Das Unendliche Land - 7. Teil


16. Kapitel - Die Vernichtung der Festung 5

Es war der 18. April des Jahres 1246.

Die Trümmer des Schwarzen Schlosses rauchten noch. Mit einer Lanze scharrte Calract einige zerbröckelte Steine beiseite. Darunter kam dunkelrote Glut zum Vorschein. "Hier ungefähr muß es gewesen sein", murmelte er zu sich selbst. "Aber es ist noch zu heiß zum Hindurchgehen. Besser, ich fliege einfach. Aber eigentlich könnte ich auch mal hinunterreiten und mir das Land aus der Nähe ansehen."

Er drehte sich zu seinen Gefährten um: Hotaru, Tschuri, Tetys und einige anderen Lunaloc-Dämonen, die gerade anwesend waren und mit ersten Aufräumarbeiten begonnen hatten.

"Also: Der hiesige Eingang zum Unendlichen Land ist im Moment durch die Hitze unzugänglich. Erst, wenn die Glut erloschen ist, kann man sich wieder einen Durchgang graben und die Treppe freilegen. Ich werde mich also zu Pferde zum Octavius-Meer begeben. Ihr könnt die Zeit nutzen und eure Energie auftanken, und bei Gelegenheit die rebellischen Eingeborenen hier zur Räson bringen!"

"Was ist mit mir?" fragte Hotaru. Die Eiserne war schließlich kein Mondkind und konnte sich nicht einfach mit Mondenergie aufladen oder im Innern irgendwelcher markanter Naturformationen die Zeit überdauern.

"Ja, richtig. Tja ..."

"Ich hatte dir damals die Bedingung gestellt, daß ich dir meine Seele verkaufe, wenn du mir meine Rache ermöglichst. Was ist nun damit?" rief sie herausfordernd. Doch Calract ging nicht auf den provozierenden Tonfall ein: "Da ich dich im Moment nicht brauche, kannst du tun, was immer dir beliebt", antwortete er gelassen, und setzte hinzu: "Ich finde dich schon, wenn ich dich brauche."

Mit entschlossenem Blick drehte die junge Frau sich um und stapfte davon. Calract ging davon aus, daß sich jetzt ein paar Leute warm anziehen mußten. Er ließ einen seiner Dämonen eins der eingefangenen Pferde herbeibringen. Es liefen genügend von ihnen herrenlos herum, weil die Anzahl der Eindringlinge, die sein Land verlassen hatten, deutlich geringer war die Zahl derer, die zuvor angekommen waren. Die weißen Ritter waren froh gewesen, so schnell wie möglich wieder verschwinden zu können, und hatten sich nicht damit aufgehalten, ihre herrenlosen Pferde wieder einzusammeln. Calract musterte das Tier. Den Wohlstand des Weißen Landes sieht man sogar bei seinen Rössern. Auch der Sattel machte einen recht luxuriösen Eindruck. Der Zauberer saß auf.

*

Calract genoß den Ritt, auch wenn er etliche Tage dauern würde. Normalerweise flog er immer als Drache über dieses schöne Land zwischen dem Schwarzen Reich und dem Octaviusmeer hinweg, jetzt konnte er es mal aus der Nähe inspizieren. Er wählte einen Weg, der sehr weit westlich verlief und das Weiße Königreich und Arcadia umging. Man nannte dieses endlose Gebiet einfach das westliche Ödland, doch Calract erkannte das Potential, das hier schlummerte. Es gab wenig Wasser, aber dem könnte man durch kluge Bewässerung leicht abhelfen. Der Siina war nicht weit, und auch das Schwarze Gebirge, das sehr regen- und schneereich war, konnte angezapft werden.

Ab und zu traf der Zauberer auf alte Spuren menschlicher Existenz, aber ansonsten was das Land völlig leer. Ein spätes Andenken an Tartanos. So hatte es kurz nach seinem Wirken überall in der bekannten Welt ausgesehen.


Das Octaviusmeer strahlte schon aus fast hundert Kilometern dem über das östliche Küstengebirge, die Valender Berge, anreitenden Zauberer mit seinem tiefen Blau entgegen, dem es auch seinen alten Namen Azursee verdankte. Calract genoß den Anblick, doch dann beschloß er, sich etwas zu beeilen und nahm Kurs auf die Landzunge, über deren Mitte die Grenze zwischen den Reichen Laguna und Arcadia verlief, und wo der zweite Zugang zum Unendlichen Land lag - liegen sollte, denn anstelle des öden, menschenleeren Felslandes erstreckte sich dort unten plötzlich eine riesige, düstere Festungsanlage.

Calract erspähte sie schon von weitem. Er zögerte nicht lange und verwandelte sich in seine Drachengestalt. Er überließ das Pferd sich selbst und flog den Rest, etwa einen halben Tagesritt, in wenigen Minuten ab, landete wieder und verwandelte sich in seine menschliche Gestalt zurück. "Das darf nicht wahr sein!" Fassungslos ließ er seine Blicke entlang der hellgrauen Mauern schweifen, an deren Fuß etliche Skelette und halbverweste Leichen herumlagen, darunter auch einige tote Pferde. An manchen der Kadaver zerrten noch die Aasvögel. Überall waren Spuren gewaltiger Arbeiten zu erkennen, die allem Anschein nach immer noch andauerten, zumindest im Innern der Festung.

Was, bei allen Teufeln, ist das?

Calract spürte die Anwesenheit zahlloser Menschen in der Nähe. Und er spürte ihr Leid und ihre Qualen. Offenbar mußten sie unter schlimmen Umständen härteste Sklavenarbeit verrichten. Irgend jemand hatte es in wenigen Wochen fertiggebracht, mitten im Nichts eine riesige Festungsanlage zu errichten. Dafür hatte er zahllose Sklaven verheizt, wie die überall herumliegenden zerschundenen Toten bewiesen. Dennoch war das eine Leistung, die ohne Zauberei schwer vorstellbar war. Calract beschloß, sich hier etwas näher umzusehen.

*

Prinz Ósimo schätzte, daß es mittlerweile Mitte April geworden war, und noch immer befand er sich als geheimer Gefangener auf dem Flaggschiff BQMZs. Die schwarzhäutige Piratin hatte ihn in eine Zelle gesperrt, zu der nur sie persönlich den Schlüssel hatte. Nur durch eine kleine Luke konnte er versorgt werden. Finster brütete der junge König vor sich hin und schwor BQMZ bittere Rache. Da hörte er, wie von der anderen Seite der Schlüssel eingeführt und umgedreht wurde. BQMZ huschte in die enge Zelle und schloß von innen wieder ab.

"In wenigen Stunden erreichen wir die Festung 5. Bis dahin müssen wir einen Plan gegen Kranos Tuurn in der Tasche haben."

"Was ist die Festung 5?"

"Tuurns neue Burg. Warum er sie Nummer Fünf nennt, weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich war das Piratennest, das er zuvor bewohnt hat, halt Nummer vier, was weiß ich. Auf jeden Fall glaube ich, daß unsere Chancen ganz gut stehen. Weißt du, unter meinem Kommando fährt hier die halbe Flotte. In den letzten Wochen haben die Schiffe etliche Male hier festgemacht und Sklaven abgeladen, mit deren Hilfe Tuurn diese Festung gebaut hat. Ich war noch nicht da, aber ich habe gehört, daß es dabei so richtig zur Sache gegangen ist." Ihre grünen Augen blitzen bei diesen Worten auf.

"Hmm?"

"Naja, Tuurn hatte es aus irgendeinem Grund äußerst eilig. Er hat seine ganzen Zauberkräfte einsetzen müssen und außerdem so viele Sklaven angefordert, wie er nur kriegen konnte. Und die hat er dann gnadenlos verheizt. Tag und Nacht, rund um die Uhr hat er sie schuften lassen bis zum Tod. Nur so hat er es in der kurzen Zeit schaffen können. Und jetzt paß auf: diese Leute waren fast alle deine Untertanen. Die Überlebenden würden sicher alles tun, um sich an Tuurn zu rächen, sie brauchen nur einen Anführer und Waffen. Der Anführer wirst du, und für Waffen sorge ich. Was hältst du davon?"

Ósimo versuchte in der Dunkelheit der Zelle, BQMZs Gesicht zu erkennen, doch es zeichnete sich nur als schwarzer Schatten gegen die dunkle Wand an. Entweder war die Piratin völlig verrückt oder es klappte.

"Also gut. Was soll ich tun?"

*

Als Hotaru zu Calract gekommen war, da war sie mehr tot als lebendig gewesen: barfuß, verstümmelt, fast erfroren, nur von ihrem Haß und ihrer Verzweiflung irgendwie vorangetrieben. Jetzt, als sie Calract wieder verließ, fragte sie sich, in welchem Zustand sie sich eigentlich befand, und was aus ihrem Leben geworden war.

Während sie monoton einen Fuß vor den anderen setzte und langsam, aber unaufhaltsam das Land durchquerte, das man das Schwarze Königreich nannte, blickte sie an sich herab. Rein äußerlich war alles bestens. Sie trug eine Art Lederrüstung mit festen Schnürstiefeln, ihre körperlichen Kräfte waren größer als je zuvor ... aber Calract hatte sie verzaubert, und sie wußte noch immer nicht, was eigentlich der Preis dafür war. Bisher hatte der Zauberer nichts von ihr verlangt. Sicher, er hatte mit ihr, Tschuri und sich selbst diesen verrückten Spiegel-Betrug aufgezogen, ohne sie oder Tschuri lange zu fragen. Erst nach ihrer Rückverwandlung war Hotarus Erinnerung zurückgekehrt und sie hatte auf einmal wieder gewußt, daß sie weder eine de la Flor noch Beltram war, sondern Hotaru Katare, die dem Schwarzen König ihre Seele für ihre Rache verkauft hatte.

Langsam ging die Sonne unter. In den Bergen, zwischen denen sich der schmale Pfad nach Norden schlängelte, kamen die Wölfe hervor - die echten, denn die verzauberten waren ja wieder zu Menschen geworden, nachdem die Macht des vorherigen Schwarzen Königs gebrochen war - und begannen ihr melancholisches Heulen. Hotaru trug auf dem Rücken einen Sack mit Essen, aber sie hatte keinen Hunger. Sie würde in dieser Nacht auch nicht schlafen, sondern weitermarschieren, unaufhaltsam, wie eine Maschine. Eine Maschine der Rache und des Todes.

Seltsame Gedanken gingen der Eisernen durch den Kopf, während sie durch die finsteren Schluchten schritt. Sie erinnerte sich noch daran, wie sie früher nach Süden geschaut und in Gedanken den unheimlichen Schwarzen König um Hilfe angefleht hatte.

Erst jetzt wurde ihr richtig klar, daß sie das eigentliche Ziel ihrer Hoffnungen gar nicht erreicht hatte. Sie war stattdessen einem Abenteurer namens Calract in die Arme gelaufen und nicht dem Schwarzen König. Calract und der Regenbogenkrieger ... was hatten sie mit ihr angestellt? Hotaru begann zu frösteln, und das nicht wegen der Kälte der Nacht.

Sie sah nach oben, wo im wolkenlosen Himmel unzählige Sterne glitzerten, rechts und links begrenzt durch die hohen Berge, deren schneebedeckte Gipfel im Sternenlicht geheimnisvoll schimmerten.

"Ich bin das Werkzeug höherer Mächte. Aber das ist mir egal!", sagte sie trotzig zu sich selbst. Vor ihrem inneren Auge tauchte das Gesicht von Pastor Harfer auf. Hotaru atmete schneller und ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Harfer! Der Mann, der den Dorfbewohnern gepredigt hatte, die Katares seien an der grauenvollen Mondnacht schuld. Und dann waren sie mit Fackeln und glühenden Kohlebecken gekommen und hatten die Hütte angezündet. Hotaru war es, als hörte sie immer noch die Todesschreie ihrer Mutter, die verzweifelt versuchte, ihre Kinder aus den Flammen zu retten. Draußen hatten die Leute zugeschaut. Hotaru hatte ihre Augen gesehen, das fanatische Leuchten blanker Mordlust, bei manchen auch nur Teilnahmslosigkeit und Sensationsgier. Wann konnte man schon mal zusehen, wie echte Menschen bei lebendigem Leib verbrannten?

Meine Kinder! Ich flehe euch an, retten doch wenigstens die unschuldigen Kinder!

Das waren die letzten Worte ihrer Mutter, an die Hotaru sich noch erinnerte. Sie war davongelaufen, denn sie wußte, daß sie nur diese eine Chance bekommen würde. Entdeckte sie der Mob, war ihr der Tod gewiß. Sie war wie durch ein Wunder durchgekommen, aber ob auch nur eines ihrer Geschwister überlebt hatte, wußte sie bis heute nicht.

Calract war es gewesen.

Nicht die Katares hatten die Mondnacht geschickt, sondern Calract. Ausgerechnet der, dem sie ihre Seele verkauft hatte. Es war ein einziger Wahnsinn.

Ein heller Lichtstrahl fiel zwischen den Bäumen hindurch auf den Boden. Hotaru zuckte zusammen und sah dann heftig atmend auf. Doch es war nur der fast volle Mond.

Der Mond. Calracts Kraftquelle. Was ist mein Schicksal? Gehöre ich dem Regenbogenkrieger? Oder Calract, der in all diese Machenschaften verstrickt ist und an allem die Schuld trägt - irgendwie? Dabei weiß er noch nicht mal, was der Begriff Schuld überhaupt bedeutet. Sie lachte trocken.

Aber die Dorfbewohner hätten sie früher oder später sowieso getötet. Sie hatten nur einen Anlaß gebraucht. Daß dieser von dem Zauberer gekommen war, war reiner Zufall.

"Ich kriege euch!", brüllte Hotaru mit aller Wut und allem Haß, der sich in ihr so lange aufgestaut hatte. Für einen kurzen Moment verstummte das Heulen der Wölfe, als zögen sie erschrocken die Köpfe ein vor diesem Wesen, das aussah wie ein Mensch, aber vielleicht keiner mehr war.

Hotaru trug praktisch keine Waffen, nur ein kleines Messer, das aber eher als Werkzeug diente. Dennoch gab es in der bekannten Welt niemanden, der ihrer furchtbaren Macht hätte wiederstehen können, vielleicht nicht einmal Calract selbst.

Irgendwann über kam sie eine so große Müdigkeit, daß sie sich einfach am Wegesrand zusammenrollte und sofort einschlief.

Am nächsten Morgen erwachte sie mit der aufgehenden Sonne. Sie fror, doch das war sie gewohnt. Im Folterturm hatte sie monatelang weit schlimmere Qualen ertragen müssen. Hier war sie frei, und das war mehr wert als alles andere. Langsam drehte sie sich um und ließ den Blick über die menschenleere Berglandschaft schweifen. Die Natur war hier hart und gnadenlos, aber auch wunderschön und geheimnisvoll. Die Eiserne schloß für ein paar Sekunden die Augen und ließ die Kraft dieser ungebändigten Natur auf sich wirken.

Ein Stück weiter des Weges stürzte ein Wasserfall von den Bergen. Hotaru entkleidete sich und trat dann an den Felsen hin, auf den das Wasser auftraf und nach allen Seiten wegspritzte. Sie wollte nicht, daß ihre Lederrüstung naß wurde, denn das hätte ihr später, beim Wandern, die ganze Haut aufgescheuert. Mit ihrer linken Hand schöpfte sie Wasser und trank. Dann wusch sie sich, wozu sie ebenfalls nur die linke Hand benutzte. Denn in ihrer eisernen Rechten hatte sie keinerlei Gefühl. Sie konnte sie in glühende Kohle legen, ohne etwas zu merken. Und sie konnte sich damit auch selbst verletzen, wenn sie nicht aufpaßte. Deswegen nahm sie nur ihre Linke her. Oder vielleicht auch deshalb, weil ihr diese Eisenhand, die jetzt ein Teil von ihr war, unheimlich war ...

Nachdem sie sich ausgiebig unter dem herabstürzenden Wasser geduscht und massiert hatte, sprang sie von dem Felsen herunter und rieb sich mit der Hand trocken. Dann zog sie wieder ihr Ledergewand an und holte aus dem Sack etwas zu Essen. Auch das tat sie allein mit der Linken, mit der sie eine beachtliche Geschicklichkeit entwickelt hatte. Dennoch ruhten ihre Blicke, während sie das Brot und die getrockneten Fleischstreifen kaute, unentwegt auf ihrer Eisenhand. Sie bewegte die Finger, und diese gehorchten, als wären es ihre eigenen. Doch diese Hand war eine Waffe, eine der furchtbarsten, die je existiert hatte.

Warum habe ich diese Macht bekommen?

Darauf gab es keine Antwort, und Hotaru bezweifelte, daß sie je eine erhalten würde. Sie steckte die Reste des Essens wieder in den Sack und band ihn mit einem Knoten zu, den sie wiederum allein mit den geschickten Fingern ihrer Linken und ihren Zähnen flocht. Dann warf sie sich den Sack über die Schultern und begann wieder ihren Marsch.

Die Eiserne hatte viel Zeit zum Nachdenken während ihres Weges. Eine Woche oder so würde sie unterwegs sein bis Kitsai. Sie hoffte, daß noch alle da waren. Bei diesem Gedanken zuckte sie zusammen. Die Mondnacht - was, wenn sie sie alle vertrieben hatte?

"Dann werde ich sie suchen. Jeden einzelnen. Und ich werde nicht ruhen, bis ich sie alle gefunden habe!"

Manchmal dachte sie daran umzukehren. Sie hatte die Freiheit, ihren Peinigern zu verzeihen. Vielleicht würde ihr das inneren Frieden geben. Oft schon hatte sie gehört, daß Vergeben und Liebe einen Menschen glücklicher machten als Haß und Mord. Doch sie hatte nie etwas Anderes kennengelernt. Liebe war für sie nur ein leerer Begriff.

Wenn ich nicht mehr hasse, was bleibt dann von mit übrig?

Und so marschierte sie weiter und weiter nach Norden, dann nach Nordwesten, und eines Tages ließ ihr der Zufall ein paar der Menschen über den Weg laufen, die sie suchte.

Bis nach Kitsai waren es sicher noch zwei Tagesmärsche, als Hotaru, die stramm marschierte, weit vor sich eine Gruppe Menschen sah. Langsam kam sie näher und erkannt schließlich Einzelheiten. Offenbar handelte es sich um eine Familie mit zwei kleinen Kindern, die hier, im endlos weiten, ebenen Lande Karls zu Fuß unterwegs waren. Hotaru kam im Laufe des Vormittages bis auf Hörweite an die Familie heran. Eigentlich war es ein Wunder, daß sich keiner der vier Menschen vor ihr einmal umdrehte, denn dann wäre sie sofort entdeckt worden. Nicht, daß es ihr irgend etwas ausgemacht hätte, aber als die Eiserne die Vier vor sich erkannte, da war sie darüber sehr froh. Sie wußte, daß keiner von ihnen den Abend erleben würde.

Sieh mal an, die Familie Maps. So sieht man sich wieder. Und wie die kleinen Bengel gewachsen sind!

Die Maps' waren in Kitsai fast ebenso schlecht angesehen gewesen wie die Katares, und auch fast ebenso arm. Nur, daß der Vater kein Säufer gewesen war, sondern ein fauler Schwächling, ein Pantoffelheld, der unter der Knute seiner häßlichen Frau stand. Frau Maps litt, seit Hotaru sich zurückerinnern konnte, an irgendeiner ziemlich schlimmen Krankheit, die sie ganz, ganz langsam umbrachte, sie in eine verhärmte Hexe verwandelt und die Familie in Armut gestoßen hatte.

Der schwankende, steife Gang der früh gealterten Frau war kilometerweit zu erkennen. Hotaru ärgerte sich ein bißchen, daß sie sie nicht schon früher erkannt hatte. Dann wäre die Vorfreude größer gewesen.

Die Eiserne erinnerte sich noch genau an das fanatische Gesicht, das gerade die alte Maps gezogen hatte, als man Hotarus Haus niederbrannte. Endlich einer, der noch tiefer im Dreck steckte und den es jetzt erwischte. Maps und seine Frau hatten wie die Wahnsinnigen gebrüllt und den Mob angefeuert. Nur selbst hatten sie sich nicht getraut Fackeln zu werfen. Das hatten sie lieber anderen überlassen.


"He! Maps, du altes Dreckschwein!", rief sie schließlich, als sie nahe genug herangekommen war, zur Begrüßung.

Die vier blieben wie vom Donner gerührt stehen und fuhren herum. Hotaru schritt langsam auf sie zu. Die beiden Kinder, ein Junge und ein Mädchen, versteckten sich instinktiv hinter ihren Eltern. Verschüchtert spitzten sie dann hervor um zu sehen, was geschehen würde.

Das wird euch nichts nützen.

"H ... Hotaru. Du?" Der alte Mann bekam große Augen. "So eine, äh, Überraschung. Wir freuen ..."

"Halts Maul!", zischte ihn seine Frau aus ihrem nahezu zahnlosen Mund an. Sie hatte sofort erkannt, daß das kein Höflichkeitsbesuch werden würde.

Ich werde die Alte am Leben lassen. Ohne ihren Mann wird sie elend krepieren, weil sie dann keinen mehr hat, der sich um sie kümmert und ihr die Medizin bezahlt.

Zielstrebig schritt sie auf den zitternden Mann zu. Wie eine Schlange fixierte sie seinen Blick.

Er schwitzt vor Angst. Hotarus Augen verengten sich. Sie wollte Blut sehen. Und dann stand sie genau vor ihm, so dicht, daß sie seinen Atem spüren konnte. Die Augen des alten Mannes waren starr vor Panik, sein Gesicht eine verzerrte Fratze. Er wußte, daß ihm etwas Grauenvolles bevorstand.

Maps kam noch dazu, abwehrend die Hände von sich zu strecken, da bohrte sich Hotarus eiserne Hand mit unwiderstehlicher Gewalt in seinen Brustkorb, durchdrang die splitternden Rippen mit Leichtigkeit, umkrallte sein Herz und riß es heraus.

Es schlug noch in Hotarus eiserner Hand. Blut lief in wahren Sturzbächen ihren Arm herab. Achtlos zerquetschte sie das Herz und warf es zur Seite. Sie sah dem Mann immer noch starr in die Augen, sah, wie sie sich in grenzenloser Überraschung weiteten, dem herausgerissenen Herzen nachsahen und dann langsam brachen.

Bei der Frau wird es genauso sein, nur wird es viel langsamer gehen.

Maps brach lautlos zusammen. Da stürzte sich die Frau mit einer Kraft auf Hotaru, die diese ihr nie zugetraut hätte. Mit aller Kraft umschlang sie die Eiserne. Ihre braunen, brüchigen Fingernägel suchten eine Stelle, an der sie ihr die Haut aufkratzen konnten, doch sie brachen vorher ab und hinterließen blutige Striemen. Die Alte gab ein tierhaftes Röcheln von sich, dann biß sie mit der Kraft der Verzweiflung ihre braunen Zahnstummel in Hotarus Hals, genau da, wo die Hauptschlagader entlangging. Doch ihre Zähne trafen statt Fleisch nur Metall und zersplitterten wie Streichhölzer.

Die Frau quietschte auf und drang wie eine Besessene auf Hotaru ein, doch diese bemerkte es gar nicht. Ihr Körper war zu Eisen geworden, unangreifbar für jeden normalen Menschen.

So plötzlich, wie der Angriff gekommen war, so plötzlich hörte er auch wieder auf. Es war, als hätte man bei einer Marionette die Fäden durchgeschnitten. Frau Maps brach mitten in der Bewegung zusammen und blieb in unnatürlich verrenkter Haltung am Boden liegen. Mit einem klagenden Aufschrei stürzte der kleine Junge an die Brust seiner Mutter und schluchzte aus Leibeskräften.

Sollte dieses Kind diese widerliche Frau tatsächlich lieben? Aber egal, das spielt jetzt keine Rolle mehr.

Hotaru verwandelte sich in Fleisch und Blut zurück. Mit einem einzigen Schlag ihrer Rechten trennte sie dem kleinen Jungen den Kopf von der Schulter. Sie sah ihm nach, wie er durch die Luft segelte und dann irgendwo im Gebüsch zu Boden prallte.

Das kleine Mädchen, das wie erstarrt etwas abseits gestanden hatte, begriff schnell, doch dem roten Feuerstrahl, den die Eisernen abschoß, konnte es nicht entkommen. Von ihm blieb nur ein Häuflein verwehender Asche.

Hotaru beugte sich herab und vergewisserte sich, daß die Frau noch lebte. Sie setzte sich neben sie und sah ihr aufmerksam beim Sterben zu. Als sich das zu lange hinzog, begann die Eiserne damit, der Frau die morschen Knochen zu brechen. Einen nach dem anderen. Jedesmal winselte die Alte ein wenig, ansonsten reagierte sie nicht.

"Hm. Stirb schneller!"

Als Antwort bekam sie nur ein klagendes Röcheln. Frau Maps' Haut verfärbte sich langsam gelblich, dann wurde sie von grünlich-braunen Striemen durchzogen - Anzeichen der Krankheit, die sie in sich trug und die jetzt in voller Stärke ausbrach.

"Ich hoffe, du leidest viel."

Befriedigt sah Hotaru auf die Frau herab, die sich jetzt in Endstadium ihres qualvollen Todeskampfes befand. Ihre rechte Hand ballte sich zu einer Faust und ein Lächeln erschien auf ihren schmalen Lippen. Dann dachte sie an Pastor Harfer und all die anderen. Es war so leicht. Sie konnte sie töten wie Schmeißfliegen. Spielte es da überhaupt noch eine Rolle, ob sie tot waren oder am Leben?

"Nein!" Wütend über sich selbst sprang sie auf. "Das ist nicht egal!", rief sie in die menschenleere Wildnis hinein. "Es ist nicht egal. Sie haben mich mein ganzes Leben lang gequält und nun werden sie dafür bezahlen!"

Sie stellte sich vor, wie sie den Pastor langsam zu Tode folterte, und die Vorfreude erfüllte sie mit glühender Erregung.

Sie erinnerte sich noch an Tuko, den Hund, den sie in eine Falle gelockt und dort hatte verbluten lassen. Das hatte Spaß gemacht. Wie begierig hatte sie ihm zugesehen, wie langsam, Blutstropfen um Blutstropfen, sein Leben aus ihm geflossen war. Genauso würde das Leben aus den Menschen fließen, mit denen sie abzurechnen hatte.

Nachdenklich warf sie einen Blick auf ihre eiserne Rechte.

Ohne sie wäre sie nur ein schwaches, verachtetes, wertloses, gehetztes Menschlein, das sich wie ein Wurm verstecken und um seinen Lebensunterhalt betteln mußte.

Als Hotaru ihre Aufmerksamkeit wieder auf die alte Frau lenkte, merkte sie, daß diese inzwischen tot war.


Langsam senkte sich die Nacht über Hotaru und die Tote, deren Vornamen sie nicht gekannt hatte und nun auch nie mehr erfahren würde. Während Hotaru auf dem Boden schlief, schrumpelte der Leichnam zusammen und glich am nächsten Morgen einer Mumie.

Hotaru stand auf und marschierte weiter.

Aber was, wenn ich sie alle getötet habe? Wozu lebe ich dann noch? Ärgerlich über sich selbst schüttelte sie den Kopf, aber diese Gedanken ließen sie nicht mehr los.


Zwei Tage später kam Kitsai in Sicht. Hotaru war erleichtert, als sie sah, daß das Dorf noch - oder wieder - bewohnt war.

Provozierend schritt die Eiserne mitten durch die Hauptstraße. Die Menschen erkannten sie sofort und drehten sich nach ihr um. Es war, als hielte alles den Atem an. Frauen, Kinder und Alte erschienen an den Fenstern und blickten scheu hinaus, die Männer langten nach ihren Gürteln, wo die rostigen Messer und abgebrochenen Knüppel steckten.

Hotaru passierte die Stelle, wo ihre Hütte gestanden hatte. Vor ihr waren nur noch die Umrisse und ein paar herumliegende Steinbrocken zu erkennen. Der Winter hatte alle übrigen Spuren getilgt.

Langsam schritt die Eiserne weiter, genau auf die kleine Kirche zu. Die Tür war nicht verschlossen, und Hotaru trat ein.

"Harfer! Wo bist du. Ich will dich was fragen!"

Doch der Pfarrer erschien nicht. Stattdessen standen plötzlich vier bewaffnete Männer im Eingangsportal.

"Wenn du sofort verschwindest, dann lassen wir dich am Leben", rief einer von ihnen und klatschte mit seinem Knüppel in die Handfläche.

"Wo habt ihr meine Familie beerdigt?", fragte Hotaru, ohne auf das einzugehen, was der Mann gesagt hatte.

Die vier kamen nun in die Kirche hinein. Die anderen drei hatten lange, rostige, teilweise abgebrochene Messer. Die Waffen armer Leute.

"Wir sind hier in der Kirche. Ich werdet es nicht wagen, mir hier etwas anzutun."

Es war Hotaru natürlich klar, daß das für diese Leute keine Rolle spielte, aber sie wollte sich doch noch mal davon überzeugen, mit was für einem Menschenschlag sie es hier zu tun hatte.

"Da ist sie!" Hotaru zuckte zusammen. Es war SEINE Stimme. Nie würde sie diese Stimme vergessen, die Stimme des Mannes, der das Dorf dazu gebracht hatte, ihr Haus anzuzünden.

"Pastor Harfer. Wo habt ihr meine Familie begraben? Sag es mir!"

"Begraben? Pah! Tollwütige Hunde begräbt man nicht!", höhnte einer der vier Bewaffneten. Dann stürmten er und die drei anderen vor und begannen, auf Hotaru einzuschlagen. Zwischen den Bänken hatte allerdings immer nur einer Platz. Hotaru ließ das Messer einfach auf ihre Eisenhand prallen und riß es dem Mann dann aus der Hand. Er kam nicht dazu, sich darüber zu wundern. Hotaru verpaßte ihm einen Tritt in seine empfindlichsten Teile, dann wirbelte sie das Messer herum, faßte es am Griff und durchbohrte den Mann, aber so, daß er nicht sofort tot war.

Der Kerl brach mit einem gellenden Aufschrei zusammen, und ein Strom dunklen Blutes ergoß sich auf den Kirchenboden. Harfer stürzte sich, mit einem Kerzenhalter bewaffnet, von hinten auf Hotaru, doch die wehrte ihn mit spielerischer Leichtigkeit ab.

Seltsam, ich habe es nie geübt, aber jetzt sind diese Menschen für mich wie Spielzeuge.

Ein fanatisches Funkeln trat in ihre Augen. Dann köpfte sie mit dem Messer einen der Schläger, woraufhin die beiden restlichen fluchtartig die Kirche verließen und draußen einen gewaltigen Aufruhr machten.

Hotaru drehte sich zu Harfer um, der versuchte, möglichst unauffällig ins Freie zu gelangen. Als er die Blicke der Eisernen auf sich ruhen sah, zuckte er heftig zusammen.

"Keine Angst. Dich hebe ich mir für den Schluß auf!"

Mit donnerndem Krachen wurde das Kirchenportal von außen zugeworfen. Hotaru hörte, wie sie draußen die Bauern zusammenrotteten. Sie konzentrierte sich und schaffte es schließlich, einen einzelnen roten Energiestrahl aus ihrer Eisenhand abzufeuern, ohne dabei in ihren Blutrausch zu verfallen und gleich das ganze Dorf zusammenzuschmelzen. Der Strahl äscherte das Holzportal sofort ein und verkohlte alle, die zufällig draußen davor gestanden hatten.

Langsam, Schritt für Schritt, trat Hotaru durch die glühenden Überreste ins Freie. Wie verängstigte Schafe drängten die überlebenden Menschen sich zusammen. Viele von ihnen hatten schlimme Verbrennungen und stöhnten vor Schmerzen.

Damit habt ihr Schweine wohl nicht gerechnet, was?

Hotaru lachte glockenhell auf. Dann begann sie, das Dorf einzuäschern. In tiefem Rot erhob sich ein dünner Energiestrahl in den Himmel, lief wie Tinte in einem Löschblatt auseinander und tropfte von dort wieder nach unten, immer und immer wieder. Ein Haus nach dem anderen explodierte, und keiner der Menschen hatte auch nur die leiseste Chance, dem Inferno zu entkommen.


Als sie fertig war, war es tiefe Nacht. Die Silhouetten der Häuser, der Kirche und des Folterturmes existierten nicht mehr. Kitsai war vom Erdboden verschwunden, und wahrscheinlich hatte kein Mensch es überlebt - mit Ausnahme des Pastors.

Wenn Hotaru zuschlug, dann verlor sie normalerweise völlig die Kontrolle über sich. Es war wie ein Traum, ein Traum vom Weltuntergang, und wenn sie wieder zu sich kam, dann war der Traum Realität geworden. Doch diesmal hatte sie geträumt, den Pastor am Leben zu lassen.

Sie stand außerhalb des Dorfes, als sie wieder in die Wirklichkeit zurückkehrte. Erstaunt sah sie, daß Harfer neben ihr lag. Sie hielt seine Haare mit ihrer rechten Hand fest umkrallt. Der Pastor stöhnte. Hotaru untersuchte ihn flüchtig. Er schien unverletzt, bis auf ein paar Schrammen und kleinere Schnittwunden.

"Gut. Wenn du wieder ganz bei dir bist, dann können wir anfangen." Ihre Augen hatten wieder diesen fanatischen Glanz, den sie jedesmal zeigten, wenn Schlimmes bevorstand. Und was dem Pastor in dieser Nacht bevorstand, dafür war es schwer, Worte zu finden.

Doch es kam anders.

"Laß den Quatsch. Es gibt Wichtigeres zu tun!"

Langsam drehte Hotarus sich herum. Calract stand hinter ihr. Seine drei Augen leuchteten in glühendem Orange. Nie zuvor hatte die Eiserne ihn so gesehen.

Mit tiefer, langsamer Stimme sagte der Zauberer: "Jemand hat sich des zweiten Zuganges zum Unendlichen Land bemächtigt. Wenn die Macht des Unendlichen Landes in falsche Hände fällt, dann können wir einpacken!"

Er streckte ihr die Hand entgegen. "Los!"

Zögernd warf Hotaru einen Blick auf den bewußtlosen Pfarrer neben ihr.

"Soll ich ihn töten oder ihm vergeben?"

Calract beantwortete die Frage auf seine Weise:

"HAAAA!"

Der Körper des Pastors zersplitterte wie Glas.

Hotaru ging langsam auf Calract zu und legte ihre linke Hand in seine Rechte. Der Splitter des Mondkristalles begann zu leuchten, und dann, einen Atemzug später, standen die Eiserne und der Zauberer vor der Festung 5 und blickten der über dem Octaviusmeer untergehenden Sonne nach.

*

Einige Tage zuvor.


BQMZs Flotte war vor der Festung 5 vor Anker gegangen. Piraten und Sklaven waren nun dabei, die umfangreiche Ladung zu löschen. Hoch oben, aus einem der dunklen Türme, sah Kranos Tuurn ihnen dabei zu. BQMZ konnte seine Anwesenheit spüren, obwohl er unsichtbar blieb. Krampfhaft versuchte sie, ihre Unsicherheit zu verdrängen. Sie wußte, daß sie nur eine Chance bekommen würde.

Die Schiffe waren bis an den Rand gefüllt mit Schätzen, Gold und Juwelen. Der Reichtum eines halben Landes war hier versammelt und wurde in die gigantische Festung verbracht. BQMZ fragte sich, wie Tuurn dieses Bauwerk in so kurzer Zeit hatte errichten können. Zauberkraft und Sklaven hin oder her - eigentlich war das völlig unmöglich. Vor einem oder zwei Monaten war hier noch völlig unberührte Wildnis gewesen. Nur mit sehr mächtiger Zauberei konnte es gelungen sein, und dieser Gedanke machte ihr Angst.

Nervös musterte die schwarze Piratin die Kisten, die nun gerade ausgeladen wurden. Sie sahen aus wie alle anderen, aber sie enthielten kein Gold, sondern den Tod: Waffen. Und - den Lagunenkönig. BQMZ schritt hinter den Kisten her die Planke herab. Sie trug nicht, wie sonst, ihr schwarzes Hemd und die weiten, kurzen Hosen, sondern eine Art Zeremonienrüstung, prächtig bunt geschmückt, aber militärisch wertlos. Denn Tuurn hatte das Tragen von Waffen in seiner Festung verboten. Nur er selbst und seine ausgesuchten Wachsoldaten waren bewaffnet. So mußte BQMZ auch auf ihr geliebtes Zackenschwert verzichten - es lag in einer der Truhen und sie hoffte, es bald wieder an sich nehmen zu können. Und statt der Zehendolche, die sie jetzt am liebsten angehabt hätte, trug sie mit Federn verzierte Stiefel, die sich an ihren Füßen furchtbar plump anfühlten. Die Dolche hatte sie allerdings trotz des Verbotes heimlich eingesteckt. Sie waren klein genug, um sie unauffällig einschmuggeln zu können. Dachte sie jedenfalls.

Ein Bote kam zu ihr herübergelaufen: "Herrin. Der Göttliche wünscht euch zu sprechen."

"Wer?"

"Kranos Tuurn, unser gottgleicher Meister."

BQMZ bekam große Augen. Daß es bei Tuurn nicht ganz richtig tickte, hatte sie schon immer vermutet, aber das ...

"Sooooo. Der Göttliche. Äh, ich muß nur noch diese Kisten da ins L ..."

Eine schwere Hand legte sich von hinten auf ihre Schulter. BQMZ zuckte heftig zusammen und fuhr herum. Sie sah in ein Gesicht, daß sie zu hassen gelernt hatte. Kranos Tuurn sah aus wie ein Seeräuber aus dem Märchenbuch. Er hatte weiße, teigige Haut, von der aber unter seinem wild wuchernden schwarzen Rauschebart nur wenig zu sehen war. Seine Augen waren ebenfalls tief schwarz und hatten einen irren Glanz. Tuurn war riesig groß, fast zwei Meter, und dazu ein Schrank von einem Mann. Aber das war es nicht, was ihn so gefährlich machte, sondern das, was man nicht sah: sein Wahn und seine Zauberkräfte.

Das ist es, durchzuckte es BQMZ. Wie in einer Vision sah sie, wie Tuurn hier eine magische Kraftquelle gefunden und dazu benutzt hatte, diese Festung aus dem Boden zu stampfen. Die Vision verflog wieder und BQMZ schüttelte verwirrt den Kopf.

"Kranos. So eine..." Weiter kam sie nicht. Kranos hieb ihr mit aller Kraft seine Faust ins Gesicht. Daß dabei nicht ihre Nase brach und alle Zähne zersplitterten, verdankte BQMZ nur ihren phänomenalen Reflexen.

"Für dich bin ich der Göttliche!", dröhnte Tuurn zu ihr herab. "Und jetzt komm'. Ich habe viele Fragen."

Er drehte sich um, und wenn BQMZ ein Messer in der Hand gehabt hätte, hätte sie es ihm in den breiten Rücken gebohrt, genau da, wo das Herz saß. Aber sie hatten keins. An ihre Dolche dachte sie in diesem Moment nicht. Stattdessen wischte sie sich das Blut von der Nase und folgte ihrem Herrn.

Es ging durch lange Gänge und improvisierte Wege vorbei an halbfertigen Kasernen und Lagerhäusern, an denen immer noch gearbeitet wurde, tief ins Innere der Festung. Sie war wirklich riesig. Und überall lagen Tote und Sterbende herum. Niemand hatte Zeit, sie wegzuräumen.

Tuurn steuerte auf einen wuchtigen Turm zu, der sich drohend über allen anderen Gebäuden erhob. Das Innere war ein Labyrinth aus Gängen, Kammern und Treppen. Irgendwann machte der Anführer der Onoré-Rebellen in einer großen Halle halt und ließ sich in einen Thron fallen, der aus purem Gold zu bestehen schien.

Die Halle war mindestens zwanzig Meter hoch. Auf halber Höhe hingen zwei Käfige. Da es ziemlich düster war, konnte BQMZ nicht genau erkennen, wer oder was sich in den Käfigen befand, aber es sah so aus, als läge in jedem ein Toter. Doch die schwarze Piratin hatte keine Zeit, sich weiter damit zu beschäftigen.

Neben dem Thron standen ein paar der Kisten, die BQMZ hatte abladen lassen. Im Hintergrund schlichen einige Diener herum und entzündeten Fackeln. Einer kurbelte eine große Dachluke auf, durch sich die gleißender Sonnenschein in die Halle ergoß, genau dorthin, wo Tuurn sah. Er wirkte wie in eine Energieaura gehüllt.

Wahrscheinlich hat die Sonne seinen Verstand beschädigt, dachte BQMZ. Sie hatte die Kisten natürlich erkannt und mit ihrem Leben abgeschlossen. Doch es kam erst mal anders. Tuurn sagte: "Ich danke dir für deine gute Arbeit. Bald werde ich der reichste und mächtigste Mann auf der Welt sein." Seine Stimme war ganz ruhig, doch seine funkelnden Augen redeten eine andere Sprache. Tuurn schien BQMZ am Rande des Wahnsinns zu stehen.

"Viel Gold hast du zu mir gebracht. Aber ich frage mich, was in diesen Kisten ist."

Frechheit siegt. Laut sagte BQMZ: "In diesen Kisten befinden sich kostbare Kleider und Stoffe aus Trepka und den Hafenstädten der Nordwestküste.. Sie sind von allerhöchster Qualität und ein Vermögen Wert. Ihr werden zufrieden sein, G ... äh ... Göttlicher."

"So?" Tuurn erhob sich langsam und schritt auf die Kisten zu. Er beugte sich über eine und fummelte an dem Verschluß herum. BQMZs Herz machte einen wilden Sprung, doch dann erhob sich der Zauberer wieder und sagte: "Weißt du, verehrte Freundin. Wenn diese Kleider so kostbar sind, warum ziehst du nicht ein paar davon an und führst sie mir vor?" Doch die Piratin wurde einer Antwort enthoben, denn von draußen drang plötzlich Kampflärm hinein. Gut gemacht, Ósimo. Sie schnellte herum, doch da packte sie Kranos mit eisernem Griff am Arm. BQMZ stöhnte auf. Sie hatte das Gefühl, daß gleich ihre Knochen brechen mußten. Ruckartig drehte Tuurn sie herum. BQMZ schrie auf, als dabei ihr Schultergelenk ausgekugelt wurde.

Mit einem Griff zog Tuurn die beiden Dolche aus ihrem Anzug und hielt sie ihr triumphierend unter die Nase. Dann stieß er sie brutal zu Boden und trat ihr mit solcher Gewalt in den Bauch, daß BQMZ auf der Stelle ohnmächtig wurde.


Als sie wieder zu sich kam, war es um sie herum dunkel. Ihr ganzer Körper schrie vor Schmerzen. Sie war sich nicht ganz im Klaren darüber, was Tuurn mit ihr gemacht hatte, aber sie hatte das Gefühl, er hätte ihr die ganze Haut vom Körper gepeitscht. Stundenlang lag sie in einem halbwachen Zustand und kämpfte gegen die Schmerzen, dann erst kam sie langsam wieder richtig zu sich und konnte anfangen darüber nachzudenken, wo sie sich befand und wie sie gegen Kranos kämpfen konnte. Sie lag offensichtlich auf einer unbequemen Holzpritsche in einer Kerkerzelle. Ihre Arme waren mit kurzen, dicken Tauen eng an die Wand gefesselt, so daß sie sich nicht einmal hinsetzen konnte.

Da ging die Tür auf, und ein Wächter brachte eine Fackel herein. Dann verschwand er wieder. Ein paar Minuten später trat Kranos Tuurn ein. Er lächelte ein mildes Lächeln, dann sagte er mit amüsierter Stimme: "Dein kleiner Plan war völlig idiotisch und eine Beleidigung für mich. Schade, daß du sein Scheitern nicht mehr erleben wirst. Noch habe ich diese armseligen Sklaven geschont, weil es mir Spaß macht, sie einen nach dem anderen in die Hölle zu schicken, hä hä. Und als letzter kommt der kleine Prinz dran." Tuurn brach in dröhnendes Gelächter aus, dann drehte er sich um und stapfte aus der Zelle. Hinter ihm wurde sie sofort wieder verriegelt.

Jetzt, da es dank der Fackel hell war, konnte die schwarze Piratin sich umsehen. Und das erste, was sie sah, waren ihre Dolche. Jemand, wahrscheinlich Tuurn selbst, hatte sie in das Holz der Tür gerammt, wo sie nun, für BQMZ unerreichbar, steckten. Ich muß sie bekommen. Ich muß!

Sie streckte sich, soweit es ging. Ihr Arm war immer noch ausgekugelt und bereitete ihr bei dieser Übung höllische Schmerzen, doch sie ignorierte das. Sie rutschte soweit auf die Tür zu, wie die Fesseln das zuließen und streckte ihre Beine der Tür entgegen. Doch sie schaffte es nicht. Ein paar Zentimeter fehlten.

Tuurn, du Schwein.

Er hatte es absichtlich so gemacht, um sie zu quälen. Wahrscheinlich hatte er den Abstand mit dem Zentimetermaß abgemessen und es so eingerichtet, daß sie es gerade nicht schaffen konnte, wie sehr sie sich auch anstrengte.

Erst mal den Arm wieder einkugeln.

Da ihre Hände gefesselt waren, mußte sie es durch eine geschickte Bewegung der ausgekugelten Schulter selbst machen. BQMZ schloß sie Augen und konzentrierte sich. Sie wußte, daß sie vor Schmerzen das Bewußtsein verlieren würde, egal, ob es klappte oder nicht. Deswegen wollte sie, wenn sie schon durch diese Hölle mußte, wenigstens etwas davon haben.

"Okay, eins zwei drei!"

Sie schrie gellend auf und wurde ohnmächtig.

Doch als sie nach ein paar Minuten wieder erwachte, da war nicht nur ihr Arm wieder soweit in Ordnung, sondern sie wußte auch, wie sie hier herauskam. Sie mußte nur warten und sich konzentrieren. Denn wenn es soweit war, dann hatte sie nur ein oder zwei Sekunden Zeit.

Erst mal diese Stiefel loswerden. Mühelos zog sie erst den einen Fuß und dann den anderen an ihren Mund und zog mit den Zähnen die Verschnürung auf. Es war dann leicht, aus den Stiefeln herauszuschlüpfen. Als sie so die Füße wieder frei hatte, stieg BQMZs Zuversicht deutlich, denn nun war sie bereit zu kämpfen. Auch die Schmerzen der Folter hatten nachgelassen, und so blickte sie der weiteren Entwicklung mit einem zuversichtlichen Lächeln entgegen.


Ósimo hatte von Anfang an nicht vorgehabt, auf BQMZ zu warten. Kaum war die Kiste, in der er steckte, irgendwo abgestellt, da öffnete er den Deckel einen Spalt breit und lugte hinaus. Nichts zu sehen. Er klappte die Kiste ganz auf und erhob sich vorsichtig. Immerhin hatte er ein paar Stunden darin verbracht und mußte sich erst mal etwas lockern.

Meine Leute. Ich muß sie finden.

Vorsichtig schlich er sich aus der offenen Lagerhalle. Doch dann ging alles ganz schnell.

"Da. Wer ist das?"

"Ein Eindringling. Schlagt Alarm!"

Es waren bewaffnete Wächter - vier Stück. Aber ganz in der Nähe schufteten mindestens 20 Sklaven, die aus Laguna verschleppt worden waren.

"Ich bin König Ósimo!", rief er seinen Untertanen zu. "Ich werde euch befreien. Kommt her!" Einen Moment lang herrschte nur verblüfftes Schweigen. Ósimo schleuderte sein Messer gegen einen der vier Wächter, aber es traf diesen nur mit dem Griff. Doch dann sprangen die Lagunenleute wie auf ein Kommando auf und eilten zu ihrem König, den sie doch nur als Schwachsinnigen kannten. Sie waren überrascht, erkannten aber schnell, worauf es jetzt ankam. "Hier sind Waffen!" Als die vier Wächter heranstürmten, sahen sie sich plötzlich einer fünffachen Übermacht aus Bewaffneten gegenüber, die nur einen Wunsch hatten: blutige Rache zu nehmen.

Und so verbreitete sich der Aufstand wie ein Lauffeuer über die Festung 5.

Militärisch betrachtet hatten die Sklaven und ihr Anführer Ósimo keine Chance, doch das wußten sie nicht, deswegen kämpften sie mit der Wut der Verzweiflung. Tuurn spielte nur mit ihnen. Stück um Stück ließ er sie von seinen Soldaten zurücktreiben. Damit sie nicht den Mut verloren, ließ er sie manchmal auch wieder vordringen, aber er behielt immer die Oberhand. Ósimo, militärisch völlig unerfahren, durchschaute das Spiel nicht und griff weiter heftig an. Doch er stand auf völlig verlorenem Posten. Aus Geheimgängen drangen immer wieder die kampferfahrenen Piraten und Soldaten Tuurns hervor und überraschten die Lagunenleute, die ja größtenteils Händler oder Seeleute waren. Dennoch gaben sie nicht auf, denn sie wußten, was ihnen bevorstand, wenn sie Tuurn lebend in die Hände fielen. Keiner, der nicht bis zum Tode kämpfen würde.


BQMZ hörte draußen die Schritte des Wächters und holte tief Luft. Ihr Herz schlug bis zum Hals, denn sie würde wahrscheinlich keine zweite Chance bekommen.

Die Tür des Verlieses schwang auf, und damit kamen die Dolche in Reichweite. BQMZ lag auf der rechten Seite, somit befand sich ihr linkes Bein oben und hatte volle Bewegungsfreiheit. BQMZ streckte ihren Fuß der aufschwingenden Tür entgegen und ließ dann die Kappe des Dolches präzise über ihre zweite Zehe gleiten. Mit der großen Zehe drückte sie den Verschluß zu. Dann ein kräftiger Ruck, und der Dolch war aus dem Holz herausgerissen. Es ging alles blitzschnell. BQMZ stieß zu, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Der Wächter gab nur noch ein ersticktes Röcheln von sich, dann brach er mit durchgeschnittener Kehle zusammen. Noch bevor er unten ankam, war mit einem zweiten Fußtritt auch sein Herz noch durchbohrt. Schlangengleich wand BQMZ nun ihre Fuß hinter sich und zerschnitt die Fesseln ihrer Hände. Dann sprang sie auf, riß den anderen Dolch aus der Tür und zog ihn an. Ein eigentümliches, vertrautes Gefühl von Stärke und Zuversicht durchlief sie.

"Jetzt bist du dran, du Schwein!", rief sie hinaus.

Ein dumpfes Donnern antwortete ihr. Dann begann der Boden so heftig zu beben, daß BQMZ sich an der Wand abstützen mußte.

"Was... ?"

*

Calract drehte sich langsam um seine Achse. Dann blieb sein Blick auf Hotaru haften. "Feuer!"

*

BQMZ rannte lautlos durch die Gänge. Immer wieder dröhnte es und der Boden zitterte. Kleine Steinchen fielen auf die Frau herunter und entsetzt sah sie, daß einige der Wände bereits Risse bekamen.

Was ist nur los? Ein Erdbeben? Oder wendet sich Tuurns Zauber nun gegen ihn selbst?

Die Piratin erreichte eine Tür. Sie brauchte die mitgenommenen Schlüssel nicht, denn die Tür war durch das Beben aus dem Rahmen gesprungen. BQMZ schlüpfte vorsichtig hindurch.

Vor sich sah sie drei von Tuurns Soldaten. Sie machten einen verwirrten Eindruck. Mit einem gellenden Kampfschrei sprang BQMZ auf sie zu und tötete zwei von ihnen, noch bevor sie den Boden wieder berührte. Bedächtig hob sie ein Kurschwert auf und setzte es dem Dritten an die Kehle. Sie war entschlossen, sich auch durch ein Erdbeben nicht von ihrem Plan abbringen zu lassen - im Gegenteil. Die Verwirrung würde ihr nur helfen.

"Du bringst mich jetzt zu Tuurn."

Der Pirat leistete keinen Widerstand. Na bitte.

"Schneller!"

Wieder krachte und dröhnte es.

"Was ist hier los? Rede!"

"Ich weiß es nicht, Herrin. Es scheint, als würden wir angegriffen."

"Angegriffen. Lächerlich. Weiter!"


Flammende, tief rote Energiebögen schlugen aus einem dunkelrot brennenden Himmel in die Festung ein und ließen sie Stück um Stück explodieren. Die meisten Gebäude standen bereits in hellen Flammen, und überall rannten die Menschen in Panik dem Hafen entgegen, wo immer noch ein Großteil der Piratenflotte ankerte. Noch, denn die Piraten, die sich zufällig an Bord aufhielten, machten in größter Eile ihre Schiffe klar, egal, ob noch jemand an Land wartete.

"Die Schiffe nicht, Hotaru!" Calract wußte nicht, ob die Eiserne ihn gehört hatte, denn in diesem Zustand war sie praktisch außer Kontrolle. Wie eine Nadel aus Höllenfeuer stach ein Energiestrahl aus ihrer rechten Faust in den Himmel und regnete von dort als alles zerschmelzendes Feuer wieder herunter.

Ein Schwall Energie verflüssigte die Festungsmauer dicht vor Calract und gab ihm die Sicht in das Innere frei. Dort herrschte die reinste Hölle. Leichen waren keine zu sehen. Wer getötet wurde, von dem blieb allenfalls verwehende Asche. Aber auch die Gebäude waren nur noch Ruinen. Alle außer einem. Calract fixierte es und spürte vage, was dort geschah.

Er schützt mit der Kraft des Unendlichen Landes diesen Turm, unter dem sich der Zugang befindet. Ich muß mich persönlich darum kümmern. Verdammt.

Es war sinnlos, Hotaru jetzt Einhalt zu gebieten. Sie würde erst aufhören, wenn hier kein Stein mehr auf dem anderen stand. Oder wenn sie erschöpft war. Aber das konnte noch Stunden dauern. Die Eiserne verfügte über Kräfte, die jedes menschliche Maß sprengten.

Entschlossen drang Calract in das glühende Ruinenfeld ein. Ihm konnte weder die Hitze noch die Höllenglut etwas anhaben.


"Dort m ... müßte es sein. Der Aufgang zum zentralen T ... Turm". Der Pirat wies auf eine Treppe, die steil nach oben führte. "Seid vorsichtig, Kapitän."

BQMZ war überrascht, daß der Pirat sich Sorgen um sie machte. Sie nahm das Messer von seinem Hals und wandte sich um.

"Kapitän ..."

"Was?"

"Viel Glück."

Sie sah den Mann verwirrt an. Sie hatte geglaubt, daß er Tuurn bedingungslos gehorchte. Doch anscheinend hatte er es sich anders überlegt. Der Pirat drehte sich um und rannte dann davon, dem Ausgang entgegen. Doch kurz bevor er ihn erreicht hatte, schlug ein ganzer Schwall tiefroter Glutstrahlen in den Turm ein, ohne ihn jedoch zu beschädigen. Dennoch drang ein Teil der unglaublichen Hitze durch das längst verglühte Tor ein - nur ein ganz kleiner Teil, aber es reichte, um den Piraten sofort zu töten.

Lange noch hallte sein Todesschrei in BQMZs Ohren nach.


Calract hatte den offenstehenden Eingang des Turmes erreicht. Im Moment war es relativ ruhig, und er spähte hinein, aber es war nichts Verdächtiges zu erkennen. Calract schritt vor, doch dann prallte er gegen ein unsichtbares Hindernis.

Ein Energiewall. Hätte ich mir denken können.

Da mußte er irgendwie durch. Nachdenklich betrachtete er den Splitter des Mondkristalles, den er immer bei sich trug. Seine Kraft hätte ihm den Weg sofort freigemacht, aber Calract zögerte, dieses Instrument so nahe am Unendlichen Land einzusetzen. Es war ein unkalkulierbares Risiko.

Nein, ich muß es so schaffen. HAAAAAA!

Doch der Wall gab nicht nach.

Dieser Irre zapft die Kraft des Unendlichen Landes an. Welch ein Verbrechen. Er weiß gar nicht, was er da tut. HAAAAA!

Wieder und wieder feuerte Calract gegen den Schirm, aber erst, als zufällig eine Salve von Hotarus Energiebögen in den Turm einschlugen, öffnete sich ein winziges Loch. Blitzschnell verwandelte sich Calract in eine Fliege und flitzte hindurch. Knapp nur schaffte er es, denn die Macht des Unendlichen Landes war groß, der Schirm schloß sich fast sofort wieder.

Puh, das war knapp. Calract verwandelte sich wieder zurück und lief dann den Korridor entlang. Er hielt sich nicht mit Fallen und Trennwänden auf, sondern zerstörte jedes Hindernis und rannte auf dem geradesten Weg auf Tuurns Thronsaal zu, der sich im Zentrum dieses riesigen Turmes befand.


BQMZ war am Ziel. Dachte sie jedenfalls.

Tuurns Thron schwebte über einer dampfenden, von innen her gelblich leuchtenden Erdspalte, deren Tiefe sich von BQMZs Standort aus nicht abschätzen ließ. Der Piratin lief ein eisiger Schauder über den Rücken, als sie die unheimliche Ausstrahlung spürte, die aus dem Loch strömte. Verwirrt blickte sie hinüber.

Tuurns Thron rotierte langsam, und nun wandte er ihr das Gesicht zu. Seine Augen waren geschlossen und seine Stirn schweißüberströmt, dennoch konnte BQMZ sich nicht bewegen, bis der Thron sich weitergedreht hatte und sie aus dem Blickfeld Tuurns verschwand. Es war unheimlich.

"Jetzt oder nie!" rief sie und schleuderte das Schwert.

Normalerweise hätte es den Chef der Onoré-Rebellen mit tödlicher Sicherheit aufgespießt. Bei solchen Dingen versagte BQMZ nie. Doch es verschwand einfach in der Luft. BQMZ schluckte.

HAAAA!

Hinter BQMZ brach die Mauer zusammen. Sie zuckte herum und suchte dann mit einem Hechtsprung Deckung vor den herumfliegenden Trümmern. Ein Mann, der ihr noch unheimlicher erschien als Tuurn, schritt in der Pose eines siegreichen Feldherrn über das Geröll in die Thronhalle und blickte sich in aller Ruhe um.

"Wer bist du denn?", fragte der Mann milde überrascht.

BQMZ erschauderte erneut, als sie sah, daß er drei Augen hatte, die unheilverkündend leuchteten. Tapfer antwortete sie: "Gestatten: Berenice Quawul Marna Ziál, üblicherweise BQMZ genannt, und ich will dieses Schwein dort töten." Sie hob einen Fuß, wies mit der Zehenkralle in die Mitte der Halle auf den schwebenden Thron und hoffte, daß das auf diesen unheimlichen Eindringling Eindruck machen würde.

Der antwortete ruhig und wie es schien leicht amüsiert: "Und ich bin der Zauberer Calract. Wie es aussieht, haben wir viel gemeinsam. Ich will Tuurn nämlich auch aus dem Verkehr ziehen. Nur fürchte ich, daß das nicht so einfach wird. Schau her."

HAAAAAA!

Der Energiestrahl traf Tuurn und hüllte ihn in eine grell leuchtende Aura. Doch weiter geschah nichts. Er verpuffte einfach.

"Siehst du? Die Macht des Unendlichen Landes schützt ihn. Sie schützt ihn sogar vor Hotaru, der stärksten Waffe auf der Welt. Wer die Macht des Unendlichen Landes sich nutzbar zu machen versteht, der ist so gut wie unbesiegbar." Falls er es überlebt, muß man dazu sagen.

BQMZ sah den Zauberer mit großen Augen an. "Unendliches Land. Aber ... aber das ist doch tausende Kilometer weit im Norden ... das Schwarze Königreich ..."

"Irrtum. Das wahre Unendliche Land ist etwas ganz Anderes, und genau hier, unter diesem schwebenden Thron, ist einer der Zugänge. Tuurn muß irgendwie davon Wind bekommen haben, daß dieser Eingang existiert. Deshalb hat er genau hier seine Festung gebaut. Ich nehme an, daß er auch die Kräfte des Unendlichen Landes dazu benutzt hat, damit es schneller ging.

"Er weiß es von uns", vernahmen sie plötzlich eine schwache Stimme von oben. Die Blicke flogen zur Decke. Dort hingen immer noch die beiden Käfige. Doch es waren keine Toten darin, sondern vollkommen ausgemergelte, aber lebendige Menschen.

"Wir sind Godro und Meller, die Diener und Begleiter des Grafen Willard von Allheim. Der Graf hat sich auf der Suche nach der Goldenen Königin in das Unendliche Land begeben. Wir wissen nicht, was aus ihm und der Weißen Prinzessin geworden ist, aber kaum waren sie alle weg, da erschien dieser Mann da und ..." Die Stimme brach ab.

Calract zerschoß die Ketten, mit denen die Käfige unter der Decke aufgehängt waren, und ließ diese dann sachte herunterschweben. Tuurn unternahm nichts dagegen, denn genau in diesem Moment nahm Hotaru wieder ihre Bombardierung auf. Und diesmal riß die Kette der Einschläge nicht mehr ab. Wahrscheinlich waren alle anderen möglichen Ziele bereits vernichtet und nur noch der Turm übrig.

Das ständige Dröhnen zehrte an den Nerven.

"Wenn du wirklich Calract, der mächtigste Zauberer der Welt bist", schrie BQMZ durch den Lärm, "dann unternimm doch was."

"Hmm. Es gibt nur eine Möglichkeit. HAAAAAA!"

Calract verwandelte sich in einen Drachen, umhüllte sich dann mit Energie und schoß los. Mit unglaublicher Kraftanstrengung durchbrach er die Energiebarriere, diesmal von innen, was erheblich leichter war, und flog dann mit maximaler Geschwindigkeit nahe dem oberen Rand der Atmosphäre nach Norden. Dennoch brauchte er fast eine Stunde, um die Ruine des Schwarzen Schlosses zu erreichen. Seine Dämonen waren dort an der Arbeit, aber das nahm der Zauberer nur aus den Augenwinkeln wahr. Er machte keine großen Umstände, sondern zerstörte die Hindernisse auf dem Weg nach unten und drang dann so schnell er konnte in das Unendliche Land ein. Doch hier wirkte sein Zauber nicht mehr und er mußte wieder seine menschliche Gestalt annehmen. Calract sah sich kurz um und rannte los.


BQMZ hatte mittlerweile Godro und Meller aus ihren Käfigen befreit. Die beiden waren völlig am Ende. Vor allem Nahrung und Wasser hatten sie nötig. Doch daran war im Moment nicht zu denken. "Ich werde ihn kriegen! Und wenn es das letzte ist, was ich tue."

Wütend und hilflos schleuderte sie einen Stein zu Tuurn hinüber, doch auch dieser erreichte ihn nicht.

"Verdammter Mist!"

"Ohne Zauberkräfte könnt Ihr nichts erreichen, Madame", sagte Godro mit röchelnder Stimme. BQMZ beschloß, für ihn und den anderen Wasser zu suchen, denn das war im Moment das einzig Sinnvolle, was sie tun konnte. Normalerweise machte sie sich um zwei ohnehin halbtote Menschen keine Gedanken, doch im Angesicht dieser Katastrophe war ihr so manches durch den Kopf gegangen, was sie früher anders gesehen hatte.

Ein letztes Mal drehte sie sich um und sah zu Tuurn hinauf, der immer noch mit geschlossenen Augen und schwer atmend auf seinem schwebenden Goldthron saß und sich langsam um sich selbst drehte. Der ununterbrochene Lärm der Bombardierung war ohrenbetäubend, aber BQMZ hatte sich inzwischen daran gewöhnt. Sie zog die Dolche von ihren Füßen, um sich in den Trümmern leichter bewegen zu können. Gegen Tuurn nutzen sie ihr sowieso nichts, das war ihr klar. Mit einem gewaltigen Satz sprang sie über die Reste der Mauer, die Calract aufgebrochen hatte, und begann mit ihrer Suche nach Wasser.

Abgesehen von der Spur der Verwüstung, die Calract hinterlassen hatte, war der riesige Turm völlig intakt. Als BQMZ an ein Fenster gelangte, sah sie, daß es draußen ganz anders aussah. Minutenlang starrte sie ins Freie, reglos, sprachlos vor Staunen. Von der Festung war nichts mehr übrig außer ein paar durchgeglühten Steinhalden und den völlig zerschmolzenen Trümmern der größeren Gebäude. Das Gebiet sah nichts ähnlich, was die Piratin je in ihrem Leben gesehen hatte. Selbst die vielen niedergebrannten Städte - Ergebnis ihrer Kaperfahrten - hatten danach noch irgendwie nach Städten ausgesehen. Das hier nicht mehr. War schon die Festung ein Ort des Grauens und des Todes gewesen, so waren ihre Reste die Verkörperung des Nichts, der völligen Zerstörung. Mit leicht zitternden Knien huschte BQMZ schließlich weiter über den Boden, der unter Hotarus Angriffen ständig schwankte und bebte.

Als sie mit einem mit Wasser gefüllten Tonkrug zurückkam, hatte sich nicht viel geändert. Sachte flößte sie den beiden Männern das Wasser ein. Plötzlich zuckte sie zusammen. Etwas stimmte nicht. Ja, richtig. Es war auf einmal so still. Der Beschuß hatte aufgehört! Und Tuurn hatte aufgehört zu rotieren. Als sich sein irrer Blick mit den Augen BQMZs kreuzte, da wußte die Frau, daß es um Sekunden ging.

"Godro, Meller. Wir müssen hier weg. So schnell es geht!"

Doch es war zu spät. Aus der Mitte des Saales drang ein dröhnendes, unmenschliches Lachen. Dann flogen die Trümmerstücke der Mauer, die Calract zerstört hatte, wieder in die Höhe und die Mauer setzte sich von selbst wieder zusammen. Dieser Fluchtweg war also abgeschnitten. Gehetzt sah BQMZ sich um. Aber sie wußte, daß es aus war. Kranos Tuurn hatte gesiegt, und sein nächstes Ziel war sie. Er erhob sich und schritt durch die Luft wie über eine unsichtbare Rampe zu ihr hinab. Flammen spielten um seine Hände, und dann feuerte er auf BQMZ.


Atemlos hetzte Calract durch das Gold. Gold war über ihm, unter seinen Stiefeln, die riesigen Säulen bestanden daraus, einfach alles hier unten. Doch der Zauberer, der hier keine Macht hatte, nur die, nicht selbst zu einer goldenen Statue zu werden, interessierte sich im Moment nicht für dieses unbegreifliche Wunder. Weiter, immer weiter rannte er, bis er schließlich den nahen Ausgang spürte. Kurz hielt er inne um zu verschnaufen, denn schließlich mußte er ja auch noch kämpfen. Und sein einziger Vorteil war die Überraschung.

Doch es wurde schließlich einfacher, als er gedacht hatte. So schnell er konnte, lief er durch die Alabasterhöhle der Eingeweihten und kletterte einen Spalt hinauf, nur um dann festzustellen, daß Kranos Tuurn nicht mehr da war.

Was für ein blöder Fehler, mein Freund.

Wie immer, fackelte Calract nicht lange. Als er BQMZ schreien hörte, wußte er, was los war. Mit einem gewaltigen Satz schnellte er sich aus dem Spalt und feuerte mit einer gewaltigen Energielohe auf Kranos Tuurn.

"HAAAA!"

Der Chef der Onoré-Rebellen starb so schnell, daß er es wahrscheinlich nicht einmal bemerkte. Nur eine verwehende Glutwolke blieb von ihm zurück und sank langsam zu Boden. Und ein winziger glühender Kristall. Calract landete auf dem Boden. Der Kristallsplitter wurde dunkler und glitt auf Calract zu, der ihn auffing und dann in seinen Körper aufsog. Na also, das erste Stückchen ist wieder da. Calract drehte sich um. Mit einem Zauber machte er den Zugang zum Unendlichen Land unsichtbar, so daß niemand ihn finden und passieren konnte. Dann drehte er sich um, warf dann BQMZ einen kurzen Blick zu und lief dann hinaus. Tuurn war erledigt, jetzt mußte er sich um Hotaru kümmern. Die schwer verletzte Piratin und von Allheims halbtote Diener interessierten ihn nicht weiter.

Die Eiserne lag ungefähr da, wo er sie zuletzt gesehen hatte. Sie war bewußtlos und wirkte irgendwie geschrumpft. Calract maß nach und stellte fest, daß es sich dabei nur um eine Täuschung handelte. Hotaru war genauso groß wie immer. Nur dünner war sie geworden. Die Zerstrahlung der riesigen Festung hatte ihre ganze Kraft gekostet und sie in einen todesähnlichen Schlaf gestoßen.

"Das wird schon wieder, Mädchen", flüsterte Calract, als er sie aufnahm. Sie schien fast nichts zu wiegen. Nachdenklich sah der Zauberer sich um. Weit und breit war kein Mensch ... doch ... da kamen sie.

Einige der Schiffe waren im Hafen geblieben, andere kehrten nun, da alles vorbei war, zurück. Jeder wußte, welche unermeßlichen Schätze Tuurn hier gelagert hatte. Und nun kamen die Piraten wieder, um sie sich zu holen.

Da werdet ihr nicht viel Glück haben, dachte Calract bei sich.

Hotaru hatte schließlich nicht nur die Gebäude zerstört, sondern auch alles, was darin war. Kaum anzunehmen, daß die Piraten die erhofften Schätze noch vorfanden. Es sei denn, sie wären bereit gewesen, das geschmolzene Gold von den ebenfalls geschmolzenen Felsen zu kratzen.

Das merkten auch die Piraten sehr schnell. Und sie reagierten dementsprechend ... denn ein Gebäude stand ja noch. Calract sah einen Trupp Piraten - bemerkenswerterweise Seite an Seite mit ehemaligen Sklaven - in den Turm eindringen. Es war nicht zu befürchten, daß sie in das Unendliche Land eindrangen, daher kümmerte sich der Zauberer nicht weiter um sie und beobachtete nur.

Wenig später kamen ein paar der Leute wieder hinaus. Aber sie hatten keine Kisten dabei, wie Calract vermutet hatte, sondern zerrten BQMZ mit sich. Trotz ihrer schweren Verbrennungen wehrte sich die Piratin, die sogar wieder ihre Dolche trug, mit einer Kraft und Geschicklichkeit, die dem Zauberer Respekt abverlangte. Ganz hinten, in sicherer Deckung vor den wütenden Attacken BQMZs, stand ein Mann, den Calract nach einigem Überlegen als den Prinzen Ósimo identifizierte. Und der ließ nun, da BQMZ kurz davor war sich freizukämpfen, seine Bogenschützen antreten. Die ersten Pfeile verfehlten die Piratin, die ihnen mit unglaublicher Geschwindigkeit auswich und sogar einen aus der Luft fing, doch dann wurden es einfach zu viele. In einem Strom von Blut ging BQMZ schließlich zu Boden. "Ósimo, du Verräter!", röchelte sie. "Ist das der Dank für ..."

"Hackt ihr Hände und Füße ab. Sie ist sonst zu gefährlich. Und dann setzt Segel. Wir fahren nach Laguna. Dort wird sie beim nächsten Sonnenuntergang hingerichtet. An dem Ort, den sie niedergebrannt und geplündert hat, wird sie nun ihr verdientes Schicksal ereilen!"

Also sind die Piraten anscheinend fast alles Lagunen-Leute, die unter ihrem König in ein bürgerliches Leben zurückkehren wollen. Calract war sicher, daß sie ihre Stadt schnell wieder aufbauen würden. Feuer gab es öfters, wichtig waren nur die Menschen. Und außerdem hatten sie jetzt jede Menge Schiffe.

BQMZ wehrte sich verzweifelt, doch es war umsonst. Fünf starke Männer hielten sie schließlich fest und drückten sie auf den Boden.

Calract atmete tief durch. Er bedauerte dieses Ende einer bemerkenswerten Frau. Als sie ihr die Hände und Füße abhackten und BQMZ gellend aufschrie, zuckte er zusammen.

Jetzt reicht's.

"He, Leute!" Entschlossen kam er aus seiner Deckung heraus und trat auf die Piraten und die Lagunenleute zu. "Ihr verschwindet jetzt von hier. Dieses Land gehört mir. Wer es ohne meine Erlaubnis betritt, ist des Todes."

Ohne lange zu zögern verwandelte es sich in einen feuerspeienden Drachen, und das verfehlte seine Wirkung nicht. Selten hatte er Menschen so schnell davonrennen sehen. BQMZ allerdings nahmen sie trotzdem mit. Anscheinend wollte Ósimo unbedingt mit ihr abrechnen.


Petrea! Anitaly und Pattach! Kommt hervor! Ich, Euer Vater, rufe euch!

Fünfzig Jahre lang hatte Calract Lunaloc-Dämonen erschaffen. Vor allem die aus der Anfangszeit waren vom Aussehen her wahre Monster und oft so fehlerhaft gewesen, daß es nur noch wenige davon gab. Die meisten von ihnen waren hilflos umhergeirrt und dann von wütenden Bauern oder Rittern erschlagen worden. Auch Pattach, Petrea und Anitaly waren solche Kreaturen. Sie hatten sich hier, weit weg vom Engelsberg, in Felsen integriert, die Jahrzehnte überdauert.

Als Calract gegen den Schwarzen König gezogen und seine Armee um sich gesammelt hatte, da hatten die drei den Ruf einfach überhört. Eigentlich war das unmöglich, doch Calract wunderte sich inzwischen nicht mehr über Vorkommnisse dieser Art. Außerdem hatte er jetzt eine Verwendung für die Drei.

Und so lösten sich drei unheimlich anzusehende Gestalten aus einem großen Felsen, der ein gutes Stück abseits der Reste der Festung 5 lag.

Mit unsicheren Schritten tappten die Dämonen, denen man kaum ansah, daß es einmal Menschen gewesen waren, auf Calract zu. Als sie vor ihm angekommen waren, sahen sie ihn ehrfürchtig an. Es entspannte sich ein stummer Dialog.

Ich freue mich, daß ihr noch am Leben seid. Ihr habt viel verpaßt. Calract ließ vor dem inneren Auge seiner Kinder die vergangenen Ereignisse vorbeiziehen: Die Sammlung, den Marsch nach Lunaloc, den Kampf gegen die Goldene Königin und ihre Ritterarmee, zuletzt die Mondnacht und Calracts Sieg über seinen Neffen Thoran.

Betreten blickten sich Anitaly und die anderen an. Sie fühlte sich nutzlos und minderwertig. Calract spürte ihre Gefühle und sagte:

"Das spielt jetzt keine Rolle mehr, denn nun brauche ich euch. Direkt unter euren Füßen liegt der zweite bekannte Zugang zum Unendlichen Land. Ich habe ihn gerade erobert. Niemand wird sich je wieder hierher trauen. Ich will dieses Stück Land in eine Oase verwandeln, denn ich bin vom ewigen Kampf müde geworden und möchte mich für einige Zeit ausruhen. Alle Feinde sind besiegt, das Schwarze Königreich ist mein ... und ihr drei werden meine Gärtner sein."

Er erklärte den drei Dämonen, wie diese Landschaft in Zukunft aussehen sollte. "Der Rest dieses gräßlichen Turms wird abgetragen, das felsige Gelände planiert und dort", er wies auf einen tiefen Krater, "dort sollt ihr einen See anlegen, dessen Wasser die Pflanzen, die hier wachsen sollen, bewässert. Und ein Haus will ich, direkt über dem Eingang zum Unendlichen Land."

"Ja, Vater."

Mit staunenden, glücklichen Gesichtern begannen die drei Dämonen, ihre neue Heimat aufzubauen. Und sie waren sehr fleißig.

Schon bevor es Nacht geworden war, hatten sie einige Palmen organisiert und hier neu angepflanzt. Calract hatte den Turm gesprengt, und die Dämonen waren nun dabei, den durch die ungeheure Hitze glasierten Boden aufzuhacken und mit Muttererde zu mischen. Die Arbeit war unglaublich hart, aber solche Kraftakte waren für diese Wesen kein Problem. Die Palmen und einige andere Pflanzen hatte Calract persönlich herbeigeflogen. Jetzt spannte sich zwischen ihnen eine Hängematte, in der der Zauberer lag und vor sich hindöste. Irgendwo in der Nähe unter einem Felsvorsprung lag auch Hotaru. Sie schlief immer noch.

"Hmmm."

Ihm kam eine Idee. Träge glitt er aus der Hängematte heraus und sah sich nachdenklich um.

"Hmmm. Da drüben war es doch, oder ...?", murmelte er zu sich selbst. Es war rasch dunkel geworden, und der Zauberer öffnete sein Stirnauge und ließ es wie einen Scheinwerfer leuchten. Schritt um Schritt suchte er den Boden ab, bis er gefunden hatte, was er wollte: BQMZs abgeschlagene Füße und Hände. Die Lagunenleute hatten sie einfach liegenlassen. Calract war überrascht, als er auch die kostbaren Dolche vorfand. Sie waren wie Spieße in die Füße gesteckt worden. Jemand hat die arme BQMZ wohl nicht besonders gemocht ...

*

Zwei Tage später.

Die Flotte König Ósimos hatte die recht kurze Distanz nach Laguna dank günstiger Winde rasch zurückgelegt. Der junge König hatte während der Fahrt immer wieder mit dem Gedanken gespielt, BQMZ zu begnadigen. Schließlich war sie ja bereits grausam bestraft worden. Doch als er die Ruinen seiner Hauptstadt vor sich am Horizont auftauchen sah, da durchflutete ihn neuerlich eine solche Wut, daß er der ehemaligen Anführerin der Piraten am liebsten eigenhändig das Herz aus der schwarzen Brust gerissen hätte. Nein, die Hinrichtung sollte stattfinden. Und nicht nur BQMZ sollte bestraft werden.

Keinem der Beteiligten war so ganz klargeworden, wie Ósimo es eigentlich geschafft hatte, seine Autorität gegenüber den Piraten durchzusetzen, in deren Augen er ja nur ein Sklave gewesen war. Anscheinend hatte er instinktiv die Verwirrung ausgenutzt, die die Vernichtung der Festung 5 und der Tod Kranos Tuurns ausgelöst hatte. Seine Untertanen hatten treu zu ihm gestanden. Sie waren dankbar gewesen, daß jemand das Gesetz des Handelns an sich gerissen hatte, und so hatte er schließlich die Oberhand gewonnen.

Sein Angebot an die Piraten, die nicht sowieso Lagunenleute waren, hatte gelautet, nur die Anführer hinzurichten und alle anderen als freie Bürger des Königreiches Laguna aufzunehmen. Wenn sie ihre Steuern bezahlten, durften sie sogar ihre Schätze behalten. Dem hatten fast alle zugestimmt. Und den Rest hatte Ósimo kurzerhand niedermetzeln lassen. Offensichtlich hatte er von seiner Mutter doch so einiges gelernt. Außerdem war er der Meinung, in solchen Zeiten hart durchgreifen zu müssen.

Und nun war es soweit. Zweiunddreißig Richtstätten waren auf dem Hauptplatz Lagunas aufgebaut, und vor jeder kniete ein gefesselter Pirat, den Kopf auf den Klotz gelegt. Es waren Tuurns engste Vertraute, die Verantwortlichen für all die Zerstörungen.

In der Menschenmenge, die zusammengeströmt war, um der Massenhinrichtung beizuwohnen, brummte es wie in einem Bienenschwarm. Am Rande des Platzes waren Obsthändler, Saftverkäufer und Fleischbrater aufgezogen und machten beste Geschäfte, denn so eine Hinrichtung machte ja erst dann so richtig Spaß, wenn es dazu auch genug zu essen gab.

Als der König auf dem Platz trat, erstarb das Gemurmel. Ein paar kleine Kinder plärrten noch einen Moment lang, doch dann schwiegen auch sie. Ósimo drehte sich einmal um sich selbst und nahm das Panorama in Augenschein. Einige Häuser, vor allem im Bereich des Palastes, standen schon wieder (oder noch). Doch der König wußte, daß es Jahre dauern würde, bis seine Stadt wieder so aussah wie vor dem Überfall durch BQMZ. Der Rest war im besten Fall eine Baustelle, wenn nicht eine Ruinenlandschaft. Immerhin wieder voller Leben. Die zerstörten Häuser hatte man kurzerhand durch improvisierte Zelte ersetzt. Nach dem Tod Tuurns war ein Alptraum von dem Land gewichen und das normale Leben war fast schlagartig zurückgekehrt. Das ganze Volk feierte Ósimo als seinen Helden und Befreier. Und jetzt fieberten sie dem Ereignis entgegen, mit dem endgültig ein Schlußstrich unter das Grauen gezogen werden und die Verantwortlichen bestraft werden sollten: die Große Hinrichtung.

"Volk von Laguna. Heute endlich wird euch Gerechtigkeit widerfahren. Heute endlich können wir die Ungeheuer bestrafen, die für euer Leiden verantwortlich sind. Doch genug der langen Worte. Laßt uns beginnen!"

Er wollte dem Scharfrichter - es war nur einer für alle 32 - das Zeichen geben, da erscholl eine Stimme aus der Mengen: "Hoch lebe der König."

Einen Moment später donnerte der Jubel über die Stadt. Begeistert ließen die Menschen ihren König hochleben und jubelten ihm zu. Minuten später erst kehrte wieder Ruhe ein.

Und dann fiel das schwere Beil zum ersten Mal, und der Kopf eines Piraten rollte über das Pflaster aus weißem Marmor. Ein Schwall von Blut strömte aus dem Körper heraus und bedeckte den Boden in weitem Umkreis mit seiner rotbraunen Farbe.

Der zweite! Dann der dritte. Die Menge war atemlos vor Spannung. Der Scharfrichter schritt zum nächsten Block. Der Pirat winselte um Gnade. Der Scharfrichter hob sein Beil und ließ es mit einem wuchtigen Hieb herabsausen, und das Schreien und Wehklagen des Piraten erstarb.

Der nächste. Und dann wieder einer.

Schließlich war nur noch der Block in der Mitte übrig. In der hereindämmernden Nacht konnte man den schwarzen Körper nur mehr erahnen, doch dann ließ der König Fackeln herbeischaffen. Jeder sollte das Ende der Frau sehen können, die Laguna vernichtet hatte.

Ósimo trat an BQMZ heran, die, wie alle anderen, ebenfalls an den großen Holzblock gefesselt war. Sie konnte nicht einmal den Kopf heben und Ósimo ansehen.

BQMZ sah schlecht aus. Zusätzlich zu ihren schweren Schuß- und Brandwunden, die sich mittlerweile entzündet hatten, hatte man sie hungern und dursten lassen und auch gefoltert. Ihre Augen blickten trübe über den Boden. Noch war ihr Wille nicht gebrochen, doch sie wußte, daß es diesmal vorbei war.

"Als Mörderin hat dein Leben hier begonnen, als Mörderin wirst du nun von der Hand des Henkers sterben."

"Ósimo, du Verräter. Warum tust du mir das an?"

"Schweig! Aber du hast recht. Als Zeichen meiner Gnade werde ich dich erst morgen hinrichten lassen." Er wandte sich den Wachen zu: "Werft sie in den Käfig. Jeder soll sie bis morgen sehen können. Und am Mittag wird sie dann ihr verdientes Schicksal erleiden und geköpft werden!"


Erst tief in der Nacht kehrte auf dem Platz Ruhe ein, nachdem das versammelte Volk ausgiebig gefeiert und BQMZ beschimpft, angespuckt und verhöhnt hatte.

Die schwarzhäutige Piratin war dem Tode nahe, aber sie fand keinen Schlaf. Dösend hing sie in dem Käfig. Doch dann wurde sie auf einmal wieder hellwach. Irgend etwas Unheimliches geschah. Unnatürlich schnell zog dichter Nebel auf und es wurde eisigkalt. Als plötzlich mit leisem Quietschen die Tür geöffnet wurde, zuckte sie heftig zusammen. Ihre Augen weiteten sich, doch sie mußte erst ein paarmal blinzeln, bis sie den Besucher sehen konnte. "Calract", hauchte sie heiser.

Wortlos trat der Zauberer in den Käfig und gab der Frau erst mal etwas zu trinken. BQMZ schluckte das Wasser gierig herunter, doch dann wandet sie den Kopf ab: "Was soll das? Von mir ist nichts mehr übrig, und das, was noch am Leben ist, wird morgen hingerichtet." Mit erloschenem Blick sah sie auf die notdürftig abgebundenen Stümpfe ihrer Arme und Beine.

"Abwarten", meinte Calract. "Für so talentierte Leute wie dich habe ich immer Verwendung."

"Was willst du?"

"Ich setze dich wieder zusammen."

Mit großen Augen sah BQMZ Calract an. Doch dann schüttelte sie den Kopf. "Wenn ich eins im Leben gelernt habe, dann, daß es nichts umsonst gibt. Nein, lieber finde ich morgen hier mein Ende, als wieder nur eine Sklavin zu sein."

Sie zuckte zusammen, als neben ihr ein helles Licht erstrahlte.

"Das ist ein kleiner Splitter des Mondsteins. Und nun sieh her, was er in den Händen eines Zauberers wie mir bewirken kann." Calract ergriff BQMZs linken Arm, zog den Verband ab, hielt die abgehackte Hand, die er mitgebracht hatte, daran und setzte seine Kräfte frei. Sekunden später war die Hand wieder festgewachsen und gesund, als wäre nie etwas gewesen. So verfuhr Calract dann auch mit der anderen Hand und den Füßen. Er versorgte auch BQMZs Verbrennungen und inneren Verletzungen. Schließlich gab er der Frau noch ihre Zehendolche und einen Sack mit Proviant und etwas Geld.

Erneut ließ er den Splitter erstrahlen, und als das Licht erlosch, war er verschwunden.

Auch der Nebel lichtete sich so rasch, wie er aufgezogen war. Doch da war BQMZ schon längst weg.


17. Kapitel - Der Fluch

Es war Sommer geworden im Weißen Königreich. Brütende Hitze lag über dem Land. Nur des Nachts war es für ein paar Stunden angenehm kühl. Tagsüber gab es dafür oft heftige Gewitter, die ein Treibhausklima schufen, in dem die Pflanzen auf den Feldern so schnell wuchsen, daß man beinahe dabei zusehen konnte. Eine Rekordernte stand bevor und würde die letzten Auswirkungen der vergangenen Kriege und der grauenvollen Mondnacht vergessen machen.

Die Weißen waren glücklich und zufrieden, doch ihre Königin war es nicht. Nur ihre engsten Vertrauten, der Weiße König, Adalbert und Herzog von Allheim bemerkten es. Für den Rest des Reiches war Alessandra die leuchtende, gütige Herrscherin und Beschützerin. Doch tief in Alessandras Herzen lag ein schwerer Kummer.

Sie sprach nicht darüber, doch oft verbrachte sie viele Stunden in den Gewölben unter dem Weißen Schloß, wo die Hofzauberer ihre Kabinette und Laboratorien hatten - und ihre Zauberbücher.

In diesen uralten, oft in kaum noch verständlicher Sprache geschriebenen Werken war das Alte Wissen zusammengetragen, das Wissen um die Geheimnisse der Natur und der Existenz. Doch was Alessandra da zu lesen bekam, trug keineswegs dazu bei, ihr Herz zu erleichtert.

Wieder einmal brütete sie über einem dieser Bücher - es war mit geheimnisvollen, massiven Goldornamenten verziert und allein dadurch schon ein Vermögen wert - als ihr Vater an sie herantrat und seine Hand auf ihre Schulter legte.

Alessandra zuckte heftig zusammen und fuhr herum. "Vater! Hast du mich erschreckt."

Doch der Weiße König sprach nicht und blickte seine schöne Tochter lange und durchdringend an. War er auch alt und müde geworden, so hatte er an Weisheit und Menschenkenntnis gewonnen. Er wußte, daß ein kleiner Anstoß genügen würde, damit seine Tochter ihm alles beichtete, was sie bedrückte. Fragend sah er sie an, dann nahm er ihre Hände in die seinen und sagte: "Willst du mir nicht sagen, was dir solche Sorgen bereitet, Tochter?"

Langsam füllten sich Alessandras Augen mit Tränen, doch sie reagierte anders als erwartet. Sie riß sich los und stürmte davon. Der König folgte ihr bis in ihr Gemach. Es war nicht abgeschlossen.

Er öffnete die Tür und sah Alessandra auf dem Bett liegen, den Kopf in ein Kissen vergraben.

Der Weiße König setzte sich neben sie und streichelte ihr über die seidigen, kastanienbraunen Haare.

Da hob die Königin - offiziell war sie eigentlich immer noch Prinzessin - den Kopf und rief schluchzend: "Oh, Vater. Nie werde ich einen Mann haben können!" Schluchzend ließ sie den Kopf wieder sinken.


Der Weiße König erinnerte sich an die Prophezeiung, die Mistress Elysiss seiner Frau in der Stunde ihres Todes gegeben hatte: Ihre Töchter sollten heiraten und glücklich werden. Nur eine sei dazu ausersehen, wahrhaft Großes zu leisten. Dafür aber werde es ihr nicht vergönnt sein, je einen Mann den ihren nennen zu können. Inzwischen hatte es sich herausgestellt, daß damit Alessandra gemeint war. Weiß Gott, Großes hatte sie bereits geleistet, die Welt gerettet und unglaubliche Heldentaten vollbracht. Doch belohnt worden war sie dafür vom Schicksal nicht. In einer schwachen Sekunde hatte sie den Mann ihres Lebens verloren, und nun war sie darüber verzweifelt.

"Wenn ich nur wüßte, wie ich dir helfen kann", flüsterte der Weiße König. "Aber ich weiß niemanden, der mächtig genug wäre, das Schicksal zu verändern ... Alessandra?"

Anscheinend hatte er etwas gesagt, was die Goldenen Königin zutiefst erregte, denn sie hatte sich ruckartig erhoben. Nun starrte sie ins Leere und dachte konzentriert nach.

"Alessandra. Was ist? Rede doch, was hast Du?"

"... mächtig genug ... um das Schicksal zu ändern ..."

Langsam erhob sie sich und ebenso langsam ging sie zur Wand, wo ihr Schwert hing. Der Weiße König brauchte gar nicht erst abzuwarten, was seine Tochter dort wollte, er kannte sie lange genug. Und er wußte, daß jeder Versuch sie aufzuhalten sinnlos war. Schicksalsergeben seufzte er. Es war also mal wieder soweit.

Alessandra nahm das Schwert von der Wand und band es sich um. Dann warf sie sich die Taschen über den Rücken und lief entschlossen aus dem Zimmer. Kopfschüttelnd blickte der Weiße König ihr nach. Er hatte keine Ahnung, wo sie hinwollte. Aber wenn es ihrer gequälten Seele Hoffnung gab, dann war es ihm recht.


Es war der 1. August 1246, als Alessandra auf Phobos das Weiße Schloß verließ und in Richtung Norden davongaloppierte. Es war brütend heiß und die Prinzessin trug nur ein ockerfarbenes Hemd, das ihr gerade bis knapp über den Bauchnabel reichte, einen sehr kurzen Lederrock, darunter ein Unterhöschen, leichte Reitstiefel und natürlich ihr Schwert. In ihren Satteltaschen steckten noch ein paar nützliche Dinge, Proviant und Geld, obwohl sie als die Goldene Königin sicherlich keines gebraucht hätte. Ihre Haare hatte sie mit einer Schleife hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der nun im Wind des rasenden Rittes hin und her flatterte.

Die erste Nacht verbrachte sie mal wieder, ganz wie in alten Zeiten, auf freiem Feld, die zweite in dem verfallenen Haus, in dem sie schon früher oft heimlich übernachtet hatte. Noch vor dem dritten Morgengrauen überquerte sie die Schwarze Grenze. Auch hier hielt sie sich nicht auf, sondern ritt, so schnell sie konnte, weiter ins Gebirge, in dem zu dieser Jahreszeit gutes Vorankommen war. Außerdem kannte sie inzwischen die Wege, die sie schneller ans Ziel brachten. Kurz vor Sonnenuntergang öffnete sich schließlich vor ihr die Hochebene, auf der bis vor ein paar Monaten das Schwarze Schloß gestanden hatte.

Alessandra staunte nicht schlecht, als sie nun dort jenes merkwürdige Haus stehen sah, das Calract auf seinem Feldzug als Hauptquartier gedient hatte. Es war damals teilweise zerstört und vor allem innen schwer beschädigt und völlig verwüstet worden, doch es war aus Holz gebaut und somit leicht zu reparieren. Und anscheinend auch leicht zu transportieren, falls Calract es nicht einfach mit einem Zauber hierher versetzt hatte.

Alessandra ritt über die Ebene darauf zu, als ihr auffiel, daß der dichte, finstere Wald verschwunden war, der einst bis nahe an das Schwarze Schloß herangereicht hatte. Stattdessen lagen überall die gefällten Bäume, zwischen denen sich nun solche Pflanzen ausbreiteten, die in einem Wald niemals wachsen konnten, weil die Bäume kein Licht bis nach unten durchließen: bunte Blumen, zarte Farne, Himbeeren und andere Früchte. Alessandra mußte zugeben, daß die Landschaft um ein vielfaches schöner geworden war, gerade jetzt in dieser Jahreszeit. Der finstere, drohende Wald war einer Art im Entstehen begriffener Park- und Gartenlandschaft gewichen.

Allerdings war es hier trotz Hochsommers so kühl, daß die Prinzessin leicht fror. Sie stieg ab und kramte aus ihren Taschen alles an Kleidung hervor, was darin sein mochte. Aber außer einer leichten Jacke fand sie nur eine Decke, mit der sie sich des Nachts zugedeckt hatte.

In der Ferne sah sie ein paar Lunaloc-Dämonen und ein paar Menschen bei der Feldarbeit. Doch keiner von ihnen kam in ihre Nähe oder interessierte sich sonstwie für ihre Ankunft. Irgendwie war ihr das vertraut: Im Schwarzen Königreich hatten schon immer etwas andere Gesetze gegolten. Sie hielt vor dem großen Haus an und stieg ab. Noch bevor sie an das Portal geklopft hatte, wurde dieses aufgezogen. Doch nicht Calract trat ihr entgegen, sondern Tschuri.

Alessandra kam es vor wie ein seltsamer Traum. Tschuri war vollkommen nackt, doch durch die seltsamen Muster, mit denen sie ihre Haut eingefärbt hatte, sah sie aus wie eine Elfe, ein esoterisches Wesen aus einer anderen Welt. Langsam veränderten sich die Muster, flossen ineinander, nahmen grellere Farben an und verblaßten dann wieder, während das Mädchen die Frau, für die es sich einst geopfert hatte, scheu musterte.

Alessandra schluckte. Wieder einmal wurde ihr deutlich, daß das nicht ihre Welt war, nicht die Welt der Sterblichen.

"Sei gegrüßt, Tschuri", sagte sie steif. Es fiel ihr beim besten Willen nichts Besseres ein.

"Hallo, Alessandra", erwiderte Tschuri so leise, daß die Prinzessin es mehr von ihren Lippen ablas denn hörte.

"Ich muß zu Calract. Bitte ..."

"Calract .... er ist seit vielen Wochen am Octaviusmeer."

Octaviusmeer ... Alessandra hatte die wilden Geschichten gehört, die die Händler und Reisenden sich in jüngster Zeit erzählt hatten: Ein Dämon habe dort eine riesige Burg errichtet, ein grausamer Pirat habe Laguna abgebrannt, die Küste sei von Menschenfressern heimgesucht worden und dergleichen mehr. Die Goldene Königin hatte um diese Geschichten nichts gegeben, doch jetzt sah sie alles in einem völlig anderen Licht. Wenn Calract seine Finger im Spiel hatte, dann waren selbst die wildesten Gerüchte wahrscheinlich noch weit untertrieben.

"Alessandra. Wenn du willst, dann kannst du hier über Nacht bleiben." Tschuri blickte nach oben. "Es wird schon dunkel."

"Wie? Ich, äh, nein, nein Tschuri, ich muß weiter, zu ..." murmelte sie. Der Anblick des jungen Mädchens brach ihr fast das Herz. Was hatte Calract aus ihr gemacht? Nicht, daß Tschuri über ihr Schicksal unglücklich war, aber - sie war kein Mensch mehr. Und Alessandra gehörte nicht hierher. Sie wollte sich aufs Pferd schwingen, da spürte sie Tschuris sanfte Berührung am Arm. Ihre Hand war warm, so warm wie sie es immer gewesen war. Wenn Alessandra die Augen schloß, dann konnte sie sich die psychedelischen Farben wegdenken, die über Tschuris Körper huschen, und sie so vor sich sehen, wie sie vorher gewesen war. Vorher ... Calract hatte doch anscheinend das meiste von ihr übriggelassen. War Tschuri nicht immer noch das zarte und doch so zähe, intelligente, neugierige, etwas schüchterne Mädchen, das Alessandra so gemocht hatte?

Die Prinzessin schluckte, dann wandte sie sich Tschuri zu, zog sie an sich und küßte sie auf die Stirn.

"Verzeih' mir, meine kleine Schwester. Verzeih' mir."


Tschuri führte Alessandra in das Haus, dann verschwand sie und kam kurz darauf wieder zurück, diesmal bekleidet. Sie warf Alessandra ihr warmes, scheues Lächeln zu, dann setzte sie sich ihr gegenüber an eine Feuerstelle im Haus.

Wenig später brachte ein Lunaloc-Dämon der Prinzessin ein üppiges Mahl, und die ließ sich nicht zweimal bitten. Zwischendrin blickte sie zu Tschuri hinüber, die gar nichts aß. Tschuri deutete den Blick und beantwortete Alessandras Frage, noch bevor sie sie ausgesprochen hatte: "Wir Lunaloc-Kinder brauchen fast keine Nahrung. Wir tanken die Kraft des Mondes. Sie ernährt uns. Iß nur, so viel du willst. Hier gibt es niemanden, dem du was wegißt."

Alessandra beendete das Essen schweigend. Schließlich kam einer der Dämonen und räumte die Reste ab. Alessandra sah zu dem jungen Mädchen hinüber, dessen Gesicht durch die roten Flammen in ein weiches, unirdisches Licht getaucht wurde.

"Geht es dir gut hier - bei Calract?", fragte Alessandra.

Tschuri nickte. Dann sagte sie: "Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Nachdem das Schloß abgebrannt war, ist er zum Octaviusmeer geritten. Ein paar Tage später war er nochmal da und hat Hotaru gesucht. Seitdem ist er dort unten. Ich habe gehört, er hat gegen einen anderen Zauberer gekämpft."

"Und das hat so lange gedauert?"

Tschuri zuckte mit den Schultern. Ihre Blicke gingen durch das Feuer hindurch in weite Ferne. Sie trug ein seidenes Gewandt, daß ihren ganzen Körper umhüllte und erst knapp über den Füßen endete. Die allmählich herunterbrennenden Flammen ließen seltsame rote Licht- und Schattenmuster darüberhuschen. Alessandra erhob sich, ging um die Feuerstelle herum und setzte sich dicht neben das Mädchen. Sie legte eine Hand auf ihre Schulter und zog sie sanft zu sich hin. "Woran denkst du gerade?"

"An ... Calract. Ich bin bei ihm, weil ich aus ihm einen besseren Menschen machen möchte. Aber wie soll ich das anfangen, wenn er gar nicht da ist?" Sie seufzte.

Alessandra lächelte versonnen, legte dann einen Arm um Tschuris Schulter und zog sie zu sich. Dann beugte sie sich herab, um sie auf die Stirn zu küssen. Doch das Mädchen legte im letzten Moment den Kopf zurück, drückte ihre Lippen gegen die Alessandras und küßte sie inniglich.

Lange lösten sich die beiden Frauen nicht voneinander, doch dann sprang Tschuri erschrocken über sich selbst auf und lief davon.

Alessandra blieb noch lange am Feuer sitzen, bis schließlich die Müdigkeit sie übermannte.


Am anderen Morgen machte die Prinzessin sich auf die Suche nach Tschuri, fand sie aber nicht. Sie schnappte sich den nächsten besten Lunaloc-Dämon und trug ihm auf, Tschuri auszurichten, daß sie zum Octaviusmeer unterwegs sei.


Drei Tage später erreichte die Prinzessin den Siina-Fluß. Sie hatte die Weiße Hauptstadt westlich umgangen, weil sie niemandem dort begegnen wollte, solange sie nicht ihre Mission erledigt hatte. Und so kam es, daß sie nun den Fluß an einer Stelle überqueren mußte, wo es weit und breit keine Fähre gab.

Am anderen Ufer lag das Herzogtum Rolfes. Einer der zahllosen Söhne des vom Basilisken getöteten Rolfes II war dort mittlerweile als Rolfes III an der Macht, aber viel mehr als den Titel hatte er nicht. Dort drüben gab es kein Gesetz und keine Ordnung. Jeder lebte, wie es ihm gefiel. Niemand zahlte Steuern, jeder bebaute so viel Land, wie da war - und es war eine Menge da. Das Herzogtum war dünnbesiedelt, und Alessandra konnte hoffen es zu durchreiten, ohne vielen Menschen zu begegnen.

Es war früher Nachmittag, und es war schrecklich heiß. Am Morgen hatte es zwar ein Gewitter gegeben, doch dessen Kühle war längst einer drückenden Schwüle gewichen. So freute sich Alessandra auf diese Flußüberquerung, die sie schwimmend vorzunehmen gedachte.

Sie sprang aus dem Sattel und rief zu Phobos: "Na, mein Junge, dann wollen wir mal." Mit diesen Worten stürzte sie sich in das klare, warme Wasser. Mit kräftigen Zügen durchquerte sie - Phobos an ihrer Seite - den rasch dahinströmenden Fluß in wenigen Minuten.

Am anderen Ufer angekommen wischte sie sich die Nässe von der Haut; die wenigen Kleidungsstücke, die sie trug, würden in kurzer Zeit getrocknet sein. Dann nahm sie das Pferd am Zaumzeug und ging zu Fuß weiter, denn sie wollte erst den Sattel trocknen lassen. Der heiße Sandboden brannte unter ihren nackten Fußsohlen, doch es machte ihr nichts aus. Sie genoß es sogar. Wie viele kalte Winternächte hatte sie auf freiem Feld zubringen müssen, wie viele eisige Herbststürme hatten sie bis auf die Haut durchnäßt. Im Grunde konnte es ihr gar nicht heiß genug sein. Fröhlich tanzte sie neben Phobos her und kickte ab und zu ein paar Steine oder Holzstücke davon.

Nachdem es dunkel geworden war rastete die Prinzessin an einer Quelle, die aus einem Hügel entsprang. Sie holte die Decke aus der Satteltasche, rollte sich darauf zusammen und schlief sofort ein.

Der folgende Tag verlief ziemlich ereignislos. Erst am Abend erreichte sie einen Hof. Da ihre Vorräte aufgebraucht waren, beschloß sie, hier zu essen und auch zu übernachten.

Vor dem Haupthaus waren gut ein Dutzend Pferde angebunden und außerdem ein paar Wagen, was schon von außen anzeigte, daß hier eine Wirtschaft war und nicht nur ein Bauernhof. Außerdem war der Lärm von innen unüberhörbar.

Es wurde langsam dunkel. Alessandra band Phobos an einem Balken fest, stellte Hafer und einen Eimer Wasser vor ihn und betrat dann die Schenke.

Was die Geräuschkulisse und die Gerüche betrifft, so sind wahrscheinlich alle Absteigen auf der Welt gleich. Alessandra schlug eine Mischung aus Tabakrauch, Schweiß, Alkohol und Bratenduft entgegen, und sie mußte erst mal durchatmen. Da verstummte plötzlich die Unterhaltung, auch die quietschende Geige schwieg, sogar das Brutzeln des Bratens schien auf einmal aufzuhören, und alles wandte sich ihr zu.

Alessandra starrte zurück. Dann zuckte sie leicht zusammen und sah an sich herab.

"Oh je!"

Doch bevor sie noch mehr sagen oder denken konnte, brüllte eine rauhe Männerstimme: "Das ist ja unsere Königin!"

Der Bann war gebrochen. Keiner, der nicht schon von ihr gehört hatte. So manchen der hier versammelten Landser kannte sie sogar persönlich. Seite an Seite waren sie gegen Lunaloc geritten, hatten zusammen im Schlamm gelegen und gegen Calracts Dämonen gefochten.

Die rauhen Burschen rückten zusammen und hießen die Prinzessin in ihrer Mitte willkommen. Doch wie immer, so gab es auch diesmal jemanden, dem das nicht paßte.

In einer Ecke hatte sich eine Großfamilie aus der großen Wüste Algora versammelt. Auf einem goldverzierten Stuhl hockte der Patriarch, ein verwitterter, aber kräftig aussehender Nomade. Ihm zu Füßen lagerte seine Familie. Und einer seiner Söhne erhob sich nun und stolzierte provozierend und angriffslustig zu Alessandra hinüber.

Alessandra bemerkte das natürlich schnell, und es war ihr auch ziemlich klar, was nun gleich passieren würde. Der junge Wüstensohn suchte Streit. Alle Augen ruhten auf ihm, als er Alessandra von hinten anrempelte und rief: "Kannst du nicht aufpassen, du Königin? Du bist dir wohl zu fein für Leute wie uns!"

Einige der Anwesenden wollten empört hochfahren, doch ein Blick Alessandras hielt sie sofort im Zaum. Die Prinzessin erhob sich mit einer fließenden Bewegung, stieg über die Bank, auf der sie gesessen hatte, und stellte sich dem Jungen in den Weg: "Paß lieber du auf. Hat dir dein Vater keine Manieren beigebracht?"

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie den Clanchef, doch der verzog keine Miene. Mit steinernem Gesicht verfolgte er das Treiben seines Sohnes.

Dieser musterte Alessandra nun abfällig von oben bis unten durch. Die Goldene Königin bot im Moment zumindest äußerlich kein sehr höfisches Bild. Ihre Schuhe waren grau und staubbedeckt. Auch ihr Ledermini war alles andere als sauber. Ihre Haare waren nur notdürftig gekämmt und das edle Gesicht ziemlich schmutzig. Nur das Schwert war blitzblank. Langsam schnallte Alessandra es sich nun ab und knallte es dann auf den Tisch.

"Na, komm nur her, wenn du eine Tracht Prügel willst."

Mit einem Wutschrei stürzte sich der Junge auf die Prinzessin, doch ehe er wußte, wie ihm geschah, lag er schon mit dem Gesicht nach unten auf dem Holzboden. Alessandra war ihm mit einer ebenso blitzschnellen wie eleganten Bewegung ausgewichen und hatte ihm dann die Beine weggezogen. Ihre Kraft und ihre Körperbeherrschung, die sie spätestens seit Gad'ta perfektioniert hatte, ließen dem Burschen keine Chance. "Ahhh, du verdammte ..." Den Rest zerknirschte der junge Mann zwischen den Zähnen. Ruckartig sprang er wieder auf und ballte die Fäuste. Alessandra machte einen kleinen, schnellen Schritt auf ihn zu und klatschte ihm dann mit einer ausgreifenden Bewegung den Fußrücken auf die Backe. Der Junge wurde zur Seite geschleudert und knallte mit dem Kopf gegen eine Holzsäule. Johlendes Gelächter brach los, doch der junge Nomade sah nun endgültig rot. Und als er aus seinem Hemd einen gefährlich aussehenden Dolch zog und damit auf die Königin losstürmte, da hielt alles den Atem an. Es ging alles so schnell, daß niemand der Prinzessin hätte zu Hilfe eilen können. Doch die wußte sich sehr gut selbst zu helfen.

Jeder der Ritter wußte, wie gut Alessandra kämpfen konnte, doch die Art, wie sie mit dem jungen Wüstensohn umsprang, bracht ihr donnernden Applaus. Sie wich dem blindlings heranstürmenden Jungen blitzschnell aus und trat ihm mit einer ebenso schnellen Bewegung das Messer aus der Hand. Dann machte sie eine Dreivierteldrehung nach hinten und zog ihm wiederum die Beine weg. Heftig knallte er auf den Boden, wo er schwer atmend liegenblieb.

Der Saal tobte vor Begeisterung. Doch es war noch nicht vorbei. Wie es der Zufall wollte, lag der Dolch genau neben dem Jungen. Mit einem Aufschrei packte er ihn, warf sich herum und schleuderte das Messer mit aller Kraft gegen die Prinzessin. Doch diese wich gedankenschnell aus, wirbelte herum und fing das Messer aus der Luft heraus. Mit einem energischen Hieb steckte sie es in die Theke. Dann fuhr sie herum, denn der Nomade wollte sich ein letztes Mal auf sie stürzen. Mit einem spöttischen Lächeln tauchte die Prinzessin unter seinen wilden Schlägen weg und ließ dann fast aus der Hocke heraus ihre Faust gegen seine Kehle fahren. Dieser Gegenschlag kam für den Jungen völlig überraschend, und mit glasigem Blick ging er zu Boden. Alessandra nahm ihn dann in den Schwitzkasten, bevor er wieder richtig zu sich kam, und rief fröhlich: "Na, reicht's? Manchmal gerät man eben an den Falschen. Gibst Du auf?"

"Ich gebe auf", röchelte der Junge. Alessandra ließ ihn los. Lächelnd setzte sie sich wieder an ihren Tisch, während johlender Beifall das Haus dröhnen ließ. Alessandra blickte sich noch einmal um und sah, daß der Alte aufgestanden war und nun seinen Sohn am Ohr ins Freie schleifte. Dann hörte man die Peitsche.


"Wirt. Was bin ich schuldig?"

Es war spät geworden. Alessandra hatte allen eine gute Nacht gewünscht und wollte nun zahlen.

"Aber Hoheit. Wollt ihr mich beleidigen! Mein Haus gehört Euch, meine Königin. Und extra für Euch habe ich das beste Zimmer bereitgestellt."

Allerdings war das beste Zimmer auch, wie die Prinzessin bald feststellen mußte, das heißeste. Oder vielleicht waren alle Zimmer gleich heiß. Jedenfalls war es trotz des weit geöffneten Fensters unerträglich. Alessandra lag völlig nackt und schweißgebadet auf dem Lager und wünschte sich sehnlichst Abkühlung herbei. Als sie hinreichend weichgekocht war, stand sie auf und sprang kurzerhand aus dem Fenster ins Freie. Dort war es wesentlich angenehmer.

Die Prinzessin wollte zum Brunnen gehen, um sich mit kaltem Wasser abzukühlen, als sie irgend etwas warnte, vielleicht ein Geräusch, vielleicht nur ihr Instinkt. Sie fuhr herum und sah, wie gerade der Nomadenjunge um die Hausecke schlich. Gegen das leuchtende Band des Sternenhimmels war deutlich zu sehen, daß er ein Schwert in der Hand hielt. Es war nicht schwer zu erraten, was er damit vorhatte. Anscheinend hatte Alessandra ihn aber aus dem Konzept gebracht, indem sie nicht in ihrem Bett schlafend ihrer Ermordung harrte, sondern stattdessen draußen herumspazierte. Doch der Junge, von dem die Königin nicht einmal den Namen wußte, erholte sich schnell von seiner Überraschung.

Alessandra traute sich durchaus zu, auch in dieser Situation mit dem Jungen fertig zu werden, doch es sollte anders kommen. Irgend etwas in ihr geschah. Plötzlich tanzten golden funkelnde Lichter durch die Nacht, dann hüllte ein strahlender goldener Schimmer die Prinzessin und den Wüstennomaden ein. Beide wurden ganz ruhig. Ein tiefer Friede erfüllte ihre Herzen. Langsam hob der Junge das Schwert vor sein Gesicht und starrte es voller Abscheu an. Da verwandelte es sich vor seinen Augen in einen schillernden Kolibri, der schwirrend vor seinem Gesicht auf und abtanzte und schließlich pfeilschnell in die Wildnis davonschoß.

Alessandra und der Junge sahen sich lange an. Langsam erlosch das goldene Glühen wieder. Alessandra atmete tief durch. Der Junge machte eine Verbeugung bis fast zum Boden, dann drehte es sich um und lief davon.

Lächelnd sah Alessandra ihm nach. Dann ging sie zum Brunnen, schüttete sich einen Eimer Wasser über den Kopf, lief anschließend zum nächsten besten Baum und kletterte hinauf. Dort streckte sie sich, nackt wie sie war, wie eine Gepardin auf einem Ast aus, Arme und Beine herabbaumeln lassend. Sie war eingeschlafen, noch bevor sie die bequemste Stellung zum Schlafen gefunden hatte.


Die Sonne stand schon ein gutes Stück oben am Himmel, als Alessandra erwachte. Mit einem eleganten Satz sprang sie auf den Boden und spazierte dann in aller Seelenruhe zum Gasthaus zurück. Durch das Fenster kletterte sie zurück in ihr Zimmer, zog sich eine Unterhose, den Rock, das Hemd und ihr Schwert an, packte den Rest ihrer Sachen zusammen und legte schließlich noch eine Münze auf den Tisch. Wahrscheinlich würde der Wirt sie nicht als Bezahlung annehmen, sondern einrahmen und als Heiligtum über seinem Bett aufhängen, aber das gönnte die Prinzessin ihm.

Wenig später war sie wieder unterwegs, weiter nach Südosten.


Als Alessandra das letzte Mal hiergewesen war, war die Kap-Landschaft ein ödes, trostloses und vollkommen kahles Stein- und Felslabyrinth gewesen. Nun staunte die Prinzessin, wie sie sich verändert hatte.

"Ist das Calracts Werk?", fragte sie sich. Ein Großteil des Landes war planiert worden. Einige der Felsen standen aber noch und waren bedeckt mit Gras, Farnen und Moos. Aus manchen davon sprudelten sogar kleine, kühle Quellen. Dazwischen wuchsen bunte Blumen. Lichte Haine aus Obstbäumen lockerten sie Landschaft auf. Alessandra saß ab und probierte ein paar der am Boden liegenden Pfirsiche. Sie schmeckten wunderbar. Auch Phobos fand Geschmack daran und schlang etliche davon herunter.

Alessandra atmete tief durch. Die Luft war heiß, aber dennoch frisch. Sie schloß die Augen und sog den zarten, süßen Duft ein, der in der Luft schwebte. Sie strich über die moosbedeckten Steine und fühlte, wie sie sich ihren Händen zart anschmiegten.

Calract, der Mann mit den zwei Gesichtern. Er hat dies hier geschaffen.

Ein seltsames Geräusch veranlaßte sie, die Augen wieder zu öffnen. Es war ein buntschillernder Kolibri, der mit surrendem Flügelschlag von Blüte zu Blüte flog.

"Na, kleiner Vogel, komm!" Doch der dachte nicht daran, sondern schwirrte davon.

Langsam ging Alessandra weiter. Als sie um eine Felsgruppe bog, kam das Haus in Sicht. Es sah aus wie ein antiker griechischer Tempel aus weißem Marmor mit Säulen außen herum. Neben dem Haus lag ein azurblauer See. Am Ufer dieses Sees wuchsen zwei Palmen. Zwischen den Palmen war eine Hängematte gespannt. Und darin lag ER.

Alessandra holte noch mal tief Luft, dann ging sie zu Calract hinüber.

Der Zauberer schien zu schlafen, doch Alessandra fühlte, daß er wach war. Schließlich gab Calract ein wohliges Stöhnen von sich, dann wälzte er sich aus der Hängematte heraus und fiel direkt in das eiskalte Wasser des Sees unter ihm. Er ließ sich ein paar Sekunden treiben, dann paddelte er an die Oberfläche und kroch heraus. Langsam, in aller Gemütsruhe, baute er sich schließlich vor Alessandra auf.

"Sieh mal einer an. Und ich hätte schwören können, du würdest dich nie wieder in meine Nähe trauen. Nach allem, was du mir angetan hast. Aber keine Angst, es war halb so wild."

Alessandra war ziemlich sprachlos. Noch bevor sie sich eine Antwort zusammensuchen konnte, fuhr Calract fort: "Und ich weiß auch, warum du trotzdem gekommen bist. Du suchst das Glück. Und dieser Fluch hindert dich daran, es zu finden." Calract setzte sich auf die Hängematte und machte eine einladende Geste. Alessandra setzte sich im Schneidersitz ein Stück vor ihm auf den Boden.

Calract lächelte sein wölfisches Lächeln, daß es der Prinzessin kalt den Rücken herablief. Dann lachte er leise. "Was willst du nun von mir und was gibst du mir dafür als Gegenleistung?"

Alessandra sprang auf und lief nervös hin und her. Schließlich sagte sie: "Was soll's. Jetzt ist sowieso alles egal. Ich will, daß du mich von diesem Fluch erlöst. Du bist der mächtigste Zauberer, den es gibt. Du vermagst es. Was verlangst du dafür als Preis?"

"Hm! Du hast recht. Ich kann es. Und als Preis ... du wirst mir Modell stehen. Nackt. Ich will dich malen!"

Die Goldene Königin war sprachlos. Das war das letzte, was sie erwartet hatte. Doch sie faßte sich schnell. "Abgemacht, Zauberer!", antwortete sie in einer Mischung aus Angst, Hoffnung, Verzweiflung und wilder Entschlossenheit.

Calract brach in schallendes Gelächter aus. Dann sprang er ebenfalls auf. Er ergriff Alessandras Hand und umschloß sie sanft mit beiden Händen. Ein seltsames Gefühl von Geborgenheit durchströmte die junge Frau. Verwirrt blickte sie Calract in die grau-blauen Augen.

Was ist das nur für ein Wesen?

"Nun höre gut zu", begann der Zauberer. "Ich will dir eine kleine Geschichte erzählen. Aber setzen wir uns doch dort hin." Calract ging zu dem See und hockte sich auf einen moosbewachsenen Stein. Alessandra setzte sich daneben und ließ ihre Füße in das erfrischende, eiskalte Wasser baumeln.

"Es ist schon lange, lange her", begann Calract. "Es war zu der Zeit, kurz bevor Tartanos über die Welt wandelte, da gab es einen grausamen jungen König namens Beledor. Beledor beherrschte anfangs nur ein sehr kleines Land, aber er war ebenso intelligent wie machtgierig. Ständig führte er Kriege und eroberte ein Nachbarreich nach dem anderen. Die eroberten Ländereien wurden grausam unterdrückt und ausgeplündert. Alle Menschen haßten Beledor, doch keiner vermochte etwas gegen seine Krieger und die Spitzel unternehmen, die ihm jeden Widerstand sofort zutrugen. Oft färbten sich die Flüsse rot vom Blut der Enthaupteten, und alles stöhnte unter dem Joch. Da kam eines Tages der weise, alter Zauberer Tallibar Wick zu Beledor und prophezeite ihm, daß dereinst ein Kind, das schon geboren sei, ihn vernichten würde. Beledor war außer sich und wollte den Zauberer auf der Stelle töten, doch der verschwand vor seinen Augen. Beledor aber gab den Befehl, alle Kinder in allen eroberten Reichen sofort zu finden und zu töten."

Calract blickte Alessandra an, dann fuhr er fort: "Wenn du einen kleinen Sohn oder eine Tochter hättest, würdest du es dann zulassen, daß ihm oder ihr jemand ein Leid zufügt, wer es auch sei? Nun, so fühlten alle Untertanen Beledors, und mit dem Mut der Verzweiflung stürzten sie sich auf die Soldaten. Diese waren die Ritter aus Beledors früherem, kleinen Reich, und es waren ihrer nur wenige. Zum ersten Mal traten alle Unterdrückten gemeinsam gegen sie an, und nach furchtbaren Schlachten besiegten sie schließlich Beledors Armee und rückten gegen das Schloß vor. Beledor hatte dort seine letzten Getreuen um sich versammelt, und alle waren entschlossen, bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen. Und so geschah es auch. Einer nach dem anderen fielen die Ritter, nicht ohne zuvor jedoch viele der Aufständischen dahinzumetzeln. Und als die Menschen schließlich den letzten von Beledors Soldaten getötet hatten und ihm selbst gegenüberstanden, da stieß Beledor sich selbst ein Schwert in die Brust, denn andernfalls wäre er grausam zu Tode gefoltert worden. Seine letzten Worte waren: 'Nun hat sich der Fluch des Magiers doch erfüllt.' Dann starb er."

Calract holte tief Luft, dann sah er Alessandra an. "Das ist das, was man wissenschaftlich gesehen eine selbsterfüllende Prophezeiung nennt. Hätte Beledor nichts auf Wicks Worte gegeben, dann hätte er nicht das ganze Volk gegen sich aufgebracht und vielleicht noch Jahrzehnte lang herrschen können. So aber provozierte er genau das, was er mit all seiner Kraft verhindern wollte. Genauso ergeht es dir, meine Teure, mit deinem Fluch. Dieses Gequatsche von Stella am Totenbett deiner Mutter ist auf gut Deutsch gesagt keinen Pfifferling wert."

"Waaaaas?" rief Alessandra entsetzt. Sie konnte es nicht fassen. "Ich ... aber ... aber ... was ist mit Nuitor!? Nur der F ... Fluch kann schuld daran sein, daß ich ihn niedergestreckt habe."

Calract schüttelte den Kopf. "Mm mm. Du hattest so eine Art kurzzeitigen Aussetzer. Kann jedem mal passieren. Wenn man die Situation bedenkt ... Nein, Prinzessin, dieser Fluch existiert nur in deiner Phantasie, und nur du selbst stehst dir im Weg. Der Wortlaut heißt doch am Anfang, daß drei der Mädchen heiraten und glücklich werden sollten. Denk mal an Ornella. Man muß die Interpretation schon ziemlich weit fassen, damit sie auf deine älteste Schwester paßt."

Calract schüttelte den Kopf: "Hmm, das eigentliche Problem liegt ganz woanders."

Alessandra sah den Zauberer mißtrauisch an.

Calract fuhr sinnierend fort: "Tja. Du bist die Goldene Königin, nicht wahr? Wer käme wohl für jemanden infrage, der an der Grenze zu göttlicher Macht steht? Ein Bauerntrampel hat die Auswahl unter zahllosen Mädchen seines Standes - Millionen. Du hingegen ... so viele passende Prinzen und Königssöhne gibt es nun mal nicht."

Alessandra war verwirrt und schwieg lange. Alles mögliche ging ihr durch den Kopf. Konnte das stimmen? Sie seufzte schwer. Schließlich sagte Calract: "Dann mach dich mal ans Bezahlen." Er lächelte versonnen, während Alessandra langsam ihre Kleider vor ihm fallenließ. Er musterte die nackte Frau von oben bis unten durch. Alessandra war von vollendeter Schönheit, mit edlen Gesichtszügen, großen dunklen Augen, einem langen Schwanenhals, knackigen Brüsten, langen Beinen und vollendeten Proportionen. Man sah ihr ihre Kraft an, dennoch waren ihre Bewegungen leicht und elegant.

"Nach dir, Mädchen." Er öffnete sein drittes Auge, und Alessandra zuckte leicht zusammen.

Scheu schlug die Weiße Prinzessin die Augen nieder. Nackt und verletzlich stand sie vor Calract, machte aber keinen Versuch, ihre Blöße zu bedecken. Langsam ging sie zu dem tempelartigen Haus hinüber.

"Setz' dich mal da auf die Treppen. Ich hole meinen Skizzenblock. Bevor ich zum großen Werk schreite, muß ich erst mal ein Gefühl für deine Körperproportionen bekommen."

Calract verschwand im Haus und kehrte einige Minuten später mit einiger Ausrüstung zurück. "So, jetzt setz' dich mal so hin ...", er zeigte ihr die gewünschte Pose, dann begann er mit gekonnten Strichen, sie zu skizzieren.

Er brauchte nur wenige Minuten. "So, sehr gut, Prinzessin. Und jetzt so ..."

Während er konzentriert zeichnete, murmelte er ständig vor sich hin. Er besaß die irritierende Fähigkeit, mit seinem Stirnauge Alessandra und gleichzeitig mit den beiden anderen Augen das Bild ansehen zu können. Dadurch konnte er ohne abzusetzen malen. Deswegen und auch infolge seiner Kunstfertigkeit ging es recht schnell.

"Sooo. Ja, das war's. Dann wollen wir mal. Komm' mal hierher. Da hin. Und jetzt hockst du dich so hin." Er machte es Alessandra vor. Die Prinzessin kniete im Halbschatten an einer efeuüberwachsenen Marmormauer, das eine Bein untergeschlagen, das andere aufgesetzt. Ihr Blick war wehmütig und ging entrückt in weite Ferne. Ihr Gesicht spiegelte Größe, Adel, Tragik und Schmerz. Calract war begeistert, sagte aber nichts, um sein Motiv nicht zu stören. Wie ein Besessener skizzierte er auf der fast mannshohen Leinwand die Umrisse, dann schnappte er sich die Ölfarben und warf ein Bild auf die Leinwand, das die Bezeichnung Meisterwerk wahrlich verdiente.

Es wurde dunkel, doch Calract war noch nicht fertig. Er ließ sein Stirnauge erstrahlen, um die Szene auszuleuchten, dann gab er seinem Werk den letzten Schliff. Schließlich trat er einen Schritt zurück, sah es sich noch mal an und rief dann: "Fertig."

Mit einem leisen Seufzer sank Alessandra zusammen. Stöhnend begann sie dann, ihre eingeschlafenen Glieder zu strecken. Calract trat auf sie zu. Er setzte sich neben sie und begann sie dann sanft zu massieren. Alessandra konnte nicht viel dagegen machen. Nach dem stundenlangen Posieren konnte sie sich kaum bewegen.

Mal ehrlich, dachte sie bei sich, es gefällt dir doch, oder?

Wohlig streckte sie ihre Beine, als Calracts warme Hände über ihre Haut glitten und sachte ihre Schenkel drückten. Schließlich schüttelte sie ihn aber ab und erhob sich.

"Danke, Alessandra." Ganz dicht stand sie vor ihm. Beinahe berührten ihre Brustwarzen seine Brust. Doch so verführerisch die Haltung auch war, Calract hatte dafür nur sein spöttisch-wölfisches Lächeln übrig. Er sagte: "Du wirst nicht jetzt mitten in der Nacht aufbrechen wollen. Hier ist der sicherste Ort der ganzen Welt. Du kannst also ruhig über Nacht bleiben." Er ging zum See hinunter und las Alessandras Kleider auf. Dann rief er seine drei Gärtner herbei und befahl ihnen, ein anständiges Abendessen herzurichten.

Als Alessandra die Dämonen sah, war sie schockiert. Man sah ihnen nicht mehr an, daß sie einstmals Menschen gewesen waren. Doch trotz ihres bizarren Aussehens waren sie friedlich und folgsam. Einer machte im Handumdrehen ein Feuer, die anderen schafften Brot, Früchte und Saft herbei, danach große Fleischstücke, die sie dann über den Flammen zu grillen begannen.

Calract kam wieder herauf und drückte der Prinzessin ihre Sachen in die Hand. Alessandra streifte sie sich über, dann setzten sich beide ans Feuer. Sinnierend starrten sie in die tanzenden Flammen.

"Was machst du eigentlich hier unten?", fragte Alessandra nach einer Weile.

"Urlaub", antwortete Calract. Er sah auf. "Ein gutes halbes Menschenleben habe ich von morgens bis abends geschuftet, um meinem Bruder den Thron eines Tages abnehmen zu können. Dann kam der Krieg, der Eisschirm, deine Leute - mein Bruder war in Wirklichkeit längst tot und was weiß ich was noch alles. Es ist fast ein Wunder, daß ich es trotz aller Fehlplanungen und Schwierigkeiten am Ende doch irgendwie geschafft habe. Man darf einfach niemals aufgeben. Aber jetzt will ich mich ausruhen. Es ist noch nicht vorbei. Thoran lebt zwar nicht mehr, aber die Schwarze Hexe vielleicht doch noch ... irgendwo. Ich muß vorbereitet sein, wenn sie eines Tages zurückkommt."

Dann bekommst du, was du verdienst. Alessandra erschrak über ihre eigenen Gedanken. Sie sah zu Calract hinüber, doch der hatte anscheinend nichts bemerkt.

Ausnahmsweise hat er mal nicht in meinen Gedanken spioniert. Oder er war so diskret, es nicht zu zeigen ...

Alessandras Blicke versanken wieder in den Flammen. Ihre Gedanken flossen davon, weit weg zu dem Mann ihrer Träume und daß sie ihn vielleicht nie finden würde ... aber sie wollte es wenigstens versuchen. Der Fluch hatte seinen Schrecken verloren. Was Calract ihr erzählt hatte, war ihr zunächst wie ein zynischer Witz vorgekommen, doch dann, als er sie gemalt hatte, hatte sie viel Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Der Zauberer hatte recht, so verrückt sich das auch anhörte.

Einer der Dämonen pflückte ein Stück des herrlich duftenden Bratens vom Spieß und hielt es Alessandra hin. Diese griff gerne zu und aß mit wachsendem Appetit.

Dann wurde sie müde. Calract lächelte ihr verstehend zu und führte sie in das Innere des Hauses zu einem bequemen Bett. Dann zog auch er sich zurück.

Während Alessandra in den Schlaf hinüberdämmerte, stellte sie sich vor, wie Calract zu ihr kam ... sie war fasziniert und abgestoßen zugleich von diesem Ungeheuer, das so freundlich und einfühlsam sein konnte. In ihrer Phantasie zog er ihre Kleider aus, machte sie mit seinem Zauber hilflos und vernaschte sie dann Stück um Stück.


Als Alessandra aufwachte, schien bereits die Sonne durch die kleinen Fenster. Sie stellte fest, daß sie immer noch angezogen war, wenn man ihre paar Sachen so nennen wollte, und daß Calract natürlich nicht bei ihr gewesen war. Sie schüttelte den Kopf über sich selbst ...

... aber so abwegig war das nicht. Was hat er noch gleich gesagt: ein Bauernbursche hat die Auswahl unter Millionen. Und du? Wer ist dir ebenbürtig? Kaum einer außer IHM doch, oder? Sie wurde rot und ärgerte sich über sich selbst.

"Ich glaube, ich sollte mal etwas im kalten Wasser baden", murmelte sie grollend vor sich hin. Sie lief aus dem Haus hinunter zum See, zog sich die Sachen aus und sprang wild entschlossen hinein.

Das Wasser war eiskalt. Fauchend stieß die Prinzessin unter Wasser die Luft aus und rette sich, so schnell sie konnte, wieder ans Ufer.

"Brrrr. Das ist ja lebensgefährlich!" Sie rubbelte ihre samtweiche, weiße Haut trocken, dann schlüpfte sie wieder in ihre Sachen.

Wo mag Phobos sein? Und die anderen?

"Hallo!" Doch niemand antwortete.

Halt! Das Bild! Bevor du wegreitest, muß du es dir unbedingt ansehen.

Sie ging zurück ins Haus, wo Calract das Bild im überdachten Innenhof abgestellt hatte. Von dort führte ein verschlossenes Portal hinab zum Unendlichen Land. Doch dafür interessierte sich Alessandra nicht. Sie betrachtete das Bild und war davon zutiefst fasziniert. Calract war ein genialer Künstler.

"Calract", flüsterte sie, "was könntest du der Menschheit alles geben. Stattdessen verbreitest du Angst und Schrecken. Warum nur? Du bist nicht ... böse. Oder?"

Man konnte den Zauberer nicht mit menschlichen Maßstäben messen. Doch letzten Endes zählte das, was er für andere Menschen bewirkte. Und das war in aller Regel furchtbar.


Alessandra verließ das Haus. Draußen hielt einer der Dämonen Phobos an den Zügeln. Calract stand an eine Säule gelehnt und lächelte. "Fast schade, daß du uns schon wieder verläßt. Übrigens, wenn du zurückreitest, dann vermeide den Weg zu weit nördlich. Ich habe gehört, dort soll ein Ungeheuer sein Unwesen treiben. Das wird dich natürlich erst recht anlocken, aber ich denke, die Leute dort werden damit allein fertig. Diesmal brauchst du die Welt nicht zu retten!"

Doch da kannte er Alessandra schlecht.

*

"Du kannst jetzt herauskommen!" Langsam drehte Calract sich um und fixierte eine Hecke, die eine zierliche Trockenmauer überwucherte. Es raschelte im Gebüsch, dann wurde die rabenschwarze Gestalt von BQMZ sichtbar. Scheu näherte sie sich dem Zauberer. Schließlich sagte sie: "Wer war diese Frau? Sie ist wunderschön."

"Das war Alessandra, die Goldene Königin, und wie du ja gestern selbst gesehen hast, ist sie unbekleidet noch viel schöner".

BQMZ zuckte leicht zusammen. "Du weißt ..."

"Aber, aber. Du glaubst doch nicht, daß hier auch nur eine Fliege eindringen kann, ohne daß ich das merke. Du schleichst schon seit ein paar Tagen hier herum und hast dich nur noch nicht aus der Deckung getraut." Er wandte sich dem Haus zu. "Komm' mit rein. Ich lasse meine Dämonen was zu essen holen, und dann können wir verhandeln."

Kurz darauf begann es zu regnen. Calract sah, daß es weiter im Norden, dort, wo Alessandra gerade sein mußte, sogar ein gewaltiges Gewitter gab. Es blieb aber warm, schließlich war Hochsommer. Trotzdem entzündete Calract den Kamin, um dort Fleischspießchen zu grillen, eine neue Angewohnheit, an der er aber sehr schnell Gefallen gefunden hatte. Er winkte die Piratin zu sich, und sie setzte sich im Schneidersitz neben ihn. Schweigend hielten die beiden ihre Spießchen über das Feuer und sahen zu, wie das Fleisch langsam gar und knusprig wurde.

"Was machen die Geschäfte?", fragte der Zauberer schließlich.

BQMZ zuckte mit den Schultern. "Nichts. Es ist alles aus. Ich weiß nicht, wie er das gemacht hat, aber Ósimo hat die ganze Küste unter seine Kontrolle gebracht. Die Piraten gibt es nicht mehr. Oder vielleicht weiter im Süden und auf den Inseln, keine Ahnung. Ich habe jedenfalls keine mehr gesehen und mußte mich die ganze Zeit versteckt halten."

"Schließlich bist du ja zum Tode verurteilt."

"Calract, ich ... ich möchte mich bedanken." BQMZs Stimme wurde leise und sie kämpfte gegen die Tränen. "Sowas hat noch nie jemand für mich ..." Sie holte tief Luft und rief dann entschlossen: "Aber ich werde trotzdem nicht deine Sklavin!"

Calract legte einen Arm um ihre Schulter. "Wenn wir gegessen haben, zeige ich dir mal was."


"Komm' mit." Der Zauberer erhob sich. BQMZ folgte ihm durch einen kurzen Korridor zu einer Tür. Calract schloß sie auf und trat hindurch. Vor der staunenden Piratin öffnete sich ein Zugang in die Tiefe, aus der ein geheimnisvolles Licht heraufschien. Staunend und fast scheu folgte sie Calract den schmalen Saumpfad an der Alabasterwand entlang nach unten.

"Alessandras Rüstung", erläuterte Calract beim Abstieg, als die beiden an dem Stalagmiten vorbeikamen, an dem die Weiße Prinzessin damals ihre Rüstung hatte ablegen müssen. BQMZ hielt einen Moment inne und betrachtete fasziniert die violette Eisvogelfeder, die auf dem Helm steckte. "Von der habe ich schon viel gehört", murmelte sie zu sich selbst.

Die beiden zwängten sich dann an der Wand entlang nach unten, wo immer noch die Skelette der Eingeweihten lagen. Kranos Tuurn hatte keine Zeit gehabt, sie wegzuräumen, und Calract ließ sie absichtlich liegen.

"Hier entlang."

Weiter ging es durch den Seitentunnel, der glänzenden Helligkeit entgegen. Und dann öffnete sich von BQMZ ein atemberaubender Anblick.

"Das Unendliche Land." BQMZ wollt weitergehen, doch Calract hielt sie zurück. "Kein Sterblicher kann es betreten. Und die meisten Unsterblichen auch nicht. Wer es dennoch wagt, wird nach wenigen Minuten zu einer Statue aus Gold." Er ging ein paar Schritte vor und stand schließlich auf dem Boden aus purem Gold. "Sieh her."

Aus dem Boden formten sich einige goldene Tropfen und flogen schließlich der Schwerkraft entgegen in Calracts Hand. "Das Unendliche Land gehört mir zwar nicht, aber ich kann es nutzen, soviel ich will." Er ging zu der Piratin zurück und gab ihr die Goldstücke.

"Du siehst, mein Reichtum übersteigt alles, was ein Mensch sich vorstellen kann. Es ist also gar nicht nötig, daß du meine Sklavin wirst. Aber da ich nur sehr wenige talentierte Leute habe, hätte ich dich gerne als meine Partnerin. Du baust deine Flotte wieder auf und übernimmst die Kontrolle über das Octavius-Meer, und ich finanziere dich und gebe deiner Flotte einen sicheren Hafen. Im übrigen dürfte die Sache besser laufen, wenn du dich dabei weniger als Piratin denn als Händlerin siehst. Was hältst du davon?"

"Ich ... äh", BQMZ machte eine Pause, dann meinte sie: "ich würde so gerne einmal das Unendliche Land betreten, nur für einen Augenblick."

"Du hast sogar ein paar Minuten, bevor du zur Statue wirst. Also nur zu."

Vorsichtig trat BQMZ an die vorderste Stelle, wo noch normaler Felsboden zwischen den Goldadern vorhanden war. Direkt dahinter begann das Unendliche Land. Vorsichtig setzte sie einen Fuß nach vorn und berührte dann vorsichtig mit den Zehenspitzen das Gold. "Es ist ganz warm", rief sie erstaunt. Mutig trat sie dann weiter hinein. Ihre rabenschwarze Haut bildete einen selten gesehenen Kontrast zu dem überall um sie glänzenden und leuchtenden Gold. Mit großen Augen blickte sie sich um, aber abgesehen von der Wand, aus der sie gekommen war, war nirgends ein Ende dieses Gebietes zu erkennen, nur die seltsamen Säulen und Strukturen, die verhinderten, daß man weiter als ein paar Kilometer blicken konnte. BQMZ fuhr mit den Fußsohlen über den unregelmäßigen Grund, dann hob sie einen Fuß vor das Gesicht und musterte die Sohle genau. "Kein Gold zu sehen."

"Wenn du es siehst, ist es schon zu spät. Alessandra konnte, als sie noch den Mondsplitter hatte, das Unendliche Land ebenfalls betreten, und sie hat sogar ein paar Statuen zu Menschen zurückverwandelt. Sie ist die Goldene Königin, aber ich bezweifle, daß ich dich zurückverwandeln könnte."

BQMZ verstand die Warnung und kehrte auf sicheren Grund zurück. "Danke, Calract. Es war schön, das einmal im Leben gesehen zu haben. Und was deinen Vorschlag angeht: abgemacht! Ich erobere für uns das ganze Octavius-Meer." Langsam, aber sicher, wurde sie von der Begeisterung für diesen Plan erfaßt und hatte es ziemlich eilig, wieder nach oben zu kommen. Den Rest des Tages besprachen die beiden die Einzelheiten, und Calract war von der Erfahrung und den kühnen Ideen dieser tatkräftigen jungen Frau sehr angetan.

*

Vielleicht war es ein böses Omen, aber kaum, daß Alessandra Calracts Garten verlassen hatte, setzte ein furchtbares Unwetter ein. Zuerst genoß Alessandra den warmen Regen und den Sturmwind, der an ihren Haaren und Kleidern zerrte, doch dann kam das Gewitter dazu. Blitz um Blitz zuckte vom Himmel auf die Geröllebene, in der weit und breit kein Deckung gebender Baum wuchs, kein Busch, nichts, was einem hätte Schutz gewähren können.

Der dröhnende Donner erschütterte den Boden, und Alessandra, die schließlich hinter einer Felsgruppe etwas Deckung gefunden hatte, fragte sich, woher diese gewaltigen Energien stammen mochten, die den Himmel zerrissen und die Erde erschütterten. Die sintflutartigen Regenmassen verwandelten das Steinland in eine riesige Schlammplatte, die mit beachtlicher Geschwindigkeit nach Südosten, zum Meer hin, abfloß. Alessandra hockte schließlich bis zu den Knien in der trüben Brühe, und als die endlosen Blitze sich schließlich ausgetobt hatten, nutzte sie die Gelegenheit, kletterte auf die Felsen und ließ sich vom immer noch heftig prasselnden Regen abwaschen. Das Wasser war kalt geworden, auch die Luft hatte sich stark abgekühlt. Nach der Bruthitze der letzten Wochen war das anfangs sehr willkommen gewesen, doch nun begann die Prinzessin zu frösteln.

Alessandra seufzte. Sie kauerte sich zusammen, schlang die Arme um die angezogenen Beine und wartete auf das Ende des Unwetters. Doch es dauerte noch fast zwei Stunden, bis die Sonne endlich wieder durchbrach. Dann aber verwandelte sich das Steinland in eine Sauna und Alessandra wünschte sich wieder die Kühle von vorher zurück. Doch man konnte es sich eben nicht aussuchen.

"Nach Norden also. Hmm ...", murmelte sie zu sich selbst. Selbstverständlich würde sie der Sache mit dem Ungeheuer auf den Grund gehen. In Gedanken ging sie die Landkarte durch. Ziemlich genau nördlich von hier lag einen knappen Tagesritt entfernt Tansir, die arcadische Hauptstadt. Aber vermutlich würde das Ungeheuer eher ein Dorf oder ein Wehrgehöft heimsuchen.

"Ich muß mich ein bißchen umhören."

Die Suche nach einem Ungeheuer, gegen das sie kämpfen konnte, lenkte sie ab von dem seltsamen Zeug, das Calract ihr über ihren Fluch erzählt hatte und von dem sie nicht wußte, ob der Zauberer sie hatte auf den Arm nehmen wollen, oder ob er die Wahrheit gesagt hatte ... Irgendwie spürte sie tief in ihrem Inneren, daß Calracts Worte zutrafen - und zwar aus einem Grund, der jedem, der Calract nicht so gut kannte wie sie, als völlig abwegig vorgekommen wäre. Calract war kein Mann, der viele Umstände machte. Wenn er ein Ziel verfolgte, dann stürmte er auf dem geradesten Weg darauf zu und fegte alles beiseite, was die Unverfrorenheit hatte, sich ihm in den Weg zu stellen. Lüge, Intrigen und Umwege waren im völlig fremd. Er betrog nicht ... Alessandra hatte für Calracts Auskunft bezahlt, das hieß für den Zauberer, daß seine 'Lieferung' einwandfrei sein mußte. Also hatte er die Wahrheit gesagt: der Fluch existierte nur in Alessandras Phantasie. Jedoch hatte Calract es auch nicht versäumt, die Prinzessin auf die technischen Schwierigkeiten der Partnersuche hinzuweisen, und genau das war es, worüber Alessandra im Moment nicht nachdenken wollte. Es war ihr klar, daß sie allein deshalb kaum einen Mann finden konnte, weil es so wenige Passende gab.

Sie kannte nämlich die meisten dieser Prinzen und Hoheiten, aber wenn sie sie im Geiste der Reihe nach passieren ließ, dann verspürte sie nicht den Wunsch, die Frau eines dieser Früchtchen zu werden.


Spät am Nachmittag stieß Alessandra auf einen befestigten Weg - den ersten Vorboten der nahen Hauptstadt. Und dann erreichte sie ein kleines Dorf, das, wie sie bald darauf erfuhr, Daga genannt wurde. Man empfing die Prinzessin, die auch hier jeder sofort erkannte, mit sehr gemischten Gefühlen - immerhin hatte sie den König dieser Leute getötet, und der nun regierende Kronrat verbreitete hauptsächlich Chaos. Einige der Dorfbewohner äußerten sogar laut und deutlich, man solle die Mörderin einfach aus dem Dorf werfen. Doch dann wurde es interessant. Der Wirt, in dessen Hof die Prinzessin sich einquartiert hatte, wollte sich wohl nur die Bezahlung nicht entgehen lassen - die Zeiten waren schlecht. Seine Frau aber hatte offensichtlich Angst. Sie rief: "Wir können sie in der Nacht nicht fortreiten lassen. Ihr wißt doch ... das ..."

"Das was?", hakte Alessandra sofort nach.

Einer der Männer rief dazwischen: "Na und. Wenn sie von dem Dämon gefressen wird, um so besser. Ihr haben wir schließlich unser Schlamassel zu verdanken!" Er spuckte auf den Boden und wandte sich ab.

"Dämon?", rief Alessandra. "Etwa ein Lunaloc-Dämon?"

"Nein, Herrin", rief der Wirt, "das ist nicht möglich. Diesen Dämon gibt es schon seit Menschengedenken. Bis jetzt hat er geschlafen, aber wir fürchten, daß er durch das Erdbeben aufgeweckt wurde, das uns hier kürzlich heimgesucht hat." Der Mann seufzte. "Uns bleibt aber auch nichts erspart. Und dann die Steuereintreiber des Kronrates ... kein König hat je so schlimm gewütet wie diese Pest."

"Sei still, Mann! Psst. Die Spione des Rates sind überall", zischte seine Frau ihn erschrocken an.

"Na und? Schlimmer kann es ja kaum noch kommen! Und außerdem sind sie bestimmt vor dem Ungeheuer geflohen. Die sind nur mutig, wenn es gegen kleine Leute wie uns geht!"

"Ich werde euch vor dem Dämon beschützen!", rief Alessandra entschlossen. "Sagt mir nur, wo ich ihn finde."

"Das wollt ihr wirklich tun? Aber das Ungeheuer ist gefährlich."

"Was macht es denn?"

"Nun, es spukt des Nachts durch die Straßen und Häuser. Wir leiden Todesangst. Keiner hat mehr eine ruhige Minute."

"Die Tiere!", rief die Wirtsfrau eifrig dazwischen. "Vergiß nicht die Tiere, Mann!"

"Ja, es reißt den Tieren die Köpfe ab und frißt sie dann."

"Die Köpfe?", fragte Alessandra.

"Nein, die Tiere."

"Und hat schon mal einer von euch versucht, das Ungeheuer zu vertreiben?"

Das hatte noch keiner gewagt. Der Wirt sagte: "Nach der alten Legende, die hier in der Gegend vom Vater zum Sohn weitergegeben wird, hat vor tausend Jahren ein edler Ritter den Dämon besiegt und in der Waldhöhle eingesperrt. Seitdem schläft das Ungeheuer Nun ist es erwacht, und ein mutiger und kühner Ritter wird es wieder besiegen und ... au!" Die Wirtsfrau hatte ihrem Mann, der sich sichtlich in Begeisterung geredet hatte, einen kräftigen Rippenstoß verpaßt. "Verzeiht, Herrin", sagte sie zu Alessandra, "aber wir können nicht zulassen, daß Ihr Euch für uns in Gefahr begebt."

"Jetzt kann sie mal zeigen, wie mutig sie wirklich ist", rief einer dazwischen. Alessandra überhörte es und sagte stattdessen: "Ich habe schon so viele Gefahren überwunden, ich habe keine Angst vor einem Geist, der Menschen nichts tut. Sagt mir nur, wo diese Höhle ist." Sie dachte an den Basilisken. Es war schlechterdings unvorstellbar, daß es etwas Schlimmeres geben konnte als das, was sie damals erlebt hatte.

Wie sich herausstellte, gab es im ganzen Dorf nur zwei Menschen, die je in ihrem Leben die Waldhöhle selbst gesehen hatten, und das nur als Kinder. Später hatten sie sich nicht mehr hingetraut aus Angst, versehentlich den Dämon zu wecken. Doch immerhin konnten sie den Weg so genau beschreiben, daß Alessandra sich zutraute, die Höhle zu finden. Und wenn doch nicht, dann fand der Geist vielleicht sie, und das war ja auch nicht schlecht.

"Ihr könnt aber nicht hinreiten", sagte einer der beiden Männer, die schon mal dagewesen waren. "Der Weg ist zu steil und geht mitten durch den Wald. Kommt, ich zeige es Euch, Hoheit." Sie gingen vor die Tür, das ganze Dorf auf den Fersen. Draußen wies der Mann nach Westen, wo einige ziemlich steile, mit dichtem Wald bedeckte Bergrücken aufragten. In der verlöschenden Abenddämmerung konnte man sie gerade noch einigermaßen gut erkennen. "Dort, auf der anderen Seite dieser Berge ..."

Alessandra stattete sich mit genügend Fackeln aus und wollte gerade aufbrechen, als eine kreischende Stimme sie herumfahren ließ.

"Aaahhhh der Geist. Seht nur."

Eine schwach leuchtende Gestalt schwebte am Eingang des Dorfes über die Straße und löste sich dann in Nichts auf. Alessandra lief auf die Stelle zu und untersuchte sie gründlich. Doch sie fand nichts. Was auch immer hier aufgetaucht war, es hatte nichts hinterlassen. Entschlossen machte die Prinzessin sich auf den Weg. "Paßt ihr nur solange gut auf mein Pferd auf."

"Lebt wohl, Hoheit. Alles Gute und viel Glück." Die Leute rechneten anscheinend nicht damit, die Prinzessin jemals lebend wiederzusehen.


Alessandra hatte sich einen Rucksack umgehängt, in dem sie genügend Fackeln für die ganze Nacht trug. In ihren Stiefelschäften steckten die beiden Wurfmesser und an ihrem Gürtel war das Schwert befestigt. Das sollte genügen, um gegen einen anscheinend recht harmlosen Geist anzutreten.

Der Weg führte steil bergauf. Teilweise mußte Alessandra auf allen Vieren über Wurzeln und Äste nach oben klettern, wobei sie die Fackel dann zwischen die Zähne nahm. Der Wald war so dicht mit Bäumen und Unterholz zugewuchert, daß man sogar tagsüber eine Fackel gut gebrauchen konnte. Ohne Licht wäre es jedenfalls aussichtslos gewesen, ein Eindringen zu versuchen. Immer wieder streckten sich abgestorbene Äste in den Weg, an denen man sich leicht die Augen ausstechen konnte. Es war kühl und naß. Die Blätter auf dem Boden waren glitschig, und mehr als einmal rutsche die Prinzessin auf ihren Stiefel aus. Schließlich zog sie sie aus und steckte sie zu den Fackeln in den Rucksack. Mit ihren Füßen fand sie viel besseren Halt an den Wurzeln und Steinen und kam relativ rasch voran. Doch es war spät in der Nacht, als sie endlich den Bergrücken erreichte und auf der anderen Seite wieder herunterstieg. Eine markante Schneise, Überbleibsel eines kürzlich von dem Erdbeben ausgelösten Bergrutsches, wies ihr den Weg.

Vorsichtig tastete sie sich Schritt um Schritt auf dem rutschigen Boden nach unten, als es plötzlich hinter ihr hell wurde. Alessandra fuhr herum, da traf sie ein fürchterlicher Schlag. Ein flammender Blitz hüllte sie für einen Moment ein und fegte sie davon. Sie flog den Abhang hinunter, während sie vor Schmerzen schrie und ihr Körper unkontrolliert zuckte.

Schwer atmend kam sie schließlich irgendwo zum Liegen. Jede Faser ihres Körpers tat ihr weh, und das nicht nur, weil sie beim Hinunterstürzen gegen jeden Baum, der im Weg gestanden hatte, geprallt war, sondern auch wegen der Energie dieses Blitzes. Noch immer waren ihre Muskeln völlig verkrampf. Mühsam rang sie nach Luft und ihr Herz schlug wild und unregelmäßig.

"Was ... war das?", stöhnte sie. Um sie herum war es stockfinster. Der Rucksack war natürlich weg, ebenso die Fackel, die sie in der Hand getragen hatte. Langsam kehrte das Gefühl in ihre Arme zurück und sie tastete nach dem Schwert. Erleichtert stellte sie fest, daß es noch da war. Doch als es hinter ihr erneut zu leuchten begann, da sackte ihr das Herz doch in die Hose beziehungsweise den Rock. Es war genau dasselbe Strahlen, das sie oben auf dem Bergrücken gesehen hatte, bevor ...

Sie versuchte auf die Beine zu kommen. Irgendwie klappte das auch, und sie taumelte davon und drückte sich in eine dunkle Ecke. Dann sah sie sich um. Fast sah es aus, als würde der Wald brennen. Zwischen den Bäumen strahlte taghelles Licht hindurch. Doch dann sah Alessandra es. Es war das Ungeheuer, das nun näher heranschwebte. Von ihm ging das helle Licht aus. Es schien sie zu suchen, denn es schwebte hin und her. Alessandra konnte schemenhaft den Kopf sehen - er sah aus wie ein Totenkopf - wie er aufmerksam den Boden zu mustern schien.

Alessandra langte nach unten zu ihren Wurfmessern, aber die stecken ja in den Stiefeln und die wiederum im Rucksack. Und wo der jetzt war, daß wußte höchstens dieser Dämon.

"Also gut, dann versuchen wir es eben so", sagte die Prinzessin leise zu sich. Sie zog ganz langsam das Schwert aus der Scheide, dann wartete sie, bis der Geist ihr den Rücken zuwandte. Mit einem gewaltigen Satz sprang sie los und hieb mit dem Schwert den Dämon mitten durch. Doch es klappte nicht. Zuerst sah es so aus, als würden die beiden Hälften tatsächlich auseinanderfallen, doch dann fügten sie sich wieder zusammen und verschmolzen miteinander. Der Dämon drehte sich um und blickte Alessandra an. Es war nur ein Augenblick, aber er schien sich zur Ewigkeit zu dehnen. Unter dem hellen Leuchten war ein skelettiert wirkender, tiefschwarzer, nackter Körper, der etwa 20 Zentimeter über dem Boden schwebte. Zwei blaßblaue, leuchtende Augen blickten die Prinzessin stumpfsinnig an. Dann öffnete das Ungeheuer seinen Mund und spie einen grellen Blitz aus. Alessandra konnte im letzten Moment ausweichen.

"Oh je." Verzweifelt sah sie sich um. "Da! Die Höhle!"

Unglaublich aber wahr - sie war genau dort gelandet, wohin sie gewollt hatte.

Mit einem Hechtsprung wich sie dem nächsten Blitz aus und stürmte in die Höhle. Wenn es eine Rettung gab, dann nur dort. Vielleicht fand sie das, mit dem der Geist vor dem Erdbeben gebannt gewesen war, und konnte es wieder aktivieren.

Die Ausführung dieser Idee erwies sich jedoch als äußerst kritisch. Sie hatte nämlich kein Licht! So würde sie nicht viel finden und wenn, würde sie nicht wissen, was es war. Das einzige Licht erzeugte der Geist, und wenn der nahte, dann wurde die Zeit verdammt knapp. Allerdings brauchte sich Alessandra darum keine Sorgen zu machen, denn der Geist war ihr dicht auf den Fersen.

Die Prinzessin hastete in den Berg hinein. Nach etwa 30 Metern und mehreren Biegungen weitete sich der Tunnel zu einer großen Höhle. Überall lagen riesige Steinbrocken herum, die von der Decke herabgestürzt waren. Im Hintergrund war eine Art Trennwand zu erkennen, die ebenfalls eingebrochen war. Dahinter aber gab es Licht. Alessandra sprang durch die gezackte Öffnung und entging nur knapp einem neuen Blitz des Ungeheuers.

"Ha! Das ist es!" Es war in der Tat recht einfach. Offenbar hatte der Ritter, der hier vor tausend Jahren den Geist gebannt hatte, Wert darauf gelegt, daß später Jedermann auf den ersten Blick verstehen konnte, was im Gefahrenfall zu tun sei.

Ein mit mystischen Symbolen und Pentagrammen reichverzierter sargartiger Kasten lag umgestürzt und offen auf dem Boden. Daneben lag ein Schwert, von dem das Licht ausging, das diesen Teil der Höhle erhellte. Im Deckel und Boden des Sarges war jeweils ein längliches Loch, durch das ursprünglich die Klinge des Schwertes gesteckt hatte. Auf der Empore, von der die Kiste durch das Erdbeben heruntergeschleudert worden war, setzte sich das Loch weiter fort. Man mußte nur die Kiste wieder richtig aufstellen und das Schwert hindurchstecken ...

Aber reicht das, damit der Geist dorthin zurückkehrt, oder muß ich ihn vorher besiegen und hineinlegen?

Alessandra lief zu der Kiste und schob sie auf die steinerne Empore. Aber zu mehr kam sie nicht, denn der Geist hatte sie gefunden. Sie hechtete zu dem leuchtenden Schwert und riß es hoch. Verwundert stellte sie fest, daß es kein Gewicht hatte. Es schien aus reinem Licht zu bestehen. Sie riß es hoch, doch da traf sie der Blitz des Dämons.

Eine halbe Ewigkeit rangen das Ungeheuer und die Prinzessin. Das Lichtschwert schluckte die Blitze, aber es wurde dabei heiß - glühend heiß. Alessandra schrie und wollte auf den Dämon losgehen, doch sie war wie gebannt. Ein Teil der elektrischen Energie war auf ihren Körper abgeflossen. Diese Energie war nicht nur dabei, ihre Handflächen zu verbrennen, sie lähmte auch ihre Muskeln. Schließlich schlug der Geist ihr mit einer letzten Kraftanstrengung das Lichtschwert aus der zitternden Hand. Er wollte sich auf die hilflose Prinzessin stürzen. Doch plötzlich wurde er von einer goldenen Aura eingehüllt. Er brüllte auf und wand sich. Das Leuchten wurde stärker, so grell, daß Alessandra die Augen schließen mußte. Da aber das Leuchten aus ihrem Herzen kam, sah sie dennoch alles, was geschah. Der Dämon verlor seine Kraft und sank zu Boden, wo er reglos liegenblieb.

Alessandras goldenes Leuchten erlosch wieder. Nur noch der fahle Schein des Lichtschwertes erhellte die Gruft. Und da verwandelte sich der Geist. Sein skelettierter Körper überzog sich mit Fleisch und Haut. Gleichzeitig verlosch langsam das Lichtschwert, so daß Alessandra immer weniger von dem unglaublichen Vorgang sehen konnte. Sie wollte näher herangehen, doch ihre Muskeln waren immer noch so verkrampft, daß sie umstürzte und hart auf dem Felsboden aufschlug. Sie biß die Zähne zusammen und versuchte wieder aufzustehen. Abstützen konnte sie sich nicht, da ihre Arme völlig gelähmt waren. Sie taten höllisch weh. Schließlich kroch die Prinzessin auf ihren Knien zu dem Lichtschwert und packte es mit den Zähnen. Nun endlich schaffte sie es, sich auf ihre Füße zu erheben. Mit zitternden Knien schleppte sie sich zu dem Geist hinüber, wobei sie sich mehrfach an der Wand abstützen mußte, um auf ihren Beinen, die ihr kaum gehorchten, das Gleichgewicht halten zu können. Mit rasendem Herzen und schweißüberströmt ließ sie sich schließlich neben dem Geist zu Boden sinken, denn sie wollte das, was hier geschah, auf keinen Fall versäumen.

Das Schwert glomm nur noch schwach, aber es war in seiner Nähe immer noch hell genug, um genau beobachten zu können, wie sich aus der vertrockneten Mumie ein menschliches Wesen formte - ein junger, stattlicher Mann!

Mit weit aufgerissenen Augen verfolgte Alessandra das unglaubliche Schauspiel. Das Lichtschwert fiel ihr aus den Zähnen, und als es unten auftraf, da schlug der Dämonenmann die Augen auf. Gleichzeitig erlosch das Schwert endgültig.

Völlige Finsternis hüllte Alessandra ein. Sie hörte das Blut in ihren Ohren rauschen. Was würde nun geschehen? Sie spürte eine Hand über ihre Beine tasten.

"Was ...?"

Die Stimme klang verloren. Irgendwie hatte Alessandra das Gefühl, daß dieses Wesen noch hilfloser war als sie selbst in diesem Moment. Verzweifelt versuchte sie, die Arme auszustrecken. Ein bißchen ging es, aber der elektrische Schlag hatte ihre Muskeln bis an die Zerreißgrenze gespannt. Jede Bewegung tat so höllisch weh, daß sich die Prinzessin einstweilen damit abfinden mußte, nichts unternehmen zu können.

Und meine Hände sind auch verbrannt. Au weia. Ich hätte doch auf Calract hören sollen.

Doch was würde der Geister-Mann als nächstes tun? Allmählich beruhigte sich ihr Puls wieder und sie hörte, wie der Mann suchend umhertastete und sich dann aufrichtete.

"He, du!" rief sie ihm zu. Ihre Stimme klang schrecklich heiser, fast erschrak sie über sich selbst. "Wer bist du eigentlich?"

Das war vielleicht keine sehr intelligente Frage, aber ihr fiel im Moment nicht besseres ein. Sie rollte sich auf den Rücken und streckte Ihren Körper Stück um Stück, wie sie es bei Gad'ta gelernt hatte. Allmählich kehrte das Gefühl in ihre gelähmten Beine zurück und sie machte vorsichtig ein paar Lockerungsübungen. Der Geist-Mann hatte sich seit ihrer Frage nicht mehr gerührt. Alessandra glaubte zu wissen, warum nicht: weil er nicht wußte, wer er war.

Immerhin hatte er hier 1000 Jahre schmoren müssen und war zur Mumie geworden. Wahrscheinlich war ihm sein Verstand dabei abhanden gekommen.

Alessandra versuchte, nun auch ihre Arme zu lockern, doch sie hatte so gut wie kein Gefühl darin. Immer noch bereitete ihr jede Bewegung, die sie versuchte, ziehende Schmerzen. Sie hoffte, daß es am nächsten Morgen besser sein würde. Doch im Moment war an Schlaf natürlich nicht zu denken. Neben ihr saß ein unheimliches Wesen, von dem niemand sagen konnte, was es als nächstes tun würde. Immerhin verhielt es sich im Moment friedlich, und darüber war Alessandra sehr froh.

Plötzlich wurde es wieder etwas hell. Diesmal kam das Glühen aus den Augen des Mannes. Alessandra zuckte zusammen, erst aus Überraschung, dann vor Schmerzen. Sie war durch den Kampf immer noch ziemlich lädiert.

"Hast du keinen Namen? Na gut. Ich bin jedenfalls Alessandra."

"A ... die Goldene Königin."

"Was?!" Alessandra fuhr zusammen und sprang auf die Füße. "Au." Sie taumelte ein Stück zurück, fing sich dann aber. Langsam wurde es besser. "Woher weißt du das?" Ihre Augen gewöhnten sich an das schwache Licht. Sie sah, daß sie direkt vor der Empore mit dem Sarg stand, und setzte sich erst mal hin.

"Ich weiß nicht. Du hast mich zurückgebracht. Du bist die Goldene Königin."

"Stimmt. Und? Mußt du mir nun dienen oder so?"

Der Geist-Mann schüttelte den Kopf. "Solitor", murmelte er. "Solitor. Das ist mein Name.". Mit glühenden Augen blickte er Alessandra an. "Aber das ist alles, was ich weiß."

Er erhob sich. "Tausend Jahre ... es war die Hölle. Der, der mich hier eingesperrt hat, ist schon lange tot, aber du bist da. Ich werde meine Wut an dir auslassen."

"Waaas? Ich ... äh, ich habe damit überhaupt nichts zu tun!"

"Ich weiß! Aber das macht nichts! Aber keine Angst. Ich werde dich ganz langsam töten."

Alessandra sprang auf. Derweil erschien in der Hand Solitors ein blauglühender Energieball, der sehr gefährlich aussah. Mit ausgebreiteten Armen schwebte Solitor auf Alessandra zu.

Diesmal ist es aus, Mädchen. Du kannst kaum laufen und nicht mal dein Schwert ziehen. Du hast keine Chance.

"Nein. Ich werde nicht so sterben." Sie sank auf die Knie und schloß die Augen. Und dann spürte sie die Kraft, die ihr reines Herz ihr verlieh, jene Aura, die nur die Goldene Königin besaß. Sie hüllte sie ein und heilte all ihre Wunden. Dann floß sie zu Solitor, der entsetzt zurückwich.

Das goldene Leuchten hüllte den Dämonenmann ein, um ihn zu befrieden, doch der wehrte sich verzweifelt. Schließlich erkannte Alessandra, daß sie ihn hätte töten müssen, und das wollte sie nicht. Sie hatte nichts mehr von ihm zu befürchten.

Das Leuchten erlosch und es wurde wieder finster. Mit einem feinen Lächeln auf ihren vollen Lippen ertastete sich die Goldene Königin ihren Weg durch die Dunkelheit ins Freie. Dort warf sie noch einen Blick zurück in die abgründige Schwärze der Höhle, dann machte sie sich auf den Rückweg. Der Mond war aufgegangen und leuchtete mit seinem fahlen Licht in den Bergwald, so daß Alessandra ihren Weg durch die Nacht fand.

Als sie das Daga erreichte, ging gerade die Sonne auf.


Sie war über und über mit Schmutz und Staub bedeckt und dazu natürlich todmüde, aber zuerst mußte sie die tausend Fragen der Dorfleute beantworten. Aber was sollte sie ihnen eigentlich sagen? Daß der Dämon sich in einen gutaussehenden jungen Mann verwandelt hatte und jetzt nicht mehr gefährlich war? Im Grunde hatte sie keine Ahnung, was Solitor jetzt tun würde. Vielleicht spukte er weiter herum. Sie beschloß, den Leuten die Geschichte so zu erzählen, wie sie sich zugetragen hatte. Sollten sie sich selbst einen Reim darauf machen.


Kaum einer glaubte auch nur die Hälfte von dem, was Alessandra erzählt hatte, doch das war der Prinzessin egal, denn sie war unmittelbar nach ihrer Erzählung tief und fest eingeschlafen.

Am Nachmittag wachte sie wieder auf, aß etwas und ruhte sich dann den Rest des Tages weiter aus. Einige der ganz Mutigen hatten in der Zwischenzeit die Höhle untersucht und dabei auch Alessandras Tasche gefunden, die sie nun zurückbekam.

Die Leute wußten nicht so recht, was sie von der Sache halten sollten, einigten sich aber darauf, daß die Prinzessin sie gerettet hatte und feierten sie die Nacht hindurch als Heldin.

Am nächsten Morgen verabschiedete Alessandra sich von den Dorfbewohnern und brach dann auf.

"Es geht nach Hause, Phobos!", rief sie übermütig, als sie endlich wieder im Sattel saß. Doch sehr weit kam sie nicht.


Alessandra saß am Rande eines Waldstückes unter einem ausladenden Baum und verspeiste ihr Essen, als ihr auffiel, daß Phobos unruhig wurde. Kurz darauf hörte sie es auch: heranrückende Soldaten.

Sie eilte zu Phobos, um ihn außer Sicht zu schaffen, doch es war zu spät. Der Trupp hatte sie bereits entdeckt. In wehendem Galopp preschten die etwa 20 Ritter auf sie zu und umzingelten sie.

"Na sieh mal an, wen wir da haben. Die Mörderin unseres Königs. Das wird den Kronrat aber ganz besonders freuen."

Alessandra, die ja bereits im letzten Krieg die 'Gastfreundschaft' der arcadischen Soldateska kennengelernt hatte, war jedoch nicht bereit, sich kampflos zu ergeben. Sie zog ihr Schwert. Doch zu mehr kam sie nicht, denn plötzlich fuhr ein greller Blitz aus dem Wald und streckte den Anführer des Trupps samt seinem Pferd nieder. Dampfend und zuckend blieben beide im Gras liegen. Der nächste Blitz fuhr in die Soldaten und hob drei von ihnen aus dem Sattel. Schreiend wälzten sie sich am Boden. Das wurde den anderen dann doch zu viel und sie nahmen panikartig Reißaus.

Solitor schwebte zwischen den Bäumen hervor, berührte vor Alessandra den Boden und verbeugte sich dann artig. "Stets zu Diensten, Hoheit."

"Solitor! Ich habe mich schon gefragt ..." Sie sah den Dämon erstaunt an. "Äh, wie komme ich zu der Ehre. Gestern wolltest du mich doch noch umbringen."

"Pah. Gestern war ich ziemlich mies drauf. Das war nicht so ernstgemeint. Außerdem hast du deine Goldene Aura ... du weißt schon ..."

"So, so. Ich verstehe. Nun ja. Jedenfalls Danke, daß du mich vor diesen Soldaten gerettet hast. Ich glaube, ich bin hier nicht sehr gerne gesehen."

Sie setzte sich wieder unter den Baum und kramte in ihrer Tasche herum, bis sie noch etwas Eßbares fand. Während sie aß, erzählte sie Solitor alles, was er so wissen wollte. Sie stellte dabei fest, daß der Dämonenmann selbst keinerlei Erinnerung an sein Leben vor tausend Jahren mehr besaß. Er wußte nur noch seinen Namen und, daß er lange in der Höhle gefangen gewesen war. Und an das Gesicht des Zauberers oder Ritters, der ihn damals besiegt hatte, konnte er sich noch vage erinnern.

Ein wenig wunderte sich Alessandra darüber, daß Solitor normale Nahrung zu sich nahm. Lunaloc-Dämonen, so wußte sie, ernährten sich hauptsächlich von der Kraft des Mondes, auch wenn sie sich nicht so recht vorstellen konnte, was das eigentlich bedeutete. Solitor war zwar nicht von dieser Art, aber dennoch ein Geist. Aber anscheinend war er inzwischen doch menschlicher geworden, als seine merkwürdigen Fähigkeiten vermuten ließen.

"Du hast gesagt, du hast schon viele Kämpfe gegen Dämonen ausgefochten", nahm Solitor den Gesprächsfaden wieder auf, nachdem er und Alessandra nach den Essen ein wenig geruht hatten.

Die Goldene Königin nickte. Sie ging zu Phobos, der friedlich graste, und hängte ihm ihre Provianttasche über, dann stieg sie auf und ritt langsam los. Solitor schwebte neben ihr her.

"Das stimmt. Eigentlich habe ich mich immer mit den Zauberern aus dem Schwarzen Königreich - dem Unendlichen Land - und ihren Dämonen herumärgern müssen. Besonders mit einem ..." Alessandras Blicke gingen in weite Ferne, als sie sich die Ereignisse wieder in Erinnerung rief. "Als junges Mädchen habe ich immer vom Unendlichen Land geträumt. Oft bin ich aus dem Palast ausgerissen, vor allem, nachdem meine Mutter gestorben war. Aber erst nachdem sich meine Schwester Ornella in den Schwarzen König verliebt hatte, kam ich zum ersten Mal richtig dorthin."

"Schwester?" fragte Solitor dazwischen.

"Ja. Wir waren vier, ich die zweitjüngste." Alessandra berichtete von dem Turnier, bei dem Simona mit dem Blauen König durchgebrannt war und Ornella ihr Herz an Thoran von Caair verloren hatte.

"Ornella und ich ritten heimlich in das Schwarze Reich. Ich glaubte damals, diese zwei Wochen seien die schönste Zeit meines Lebens. Aber inzwischen habe ich gelernt, daß die Welt der Sterblichen von der Welt der Unsterblichen besser getrennt bleiben sollte. Ein Ungeheuer in Menschengestalt namens Choru Ellis kam zwei Jahre später in den Schwarzen Palast und ermordete meine Schwester. Hätte ich sie nur nie dorthin gebracht. Wäre nur Thoran nie zu dem Turnier erschienen. Unsere ganze Welt sähe dann völlig anders aus."

"Und wie?", fragte Solitor neugierig.

Alessandra lächelte wehmütig. "Ach, weißt du, vielleicht wäre alles noch schlimmer gekommen. Mein Vater wollte uns vier auf dem Turnier verheiraten. Wenn ich mir überlege, ich wäre das Frauchen eines blasierten Prinzen oder Herzogs geworden" Und mit Calract hätten wir so oder so zu tun bekommen. Seine Dämonenarmee wäre früher oder später auf jeden Fall marschiert.

"Hmm", machte Solitor. "Du hast recht, ich kann mir das bei dir auch nicht vorstellen. Du bist die Goldene Königin, du bist die Herrin der ganzen Welt."

Alessandra zuckte leicht zusammen. "Nein!" rief sie dann energisch. "Alles, was ich will ist, den Menschen Frieden und Glück bringen. Ich habe die Macht dazu, aber nicht, die Welt zu beherrschen. Ich will es auch gar nicht. Ich will nur das Böse auslöschen." Sie seufzte. "Aber das wird eine schwierige Aufgabe. Mein Gegner ist kein geringerer als Calract, der größte und mächtigste Zauberer, den es gibt."

"Will er dich töten?"

Alessandra mußte unwillkürlich an ihren Besuch bei IHM denken. Nein, er hatte sie nicht getötet, sondern gemalt. Sie lachte, was ihr einen verständnislosen Blickt Solitors einbrachte. "Hmmm?"

"Verzeih! Das ist mir nur so rausgerutscht. Weißt du, ich komme gerade von Calract. Er hat mich nicht getötet, und er wird es auch in Zukunft nicht tun. Ich ... wie soll ich es erklären ... wir sind wie Feuer und Wasser - nein, das ist ein schlechter Vergleich. Calract ist nicht eigentlich böse oder schlecht, aber er ist das Gegenteil eines guten Menschen ..."

"Versteh' ich nicht. Ist er nun böse oder nicht?"

"Aus seiner Sicht sicher nicht. Oder ...?" Die Wesensart dieses Mannes war in der Tat schwer zu erfassen.

"Weißt du, Solitor, Calract kennt so etwas wie ein Gewissen nicht. Vielleicht ist es das, was ihn zu einem Ungeheuer macht. Wenn er Böses tut, dann weiß er genau, daß es böse ist, aber er kann es nicht fühlen. Es ... für ihn gibt es nur ihn selbst. Alles andere hat sich seinem Willen zu fügen. Dazu ist ihm jedes Mittel recht. Furchtbare Dinge hat er schon getan, Hunderttausende ins Unglück gestürzt. Dabei weiß er um die Schönheit, die Reinheit. Er hat in dem kahlen Felsland unten am Meer einen wunderbaren duftenden Garten erschaffen. Er mal meisterhafte Bilder, die ..."

"Er malt!?" unterbrach Solitor die Prinzessin ungläubig.

"Ja. Er ist ein begnadeter Künstler. Wenn es gelänge, auch sein Herz rein und fühlend zu machen, dann wären er und die ganze Welt erlöst. Aber ich fürchte, dazu reicht nicht mal die Macht der Goldenen Königin."

Einige Stunden zogen sie schweigend weiter. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Irgendwann sah Alessandra wieder auf und fragte: "Sag mal, willst du mich die ganze Zeit bis nach Hause begleiten, hmm?"

"Nach ... nach Hause ..." Solitor seufzte. "Wo ist mein Zuhause? Ich weiß ja nicht mal, wer ich bin."

Alessandra sah den Geistermann plötzlich sehr aufmerksam an. "Sag mal, Solitor, eins ist merkwürdig. Vor tausend Jahren, als du in die Höhle eingesperrt wurdest, hat man eine andere Sprache gesprochen als heute. Man würde sie zwar immer noch verstehen, aber ... Du sprichst unsere moderne Sprache. Wie kommt das?"

"Ich habe keine Ahnung. Ehrlich, ich weiß auch nichts von einer antiken Sprache." Er sah Alessandra mit einem seltsamen Blick an und sagte dann leise: "Ich glaube es ist besser, wenn ich jetzt gehe. Du hat ja selbst gesagt, die Sterblichen und die Unsterblichen sollen unter sich bleiben. Leb' wohl, Königin."

"Solitor! So warte doch."

Aber da war der seltsame Geistermann schon zwischen den Bäumen verschwunden. Alessandra blickte ihm noch eine ganze Zeitlang nach. Dann ritt sie langsam und nachdenklich weiter. Sie hatte so ein Gefühl, daß sie diesen Geist nicht zum letzten Mal gesehen hatte.

*

Es wurde schon dunkel, als Alessandra ein kleines Dorf erreichte. Sie zögerte hineinzureiten, denn sie wußte ja, daß sie in Arcadia nicht allzu beliebt war. Aber die Nacht im Wald zu verbringen hatte sie noch weniger Lust, denn die Zeiten speziell in diesem Land waren unsicher. Während das Weiße Königreich in tiefstem Frieden blühte und gedieh, machte sich hier das Fehlen des rechtmäßigen Königs in vielerlei Unsicherheiten bemerkbar. Die Steuereintreiber hatten so manche Familie ruiniert. Den Menschen war oft nichts Anderes übriggeblieben, als sich einer Räuberbande anzuschließen. Besser war es also auf jeden Fall, in einer Siedlung zu übernachten. Die Prinzessin sah zwar aus wie eine wilde, wunderschöne Amazone, aber sie hatte genug Geld mit sich, um für alles bezahlen zu können.

Das Dorf bestand aus einer kleinen Holzkapelle mit einem verwilderten Friedhof dahinter und einem guten Dutzend Gehöften, die auch schon bessere Zeiten gesehen hatten. Eine Straße im eigentlichen Sinne gab es nicht, man konnte überall entlangreiten, wo eben keine Häuser oder sonstige Hindernisse im Weg standen.

Alessandra ritt vorsichtig näher und spähte hinüber. Das Dorf wirkte verlassen. Nur vor einem der Häuser regte sich Leben: die Prinzessin sah drei junge Frauen. Eine von ihnen hatte wallendes, schwarz-violettes Haar und war gerade damit beschäftigt, die Wäsche abzunehmen, während die beiden anderen, eine platinblonde und eine mit kurzen hellbraunen Haaren, sich offenbar über irgend etwas stritten. Kurz darauf trat eine vierte Frau mit langem, mittelbraunem Haar aus dem Haus und mischte sich in die Auseinandersetzung der beiden anderen ein.

Alessandra hatte ein schlechtes Gefühl, aber sie kämpfte gegen ihre Unsicherheit an und ritt ganz offen in das Dörfchen ein. Sobald die vier Frauen ihrer gewahr wurden, hielten sie mit ihrer jeweiligen Tätigkeit inne und beobachteten sie mißtrauisch. Schließlich sprang Alessandra vom Pferd und trat vor die Vier hin: "Seid gegrüßt. Kann ich bei Euch übernachten?"

Die fünf musterten einander abschätzend. Alessandra bemerkte, daß ihre Gegenüber für Bauersfrauen ziemlich gepflegt aussahen. Sie trugen Kleider, von denen Alessandra erst nach dem zweiten Hinsehen glauben konnte, daß sie aus Seide waren. Ihre Gesichter waren geschminkt und sie trugen ziemlich wertvoll aussehenden Schmuck. Und sie waren parfümiert. Trotzdem machten sie auf die Prinzessin nicht den Eindruck von Edelfrauen.

Unter den Blicken, mit denen die vier Alessandra abmaßen, kam sich die Goldene Königin sehr klein und häßlich vor. Sie trug immer noch ihr Hemd und den Rock - in zahlreichen Gewitterregen gewaschen, aber dennoch verschwitzt und staubig. Im Gegensatz zu den gepflegten Frisuren der vier Frauen waren ihre Haare kaum gebändigt und wehten ihr um die Schultern, wie es dem Wind gerade gefiel. Dann das Schwert - eine Frau mit einem Schwert! Besonders lange ruhten die Blicke der Vier auf Alessandras schmutzigen Füßen. Eine barfüßige, halbnackt Wilde.


"Seht Euch diiiie an!", rief schließlich die Blonde. "Ha. Hat man so was schon erlebt. Unglaublich. So eine Jammergestalt wagt es, uns um Unterkunft zu bitten. Und dieser Dreck. Also ..."

"Du bist auch nicht hübscher, Annam", knurrte die Braunhaarige.

"Ohhh."

"Hört mal", rief Alessandra dazwischen, "ich kann euch bezahlen. Und außerdem bin ich nicht immer so schmutzig, jedenfalls nicht, wenn ich frisch gebadet bin."

"Pah! Verschwinde, los. Igitt. Am Ende bekommen wir auch noch die Krätze!", rief die Schwarzhaarige, doch sie wurde von der Braunen, die anscheinend das Sagen hatte, unterbrochen: "Du hast deinen Kopf auch nur, damit es nicht in den Hals reinregnet, Co'in. Sie hat gesagt, sie hat Geld. Das wird das Kalte Händchen sehr interessieren."

"Oh, ja, das habe ich ganz vergessen. Tut mir leid."

"Das sagst du immer", knurrte die vierte. "Ich weiß wirklich nicht, warum wir uns immer noch mit die abgeben, Co'in."

"Aber, aber - wir sind doch Schwestern", rief die Schwarzhaarige empört.

Die vier fingen wieder an zu streiten und die Dinge, die sie sich dabei an den Kopf warfen, trieben sogar Alessandra die Schamröte ins Gesicht - und sie war vom Felde einiges gewöhnt.

"Schluß jetzt!", brüllte die Braunhaarige schließlich. Sie wirbelte herum: Haaaaa!

Der Angriff traf Alessandra völlig überraschend. Nicht im Traum hätte sie damit gerechnet, daß die vier Frauen Hexen waren.

*

Als die Prinzessin wieder zu sich kam, lag sie gefesselt in einer finsteren Ecke eines Kellers oder gar einer Höhle. Ihr Schwert war weg - natürlich. Vorsichtig sah sie sich um. Sie fragte sich, was aus Phobos geworden sein mochte.

"Aha, wieder aufgewacht." Es war Co'in, die diese Feststellung traf. Das flackernde Licht einer Fackel warf unheimliche Schatten auf ihr hübsches Gesicht und ließ es einer Fratze ähnlich sehen.

"Mach bloß keine Geschichten. Bis das Kalte Händchen zurück ist, wirst du dich hier nützlich machen. Von mir aus hätten wir dich ja lieber gleich zum Bischof gebracht, aber die anderen haben gesagt, du sollst hierbleiben. Und wer paßt auf dich auf? Warum muß immer ich die Drecksarbeit machen, verdammte Scheiße!" Alessandra zuckte zusammen, als die junge Frau den Nagel ihres rechten Zeigefingers fixierte und sich dieser daraufhin in eine lange, scharfe Kralle verwandelte. Mit spitzen Fingern näherte Co'in sich der Gefesselten und begann vorsichtig, an den Seilen und Knoten herumzusäbeln, wobei sie sorgsam darauf achtete, sich nicht die Finger schmutzig zu machen. Schließlich fielen die dicken Schnüre zu Boden. "Komm jetzt bloß nicht auf dumme Ideen, sonst ...!"

Alessandra stand vorsichtig auf und massierte ihre taub gewordenen Glieder. Co'in musterte sie dabei mißtrauisch. "Los jetzt! Morgen kommt das Kalte Händchen wieder, und da wird ein Schwein geschlachtet." Sie lachte irre und rief dann: "Nein, ich meine nicht dich, du Schmutzfink, sondern eine richtige Wutz. Hier, nimm!" Sie drückte Alessandra ein Schlachtermesser in die Hand und trieb sie dann vor sich her aus der Zelle heraus. Eigentlich war es gar keine Zelle, denn es gab nicht mal eine Tür.

Unsicher ging die Prinzessin über den trockenen, staubigen Sandboden. Sie fragte sich, ob sie einen Fluchtversuch unternehmen sollte. Wahrscheinlich war diesen Hexen mit gewöhnlichen Waffen nicht beizukommen, aber sie hatte ja die Aura der Goldenen Königin. Einige Male hatte es schon geklappt, warum nicht auch jetzt?

Sie blieb stehen, drehte sich zu Co'in um, schloß die Augen und versuchte, mit der Reinheit ihres Herzens die Hexe zu erfassen und diese Reinheit und Liebe auf sie zu übertragen.

Mit großen Augen musterte Co'in, wie Alessandra sich in eine goldschimmernde Sphäre hüllte. Diese Aura hatte eine eigenartige Ausstrahlung, und sie breitete sich langsam aus. Co'in versuchte einen Zauberspruch dagegen, doch er bewirkte nichts. Sie wich ängstlich bis an die Wand zurück. Die Aura folgte ihr noch ein Stück, doch dann begann sie wieder zu schrumpfen und fiel einen Moment später in sich zusammen. Mit großen Augen blickte Alessandra zu Co'in hinüber. "Warum ... warum hat es nicht gewirkt?"

Die Schwarzhaarige war genauso verwirrt wie Alessandra. Doch sie handelte rasch. Mit einem pfeifenden Geräusch flog von der Seite der Strick heran, mit dem Alessandra gefesselt gewesen war, und schlang sich erneut um die Prinzessin. Mit glitschigen, schlangenartigen Bewegungen verschnürte er sie, erst dann wich das unheimliche Leben aus ihm und er wurde wieder ein ganz normaler Strick. Co'in nickte zufrieden, dann lief sie eilends davon.

Es war für Alessandra nicht schwer zu erraten, wohin die junge Frau wohl rennen würde. Verzweifelt suchte sie nach einer Fluchtmöglichkeit. Aber das war nicht so einfach. Sie war so gut gefesselt, daß sie sich kaum bewegen konnte. Immerhin war ihr Kopf frei, und so konnte sie sich recht gut umsehen. Und ihr erster Blick fiel auf das Schlachtermesser, das aus ihrer Hand gefallen war und nun neben ihr auf dem Boden lag. Co'in hatte es in der Eile übersehen. Aber es nutzte der Prinzessin nicht viel. Ihre Hände waren so fest an ihren Leib gebunden, daß sie sie nicht gebrauchen konnte.

Da kam ihr eine Idee. Die Beine waren zwar ebenfalls gefesselt, aber die Füße schauten frei heraus. Es reichte bei weitem nicht, um vielleicht das Messer mit den Zehen zu greifen und die Schnüre zu durchschneiden - dafür war das Messer zu groß und der Bewegungsspielraum zu gering. Aber - sie konnte das Messer unter dem Sand verstecken. Vielleicht rettete es ihr später mal das Leben. Sie robbte mühsam so weit nach vorn, daß ihre Füße neben das Messer gerieten, dann scharrte sie den Sand beiseite, schob das Messer in die Mulde und beförderte den Sand dann wieder zurück. Jetzt konnte sie nur noch hoffen, daß die vier Hexen nicht mehr daran dachten.

Schon hörte sie die Stimmen der vier, und dann kamen sie auch schon um die Ecke gestürmt, diesmal in Begleitung eines Mannes, der eine sehr merkwürdige Uniform trug. Doch Alessandra kam nicht dazu, darüber zu sinnieren, woher sie diese Art Kleidung kannte, denn als ersten verpaßte die Braunhaarige ihr einen kräftigen Tritt, der ihr die Luft aus dem Leib trieb.

"Wer bist du? Du bist eine verdammte Hexe, stimmt's? Rede, sonst lasse ich dich bei lebendigem Leib in Stücke schneiden."

"Das würde mein Gebieter niemals zulassen", murmelte der Uniformierte dazwischen. Seltsamerweise zeigten die vier Schwestern vor ihm einen gehörigen Respekt und beruhigten sich wieder. Der Uniformierte murmelte weiter: "Ihr vier blöden Weiber seid wirklich nur für niederste Aufgaben zu gebrauchen, wenn ihr nicht mal wißt, daß das die Goldene Königin ist. Meinem Herrn und Gebieter, dem Bischof, wird das nicht gefallen."

"Äh, Moment, wartet mal, ehrenwerter Erro", rief die Braunhaarige nervös. "So war das doch nicht gemeint. Wir wollten..." "Sie darf auf keinen Fall entkommen. Sie wird uns große Macht und Reichtum schenken", flüsterte Erro mit seiner heiseren Stimme, ohne auf die Worte der Frau auch nur im Geringsten einzugehen. "Ihr dürft sie keinen Moment aus den Augen lassen. Wenn ihr versagt, wird der Bischof euch grausam bestrafen, das wißt ihr!"

"Wir wissen es", erwiderten die vier kleinlaut.

"Gut. Wir überlassen es dem Kalten Händchen, die Gefangene morgen oder übermorgen zum Bischof zu transportieren. Euch traue ich das nämlich nicht zu."

Die vier Schwestern wirkten betroffen und wagten nicht zu widersprechen. "Wie Ihr befehlt, ehrenwertet Erro."

"Gut. Ihr habt also verstanden - ausnahmsweise. Ich werde noch heute nacht zum Bischof reiten und ihm die Beute annoncieren. Und vergeßt nicht: laßt sie nicht mehr aus den Augen!"

Die vier bestätigten den Befehl eifrig. Erro wandte sich daraufhin um und schlurfte davon.

Die Schwestern sahen sich unsicher an. Alessandra sah eine schwere Nacht auf sich zukommen, denn sicher würden sie ihr nun die Schuld an ihrem Ärger geben. Inzwischen war ihr auch eingefallen, woher sie diese rote Uniform kannte, die Erro getragen hatte: es war eine der Mönchsuniformen aus den Kirchenstaaten.

Die Kirchenländer waren das östliche Nachbargebiet von Arcadia-Land, eine weltabgeschiedene Gegend, in dem fanatische Priester und Mönche die Bevölkerung mit der Furcht vor Dämonen und Teufeln terrorisierte. Daß es nämlich auch anders ging und man Dämonen und Teufeln entgegentreten konnte, das wußte keiner besser als Alessandra. Doch die Kirchenstaaten waren weit und sie hatte sie nie darum kümmern können. Was nun einer ihrer Bischöfe hier in Arcadia, nicht weit von der Weißen Grenze, zu suchen hatte, war ihr allerdings schleierhaft. Aber vielleicht würde sie es von ihm selbst erfahren.

"Also", hörte sie schließlich Annam entschlossen ausrufen, "ich bleibe auf keinen Fall die ganze Nacht in diesem Loch."

"Genau. Wir wechseln uns ab. Co'in fängt an. Tschüß."

Und weg waren sie, bis auf die schwarzhaarige Co'in, die ihnen wütend nachblickte. "Wenn die nicht in spätestens zwei Stunden wieder hier sind, dann ..."

"Dann was?", fragte Alessandra amüsiert. "Du darfst doch nicht weg hier, also kannst du sie nicht holen gehen."

Co'in ballte wütend ihre schmalen Fäuste und blickte Alessandra finster an. "Dir war das Lachen schon noch vergehen. Warte nur, bis das Kalte Händchen kommt. Mit dem ist nicht zu spaßen."

Warum, das erfuhr Alessandra gleich darauf, nachdem sie fragte: "Wer ist dieses Kalte Händchen eigentlich?"

Co'in seufzte und ihre Augen bekamen einen verliebten Blick, als sie antwortete: "Er nennt sich selbst so, wegen seiner künstlichen Hand aus Silber, die er seit vier Jahren trägt. Er ist sooo ein tapferer Mann. Die meisten hätten nach so was aufgegeben, aber er nicht. Er hat sich bis ganz nach oben durchgeboxt von ganz unten als kleiner Dieb in Ganda, wo diese Hexe ihm bei Nacht und Nebel die Hand abgehackt hat."

Alessandra zuckte zusammen. Sie erinnerte sich ... kein Zweifel - sie wußte, wer der Mann war, der sich nun das Kalte Händchen nannte. Sie war ihm schon mal begegnet. Vor ihrem inneren Auge lief die Szene nochmals ab, wie sie mit Ornella durch das Fürstentum Ganda geritten und dabei von zwei Räubern überfallen worden war. Der eine war geflohen, dem anderen hatte sie selbst im Kampf mit einem Hieb ihres Schwertes die Hand abgetrennt.

Oh je. Jetzt sieht es aber schlecht aus. Wenn er kommt, wird er mich bestimmt sofort erkennen und dann...

Co'in plapperte munter weiter, doch Alessandra hörte nur noch mit halbem Ohr zu. Anscheinend hatte nicht nur dieser seltsame Bischof, sondern auch der einhändige Räuber die verworrenen Zustände in Arcadia-Land genutzt, um sich 'hochzuarbeiten'. Offenbar war hier eine unheilige Allianz zwischen einem Dämonenjäger und einem Schwerverbrecher entstanden, die beiden Seiten hohe Gewinne einbrachte.

Ich muß unbedingt sofort hier raus. Irgendwie muß ich Co'in dazu bringen, mich loszubinden.

Vorsichtig begann sie ein Gespräch mit ihrer Wärterin. Doch Co'in zeigte sich abweisend. Sie hatte für Alessandra nur Verachtung übrig.

Sie hat ein rabenschwarzes Herz. Deswegen wirkt auch die Goldene Aura nicht. Aber was mache ich denn jetzt nur?

"Was ist mit dem Schwein, das ich schlachten sollte?"

"Pah! Du willst doch nur, daß ich dich losbinde, um dann verschwinden zu können. Aber so blöd ist Co'in nun auch wieder nicht", antwortete die Hexe und schüttelte ihre prächtige schwarze Mähne.

Doch, Co'in, du bist so blöd. Sonst hättest du nämlich spätestens jetzt an das Schlachtermesser gedacht, das dir abgeht. Aber das sagte Alessandra natürlich nicht laut.

Aber es nutzte alles nichts. Zwar kamen Co'ins Schwestern nicht, um sie abzulösen, sie selbst jedoch blieb auf dem Posten und schlief auch nicht ein. Alessandra hatte so gut wie keine Chance - doch die nutzte sie. Gad'ta hatte ihr Wege der Körperbeherrschung gewiesen, die sich ein naives Mädchen wie Co'in sicher nicht einmal vorstellen konnte. Millimeter um Millimeter arbeitete Alessandra sich aus den Fesseln heraus. Sie brauchte dafür die ganze Nacht, doch schließlich war es soweit geschafft, daß sie die restlichen Stricke in einem Augenblick abschütteln konnte. Nun mußte sie nur noch darauf warten, daß Co'in mal für einen Moment abgelenkt war. Endlich war es soweit, und es geschah auf eine Weise, die irgendwie bezeichnend war für die Art, mit der die vier Schwestern miteinander umgingen.

Es tauchte nämlich keine von ihnen in Sichtweite auf, nur die laute Stimme von Annam war zu hören, die hinunterbrüllte: "Er kommt gleich." Co'in fuhr zusammen und blickte voller gespannter Erwartung den Gang entlang. Das war Alessandras Chance. Sie entfesselte sich mit einer geschmeidigen Bewegung endgültig, griff nach dem Messer im Sand, stürzte sich auf die völlig überraschte Co'in und hielt ihr das Messer an die Kehle.

"Los, bring' uns raus hier!"

In Co'ins Augen spiegelten sich das nackte Entsetzen und Todesangst. Sie war im Moment zu keiner Handlung fähig. Doch die weitere Entscheidung wurde Alessandra abgenommen, denn sie hörte polternde Schritte. Einen Moment später erschienen die drei übrigen Schwestern, und hinter ihnen das Kalte Händchen. Dieser stieß die drei Frauen rücksichtlos zur Seite und trat vor.

Er starrte Alessandra an und diese konnte förmlich zusehen, wie es in seinem Kopf tickte. "Duuuuu?", röhrte er mit seiner heiseren Stimme. Er holte tief Luft, und in seine Augen trat ein fanatischer Schimmer. "Auf diesen Tag habe ich lange gewartet." Alessandra stieß Co'in weg und stellte sich dem Räuber entgegen. Dieser hob seine silberne rechte Hand hoch, und ein roter Energiestrahl schoß daraus hervor. Doch er traf nicht Alessandra - er war gar nicht auf sie gezielt, sondern hüllte Co'in ein.

Die junge Frau schrie gellend auf, doch das Kalte Händchen ließ erst von ihr ab, als sie brennend zusammenbrach.

"Das ist bei uns die Strafe für Versager", rief der Räuber höhnisch.

"Co'in!" schrie Alessandra und war sich schützend über sie. Die Goldene Aura hüllte die dem Tode geweihte Frau ein, die sich in der Sekunde ihres Todes nicht mehr dagegen wehrte, und heilte alle Wunden.

Alessandra half ihr schließlich auf. "Laß wenigstens sie gehen."

"Sehr beeindruckend. Eigentlich sollte ich das mit dir auch machen, aber das will der Bischof nicht. Aber wenn er mit dir fertig ist, Prinzessin, dann gehörst du mir. Und was die da angeht, du hast sie umsonst gerettet." Er spuckte auf den Boden, dann wandte er sich um und befahl: "Fesselt sie beide und bringt sie dann hoch. Oder halt. Mit Co'in habe ich noch was Besseres vor."


Alessandra hallten die Schreie der jungen Frau noch lange in den Ohren nach, aber gegen die Macht der Hexen konnte sie nichts unternehmen. Man hatte sie wieder verschnürt und dann in eines der leerstehenden Häuser geworfen, das von Räubern aus der Bande bewacht wurde - allerdings von außen, sonst wäre es Alessandra wohl nicht anders ergangen als Co'in.

Später öffnete einer die Tür. Zwei Männer trugen die bewußtlose Frau hinein und ließen sie einfach auf den Boden fallen. Ihr nackter Körper war blutüberströmt. Mit sicherem Blick erkannte Alessandra, daß einige Knochen gebrochen waren. Und natürlich war sie an Händen und Füßen gefesselt.

Dafür wirst du bezahlen, Kaltes Händchen, schwor Alessandra sich.

Eilig machte sie sich daran, sich erneut den Fesseln zu entwinden. Sie wußte, daß es viele Stunden dauern würde, aber diese kleine Hoffnung war immer noch besser als nichts zu tun. Außerdem verhinderten diese Übungen, daß ihre Glieder einschliefen und steif wurden.

Draußen versammelten sich die Räuber und brieten das Schwein, von dem Co'in gesprochen hatte. Alessandra bekam alles durch die Bretterwände mit. Hunger und Durst machten sich in ihr breit, denn natürlich dachte keiner auch nur im Traum daran, ihr etwas zu bringen. Doch wenigstens ließen sie sie in Ruhe. Und am späten Nachmittag war Alessandra wieder frei. Sie wunderte sich, daß man sie nicht besser bewacht hatte, nachdem es ihr ja schon einmal gelungen war, sich zu befreien.

Aber wie auch immer ... Alessandra erhob sich leise und schlich zu Co'in hinüber. Entsetzt stellte sie fest, daß sie tot war. Auf eine nähere Untersuchung der Leiche verzichtete Alessandra. Sie wollte lieber gar nicht so genau wissen, woran die Hexe gestorben war.

Plötzlich kam ihr eine Idee. Sie schlug sich mit der Faust an die Stirn, daß sie nicht schon früher daran gedacht hatte. Der Ring ... Sofrejans Ring! Mit ihm konnte sie Hilfe herbeiholen. Ob die noch rechtzeitig eintreffen würde, war eine andere Sache. Aber es war allemal besser, als willig zur Schlachtbank zu gehen.

Da nur Würdige den Ring sehen konnten, hatten die Hexen und der finstere Räuber ihn nicht bemerkt. Alessandra fragte sich, ob Calract ihn wohl sah. Aber das war jetzt unwichtig. Sie überlegte:

Simona ist im Blauen Land, viele Tagesreisen von hier. Der zweite Ring ... Isini hatte ihn getragen. Damit war die Frage, ob Calract diese Ringe sehen konnte, wahrscheinlich beantwortet. Und nicht nur das. Alessandra wußte es zwar nicht sicher, aber sie hätte jede Wette gehalten, daß der Zauberer diesen Ring nun besaß. Blieb noch der Dritte, der Olivia gehörte. Die Sonneninsel war mindestens drei oder vier Tagesritte weit weg. Dennoch - es war ein Hoffnungsschimmer. Und so zog Alessandra den Ring vom Finger und legte ihn sich auf die Handfläche.


Die Tür ging auf, und einer der Räuber trat ein. Er trug einen Krug mit Wasser und ein Stück Brot. Hinter ihm schlurfte das Kalte Händchen mit schwankenden Schritten her. Er war offenbar stockbesoffen. Alessandra machte einen Hechtsprung auf den völlig überraschten Räuber und schlug ihn nieder. Seinen Chef streckte sie mit einem schwungvollen Tritt zu Boden. Geschickt fing sie den Krug auf, bevor er am Boden zerschellen konnte, und schüttete gierig das Wasser in sich hinein. Da traf sie ein fürchterlicher Schlag von hinten, und sie brach ohnmächtig zusammen.

Als sie am nächsten Tag wieder zu sich kam, tat ihr alles weh. Und natürlich war sie wieder gefesselt. Das Kalte Händchen lag ihr gegenüber auf einer Hängematte und blickte sie finster an.

Verdammt. Es ist doch nicht so leicht, diesen Burschen zu entkommen. Was sie jetzt wohl vorhaben?

Die Stunden vergingen ereignislos. Die Räuber scheuchten die drei verbliebenen Hexen herum. Diese schimpften und protestierten zwar heftig, doch es war offensichtlich, daß sie hier nichts zu sagen hatten. Wovor sie aber trotz ihrer Zauberkräfte solchen Respekt hatten, das erfuhr Alessandra erst am Abend.

Hunger und Durst quälten sie wieder, der Tag war sehr heiß gewesen, und das Kalte Händchen hatte allen verboten, ihr etwas zu geben. Dazu kamen die ständigen spöttischen Bemerkungen der drei Hexen. Alessandra hatte nicht erwartet, daß sie große Trauer über den Tod ihrer Schwester zeigen würden, aber daß sie so ungerührt darüber hinweggingen, erschütterte sie doch.

Und dann kam der Bote. Eigentlich war es schon eher ein Vorauskommando, geführt von dem ehrwürdigen Erro. Vier Mönchssoldaten hatte er bei sich. Und er benahm sich, als ob die Hexen und die Räuber seine Vasallen seien. Er ließ sie antreten und putzte sie dann erst mal herunter. Warum sie sich nicht gewaschen hätten? Ob sie keinen Respekt mehr vor dem Bischof hätten? Warum hier alles so dreckig sei? Und so weiter. Er war es schließlich auch, der Alessandra losband und ihr zu Essen und Trinken gab. Nicht aus Mitleid, sondern, damit der Bischof sie noch lebend vorfand.

Daß sie floh, fürchtete er anscheinend nicht. Alessandra vermutete, daß er es wirksam verhindern konnte, auch wenn sie nicht wußte wie. Auf jeden Fall versuchte sie es nicht mehr.

Es wurde Nacht. Mit gespannter Erwartung blickte jedermann nach Norden, von wo der Bischof kommen mußte. Langsam wurde es dort hell. Verwirrt versuchte die Prinzessin, etwas zu erkennen. In der Ferne hörte sie Hufgetrappel und das Schnauben zahlreicher Pferde. Es mußte eine große Prozession sein, die sich ihnen näherte. Woher das strahlende Licht kam, das nun schon deutlich durch den Wald schimmerte, konnte Alessandra jedoch noch nicht erkennen.

Plötzlich kam Unruhe in die Reihe der Räuber. Alessandra drehte sich um und bekam große Augen, als sie einen Reiter sah, der sich in wehendem Galopp dem Dorf näherte.

"Was ist denn da los?", brummte das Kalte Händchen und griff nach seinem Schwert. Währenddessen erkannte Alessandra den Reiter: es war kein anderer als Solitor. Und er ritt auf Phobos!

"Alessandra! Halte aus. Gleich bin ich bei dir!" brüllte er.

Die Räuber fuhren herum und griffen nach ihren Waffen. Einige, die besonders schnell von Begriff waren, rannten schon zu ihren Pferden hinüber. Solitor schleuderte den vordersten Räubern einen Blitz entgegen, der sie von den Beinen fegte. Alessandra wollte sich losreißen, doch Erro legte geistesgegenwärtig einen Strick um ihren Hals und zog zu. Solitor fegte wie ein Dämon durch die Reihen der Räuber, doch da stellten sich ihm das Kalte Händchen und die drei Hexen entgegen. Es entspannte sich ein höllisches Duell. Solitor flog in die Luft und ließ Phobos davonlaufen, während er Blitz um Blitz gegen die vier warf. Doch die Zauberkräfte der Hexen wehrten sie alle ab. Die Anführerin schrie einen Zauberspruch, und einen Augenblick später brach ein donnerndes Gewitter und ein fürchterlicher Sturm über dem Dorf los. Das Kalte Händchen verschoß gefährliche Energiestrahlen aus seiner Silberhand. Alessandra sah, wie Solitor nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte und voll getroffen wurde. Er schrie gellend auf und stürzte zu Boden. Sofort stürzten sich die Hexen auf ihn, doch er sank in den Boden ein und war erst mal verschwunden.

Die zweite der Hexen ließ nun die Bäume lebendig werden und mit ihren Wurzeln im Erdreich nach dem Geister-Mann wühlen. Wenn sie ihn dort erwischten, dann würden sie ihn sicherlich zermalmen. Doch Solitor drehte den Spieß um. Er schlüpfte in einen der Bäume und verschoß von dort einen Blitz auf die Hexe. Da sie selbst die Bäume verhext hatte und mit ihnen also in enger Verbindung stand, konnte sie sich dagegen nicht schützen. Der Blitz traf sie voll. Einen Sekundenbruchteil lang glaubte Alessandra, das Gerippe der Hexe durchscheinen zu sehen. Dann brach sie rauchend zusammen.

Die Übriggebliebenen ließen sich davon jedoch nicht aufhalten. Mit eigenen Kräften durchpflügten sie nun den Boden. Annam verhexte die niedergestreckten Räuber und ließ diese ebenfalls den Boden durchwühlen. Geisterhaft schwirrten die Untoten umher, mal waren sie weg, dann tauchten sie wieder auf. Alessandra hatte die ganze Zeit den Strick um den Hals, während zwei andere Priester sie hastig fesselten.

In einer grellen Entladung, die die Untoten zu Boden warf, schoß Solitor aus dem Erdreich hervor. Er atmete schwer, doch er war noch nicht besiegt. Aber er bekam keine Atempause. Das Kalte Händchen jagte ihn mit einer Serie von Schüssen durch die Gegend. Vielleicht hätte er ihn erwischt, doch da kam plötzlich Phobos herangeflogen und stürmte wie ein Racheengel durch die Reihen der Räuber auf die zwei verbliebenen Hexen und den Anführer zu. Diese drei waren einen Moment lang verwirrt, und da war der edle Hengst auch schon über ihnen. Es ging alles blitzschnell. Mit einem einzigen Huftritt zerschmetterte Phobos das Rückgrat des Kalte Händchens, dann galoppierte er so schnell davon, daß niemand ihn mehr einholen konnte. Alessandra war sprachlos.

Solitor erledigte derweil Annam und die dritte Hexe. Allein waren sie keine Gegner für ihn. Aber ...

... ein greller Bannstrahl erfaßte den Geistermann und streckte ihn zu Boden. Der Bischof war da.

Alessandra fuhr herum, soweit ihre Fesseln das zuließen.

Die strahlende Helligkeit, die von dem Lichtschwert in den Händen des Bischofs ausging, ließ die Prinzessin sein Gesicht genau erkennen. Sie erschauderte, denn es war das Gesicht einer Mumie. Aber fast noch schlimmer war der irre Glanz in seinen Augen.

Dieser Mann war zu allem fähig. Und das Schwert ... Alessandras Herz stand einen Moment still, als sie erfaßte, daß es genauso ein Schwert war wie das, das sie in Solitors Höhle vorgefunden hatte. Das Schwert dort war nach all den Jahrhunderten erloschen, aber dieses hier hatte noch seine volle Kraft. Und diese Kraft kontrollierte der Bischof. Deswegen fürchteten ihn alle so!

Der Bischof trat langsam auf die Prinzessin zu. Seine Augen schienen sie zu durchbohren, seine vertrockneten Lippen zuckten leicht. Als er nur noch einige Schritte vor der Prinzessin stand, öffnete er seinen Mund, um etwas zu sagen. Da traf ihn ein greller Blitz. Solitor war wieder da.

Mit einem gellenden Aufschrei fuhr der Bischof herum. Alessandra sah, wie kraftvoll er sich bewegte. Mochte er auch wie ein Toter aussehen, in Wirklichkeit war er höchst lebendig. Doch dem mit aller Kraft geführten Faustschlag Solitors konnte er nicht mehr rechtzeitig ausweichen. Er brach zusammen, und Solitor griff nach dem Lichtschwert.

Das kostete ihn beinahe das Leben. Das Schwert sprühte Funken und Flammen in Solitors Hand, hüllte den Geistermann in eine Aura des Todes. Doch Solitor ließ nicht los. Er stürmte schreiend vor, streckte mit einem einzigen Hieb Erro und die beiden anderen Mönchssoldaten nieder und zerschnitt dann mit letzter Kraft Alessandras Fesseln. Dann brach er zusammen.

Alessandra schrie entsetzt auf, doch ihr bleib nicht viel Zeit. Es war alles sehr schnell gegangen, doch nun kam wieder Bewegung in die Reihen der Räuber und der Eskorte des Bischofs. Auch dieser selbst rappelte sich bereits wieder hoch und griff nach dem Schwert. Doch diesmal war die Goldene Königin schneller. Sie riß das Lichtschwert an sich, hielt es dann dem Bischof an die Kehle und rief mit ihrer hellen, durchdringenden Stimme: "Bleibt stehen - oder er stirbt!"

Die Reaktion war überraschend. Während die entsetzten Mönche sofort die Waffen sinken ließen, kam in die Räuber Bewegung. Einer zog blitzschnell sein Messer und schleuderte es mit aller Kraft gegen den Bischof. Es traf ihn genau ins Herz. Er starb so schnell, daß er es nicht mal merkte.

Nun brach endgültig das totale Chaos aus. Die Mönche und die Räuber fielen übereinander her. Auch Annam und ihre Schwester kamen wieder zu sich. Doch mit dem Tod des Bischofs hatten sie all ihre Zauberkräfte verloren und waren nur noch die kleinen Schlampen, die sie vorher gewesen waren. Verzweifelt drängten sie sich aneinander, doch die Kämpfenden nahmen auf sie keine Rücksicht. Alessandra, die kaum glauben konnte, was sich da abspielte, versuchte schließlich, wenigstens sie zu retten, doch nur noch Annam erwischte sie noch lebend.

"Genug jetzt!"

Es war, als hätte die Stimme Gottes zu den Kämpfenden gesprochen. Keiner rührte sich mehr. Aber Alessandra wußte, daß es kein Gott gewesen war. Diese Stimme würde sie in tausend Jahren nicht vergessen: Calract war aufgetaucht.

Wie üblich in solchen Situationen, machte der Zauberer nicht viele Worte. Fordernd streckte er die Hand aus. Das Lichtschwert entglitt Alessandras Hand und schwebte auf Calract zu. Dabei schnurrte es zusammen, bis es nur noch ein kleines, grell leuchtendes Fünkchen war.

"Der Mondkristall", hauchte die Prinzessin in jähem Erkennen.

Calracts Hand schloß sich um den Splitter. "Genauer gesagt ein weiterer kleiner Splitter davon. Es hat sich doch gelohnt, daß ich dich beobachtet habe. Vielen Dank auch." Ein dunkler Schatten kam aus den nahem Bäumen herangeflattert und setzte sich auf Calracts Schulter. "Ihr kennt euch schon, glaube ich. Das ist Aramus, eines meiner Kinder." Der kleine, vierflügelige Lunaloc-Dämon grinste Alessandra beinahe übermütig an.

Die Prinzessin wußte nicht, was sie sagen sollte. Oder was sie nun denken sollte. Doch zunächst nahm Calract ihr beide Arbeiten ab. Er wandte sich an die überlebenden Räuber und Mönche und sagte: "Ihr laßt diese Frau von jetzt an in Ruhe, sonst werdet ihr auf eine Weise leiden, die ihr euch nicht mal vorstellen könnt." Er ließ den Splitter des Mondsteins über seiner Handfläche aufsteigen. Das andere, kürzlich bereits vergrößerte Bruchstück, das er schon länger besaß und das er damals teuflischerweise ausgerechnet in Alessandras Körper versteckt hatte, erschien daneben, und die beiden vereinigten sich in einem gewaltigen Ausbruch an kaltem Licht. Dann wurde der nun wieder etwas größer gewordene Kristall langsam durchsichtig und war schließlich wieder verschwunden.

Solitor!

"Solitor, Solitor!" Alessandra stürzte sich auf den am Boden Liegenden. "Bitte bitte, Goldene Aura meines Herzens, hilf ihm", rief sie beschwörend. Sie schloß sie Augen und wurde ganz ruhig. Wenn Solitor wirklich sein Leben für sie gegeben hatte, dann konnte sie ihn nicht mehr zurückholen. Wenn aber noch ein bißchen Leben in ihm war, dann konnte sie ihn retten.

Langsam sickerte das goldene Licht aus ihr heraus und hüllte den Geister-Mann ein. Lange Sekunden vergingen, bis Alessandra endlich seinen Lebensfunken spüren konnte. Vor Glück brach sie in Tränen aus, während ihre Aura den Mann heilte.

Calract sah dem Geschehen mit mäßigem Interesse zu. Er hatte schließlich, was er wollte. Sollte Alessandra sich ruhig einen Geist zulegen, wenn es ihr Spaß machte. Er hatte nichts dagegen.

*

Drei Tage später.

Die Räuber waren weg und das Dorf großenteils wieder verlassen. Nur einige der Mönche liefen immer noch verwirrt umher. Sie hatten ihren toten Bischof begraben, dann wieder ausgegraben, und nun stritten sie sich, wo sie ihn endgültig beisetzen sollten.

Alessandra, Solitor und Annam hatten die Zeit in einer der Hütten verbracht und den größten Teil der Zeit geschlafen und sich erholt. Niemand hatte noch versucht, sie zu belästigen. Die Prinzessin hatte eine Menge durchgemacht und war über die Ruhe heilfroh.

Sie erwachte schließlich als erste und machte sich auf die Suche nach Eßbarem. Doch zuerst fand sie Phobos, der draußen friedlich graste, als wäre nichts gewesen. Sie eilte auf ihn zu und umarmte ihn mit Tränen in den Augen.

"Phobos, mein Junge, wo hast Du denn nur gesteckt die ganze Zeit?"

Doch das Pferd blickte sie nur leicht verständnislos an. Alessandra schmunzelte. Der Alptraum war überstanden. In der Hütte, die die vier Hexen bewohnt hatten, hatte sie reichlich Vorräte gefunden, von denen immer noch einige übrig waren. Ihr Magen knurrte vernehmlich, als sie daran dachte, doch zunächst sammelte sie alles ein und trug es zu ihrem Schlafplatz. Annam und auch Solitor waren ohne Bewußtsein. Die ehemalige Hexe war in den vergangenen drei Tagen immer nur kurz zu sich gekommen, hatte sich aber inzwischen doch einigermaßen erholt. Der Schock verlor langsam seine Wirkung. Und auch der Geistermann sah wieder recht frisch aus.

Alessandra stellte den Korb auf den Boden setzte sich dann daneben, bettete Solitors Kopf auf ihren Schoß und streichelte ihm über Kopf und Gesicht. Sein Atem war schwach, aber ruhig und regelmäßig. Es war knapp gewesen, aber er würde es ohne Schäden überstehen - dessen war die Goldene Königin sich sicher. Zufrieden begann sie zu essen.

Einige Zeit später regte sich Annam. Noch im Halbschlaf murmelte sie irgend etwas, dann fuhr sie mit einem Schrei hoch und sah sich entsetzt um. Langsam kehrte sie in die Realität zurück und sah Alessandra an, zuerst erleichtert, dann schuldbewußt.

"Prinzessin - es tut mir so leid. Wenn ich gewußt hätte, was für Ungeheuer meine Schwestern und der Bischof waren, dann ..."

Du hast ein schlechtes Gedächtnis, Mädchen. Schließlich warst du selbst kein bißchen besser, dachte Alessandra bei sich. Doch sie wollte der jungen Frau keine Vorwürfe machen, nach allem, was sie durchgemacht hatte.

"Waren die drei anderen deine richtigen Schwestern?"

Annam nickte.

Alessandra strich ihr über das platinblonde Haar und sagte: "Es tut mir leid um sie. In euch allen hat noch viel Gutes gesteckt. Ich habe es zuerst bei Co'in gemerkt, und nun auch bei dir."

Annam schluchzte. Alessandra fragte sie, was sie nun tun wolle. Die junge Frau antwortete mit leiser Stimme: "Herrin, ich weiß es nicht. Ich gehe irgendwo hin und versuche, mich durchzuschlagen. Vielleicht braucht einer eine Magd ... in Tansir oder Laguna..."

Alessandra konnte sich vorstellen, daß gerade in diesen beiden großen Hafenstädten eine blutjunge Frau eher eine Verwendung ganz anderer Art finden würde. Diesem Schicksal wollte sie sie nun doch nicht überlassen, und so bot sie ihr an, mit ihr zu kommen: "In meinem schönen Schloß finden wir schon ein Plätzchen für dich, Annam."

"Das wollt Ihr wirklich für mich tun, Herrin?", fragte Annam aufgeregt.

Alessandra nickte. Dann ruckte ihr Kopf hoch, als sie von Ferne Hufgetrappel hörte. Olivia war da! Endlich!

Vorsichtig legte sie Solitors Haupt auf ein Kissen, dann sprang sie auf und rannte den angaloppierenden Sonneninsel-Soldaten entgegen. Auf einem prächtigen Rappen ritt ganz vorne Sofrejan, neben ihm Olivia. Dahinter kamen 50 schwerbewaffnete Ritter.

Als Alessandra bei ihnen angekommen war, sprangen der Imperator und Olivia herab und umarmten Alessandra.

"Schwester! Oh, mein Gott, was für ein Glück, daß es dir gutgeht!", rief Olivia unter Freudentränen.

"Olivia. Ich danke Dir von ganzem Herzen. Doch mittlerweile wurde ich von jemand anderem gerettet. Die Gefahr ist vorbei. Laß deine Männer absitzen, dann erzähle ich euch, warum ich euch zu Hilfe gerufen habe. Es war einiges los hier ..."


"... und so kam also Calract zu einem weiteren Bruchstück des Mondsteins, und ich zu zwei neuen Begleitern", beendete Alessandra ihren Bericht. Die Ritter hatten vor dem Haus ein großes Lagerfeuer angezündet und bereiteten aus ihren Vorräten und dem, was die Räuber von dem Schwein übriggelassen hatten, ein köstliches Mahl. Obwohl sie den anstrengenden Gewaltritt umsonst gemacht hatten, waren sie doch satt und zufrieden. Immerhin hatten sie nicht kämpfen müssen - wenn Alessandra mit dem Zauberring um Hilfe rief, dann verhieß das normalerweise nichts Gutes.

Alessandra sah zu Solitor hinüber, der sich unruhig hin- und herwälzte, aber immer noch nicht erwacht war. Manchmal sank er ein Stück in den Boden ein. Sie seufzte. Olivia kam zu ihr und setzte sich neben ihre Schwester. Alessandra musterte sie gründlich: "Du siehst phantastisch aus, Schwester!" In der Tat hatte Olivia, die schon immer eine Schönheit gewesen war, noch zugelegt. Sie trug eine Kleidung, die eine Art Mittelding zwischen einem Palastgewand und einer Rüstung war, reichgeschmückt und verziert mit Gold, Silber und Edelsteinen, und doch ein wirksamer Schutz im Kampf. Von allen Menschen, die Alessandra kannte, konnte sich nur ihre ältere Schwester so etwas ausdenken. Denn eitel war sie schon immer gewesen - wenn schon ins Feld, dann mit Stil bitteschön. Doch Olivia hatte nicht nur ihr Äußeres aufpoliert, auch ihr Körper war durchtrainiert, und den dreieinhalbtägigen Gewaltritt von der Sonneninsel hierher ins arcadische Reich hatte sie leicht bewältigt. Ihr Gesicht zeigte eine gesunde Farbe, ihre Arme und Beine hatten deutlich Muskeln angesetzt. Sie strahlte Alessandra an, zeigte dann auf Solitor und sagte spitzbübisch: "Ist das der Mann, wegen dem du hierher ausgezogen bist?"

Alessandra holte tief Luft, dann sagte sie leise: "Nein. Ich war bei Calract."

Sofrejan hatte sich neben seine Frau gesetzt, und sie umarmten sich liebevoll, während Alessandra ihnen nun auch den Anfang ihrer Reise erzählte. Sie schloß mit den Worten: "Ich wollte es euren Soldaten nicht sagen, aber ihr sollt es ruhig wissen, daß es ausgerechnet unser Feind Calract war, der den Fluch von mir genommen hat. Und ich danke ihm dafür von ganzem Herzen."

"Alessandra!", fuhr Olivia auf, "du kannst unmöglich diesem Monster dankbar sein. Nicht nach allem, was gewesen ist."

"Das hast du falsch verstanden, Schwester. Ich mag ihn nicht, aber ... wie soll ich es sagen, wir haben so eine besondere Art des Umgangs miteinander. Dabei weiß ich nicht mal, was er in seinem Inneren von mir denkt. Weißt du, was er als Preis von mir verlangt hat für seine Hilfe? Er hat verlangt, daß ich mich vor ihm nackt ausziehe, damit er mich malen kann. Ich habe das Bild gesehen, bevor ich weggeritten bin. Es ist ein Meisterwerk geworden, wie es selten ein Mensch zu sehen bekommt. Dennoch glaube ich nicht, daß er mich irgendwie liebt oder verehrt. Bei ihm gibt es solche Begriffe nicht."

Olivia und Sofrejan starrten Alessandra sprachlos an. "Nackt!", flüsterte Olivia schließlich. "Gemalt?"

Es ging offenbar über ihr Begriffsvermögen.

Alessandra sah ihre Schwester an, doch dann mußte sie plötzlich - fast gegen ihren Willen - laut lachen.

"Was ist daran so komisch?", fragte Olivia.

"Weißt du, ich hatte keine Probleme damit, Calract Modell zu stehen. Aber bei dir ... ich habe gerade gedacht, wie du wohl dein Kind empfangen hast. Ob du da auch in voller Kleidung ..."

"Oh, du!" Olivia gab Alessandra einen Rippenstoß. Diese rollte sich zur Seite und kam neben Solitor zu liegen, und genau in diesem Moment schlug dieser die Augen auf.

Lange lagen Alessandras Blicke in denen Solitors. Dann erhoben sie sich in einer synchronen Bewegung.

"Darf ich vorstellen: das ist Solitor, der Mann, der fast sein Leben gegeben hätte, um meines zu retten."

Während sie den Geist-Mann zum Lagerfeuer führte, wo dieser sogleich gierig zu essen begann, sahen Sofrejan und Olivia einander ernst an.

"Deine Schwester hat sich verändert."

"Ja. Sie ist auf einmal so fremd." Sie wandte sich um und schaute Alessandra an, die zwischen den Rittern saß und sich angeregt mit ihnen unterhielt. "Äußerlich hat sie sich nicht verändert. Sie gibt sich immer noch wie der junge Wildfang, der sie früher mal war." Olivia spielte damit auf Alessandras so unkönigliche Kleidung an, vor allem ihre an den Unterschenkeln festgeschnallten Wurfmesser und ihre knappe Sommerkleidung. Das aber war für ihre wilde Schwester normal. Es hatte ihr auch nie etwas ausgemacht, neben ihrem Pferd im Freien zu übernachten, etwas, woran Olivia nicht im Traum denken würde. Selbst auf dieser Mission hatte sie ihr Zelt dabei, auch wenn sie es nur wenige Stunden hatte nutzen können. Nein, die Veränderungen waren innerlich, in Alessandras Einstellung. Ein Bündnis mit Calract, das war schlimmer als Hochverrat.


"Was hast du nur, Schwester?"

Den ganzen Tag waren sie am Südufer des Siina entlanggeritten. Es war einer der zahllosen heißen Sommertage dieses Jahres, und Alessandra war gelöster Stimmung. Doch Olivia hatte während der ganzen Zeit kaum ein Wort mit ihr gesprochen.

"Das fragst du noch", antwortete die Angesprochene gereizt. "Hast du die Mondnacht schon vergessen, und die schrecklichen Schlachten gegen die Dämonen dieses Zauberers. Und du hast nichts Besseres zu tun, als vor ihm zu posieren!"

"Aber ... Olivia." Alessandra warf Solitor, der ein paar Schritte hinter ihr ritt, einen hilfesuchenden Blick zu, doch dieser zuckte nur die Schultern. Woher hätte er - ein völlig Außenstehender - wissen sollen, was in dieser verfahrenen Situation zu tun sei?

Sofrejan, der hinter den Dreien geritten war, holte auf und ritt dann neben der Prinzessin. "Auch ich kann für dein schändliches Tun kein Verständnis aufbringen. Dieser Zauberer ist das Böse in Menschengestalt. Niemand darf sich ihm ungestraft nähern, und du ... ich vermag es kaum auszusprechen." Er warf seiner Schwägerin einen finsteren Blick zu. Alessandra begann zu begreifen, daß die Unbefangenheit, mit der sie sich Calract mittlerweile näherte, bei ihren Mitmenschen auf einhellige Ablehnung stieß. Nach allem, was gewesen war, war das auch kein Wunder. Besser, sie hätte die Geschichte für sich behalten. Aber dafür war es jetzt zu spät.

Olivia, ermuntert durch den Zuspruch ihres Mannes, stichelte weiter: "Waren Calracts Dämonen auch dabei und haben dich gemalt, hmm? Diese Bilder würde ich gerne mal sehen. Es sind bestimmt tolle Strichmännchen geworden, noch viel bessere als die, die dieses Monster Calract zustande gebracht hat." Sie lachte höhnisch.

"Olivia, du ...", rief Alessandra empört. "Ich dachte, du hättest dich geändert, aber du kannst immer noch genauso gemein sein wie früher. Und außerdem hast du Unrecht: Calract ist ein genialer Künstler. Du solltest seine Bilder mal ..." "Schweig endlich!", brüllte Sofrejan dazwischen. "Ich dulde nicht länger, daß du so über diese Bestie sprichst. Er ist unser aller Feind. Und wenn du mit ihm gemeinsame Sache machst ..." Er ließ den Satz unvollendet, doch die Drohung war deutlich.

"Also, so kann man das nun wirklich nicht sehen", mischte sich Solitor ein, doch niemand hörte auf ihn. Alessandra sah ein, daß alle weiteren Worte sinnlos waren, Bei ihrer Schwester und ihrem Mann stieß sie gegen eine Wand. Eine Wand des Unwissens und der Angst - zu Recht, denn wozu Calract fähig war, wußte keiner besser als sie selbst. Im Moment war er friedlich, aber das besagte nicht viel.

"Es stimmt, Calract ist ein Ungeheuer, aber mit ihm kann man wenigstens vernünftig reden. Kommt, Solitor und Annam! Wir reiten allein nach Hause. Danke für die Eskorte, Sofrejan."

"Aber ... aber Schwester, wie willst du denn über den Fluß kommen?", rief Olivia erschrocken.

Doch Alessandra und Solitor waren schon unterwegs, die Uferböschung hinab. Annam zögerte noch, doch dann konnte sie sich nicht mehr entschließen, den beiden zu folgen. So sahen sie zu dritt Alessandra zu, wie sie neben Phobos in den Siina watete und dann zusammen mit ihm zu schwimmen begann. Auch Solitors Pferd schwamm, der Geist-Mann hingegen schwebte in aller Seelenruhe über das Wasser und landete kurz darauf trockenen Fußes am anderen Ufer. Dort kamen etwas später auch Alessandra und die beiden Pferde an. Ohne sich noch einmal umzudrehen, ritten sie davon, hinein ins Weiße Königreich.


Olivia war in dumpfes Brüten versunken. Sofrejan versuchte mehrmals, sie anzusprechen, doch sie antwortete, wenn überhaupt, dann nur einsilbig.

"Ich glaube, wir machen erst mal Rast. Wenn wir die Nacht durchreiten, sind wir morgen früh zu Hause, aber ich denke, das ist zu anstrengend. Schlagen wir also hier unser Lager auf", befahl der Imperator seinen Leuten.

Da sagte Olivia: "Ich muß es sehen."

"W ... was denn, Schatzi?", fragte Sofrejan. Er kannte seine Frau lange genug, um von ihrem entschlossenen Tonfall einigermaßen beunruhigt zu sein.

"Das Bild."

"Welches Bild, bei Gott?"

"Das Bild, das Calract von meiner Schwester gemalt hat."

Sofrejan war sprachlos vor Entsetzen. Noch bevor er anfangen konnte herumzutoben, sagte Olivia mit gefährlicher Ruhe: "Morgen reite ich mit einer angemessenen Eskorte ins Gondrella-Land zu Calract!"

Stundenlang versuchte Sofrejan, seiner Frau das auszureden, doch stattdessen überredete sie ihn mitzukommen. Eine andere Wahl hatte er sowieso nicht, denn allein wollte er sie auf keinen Fall dorthin gehen lassen, und außerdem war er selbst mittlerweile auch ein bißchen neugierig geworden. Vielleicht war das der Grund, warum er Olivia den Ritt nicht einfach verbot. Außerdem - sie hatten bisher immer einvernehmlich regiert. Wenn er jetzt seinen Willen erzwang, würde das das liebevolle Verhältnis, das er zu ihr hatte, sicher aufs Spiel setzen. Er wußte, wie Olivia andere Leute allein dadurch leiden lassen konnte, daß sie sie sich schlecht fühlen ließ, durch Schuldgefühle oder ein schlechtes Gewissen. Das wollte er lieber nicht riskieren. Da war Calract immer noch das kleinere Übel. Also willigte er schließlich schweren Herzens ein.

In dieser Nacht schlief er schlecht und wurde von Alpträumen geplagt. Doch auch diese finstere Nacht endete irgendwann, und am nächsten Morgen sah die Welt schon wieder ganz anders aus.

Sofrejan bestimmte einen seiner Ritter, allein zur Sonneninsel zu reiten und dort zu berichten und zu erklären, warum sie erst ein paar Tage später zurückkommen würden. Annam begleitete den Ritter, und so gelangte sie schließlich zur Sonneninsel.


Drei Tage später lag Calracts Garten vor ihnen.

Der Ritt durch das sommerliche Arcadia-Land war anstrengend gewesen, und mehr als einmal hatten sie sich ihren Weg gegen Räuber und Raubritter mit Waffengewalt erkämpfen müssen. Aber Sofrejans Leute waren eine Elitetruppe und nahmen es mit den marodierenden Plünderern leicht auf. Doch waren der Imperator und seine Frau schockiert darüber, wie schnell dieses vor kurzem noch reiche und blühende Land in Armut und Anarchie versunken war. Sie hatten sich während des Rittes darüber unterhalten, doch nun, als sie am Ziel angekommen waren, verstummten ihre Gespräche. Auch die Ritter, die sich die Zeit mit Anekdoten und rauhen Witzen vertrieben hatten, schwiegen.

Der Übergang vom kahlen, felsigen Ödland zu Calract grünen Garten war ziemlich abrupt. Sie waren schon so nahe am Meer, daß sie es riechen konnten. Und von hier bis zum Ufer, das hinter einigen Hügelketten blau zu ihnen hinauf blitzte, war alles grün, nur unterbrochen von zahllosen leuchtenden Blüten, Blumen und bunten Vögeln.

Langsam, vorsichtig, ritten Olivia, ihr Mann und die Eskorte ein. Immer wieder sahen sie sich nervös um: wo steckte der unheimliche Hausherr? Beobachtete er sie schon? Doch nichts geschah.

Hätte Olivia gewußt, was ihr noch bevorstehen würde, wäre sie sofort umgekehrt und in wehendem Galopp nach Hause geritten. So aber saß sie nach einiger Zeit ab, ging zu einem Pfirsichbaum, blickte sich scheu um, pflückte schließlich einen der duftenden Pfirsiche und begann vorsichtig, ihn aufzuessen. Atemlos verfolgten die Ritter das weitere Schicksal ihrer Königin. Aber nachdem sie den Pfirsich aufgegessen hatte und immer noch lebte, drohte von dieser Stelle offenbar keine Gefahr. Mutig geworden, pflückte Olivia den nächsten, dann winkte sie ihrem Mann aufmunternd zu. Dieser ließ die Ritter absitzen, befahl ihnen, weiter wachsam zu sein und gestattete dann, daß auch sie sich an dem köstlichen Obst delektierten.

Es war ein Bild paradiesischen Friedens. Sommerliches Grün, überall leckere Früchte, dazu die schönen Vögel und Schmetterlinge, die vor den Menschen keinerlei Scheu zeigten.


Soll das wirklich Calracts Land sein?, fragte Olivia sich ungläubig. Seit fast einer Stunde streiften sie und die Ritter nun schon hier umher. Überall gab es irgendeine Schönheit zu bestaunen, etwas das Nest eines roten Aras, in dem sich drei häßliche, zerrupft aussehende Küken gierig über alles hermachten, was die fleißigen Eltern ihnen unermüdlich herbeischleppten.

An anderen Stellen hatte Calract Felsen aus durchsichtigen Kristallen aufgestellt. Wenn man hindurchsah, erschien alles auf der anderen Seite skurril verzerrt. Es bereitete den Rittern einen Heidenspaß. Sie versuchten auch, einige Kristallstücke herauszuschlagen, um sie als Andenken nach Hause mitzunehmen, aber es gelang ihnen nicht. Einer brach sogar sein Schwert bei dem Versuch ab und fluchte anschließend heftig und ausdauernd. Sofrejan ermahnte dann aber seine Leute, hier nichts anzufassen und nicht zu vergessen, wo sie eigentlich waren.

Olivia schlenderte derweil umher und bemerkte gar nicht, daß sie sich immer weiter von ihren Leuten entfernte. Nach einiger Zeit gelangte sie in ein kleines, aber im Innern sehr dunkles Wäldchen. Dort war es kühl, fast kalt. Olivia genoß es nach der Hitze draußen. Vorsichtig drang sie ein. Die Bäume standen dicht an dicht und ließen nur einen schmalen, moosbewachsenen Weg frei.

Im Innern des Wäldchens war eine kleine Lichtung, wo sogar ein paar Blumen wuchsen. Olivia setzte sich in das Gras, schloß die Augen und genoß den Duft, der in der Luft lag. Dann dachte sie an Alessandra.

Meine geliebte Schwester. Wie haben wir dir Unrecht getan. Und ich bewundere deinen Mut. Wozu ich allein 49 schwerbewaffnete Eskorteritter brauche, das hast du ganz alleine geschafft. Aber es ist nicht nur dein Mut, sondern dein reines Herz, das dich in schwierigsten Situationen den rechten Weg finden läßt. Ich bin so stolz auf dich und ich bin froh, daß niemand anderes als du die Goldene Königin ist, denn nur du kannst die Herzen der Menschen in deine Hand nehmen ohne auch nur im Traum in Versuchung zu kommen, diese unglaubliche Macht zu mißbrauchen.

Eine Träne lief an Olivias Wange herab und sie nahm sich vor, sich persönlich bei Alessandra zu entschuldigen. Schließlich trat sie aus einem kühlen Wäldchen hervor und sah das Haus.

Calracts Haus. Dort ist das Bild. Ich muß es sehen.

Sie wußte, daß Calract dort drüben war und auf sie wartete wie der Löwe auf das Reh, aber sie konnte nicht anders. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Mit zitternden Schritten trat sie aus der schützenden Baumgruppe heraus ins Freie und ging langsam zu dem tempelartigen Haus hinüber. Die niedrigen Stufen waren aus weißem Marmor und leuchteten in der Sonne so grell, daß Olivia das Licht mit der Hand abwehren mußte. Dann trat sie ein.

Im Innern schien es stockdunkel, im Vergleich zu draußen. Ein paar Atemzüge lang stand die amtierende Prinzgemahlin der Sonneninsel mit pochendem Herz da und wartete, daß etwas über sie herfiel, während sie blind und hilflos war. Doch dann gewöhnten sich ihre Augen an das Licht. Es war eigentlich überhaupt nicht dunkel, nur war es draußen so hell, daß es so ausgesehen hatte. Doch jetzt konnte sie sich in aller Ruhe umsehen. Wie ein Tier witterte sie - war da nicht der Duft eines Raubtieres in der Luft?

Die Bilder - an den Wänden hingen überall Bilder. Fasziniert schritt die Prinzgemahlin die Galerie ab. Einige der Bilder waren halb verbrannt - Überreste dessen, was Calract aus seinem alten Hauptquartier hatte retten können. Doch die meisten Werke waren neu.

Es waren Gemälde von Schlachten, andere zeigten Lunaloc-Dämonen oder auch Menschen, und alle waren unterzeichnet mit C.V.C. Eines dieser Bilder bewegte Olivia besonders tief. Im Gegensatz zu den meisten anderen Kunstwerken, die fast fotorealistisch irgendeine Szene wiedergaben, war dieses hier eher abstrakt. Der Hintergrund war nur durch rote, olivgrüne, violette und braune, ineinanderfließende Flächen angedeutet. Das Motiv des Bildes zeigte eine Frau mit schulterlangem Haar, das ihr durch ihre heftige Bewegung über ihr Gesicht flog, so daß von diesem nur Schatten und Umrisse zu sehen waren. Dennoch war Olivia sich sicher, diese Frau sofort wiederzuerkenne, wenn sie ihr jemals begegnen sollte. Über der rechten Hand trug die Frau einen eisernen Handschuh, dessen Finger um ein dunkelbraunes, undefinierbares Etwas gekrallt waren, aus dem dunkle Tropfen rannen. Offenbar hatte die Frau dieses Ding gerade eben jemanden entrissen, jedenfalls flogen die Tropfen, bedingt durch die heftige Bewegung, zur Seite davon. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bildern Calracts zeigte dieses aber nicht die ganze Szene mit Bäumen, Pferden, Menschen und so weiter, sondern nur Kopf und Oberkörper, und auch das nur als Schemen.

Es ist ein Herz.

Olivia zuckte zusammen.

Ein Herz! Und diese Frau hat es gerade einem anderen Menschen aus der Brust gerissen. Das Blut pulsiert noch heraus.

Ihr war schlagartig klargeworden, was Calract da gemalt hatte. Doch trotz ihres Entsetzens konnte sie nicht den Blick abwenden. Was hatte Alessandra gesagt: Calract sei ein genialer Künstler? Das war fast noch untertrieben. Die Bilder waren nicht nur samt und sonders perfekt geraten, egal, in welchem Stil sie nun gemalt waren, sondern sie stellten auch überzeugend alle möglichen Motive dar, von der bunten Blumenweise, über der man die Schmetterlinge tanzen zu sehen glaubte, bis zur Lunaloc-Schlacht, bei der man beinahe das Klirren der Schwerter und das Schnauben der Pferde höre konnte.

Nach langer Zeit wandte Olivia sich ab und drang scheu weiter ins Haus vor. Schließlich erreichte sie den Innenhof. Auf einem Gestell stand ein Bild mit dem Rücken zum Eingang, so daß die Prinzgemahlin es von ihrer Position aus nicht sehen konnte. Doch sie wußte, daß es das Bild war, weswegen sie diese Reise angetreten hatte. Mit zitternden Knien und bebender Brust näherte sie sich dem Bild und trat schließlich vor es.

Lange konnte sie nichts denken und fühlen, denn dieses Portrait ihrer Schwester nahm sie völlig gefangen. Sie saß da in einer Pose, die in unnachahmlicher Weise Verlorenheit und Kraft in sich vereinte. Calract hatte eine Perspektive gewählt, die von Alessandras makellosem nacktem Körper nichts verhüllte. Wie eine Sklavin, die ihren Herrn erwartete ... und gleichzeitig dieses innere Feuer, die unglaubliche Macht, die ihr als der Goldenen Königin gegeben war. Es war schwer in Worte zu fassen, aber Calract hatte ein Meisterwerk geschaffen, daß unter allem, was die Prinzgemahlin bisher in ihrem Leben gesehen hatte, nicht seinesgleichen hatte - und sie hatte schon viel gesehen. In ihrem Palast hingen Gemälde, mit deren Gegenwert man eine ganze Grafschaft hätte kaufen können. Aber das hier, das war etwas Einmaliges.

"Es freut mich, daß es dir gefällt."

Olivia schrie auf und fuhr zusammen. Ihre Nerven waren die ganze Zeit bis zum Zerreißen gespannt gewesen, und jetzt war ER da. Endlich ...

Sie drehte sich um. Calract lehnte lässig an der Wand nahe dem Ausgang. Sie hatte es sowieso die ganze Zeit gewußt. Irgendwie hatte sie es gewußt. Daß er hier war und ... und ...

"Calract", flüsterte sie. Von ihm ging etwas Raubtierhaftes aus, und doch konnte sie sich der Faszination der Gefahr nicht entziehen. Dabei war sie sicher, daß sie nur hinauszuspazieren brauchte, um in Sicherheit zu sein. Er würde sie nicht aufhalten.

Langsam ging Calract auf die Prinzgemahlin zu. Olivia blieb wie angewurzelt stehen. Auf irgendeine perverse Art genoß sie dieses Gefühl der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins an eine bestialische Gefahr. Dann wurde ihr schwarz vor Augen und sie taumelte. Calract sprang hinzu und fing sie auf. Und so lag sie nun da - in seinen Armen, und er schaute analysierend auf ihr wachsbleiches Gesicht und sagte: "Du würdest aber auch ein hervorragendes Motiv abgeben, Olivia."

Olivia bekam große Augen. Mit einem entschlossenen Ruck machte sie sich los. Der Teufel ritt sie, als sie antwortete: "Na gut. Was gibst du mir dafür?" Eine halbe Sekunde später verfluchte sie sich für diese Worte, aber nun war es zu spät. Calract antwortete: "Was willst du denn?"

Gerettet! Olivia war entschlossen, den Preis so hoch anzusetzen, daß Calract ablehnen mußte. "Ich will Ornella zurück."

"Das geht nicht. Ich kann sie nicht zurückbringen. Leider. Ich hätte sie gerne kennengelernt. Wünsch' dir was Anderes."

Blitzschnell ging Olivia die üblichen Möglichkeiten durch: ein Schloß, einen Märchenprinzen, ein Königreich - nun, all das hatte sie ja schon. Also blieb nur eins, etwas, woran Calract so oder so scheitern mußte - dachte sie jedenfalls. "Ich will die Unsterblichkeit. Die Unsterblichkeit als Preis für ein Bild ..."

Calract schickte ihr eine Vision als Antwort. Eine Vision, in der sie ewig jung blieb, während Sofrejan an ihrer Seite zum Greis wurde. Als nächster kam Roboan, ihr Sohn dran, jetzt noch ein Säugling, dann ein Kind, später ein stolzer Ritter, dann ein alter Mann, zuletzt ein zitternder Greis, während sie in ewiger Jugend erstrahlte. Die Leute begannen, sie zu fürchten, sie als Hexe zu sehen. Sie wurde ausgestoßen, mußte sich verstecken, wurde schließlich gefunden, für die letzte Mißernte verantwortlich gemacht und ...

"So einfach ist das mit der Unsterblichkeit nicht, wie Klein-Erna sich das vorstellt", sagte Calract mit höhnischen Ton, während die Prinzgemahlin langsam in die Realität zurückkehrte.

"Hier!" Calract griff in eine seiner Taschen und zog den Löwenring hervor, der einst Ornella und dann Isini gehört hatte. Olivia bekam große Augen, als sie sah, wo er nun gelandet war.

"Du führst ein relativ ruhiges Leben, aber Alessandra steckt dauernd in allen möglichen Schwierigkeiten. Ich biete dir als Preis an, daß du mich mit deinem Ring einmal rufen kannst, um dich, Alessandra oder wen auch immer zu retten. Im Grunde also das Leben eines dir lieben Menschen gegen ein Bild." Er blickte sie mit seinem wölfischen Lächeln an. Zitternd und gleichermaßen zum Letzten entschlossen begann Olivia, ihre Kleider abzustreifen.

Tränen liefen aus ihren Augen, ihre bebenden, eiskalten Finger verhedderten sich in den filigranen Schnüren. Dann spürte sie Calracts warme Hände auf ihren, und sie beruhigte sich ein bißchen. Vielleicht ergab sie sich auch nur in ihr Schicksal. Im Hintergrund hörte sie Schritte, dann wurde dort etwas aufgestellt. Wahrscheinlich waren es Calracts Dämonen, die die Staffelei aufbauten - sie wagte nicht, den Blick zu heben und nachzusehen.

Calract öffnete Knopf um Knopf, dann streifte er Olivias Gewand ab und warf es achtlos in eine Ecke. Als nächstes löste er die diversen Reifröcke. Der Kleiderstapel wuchs. Schließlich war Olivias seidenes Spitzenhemd dran. Mit geschlossenen Augen fühlte sie, wie er auch dieses aufknöpfte. Darunter war ihr bloßer Oberkörper. Mit einem Ruck zog der Zauberer es herunter. Olivia schluchzte. Vor Angst? Vor Erregung? Calract schnürte nun Olivias Reitstiefel auf und beförderte erst sie, dann ihre Strumpfhosen auf den Kleiderstapel, der jetzt bereits den Umfang einer kompletten Damengarderobe aufwies.

Wie kann eine Frau bei dieser Hitze nur so viele Schichten an Kleidern tragen, ohne bei lebendigem Leib gekocht zu werden?, fragte er sich. Bei Alessandra war das ganz erheblich anders gewesen.

Als letztes war Olivias Unterrock an der Reihe. Nachdem der Zauberer auch diesen abgestreift hatte, stand die Prinzgemahlin so vor ihm, wie Gott sie geschaffen hatte.

"Du bist wahrhaftig eine Schönheit, Olivia. Deine Anmut bracht sich hinter der deiner Schwester nicht zu verstecken."

Aus einer dunklen Ecke schossen plötzlich Ketten hervor, schlagen sich um Olivias Handgelenke, fesselten sie auf ihrem Rücken und zogen sie dann brutal gegen eine Wand.

Und dann begann Calract sein Werk. Olivia war auf die Knie herabgesunken und in ihrem Gesicht spiegelten sich Verzweiflung und Todessehnsucht angesichts ihrer Schande. Es war genau dieser Ausdruck, den Calract malen wollte. Ein völlig nacktes, hilfloses, gefesseltes blutjunges Mädchen im Angesicht der Hölle.

Bist du nicht etwas zu alt für solche Geschichten?, fragte Isini zwischendurch.

Sie ist so wunderschön. Von dir habe ich das Beste, aber dein Körper ist verloren. Daher male ich dieses göttliche Geschöpf.

Aber warum in dieser Pose?

Ich hoffe eben, daß diese extreme Situation auch ein extrem gutes Bild ergibt. Sieh' doch nur, Isini. Der Ausdruck in ihrem Gesicht. Wie könnte ich das malen, wenn sie zum Beispiel stattdessen Blumen pflückt!

Also, ich glaube, du bist eher ein Spanner. Diese Pose ist zu eindeutig.

Aber darauf lachte Calract nur.


Am anderen Morgen.

"He, Olivia. Wach' auf. Deine Leute suchen dich schon ganz panisch."

Die Regentin fuhr in die Höhe. Als sie bemerkte, daß sie immer noch völlig nackt war, stieß sie einen empörten Schrei aus und bedeckte hastig ihre Blöße. Was eigentlich unlogisch war, denn gestern hatte Calract schließlich stundenlang Zeit gehabt, sie bis ins letzte Detail zu mustern. Doch das war gestern gewesen.

Nein, es war kein Traum. Aber wenn ich das schon alles durchgemacht habe, dann will ich wenigstens das Bild auch sehen.

Hastig zog sie ihre Kleider über, wobei Calract immerhin so rücksichtsvoll war, so lange draußen zu warten.


"Na, gefällt es dir?"

Mit zusammengekniffenen Augen musterte die Prinzgemahlin das Werk. "Nein!", sagte sie entschieden. "Nein, es gefällt mir nicht, und ich möchte mal wissen, mit welchem Zauber du mich dazu gebracht hast, dafür Modell zu stehen .. zu sitzen ..."

Calract antwortete mit seinem wölfischen Grinsen, daß der Prinzgemahlin einen Schauder über den Rücken jagte. Rasch wandte sie sich um und stürmte aus dem Haus ins Freie. Dort wurde sie schon von ein paar ihrer Ritter erwartet, die sichtlich erleichtert waren, daß sie noch lebte.

Sofrejan überschüttete Olivia anschließend mit Fragen, doch sie gab nur nichtssagende Antworten. Schließlich rief der Imperator erzürnt: "Dann gehe ich eben selbst hinein und sehe nach, was dort passiert ist. Soldaten, folgt mir!"

"Warte, mein Gemahl!" Olivia ergriff ihren Mann am Arm und flüsterte ihm dann leise zu: "Ich flehe dich an, wenn du schon da hineinmußt, dann gehe allein mit mir."

"Also gut!", brummte er und winkte seine Ritter zurück. Dann traten sie ein. Oder sie versuchten es, doch eine unsichtbare Barriere hinderte die beiden daran. Ratlos standen Sofrejan und seine Ritter vor der offenen und doch verschlossenen Tür. Messer, Schwerter und Werkzeuge halfen nicht. Calract schütze Olivias Geheimnis, und sie war ihm innerlich zutiefst dankbar dafür.

Nachdem sie es lange genug vergeblich versucht hatten, gaben die Sonnenleute schließlich auf und traten den Rückweg an.

*

Es war der 1. September, als Alessandra und Solitor zum Weißen Schloß zurückkehrten. Ein langer, heißer Sommer näherte sich seinem Höhenpunkt. Es war für das Weiße Königreich ein gutes Jahr gewesen, alles in allem. Die Bauern hatten so viel geerntet, daß die Getreidepreise zu verfallen drohten. Das hatte Adalbert jedoch abgewandt, indem er große Lieferungen nach Arcadia versandt hatte, wo wegen der unruhigen Verhältnisse die Ernte teilweise vernichtet worden war und viele Menschen hungerten.

Alessandra erfuhr davon, nachdem sie in engstem Kreis berichtet hatte, wo sie gewesen war und warum. Ihr Vater und Adalbert reagierten auf den Bericht zurückhaltend, aber nicht so ablehnend wie Olivia und Sofrejan. Der Weiße König wußte, daß er seiner Tochter vertrauen konnte.

Alessandra hatte auch Solitor vorgestellt und nicht verheimlicht, daß er ein Geist war. Doch sogar das akzeptierte ihr Vater, denn immerhin hatte er seiner heißgeliebten Tochter das Leben gerettet.

Nur über den Umstand, daß es Arcadia so schlechtging, war Alessandra betrübt. "Es ist alles meine Schuld. Wenn ich es doch nur irgendwie rückgängig machen könnte. Calract hat ein paar Andeutungen gemacht - vielleicht lebt Nuitor noch. Aber niemand weiß etwas genaues, und das Land leidet."

"Ich weiß um deine Selbstvorwürfe, Alessandra", erwiderte Adalbert, "und deshalb habe ich den Arcadiern das Getreide auch zum Selbstkostenpreis geliefert, obwohl wir die günstige Gelegenheit hätten nutzen können, um unsere Schatzkammern reich zu füllen."

Alessandra sah ihren "Onkel" überrascht an. Um wirtschaftliche Dinge hatte sie sich nie gekümmert, aber es leuchtete ihr ein, daß es nun mal nichts umsonst geben konnte. Irgendeiner mußte immer die Rechnung bezahlen. Irgendwie erschien es ihr paradox, daß eine zu reiche Ernte fast genauso problematisch war wie eine Mißernte. Und doch ... Zum Glück hatte auch König Karl Interesse an dem Weißen Getreide gezeigt, und er zahlte den Marktpreis. Alessandra dachte kurz daran, daß immer noch ein Teil des Goldes, mit dem er bezahle, von Calract stammte, als er vor über 50 Jahren den Engelsberg gekauft hatte. Und Calract wiederum hatte es höchst wahrscheinlich aus dem Unendlichen Land. So landete es schließlich in der Weißen Schatzkammer. Doch die Prinzessin beschloß, nichts darüber zu erwähnen. Es war zwar an sich kein Geheimnis, aber auch nicht gerade Tagesgespräch, und in diesem Fall war es besser, keine schlafenden Hunde zu wecken. Wenn die Leute erfuhren, daß Gold aus den Händen der Schwarzen Könige bei ihnen lagerte, wäre so mancher um seinen gesunden Nachtschlaf gebracht worden.

"Dann wäre ja alles soweit in Ordnung", resümierte Solitor. Er besaß manchmal eine erfrischend unkomplizierte Art. Alessandra sah ihn lächelnd an, doch als er ihren Blick erwiderte, schlug ihr Herz plötzlich schneller. Rasch wandte sie sich ab, verwirrt über sich selbst.

Egal, was Calract gesagt hat, einen Geist kannst du auf keinen Fall heiraten, fuhr es ihr durch den Kopf, doch so schnell der Gedanke gekommen war, so schnell vergaß die Prinzessin ihn auch wieder.


Eine Woche später traf Olivia ein. Sofrejan war mit 47 seiner 49 Soldaten zur Sonneninsel zurückgekehrt. Olivia hatte gemeint, sie könne auch allein reiten, was sicher stimmte, denn im Weißen Reich herrschte nicht nur tiefster Friede und die Freude über eine gute Ernte. Dank Alessandras Einfluß gab es auch keine Räuber und Verbrecher mehr. Eine allein reitende Edelfrau war dort völlig sicher. Aber Sofrejan bestand nun mal darauf, und so hatte sie zwei Ritter ausgesucht, die ohnehin in der Weißen Hauptstadt Verwandte hatten und sich über diese Gelegenheit freuten. Am Stadttor hatte Olivia den beiden dann ein paar Tage freigegeben, und dann trat sie ihren schweren Gang zu Alessandra an, um sie um Verzeihung zu bitten.

Doch die eilte ihr an der Seite ihres Vaters schon mit wehenden Haaren entgegen.

"Schwester, ich freue mich so, daß du da bist."

"Oh, Alessandra. Es tut mir so leid. Ich habe so häßliche und schreckliche Dinge zu dir gesagt."

Dann begrüßte sie ihren Vater und den Majordomus, schließlich auch noch Solitor und einige Leute aus dem Palast, die sie schon ewig nicht mehr gesehen hatte. Sogar die kleine Rosalia war da. Sie war immer noch ein schweigsames, in sich gekehrtes Mädchen, aber langsam machte sie sich.

Am Abend gab es ein großes Fest, und tief in der Nacht dann zogen sich Alessandra und ihre ältere Schwester in Alessandras Gemach zurück.

Die Prinzessin ließ die Tür ins Schloß fallen, und dann herrschte in ihrem schlicht eingerichteten Zimmer Dunkelheit. Nur der Mond, der durch eines der Fenster hereinspitzte, spendete so viel Licht, daß man Umrisse und einige Schatten erkennen konnte.

Olivia stand zögernd nahe der Tür. Sie hörte, wie ihre Schwester das prunkvolle Festtagskleid abstreifte und über einen Stuhl warf.

"Na, was ist? Setz' dich doch einfach irgendwo hin."

"Ich ..."

Alessandra ging zu ihrem Bett und setzte sich dann im Schneidersitz darauf. Ihre Fußsohlen machten nicht das geringste Geräusch auf dem warmen Steinboden. Nur das Knarren des Bettes war zu hören und zeigte der Prinzgemahlin an, wo ihre Schwester sich befand. Olivia glaubte, ihre Blicke auf sich zu spüren, obwohl das nur Einbildung sein konnte. Schließlich war es dunkel. Zögern drehte sie sich dem Bett zu und tastete sich vor, bis sie an der Kante angelangt war. Sie zog ihre Schuhe aus und setzte sich dann mit untergeschlagenen Beinen dicht neben Alessandra.

"Ich habe dein Bild gesehen", begann sie vorsichtig. "Es ist unvergleichlich. Nie zuvor habe ich so etwas gesehen. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Was hast du gefühlt, als du dich vor ihm nackt ausgezogen hast?"

"Er hat dich auch gemalt, stimmt's?"

Olivia zuckte heftig zusammen. Ihr Herz schlug plötzlich bis zum Hals. Alessandra legte eine Hand auf Olivias Kopf und begann langsam und nachdenklich, über ihr Haar zu streicheln. Die Prinzgemahlin fühlte eine unglaubliche Geborgenheit und Vertrautheit mit ihrer Schwester. Obwohl Alessandra die Jüngere war, war sie doch so viel stärker.

Alessandra sagte nachdenklich: "Es war das erste Mal, daß ich mich direkt vor einem Mann völlig entkleidet habe. Aber ich fand nichts dabei. Calract hat meinen wunderschönen Körper aufrichtig bewundert. Ich bin froh und stolz, so schön zu sein, Olivia, und ich schäme mich nicht. Nein, im Gegenteil, ich bin stolz auf dieses Bild. Es ist ein großartiges Meisterwerk, aber ohne mich hätte er es nicht erschaffen können."

"Mein Bild ist kein Meisterwerk, weil ich kein meisterliches Modell bin. Nirgends sieht man das so deutlich wie bei dem Vergleich dieser beiden Bilder. Das von dir zeigt die Größe und Kraft der Goldenen Königin, das von mir ist einfach nur ein ... Akt." Sie seufzte. "Ich bin so froh, daß du mir das gesagt hast", fuhr sie dann fort, "und ich möchte dich von ganzem Herzen um Verzeihung bitten für die schrecklichen Dinge, die ich zu dir gesagt habe - Meine Königin."

Alessandra schluckte. Sie wollte etwas sagen, brachte aber keinen Ton hervor. Dann spürte sie Olivias Finger über ihr Gesicht tasten und die Tränen erfühlen, die sie vor Rührung und Ergriffenheit vergoß. Ein heftiges Verlangen durchfuhr sie und sie umarmte ihre Schwester leidenschaftlich. "Olivia, meine geliebte Schwester."

"Alessandra, Herrin der Welt."

"Nein, du darfst so etwas nicht sagen."

"Aber es stimmt. Du bist die Hoffnung der Menschheit."

Alessandra wollte noch etwas erwidern, doch da spürte sie die Lippen Olivias auf den ihren. Und als sie sich voller Feuer und Liebe küßten, da dachte Alessandra an Nuitor.



Erstellt am 24.2.2002. Letzte Änderung auf dieser Seite: 18.7.2017