jasager und Speichellecker. Sollte er die um Rat fragen?

Und dann ging er einfach davon, den sanften Abhang hinunter, auf die sterbende Stadt zu - seine Stadt. Es würde sich alles geben, wenn er die Menschen um sich sammeln und ihnen wieder Vertrauen geben konnte, davon war er überzeugt.

*

Als Alessandra und Graf von Allheim das Schwarze Königreich verließen, wurde es wärmer, wenngleich nicht viel. Aber ein bißchen war immer noch besser als die eisige, abweisende Kälte dort. Außerdem ließ der furchtbare Wind nach, so daß die Temperaturen deutlich erträglicher wurden. Auf dem Weg, den sie ohne Unterbrechung durchgeritten waren, waren sie keiner Menschenseele begegnet. In den Fenstern der Häuser, an denen sie vorbeigeritten waren, hatte manchmal Licht gebrannt. Das Leben war also nach dem Eisschirm in das Schwarze Königreich zurückgekehrt, doch gezeigt hatte sich niemand.

Ob sie wissen, was mit ihnen geschehen ist? Und was sie davon denken? Wer gibt Thoran das Recht, so etwas mit seinen Untertanen zu machen? Selbst der bevorstehende Angriff der Lunaloc-Armee nicht. Thoran hätte mit seinen Mitteln eine andere Verteidigung finden können.

Dies und vieles andere war der Prinzessin durch den Kopf gegangen, als sie, eingehüllt in warme Felle und Decken durch das Gebirge geritten war, das einst den Namen 'Unendliches Land' getragen hatte. Welch eine Verkennung der wahren Tatsachen! Das wahre Unendliche Land war etwas, was einem Sterblichen in jeder Hinsicht verschlossen bleiben mußte.

Schließlich hatten sich die himmelhohen Berge vor den beiden Reitern geöffnet, und im Sternenlicht hatten sie auf das Reich Karls gesehen, das den Schwarzen Bergen zu Füßen sich endlos nach Norden erstreckte, viel weiter, als das Auge reichte. Etwas weiter östlich hatte Calract sein Quartier gehabt. Dort wollte Alessandra mit der Suche beginnen.

Im Schwarzen Königreich war es eine bitter kalte, sternklare Nacht gewesen, im Land Karls war der Himmel dagegen wolkenverhangen. Wie immer, so war auch hier die Grenze wie mit dem Lineal gezogen - selbst die Wolken hielten sich daran. Früher war Alessandra von diesem Zauberphänomen zutiefst fasziniert gewesen. Jetzt aber wurde ihr beinahe schlecht, wenn sie nur daran dachte. Die furchtbaren Ereignisse der Vergangenheit hatten sie gezeichnet.

Ein paar verirrte Schneeflocken trieben durch die Winternacht. Alessandra sah sich ein letztes Mal um. Zehn Meter hinter ihr zeichnete sich die dunkle Gestalt des Grafen gegen den noch dunkleren Hintergrund ab. Er war noch auf der anderen Seite der Grenze und blickte ein letztes Mal in den dort sternklaren Winterhimmel. Die in nächtliches Sternenlicht getauchten finsteren Berge machten einen majestätischen und zugleich drohenden Eindruck. Alessandra war froh, dieses Land verlassen zu haben. Von Allheim ritt neben sie hin und hielt dann an. Beide waren todmüde, der Ritt hatte über den ganzen Tag, die Nacht und noch den folgenden Tag gedauert. Auch die Pferde waren am Ende.

Alessandra ließ sich aus dem Sattel fallen, kroch zu einem dicken Baum hinüber und rollte sich zum Schlafen zusammen. Was sonst noch passierte, kümmerte sie in Moment nicht weiter.

Die strahlende Sonne weckte sie am nächsten Tag. Es war wie ein Wunder. Die Schrecken der Nacht waren weggewischt und vergessen, dafür tauchte die Sonne das verschneite Land in weißes, hartes Licht. Es war eisig kalt, Alessandras Atem produzierte dicke weiße Wolken. Dann stieg der Geruch von Gebratenem in ihre Nase. Überrascht fuhr sie hoch. Von Allheim!

Sie sprang auf, das heißt, sie versuchte es. Doch sie war so steif gefroren, daß sie erst langsam ihren Kreislauf in Schwung bringen mußte, bevor sie sich auch nur auf den Beinen halten konnte. Doch dank Gad'tas Training schaffte sie es in wenigen Minuten. Sie hatte es eilig, denn ihr Magen knurrte schon vernehmlich.

Graf von Allheim war zwar ein bißchen schrullig, aber ein überaus praktisch veranlagter Mann. Mitten in der verschneiten Wildnis ein Feuer zu entzünden und ein schmackhaftes Frühstück zusammenzuzaubern bereitete ihm keine Probleme. Alessandra schenkte ihm ihr wärmstes Lächeln, als er sie begrüßte. Sie war froh, daß sie ihn dabeihatte.

Sie sprachen wenig miteinander während des Essens und auch danach. Was gab es auch viel zu sagen nach allem, was sie zusammen erlebt hatten in der kurzen Zeit?

Die Pferde hatten sich selbständig gemacht und scharrten etwas entfernt im Schnee nach Gras. Offenbar fanden sie genug. Alessandra nutzte das Feuer, um Schnee aufzutauen. Mit dem Wasser wusch sie sich flüchtig ab, den Rest gab sie den Pferden zu trinken. Diese waren sichtlich froh über das warme Wasser. Alessandra streichelte die drei Tiere, dann sammelte sie sie wieder ein und sattelte auf. Dann ritten sie weiter.

Die Südgrenze des karolingischen Landes war praktisch menschenleer, allenfalls am Uva, der ja im Unendlichen Land entsprang, gab es ein paar Fischerdörfchen. Aber Alessandra und der Graf waren bereits auf der östlichen Seite des Flusses, so daß sie ihn nicht zu überqueren brauchten. Schweigend ritten sie durch das stille, verschneite Winterland. Scharf zeichneten sich die schwarzen Konturen der kahlen Bäume gegen das grelle Weiß der Landschaft ab. Auf machen Ästen hockten Krähen und Elstern und blickten den zwei Reitern neugierig nach, wenn sie vorüberzogen. Die Vögel wußten, daß es in der Nähe von Menschen oft etwas Freßbares zu finden gab. Manchmal gab einer von ihnen ein fragendes Krächzen von sich, ansonsten herrschte tiefe Stille. Der Schnee verschluckte nach kurzer Distanz jedes Geräusch. Auch das Hufgetrappel ihrer Pferde wurde zu einem leisen Tappen gedämpft. Die Prinzessin genoß die friedvolle Ruhe. Nach allem, was sie erlebt hatte, war sie für diese stillen Stunden an der Seite ihres schweigsamen Begleiters dankbar.

Später roch sie Rauch. Fragend sah sie sich nach von Allheim um, doch der schien noch nichts bemerkt zu haben. Kurz darauf sahen beide hinter einem Hügel eine graue Rauchfahne in den kalten Himmel steigen. Alessandra lenkte ihr Pferd, von dem sie nicht mal den Namen wußte, auf die noch unsichtbare Feuerstelle hin. Willig trug das kräftige Tier sie über den Hügel. Als sie und von Allheim die Kuppe erreicht hatten, wurden sie von unten entdeckt. Es war wohl eine Familie fahrender Händler, die dort ihr Mittagessen bereitete. Alessandra sah einen klapprigen Wagen, voll beladen mit alten Möbelstücken, Schrott und anderem, undefinierbarem Zeug. Die Familie bestand aus einem Mann, einer Frau und fünf Kindern verschiedenen Alters. Das Jüngste war noch ein Säugling und wurde von der Mutter in einem Tuch getragen.

Als die Prinzessin und der Graf herunterritten, erhoben sich die Händler und traten den beiden Fremden mißtrauisch entgegen.

"Wer seid ihr?", fragte der Mann, als sie in Hörweite gekommen waren.

Alessandra stieg ab und führte ihr Pferd näher heran. Von Allheim folgte ihrem Beispiel, aber der Prinzessin entging es nicht, daß er seinen Mantel zurückgeschlagen hatte, um im Notfall schnell sein Schwert ziehen zu können. Doch die Weiße Prinzessin wußte, daß das nicht nötig sein würde, daher verzichtete sie darauf, ihr eigenes Schwert bereitzuhalten. Sie rief den Leuten zu: "Wir sind Graf von Allheim und Prinzessin Alessandra von Hocharco. Ich bin auf der Suche nach meinem Verlobten, König Nuitor. Wenn ihr etwas über seinen Verbleib wißt, dann sagt es mir bitte. Ich werde es euch reich lohnen."

Die Händler starrten die beiden Fremden eine Weile sprachlos an. Wie es schien, konnten sie es zuerst gar nicht glauben, daß ihnen da mitten in tiefster Wildnis die leibhaftige Weiße Prinzessin erschienen war. Doch als sie es dann begriffen hatten, da sanken sie auf die Knie und hießen die Prinzessin und ihren Begleiter demütig und freudig zugleich willkommen. Alessandra sah, daß sie auch hier, im fremden Land, bereits einen legendären Ruf hatte, was natürlich angesichts der Tatsache, daß sie gegen die Lunaloc-Armee gekämpft und die Mondnacht vertrieben hatte, auch kein Wunder war.

Die Familie bot ihnen Essen an, natürlich das Beste, was sie hatten, doch Alessandra und der Graf hatten selbst genug dabei und nutzten nur das bereits brennende Feuer. Es wurde ein freudiges und reichliches Mittagessen, doch zu Alessandras Betrübung hatte keiner ihrer Gastgeber etwas über Nuitor gehört, obwohl sie sich alle Mühe gaben und ihre Erinnerung nach jeder Einzelheit absuchten. Als fahrende Händler kamen sie schließlich weit herum und sahen und hörten viel. Alessandra war enttäuscht, obwohl sie im Grunde nichts Anderes erwartet hatte. Es wäre zu einfach gewesen. Und erfahrungsgemäß war alles, was mit Calract im Zusammenhang stand, undurchschaubar, gefährlich und kompliziert.

Der Händler bot der Prinzessin und dem Grafen an, bei ihnen im relativ warmen Zelt zu übernachten, doch Alessandra wußte, daß ihr Ziel nicht mehr weit war und sie es noch an diesem Tag erreichen konnten, wenn sie zügig weiterritten. So schlug sie das freundliche Angebot ab, verabschiedete sich von der Familie und ritt dann weiter.

Die tiefstehende, goldene Sonne ließ die Hügel lange violette Schatten werfen. Bald würde es dunkel werden und wieder eisig kalt. Doch sie waren so gut wie da. Die Gegend war nun dichter bewaldet, aber da es sich hauptsächlich um Laubbäume handelte, die jetzt kahl waren, war der Wald doch recht übersichtlich. Alessandra kniff die Augen zusammen. Sie erkannte ein paar Details wieder, schließlich war sie nun schon zum dritten Mal hier. Dennoch war es nicht so einfach, sich in dieser unübersichtlichen Hügellandschaft zurechtzufinden. Beim ersten Mal waren sie im Eiltempo der Lunaloc-Armee nachgerückt und hatten dann gegen sie gekämpft - keine Zeit also, sich großartig um Details der Landschaft zu kümmern. Und beim zweiten Mal war hier alles Mondland gewesen, wo man in der Dunkelheit kaum etwas hatte erkennen können.

"Dort. Die Schwarze Grenze." Wie immer, so war sie auch an dieser Stelle deutlich zu erkennen. Einen Kilometer vor ihnen verlief sie schnurstracks einen Hügel hinauf und teilte ihn exakt in zwei Hälften. Dieses Merkmal war einmalig. Alessandra erkannte es sofort wieder: sie waren am Ziel. Die Prinzessin langte nach ihrem Schwert und zog es zögernd aus der Scheide. Calract war tot, aber was aus seiner Dämonenarmee geworden war ... sie konnte überall lauern.

Tschuri, schoß es der Prinzessin durch den Kopf. Ob das arme Mädchen noch lebte?

"Wir müssen vorsichtig sein, Graf. Es können überall Lunaloc-Ungeheuer stecken."

"Dann laßt mich voranreiten, meine Königin."

Statt zu antworten, gab Alessandra ihrem Pferd die Sporen und preschte den Hügel hinauf. Auf halber Höhe kam sie an zahlreichen Erdhügeln vorbei, die mit seltsamen Symbolen versehen waren. Verwundert hielt die Goldene Königin ihr namenloses Pferd an und stieg dann ab. Von Allheim trat neben sie.

"Was ist das?", fragte sie verwundert.

Der Graf wischte etwas Schnee von einer der Steinplatten. Er schien zu wissen, was sie da vor sich hatten. Auf der Platte wurde ein eingravierter Name sichtbar.


Coco


"Coco ..." hauchte Alessandra erschüttert. Schlagartig war auch ihr klargeworden, daß sie mitten auf einem Friedhof stand. Es waren die Gräber der im Kampf gegen sie gefallenen Lunaloc-Dämonen! Aber wieso hatte Calract seine Dämonen hier begraben? Alessandra konnte es nicht begreifen. Die Dämonen waren früher Menschen gewesen, die Calract geraubt und zu seinen Sklaven gemacht hatte. Kaum anzunehmen, daß sie ihm auf einmal etwas bedeuteten.

Verwirrt stieg die Königin wieder auf ihr Pferd und ritt langsam weiter. Es blieb alles still.

Wo, zum Teufel, sind sie alle?

Vor den Überresten des großen, bizarren, fast palastartigen Hauses angekommen, stieg sie ab. Seite an Seite mit dem Grafen trat sie dann ein. Die Tür war heil geblieben, aber dahinter war alles verwüstet. An vielen Stellen war der Boden geschmolzen durch die Flammenstrahlen der Hexe vom Achten Weg. Trotzdem wirkte der Boden sauber. Nirgends lagen Tote herum, auch keine Blutflecke. Alessandra wußte, daß verwundete Dämonen sehr wohl bluteten, auch wenn das Blut nicht immer rot war. Es war wieder typisch für alles, was mit Calract zusammenhing: undurchschaubar, unbegreiflich.

Bevor er mich angegriffen und den Kristall zerstört hat, hat er hier saubergemacht. Wahnsinn.

Je länger Alessandra über ihren toten Feind nachdachte, desto mehr hatte sie das schreckliche Gefühl, daß etwas vollkommen falsch lief. Schließlich schüttelte sie diese finsteren Gedanken gewaltsam von sich und durchstöberte mit penibler Gründlichkeit das Haus. Sie fand ein paar fast verkohlte Bilder im Atelier. Sogar die Pinsel lagen noch in einer Ecke herum. Ansonsten stand hier kaum noch ein Stein auf dem anderen. Schließlich hatten die schwersten Kämpfe hier stattgefunden. Eine Spur von Nuitor fand sie nicht.

Alessandra hatte es kaum bemerkt, daß es schon tief in der Nacht war, denn im Innern des Hauses war es relativ hell gewesen. Irgendein Zauber Calract wirkte noch. Draußen jedenfalls war es stockdunkel. Trotzdem hätte die Prinzessin um nichts in der Welt in diesem Haus übernachtet.

Entschlossen sagte sie: "Die nächste Spur führt zum Engelsberg. Aber Ihr müßt mich nicht begleiten, Graf. Es ist allein meine Angelegenheit!"

Doch für von Allheim war es mehr als nur Ehrensache, daß er mitkam und seine Goldene Königin beschützte, wo immer sie auch hinging.

*

"Was? Eine Kunstausstellung?" fragte der Weiße König ungläubig. Vor ihm standen General von Walldorff und der Majordomus.

"Ja, Majestät. Die drei Hoheiten sind dabei, in ihrer Residenz eine - wie sie es nennen - Kunst- und Antiquitätenmesse zu organisieren. Mit dem üblichen Empfang, Bankett und so weiter. Man kennt das ja schon. Es sind die berühmtesten Kunsthändler des ganzen Reiches und auch der Nachbarreiche geladen. Es wird DAS gesellschaftliche Ereignis des Frühjahrs."

"Eigentlich ist das eine großartige Idee", sagte der Weiße König nachdenklich. Doch dann fügte er hinzu: "Aber irgendwie ... ich weiß nicht. Diese drei Frauen ... ich werde einfach das Gefühl nicht los, daß mit ihnen was nicht stimmt.

"Wir sollten sie von unserem besten Spion beobachten lassen. Vielleicht gewinnen wir dann Klarheit. Sofrejan hat Gerald Markow wieder mitgebracht, den ich ihm damals ausgeliehen habe. Er ist der Richtige für diese Aufgabe."

"Zweifellos", bestätigte Adalbert.

*

Es war ein Auftrag ganz nach meinem Geschmack. Nachdem ich beim Imperator der Sonneninsel hauptsächlich mit Bürokram und Organisation beschäftigt gewesen war, konnte ich jetzt endlich wieder das tun, was ich am liebsten tat: anderen nachspionieren und ihre geheimsten Geheimnisse ergründen, oder das, was meine Auftraggeber dafür hielten. Mein König hielt mich für den Besten, was aber vielleicht eher daran lag, daß es im Weißen Königreich nicht viele Spione gab. Wozu auch? Hier war alles so sauber. Es gab so gut wie keine Verbrechen, und seit Alessandra war alles noch viel schlimmer ... äh, Verzeihung, besser geworden. Auf jeden Fall freute ich mich darüber, wieder einmal wirklich gefordert zu werden. Denn ich teile die Auffassung meines Herrn: Mit den drei fremden Frauen stimmte etwas nicht.

Seine Majestät hatte mir jede Unterstützung zugesagt, die er mir gewähren konnte, und so konnte ich aus dem Vollen schöpfen. Drei Dinge galt es zu erledigen: Zuerst würde es günstig sein, die Objekte der königlichen Neugier einmal persönlich und ganz offiziell kennenzulernen. Ich dachte kurz nach, dann fiel mir etwas Passendes ein. Und zwar die Kunstmesse, die Ende März 1246 stattfinden sollte - in gut zwei Wochen also. Ich würde im Vorfeld als Kunsthändler auftreten und die drei Damen aushorchen.

Zweitens schickte ich einen Boten zur Oase Coor und einen zweiten, einen besonders mutigen und erfahrenen Ritter, den der König nur ungern dafür abstellte, noch weiter nach Westen in das Land, aus dem die drei Spiegel angeblich kamen. Ich war mir darüber im Klaren, daß ich erst nach vielen Wochen eine Antwort erhalten würde (wenn überhaupt), aber da konnte man eben nichts machen. Niemand wußte, welche Informationen sich einmal als wertvoll erweisen würden.

Und Drittens mußte ich für Verbündete innerhalb der Reihen der "Gegner" sorgen. Jemand, der Tag und Nacht in der Nähe der drei Hoheiten, wie sie sich nannten, weilte, und mich über alles informierte, was dort so gesagt wurde.

Ich begab mich zuerst in die königliche Bücherei und ließ mir ein paar Wälzer über Kunst, Teppiche aus dem Wüstenreich, die Kunst des Edelsteinschleifens und so weiter kommen. Da ich mich auch privat mit antiken Schätzen beschäftigte und das eine oder andere erlesene Stück bei mit Zuhause hatte, fiel mir die Vorbereitung nicht schwer. Ich blätterte interessiert in einem reich bebilderten Lederband herum - das Buch allein war ein Vermögen wert - als meine Gedanken abschweiften zu der entzückenden Tiara, die ich kürzlich erstanden hatte. Geschenkt bekommen hatte ich sie sogar, und zwar von Imperator Sofrejan persönlich als Dank für gute Dienste. Das Stück war garantiert über 1300 Jahre alt. Es stammte von einer Frau, wohl einer Diebin, Namens Tita Mastrakura, die - und das war gesichert - 1300 Jahre lang als goldene Statue im Unendlichen Land zugebracht hatte, bevor sie von niemand anderem als unserer Prinzessin Alessandra wieder erlöst worden war. Sie war zusammen mit einem ihrer Begleiter im Gefolge des Imperators in die Weiße Stadt gekommen; eigentlich waren sie und ihr Begleiter sogar der Anlaß dieser Reise gewesen. Jedenfalls hatte sie dieses wunderschöne Diadem bei sich gehabt, und nun besaß ich es, wofür ich Frau Mastrakura und seiner Hoheit, dem Imperator, auf ewig dankbar sein würde. Ja, das war es. Mit dieser Tiara würde ich die drei Spiegel ködern, denn mit dieser Geschichte war ihr Wert geradezu unermeßlich.

Ich fragte mich, warum sie sich 'Spiegel' nannten. Aber vielleicht war das bei ihnen daheim so üblich. Eine Art Adelstitel oder so. Ich würde es herausfinden.

Ich gab die Bücher zurück, dann ging ich noch zu dem bekanntesten Kunstschmied der Stadt und stellte ihm ein paar Fragen, auf die ich vielleicht vorbereitet sein mußte. Und dann machte ich Maske.

*

Wie immer, so war auch an diesem Tag auf dem Platz vor der 'Weißen Krone' eine Menge los. Die drei Hoheiten gaben jeden Abend ein Festessen für jeden Bürger, der daran teilnehmen wollte. Ich hatte mir im Vorfeld versichern lassen, daß sie alles bar bezahlten. Eins war sicher: ob sie nun echte Prinzessinnen waren oder nicht, sie waren auf jeden Fall märchenhaft reich. Sie gaben so viel Geld aus, daß bereits die Preise stiegen und natürlich auch die üblichen Glücksritter von nah und fern wie die Schmeißfliegen hier einfielen. Das hatte es noch nie gegeben!

Ich hatte einen meiner Assistenten mitgenommen, der hier als mein Leibdiener auftrat und meinen Koffer trug. Zielgerichtet schritt ich auf den Eingang des Hotels zu, wo ein Mann stand, den hier offenbar das Sagen hatte: Beltram, auf seine Weise inzwischen ebenso berühmt wie seine drei Herrinnen selbst.

"Seid mir gegrüßt, Edler Herr Beltram", begrüßte ich ihn stramm.

Er erwiderte meinen Blick auf seine seltsame, irgendwie desinteressiert wirkende Art und antwortete mit seiner Fistelstimme: "Einfach nur 'Beltram' reicht." Dann sah er wieder weg und beobachtete die Vorbereitungen für das Essen.

Ich räusperte mich: "Ähem. Wäret Ihr so freundlich, mich bei Euren Herrinnen anzumelden. Mein Name ist von Baltasar. Ich bin Kunsthändler und komme wegen der Kunstmesse, die hier demnächst stattfindet. Ich muß unbedingt zuvor mit den Hoheiten sprechen, da ich sehr kostbare Stücke besitze."

"Ja."

Mehr nicht. Er drehte sich langsam und schnaufend um und schritt ins Haus. Ich sah ihm kopfschüttelnd nach. Normalerweise konnte ich einen Menschen nach ein paar Blicken einschätzen, aber aus diesem Beltram wurde ich nicht so recht schlau. Wie ein toter Fisch, ging es mir spontan durch den Kopf, und ich mußte über diese Assoziation schmunzeln.

Es verging eine geschlagene Stunde. Draußen brannten schon die Feuer, und die halbierten Schweine und Ochsen wurden gerade angekarrt, als Beltram endlich zurückkehrte. Mit einem Tuch wischte er sich den Schweiß von der Stirn, dann sagte er: "Die drei Hoheiten erwarten Euch morgen gegen Zehn."

"Vielen Dank, mein Lieber." Ich beschloß, mal was zu riskieren und zog eine Silbermünze aus der Tasche. Ich wußte, wie Diener wie dieser Beltram lebten: umgeben von märchenhaftem Reichtum gehörte ihnen selbst so gut wie nichts. Dafür wußte er sicher mehr über meine Untersuchungsobjekte als jeder andere Mensch.

Ich drückte ihm das Geld in die Hand und schloß seine Finger darum. Schließlich sollte es ja nicht jeder sehen, daß ich ihn gerade bestochen hatte. Doch bei Beltram lief alles ein bißchen anders. Er nahm die Münze hoch, hielt sie dicht vor seine Augen und musterte sie ausgiebig. Dann steckte er sie umständlich in eine seiner Taschen. "Warum", so begann ich, "setzen wir uns nicht an einen der Tische da", ich wies auf einen, der abseits stand und wo wir uns ungestört unterhalten konnten, "und reden ein bißchen über die Kunstmesse und dies und das?"

Ich nahm Platz und meinte dann zu ihm: "Ich komme nicht so oft in die Hauptstadt, aber Ihr wißt bestimmt alles, was hier interessant ist."

Beltram warf mir einen undefinierbaren Blick zu, dann schlurfte er los und ließ sich schließlich schwer auf eine der Bänke fallen.

Ich versuchte die halbe Nacht, etwas aus ihm herauszubekommen. Es war nicht so, daß er nichts gesagt hätte, aber im Grunde war alles nur belangloses Blabla. Wie schön seine Heimat sei - aber wo genau sie nun lag, das wußte er entweder gar nicht, oder er verschwieg es mir absichtlich. 'Weit im Westen' war alles, was ich erfuhr. Und das hatte ich schon vorher gewußt. Und wie reizend die drei Hoheiten wären, aber persönliche Details bekam ich nicht aus ihm heraus. Wie beschwerlich die Anreise gewesen sei, aber über welche Stationen der Weg geführt hatte und wie lange er gedauert hatte, das wußte ich nach dem Gespräch immer noch nicht. Ich hatte nichts erfahren, woran ich wirklich hätte anknüpfen können. Enttäuscht verließ ich spät in der Nacht das Fest. Wie üblich, so war auch heute keine der drei Hoheiten persönlich erschienen, aber ich nahm mir vor, bei Beltram nicht locker zu lassen. Es wäre doch gelacht, wenn ich aus einem Lakaien nicht etwas Brauchbares herausbekommen würde.

*

Der Himmel war übersät mit glitzernden Sternen, doch sie reichten nicht aus, die Landschaft aus der samtenen Schwärze der Nacht zu schälen. Vor kurzem noch hatte dies der Schein der brennenden Hauptstadt vermocht, doch nun war Laguna so gut wie niedergebrannt. BQMZ spürte noch die strahlende Hitze der glühenden Ruinen auf ihrer Haut, doch Licht kam von dort nicht mehr.

Die Piratin stand am Strand von Laguna, einige Schritte weit im warmen Meer. Die Wellen der Brandung schlugen über ihren Füßen zusammen und kitzelten sie sachte. BQMZ liebte von Zeit zu Zeit die Einsamkeit. Vor allem, seit Kranos Tuurn sie unterworfen hatte. Es gab viel zum Überdenken.

BQMZ hatte die Augen geschlossen und das Gesicht dem Land, den glühenden Überresten Lagunas zugewandt. Zwischen ihr und dem Stadtrand lagen lichte Haine aus Palmen und Büschen, der Strand bestand aus ockergelbem, feinem Sand, der sich unter ihren Fußsohlen fast wie das seidige Fell einer Katze anfühlte. Als Sklavin - sie war damals noch ein Kind gewesen - hatte sie ab und zu hierherkommen und am Strand spielen dürfen, daher kannte sie dessen Farbe. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie daran zurückdachte.

Es war eine warme Nacht, ein sanfter Wind blies vom Land herunter und spielte mit ihrem Haar und ihren Kleidern. BQMZ trug nur einen kurzen Hosenrock und ein weites Hemd, beide aus tief schwarzem Stoff. Die Frau wußte, daß sie in einer Nacht, die so dunkel war wie diese, unsichtbar war, solange sie ihre Augen und den Mund geschlossen hielt. Denn ihre weißen Zähne und die hellen Augen hätten sonst einen sofort sichtbaren Kontrast zu ihrer nachtschwarzen Haut gebildet. Sie dachte daran, daß sie schon so machen Feind auf diese Weise übertölpelt hatte. Denn wer rechnete schon damit, daß sie keine Schwierigkeiten hatte, sich auch in völliger Dunkelheit zu orientieren?

Ein warmer Windstoß trug den Geruch verbrannten Holzes zu ihr hinunter und ließ ihre Kleider flattern. So wenig sie am Leib trug, so schwer war sie dennoch bewaffnet. Sicher - BQMZ brauchte keine Waffen, um jemanden zu töten, doch man hatte sie nur selten je ohne ihr Zackenschwert gesehen, das bei jedem Treffer fürchterliche Wunden riß. Auch jetzt trug sie es bei sich. Sein Gewicht zog an dem Gürtel, an dem sie es sich um ihre schlanke Taille gebunden hatte. Mit einer Hand strich sie über den metallenen Knauf und tastete über die Ornamente, die man auf ihren Befehl hineingearbeitet hatte. Doch das war nicht ihre einzige Waffe.

Etwas berührte ihren Fuß. Sie öffnete die Augen und sah verwundert, wie ein hellblau leuchtender Wurm um sie herumpaddelte. Staunend betrachtete sie dieses Wunder der Natur, bis der Wurm es sich anders überlegte und weiterschwamm. Sie war froh darüber, denn obwohl sie schon viele wehrlose Menschen umgebracht hatte, hätte es ihr um diesen wunderschönen Wurm leid getan. Denn außer ihrem Schwert trug BQMZ noch eine verheerende Waffe, die auf ihre Fähigkeiten maßgeschneidert war und eine durchschlagende Wirkung besaß - vor allem, weil keiner damit etwas anfangen konnte - bis es dann zu spät war. Wie man sich gegen einen Schwerthieb wehren konnte, davon hatte jeder Ritter eine ziemlich genaue Vorstellung. Aber wie schützte man sich gegen die Dolche, von denen BQMZ an jeden Fuß einen trug? Die Klingen waren etwa sieben Zentimeter lang, mehr als genug, um einen Menschen auf der Stelle zu töten, wenn man die richtige Stelle traf. Sie waren messerscharf - man konnte ein Haar damit spalten - und mit einer kunstvollen Vorrichtung jeweils an der zweiten Zehe befestigt. Somit vereinigten sie die Kraft eines Fußtrittes mit BQMZs schlangengleicher Beweglichkeit. Hätte eine Welle den Leuchtwurm gegen eine der Schneiden gedrückt - jeder Dolch war oben und unten scharf - dann wäre sein zarter, weicher Körper sicherlich aufgeschlitzt worden und hätte seinen leuchtenden Inhalt ins Meer entlassen.

BQMZ spannte sich. Ein Schatten war auf sie gefallen. Ganz kurz nur, er hatte einen Moment lang die Hitze der glühenden Stadt von ihr abgeschirmt und war dann wieder verschwunden. Aber die Piratin war gewarnt. Sie lächelte, ohne jedoch ihre verräterischen weißen Zähne zu zeigen. Mit Sicherheit hatte derjenige, der hier herumschlich, keine Ahnung, daß sie in der Nähe war, sie, die Jägerin, die blutrünstige Piratin, die jederzeit bereit war, sich auf ihr Opfer zu stürzen und es zu zerfleischen. Es würde einfach werden, davon war die junge Frau überzeugt. Sie konzentrierte sich. Ganz leise hörte sie das Rascheln von Blättern und Zweigen. Die Geräusche stammten von einem großen Körper, also entweder von einem größeren Tier oder einem Menschen. Ein Tier hätte sich aber anders bewegt. BQMZ machte ein paar vorsichtige Schritte nach vorn, bis sie den Bereich der Brandung verlassen hatte. Sie spürte ganz schwach Erschütterungen des Bodens. Der Gegner lief also umher. Da! Wieder knackte ein Zweig. BQMZ hatte nun eine genaue Vorstellung davon, wo sich der andere befand. Sie schlich näher heran, wobei sie ihre Füße so aufsetzte, daß die Dolche den Boden nicht berührten. Der Andere lief nun langsam weiter. BQMZ registrierte, daß er sich relativ unbeholfen durch das stockfinstere Unterholz tastete. Was wollte er hier? Ein Flüchtling aus Laguna, der keine Lust hatte, den Piraten in die Hände zu fallen und sein Leben als Sklave in der Fremde zu beenden? Sie vermutete etwas in der Art. Schade. Ein Krieger wäre ihr lieber gewesen, jemand, der ihr einen anständigen Kampf lieferte, bevor sie ihn tötete. Ein Schauer der Erregung durchfuhr sie bei dem Gedanken, in völliger Dunkelheit gegen einen schwerbewaffneten Krieger zu kämpfen. Sie spürte ihre Flaumhaare an ihren Armen und Beinen sich aufrichten und genoß das Gefühl einen Moment lang, bis sie in die Realität zurückkehren mußte. Denn sie hatte keinen Krieger vor sich - leider, sondern wahrscheinlich einen kleinadeligen Schlaffi oder noch was Schlimmeres.

Ein Lufthauch trug einen seltsamen Duft in ihre Nase. Parfüm! BQMZ stutzte. War die Person vor ihr gar kein Mann, sondern eine Frau aus dem Palast? Aber dafür bewegte er sich zu schwer. BQMZs feinen Sinnen war auch das nicht entgangen. Ein Mann, der sich zu parfümieren pflegte. Also mußte er aus dem Palast stammen. BQMZ schickte einen kurzen Dank an Gerena, die irgendwann einmal aus einer Laune heraus verboten hatte, daß ihre Untertanen Parfüm benutzen durften. Nur ihre Hoflakaien und natürlich die Frauen waren davon ausgenommen gewesen. Einer von Gerenas Speichelleckern also! Er würde einen besonders langsamen und qualvollen Tod haben, das schwor die Piratin sich. Wieder dachte sie kurz an ihre Kindheit zurück und an das Pack, das sie im Palast hatte ertragen müssen ...

Sie öffnete kurz ihre Augen einen Spalt breit und stellte fest, daß es hier, am Rande des Palmenwaldes, noch dunkler war als direkt am Strand. Wenn sie mit geschlossenen Augen kämpfte, würde ihr Gegner also keinen Vorteil habe, weil auch er nichts sah. Sie schlich sich lautlos weiter, bis sie direkt hinter dem Mann war, der sich ziemlich hilflos durch das Unterholz wühlte. Ob er wohl bewaffnet war? Kaum anzunehmen.

"Willst du dich gleich ergeben, oder erst kämpfen?" sprach sie den Unbekannten an. Dieser fuhr herum. BQMZ hörte, wie er ein Schwert aus der Scheide zog. Die Art, wie er das tat, verriet ihr, daß er es wahrscheinlich zum ersten Mal in seinem Leben in der Hand hatte. Die Piraten lachte glockenhell auf, dann schoß ihr Fuß in die Luft, traf mit dem Rücken die Hand des Mannes und ließ das Schwert in die Dunkelheit davontrudeln.

"Na? War das alles?", höhnte sie. Sie sprang lautlos ein Stück zur Seite, weil sie einen weiteren Angriff erwartete, doch der Mann tat erst mal nichts mehr. BQMZ hatte ein genaues Bild von ihrem Gegenüber im Kopf. Tausende winzige Informationen hatten es ihr verraten. Sie hätte seine Kehle auf den Zentimeter genau getroffen, wenn sie gewollt hätte. Doch er sollte nicht sterben. Jetzt noch nicht. Mühelos hob sie ihr linkes Bein hoch in die Luft und setzte dem Mann, der nicht wußte, wie ihm geschah, den Dolch an den Hals.

"Na, Freundchen, was sagst du jetzt? Das war's dann wohl. Du bist jetzt mein Gefangener. Schade, daß du nicht sehen kannst, wie ich dich besiegt habe. Ich habe weder meine Hände noch meine Augen dazu benutzen müssen. Das ist für dich ziemlich armselig. Aber kein Wunder. Von einem Waschlappen aus dem Palast habe ich nichts Anderes erwartet."

"Woher weißt du, daß ich aus dem Palast komme. Und wer bist du überhaupt?"

BQMZ stutzte. Die Stimme kam ihr irgendwie bekannt vor. Vor langer Zeit ... schlagartig fiel es ihr ein. "Ósimo!", schrie sie.

"Ja. Ich bin König Ósimo, und ich befehle dir, mir zu gehorchen und dieses Messer von meiner Kehle zu nehmen."

BQMZ war so verblüfft, daß sie gehorchte. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie in die Finsternis. Hatte sie eben noch alles deutlich vor ihrem inneren Auge gesehen, so war sie nun verwirrt, fast desorientiert. Einen flüchtigen Augenblick dachte sie daran, auf welch dünnem Grat ein nicht Sehender doch im Grund immer wandelte. Doch sie faßte sich rasch. "König? Hm, ich dachte, du wärest schwachsinnig?"

"Das dachten alle. Aber ich habe es allen nur vorgespielt, vorspielen müssen, all die Jahre lang, um mich vor meiner Mutter zu schützen. Sie hätte mich sonst genauso vergiftet, wie einst meinen Vater."

Diese Worte gaben der Piratin zu denken. Über zehn Jahre lang vor aller Welt den Idioten zu spielen und sogar ein Ungeheuer wie Gerena zu täuschen, dazu gehörte schon was. In diesem König steckte mehr, als die meisten Menschen gedacht hatten. Aber ... "Was ist mit der Königin? Ist sie tot, das Schwein?"

"Das Schwein", antwortete Ósimo gedehnt, "lebt noch. Wenn man das Leben nennen kann. Aber du kannst sie als abgedankt betrachten. Ich bin jetzt verantwortlich, und ich werde alle bestrafen, die an diesen schrecklichen Verwüstungen und Morden beteiligt waren. Das schwöre ich bei meiner Ehre als König."

"Dann fang gleich mal bei mir an. Ich bin BQMZ, und ich habe den Befehl dazu gegeben!"

Gespannt wartete die schwarze Frau, was der junge König nun tun würde. Zunächst aber tat er nicht viel. Mochte er auch große Pläne mit seinem Reich haben, in welcher Lage er sich befand, darüber schien er sich vollkommen in Klaren zu sein.

"So", sagte BQMZ nach einer Weile. "Mit dem Bestrafen wird es erst mal nichts. Und jetzt los. Gehen wir." Sie verpaßte dem König einen kräftigen Tritt in den Hintern, so daß dieser vorwärts stolperte.

"Hier." BQMZ reichte dem König ein schwarzes Tuch. "Zieh dir das über den Kopf. Es braucht nicht jeder meiner Leute gleich zu sehen, wen ich da aufgegabelt habe."

Zum Anlegeplatz des Schiffes waren es zwanzig Minuten zu Fuß. Dort angekommen, stellte BQMZ fest, daß die Mannschaft sich offenbar betrunken und zur Ruhe gelegt hatte. Dagegen war im Grunde nichts einzuwenden, verdient hatten sie es sich, aber zur Sicherheit hatten sie die Planke eingezogen, so daß niemand an Bord kam. Jedenfalls nicht auf dem normalen Weg. Denn das Schiff war aber immer noch mit ein paar Tauen am Kai festgemacht, und die sanfte Strömung sorgte dafür, daß diese Taue straff gespannt waren. Wenn man das Gleichgewicht halten konnte, konnte man einfach darüber gehen und an Bord gelangen. Für die schwarzhäutige Piratin war das kein Problem, für Ósimo wohl schon eher. Kurz entschlossen hob BQMZ den König hoch und warf ihn sich über die Schulter. Dann trat sie auf das Seil. Mit katzenartiger Geschicklichkeit lief sie das unter diesen Umständen betrachtet ziemlich dünne Tau hinauf und sprang schließlich an Bord.

Zu ihrer Zufriedenheit stürzte sich sogleich der zur Wache eingeteilte Pirat auf sie, bis er sie erkannte und eine Entschuldigung murmelte. BQMZ stellte den maskierten König wieder auf die Beine und schob ihn dann vor sich her unter Deck zu ihrer Kabine.


Der König saß in einem reichverzierten und gepolsterten Holzstuhl, der vor BQMZs Schreibtisch stand. Die Frau selbst saß auf der Tischkante, dem König genau gegenüber, und hatte ihre Füße auf die Armlehnen gesetzt. In der Kabine brannten mehrere Lampen, und zum ersten Mal konnte Ósimo sein Gegenüber genau betrachten. Ihre Haut war noch von der gleichen, unglaubliche tiefen Schwärze, wie er sie von früher in Erinnerung hatte. Selbst die schwarzen Kleider, die BQMZ trug, wirkten heller dagegen. Mißtrauisch betrachtete er die Zehendolche, die fast bis zum oberen Ende der Armlehnen reichten. Erst jetzt wurde ihm klar, wie er überwältigt worden war. Es war ihm sichtlich peinlich. Dennoch konnte er den Blick nicht von diesen Waffen wenden. Er hatte nie etwas Derartiges gesehen oder auch nur davon gehört. "Woher hast du die?"

Die Dolche waren wie leicht geschwungene Krallen geformt. Sie saßen auf Kappen, die die vorderen beiden Zehensegmente umschlossen. Dahinter kam eine seltsame, mit Gelenken und Scharnieren versehene Klammer, die das hintere Segment umfaßte. Das war alles, und doch bildete es eine Waffe, deren Wirkung sich der König genau vorstellen konnte. Die Piratin war damit in der Lage, jeden Feind, der nicht schwer gepanzert war, in Stücke zu schneiden. Mit ihren langen Beinen hatte sie eine enorme Reichweite, dazu Kraft, Schnelligkeit und eine sagenhafte Gelenkigkeit. Es war kein Wunder, daß sie schnell zur Anführerin einer Piratenbande avanciert war. Dazu kam ihre Klugheit, Skrupellosigkeit, aber auch eine Großzügigkeit und große Fairneß gegenüber ihren Männern. Nie hatte sie mehr Anteil an der Beute an sich gerafft, als ihr zugestanden hatte.

Ósimos Blicke wanderten weiter. BQMZ hatte schmale, sehnige Füße mit ungewöhnlich langen Zehen. Ihre Zehennägel waren ebenfalls sehr lang und schmal und wirkten wie etwas verkleinerte Ausgaben ihrer Fingernägel. Ósimos spürte seinen Puls sich beschleunigen. BQMZs Beine waren bis zur halben Höhe der Oberschenkel unbekleidet, erst dann begann die kurze, weite Hose. Diese und das weite Hemd betonten ihre wundervolle Figur mehr, als sie sie verhüllten. Der König bedauerte, daß so ein Mensch auf der Seite des Bösen stand. Seltsam, mir ist früher nie aufgefallen, wie sexy sie ist. Aber da hatte ich wohl auch anderes im Kopf ...

Er seufzte.

BQMZ klickte mit ihren Dolchen auf die Lehne. "Die hab' ich mir anfertigen lassen", sagte sie stolz. "Nach Plänen von mir." Sie hob ihren rechten Fuß hoch und brachte den Dolch ganz nahe vor ihr Gesicht. Langsam drehte sie ihn vor ihren Augen und musterte ihn sinnierend. Offensichtlich waren diese Dolche ihr ganzer Stolz - und natürlich die Art, wie sie sie benutzen konnte. Ósimo staunte erneut über die Gelenkigkeit dieser Frau. Früher war sie als Schlangentänzerin ziemlich berühmt gewesen. BQMZ fuhr fort: "Sie haben eine ganz schöne Stange Geld gekostet. Es gibt ja kaum jemanden, der so was überhaupt machen kann. Das Metall ist sehr selten. Es stammt von einem Stein, der vom Himmel gefallen sein soll, und ist das härteste, was man überhaupt verarbeiten kann." Sie lächelte ein versonnenes, sanftes Lächeln, und zum ersten Mal zeigte sie dabei ihre strahlenden Zähne. Sie war ob dieser außergewöhnlichen Waffe stolz auf sich - zu Recht, wie Ósimo fand. Seine Blicke glitten ihren langen Schwanenhals hinauf über ihre schmalen, dunklen Lippen, die sympathische Stupsnase, bis zu den hellgrünen, etwas schräg stehenden Augen, die allein schon jeden Mann schwach werden lassen konnten.

"Warum kämpfst du nicht an der Seite des Rechtes? An der Seite deines Königs gegen Mord und Gewalt und für den Frieden?"

"Entweder bist du vollkommen irre, oder du hast ganz schön Mut, Ósimo." BQMZ kniff ihre Augen etwas zusammen, dann strich sie langsam mit einem der Dolche an Ósimos Kehle entlang. Doch der König zeigte keine Anzeichen von Angst oder Panik. Mit ruhigem Blick hielt er ihr stand.

"Du wirst mir helfen, Ósimo. Helfen, mit Kranos Tuurn abzurechnen."

Zum ersten Mal erlebte BQMZ den König erstaunt, beinahe fassungslos. Mit großen, fragenden Augen blickte er sie an. BQMZ sagte: "Ja. Ich will seinen Kopf! Dieses Dreckschwein. Er hat mich unterworfen. Im Grunde bin ich wieder nichts als eine Sklavin. Nur diesmal nicht deine, sondern seine. Vorhin habe ich gelogen. Ich habe gesagt, ich hätte den Befehl gegeben, Laguna niederzubrennen. Aber in Wahrheit war er es. Ich habe den Angriff erfolgreich kommandiert, das ist wahr. Aber von mir aus hätte ich ihn nie begonnen. Ich verdiene nichts daran, Tuurn nimmt mir die ganze Beute weg. Und ohne ihn wäre ein Angriff auf die Hauptstadt sowieso Selbstmord gewesen. Er hat die königliche Flotte verhext, so daß ich freie Bahn hatte." Sie machte eine Pause und sah Ósimo eindringlich an. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt und ihre langen Zehen umklammerten die Armlehnen. "Du haßt mich, aber da wir einen gemeinsamen Feind haben, wirst du dennoch an meiner Seite kämpfen, ja?"

Nun war es am jungen König, bedeutungsvoll zu schweigen. Dann sagte er: "Du gehörtest bei lebendigem Leib ans Kreuz genagelt und dann gevierteilt wegen all der Verbrechen und Morde, die du auf dem Gewissen hast. Seltsamerweise hasse ich dich trotzdem nicht. Aber ich weiß nicht, was ich gegen diesen Kranos Tuurn machen soll. Ich kenne ihn nicht einmal."

In BQMZs Augen leuchtete Zufriedenheit auf. "Das laß nur meine Sorge sein. Hm, im Grunde ist es ein reiner Verzweiflungsakt. Ich glaube, Tuurn erwartet sogar so was von mir. Er verachtet mich. Er verachtet jeden. Er spielt mit mir, um mir meine Hilflosigkeit zu zeigen." Sie sprang auf und lief temperamentvoll auf und ab. Dann sprang sie vor Ósimo und zog ihm hoch: "Ich habe mir dieses Leben nicht ausgesucht. Zuhause war ich eine Prinzessin, hier nur eine Sklavin. Ich bereue nichts, was ich euch angetan habe." Sie stieß ihn in den Sessel zurück, dann löste sie mit einer geschickten Bewegung ihrer großen Zehe die Klammer des rechten Dolches und warf dann den Fuß nach vorn, so daß der Dolch wie ein Wurfmesser durch den Raum flog und an der gegenüberliegenden Holzwand steckenblieb. Einen winzigen Augenblick später folgte der andere und landete kaum einen Zentimeter neben der ersten. Leichtfüßig sprang BQMZ auf den Tisch zurück und setzte sich im Schneidersitz vor dem König hin. Abschätzend musterte sie ihn.

Ósimo räusperte sich, dann fuhr er fort: "Und außerdem rechtfertigt das nicht zahllose Morde an Unschuldigen."

"Ich rechtfertige mich vor niemanden!", antwortete die Frau energisch.

"Ich kann dir dennoch vergeben."

Jetzt blieb der Piratin erst mal die Sprache weg. An so etwas hatte sie im Traum nicht gedacht. "Darüber", preßte sie zwischen ihren vollen Lippen hervor, "reden wir, wenn wir Tuurn erledigt haben!"

Ósimo schwieg lange. Dann fragte er: "Wohin segeln wir jetzt?"

"Zur Festung 5, Tuurns neuer Residenz."

*

Der Ritt zum Engelsberg schien Ewigkeiten zu dauern. Die Landschaft war verwüstet, verheert. An einem Tag ritten Alessandra und von Allheim durch ein von der Lunaloc-Armee niedergebranntes Dorf. Am nächsten Tag wieder durch eines. Tags darauf das nächste. Dann vielleicht zur Abwechslung mal eine zerstörte Stadt. Zwischendrin vernichtete Bauernhöfe, verwüstete Felder, verödete Ländereien. Sicher waren nicht alle Menschen, die hier gelebt hatten, getötet worden. Die meisten waren wohl geflohen und noch nicht zurückgekehrt, würden es vielleicht auch nie mehr. Gerüchteweise hatte man hoch im Norden Gold und Erze gefunden. Vielleicht waren sie dorthin gegangen.

Für Alessandra war die Reise nach Norden auf jeden Fall trostlos. Es gab zwar genug Wild in den Wäldern, das sie jagen konnte, aber das völlige Fehlen von Menschen, die Vernichtung aller menschlicher Kultur, machte ihrer Seele schwer zu schaffen. Dazu kam die stille, einsame Weite dieses riesigen Reiches, die tiefen Wälder, die vielleicht noch nie ein Mensch betreten hatte, die eisige Wildnis - es herrschte hier oben im Norden immer noch tiefer Winter, die sich bis in die Unendlichkeit zu erstrecken schien.

Doch irgendwann endete auch dieser Schrecken und die große Schleife des Uva-Flusses kam in Sicht. Und an seinem anderen Ufer ragte der weiße, von tiefem Schnee bedeckte Engelsberg drohend auf.

Alessandra und Willard stiegen von ihren Pferden und sahen hinaus auf die eisgrauen Fluten, auf denen ab und zu Eisschollen und von einem fernen Sturm entwurzelte Bäume vorbeitrieben. Der Blick der Prinzessin wanderte weiter, über den Fluß. Ihr Atem ging heftig, mit jedem Zug stieß sie eine weiße Wolke in die Winterluft. Der Engelsberg, Hort des Bösen. Dort hatte Calract seine Lunaloc-Armee erschaffen. Dort mußte es auch Hinweise über Nuitor geben, und Alessandra würde sie dort herausholen, und wenn sie sie dem Teufel persönlich entreißen mußte!

Mit ihren eigenen Händen bauten die Königin und der Graf ein Floß für sich und die Pferde und setzten dann über die rasch dahinströmenden Fluten.

Alessandra wandte keinen Moment den Blick von ihrem Ziel. In ihren Augen leuchtete ein unheilverkündendes Feuer. 'Calract, ich komme', schien es zu sagen.

Schweigend bestiegen sie und der Graf dann am anderen Ufer wieder ihre Pferde und ritten los. Langsam nur ging es durch den tiefen Schnee voran, der im grellen Sonnenlicht so weiß strahlte, daß man nicht lange hinsehen konnte. Doch plötzlich durchbrach ein Muster das eintönige Weiß: Spuren. Fußspuren eines Wesens, daß weder Mensch noch Tier gewesen sein konnte. Alessandra war alarmiert - und das keinen Moment zu früh. Vor irgendwoher stürzten sich brüllend zwei Dämonen auf sie und den Grafen, und es entbrannte ein wildes Gefecht. Der übermenschlichen Kraft der beiden Dämonen hatten die beiden Menschen nur ihre höhere Kriegserfahrung und die scharfen Schwerter entgegenzusetzen. Und den geschickten Einsatz der Pferde. Von oben nach unten zu kämpfen bot einen großen Vorteil. Doch immer wieder stürzten sich die beiden Ungeheuer auf die Menschen, bis es der Prinzessin schließlich mit einem gewagten Manöver gelang, einem von ihnen ihr Schwert durch den Hals zu stoßen. Röchelnd taumelte der Dämon zurück, hellrotes Blut strömte wie ein Wasserfall an ihm herab und färbte den Schnee. Alessandra machte einen gewaltigen Satz nach vorn und tötete den Dämon mit einem weitern, mit aller Kraft geführten Schwerthieb. Dann drang sie auf den anderen ein, der nun ängstlich zurückwich. Denn allein hatte er gegen die beiden Krieger schließlich keine Chance. Alessandra setzte ihm das Schwert auf die Brust und stieß schwer atmend hervor:

"Wie viele von euch Monstern lauern hier noch? Rede, falls Du überhaupt reden kannst, Bestie!"

"Mein Vater hat nur vier von uns hier zur Bewachung zurückgelassen."

"Vater!" Alessandra stieß das Wort wie einen Fluch hervor. Calract pflegte diese Monster als seine Kinder zu bezeichnen, was war also logischer, als daß sie in ihm ihren Vater sahen. Doch für die Goldenen Königin war es der Inbegriff des Grauens. Es waren allesamt Menschen gewesen, und das wußten sie. Calract, ihr "Vater", hatte ihnen nämlich keineswegs die Erinnerung an ihr früheres Leben genommen. Wieso sie ihn dennoch nicht bis zum Tode haßten und bekämpften, sondern ihn fast zärtlich ihren Vater nannten, konnte sie einfach nicht begreifen.

"Was weißt du von Nuitor. Rede! Wenn du es mir sagst, schenke ich dir dein Leben. Oder das, was dieses Monstrum Calract dir noch davon übriggelassen hat."

"Nuitor. Unser Kommandant? Ich weiß nicht, wo er sich befindet. Du mußt Calract selbst fragen."

"Das geht leider nicht mehr. Er ist tot. Und deine Antwort genügt mir nicht, Dämon." Sie drückte die Schwertspitze fester gegen die Kehle des Ungeheuers. Doch dieser reagierte nicht mehr.

"Tot ..." formte sich lautlos auf seinen rissigen schwarzen Lippen.

"Rede!"

"Tot? Aber ... das ist unmöglich. Nein, ich spüre, daß mein Vater noch lebt."

Das war sicher das letzte, was die Prinzessin hören wollte. "Was ist mit Nuitor?", schrie sie.

Völlig überraschend hieb der Dämon mit einer blitzschnellen Bewegung der Königin das Schwert aus der Hand, sprang dann auf und rannte wie der Blitz davon.

"Hinterher!" Alessandra und der Graf stürzten zu ihren Pferden und galoppierten dem Dämon nach. Nach einer wilden Verfolgung hatten sie ihn fast eingeholt, da machte dieser einen Satz zur Seite und verschwand im dichten Unterholz, das an dieser Stelle unmittelbar neben dem Weg begann. Mit wilden Schwerthieben machten Alessandra und von Allheim sich ebenfalls den Weg frei, doch der Dämon konnte für sich einen großen Vorsprung gewinnen.

"Da oben!"

Sie sahen ihn sich seinen Weg durch den tiefen Schnee den Abhang des Vulkans hinaufkämpfen. Trotz seiner Kraft kam der Lunaloc-Dämon nur relativ langsam voran, doch auch Alessandra und der Graf mußten kurz darauf feststellen, daß das Gelände extrem schwierig war.

Von Allheim schlug schließlich vor, den Dämon zu Fuß zu verfolgen, doch Alessandra erwiderte: "Nein. Ohne die Pferde haben wir keine Chance gegen ihn und die beiden anderen. Außerdem weiß ich, wo er hinwill. Dorthin!"

Sie zeigte mit ihrem blutverschmierten Schwert nach oben, auf den Grat, hinter dem der Abstieg zu Calracts Höhle begann, dem Kraftplatz des Mondes, Lunaloc, wo der Zauberer seine Kreaturen erschaffen hatte. Alessandra fügte hinzu: "Es gibt einen Weg dort hinauf. Ich glaube sogar, daß es der Weg ist, auf dem wir vorhin, vor dem Überfall geritten sind. Kommt, Graf."

Sie kehrten um und ritten dann so schnell die Pferde konnten, den Weg weiter. Er führte tatsächlich hinauf und war trotz des Schnees recht gut passierbar. Dennoch brauchten die beiden Menschen bis zum Mittag, ehe sie den Kraterrand erreichten. "Dort", rief von Allheim. "Die Spuren. Da muß er heruntergeklettert sein."

"Die Spuren werden uns direkt in die Höhle führen."

"Aber was", gab der Graf zu bedenken, "wenn sie eine Falle aufgestellt haben? Gewarnt sind sie ja."

"Das glaube ich nicht. Diese Dämonen gehen immer sehr direkt vor. Mit Hinterhalten haben die es nicht so."

Der Graf hoffte, daß die Goldene Königin Recht hatte. Aber immerhin hatte sie einen langen Krieg gegen die Lunaloc-Armee geführt und mußte ihren Feind daher genau kennen. Willard war beruhigt.

Der Abstieg in den Krater nahm zwei weitere Stunden in Anspruch. Hier lag kaum Schnee und es war unnatürlich warm. An manchen Stellen traten heiße Dämpfe oder Schwefelgase aus dem Boden oder den Lavaabhängen hervor. Doch im Gegensatz zu Tschuri hatte Alessandra kein Auge für diese faszinierenden Naturschönheiten, die Schwefelkristalle und Pyritfelder. Ihre Gedanken kreisten um Kampf, Krieg und ihren Verlobten Nuitor.


Das Unendliche Land - Prinzessin Alessandra im Gefecht mit einem Lunaloc-Dämon

"Wir sind da." Von Allheim ersparte es sich hinzuzufügen, daß ihre Pferde nun doch nutzlos sein würden. Sie standen vor dem Eingang zur Lunaloc-Höhle, und der war für die Pferde zu eng. Sie mußten sie draußen lassen. Nichts desto trotz trat Alessandra entschlossen vor, ihr Schwert kämpferisch vor sich haltend. Vorsichtig, Schritt um Schritt, pirschte sie sich vor, von Allheim immer dicht hinter ihr und nach allen Seiten sichernd. Doch es war niemand zu sehen. Langsam drangen sie tiefer in den Gang vor.

"Was wollt ihr hier, Fremde!", dröhnte plötzlich eine unheimliche Stimme aus dem Nichts.

Alessandra und der Graf zuckten heftig zusammen, dann rief die Prinzessin mit klarer, durchdringender Stimme zurück: "Ich bin Alessandra, die Goldene Königin. Calract, euer Herr ist tot. Er hat sich in seinem Wahn selbst vernichtet. Ich verlange von euch, daß ihr mir Nuitor herausgebt!"

"Alessandra. Die Königin unserer Feinde ... Du lügst, Alessandra. Calract ist nicht tot. Und über den Verbleib von Nuitor wissen wir nichts. Er wird unserem Vater weiter dienen."


Die Prinzessin und der Graf durchsuchten das Höhlenlabyrinth von oben bis unten. Stunde um Stunde liefen sie durch die Höhlen, Gänge und Spalten im Fels. Doch sie fanden nichts. Weder die drei verbliebenen Dämonen, noch irgendeine Spur von Nuitor. Auch von Calracts Tätigkeit zeugte nur der steinerne Altar, der Spiegel aus aufrechtstehendem Wasser und einige alte Blutflecke am Boden. Sonst war nichts.

Alessandra war der Verzweiflung nahe. Viele Wochen der Strapazen lagen hinter ihr, und nun sollte alles umsonst gewesen sein. Niemals würde sie aufgeben, aber hier hatten sie und Willard jeden Stein dreimal umgedreht. Auch die verfluchten Dämonen waren verschwunden. Es war alles umsonst gewesen. Alle Hoffnungen waren zerstoben. Calract hatte das Geheimnis von Nuitors Verbleib mit in sein Höllengrab genommen. Traurig ließ sich Alessandra an einer Wand der Lunaloc-Höhle herabsinken. Sie stieß ihr Schwert vor sich in den nachgiebigen Boden, zog dann die Beine heran und legte den Kopf auf die Knie. Sie wollte nicht, daß von Allheim sie weinen sah.

Da trat plötzlich einer der Dämonen hervor. Es war nicht zu erkennen, aus welcher Spalte er geschlüpft sein mochte, doch plötzlich stand er nur ein paar Schritte vor Alessandra.

"Prinzessin", sagte er mit tiefer Stimme, "verzweifele nicht. Calract lebt, und er wird dir deinen Geliebten wiedergeben, denn er ist weise und gütig und läßt niemanden umsonst leiden."

Noch ehe von Allheim herbeispringen konnte, war das Dämon wieder verschwunden.

"Wir kehren nach Hause zurück!" rief Alessandra entschlossen.

Sie ging mit keinem Wort auf das ein, was der Dämon zu ihr gesagt hatte, und auch von Allheim schwieg dazu. Ihm war die Erleichterung, daß es nun endlich zurück in die Heimat ging, deutlich anzusehen.

*

Zehn Uhr. Pünktlich waren die Spiegel ja, das mußte man ihnen lassen. Beltram schlurfte mit seinem seltsamen Gang ein paar Schritte vor mir die Treppe hoch, die die drei Hoheiten mit einem überaus kostbaren roten Teppich hatten belegen lassen. Umständlich klopfte er an die reichverzierte Tür, hinter der die Gemächer der drei Spiegel lagen. Kurz darauf wurde uns von einem scheuen Kammermädchen geöffnet. Beltram bedeutete mir einzutreten. Er selbst drehte sich um. Wohin er verschwand, konnte ich nicht mehr sehen, da das Mädchen die Türe wieder schloß.

"Bitte folgt mir, Herr."

Das Hotel erschien innen größer als außen. Es ging durch eine Art Vorhalle und einen weiteren Korridor schließlich in ein Vorzimmer. Dort ließ die Zofe mich erst mal allein, nachdem sie ein Glöckchen geläutet hatte. Während die eine Tür hinter mir zufiel, wurde eine andere vor mir geöffnet - von Beltram! Wie war er so schnell da hingekommen? Innerlich den Kopf schüttelnd trat ich ein.

Der Raum war überladen mit Teppichen, geschnitzten Möbeln, kostbaren Glasarbeiten, Leuchtern, Schränken und was weiß ich was noch allem. Vorne, unter einem zugehängten Fenster, saßen Serpiente und Madonna de la Flor, wenn ich die Gesichter richtig zugeordnet hatte. Und einen Augenblick später schwebte auch Kokkoro von hinten an mir vorbei und setzte sich rechts neben ihre Schwestern.

Ich drehte mich nach Beltram um, aber der war wieder verschwunden. Ich räusperte mich etwas verlegen und trat näher.

"Womit können wir Ihm helfen?", fragte Kokkoro etwas von oben herab.

"Zunächst, meine Hoheiten, möchte ich Ihnen dafür von ganzem Herzen danken, mir heute Ihre kostbare Zeit zu opfern. Dafür, das verspreche ich Ihnen, werde ich Ihnen etwas ganz Besonderes präsentieren, ein einmaliges Stück, das die Krönung Ihrer Kunstausstellung sein wird!"

Ob die Drei von meiner schwülstigen Rede beeindruckt waren, konnte ich nicht sagen - noch nicht. Mal sehen, wie sie auf die Tiara reagierten. Ich streifte mir Handschuhe über, beugte mich über meinen Koffer, öffnete ihn bedeutungsvoll und ... irritiert blickte ich die drei Frauen an. Eben noch hatte Kokkoro doch ganz rechts gesessen und nun - nun saß sie in der Mitte. Seltsam. Mir wurde irgendwie mulmig. Dennoch ließ ich mir nichts anmerken. Mit einem strahlenden, wenngleich künstlichen Lächeln hob ich die Tiara hervor.

Doch auf den Gesichtern der drei Hoheiten zeigte sich überhaupt keine Reaktion. Weder Überraschung noch Langeweile. Es war, als sei ich gar nicht mehr da.

"Wann die Prinzessin endlich eintrifft?", fragte Madonna. Sie wirkte irgendwie nervös.

"Ja", fügte Kokkoro hinzu, "sie läßt uns zu lange warten."

Madonna erhob sich und schritt auf mich zu. Sie riß mir die Tiara aus der Hand und betrachtete sie lange. Schließlich sagte sie: "Er hat recht, Händler. Es ist ein besonderes Stück. Es trägt die Aura des Unendlichen Landes."

Was das Unendliche Land in Wirklichkeit war, zählte auch heute, nachdem Alessandra es herausgefunden hatte, nicht unbedingt zum Allgemeinwissen. Wie, zum Teufel, konnte diese Frau aus dem fernen Land davon wissen? Noch dazu stimmte es. Die Tiara hatte im Besitz ihrer Trägerin 1300 Jahre dort zugebracht. Und noch etwas ließ mich etwas zusammenzucken: Wenn das Stück für diese Frauen so etwas Besonderes war, dann würden sie es sicher haben wollen. Ich wollte es aber auf keinen Fall weggeben, nicht mal für noch soviel Geld. Aber wer A sagt, muß auch B sagen. Zur Not würde mir sicherlich irgendeine Ausrede einfallen. Ich entschloß mich zur Flucht nach vorn und sagte: "Ihr versteht wirklich viel von Kunst, Hoheit."

Doch Madonna antwortete nicht. Sie ging zu ihren Schwestern zurück, und einen Moment lang erinnerte mich ihr Gang an Beltram. Merkwürdig. Irgend etwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu. Ich sagte: "Da Sie als Kennerinnen den wahren Wert dieses Stückes wahrlich zu schätzen wissen, darf ich es auf der Messe doch sicher auf einen Ehrenplatz anbieten."

Die Drei sahen mich an, als hätte ich zwei Köpfe oder so.

"Anbieten...?"

"Er will es verkaufen?"

"Aber ..."

"Er muß verrückt sein, so ein Stück zu verkaufen", sagte Serpiente schließlich.

"Nun, Hoheiten. Ich bin Händler und ..." Wieder hatten zwei von ihnen die Plätze getauscht, als ich gerade einen kurzen Moment abgelenkt war. "... äh, und ich v ... verkaufe alles, was meine Kunden verlangen!"

"Pah. Geld!"

"Nun gut", bestimmte Madonna. "Er darf dieses Stück ausstellen und verkaufen, wo Er will. Beltram!"

Doch Beltram kam nicht. Serpiente erhob sich mühsam. Sie schien irgendwie erschöpft zu sein. "Beltram! Wo steckt er wieder. Ich werde nachsehen."

Sie verschwand, und kurz darauf kam dann tatsächlich Beltram und führte mich hinaus. Er sagte nicht viel, irgendwie schien er die Teilnahmslosigkeit und gleichzeitige Nervosität seiner Herrinnen zu teilen. Ja! Es war, als säßen sie auf glühenden Kohlen.

Also .... der direkte Weg war oft der beste: "Mein lieber Beltram. Ich habe festgestellt, daß Eure Herrinnen irgendwie bedrückt sind. Fehlt Ihnen irgend etwas? Soll ich einen Arzt rufen lassen?"

"Nein. Es ist alles in Ordnung. Nur ... die Prinzessin. Sie muß bald kommen."

"Warum?"

Doch darauf bekam ich keine Antwort mehr.

Diese irgendwie surreale Begegnung blieb mir noch lange im Gedächtnis. Zunächst schrieb ich alles auf, alle Gespräche, alle Einzelheiten des Treffens und meine Eindrücke. Den Rest des Tages verbrachte ich mit etwas Anderem, dann überschlief ich die Sache. Am nächsten Tag waren meine Gedanken wieder klar - wie ich es erwartet hatte. Und mit der Klarheit kam mir die Erkenntnis, daß Beltram als Aushorch-Objekt völlig ungeeignet war. Auf irgendeine geheimnisvolle Art war er seinen Herrinnen so eng verbunden, als wäre er ein Teil von ihnen. Aus ihm würde ich nie etwas herausbekommen. Aber es gab ja noch genügend andere Bedienstete dort. Mit Geld würde ich den einen oder anderen sicher zum Reden bringen.

Liebevoll streichelte ich über die Tiara, bevor ich sie wieder in meinem Schatzkästlein verschwinden ließ. Es war eine einmalige Kostbarkeit, und ich war stolz darauf.

Hm, ob die drei Spiegel wirklich etwas von Kunst verstanden? Ich hatte mich sorgfältig auf ein Fachgespräch vorbereitet, aber das Treffen war vollkommen anders verlaufen. Nun ja. Also Plan B.


Mansor Kumm, der Eigentümer der "Weißen Krone" war anfangs nicht sehr begeistert von meinem Anliegen. Als ich ihm aber offenbarte, daß ich im direkten Auftrag des Weißen Königs arbeitete, war er bereit, mir alle Informationen zu geben, die ich haben wollte. Vor allem wollte ich wissen, wer in seinem Hotel vor der Ankunft der drei Spiegel gearbeitete hatte und wer jetzt dort noch Dienst tat. Die Antwort war enttäuschend: keiner. Die drei Hoheiten hatten das Personal der "Weißen Krone" komplett nach Hause geschickt und gegen eigene Leute ausgetauscht. Dort einen Ansatzpunkt zu finden, würde natürlich schwierig sein. Eine echte Herausforderung!

Nachdenklich ging ich zurück nach Hause. Es war recht kalt, aber das war für die Jahreszeit natürlich kein Wunder. Meine Blicke schweiften gedankenverloren über das saubere Straßenpflaster, das zum großen Teil aus weißem Marmor bestand. Irgendwie ging es mir durch den Kopf, daß wenn ein großer Fluß durch diese Stadt flösse, die Brücken sicher auch aus Marmor bestehen würden. Unter Brücken fand man dann die Obdachlosen ... aber nicht hier. Das Weiße Königreich war zu sauber, hier gab es keine Eckensteher, Bettler und ... und ...

Der Gedanke elektrisierte mich: Drogensüchtige. Ja, die drei Spiegel verhielten sich exakt wie Süchtige, die man auf Zwangs-Entzug gesetzt hatte. Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto unwahrscheinlicher erschien mir das. Dennoch sie kamen mir immer unheimlicher vor.

Irgendwann fand ich mich dann vor meiner Haustür wieder. Ich sperrte auf und ging hinein in die wohlige Wärme.


Ich brauchte eine Woche, um die schwache Stelle zu finden. Die Kunstmesse rückte näher und näher, und nacheinander trafen die Händler und die Kunstfreunde ein. Eine fast ungesunde, hitzige Begeisterung hatte sich in der Hauptstadt breitgemacht. Vielleicht war es eine Reaktion auf die erst vor kurzem überstandene Mondnacht: die Leute sehnten diese Abwechslung geradezu herbei. Diese große Messe bedeutete schließlich auch, daß die strahlende Weiße Hauptstadt nichts von ihrem Glanz eingebüßt hatte.

Ich spionierte Tag und Nacht den Bediensteten der Spiegel hinterher. Ich bekam einiges heraus, aber nichts, womit ich wirklich etwas hätte anfangen können.

Die drei Hoheiten hatten derweil die "Weiße Krone" für die Messe hergerichtet. Ab und zu ließ ich mich dort ganz offiziell blicken, um den Fortgang der Vorbereitungen mitzuverfolgen. Und natürlich hatte ich auch meinen eigenen Stand. Die drei Spiegel bekam ich nicht zu sehen, und auch Beltram machte sich mehr und mehr rar. Ebenso wie seine Herrinnen schien er nervös und unruhig zu werden. Ich unterhielt mich mit dem Personal, sofern das einigermaßen unauffällig möglich war. Aber die Leute waren sehr zurückhaltend, fast könnte man sagen, scheu. Selbst Bestechung nützte nichts, sie nahmen das Geld nicht an.

Und dann war es soweit. Am letzten Sonntag im März war die große Eröffnung.

Wie ich es fast erwartet hatte, verspäteten sich die drei Hoheiten. Statt um Zehn kamen sie erst kurz vor Elf aus ihren Kammern geschlichen. Anders konnte man das kaum nennen. Ihr Faktotum Beltram war auch nirgends zu sehen.

Die drei traten auf den Balkon des Treppenhauses, nachdem unten die Eingangstüre geöffnet worden und das Publikum hineingeströmt war. Als sie so im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen, strafften sie sich und wurden wieder zu den strahlenden Majestäten, als die sie vor über einem Monat in die Stadt eingezogen waren. Mit wohlgewählten Worten eröffneten sie dann die große Kunst- und Antiquitätenmesse. Dann gingen sie selbst hinunter um, wie ich annahm, die Schätze zu bewundern und vielleicht das eine oder andere Stück zu kaufen.

Ich beschloß, heute nicht weiter herumzuschnüffeln, sondern ebenfalls die Ausstellung zu genießen. Es war in dieser Form die ersten und womöglich letzte meines Lebens und ich war entschlossen, den Tag nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.

Es lohnte sich - sogar in dreifacher Hinsicht. Stundenlang durchstreifte ich die Eingangshalle und die vier Säle, in denen die Stände aufgebaut waren. Bilder Alter Meister aus Alt-Arcadia, kostbarste Schnitzereien, angeblich aus Äräolahn, jenem legendären, geheimnisvollen Land jenseits des Ostens, Juwelen von der Sonneninsel ... oh diese Juwelen. Die vier Ringe, die der damalige Prinz Sofrejan den vier Weißen Prinzessinnen zum Turnier geschenkt hatte, waren längst zur Legende geworden. Der Künstler, der sie angefertigt hatte, hatte offenbar in den seit damals vergangenen Jahren nicht geruht und weitere Schmuckstücke ähnlicher Qualität bereitet. Es waren nicht viele: eine unbeschreiblich schöne Halskette, zwei Ringe, zwei paar Ohrringe und einige Armreife, dazu Haarspangen und ähnliches. Als ich die Preise sah, wurde mir schwindelig, obwohl mir klar war, daß diese Stücke jede Dublone wert waren.

Als ich später wieder an dem Stand vorbeikam, waren die Kette und die Ringe schon weg, und am Abend hatte der Künstler von der Sonneninsel alles verkauft. Qualität war eben immer gefragt. Und ich fragte mich, wer eigentlich so viel Geld hatte.

Was mir noch auffiel, waren einige wunderschöne Glasvasen aus dem Südland jenseits des Octavius-Meeres. Selbst ich hatte nicht gewußt, daß es bei uns so viele davon gab, daß man damit in so einem Umfang Handel treiben konnte. Die Menschen dort unten sollten von tiefschwarzer Hautfarbe sein. Jedenfalls war ihr Glas herrlich bunt und dabei so geschmackvoll, daß ich um ein Haar meine Ersparnisse geplündert hätte, um eine davon zu kaufen. Es wäre wahrscheinlich ein gutes Geschäft geworden, denn noch während der Messe stiegen die Preise für die verbliebenen Vasen um fast die Hälfte. Und am Abend waren auch die fast alle weg.

Immer wieder war ich den drei Spiegeln über den Weg gelaufen, und hatte beobachtet, wie sie die Gäste musterten. Und auch wenn sie sicherlich nicht im normalen Sinn rauschgiftsüchtig waren, ihr Verhalten paßte zu gut dafür, als daß ich es hätte übersehen können.

So langsam verlor ich die Geduld, und in einem unbeobachteten Moment verschwand ich durch eine der Türen, die Besuchern und Außenstehenden eigentlich nicht offenstanden. Natürlich wußte ich, wo hier was war. So groß war die Weiße Krone nun auch wieder nicht, und Mansor Kumm hatte mir die Pläne gezeigt. Hinter dem Gang kam ein Raum, in dem sich die Diener der Spiegel aufhalten durften, wenn sie freihatten.

Vorsichtig öffnete ich die Tür und hörte Wasser plätschern. Die Weiße Krone war so vornehm, daß es sogar im Zimmer der Lakaien fließend Wasser gab. Sowas hatte nicht mal der Palast! Als nächstes sah ich den nackten Rücken einer Frau, und auf ihrer Schulter eine Tätowierung, die eindeutig von der Sonneninsel stammte. Endlich ein Ansatzpunkt!

Das Mädchen, eine der Dienerinnen der Majestäten, hatte meine Anwesenheit noch nicht bemerkt und wusch sich in aller Ruhe weiter. Dann streifte es sein Hemd über, angelte nach den übrigen, kompliziert zu arrangierenden Teilen der Dienstuniform, richtete sich auf und wollte sich im Spiegel zurechtmachen. Stattdessen sah sie mich.

"Dienstagvormittag am Brunnen der Hufschmiede."

Bevor sie sich umdrehen konnte, war ich schon wieder weg. Und ich war sicher, daß sie kommen würde. Dienstags hatten die Diener frei, und die Silberdublone, die ich auf den Boden gelegt hatte - eine von der Sonneninsel übrigens - würde das übrige tun.

Was ich nicht wußte: ich hatte soeben den größten Fehler meines Lebens begangen.

*

Und dann, am Montag, den 31.3.1246, kam völlig unerwartet der Bote, der die baldige Ankunft von Prinzessin Alessandra, der Goldenen Königin annoncierte.

Die ganze Stadt war außer Rand und Band. Die drei Spiegel waren vergessen. Das Volk tobte vor Begeisterung, und auch ich spürte so ein eigenartiges Gefühl in meinem Herzen, wenn ich an Prinzessin Alessandra dachte. Sie war die Verkörperung des Guten und Tapferen, und ihr reines Herz hatte sie schon in ihren jungen Jahren zur Legende werden lassen. Ich ertappte mich dabei, wie ich mir eine Träne der Freude und Rührung aus dem Augenwinkel wischte. Doch dann durchzuckte es mich wie ein Peitschenhieb: Die drei Spiegel! Von ihnen drohte Unheil. Ich wußte nicht, was los war, aber ich fühlte es.

Noch unterwegs zur "Weißen Krone" erfuhr ich durch einen Herold, daß die Prinzessin bereits am nächsten Tag hier eintreffen würde. Der König hatte ihr eine Eskorte entgegengesandt und war auch selbst mitgeritten. Das war mehr als verständlich, das ganze Volk hatte mit ihm unter der Trennung gelitten. Doch mir fehlte er nun. Wenn besondere Maßnahmen getroffen werden mußten, dann war er nicht da, um sie zu befehlen. Hoffentlich würde der Majordomus reichen.

Die "Weiße Krone" lag einsam und verlassen. Normalerweise wurden um diese Zeit die ersten Feuer für die allabendliche Feier entzündet, doch heute nicht. Möglichst unauffällig schlich ich mich zum Hintereingang. Ich mußte die Zofe, die übrigens Nadin hieß, sofort treffen, denn morgen würde es zu spät sein. Verflixt, wer hatte auch damit rechnen können, daß auf einmal alles so schnell gehen und die Zeit so knapp werden würde!

Leider wurde meine Geduld auf eine harte Probe gestellt. Es war schon Nacht, als ich mich entschloß, mich ein bißchen im Haus selbst umzusehen. Es war alles ruhig. Ein paar Freudenumzüge waren vorhin über den Platz gezogen, aber in der "Weißen Krone" selbst war nichts passiert. Das große Haus schien wie ausgestorben.

Die Tür war nicht verriegelt. Ich trat ein. Es war, wie ich wußte, die Küche. Genauer gesagt, eine der insgesamt zwei Küchen dieses Etablissements. Weiter hinten, über den Hof, waren die Vorratskäfige für die frischen Tiere, die dann hier geschlachtet und zubereitet wurden.

In der Küche brannte kein Feuer. Es war praktisch stockfinster. Ich entzündete eine Kerze und orientierte mich. Dann sah ich einen schwachen Schimmer unter einer Türritze, von wo aus es tiefer ins Haus ging. Ich lauschte. Nichts! Doch! Schritte und ... und dann wurde mir die Tür gegen den Kopf geknallt. Benommen taumelte ich rückwärts, während ich einen leisen Schrei hörte.

"Ihr?"

"Nadin?"

"Ja, Herr. Es tut mir so leid. Verzeiht mir."

"Schon gut. Es geht schon wieder." Innerlich verwünschte ich mich. Wie ein Anfänger war ich übertölpelt worden. Daß es ein Verbündeter gewesen war, war reiner Zufall.

Jetzt mußte ich alles auf eine Karte setzen. "Nadin, ich komme im Auftrag des Weißen Königs und ..."

"Herr, ich fürchte, wir haben nicht viel Zeit. Die Hoheiten ... sie laufen wie gefangene Tiger in ihrem Käfig auf und ab. Jeden Moment können Sie wieder nach mir rufen. Ich wollte Euch nur dies sagen: sie sind nicht, was sie zu sein vorgeben. Sie sind keine Hoheiten aus dem Westen. Sie haben uns alle eingestellt, um euch das vorzuspielen. Niemand von uns weiß, wer sie in Wirklichkeit sind und woher sie kommen ..."

Mir war, als wollte das Mädchen noch etwas sagen. "Nadin?" fragte ich vorsichtig.

Es gab ein plumpsendes Geräusch.

Ich hatte schon zu oft einen Menschen tödlich verwundet zu Boden stürzen sehen, um nicht zu wissen, daß Nadin nicht mehr lebte. Dann wurde es vor und hinter mir hell. Ich sprang in Deckung - keine Sekunde zu früh. Beltram, in der einen Hand eine Fackel, in der anderen ein Messer, war gerade dabei, sich auf mich zu stürzen. Vorne sah ich Madonna gerade ihr Messer aus Nadins Brust ziehen. Neben ihr stand Beltram ... einen Moment war ich wie versteinert. Diese Sekunde nützte Beltram, der hinter mir stand, um mir das Messer in den Leib zu rammen. In dem Moment, in dem er es tat und ein Schwall Blut aus meinem Bauch schoß, schienen seine Gesichtszüge zu verschwimmen und denen Kokkoros Platz zu machen. Doch da wurde es dunkel um mich.


Es wunderte mich, daß ich überhaupt wieder erwachte. Durch das Küchenfenster schien die strahlende Frühlingssonne und neben mir lag Nadins toter Körper. Es war der 1. April und ich schwöre, daß ich diesen Tag nie vergessen werde, so lange ich lebe. Von draußen scholl der Jubel des Volkes herüber - die Goldene Königin zog gerade ein. Sie schwebte in höchster Gefahr. Mein Leben zählte nichts, wenn ich sie nur warnen konnte.

Die drei Spiegel ... Spiegel! Sie spiegelten allen eine falsche Identität vor. Welcher Zynismus in diesem Namen allein lag. Immer noch wußte ich nicht, wer sie waren und was sie von der Prinzessin wollten, aber daß sie gefährlich waren, dafür lag der Beweis steif und kalt neben mir. Wahrscheinlich war ich nur mit dem Leben davongekommen, weil sich Beltram im Moment des Zustoßens in Kokkoro verwandelt hatte. Ja, mit ihrem üblen Zauber wollten sie irgendwie die Prinzessin bedrängen.

Mühsam erhob ich mich und wankte vorsichtig zur Tür. Jeder Atemzug schmerzte. Der Jubel draußen wurde lauter. Es war nicht mehr viel Zeit. Ich lief schneller - die zwei Stufen hinunter, dann weiter nach vorn. Mit beiden Händen preßte ich gegen meinen Bauch. Blut lief daraus hervor und hinterließ eine rote Spur auf dem Pflaster. Es war, wie ich es befürchtet hatte: die ganze Straße war voller Menschen. Kaum ein Durchkommen möglich. Und ich mußte mich durch den ganzen Zentralplatz kämpfen bis hinüber zur Hauptstraße, wo der Zug stattfand.

"Laßt mich durch!" brüllte ich heiser. Keiner hörte mich. Alle waren im Freudentaumel. Irgendwann drehte sich einer zu mir um und erstarrte.

"Laßt mich durch. Die Prinzessin ist in höchster Gefahr! Macht Platz. Die Prinzessin..."

Ich taumelte vorwärts. Vor mir öffnete sich eine Gasse. Erschrockene, bleiche Gesichter rechts und links. Der Jubel verstummte. Weiter, nicht auf das Blut achten. Endlich ... die Hauptstraße. Und da kam auch schon das Pferd der Prinzessin, in ihrer Begleitung der König und ein mir unbekannter Ritter.

Schreiend lief ich auf die Goldene Königin zu. Da traten Serpiente, Kokkoro und Beltram hervor.

Und die Welt hielt den Atem an.

Alessandras Pferd scheute. Ich wollte schreien, wollte sie warnen, doch sie stieg ab. Wie in Trance ging sie den dreien entgegen. Ich taumelte weiter vor. Ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen und wollte mich auf die drei stürzen, doch sie schleuderten mich mühelos beiseite. Und dann wurde die Königin in eine grelle Aura aus Licht und Energie gehüllt, während die drei Spiegel sich rasend schnell ineinander und in Beltram verwandelten. Sie waren wirklich nur zu dritt gewesen, die ganze Zeit, und hatten allen vorgespiegelt, sie seien vier.

Und dann ... dann war die Verwandlung abgeschlossen.


15. Kapitel - Der Mann mit den drei Augen

Tags zuvor, in der Stadt Paroda


Der Zug des Weißen Königs war bereits am frühen Nachmittag eingetroffen. Paroda lag nur einen guten halben Tagesritt nördlich der Hauptstadt und war an sich ein ziemlich unbedeutendes Provinznest, aber später am Tag würde auch Alessandra hier eintreffen und wahrscheinlich auch übernachten, bevor sie dann am nächsten Tag endgültig nach Hause zurückkehrte.

Die Kunde ihrer Rückkehr hatte sich wie ein Lauffeuer über das ganze Land verbreitet, und mittlerweile begleitete eine riesige Menschenmenge die Goldene Königin und ihren Eskort-Ritter, den Grafen von Allheim. Die Bauern waren von den Feldern gerannt, sobald sie gehört hatten, daß ihre Prinzessin vorbeizog. Die Kinder hatten die Schulen verlassen, die Arbeiter ihre Mühlen, Schmieden und Gewerbehäuser - kurz: alles Volk wollte nur noch die Prinzessin sehen. Und so war diese bald umgeben von tausenden begeisterter Menschen, die mit ihr nach Süden zogen, Richtung Hauptstadt. Unzählige Male mußte Alessandra ihre Geschichte erzählen, wenn sie irgendwo rastete oder übernachtete. Die eisigen Nächte auf freiem Feld waren auch vorbei, denn jeder, der ein Haus besaß, schätzte sich überglücklich, die Prinzessin bei sich aufnehmen zu dürfen.

Alessandra selbst schwebte wie auf einer Wolke. Die Begeisterung, das jubelnde Glück, das sie unter ihren Untertanen stiftete, wurde an sie zurückgegeben. Nie zuvor in ihrem ereignisreichen, jungen Leben, hatte sie sich so vollkommen glücklich und geborgen gefühlt.


"Seht, Majestät", sagte von Allheim und wies auf das prächtig herausgeputzte Städtchen, das gerade hinter den sanften Hügeln auftauchte. "Paroda. Da es schon dunkel wird, sollten wir hier übernachten, auch wenn ich weiß, wie sehr es Eure Hoheit nach Hause drängt."

Alessandra warf dem Grafen ein strahlendes Lächeln zu. "Ihr habt recht, Graf. Und bitte, nennt mich doch einfach Alessandra." Sie blickte wieder nach vorn. "Wie schön die Leute alles hergerichtet haben." Wenn sie die Luft einsog, glaubte sie bereits den Duft gebratenen Fleisches riechen zu können." Doch dann wurde sie nachdenklich. "Graf von Allheim ..."

Dem Angesprochenen entging nicht, daß seine Königin ihm etwas Wichtiges auseinanderzusetzen hatte. "Ja, Hoheit?"

"Graf - Ihr habt mir treuer gedient als je einer meiner Untertanen zuvor. Tief stehe ich in Eurer Schuld für alles, was Ihr für mich getan habt. Aber nun meine ich, Ihr seid schon viel zu lange von Eurem Gut fort. Meine Reise ist beendet und ihr könnt, ohne Euch Sorgen machen zu müssen, ebenfalls zu den Euren zurückkehren." Sie schweig eine Weile, als wüßte sie nicht so recht, wie sie das folgende in passende Worte kleiden sollte. Schließlich sagte sie: "Für Eure treue, hingebungsvolle Ergebenheit will ich Euch einen Wunsch erfüllen. Ich weiß wohl, wie Euer Land dem meinen zugefügt wurde, und daß es stets der größte Wunsch Eurer Sippe war, wieder ihr eigener Herr zu sein. Daher ..."

"Nein, Hoheit!", unterbrach Willard sie fast grob. "Verzeiht - nein und nochmals nein. Niemals will ich oder einer der Meinen etwas anderes sein als Euer treuer Untertan. Eher würde ich sterben, als Euch so zu verraten. Nicht nach allem, was wir gemeinsam überstanden haben."

Alessandra war zu Tränen gerührt. Sie trieb ihr Pferd - immer noch namenlos - zu von Allheim hinüber, beugte sich dann vor und küßte ihn auf die Stirn.

Der Einzug in Paroda wurde ein Triumph. Für die Bewohner war es eine enorme Last, all die tausende begeisterter Begleiter Alessandras zu versorgen, auch wenn es nur für eine Nacht war, doch nirgends gab es ein Murren oder auch nur ein böses Wort. Die Goldenen Königin verbreitete um sich eine Aura des Friedens und der Harmonie, die niemand zu stören wagte. Und dann sah Alessandra ihren Vater, den alten Weißen König. Nun hielt sie nichts mehr. Mit einem Satz war sie vom Pferd und stürzte sich in die starken Arme ihres Vaters. Lange und schweigend hielten sich die beiden umarmt. Der König streichelte zärtlich die weißen Wangen und die kastanienbraunen Haare seiner Tochter, und diese fühlte sich bei ihrem Vater so beschützt und geborgen wie als kleines Mädchen, als sie noch nicht all die Probleme und Lasten der Welt zu tragen gehabt hatte.

"Vater! Ich kann dir gar nicht sagen, wie glücklich ich bin ..." Schluchzend vergrub sie ihr Gesicht im königlichen Mantel. Auch der Weiße König kämpfte vergeblich gegen die Tränen der Freude und Ergriffenheit.

"Meine geliebte Tochter. Du mußt mir versprechen, daß du nie wieder so lange wegbleibst und dich in so schreckliche Gefahren stürzt."

"Oh Vater!"

"Und nun, meine Tochter, erzähl mir in allen Einzelheiten, was geschehen ist."

"Gern. Doch vorher habe ich noch etwas Wichtiges zu erledigen." Sie drehte sich um und winkte von Allheim herbei.

"Kniet nieder, Graf von Allheim", befahl sie, als er vor ihr stand. Dann zog sie ihr Schwert und senkte es vorsichtig auf Willards rechte Schulter.

"Graf von Allheim. Als treuester meiner Gefährten habt ihr großen Mut und Opferbereitschaft gezeigt. Und auch Euer großes Herz habt Ihr mehr als einmal bewiesen. Graf von Allheim, hiermit ernenne ich Euch zum Herzog. Erhebt Euch nun, Herzog von Allheim."

Tosender Jubel brach los.

Später versammelten sich wieder zahllose Menschen um Alessandra, und diese berichtete zusammen mit dem frischgebackenen Herzog ein weiteres Mal über ihre Abenteuer, während sie geradezu königlich bewirtet wurden.

Es wurde ein langer Abend, doch irgendwann gingen sie alle schlafen, denn Alessandra wollte am anderen Tag nicht zu spät in die Weiße Hauptstadt einziehen.


In Begleitung von mindestens zehntausend Menschen ritt die Prinzessin schließlich durch das Nordtor in ihre strahlende Heimatstadt ein. An ihrer Seite der König und der Herzog, der es sich nicht hatte nehmen lassen, seinen Schützling persönlich Zuhause sicher abzuliefern.

Die mit weißem Marmor gepflasterte Straße war so sauber und blank, daß man davon hätte essen können. An beiden Seiten standen die Menschen Spalier, gekleidet in ihre prächtigsten und teuersten Gewänder, und jubelten der Goldenen Königin zu. Es wurde der schönste Tag seit Menschengedenken - bis plötzlich ein blutüberströmter Mann aus einer Seitenstraße hervortaumelte und der Prinzessin eine verzweifelte Warnung zuschrie.

Alessandra verstand nicht, was da vor sich ging. Zu groß war ihr Glück gewesen, es hatte ihre wachen Instinkte einen Moment lang eingeschläfert. Und dann traten drei Wesen aus der Menschenmenge hervor ... für Alessandra hatten sie keine Gesichter, keine festen Formen. Es waren nur Schatten, schwarze Ausschnitte, aus denen das Grauen hervorspähte. Die Schatten begannen zu flirren, Gesichter huschten über sie hinweg, und als Alessandra eines davon erkannte, da war ihr, als gäbe der Boden unter ihren Füßen nach.

Taumelnd stürzte sie vom Pferd, mit der rechten Hand den Schwertknauf umfaßt. Eben noch das reine Glück, die Freude, endlich an der Seite geliebter Menschen in die Heimatstadt einzuziehen, jubelnd gefeiert als Retterin des Landes vor dem Bösen. Und nun stand das Böse wieder leibhaftig vor ihr: es war kein anderer als der Zauberer Calract.

Alessandra konnte lange den Blick nicht von dem Mann wenden, der so viel Grauen über ihre Welt gebracht hatte. Doch dann rappelte sie sich vom Boden hoch und warf den beiden anderen einen Blick zu. Als sie Tschuri erkannte, stöhnte sie gequält auf. Tschuri in der Hand dieses Monsters - Alessandra wußte, daß Tschuri sich für sie geopfert hatte. Sie hatte geglaubt, Calract hätte sie längst getötet, doch sie lebte noch, als seine Sklavin. Was mußte sie für Qualen durchgemacht haben ...

Die andere Frau hatte eine Eisenhand. Alessandra kannte sie nicht, aber sie war sicher, daß auch sie ein schreckliches Schicksal hinter sich hatte.

"C ... Cal ... ahhh." Ein starker Stromstoß durchzuckte Alessandra. Calract hatte sich ihr nun ganz zugewandt und blickte sie wie hypnotisierend an. Alessandra wollte ihr Schwert ziehen, doch da ... sie schrie auf vor Entsetzen - da öffnete sich auf Calracts Stirn ein drittes Auge und blickte sie durchdringend an.

Wenn Alessandra geglaubt hatte, dieser Alptraum sei nicht mehr steigerungsfähig, dann erlebte sie einen Moment später die nächste Stufe des Grauens. Denn ... Calract hatte hellblaue Augen. Das Auge in seiner Stirn hingegen war schwarz. Alessandra erkannte es: Es war Isinis rechtes Auge. Hier war es also geblieben. Sie begann zu schreien. Sie schrie wie ein zu Tode gequältes Tier, und sie konnte nicht mehr aufhören.

Die Prinzessin hörte sich wie in Trance schreien und hoffte, endlich in Ohnmacht zu fallen, damit der Wahnsinn, dieser Alptraum des Grauens ein Ende habe, doch genau das ließ Calract nicht zu. Aus seinem Stirnauge fiel ein gleißendes Licht auf Alessandra und hüllte sie ein. Sie schrie vor Qualen und Scherzen erneut auf, glaubte, ihr Innerstes würde nach außen gedreht. Und dann löste sich ein grell leuchtendes Fünkchen aus ihrer Brust und schwebte auf Calract zu. In diesem Augenblick hörten die furchtbaren Schmerzen auf, waren wie weggewischt.

Calract schloß seine Finger um den leuchtenden Funken und hob dann den Kopf. Seine Lippen zeigten dieses wölfische Lächeln, daß Alessandra so zu hassen gelernt hatte. Ihre Hand verkrampfte sich um ihr Schwert. Sie war kurz davor, den Verstand zu verlieren.

Calract dreht sich zu den beiden Frauen um, die mit ihm erschienen waren und sagte in aller Seelenruhe: "Bevor wir zum Schwarzen Schloß gehen, habe ich noch eine Kleinigkeit zu erledigen."

Er öffnete seine Faust und ließ den leuchtenden Funken emporsteigen. Aus seinem dritten Auge strahlte ein unheimliches Licht, und darin erschien eine Gestalt. Zuerst war sie völlig durchsichtig, dann aber wurde sie immer fester. Schließlich konnte man erkennen, daß hier ein Ritter dabei war, das Nichts zu verlassen. Und dann erlosch das gleißende Licht und gab den Blick auf den Mann frei. Es war Nuitor.

Der arcadische König drehte sich Calract zu. Dieser sagte: "Mein lieber Kommandeur. Du hast mir treu gedient, aber nun habe ich keine Verwendung mehr für dich. Ich entlasse dich hiermit aus deiner Verpflichtung, Du bist frei und kannst nun die Frau heiraten, die du liebst."

Doch dazu sollte es nicht kommen.

Alessandra stieß einen gellenden Schrei aus und stürzte sich mit gezogenem Schwert auf Calract.

"Alessandra, nein! Was ..."

Wie eine Besessene hieb sie auf das erste beste Ziel ein. Calract war vorgesprungen, um den völlig überraschten Nuitor vor Alessandras blindem Angriff zu schützen. Die Prinzessin hieb seinen rechten Arm ab und dieser flog in hohem Bogen davon. Dann bohrte sich das Schwert tief in Nuitors Brust.

Mit einem Ausdruck maßlosen Erstaunens sank Nuitor tödlich getroffen zu Boden. Ein letztes Mal traf sein Blick die Augen Alessandras und diese Augen ließen sie wieder zu sich kommen.

Mit einem Schrei des Entsetzens warf sie das Schwert weg und stürzte sich auf Nuitor, hielt ihn fest und versuchte, seine Wunde zuzuhalten, doch sie konnte den Schwall Blut, der bei jedem Herzschlag aus seiner Brust schoß, nicht stoppen.

"Nuitor ... du darfst nicht sterben!" schluchzte sie.

Calract war inzwischen in aller Gemütlichkeit zu seinem Arm gegangen und hatte ihn wieder festgemacht. Für einen Zauberer seines Kalibers war das eine Kleinigkeit. Normalerweise hätte ein Menschenschwert ihn nicht mal zu verletzen vermocht, aber er hatte ja Nuitor schützen wollen. Nun trat er ebenfalls zu Nuitor hin. Energisch schob er Alessandra beiseite und untersuchte den Sterbenden.

"Man sagt, auf dir laste die Prophezeiung, daß es dir nie vergönnt sein würde zu heiraten. Wer hätte gedacht, daß du selbst es sein würdest, der diesen Fluch vollstreckt." Er lachte spöttisch, dann wandte er sich an Tschuri und Hotaru: "Ich beide geht zum Schwarzen Schloß. Ich komme, wie es aussieht, erst etwas später."

In einem Atemzug verwandelte er sich in einen riesigen Drachen. Mit seinen Klauen packte er Nuitor, dann schwang er sich in die Luft und schoß mit atemberaubender Geschwindigkeit nach Norden davon.

Das wird knapp.

Doch er schaffte es. Noch bevor der letzte Lebensfunke in Nuitor erlosch, hatte er Lunaloc erreicht.


In Alessandra war alles abgestorben. Mechanisch hob sie ihr Schwert auf und steckte es in die Scheide. Ihre glasigen Blicke irrten unstet umher. Es sah aus, als habe sie den Verstand verloren.

"Tötet diese beiden da!", sagte sie mit tonloser Stimme, auf Tschuri und Hotaru zeigend.

Die riesige Menge, die dem ganzen Vorgang - er hatte nicht mal eine Minute gedauert - wie erstarrt zugesehen hatte, kam nun in Bewegung. Blanke Mordlust war in die Gesichter der Menschen geschrieben. Doch damit kamen sie bei Hotaru an die Falsche. Während Tschuri sich entsetzt umsah und eine Fluchtmöglichkeit suchte, veränderte sich Hotaru auf erschreckende Weise. Eisen wuchs ihren Arm hinauf, durchzog dann ihren ganzen Körper, und schließlich bestand sie vollständig aus dem kalten Metall. Die Pfeile und Schwerter prallen an ihr völlig wirkungslos ab, und dann hob sie ihre rechte Hand, und der Weltuntergang begann.

Ein dünner Strahl reiner roter Energie fuhr in den Himmel und färbte ihn im Nu tiefrot. Für einen Moment war es, als sei die Mondnacht zurückgekommen, denn hinter dem dunklen Rot verschwand die Sonne von einem Moment zum nächsten. Wie Tinte über einem Papier breitete sich ein roter Fleck über den Himmel aus. Der Strahl aus Hotarus Hand wurde mächtiger, und dann begann aus dem Himmel Feuer und Vernichtung auf die Weiße Hauptstadt herabzuregnen.

Grellrote Blitze fuhren wie Ströme glühender Lava auf die Straßen und Häuser hinunter, und wo sie auftrafen, da blieb nichts übrig. Reihenweise wurden die Menschen, die eben noch auf die beiden Frauen eingedrungen waren, zu Asche. Einen Moment später stand die halbe Straße in hellen Flammen, so groß war die Hitze. Die Häuser in der Nähe wurden regelrecht pulverisiert und wo die rotglühenden Strahlen und Tropfen das Pflaster trafen, da schmolz der Alabaster und warf kochende Blasen.

Tschuri hatte sich über Alessandra geworfen, um sie zu schützen. Als Hotaru sich endlich der anderen Richtung zuwandte, sprang sie auf und rannte zu ihr. Verzweifelt rüttelte sie an der völlig in ihrer Vernichtungsaktion gefangenen Hotaru, um sie in die Wirklichkeit zurückzubringen. Als es ihr endlich gelang, lag das halbe Stadtviertel in Schutt und Asche. Mit entrücktem Gesichtsausdruck betrachtete Hotaru ihr Werk, während sich ihn Körper langsam in Fleisch und Blut zurückverwandelte.

"War ich das?", fragte sie mit leiser Stimme. Doch Tschuri hatte es nicht mehr gehört. Sie war zu Alessandra hinübergelaufen, die wie tot auf dem Pflaster lag. Wie durch ein Wunder war sie der Hölle entkommen. Jetzt schlug sie die Augen auf und das erste, was sie sah, war Tschuris besorgtes Gesicht.

Sie zuckte zusammen. Ihre Lippen formten lautlose Worte und ihr Blick irrte unstet hin und her.

"Oh, mein Gott, Alessandra. Komm doch wieder zu dir."

Daß die Prinzessin eben noch befohlen hatte, sie und Hotaru zu töten, hatte das herzensgute Mädchen schon wieder vergessen.

"Tschuri ..." Alessandra fuhr hoch und sah sich um. Nein, es war kein Traum. Die rauchenden Trümmer waren harte Realität.

"Tschuri, geh weg."

Das Mädchen war sprachlos. "Aber ..."

"Alles, was dieses Monster Calract berührt hat, ist für ewig unrein. Sieh doch, was ihr über uns gebracht habt. Geh, bitte, und komm nie wieder."

Tschuris Augen füllten sich mit Tränen, aber sie nickte.

Hotaru nickte nicht. "So nicht, du Flittchen", sagte sie mit kalter, haßerfüllter Stimme. "Was glaubst du, wer du bist? Das ist dein Werk! Wir haben dir nichts getan, und du wolltest uns zum Dank ermorden lassen. Und jetzt, wo ich mich nur gewehrt habe, wirfst du mir das auch noch vor! Ich will dir mal was sagen, du Miststück. Kreaturen wie du haben mein Leben zerstört, meine Familie bei lebendigem Leib verbrannt, mir jeden einzelnen Tag meines Lebens zur Hölle gemacht, mir alles genommen, und sich dabei auch noch in Selbstgerechtigkeit gesuhlt. Aber jetzt bin ich stark. Wenn du etwas gegen Calract hast, dann kämpfe gegen ihn, aber laß Unbeteiligte dabei in Ruhe." Ihre Stimme hatte sich immer mehr gesteigert, bis sie zuletzt fast geschrien hatte.

Und sie war noch nicht fertig: "Wenn ich etwas auf der Welt mehr hasse als alles andere, dann sind es selbstgerechte Heuchler. Die, die sich selbst für gut halten. Denn dann sind alle, die anders sind, automatisch die Bösen. Fast sollte ich dich bedauern, du armselige Königin. Du bist so blind. Tschuri hat mir viel von die erzählt. Sie hat ihr Leben für dich hingegeben und wie dankst du es ihr." Sie atmete keuchend und ihr Körper begann sich wieder in Eisen zu verwandeln.

"Nein. Hotaru!", schrie Tschuri und rüttelte sie Eiserne an den Schultern. "Bitte. Du mußt ihr verzeihen. Ihr Haß auf unseren Vater macht sie blind. Sie kann doch nichts dafür. Hotaru. Tu's nicht, bitte!"

Die Eiserne entspannte sich wieder. "Vater ... Calract ist nicht mein Vater. Ich bin keine Lunaloc-Dämonin, vergiß das nicht!"

"Ja, Hotaru", sagte Tschuri gehorsam. "Laß uns jetzt gehen."

"Ich bin noch nicht fertig mit der da!"

"Hotaru!"

"Also gut. Aber ich warne dich, Alessandra. Paß auf, daß sich unsere Wege nie mehr kreuzen." Sie spuckte auf den Boden und wandte sich dann brüsk ab. Unbehelligt und in vollkommener Stille verließen die beiden Frauen Hand in Hand die Weiße Hauptstadt durch das Nordtor. Nur das Knistern einiger Brände war noch zu vernehmen.


Später, im Weißen Palast


"Soweit wir das bisher sagen können, sind etwa 20 Menschen getötet worden. Die Zahl der Brandverletzten liegt leider bedeutend höher. Ich fürchte, viele davon werden sterben. Unsere Ärzte sind mit dieser Katastrophe überfordert. Ein Wunder, daß es nicht viel mehr Tote gegeben hat, angesichts des Ausmaßes der Zerstörung." Adalbert blickte vielsagend in die Runde.

Ihm gegenüber saßen der Weiße König, Alessandra, General von Walldorff, Herzog von Allheim und einige hohe Reichsbeamte. Und Gerald Markow, dessen Brust ein dicker Verband zierte. Alessandra hatte es nicht vergessen, daß er unter Einsatz seines Lebens versucht hatte, sie zu warnen.

Alessandras Augen wirkten glasig. Ihre Gedanken waren weit weg.

Ist das mein Fluch? Darf ich niemals glücklich werden?

Als Calracts Diener Tetys damals Nuitor vom Traualtar weg entführt hatte, da war die Prinzessin zusammengebrochen. Das geschah heute nicht. Irgendwie schaffte sie es, die schrecklichen Vorkommnisse aus einer gewissen Distanz zu betrachten. Selbst, daß sie für den Tod ihres Geliebten verantwortlich war, stellte sie distanziert, sachlich und nüchtern fest.

Werde ich nun auch ein Monster? Hat Calract mich auch berührt und mir mein Herz genommen? Oder ist das Grauen so groß, daß meine fehlende Verzweiflung ein Schutz für meine Seele ist?

Schweigend erhob sie sich und verließ den Raum. Was hier besprochen wurde, interessierte sie nicht mehr.

Kann ich die Königin dieses Landes werden? Können die Menschen noch ihr Schicksal in meine Hände legen, wenn mich nichts mehr berührt? Wenn ich gegen Tod, Leid und Vernichtung unempfindlich werde? Calract, was hast du mir angetan. Warum ... was habe ich nur verbrochen?

Kaum bemerkte sie, daß sie die Stadt verließ und den Weg in die Steinlandschaft einschlug, in der Gad'ta sie so vieles gelehrt hatte.

Soll ich fortgehen, alles hinter mir lassen, ein neues Leben anfangen? Doch ER würde mich wiederfinden. Nein, ich muß mich ihm stellen, ein letztes Mal. Wahrscheinlich finde ich dabei den Tod, aber zumindest wäre es das Ende meiner Qualen, so oder so.

Tschuri ... bist du wirklich ein Lunaloc-Dämon? Und macht es dir gar nichts aus, dem Bösen zu dienen?

Sie seufzte. Und dann faßte sie den Entschluß, Calract noch einmal gegenüberzutreten. Wo er zu finden war, wußte sie ja jetzt. Und wenn es schon ihr Leben kosten sollte, dann wollte sie wenigstens wissend sterben. Sie wollte wissen, wie Calract es gemacht hatte.

*

Der Drache landete sanft im Krater des Engelsberges und verwandelte sich in Calract zurück. Er lud sich Nuitor auf die Schultern und eilte im Laufschritt auf den Spalt zu, der zu seiner Höhle - Lunaloc - führte. Schon bevor er dort ankam, aktivierte er den Energiefluß des Mondes. Der Altar begann sich zu erwärmen und die Luft der Höhle nahm jene eigenartige Konsistenz an, daß man glaubte, im Innern eines Aquariums zu schweben.

Vorsichtig bettete Calract den schon abkühlenden Körper seines Kommandeurs auf dem Altar. Er spürte, wie der Stein zu leben begann und die Energie des Mondes in Nuitors Körper speiste. Und dann begann Calract, den Arcadier wieder zusammenzubauen. Stundelang arbeitete er an dem zerstörten Brustkorb Nuitors, doch mit dem Ergebnis war er nicht zufrieden. Er wollte Nuitor äußerlich unversehrt wiederherstellen, doch das erwies sich als unmöglich. Calract hatte bisher meist Ungeheuer aller Art geschaffen, bei denen es auf eine Naht oder Narbe mehr oder weniger nicht ankam. Doch hier wollte er gerade das nicht.

"Mists. So wird das nichts", murmelte er. Schwer atmend zog er sich zurück und ließ sich auf seinen steinernen Thron fallen. Er schloß seine drei Augen und dachte nach.

Warum nimmst du nicht den Brustkorb eines anderen? meldete sich Isini.

Geniale Idee.

Erfreut sprang er auf und ließ den Splitter des Mondkristalles, den er aus Alessandra herausgeholt hatte, über seiner Hand erscheinen.

"Mondsplitter - auch wenn du nur ein Schatten deiner selbst bist, so besitzt du doch gewaltige Macht. Zeige mir die törichten Menschen, die jetzt schon wieder hier leben!"

Er war sich darüber im klaren, daß seine vier beziehungsweise jetzt noch drei Dämonen nicht genügten, karolingische Siedler von diesem fruchtbaren Stück Erde fernzuhalten. Und die Behörden Karls dachten offenbar auch nicht daran, sein Eigentum zu respektieren. Doch er tolerierte das stillschweigend, denn die Menschen waren ihm von Zeit zu Zeit auf besondere Art und Weise nützlich ...

*

Es hatte geregnet und das Ochsengespann quälte sich durch den schweren, nassen Boden. Doch diese Bedingungen waren für die Saat ideal, und so trieb Baranee seine Tiere weiter. Seit dem Morgengrauen hatte er wie ein Pferd geschuftet, und es würde sich lohnen. Der Boden war fruchtbar, es würde eine reiche Ernte geben. Baranee gab nichts auf die Erzählungen, daß der Engelsberg einem Dämon gehörte, der früher alle Menschen, die hier gelebt hatten, zu sich geholt und aufgefressen hatte. Das waren nur Altweibergeschichten, mit denen man kleine Kinder einschüchtern konnte.

"Hoo! Weiter!"

Doch dann hörte er die Schläge auf die Pfanne, mit der seine Frau weithin verkündete, daß das Mittagessen fertig war. Erst jetzt spürte der Bauer, wie hungrig er war. Auch seine Ochsen hatten das Scheppern gehört und waren prompt stehengeblieben. Baranee spannte sie aus und überließ sie dann sich selbst. Sie suchten sich ihr Futter selber. Derweil sprintete er über den riesigen fruchtbaren Acker, den ihm die Behörden zugeteilt hatten, hinein in sein Haus.

Schön blöd, wer hier nicht siedeln will. In ein paar Jahren werden wir reich sein, dachte der Bauer zufrieden.

Seine Frau und seine vier Kinder saßen schon am Tisch. Schwer ließ er sich in seinen Stuhl fallen, der am Kopfende des Tisches stand. Alle sechs falteten die Hände.

"Lieber Gott. Wir danken dir für unser Essen und alles, was du uns beschert hast. Sei heute unser Gast und teile mit uns unser bescheidenes Mahl."

"Aber gern!", antwortete Calract.

Den sechs Menschen blieb fast das Herz stehen, als sie die leuchtende Erscheinung über ihrem Tisch schweben sahen - einen durchsichtigen, von innen heraus leuchtenden Mann mit drei Augen.

Calract richtete sein drittes Auge auf Baranee und hüllte ihn in eine Aura von reinem Licht. Dieses Licht war so grell und strahlend, daß alle geblendet die Augen schlossen.

"HAAA!"

Ein gleißender Energiestrahl schoß auf Baranee zu und packte ihn mit unwiderstehlicher Gewalt. Der Bauer schrie in Todesangst, doch es war zu spät. Als die anderen ihre Augen wieder öffneten, da war ihr Familienoberhaupt verschwunden.


Der Bauer war ideal. Jung, kräftig, und von Statur und Figur Nuitor sehr ähnlich. Calract holte ihn zu sich und legte ihn neben Nuitors zerstückelten Körper. Baranee schwebte ein Stück über dem Altar und der Zauberer drückte ihn ganz hinunter. Und dann begann er, die beiden Leiber miteinander zu verschmelzen.


Nuitor erhob sich. Verwirrt blickte er sich um. Noch immer war Lunaloc mit diesem wäßrigen, blaugrünen Licht angefüllt, doch langsam versickerte es und machte dem normalen rötlichen Fackelschein Platz. Der arcadische König schüttelte benommen den Kopf. "Wo ..."

"Erinnerst du dich daran, was als letztes passiert ist?"

"Ja, Calract. Du hast mich zu dir geholt und ... Alessandra. Sie hat mich ... warum hat sie mich niedergestreckt? Ist das wirklich geschehen? Und wo bin ich hier?"

"Viele Fragen, mein Sohn, aber ich will sie dir beantworten." Calract saß entspannt in seinem Steinthron und betrachtete erfreut sein Werk. Nuitor war ihm perfekt gelungen.

"Ich weiß nicht warum, aber wenn Alessandra mich nur von weitem sieht, dann sieht sie rot. Komisch - ich habe sie nie angegriffen, mich immer nur verteidigt, aber sie stürmt mit einer Wut gegen mich an, die schon etwas Tragisches an sich hat. Als ich in der Weißen Hauptstadt erschienen bin und dich herbeigeholt habe, da ist es wieder geschehen. Die Königin ist voller blinder Wut auf uns losgegangen und hätte dich um ein Haar endgültig getötet. Nur hier, in Lunaloc, konnte ich deinen zerstörten Körper reparieren. Komm, mein Kind. Geh zu dem Spiegel."

Auch Calract erhob sich und trat an Nuitors Seite. Der Spiegel aus aufrechtstehendem Wasser kräuselte sich ein wenig, dann reflektierte er das Bild Nuitors, Calracts und Baranees.

"Das bist du. Ich habe in dir zwei Körper vereint, den von Nuitor und den des Bauern Baranee. Du kannst jederzeit das Aussehen von einem der beiden annehmen. Nur deine Brust gibt es nur einmal. Alessandra hat Nuitors Brustkorb zu schwer beschädigt, als daß ich ihn ordentlich hätte reparieren können. Hier, versuch's mal."

Erstaunt sah Nuitor Calract an. Dann konzentrierte er sich, und seine Gesichtszüge verwischten sich und machten denen des karolingischen Bauern Platz. Er hatte nun auch die kräftigen, schwieligen Hände dieses Mannes, seine stark behaarten Arme und Beine, seinen kompletten Körper. Nur sein Geist war und blieb der von Nuitor. Baranees Bewußtsein existierte nicht mehr.

Nuitor verwandelte sich zurück. Er wollte etwas sagen, doch Calract kam ihm zuvor: "Was ich gesagt habe, gilt noch immer. Du bist frei und kannst tun und lassen, was dir beliebt. Was du mit deinem geschenkten zweiten und dritten Leben anfängst, das liegt nun allein in deiner Hand. Du bist als Lunaloc-Dämon praktisch unsterblich und kannst dich für längere Zeit allein von der Energie des Mondes ernähren. Du kannst dich auch in Dinge mit einer starken Aura integrieren, in Bäume, Quellen und Felsen, und dort auf bessere Zeiten warten. Und wenn du im Kampf einen deiner beiden Körper verlierst, dann bleibt dir noch der zweite - abgesehen von deiner Brust. Auf die mußt du achtgeben, mein Sohn, denn davon hast du nur eine."

Nachdenklich sah er Nuitor an, dann fuhr er fort: "Ob du unter diesen Umständen in die menschliche Gesellschaft zurückkehren kannst oder willst, weiß ich nicht. Und ich bezweifele auch, daß Alessandra dich noch will. Zu groß ist ihr Haß auf mich. Durch deine zwei Körper kannst du dich perfekt tarnen, aber irgendwann werden deine besonderen Fähigkeiten dich doch verraten. Dennoch würde ich an deiner Stelle wieder den arcadischen Thron einnehmen und die Leute schonend darüber in Kenntnis setzen, daß ihr König nicht ganz menschlich ist. Sie werden es vielleicht akzeptieren. Aber wie gesagt, das liegt allein bei dir. Geh jetzt, Sohn, und alles Gute. Ich werde auf dich aufpassen."

*

Es kam alles ganz anders. Alessandra war in aller Stille nach Norden aufgebrochen, um sich ein letztes Mal Calract zu stellen, doch noch bevor der Tag zu Ende war, hatte sie schon hunderte von Begleitern. Am nächsten Tag kam von Walldorff mit fünfhundert Rittern hinzu, und als der Menschenzug zwei Tage später die Schwarze Grenze erreichte, da waren an die Zehntausend zu allem entschlossene Menschen an der Seite der Goldenen Königin, um - wenn es sein mußte - bis zum Tod an ihrer Seite gegen den Mann zu kämpfen, der ihr und ihnen allen so viel angetan hatte.

Kaum eine Familie hatte nicht einen Toten oder Verwundeten des Lunaloc-Feldzuges zu beklagen, doch der Alptraum, den Calract mit der Mondnacht über das Land gebracht hatte, war noch viel schlimmer gewesen. Viele Menschen waren entschlossen, eher zu sterben, als sich nochmals hilflos einer solchen Gefahr auszuliefern. Alessandras schwache Versuche, die Leute zurückzuschicken, waren völlig wirkungslos verpufft.

Am 6. April überquerten die Weißen die Grenze. Vor ihnen lag Nieder-Wies.

Als die Niederwieser den Zug der Weißen Ritter und Soldaten kommen sahen, da reagierten sie völlig unerwartet. Sie eilten Alessandra jubelnd entgegen und feierten sie als ihre Retterin. Die Prinzessin war davon völlig überrascht. Sie hatte fest geglaubt, hier ihre erste Schlacht schlagen zu müssen. Doch offenbar hatte Calract sein frisch erobertes Reich noch nicht unter Kontrolle.

Doch ganz so einfach sollte es dann doch nicht abgehen. Es war Nachmittag, als die Weißen und die provisorisch bewaffneten Niederwieser sich aufmachten, in Richtung Schwarzes Schloß weiterzuziehen, als ihnen von dort ein Trupp auf etwa zwanzig Lunaloc-Dämonen entgegenkam. Ihr Anführer war ein schreckliches Monstrum, das sich sofort auf die Menschen stürzte. Die anderen Dämonen folgten seinem Beispiel, bis auf einen - Tetys.

Es entstand ein wüstes Getümmel. Zwanzig gegen zehntausend - das hörte sich ziemlich eindeutig an. Tatsache war aber, daß die Soldaten sich in dem unwegigen Gelände permanent selbst im Weg standen. Es kostete fast hundert von ihnen das Leben, bis die Dämonen endlich vernichtet waren.

Alessandra hatte auch Tetys einfangen wollen, doch der hatte sich klein gemacht und war ihr mit Leichtigkeit entkommen. Calract war nun also gewarnt. Doch das war er wahrscheinlich sowieso - bei seinen Fähigkeiten. Alessandra war sich vollkommen darüber im klaren, daß die zehntausend Bewaffneten gegen Calract keine echte Hilfe waren - zu deutlich standen ihr noch die Bilder der Vernichtung im Gedächtnis, die diese schreckliche eiserne Frau namens Hotaru über ihre Vaterstadt gebracht hatte. Gegen Hexen und Zauberer dieses Kalibers hatten noch so viele Ritter keine Chance. Doch sie hatte sie nicht zurückhalten können.

"Alessandra! Heh, Alessandra. Kennst du mich noch?"

Verwundert blickte die Prinzessin von ihrem Pferd hinunter zu dem Eigentümer der hellen Kinderstimme. Das strahlende Gesicht eines Buben blickte ihr entgegen. Sie hatte dieses Kind noch nie in ihrem Leben gesehen, und dennoch kannte sie es.

"Keck?"

"Du hast mich wirklich erkannt! Ich wußte es. Ich wußte es. Du bist die Größte, Alessandra."

"Keck? Wieso bist ..." Sie kam nicht dazu, die Frage zu Ende zu bringen. In Keckes Wortschwall ging sie völlig unter.

"Der neue Zauberer, Calract heißt er, nicht wahr, also Calract ist ein Bruder oder Onkel oder so des Schwarzen Königs und er hat alle verzauberten Wölfe erlöst ist das nicht toll jetzt bin ich wieder ein Mensch!" Er mußte kurz Luft holen, dann ging es weiter mit dem Wortschwall.

Irgendwann kam Alessandra dazu, ihn zu fragen, was er nun tun wolle. Seine Familie mußte seit vielen Jahrzehnten tot sein. Keck wußte das selbst nicht so genau, aber er machte sich kein Sorgen: "Ich gehe in das Weiße Königreich und mache dort mein Glück."

Alessandra fragte sich, ob sie ihn je wiedersehen würde, dieses unbekümmerte Kind, daß über hundert Jahre lang ein Wolf gewesen war.

Und so zogen sie weiter durch das gebirgige Land, und überall strömten Thorans ehemalige Untertanen ihr entgegen und schlossen sich ihrem Zug an. Das gab ihr etwas Hoffnung, doch zugleich war es auch ein schlechtes Zeichen. Calracts Wut würde um so größer sein.

"Hallo, Alessandra!"

Phobos war eben um einen Felsvorsprung geritten. Mitten auf dem schmalen Gebirgspfad stand Oktavia, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah die Goldene Königin mit vorgestrecktem Kinn herausfordernd an.

Alessandra war völlig perplex. Doch noch ehe sie antworten konnte, fuhr die Hexe vom Achten Weg fort: "Erlaube mir bitte, noch einmal an deiner Seite zu kämpfen. Ich bin genauso fest wie du selbst entschlossen, dieses Ungeheuer zu vernichten oder bei dem Versuch zu sterben!"

"Oktavia! Du lebst?"

"Pah. Es braucht schon ein bißchen mehr, um mich umzubringen! Also?"

"Du bist mir selbstverständlich höchst willkommen, Oktavia." Sie wandte sich um und rief ihrem Gefolge zu: "Männer: wir haben nun eine mächtige Zauberin an unserer Seite, Oktavia, die bereits mit mir gegen den Unhold gekämpft hat. Heißt unsere neue Kampfgefährtin willkommen und bringt ihr ein Pferd!"

Mit steigendem Optimismus ritten die Zehntausend in die Schwarze Nacht hinein. Bald schon würde das Schwarze Schloß im Sternenlicht auftauchen.

*

Einen Tag zuvor


Calract materialisierte im Thronsaal des Schwarzen Schlosses. Über das Schicksal Nuitors würde er sich zu gegebener Zeit informieren, doch jetzt hatte er andere Dinge zu erledigen.

"Tetys!"

"Ja, Vater?"

"Tetys. Nimm dir ein paar deiner Brüder und Schwestern und gehe nach Süden. Dort wird bald die Goldene Königin mit einem großen Zug eintreffen. Behalte sie im Auge und berichte mir, was sie tut."

"Sollen wir sie aufhalten, Vater?"

"Wenn ihr das schafft ..."

Nachdem Tetys gegangen war, verließ Calract das Schwarze Schloß. Zusammen mit ein paar Dämonen ging er auf den kleinen Friedhof hinter der Dorfkapelle.

"Holt mir Holz aus dem Wald und errichtet einen großen Scheiterhaufen! Und ihr, ihr grabt hier."

Es stand kein Grabstein an der Stelle, wo der Weiße König Isini begraben hatte. Doch Calract wußte, wo die Stelle war. Eine halbe Stunde später hatten sie Isinis immer noch gefrorene Leiche ausgegraben. Calract und einer der Dämonen legten sie auf den Scheiterhaufen.

Plötzlich meldete sich Isinis Stimme: Warte - mein Ring. Der Löwenring, den ich für Rosalia trage.

Calract beugte sich vor und musterte Isinis wachsbleiche linke Hand, die steif von Scheiterhaufen herabhing. Am Ringfinger trug sie tatsächlich einen dieser legendären Ringe, die der Zauberer bisher nur vom Hörensagen kannte. Er streifte den Löwenring ab. Dabei spürte er die Macht, die Thoran in ihm abgelegt hatte.

Danke, Isini. Ich denke, dieser Ring und die drei anderen werden uns noch von großem Nutzen sein.

Mit einem Zauber entzündete Calract das Holz, das im Nu lichterloh brannte.

Schweigend beobachtete er, wie Isinis Körper in den Flammen verging.

Was denkst du, Isini?

Ich weiß, warum du das tust.

Und warum?

Damit ich immer bei dir bleibe. Aber du brauchst keine Angst zu haben. Was von mir geblieben ist, ist nun ein Teil von dir und wird es immer sein.

Calract fühlte sich gut, rundherum zufrieden. Isini hatte über recht beachtliche Zauberkräfte verfügt, mehr, als sie wahrscheinlich selbst gewußt hatte. Diese hatte er sich einverleibt, zusammen mit einem kleinen Teil der Persönlichkeit der ehemaligen Schwarzen Königin. Sein hastig improvisierter Plan hatte hervorragend funktioniert. Wenn die Sache mit Alessandra ausgestanden war, konnte er sich großen Dingen zuwenden, Dingen, an denen er Jahrhunderte würde arbeiten müssen.

In seinen zwei blauen und dem schwarzen Auge spiegelten sich die verzehrenden Flammen des gelb glühenden Scheiterhaufens. Isinis Körper war nun noch schemenhaft zu erahnen. Von ihr würde nur ein Häuflein Asche übrigbleiben.

Isini, ich bin froh, daß du bei mir bist.

*

Es kam alles ganz anders.

Als der Weg in das kleine Hochplateau mündete, auf dem das Schwarze Schloß sich drohend und furchteinflößend erhob, da kannten Alessandras Männer kein Halten mehr. Brüllend stürmten sie auf die Zwingburg des Unendlichen Landes zu, an ihrer Spitze Oktavia, die grelle Feuerspeere gegen die Mauern schleuderte. Alessandra hatte sich auf heftige Kämpfe mit den Lunaloc-Dämonen vorbereitet, doch es war keiner von ihnen zu sehen. Es gab nicht den geringsten Widerstand.

Wie dumm von mir, dachte die Goldenen Königin bei sich. Wenn etwas mit Calract zu tun hat, dann läuft es garantiert vollkommen anders, als man es erwartet.

Die Ritter drangen in die offene Burg ein und schlugen alles kurz und klein, was ihnen vor die Äxte und Schwerter kam. Besonders fanatisch wüteten die Schwarzen Untertanen. Alessandra nahm es verwundert zu Kenntnis. Sie hätte diesen Menschen, die seit tausend Jahren unter der strengen Herrschaft der Schwarzen Könige standen, einen solchen Ausbruch an Haß und Gewalt nicht zugetraut.

Bevor die Männer die Burg in Brand steckten, suchte Alessandra ein letztes Mal den Thronsaal auf. Ihr Vater hatte ihr über Isinis Beerdigung berichtet, daher konnte sie es tun ohne Angst zu haben, über Isinis Leiche zu stolpern. Ansonsten sah es hier noch genauso aus wie an dem Tag, an dem Calract hier zugeschlagen hatte.

Warum hat er das getan? Was hat er eigentlich gemacht? Und wie hat er es gemacht?

Das Ganze ergab für die Prinzessin immer noch keinen rechten Sinn. Sie hob ein zersplittertes Stückchen Blech auf, das wahrscheinlich mal zu einer Rüstung gehört hatte, und steckte es ein. Das wird alles sein, was in ein paar Stunden von diesem Ort noch existieren wird.

"Hoheit, beeilt euch! Der Südflügel steht bereits in hellen Flammen!"

Alessandra beeilte sich, aus dem Schloß zu kommen.

Hier waren Ornella und Thoran zwei kurze Jahre lang glücklich. Ist es richtig, daß wir ...

Sie kam nicht weiter, denn in diesem Moment erblickte sie IHN.

Calract stand auf der Lichtung, die das Schwarze Schloß umzog, und war in eine leuchtende Aura gehüllt. Mit einer fanatischen Verbissenheit drangen die Ritter, die Schwarzen Untertanen und nicht zu vergessen die Hexe vom Achten Weg auf ihn ein, doch sie konnten nichts gegen ihn ausrichten. Der Zauberer lachte leise. Die Schwerter, Knüppel, Brandpfeile und die Feuerstrahlen der Hexe erreichten ihn gar nicht. Weiter hinten bauten ein paar Dutzend Ritter ein riesiges Katapult auf. Offenbar wollten sie Calract mit einem großen Stein erschlagen. Alessandra wußte, daß das nichts werden würde.

Calract drehte sich zu seinem erbeuteten Schloß um, das nun in hellen Flammen stand.

Weißt du, warum meine Vorfahren es gerade an dieser Stelle erbaut haben? Diese Frage Calracts stand plötzlich in Alessandras Kopf. Thoran hat dieses kleine Geheimnis selbst vor dir gehütet. Calract lachte leise. Es ist nämlich so: von keinem anderen Platz im ganzen Schwarzen Königreich hat man eine bessere Einsicht in das gesamte Umland als von hier aus. Man kann weit, weit in der Ferne sogar die Weiße Hauptstadt sehen. Hast du das gewußt, Alessandra?

Die Prinzessin trat näher an Calract heran. Noch immer drangen die Menschen und die Hexe vom Achten Weg mit ungebrochener Wut auf ihn ein. Calract störte sich nicht daran. Alessandra sah neben ihm die Eiserne stehen. Doch diesmal war sie völlig erstarrt. Ein paar Ritter hatten schon ihre Schwerter an ihr abgebrochen und ignorierten sie nun, da sie offensichtlich nichts gegen sie ausrichten konnten. Ihr ganzer Haß galt allein Calract, und daß sie ihn nicht mal berühren konnten, trieb sie erst recht zu fanatischen Anstrengungen. Hier entlud sich alles, was die gequälten Menschen in sich aufgestaut hatten.

Ein seltsames Geräusch ließ die Goldene Königin nach oben blicken. Zuerst dachte sie, ein Vogelschwarm würde das brennende Schloß umkreisen, doch dann sah sie genauer hin: es waren Bücher! Bücher, die durch einen Zauber Calracts zu fliegen begonnen hatten und nun vor dem Feuer flohen. Und genau wie Vögel setzten sich die fliegenden Bücher schließlich in den Ästen der nahen Bäume nieder und warteten dort, was weiter passieren würde.

Alessandra bemerkte kaum, wie die Stunden verstrichen. Stück um Stück war das Schwarze Schloß eingestürzt und jetzt nur noch eine dunkelrot glühende, rauchende Ruine. Da fand der erste Strahl der aufgehenden Frühlingssonne seinen Weg über die schneebedeckten, himmelhohen Berge im Osten und traf Alessandras Gesicht. Sie wurde sich schlagartig bewußt, daß das Vernichtungswerk die ganze Nacht gedauert hatte. Noch immer drangen ein paar Ritter auf den Zauberer ein, und auch Oktavia erhob sich wieder. Sie schien vor Energie geradezu zu vibrieren. Die Luft um sie herum flimmerte. Die Ritter wichen nervös ein paar Schritte zurück.

Jetzt reicht's aber.

Alessandra hörte Calracts Stimme ganz deutlich in ihrem Kopf. Offenbar machte der jetzt ernst.

Oktavia schwebte langsam zu Calract hinüber. Über dessen Hand schwebte plötzlich der strahlende Funke, den er aus Alessandra gestohlen hatte. In Oktavias Augen erschein ein Ausdruck nackten Entsetzens, den Alessandra nicht so schnell vergessen würde. Und dann ging alles blitzschnell.

"HAAAA!"

Die Prinzessin warf sich instinktiv in Deckung - keine Sekunde zu früh, denn in einem donnernden Flammeninferno explodierte die Hexe vom Achten Weg. Alle Menschen im Umkreis von zehn Metern zerfielen sofort zu Asche, und die, die etwas weiter weg standen, erlitten schwerste Verbrennungen. Bäume in der Umgebung standen augenblicklich in hellen Flammen. Die ganze Energie der Hexe war freigesetzt worden und hatte die Umgebung pulverisiert.

Benommen kroch Alessandra aus ihrer Deckung hervor. Eine Flammenwand war über sie hinweggezogen, und jedes Stück Haut, das nicht von ihrer Rüstung bedeckt gewesen war, schmerzte nun höllisch.

"Du wolltest mich sprechen?", drang da Calracts ruhige Stimme an ihr Ohr. Langsam wandte sie sich um. Sie hatte resigniert. Was auch immer sie tat, Calract war einen Schritt weiter. Er war nicht zu fassen, tat undurchschaubare Dinge und siegte am Schluß doch.

Der Zauberer ließ den Funken, den er in seiner rechten Faust gehalten hatte, ein Stück emporsteigen.

"Das ist ein kleines Stückchen des Mondkristalls. Das ganze Theater war notwendig, damit dieses unvorstellbar mächtige Werkzeug nicht IHNEN in die Hände fällt."

Alessandra hörte dem Zauberer schweigend zu. Sie hatte die Augen geschlossen, um nicht in sein dreiäugiges Gesicht blicken zu müssen. Calract fuhr fort: "Ich habe den Stein in dem Moment, in dem IHR Abgesandter ihn sich greifen wollte, gesprengt, und SIE damit hoffentlich erst mal vertrieben. Aber der Mondstein ist nur zerbrochen, nicht zerstört. Nur weiß keiner, nicht einmal ich, wo seine Bruchstücke gelandet sind. Nur diesen einen konnte ich auf die Schnelle in dir verstecken, weil Du als Königin des Unendlichen Landes eine natürliche Affinität dazu hast. Und ich brauchte seine Kraft, um mich und meine beiden Mädchen wieder zurückzuverwandeln. Hätte ich meine wahre Identität behalten, hätten sie nie meine Spur verloren. Aber nun verfüge ich wieder über meine volle Macht, dazu die Zauberkräfte Isinis und dies hier. Dieser Splitter ist ein mächtiges Instrument in der Hand eines Meisters wie mir." Calract lachte triumphierend.

"Was wirst du jetzt tun? Worauf wartest du. Töte uns doch endlich."

"Aber Alessandra. Erinnerst du dich noch an den Lunaloc-Feldzug, als deine Armee meinen Kindern nachrückte? Kurz vor dem Eisschirm habt ihr uns gestellt, aber dann habe ich alle verschwinden lassen. Warum habe ich das wohl getan?"

Alessandra blickte den Dreiäugigen verständnislos an.

"Ich wollte dieses sinnlose Blutvergießen vermeiden. Es hätte tausenden meiner Kinder und allen deinen Soldaten das Leben gekostet. Es hat auch so schon genug Tote gegeben."

Alessandra schüttelte den Kopf. "Du machst dir Sorgen um Menschenleben. Lächerlich!"

"Wie undankbar. Wo ich dir schon so oft das Leben gerettet habe. Stattdessen hast du nichts Besseres zu tun, als deinen Geliebten niederzustrecken. Das war ziemlich unüberlegt, findest du nicht?"

Alessandra schwindelte. Hatte sie sich nicht vorgenommen, nie wieder hierherzukommen? Und dann - hatte sie nicht felsenfest vorgehabt, entweder ihn zu töten oder selbst zu sterben? Tote hatte es wieder einmal gegeben, doch das große Blutbad war ausgeblieben, und es würde auch nicht stattfinden. Calract würde sie gehen lassen, obwohl sie seinen Palast abgebrannt hatten. Alessandra deutete auf die Ruinen.

"Keine Sorge, Prinzessin. Es wurde nichts wichtiges zerstört. Die unersetzliche Bibliothek ist davongeflogen und alles, was sonst wichtig ist, ist unterirdisch. Nur Schogan Liss hat es erwischt. Den hätte ich vielleicht noch ganz gut gebrauchen können, einen Mann mit diesen Talenten! Naja, Friede seiner Asche, er wollte es schließlich selbst so. Und was dieses Schloß angeht: ehrlich gesagt, dieser gräßliche schwarze Eisklotz hat mir sowieso nie gefallen. Und dieses kalte Land auch nicht. Ich denke, ich werde mein Schloß am anderen Eingang bauen, unten am Octavius-Meer, wo es immer schön warm ist und die Sonne scheint. Und dieses undankbare Pack, das sich Thoran als seine Untertanen gehalten hat ..." Auf Calracts Lippen erschien dieses unnachahmliche, spöttische wölfische Lächeln, das in dieser oder ähnlicher Form für die von Caairs so charakteristisch war.

"Kann ich Isinis Leichnam mit mitnehmen? Ich möchte sie gerne beim Weißen Schloß beerdigen."

"So? Das geht leider nicht mehr. Ich habe sie ausgegraben und verbrannt. Das hier", er klimperte mit seinem Stirnauge, "ist alles, was vom Körper deiner Adoptivschwester übrig ist."

Schweigend stand die Weiße Prinzessin auf und ging davon. Sie drehte sich nicht mehr um, wartete nicht, ob ihr jemand folgte. Doch sie wußte, daß sie von jetzt an mit diesem unheimlichen Nachbarn würde leben müssen. Und niemand konnte voraussehen, was dem als nächstes einfallen würde.



Erstellt am 6.1.2002. Letzte Änderung auf dieser Seite: 18.7.2017