Das Unendliche Land - 8. Teil


18. Kapitel - In den Kirchenländern

Anfang des Jahres 1247 gab Calract mir, Tschuri, den Auftrag, Informationen über das Gebiet zu sammeln, das östlich an Arcadia angrenzt und unter dem Sammelnamen "Kirchenländer" in den Karten eingezeichnet ist.

Außer diesem Namen war allerdings erstaunlich wenig über dieses Land und seine Menschen bekannt, aber da es sich doch recht nahe am zweiten Zugang zum Unendlichen Land befand, hatte mein Vater verständlicherweise ein Interesse daran. Für diese Mission bekam ich von ihm eine sehr ungewöhnliche Unterstützung, nämlich ein wunderschönes geflügeltes Pferd, das er extra dafür in Lunaloc angefertigt hatte. Es war wohl das erste Mal, daß er dort nicht Menschen, sondern ein Tier umgearbeitet hatte.

Ich hatte ihm, genauer gesagt ihr, denn es war eine Stute, den Namen Subara gegeben. Praktischerweise konnte Subara ihre Flügel komplett einziehen, wodurch sie dann von einem ganz gewöhnlichen Pferd nicht mehr zu unterscheiden war. Und an noch etwas hatte Calract gedacht: genau wie ich konnte sie ihre Farbe verändern. Unsichtbar wurden wir dadurch zwar nicht, wir konnten uns aber der Umgebung und dem Hintergrund so gut anpassen, daß wir zumindest beim flüchtigen Hinsehen kaum zu erkennen waren.

"Tschuri, mein Kind", hatte Vater zum Abschied gesagt, "nach dem, was ich gehört habe, wird diese Mission alles andere als ungefährlich. Aber du bist jedem Menschen an Kraft und Schnelligkeit weit überlegen, und mit deinem Elfenlicht verfügst du zudem über eine sehr mächtige Waffe." Mir war eigentlich erst bei diesen Worten klargeworden, daß ich das Elfenlicht nicht nur in der Luft erstrahlen lassen konnte. Was aber geschehen würde, wenn ich es im Innern eines Menschen entzündete, daran wollte ich im Moment lieber nicht denken. Ich hoffte, es nicht so schnell ausprobieren zu müssen.

Und so war ich aufgebrochen und zunächst einige Tage lang nach Nordosten geritten. Jetzt stand ich vor einer riesigen Mauer.

*

Auf der Karte, die Calract mir mitgegeben hatte, war außer der Grenze hier nichts verzeichnet. Nachdenklich blickte ich auf und ließ meine Augen an dieser Mauer entlangschweifen. Sie wirkte relativ neu. Vielleicht war das der Grund, warum sie in der alten Karte, die wohl noch aus dem Schwarzen Schloß stammte, nicht eingetragen war. Jedenfalls war sie sehr hoch, stellenweise fast 20 Meter, und es war weit und breit kein Durchbruch zu sehen, keine Tür, keine Scharte, nur der hellgraue Putz, der aber an einigen Stellen schon herunterbröckelte.

In lockerem Trab, den Subara stundenlang durchhalten konnte, ritt ich erst mal weiter nach Norden in der Hoffnung, daß irgendwo diese Mauer auch mal enden mußte. Natürlich hätte ich Subara auch einfach darüber fliegen lassen können, aber ein fliegendes Pferd ist sehr auffällig, und mein Vater hatte mir eingeschärft, diese Fähigkeit nur im Notfall einzusetzen.

Aber ... wenn ich nicht fliegen durfte, konnte ich vielleicht klettern. Gerade als ich ernsthaft begann, darüber nachzudenken, sah ich in der Ferne ein Dorf, und zwar auf der arcadischen Seite. Die Bauern dort würden sicher irgend etwas wissen.

Doch ich wurde enttäuscht. Das Dorf war verlassen. In Arcadia war zumindest stellenweise Recht und Ordnung verlorengegangen, und Räuber und Plünderer wechselten sich ab mit Soldaten und Steuereintreibern des regierenden Rates. Ich fragte mich, warum der alte König Starrus nichts dagegen unternahm, denn er erfreute sich bester Gesundheit. Nun ja, wie auch immer, ich verließ das menschenleere Dorf wieder und ritt zu der Mauer zurück. Dort stieg ab. Nachdenklich strich ich mit der Hand über die verputzten Steine. Es gab relativ wenige Vorsprünge, an denen man sich hätte festhalten können, zudem war der Putz ziemlich bröckelig und gab so leicht nach, daß man daran wohl keinen soliden Halt fand.

Andererseits war ich eine Lunaloc-Dämonin und verfügte über viel größere Kräfte, als man meinem eher zierlichen Körper ansah. Auch ein Sturz oder Sprung aus 20 Metern Höhe würde mir nichts ausmachen. Also beschloß ich, es zu versuchen. Subara hatte sich hinter eine Buschgruppe zurückgezogen, und ich legte nun meine wenigen Kleider ab und färbte mich dann mit dem verwaschenen Grau der Wand ein. Nur wer genau hinsah, würde jetzt noch erkennen können, daß da jemand hochkletterte.

Sicher, es gab weit und breit keine Menschenseele, aber sicher ist sicher, dachte ich mir. Und es war ja auch kein großer Aufwand. Im Gegenteil, ich war schon ein bißchen stolz auf meine besondere Fähigkeit.

Am Anfang war es schwierig, aber nach ein bißchen Eingewöhnung fanden meine Hände und Füße guten Halt, und nach wenigen Minuten hatte ich die Mauerkrone erreicht. Vorsichtig streckte ich den Kopf darüber. Die Mauer war oben genauso beschaffen wie an der Außenseite, nämlich flach und grau verputzt. Es gab auch hier oben keine Strukturen, insbesondere keinen Weg und keinerlei Befestigungen. Ich zog mich ganz in die Höhe und schlich geduckt über die Mauerkrone bis zur anderen Seite, etwa drei Meter weg. Von hier aus konnte ich einen großen Teil dieser Mauer und des Landes, das davon umschlossen war, überblicken.

Auf den ersten Blick sah ich nichts Außergewöhnliches, nur, daß es kaum Waldflächen gab, sondern das ganze Gebiet mit seinen vielen Feldern und einigen Dörfern, von denen jedes seine Kirche hatte, sich offen vor mir ausbreitete. Es war auf den ersten Blick ein bunter Flickenteppich von Feldern, Wegen, Häuschen, kleinen Dörfern, einigen Teichen und auch gelegentlich unberührt wirkenden Flächen.

Ich studierte das kleine Land, von dem ich nicht mal den Namen wußte, nun intensiver. Die Form war grob betrachtet kreisförmig mit einem Durchmesser von etwa 20 bis 25 Kilometern. Die Mauer umgab es vollständig, und nirgends im Inneren gab es einen Punkt, der hoch genug gewesen wäre, als daß man von ihm aus über die Mauer hinweg ins Freie hätte sehen können, ausgenommen einen wuchtigen Turm ziemlich im Zentrum dieses Gebietes. Es war hier für einen mir noch unbekannten Zweck ein enormer Aufwand betrieben worden, um entweder die Bewohner ein- oder die Außenwelt auszuschließen. Ich war in der Tat in einer seltsamen Weltgegend gelandet.

An der Mauerinnenseite zog sich ein recht breiter Streifen Wildnis entlang, dahinter begannen dann die Felder und Äcker. Das Land sah sehr fruchtbar aus. Etwa in der Mitte schien es einen Kohle-Tagebau zu geben, soweit ich das von hier aus sehen konnte. Dieser war wiederum vom Rest des Landes durch eine kleinere Mauer abgetrennt, und direkt nördlich davon erhob sich ein großes, düsteres Gebäude mit diesem großen Turm, der mir gleich als erstes aufgefallen war. Dieser Gebäudekomplex war der größte, den ich erkennen konnte, wahrscheinlich der Palast des hiesigen Herrschers oder Oberpriesters.

Überall sah ich auch Menschen auf den Feldern, den Wegen und in der Kohlenmine. Was ich nicht sah, war eine Lücke in der Mauer. Sollte es wirklich keinen einzigen Zugang geben?

Also, 20 Kilometer mal Pi, das wäre gut 60 Kilometer. Mit anderen Worten konnte ich in einem Tag ohne Probleme einmal um die ganze Mauer herumreiten, wenn ich zügig ritt - und wenn es einen Weg gab und ich mir nicht einen solchen erst durch Urwald und Gestrüpp bahnen mußte. Aber ich war optimistisch. Und so kroch ich zur Außenseite zurück und sprang einfach herunter. Mein neuer Körper steckte das weg wie nichts, er war wirklich fantastisch. Ich lief zu Subara und schwang mich auf meine übliche Art, ohne die Hände zu benutzen, in den Sattel. Für einen Menschen wäre das eine schwierige Übung gewesen, doch meine Beine hatten bei weitem genug Kraft dafür. Ein leichter Druck mit den Fersen ließ das Pferd antraben, und so ging es dann die nächsten zwei Stunden dahin. Die Mauer, die bisher mehr oder weniger die Grenze zu Arcadia gebildet hatte, machte schließlich einen scharfen Knick nach rechts in die Kirchenländer hinein.

Noch zwei Stunden später, es wurde langsam Abend, erreichte ich eine kleine Stadt, die ebenfalls auf der Karte nicht verzeichnet war. Von ihrem südlichen Rand bis zur Mauer waren es etwa zwei Kilometer.

Ich hatte mich inzwischen wieder angekleidet und überlegte, ob ich in das Städtchen reiten oder Subara draußen verstecken und zu Fuß hineingehen sollte. Ich entschied mich für letzteres. Subara hatte von Calract nicht nur Flügel, sondern auch eine gewisse Intelligenz bekommen, und so verstand sie sofort, was ich von ihr wollte.

Aus den Satteltaschen, in denen neben der Karte noch alle möglichen anderen Utensilien steckten, holte ich meine Stiefeletten heraus und zog sie über. Dann ging ich los.

Es dauerte nicht lange, bis vor mir ein Bauer auftauchte. Ich beschloß, ihn anzusprechen.

"Verzeiht, mein Herr".

Der Bauer blieb stehen und musterte mich mißtrauisch von oben bis unten durch. "Du bist nicht von hier, oder?"

"Nein. Mein Name ist Tschuri, und ich komme aus Arcadia. Die Räuber haben meine Familie in die Sklaverei verkauft, und jetzt suche ich mein Glück in einer friedlicheren Gegend." Eine plausible Geschichte, wie ich fand.

Als der Bauer hörte, daß ich eine Ausländerin sei, entspannte er sich sichtlich. Anscheinend mißtrauten die Menschen hier in erster Linie ihren eigenen Leuten. "Friedlich, hmm", brummte er, mehr zu sich selbst.

"Äh, wißt Ihr, ob es in der Stadt ein Gasthaus gibt? Ich bin schon lange unterwegs und ..."

"Du kannst bei mir was essen, wenn du dafür arbeitest."

"Ich habe Geld."

"Ich dachte, die Räuber hätten euch alles weggenommen."

"Das, was mein Vater vergraben hatte, haben sie nicht gefunden."

"So. Hmm."

Er forderte mich auf, ihm zu folgen, und in der Tat war sein Bauernhof nicht weit. Es war eine ziemlich heruntergekommene Hütte, aber in dem Stall daneben gab es Hühner und ein paar Schweine. Ganz arm konnte er wohl nicht sein.

Der Mann, der sich mir inzwischen als Bauer Gadrol Taniska vorgestellt hatte, wurde, als wir in Sichtweite seines Hauses kamen, von seiner Frau und zwei jungen Burschen, seinen Söhnen, freudig empfangen. Er stellte mich kurz vor und befahl seiner Frau, die auffallend jünger war als er, ein Essen mehr aufzutischen.


Die Familie war zwar recht klein, aber sehr freundlich. Das änderte sich aber, als ich das Gespräch auf die Mauer brachte.

"Auf dem Weg hierher bin ich den ganzen Tag an dieser seltsamen hohen Mauer entlanggelaufen. Wißt Ihr, was es damit auf sich hat?"

Einer der beiden Jungen platzte heraus: "Das ist die heilige Städte Orna, wo ..."

"Schweig!", fiel ihm da sein Vater ins Wort. "Darüber wird hier nicht gesprochen. Hmmm ..." Er sah mich finster an, und es war mir klar, daß ich aus ihm nichts mehr herausbringen würde. Aber meine Neugier war nun erst recht angestachelt.


Ich hatte nicht nur für das Essen, sondern auch für eine Übernachtung bezahlt. Calract war klug genug gewesen, mir nicht nur Gold-Dublonen, sondern auch einfaches Silber- und Kupfergeld mitzugeben, das in so einer Lage viel weniger auffiel. So bekam ich also ein improvisiertes Bett, das eigentlich aus einem mit einer Decke überzogenen Strohhaufen bestand und in der Küche vor dem Herd aufgebaut worden war, wo es mollig warm war, und das ich mit einer Katze teilen mußte, der es an diesem warmen Platz ebenfalls sehr gut gefiel. Die anderen schliefen zusammen in dem Zimmer weiter hinten.

Es war mir nicht entgangen, daß die beiden Jungen Gefallen an mir gefunden hatten. Den ganzen Abend hatten sie mir heimlich verliebte Blicke zugeworfen, und als Gadrol und seine Frau eingeschlafen waren, da dauerte es nicht lange, bis ein leises Knarren der Dielen verriet, daß sie zu mir unterwegs waren.

Das Feuer war längst aus, und es war praktisch stockdunkel, aber an den Schritten konnte ich leicht hören, daß es die beiden waren.

"Hallo ihr zwei!" rief ich leise ins Dunkle.

Die Schritte verstummten, dafür hörte ich die beiden überrascht Luft holen.

"Kommt ruhig her, hier herüber. Setzt euch aufs Bett."

Die beiden taten wie geheißen. Sie waren viel zu schüchtern, als daß sie sich alleine getraut hätten. Und jetzt wußten sie nicht so recht, wie sie anfangen sollten. Es war komisch, die beiden waren wahrscheinlich älter als ich, aber trotzdem erschienen sie mir wie hilflose kleine Kinder.

"Na ihr beiden, wie heißt ihr denn eigentlich?"

"Ich heiße Rolf".

"Und ich bin Tim."

"Und lebt ihr schon lange hier an dieser Mauer?"

"Ja, eigentlich schon immer."

Ich fragte weiter: "Und wißt ihr auch, was hinter dieser Mauer passiert?"

Die beiden drucksten herum, mußten dann aber zugeben, daß sie keine Ahnung hatten.

"Aber", fuhr ich fort, "gibt es denn kein Tor oder einen Eingang nach dort?"

"Also", antwortete Tim, "gehört habe ich schon davon. Irgendwo weiter im Osten soll es einen geben. Aber da geht nie jemand hin."

"Das muß ja ein seltsames Land sein." Die beiden stimmten mir zu. Ich ließ mir dann über ihr Leben hier im Dorf erzählen. Das Städtchen nannte sich Tirkam und gehörte zum Erzbistum Arrol, das über den ganzen Kirchenstaat verstreut Ländereien hatte. Diese territoriale Zerstückelung war ein Charakteristikum dieses Landes, auf das ich immer wieder stoßen sollte.

Ich wußte nicht, wie spät es inzwischen geworden war. Dicht aneinander gekuschelt hockten wir auf meinem Strohbett und redeten und redeten. Daß es vollkommen dunkel war, fiel uns gar nicht mehr auf. Irgendwann kam unser Gespräch auf die heilige Städte Orna zurück und ich fragte, warum Gadrol meine Fragen dazu so brüsk zurückgewiesen hatte. Die beiden wußten es nicht, aber irgendwie hörte ich heraus, daß Gadrol wohl ein dunkles Geheimnis in sich trug, über das er noch nie, zumindest nicht in ihrer Gegenwart, gesprochen hatte. Doch ich sollte nicht lange im Unklaren darüber bleiben. Die Mietze sprang vom Bett herab und entschwand in der Dunkelheit, und im nächsten Moment wurde die Tür zum Schlafzimmer aufgerissen und Gadrol, mit einer Kerze in der Hand, kam drohend heraus.

Rolf und Tim zuckten heftig zusammen und machten sich ganz klein. Gadrol baute sich vor den beiden auf und blickte sie lange und streng an. Dann zog er erst Tim und dann Rolf an einem Ohr hoch, gab jedem eine schallende Ohrfeige und scheuchte sie ins Schlafzimmer. "Wenn ich heute noch einen Ton von euch höre, dann Gnade euch Gott!" Wie begossene Pudel schlichen die beiden ins Schlafzimmer und machten die Türe so leise hinter sich zu, daß nicht mal ich das leiseste Knarren hörte.


"Du bist kein gewöhnliches Mädchen. Und du bist auch nicht aus Arcadia hmm!"

Wir sahen uns eine Zeitlang schweigend an. Irgend etwas war zwischen uns. Schließlich zog der Bauer sein speckiges Hemd aus. Quer über seine Brust zogen sich vier parallele Narben, denen man jetzt noch ansah, daß sie ihm damals beinahe das Leben gekostet haben mußten.

"Die stammt aus dem Reich Karls, wo ich unter der großen Königin Alessandra gegen die Armee des Teufels gekämpft habe, gegen die Lunaloc-Dämonen, wie sie genannt werden. Und dort habe ich mehr als genug Gelegenheit gehabt, diese Wesen kennenzulernen."

Er führte die Aussage nicht zu Ende, aber es war mir ziemlich klar, daß er mich enttarnt hatte. Und das war schon ziemlich bemerkenswert.

"Komm!"

Und so gingen wir mitten in der Nacht los, erst auf die Mauer zu und dann an ihr entlang Richtung Osten.

"Hmm. Dort drüben, auf der anderen Seite der Mauer, wurde ich geboren. Ich hatte gehofft, nie mehr daran erinnert zu werden, aber eines Tages holt wohl jeden seine Vergangenheit ein." Gadrol wirkte ziemlich nervös.

Die Sterne gaben ein wenig Licht. Die Kerze hatte der Bauer zuhause gelassen, und so stolperten wir durch das Gestrüpp und das Unterholz, bis wir einen Trampelpfad erreichten und ihm folgten.

Plötzlich blieb Gadrol stehen, drehte sich um und umfaßte mit seinen Pranken meine schmalen Schultern. "Alle kennen deinen Vater nur als den obersten aller Teufel, den Schwarzen König, der direkt aus der Hölle gekommen ist um die Welt der Menschen zu verderben. Aber was da drüben, auf der anderen Seite der Mauer ist, das ist noch viel schlimmer." Er schluckte, dann sprach er mit leiser Stimme weiter. "Hmmm. Wir leben hier nicht ganz so weltabgeschieden, wie es für euch vielleicht aussieht, und wir haben in letzter Zeit viel über die Goldene Königin und Calract gehört. Als ich dich sah, habe ich sofort gespürt, daß mit dir etwas nicht stimmt, aber ich wollte es nicht glauben, daß du zu diesen Dämonen gehörst."

"Es stimmt", antwortete ich mit fester Stimme. "Ich bin eine Lunaloc-Dämonin."

"Dein Vater kann nicht nur böse sein, wenn er ein so schönes Wesen wie dich erschaffen hat. Aber Ornata, der Herrscher des Landes auf der anderen Seite der Mauer, der hat eine Seele, die ist so schwarz wie die Kohle, der er seine Macht verdankt, hmm."

"Kohle?" Ich war überrascht. Daß Gold Macht verleiht, wußte ich. Soldaten waren auch nicht schlecht für die Macht, aber Kohle?

Doch Gadrol antwortete nicht direkt. Ich sagte zu ihm: "Ich bin vorhin auf die Mauer geklettert und habe auf die andere Seite geschaut. Es sah eigentlich alles recht friedlich aus. Es leben auch Menschen dort, und sie sahen ganz normal aus."

"Welche Menschen hast Du denn gesehen? Männer oder Frauen?"

"Das konnte ich aus der Entfernung nicht so genau erkennen."

"Ich gebe dir einen guten Rat: laß niemanden dich dort sehen! Hmm!"

Es klang ziemlich bedrohlich. Er fuhr fort: "Wenn ich dich dort hinbringe, wirst Du dann etwas für mich tun?"

"Und was?"

"Suche eine Frau namens Aliira Taniska und töte sie."

Ich zuckte leicht zusammen. "Also ..."

"Ich weiß, hmm. Aber wenn du erst drüben bist, dann wirst du mich verstehen. Aliira war meine Frau, und wir hatten einen Sohn. Sie ... hmm ... es war ein Junge, aber sie wollte ein Mädchen, und deswegen hat sie ihm die Eier abgeschnitten. Ich h ... habe ihn mitgenommen, als ich geflohen bin ..." Seine Stimme brach und er mußt erst mal tief durchatmen, bevor er weitersprechen konnte: "Bei uns ist es Tradition, daß der Sohn den Namen des Vaters bekommt, aber weil ich nur noch einen halben Sohn hatte, habe ich ihm auch nur den halben Namen gegeben: Gad'ta."

Gad'ta! Jener sagenhafte Künstler oder Magier, der Alessandra in ihrer dunkelsten Stunde beigestanden hatte. Ich konnte es kaum glauben.

Taniska fuhr fort: "Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Ich habe hier Fuß fassen können, aber er nicht. Komisch was? Normalerweise sind es die jungen, die sich leichter anpassen, hmm. Jedenfalls ist er weggelaufen ... war vielleicht das Beste."

Seine Hände umklammerten meine Schultern wie Schraubstöcke. "Bitte, bring' sie um." Er atmete schwer, dann ließ er mich los und wies den Weg entlang. "Noch ein Stück weiter kommt das Tor. Es ist das einzige, das existiert. Es ist winzig. Man kann sich gerade noch so hindurchquetschen, und es wird bewacht, von drei blinden Soldaten."

"Blinde Soldaten?"

"Damit sie nicht nach draußen sehen können. Was glaubst du, wozu diese Mauer da ist." Seine Stimme war immer leiser geworden und man konnte deutlich hören, wie er um seine Fassung rang. Er schluchzte auf und rannte dann einfach davon, den Weg zurück, von dem wir gekommen waren.

*

"Subara?"

Ein leises Wiehern antwortet mir aus der Dunkelheit. Ich wußte, daß ich mich auf sie verlassen konnte. Kurz darauf stieß mich ihre weiche Schnauze sanft gegen den Rücken. Liebevoll umarmte ich die schöne Stute. Mir war die Mission, die mir bevorstand, inzwischen ziemlich unheimlich.

Ich bestieg Subara und ließ mich von ihr über die Mauer fliegen. Jetzt, in der Dunkelheit, sollte das kein Risiko sein. Auf der anderen Seite angekommen flogen wir noch etwas weiter, bis an den Rand der ersten bewohnten Fläche. Ich stieg ab und schickte die Stute zurück in den Streifen Wildnis, der die Mauer auch auf der Innenseite umgab. Dort konnte sie so schnell niemand finden, vor allem nicht, wenn sie sich tarnte.

Es sollte mich also niemand sehen, hatte Gadrol mir geraten. Nun denn, darin war ich ja ziemlich gut. Meine Kleider konnte ich nicht einfärben, deswegen würde ich den Großteil dieser Erkundung nackt durchführen müssen, aber da es hier trotz der frühen Jahreszeit recht mild war, störte mich das nicht weiter.

Ich schlich mich also an das kleine Haus heran, das hier gerade in der Nähe stand. Ich brauchte keine besondere Vorsicht walten zu lassen, denn alles blieb ruhig. Nachts zumindest schien es hier sehr friedlich zu sein. Also konnte ich mich in aller Ruhe umsehen, aber es gab nichts Auffälliges, zumindest nichts, was ich in dieser Dunkelheit hätte bemerken können. Später kletterte ich vorsichtig auf das Dach, das mit einer Art Schilf oder Stroh gedeckt war. Es war relativ flach und ich lag ziemlich bequem darauf. Da wahrscheinlich in dieser Nacht nichts mehr passieren würde, beschloß ich, bis zum Morgen zu schlafen.


Der Morgen brachte in der Tat eine Überraschung. Als ich mit den ersten Sonnenstrahlen erwachte, hörte ich neben einem fernen Glockenläuten unter mir in dem Häuschen bereits die Bewohner rumoren. Der Schornstein begann zu rauchen und die Haustüre wurde geöffnet. Ein mit einem Nachthemd bekleideter Mann schlurfte mit einem Eimer bewaffnet hinaus und ging dann einen Weg entlang davon. Fünf Minuten später kam er zurück, den Eimer voll mit klarem Wasser, und verschwand wieder in der Hütte.

Anscheinend wurde nun gegessen, denn ich hörte leise das Klappern von Tellern und Besteck. Etwa eine halbe Stunde später, es war inzwischen hell, kam der Mann in Begleitung zweier junger Burschen, aller Wahrscheinlichkeit nach seine Söhne, wieder heraus. Auch seine Frau war ihm ins Freie gefolgt, um ihn zu verabschieden ...

Ich zwinkerte mit den Augen, denn ich konnte nicht glauben, was ich da sah. Es war bizarr. Die Frau trug äußerst seltsame Kleidung. Oder was sollte das sein ...? Das, was sie über Brust und Oberkörper trug, hatte ich zuerst für eine Art eiserner Rüstung gehalten, wie man sie bei jedem besseren Ritter sieht, aber in solchen Rüstungen brannten normalerweise keine Feuer. Doch in der Brust dieser Frau war ein Ofen ... nein, eine Dampfmaschine!

Ihr gesamter Oberkörper war durch eine eiserne Maschine ersetzt worden. Kopf und Arme waren hingegen völlig normal. Allerdings schien es, daß die Aufhängung der Schultern, also Schulterblätter und Schlüsselbeine, die ebenfalls zu dem eisernen Brustkorb gehörte, starr waren, so daß diese Frau nicht ganz so beweglich war ein normaler Mensch.


Nachdem der Mann und seine Söhne sich mit ihren Feldwerkzeugen ausgestattet hatten und davongegangen waren, ging die Frau mit suchenden Blicken über den Hof. Ab und zu las sie etwas auf, und wieder mußte ich eine Zeitlang zusehen und kombinieren um herauszufinden, was sie da so intensiv suchte: es waren kleine Kohlestückchen, die überall verstreut herumlagen. Zwischendurch sah sie immer wieder auf in Richtung des Zentrums, wo der große Palast stand, so als erwarte sie dringend jemanden von dort. Sie wurde immer nervöser, verschwand zwischendurch in der Hütte, kam aber bei jedem Geräusch wieder heraus und sah nach, ob ihr Besucher nicht schon eingetroffen war.

Doch es dauerte fast bis Mittag, bis das ersehnte Ereignis endlich eintrat. Der Ankömmling war ein kräftiger Mann, der vor sich her eine Schubkarre schob, in der ganz unten ein paar Stücke Kohle lagen.

Die Tür flog auf. "Endlich! Wie konntet Ihr mich so lange warten lassen!" Gierig blickte die Frau in die Schubkarre, doch als sie sah, daß sie fast leer war, traten ihr die Tränen der Enttäuschung in die Augen und sie begann, dem Mann bittere Vorwürfe zu machen. Der entschuldigte sich auch, aber davon wurde die Kohle auch nicht mehr.

"Morgen werde ich Euch mehr Kohle mitbringen, das verspreche ich."

"Das versprecht Ihr jeden Tag", schluchzte die Frau. "Mein Leben bedeutet Euch doch in Wirklichkeit gar nichts." Dann schwieg sie. Der Kohle-Ausfahrer begann, die in der Karre verbliebenen Kohle-Stücke zusammenzukramen und nahm die Krümelchen, die die Frau zuvor aufgelesen hatte, noch dazu. Die Frau drehte ihm dann den eisernen Rücken zu. Er öffnete eine Klappe, zog eine ebenfalls eiserne Schublade heraus, warf die Kohle hinein, drückte die Schublade wieder zu und fixierte die Klappe schließlich. Dann schraubte er eine Öffnung daneben auf und goß Wasser aus einer Kanne hinein.

Die Frau lebte geradezu auf, das Feuer, das man durch die Lüftungsgitter hindurch in ihrem Brustkorb glühen sehen konnte, loderte sogleich viel heller und die Dampfmaschine, die anscheinend auch ihr Herz antrieb, erhöhte ihre Touren. Sie warf dem Kohle-Fahrer einen finsteren Blick zu und ging dann mit kraftvollen Schritten ins Haus zurück.

Der Mann kippte die Schubkarre nun um, beförderte so die letzten Krümel und Stäubchen hinaus, und kehrte dann auf dem Weg, auf dem er gekommen war, wieder zurück. Kurz darauf verschwand er hinter einer Buschgruppe aus meinem Blickfeld.


Die Frau hatte die Wäsche gewaschen und auch sonst allerlei Arbeiten verrichtet. Es leuchtete mir durchaus ein, daß man für so eine anstrengende Arbeit viel Kraft brauchte und daß sie deswegen ständig knapp an Kohle war. Was für ein grauenvolles Leben.

Jetzt kam sie mit dem Wäschekorb wieder heraus und begann, die Wäsche über eine Leine zu hängen. Sie selbst war immer noch fast nackt, ausgenommen ein paar dünne Tücher um ihre Hüften und die Sandalen an ihren Füßen. Die Kleider waren in diesem Land anscheinend hauptsächlich für die Männer bestimmt. Zwischendurch blickte sie immer wieder auf und musterte mißtrauisch die Gegend. Auch über das Dach, wo ich in Tarnfärbung lag, schweiften ihre Blicke immer wieder. Wenn ich mich bewegt hätte, hätte sie mich unweigerlich gesehen. Doch so konnte sie ihr Mißtrauen nicht unterlegen, was wiederum ihre Nervosität vergrößerte.

Schließlich verschwand sie wieder im Haus. Als die Sonne unterging, kehrten die drei Männer zurück. Wieder wurde gegessen, dann erfolgte irgendeine Art religiöser Zeremonie, die sich über fast eine Stunde hinzog. Schließlich erloschen Licht und Ofen.


Ich hatte den ganzen Tag Zeit gehabt, über meine Beobachtungen nachzudenken. Ganz klar, ich mußte ins Zentrum. Zuerst suchte ich Subara und wies sie an, auf die Mauerkrone zu fliegen. Wenn ich sie brauchte, würde sie das von dort aus am besten erkennen können. Dann lief ich im Schutz der Nacht den Weg entlang tiefer ins Innere dieses unheimlichen Landes.

Den nächsten Tag verbrachte ich, wiederum gut getarnt, in einer kleinen Stadt. Ich hatte sie schon gesehen, als ich vorgestern von der Mauer aus das Land überblickt hatte. Insgesamt gab es zehn Ansiedlungen, die den Namen Stadt verdient hätten, ansonsten überall einzelne Höfe oder kleine Gruppen von Häusern zwischen den Feldern. Und natürlich das Zentrum mit der größten Stadt und dieser unheimlichen Burg.

Hier waren den ganzen Tag über so gut wie keine Frauen im Freien zu sehen, aber wenn mal eine auftauchte, dann war sie zumeist nahezu unbekleidet und stets mit einem eisernen Brustkorb ausgestattet. Selbst die kleinen Mädchen waren schon damit versehen. Es gab hier allem Anschein nach keine einzige normale Frau. Jetzt wurde mir auch klar, warum Gadrol Taniska mich davor gewarnt hatte, mich sehen zu lassen. Womöglich hatten die Menschen hier noch nie in ihrem Leben eine Frau gesehen, die noch ihren natürlichen Körper hatte. Nun ja, mein Körper war auch nicht mehr der originale, aber er sah wenigstens noch so aus. Wie würden die Leute hier wohl auf meinen Anblick reagieren? War das vielleicht auch der Zweck dieser Mauer? Nichts und niemand konnte hinein und hinaus, nicht mal ein Blick.

Männer waren dafür viele unterwegs, und auch diese Kohle-Ausfahrer sah ich den ganzen Tag lang. Allerdings versorgten sie die Frauen hier nie einfach so im Freien.

Das Leben war eine unheimliche Mischung aus Alptraum und Normalität. Unten auf der Straße wurde Markt abgehalten. Es gab Obst, Kartoffeln, Hühner, Hunde, Gänse und alles mögliche andere. Zwischendurch kamen Männer vom Feld, brachten Korn, tranken Wasser aus dem Brunnen, aßen vielleicht eine Suppe oder ein belegtes Brot, unterhielten sich und machten rauhe Witze. Niemand hätte sich etwas dabei gedacht, doch wenn ich gerade dabei war zu vergessen, wo ich hier war, dann erschien eine dieser dampfbetriebenen Frauen.

Niemand schenkte ihnen Beachtung. Für die Leute hier war es das normalste der Welt.

Am Nachmittag wurden die Stände der Händler abgebaut. Kurz darauf erschienen ein paar Jungen, um die heruntergefallenen Früchte aufzulesen. Aus irgendeinem Haus kamen dann auch zwei Mädchen, das eine vielleicht drei, das andere etwa zehn. Die Kleine hatte es offensichtlich nicht leicht, auf ihren dünnen Beinen den schweren eisernen Brustkorb zu tragen, und die Dampfmaschine in ihrem Inneren gab heftige weiße Wölkchen von sich. Trotzdem war sie anscheinend entschlossen, sich auch ein paar Früchte zu schnappen, doch die Jungen waren natürlich viel flinker. Als das Mädchen schließlich anfing zu weinen, rief einer ihr zu: "Was willst du denn, du frißt doch nur Kohle!" Und weg war er.

Die Normalität eines Alptraums. Zumindest erschien mir es so. Aber auf ihre Weise führten diese Menschen wirklich ein normales Leben. Ich war hier der Fremdkörper. Und die Menschen schienen mich irgendwie zu spüren. Es kam mir fast wie ein Wunder vor, daß ich nicht entdeckt wurde, denn fast jeder, der heute da unten vorbeigegangen war, hatte, ohne sich dessen bewußt zu sein, zu mir hochgesehen.

In der Nacht schlich ich dann wieder weiter. Die heilige Städte Orna war nicht groß, und gegen Mitternacht erreichte ich die innere Mauer, die den Kohle-Tagebau umgab.

Ich hatte Fallen, Gruben, Stacheldraht oder sonst etwas erwartet, aber es gab nur diese einfache Mauer, etwa fünf Meter hoch und im Gegensatz zur Außenmauer frisch verputzt. So einfach konnte selbst ich nicht an ihr hochklettern. Also lief ich an ihr entlang in der Hoffnung, etwas Interessantes zu finden. Im übrigen konnte man hören, daß dort drinnen auch nachts nicht geschlafen wurde. Dem Geräusch nach gab es dort wohl eine Art Schmiede, und die war selbst hinter der Mauer noch deutlich zu hören.

Ich fand schließlich einen Eingang, und der war geradezu riesig. Eine mindestens 20 Meter breite, von Alleebäumen gesäumte Prachtstraße endete vor einem schmiedeeisernen Tor, das aus verschiebbaren Segmenten bestand. Die waren jetzt natürlich geschlossen und gut bewacht. Hier würde ich nicht unbemerkt einsteigen können, weder jetzt noch am Tag.

Meiner Tarnung verdankte ich, daß ich nicht entdeckt worden war, sie hatte aber den Nachteil, daß ich keinerlei Ausrüstung bei mir haben konnte, denn natürlich konnte ich keine Kleider, Säcke oder Taschen umfärben. Was bleib mir also anderes übrig, als zurück zur Außenmauer zu laufen und mit Subara über diese Mauer zu fliegen?

Ich lief los. Und bevor der Morgen graute, war ich wieder an der äußeren Mauer angelangt. Vom Zentrum waren es bis hier kaum zehn Kilometer, ein besserer Spaziergang also, selbst in fast völliger Dunkelheit. Ich fand einen großen alten Baum, der eine starke Aura hatte, und integrierte mich in ihn - eine jener bemerkenswerten Fähigkeiten, über die alle Lunaloc-Dämonen verfügten. Mit leiser Ironie fragte ich mich dabei, ob nicht diese eisernen, dampfbetriebenen Frauen vielleicht doch noch normaler waren als ich. Jedenfalls verbrachte ich so den Tag und tankte neue Energie. Als es wieder Nacht geworden war, rief ich meine Stute herbei, ließ mich von ihr in der Mine absetzen und schickte sie dann wieder zurück mit dem Auftrag, in den folgenden Nächten an dieser Stelle wieder zu erscheinen und mich abzuholen, wenn das nötig sein sollte.

Tja, so einfach war das, wenn man fliegen konnte und sich dabei so rabenschwarz einfärbte, daß einen in der Nacht garantiert niemand sehen konnte.

Ich ging auf die inzwischen bewährte Weise vor, nur daß ich diesmal auf einen hohen Baum kletterte. Durch die dichten Blätter hindurch konnte ich zwar nicht alles genau erkennen, aber um mir einen Überblick über die Situation hier zu verschaffen, würde es schon reichen.

Kaum daß der Tag angebrochen war, wurde das große Tor aufgeschoben. Davor hatten sich bereits an die hundert Menschen versammelt, und zwar lauter Paare. Ins Innere eingelassen wurden aber nur die Frauen. Mein Baum stand ein Stück weiter innen, und die Frauen gingen alle die Alle entlang genau unter mir vorbei. Jetzt konnte ich das sehr deutlich sehen, was mir von weitem schon aufgefallen war: sie waren alle hoch schwanger.

Die Allee bog dann nach rechts ab und endete vor dem seltsamen Palast. Dort hinein verschwanden die Frauen allesamt.

Etwas später kamen aus der anderen Richtung, dort, wo die Kohlemine lag, mindestens zwei- oder dreihundert dieser Kohle-Ausfahrer, und jeder schob eine randvoll beladene Schubkarre vor sich her. Das Tor öffnete sich vor ihnen und entließ sie nach draußen. Dann wurde es wieder geschlossen.

Im Laufe des Tages verließen einige der Frauen den Palast. Es waren allerdings nicht die, die heute morgen gekommen waren, denn selbst wenn sie im Laufe des Tages schon entbunden hätten, wären sie jetzt kaum schon wieder in der Lage gewesen, so einfach nach Hause zu marschieren.

Was mir auffiel war, daß ziemlich genau die Hälfte von ihnen ein Baby auf dem Arm hatte, die andere Hälfte aber nicht. Schwanger waren sie alle gewesen, wo war also die fehlende Hälfte der Babys?

Ich bedauerte es, hier mit niemandem sprechen zu können. Es hätte mir viel geholfen. So mußte ich jede Kleinigkeit selbst herausfinden. Was mir noch auffiel war, daß draußen, ziemlich dicht vor dem Tor, eine Art Bühne aufgebaut wurde. Den ganzen Tag lang kamen Arbeiter und brachten Material, das andere dann zu einem gewaltigen Podest zusammensetzten. So wie es aussah, machten sie das nicht zum ersten Mal. Am Abend waren sie dann fertig.

Auch die Kohle-Fahrer waren im Laufe des Tages einer nach dem anderen wieder zurückgekehrt. Sie kamen mir vor wie ein Schwarm Bienen, der abends wieder in den Stock einflog.

Kurz darauf begannen einige Glocken zu läuten, und die Menschen - die Männer, um es genau zu sagen - strömten in die Kirchen, wo sie etwa eine Stunde lang blieben.

In der Nacht wurde es wieder ruhiger und ich beschloß, nun den Palast aufzusuchen, das Zentrum dieses merkwürdigen Landes.

Wie erwartet gab es keine Wachen. Das Leben hier war so streng geordnet, daß sich wahrscheinlich überhaupt niemand vorstellen konnte, gegen die Regeln zu verstoßen. Und wenn Wachen jahrzehntelang nichts zu tun hatten, wurden sie irgendwann abgezogen. Trotzdem war Vorsicht das oberste Gebot. Auch an sich harmlose Gegebenheiten konnten zur Falle werden, wenn man sich nicht auskannte.

Zwei Dinge waren in dem Gebäude zu hören: das Dröhnen der Schmiede und, viel leiser, das Schreien von Babys. Das interessierte mich natürlich besonders. Gut getarnt schlich ich durch die Gänge und Säle.

Der Palast war das reinste Labyrinth, aber um diese Zeit menschenleer. Jedenfalls fast, denn nach etwa einer halben Stunde erreichte ich einen großen Saal, in dem etwa 20 Säuglinge lagen. Soweit ich das abschätze konnte, mußte dieser Saal etliche Meter unter Bodenniveau liegen, und außerdem spürte ich eine seltsame Energie, die mir irgendwie vertraut vorkam.

Ich zuckte heftig zusammen, als ich dicht hinter mir plötzlich Schritte hörte. Irgendwo war eine Tür geöffnet worden, und jetzt stapften vier schwer gepanzerte Soldaten durch den Gang genau auf mich zu. Zum Glück war es hier fast völlig dunkel, nur von dem Saal schien etwas Licht herein. Ich drückte mich in eine Nische und ließ die Soldaten vorbeistapfen. Glück gehabt.

Nun begann ein bizarres Schauspiel, das so richtig zu diesem unheimlichen Reich paßte. Die Soldaten betraten den Raum und hielten dann an. Dann ging jeder von ihnen mit unsicheren Schritten auf eins der schreienden Babys zu.

Sie sind blind!

Die Art, wie sie sich bewegte und nach den Krippen und ihrem Inhalt tasteten, ließ keinen anderen Schluß zu. Nebenbei bemerkte ich auch, daß alle hier aufgebahrten Kinder Mädchen waren. Neugeboren sahen sie so aus, wie alle Kinder auf dieser Welt aussehen, nämlich, um es mal so zu formulieren, komplett aus Fleisch und Blut.

Zwei Dinge wurden mir damit schlagartig klar: die Soldaten waren blind, damit sie keine normalen Frauen sehen konnten, auch wenn es nur Säuglinge waren, und hier und jetzt würden diese Kinder ihre Brustkörbe gegen eiserne Dampfmaschinen ersetzt bekommen.

Wieder durchströmte mich seltsame Energie und ich fühlte mich für einen Moment wie zurückversetzt in das Vulkanland. Wie in Lunaloc!

Sollte das ... war hier ein Zauberer am Werk, der die gleiche Fähigkeit besaß wie Calract, Menschen umzubauen? Auch mein Vater konnte das nur an einer ganz speziellen Stelle, dem Kraftplatz des Mondes, Lunaloc.

Ich konnte es mir sparen dort hinzugehen, denn ich fühlte es. Trotzdem, jetzt war ich so weit gekommen, jetzt wollte ich es auch sehen.

Die blinden Wächter waren keine Gefahr, aber der Zauberer, der entweder gleich kommen mußte oder schon da war, vor dem mußte ich mich in acht nehmen. Jeder der Soldaten hatte sich inzwischen eins der Kinder hochgenommen und tastete sich jetzt an der Wand entlang nach vorne, wo eine breite Treppe weiter nach unten führte.

Sie gingen hinab in eine Höhle, die wirklich eine Kopie von Lunaloc hätte sein können mit der wie flüssig wirkenden Luft, dem wuchtigen Altar in der Mitte und dem blaugrünen Leuchten, das alles erfüllte. Nur der Spiegel mit dem aufrecht stehenden Wasser fehlte, dafür lag auf dem Boden ein Skelett, das aber eher danach aussah, als sei es hier absichtlich ausgelegt worden, wozu auch immer. Es ging mir durch den Sinn, daß der Name dieses Reiches - die heilige Städte Orna - wohl ursprünglich nur diesen Ort bezeichnet hatte und dann auf die ganze Region ausgedehnt worden sein mochte.

Auf dem Altar lagen nebeneinander viermal jeweils ein eiserner Brustkorb, die Bestandteile einer Dampfmaschine und ein eisernes Herz, das durch den Dampf angetrieben wurde. Die Soldaten legten die schreienden Kleinen dazu und zogen sich dann wieder zurück. Mir schlug das Herz bis zum Hals, denn gleicht mußte ich denjenigen sehen, der für das alles hier verantwortlich war.

Und dann war er plötzlich da. Es war nicht zu erkennen, woher er gekommen war, seine Gestalt hatte sich einfach aus dem trüben Blaugrün herausgeschält. Wieder zuckte ich zusammen, denn für einen Moment glaubte ich, Kranos Tuurn gegenüberzustehen. Sicher - ich war diesem Piraten und Zauberer nie persönlich begegnet, aber Calract hatte sein Zusammentreffen mit ihm in einigen meisterhaften Bildern festgehalten. Wer die gesehen hatte, der wußte genau, wie Tuurn ausgesehen hatte. Doch dieser Mann hier war ein Krüppel. Sein linkes Bein war verkürzt, weswegen er einen Stiefel mit einem etwa 15 Zentimeter hohen Absatz trug. Auch sein linker Arm war nur etwas zwei Drittel so lang, wie er hätte sein sollen. War Tuurn ein beeindruckender Riese gewesen, so war dieser Mann hier eher bemitleidenswert. Doch er hatte dieselben Augen, dasselbe Gesicht, das unter einem wilden schwarzen Bart fast verschwand, die käsige Haut, und auch er hatte starke Zauberkräfte.

Hätte er auch nur eine Sekunde lang daran gedacht, vielleicht nicht allein zu sein, hätte er mich finden müssen. Doch so galt seine alleinige Aufmerksamkeit den Babys. Wahrscheinlich verarbeitete er hier jeden Tag ... ich rechnete mal nach: Orna mochte etwa hunderttausend Einwohner haben. Bei einer Lebenserwartung von sechzig Jahren machte das gut fünfzehnhundert Neugeborene pro Jahr, davon die Hälfte Mädchen, ergab etwa zwei pro Tag. Vielleicht machte er das hier ein- oder zweimal pro Woche, und wer weiß, seit wieviel Jahren schon.


Wer hätte gedacht, daß ich mal zusehen konnte, wie ein Mensch umgebaut wurde! Genau das, was dieser Zauberer mit den Babys machte, hatte Calract auch mit mir gemacht, und mit zigtausend anderen Menschen auch. Er ließ die Segmente des Altares aufleuchten, schnitt den Babys dann die Köpfe und Arme ab, dann wurde der Brustkorb vom Unterleib getrennt und verschwand in der blaugrünen Suppe. Sodann setzte der Zauberer die Eisenteile zusammen und befestigte die Arme, Köpfe und Rumpf-Reste daran. Zuletzt wurden die eisernen Herzen belebt und durch eine Klappe in die Brüste geschoben. Ein letztes Mal erglühte der Altar in grellem Licht, dann erlosch der Zauber, und auch der schwarzbehaarte Zauberer verschwand wieder.

Dafür kamen die Ritter wieder und holten die schreienden Kleinen ab.

Und statt Milch bekamen sie als erste Mahlzeit ihres jungen Lebens eine Portion Kohle.


Ich fand in dieser Nacht keinen Schlaf. Mehr zufällig traf ich beim Herumwandern auf Subara, doch da kam mir eine Idee und ich ließ mich von ihr außerhalb der Innenmauer absetzen, wo die große Bühne aufgebaut worden war. Am nächsten Tag sollte ich dort ein denkwürdiges Schauspiel erleben.


Wieder saß ich gut getarnt in einem hohen Baum, diesmal auf der äußeren Seite der Innenmauer. Noch bevor die Sonne aufging, trugen Soldaten ein paar Käfige herbei, in denen Gefangene steckten, und zwar hauptsächlich Frauen. Auch sie natürlich nackt.

Im Laufe des Vormittages fanden sich auf der Allee und dem Platz rings herum an die tausend Schaulustige ein, und schließlich erschien auch der Herrscher. Er kam aus dem Palast, aber nicht zu Fuß, sondern er ließ sich in einer großen, äußerst prunkvollen Sänfte tragen. Den Grund dafür konnte ich mir denken, und so war es auch: es war der verkrüppelte Zauberer. Offenbar legte er keinen Wert darauf, daß jeder seinen körperlichen Zustand mitbekam, denn vor der Bühne war ein Blickschutz so aufgebaut worden, daß man nur seinen Oberkörper zu sehen bekam. Außerdem ließ er sich mit seiner Sänfte bis direkt vor den Thron tragen und mußte nur noch ein oder zwei Schritte machen, um sich dort niederlassen zu können.

Seine Arme steckten in langen Ärmeln, die auch die Hände überdeckten, so daß es, wenn man es nicht wußte, nicht auffiel, daß der linke Arm um einiges zu kurz war.

Was das hier werden sollte, war ziemlich klar: ein Tribunal.

Zuerst kamen die Männer dran, zwei waren es nur. Der eine hatte angeblich etwas gestohlen, was sich aber nicht beweisen ließ. Dem Zauberer war dieser Teil anscheinend langweilig, denn er unterbrach die Verhandlung bald und ließ den Mann mit einer Ermahnung laufen. Bei dem anderen ging es auch nur um Kleinkram, er hatte auf seinem Acker einen Grenzstein versetzt, und wurde zu eine paar Wochen Zwangsarbeit im Kohle-Tagebau verdonnert.

Bei den neun Frauen sah die Sache anders aus, und allem Anschein nach war der Zauberer geradezu begierig darauf, sie zu bestrafen. Die Vorwürfe reichten von Ehebruch bis illegaler Geburt, und die Strafen waren allesamt grausam. Der letzten Frau wurde etwas vorgeworfen, was in meinen Augen eine Bagatelle war, aber anscheinend sah man das hier anders. Sie hatte Kohle gestohlen. Der Prozeß war kurz und das Urteil hart: der Tod. Aber die Art und Weise, wie es in diesem Fall vollstreckt wurde, war unvergleichlich. Einer der Soldaten hatte einen Sack dabei, den er nun vor den Füßen der Frau, die verzweifelt zappelte und schrie, ausleerte. In dem Sack war ölgetränkter Koks. Der Soldat öffnete die Rückenklappe der Frau und füllte sie bis zur Oberkannte mit diesem Brennmaterial. Hell loderte das Feuer im Brustkorb der Delinquentin. Vor vorne wurde mit einem Blasebalg noch zusätzlich eingeheizt, und als etwa eine halbe Stunde später dieser Koks abgebrannt war, wurde nachgefüllt.

Mir war klar, daß die Dampfmaschine ausbrennen würde, wenn das Wasser verbraucht war, und ich mußte nicht mehr lange warten. Der Tod der Frau war qualvoll, sie verglühte von innen heraus. Aber auch der Zauberer glühte, allerdings vor Erregung. Er genoß diese grausame Hinrichtung in vollen Zügen, sog sie gierig in sich ein und weidete sich an den Qualen der Todeskandidatin, bis es schließlich zu Ende war.

Ich hatte gar nicht gemerkt, daß es schon Abend geworden war. Doch kaum war die Frau tot, zogen die Zuschauer wieder ab, der Zauberer bestieg seine Sänfte, und wenige Minuten später war der Platz völlig verlassen.

Bevor die Sonne unterging, kamen ein paar Arbeiter und räumten die Reste der Frau und den Müll der Leute weg, dann läuteten die Glocken, und anschließend war wieder alles ruhig, wie in jeder Nacht hier.

*

Meine Mission hier war erfüllt. Calract hatte einstweilen nicht vor, dieses Gebiet zu unterwerfen, also konnten die Leute hier leben, wie sie wollten. Es ging mich nichts an. Subara kam herbei, ich stieg auf und wollte gerade losfliegen, da hörte ich den Schrei. Er war nicht sehr laut zu hören gewesen hier draußen, aber es war eindeutig der Verzweiflungsschrei einer Frau gewesen. Subara und ich blickten uns an. Es war das wortlose Einverständnis zweier weiblicher Wesen, einem Mädchen in Gefahr beizustehen. Und so flog ich wieder nach innen zum Palast, statt nach außen.


Das Mädchen steckte ganz unten im Verließ, etwa zehn Meter unter mir. Die Konstrukteure dieses Verließes hatten vielleicht aus Sparsamkeit diese Scharte hier oben nicht vergittert. Wenn man fliegen konnte wie ein Vogel, konnte man ganz leicht hinein und hinaus. Subara hatte mich hier abgesetzt, und jetzt hockte ich auf dem Sims und blickte in die Tiefe. Es war inzwischen wieder Tag geworden, und ein paar Sonnenstrahlen fielen durch die östlichen Mauerdurchbrüche hinunter bis auf den Boden und enthüllten die Gestalt eines Mädchens, das hier eigentlich nicht hätte sein dürfen, denn es war vollständig aus Fleisch und Blut.

Ich überlegte mir, ob ich da hinunterspringen sollte. Hinauf würde ich nämlich nicht mehr so leicht kommen. Aber wegen dieser jungen Frau war ich ja schließlich hier. Also holte ich tief Luft und sprang in die Tiefe. Fast geräuschlos landete ich unten auf allen Vieren.

Das Mädchen hatte einen eisernen Ring um den Hals und war damit an der Mauer angekettet. Im Moment lag es auf der Holzpritsche und schlief.

Sie ist wunderschön.

Ich glaube, in diesem Augenblick verliebte ich mich in dieses schlafende, samthäutige Mädchen mit den tief violetten, knapp schulterlangen Haaren. Außer dem Ring, an dem es angekettet war, trug es um den Hals noch einige schwere Goldreifen. Weitere davon umschlangen die Handgelenke. Die Fußfesseln waren frei, dafür waren die Zehennägel golden lackiert.

Ich legte meine Hand auf die Hüfte der Schlafenden. Ihr warmer Körper war weich und unglaublich zart. Kurz darauf schlug sie die Augen auf. Einen Moment später war sie vollständig wach und zuckte heftig zusammen, als sie mich neben ihr knien sah.

"Pssst. Ich bin gekommen, um dich zu retten."

Das war natürlich leichter gesagt als getan.

Das Mädchen schaute mich verwirrt an.

"Wie heißt du denn?"

"Kyraia ... Herrin."

"Nenne mich nicht Herrin. Ich heiße Tschuri."

Eine Zeitlang herrschte Schweigen, dann fragte das Mädchen: "Wie wollt Ihr mich retten, Herrin? Ihr habt keine Waffen bei Euch."

Eine milde Untertreibung angesichts der Tatsache, daß ich gänzlich nackt war und überhaupt nichts bei mir trug. Doch man soll nie nach dem äußeren Schein gehen.

Ich hatte mich erhoben, und auch Kyraia saß nun mit seitlich untergeschlagenen Beinen auf der harten Pritsche. Ich nahm ihre Hand, legte sie dann auf meine Brust und ließ das Mädchen meinen Herzschlag spüren.

"Hab keine Angst." Und dann veränderte ich meine Farbe und verschmolz praktisch mit dem dunkelgrau-braunen Hintergrund der Wand. Erschrocken zog Kyraia ihre Hand zurück und sah mit großen Augen um sich. Es war hier unten, von ein paar Sonnenstrahlen abgesehen, so düster, daß sie mich nicht mehr erkennen konnte.

"Schließe die Augen."

Überraschenderweise gehorchte sie. Ich setzte mich neben sie und streichelte über ihr Gesicht und ihr Haar.

"Siehst du, wenn du mir vertraust, wird alles gut."

Kyraia begann zu lächeln, dann senkte sie den Kopf ein wenig und sagte: "Herrin, Euer Zauber ist nutzlos, denn der Wächter ist blind."

Ich holte tief Luft. Natürlich. In diesem Land durfte niemand eine Frau sehen, die keine Brust aus Eisen hatte. Kyraia öffnete die Augen wieder, und ich nahm meine ehemals natürliche Farbe wieder an. Gerade wollte ich sie etwas fragen, als ich draußen schwere Schritte hörte. Unwillkürlich tarnte ich mich wieder. Dann hörte ich ein schabendes Geräusch, anscheinend suchte der Wächter das Schlüsselloch. Schließlich hatte er es gefunden. Ich ging hinter der Tür in Deckung, als diese aufgestoßen wurde. Der Wächter war wirklich blind. Er tastete sich an der Wand entlang, bis er den Anfang von Kyraias Kette gefunden hatte. Er löste das Schloß dort und befestigte es an seiner Rüstung, die zum großen Teil aus Eisen bestand und ihn zwar unbeweglich machte, aber auch gut schützte. Für Kyraia gab es keine Gelegenheit zu entkommen, und auch ich hatte kaum eine Chance für einen Überraschungsschlag.

Der Soldat zog die Kette kurz an und zerrte Kyraia dann hinter sich her aus der Zelle heraus. Er machte sich nicht die Mühe, sie wieder abzusperren, wozu auch. Es war ja nur eine Gefangene darin, und die hatte jetzt er.

Mit tappenden Schritten, sich an der Wand entlangtastend, zog der Wächter das samthäutige Mädchen dann hinter sich her den Gang entlang. Es war stockdunkel, aber natürlich hatte ich keine Schwierigkeiten, mich zu orientieren. Die Schritte des Mannes und das Klirren seiner Rüstung verrieten mir, wo es langging, und genau wie er konnte ich mich natürlich auch an der Wand entlangtasten. Völlig lautlos folgte ich den beiden. Ich hörte Kyraia wimmern und schwor mir, dieses Spiel so bald als möglich zu beenden. Doch hier, in völliger Finsternis, hatte ich gegen den bewaffneten und schwer gepanzerten Mann natürlich keine realistische Chance. Solche Kunststückchen bekam allenfalls BQMZ hin.

Nach einiger Zeit erreichten wir eine steile Treppe, die ewig weit nach oben führte. Das mußte dieser wuchtige Turm sein, der von außen nicht zu übersehen waren. Weiter oben gab es wieder Licht, es schien durch ein paar schmale Öffnungen hinein.

Schließlich waren wir ganz oben. Was auch immer ich dort erwartet hatte, es kam anders. Der Soldat tastete nach einem Ring, der an der Wand befestigt war, und kettete Kyraia dort wieder an. Dann wandte er sich um und stapfte polternd die Treppe wieder hinunter. Ich blickte zu der verschlossenen Tür auf der anderen Seite dieses schmalen Zwischenraumes.

Kyraias Blicke gingen ängstlich hin und her, doch sie konnte mich in Tarnung nicht sehen.

"Ich bin hier, aber psst", flüsterte ich ihr zu. "Keine Angst, ich ..."

Da wurde die Tür aufgestoßen und hervor kam der häßliche Zauberer, den man hier anscheinend unter dem Namen Bischof Ornata kannte. Er war halbnackt und seine zerfranste Unterhose wölbte sich verdächtig vor. Es bestand kein Zweifel, was er mit Kyraia vorhatte - und schon zuvor gemacht haben mußte, denn das Mädchen war sicherlich nicht zum ersten Mal hier oben.

Trotz seiner Zauberkräfte bemerkte er mich nicht, denn seine ganze Aufmerksamkeit galt allein Kyraia, die sich voller Angst und Ekel in eine Ecke drückte. Aber entkommen konnte sie ihm nicht, denn sie war ja angekettet.

"Sei ein braves Mädchen, sonst gibt's die Peitsche", frohlockte der Krüppel mit heiserer Stimme.

Das war vorläufig das letzte, was er sagte, denn ich hatte inzwischen aus seinem verwahrlosten, bis unter die Decke mit Müll, Krempel und mumifizierten Leichenteilen vollgestopften Zimmer einen Stuhl geholt und hieb ihn ihm nun über den Schädel. Wie ein nasser Sack brach der sogenannte Bischof zusammen.

Es ekelte mich, diesen widerlichen, schmierigen Mann anzufassen, aber trotzdem durchsuchte ich ihm. Wie erwartet hatte er einen Schlüssel, eigentlich sogar einen ganzen Schlüsselbund. Ich mußte eine Zeitlang probieren, bis ich Kyraia endlich befreien konnte. Ohne ein Schloß daran konnte man den Eisenring so weit auseinanderbiegen, daß man ihn vom Hals lösen konnte.

Jetzt mußten wir nur noch hier heraus. Aber ... wie war Kyraia eigentlich hierhergekommen? Ihre braune Haut, ihr Körperbau, ihre Figur und das Gesicht verrieten, daß sie niemals hier geboren sein konnte.

"Nun, Herrin", antwortete sie auf meine Frage, "dieser ... Mann hat mich vor ein paar Wochen gekauft und dann hierhergebracht."

"Gekauft?"


Kyraias Geschichte war nicht die einer glücklichen Kindheit. Sie wußte nicht, wo sie geboren war, nicht mal, ob Kyraia ihr wirklicher Name war. Sie war eigentlich immer eine Sklavin gewesen. Ihre erste Erinnerung war die an einen alten Kesselflicker, an den ihre Mutter sie verkauft hatte. Bei ihm hatte sie ein paar Jahre gelebt. Der Alte war gut zu ihr gewesen, wahrscheinlich hatte er sie mehr als sein Enkelkind denn als seine Sklavin gesehen, aber er war arm gewesen, und eines Tages war es nicht mehr gegangen und er hatte sie wieder verkaufen müssen.

So war sie von Hand zu Hand gereicht worden, und dann hatte plötzlich dieser finstere Mann vor ihr gestanden. Er hatte der Familie, die sie besaß, so viel Geld gegeben, daß sie ihm Kyraia mitgegeben hatten, wohl ahnend, daß ihr nichts Gutes bevorstand. Doch jetzt kam der interessante Teil der Geschichte. Es gab nämlich neben dem Tor, das Gadrol Taniska erwähnt hatte, durchaus noch weitere Zugänge in dieses Land. Nur waren die geheim. Wahrscheinlich kannte nur Ornata sie. Durch einen finsteren Tunnel hatte er Kyraia mitgeschleppt, bereits unterwegs mehrfach vergewaltigt, sie dann mit den Goldreifen geschmückt und zwar so, daß man sie ohne Zauberkräfte oder wenigstens einer Metallsäge nicht mehr lösen konnte, denn sie hatten keine Schlösser oder Scharniere. Schließlich war das Mädchen dann in dem Verließ untergebracht und angekettet worden. Seine Zauberkräfte hatten verhindert, daß Kyraia etwas gegen diese Entführung hatte unternehmen können. Es mußte für sie eine schreckliche Zeit gewesen sein, doch was er danach mit ihr machte, war noch viel schrecklicher.

Er erzählte ihr, wie seine Sklavinnen zu enden pflegte. Wenn er ihrer überdrüssig wurde, wurden sie langsam und qualvoll zu Tode gefoltert und dann von ihm aufgefressen. Ob das stimmte, wollte ich nicht so recht glauben, aber wie auch immer ... womöglich war es doch wahr - wenn ich an die Leichenteile dachte, die in dem Raum hinter mir herumlagen. Unvorstellbar!

Der Bischof kam langsam wieder zu sich. Kyraia und ich hatten uns inzwischen bewaffnet und fühlten uns einigermaßen sicher. Doch der Mann war gefährlich. Schon spürte ich seine magischen Kräfte. Als ich ihm jedoch das dreckverschmierte Kurzschwert, das ich in seiner Kammer gefunden hatte, gegen die Kehle drückte, hörte er wieder auf.

Mit verkniffenen Augen sah er mich an, dann murmelte er: "Du ... bist ... eine Lunaloc-Dämonin." Er kicherte irre, griff sich ungeniert in den Schritt und begann unzusammenhängend vor sich hinzureden. Was er so von sich gab, trieb mir und Kyraia die Schamröte ins Gesicht.

"Du bringst uns hier heraus!" befahl ich ihm. "Wir wissen, daß es einen Geheimgang gibt." Doch er war so in seinen abartigen Fantasien gefangen, daß er mich nicht mehr hören konnte. Zum Glück gab es ein gutes Mittel, ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Ich knallte ihm den Schwertknauf in die Eier.

Ein gellender Schrei, den man wahrscheinlich noch in der Stadt hören konnte, war die Reaktion. Ornata begann zu toben und kreischen, aber völlig unkontrolliert. In diesem Zustand war er keine Gefahr. Überhaupt hatte ich den Eindruck, daß er den Kontakt zur Realität längst verloren hatte. So gesehen waren die Geschichten, daß er seine Sklavinnen am Ende auffraß, vielleicht doch nicht erfunden.

"Los. Zum Tunnel. Sonst gibt's noch eine!"

Doch zuvor mußten wir uns mit dem blinden Soldaten schlagen, der, angelockt von dem grauenvollen Schrei, gerade die Treppe hochstürmte - soweit seine Behinderung und die schwere Rüstung das zuließen.

Der Bischof brüllte unverständliche Befehle, und ich beförderte den Soldaten mit einem gut gezielten Tritt rückwärts die Treppe wieder herunter. Er wurde vollkommen überrascht und war nicht in der Lage, seinen Sturz zu bremsen, bis er unten ankam, wo er dann bewußtlos oder vielleicht sogar tot liegenblieb.

Ornata verfluchte uns, doch er war machtlos. Er konnte seine starken Zauberkräfte nicht auf uns konzentrieren. Sein zerrütteter Verstand, die Angst, die Schmerzen und wohl auch seine sexuelle Erregung verhinderten es.


Kyraia trug eine Fackel und ging voran. Hinter ihr hinkte Ornata, dann kam ich, immer das Schwert gegen seine Kehle drückend. Es war unheimlich. Ohne es zu wollen, schickte der Bischof uns seine schmutzigen Gedanken. Wie oft er uns darin während dieses Marsches in den verschiedensten Stellungen vergewaltigte, zerhackte, umformte und so weiter, konnte ich gar nicht mehr zählen. Es war schwer zu ertragen, aber ein Gutes hatte es: er konnte seine Zauberkräfte nach wie vor nicht für einen Angriff auf uns sammeln. Ich als Dämonin wäre dagegen zwar wahrscheinlich immun gewesen, aber Kyraia nicht.

Stunde um Stunde ging es dahin, denn mit seinem verkrüppelten Bein war Ornata nicht der Schnellste. Immer wieder blieb er stehen, spielte an seinem Penis herum und ejakulierte. Manchmal ließ er Stellen der Wand lebendig werden. Schreckliche Fratzen erschienen und bedrohten uns. Wie Kyraia das aushielt, weiß ich nicht, aber wirklich gefährlich waren diese Dinger nicht. Sie verschwanden auch immer bald wieder. Ornata schaffte es einfach nicht, sich für einen gezielten Schlag gegen uns zu konzentrieren. Stattdessen versuchte er ständig, sich sexuell zu erregen. Immer wieder bleib er stehen, um seinen Penis zu reiben.

"Ornata. Wenn Du nicht voran machst - ich schwöre es - dann schneide ich dir das Ding ab!"

Der Bischof bekam einen Hustenanfall, dann einen Lachkrampf. "Ornata, so nennen mich die Würmer, haha ha ..." Aber niemand von denen hahaha weiß meinen wirklichen Namen haha haha ..."

Ich schüttelte den Kopf. Was würde als nächstes kommen?

"Tyrell. Tyrell Tuurn bin ich ..." Mehr konnte er nicht mehr sagen, weil er vor Lachen kaum noch Luft bekam.

Immerhin - das klang so, als hätte er die Wahrheit gesagt. Daß er mit Kranos Tuurn verwandt war, war schließlich nicht zu übersehen.

"Was zum Teufel ist daran so komisch?"

"Teufel hahahaha ...."

Kyraia und ich blickten uns an: kein Zweifel. Dieser Mann war unheilbar geisteskrank.

"Lassen wir ihn hier zurück und gehen allein weiter", schlug ich vor.

Doch Kyraia versteifte sich. In der einen Hand hielt sie die Fackel, in der anderen ein langes, scharfes Messer, das sie nun langsam hochhob. Entschlossen blickte sich mich an. "Versuche nicht, mich zurückzuhalten. Und sage nicht," rief sie mit vor Erregung zitternder Stimme, "daß er für seine Taten nicht verantwortlich ist, weil er verrückt ist."

Ich blickte das Mädchen überrascht an. Auf so eine Idee wäre ich im Traum nicht gekommen.

"Das da", rief sie heiser vor Angst und Ekel, "ist ein völlig wertloses Subjekt, und ich werde die Welt von ihm erlösen."

"Zweimal falsch", antwortete ich. "Wenn er weg ist, wird das Leben in der heiligen Städte Orna zusammenbrechen. Niemand weiß, wie es ausgeht, aber es wird mit Sicherheit viele Tote geben. Und du, Kyraia, bist keine Mörderin."

Ich dachte an Calract. Er hätte jetzt spöttisch gelächelt und Tuurn dann ohne mit der Wimper zu zucken zum Tode befördert. Doch Kyraia hatte etwas, was mein Vater nicht hatte, und zwar ein menschliches Gewissen. Schuld, Verantwortung, Sünde, das waren Begriffe, die Calract aus seinem Leben verbannt oder womöglich nie besessen hatte. Doch für normale Menschen waren es Gegebenheiten, die ihr ganzen Leben bestimmten.

"Wenn du ihn tötest, dann wird dein schlechtes Gewissen und die Schuld dich vielleicht für immer verfolgen."

Doch Kyraia war nicht so schwach, wie sie aussah. Mit tränenüberströmtem Gesicht und zitternden Händen, aber zu allem entschlossen, stieß sie Tuurn das Messer ins Herz. Er versuchte nicht mal, sie abzuwehren. Einmal noch leckte er sich über die vollgesabberten Lippen, dann war er tot.

Stille. Es war schlagartig still geworden. Totenstill. Das irre Lachen hatte aufgehört.

Kyraia sprang auf und rannte davon, immer weiter den Gang entlang.

Und irgendwann erreichten wir endlich den Ausgang.

Es war ihr Übergang vom Kind zur Frau gewesen, den ich dort unten miterlebt hatte. Kyraia hatte die Unschuld ihrer Seele hingegeben für ihre Rache.

Draußen schien der Mond als schmale Sichel vom Himmel. Die Szene paßte gut zu unserer Stimmung.

"Was willst du jetzt machen?", fragte ich sie.

Kyraia zuckte die Schultern. Sie wirkte verloren und einsam.

Sie ist so hinreißend schön. Ihr nackter, nur mit diesen eleganten Goldreifen geschmückter Körper zeichnete sich als dunkle Silhouette gegen den Hintergrund ab, und ich spürte das unwiderstehliche Verlangen, sie in meine Arme zu nehmen und ganz fest an mich zu drücken.

Kyraia blickte an sich herab. Die Goldringe, die sie trug, waren sehr wertvoll, aber davon abgesehen besaß sie nichts, nicht mal Kleider.

Ich will bei dir bleiben, Tschuri, aber ich habe einen Mord begangen. Ich bin schmutzig und verdiene dich nicht mehr.

Wie oft schon war ich Calract dankbar dafür gewesen, daß er mich zu einer Lunaloc-Dämonin gemacht hatte. Ich konnte Dinge vollbringen, die ein Mensch nicht vermochte. Ich konnte spüren ... in das Herz eines geliebten Menschen sehen ...

"Kyraia!" Ich zog sie an mich, umschlang sie mit meinen Armen und küßte sie leidenschaftlich, erst auf den Mund, dann auf ihre samtenen Brüste. Dann arbeiteten sich meine Lippen und meine Zunge langsam weiter nach unten vor.


Es war schon fast Morgen, als das leise Wiehern von Subara mich weckte. Immer noch lag ich eng umschlugen mit Kyraia in einem Blätterhaufen, der uns in dieser wunderbaren Nacht als Bett gedient hatte. Auch sie erwachte nun.

"Komm, laß uns zu meinem Vater fliegen."

"Fliegen?"

"Warts nur ab." Fröhlich zwinkerte ich ihr zu.

Ich half ihr beim Aufsitzen und schwang mich dann auch auf den Rücken meiner Stute.

"Und los, Subara, auf zu Calract!"


Wir flogen hoch über den Wolken, so daß wir von Boden aus nicht zu erkennen waren. Kyraia war begeistert, einfach hingerissen. Die Distanz zu unserem Ziel betrug knapp dreihundert Kilometer, die das Pferd in gut zwei Stunden schaffte.

Calracts Land war von oben betrachtet wie ein grüner Smaragd in einer braunen, felsigen Einöde. Er hatte das Land planiert - naja, eigentlich hatte Kranos Tuurn es planiert, um dort seine Festung 5 zu bauen - und dann dort einen Garten geschaffen, den man wohl nur mit dem Paradies vergleichen konnte.

Das Grün endete kurz vor dem Meer, wo es steil die Klippen hinunter ging. Dort unten hatten BQMZs Piraten inzwischen eine kleine Stadt errichtet, die wie ein langgezogenes Vogelnest an dem fast senkrecht abfallenden Fels klebte. Es war eine ineinander verschachtelte Ansammlung von Buden, Häusern, Kneipen, Kontoren und Werften, nicht mehr als fünf bis 20 Meter breit, teilweise aber bis zu fünfzig Meter hoch und sich über fast einen Kilometer die Steilküste entlangziehend. Dort war das Hauptquartier ihrer Flotte, die inzwischen schon wieder vierzehn Schiffe umfaßte.

Es war den Piraten strengstens verboten, unaufgefordert den Garten zu betreten (BQMZ natürlich ausgenommen), aber was sie in ihrem Küsten-Nest trieben, war Calract egal.

Subara landete dicht vor dem tempelartigen Haus, in dem mein Vater wohnte und seine Gemälde aufbewahrte, und das auch den Zugang zum Unendlichen Land beherbergte, der sich durch die Ereignisse um Kranos Tuurn etwa hundert Meter landeinwärts verlegt hatte. Wir stiegen ab. Mit großen, staunenden Augen sah Kyraia sich um.

Der Boden war weich und kühl, und die kurzen Grashalme kitzelten unsere Fußsohlen. Ich schaute mich um. Calract war nirgends zu sehen, aber er war da. Und diesmal spannte er uns nicht lange auf die Folter. Seine hohe, edle, respektgebietende Gestalt erschien kurz darauf im Eingang seines Hauses, dann kam er mit federnden Schritten auf uns zu. Seltsamerweise machte es mir nicht das geringste aus, ihm nackt gegenüberzutreten. Er hatte mich schließlich geschaffen. Und Kyraia ... sie war von so vollendeter Schönheit, und ihre samtbraune Haut war Kleidung genug.

Als Calract vor sie hintrat, kniete sie nieder, bis ihr Gesicht den Boden berührte.

"Du bist also Kyraia."

"Ja, Herr."

"Steh' auf."

Sie erhob sich, wagte es aber nicht, ihn anzusehen. Stattdessen warf Calract mir einen seiner wölfisch-spöttischen Blicke zu und meinte: "Deine Liebste ... Du hast wirklich einen guten Geschmack, Tschuri".

Kyraia errötete. Unvermittelt knurrte ihr Magen vernehmlich, und sie zuckte heftig zusammen. Calract holte tief Luft, dann sagte er: "Naja, essen wir erst mal was."

Es war schwer zu beschreiben, was Kyraia fühlte, als sie die Lunaloc-Dämonen sah, die hier den Garten pflegten. Calract hatte inzwischen ein paar Dutzend von ihnen kommen lassen, und sie hatten auch den Piraten beim Bau ihrer Stadt geholfen. Die wenigsten von ihnen hatten noch Ähnlichkeit mit einem Menschen, und doch ... ich erklärte Kyraia, daß wir alle Brüder und Schwestern waren.

Die Dämonen bereiteten ein köstliches Essen. Kyraia aß schweigend. Ich konnte kaum die Augen von ihr wenden, ihre Schönheit, ihre eleganten Bewegungen verzauberten mich. Nach dem Essen erzählte ich dann meinem Vater, was ich bisher erlebt beziehungsweise herausgefunden hatte. Er hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Schließlich wandte er sich dem dunkelhäutigen Mädchen zu. "Was willst du jetzt machen?"

Die Frage kam für Kyraia überraschend, denn sie war nie in ihrem Leben gefragt worden, was sie wollte. Immer hatten andere über sie verfügt.

"Komm her!"

Gehorsam trat sie zu ihm und setzte sich dann vor ihm in das Gras.

Calract streckte die Hand aus und ließ eine Kugel aus Licht über der Handfläche aufsteigen. Diese Kugel nahm langsam menschliche Gestalt an und wurde schließlich zu einem Ebenbild Kyraias, nur daß es Flügel hatte. Große, ausladende Schwingen.

"Diesen Körper kann ich dir geben, und du wirst mein Kind. So wie Tschuri, Petrea, Pattach, Tetys, Anitaly und die anderen."

"Ich ..." flüsterte Kyraia, den Tränen nahe, "ich werde ein Engel?" Dann weinte sie vor Glück und Freude, und auch für mich war das ein ergreifender Moment. Ich würde eine neue Schwester bekommen.


In der Nacht schlief ich bei Calract. Wir hatten keinen Sex oder so, wir lagen einfach nebeneinander, ich kuschelte mich ganz dicht an ihn und genoß das Gefühl beschützt zu sein.

Am nächsten Tag vergewisserte mein Vater sich bei Kyraia nochmals, daß sie in die Gemeinschaft der Lunaloc-Dämonen aufgenommen werden wollte. Als sie das entschieden bestätigte, verwandelte er sich in seine Drachengestalt, ließ sie aufsitzen und flog dann los. Den Rückflug würde sie dann, so dachte ich bei mir, aus eigener Kraft antreten können. Ich warf dem schönen Mädchen eine Kußhand nach, dann suchte ich Subara und flog ebenfalls los, zurück in die Kirchenländer, um meine Erkundungsmission fortzusetzen.

*

Um mir die Arbeit etwas zu erleichtern beschloß ich, zunächst das küstennahe Drittel dieses Landes zu erforschen. Leichter war die Arbeit deshalb, weil diese Region relativ gebirgig und daher kaum bewohnt war.

Wenn man es sich so recht überlegte, war eigentlich der größte Teil unserer Welt ziemlich menschenleer. Relativ dichtbesiedelt waren das Weiße Königreich und Arcadia, aber selbst die grenzten schon an Gebiete, die praktisch unbewohnt waren. Vor 400 Jahren waren in diesem Teil der Welt nahezu alle Menschen verschwunden, ein Ereignis, das man gemeinhin mit dem Namen Tartanos verband. Aber was damals wirklich geschehen war, wußte niemand mehr. Vielleicht besaßen die Schwarzen Könige Aufzeichnungen, aber Calract hatte nie etwas in dieser Richtung angedeutet.

Später war das Land, das im großen Ganzen sehr fruchtbar war, dann wieder besiedelt worden durch Zuwanderer von außen. Aber die Lücken von damals waren auch nach fünfzehn Generationen noch nicht wieder geschlossen. Und als ob das nicht reichte, führten die Einwohner dieser Länder auch immer wieder Kriege gegeneinander. Alessandra hatte dem fürs erste ein Ende gesetzt, aber ewig würde dieser Friede bestimmt nicht halten. Das lag wohl einfach nicht in der menschlichen Natur.

Direkt an der Küste des riesigen Octavius-Meeres gab es die üblichen Piratennester und eine Reihe von See-Königreichen verschiedener Größe. Das Land südlich des Octavius-Meeres war vom Wirken des Tartanos nicht betroffen gewesen, und so hatte es auf dem Meer immer ein recht reges Treiben gegeben, natürlich dominiert von den Süd-Leuten, die dann später auch an der Nordküste neue Reiche gegründet hatten, die wiederum sich mit den Einheimischen vermischten. Laguna und das angrenzende Leor waren solche Beispiele.

Langer Rede kurzer Sinn: die Kirchenländer waren trotz einer recht langen Küstenlinie de facto ein Binnenstaat. Die Küstenregion würde ich also recht schnell abhaken können. Allenfalls Räuber würde ich hier treffen.

Dachte ich jedenfalls.

Zunächst aber ritt ich einen ganzen Tag lang durch eine menschenleere, aber wunderschöne Wildnis.

Am nächsten Tag, es war noch relativ früh, kam ich an einen Fluß, den ich dann stromabwärts entlangritt. Die Landschaft war einfach atemberaubend schön mit ihren hohen Bäumen, sonnendurchfluteten Lichtungen und schroffen, moosüberwachsenen Felsen, aber es sollte noch besser kommen. In der Ferne hörte ich einen Wasserfall und stieg ab. Neben Subara ging ich dann weiter, bis ich an einen Felsdurchbruch gelangte, hinter dem das Wasser steil in die Tiefe stürzte. Unten hatte sich ein tief blauer See gebildet, in den der Wasserfall mit donnerndem Tosen hineinstürzte.

Irgend etwas warnte mich, und ich ging hinter einem der Felsen in Deckung. Auch Subara schien etwas gesehen oder gespürt zu haben und duckte sich.

Aufmerksam sah ich mich um, und dann sah ich es ... sie: eine Elfe.

Die Elfen, die ich bisher zu sehen bekommen hatte, waren winzig kleine Waldelfen gewesen, doch diese hier, die auf der anderen Seite des Sees auf einem hohen Felsvorsprung stand und aus ihren metallisch schillernden, tiefblauen Augen hinunterblickte, war groß, so groß wie ein Mensch mindestens. Sie war etwa 50 Meter von mir entfernt und besaß ausladenden, schneeweißen Schwingen. Am auffallendsten aber waren ihre schmalen, spitz zulaufenden Ohren, die seitlich vom Kopf abstanden und fast einen halben Meter lang waren. Sie gaben ihr ein mehr als exotisches Aussehen.

Die Elfe, die übrigens völlig nackt war, faltete ihre Flügel nun zusammen, nahm ein paar Schritte Anlauf und sprang dann Kopf vor in den See hinunter. Mir fiel auf, daß sie auch beim Eintauchen nicht die Ohren anlegte. Anscheinend waren diese völlig starr. Sie tauchte unter und blieb fast fünf Minuten unter Wasser. Teilweise schwamm sie dort auch, wobei sie ihre Flügel benutzte, die durch das Blau des Wassers hindurchschimmerten, wenn sie nicht gerade zu tief am Seegrund entlangtauchte.

Schließlich stieg sie am anderen Ufer wieder an Land. Ich konnte noch erkennen, daß sie einen großen Fisch in ihrem Fang hatte, dann verschwand sie im dichten Unterholz.

Soll ich sie suchen oder besser froh sein, daß sie mich nicht gesehen hat?

Calract und seine Dämonenarmee waren mit den Elfen nicht gerade zimperlich umgegangen. Und es war so gut wie sicher, daß sich das unter diesem verborgen lebenden Volk herumgesprochen hatte. Ich hatte damals zwar versucht, einer von ihnen das Leben zu retten und als Dank das Elfenlicht erhalten, aber ich war dennoch eine Lunaloc-Dämonin und damit ein Feind.

Ich seufzte. Auch Kyraia würde bald so aussehen, ein wunderschönes Geschöpf mit prächtigen Flügeln. Doch unterschiedlicher konnten zwei Wesen kaum sein: diese Elfe war wild, allein und unabhängig, wir Lunaloc-Dämonen hingegen gehörten zu einer großen Familie, in deren Zentrum wie die Sonne, die wir umkreisten, unser Vater Calract stand. Ohne ihn war unsere Existenz nicht vorstellbar. Wir waren auch so völlig anders als die Menschen, die ihr ganzes Leben lang auf der Suche waren nach Glück, Reichtum, Ruhm und was nicht alles. Wir suchten nichts. Unsere Sonne schien immer für uns.

Ich beschloß, meine Reise fortzusetzen und zu versuchen, dieser wilden Elfe aus dem Weg zu gehen.

Ich graste die bergige Küstenregion etwa eine Woche lang ab. Dabei traf ich auf vereinzelte kleine Ansiedlungen, die vornehmlich von Jägern, manchmal auch von Schmugglern bewohnt wurden. Nirgends fehlte die Kirche und die hier üblichen religiösen Symbole, in einem Dorf stand sogar eine beachtlich große Kathedrale, zu der am Sonntag mehr Menschen strömten, als ich hier vermutet hätte.

Ich trug alles gewissenhaft in meine Karte ein. Auch sprach ich so viel wie möglich mit den Menschen, die ich traf, und so konnte ich mir ein immer besseres Bild von der Situation dieser Gegend machen. Wie es aussah, war die interessanteste Stelle der nordöstliche Landesteil, der an den Siina-Fluß grenzte. Dort waren vor ein paar Jahren Unruhen ausgebrochen, über die geradezu abenteuerliche Gerüchte umgingen. Doch vorher wollte ich noch die einzige Stadt aufsuchen, von der ich - zu unrecht, wie ich bald merkte - annahm, daß sie eine Hafenstadt war, denn sie lag direkt am Meer. Laut Karte jedenfalls.


*


Kyraia stand vor dem Spiegel, der wie aus aufrechtstehendem Wasser bestehend aussah, und betrachtete ihren neuen Körper, der allerdings zumindest äußerlich mit ihrem alten, menschlichen übereinstimmte, wenn man von den großen Flügeln absah, die nun aus ihrem Rücken sprossen.

Erregt ließ das Mädchen, das nun eine Dämonin geworden war, diese auf und ab schlagen. Abrupt drehte sie sich zu Calract um und fiel vor ihm auf die Knie.

"Aber, aber, meine Tochter, das ist in unserer Familie nicht so üblich", brummte der Zauberer zufrieden. Doch Kyraia war einfach zu tief ergriffen und bedankte sich überschwenglich. Sie trug immer noch die goldenen Ringe um Hals und Handgelenke, und ansonsten nur ihre samtene braune Haut.

"Ich habe", sagte Calract auf dem Weg ins Freie zu ihr, "dein Design ein bißchen geändert. Deine Flügel können ihre Farbe zwischen Schwarz und Weiß verändern und zeigen immer Deine Stimmung, ohne daß du es willentlich beeinflussen kannst. Ich fand, das paßt zu dir."

Kurz darauf traten die beiden ins Freie. Hier oben war es immer noch tiefer Winter. Als Kyraia gekommen war, hatte sie erbärmlich gefroren. Doch nun war sie gegen Kälte immun, es machte ihr nichts mehr aus.

Der Krater war fast einen halben Meter tief mit Schnee gefüllt, und die abendliche Sonne tauchte diesen in ein orangenes Licht, das sich langsam zu einem tiefen Rot verschob.

"Es ist so schön hier." Jedes ihrer Worte wurde durch weiße Atemwölkchen unterstrichen. Calract nickte zufrieden. Dann sagte er: "Du wirst jetzt mein eigentliches Reich kennenlernen." Dann nahm er wieder die Drachenform an und schwang sich in die Luft. Kyraia folgte ihm. Allerdings konnte sie mit ihren großen Flügeln bei weitem nicht so schnell fliegen wie der Zauberer. So flogen die beiden langsam in die Nacht hinein, nach Süden. Kurz vor Mitternacht überflogen sie die Schwarzen Berge, und schließlich landeten sie auf dem Hochplateau, auf dem einst das Schwarze Schloß gestanden hatte. Jetzt war es eine große Baustelle. Menschen hätten zu dieser späten Stunde sicherlich nicht mehr gearbeitet, aber für die Lunaloc-Dämonen spielte die Uhrzeit keine große Rolle.

"Wo ist sie?" fragte der Schwarze König.

Der Lunaloc-Dämon zeigte wortlos auf das große Holzhaus, immer noch das einzige Gebäude hier oben, das diesen Namen verdiente. Calract winkte Kyraia zu sich, und sie gingen hinüber.

Calract trat ein. Wie er erwartet hatte, saß Hotaru noch immer über den Plänen des neuen Schlosses, das sie hier bauen wollte. Die Eiserne blickte nicht mal auf, als sie die Tür sich öffnen hörte. Doch dann bemerkte sie, wer sie da zu so später Stunde noch besuchen kam.

Eine Zeitlang sah sie Kyraia wortlos an. Ausdruckslos musterte sie das nackte Mädchen von oben bis unten durch. Kyraia drückte sich schließlich unwillkürlich näher an Calract.

"Darf ich vorstellen: Hotaru, die Schwarze Großfürstin und Statthalterin hier, und das hier ist Kyraia, meine neue Tochter."

Kyraia blickte den Schwarzen König fragend an. Der verstand. Die Dämonin hatte gespürt, daß Hotaru fremdartig war. "Hotaru ist keine Lunaloc-Dämonin. Sie war früher ein Mensch. Was sie jetzt ist, weiß nicht mal ich. Aber für mich ist sie eine nützliche und außerordentlich mächtige Waffe und neuerdings Großfürstin des Schwarzen Königreiches, das immer noch bei vielen Menschen den Namen 'das Unendliche Land' trägt!"

Und es würde der Großfürstin nicht im Traum einfallen, nackt herumzulaufen. Hotaru erhob sich und trat dicht vor Kyraia hin. Der war die Sache offensichtlich ziemlich unheimlich. Obwohl sie jetzt ein Kind des Mondes war, war ihr Herz immer noch das einer schüchternen, jungen Sklavin. Sie hatte noch nicht das Selbstvertrauen, Hotarus Provokation zurückzuweisen. Die schien inzwischen Gefallen daran zu finden, das engelsgleiche Geschöpf zu verschrecken, dessen Flügel längst nicht mehr weiß waren, sondern schmutziggrau. Hotaru legte Kyraia ihre eiserne Rechte auf die Brust und fuhr mit ihr dann langsam nach unten bis zum Oberschenkel. Sie hatte in ihrer Eisenhand keinerlei Gefühl, dafür aber ergötzte sie sich an dem Widerwillen, den diese Behandlung bei Kyraia hervorrief.

"Also, ich glaube das reicht", meinte Calract beiläufig. "Kyraia ist zwar jetzt eine Dämonin, aber sie hatte eine - sagen wir mal - ziemlich harte Kindheit, und ..."

Der Zauberer verstummte. Seine eher achtlos ausgesprochenen Worte hatten in Hotaru offenbar einen Nerv getroffen. Es war ihr äußerlich nur schwer anzusehen, doch es kam Calract vor, als wäre sie innerlich zusammengezuckt. Vollkommen regungslos standen sie und Kyraia sich gegenüber, eine schier endlose Zeitspanne lang, musterten sich, schienen sich mit Blicken geradezu verschlingen zu wollen, und in diesem stummen Zwiegespräch entstand ein eigentümliches Band zwischen diesen beiden so ungleichen Frauen. Kyraia nahm schließlich Hotarus linke Hand und drückte sie fast zärtlich an ihre Brust. Hotaru regte immer noch keine Mine. Lange und schweigend sah sie die engelsgleiche Dämonin an. Dann zog sie langsam ihre Hand zurück, drehte sich um und nahm wieder am Tisch Platz. Ihre Blicke wirkten immer noch abwesend, bis Calract sich schließlich nach dem Befinden der Schwarzen Untertanen erkundigte und wissen wollte, warum hier auf der Baustelle keine von ihnen anwesend waren.

Hotaru antwortete: "Die Leute hier? Naja, was soll man von denen schon erwarten? Ich hatte noch keine Zeit, mich darum zu kümmern. Ich habe deine Bücher in den Häusern, die noch stehen, untergebracht, und außerdem habe ich in dem Schutthaufen da noch ein paar Sachen gefunden, die ich ebenfalls in Sicherheit gebracht habe, ein paar Bilder, Zauberkram uns was weiß ich. Wahrscheinlich waren sie verhext und sind deswegen nicht verbrannt oder geschmolzen."

Calract hörte es und war's zufrieden. Doch die neue Schwarze Großfürstin fuhr fort:

"Ich vernahm, in Sydur hätten sie die Unabhängigkeit erklärt."

"Die was?" Calract glaubte, sich verhört zu haben. Dann brach er in schallendes Gelächter aus.

"Naja. Essen wir erst mal was. Bei Gelegenheit werden wir uns dann mal um meine rebellischen Untertanen kümmern."

Es gab unter den Lunaloc-Dämonen anscheinend viele begabte Köche, obwohl sie selbst nicht viel brauchten, jedenfalls keine normale Nahrung. Doch Calract und Hotaru genossen das, was ihnen aufgetragen wurde, und auch Kyraia griff beherzt zu. Es lag schon eine gewisse Ironie darin, daß sie jetzt, wo sie zum ersten Mal in ihrem Leben genug zu Essen hatte, praktisch keins mehr brauchte.

In dem Haus gab es neben Calracts ehemaligem Atelier, das nun als Hotarus Arbeitszimmer diente, auch ein paar Lagerstätten, die sich als Gästebetten herrichten ließen. Kyraia schlief neben Calract und deckte ihn mit ihren Schwingen zu, Hotaru hingegen setzte sich an einen Tisch und begann, über einem Buch zu brüten.


Am nächsten Morgen kramte Hotaru aus einer Kiste eine Urkunde heraus und zeigte sie Calract: "Hier, das hat mir einer deiner Dämonen mitgebracht. Nieder-Wies hat sich vom Schwarzen Königreich losgesagt und ist dem Weißen Reich beigetreten. Das ist eine Kopie der Urkunde. Allerdings fehlt noch die Unterschrift des Weißen Königs."

"Der alte Harro hat sich wohlweißlich nicht getraut, das gegenzuzeichnen", brummte Calract. "Aber wer ist dieser Typ - A. Gullak?"

"Weiß nicht. Wahrscheinlich der Anführer der Rebellen."

"Sag mal Hotaru, wenn du sowas erfährst, wäre es deine Pflicht als meine Statthalterin, dagegen vorzugehen."

"Ich habe mich nicht um diesen Posten gerissen. Du hast es gemacht wie immer und mir einen Boten geschickt, daß ich ab sofort dazu verknackt bin Aber was soll's? Diese Aufstände niederzuschlagen ist ein Kinderspiel. Ich kümmere mich darum, wenn hier mal alles eine Zeitlang ohne mich läuft. Bis Sydur und zurück sind es jetzt im Winter fünf oder sechs Tage, so lange möchte ich die Baustelle nicht unbeaufsichtigt lassen."

"Ja stimmt. Wenn man fliegen kann, geht's erheblich schneller." Calract holte aus einer Ecke ein Brett und einen Stift, dann schrieb er darauf:

Öffentliche Hinrichtung

"Komm' Kyraia, wir werden Nieder-Wies mal einen Besuch abstatten."

Der jungen Dämonin lief es kalt über den Rücken, als sie las, was Calract da geschrieben hatte. Der verwandelte sich in einen Drachen, und zusammen flogen sie in kaum einer halben Stunde über die tiefverschneiten Bergketten an die Grenze, wo Nieder-Wies lag.

Calract, wieder in menschlicher Gestalt, betrat das kleine Gemeindehaus. Einige Leute hatten sich dort versammelt und redeten heftig aufeinander ein. Als der Zauberer, gefolgt von Kyraia, eintrat, verstummten alle Gespräche schlagartig. In aller Ruhe ging Calract zu dem Tisch, der in der Mitte des Raumes stand, knallte das Schild darauf, zog dann die Kopie der Urkunde heraus und fragte: "Wo finde ich diesen A. Gullak?"

Es war totenstill geworden. Calract fixierte einen der Bauern, denjenigen, der eben noch am lautesten diskutiert hatte. "Na?"

Nichts.

"Na gut, dann nehme ich eben dich statt seiner und hänge dich draußen auf", meinte er mit gefährlicher Ruhe.

"N ... nein, Herr, ich ... i ... äh, Anatoll Gullak ist unser Bürgermeister u ... und er ist im Weißen Schl ... Schloß beim König wegen ... der ..." Der Mann war immer leiser geworden, bis ihm am Schluß die Worte im Halse steckenblieben.

"Wegen eurer Sezession", beendete der Zauberer den Satz. "Und wann kommt er wieder zurück?"

"Er ... wir wissen es nicht, Herr. Er wollte erst wiederkommen, wenn wir unter dem Schutz des ... äh, wenn Seine Durchlaucht König Harro unterzeichnet hat."

"Das Durchlaucht kannst du dir sparen", knurrte Calract gereizt. "Hm, ich war schon lange nicht mehr im Weißen Schloß." Eigentlich noch nie, wenn man's genau betrachtet. Er schnappte sich Kyraia und ging hinaus. In der Tür drehte er sich noch mal um: "Nagelt das Schild an der Dorflinde fest! Die Hinrichtung wird nämlich genau hier stattfinden. Sobald ich mit Gullak wieder zurück bin!"

Die Männer waren totenblaß. Sie sahen, wie Calract sich draußen wieder in einen Drachen verwandelte und zusammen mit seiner schönen Dämonin davonflog, Richtung Südwesten.

Gegen Mittag landeten die beiden mitten in der Weißen Hauptstadt, und zwar direkt auf der Rampe, die zum Weißen Schloß hinaufführte.

Die Wachen waren zuerst in Panik geflohen, kamen aber bald darauf mit Verstärkung zurück und kreisten Calract und Kyraia ein. Doch der Schwarze König ließ sich von den Waffen nicht beeindrucken, sie konnten ihm sowieso nichts anhaben. "Ich suche einen meiner Untertanen namens Anatoll Gullak, der sich hier irgendwo herumtreiben soll. Gebt ihn heraus, sonst lasse ich die Stadt durch meine Dämonen besetzen und jedes Haus einzeln durchsuchen!"

Die Weißen Ritter zitterten vor Angst, aber sie wichen nicht. Kurz darauf aber erschien König Harro. Erleichtert machen die Ritter ihm eine Gasse frei. Calract ließ seinen Kollegen jedoch gar nicht erst zu Wort kommen, sondern erklärte ihm das, was er eben schon den Soldaten gesagt hatte. Diesmal bekam er allerdings eine Antwort. "Herr Gullak ist in der Tat hier. Er ist mein Gast und ich werde ihn auf keinen Fall gegen seinen Willen ausliefern."

Calract hielt Harro die Urkunde unter die Nase: "Deine Unterschrift fehlt hier! Nieder-Wies gehört mir, und seine Bewohner auch. Also gib ihn mir, sonst hole ich ihn mir selbst!"

Da erschien oben im Tor Prinzessin Alessandra, gefolgt von Solitor, ihrer Schwester Olivia und einigen anderen Fürsten, die anläßlich eines großen Kronrates gerade anwesend waren.

Alessandras Auftritt war wie immer beeindruckend. Staunend blickte Kyraia die Goldene Königin an, wie sie mit festen und doch graziösen Schritten die Rampe herunterging. "Calract!"

Mehr sagte sie nicht. Der Zauberer machte nun zum dritten Mal seine Ansage und fügte hinzu: "Ich werde ihm mitnehmen und in Nieder-Wies hinrichten! Oder was würdet ihr mit einem Landesverräter machen?"

Das allerdings gab den Fürsten schon zu denken. Calract war grundsätzlich durchaus im Recht. Nur die Art und Weise, wie er es durchzusetzen gedachte, mißfiel den Anwesenden. Doch sie konnten wohl nichts dagegen machen. Nur Alessandra hätte gegen den mächtigsten Zauberer der bekannten Welt vielleicht eine Chance gehabt, aber es war mehr als fraglich, ob sie hier und jetzt bereit war gegen ihn zu kämpfen.

Der Fall nahm eine überraschende Wendung. Die regierende Prinzgemahlin der Sonneninsel, Olivia, war wieder im Schloß verschwunden und kam nun wieder heraus. Und sie hatte den Gesuchten dabei.

"Hier ist Anatoll Gullak. Aaaaber ..."

In Calracts Kopf arbeitete es. Sein Gesicht verfinsterte sich. Er wußte, was nun kommen würde.

"... aber du bekommst ihn nicht. Du erinnerst Dich doch an unseren kleinen Handel." Triumphierend hielt sie Ornellas Löwenring empor. "Du schuldest mir noch ein Leben, und ich fordere dieses!"

"Korrekt." Calract faßte sich schnell. Beiläufig nahm er den Ring wieder an sich und steckte ihn ein. "Also gut. Aber er wird auf Lebenszeit verbannt, und wenn er jemals seinen Fuß auf mein Land setzen sollte, werde ich ihn hängen!"

"Puh". Das kam von Kyraia, der sich nun die allgemeine Aufmerksamkeit zuwandte. Denn sie war wirklich eine Erscheinung, die leicht alle Blicke auf sich zog.

"Wenn ich vorstellen darf: meine neue Tochter Kyraia." Dann ging er die anderen Anwesenden durch: "Alessandra, die Goldene Königin, und ihr, äh, Hausgeist Solitor. Imperator Sofrejan von der Sonneninsel, seine Frau Olivia, Prinzgemahlin und Schwester Alessandras. Ihr Vater, der Weiße König Harro von Hocharco. Der Typ da hinten ist, glaube ich, der Präsident von Gel-Almanaum, dann hätten wir noch den Herzog von Siinabal, den Landgrafen von Allera und den Grafen von Allheim, oder Baron oder was auch immer er inzwischen ist. Und, so wie ich das sehe, noch ein paar weitere Stadthäuptlinge und ein paar Leute aus Arcadia, Ganda und Botha. So, ich muß wieder zurück, aber du kannst noch etwas hierbleiben und dir die Weiße Hauptstadt ansehen. Sie ist nämlich ausgesprochen schön. Und ein Haus kannst du auch schon mal aussuchen."

Sprach's, verwandelte sich wieder in einen Drachen, schwang sich in die Luft, flog nach Nordosten davon, und ließ eine sehr pikierte Gruppe Adeliger und eine ziemlich perplexe Kyraia zurück.

*

Kyraia machte einen so hilflosen Eindruck, daß Alessandra beschloß, sie unter ihre Fittiche zu nehmen. Sie hatte sich an die extremen Gegensätze, die ihr spezieller Freund Calract in sich vereinte, inzwischen einigermaßen gewöhnt und störte sich nicht daran, die nächsten Tage in der Gesellschaft einer Lunaloc-Dämonin zu verbringen. Im Gegenteil, Kyraia wurde sogar als offizielle Beobachterin des Schwarzen Königs beim Kronrat akkreditiert.

Die Goldene Königin argumentierte so: "Calract erfährt sowieso, was wir hier besprechen. Es hat keinen Sinn zu versuchen, es hinter seinem Rücken zu tun. Und wir haben ja auch nichts zu verheimlichen. Also nutzen wir die Chance der Anwesenheit eins seiner Kinder und machen sie zur Botschafterin."

Die versammelten Majestäten und Fürsten hatten sich schließlich damit abgefunden. Immerhin sah Kyraia nicht so aus wie die Lunaloc-Dämonen, gegen die viele von ihnen persönlich gefochten hatten. Sie war wirklich so harmlos und unbedarft, wie sie wirkte. Allerdings bestand man darauf, daß sie passend eingekleidet wurde. Was sich wegen ihrer ausladenden Flügeln allerdings als unerwartet schwierig herausstellte.

*

Der Kronrat, in den Calract da zufällig hineingeplatzt war, war der erste dieser Art seit vielen Jahrzehnten, eigentlich der erste offizielle seit der Abtrennung des Weißen Königreiches von Arcadia. Jetzt hatte man sich getroffen, um diese Teilung rückgängig zu machen. Es war eine Sensation ersten Ranges und zugleich ein schwieriger politischer Balanceakt. Die Idee der Wiedervereinigung war schon öfters aktuell gewesen, doch die Bedenken der freien Städte am Siina-Fluß hatten das letztlich jedesmal verhindert. Daß es dieses Mal gelingen konnte, verdankte man Alessandra und dem Vertrauen, das jedermann ihr entgegenbrachte. Es würde ein feierliches Dokument geben, welches den freien Städten ihre Souveränität für alle Zeiten garantieren würde.

Alessandra hatte sich endlich zu der Einsicht durchgerungen, ihren Liebsten Nuitor nie mehr wiederzusehen. Und die Lage in Arcadia war so chaotisch, daß die Regierungsübernahme durch die Weiße Prinzessin als letzte Rettung angesehen wurde, um den drohenden und teilweise sogar schon ausgebrochenen Bürgerkrieg zu verhindern.


Und die Dämonin Kyraia wurde staunend in eine Welt eingeführt, von der sie als ehemalige Sklavin höchstens einige vage Geschichten gehört hatte.

Nach der prinzipiellen Einigung, die herzustellen erstaunlich leicht gewesen war, weil die meisten der regierenden Fürsten mit einer ähnlichen Vorstellung bereits angereist waren, wurde folgende Regelung getroffen: Alessandra wurde Regentin von Arcadia und gleichzeitig offizielle Thronfolgerin des Weißen Thrones. Wenn dieser ihr eines Tages zufallen würde, würde sie automatisch zur Königin der vereinigten Weißen und arcadischen Länder werden.

Diesem Dokument folgte ein langer Anhang mit Sonderregelungen für Steuern, Wegerechte, Teil-Souveränitäten diverser Fürsten, Grafen und Städte, wer welche Kontingente an Soldaten zu stellen hatte und so weiter.

Unterzeichnet wurde das alles von allen Anwesenden. Dann wurden Kopien der Urkunde auch noch an die nicht anwesenden gekrönten Häupter versandt, König Karl etwa, die diesem ebenfalls feierlich zustimmten.

Ebenfalls diskutiert worden war die Art und Weise, wie mit dem Schwarzen König umgegangen werden sollte. Alessandra hatte jedoch geraten, dieses Thema völlig auszusparen, denn wenn es mit hineingepackt worden wäre, wäre der nächste Krieg beschlossen gewesen. Schließlich hielt Calract mit seinem Gartenland ein Stück Arcadias besetzt, und gemäß dem Wortlaut der Urkunde genügte das, um als Angriff zu gelten und den Bündnisfall auszulösen.

Keiner der Anwesenden hatte jedoch die geringste Lust, wegen etwa fünf Quadratkilometern wertloser Felsen am Ende der Welt einen Krieg mit völlig ungewissen Ausgang, mit Sicherheit aber gewaltigen Verlusten zu riskieren. Außerdem wußte man inzwischen, warum der Schwarze König ausgerechnet dieses Stück Land besetzt hatte, und daß er darum, wenn es sein mußte, bis zum letzten Blutstropfen kämpfen würde. Alessandra hatte daher den Zipfel, auf dem Calract die Hälfte seines Gartenlandes errichtet hatte, stillschweigend abgeschrieben, und die regierenden Fürsten hielten es ebenso.

*

Calract ließ seiner Bemerkung an Kyraia, sie solle sich nach einem Haus umsehen, später präzisere Anweisungen und eine größere Menge Geld folgen. Die schöne Dämonin erwarb also im Namen des Schwarzen Königs ein zentral gelegenes Haus und eröffnete dort Calracts erstes Verbindungsbüro, etwas, was man sonst Botschaft zu nennen pflegte. Da die Schwarzen Könige aber seit Jahrhunderten keinerlei diplomatische Beziehungen unterhalten hatten und Calract auch nicht daran dachte, sich den üblichen Gepflogenheiten des diplomatischen Verkehrs zu unterwerfen, nannte er es eben Verbindungsbüro. Es hatte also keinen offiziellen Status, aber wozu es diente, war jedermann klar: als Calracts Stützpunkt in der Weißen Hauptstadt, von wo aus er seine Interessen vertreten und sich über die aktuellen Neuigkeiten informieren ließ.

Außerdem organisierte er von hier aus später Materiallieferungen für seine Erschließungsarbeiten.


19. Kapitel - Riinari, die Lichtgöttin

Ganz im Süden der Kirchenländer lag das Erzbistum Bora. Es umfaßte das einzige Stück der Küste, das flach und leicht zugänglich war. Eigentlich wäre die Lage ideal gewesen für eine Hafenstadt mit blühendem Handel, doch stattdessen gab es nur ein unbedeutendes kleines Nest einige Kilometer im Landesinnern, umgeben von einer Reihe noch armseligerer Dörfer. Es ging den Menschen zwar nicht direkt schlecht, aber angesichts dessen, was sie daraus hätten machen können, führten sie ein karges Leben. Doch da ihr Erzbischof es ihnen so verordnet hatte und sie ihm blind gehorchten, waren sie's zufrieden. Warum der Erzbischof das so entschieden hatte, fand ich erst später heraus. Es war eine erstaunliche Geschichte.

Zunächst vermutete ich, daß es an einem Phänomen lag, das man in den Kirchenstaaten überall vorfand: nämlich an der territorialen Zerstückelung. Genau wie Arcadia und das Weiße Reich früher eins gewesen waren, so waren auch die Kirchenländer vor langer Zeit eine Einheit gewesen. Reste davon gab es immer noch, das ganze Land trat nach außen in der Tat noch als Einheit auf. Im Inneren jedoch war es durch zahllose Erbteilungen, Hochzeiten, Eroberungen, Verkäufen und so weiter zu einem völlig unüberschaubaren Flickenteppich geworden. Bora war ein gutes Beispiel. Das Stück hier an der Küste umfaßte an die tausend Quadratkilometer fruchtbaren Bodens und, wie gesagt, den einzigen wirtschaftlich verwertbaren Küstenstrich, doch die Hauptstadt mit dem Bischofssitz lag über dreihundert Kilometer entfernt im Nordwesten. Dazwischen lagen mindestens zehn weitere Territorien, von denen einige Stücke wiederum zu Bora gehörten oder irgendwann mal gehört hatten.

Also vermutete ich das Zentrum dieses Landes eben nicht hier, wo es vernünftig gewesen wäre, sondern dort im Norden, wo der Zufall es hingesetzt hatte. Aber das war nur die halbe Wahrheit ...

Ich hielt mich nicht allzulange in dieser Gegend auf, es gab hier nichts, was Calract hätte interessieren können. Nichts außer Gerüchten. Und wie es der Zufall wollte, kam ich einem davon auf die Spur. Und das konnte man ruhig wörtlich nehmen.

*

Ich passierte eine der unvermeidlichen Zollstationen, zahlte meinen bescheidenen Obolus und ritt in ein Gebiet ein, das völlig anders wirkte als das Bora-Land. Es ging ziemlich steil bergauf, und von einer gewissen Höhe konnte ich, wenn ich mich umdrehte, wieder das Octavius-Meer sehen. Es war kaum zwanzig Kilometer entfernt. Von hier oben betrachtet wirkte das Erzbistum viel ordentlicher und gepflegter als von unten, wenn man mitten drin stand. Die Felder bedeckten einen großen Teil der Fläche und versprachen eine reiche Ernte, von der die Einwohner, wie üblich, nicht viel haben würden.

Gekommen war ich ursprünglich aus nordwestlicher Richtung, zurück ritt ich nach Nordosten, tiefer ins Landesinnere. Vor mir erstreckte sich ein dichter, finsterer Urwald. Seltsame Geschichten hatte man sich unten über diese Gegend erzählt, und ich wollte sie mir nun doch mal persönlich ansehen, denn auch die wildesten Gerüchte und Geschichten hatten oft einen wahren Kern.

Ich ritt den ganzen Tag, ohne einem Menschen zu begegnen. Das Land war völlig unberührt. Der Weg, auf dem ich ritt, war ein von Tieren ausgetretener Trampelpfad. Nirgendwo war auch nur das geringste Anzeichen dafür zu finden, daß hier jemals Menschen gewesen waren.

Als es langsam dunkel wurde, überlegte ich mir, hier irgendwo zu übernachten. Doch plötzlich weitete sich der Pfad auf und mündete in einen sandigen Weg. Das war an sich schon bemerkenswert, denn ich hatte kaum noch damit gerechnet, hier auf Spuren von Menschen zu treffen. Aber was meinen Blick geradezu bannte waren die leuchtenden Fußabdrücke auf dem Sandboden.

Jemand war den Weg hinunter und dann wieder hinaufgegangen (oder umgekehrt), und bei jedem Schritt hatte er einen Abdruck hinterlassen, der in warmem, gelblichen Licht strahlte. Ich stieg von Subara herunter und betrachtete mir das Wunder aus der Nähe. Der Verursacher dieser leuchtenden Spur war barfuß gegangen und hatte dem Waldboden jedes Detail seiner Fußsohle und Zehen aufgeprägt. Vorsichtig berührte ich den strahlenden Sand, aber er fühlte sich an wie jeder andere Sand. Ich nahm eine Handvoll davon auf, und er leuchtete in meiner Hand weiter. Dafür war die entsprechende Stelle am Boden nun dunkel. Das Phänomen reichte also nicht sehr tief.

Ich fragte mich, wieso eigentlich genau eine Spur den Weg hinunter und eine hinaufführte. Anscheinend hielt das Leuchten ziemlich lange an. Dieser Jemand war also nur ein einziges Mal hier entlanggegangen, zumindest während der Zeit, bis das Strahlen wieder erlosch. Wenn es denn jemals erlosch. Allerdings - kein Zauber ist allmächtig, und diese Fußabdrücke würden wohl nicht bis in alle Ewigkeit weiterleuchten.

Rauf oder runter?

Unten lag ein kleines Tal. Wahrscheinlich gab es dort auch eine Stadt. Also war entweder jemand aus der Stadt auf den Berg gegangen und dann wieder zurückgekehrt, oder er wohnte auf dem Berg, war in die Stadt gegangen und dann auf den Berg zurückgekehrt.

Es fiel mir nicht schwer, mich für rauf zu entscheiden. Irgendwie hatte ich das Gefühl, wenn hier ein Wesen lebte, das solche Wunder vollbringen konnte, dann würde es nicht einfach in der Stadt wohnen wie ein gewöhnlicher Bürger.

*

Beim Ritt nach Oben herrschte zwischen Subara und mir so eine Art stillschweigende Abmachung, die leuchtende Spur nicht zu zertreten. Irgendwie wäre es schade darum gewesen.

Es war inzwischen ganz dunkel geworden, aber die leuchtenden Abdrücke wiesen den Weg. Stellenweise ging es ziemlich steil hinauf, und der Unbekannte hatte sich, genau wie ich, mit den Zehen an Wurzeln und Steinen festkrallen müssen; es war deutlich zu sehen. An einer Stelle leuchtete auch einer der herabhängenden Äste. Hier war es so steil und eng, daß man, ohne sich auch mit den Händen festzuhalten, wohl nicht weiterkam. Ich selbst war ja, wenn man es genau nahm, auch schon an mehreren Stellen dieses steilen Weges mehr oder weniger auf allen Vieren gegangen. Der Unbekannte, der allem Anschein nach nicht nur mit seinen Füßen, sondern auch seinen Händen eine Leuchtspur legte, hatte das nur hier tun müssen, wo der Weg besonders steil und mühsam war.

Vielleicht lag das daran, daß er bei Tageslicht gegangen war, während ich mir hier im Dunkeln meinen Weg ertasten mußte. Aber ich nahm an, daß er diesen Weg auch kannte und öfter benutzte. Also konnte die Lebensdauer des Leuchtens doch nicht so groß sein. Sicher keine paar Jahre jedenfalls, sonst hätte es mehr als nur eine Spur hinauf und hinunter gegeben.

Übrigens war ich ziemlich erstaunt, wie problemlos Subara mit diesem schwierigen Gelände fertig wurde. Aber mit ihren vier Hufen und dem gelegentlichen Einsatz ihrer Flügel war sie extrem geländegängig und hatte keine Probleme, mir zu folgen. Eher im Gegenteil - sie kam leichter voran als ich.


Und dann, nach einer letzten Biegung, stand ich vor einem großen Haus. Die Spuren kamen von dort und führten auch wieder hinein. Auch der Türgriff leuchtete.

Wenn Detektivarbeit doch nur immer so einfach wäre.

Ich musterte das Haus, aus dessen kleinen Fenstern der sanfte Schein von Kerzen und einem Kaminfeuer drang. Es war ein zweistöckiges, solide gebautes Fachwerkhaus mit einem Strohdach. Wer es wohl hier mitten im tiefsten Wald errichtet hatte?

Viel Zeit zum Nachdenken bekam ich allerdings nicht, denn da wurde die Tür geöffnet und eine weibliche Gestalt trat hinaus. Wenn ich allerdings erwartet hatte, den Verursacher der strahlenden Fußabdrücke zu sehen, wurde ich enttäuscht. Es war nur ein ganz normales Mädchen. Das heißt, ganz normal war sie nicht. Trotz der Dunkelheit war der Stock zu erkennen, mit dem sie sich den Weg ertastete. Und auch ihre vorsichtigen Schritte ließen erkennen, daß sie blind war.

"Wer ist da?"

Tja, was antwortet man in einer solchen Situation? Irgend etwas Dramatisches kann man ja schlecht sagen, und so blieb es bei dem völlig prosaischen 'Mein Name ist Tschuri'.

Das Mädchen kam nun näher auf mich zu. Irgendwie schien es mich zu mustern.

"Du bist eine Fremde."

Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.

"Woher weißt du das?"

"Du meinst, weil ich dich nicht sehen kann. Aber ich kann dich spüren. Etwas von dem Licht der Göttin ist auf mich übergegangen. Was willst du hier? Du bist nicht willkommen!"

Was hätte mein Vater Calract jetzt wohl gesagt?

Allerdings wurde ich einer Antwort enthoben, weil hinter mir jemand den Berg heraufgestürmt kam. Ein kleiner Junge mit einer Laterne. Er war völlig außer Atem, anscheinend war er den ganzen Weg von der (vermuteten) Stadt bis hier gerannt.

Die Aufmerksamkeit der Blinden wandte sich sofort von mir ab, ich hingegen wurde von der Erscheinung gebannt, die nun in der Tür des Hauses erschien. Es war die Göttin, die das Mädchen eben erwähnt hatte.

Woher ich das wußte?

Ihre Hände und Füße leuchteten. Als sie ins Freie trat, konnte ich sehen, wie sie diese strahlenden Fußabdrücke hinterließ. Sie bewegte sich mit unvergleichlicher Eleganz und Leichtigkeit. Und sie mußte wunderschön sein, auch wenn man das im Dunkeln nur erahnen konnte. Aber das allein war es nicht. Sie hatte eine Aura an sich, und ich fühlte sofort, daß diese Frau kein gewöhnlicher Mensch war. Eine Elfe war sie aber sicher auch nicht. Eine Göttin? Ich beschloß, erst mal bei dieser Bezeichnung zu bleiben.

Der kleine Junge mit der Laterne hatte sich vor der Göttin in demütiger Haltung zu Boden geworfen und stammelte nun unter Tränen etwas, von dem ich praktisch kein Wort verstand. Die Göttin schien allerdings zu wissen, um was es ging, und soweit ich das mitbekommen hatte, lag einer aus der Familie des Knaben im Sterben oder war gerade gestorben.

Mich erfüllte unbändige Neugier, gewissermaßen mein Markenzeichen. Ich wollte, nein ich mußte sehen, was diese Göttin nun tun würde.

Und da geschah etwas Seltsames. Sie erlaubte mir, sie zu begleiten. Aber dabei sprach sie kein Wort. Sie übertrug auch nicht ihre Stimme oder ihre Gedanken telepathisch in meinen Kopf. Nein, es war völlig anders, in mir entstand irgendwie wie von selbst diese Vorstellung, mit der Göttin in die Stadt hinuntergehen zu dürfen und zuzusehen, was sie dort tat.

Mir kam eine Idee. Ich blickte mich zu Subara um, und Subara nickte zurück.

"Wenn wir fliegen, geht es schneller."

Die barfüßige Göttin fragte nicht lange, ihr brauchte keiner zu erklären, daß Subara kein gewöhnliches Pferd war. Ich schnappte mir den Kleinen und schwang mich hoch, hinter mir tat die Göttin das gleiche. Ich war überrascht, daß sie genau wie ich aufstieg, ohne die Hände zu benutzen, sondern sich mit einem Fuß am Steigbügel festhielt und dann mit dem anderen so stark abstieß, daß sie oben landete, hinter dem Sattel natürlich, denn der reichte nur für einen. Sie mußte gewaltige Kraft in ihren Beinen haben, wenn sie sich so bewegen konnte.

Subara entfaltete ihre Flügel und schwang sich in die Luft empor.

Ich hielt den Jungen fest, und die Göttin hielt sich an mir fest. Ich schluckte. Diese Berührung war unvergleichlich angenehm. Kaum bekam ich mit, wie wir den Wald überflogen.


Am Rande der Stadt landeten wir wieder. Der Junge hatte von dem Flug gar nicht viel mitbekommen, ihm wurde anscheinend erst jetzt klar, daß er soeben auf einem fliegenden Pferd gesessen hatte, zum ersten und mit ziemlicher Sicherheit auch letzten Mal in seinem Leben. Er strampelte sich los, sprang herab und lief voran. Allerdings nahm ich an, daß die Göttin den Weg kannte.

Ich drehte mich im Sattel zu ihr um: "Wie heißt du eigentlich?"

"Ich bin Riinari, aber die meisten Leute nennen mich Göttin des Lichtes."

Mir fiel auf, daß es das erste Mal war, daß ich sie sprechen hörte. Sie hatte eine wunderschöne Stimme.

"Wir sind da." Sie sprang von Subara herunter und eilte dem kleinen Jungen hinterher ins Haus.

Auch ich stieg ab. Erst jetzt fiel mir auf, daß Riinari sowohl mich als auch Subara an vielen Stellen berührt hatte, ohne daß wir angefangen hatten zu leuchten. Vielleicht funktionierte das nur mit toten Gegenständen oder so, denn kaum berührten ihre Füße den Boden, so begann dieser dort zu leuchten, genau wie der Steigbügel, mit dem sie aufgesessen hatte. Ich folgte ihr durch das vornehme, gepflegt wirkende Haus die Treppe nach oben. Die Göttin hatte es anscheinend eilig gehabt, denn sie hatte immer zwei Stufen mit einem Schritt genommen. Ich war fasziniert von diesen Einblicken in ein fremdes Leben, die einem sonst nur dann zuteil wurden, wenn man sehr genau hinsah. Bei der schönen Göttin spielte sich das alles mehr oder weniger öffentlich ab.

Oben herrschte bedrücktes Schweigen. In einem Bett lag eine sehr alte und sterbenskranke Frau, umgeben von etwa zehn Personen, ihrer Familie, wie leicht an den sich ähnelnden Gesichtern zu erkennen war. Eine junge Frau, wahrscheinlich die Mutter des kleinen Jungen, war völlig in Tränen aufgelöst und hatte sich Riinari in die Brust geworfen, die nun sanft über ihr Haar streichelte, ohne sie jedoch zum Leuchten zu bringen. Auch die anderen Anwesenden waren den Tränen nahe. Anscheinend hatte die Alte ihnen viel bedeutet.

Als die alte Frau gequält aufstöhnte, zogen die Menschen sich etwas vom Sterbebett zurück und machten der Göttin Platz. Diese kniete sich neben das Bett und nahm dann die Hände der Großmutter in die ihren. Sofort entspannte sich ihr Gesicht und die Schmerzen ließen nach. So verharrten die beiden einige Minuten, dann zog die Alte Riinari näher zu sich und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Dann faltete sie die Hände auf der Brust zusammen. Das langsame Heben und Senken ihres Brustkorbes wurde immer flacher und erlosch dann. Riinari hatte die ganze Zeit ihre Hände über die der Großmutter gelegt, und als sie sie nun wegzog, da hinterließen sie einen strahlenden Abdruck, wie einen Heiligenschein.


Ich glaube, ich hatte nie zuvor einen Menschen so friedlich sterben sehen. Die Göttin hatte ihr nicht das Leben zurückgeben können, aber sie hatte ihr einen Dienst erwiesen, dessen Größe sich für Außenstehende nur schwer erschloß.

Die Menschen fielen auf die Knie und begannen still, aber inständig zu beten. Auch die Göttin kniete nieder und betete mit ihnen.

War ich zuvor Zuschauer gewesen, so fühlte ich mich nun als völliger Fremdkörper. Glaube, Gebete, Hingabe an einen Gott, das war im Reich Calracts völlig unbekannt. Für uns Lunaloc-Dämonen war das kein Problem, unsere Sonne war unser Vater, wir brauchten keinen Gott. Aber Calract selbst? Es lag wohl einfach nicht in seiner Natur, an ein höheres Wesen oder eine höhere Bestimmung zu glauben. Aber sicher war ich mir da nicht. Was in dieser Hinsicht in seinem Kopf vorging, hatte noch nie jemand erfahren.

Es hat ihn wahrscheinlich auch noch nie jemand gefragt, dachte ich mir leicht ironisch.

Ich beschloß, zu Fuß zum Haus der Göttin zu gehen. Subara sollte hier warten und Riinari dann entweder zurückreiten oder -fliegen, ganz wie sie es wünschte.

Der Weg war nicht so weit, wie ich am Anfang gedacht hatte, und es gab mir die Gelegenheit, die Gegend ein bißchen besser kennenzulernen. Aus dem Städtchen draußen war ich nach einer Viertelstunde. An diesem Ende gingen nur zwei Wege weiter, und Riinaris Fußspuren leuchteten dort immer noch und zeigten mir den richtigen an.

Gut eine Stunde später, es mußte etwa Mitternacht sein, stand ich dann wieder vor dem Fachwerkhaus. Die Göttin des Lichtes und mein Pferd waren noch nicht wieder da, was mir ganz gelegen kam, denn ich wollte das blinde Mädchen ein bißchen ausfragen.

Entschlossen klopfte ich an die Tür und trat dann ein. Das Mädchen hatte geschlafen, fuhr jetzt aber erschrocken hoch. "Ich bin's, Tschuri. Darf ich reinkommen?" Naja, ich war ja schon drin.

"Würdest du gehen, wenn ich es dir verbieten würde?" Sie seufzte. "Aber es ist zu spät, du hast uns schon berührt. Das Unglück ist nicht mehr abzuwenden."

Sie erhob sich. Sie trug ein leichtes Nachthemd und eine Schleife, mit der sie ihre Haare zurückgebunden hatte. Sie hatte auf dem Boden geschlafen, wie ich sah. Allerdings war es kein gewöhnlicher Boden, genausowenig wie das hier ein gewöhnliches Haus war. Es hatte nämlich trotz seiner Höhe gar keine zwei Stockwerke, sondern nur einen einzigen großen und sehr hohen Raum, der es komplett ausfüllte. Allerdings zog sich dort, wo normalerweise das Obergeschoß gewesen wäre, um drei der vier Wände eine Innengalerie, zu der eine schmale Holztreppe hinaufführte.

Der Boden war komplett mit Tatami-Matten ausgelegt, sie sich unter meinen Füßen wunderschön anfühlten. Ich konnte mir vorstellen, daß man darauf auch hervorragend schlief.

Mitten in dem Raum stand ein sehr flacher, quadratischer Tisch, weiter am Rand waren zwei Nachtlager, eins davon noch unberührt. An den Wänden standen zwei oder drei Blumenvasen, und eine der Wände wurde von einer Art Küche eingenommen, auch sie völlig offen zum zentralen Raum hin. Kreuz und quer über den Boden verteilten sich Riinaris leuchtende Fußabdrücke, wovon das blinde Mädchen natürlich nichts mitbekam. Auch an den Wänden und vor allem in der Küche leuchtete so ziemlich alles. Dorthin ging das Mädchen nun, sammelte ein paar Holzscheite ein und steckte sie in den Ofen, in dem noch Glut vorhanden war. Dann tastete es nach einer Kanne, füllte sie mit Wasser und stellte sie auf die Ofenplatte.

"Sag mal, wie heißt du eigentlich", fragte ich.

"Adeline. So hat mich die erhabene Göttin genannt." Sie ging auf mich zu und setzte sich dann mit untergeschlagenen Beinen an den Tisch. Ich verstand das als Aufforderung, mich dazuzusetzen, allerdings im Schneidersitz.

"Du brauchst mich nicht zu fragen, ich erzähle dir alles", eröffnete Adeline das Gespräch. Irgendwie machte sie einen resignierten Eindruck.

"Als ich noch sehr klein war, ist etwas sehr Schlimmes passiert. Ich kann mich an nichts erinnern, was davor war, nur, daß ich sehen konnte. Aber bei diesem Unfall verlor ich mein Augenlicht, meine Familie, meine Heimat, mein Gedächtnis, meinen Namen."

Ihre Blicke zeigten ungefähr in meine Richtung, gingen aber ins Leere. Kein Zweifel, sie war stockblind. Ihre Augäpfel waren weiß mit einigen seltsamen Strukturen und Mustern, doch Pupillen waren keine vorhanden. Nur diese Narben.

"Meine erste Erinnerung ist die an die erhabene Göttin. Sie hat mich aufgelesen, adoptiert und großgezogen. Willst du sonst noch etwas wissen, Dämonenfrau?"

Das Wasser im Kessel begann langsam zu kochen. Mit sicheren Bewegungen erhob Adeline sich, ging hinüber, nahm zwei Tassen mit Untertassen und Löffeln aus einem der Regale und kam dann zurück. Man mußte schon genau hinsehen um mitzubekommen, wie sie sich mit den Füßen entlang den rechteckigen Tatami-Matten den Weg ertastete. Schließlich stellte sie eine Tasse vor mich hin, eine an ihren Platz. Dann holte sie Teepulver, und schließlich den Kessel mit dem kochenden Wasser, den sie auf einer kunstvoll gearbeiteten Unterlage auf den Tisch stellte.

Sie öffnete den Mund um etwas zu sagen, überlegte es sich dann aber doch anders. Schweigend steckte sie den Löffel in die Dose mit dem Teepulver, strich dann die überstehende Menge ab und schüttete das Pulver in meine Tasse.

"Danke, heißes Wasser nehme ich mir selbst." Ich goß es dann auch bei ihr ein.

"Hm, riecht gut."

Und es schmeckte auch gut, hervorragend sogar.

"Adeline, wenn du mich so fürchtest, warum servierst du mir dann Tee?"

"Es ist der Wunsch der Göttin. Aber wenn ich nicht blind wäre, würde ich gegen dich kämpfen."

"Da würdest du verlieren. Du bist ein Mensch, und ich bin eine Lunaloc-Dämonin. Wir haben zwar keine unüberwindlichen Superkräfte, eine halbe Portion wie du hätte gegen mich aber keine Chance."

Ich sah sie an. "Es überrascht dich doch nicht, das zu hören."

"Nein, nur daß du es so offen zugibst, eine Abgesandte des Teufels zu sein. Ich hätte vermutet, du würdest wenigstens versuchen, vor mir dein wahres Ich zu verbergen. Aber ich bin schwach und hilflos. Du brauchst auf mich keine Rücksicht zu nehmen. Aber wenigstens werde ich mit Anstand sterben. Deswegen habe ich dir Tee gegeben. Um den dunkeln Mächten zu zeigen, daß auch Menschen wie ich zivilisiert sind und Würde haben." Ihre Stimme klang heiser. Sie war überzeugt, daß für sie der Weltuntergang bevorstünde. Und schlimmer noch, daß ich auch ihrer Göttin Unglück bringen würde.

"Ich glaube, was auch immer ich sage, es wird dich nicht überzeugen. Nun ja, hier ist trotzdem meine Geschichte. Mein Name ist Tschuri von Palato, Tochter von Faro von Palato, Ritter seiner Majestät, des Weißen Königs Harro von Hocharco. Geboren wurde ich am 10. Mai des Jahres 1230 auf dem Rittergut meiner Familie. Dort lebte ich bis zum Dezember 1245, als die schreckliche Mondnacht über das Land kam und unser Gut bei einem großen Feuer restlos abbrannte."

Langsam, aber sicher kamen die Erinnerungen an jene Zeit zurück und ich versuchte krampfhaft, es meiner Stimme nicht anmerken zu lassen. Lächerlich. Sie hat bestimmt ein hervorragend trainiertes Gehör, du Dummerchen.

"Ich ... weiß nicht, wie viele meiner Angehörigen damals den Tod fanden. Ich habe keinen von ihnen jemals wiedergesehen. Gerettet wurde ich von der Goldenen Königin Alessandra, die mit ihren Mitstreiterinnen unterwegs war, um gegen die Mondnacht und ihren Urheber Calract zu kämpfen. Dabei wurde ich Zeugin eines Kampfes zwischen Calracts Lunaloc-Dämonen und einer Gruppe Elfen. Ich versuchte, einer der Elfen das Leben zu retten. Es gelang mir nicht, dennoch erhielt ich von ihr als letztes Geschenk das Elfenlicht, das ich immer noch in mir trage. Später fiel ich dann in die Hand Calracts. Ich gab ihm mein Leben gegen das Versprechen, meiner Königin nichts zu tun, und so flogen wir zum Engelsberg, nach Lunaloc. Und damit begann mein neues Leben."

Ich atmete tief durch. Es war wirklich so, die Vergangenheit ... sie gehörte nicht mehr zu mir, und doch hatte sie mich völlig ergriffen. Für diesen kurzen Moment der Erinnerung wenigstens.

Ich fuhr fort: "Calract machte aus mir das, was er schon zuvor mit vielen tausend Menschen gemacht hatte, er machte mich zu seinem Kind, zu einem Lunaloc-Dämonen."

Lange herrschte Schweigen. Dann sagte Adeline wie zu sich selbst: "Wieso ... wieso weißt du das alles noch? Wieso hat er dir deine Erinnerung an dein Leben als Mensch gelassen? Er müßte doch alles ausgelöscht haben, damit ihr niemals an euer grauenvolles Schicksal erinnert werden könnt."

Ich stand auf, ging um den Tisch zu ihr hinüber und setzte mich dicht neben sie. Dann nahm ich ihre Hand und legte sie auf mein Gesicht.

"Er braucht uns unsere Erinnerung nicht zu nehmen, weil wir mit uns im reinen sind. Keiner meiner Brüder und Schwestern bedauert, was geschehen ist. Und ich glaube, der Grund dafür ist Calracts reines Gewissen. Denn wir sind ein Teil von ihm."

Langsam erfühlte Adeline die Konturen meines Gesichtes und meines Körpers.

"Du siehst aus wie ein Mensch. Dein Körper ist warm und weich, genau wie der der Göttin. Vielleicht trifft dich keine Schuld. Vielleicht trifft nicht mal den Teufel die Schuld. Vielleicht ist es einfach Schicksal, aber ich weiß, daß uns das Unheil treffen wird."

"Hab' keine Angst. Vertraust du nicht deiner Göttin? Sie wird dich beschützen. Und sie wird auch sich selbst schützen."

Adeline antwortete nicht, doch aus ihren zerstörten Augen flossen dicke Tränen.

*

Als ich am nächsten Morgen erwachte, waren wir zu dritt. Tief in der Nacht war die Göttin des Lichtes zurückgekehrt und hatte sich zu uns gelegt, ohne uns zu wecken.

Ich richtete mich auf und sah mich um. Alle leuchtenden Stellen waren erloschen, bis auf die, wo gerade Riinaris Hände und Füße ihre Kissen und Decken berührten. Neben mir begann auch Adeline sich zu bewegen. Nachdem sie richtig wach war, begann sie um sich zu tasten.

"Ich muß dich enttäuschen, aber ich bin noch da. Auch Riinari ist da. Allerdings schläft sie noch."

Adeline brummelte irgendwas, stand dann auf und schlich Richtung Küche.

"He, Adeline! Gibt es bei euch auch ein Bad?"

"Die hintere Tür raus und dann immer den Steinen nach."

Daß es in der linken hinteren Ecke des Raumes noch eine zweite Tür gab, war mir noch gar nicht aufgefallen. Aber nun sah ich, daß auf dem Wandregal daneben sogar Handtücher, Seife, ein paar Bürsten und andere Wasch-Utensilien lagen. Ich fragte mich, wie das Bad wohl aussehen würde.

Und da geschah es wieder, in meinem Bewußtsein erschien die Vorstellung von einem Wasserfall, unter dem die beiden Frauen (wenn man die Göttin als Frau zählen wollte) morgens zu duschen pflegten.

Riinari war erwacht. Ich drehte mich zu ihr um. Zum ersten Mal konnte ich ihr Gesicht wirklich klar, deutlich und vor allem bei Tageslicht sehen. Es war sehr gleichmäßig und sehr schön. Und es strahlte eine tiefe Güte und Zufriedenheit aus. Die Göttin schlug nun die Augen auf und erhob sich dann. Im Gegensatz zu Adeline und mir hatte sie unbekleidet geschlafen, so daß ich nun auch ihren geradezu perfekten Körper bewundern konnte. Mir schlug das Herz bis zum Hals, als ich sie so sah.

Sie sah mich nicht an, eher blickte sie zu dem Mädchen hinüber. Dann streckte sie sich ausgiebig, schüttelte dann ihre Kissen aus und rollte sie zusammen. Das gleiche machte sie mit meinem Lager und dem von Adeline. Ich konnte gar nicht wegsehen, denn sie war einfach wunderschön, wie sie aussah und sich bewegte. Sie ging dann zur hinteren Tür, und wie auf ein geheimes Kommando trat auch Adeline hinzu, legte ihr Nachthemd ab, schnappte sich dann das Waschzeug und ging mit der Göttin hinaus.

Eine Reihe von blitzsauberen Steinplatten führte von dem Haus weg in den Wald. Direkt hinter dem Haus ging es steil nach oben, der Weg zog sich ein paar Meter am Fuße dieses Steilhanges entlang und wandte sich dann nach rechts, wo er hinter dem Berg verschwand.

Ich lief ein paar Schritte hinter den beiden. Die Göttin lief ziemlich weit rechts auf den Steinen, während Adeline, die vorausging, mitten auf den Platten ging. Sie mußte diesen Weg schon ziemlich oft gegangen sein, daß sie jede Platte so exakt traf.

Kurz darauf hörte ich schon den Wasserfall. Es waren von Haus kaum fünfzig Meter, aber durch diesen Steilhang, der sich davorschob, war dort davon nichts zu hören und zu sehen.

Das Wasser war ziemlich kalt. Während Adeline die Göttin des Lichtes einseifte, musterte diese meinen Körper. Seltsame Visionen streiften dabei mein Bewußtsein. Dann nahm sie die Seife, die sofort zu leuchten begann, und seifte mich ein. Ihre Hände waren sehr warm, die Berührung war unglaublich angenehm und erregend, und unwillkürlich liefen farbige Muster über meine Haut, was die Göttin erstaunt registrierte. Ich stöhnte lustvoll auf, als ihre leuchtenden Hände meine großen Brüste durchkneteten und sich dann weiter meinen Körper entlang nach unten vorarbeiteten, während von oben das Wasser auf uns stürzte.

Nachdem auch Adeline sich eingeseift und gesäubert hatte, spülten wir die Seife wieder ab und traten auf einen Lattenrost, wo die Göttin des Lichtes mich nun abtrocknete. Ich fühlte mich fast wie im siebten Himmel, sie ließ keine Stelle aus. Adeline zog dabei ein ziemlich finsteres Gesicht. War sie etwa eifersüchtig? Wie süß!

Dann ging es wieder zurück ins Haus. Wieder hielt die Göttin sich ziemlich seitlich, so daß die Spur, die sie setzte, sich nicht mit der des Hinweges überschnitt. In Gedanken fügte ich die Fußabdrücke von Adeline hinzu, was ein recht reizvolles Muster ergab. Wieder im Haus zog dann jeder seine Tageskleidung an. Adeline bewegte sich so sicher und gewandt, daß man nicht ohne weiteres auf die Idee gekommen wäre, daß sie völlig blind war.

"Übrigens danke, daß ich auf Subara zurückfliegen durfte. Es ist gestern ziemlich spät geworden."

Diese Stimme! Diese wundervolle Stimme. Aber ...

"Woher weißt du, daß sie Subara heißt?", wunderte ich mich.

Die Göttin lächelte ihr feines Lächeln und antwortete: "Sie hat es mir gesagt, natürlich."

Natürlich.

Adeline arbeitete weiter am Herd, und die Göttin half ihr dabei. Es war erstaunlich, wie sicher sich das blinde Mädchen hier bewegte. Derweil überlegte ich mir, was ich als nächstes tun sollte. Mein Auftrag lautete, die Kirchenländer zu erkunden. Nun, zweifellos hatte ich hier einen bedeutenden Fund gemacht, und ich überlegte, ob ich es Calract nicht sofort melden sollte. Ich zweifelte nicht daran, daß er sich für diese Göttin brennend interessieren würde.

"Bleibst du noch zum Frühstück?", rief die Göttin mir zu.

"Äh, ja. Sehr gerne. Vielen Dank, erhabene Göttin."

"Nenne mich doch bitte bei meinem Namen. Es ist schon schlimm genug, daß Adeline mich immer 'erhabene Göttin' nennt." Sie knuffte Adeline auf den Arm und ich sah, wie diese schon vorher instinktiv ein bißchen auswich. Anscheinend war das ein oft wiederholtes Spielchen zwischen den beiden, denn kommen sehen konnte sie die Hand der Göttin ja nicht.

Ich setzte mich an den Tisch, stand dann aber wieder auf: "Kann ich mich irgendwie nützlich machen?"

"Sieh' vielleicht mal nach Subara."

Gute Idee.


Später saßen wir dann zu dritt an dem niedrigen Tisch. Riinari hatte, genau wie ich, die Beine vor sich verschränkt, während Adeline sie nach hinten gezogen und etwas nach außen gedreht hatte, so daß nun alles vom Po über die Ober- und Unterschenkel bis zu den Füßen auf dem Boden auflag. Es war eine sehr damenhafte Art zu sitzen, und ich fragte mich, ob Adeline wußte, wie schön und elegant sie dabei aussah.

Die strahlenden Abdrücke von gestern waren erloschen, aber es waren heute morgen schon viele neue hinzugekommen. So ziemlich alles auf dem Tisch leuchtete bereits. Ich fand das irgendwie verwirrend und überlegte mir, wenn ich diese seltsame Gabe hätte ...

"Schau", sagte die Göttin zu mir. Sie holte einen Handschuh hervor und zog ihn sich über die rechte Hand. Sofort begann er zu strahlen. Doch als sie meinen Teller anfaßte, fing dieser nicht an zu leuchten. Es mußte also eine direkte Berührung sein.

Sie zog den Handschuh wieder aus und aß schweigend zu Ende.

Adeline räumte dann ab.

"Ich denke, wir sollten es hinter uns bringen. Mein armes Mädchen stirbt sonst noch vor Angst und Sorge."

Die Göttin hatte bei diesen Worten zur Seite gesehen, aber dennoch mich direkt angesprochen. Es war ... wie unsichtbare Augen, wie ein unsichtbarer Scheinwerfer, den sie auf mich gerichtet hatte und in dessen Lichtkegel ich stand. Ich dachte an Calract, aber es waren nicht meine Gedanken, sondern ihre. Das war es also, was sie wollte.

"Ich werde Subara losschicken. Aber bis mein Vater hier ankommt, wird es wahrscheinlich bis morgen dauern. Wir sind hier ziemlich weit weg von Zuhause."

Die Göttin antwortete mit ihrem feinen Lächeln, aber auch das sah ich nur von der Seite.


Im Laufe des Vormittages arbeiteten die beiden Frauen im Haus und beschäftigten sich mit Putzen, Fegen, Saubermachen und kleinen Reparaturen. Sie wechselten kaum ein Wort dabei, trotzdem arbeiteten sie fast synchron, wobei Adeline sich nach ihrer Herrin, oder vielleicht sollte man besser sagen 'Pflegemutter' richtete. Wie sie herausbekam, was diese gerade tat, blieb mir allerdings schleierhaft.

Ich selbst hatte nichts zu tun, sah aber den beiden zu, und das wurde nie langweilig. Die Göttin des Lichtes war einfach zu schön, als daß man sich nicht an ihrem Anblick hätte erfreuen müssen. Und auch Adeline war, wenn man es sich so recht überlegte, eine Schönheit. Trotzdem hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich einfach nur so dasaß und die anderen arbeiten ließ.

"Es kommen wohl nicht oft Menschen hier herauf?"

Adeline war es, die mir antwortete: "Sie verehren unsere Göttin zutiefst und kommen nur in Notfällen."

"Aha, so wie gestern, als die alte Frau im Sterben lag."

"Ja."

"Und wer bringt euch das Essen und die Sachen, die man so braucht?"

"Manchmal bringt die erhabene Göttin etwas mit. Aber meistens gehe ich ein oder zweimal in der Woche ins Dorf und kaufe ein. " Sie setzte ein triumphierendes Lächeln auf. "Das hättest du mir bestimmt nicht zugetraut, was?"

"Naja ... also, ich glaube nicht, daß ich das könnte, wenn ich nichts sehen könnte."

Eigentlich hatte Adeline ein lebhaftes und fröhliches Wesen. Anscheinend hatte sie sich inzwischen ein bißchen an mich gewöhnt. Sicher half auch die Anwesenheit der Göttin, die mich als selbstverständlich hinnahm. Überhaupt strahlte Riinari eine Ruhe und Souveränität aus, die bewundernswert war. Ich fragte mich, wie alt sie wohl war.

Nach einiger Zeit unterbrach Adeline ihre Arbeit und wandte sich mir zu. "Wenn dieser ... Calract hier erscheint, was wird er dann tun?"

Hmm. Das hätte ich auch gerne gewußt.

"Mach dir keine Sorgen", antwortete die Göttin anstelle von mir.

"Hat es hier eigentlich auch Lunaloc-Dämonen gegeben?"

"Natürlich." Als Calract sie zum Angriff rief, sind auch hier viele von ihnen erschienen und haben die Menschen erschreckt. Doch die meisten haben schnell gemerkt, daß der Aufmarsch dieser Wesen nicht ihnen galt, und so gab es keine Kämpfe. Ganz anders als im Weißen Königreich."

Die Spitze gegen Alessandra saß. Allerdings - ob die Weiße Prinzessin diesen Krieg hätte verhindern können, war fraglich. Auch wenn die Lunaloc-Armee nicht gegen sie marschiert war, so war doch das ganze Land Leidtragender von Calracts Feldzug geworden. Nein, Alessandra hatte nicht neutral bleiben können wie die Leute hier.

"Dieses Glück hatte leider nicht jeder", antwortete ich also. "Es scheint hier überhaupt nur wenige Kriege zu geben. Das Land macht einen sehr wohlhabenden Eindruck."

Ich hatte die Stadt zwar nur bei Dunkelheit gesehen, aber der Unterschied zu dem schäbigen Leben im Erzbistum Bora war auffallend. Doch die Göttin ging nicht näher darauf ein. Dennoch, irgendwie hatte ich wieder das Gefühl, von diesem Scheinwerfer ihres Geistes gestreift zu werden, und was ich da für einen kurzen Moment sah, machte keinen sehr friedlichen Eindruck. Anscheinend wollte Riinari aber nicht darüber sprechen.

Etwas später verließ sie das Haus durch den hinteren Ausgang. Wohin sie ging und was sie dort tat, erfuhr ich nicht. Natürlich hätte ich ihren Spuren folgen können, aber ich fühlte, daß sie das nicht wollte.

Spät am Nachmittag kam sie wieder, und wir nahmen schweigend ein Mahl ein.


"Geburtenkontrolle."

Ich sah Riinari fragend an. Es war das erste Wort, daß seit Stunden gesprochen worden war.

"Geburtenkontrolle ist der Schlüssel zum Wohlstand dieses Landes. Das Territorium von Riinar umfaßt nur 260 Quadratkilometer, von denen weniger als die Hälfte nutzbar ist. Der Rest ist gebirgiger Urwald. Ich muß hier ein sorgfältig ausbalanciertes Gleichgewicht aufrechterhalten. Die Nachbarländer fürchten sich von dem, was hier geschieht, deswegen gibt es kaum Handel oder Reisen. Wir sind auf uns allein gestellt. Und das, was der Boden hergibt, darf nicht auf zu viele Münder verteilt werden müssen, damit alle satt werden."

Hmmm. Sie fürchten sich? Vor dir, Göttin ... War das der Grund, warum der Erzbischof von Bora sein südliches Territorium so vernachlässigte? Schließlich grenzte es direkt an das Land der Lichtgöttin.

Ich hatte meine Gedanken nicht laut ausgesprochen, dennoch antwortete die Göttin: "Genau so ist es. Wenn man so will, bin ich schuld daran, daß der Kirchenstaat keinen Seehandel treibt. Der einfachste Weg zum Wasser führt entweder genau hier durch oder zumindest dicht an meinem Land vorbei. Und weil sich die abergläubischen Menschen da draußen vor Zauberei fürchten, halten sie sich fern."

Sie sah zur Decke hoch und fuhr dann fort: "Aber es hat auch sein Gutes. Ich wäre nicht in der Lage, ein größeres Gebiet zu befrieden. Daß die Menschen mich freiwillig meiden, enthebt mich der schweren Aufgabe auszuwählen."

"Ich glaube", sagte ich nach einiger Zeit, "ich gehe noch mal in die Stadt hinunter und sehe mich dort ein bißchen um."

"Dann komme ich mit", rief überraschend Adeline. "Ich muß noch ein paar Sachen besorgen." Sie hatte ein spitzbübisches Lächeln auf den Lippen.

"Nanu, ich dachte, du hältst mich für einen Teufel?"

"Wenn die erhabene Göttin dir vertraut, dann ... dann tue ich das auch", antwortete sie gedehnt.

Wir standen auf und gingen zur Tür. Dort lehnte Adelines Stock an der Wand. Sie zog sich auch Strümpfe und Schuhe an. Ich glaube, ich hätte das auch gemacht. Meine Stiefeletten hatte ich eigentlich immer bei mir. Jetzt allerdings steckten sie in Subaras Satteltaschen, und die waren zusammen mit dem Pferd auf dem Weg zu Calracts Gartenland.

"Ich werde dich führen", sagte das Mädchen zu mir, hakte sich bei mir unter und zog mich dann aus dem Haus. Ich war verblüfft, überließ mich dann aber ihrer Leitung und erwartete neugierig das, was nun kommen würde.

Adeline kannte den Weg genau und brauchte ihren Taststock kaum zu benutzen. Sicher und souverän führte sie mich den Weg entlang, und auch an den steilen und für eine Blinde sicherlich nicht ungefährlichen Stellen zögerte sie keinen Augenblick. Ich war froh, daß sich die Situation zwischen uns so entspannt hatte, und so fingen wir schnell eine Unterhaltung an. Eigentlich hatten wir viel gemeinsam. Mein Leben kreiste um Calract, ihres um die Göttin des Lichtes. Ich erzählte ihr von meinen Abenteuern in Orna, von Calract, der Goldenen Königin und den Piraten unter ihrer unglaublichen Anführerin BQMZ.

Adelines Welt war viel kleiner. Hier oben in den Bergen gab es keine Abenteuer zu bestehen. Nur das Leben mit der Göttin. Ich fragte das Mädchen, was Riinari eigentlich genau tat, um dieses Land zu beherrschen, aber entweder wußte sie es selbst nicht so genau, oder sie wollte es mir nicht sagen.

Nach einer knappen dreiviertel Stunde - bergab ging es doch deutlich schneller - erreichten wir die Stadt, die übrigens Disat hieß. Adeline ließ ihren Taststock hier stärker in Aktion treten und fand sich gut zurecht. Wir suchten zwei Läden auf und kauften einiges ein. Schließlich meinte sie in leicht verschwörerischem Tonfall zu mir: "Heute Abend gibt es auf dem Stadtplatz ein Fest. Da gehen wir hin."

Disat war doch nicht so klein, wie ich zuerst gedacht hatte, aber vom Waldrand zur Stadtmitte waren es dennoch gerade mal 15 oder 20 Minuten. Mir fielen wieder die gepflegten, hübschen Häuser auf. Überall blühten Blumen in den Vorgärten, aus den Hinterhöfen hörte man das Grunzen von Schweinen, das Wiehern von Pferden und das Gackern von Hühnern. Die Menschen hier lebten in recht beachtlichem Wohlstand. Und sie wußten ganz genau, wem sie diesen zu verdanken hatten. Und da Adeline gewissermaßen die unmittelbare Repräsentantin der Göttin des Lichte war, wurde sie überall mit größtem Respekt behandelt.

Die Straße, auf der wir gingen, war gepflastert. Das war eine Seltenheit im Kirchenstaat und selbst im Weißen Königreich ein Luxus. Kurz darauf öffnete sich vor uns ein recht großer Platz, an dessen von uns aus gesehen linker Seite sich ein großer Steinbau erhob. Adeline schien meine Gedanken zu erraten und erklärte: "Das ist Rathaus, Schule, Gericht, Bürgerhalle und Saal der Göttin. Und eine Bibliothek gibt es dort auch."

"Bibliothek!"

Bücher waren eine Leidenschaft, die ich mit Calract teilte. Bücher waren praktisch das einzige, was er aus dem brennenden Schwarzen Schloß gerettet hatte, weil sie das einzige waren, was er für unersetzlich wertvoll hielt. Und ich stimmte mit ihm vollkommen überein. "Adeline, geh' allein auf das Fest. Ich gehe in die Bibliothek! Wir sehen uns dann später. Ich komme in ein paar Stunden und hole dich ab."

Das blinde Mädchen wirkte etwas verloren, aber sie hatte genug Energie, um diese Lage zu meistern, das wußte ich. Wie ich später feststellte, hatte sie hier unten auch mehrere Verehrer, die sich geradezu darum rissen, mit ihr ausgehen zu dürfen. Sie war also in den besten Händen.

Ich stürmte geradezu in das Rathaus. Am Eingang saß ein Pförtner, der mich etwas schräg ansah, denn zumindest meine wenige Kleidung machte einen eher schäbigen Eindruck. Ich legte auf solche Äußerlichkeiten keinen großen Wert, aber manchmal wäre es schon besser gewesen. Außerdem war ich eine Fremde. Aber der Mann sagte nichts und ließ mich wortlos passieren.

Erstaunt betrat ich das Gebäude. Der Boden war mit buntem polierten Marmor ausgelegt, die Säulen, die die Obergeschosse trugen, waren ebenfalls aus Marmor und reichverziert. Die Decke war prachtvoll bemalt und mit kostbarem Stuck bedeckt. Genau gegenüber führte eine sehr breite, großzügig angelegte Treppe nach oben. Niemals hätte ich gedacht, hier drinnen die Einrichtung eines Schlosses zu finden. Nachdem ich lange genug gestaunt hatte, drehte ich mich um, ging zu dem Pförtner und fragte nach der Bibliothek.


Ich war der einzige Besucher. Es gab auch keine Aufsicht. Bücherdiebstahl war im Reich der Lichtgöttin anscheinend unbekannt. Wie bei Alessandra, dachte ich unwillkürlich.

Ich war mir sicher, daß die Menschen hier kein bißchen anders waren als alle anderen Menschen auf der Welt. In allen steckte Gutes und Böses. Aber was die Oberhand bekam, das hing entscheidend von den äußeren Umständen ab.

Ganz so ist es nicht.

Wieder diese "Stimme", die keine Stimme war.

Für die meisten Menschen hast du recht. Aber es gibt auch andere, die Heiligen und die Verbrecher. Die Heiligen werden immer gut sein und Gutes tun, egal wie korrupt und verdorben ihre Umgebung ist. Und die Verbrecher werden immer Böses tun, wenn man sie gewähren läßt.

"Siehst du ihnen zu und ermahnst sie, wenn sie Unrecht tun wollen?" Ich fand es leichter, mit der Göttin zu sprechen, wenn ich meine Sätze laut aussprach.

Nein. Denn in meinem Reich gibt es keine Verbrecher. Vorhin habe ich die Geburtenkontrolle erwähnt. Menschenkinder, die niemals etwas Gutes bewirken würden, werden hier nicht geboren, weil ich es nicht zulasse. Darin liegt aber eine große Gefahr. Ich erkläre es dir später, wenn du wieder da bist. Und nun lies schön, meine kleine Dämonin.

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen.


"Was, schon Mitternacht!"

Ich hatte auch nicht bemerkt, daß der Pförtner gekommen war und ein paar Kerzen entzündet hatte, so vertieft war ich in die Bücher gewesen. Schweren Herzens beendete ich also meine spannende Lektüre, stellte die Bücher zurück ins Regal und lief dann hinüber zu dem Volksfest, dessen Lärm auch im Lesesaal deutlich zu hören gewesen wäre, wenn ich nicht mit meinen Gedanken in anderen Welten geweilt hätte.

Ich war platt, Adeline inmitten eines Schwarms gutaussehender Jungen zu finden. Sicher, sie war bemerkenswert schön, aber erstens war sie blind und zweitens lebte sie bei der Göttin. Anscheinend waren das aber keine Hinderungsgründe. Irgendwie war ich erleichtert. Sie würde eines Tages ein ganz normales Leben führen können.

"He, Adeline!"

"Tschuri!"

Adeline stellte mich ihren Freunden, etwa einem halben Dutzend, vor. Auch hier fiel mein heruntergekommenes Äußeres nicht gerade positiv auf, doch es dauerte nicht lange, da war ich sozusagen in die Gemeinschaft aufgenommen. Schließlich war ich auch nicht gerade häßlich, im Gegenteil, je länger ich bei diesen Burschen war, desto mehr faszinierte ich sie. Was Adeline natürlich nicht entging. Frauen, blind oder nicht, haben da ein sehr feines Gespür. Aber ich hatte nicht im Entferntesten die Absicht, ihr ihre Freunde auszuspannen, und so verabschiedete ich mich bald darauf wieder von ihnen, kaufte noch zwei kandierte Äpfel und lief dann zurück.

Als Dämonin war ich schnell und ausdauernd, und nach kaum zwanzig Minuten Sprint hatte ich Riinaris Haus erreicht. Riinari war so aufmerksam gewesen, vor die Tür einen Eimer Wasser zu stellen, mit dem ich mir die Füße abwaschen konnte. Wieder blitzblank betrat ich dann das faszinierende Haus. Im Innern war es noch hell, anscheinend hatte die Göttin auf uns gewartet.

"Adeline ist in der Stadt bei ihren Freunden geblieben."

Die Göttin schien erleichtert, das zu hören. Sicher hatte auch sie sich schon Gedanken über die Zukunft ihres Schützlings gemacht.

"Hier, Riinari. Ich habe dir einen kandierten Apfel mitgebracht."

Als Antwort erhielt ich ein so strahlendes Lächeln, daß ich glaubte, die Sonne sei aufgegangen.

Sie ist wirklich eine Göttin.

Wir knabberten unsere Äpfel, dann sagte die Göttin: "Ich bin dir noch die Erklärung für vorhin schuldig."

"Stimmt. Wegen der Verbrecher."

"Menschen haben nicht zufällig gute und bösen Seiten. Sie brauchen beide. Die guten, um miteinander auskommen zu können, und die schlechten, um nicht unterzugehen in dem Meer an Gefahren, die die Welt bietet. Wenn ich hier ein Volk züchte, das keine Aggressivität und kein unsoziales Verhalten mehr kennt, dann wird es lebensuntüchtig, sobald von außen eine Gefahr hereinbricht."

Ich dachte nach. "Und warum machst du es dann?"

Die Göttin blickte zu Boden. Sie wirkte bedrückt. "Man nennt mich die Göttin des Lichtes. Götter sind allmächtig und allwissend, aber ich bin weder das eine noch das andere. Als ich vor vielen Jahrhunderten, kurz nach der Tartanos-Katastrophe, hier anfing, hielt ich es für den einzigen Weg, den die verbliebene Menschheit noch gehen konnte, um nicht auch noch in den Abgrund gerissen zu werden. Inzwischen weiß ich es besser, aber es gibt kein Zurück mehr. Ich beschütze dieses Land gegen Gefahren von außen und von innen, aber sollten diese Menschen eines Tages auf sich allein gestellt sein, wären sie verloren."

"Das glaube ich nicht!" Ich schüttelte energisch den Kopf. "Nein, diese Leute sind gesund. Sie würden gut zurechtkommen, das fühle ich." Ich schaute der schönen Göttin genau in ihre hellblauen Augen: "Du bist schon viel zu lange hier, um noch objektiv sein zu können. Du kennst jeden Stein, jeden Grashalm, jeden Menschen. Seit Jahrhunderten machst du das gleiche, denkst das gleiche. Du bist auf deine Weise genauso blind wie dein Kind Adeline."

Die Göttin des Lichte sah mich mit großen Augen an. Ich redete mich langsam in Schwung und fuhr temperamentvoll fort: "Adeline ist ein netter, fröhlicher und schöner Mensch, und sie hat vielleicht sogar gewissen prophetische Gaben. Trotzdem ist sie im Grunde ein einfaches Mädchen, das nicht in die Tiefe denkt. Sie folgt dir wie ein Hund seinem Herrn, ohne über den Sinn und die Konsequenzen nachzudenken. Sie vertraut dir blind, wenn du das Wortspiel erlaubst. Jedenfalls ist sie nicht in der Lage, dich zu kritisieren oder das zu hinterfragen, was du tust. Deinen Weg beurteilen kann nur jemand von außen."

Lange sagte die Göttin nichts und wir saßen schweigen im Schein des erlöschenden Feuers. Schließlich murmelte sie: "Es wird Zeit, daß ich deinen Vater treffe."

Dann entkleidete sie sich und kroch unter ihre Kissen. Unten schauten ihre leuchtenden Füße heraus, oben ihr Kopf. Ich saß noch einige Zeit neben ihr und sah auf sie herunter. Dann zog auch ich meine Sachen aus, hob ihr Kissen hoch, legte mich neben sie und schmiegte mich an sie. Und ich war hocherfreut, daß sie meine Zärtlichkeiten erwiderte.

*

Subaras Wiehern weckte mich am nächsten Morgen. Es war, als hätte ich nur darauf gewartet, daß mein Vater endlich kam.

Wie üblich, waren alle strahlenden Spuren des Vortages und der Nacht erloschen, bis die Göttin sich erhob und neue machte. Beiläufig stellte ich fest, daß Adelines Bett unberührt war. Riinari hatte Calract auch gehört, daran hatte ich keinen Zweifel, dennoch ging sie nicht vor das Haus, sondern erst mal zum Wasserfall. Ich schwankte hin und her, doch dann beschloß ich, ihr zu folgen. Irgendwie wollte ich frisch gewaschen sein, wenn ich Calract wiedersah.

Völlig nackt gingen wir beide über die Steinplatten zum Wasserfall, Riinari rechts, ich in der Mitte. Wir seiften uns gegenseitig ein und sparten dabei nicht mit intimen - sehr intimen - Berührungen. Vor allem meine großen Brüste schienen der Göttin zu gefallen, denn sie knetete sie fast fünf Minuten lang mit ihren leuchtenden Händen so kräftig durch, daß es fast wehtat. Ihr eigener Busen war ziemlich klein, vielleicht lag es daran. Für mich hatte das den Nachteil, daß ich mich nicht revanchieren konnte, zumindest nicht an dieser Stelle ihres makellosen Körpers.

Und so zog sich unser Duschbad erheblich länger hin, als wir eigentlich gedacht hatten. Schließlich trockneten wir uns gegenseitig ab und kehrten dann ins Haus zurück, wobei die Göttin wie üblich vermied, über ihre leuchtenden Fußspuren von vorhin zu laufen.

Ich kannte meinen Vater, und er hatte genau das gemacht, was ich erwartet hatte: er war ins Haus gegangen, hatte sich umgesehen und dann Platz genommen. Sogar Teewasser hatte er aufgesetzt!

Riinari nahm seine Anwesenheit zunächst nur beiläufig zur Kenntnis. Es störte sie auch nicht, daß sie nackt war. Ihre souveräne Würde hing nicht von solchen Äußerlichkeiten ab. Ohne Hast ging sie zu ihrem Wandregal und zog sich einen frischen Anzug hervor, den sie dann in aller Ruhe überzog. Vorher hatte sie allerdings Handschuhe und Strümpfe angezogen, so daß die Kleider nicht anfingen zu strahlen. Nach dem Anziehen zog sie beides dann wieder aus.

Ihre Kleidung bestand aus reiner Seide: eine Hose mit kurzen Beinen, die die Oberschenkel weit ausladend umhüllten und die Unterschenkel freiließen, als Oberteil ein enganliegendes kurzärmeliges und ziemlich knapp geschnittenes Hemd. Dieser Anzug wirkte in meinen Augen ebenso bequem wie figurbetont, um nicht zu sagen sexy, aber so was trug die Göttin immer, auch wenn nur Adeline bei ihr war.

Es fiel mir bei der Gelegenheit auch auf, daß sie keinen Schmuck trug und kein Make-Up benutze. Bei ihrem Aussehen hatte sie allerdings auch weder das eine noch das andere nötig. Kurz dachte ich an Kyraia. Auch sie hätte keinen Schmuck nötig gehabt, aber die Goldreife, die sie trug, machten sie trotzdem noch schöner.

"So ist das also", eröffnete Calract das Gespräch. Er saß an die Wand gelehnt etwa einen Meter von dem niedrigen Tisch entfernt. "Subara war ja nicht gerade sehr gesprächig." Er lächelte sein wölfisches Lächeln. Klar, ein Pferd redet nun mal nicht so besonders viel, auch nicht mit einem Zauberer. Höchstens mit einer Göttin ...

Mir kam der Gedanke, daß die Göttin des Lichtes deswegen eine Kleidung trug, die von ihren Armen und Beinen soviel zeigte, um ihre leuchtenden Füße und Hände zu betonen. Und in der Tat konnte Calract seine Blicke kaum davon abwenden. Ich übrigens auch nicht. Adeline tat mir richtig leid, daß ihr das entging.

Riinari schob mit einem Fuß den Tisch auf die Seite und setzte sich dann in ihrem üblichen Schneidersitz Calract genau gegenüber. Sie spreizte die Zehen und steckte dann ihre strahlenden Finger dazwischen. "Falls Tschuris Pferd es noch nicht erwähnt haben sollte, ich bin Riinari, die Göttin des Lichtes." Sie hob den Blick und sah Calract genau ins Gesicht. "Und was kann ich für dich tun?"

"Die Kirchenländer sind wirklich eine Schatzkammer. Nun, Riinari, was kannst du denn so alles tun?"

Die Göttin kam nicht dazu zu antworten, denn in diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen und Adeline stürzte in den Raum. Ist er da? Er ist da, nicht wahr. Der Teufel ist da!" Ihre Stimme klang leicht hysterisch, während die nervös den Kopf hin und her drehte, um nichts zu überhören.

"Teufel?", fragte Calract zurück.

Adeline zuckte zusammen wie unter einem Peitschenhieb. "Wage es nicht, die erhabene Göttin anzufassen. Ich werde sie beschützen." Mit etwas unbeholfenen Schritten stürmte das Mädchen vor, mir genau in die Arme. Doch sie riß sich los und lief weiter. "Göttin, erhabene Göttin, wo seid Ihr?"

Statt zu antworten, erhob Riinari sich in einer fließenden Bewegung, ging auf Adeline zu und umfaßte ihre Hände. Das Mädchen beruhigte sich daraufhin schnell.


"Also, um das mal klarzustellen. Ich lasse die Kirchenländer nicht erkunden, um eine Invasion vorzubereiten oder so was. Die Wahrheit ist, ich bin auf der Suche. Auf der Suche nach vier Dingen."

Wir saßen um den Tisch herum, jeder an einer Seite. Riinari hielt immer noch beschützend Adelines Hand. Interessiert beobachtete sie Calract. Sie war von dem Zauberer mindestens genauso fasziniert wie er von ihr. Adeline hingegen saß verkrampft auf dem Boden und erwartete anscheinend das Schlimmste.

Calract fuhr fort: "Erstens suche ich die Schwarze Hexe. Ich weiß nicht, was ihr über die Ereignisse im Schwarzen Schloß wißt, die, um es mal so zu formulieren, dazu geführt haben, daß ich nun der Schwarze König bin. Mein Neffe Thoran ist tot, das ist gewiß. Aber ich glaube, die Schwarze Hexe ist mir entwischt. Ich will wissen, wo sie ist und was sie macht. Zweitens suche ich das hier."

Er streckte seine Hand aus und ließ den Splitter des Mondkristalles aufsteigen. Er trug ihn immer bei beziehungsweise in sich. Im Gegensatz zu dem milden Leuchten Riinaris strahlte dieser Kristall ein grelles, bläulich-weißes Licht, in das man nicht lange hineinsehen konnte.

"Einst war das ein vollständiger Kristall, der Mondkristall. Vor tausend Jahren zerbrach er in zwei Stücke, die Mondquelle und den Seelenstein. Ich konnte sie für kurze Zeit wieder vereinigen, aber aus kompliziert zu erklärenden Gründen wurde der komplettierte Stein wieder zerstört und zerbrach in zahllose Splitter, die sich wahrscheinlich über die ganze Welt verteilt haben. Um der Wahrheit die Ehre zu geben war ich es, der das getan hat, aber es ging leider nicht anders."

Calract blickte sich um und fixierte besonders die Göttin sehr intensiv. Diese war sich der Bedeutung dessen, was mein Vater sagte, sehr wohl bewußt. Wahrscheinlich hatte sie einen Teil der Geschichte schon gekannt.

"Jedenfalls bedeuten auch die Splitter eine gewaltige Macht für diejenigen, die sie zu nutzen wissen, mächtige Wesen wie Du, Riinari, zum Beispiel." Er sah ihr tief in die Augen: "Hast du so einen Splitter gesehen oder weiß, wo einer ist."

Die Antwort der Göttin war eindeutig. Sie saß da wie eine Statue, blinzelte nicht mal, aber zumindest Calract und ich verstanden, was sie damit sagte: sie wußte es nicht.

"Nun gut. Das dritte, was ich suche, sind weitere Zugänge zum Unendlichen Land. Ich brauche wohl nicht näher zu erläutern, was dieses Wissen bedeutet."

Er holte kurz Luft, doch das nutzte die Lichtgöttin, um ihn zu unterbrechen. Mit ihrer schönen Stimme fragte sie: "Kann man das Unendliche Land denn nicht von innen erkunden?"

"Nein." Ein paar Sekunden lang brütete Calract dumpf vor sich hin. "Das unendliche Land ist nicht für Wesen wie uns erschaffen worden ... Der Zugang unter dem Schwarzen Schloß und der am Octaviusmeer liegen auf der Erde über tausend Kilometer auseinander ... Den gleichen Weg kann man im Unendlichen Land in einer Stunde zu Fuß gehen, manchmal sogar noch weniger. Das heißt aber nicht, daß die Strecke dort unten nur fünf Kilometer beträgt. Das Unendliche Land hat keine Topologie wie die Erdoberfläche. Es ist eher wie ein Lebewesen, das sich verändert, sich dem Benutzer anpaßt. Wer einen Zugang kennt, erreicht ihn schnell. Wer ihn nicht kennt, wird ihn niemals finden, sondern sich dort unten verirren und nie wieder herauskommen. Ich gebe es nicht gerne zu, aber selbst ich, der mächtigste Zauberer der Welt, habe dort unten keine Macht. Ich kann es betreten ohne zu einer Statue zu werden, wie es alle Schwarzen Könige vermochten. Ich kann mir Gold holen, soviel ich will, was ich aber nicht mehr tue, denn daß es dort ist, muß einen Grund haben, den ich jedoch nicht kenne. Wenn man zuviel wegnimmt ... niemand weiß, was dann wird."

Ich war erstaunt. Von diesen Dingen hatte selbst ich keine Ahnung gehabt.

"Und viertens suche ich Menschen."

"Menschen?", entfuhr es mit unwillkürlich. Auch Adeline und Riinari schienen verblüfft.

"Ja, Menschen, Elfen, Götter, egal. Denn sie sind der wahre Reichtum dieser Welt, und ich will, daß die besten unter meiner Führung arbeiten. So wie BQMZ, so wie Hotaru, und ... du, meine Tochter Tschuri."

Ich riß erstaunt die Augen auf. Auch die Göttin und Adeline hörten gespannt zu.

"Ja, du. Sieh dich doch um. Die meisten Menschen sind wie eine Viehherde. Sagt der Anführer rechts, gehen sie nach rechts. Sagt er links, gehen sie nach links. Sagt er halt, bleiben sie stehen. Es gibt einige, die sich Fragen stellen. Diejenigen, die dem Führer Fragen stellen, sind schon selten. Und die, die all die Fähigkeiten mitbringen, selbst zu führen, sind eine Kostbarkeit. Denn dazu braucht man eine unwahrscheinliche Kombination seltener Gaben, wie zum Beispiel Durchsetzungsvermögen, Gerechtigkeitssinn, Weisheit, Bildung, Härte, Disziplin, Intelligenz, Energie und Ausdauer. Du hast viele dieser Eigenschaften, und deswegen bist du mir eins der liebsten, wichtigsten und wertvollsten Kinder. Auch Hotaru hat brauchbare Anlagen, obwohl sie so vollkommen anders ist als du. Und wieder ganz anders ist BQMZ, die in meinen Augen ein Genie ist. Schon jetzt hat sie die Kontrolle über Schiffahrt und Handel im Umkreis von hunderten von Seemeilen an sich gebracht, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich mit ihrer Hilfe das ganze nördliche Octaviusmeer beherrsche."

Riinari und Calract sahen einander tief in die Augen. "Wegen dieser vier Dinge bin ich hier, aber vor allem wegen dir, Lichtgöttin. Ich weiß nicht, wer oder was du in Wirklichkeit bist, aber ich werde versuche, dich dazu zu bringen, in meine Dienste zu treten!"

"NEIIIIN!", schrie Adeline hysterisch dazwischen. "Nein, niemals werden wir deine Sklaven. Geh', laß uns in Ruhe!"

Sie brach in Tränen aus. "Es ist alles deine Schuld, Tschuri. Durch dich hat uns das Böse berührt, und ... und ..."

Sie sank in Riinaris Arme und begann hemmungslos zu schluchzen. Die schöne Göttin drückte das Mädchen zärtlich an ihre Brust.

Ungerührt fuhr Calract fort: "Doch, doch. Paß auf, Göttin. Machen wir doch folgendes Geschäft: du hältst hier ein bißchen die Augen für mich auf, und dafür ..."

"Dafür ...", echote sie.

"... dafür gebe ich diesem kleinen Menschenkind sein Augenlicht zurück."

Es war abgemacht ohne viel Worte.

"Allerdings gibt es eine technische Schwierigkeit. Du weißt ja, daß ein Zauberer seine volle Macht nur in seinem eigenen Land hat. Ich müßte das Mädchen also, um es auf die Schnelle erledigen zu können, in meinen Garten, ins Schwarze Königreich oder nach Lunaloc bringen. Wenn Du mir deine Kraft leihst, kann ich es aber gleich hier erledigen."

Wieder stimmte die Göttin zu, ohne dabei auch nur ein Wort zu sagen.

"Gut, es wird recht schnell gehen." Calract ergriff Riinaris Hand, dann ließ er über der anderen den Splitter des Mondkristalles aufsteigen. Adeline wurde in grelles Licht gehüllt. Es war unmöglich zu sehen, was genau darin vorging, aber nach etwa einer Minute sank sie wie leblos zu Boden, und die strahlende Helligkeit erlosch wieder.

Riinari beugte sich über sie und legte ihren Kopf auf ihren Schoß. Und dann schlug Adeline ihre Augen auf und sah ihre Göttin zum ersten Mal in ihrem Leben an.

Es war, man kann es nicht anders sagen, ein ergreifender Moment. Selbst die Göttin vergoß Tränen der Freude.

Doch so einfach, wie ich geglaubt hatte, endete die Geschichte nicht. Adelines Tränen waren keine des Glücks, sondern der Verzweiflung. Sie war der festen Überzeugung, ihre über alles geliebte Göttin habe sich dem Teufel verkauft.

Sie riß sich aus Riinaris Umarmung los, stürmte hinüber zur Küche und riß ein Messer aus einem der Regale. Mit großen Augen verfolgte ich das Grauen, das nun hereinbrach, ohne etwas tun zu können. Adeline stach sich selbst die Augen aus.

Sie warf das Messer weg und schrie zu Calract: "Sieh' her. Dein Vertrag ist ungültig. Wir wollen deine satanischen Künste nicht. Und jetzt geh'! Verschwinde und laß' uns in Ruhe!"

Ich sah zu Riinari hinüber. Auch sie war wie gelähmt, und auf ihrem schönen Gesicht spiegelte sich nacktes Entsetzen.

Nur Calract war die Ruhe selbst. Die dunkle Seite seiner Seele ließ sich durch so etwas nicht im mindesten beeindrucken. Gelassen stand er auf, ging zu Adeline, die bei jedem Schritt zusammenzuckte, hob das Messer auf, wischte es in aller Seelenruhe gründlich ab und legte es dann ins Regal zurück, als gäbe es auf der Welt nichts Wichtigeres zu tun.

Dann legte er dem Mädchen die Hand auf die Schulter und sagte: "Adeline - so heißt du doch. Hat dir noch niemand gesagt, daß kleine Mädchen sich zu fügen haben, wenn ich meine Pläne mache? Du glaubst doch nicht im Ernst, daß du mit so einem billigen Trick durchkommst."

Wieder stieg der Mondkristall auf, und kurze Zeit später hatte Adeline ihre Augen wieder.

"Schon Alessandra ist zu dem Schluß gekommen, daß Sterbliche sich nicht ... "

Calract blieb im wahrsten Sinne des Wortes der Satz im Halse stecken. Die Göttin hatten die beiden Kleidungsstücke, die sie trug, abgelegt, und schritt nun mit ihren langsamen, eleganten Schritten auf den Zauberer zu, wobei sie ihre strahlenden Hände ein wenig vorstreckte. Fasziniert beobachtete ich diese Vorstellung. Ich glaubte zu wissen, was Riinari beabsichtigte. Einen Schritt vor Calract hielt sie an. Tatsächlich wich der Zauberer vor ihr zurück. Nicht viel, vielleicht bemerkte es es selbst nicht mal, aber ich sah es genau. Ich - und Adeline. Die leuchtenden Hände der Göttin schienen ihm unheimlich. Und diese ... Annäherung.

Langsam hob die Göttin ihre Hände höher und legte sie Calract schließlich auf die Brust. Er zuckte zusammen, wieder nur ganz leicht, wahrscheinlich ohne daß es ihm bewußt wurde. Die ganze Zeit sah die Göttin ihm tief in die Augen, bannte ihn geradezu mit ihrem Blick. Calracts Gesicht war versteinert, doch es löste sich ein wenig, als er die Wärme ihrer leuchtenden Hände fühlte.

Riinari schmiegte sich dicht an den Zauberer, preßte ihren nackten Körper dicht gegen seinen. Vielleicht ohne daß er es merkte, drehte sie sich, und ihn damit auch, ein wenig, so daß er schließlich nicht mehr die Wand mit dem Ofen, sondern den offenen Raum hinter sich hatte - und sozusagen fliehen konnte.

Riinari hatte ihn wirklich mit unfehlbarem weiblichen Instinkt an einer schwachen Stelle erwischt und vollkommen überfahren.

Calract fand seine Fassung dann schnell wieder, aber Siegerin nach Punkten war, daß wußten wir alle vier, die Göttin. Der Zauberer setzte sein wölfisches Lächeln auf, löste sich aus der Umarmung der Göttin und verließ dann wortlos das Haus.

Ich folgte ihm nach draußen.

"Siehst du, solche Leute suche ich!"

"Sie hat das für Adeline getan."

"Ich weiß. Damit ihr kleines Mädchen von dem Glauben befreit wird, ich hätte ihre Göttin verhext oder versklavt." Er atmete tief durch. "Sie ist wirklich eine Göttin, und ich hoffe, daß ich sie eines Tages als Mitarbeiterin für mich gewinnen kann."

Er ging auf Subara zu, drehte sich dann aber noch mal zu mir um. "Danke, Tschuri. Du leistest hier eine großartige Arbeit. Wenn Du weitere Unterstützung brauchen solltest, sage mir Bescheid." Er verwandelte sich in einen Drachen und drehte sich noch einmal zu mir um.

"Was ist mit Kyraia?", fragte ich ihn rasch.

"Die weilt gerade bei der Goldenen Königin. Und ich denke, dort ist sie besser aufgehoben als hier. Mit ihren Flügeln ist es ihr unmöglich, unauffällig aufzutreten. Außerdem wird sie dort für mich tätig werden"

Was auch immer er damit meinen mochte. Ich seufzte. Ich vermißte meine Liebste sehr, aber Calract hatte recht. Ein geflügelter Engel war das letzte, was ich hier brauchen konnte.


Calract flog los, und ich ging ins Haus zurück. Riinari hatte ihre Kleider wieder angezogen. Adeline starrte sie an mit Augen, die so groß waren, als wollte sie sie damit verschlingen.

"Adeline."

"Ja, erhabene Göttin." Ihre Stimme war ein kaum hörbares Flüstern.

"Es wird Zeit, daß du mich verläßt und dein eigenes Leben führst. Ich weiß, daß dort unten viele nette Jungen auf dich warten. Heirate einen von ihnen, werde glücklich und bekomme Kinder. Ich werde immer über dich und dieses Land wachen."

Wenn ich erwartet hatte, daß Adeline einen Zusammenbruch bekam, wurde ich enttäuscht. Im Gegenteil. Sie sagte: "Ja, Herrin. Ich danke Euch für alles, was ihr für mich getan habt. Ich werde es nie vergelten können."

Dann warf sie sich zu Boden und küßte die bloßen Füße der Göttin.

"Meine Tochter, steh' bitte wieder auf. Du brauchst mir nichts zu vergelten. Jeder Tag mit dir zusammen war ein Sonnenschein und mein höchstes Glück. Aber du hast nun gesehen, daß sich unsere Wege trennen müssen. Eines Tages wäre dieser Moment sowieso gekommen, und ich bin sehr glücklich, daß du dein Augenlicht wiederbekommen hast."

Wie hatte Calract vorhin gesagt: 'Schon Alessandra ist zu dem Schluß gekommen, daß die Welt der Sterblichen und der Unsterblichen getrennt sein sollten' oder so ähnlich.

*

Ich blieb noch fast zwei Wochen in Disat, genauer gesagt hauptsächlich in der Bibliothek. Der Pförtner hatte sich schnell an seine neue Stammkundin gewöhnt und mich am Ende sogar so ins Herz geschlossen, daß er sich eine Träne aus dem Auge wischen mußte, als er erfuhr, daß ich beschlossen hatte, weiterzureiten. Nach Nordosten.

In das Land des Grauens.


*


Hotaru musterte die Karte. Sydur ... na, dann wollen wir die Sache mal hinter uns bringen. Kraftvoll erhob sie sich, trat vor die Hütte und sah sich um. Etwa 20 Dämonen arbeiteten auf der Baustelle. Ungefähr noch mal so viele waren unterwegs, um Material herbeizuschaffen, hauptsächlich Holz, das für Baugerüste und alles mögliche gebraucht wurde, sowie Steine, aus denen das neue Schwarze Schloß gebaut werden sollte. Viel Baumaterial war auch aus der Ruine des alten Schlosses gewinnbar, mußte aber erst geborgen und wieder instandgesetzt werden. All diese Arbeiten gingen langsam, aber stetig voran. Die Eiserne ging auf eine Gruppe von Dämonen zu und sprach sie an: "Ich bin mal ein paar Tage weg. Ich muß nach Sydur und dort ein paar Sachen regeln."

Die Lunalocdämonen antworteten nicht. Hotaru wertete das als Zustimmung und marschierte los. Vom hier bis Sydur waren es Luftlinie nicht mal 100 Kilometer, doch da Hotaru zu Fuß gehen mußte, würde sie für die Strecke mindestens zwei Tage brauchen, selbst wenn sie, was sie durchaus vorhatte, praktisch durchmarschierte.

Es war nicht das erste Mal, daß die Eiserne das Schwarze Königreich durchwanderte, doch bisher war sie immer nach Norden gegangen oder von dort gekommen. Sydur lag aber im Osten, und dieser Teil des Landes war für Hotaru neu. Auch den Weg kannte sich noch nicht, aber das tat ihrer Entschlossenheit keinen Abbruch. Die wenigen Wege, die dieses abweisende Land, das größtenteils aus Hochgebirge bestand, durchzogen, waren zwar zumeist schmale, unscheinbare und oft nur für Einheimische überhaupt zu findende Pfade, aber in aller Regel erstaunlich gut gewartet und passierbar.

*

Am späten Vormittag des übernächsten Tages stand Hotaru auf dem Sattelpunkt der Paßstraße. Vor ihr öffnete sich der fast kreisrunde Talkessel von Sydur. Auf den umgebenden, himmelhohen Bergen lag noch tiefer Schnee, der allenfalls im Hochsommer teilweise wegschmolz und zahlreiche Bäche stetig mit großem Wasserreichtum versorgte. Sydur selbst und seine Umgebung waren aber schon grün. Die Menschen hier nutzten die kurze Zeit, die die Natur ihnen für die Landwirtschaft gewährte, routiniert und effektiv aus. Überall auf den Feldern waren Menschen zugange, Calracts ehemalige Untertanen, die sich selbst für unabhängig erklärt hatten.

Und noch etwas fiel Hotaru auf, etwas, das hier ganz sicher erst seit ganz kurzer Zeit stand, nämlich ein heruntergelassener Schlagbaum, der ihr den Weg versperrte. Neben dem Schlagbaum stand ein winziges Zollhäuschen und darin stand ein Mann. Er war noch ziemlich jung, aber offenbar war er von einer gewissen geistigen Beweglichkeit. Er trat aus dem Wachhäuschen heraus, um den Ankömmling in Augenschein zu nehmen, und erstarrte dann.

Ganz sicher hatte dieser junge Bursche, der hier Wachsoldat spielte, die Eiserne noch nie in seinem Leben gesehen. Doch Hotaru wußte, daß sich selbst oder gerade hier in diesem unwegsamen Land Informationen und Neuigkeiten mit beachtlicher Geschwindigkeit verbreiteten. Der Soldat braucht nicht sehr lange, um zu wissen, wen er da vor sich hatte. Und ein paar Sekunden später war er soweit, den einzig möglichen Schluß daraus zu ziehen. All das sah Hotaru in dem Minenspiel dieses Burschen, und befriedigt nahm sie zur Kenntnis, daß er bereits nach wenigen Sekunden den Schlagbaum hochriß und eine zackige Meldung machte: "Fähnrich Wilhelm Golnip zu Diensten, Eure Durchlaucht!"

Durchlaucht. Richtig, ich bin ja die Großfürstin hier. Hotaru warf dem Soldaten einen ironischen Blick zu. "Wer ist eigentlich der Bürgermeister von Sydur?", fragte sie ohne viel Umschweife.

"Wondja ist sein Name, Eure Durchlaucht! Ihr findet ihn aller Wahrscheinlichkeit im Gemeindehaus der Stadt! Wenn ihr gestattet, Eure Durchlaucht, dann eskortiere ich Euch dort hin!"

Hotaru zog etwas überrascht eine Augenbraue hoch. Das ging ja flott. Ich liebe rückgratlose Kriecher wie dich. "Gehen wir."

Mit zackigem Schritt ging Fähnrich Golnip voraus. Auf dem ziemlich steilen Weg, der sich nach unten ins Tal schlängelte, sah Hotaru sich aufmerksam um. Noch hatte niemand ihre Ankunft bemerkt. Doch nach kurzer Zeit mündete ein Seitenweg in die Straße, aus dem vier Waldarbeiter hervorkamen. Im Schlepp hatten sie ebenso viele Pferde, schwere Arbeitstiere, die große Baumstämme hinter sich her zogen. Als sie die Eiserne sahen, wurden sie leichenblaß. Die Pferde scheuten und wären womöglich durchgegangen, hätten die vier nicht eingegriffen und sie wieder beruhigt. Doch sie wußten, was die Stunde geschlagen hatte.

Je tiefer Hotaru und ihr Begleiter kamen, desto mehr Menschen auf den Feldern sahen auf. Und wenn sie sie sahen, taten sie genau eins von zwei Dingen. Die meisten erstarrten, ein paar aber rannten wie vom Teufel besessen los, hinunter in die Stadt.

Schritt um Schritt näherte die Eiserne sich ihrem Ziel. Es war alles ungewöhnlich sauber und gepflegt hier. Sydur und das Land darum herum kamen ist vor wie eine liebevoll gepflegte Puppenstube. Gegen Mittag erreichte sie die Peripherie. Die Fachwerkhäuser hier sahen putzig aus. Sie versprühten zwar keinen Reichtum, zeugten aber von der liebevollen Hingabe ihrer Besitzer. Doch die meisten Türen und Fenster waren jetzt geschlossen. Dafür aber drückten sich hinter den Häusern und Bäumen mehr und mehr Menschen zusammen, um den unheimlichen Besucher nicht zu verpassen.

Der steinige Boden wich schließlich einer gepflasterten Straße. Erst Dutzende, dann hunderte von Menschen standen Spalier. Sie waren ärmlich, aber sauber und ordentlich gekleidet. Und sie schwiegen. Keiner sagte auch nur ein Wort. Befriedigt registrierte Hotaru die Atmosphäre der Furcht und des Entsetzens, die diese Leute in ihrem Würgegriff hielt. Man konnte die Angst fast riechen - Hotaru war gut darin. Ohne nach rechts und nach links zu sehen setzte sie einen Fuß vor den anderen, bis ihr selbsternannter Eskortesoldat abrupt stehenblieb. Sie hatten den zentralen Platz vor dem Gemeindehaus erreicht. Hunderte von Menschen drängten sich hier zusammen, kein einziger mit irgendeiner Art von Waffe. In der Mitte ließen sie einen Platz frei, auf dem ein alter, irgendwie verloren wirkender Mann stand.

Golnip drehte sich zackig um und machte Meldung. Seine Stimme war unnatürlich laut und gleichzeitig heiser vor Aufregung: "Eure Durchlaucht, Bürgermeister Wondja!"

Wondja hob den Kopf, sah Hotaru in die Augen und setzte zum Sprechen an, doch zu mehr kam er nicht. Ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen trat Hotaru vor ihn hin, rammte ihre Eisenhand in seinen Brustkorb und riß sein Herz heraus. Langsam hob sie es hoch. Wondjas Blick folgte der Hand, dem immer noch schlagenden Herzen - seinem eigenen - und dem Schwall tiefroten Blutes, der daraus hervorspritze. Dann brach er zusammen und war tot, bevor er auf das Pflaster aufschlug. Hotaru zerquetschte das Herz. Die Umstehenden, wie auch sie selbst, wurde vom herumspritzenden Blut tief rot gefärbt.

Achtlos ließ sie die unförmigen Überreste fallen. "Eure kleine Sezession ist zu Ende. Ihr schickt jetzt 100 Leute zum zentralen Plateau, wo wir das neue Schwarze Schloß errichten. Männer und Frauen, es ist für alle genug zu tun. Außerdem befehle ich, daß jede Stadt und jedes Dorf des Schwarzen Königreiches pro hundert Bewohnern fünf davon ebenfalls zur Baustellen entsendet. Sollte sich ein Ort weigern, werde ich ihn persönlich aufsuchen."

Mehr brauchte sie nicht zu sagen. Wortlos drehte sie sich um und machte sich auf den Rückweg.

"Eure Durchlaucht!" Es war die Stimme von Fähnrich Golnip.

Hotaru blieb überrascht stehen. "Ja?"

"Wenn ihr es wünscht, übernehme ich die Organisation. Ihr braucht Euch um nichts zu kümmern. Überlaßt nur alles mir."

Hotaru sah den jungen Mann lange an. Schließlich sagte sie: "Warum machst du das? Hast du keine Angst, daß mit dir dasselbe passiert wie mit dem da, wenn du versagst?"

Aber Wilhelm Golnip hatte keine Angst. Dafür hatte er jetzt keine Zeit mehr.

*


Je näher ich dem Siina-Fluß kam, desto unruhiger wurde ich. Die Leute in den Städten und Dörfern, durch die ich kam, waren äußerst mißtrauisch jedem Fremden gegenüber, und der Grund dafür war der Krieg, der am Fluß ausgebrochen war. Ich hörte die wildesten Geschichten, aber alle drehten sich darum, daß ein Dämon und eine Bande Verbrecher sich zusammengetan hätten, um die alte Ordnung zu stürzen. Daraus war in kürzester Zeit ein Flächenbrand geworden. Die Bischöfe hatten ihre Untertanen anscheinend so sehr drangsaliert, daß viele nach jedem Strohhalm griffen, um der Knechtschaft zu entkommen. Andererseits waren die Kirchenfürsten sehr reich und mächtig. Wenn ihre eigenen Leute abfielen, kauften sie sich Söldnerarmeen, und so war es gekommen, daß dort nun jeder gegen jeden kämpfte.

Viele Städte waren inzwischen gesperrt. Niemand durfte ohne strenge Kontrollen hinein oder heraus. Noch weiter im Norden waren dann die Spuren dieses Kriegen unübersehbar, und in so mancher Nacht sah ich am Horizont den roten Widerschein brennender Dörfer und Kirchen. Überall wimmelte es von Vertriebenen, Räubern, Desertueren, Verzweifelten, Menschen, die am Verhungern waren und jede Menschlichkeit verloren hatten.

Überhaupt war es ein Charakteristikum dieses Kampfes, daß er auf beiden Seiten mit unmenschlicher Grausamkeit geführt wurde. Aufgespießte Leichen säumten die Straßen, und so mancher Fluß war stellenweise rot vom Blut der Getöteten. Nur meiner Vorsicht und meinen speziellen Talenten verdankte ich, daß nicht auch ich in Gefangenschaft geriet.

Eigentlich hätte ich in dieser Gegend nichts weiter zu schaffen gehabt, der Krieg der Menschen ging mich nichts an. Doch das hartnäckige Gerücht um diesen Dämon, manche sagten auch Elfe, hielt mich davon ab, einfach wegzureiten. Irgendwie war ich sicher, daß die Gerüchte einen wahren Kern haben mußten. Und nun wollte ich alles wissen.

*

Das Lager der Bischöflichen war schon von weitem zu sehen gewesen. Und vor allem zu hören.

Vorsichtig und in Tarnfärbung schlich ich mich durch das Unterholz näher heran. Überall ritten Soldaten herum, sie umschwärmten das Lager wie Bienen ihren Stock. Einige Patrouillen brachten große Wagen voller Beute und Proviant, aber einer dieser Karren war gefüllt mit Gefangenen.

Sie trugen Säcke über den Köpfen und waren natürlich gefesselt. Als der Wagen an mir vorbeirollte, konnte ich das Stöhnen der Menschen hören. Die meisten von ihnen waren verletzt, viele bluteten. Aber das war nichts im Vergleich zu dem, was danach kam.

Im Lager angekommen, wurde der Wagen von Rittern umstellt, ausgespannt und dann vorne hochgehoben, so daß die Insassen hinten herauspurzelten. Die Ritter rissen ihnen dann die Säcke von den Köpfen, einige der Gefangenen wurden auch gleich an Ort und Stelle zusammengeschlagen. Aber auch so sahen sie ausgezehrt und am Ende ihrer Kräfte aus.

Etwas später erschien dann in einer prächtigen Rüstung der Feldherr, wahrscheinlich der Bischof, der diesen Frontabschnitt kommandierte.

"Ich alle habt euer Leben verwirkt. Aber vielleicht können wir wenigstens noch eure Seelen vor dem Bösen retten, indem wir eure Körper reinigen und züchtigen", sagte er salbungsvoll und klimperte dazu pausenlos mit einer kleinen Glocke. Auf den Gesichtern der Gefangenen zeichnete sich Entsetzen ab. Der Bischof wandte sich nun an seine Ritter: "Entzündet die Feuer." Die Gefangenen stöhnten gequält auf. Anscheinend wußten sie, was ihnen bevorstand. Der Bischof und einige seiner Leute stimmten dann einen seltsamen Singsang an, wahrscheinlich irgendeine religiöse Zeremonie oder das, was man hier dafür hielt.

Die Ritter holten derweil einige leere Kohlebecken herbei und füllten aus anderen glühende Kohle ein, die sie dann mit frischer auffüllten. In diese legten sie lange Spieße. Andere der Ritter trugen große, mit Wasser gefüllte Bottiche heran. Auf ein Zeichen des Bischofs wurde dann einer der Gefangenen nach dem anderen unter Wasser getaucht, und zwar mindestens eine Minute. Kaum einer, der nicht dabei ohnmächtig wurde. Um sie wieder aufzuwecken, benutzten die Ritter schwere Peitschen und Morgensterne. Dann kamen die glühenden Spieße dran.

Die Gefangenen wurden über Stunden hinweg bestialisch und unter ständigem Beten, Glockenläuten und Singen des Bischofs und seiner Unterpriester zu Tode gefoltert. Nie zuvor hatte ich so etwas gesehen. Sicher, auch im Dämonenkrieg hatte es zahllose Grausamkeiten gegeben, und Nuitors Vorgehen gegen die Elfen war ebenfalls von großer Brutalität gewesen. Doch es war immerhin noch ein Kampf gewesen, wenn auch manchmal ein ziemlich ungleicher. Das hier war etwas völlig anderes, es war ein Akt unmenschlicher Barbarei im Namen eines Glaubens, den zumindest ich nicht im geringsten verstand.

Die Schreie der Gefolterten waren über Kilometer hinweg zu hören. Ich hatte gar nicht gewußt, wie laut und wie lange ein Mensch schreien konnte, bis er endlich tot - erlöst - war. Es ging bis spät in die Nacht hinein so. Ich war erschüttert, aber ich nahm an, daß es auf der Gegenseite kein bißchen humaner zuging.

Du darfst diesen Tieren auf keinen Fall in die Hände fallen.

Ich seufzte. Hier regierte die nackte Gewalt. Wie sollte ich als zarte Dämonin da bestehen? Gegen einen einzelnen Ritter hätte ich mich sicher erfolgreich zu wehren vermocht, aber wenn ich einer ganzen Patrouille in die Hände fallen sollte, sah es schlecht für mich aus. Allerdings ... vielleicht sollte ich anfangen, mich mit dem Glauben dieser Leute etwas intensiver zu beschäftigen. Sicher gab es irgendwelche Heilige und Götter. Das konnte ich vielleicht ausnutzen.

*

Als der Reiter genau unter dem Ast vorbeikam, auf dem ich saß, stürzte ich mich herunter und riß ihn vom Pferd. Bevor er irgend etwas unternehmen konnte, hatte er bereits mein Messer an der Kehle.

"Still! Keinen Laut. Mitkommen!"

Ich hatte Subara angewiesen, sich um das Pferd meines Opfers zu kümmern. Falls er aus der Gegend war und das Pferd allein nach Hause zurückkehrte, würde mich das zu schnell verraten. Aber ich wußte, daß ich mich auf meine Stute verlassen konnte.

Es war später Nachmittag. Ich zerrte den Mann mit mir durch das Unterholz bis zu dem Versteck, das ich mir vorher ausgeguckt hatte.

Erst dort angekommen erkannte ich, daß der Mann sich bei meinem Angriff anscheinend die Schulter gebrochen hatte. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, denn eigentlich wollte ich nichts Anderes als Informationen. Nun ja, zumindest konnte er mich nicht so leicht angreifen.

"Laßt mich. Ich habe nichts. Ich bin nur ein einfacher Bauer", bettelte er mit gepreßter Stimme.

"Du lügst. Ich bin zwar eine Fremde, aber ich weiß, daß Bauern hier erstens nicht auf solch edlen Pferden reiten und auch nicht solche teuren Kleider tragen."

Ich fixierte den Mann. Ich sah ihm tief in die Augen.

"Sieh her." Ich ließ kräftige Farbmuster meine Arme und Beine entlanglaufen.

"Ich bin die Lunaloc-Dämonin Tschuri, und du wirst mir alle meine Fragen beantworten! Sonst ..."

"D ... Dämonin ... " Den Mann erfaßte die nackte Panik. Ich konnte gar nicht so schnell reagieren wie er aufgesprungen und trotz seiner Schmerzen losgerannt war. Mit einem gewaltigen Satz sprang ich ihm hinterher und riß ihn wieder zu Boden. Doch er wehrte sich mit der Kraft der Verzweiflung. Ich mußte all mein Können einsetzen, um ihn schließlich niederzuringen.

Atemlos saß ich schließlich neben ihm an einen Baum gelehnt. Der Mann rührte sich nicht mehr.

Hoffentlich ist er nicht vor Angst gestorben.

Ich sah ihn mir näher an. Er war weiß wie der Tod, schweißbedeckt und atmete kaum wahrnehmbar. Aber er lebte.

Ich atmete tief durch, zog den Mann dann über meine Schultern und erhob mich. In lockerem Trab lief ich zu einem Bach in der Nähe und warf ihn dort hinein. Das brachte ihn wieder zu sich.


"Name?" fragte ich knapp.

"Jakob W ... Waal. Jakob Waal aus dem Dorf Ober-Deboré. Ich bin Händler. Händler für Getreide und Kartoffeln."

Und neuerdings wahrscheinlich auch Waffen, weil die mehr bringen, fügte ich in Gedanken hinzu.

Der Mann war auf einmal erstaunlich gesprächig. Vielleicht hatte er mit seinem Leben abgeschlossen, wer weiß. Auf jeden Fall machte er keine Anstalten zur Flucht.

Ich wollte ihm gerade ein paar Fragen stellen, da raschelte es hinter mir im Gebüsch. Langsam drehte Jakob den Kopf. Ich konnte mir das sparen. Subaras Trittgeräusch kannte ich inzwischen. Und sie hatte das Pferd dieses Getreidehändlers mitgebracht. Brav, brav.

"Hör zu, Jakob. Ich will weder dein Leben noch dein Geld. Sondern Informationen. Wenn du mir alles gesagt hast, was ich wissen will, bekommst du dein Pferd zurück und kannst nach Hause reiten." Ich sah ihn scharf an und bemerkte deutlich den Funken Hoffnung, den meine Worte in seinem Gesicht hatten aufscheinen lassen.

Ich fuhr fort: "Da du ja anscheinend weißt, was ein Lunaloc-Dämon ist, hast du bestimmt auch schon von meinem Vater Calract gehört, der ein Stück Land am Octavius-Meer erobert hat. Er ist sehr interessiert daran, was hier in den Kirchenländern vor sich geht. Deswegen hat er mich geschickt, um das herauszufinden. Ich war schon im Westen, im Süden und in der Mitte. Aber hier im Norden und Osten herrscht Krieg, und darüber will ich alles wissen. Fangen wir also damit an, wer eigentlich gegen wen kämpft."


Es wurde eine lange Nacht, aber am Ende wußte ich alles, was aus ihm herauszubekommen war, auch wenn das eigentlich weniger war, als ich mir erhofft hatte.

Die Lage war jedenfalls unübersichtlich und brand-gefährlich. Ich beschloß, zunächst mal umgehend zu Calract zurückzufliegen und ihm zu überlassen, wie wir weiter vorgehen sollten.

Ich rief Subara herbei, holte aus der Satteltasche meinen Geldbeutel und warf dem Händler eine größere Silbermünze zu. Dann saß ich wortlos auf und ritt davon. Als ich außer Sicht war, entfaltete die Stute ihre Flügel, und im Schutz der Dunkelheit stiegen wir auf und flogen nach Süden, zu Calracts Garten.


Es war schon Mittag, als wir dort ankamen. Mir fielen die zahlreichen Schiffe auf, die vor dem Kap kreuzten oder an der Küste vor Anker gegangen waren.

Den Grund dafür erfuhr ich wenig später: BQMZ war mal wieder da. Sie saß gerade mit Calract zusammen und berichtete über ihre Fischzüge. Die Zeit des Plünderns, Brandschatzens und Raubens war zwar vorbei, aber BQMZ verstand sich meisterlich darin, ihren Handelspartner Angebote zu machen, die diese nicht ablehnen konnten. Selbst mit Laguna war sie wieder im Geschäft. In Ósimos Reich herrschte im Moment dringender Bedarf an so ziemlich allem, da nahm man es nicht so genau. Die ehemalige Piratin hätte Calract reich gemacht, wenn er es nicht schon gewesen wäre. Die beiden waren ein unschlagbares Paar.

Ich schlenderte weiter. Irgendwann würden die beiden mit ihren Geschäften fertig sein.

"He, Tschuri, falls du Kyraia suchst, die ist gerade mal wieder hier. Sie ist unten im Wasser und badet", rief Calract mir zu.

Ich bedankte mich, lief auf die Klippen zu, unter denen sich das heute ziemlich ruhige, tiefblaue Meer ausbreitete, und sah hinunter. Das erste, was ich sah, waren etwa hundert Piraten, die etwa 20 Meter unter mir auf den Stegen standen und begeistert ins Wasser blickten. Und dort gab es wirklich was zu sehen: Kyraia nämlich, die dort einen faszinierenden Unter- und Überwassertanz aufführte.

Mit ihren schneeweißen Schwingen glitt sie anmutig in etwa einem Meter Tiefe durch das Wasser, wand sich dann schlangengleich um sich selbst nach oben, durchstieß die Wasseroberfläche, machte eine Reihe mächtiger Flügelschläge und erhob sich wie eine Fee in die Luft. Pfeilschnell schoß sie in die Höhe, faltete dann ihre Flügel zusammen und stürzte sich wieder in die Fluten, tauchte hinab bis zum etwa 20 Meter tiefen Grund, schoß dann erneut nach oben in die Luft und setzte dieses Ballett mit einer Reihe graziöser Bewegungen und kunstvoller Flugmanöver fort.

Anscheinend hatte sie hier das gefunden, was sie am besten konnte: tanzen, sich bewegen, und das alles mit unnachahmlicher Eleganz.

Calract erschien hinter mir und legte eine Hand auf meine Schulter. Ich schmiegte mich an ihn. Kyraia tauchte wieder auf, sah uns beide und begann nun, uns in der Luft und teilweise auch am Boden zu umspielen.

Ich fühlte Calracts Herz schlagen, langsam, kräftig, gleichmäßig, während er und ich fasziniert Kyraias Tanz zusahen. Ich konnte unmöglich sagen, wie lange wir so verharrten. Schließlich klappte das Mädchen in etwa 5 Metern Höhe die Flügel zusammen, machte einen mehrfachen Salto und landete sicher und ohne das Gleichgewicht zu verlieren direkt vor uns auf seinen Füßen. Kyraia machte eine letzte tiefe Verbeugung vor uns, und dann war die Aufführung beendet.

Ich lief auf sie zu, nahm sie in die Arme und drückte sie ganz fest an mich. Calract applaudierte, und auch die Piraten johlten vor Begeisterung, auch wenn sie den Schluß dieser Vorführung von da unten aus zum großen Teil nicht mehr hatten mitverfolgen können.

"Kyraia, meine Liebste."

"Tschuri!"

Calract kam dazu und sagte: "Laßt uns mal was essen. Und dann bin ich gespannt zu hören, was Tschuri uns zu berichten hat."


Nach dem Mahl saßen Calract, Kyraia, ich und BQMZ, die Calract natürlich auch dazu eingeladen hatte, an einem steinernen Tisch am Rande seines Schwimmbeckens neben dem tempelartigen Haus, das zwar etwas erweitert worden war, aber immer noch das einzige Gebäude hier war, wenn man von der an und in die Steilküste gebauten Piratenstadt absah, die allerdings von hier aus nicht sichtbar war.

Die Sonne lachte vom Himmel herab, und die Landschaft war einfach idyllisch. Ein Stück weit entfernt graste Subara, und einen meiner Brüder sah ich weiter landeinwärts bei irgendwelchen Gartenarbeiten.

"Tja", fing ich an, "im Norden der Kirchenländer, vor allem am Fluß entlang, herrscht Krieg. Einfach gesagt kämpft jeder gegen jeden, und sie tun das mit einer unglaublichen Grausamkeit. Der Feind scheint ein Dämon zu sein, der mit einigen der Kriegsparteien verbündet ist, aber konkrete Informationen dazu waren nicht herauszubekommen. Tatsache ist, daß es äußerst gefährlich ist, sich dort aufzuhalten. Wer einer der Gruppen in die Hände fällt, dem ist der Tod sicher. Und, ehrlich gesagt, deswegen bin ich auch nicht dortgeblieben."

"Das war völlig richtig, Tschuri", brummte Calract zustimmend. "Ich überlege, was ich jetzt tun soll. Von mir aus können sie sich dort alle gegenseitig umbringen, aber ... andererseits ... aus so einer Situation kann man eine ganze Menge machen!"

Er stand auf und ging, völlig in Gedanken versunken, auf und ab.

Da Calract für die nächste Zeit wohl nicht mehr ansprechbar war, wandte ich mich BQMZ zu.

Ich hatte bisher noch nicht viel Gelegenheit gehabt, diese faszinierende Frau, die sich geweigert hatte, eine Lunaloc-Dämonin zu werden, kennenzulernen. Die tiefe Schwärze ihrer Haut war legendär, aber auch ihre körperliche Beweglichkeit. Wovon man seltener etwas hörte, war ihre Schläue. Aber genau deswegen hatte Calract sich mit ihr zusammengetan. Ihr Verstand mußte ungewöhnlich scharf sein, wenn sie in nur ein paar Monaten praktisch aus den Nichts schon so eine große Flotte aufgebaut hatte.

In einer fließenden Bewegung, deren Eleganz der von Kyraia in nichts nachstand, erhob sie sich. Mit einer knappen, aber freundlichen Geste bedeutete sie uns, ihr zu folgen. Wir gingen die paar hundert Meter zur Steilküste, wo an einer Stelle ein großer steinerner Torbogen stand, hinter dem ein schmaler Pfad steil nach unten führte. Kurz darauf begannen die ersten Häuser und Hütten, die sich wie Vogelnester an die Felsen krallten.

Zwischen den dreidimensional verschachtelten Häusern verliefen verschlungene Stege, Wege und Leitern. Die direkt am Hang gelegenen waren zumeist aus dem Stein herausgehauen, die anderen bestanden aus Holz, teilweise in recht luftiger Höhe. Der Platz war knapp und optimal ausgenutzt.

"Das haben alles meine Leute gebaut", rief BQMZ stolz. "Naja", fügte sie hinzu, "die Dämonen haben uns ein bißchen dabei geholfen."

Die Buschtrommeln der Piraten arbeiteten unglaublich schnell. Kaum waren wir ein paar Meter weit in diese Stadt, wenn man sie so nennen wollte, hineingegangen, da waren sie schon alle da. Ein buntes Völkergemisch in abenteuerlichen Kleidern, fast alle bewaffnet, viele mit Goldketten, Ringen und edlen Steinen verziert und dazu wild tätowiert, standen sie Spalier und betrachteten neugierig ihre rabenschwarze Chefin, mich, die sie nicht kannten, und die wie immer völlig nackte, engelsgleiche, geflügelte Kyraia, die für uns so wundervoll getanzt hatte. Zahllose Köpfe schauten aus den Fenstern heraus uns lächelten uns freundlich und naiv an. Kaum zu glauben, daß das eigentlich knallharte Jungs waren, von denen sicher jeder schon ein paar Menschen auf dem Gewissen hatte. Aber BQMZ fraßen sie aus der Hand. Sie war hier so etwas wie eine Heilige.

Und so führte die schwarze Piratin uns durch ihre Stadt und zeigte uns alles.

"Und das hier", wir betraten ein vergleichsweise großes Holzhaus, "ist mein Kontor".

Kyraia und ich staunten nicht schlecht. An den Wänden hingen etliche Bilder, eins davon sogar von Calract. Anscheinend hatte er BQMZ es mal geschenkt. In der Mitte des Raumes stand ein wuchtiger Schreibtisch, dahinter ein und davor drei ebenso wuchtige Sessel. Mir fiel auf, daß der von BQMZ keine Armlehnen hatte. BQMZ hatte immer gerne viel Beinfreiheit, was bei ihren gelenkigen und trainierten Beinen wohl auch kein Wunder war.

An den Wänden fanden sich in zahlreichen Regalen beachtliche Schätze, darunter ein unglaublich detailliertes Modell eines Schiffes, das selbst für mich als absoluten Laien einen faszinierenden Eindruck machte.

"Die Tuatha de Dana’an", gurrte BQMZ. Ihr Gesicht nahm einen verträumten Ausdruck an. Dieses Schiff - es mußte wirklich etwas ganz Besonderes sein.

Auf den Regalen fanden sich daneben noch Karten, Oktanten und wissenschaftliches Material. Und ... Bücher!

Als ich die sah, gab es für mich kein Halten mehr. BQMZ nickte mir freundlich zu, und ich begann, die Buchrücken zu studieren. Bericht aus dem Südland Gaanu, Schiffskonstruktionen einst und heute, Die wirtschaftliche Entwicklung im Reiche Karls Band 1 bis 3, Navigationskarten westliches Octaviusmeer, König Marinat von Sett, Die unglaublichen Abenteuer des Franz von Sickingen, Wie das Dana'an-Reich gegründet wurde ... da lag ein Wunderland vor mir, das mich staunen machte.

"Wo ... wo hast du die alle her, BQMZ?"

Sie zuckte mit den Schultern. "Wenn man viel herumkommt ... Lies nur, Mädchen, dafür sind sie ja da."

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Jetzt ging es mir wie Calract: für die nächste Zeit war ich nicht mehr ansprechbar.


20. Kapitel - Calracts Plan

"Bücher, hm." Calract lächelte, als Kyraia ihm berichtete, wo Tschuri steckte. "Das freut mich. Hör zu, meine Tochter, ich habe eine Mission für dich!" Er blickte Kyraia ernst an.

*

Es war genau der 15. Mai 1247, als über der Weißen Hauptstadt ein ungewöhnlich großer Vogel gesichtet wurde. Wie sich dann sehr schnell herausstellte, war es aber gar kein Vogel, sondern eine geflügelte Frau, die am frühen Nachmittag schließlich auf der Zufahrtsrampe zum Weißen Schloß landete.

Keiner in der Weißen Hauptstadt, der Kyraia nicht inzwischen kannte. Wenn es je ein Wesen gegeben hatte, das die Beziehungen zwischen den Weißen und den Kreaturen Calracts entspannt, ja vielleicht sogar normalisiert hatte, dann war es dieser bezaubernde, nur mit seiner samtbraunen Haut bekleidete Engel, den nicht mal Alessandras Zofe Emilie dazu hatte bringen können, für mehr als ein paar Stunden Kleider zu tragen.

Dementsprechend waren die Schildwachen sehr erfreut, ihren Liebling wiederzusehen, und wenig später schon empfing Alessandra die bezaubernde Dämonin.

Wie es sich ihrer Meinung nach gehörte, kniete Kyraia tief vor der goldenen Königin nieder, bis diese ihr gebot, wieder aufzustehen. Auch der Weiße König Harro war anwesend, als Kyraia Alessandra Calracts Brief übergab.

Verehrte Alessandra,

ich beabsichtige, meine Lunaloc-Armee aus dem Schwarzen Reich, wo sie sich derzeit aufhält, in den Norden des Kirchenstaates zu verlegen. Ein Blick auf die Karte oder in dein Gedächtnis wird dir sagen, daß der Weg auf der gesamten Länge genau durch dein Reich führt. Es wäre bedauerlich, wenn deine Streitkräfte es für nötig hielten, Feindseligkeiten gegen meine Kinder zu eröffnen, denn ich versichere dir, daß die Mission mit dem Weißen Reich nicht das Geringste zu tun hat. Meine Kinder bekommen zudem strikte Anweisung, allen Ansiedlungen möglichst aus dem Weg zu gehen.

C.V.C

Alessandra sah auf. Sie war empört, genauso wie ihr Vater. Calract fragte sie nicht etwa um Erlaubnis, nein, er teilte ihr lediglich mit, daß er es so und so zu tun gedachte.

"Die Dämonen sind schon unterwegs, nehme ich an", knurrte sie Kyraia an. Diese stand ziemlich verloren in der großen Halle und schüttelte nun den Kopf.

"Nein, mein Auftrag ist es, ihnen den Marschbefehl zu überbringen, nachdem ich Eure Hoheit informiert habe."

"Informiert? Was gibt es da noch zu informieren? Calract teilt uns seinen Plan mit und fertig."

"Aber Moment mal", fragte der Weiße König dazwischen, "was will der Schwarze König denn mit seiner Armee in den Kirchenländern?"

"Ja, stimmt eigentlich. Was will er dort?" wollte nun auch Alessandra wissen.

Kyraia holte tief Luft. "Mein Vater sagte, er wolle aus dem Krieg, der dort herrscht, seinen Nutzen ziehen."

"Nutzen?" Alessandra äugte mißtrauisch zu der Lunaloc-Dämonin hinüber, aber die schüttelte den Kopf: "Mehr hat er mir auch nicht gesagt."

Normalerweise, so überlegte sich Alessandra, würde das bedeuten 'wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte'. Nur hatte sie es hier mit Calract zu tun, und da liefen die Dinge nie so, wie man sich das vorstellte. Das vom Krieg verwüstete Land einfach überfallen und ausplündern, das war bestimmt nicht das, was der Zauberer vorhatte.

"Und überhaupt - Krieg", rief die Goldene Königin laut aus, "hast du gewußt, daß in den Kirchenländern Krieg herrscht, Vater?"

"Nun ja, es gab da ein paar Gerüchte, aber du weißt ja, wie abgeschieden dieses Land ist."

"War, Vater. Jetzt ist es allem Anschein nach nicht mehr so", antwortete sie mit einer Ironie, die der zerknirschten Kyraia keineswegs entging.

"Hier!", rief die Dämonin, und zog aus dem Beutelchen, in dem auch der Brief gewesen war, einen großen - sehr großen - Smaragd. "Das schlägt mein Vater als Bezahlung für die Durchreise vor. Akzeptiert Eure Hoheit es?"

Der Stein war atemberaubend schön und ein riesiges Vermögen wert. Und vor allem - er stammte nicht aus dem Unendlichen Land, den dort gab es nur Gold. Alessandra drehte sich zu ihrem Vater um. Sie seufzten beide synchron. "Also gut, wir haben sowieso keine Wahl."

Wieder kniete Kyraia nieder und hielt Alessandra den Smaragd hin, den diese schließlich vorsichtig entgegennahm.

"Nun ja, so sei es. Danke, Kyraia. Willst Du noch zum Essen bleiben?"

"Danke, aber ich habe keinen Hunger. Wir Luna... Wenn Ihr erlaubt, fliege ich sogleich weiter."

Alessandra ging auf die Geflügelte zu, legte eine Hand auf ihre Hüfte, sah ihr tief in die dunklen Augen und flüsterte dann: "so wenig ich Calracts Methoden mag, über deinen Besuch habe ich mich doch sehr gefreut, Mädelchen. Alles Gute, und besuche mich bald mal wieder!"

*

Kyraia betrat das Haus, in dem Hotaru dem nachging, was sie unter ihren Amtsgeschäften als Schwarze Großfürstin verstand.

Als die Tür aufging, blickte die Eiserne kurz auf, wandte sich dann aber wieder ihren Plänen zu. Schüchtern blieb Kyraia in der Tür stehen. Nach einiger Zeit unterbrach Hotaru ihre Arbeiten, erhob sich, ging zu dem geflügelten Mädchen hinüber und fragte freundlich: "Na, was gibt's?"

"Ich komme im Auftrag unseres Vaters."

"Du meinst deines Vaters. Naja, daß du nicht von selbst hier aufkreuzt, ist mir schon klar. Also, was will er denn?"

"Du sollst die Lunaloc-Armee an den Siina-Fluß in den Norden der Kirchenstaaten führen."

Hotaru zog die Luft ein. Sie schwieg eine Zeitlang, dann antwortete sie: "Wieso ich? Ich bin keine Lunaloc-Dämonin und kann die Armee nicht anführen. Außerdem, wenn es was zu kämpfen gibt, kämpfe ich allein." Sie fixierte ihre zur Faust geballte eiserne Rechte.

"Äh, also, äh, so direkt daß du persönlich die Armee führen sollst, hat Vater eigentlich ... nicht ...", piepste Kyraia verunsichert.

"Laß mich nachdenken", unterbrach Hotaru sie. "Die Lunaloc-Armee bestand damals, während des großen Krieges, aus vier Heeresgruppen. Die westliche hat Coco angeführt, die nördliche der Sensenmann, die östliche Hedrass und die südliche zuerst Xuuth und dann Nuitor. Xuuth und Coco sind tot, Nuitor verschwunden, aber den Sensenmann und Hedrass gibt es noch. Sie stecken irgendwo da oben in einem Stein, habe ich mir sagen lassen. Finde sie und frag' sie! Zwei Anführer reichen ja inzwischen, nach den verlustreichen Schlachten gegen die Weiße Prinzessin. Und sag' Calract, er kann die Dämonen dort unten behalten. Ich komme mit seinen Untertanen inzwischen auch allein bestens zurecht."

Sie blickte aus dem Fenster zu der Baustelle, wo in der Tat jetzt schon mehr Menschen als Dämonen arbeiteten. "Eine harte Hand sind sie schließlich gewohnt, aber die vielen Lunaloc-Dämonen machen sie ängstlich."

Kyraia nickte eifrig, trat dann wieder hinaus ins Freie, schloß die Augen und begann, mit ihren Brüdern und Schwestern Kontakt aufzunehmen.

Überall im Schwarzen Königreich erwachten im Laufe der nächsten Stunden die Lunaloc-Dämonen, die sich dort in die verschiedensten Gegenstände, große Bäume, Quellen und Felsen integriert hatten. Sie sickerten wie Geister aus dieses Strukturen hervor, nahmen ihre normale Gestalt an und machten sich dann auf den Weg zum zentralen Plateau.

Hotaru staunte nicht schlecht, als sie den endlosen Strom unterschiedlichster Dämonen auf sich zukommen sah. Es ging den ganzen Tag, die Nacht und den nächsten Tag so weiter, bis sie endlich alle versammelt waren. Es waren über 10.000 Stück, und dennoch nur der Rest einer Armee, die eins fast dreimal so stark gewesen war.

Calract hatte gegen Alessandra und die Schwarze Hexe einfach keine kriegsentscheidende Waffe gehabt und hat diese Monsterarmee in endlosen zermürbenden Schlachten aufgerieben. Beinahe hätte er nicht mal das geschafft, und die Prinzessin wäre Siegerin geblieben. Was für eine Schande für einen, der sich der mächtigste Zauberer der Welt nennt. Und der größte Witz dabei: die Menschen waren gar nicht sein Ziel gewesen. Nein, Calract, das hast du gründlich vermasselt. Ein Wunder, daß es am Ende doch noch irgendwie geklappt hat. Hotaru grinste in sich hinein.


Wie die Eiserne vorgeschlagen hatte, übernahmen Hedrass und der Sensenmann die Führung. Sie marschierten los, ohne auf Wege irgendwelche Rücksicht zu nehmen, in gerader Linie auf ihr Ziel zu, und das hieß Gel-Almanaum, wo sich die große vierstrahlige Meyda-Brücke befand.


"He, Wilhelm!"

"Ja, Eure Durchlaucht."

"Ich bin mal für eine Zeitlang unterwegs. Es kann vielleicht ein paar Tage dauern. Du übernimmst hier solange die Bauleitung!"

"Wie ihr befehlt, Eure Durchlaucht."

Hotaru wußte, daß sie sich auf den ehrgeizigen Mann verlassen konnte, der alles darum tat, sich bei ihr einzuschleimen und eine gute Position zu bekommen. Ohne weitere Worte erhob sie sich und verließ das Büro. Sie wandte sich der Baustelle des neuen Schwarzen Schlosses zu, wo langsam wieder die ersten Außenwände hochwuchsen. Auch einige unterirdische Gewölbe waren wieder zugänglich. Eins davon war versiegelt - der Zugang zum Unendlichen Land. Hotaru ließ sich eine Fackel geben, schloß dann die Tür auf und sah vor sich die endlose, in die Tiefe führende Wendeltreppe, die die Vernichtung des Schlosses überstanden hatte. Sie schloß hinter sich wieder ab und ging dann die hinunter, Stufe um Stufe, bis sie vor einer massiven Wand stand, die für keinen Sterblichen passierbar war, nur für die Schwarzen Könige und einige wenige andere Auserwählte wie sie.

Ohne Schwierigkeiten durchdrang sie die Wand und schritt dann weiter. Kurz darauf erreichte sie die Höhle des Gawron, jetzt verwaist, dann begannen im Boden bereits die ersten goldenen Fäden zu schimmern, Vorboten des Unendlichen Landes. Hotaru löschte die Fackel und steckte sie in eine Wandhalterung. Im Unendlichen Land brauchte sie sie nicht, sie wäre ohnehin erloschen und zu Gold geworden. Ohne zu zögern ging sie weiter, trat schließlich ein in dieses unheimliche, endlose Reich aus Gold, durchquerte es in weniger als einer Stunde und stieg schließlich durch die ebenfalls leere Höhle der Eingeweihten nach oben. Und dann stand sie vor der Tür, die den zweiten Zugang verschloß.

Auch diese öffnete sich vor ihr und gab den Weg frei zu den hinteren Räumen von Calracts Musentempel.

Die Eiserne brauchte nicht lange nach Calract zu suchen, obwohl sie sich gewünscht hätte, mehr Zeit für die Bilder zu haben, die überall an den Wänden hingen. Denn sie waren einfach umwerfend.

Calract saß an einem fein gearbeiteten Holztisch, auf dem einige Karten und Pläne ausgebreitet waren. Weiter in Richtung Landesinnere bemerkte sie eine Grube, an der sich mehrere Lunaloc-Dämonen zu schaffen machten. Anscheinend ließ Calract dort etwas bauen.

"Hotaru." Mehr sagte der Schwarze König erst mal nicht.

Die Eiserne trat näher heran und studierte dann die Karten, die auf dem Tisch lagen. Eine davon zeigte das nördliche Kirchenland, eine weitere den Osten der westlichen Steppe.

"Sieh her", meinte Calract schließlich. "Ich werde mir so viele von den Kirchenleuten schnappen, wie ich kriegen kann, und sie dann hier ansiedeln!" Er stieß mit seinem Zeigefinger auf eine Stelle direkt südwestlich der jetzigen Grenze des Schwarzen Reiches. Man hält das Land dort für unfruchtbar, aber ich habe es mir angesehen. Es ist bester Boden. Das Problem liegt nur darin, daß es dort kaum regnet. Alles geht im Schwarzen Land nieder. Deswegen führt auch der Siina schon so weit oben so viel Wasser. Wenn man davon ein bißchen umleitet ... und es gibt auch noch eine Menge weiterer, kleinerer Flüsse, die die Kolonisten da durchleiten können. Dann haben sie alles, was sie brauchen."

Erst jetzt blickte er die Eiserne richtig an. "Weißt du, Hotaru, es ist eine Schande, daß diese Menschen sich einfach so gegenseitig abschlachten. Dazu sind sie viel zu wertvoll."

"Wertvoll?", echote Hotaru fragend. Auf die Idee, daß Menschen wertvoll sein könnten, war sie noch nie in ihrem Leben gekommen.

Calract ging nicht weiter darauf ein, sondern sagte: "Ich weiß nicht, ob du als Schwarze Großfürstin geeignet bist."

"Das weiß ich auch nicht, aber sonst scheint es ja keinen zu geben."

"Was würde dir denn Spaß machen? Eine Aufgabe, die dich wirklich befriedigt und erfüllt?"

Hotaru blickte den Zauberer überrascht an. Der fuhr fort: "Der Neubau des Schwarzen Schlosses ist bei dir doch sehr gut aufgehoben. Ich denke, wenn du auch diese Kolonisation übernimmst und aus meinen verstockten Untertanen anständige Menschen machst, wäre das doch eine sehr lohnende Arbeit."

Er lächelte der Frau mit der Eisenhand aufmunternd zu. "Aber bevor du zurückgehst, solltest Du Dir mal meinen Garten ansehen. Er wird dir gefallen."

"Erst schaue ich mir mal Deine Bilder an."

Die Eiserne verweilte lange im Tempel und versank in Calracts Bildern. Vor allem das ziemlich abstrakt gehaltene Bild, das sie selbst zeigte, als sie Maps das noch schlagende Herz aus dem Leib gerissen hatte, faszinierte sie zutiefst. Beiläufig fragte sie sich, wie Calract diese Szene überhaupt kennen konnte. Schließlich war er nicht dabeigewesen. Vielleicht hatte er sie aus ihrem Gedächtnis herausgelesen oder was auch immer. Ein so mächtiger Zauberer wie der Schwarze König hatte da bestimmt seine Mittel und Wege.

Später ließ sie sich von einem der Dämonen etwas zu essen geben und streifte dann nachdenklich durch das Gartenland. Es war, wie Calract gesagt hatte, das reinste Paradies. Und zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte Hotaru so etwas wie Geborgenheit. Sie und Calract würden für lange Zeit zusammenarbeiten.

*

"Tod durch Pfählen!"

Fior und sein beiden Töchter Tatra und Otia schluchzten, als sie das Urteil vernahmen. Nicht, daß sie es nicht verdient hätten. Sie hatten sich der Rebellengruppe des Schrecklichen Tänzers angeschlossen, waren bei einem Scharmützel den Truppen der kirchlichen Streitmacht in die Hände gefallen, daraufhin wie üblich gefoltert worden und warteten nun auf ihre Hinrichtung.

Fior blickte die Via Genra entlang, auf der die Armee morgen weiterziehen würde. Sie war die wichtigste Verbindungsstraße zwischen dem Westen und dem Toriner Land im Osten, und war, seit der Siina-Fluß durch den Dämon unpassierbar geworden war, von entscheidender strategischer Bedeutung. Wie viele Menschen waren auf und an ihr schon gestorben! Alle paar Meter stand ein Galgen, Kreuz oder ein Pfahl, und an jedem hing ein Toter oder Sterbender. Über viele Kilometer ging das so, bis an die Grenze.

Der Kirchenkommandeur trat zu den drei Gefangenen. Fior registrierte, daß es kein Geistlicher war, denn er trug die schlichte Generalsuniform der Unterstützungsarmee von Delandau, dem Nachbarreich im Norden. Der König von Delandau hatte in den Krieg eingegriffen um zu verhindern, daß die Rebellenbewegung auf sein Territorium übergriff. Jetzt war der Siina unpassierbar und die ausländischen Soldaten abgeschnitten, aber das tat ihrer Kampfmoral erstaunlicherweise keinerlei Abbruch. Der General hatte seine Leute fest im Griff.

Fior, ehemals Fischer, bevor er auf abenteuerlichen Wegen zur Rebellenarmee gestoßen war, sah verächtlich zu dem arrogant wirkenden Kommandeur auf. "Was habt ihr Pest aus den Norden überhaupt bei uns verloren?", rief er ihm mit brüchiger Stimme entgegen. "Laßt wenigstens meine Töchter frei, sie haben nichts getan."

"Rebellen erwartet der Tod. Aber wie ich sehe, seid ihr uneinsichtig. Pech für euch, es wird euer Sterben nur verlängern." Fior stöhnte. Es war nur zu bekannt, daß man einen Menschen so aufspießen konnte, daß er nicht verblutete, sondern Tage brauchte, um ganz langsam am Pfahl zu verrecken.

"Vollstrecken. Fangt mit dem Mann an!", befahl der Kommandeur.

Fior war zwar gefesselt und durch die Folter geschwächt, aber er wehrte sich verzweifelt. Er wollte nicht sterben, und schon gar nicht so. Doch gegen die disziplinierten Soldaten, die das nicht zum ersten Mal machten, hatte er keine Chance. Sie hoben ihn hoch, schnallten ihn dann auf einen großen Tisch und legten hinter ihm den Pflock bereit, ein etwa drei Meter langes, angespitztes Stück eines Baumstammes ...



Erstellt am 6.3.2002. Letzte Änderung auf dieser Seite: 18.7.2017