Das Unendliche Land - 9. Teil


21. Kapitel - Njala

Rückblick, 11. Mai 1245

"Herzlichen Glückwunsch zum Patronatstag, mein Liebster!"

Agnes hauchte ihrem Mann Tuoretto einen Kuß auf die Wange, auf den dieser sich schon lange gefreut hatte. Denn seine Agnes war so züchtig und zurückhaltend, wie der Bischof von Piina es vorschrieb.

"Eigentlich", brummte Tuoretto zufrieden zurück, "könntest du mir noch einen geben. Schließlich hat mein Namenspatron, der heilige Tuoretto von Gitav, heute genau das hundertste Jahr seiner Heiligsprechung. Der Bischof würde es bestimmt erlauben."

Doch Agnes sah ihren Mann stattdessen traurig und vorwurfsvoll an. Er mußte doch wissen, daß Wollust eine Sünde war. Eine schwere Sünde, die Gott immer bestrafte.

Schuldbewußt wandte der Fischer sich von seiner schönen Frau ab.

Draußen vor der Tür warteten bereits Tuorettos fünf Söhne. Als ihr Vater endlich aus der Hütte trat, liefen sie eilig zum Strand, denn es war doch schon etwas spät geworden. Nur Tuoretto selbst hatte es nicht eilig. Er war schon zu lange in diesem Beruf, als daß er befürchtete, die Fische würden ihm wegschwimmen. Langsam und nachdenklich folgte er seinen Söhnen zum Boot hinunter.

Fangen durfte ihre Fische kein anderer, denn der Bischof hatte ihm und seiner Familie in diesem Abschnitt des Siina die Fischerei-Rechte exklusiv verpachtet. Sie mußten zwar eine hohe Pacht bezahlen, aber alles in allem betrachtet ging es Tuoretto und seiner Familie besser als den meisten Menschen hier im Kirchenland. Wenn nur die ständigen Kirchenopfer nicht gewesen wären. Und dieser Krieg, der das Geld entwertete, alles knapp machte und die Steuern in die Höhe trieb. Tuoretto seufzte, aber was sollte man machen - irgendwie mußten sie alle einfach versuchen zu überleben und nicht auch noch zum Kriegsdienst eingezogen zu werden. Aber wenigstens hatten sie immer genug zu Essen.

"Vater, beeilt Euch. Das Boot ist schon bereit."

Um seine Söhne nicht unnötig warten zu lassen, legte der Mann den Rest der Strecke im Laufschritt zurück und sprang dann in das alte Fischerboot, mit dem schon sein Vater und Großvater ihren Unterhalt verdient hatten. Das Boot war mit einer langen Leine an einem großen Baum am Ufer befestigt. Die Fischer ruderten so weit auf den an dieser Stelle fast einen Kilometer breiten Fluß hinaus, wie das Seil es zuließ. Jetzt brauchten sie nur noch ab und zu die Position zu korrigieren und konnten ansonsten ihre ganze Aufmerksamkeit den Netzen widmen, die sie immer wieder ins Wasser warfen und einholten.

Es war eine harte Arbeit. Zwischendurch machten die sechs Männer ab und an Pausen und feierten Tuorettos Patronatstag mit dem mitgebrachten Essen und Wein, den sie extra für diesen Anlaß gekauft hatten. Doch Tuoretto gebot seinen Söhnen Zurückhaltung, denn Völlerei war eine Sünde, für die sie eines Tages von Gott zur Rechenschaft gezogen werden würden. Und so wollte trotz des freudigen Anlasses keine rechte Fröhlichkeit aufkommen.

"Da, schaut mal, die Galeere des Bischofs!"

Schuldbewußt zuckte Tuoretto zusammen und blickte über den Fluß. Das Schiff ihres Staatsoberhauptes war relativ klein, glitt aber dank der Kraft der Ruderer recht schnell den Siina stromaufwärts in einigem Abstand an Tuorettos Kahn vorbei. Eins der kleineren Segel war purpurn gefärbt. Eigentlich schrieb der Comment vor, daß in einem solchen Fall alle Segel in dieser kostbaren Farbe zu sein hatten, aber das konnte sich heutzutage keiner mehr leisten, nicht mal der allmächtige Bischof. Trotzdem waren vier Wachsoldaten an Bord, die stramm auf dem Oberdeck standen und gefährlich in die Gegend sahen.

"Das sieht man hier auch nicht oft", murmelte der Fischer, während er eifrig hinüberwinkte und Ergebenheitsgesten machte. Drüben erfolgte keine Reaktion darauf, doch Tuoretto wußte, daß man alles auf das Genaueste registrierte. Also winkte er der Galeere nach, bis sie schließlich aus der Sicht verschwand. Dann machte er mit seiner Arbeit weiter.

So vergingen die Stunden, und die Fischkörbe füllten sich zusehends.

Schließlich zog Giodo aus seinem Grundnetz neben einer Reihe Krabben und Krebse auch eine Muschel, die er sogleich neugierig öffnet.

"Waaaa ... eine Perle. Seht mal, Herr Vater, eine echte Flußperle. Darf ich die behalten?" Der Junge freute sie riesig.

Tuoretto sah seinen Sohn lange vorwurfsvoll schweigend an. Im Boot verstummten alle Gespräche. Endlich antwortete er: "Wenn du das willst. Behalte sie, wenn es dir nicht ausmacht, mit der Sünde der Habgier und Raffsucht zu leben ..." Er schluckte, dann flüsterte er: "Mein Gott, und ich hatte gedacht, meine Söhne würden einmal anständige ..." Schluchzend schlug er sich die Hände vor das Gesicht.

Entsetzt hielt Giodo die Perle von sich. Er war bleich geworden und zitterte vor Scham und Angst, dann stammelte er: "Aber Herr Vater, nein, nein, ich ... ich ... ich wollte sie doch gar nicht für mich ... für den Bischof ... ja, nur für den Bischof habe ich sie aufgehoben."

"Oh, mein armer Sohn. Aber ich werde für dein Seelenheil beten!"


Allmählich wurde es Abend. Die sechs Fischer arbeiteten in gedrücktem Schweigen. Schließlich sprach Tuoretto: "Ich glaube, so langsam können wir für heute ..." Er kam nicht dazu, seinen Satz zu beenden, denn einer seiner Söhne unterbrach ihn mit einem überraschten Zwischenruf.

"He, was haben wir denn da?" Giodo zerrte kräftig an seinem Netz. "Helft mir mal, da ist was Großes drin!"

Es war in der Tat ein denkwürdiger Fang, den die Männer da an Bord zogen.

"Was bei allen Göttern ist das?" Staunend und ratlos sahen die Fischer abwechselnd sich und ihren Fang an, der alles andere als ein Fisch war.

"Eine Frau!"

"Nein, bestimmt ist es eine Flußhexe. Schaut, sie lebt noch! Ein Mensch wäre doch längst ertrunken. Und diese dunkle Haut."

Fragend sah einer zum anderen. Es war ganz klar, diesen Fund mußten sie sofort bei der Inquisition abliefern. So schnell es ging, zogen sie das Boot am Seil zurück ans Ufer.

*

Ich treibe durch das endlose Dunkel, das mich einlullt und beschützt. Ich ... wer bin ich eigentlich? Ich habe keinen Namen, nicht mal einen Körper. Aber ich muß einmal einen gehabt haben, denn ich erinnere mich ...

Was stört mich da? Jemand ruft. Ist dieser Ruf für mich? Nein, ich habe damit nichts zu tun, aber er stört mich, er weckt mich. Ich will nicht aufwachen. Ich will hierbleiben, im dunklen kalten nassen Nichts.

Später ... viel später ... Irgend etwas geschieht mit mir. Es schmerzt. Ich werde aus dem beschützenden Wasser gezerrt, höre seltsame Stimmen. Es müssen Menschen sein ... Menschen ... was sind Menschen? Ich kann mich nicht erinnern. Vielleicht, wenn ich sie sehe.

*

Tuoretto zuckte zusammen, als das Wesen die Augen aufschlug. Entsetzt wich er zurück. Die Augäpfel dieser Hexe waren schwarz wie die Nacht, die Iris blaßrot, und eine Pupille war nicht erkennbar. "Ein Dämon!", brüllte er. Panikerfüllt schnappten er und seine Söhne sich die Ruder und hieben wie wild auf die nackte Frau ein, die keinerlei Anstalten machte, sich zu wehren oder überhaupt zu bewegen.

Erst als sie halb zerschmettert und blutüberströmt war, hielten die sechs inne. Sie waren nun wieder auf den Fluß hinausgetrieben. Zitternd vor Angst zogen sie das Boot erneut zurück, wickelten das gruselige Wesen dann in ein Netz und schleiften es den Strand hinauf.

"Lebt es noch?"

"Nein, das Ding ist bestimmt tot. Lauf nach Hause und hol' den Schubkarren! Wir fahren es in die Stadt."

Die Abenddämmerung setzte bereits ein, als Tuoretto mit seiner kompletten Familie durch das West-Tor Piina betrat. Am Tor hingen ein paar Verräter - kein schöner Anblick. Tuoretto und seine Söhne bekreuzigten sich eifrig und sahen möglichst weg. Obwohl sie das eigentlich nicht gesollt hätten, denn deswegen hingen sie ja hier.

Begleitet von einigen Wachen schob der Fischer dann seinen seltsamen Fund durch die Hauptstraße. Das war natürlich die Sensation des Tages in der verschlafenen Stadt, die nur wenig Abwechslung und Zerstreuung bot. Nur wenige Minuten später wußte praktisch jeder Einwohner Bescheid und drängte sich um Tuoretto herum, um mal einen Blick auf das unheimliche Wesen aus dem Fluß zu werfen. Gottseidank war es mausetot! Der Fischer kam kaum noch durch, bis schließlich die Wachen die Leute energisch beiseite drängten.

Kurz darauf erreichten sie die Kirchenanlage, die fast ein Viertel des ummauerten Stadtgebietes einnahm. Die gesamte Stadt- und Regionalverwaltung befand sich hier, dazu natürlich die religiösen Stätten, einige Manufakturen, die sich im Besitz des Bischofs befanden, und vieles mehr.

Die Wachen begleiteten Tuoretto nur bis zum Eingang dieser Anlagen, wo die Fischer niederknieten und einige inbrünstige Bußgebete sprachen, dann übergaben sie sie und ihren Fund an die Priester-Garde. Drei Garde-Soldaten waren es. Als erstes schickten sie Agnes wieder nach draußen. Frauen hatten im Heiligen Bezirk nichts zu suchen. Dann ging es weiter in das verwinkelte Innere, das kleine Leute wie Tuoretto normalerweise niemals betreten durften.

Sie plazierten den Fischer und seine Söhne schließlich in einer Vorhalle und befahlen ihnen, dort zu warten.

Es dauerte nicht lange und ein in kostbare rote Gewänder gekleideter Mann kam zu ihnen. Die Wachen annoncierten ihn lautstark als Hauptkaplan Lauran von Beelk, der in Abwesenheit des Bischofs die Geschäfte leitete. Ehrfürchtig knieten die sechs Männer vor ihm nieder.

Doch der wandte sich erst mal an die Wachen: "Habt ihr, wie ich befohlen habe, die Stadttore schließen und die Wachtürme besetzen lassen?"

"Ja, Euer Gnaden."

"Gut. Dann sehen wir uns das mal an."

Er ging auf die Schubkarre zu und leuchtete mit einer Öllampe hinein.

"Wickelt das Ding aus dem Netz. Aber vorsichtig. Wir wissen noch nicht, was es ist."

"Was glaubt ihr, was es ist, Euer Gnaden?", fragte Tuoretto, der in der Aufregung die letzte Bemerkung des Geistlichen anscheinend überhört hatte.

Vorsichtig befreiten er und seine Söhne die grauhäutige, mit verkrustetem Blut und Dreck verschmierte Frau aus dem Netz, während die Wachen mit gezückten Schwertern dabeistanden.

"Hmm. Eine Dunkelelfe, kein Zweifel. Wartet hier!"

Es dauerte fast eine Stunde. Schließlich kam der Hauptkaplan mit etwa einem halben Dutzend weiterer Priester zurück. Sie trugen eine Reihe dicker Bücher mit sich, die sie nun anfingen durchzugehen.

"Wascht dieses Wesen erst mal ab. Man kann die Einzelheiten so kaum erkennen. Die ist ja übel zugerichtet." Tuoretto und seine Söhne zuckten schuldbewußt zusammen, obwohl die Bemerkung gar nicht direkt an sie gerichtet gewesen war.

Die Wachen und zwei der Priester verschwanden und kehrten kurze Zeit später mit einem Eimer Wasser zurück. Einer der Soldaten tauchte einen Lappen ein, doch in dem Augenblick, in dem er damit die Elfe berührte, fing dieser unvermittelt an, in geheimnisvollem Blau zu erglühen.

Mit einem Aufschrei des Entsetzens ließ der Soldat den Lappen fallen, aber es war noch nicht vorbei, im Gegenteil. Das gesamte Wasser im Eimer begann nun ebenfalls zu leuchten, stieg dann empor und floß auf den leblosen Körper der Dunkelelfe herunter, den es schließlich komplett mit einer dünnen Schicht einhüllte.

Die Anwesenden und auch Lauran von Beelk waren so schockiert, daß sie zu keiner Reaktion fähig gewesen waren. Doch als die Elfe die Augen aufschlug, brüllte der Hauptkaplan auf einmal los: "TÖTET SIE TÖTET SIE TÖTET SIE NA LOS WORAUF WARTET IHR NOCH!" Er riß einem der Soldaten das Schwert aus der Hand und begann wie ein Besessener auf die Dunkelelfe einzuschlagen.

Er konnte sie aber nicht mal verletzen, denn die blau leuchtende Wasserschicht schütze sie wie eine Gummihaut. Voller Unverständnis blickte die Elfe die Männer an, die in nackter Panik auf sie einprügelten. Plötzlich erfüllte das blaue Leuchten den ganzen Raum und dehnte sich dann in Sekundenbruchteilen über die Stadt bis zum Fluß hinunter aus. Lauran von Beelk, Tuoretto und die anderen Menschen zerfielen sofort zu Staub. Aber das war erst der Anfang. Der Siina begann plötzlich zu steigen. Wie eine Schlange schoß er auf Piina zu, bildete eine fast dreißig Meter hohe Flutwelle, riß die nördliche Stadtmauer ein und zog in einer Schneise absoluter Verwüstung zum Zentrum hinüber bis in den Raum, in dem die Dunkelelfe lag.


In dieser Nacht des Grauens kamen die Piinaer nicht zum Schlafen. Wie viele in der plötzlichen Flut ertrunken waren, konnte noch nicht abgeschätzt werden, aber kein Haus auf der dem Fluß zugewandten Seite Piinas war unbeschädigt geblieben. Und das war noch lange nicht das Schlimmste. Der Siina leuchtete immer noch blau, und wer sich ihm näherte, wurde von einer Flutwelle überrollt und fortgespült. Kein Schiff konnte den Fluß mehr befahren, zumindest nicht an dieser Stelle. Niemand wußte, wie weit die Macht der Dunkelelfe flußaufwärts und flußabwärts reichte und was aus der Galeere des Bischofs geworden sein mochte.

In Piina war natürlich jede Ordnung zusammengebrochen. Irgend jemand hatte das Gerücht in Umlauf gesetzt, Gott hätte beschlossen, die verhaßten und gottlosen Bischöfe zu strafen. Und mit dieser Art von Absolution kannten die Menschen kein Halten mehr. Die inneren Anlagen und Schatzkammern des Bischofs lagen zum ersten Mal seit Jahrhunderten offen, und die ausgeplünderten Menschen stürmten sie und holten heraus, was sie tragen konnten. Die Priestergarde, soweit zur Zeit überhaupt handlungsfähig, versuchte die Plünderungen zu verhindern, doch die Menschen tobten wie die Berserker und schlugen viele der Soldaten einfach tot. Der Rest der Garde lief daraufhin davon.

Und so wurde die alte Stadt in einer einzigen Nacht fast völlig verwüstet, ausgeplündert und zerstört.

Am nächsten Tag versuchten die Priester mit den ihnen verbliebenen Soldaten, die Ordnung mit Gewalt wiederherzustellen. Hunderte von Piinaern flüchteten vor dem Todesurteil in die Wälder und schlossen sich den Räuberbanden dort an, was wiederum die Priester, auch die der Nachbargebiete, zu noch härterem Durchgreifen veranlaßte. Schließlich baten sie sogar den König des nördlichen Nachbarreiches Delandau um Hilfe, die dieser nur zu gerne gewährte, denn auch unter seinen Untertanen brodelte es, und er wollte ein Übergreifen des inzwischen offenen Bürgerkrieges auf sein Reich verhindern.

*

Es waren sechs Frauen und vier Männer, aber das spielte für sie keine Rolle mehr. Wichtig war jetzt nur noch, nicht zu verhungern. Doch der Bauernhof, den sie überfallen hatten, hatte sich als Falle herausgestellt, und jetzt sahen sie sich einem halben Dutzend bischöflichen Soldaten gegenüber, die im Gegensatz zu ihnen bestens bewaffnet und in guter Kondition waren.

Es war den Verzweifelten klar, daß keiner von ihnen mit dem Leben davonkommen würde. Sie hatten nur Knüppel und Äste als Waffen, doch sie waren entschlossen, ihr Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Aber es sollte anders kommen.

Die zehn standen mit dem Rücken zu einer Scheune, vor ihnen die Soldaten, als plötzlich vom Dach jemand heruntersprang. Für einen kurzen Augenblick konnten sie die Gestalt erkennen, es war ein schöner junger Mann, bewaffnet mit zwei kurzen Messern. Dieser visierte einen Moment lang die Soldaten an und begann dann seine Attacke. Dabei bewegte er sich so schnell, daß man seine Bewegungen und Konturen fast nicht mehr erkennen konnte. Der Kampf dauerte nur wenige Sekunden. Die Soldaten kamen kaum zu einer Gegenwehr, da lagen sie bereits am Boden - tot. Alle sechs.

"Nehmt euch von ihnen, was ihr wollt!" sagte der junge Mann mit ruhiger Stimme zu den Räubern. Die starrten ihn nur entgeistert an. Er hatte eine seltsame Ausstrahlung, eine starke Aura, die ihnen Angst machte. Schließlich sagte ihr Anführer, ein ehemals kräftiger, jetzt fast bis zum Skelett abgemagerter Mann namens Jollie: "Wir danken Euch, Herr. Wir schulden Euch unser Leben. Wollt Ihr Euch nicht uns anschließen?"

Während die anderen bereits über die Soldaten herfielen und sie bis zum letzten Hemd ausplünderten, lächelte der junge Mann nun geheimnisvoll und erwiderte schließlich: "Gern. Aber vorher habe ich noch was zu erledigen. Wenn ich das überlebe, dann werde ich mit euch gegen die Bischöfe kämpfen und sie alle ausrotten."

Die Worte waren in eiserner Entschlossenheit gesprochen worden und paßten so gar nicht zu dem fast zierlichen, sanftmütig wirkenden Äußeren des jungen Mannes.

Jollie schluckte. Schließlich faßte er sich und fragte: "Und was habt Ihr vor?"

"Kommt mit und seht selbst. Ich muß zum Fluß."

"Aber der Dämon ..."

"Genau zu dem will ich."

"Verzeiht Herr, aber wie ist Euer Name? Für den Fall, daß Ihr nicht wiederkommt, wüßte ich gerne, wenn ich den anderen von Euch erzähle ..."

"Nenne mich Gad'ta. Und ich werde wiederkommen!"

Und mit diesen Worten lief mit unvergleichlich eleganten und geschmeidigen Bewegungen los, ohne sich noch mal umzudrehen.


Nach einer knappen halben Stunde wich der lichte Wald vor Gad'ta zurück und machte dem verwüsteten Ufer des Siina Platz. Was hier an Bäumen, aber auch an Zeugnissen menschlicher Zivilisation gestanden hatte, war von den Flutwellen des verhexten Flusses zertrümmert, abrasiert und weggespült worden. Unregelmäßig verteilt fanden sich Steine, die Überreste ehemaliger Häuser, dazu entwurzelte Bäume, auch einige Kadaver ertrunkener Tiere, Teile von Schiffen und Treibgut aller Art. Auch ein paar Leichen lagen angeblich irgendwo am Ufer verstreut herum. Kein Mensch räumte hier auf, denn niemand wagte es, sich dem verfluchten Fluß auch nur zu nähern.

Meistens floß der Siina ganz friedlich dahin, so wie er es schon immer getan hatte. Doch wenn er anfing aus sich heraus blau zu glühen, dann stand für jeden, der ihm zu nahe oder gar auf ihm war, eine Katastrophe bevor. Und niemand wußte im Voraus, wann und wo das passierte. Die Soldaten der Delandau-Armee waren so ziemlich die letzten gewesen, die den Fluß noch lebend hatten überqueren können.

"Herr Gad'ta", rief Jollie atemlos, als er und seine Leute schließlich ebenfalls am Rand des verwüsteten Uferstreifens ankamen, "Wißt Ihr denn nicht, daß niemand ..."

"Schweige! Ich weiß, was ich will." Wieder spürten die Räuber die starke Aura dieses Mannes und wichen ängstlich ein paar Schritte zurück.

Langsam näherte Gad'ta sich dem Fluß. Alles blieb ruhig. Kurz vor der Wasserlinie entkleidete er sich und watete dann hinaus in das langsam dahinströmende grünlich-graue Wasser. Die Räuber verfolgten atemlos, was geschah. Schritt um Schritt, ohne zu zögern, ging der junge Mann immer weiter hinaus, bis schließlich nur noch sein Kopf über den sanften Wellen war. Und dann begann das blaue Glühen.

*

Ich habe keine Angst vor dir.

Warum nicht? All ihr widerlichen Menschen fürchtet mich. Weil ich euch alle töten werde.

Ich will dir dabei helfen. Du brauchst mich, denn deine Macht reicht nicht weit über den Fluß hinaus. Die anderen kannst du nicht erreichen.

Lächerlich. Woher willst du Krüppel wissen, wie weit meine Macht reicht?

Krüppel, sagst du?

Ja, glaubst du, ich spüre nicht, daß du kein mehr Mann bist, daß man dich verstümmelt hat. Ich bin das Wasser, in dem du schwimmst. Hier gibt es für mich keine Geheimnisse. Aber ich fühle, daß du anders bist. Du hast eine Aura, die ich noch nie bei einem Menschen gefühlt habe. Nur deswegen bist du noch am Leben, weil du mich neugierig gemacht hast.

Ich weiß von keiner Aura. Ich weiß nur von meiner Rache.

Ein Lachen erklang in Gad'tas Kopf.

Deine Aura ist voller Kraft, aber deine Seele ist zerrissen. Du willst also diejenigen töten, die dich entmannt haben. Ich sehe deine Gedanken. Ich weiß alles. Deine Mutter ...

Gad'ta schrie in Gedanken auf. Sie werde ich ganz am Schluß töten, als letzte.

Eine Zeitlang herrschte Stille, dann sprach wieder die Dunkelelfe: Also gut. Ich helfe dir unter einer Bedingung.

Und welche.

Wenn du deine Rache hattest, dann töte ich dich.

Abgemacht. Wie heißt du eigentlich?

Njala. Njala ist mein Name.

*

Jollie und die anderen wollten ihren Augen nicht trauen, als der blau leuchtende Fluß Gad'ta wieder hergab.

In aller Ruhe streifte der junge Mann seine Kleider wieder über. Dann ging er zu den Räubern. "Von jetzt ab bin ich euer Anführer. Kommt, wir haben viel zu tun, und wir fangen sofort an. Wenn ihr mir folgt, werdet ihr reich. Und ihr werden nie wieder hungern müssen." Das überzeugte die vier Männer und sechs Frauen. Wer ihnen Essen versprach und so aussah, als würde er dieses Versprechen auch halten können, der war ihr Boß.

Und von diesem Tage an, es war übrigens genau der 30. September 1246, war das nördliche Kirchenland um eine ungewöhnliche Gruppe von Kriegsteilnehmern reicher.

*

Gad'ta unterwies seine Leute im Kämpfen. Schon nach kurzer Zeit hatten sich ihm zahlreiche weitere Verzweifelte, Entwurzelte und Abenteurer angeschlossen. Sein Ruf war nach kurzer Zeit bereits legendär, und die Truppen der Bischöfe verfolgten ihn, der sich mit dem Teufel aus dem Fluß verbündet hatte, ebenso unnachgiebig wie vergeblich. Auf der anderen Seite gab Gad'ta den Bischöflichen kein Pardon. Mehr als eine Stadt ging in Flammen auf, und wenn eine Belagerung erfolglos war, dann erschien das blau glühende Wasser der Dunkelelfe, das tatsächlich weit über den Siina hinausreichte, und half.

Doch die Kirchenmänner gaben nie auf, weil es auch für sie um alles ging, um ihre Macht und ihr Leben. Und so wurde das Land in wenigen Monaten verheert. Gad'ta tappte in seine eigene Falle. Seine Bande lebte von Plünderungen, aber schon Ende 1246 gab es weit und breit nichts mehr zu plündern, ohne daß jedoch ein entscheidender Sieg gegen die Bischöfe errungen worden wäre. Ihre Geheimwaffe war die kleine, aber schlagkräftige Armee aus Delandau und vor allem ihr Anführer, der geniale General de Roqueville, der die Schwäche seines Feindes allzuschnell erkannt hatte.

Während die Zivilbevölkerung zwischen den Fronten zerrieben wurde, setzte sich der verlustreiche Kleinkrieg immer weiter fort. Es kam auch zu Meutereien, wobei sich de Roquevilles Leute als viel disziplinierter als die von Gad'ta zeigten. Es sah so aus, als würde die uralte, etablierte Ordnung, das repressive System der Kirchenmänner, am Ende doch die Oberhand behalten, und zwar deshalb, weil die Alternative, die Freiheit der Rebellen, schlußendlich nur den Tod durch Verhungern verhieß.

Bis zu dem Tag, an dem Calract seinen Fuß auf den Boden der Kirchenländer setzte.

*

Der Fichtenstein war eine sehr markante Felsformation im Nordwesten des Weißen Reiches, nur wenige Kilometer südlich der Schwarzen Grenze. Auf seiner Spitze erhob sich die gleichnamige Burg, von der aus man einen grandiosen Rundumblick über den ganzen Nordwesten des Weißen Landes hatte. Burg Fichtenstein war genau so, wie Alessandra sich als Kind immer eine verwunschene Ritterburg vorgestellt hatte. Die Ruinen stammten noch aus uralten Zeiten, denn dieser Ort war natürlich schon vor Tartanos exponiert und wichtig gewesen. Jahrhundertelang hatte die Anlage dann in einer Art Dornröschenschlaf gelegen, bis König Harro vor wenigen Jahren eine verstärkte Überwachung und Befestigung der Grenze befohlen hatte.

In der Zwischenzeit war ein guter Teil der Burg wieder aufgebaut, allerdings zur Zeit noch hauptsächlich aus Holz statt aus Stein, zumindest was den überirdischen Teil betraf, vor allem den hohen Aussichtsturm. Wenn man an der wilden Landschaft und an spektakulären Sonnenuntergängen interessiert war, gab es kaum einen besseren Ort im Weißen Königreich. Doch Alessandra, die hier oben stand und angestrengt in östlicher Richtung nach unten blickte, war auf ganz andere Dinge aus, die man leider von hier oben bei weitem nicht so gut beobachten konnte, wie sie gedacht hatte. Dort unten zog nämlich gerade die Lunaloc-Armee ins Weiße Reich ein, doch wegen der dichten Bewaldung sah man von den 10.000 Dämonen so gut wie nichts. Praktisch unsichtbar marschierte die riesige Armee dort unten entlang, tiefer ins Weiße Reich hinein.

Neben der Prinzessin und Solitor standen General von Walldorff und einige weitere Offiziere, alle mit ziemlich nachdenklichem Gesicht.

"Da!" Einer der Ritter deutete nach oben, wo gerade ein Drache die Schwarze Grenze überflog. Alessandra dachte mit Grauen an diese Kreaturen, die ihr und ihren Männern im Lunaloc-Krieg horrende Verluste zugefügt hatten. Dem ersten Drachen folgten nach einiger Zeit zwei weitere. Diese drei waren alle, die es noch gab, worüber die Prinzessin sehr froh war.

Die drei Drachen hatten offenbar nicht die Absicht, die Vorhut zu bilden, sondern landeten nach einiger Zeit an einer passenden Stelle und warteten ab, daß der Rest der Armee nachrückte. Wenn man genau hinsah, konnte man die unzähligen Leiber unter den Bäumen erkennen. Die Armee der Monster bewegte sich sehr rasch. Offenbar hatte Calract befohlen, den Aufenthalt im Weißen Reich so kurz als möglich zu halten.

Alessandra hatte per Boten alle auf dem Weg liegenden Städte, Dörfer und Ansiedlungen informiert und strengstens befohlen, sich von den Dämonen fernzuhalten und sie auf keinen Fall anzugreifen. Hier oben im Norden war das einfach, denn hier lebten kaum Menschen. Alessandra hoffte, daß es auch dann noch friedlich abgehen würde, wenn der Zug die erste größere Stadt, Ostero, passieren würde. Sie war sicher, daß die Lunaloc-Dämonen nichts unternehmen und friedlich durchziehen würden, wie Calract es versprochen hatte. Doch bei den Menschen waren die Erinnerungen an den Lunaloc-Krieg noch frisch, die Wunden noch lange nicht verheilt. Niemand konnte sicher sagen, ob nicht irgend jemand durchdrehte und etwas Unüberlegtes tun würde.

Und genau deshalb eskortierte die Weiße Prinzessin und ihre Leute den Zug der Monster auch persönlich, von Grenze zu Grenze.

"Tja, dann auf nach Ostero!"

Burg Fichtenstein wieder zu verlassen war allerdings gar nicht so einfach. Direkt vor der Burg ging es fast 100 m praktisch senkrecht nach unten. Und selbst meisterhafte Bergsteiger konnten hier nicht hochklettern, denn über die Felsen ergoß sich auch noch ein spektakulärer Wasserfall. Die Burg war militärisch so gut wie uneinnehmbar und hatte mit dem Fluß sogar noch ihre eigene Wasserversorgung. Aber für den Weg hinauf und wieder hinunter brauchte man jeweils fast zwei Stunden. Naja, die Aussicht hier war es wert, dachte Alessandra bei sich, als sie die Treppen des Turmes hinabkletterte, unten Phobos bestieg und den schmalen Pfad ins tiefergelegene Umland heruntergaloppierte.

Alessandra und die Ritter und Offiziere, die sie begleiteten, hatten einen harten Gewaltritt vor sich. Bis Ostero waren es etwa 120 Kilometer, normalerweise eine Reise von mindestens zwei bis drei Tagen. Eine ganze Armee brauchte locker das Doppelte. Die Lunaloc-Armee aber nicht. Die Dämonen würden nicht rasten, sondern mit konstantem Tempo durchmarschieren, Tag und Nacht, ohne müde zu werden. Weiter als bis Ostero würden Alessandra und ihre Eskorte es in diesem Tempo nicht schaffen. Dahinter mußten andere für Ordnung und Disziplin sorgen. Aber zumindest die erste Station wollte die Weiße Prinzessin noch persönlich überwachen.

Die Lunaloc-Armee machte knapp 10 Kilometer pro Stunde und würde Ostero gegen Mitternacht passieren. Alessandra und ihre Ritter teilten sich die Strecke so ein, daß sie immer ein größeres Stück vorausritten und dann rasteten, bis die Armee heran war. So konnten auch die Pferde sich immer wieder erholen.

Diese Art der Bewegung funktionierte sehr gut, es war meisten sogar Zeit für ein kleines Lagerfeuer. Etwa auf halbem Weg lichtete sich der Wald und ging in teilweise gerodetes und bebautes Acker- und Kulturland über. Jetzt, im Spätsommer, stand das Korn auf den Feldern schon hoch und versprach eine weitere reiche Ernte. Ab und zu gesellten sich auch Bauern und Milizionäre aus den Wehrdörfern zu Alessandra. Gemeinsam saßen sie dann ums Feuer und ließen alte Erinnerungen aufleben. Viele kannten die Weiße Prinzessin noch persönlich, und keiner, der am Lunaloc-Feldzug teilgenommen hatte, hatte es sich nehmen lassen, in voller Rüstung und vor allem mit den Orden, die Alessandra damals verliehen hatte, zu erscheinen.

Einmal landete ein Drache dicht an einem der Feuer. Die Soldaten griffen nervös zu ihren Waffen, doch als der Drache die Menschen erblickte, zog er sich zurück und flog weiter. Alessandra beobachtete dann den Vorbeizug der Dämonen. Auch wenn sie jetzt nicht mehr ihre Feinde waren, war es ein schauriger Anblick, bei dem jedem mulmig wurde. Was, wenn Calract es sich eines Tages wieder anders überlegte? Die Dämonen waren nicht unbesiegbar, aber vor einem Kampf graute jedem.

Doch sonst geschah nichts. Die Lunaloc-Armee zog ein Stück weit nördlich an Ostero vorbei, um nicht direkt über die zentralen Berge marschieren zu müssen. Ihre nächste wichtige Station war dann das Herzogtum Allheim. Kurz dahinter überquerten die Dämonen den Liira-Fluß, erreichten einige Stunden später Taqmera am Taquis und zogen diesen weiter entlang, bis sie das erste und einzige Hindernis auf ihrer Reise erreichten: die Stadtmauer von Gel-Almanaum.

*

Den Bewohnern von Gel-Almanaum schauderte es, wenn sie an das unheimliche Wesen dachten, das da vor ihrer westlichen Stadtmauer stand. Dabei wollte Calract gar nicht hinein, im Gegenteil, er war von drinnen gekommen und sah nun seiner Armee entgegen, die sich schnurgerade vom Schwarzen Königreich ihren Weg durch das Weiße Land genau auf die Stadt der vierstrahlige Meyda-Brücke gebahnt hatte.

Diese Brücke, einmalig in der bekannten Welt, überspannte den Punkt, an dem von Norden her der Taquis-Fluß und vom Süden her der Graue Fluß in den Siina mündeten, und verband alle vier Ufer miteinander. Sie war praktisch der Mittelpunkt der freien Stadt, und teilweise sogar mehrstöckig überbaut. Der Präsidentenpalast befand sich dort, und auch die Zünfte hatten hier mitten über den drei breiten Strömen ihre Tagungssäle mit einer wunderschönen Aussicht auf den Siina, der ihnen jetzt jedoch langsam, aber sicher den Ruin brachte, weil der Handel durch den Fluch der Dunkelelfe praktisch zum Erliegen gekommen war. Nur stromaufwärts, zur Sonneninsel hin, war der Weg noch sicher. Noch. Denn wer wußte schon, ob die Flußhexe nicht auch bald dort wüten oder womöglich sogar die Stadt angreifen und verheeren würde. Jetzt half nur noch beten. Oder ...?

Wohlwollend blickte Calract dem vom Sensenmann und Hedrass geführten Zug entgegen. Alessandra hatte Wort gehalten und für eine sichere Passage durch das Weiße Reich gesorgt. Calract konnte sich gut vorstellen, daß das nicht leicht gewesen war. Aber er wußte, daß Alessandra ihre Leute gut im Griff hatte. Und es hatte funktioniert.

Der Schwarze König verließ die breite Straße, die hier ins Weiße Reich hinausführte, ging einige hundert Meter in eins der abgeernteten Felder, stellte seine Staffelei auf und begann zu malen. Der Durchzug der Lunaloc-Armee durch Gel-Almanaum war ein Ereignis, das es seiner Meinung nach verdiente, für die Ewigkeit festgehalten zu werden.

Der Präsidentenrat war schlau genug gewesen, die Lunaloc-Armee passieren zu lassen. Calract war mitten im Palast bei den Räten materialisiert und hatte ihnen mitgeteilt, daß er mit seinen Dämonen in die Kirchenländer zu marschieren gedachte. Sollten die Räte auf die Idee kommen, ihnen den Durchgang zu verweigern, werde er ihn sich mit Gewalt erzwingen. Sollten sie ihn jedoch anstandslos passieren lassen, werde er sich im Gegenzug um die Dunkelelfe kümmern, vor der die Gel-Almanaumer noch mehr Angst hatten als vor dem Schwarzen König. Das und die Tatsache, daß die Durchquerung des Weißen Königreiches friedlich und problemlos vonstatten gegangen war, hatten den Präsidenten und seinen Rat schließlich bewogen zu befehlen, die Tore zu öffnen.

Die Straßen von Gel-Almanaum waren menschenleer, als die ersten Dämonen einmarschierten, während über der Stadt die drei verbliebenen Drachen kreisten. Selbst die Stadtwachen waren abgezogen worden. Nur hinter den Fenstern sah man ab und zu geduckte Bewegungen. Nach wenigen Minuten erreichte der Hauptteil der Lunaloc-Armee den Stadtbereich. Fast lautlos zogen die unheimlichen, größtenteils monströs aussehenden Kreaturen durch das Westtor ein, quer durch die atemlose Stadt hindurch, über die riesige Meyda-Brücke hinüber an das Ostufer und dann durch das östliche Stadttor wieder hinaus.

Als letzter kam Calract selbst. Als er auf der Meyda-Brücke stand, blickte er den Fluß hinab und dachte an die Dunkelelfe, die dort ihr Unwesen trieb und letztlich für sein Kommen verantwortlich war. Dann ging er weiter. Kaum hatte er das Tor passiert und die dort beginnende Via Genra betreten, wurde es hinter ihm geschlossen. Ein Aufatmen ging durch Gel-Almanaum.

*

Wie ein Spuk verschwand die Lunaloc-Armee. Jedenfalls der größte Teil von ihr, denn Calract weis seine Kinder an, sich in passende Objekte zu integrieren, Energie zu tanken und auf weitere Befehle zu warten. Zu seiner linken schimmerte der Fluß in geheimnisvollem blauen Licht und zeigte die Nähe der Dunkelelfe an. Weiter geschah aber zunächst nichts.

Mit etwa 100 Dämonen ging der Zauberer nun die Via Genra, die west-östliche Verbindungsstraße, weiter. Schon kurz hinter Gel-Almanaum begannen die Pfähle, auf denen alle paar Meter die verwesenden Skelette von Menschen aufgespießt waren. Nirgends zeigte sich die sinnlose Grausamkeit dieses Bürgerkrieges so offen wie hier.

Was für eine Verschwendung.

"Vater, sieh hier! Die da leben noch."

*

De Roquevilles Leute wußten in der Tat, wie man einen Menschen leiden lassen konnte. Zweimal war die Sonne unter- und wieder aufgegangen über Fior, Tatra und Otia, und immer noch hatte der Tod sie nicht erlöst. Doch durch Durst, Blutverlust, die inneren Verletzungen und die dadurch ausgelösten Infektionen waren die drei inzwischen in einer Art Trance und merkten nichts mehr von dem, was um sie herum vor sich ging.

Aber auf einmal war alles anders. Fior schlug die Augen auf. Er spürte seinen eigenen Körper nicht mehr, war jenseits des Schmerzes. Mit seltsam geschärftem Blick sah er nach unten zu dem mittelgroßen, grauhaarigen Mann, dessen zwei blaue und ein weiteres, drittes schwarzes Auge ihn in seinen Bann zogen.

"Du und deine beiden Töchter sind die ersten lebendigen Menschen, die ich hier im Kirchenland treffe", rief der Mann zu ihm hinauf, als spräche er über das Wetter. "Wenn ich mich kurz vorstellen darf, ich bin Calract, der mächtigste Zauberer der bekannten Welt, und ich bin hier, um mich nach neuen Untertanen umzusehen. Und nach neuen Dämonen."

Fior war unfähig zu sprechen, er fühlte sich neben seinem sterbenden Körper schweben. Ganz in der Nähe spürte er auch die Anwesenheit seiner Töchter Otia und Tatra. Offenbar sprach dieser unheimliche Zauberer auch zu ihnen.

Calract fuhr fort: "Ich kann euch drei da runterholen. Ihr werdet nicht sterben. Ihr werdet sogar die Gelegenheit bekommen, mit denen abzurechnen, die euch das angetan haben. Na, Fior, wäre das nichts? Du und deine Töchter könnten weiterleben. Ich weiß, im Moment seid ihr schon so nahe am Tod, daß euch das egal ist, aber wartet nur ..."

Ein unglaublicher Schmerz durchzuckte den gepfählten Mann.

"Das ist der Schmerz, den du in Wirklichkeit fühlst. Nur läßt dein zerstörter Körper das nicht mehr zu. Also, hier ist mein Angebot."

Er wandte sich um und rief: "Pandor, Hellwick und Tren Alz, kommt mal her!"

Die angesprochenen waren drei von Calracts Lunaloc-Dämonen, aber keine gewöhnlichen. Nicht zu Fuß, sondern aus der Luft senkten sie sich herab und landeten schließlich vor den drei Pfählen.

Calract wandte sich wieder am Fior und seine Töchter: "Fünfzig Jahre lang habe ich aus der Umgebung des Engelsberges und dem Reich Karls Menschen an mich gebracht und aus ihnen meine Kinder gemacht, meine Lunaloc-Armee. Doch dann ist alles anders gekommen. Es gab heftige, unglaublich hart geführte Kämpfe gegen die Ritter der Menschen und die Hexen, und das hat vor allem meine Luftstreitmacht stark dezimiert. Diese drei frühen Modelle sind die einzigen, die noch am Leben sind."

Fior und seine Töchter betrachteten die drei Dämonen - plumpe, aber sehr kräftige geflügelten Drachen - aufmerksam.

Calract sprach weiter: "Ihr werdet ebenfalls solche Drachen werden, allerdings bekommt ihr ein eleganteres und moderneres Design. Ihr werden sehr schnell fliegen und Feuer speien können. Ich werde euch eine wunderschöne, metallisch glänzende und fast unverwundbare Haut geben. Und was das Beste ist: ihr könnt für immer zusammen bleiben. Auch als Drachen und als meine Kinder werdet ihr Vater und Töchter bleiben."

Fior wußte nicht, warum er das tat, aber er stimmte zu. Es war viel zu irreal, als daß er sich wirklich hätte vorstellen können, was mit ihm und seinen Töchtern geschehen würde. Er spürte, wie sein Körper sich von dem Holzpfahl löste, nach oben schwebte und dann wie von Geisterhand getragen vor Calract landete. Im Hintergrund begann der Siina in grellem Blau zu leuchten und heftig zu brodeln, doch das ignorierte der Zauberer für diesmal völlig. Er verwandelte sich nun selbst vor Fior in einen großen, grüngeschuppten Drachen und nahm den im Sterben liegenden Mann mit seinen Klauen auf. Zwei der anderen Drachen taten dasselbe mit Otia und Tatra, dann schwangen sie sich machtvoll in die Lüfte und flogen mit hoher Geschwindigkeit nach Nordwesten.

Calracts Kraft verhinderte, daß seine neuen Kinder unterwegs starben, denn der Flug war natürlich für sie ziemlich anstrengend und dauerte fast sechs Stunden. Ohne seine Magie hätten die drei das nie überlebt. Es war schon Nacht, als die Drachen in den Vulkankrater des Engelsberges hinabglitten. Calract begrüßte kurz die Wachen und schaffte die drei mehr als halbtoten Menschen dann in seine Höhle, wo er ohne Verzug mit der Umwandlung begann. Der Zauber würde sehr aufwendig werden, weil Calract ein besonders gutes und hochwertiges Resultat anstrebte. Für jeden der Menschen rechnete er zwei volle Tage, was drei- bis viermal so lang war wie für einen gewöhnlichen Lunaloc-Dämon. Doch das war es ihm wert.

*

Gad'ta brütete über seinen Plänen. Er schlief wenig und schlecht in diesen Zeiten, da das Kriegsglück sich von ihm abgewendet hatte. Doch er war wie im Fieber. In seiner Vorstellung malte er sich aus, wie er nach einer Reihe genialer Aktionen den Sieg über die verhaßten Mönche davontragen und sich schließlich an ihnen rächen würde. Seine Probleme nahm er kaum wahr: daß er persönlich als Kämpfer dank seiner extremen Schnelligkeit und Geschicklichkeit fast unbesiegbar war, das aber für seine Leute, im Grunde eine Truppe Verzweifelter, trotz harten Trainings keineswegs zutraf.

Und daß er alles andere als ein begabter Stratege oder wenigstens Organisator war, ganz im Gegensatz zu seinem Gegenspieler Ralph de Roqueville. Ihm hatte er im Grunde nur eins entgegenzusetzen, was ihn an der Macht hielt: Njala.

Gad'ta seufzte. Er fühlte sich müde, doch wenn er schlief, träumte er immerzu von Alessandra. Er hatte ihr das Leben gerettet und eine wundervolle Zeit mit ihr verbracht. Doch er wollte diese Träume nicht. Nicht mehr. Er hatte ihr nicht die Wahrheit über sich erzählt, weder über seine Vergangenheit, noch über seine Zukunft. Er wollte diese Träume nicht, denn wie die kalte Njala gesagt hatte, er war ein Krüppel und würde nie eine Frau haben können. Schon gar nicht die göttliche Weiße Prinzessin. Er haßte sich selbst, und seine Mutter, die ihm das angetan hatte, und die Priester, die aus seiner Mutter ein Monstrum gemacht hatten, in dessen eisernem Brustkorb ein dampfgetriebenes, mechanisches Herz schlug. Deswegen kämpfte Gad'ta gegen sie alle mit einem Fanatismus, den selbst seine Bundesgenossen nicht verstanden. Doch wie es auch ausging: er hatte keine Zukunft, kein Leben. Er würde die Herrschaft der Mönche und Bischöfe brechen und dann ... was dann kam, war ihm völlig egal. Aber er hatte sein Leben ja sowieso der Flußhexe verpfändet.

Im Lager entstand plötzlich Lärm. Gad'ta zuckte zusammen. Mit einem heimtückischen Überfall mußte man immer rechnen. Er stürmte aus dem Zelt, doch ihn erwartete eine Überraschung.

Kaum einer seiner Männer hatte die Dunkelelfe jemals leibhaftig gesehen. Nun stand sie mitten in Gad'tas riesigem Lager, scheu umringt von den Räubern und Banditen, aus denen der Schreckliche Tänzer das geformt hatte, was er seine Armee nannte.

Es war bereits Nacht und Njalas Haut hatte ihre charakteristische schmutzig-grau-braue Farbe, zu der ihre hellblauen Haare einen denkbar großen Kontrast bildeten.

"Njala!"

Mit ihren schwarzen Augen blickte die unheimliche Gestalt die Männer und Frauen eindringlich an. Dann erhob sie ihre dünne Stimme: "Ein neuer Feind ist erschienen. Der Zauberer Calract will sich dieses Landes bemächtigen. Wir müssen gegen ihn kämpfen."

Es war totenstill im Lager. Nur das gelegentliche nervöse Schnauben der etwas abseits stehenden Pferde war zu vernehmen. Jeder wußte, wer Calract war, oder glaubte zumindest, das zu wissen.

"Aber wie sollen wir gegen so ein Ungeheuer kämpfen?", fragte Gad'ta.

"Ich werde euch helfen. Aber wir müssen sofort angreifen. Der Zauberer hat drei Menschen nach Lunaloc entführt. Jetzt ist er nicht da, aber er wird bald zurück sein. Wir müssen die günstige Zeit nutzen." Njala legte die Hände vor der Brust zusammen und schloß die Augen. Kurz darauf begann der nördliche Horizont bläulich zu glühen. Dort war der große Fluß Siina, das Zentrum der Macht der Dunkelelfe.

Unter Gad'tas Leuten war keiner, der nicht mehrere Morde begangen hatte, doch jetzt stand selbst den Härtesten unter ihnen der Angstschweiß auf der Stirn. Viele begriffen erst jetzt, mit wem sie sich da verbündet hatten. Und jetzt sollten sie auch noch gegen den Schwarzen König und seine Monsterarmee kämpfen. Kein Zweifel, daß ihr Leben keinen Pfifferling mehr wert war.

"Gad'ta! Gib Befehl, sofort aufzubrechen."

Die Leute wären wahrscheinlich am liebsten einfach davongerannt, aber der Schreckliche Tänzer war kaum zu bremsen. Fieberhaft trieb er den Abriß des Lagers voran. Er schien überall zugleich zu sein, trieb seine Leute gnadenlos an und schaffte es in nur sechs Stunden, seine komplette Armee in Marsch zu setzen.

"Wo steht Calracts Armee jetzt?"

"Sie hat sich verteilt."

"Verteilt!" Gad'ta war überrascht. Das war eine sehr ungewöhnliche Strategie, denn normalerweise, wenn man in ein fremdes Land einfiel, um es zu erobern, zog man alle Kräfte zusammen und bündelte sie gegen die Brennpunkte der feindlichen Macht. Calract hatte nun genau das Gegenteil davon getan. De Roqueville hätte daraus seine Schlüsse gezogen, Gad'ta hingegen sah es nur als günstige Gelegenheit: "Dann werden wir leichtes Spiel haben!"

"Stelle dir das nicht zu einfach vor", bremste die Dunkelelfe ihn. "Es sind keine Menschen, keine Soldaten, sondern Lunaloc-Dämonen. Die meisten von ihnen sind in Felsen, Gehölze oder Wasserläufe eingedrungen und haben sich mit ihnen verbunden. Es wird schwer sein und lange dauern, sie dort wieder herauszuholen und zu töten. Aber beginnen können wir mit einer kleinen Gruppe von etwa 100 Dämonen, die sich noch geschlossen auf der Via Genra befinden."

"Gut. Wir brauchen Kampf und Erfolge!"

Doch das war nicht so leicht. Die Dämonen hatten unter der Führung des Sensenmannes Gon ein professionell befestigtes Lager aufgeschlagen, das Gad'tas Leute nicht zu erstürmen vermochten. Njala griff schließlich ein, verschwand im Fluß und ließ diesen dann über das nur wenige Kilometer südlich davon gelegene Lager hereinbrechen. Aber auch dieser massierte Angriff scheiterte. Calract war vorsichtig gewesen und hatte seine Kinder mit einem Zauber geschützt. Das blau glühende Wasser erreichte sie nicht. Vor Wut und Enttäuschung heulten die Banditen auf. Ihre allmächtige Rachegöttin versagte hier. Aber immerhin mußten sie hier und jetzt nicht sterben - noch nicht.

So schnell gab die Dunkelelfe aber nicht auf, sondern begann nun einen indirekten Angriff, indem sie die Erde vor und unter dem Lager wegspülte. Die Palisaden brachen schließlich, aber dann beging Njala einen Fehler. Statt die Lunaloc-Dämonen sofort zu töten, zog sie sich zurück und überließ sie Gad'tas Leuten. Es kam zu einem wilden Gemetzel, und für Gad'tas Leute zeichnete sich eine verzehrende Abnutzungsschlacht ab.

*

"Der Plan ist riskant. Zu riskant". Ralph de Roqueville schüttelte den Kopf. Einige seiner Späher hatten ihm berichtet, daß die Banditen gegen ein Lager der Lunaloc-Armee anrannten, es mit Hilfe der Fluß-Dämonin schließlich geknackt hatten und nun im Nahkampf gegen die Ungeheuer standen.

"Und außerdem: warum sollen wir uns die Hände schmutzig machen? Wenn sie mit den Lunaloc-Dämonen fertig sind, werden sie so geschwächt sein, daß ... hmm ... aber ... vielleicht ist der Plan doch nicht so schlecht, Leutnant Gordon."

Er sah den jungen Offizier, der ihm den Vorschlag gemacht hatte, die mißliche Lage der Räuber für einen Überraschungsangriff zu nutzen, sinnierend an. "Wir können", fuhr er fort, "gegen Gad'ta nicht gewinnen, solange er dieses Monster auf seiner Seite hat. Also brauchen wir ein noch stärkeres Monster auf unserer Seite."

"Ihr meint Calract, General?"

"Genau."

"Aber ist das nicht zu gefährlich?"

"Das eigentliche Problem ist, daß wir nicht wissen, was er hier will."

"Aber das ist doch völlig klar, General. Er will sich die nördlichen Kirchenländer unterwerfen."

"Nein, das ist überhaupt nicht klar, mein lieber Gordon. Ich glaube, daß so ein Plan keinen Sinn ergeben würde. Auch wenn es schwerfällt, sollten wir doch erst mal akzeptieren, daß wir einfach nicht wissen, warum der Schwarze König hier ist."

Einfach akzeptieren wollte de Roqueville diese Lage natürlich nicht und hatte schon einen Boten zur Weißen Hauptstadt geschickt. Wenn einer die Gedankengänge Calracts nachvollziehen konnte, dann die Goldene Königin, von der er hoffte, daß sie ihm überhaupt antworten würde. Schließlich waren er und sie meist Feinde gewesen. Aber selbst wenn, würde es mindestens zwei Wochen dauern, bis er eine Antwort erhielt. Diese Zeit wollte er so gut es ging nutzen.

"Wir versuchen zweierlei: ein paar kleine Gruppen verstecken sich in der Nähe und warten auf eine günstige Gelegenheit, Gad'ta endlich zu töten. Und außerdem werden wir je nach Lage den Dämonen helfen."

Leutnant Gordon schluckte bei diesen Worten. Seite an Seite mit Dämonen gegen andere Dämonen zu kämpfen - dazu gehörten schon die eisernen Nerven seines Generals. Aber de Roqueville war Gordons großes Vorbild, der hier auf verlorenem Posten Erstaunliches leistete. Und so war er entschlossen, den Plan so gut es ging umzusetzen.

Er salutierte zackig. "Zu Befehl, General. Ich werde vier Gruppen zu zehn Mann aufstellen und in das Kampfgebiet einsickern."

*

Die Dämonen schafften nach für die Banditen verlustreichen Kämpfen den Ausbruch und zogen sich zurück. Nur wenige von ihnen konnten dann noch von Gad'tas Räuber-Soldaten eingekreist werden, die übrigen entkamen und integrierten sich irgendwo. Es würde mühsam werden, sie dort zu finden und wieder herauszuholen. Das hatte aber auch zur Folge, daß de Roquevilles Stoßtrupps mehr oder weniger ins Leere liefen. Als sie am Ort des Geschehens ankamen, war fast niemand mehr da.

Leutnant Gordon blickte mißtrauisch nach Norden, aber der Fluß war im Moment ruhig. Er überlegte, ob er die restlichen Rebellen einfangen und töten sollte. Damit hätte er aber seine Anwesenheit verraten, und so beschloß er, in aller Stille abzuwarten. Besonnenheit und ein kühler Kopf gehörten schließlich auch zu den Tugenden seines Idols.

Und so geschah in dieser Nacht nicht mehr viel.

Bis schließlich am nächsten Morgen einer von Gordons Leuten in den provisorischen Graben gestürmt kam, in dem der Leutnant seine kurze Nachtruhe verbracht hatte. "Herr, wir haben einen Lunaloc-Dämon gefunden, und er lebt noch!"

*

De Roqueville hätte sich früher sicher nicht träumen lassen, mal eines Tages so einem Ungeheuer zu helfen. Gordon und seine Männer hatten den Dämon, der äußerlich einem vierarmigen Steingolem ähnelte, aufgelesen und ins Hauptlager gebracht. Der Golem atmete nur noch schwach mit einem bis zwei flachen Atemzügen pro Minute, und keiner der Soldaten, ebensowenig wie der Feldarzt, hatten eine Ahnung, was sie nun mit ihm anstellen sollten.

"Manchmal muß man halt was riskieren", meinte de Roqueville lakonisch. "Wenn er überlebt, haben wir gute Karten bei Calract. Wenn er stirbt, verscharren wir ihn eben irgendwo im Wald und vergessen, daß wir ihn je gesehen haben. Was machen übrigens Gad'tas Leute?"

"Njala höchst persönlich ist bei ihnen. Sie suchen systematisch die ganze Gegend ab, und wenn sie irgendwo einen Lunaloc-Dämon finden, der sich in etwas integriert hat, dann holen sie ihn irgendwie hervor und töten ihn. So, wie es aussieht, schaffen sie etwa drei oder vier pro Tag, haben aber hohe Verluste dabei. Mit diesen Lunaloc-Dämonen ist nicht gut Kirschen essen."

"Hmm, danke. Ich frage mich, wo der Zauberer wohl stecken mag."

"General!"

Ein Melder kam ins Lager gestürmt. "General, es gibt Neuigkeiten. Größere Gruppen von Lunaloc-Dämonen sind aufgetaucht und greifen die Rebellen an!"

"Wunderbar. Dann brauchen wir ja nur noch zuzusehen." De Roqueville schüttelte den Kopf. "Ich frage mich immer wieder, wie dieser unfähige Gad'ta es geschafft hat, sich so lange über Wasser zu halten. Aber die Bauern aus der Gegend vergöttern ihn geradezu." Was man angesichts der bisherigen Herrschaft der Mönche und ihres repressiven Systems allerdings auch gut verstehen konnte.

*

Dieser Kleinkrieg zwischen der Lunaloc-Armee und Gad'tas Leuten zog sich mehrere Tage hin. Gad'ta und Njala ließen nicht locker, während die Lunaloc-Dämonen versuchten, Verluste so gut es ging zu vermeiden. Für jeden von ihnen fielen mindestens drei von Gad'tas Leuten, und ohne Njalas Hilfe wären es noch viel mehr gewesen. Trotzdem gaben die Räuber nicht auf, im Gegenteil. Fanatisiert, wie sie waren, feierten sie jeden toten Dämon als gewaltigen Sieg. Doch im Sinne von Calracts Plan waren die Gefallenen auf beiden Seiten nicht, und so gaben Hedrass und Gon schließlich den Befehl, sich langsam Richtung Süden abzusetzen und jede Feindberührung so gut es ging zu vermeiden.

Calract war der Schlüssel zu dieser verfahrenen Situation, doch der hatte nicht damit gerechnet, bereits unmittelbar nach seiner Ankunft derartig heftig angegriffen zu werden. Das war Gad'tas großer Vorteil: seine Armee war extrem mobil und konnte jeden Tag an einem anderen Ort zuschlagen.

Dafür hatten die beiden Anführer der Lunaloc-Armee einen anderen Trumpf: sie wußten, wann ihr Vater zurückkehren würde. Und auf diesen Tag bereiteten sie sich vor. Ihr Plan war schlau ausgedacht: mit kleinen Angriffen brachten sie Gad'ta dazu, seine Leute mehr und mehr zusammenzuziehen. Während sie nach Süden zogen, setzte Gad'tas Armee nach und verdichtete sich immer mehr, während der Abstand zum Siina immer größer wurde. Und dann war es soweit. Ohne daß Gad'ta es gemerkt hatte, war sein Hals in die Schlinge geraten.

Und am 26. Oktober 1247 zog Calract sie zu.

*

Die Lunaloc-Dämonen hatten sich unsichtbar für die Menschen an den Hängen eines großen Talkessels positioniert. Im Innern waren einige von ihnen materialisiert und fochten kleine Scharmützel gegen die Banditen. Ein unhörbares Aufatmen ging durch die Dämonen, als sie am Himmel sieben Drachen sahen.

Telepathisch erfuhr Calract, was der Sensenmann und Hedrass geplant hatten. Doch er spürte auch die Anwesenheit einer weiteren Gruppe von Kriegern. Und um die wollte er sich als erstes kümmern, es würde nicht lange dauern.


De Roqueville hatte kein eigentliches Lager. Er war mit vielen kleinen Gruppen den Räubern nachgerückt und hatte sich dabei so unauffällig verhalten, daß diese ihn nicht bemerkt hatten. Die gelegentliche Anwesenheit von Patrouillen im ganzen Land war normal, so daß Gad'tas Banditen keinen Verdacht geschöpft hatten, wenn sie ab und zu ein paar der kirchlichen Soldaten zu Gesicht bekommen hatten. Daß ihnen aber an die 1000 Mann, praktisch die gesamte Delandau-Armee, auf den Fersen waren, würde sie völlig überraschen.

Völlig überrascht war allerdings auch de Roqueville, als sich urplötzlich sieben Drachen, alle verschieden aussehend oder zumindest in verschiedenen, prächtigen Farben, aus dem Himmel herabsenkten und ihn und seine etwa 30 Mann einkreisten.

Gott sei Dank haben wir noch den Dämon. Und er ist sogar noch am Leben.

Zu de Roquevilles Verblüffung verwandelte sich einer der Drachen in einen Mann. Der General war von diesem Wesen - es konnte niemand anderer als der Zauberer Calract sein - zutiefst fasziniert.

Gelassen und doch eindringlich musterte Calract sein Gegenüber. "Es wundert mich, daß deine Leute nicht versuchen, uns anzugreifen. Oder zu fliehen. Eins von beiden macht eigentlich jeder, wenn er einem meiner Kinder begegnet. Aber ich sehe, du hast deine Männer gut im Griff."

De Roqueville fühlte sich geschmeichelt, obwohl das sicher nicht der beste Ort für solche Dinge war.

"Dann seid Ihr also der Zauberer Calract."

Der Angesprochene nickte.

"Ich habe einen Eurer Dämonen bei mir. Er wurde im Kampf gegen die Banditen Gad'tas schwer verletzt. Wir konnten nicht viel für ihn tun, aber er ist noch am Leben. Hier."

Calract trat auf den Dämon zu und legte dann seine Hand auf seinen steinern wirkenden Leib. Von dort floß Energie über, und schon wenigen Augenblicke später schlug der Dämon seine Augen auf. Dankbar und erfreut blickte er Calract an, erhob sich dann und gesellte sich zu den sechs Drachen.

"Danke, daß du eins meiner Kinder beschützt hast. Wenn ich dir dafür irgendwie helfen kann ... Übrigens, du erwähntest den Namen Gad'ta. Ist das derselbe, der vor zwei Jahren im Weißen Schloß Prinzessin Alessandra gerettet hat?"

"Ebenderselbe. Aber aus einem Grund, den ich nicht kenne, ist er nicht mehr der sanftmütige Mann, als der er geschildert wird, sondern ein fanatischer Kämpfer gegen unsere Heilige Ordnung."

"Heilige Ordnung? Hmm." Calract lachte leise und setzte dann sein berühmtes wölfisches Lächeln auf. "Ich passe in eure sogenannte heilige Ordnung sicherlich auch nicht besonders gut. Aber sei's drum. Ich werde dir erklären, warum ich hier bin."

Er zog aus einer seiner Taschen eine große Karte und faltete sie auf. "Vor vierhundert Jahren verschwanden fast alle Menschen aus diesem Teil der Welt, und bis heute sind die meisten Gebiete hier nur dünnbesiedelt, ausgenommen das Weiße Reich und Arcadia. Meiner Meinung nach sind Menschenleben unter diesen Umständen zu kostbar, um sie in Kriegen zu verheizen. Ich bin hier, um alle, die sich mir anschließen wollen, einzusammeln. Einige von ihnen, wie diese drei hier", er wies auf Fior, Tatra und Otia, "werden Lunaloc-Dämonen. Die anderen sollen das Schwarze Königreich und das westliche Ödland besiedeln, es fruchtbar machen und zum Blühen bringen."

De Roqueville und seine Männer waren lange Zeit sprachlos. Pläne dieser Art paßten nicht in das Weltbild, nach dem sie ihr Leben verbracht hatten. Die Kühnheit und weiträumige Planung des Schwarzen Königs machte sie fassungslos.

"Ihr seid in der Tat ein außergewöhnlicher Mann, König Calract. Aber Eurem Ziel stehen genau zwei Hindernisse entgegen: Gad'ta und die Dunkelelfe Njala, die den Siina-Fluß beherrscht und sich mit Gad'ta und seinen Rebellen verbündet hat. Ohne ihre unheimliche Macht hätten wir mit den Aufständischen schon längst kurzen Prozeß gemacht."

"So wie mit Fior, Tatra und Otia. Sie sind von niemand anderem als Dir zum Tode verurteilt und gepfählt worden. Ich konnte sie gerade noch retten. Aber sei beruhigt. Als Lunaloc-Dämonen sind sie von menschlichen Regungen wie Rache befreit. Sie werden dir nichts tun."

Nichts desto trotz blickten die drei Angesprochenen, nun in der Gestalt eleganter, schimmernder Drachen, finster zu dem General hinüber, und dem war gar nicht wohl in seiner Haut.

"Nun ja, du hast Ikkor gerettet. Damit sind wir dann quitt. Ich werde mal Gad'tas Leute einsammeln, und du wärst gut beraten, dich da rauszuhalten."

Einsammeln. Er sagt das, als wäre es nichts. De Roqueville atmete tief durch und biß die Zähne aufeinander. Doch dann überwog doch seine Neugier. Er wollte sehen, wie Calract seinen phantastischen Plan in die Tat umzusetzen gedachte, an dem er selbst seit Monaten scheiterte. Sicherlich würde er nicht einfach so in diesen Talkessel hinuntersteigen und die etwa zwei- bis dreitausend Banditen dazu überreden, mit ihm zu gehen und ab jetzt friedliche Siedler zu sein.

Doch anscheinend hatte der Zauberer exakt das vor. Seine sechs Drachen im Schlepptau ging er einfach davon, den Berg hinab.


Die Räuber sahen ihn schon von weitem kommen. Es dauerte nur Minuten, da wußten alle, daß etwas Entscheidendes geschehen würde. Gad'ta drängte zum sofortigen Angriff, doch Njala war nirgends zu finden. Und dann sah sich seine Armee plötzlich von mehr als zehntausend Lunaloc-Dämonen umstellt, die plötzlich, wie aus dem Nichts heraus erschienen waren. Und mitten drin Calract. Alles hielt den Atem an.

In aller Seelenruhe ging der Zauberer mitten durch die Reihen der Banditen und hielt erst kurz von Gad'ta an.

"Also machen wir's kurz: Entweder du ergibst dich, dann bringe ich dich nach Orna. Du kannst dort nach deiner Mutter suchen und so weiter - ich kenne die Geschichte. Oder ich lasse dich hier vor aller Augen zu Staub zerfallen. Und den Rest deiner Räuberbande auch!"

Die beiden Männer sahen sich in die Augen, und Gad'ta erschauderte beim Anblick von Calracts wölfischem Lächeln. Schließlich öffnete der Zauberer sein drittes Auge, ließ es hell aufleuchten und hüllte Gad'ta mit dem Licht ein.

"Na, was ist jetzt?"

Töte mich. Mein Leben ist ebenso ruiniert wir mein Körper. Töte mich, dann finde ich endlich Frieden.

"Hmm." Calract verstärkte das Licht und ließ Gad'tas Kleidung zerfallen. Dann erschien über seiner Hand der Splitter des Mondsteins und leuchtete ebenfalls hell auf. Geblendet wandten die Räuber sich ab. Nach einiger Zeit erlosch das Licht wieder, und Gad'ta lag reglos auf dem Waldboden. Zwischen seinen Beinen waren Genitalien sichtbar. Calract hatte Gad'tas Verstümmelung geheilt.

"So, ihr Burschen!", rief der Zauberer nun den Räubern zu. "Das Spielchen ist aus. Eure Njala hat euch verlassen, und Gad'ta ist nicht mehr euer Anführer. Ihr seid umgeben von der gesamten Lunaloc-Armee, und zudem hat auch de Roqueville ein paar tausend Leute in den Wäldern stehen." Das war zwar etwas übertrieben, aber darauf kam es im Moment nicht so genau an.

Calract fuhr fort: "Das heißt für euch, dieses Tal wird euer Grab. Es sei denn, ihr kommt mit mir. Ich will den östlichen Rand des westlichen Ödlandes kolonisieren und brauche dafür Siedler. Ihr bekommt eine neue Heimat, jeder ein Stückchen Boden, und das alles in Freiheit, ohne diese verfaulten Mönche."

Atemlose Stille herrschte in dem Tal.

"Ich habe mit de Roqueville ein kleines Abkommen. Meine Leute muß er in Frieden lassen. Wer weiterkämpfen will, bitte sehr. Aber weit werdet ihr nicht kommen." Der Schwarze König ließ den Räubern nicht viel Zeit, sich von ihrer grenzenlosen Überraschung zu erholen. "Ich gehe dann mal. Oben am Fluß wird ein Verbindungsbüro eröffnet, denn ihr sollt nicht die einzigen sein, die diesen tyrannischen Ländern entfliehen dürfen. Und außerdem muß ich mich noch um Njala kümmern."

Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging Calract dann los, in Richtung zum Siina-Fluß. Es folgte ihm seine Armee, und, nach kurzer Zeit, die ehemalige Armee Gad'tas geschlossen bis auf den letzten Mann. Sie hatten nicht lange gebraucht um zu begreifen, was Calract ihnen da angeboten hatte.

Einer der Dämonen trug den immer noch bewußtlosen Gad'ta bei sich.

Kurz darauf schloß eine Gruppe der Räuber - jetzt Calracts neue Untertanen - zu ihrem neuen Herrn auf und fragten demütig, ob sie auch ihre Familien mitnehmen dürften.

"Selbstverständlich. Dafür will ich ja das Verbindungsbüro eröffnen. Allerdings könnte es für diejenigen unter euch, deren Familien weiter weg wohnen, etwas problematisch sein. De Roqueville wird euch keine Schwierigkeiten mehr machen, aber die Truppen der Bischöfe kennen keine Gnade. Und ich bin nicht hier, um mit ihnen aufzuräumen. Ich will nur möglichst viele Menschen vor diesem sinnlosen Gemetzel retten und auf meinem neuen Land ansiedeln."

*

Eine der größten Städte in Norden der Kirchenländer war Kalohe, nicht weit von der östlichen Grenze entfernt am Fuße eines nach Südosten verlaufenden Höhenzuges gelegen. Kalohe war Sitz eines Erzbischofs, Garnisonsstadt und stark befestigt. Gad'tas Agenten war es zwar im vergangenen Monat gelungen, einen Teil der Stadt anzuzünden, doch die Schäden waren relativ gering geblieben. Es herrschte schon zu lange Krieg, als daß man nicht auf solche Ereignisse vorbereitet gewesen wäre.

Genau hier, im Herzen des Feindeslandes, wollte der Schwarze König sein Verbindungsbüro eröffnen, und ließ seine Armee entsprechend marschieren.

"In etwa drei Tagen werden wir vor den Toren Kalohes stehen", erklärte er bei einer abendlichen Besprechung seinen Unterkommandanten Gon, Hedrass und Fior, der jetzt für die - noch kleine - Drachenabteilung zuständig war. "Übrigens, wie geht es Gad'ta?"

"Er ist wieder bei Bewußtsein, hat aber noch nichts gesagt."

"Also gut, wenn wir hier fertig sind, werde ich mal mit ihm reden." Er wandte sich an Fior, dessen golden-bräunliche Schuppen den Schein des großen Lagerfeuers widerspiegelten. "Wo stecken Roquevilles Leute?"

"Sie folgen uns im Abstand von einigen Kilometern."

"So so. Schick' mal eins von deinen Mädchen rüber und laß' ihn fragen, ob er seine Armee nach Delandau zurückverlegen wird, wenn ich Njala zur Strecke gebracht habe."

"Wird sofort erledigt."

"So, und die vier anderen Drachen sollen immer mal wieder die Gegend vor und hinter uns abfliegen, damit wir nicht auf irgendwelche Überraschungen stoßen."

Als nächstes ließ Calract einen Vertreter der Neusiedler kommen, einen von Gad'tas ersten Soldaten: Jollie.

In demütiger Haltung näherte der Mann sich dem Schwarzen König und kniete dann vor ihm nieder.

"Du darfst dich wieder erheben. Ich habe hier im Kirchenland noch einiges zu erledigen, aber euch geht das nichts mehr an. Sag' deinen Leuten, wer will, kann sofort nach Westen aufbrechen. Ich werde euch etwa die Hälfte der Lunaloc-Armee mitgeben. Sie werden euch unterwegs beschützen und dann beim Aufbau der Siedlungen helfen."

"Herr."

"Ja."

"Wir haben fast nichts mehr zu essen."

"Hmm, stimmt, daran habe ich gar nicht gedacht. Meine Kinder brauchen ja selbst so gut wie nichts. Wie sieht's aus mit Jagen?"

"Es gibt fast kein Wild mehr, Majestät. Der Krieg dauert schon so lange, und jeder hat sich genommen, was er bekommen konnte. Die Wälder sind leer, die Felder abgebrannt, die Äcker verwüstet, die Bauern tot oder hier bei uns. Fischen kann man auch nicht mehr. Viele ernähren sich bereits von Baumrinde."

Ich glaube, da kommt mir gerade eine gute Idee.

"Laß deine Leute mal da draußen antreten, ich habe ihnen was zu sagen. Und du", er wies auf Fior, "kommst auch mit."

Kurz darauf stand der Zauberer den Neusiedlern gegenüber. Es herrschte gespannte Aufmerksamkeit.

Der Schwarze König wies auf den golden schimmernden Drachen. "Einige von euch müßten sich noch an Fior und seine beiden Töchter Otia und Tatra erinnern. Die drei haben mit euch zusammen gekämpft und sind dann de Roqueville in die Hände gefallen." Ein paar der Männer und Frauen nickten verhalten.

Calract fuhr mit erhobener Stimme fort: "Nun, das ist Fior. Und die beiden Mädchen habt ihr ja auch schon gesehen. Ich habe die drei kurz vor dem Tod gerettet und ihnen diese wunderbaren eleganten Körper gegeben." Sind sie nicht toll geworden! Calract war von seinem Werk immer noch ganz hingerissen.

"Früher hatte ich viel mehr Flugdrachen, aber im großen Krieg wurden alle bis auf drei von den verdammten Hexen und der Weißen Prinzessin getötet. Mit Fior und seinen Töchtern sind es jetzt wieder sechs, aber wir brauchen viel mehr. Denn ..." Er hob dozierend die Hand, "... zu Essen gibt es mehr als genug, aber nicht hier, sondern im Weißen Königreich. Wenn ich aber die Drachen losschicke, dort einzukaufen, dann haben wir hier keinen Schutz mehr. Also brauchen meine Luftstreitkräfte dringend Verstärkung!"

Er machte eine Kunstpause und fuhr dann mit erhobener Stimme fort: "Ich brauche ungefähr zehn Freiwillige. Überlegt es euch, und wer so ein wundervoller Drache werden und Feuer speien können will, der soll sich bei mir melden. Allerdings gibt es ein Problem: für jeden Drachen brauche ich ungefähr zwei Tage. Das gibt dem Feind Zeit, seine Truppen zusammenzuziehen, und verschärft hier die Versorgungskrise. Aber ich weiß schon, wie ich das mache. Also, gibt es schon einen Freiwilligen?"

Es meldeten sich mehr als die gesuchten zehn. Viel mehr. Calract wählte als erste eine ältere Frau namens Nora aus.

Dann befahl er Fior, sogleich in Schwarze Königreich zu fliegen und Hotaru zu holen. Und Tatra bekam den Befehl, unverzüglich Tschuri aus dem Gartenland herbeizuholen. Dann ließ er einige seiner Dämonen ausschwärmen, um nach Eßbarem zu suchen.

"Wir müssen noch etwas warten, bis Fior wieder da ist. Und von seiner Tochter Otia, die ich zu Roqueville geschickt habe, brauche ich auch noch Nachricht."

Die ließ nicht lange auf sich warten. Angesichts der Lage hatte der General seinen Auftrag als ruhend erklärt: der Feind existierte nicht mehr, und in einen Kampf der Zauberer und Dämonen wollte de Roqueville sich auf keinen Fall einlassen. Wenn die Gefahr durch Njala tatsächlich von Calract gebannt werden sollte, dann würde er die Kirchenländer verlassen, ins Königreich Delandau zurückkehren, seinen Abschied nehmen und sich anderswo nach Arbeit umsehen. Irgendwo war schließlich immer Krieg.

"Wofür brauchen wir Hotaru?", wollte Hedrass wissen.

"Ganz einfach: de Roqueville ist draußen, aber zwei Feinde sind noch übrig: die regulären Kirchentruppen und Njala. Und beide wird Hotaru euch von Halse halten, bis ich mit den Drachen fertig bin."

*

Der 29.10.1247 war ein wunderschöner, sonniger Herbsttag in Trok. Aber nicht deswegen würde er den Menschen dort lange in Erinnerung bleiben. Denn am Morgen dieses Tages, als gerade der Markt öffnete, landeten auf dem großen Platz drei schimmernde, furchteinflößend aussehende Drachen.

Es dauerte immerhin ein paar Minuten, bis die Stadtwache soweit war, sich schwer bewaffnet und vorsichtig den drei Drachen zu nähern. Doch wie überrascht waren die Soldaten, als ihnen ein wunderschönes junges Mädchen entgegentrat, das auf einem der Drachen geritten war.

Das Mädchen wirkte zart und ziemlich ungefährlich. Und es begrüßte die Soldaten mit einem fast schüchternen Lächeln.

"Bitte fürchtet euch nicht. Ich bin Tschuri, und wir sind gekommen, um Nahrungsmittel einzukaufen." Aus ihrem Brustbeutel zog sie einige schwere Golddublonen hervor und hielt sie hoch. Dieses Geld würde reichen, den gesamten Markt leerzukaufen.

Die Soldaten waren ziemlich verwirrt, und einer von ihnen lief los, um den Bürgermeister zu holen. Doch die Marktweiber waren schneller. Sie erkannten mit sicherem Instinkt das Geschäft, das sie hier machen konnten, und mochten die Münzen auch aus den sagenumwobenen Unendlichen Land stammen, Gold war Gold.

Als der Bürgermeister und seine Truppe eintraf, war der Handel schon in vollem Gange.

"Eigentlich", meinte er zu seinen Soldaten und Beamten, "ist es doch ein erfreuliches Zeichen, wenn Menschen und Dämonen so friedlich miteinander umgehen."

Diese Ansicht teilten die meisten der Angesprochenen nicht. Viele von ihnen hatten im Lunaloc-Krieg gegen genau diese Dämonen gekämpft und ihre Kameraden fallen sehen. Die wenigsten trauten Calract. Aber hier waren sie quasi vor vollendete Tatsachen gestellt und nahmen sie, wenn auch zähneknirschend, erst mal so hin.

Sack um Sack luden die beiden Dämonen, die Tschuri begleitet hatten, auf die Drachen, bis das Gold alle und diese voll beladen waren. Calract hatte Trok deswegen ausgewählt, weil es die nächstgelegene größere Weiße Stadt war und er wußte, daß dort in diesem Jahr eine Rekordernte eingefahren worden war, was ironischerweise den Bauern mehr schadete als nützte, denn es drohte die Preise verfallen zu lassen. Um so willkommener war ein so zahlungskräftiger neuer Großkunde.


Tschuri händigte die letzte Golddublone aus. Sie wußte sehr genau, daß diese ein Vielfaches dessen wert war, was sie dafür an Nahrungsmitteln und Getreide bekommen hatte. Aber Gold hatte der Schwarze König genug, und der Gegenwert war letzten Endes das Leben von zweitausend Menschen.

Problematisch war die Sache natürlich schon: zu viel Gold würde es wertlos machen und eine Inflation nach sich ziehen. Auch Calract war sich dieser Problematik bewußt, aber in diesem Fall hatte er dennoch zugestimmt. Es war der erste Handel dieser Art, und er wollte sich durch Großzügigkeit Pluspunkte verschaffen.

Zufrieden sah Tschuri sich noch mal um und ließ den Blick ihrer im Sonnenlicht dunkelblauen Augen über den schön gestalteten Marktplatz mit seinem eleganten Brunnen schweifen. Die Spuren des Krieges gegen Arcadia waren längst beseitigt, und nun sah man der Stadt ihren Reichtum wieder an. Da blieb ihr Blick an irgend etwas hängen. Verwirrt versuchte sie zu erkennen, was da ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Hinter einem der Stände bemerkte sie eine Bewegung, als verstecke sich dort jemand.

Tschuri wies die beiden anderen Drachen an, schon mal loszufliegen. Sie selbst hatte vor, in ein paar Minuten nachzukommen. Inzwischen hatten eine Menge neugieriger Kinder die Drachen umringt und ganz unbefangen ihre kleinen Hände über ihre glitzernden Schuppen streichen lassen, bis sie von ihren nervösen Eltern wieder weggezerrt wurden.

Langsam ging Tschuri, die extra zu dieser Gelegenheit schöne Kleider und ihre weißen Stiefeletten angezogen hatte, auf den Stand zu und umrundete ihn dann. Und tatsächlich, hinter ein paar aufgetürmten Körben versteckte sich jemand - ein Kind, wie es aussah. Als es schließlich seinen Kopf hervorstreckte und mit ängstlichen Augen aufsah, daß fühlte Tschuri einen Stich in ihrem Herzen wie noch nie zuvor in ihrem Leben.

"Rió!"

"Tschuri?"

"Rió, du bist es wirklich."

Mit Tränen der Freude in den Augen fielen die beiden Schwestern einander in die Arme.

"Oh mein Gott, Tschuri, wie ich mich freue, daß du noch lebst. Wir waren alle sicher, daß du ..." Rió konnte den Satz nicht vollenden, sondern brach in Freudentränen aus.

Und auch Tschuri brachte erst mal kein Wort heraus, so überwältigend war die Wiedersehensfreude mit ihrer kleinen Schwester, die sie längst für tot gehalten hatte. Schließlich sagte sie: "Fast wäre ich wirklich gestorben unter den brennenden Trümmern. Daß ich noch lebe, ist irgendwie schon eine Wunder." Sie erzählte Rió dann, wie sie von der Prinzessin Alessandra gerettet worden war. Gerade wollte sie nach ihrer Familie fragen, als hinter ihr mit einem gewaltigen Windstoß Tatra landete. "Tschuri, wir müssen los!"

"Nein, Mädchen, ich kann jetzt nicht. Ich habe zum ersten Mal seit damals wenigstens einen aus meiner Familie wieder getroffen. Sag' Calract, daß ich hierbleibe und versuche herauszufinden, was aus ihnen allen geworden ist."

Tatra schüttelte ihr Haupt, das auf einem langen Schuppenhals saß, und sagte mahnend: "Deine Familie sind jetzt wir. Du bist kein Mensch mehr, und das ist nicht mehr deine Schwester. Vergiß das nie!"

Tschuri setzte zu einer heftigen Erwiderung an, aber Tatra legte ihre gespaltene Zunge auf ihre Lippen. Dann sagte sie: "Ich komme wieder, wenn ich die Sachen abgeliefert habe. Bitte tue bis dahin nichts Unüberlegtes."

Tschuri und Rió, die sich ängstlich an ihre große Schwester klammerte, brachten kein Wort mehr heraus. Mit großen Augen sahen sie den Drachen starten und mit schnellen Flügelschlägen Richtung Osten verschwinden.

Es stimmte. Die Emotionen hatten Tschuri überwältigt. Die Freude, wenigstens ihre kleine Schwester wiederzusehen. Aber wäre es nicht besser gewesen, wenn diejenigen von ihrer Familie, die noch am Leben sein mochten, sie für tot hielten?

Schluchzend umarmte sie Rió und drückte sie ganz fest an sich.


Tschuri war bekannt für ihre Intelligenz, und Rió stand ihr darin nicht nach. Sie brauchte ihr nicht viel zu erklären, doch Rió sagte: "Es ist mir egal, ob du eine Fee oder was immer bist. Für mich bist und bleibst du meine über alles geliebte große Schwester."

Tschuri wollte etwas antworten, brachte aber außer Tränen nichts hervor.

Irgendwann aber beruhigte sie sich wieder, und jetzt erst fiel ihr auf, in welch erbärmlichen Lumpen Rió gehüllt war. Und so dünn war sie.

Riós Augen leuchteten auf, als sie bemerkte, daß es Tschuri aufgefallen war. Die beiden verstanden sich ohne viele Worte.

"Es geht dir nicht gut, Rió?"

Diese schüttelte den Kopf.

"Nach der Flucht wurden wir getrennt. Ich wurde gefangen und als Sklavin verkauft."

Tschuri zuckte zusammen.

"Nein, so schlimm war das gar nicht. Im Gegenteil. Aber seit der Goldenen Königin betrachtet man es hier im Weißen Land als nicht mehr schicklich, Sklaven zu halten, und so wurde ich wieder freigelassen. Ach, hätten sie mich doch nur behalten. Sicher, ich mußte schwer arbeiten, aber das mußten alle, und es macht mir nichts aus, und so hatte ich wenigstens eine Art Familie und zu essen. Jetzt bin ich frei, aber ich habe gar nichts ... nur Hunger."

Tschuri seufzte. Sie hatte all ihr Geld ausgegeben. Wozu hätte sie auch welches behalten sollen, sie selbst brauchte ja nicht mal Nahrung. Doch die Blicke ihrer hungrigen kleinen Schwester brachen ihr fast das Herz. Also würde ihr nichts anderes übrigbleiben, als bei den Marktweibern, die sie so gut bezahlt hatte, zu betteln.

Das war immerhin sehr erfolgreich. Die Geschichte machte schnell die Runde, und man setzte den beiden Mädchen eine riesige Ladung Essen vor. Mehr aus Höflichkeit langte auch Tschuri ordentlich zu, überließ aber Rió den Löwenanteil.

Die Troker erwiesen sich als überraschend freundlich. Offensichtlich waren sie von der Geschichte tief gerührt. Und wer hätte gedacht, welche menschlichen Eigenschaften so eine unheimliche Lunaloc-Dämonin doch haben konnte. Später führte Tschuri ihnen vor, wie sie sich verfärben konnte, und das brachte alle in großes Erstaunen. Tschuri war mehr als froh, daß sie als Dämonin hier ausnahmsweise mal nicht Furcht, sondern Neugier erregte.

Später zog sie sich dann mit Rió zurück.

Was soll aus ihr werden?

Die beiden brauchten nicht viele Worte, um die Probleme zu erkennen.

"Ob ich auch eine Dämonin werden kann?"

Tschuri atmete heftig ein. Diesen Satz hatte sie befürchtet. Calract hatte sie damals gezwungen, eine Lunaloc-Dämonin zu werden. Sie hatte sich damit abgefunden und in ihrem neuen Leben ihren Platz gefunden, doch sie wollte auf keinen Fall, daß ihre Familienmitglieder, sofern sie überhaupt noch am Leben waren, da mit hineingezogen wurden. Und so erwiderte sie energisch: "Auf keinen Fall. Das verbiete ich!"

Rió sah Tschuri überrascht an, doch ihr Tonfall duldete keinen Widerspruch.

"Rió, du bist ein tapferes, kluges Mädchen. Ich bin sicher, du wirst dein Leben meistern. Aber ... vielleicht ist es besser, wenn wir uns nie wiedersehen. Alessandra hat gesagt, die Welt der Sterblichen und der Unsterblichen sollte für immer getrennt bleiben. Und damit hat sie völlig recht."

Rió antwortete nicht, aber Tränen liefen über ihre Wangen, und schließlich legte sie den Kopf in Tschuris Schoß und schluchzte leise. Tschuri streichelte sie sanft über ihr schwarzes, dichtes Haar.

Später in der Nacht erschien Tatra wieder.

"Aha, da seid ihr beiden ja. Hier, kleine Rió von Palato." Sie gab Rió einen Beutel mit Geldstücken.

"Calract hat mit uns geredet. Er bietet dir Arbeit an", brummte sie.

Rió sah den riesigen Drachen überrascht an. "Arbeit?"

"Ja. Für seine Pläne ist unglaublich viel zu organisieren, zunächst mal Lebensmittel. Du wirst sie bei den Bauern oder hier auf dem Markt einkaufen, und ab und zu kommen wir und holen die Sachen ab. Außerdem werden die Züge der Neusiedler hier durchkommen. Du wirst dich um sie kümmern. Zehn Prozent von dem Geld hier sind dein Lohn, der Rest ist für die Unkosten. Calract hat gesagt, daß er eine ordentliche Abrechnung verlangt. Na, wie ist es? Nimmst du an?"

Tschuri sah erst Tatra, dann Rió an. Sie war sprachlos. Dabei sollte sie ihren Vater inzwischen eigentlich kennen. Riós Herz klopfte so heftig, daß sie meinte, selbst Tatra müsse es noch hören können. Ihre Wangen glühten, und vor Aufregung brachte sie kein Wort heraus, sondern nickte nur heftig und drückte den Beutel mit dem vielen Geld ganz fest an sich. Tschuri ... Calract ... die Drachen - hier öffnete sich für das junge Mädchen eine Welt, von der es bisher nicht einmal hatte träumen können.

Der Drache brachte tatsächlich ein aufmunterndes Lächeln auf seinen langen Reißzähnen zustande. Ein letztes Mal umarmte Tschuri ihre Schwester, dann stieg sie auf Tatra und ließ sich von ihr in die Nacht davontragen.

*

Am nächsten Tag war Calract wieder da. Und bei sich hatte er einen neuen Drachen: Nora.

"Bevor ich mit den übrigen Drachen weitermache", erklärte er Tschuri und den anderen, "werde ich erst mal das Verbindungsbüro in Kalohe eröffnen und ein ernstes Wörtchen mit dieser Njala reden."

"Warum willst du diese Rekrutierungsstelle ausgerechnet in der größten feindlichen Stadt weit und breit eröffnen?", wollte Tschuri wissen.

"Erstens spricht sich das schneller herum, zweitens können die Priester es dann nicht so leicht abschirmen, als wenn es irgendwo im Wald läge, und drittens, wenn ich das durchdrücke, ist auch gleich von Anfang an geklärt, daß die Priester nichts dagegen unternehmen können." Mit anderen Worten das gute alte Recht des Stärkeren.

Den größten Teil seiner neuen Untertanen ließ Calract dann zusammen mit der Hälfte der Lunaloc-Armee über die Via Genra nach Westen abrücken, angeführt von Tschuri und Hotaru, und versorgt von drei der Drachen, die eine Art Luftbrücke nach Trok und einigen anderen Weißen Städten aufbauten. Der Zauberer war verblüfft über die Veränderung, die mit diesen Menschen vor sich gegangen war. Vor zwei oder drei Tagen noch halb verhungerte Räuber und Banditen, die im Grunde mit dem Leben abgeschlossen hatten, waren sie jetzt in eine geradezu fiebrige Aufbruchsstimmung verfallen. Zum ersten Mal in ihrem Leben gab ihnen jemand eine Chance, glaubte an sie, gab ihnen Hoffnung und eine Zukunft. Zufrieden sah Calract dem langen Zug nach Westen nach. Er selbst wandte sich nach Osten, nach Kalohe.

Etwa einen Tagesmarsch entfernt traf er auf eine hastig zusammengezogene Armee der Bischöfe. Die Schlacht war heftig aber kurz, und dank seiner Zauberkräfte, der Stärke der Dämonen und der Luftunterstützung durch die vier übrigen Drachen trug er einen glänzenden und praktisch verlustfreien Sieg davon. Verlustfrei übrigens auf beiden Seiten, denn nach dem ersten Angriff der feuerspeienden Drachen flohen die schlecht ausgebildeten, abergläubischen Soldaten in hellen Scharen.

Calract ließ nachsetzen und so viele wie möglich einfangen. Den Gefangenen erklärt er dann, um was es ihm hier ging, danach ließ er sie laufen. Zumindest die, die nicht spontan auf seine Seite wechselten, denn unter den bischöflichen Soldaten waren viele zum Dienst Gepreßte, die dem Zauberer mehr trauten als ihren eigenen Herrschern.

Im Eiltempo ging es dann weiter, und am kühlen, trüben Morgen des 1.11.1247 stand Calract vor den Toren Kalohes.

Er war allein, alle seine Leute und Dämonen waren ein paar Kilometer weit entfernt in Sicherheit vor dem Pfeilregen und dem brennenden Öl, das den Zauberer erwartete. Die Bevölkerung der Stadt wehrte sich wie besessen, schoß Unmengen an Pfeilen und schweren Steinen auf ihn ab und goß kochendes Wasser und heißes Pech und brennendes Öl von der Stadtmauer herab. All das beeindruckte Calract jedoch nicht im Geringsten. Wie ein Geist trat er schließlich durch das geschlossene Tor hindurch und öffnete es eigenhändig von der anderen Seite. Dann ließ er den Splitter des Mondkristalles aufsteigen und sah hinein. Das Bild wies ihm den Weg zum Erzbischof.

Den ganzen Weg entlang drangen die Wachen und auch viele der Bürger wie wild auf ihn ein, konnten ihn aber nicht mal ankratzen. Ihre Menschen-Waffen gingen einfach durch ihn hindurch, als wäre er aus Luft.

Kalohe war eine ziemlich eng zusammengequetschte Stadt. Drei- und vierstöckige Gebäude waren die Regel, die Gassen waren schmal und unübersichtlich. Calract fragte sich, wie die Stadt es wohl hatte abwenden können, bei den Brandstiftungen nicht komplett bis auf die Grundmauern niederzubrennen.

Im Herzen der Stadt jedoch öffnete sich ein weiter, mit bunten Mosaiken gepflasterter Platz, hinter dem die Kathedrale und die Anlagen des Erzbischofes begannen.

Nett. Genau hier werde ich das Büro aufmachen. Aber erst hole ich mir die offizielle Erlaubnis des Erzbischofs. Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann. Er lächelte sein berühmtes wölfisches Lächeln.

Ohne daß ihn ein Mensch oder irgendein Hindernis hätte aufhalten können, drang Calract weiter vor.

Aha, er flieht. Zu spät, Kleiner, gleich bin ich bei dir.

Es dauerte keine fünf Minuten mehr, da trat Calract aus einer massiven Wand auf einen Gang hinaus, über den gerade in Panik der Erzbischof und die wichtigsten seiner Leute entlang hasteten.

"Halt!"

Mit ein paar Zaubertricks verlieh Calract seinem Befehl Nachdruck.

Der Erzbischof riß ein Kreuz hervor und begann wild zu beten, doch Calract ließ es kalt zerschmelzen und auf den Boden tropfen. Dann ging er zu dem Erzbischof und knallte ihm so eine, daß dieser von den Füßen gehoben in die nächste Ecke flog.

Wieder wollten die Soldaten sich auf den Zauberer stürzen, doch er war wie Luft, wie ein Phantom, und sie konnten ihm nichts anhaben.

Calract zauberte rings um die panikerfüllten Männer Feuer und ließ sie eine Zeitlang zappeln, bis sie einfach keine Kraft mehr hatten, sich weiter zu wehren. Dann trat er zu dem Erzbischof hin, der in seiner verkohlten, halb zerfallenen Kleidung gar keinen respektgebietenden Eindruck mehr macht. Immerhin war er körperlich unversehrt geblieben.

"Ich werde da draußen auf dem Platz vor deiner Kathedrale ein Verbindungsbüro eröffnen. Jeder Untertan im Kirchenland kann dort hinkommen, wenn er in meinem Land siedeln will. Und falls ihr Schwierigkeiten macht, dann komme ich wieder!"

Sprach's, drehte sich um und verschwand.

In aller Ruhe ging er anschließend zur Stadt hinaus. Seine Dämonen hatten inzwischen schon Bäume gefällt, daraus Bretter und Balken gesägt und auch das übrige Baumaterial für das Büro bereitgestellt. Sie nahmen es nun auf und gingen, Calract an der Spitze, zurück in die Stadt. Das Tor war zwar wieder geschlossen worden, aber der Schwarze König sprengte es mit einem Energieschuß rücksichtlos auf.

Der unheimliche Zug ging mitten durch Kalohe, diesmal unbehelligt, bis zum zentralen Platz. Dort begannen die Dämonen sofort damit, das Holzhäuschen aufzubauen, was sie in kaum zwei Stunden erledigt hatten. Später sollte es noch unterkellert werden, um mehr Platz zur Verfügung zu haben.

Derweil waren Calract und einige seiner Dämonen durch die Stadt gegangen und hatten Plakat-Anschläge gemacht und Flugblätter verteilt, in denen erklärt wurde, was eigentlich los war. Kaum anzunehmen, daß am Abend dieses Tages noch irgend jemand nicht wußte, daß unzufriedene Untertanen ab sofort in den fernen, unbekannten Westen in die Freiheit gehen konnten.

Den nächsten Tag verbrachte Calract noch persönlich in dem Büro. Die Lunaloc-Dämonen waren unauffällig verschwunden bis auf die drei, die das Büro leiten sollten, während viele der Bürger Kalohes begannen, sich hier herumzudrücken, teils aus Neugier, teil in der festen Absicht, Calracts Angebot anzunehmen. Auch einige von Gad'tas ehemaligen Soldaten waren wieder erschienen. Sie hatten ihre Familien eingesammelt und warteten nun darauf, mit dem nächsten Treck nach Westen aufzubrechen. Und so entstand in und vor dem kleinen Büro bereits in kurzer Zeit äußerst reger Betrieb.

Calract ließ bekanntmachen, daß er am folgenden Tag Njala erledigen, dann nach Kalohe zurückkehren und die bis dahin aufgelaufenen Siedler persönlich in das neue Land führen würde.

*

Njala! Zeige dich!

Calract stand am südlichen Ufer des Siina. Der gewaltige Fluß war völlig ruhig. Mit leisem Plätschern strömte er vor dem Schwarzen König dahin, Richtung Nordosten, wo irgendwo das sagenhafte Land Äräolahn liegen sollte. Von der Dunkelelfe war nicht das geringste Lebenszeichen auszumachen.

Na schön, dann eben mit der Brechstange.

Er aktivierte den Splitter des Mondkristalles, sein mächtigstes Zauberwerkzeug, und richtete dessen Energie auf den Fluß. Kilometer um Kilometer arbeitete sie sich wie eine unsichtbare Hand gleichzeitig stromauf- und abwärts. Doch nichts geschah. Stunde um Stunde verstrich, doch am Ende konnte der erschöpfte Zauberer nur feststellen, daß die Dunkelelfe unauffindbar war. Ohne Zweifel war sie vor ihm geflohen. Ziemlich weit offenbar.

Müde und enttäuscht schlurfte Calract über den Strand, der auch hier mit Treibgut und Trümmern übersät war, bis er den Wald erreichte, wo er sich unter einem Baum schlafen legte. Er hoffte, Njala damit vielleicht doch noch provozieren zu können. Doch auch in der Nacht geschah nichts. Calract kehrte also unverrichteter Dinge nach Kalohe zurück, ging zum Büro und aß erst mal etwas. Draußen vor dem Stadttor und auf dem Platz vor dem Büro warteten bereits an die tausend Menschen, alle mit Säcken und Taschen, teilweise auch Schub- und Pferdekarren, auf den großen Zug nach Westen, in die Freiheit. Überall standen Soldaten der Mönchsgarde herum, wußten aber nicht so recht, was sie eigentlich unternehmen sollten. Alles war überraschend friedlich, wenn auch in gespannter Atmosphäre.

Nachdem er zu Ende gegessen hatte, trat der Schwarze König vor die Versammelten hin und sprach: "Die Dunkelelfe Njala ist mir entkommen und verschwunden. Ich werde eine Reihe meiner Dämonen in der Nähe des Flusses belassen, damit ich sofort informiert bin, wenn sie wieder anfängt, hier ihr Unwesen zu treiben. Einstweilen ist der Fluß aber wieder sicher. Und was euch angeht: die Reise geht los!"

Es brach ein gewaltiger Jubel aus. Mit Calract an der Spitze und flankiert von Dutzenden Lunaloc-Dämonen, setzte sich der große Treck in Bewegung. Mit mißtrauischen und versteinerten Gesichtern sahen die Priester zu, wie ihre heilige Ordnung zerbröckelte und ihre Untertanen sie verließen. Und der ein oder andere warf seine Waffen und Ordenszeichen fort und schloß sich spontan dem Zug an.

*

Der Marsch mitten im Herbst war für so eine große Gruppe kein Kinderspiel, aber Calract hatte gut vorgesorgt. Rió, Tschuri und die Drachen hatten fleißig gearbeitet und konnten die beiden Siedlerzüge stets mit genügend, wenn auch nicht immer sehr abwechslungsreichem Essen versorgen. Bis zur Meyda-Brücke ging es über die Via Genra zwei Tage. Zwischendurch suchte Calract immer wieder nach Njala, außerdem plazierte er einige seiner Kinder an markanten Stellen. Ihnen würde ein erneutes Auftauchen der Dunkelelfe nicht entgehen, auch wenn sie integriert und damit im Ruhezustand waren.

In Gel-Almanaum spendierte Calract sich, seinen neuen Untertanen und auch den Bürgern der Stadt ein großes Fest. Fast schien es, als würde der Lunaloc-Krieg, in dem auch zahlreiche Ritter aus Gel-Almanaum an der Seite Alessandras gegen Calract gefochten hatten, langsam in Vergessenheit geraten. Der Schwarze König und seine unheimlichen Kreaturen wurden allmählich zur Normalität. Man war ihm sogar vielfach dankbar, daß er die Flußhexe vertrieben und die Stadt damit vor dem Ruin oder einem Angriff bewahrt hatte. Die ersten Frachtschiffe waren bereits wieder eingelaufen. Manche der Händler schienen es mit dem Geld verdienen verdammt eilig zu haben.

Weiter ging es durch das Weiße Königreich. Vor allem dank Rió und Tschuri klappte alles wie am Schnürchen. Zwischendurch verließ Calract den Treck für ein paar Tage, um in Lunaloc neue Drachen herzustellen. In dieser Zeit schloß der zweite Zug zum ersten auf und vereinigte sich mit ihm, was die Logistik etwas erleichterte. Die vielen Menschen waren nicht überall im Weißen Reich willkommen, vor allem wo dies nun schon Calracts zweiter Durchmarsch war. Doch alles blieb friedlich, und das viele Geld das der Zauberer für die Verpflegung der etwa 3.000 Menschen ausgab, tat ein übriges.

Ziemlich genau eine Woche später waren sie dann alle kurz vor dem Ziel und gleichzeitig vor dem größten Hindernis auf dieser Reise. Auf dem rechten Ufer des Siina hatte der Treck begonnen. In Gel-Almanaum waren sie auf das linke Ufer übergewechselt und hatten das Weiße Reich durchquert, doch nun mußten sie irgendwo auf das rechte Ufer zurück. Der vorhandene Weg nach Udor und Alessandrina, der auf der linken Seite verlief, führte tief hinein ins Schwarze Königreich mitten durch das Gebirge und war für diesen schwerfälligen Treck praktisch unpassierbar, vor allem zu dieser Jahreszeit. Doch Calract hatte bereits vorausgeplant. Das Schwarze Gebirge ließ sich nämlich leicht umgehen, wenn man den Siina überquerte, dann den Weg weiter im Westen durch das Niemandsland suchte und beispielsweise entlang des Mangiarra-Flusses zog, der etwas weiter flußabwärts im Weißen Gebiet in den Siina mündete und dessen Wasserreichtum nochmals deutlich vermehrte. Also vereinnahmte der Schwarze König kurzerhand den Gebietsstreifen zwischen der Ostgrenze, die Thoran vor einigen Jahren neu festgelegt hatte, und dem Mangiarra, und fügte ihn dem Schwarzen Königreich zu. Westlich und südwestlich dieses Streifens, also jenseits des Flusses, begann dann das eigentliche Siedlungsgebiet, das Calract aber als eigenständige Verwaltungseinheit führe wollte. Es würde kein Teil des Schwarzen Königreiches werden, sondern eine Art Kolonie.

Calracts Dämonen hatten eine Stelle ausgekundschaftet, wo die Leute den Siina, der bereits hier oben breit und sehr wasserreich war, zu Fuß durchqueren konnten. Die nächste reguläre Fährverbindung hätte es erst 200 Kilometer weiter stromabwärts im Sonnensee gegeben, und die nächste Brücke, eine der ganz wenigen, die es überhaupt gab, stand in Siinabal.

Das gefällt mir nicht. Aber diese Stelle ist ideal für etwas Anderes ...

Calract trat vor seine Siedler: "Hört mal zu, Leute. Genau hier ist die äußerste Nordwestgrenze des Weißen Reiches. Nördlich von hier liegt mein Land, das Schwarze Königreich, und im Süden und Westen ist eure neue Heimat, die Westkolonie." Er machte eine ausholende Handbewegung und fuhr dann fort: "Und direkt an dieser Stelle werden wir eine Brücke über den Siina errichten, als unverrückbarer Grenzposten und als Symbol für den Beginn der großen Westkolonisation."

Die Siedler zögerten nicht lange und begannen sofort mit den Bauarbeiten. Calract wies darauf hin, daß der Siina hier nicht immer so flach war. Die Brücke mußte und sollte auch stabil und solide ausgeführt werden, zunächst aus Holz, später dann vielleicht sogar mit Steinfundamenten. Das war aber kein Problem. Hier oben gab es mehr als genug riesige alte Bäume. Zudem befanden sich unter den Siedlern viele, die sich mit Statik und Architektur auskannten. Entscheidend erleichtert wurden die Arbeiten aber dadurch, daß Calract auch einige Drachen einsetzte, die Lufttransporte übernahmen. Es dauerte keine Woche, dann stand die neue Brücke.

Phantastisch. Fehlt nur noch ein Name. Aber da fällt mir etwas Nettes ein ...

Zwar waren die Konstrukteure und Bauarbeiten inzwischen tausende von Malen über die sich langsam vollendende Brücke gelaufen, aber für die feierliche Eröffnung hatte man schließlich ein schwarzes Tau quer über die Brücke gespannt. Es war der 15. Dezember 1245, als Calract mit einem Streich seines Schwertes das Tau entzweihieb. "Hiermit taufe ich dich auf den Namen Njala-Brücke. Mögest du allen, die dich überqueren, Glück bringen."

Über die Brücke zog der Treck aber nicht direkt nach Westen, sondern zunächst nach Udor und Alessandrina, von wo aus alles organisiert und verteilt werden sollte.

*

Hotaru hatte mit dem Bau einiger Stichkanäle, die vom Mangiarra-Fluß nach Westen in das neue Land führten, beginnen lassen. Es war für alle eine harte Knochenarbeit, vor allem jetzt im Winter, aber jeder Siedler hatte bereits sein Stück Land zugeteilt bekommen und wußte, wofür er hier schuftete. Versorgt wurden die Menschen von Udor und Alessandrina aus, die wiederum den Nachschub zum Teil aus dem Schwarzen Reich, zum Teil aber auch aus dem Weißen Königreich und dem Land Karls geliefert bekamen.

Die Eiserne leitete die Arbeiten, an denen sich neben den Siedlern selbst auch Lunaloc-Dämonen beteiligten, die wegen ihrer Kraft, Ausdauer und Genügsamkeit eine unschätzbare Hilfe waren. Viele der Pläne stammten von Tschuri, deren wache Intelligenz so manches Problem erst lösbar gemacht hatte. Hotaru fiel vor allem ein junger, gutaussehender, aber schweigsamer Mann auf, der anscheinend von den anderen als eine Art Anführer betrachtet wurde. Wenn es Streit gab, kamen sie jedenfalls zu ihm. Sie erfuhr, daß sein Name Gad'ta war, und man erzählte ihr auch seine Geschichte.

Zunächst freute Hotaru sich, mit ihm etwas zu besitzen, das Alessandra sehr viel bedeutet hatte. Doch es dauerte nicht lange, da begann sie für den sich so unvergleichlich elegant bewegenden Mann mit der starken Aura eine gewisse Zuneigung zu verspüren. Gad'ta war so vollkommen anders als dieser schleimige Wilhelm Golnip, den sie oben an der Baustelle des Schwarzen Schlossen zurückgelassen hatte, und so machte die Eiserne Gad'ta kurzerhand zu ihrem Siedlungs-Assistenten.


"Sieh mal an, was wir da haben", murmelte Tschuri. Die Bauarbeiten hatten inzwischen einiges an Erdreich bewegt, und dabei waren auch interessante Steine ans Tageslicht gekommen. Was Tschuri hier einfach so am Rande einer der neuen Straßen aufgelesen hatte und nun im Wasser des ebenfalls neuen Kanals abwusch, war ein nicht gerade kleiner roher Smaragd.

Die schöne Dämonin hatte schon öfters Hinweise darauf bekommen, daß es im Schwarzen Königreich mehr gab als Kälte, Schnee und arme Leute. Aber die Schwarzen Könige hatten stets die unerschöpflichen Goldquellen des Unendlichen Landes zur Verfügung gehabt. Zauberei und Macht, das war es, auf was sie aus gewesen waren. Das Wühlen im Dreck hatte sie nie interessiert, viele hatten es ihren Untertanen sogar ausdrücklich verboten, wahrscheinlich, weil sie genau gewußt hatten, was die armen Leute dann finden und daß sie dann nicht mehr arm sein würden. Tschuri vermutete, daß sich unter Calract jetzt so manches ändern würde, denn er hatte zum Unendlichen Land ein ziemlich reserviertes Verhältnis. Das die junge Dämonin übrigens durchaus teilte.

Aber ich muß mich beeilen.

Es war inzwischen Ende Dezember, und Calract würde das Schwarze Königreich bald wieder verlassen und ins Gartenland zurückkehren.

Da kam es ihr gerade recht, daß Calract zu einer großen Besprechung rief, die er vorher noch abhalten wollte. Kolonialversammlung nannte er sie. Geladen waren neben Hotaru, Tschuri, Hedrass, Fior und Gon auch Kyraia, Gad'ta sowie der Oberbürgermeister von Alessandrina, ein älterer Mann namens Kalinow, und einige Verwaltungsleute.

Am 25.12.1247 fand die Versammlung in der großen Ratshalle von Alessandrina statt. Wobei die große Ratshalle gerade mal eine hastig erweiterte Bretterbude war, doch etwas Anderes gab es eben noch nicht.


"Weil diese Stadt der ideale Ausgangspunkt für die Westkolonisierung ist, habe ich beschlossen, Alessandrina zur Verwaltungshauptstadt des neuen Landes zu machen", begann der Schwarze König seine einleitenden Worte.

Alessandrina, von Thoran erst vor wenigen Jahren gegründet, hatte bis dahin als abgelegenes Provinznest mit zuletzt knapp 1000 Einwohnern vor sich hingedümpelt und allenfalls ab und zu eine Handvoll Leute zum Tunnelbau entsandt. Doch das hatte sich nun schlagartig geändert. Calract hatte eine Karte aufgehängt, die das Schwarze Königreich, den Nordwesten des Weißen Landes und ein gutes Stück des Ödlandes zeigte, und befohlen, diese hängenzulassen und die Fortschritte der Kolonisierung hier einzutragen.

Die Versorgungslage war ungünstig. Die nächste Ernte - die erste überhaupt - konnte erst in einem guten halben Jahr eingefahren werden. Bis dahin mußten die Siedler einerseits hart arbeiten, denn es gab nichts: keine Häuser, keine Felder, keine Wege. Nur das überfüllte Alessandrina als Ausgangsbasis, die kargen Ressourcen des Schwarzen Königreiches, dessen Untertanen sowohl ihrem neuen König als auch den neuen Siedlern mehr als zurückhaltend gegenüberstanden, und die improvisierten Nachschubwege aus den Nachbarreichen.

Immerhin mangelte es nicht an Holz, und aus den Bergen bekamen die Leute es über den Fluß auch leicht heraus. So manches kleine Farmhaus war schon zusammengenagelt, so manche Scheune wartete schon auf das Getreide, das ab nächstem Jahr dort lagern sollte. Pioniergeist und Stolz auf das bereits Geleistete machten sich breit. Tschuri hatte ein paar Vorgaben für die Bauausführung gemacht um Verluste durch Nässe und räuberische Nager zu minimieren. Derweil ritten einige der Siedler durch das wilde, offene Land und fingen die Tiere, auf die sie dort stießen. Die wilden Pferde würden den Grundstock für Zuchten abgeben, die anderen Tiere lieferten Fleisch und Felle. Und in dem so karg wirkenden Land fanden sich erstaunliche Mengen davon. Die ersten Ansätze einer wirtschaftlichen Unabhängigkeit begannen sich abzuzeichnen.

Calract hatte auch Steuern vorgesehen, die er nun bekanntgab: fünf Prozent aller Erträge gingen in seine Privatkasse. Fünf Prozent bekam die Schwarze Großfürstin, die sie für sich behalten oder verwenden konnte, wie sie das für richtig hielt. Und weitere zehn Prozent gingen in die Kasse von Alessandrina. Davon sollte all das bezahlt werden, was zur Erschließung des neuen Landes nötig war, von Kanälen und Straßen bis zu Reitern und Friedensrichtern. Bis zur nächsten Ernte waren die Steuern jedoch erlassen. Bis die Siedler etwas besaßen, von dem sie Steuern zahlen konnten.

Der Schwarze König kam dann auf die Verwaltung zu sprechen.

"Hotaru Katare wird weiterhin als Großfürstin das Schwarze Königreich regieren. Das Neuland wird davon verwaltungsmäßig abgetrennt sein, aber bis auf weiteres ebenfalls von Hotaru in Personalunion regiert. Hauptstadt ist zunächst Alessandrina, das allerdings selbst nicht Bestandteil des Siedlungsgebietes sein soll. Übrigens hat das neue Gebiet noch keinen richtigen Namen. Hat jemand eine gute Idee?"

Es kamen ein paar Vorschläge, aber begeisternd war keiner davon, und so bleib es erst mal bei der provisorischen Bezeichnung Westkolonie oder Westland.

Es gab eine Unmenge Details zu regeln, wobei hier vor allem Gyunter Kalinow und Gad'ta angesprochen waren, die sich Tag für Tag mit allen möglichen Problemen vor Ort herumschlagen mußten. Das meiste von dem, was angesprochen wurde, delegierte Calract an die Großfürstin. "Ach, und übrigens Hotaru: der Wiederaufbau des Schwarzen Schlosses hat gar keine Eile. Die Arbeiten hier im Westland sind viel wichtiger."

Hotaru antwortete mit einem ironischen Lächeln. Die Arbeit hier unten in der Kolonie machte ihr sowieso viel mehr Spaß als oben in dem öden Gebirge, wo es außer Bergen, Eis und verhärmten Menschen nichts gab. Sollte sich Wilhelm Golnip ruhig dort abarbeiten.

Calract teilte dann seine Lunaloc-Dämonen ein. Etwa hundert von ihnen würden ständig zur Verfügung stehen, um den Siedlern zu helfen, darunter auch ein oder zwei der Drachen. Ein Kontingent schickte er ins Gartenland, denn er empfand die Notwendigkeit, auch dort eine gewisse Streitmacht zu unterhalten, für alle Fälle. Der Rest sollte sich wieder im Schwarzen Königreich integrieren.

Tschuri wollte vorläufig auch in der Westkolonie bleiben und an einigen wissenschaftlichen Projekten arbeiten. Calract regte sie an, über die Gründung einer wissenschaftlichen Akademie nachzudenken.

Das nächste Projekt, das Calract vortrug, war die Errichtung einer regulären Postverbindung zwischen den Teilen seines Landes und den Verbindungsbüros. Es würden aber keine Postkutschen fahren, sondern Drachen fliegen, sodaß ein Brief spätestens am übernächsten Tag am jeweiligen Ziel sein würde. Auf Anregung Tschuris sollte dieser Dienst jedermann gegen Bezahlung offenstehen. Das brachte nicht nur Geld, sondern würde auch die Akzeptanz von Verbindungsbüros in den Städten der umliegenden Reiche gewaltig verbessern. Calract würde damit einen Dienst schaffen, der in kürzester Zeit unentbehrlich und nicht mehr wegzudenken sein würde. Erste Stationen sollten Kalohe, Alessandrina, die Weiße Hauptstadt und das Gartenland sein. Trok stand auf der Wunschliste.

Die Aussprache ging dann noch etwa zwei Stunden weiter. Schließlich beendete Calract sie, zog ein sehr optimistisches Resümee, verabschiedete sich von seinen Leuten und machte sich dann auf den Weg in den sonnigen Süden.

Tschuri organisierte sich ein paar Dämonen und begann am Stadtrand von Alessandrina mit der Errichtung eines größeren Gebäudes, in dem sie ihre wissenschaftliche Akademie einquartieren wollte. Außerdem kontaktierte sie Rió wegen der Aufnahme Troks in die Drachenpost.

Und Hotaru, Gad'ta und ihre Leute kehrten zu ihrer routinemäßigen Verwaltungsarbeit zurück.


22. Kapitel - Calracts erste Liebe

Es war Ende Dezember des Jahres 1247, als die Wachen auf den Mauerkronen der Weißen Hauptstadt eine Gruppe von zwölf Rittern erblickten, die sich von Osten kommend auf der Straße, die nach Hatti und Trok führte, näherten. Einer der Ritter trug die Fahne des Fürstentums Botha, die im eisigen Wind flatterte und den Wachen verriet, daß kein Feind anrückte.

Es dauerte noch fast zwei Stunden, bis die Ritter ihre Pferde durch den tiefen Schnee getrieben hatten und am Südtor angekommen waren. Man hatte König Harro und Alessandra ihr Kommen bereits annonciert, aber angesichts des schlechten Wetters hatten die Majestäten darauf verzichtet, die Delegation bereits am Tor zu empfangen. Der Majordomus Adalbert hatte den Rittern stattdessen ein kleines Empfangskomitee entgegengeschickt. Die Ritter wünschten zunächst in einer warmen Gaststätte abzusteigen und ersuchten für den folgenden Tag um eine Audienz beim Weißen König.

Überraschenderweise befand sich unter der Abordnung auch Fürst Wilhelm von Botha persönlich. Als man König Harro und Prinzessin Alessandra dies zutrug, zögerten die beiden nicht und eilten zur Weißen Krone, dem bekanntermaßen besten Hotel der Stadt, in dem der Fürst mit seinen Rittern ihre Zimmer bezogen hatten, um den hohen Besuch zu begrüßen.

Fürst Botha war ein würdiger, älterer Mann, ein echter Ritter wie aus dem Bilderbuch, mit edlen Zügen und edler Gesinnung, ebenso geschickt mit dem Schwert wie auf dem Tanzboden, und die grauen Haare, die ihm das Alter inzwischen beschert hatte, ließen ihn nur um so interessanter aussehen. Nur mit der Verwaltung seines Reiches schien er keine glückliche Hand zu haben, wenn man sah, wie arm die Leute dort waren im Vergleich zu ihren Nachbarn im Weißen Reich.

Alessandra hatte den Fürsten bisher in ihrem Leben nur wenige Male persönlich gesehen und auch nur ein paar Worte mit ihm gewechselt, denn er verließ sein Land nur selten. Aber König Harro und er waren Freunde aus alten Tagen, und dementsprechend war die Wiedersehensfreude groß.

Der Weiße König, seine Tochter, der Fürst und einer seiner engsten Vertrauten, ein Graf Spaa, wurden von Mansor Kumm in einen separaten, erlesen eingerichteten Raum geführt, in dem sie sich ungestört unterhalten und ihr Wiedersehen feiern konnten, doch Botha lehnte dies rundweg ab und belegte stattdessen mit seinen Rittern einige aneinandergestellte Tische im großen Speisesaal, wo auch die normalen Gäste bewirtet wurden. Nach der beschwerlichen Reise durch das eisige Land wollte er seine Getreuen nicht einfach so abschieben, sondern zumindest mit ihnen gemeinsam speisen. Alessandra gefiel das, kannte sie doch mehrere dieser Ritter noch aus dem Lunaloc-Krieg, wo sie tapfer und bravourös an ihrer Seite gekämpft hatten. Und so kam man schnell und ungezwungen ins Gespräch.

"Sag', mein lieber Wilhelm, was führt dich mitten im Winter zu uns?" wollte der Weiße König wissen, als sie schließlich alle in großer Runde bei Braten und Wein beisammensaßen.

"Nun, nach dem Kalender hat der Winter vor genau acht Tagen erst begonnen, und bei uns in Royal Haslach war es, als wir losritten, so warm, daß wir unterwegs nicht mal Decken gebraucht haben. Wer konnte schon ahnen, d..."

Der Rest des Satzes blieb ihm im Hals stecken und er und alle anderen bekamen große Augen, als plötzlich die Eingangstür geöffnet wurde und ein Wesen eintrat, wie man es außerhalb der Weißen Hauptstadt selten zu sehen bekam.

"K ... Kyraia", rief selbst Alessandra fassungslos, denn so hatte sie die Lunaloc-Dämonin, die das Schwarze Verbindungsbüro leitete, noch nie gesehen.

Kyraia erfreute sich vor allem bei den Kindern und den jungen Männern der Stadt großer Beliebtheit. Bei den Kindern deshalb, weil sie selbst innerlich noch ein halbes Kind war. Sie war zu ihnen immer freundlich und verteilte oft Süßigkeiten, tröstete sie, wenn sie Kummer hatten, und hatte alle Herzen schnell erobert. Und bei den jungen Männern wegen ihrer unvergleichlichen Schönheit und Grazie, die sie mit ihrem nackten Körper stets unverhüllt zum Ausdruck brachte. Sie war sich dieses Umstandes und seiner Konsequenzen natürlich sehr wohl bewußt, dennoch war ihre Nacktheit keine vorsätzliche Provokation, sondern einfach Ausdruck ihrer natürlichen Unschuld und ihres wunderschönen, perfekten Körpers. Die Männer wiederum wußten natürlich, daß die Dämonin für sie unerreichbar war, dennoch war das Verbindungsbüro immer gut besucht.

Die Frauen der Weißen Hauptstadt hingegen - Alessandra und einige wenige andere ausgenommen - haßten die Dämonin deswegen und ließen keine Gelegenheit aus, sich das Maul über sie zu zerreißen. Etwas zu unternehmen trauten sie sich allerdings nicht. Wie so viele andere Menschen waren auch sie nur mit Worten mutig.

Jedenfalls, wann immer man Kyraia zu sehen bekam, ob in ihrem Büro, auf dem Markt, unterwegs in den Straßen oder sogar im Weißen Palast, nie trug sie auch nur einen Faden Stoff auf dem Leib, nichts außer den goldenen Ringen um Hals und Handgelenke und golden lackierte Finger- und Zehennägel. Und mit ihren auslandenden weißen Schwingen sah sie aus wie ein Engel, ein esoterisches Wesen, das aus einer anderen Welt auf die Erde hinabgeschwebt war, um eine Zeitlang unter den Sterblichen zu leben und sich ihrer zu erfreuen.

Daß Kyraia jedoch sehr wohl über Kleider verfügte, hatte Alessandra gar nicht gewußt, und sie staunte. Die Beine der Dämonin steckten in tiefblauen Strumpfhosen aus unbekanntem Material, das nur die Fersen, Fußballen und Zehen freiließ. Um die Hüften trug Kyraia einen dunkelbraunen, kunstvoll verzierten, glänzenden Lederrock, über der Brust ein schwarzes Spitzenhemd, das ihre Flügel aussparte, und auch die Arme steckten in diesen tiefblauen Ärmeln, die kurz unterhalb der Schultern begannen und bis zu den Goldreifen hinunterreichten. Verziert wurde das Ganze noch mit einigen Accessoires, und wenn die Lunaloc-Dämonin schon sonst wie ein Wesen aus einem Märchen erschein, dann nun erst recht.

Was sich nicht verändert hatte war ihr strahlendes, manchmal etwas schüchtern wirkendes Lächeln, mit dem sie den Fürsten und seine Ritter nun begrüßte und dann offen und ohne Umschweife sagte, was sie hierherführte: "Edle Herren, mein Name ist Kyraia, Kind des Schwarzen Königs Calract und Leiterin seines Verbindungsbüros in dieser wundervollen Stadt. Wenn ihr gestattet, würde ich mich gerne zu euch setzen, denn mein Vater interessiert sich für alles Ungewöhnliche, was in den Ländern geschieht."

Graf Spaa fand als erster die Worte wieder. Lächelnd sagte er: "Selbstverständlich seid ihr uns willkommen, schöne Dämonin, und wir wollen Euch und den Schwarzen König auch nicht über den Grund unseres Hierseins in Unklaren lassen, denn früher oder später würde er es ja sowieso erfahren." Er blickte zu seinem Fürsten hinüber und setzte dann hinzu: "Dann ist es doch besser, wenn er die Geschichte aus erster Hand erfährt."

Fürst Botha nickte, und der Graf zog eine große Landkarte aus seiner Tasche.

Kyraia setzte sich völlig unbefangen mitten unter die Ritter, und die rückten unwillkürlich näher an sie heran. Derweil schob Spaa ein paar Teller und Gläser beiseite und breitete dann die Karte auf dem Tisch aus. "Nun, seht her. Es geht, um es kurz zu sagen, um dieses Stück Land." Er setzte seinen Finger auf einen grob quadratischen Flecken, etwa 30 mal 30 Kilometer groß, der am Nordufer des Siina-Flusses, östlich von Delandau und westlich des Torriner Landes gelegen war.

"So ist es", sprach nun der Fürst selbst weiter. Auch er konnte kaum seinen Blick von Kyraia nehmen. "Vor nicht allzu langer Zeit ist mir dieses Stück Erde durch Erbschaft zugefallen, und so begann ich mich für dieses sehr abgelegene, mir bis dahin völlig unbekannt Gebiet zu interessieren, denn ich hoffe, dadurch die sehr angespannte Finanzlage meines Landes aufbessern zu können. Nun, um es kurz zu machen, ich mußte stattdessen hören, daß dort die schlimmsten Geister und Dämonen hausen, die ein Mensch sich nur vorstellen kann. Man kann das Territorium nicht einmal betreten, denn ein himmelhoher, undurchdringlicher Urwald verhindert das. Seit Menschengedenken soll dieses Stück Land, das im übrigen von den Nachbarländern genauso scharf abgegrenzt ist wie das Schwarze Königreich, unzugänglich sein, und wer es doch versucht hat, ist niemals zurückgekehrt."

Er holte tief Luft und wandte dann seinen Blick Alessandra zu. Bevor er weitersprechen konnte, hob die Prinzessin zu einer Antwort an, doch ihr Vater war noch schneller: "Sag' nicht, du willst meine Tochter bitten, dort hinzureiten und die Geister zu vertreiben!"

Der Fürst wurde langsam aber sicher rot im Gesicht. Allem Anschein nach hatte er das, als er von Zuhause losgeritten war, für eine großartige Idee gehalten. Jetzt hingegen kam es ihm vor wie ein peinlicher Bubenstreich.

"Warum bittet Ihr nicht meinen Vater stattdessen", rief überraschend Kyraia dazwischen. Ihr waren die Gedanken und Gefühle des Fürsten nicht verborgen geblieben. Gerade dieses erstaunliche Einfühlungsvermögen hatte sie ja in Calracts Augen ideal für ihre Aufgabe in der Weißen Hauptstadt qualifiziert. Und ihre Flügel, die in reinem Weiß leuchteten und fast bis zur Decke hinaufreichten bewiesen, daß sie keine Hintergedanken hegte. Obwohl sie natürlich genau wußte, daß kein Mensch dem Schwarzen König über den Weg traute und die Antwort deshalb ein klares 'Nein' sein würde.

Doch es kam anders. Fürst Botha blickte immer noch hilflos von einem zum anderen, da rief Alessandra temperamentvoll wie immer: "Wenn das so ist, dann mache ich es!"

König Harro stöhnte auf, aber er versuchte erst gar nicht, seine unternehmungslustige Tochter umzustimmen. "Aber warte wenigstens bis zum Frühjahr", empfahl er ihr.

"Nun, was dieses verwunschene Land angeht, so wäre das nicht einmal nötig, denn dort gibt es keinen Winter. Schnee und Frost enden stets exakt an der Grenze, und darinnen ist es immer gleichmäßig warm."

"Dann muß auf diesem Land aber ein sehr starker Zauber liegen", meinte Kyraia. Sie hatte sich inzwischen an einen der Ritter gelehnt und ihre Füße auf die Bank gezogen. Trotz dieser bequemen Haltung war sie aufmerksam und konzentriert. "Aber ich glaube nicht, daß Calract etwas darüber weiß."

"Das hatte ich auch nicht vermutet, daß der Schwarze König etwas mit diesem Fluch zu tun hat. Dazu existiert er schon viel zu lange."

"Sagt das nicht, Fürst", antwortet die schöne Dämonin. Auch die Schwarzen Könige gibt es schon seit mehr als tausend Jahren."

"Also, Kyraia", meinte Alessandra, "wenn du schon mal hier bist, dann frag' doch Calract einfach."

"Mache ich. Ich schicke ihm einen Brief!", versprach sie.

König Harro, Fürst Botha und die anderen versanken in dumpfes Brüten. Schließlich meinte Botha: "Dann werden wir hier wohl ein paar Wochen warten müssen."

"Aber nein", rief Kyraia. "Das geht mit der Drachenpost ganz schnell. Ich denke, schon morgen abend wird der Brief bei meinem Vater im Gartenland sein."

Botha und seine Ritter blickten Kyraia verständnislos an. Die Dämonin merkte, daß ihre Zuhörer keine Ahnung hatten, wovon sie geredet hatte, was aber auch kein Wunder war, denn Calracts neuer Post-Dienst war ja erst wenige Tage alt. "Ja, zwischen dem Schwarzen Königreich, der Weißen Hauptstadt, dem Gartenland und noch ein paar Orten hat mein Vater eine Drachenflugpost eingerichtet, damit er immer sofort auf dem Laufenden ist, was überall passiert."

Botha und seine Leute waren ziemlich perplex. Mit etwas weniger begeisterter Stimme erläuterte Alessandra dann noch: "Und jedermann darf gegen Gebühr diesen Dienst nutzen und ebenfalls Post und Briefe von Calracts Drachen transportieren lassen ... falls man zufällig jemanden am Kap oder in Alessandrina hat, dem man einen Brief zu schreiben wünscht."

"Im Gartenland oder in Alessandrina vielleicht nicht", unterbrach Kyraia die Prinzessin, "aber bald schon wird es noch viel mehr Poststationen geben. In Kalohe ist schon eine, und die nächste wird in Trok aufgemacht."

"Trok, so so", murmelte Harro. "Schön, daß ich das auch mal erfahre."

Langsam sickerte es in Kyraias Bewußtsein, daß sie sich jetzt ziemlich verplappert hatte. Ungefragt mitten im Gebiet eines souveränen Reiches eine Drachenpoststation einzurichten war ein massiver Affront. "Ich ..." ihre Flügel färbten sich langsam dunkel, "äh, so war das nicht ... also ich meine, das würde mein Vater niemals ohne Eure Zustimmung tun, Majestät", piepste die schöne Dämonin schließlich.

Alessandra und ihr Vater warfen sich einen vielsagenden Blick zu. Calract würde seinen Willen bekommen, daran bestand kein Zweifel. Schließlich würden ja auch die Weißen Bürger davon profitieren. Die beiden seufzten synchron, dann rief die Prinzessin: "Nun gut, aber jetzt laßt uns feiern. Genießen wir den schönen Abend in diesem herrlichen Gasthaus, das so berühmt ist für sein Essen wie für seine Gastfreundschaft."

Und das ließen sich Mansor Kumm und seine Köche nicht zweimal sagen.

*

Alessandra und Fürst Botha hatten verabredet, sich Anfang März 1248 in Gel-Almanaum zu treffen und von dort aus mit einem Schiff stromabwärts auf dem inzwischen wieder sicheren Siina bis zur Grenze zwischen Delandau und dem verwunschenen Land zu fahren. Und genauso machten sie es dann auch. Botha hatte ein Gefolge von 20 Rittern dabei, und außerdem seinen ältesten Sohn, der ebenfalls den Namen Wilhelm trug, als vierter in dieser Linie. Alessandra, die in Begleitung ihres Hausgeistes Solitor angereist war, bezweifelte, daß die Ritter ihrer Mission dienlich sein würden, sagte aber nichts. Von Wilhelm IV erwartete sie da schon mehr, denn er sah nicht nur gut aus und war sehr höflich, sondern schien auch großen Mut und Entschlossenheit zu besitzen.

In einem hinterwäldlerischen Dörfchen namens Unter-Klerát gingen die Ritter wieder an Land. Ein letztes Mal übernachteten sie, bevor sie am folgenden Tag weiter nach Osten zogen, wo hinter einem Hügel das verwunschene Land begann. Doch dort erwartete sie nicht nur der atemberaubend schaurige Anblick des Monster-Urwaldes, sondern auch ein Mann, auf dessen Erscheinen Alessandra schon gewartet hatte. Denn dieses Geheimnis war zu verlockend, als daß Calract es sich hätte entgehen lassen.

Einen Meter vor der Grenze stand er also, Calract, der Schwarze König und mächtigster Zauberer der bekannten Welt, und lächelte den anrückenden Rittern sein wölfisches Lächeln entgegen.

Nicht wenige der Männer hatten im großen Lunaloc-Krieg an Alessandras Seite gegen Calract und seine Dämonen gefochten. Alle trugen voller Stolz die Medaillen bei sich, die Alessandra damals verteilt hatte. Gerade die Ritter aus Botha hatten sich durch zweierlei hervorgetan: durch besondere Tapferkeit und hohe Verluste. Dementsprechend eisig war der Empfang. Doch es kam nicht zu tätlichen Auseinandersetzungen.

Alessandra hatte dem Fürsten bereits angedeutet, daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht allein in das Alptraum-Land einrücken würden und ihm empfohlen, es mit Calract nicht zu verderben, und das hatte Botha wohl oder übel eingesehen und seine Männer entsprechen instruiert. Glücklich waren sie darüber trotzdem nicht.

Und Calracts erste Worte waren auch nicht dazu angetan, die Wogen zu glätten. Er sagte in beiläufigen Tonfall: "Was wollen die alle hier? Das soll wohl ein Witz sein, von euch wird keiner lebend da wieder herauskommen. Oder erst gar nicht hinein ..."

Alessandra seufzte und rief dann vom Pferd herunter: "Was machst du eigentlich hier? Das ist unsere Mission."

"Nun, Teuerste, gute Gelegenheiten sollte man nutzen."

"Du hast doch nicht etwa vor, diese Ritter als Kanonenfutter zu benutzen. Das werden Solitor und ich zu verhindern wissen."

"Nein, keine Angst. Im Gegenteil. Ich bin sicher, daß ich ihnen alle fünf Minuten das Leben werde retten müssen. Also los, gehen wir." Drehte sich um und begann, in den Dschungel einzudringen.

Weder der Fürst noch seine Ritter waren den Umgang mit dem Zauberer gewöhnt, und sie brauchten erst mal ein paar Augenblicke, um das Gesagte zu verdauen. Doch da war Calract schon von der grünen Hölle verschluckt.

"Los, los, wir haben keine Zeit", drängte Alessandra. Sie sprang vom Pferd und folgte Calract, denn sie fürchtete, daß sie ohne seine Hilfe dort drinnen verloren sein würden.

Doch erst mal gab es eine Überraschung, denn Solitor war nicht in der Lage, die Grenze zu überwinden, weder schwebend noch zu Fuß. Schließlich schob Alessandra von hinten, doch eine unsichtbare Mauer verhinderte, daß er in das Alptraumland eindringen konnte. Die Prinzessin und die Ritter hingegen spürten nicht das Geringste. Für sie existierte die Barriere nicht. Wohl oder übel mußten sie den Geistermann also draußen lassen, was Alessandra sehr bedauerte. Er wäre ihnen sicher eine große Hilfe gewesen, aber vielleicht existierte dieser Schirm ja gerade deshalb.

"Also, dann mal los!"

Es gehörte in der Tat einiges an Mut dazu, das Alptraumland zu betreten. Exakt an der Grenze begann ein Urwald, der sich mit seinen himmelhohen Baumriesen mindestens bis in eine Höhe von 100 Metern erstreckte. Nirgends konnte man weiter als ein paar Meter sehen, denn das gesamte Volumen war durchwuchert von Bäumen aller Größen, Schlingpflanzen, giftigen Blumen, Pilzen und Pflanzen, die so seltsam waren, daß sie noch nie jemand außerhalb dieses Gebietes gesehen hatte. Viele fleischfressende waren dabei, und einige erreichten furchteinflößende Ausmaße.

Für die Ritter war die Entscheidung, welche Ausrüstung sie mitnehmen sollen, nicht leicht zu treffen. Doch es stellte sich nach kurzer Zeit heraus, daß sie in den Rüstungen in diesem dreidimensionalen Labyrinth viel zu unbeweglich waren, um überhaupt voranzukommen.

Andererseits boten die Rüstungen aber einen guten Schutz. Und wovor, das lernten die Männer schnell: es gab alles, was giftig war: Giftschlangen, Pfeilgiftfrösche, giftige Stechinsekten, riesige Spinnen, Asseln, Baumkrebse und Tausendfüßer, so lang wie ein Unterarm, die sich auf alles stürzten, was sich bewegte.

Stundenlang kämpften die Ritter sich vor, aber schließlich mußten sie sich geschlagen geben. Sie waren allesamt mit ihren Kräften am Ende, viele von ihnen verletzt, einer lag im Koma, zwei hatten sich das Bein gebrochen, und doch waren sie kaum hundert Meter weit vorgedrungen.


"Na, habe ich es nicht gesagt?"

Calract war wieder da. Mitleidig betrachtete er die geschlagenen Helden, die sich mit letzter Kraft zurück auf die andere Seite der Grenze gerettet hatten. Auch für Solitor hatte er einen ironischen Blick übrig.

"Dabei habt ihr die wirklichen Gefahren nicht mal gesehen. Wer die Baumschlangen, das giftige Ungeziefer und das verfressene Unkraut überlebt, auf den warten ein paar nette Dämonen. Und dahinter, tja, das kann selbst ich nur vermuten. Aber für euch ist das drei Nummern zu groß. Ich würde vorschlagen, Alessandra, ich und der kleine Fürst da gehen alleine."

Fürst Botha war zu erschöpft, um gegen Calracts Respektlosigkeit zu protestieren. Einer seiner Ritter hatte es noch geschafft, ein Lagerfeuer zu entzünden, dann waren er und die anderen eingeschlafen.

"Kein Job für Ritter", meinte Calract lakonisch zu Alessandra, die sich im Gegensatz zu den Männern sehr gut gehalten hatte. Ihre Aura schützte sie vor den giftigen Tieren und Pflanzen. Nun setzte sie ihre Kräfte ein, um die Verwundeten zu behandeln und ihre Leiden zu lindern. Der junge Wilhelm beobachtete sie dabei voller Staunen.


Am anderen Morgen beratschlagten die Männer. Fürst Botha blieb nichts anderes übrig, als seine Ritter dazulassen. Er befahl ihnen, in Unter-Klerát Quartier zu beziehen, es sollten aber immer einige von ihnen die Grenze abpatrouillieren, denn es war nicht abzusehen, wo sie wieder herauskommen würden - wenn überhaupt. Auch Solitor versprach, von hier außen die Augen offenzuhalten.

In einem Punkt setzte der Fürst sich allerdings über Calracts Empfehlung hinweg: er nahm seinen Sohn mit, denn der hatte darauf bestanden, diese Mission mitzumachen und Ruhm für sich und sein Vaterland zu erwerben. Calract kommentierte das nicht, doch man sah ihm an, daß er nicht damit rechnete, daß Wilhelm IV den Dschungel wieder lebend verließ.


HAAAAA! Die ersten Meter schoß der Zauberer sich und den drei anderen den Weg einfach frei. Dann begann wieder die Kletterpartie über die Wurzeln, Äste und Lianen. Alessandras und Calracts Auren reichten aus, um ihnen das giftige Ungeziefer vom Leibe zu halten, und nach einiger Übung kamen die vier dann doch recht gut voran.

Später begann es zu regnen. Unten, wo die vier Menschen durch das Geäst turnten, äußerte sich das in Form von kleinen Bächen, die die Stämme herunterliefen. Sonst ließ das dichte Blattwerk, das den ganzen Wald in düsteres Licht tauchte, nichts an Tropfen durch.

Angriffe erfolgen nicht, doch die Kletterei war auch so gefährlich genug. Die Stämme und Äste waren glitschig, und das dichte Moos und die vermodernden Blätter boten oft nur trügerischen Grund. Einmal stürzte der junge Prinz fast fünf Meter in die Tiefe, landete aber zum Glück weich und kam mit ein paar Kratzern davon. Auf dem Boden zu gehen war ebenfalls unmöglich, denn es gab einfach keinen. Das Labyrinth der Äste oben setzte sich in einem undurchdringlichen Dickicht von Wurzeln unten fort. Für Wesen wie Schlangen und Tausendfüßer war das sicher ein Paradies. Menschen hingegen mußten um jeden Meter kämpfen.

"Wie lange geht das eigentlich noch so weiter", fragte Alessandra, als die vier nach vielen Stunden in einer riesigen Astgabel rasteten.

"Keine Ahnung", antwortete Calract.

"Warum bist du nicht mal drüber geflogen und hast dir das Land von oben angesehen?"

"Geht nicht. Es ist alles verzaubert. Solitor hat das ja schon zu spüren bekommen. Auch der Luftraum ist komplett zu. Nur hier unten kann man überhaupt rein. Übrigens, falls ihr's noch nicht bemerkt habt, wir werden beobachtet."

Hastig blickten die anderen sich um, sahen in dem trüben Dämmerlicht aber nichts Auffälliges.

"So eine Art Troll, glaube ich", murmelte Calract und zeigte nach unten. Die anderen sahen dort für einen kurzen Moment eine schemenhafte Gestalt davonhuschen und zwischen den Stämmen und Wurzeln verschwinden. Die beiden Wilhelms zogen fast synchron ihre Schwerter.

Und dann begann der Angriff. Ungefähr ein halbes Dutzend unheimlicher Wesen stürzten sich auf die vier Menschen. Sie waren genauso mit Blättern und Moosen behangen wie alles hier unten und daher in ihrer Gestalt kaum zu erkennen. Außerdem bewegten sie sich unglaublich schnell die Äste rauf und runter. Aber an ihren Absichten konnte kein Zweifel bestehen. Rücken an Rücken, sich gegenseitig deckend, versuchten der Fürst und sein Sohn, sich der Angreifer zu erwehren. Alessandra hatte ebenfalls ihr Schwert gezogen, konzentrierte aber auch ihre Aura auf die Schattenwesen, um sie friedlich zu stimmen und von einem Angriff abzuhalten. Ihr goldenes Licht fiel wie Wogen durch die Lücken der Äste und Stämme, versickerte aber nach nur wenigen Metern wieder in der trüben Dämmerung.

Calract hingegen hatte versucht, sich in einen Drachen zu verwandeln, was aber nicht möglich war. So stand auch er mit gezogenem Schwert etwa 30 Meter von den anderen entfernt und schoß mit Feuerlohen einen der Trolle nach dem anderen ab.

Drüben erscholl ein gellender Schrei, dann noch einige weitere. Als Calract zurückkehrte, sah er die Überreste von einem oder zwei der Trolle auf dem Ast liegen. Aber auch der junge Prinz lag da, aus einer Wunde am Arm heftig blutend. Sein Schwert war irgendwo in der Tiefe verschwunden, und einer der Angreifer hatte ihm die halbe Hand abgerissen. Alessandra ließ ihre goldene Aura auf ihn überströmen, konnte aber nur verhindern, daß er sofort verblutete und starb. Die Wunde war zu schwer, als daß sie sie auf diese Weise hätte heilen können.

Zum Glück schienen die Trolle erst mal genug zu haben. So spukartig, wie sie aufgetaucht waren, verschwanden sie nun auch wieder. Das gab Alessandra Zeit, sich um den jungen Fürsten zu kümmern. Sie verband den Arm notdürftig. Fragend, mit glasigen Augen, sah der jungen Mann die Weiße Prinzessin an. An Kämpfen war nun nicht mehr zu denken. Am liebsten wäre sein Vater mit ihm sofort umgekehrt, und auch Alessandra dachte so und schlug den sofortigen Rückzug vor.

"Wir haben uns da wohl ein bißchen übernommen", seufzte sie, während sie dem mittlerweile ins Koma gefallenen Prinzen über die verschwitzten Haare streichelte. "Also ..."

"Vorsicht!"

Calract kam gerade noch dazu, die anderen aus der Schußlinie zu stoßen. Einer der Trolle war zurückgekehrt und hatte die vier direkt angesprungen. Um Haaresbreite entkamen sie seinen messerscharfen Klauen, die er an Fingern und Zehen trug. Diese Wesen waren furchteinflößende lebende Waffen.

Calract schoß geistesgegenwärtig einen Energiestrahl ab, verfehlte den Troll aber, denn der war schnell wie ein Schatten wieder verschwunden. Daß er die Lage trotzdem falsch eingeschätzt hatte, begriff der Zauberer einen Moment später, als er den erstickten Aufschrei des Fürsten hörte. Der Zauberer fuhr herum und sah zweierlei: erstens ein paar rotglühender Augen, und zweitens den versteinerten Körper des Prinzen, der gerade dabei war, in die Tiefe zu stürzen.

Sie arbeiten zu zweit!

Gedankenschnell fuhr Calract herum und schoß. Der Troll lief ihm genau ins Feuer und verglühte augenblicklich.

Der andere, der auf einem Ast schräg über ihnen saß, versuchte inzwischen, auch den Fürsten und die Prinzessin zu versteinern, konnte Alessandras goldene Aura aber nicht durchdringen. Im Gegenteil, er wurde selbst darin gefangen und somit für Calract eine leichte Beute. Der schoß einen gewaltigen Blitz ab. Der Troll wurde von tausend Funken und Lichtbögen umspielt, schrie mit heller Stimme gellend auf und stürzte dann bewußtlos vom Ast.

Calract fing ihn mit einem kleinen Zauber auf und ließ ihn zu sich herüberschweben. Kurz sah er sich um. Fürst Botha war im Moment dabei, nach unten zu klettern, um den versteinerten Körper des Prinzen zu suchen. Calract konnte also in aller Ruhe den Troll untersuchen.

Alessandra kam zu ihm hinübergeklettert. "Seltsames Wesen", meinte die Prinzessin. "Das sieht ja aus wie ... eine Frau, eine von deinen Dämoninnen?"

"Hm, ja, irgendwie schon. Ist aber keine von meinen!"

In der Tat war dieses Wesen mit Sicherheit kein Troll, wie sie zuerst angenommen hatten. Irgendwie spürten beide, Alessandra und Calract, daß sie da etwas Besonderes vor sich hatten, einen ehemaligen Menschen, der zu einem Dämon umgewandelt worden war, genau wie auch Calract es tausendfach selbst getan hatte.

Der Schwarze König atmete tief durch. "Es gibt anscheinend noch jemanden, der sich Dämonen macht." Calract musterte das elegante geflügelte Wesen genauer, das unkontrolliert mit seinen langen Beinen zuckte, aber offenbar bei Bewußtsein war. Unterleib, Ober- und Unterschenkel waren unverändert menschlich. Die Füße hingegen, mächtige Pranken, waren stark verlängert, länger als die Unterschenkel, und endeten in jeweils fünf kräftigen, mit rasiermesserscharfen Krallen bewehrten Zehen. Der fast zierliche, weibliche Oberkörper trug zwei recht üppige Brüste. Anstelle von Armen besaß die Dämonin fledermausartige Flügel, mit denen sie dank der starken Muskeln sicher gut und ausdauernd fliegen konnte.

Auf einem langen, eleganten Schwanenhals saß ein Kopf, der abgesehen von den fast einen halben Meter langen Ohren perfekt menschlich war.

Eigentlich ist dieses Mädchen sehr schön. Wer sie gemacht hat, muß einen bizarren Sinn für Kunst und Ästhetik gehabt haben.

Die Dämonin hörte schließlich auf, gegen die Lähmung anzukämpfen und ergab sich in ihr Schicksal. Schließlich öffnete sie die Augen, und ihr Blick traf sich mit dem Calracts.


Es war wohl Liebe auf den ersten Blick. Alessandra zuckte wie unter einem Stromstoß zusammen, als sie die Verbindung spürte, die sich zwischen diesen beiden Wesen entspannte. Calract kniete neben der Dämonin nieder und legte seine Hand auf ihre Brust.

Sie hat wunderschöne Augen.

Die beiden konnten nicht die Blicke voneinander wenden. Calract ließ etwas Energie auf die Dämonin überströmen, so daß diese sich wieder bewegen konnte. Ungeschickt wackelte sie mit den Flügeln und strampelte etwas mit den Beinen, bis Calract sie schließlich um die Hüfte faßte und hochzog. So saßen sie nun einander gegenüber und sahen sich immer noch unverwandt tief in die Augen.

Schließlich räusperte der Zauberer sich und fragte mit etwas heiserer Stimme: "Hast du einen Namen?"

"Ba ..." auch die Dämonin mußte sich räuspern, dann piepste sie "Batchiribanban". Die Spitzen ihrer langen Ohren zitterten leicht.

Tja, Calract, und was nun? dachte Alessandra, die sich von ihrem Erstaunen inzwischen wieder erholt hatte. Wenn es etwas gab, das neu für den Schwarzen König sein mußte, dann die erste Liebe. Doch so leicht war Calract nicht aus der Fassung zu bringen. Er hatte schon wieder sein wölfisches Lächeln auf den Lippen. Er legte seine Hände auf Batchiribanbans Knie und sagte: "Und mich nennt man Calract."

"Calract", echote die Dämonin. Sie schüttelte den Kopf, dann wurde ihr anscheinend klar, in welcher Lage sie sich befand und sie machte einen Satz nach hinten. Aber nicht weit. Und die Blicke, mit denen sie den Schwarzen König geradezu verschlang, sprachen für Alessandra Bände.

"Keine Angst, Batchiri. Wir tun dir nichts. Ich jedenfalls nicht. Wir sind auf der Suche nach dem, der all dies hier geschaffen hat. Diesen Urwald, und dich!"

"Mich ... geschaffen?"

"Ja, ich vermute, daß du einst ein Mensch warst, der zu einem Dämon umgebaut worden ist. Komm', vielleicht können wir deine Erinnerung daran wieder aktivieren."

Öffne deinen Geist. Sei ganz ruhig. Der Zauberer öffnete sein drittes Auge, legte seine Hand auf Batchiris Stirn und drang mit seinem Geist in den ihren ein. Sein Bewußtsein durchstreifte zusammen mit der Dämonin ihre Erinnerungen, doch alles, was er fand, waren zeitlose Bilder dieses Urwaldes und der Wesen, die dort hausten. Tiefer und immer tiefer drangen die beiden vor, und immer dunkler und blasser wurden die Eindrücke, und am Ende erhaschten sie doch noch ein paar uralte Erinnerungsfetzen an eine Zeit, als Batchiribanban ein Mensch gewesen war. Jahrhunderte mußte das schon her sein. Es gab auch ein paar Erinnerungsbruchstücke an einen Ort, der Calract an Lunaloc erinnerte, und an einen Mann. Doch dieser tauchte nur als Schemen auf, obwohl er das Leben dieser Frau von Grund auf verändert hatte.

Das muß der Zauberer sein, der dich zu dem gemacht hat, was du seitdem bist.

Ja. Aber ... es ist schon so unendlich lange her. Was du in mir gefunden hast - war es Realität oder eine Fiktion, die du in mir sehen wolltest? Calract war über diese scharfsinnige Analyse erstaunt. Die Dämonin, die aussah wie eine Wilde, fast wie ein Tier, hatte einen ungewöhnlich wachen Verstand.

Die beiden kehrten in die Realität zurück. Calract stellte fest, daß es inzwischen Nacht geworden war. Alessandra hatte irgendwie ein kleines Feuer entzündet und schwenkte einen brennenden Ast hin und her, um Fürst Botha den Weg zu weisen. Etwas später kam dieser wieder auf die Astgabel zurück. Er war körperlich und seelisch am Ende.

"Sie ..." keuchte er kaum hörbar, "sie haben ihn weg ... weggeschafft. Nur das hier konnte ich noch finden." Es war Wilhelms Schwert, das sein Vater irgendwo in den finsteren Tiefen aufgefunden und wieder mitgebracht hatte.

Calract warf Alessandra einen vielsagenden Blick zu, enthielt sich aber taktvollerweise eines Kommentares. Kurz darauf war der alte Ritter vor Erschöpfung eingeschlafen. Von der Anwesenheit der Dämonin, die seinen Sohn versteinert hatte, hatte er nichts mehr mitbekommen.

"Hm", brummte Calract. "Um es auf den Punkt zu bringen: Batchiri ist unsere einzige Chance, hier unser Ziel zu erreichen." Er blickte die Dämonin an: "In deinen Erinnerungen habe ich ein Haus gesehen. Es scheint hier in diesem Land zu sein. Kannst du uns dort hinführen - morgen?"

Die Dämonin blickte nachdenklich auf das Holz, auf dem sie alle saßen oder lagen. "Ich war noch nie dort. Aber ich glaube, ich weiß, wo es ist. Ich werde euch den Weg zeigen. Auch wenn wir nicht zurückkommen werden." Zuletzt war ihre Stimme nur noch ein Flüstern gewesen. Dann beugte sie sich vor und rutschte auf den Knien ganz nahe an Calract heran. Sie drückte ihre großen Busen auf seine Brust, schloß die Augen und näherte sich mit ihren Lippen denen des Zauberers.

Alessandra, die das Ganze im Halbschlaf beobachtete, war überrascht, auf welche Weise die Dämonin den Zauberer umarmte. Arme hatte sie ja keine und ihre Flügel ließ sie auf dem Rücken zusammengefaltet. Die Prinzessin hätte wohl vermutet, daß sie dafür ihre langen Beine benutzen würde, doch stattdessen umschlang sie Calracts Leib mit ihren riesigen Ohren, deren Sockelgelenke erstaunlich beweglich waren.

So habe ich noch nie zwei sich küssen sehen. Widerlich! dachte die Prinzessin noch, dann übermannte auch sie der Schlaf.

Lange dauerte er nicht, denn in der Nacht erfolgten weitere Angriffe. Doch außer viel Lärm kam dabei nichts heraus. Calract hatte trotz des Zaubers, der über dem ganzen Alptraumland lag, mit Hilfe der Splitter des Mondkristalles eine Barriere errichtet, die die Trolle - in Wirklichkeit wahrscheinlich ebenfalls zu Dämonen umgeformte Menschen - nicht durchbrechen konnten.

Dennoch war die Nacht grausig und wenig erholsam.

Am nächsten Morgen teilte Calract dem Fürsten mit, daß sie ab sofort in Begleitung einer Dämonin reisen würden. Botha nahm es mit finsterem Schweigen zur Kenntnis. Er hatte einfach nicht mehr die Kraft zu protestieren.


Die Kletterpartie durch den Urwald ging den ganzen nächsten Tag weiter. Sicher bereute Fürst Botha schon lange, daß er sich auf dieses Abenteuer eingelassen, ja es sogar initiiert hatte. Aber jetzt konnte er nicht mehr zurück. Immerhin hatte Batchiribanban gemeint, die Dämonen würden den versteinerten Körper seines Sohnes wohl zu IHM bringen. Wer oder was ER war, wußte sie nicht, aber Calract war der Meinung, es sei wohl der Zauberer, dem das hier alles gehörte. Endlos schien der Weg, und die vier mußten ein weiteres Mal auf einem der überwucherten Baumriesen übernachten.

Am nächsten Morgen ging es weiter, und eine Stunde später lichtete sich völlig überraschend der Urwald und machte einem grasbewachsenen Hügel Platz, auf dem alle etwa 20 Meter sehr seltsame Bäume standen. Diese Bäume waren kerzengerade, etwa 20 bis 40 Meter hoch und hatten unnatürlich wenige Äste. Eigentlich bestanden sie fast nur aus dem Stamm.

"Seltsam. Wozu die wohl gut sein mögen?"

Batchiribanban atmete tief durch. "Gleich werden wir einer von ihnen begegnen. Es wird Zeit Abschied zu nehmen, Liebster."

Liebster, dachte Alessandra giftig. Daß Calract sich in eine Fledermaus-Dämonin verliebt hatte und diese seine Liebe heißblütig erwiderte, ging ihr irgendwie total gegen den Strich.

"Abschied?"

"Ja. Niemand kann das verwunschene Land jemals wieder verlassen. Und ich werde für meinen Verrat bestraft. Aber ich nehme alles auf mich, wenn ich mit dir zusammen sterben kann, Liebster."

"Abwarten, Mäuschen. So schnell stirbt man nicht."

Mäuschen. Er nennt dieses Vieh Mäuschen. Alessandra schüttelte sich innerlich.

Sie verließen den Urwald und gingen den Hügel hinauf.

Fürst Botha war so nervös, daß er bei jedem Knacken eines Ästchens zusammenzuckte. Kalter Schweiß bedeckte seinen Körper, und er war mit seinen Kräften am Ende. Der Schwarze König hingegen war die Ruhe selbst. Allerdings änderte sich das, als sie die Spitze des Hügels erreichten.

"Eine Kohleprinzessin", hauchte die Dämonin, und sank kraftlos in das kurzgemähte Gras. Sie hatte mit ihrem Leben abgeschlossen. Calract war zwar nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen, aber so langsam wurde auch er nervös.

In der Tat bot den vieren sich ein mehr als erstaunlicher Anblick. Genau auf der Spitze des Hügels stand eine Frau, wie Calract sie schon vom Hörensagen kannte. Nämlich von den Geschichten, die Tschuri über die Heilige Stätte Orna erzählt hatte.

Die Frau war zwar nicht nackt, aber ihr Brustkorb bestand aus einer eisernen Dampfmaschine. Und sie war aufgespießt auf einem mindestens 25 Meter langen Baumstamm, der auf dem Boden lag und von hinten in ihren Rücken eindrang.

Neugierig näherte Calract sich diesem bizarren Wesen, das Batchiribanban als Kohleprinzessin bezeichnet hatte. Doch da schlug diese plötzlich die Augen auf. Calract zuckte leicht zusammen. Suchend ging ihr Blick hin und her und blieb schließlich auf dem Zauberer haften. Ein leises Summen ertönte, dann erhob sich der hintere, auf dem Boden liegende Teil des riesigen Stammes und schwebte etwa eineinhalb Meter empor, bis er völlig waagerecht positioniert war. In der eisernen Brust glühte es hell auf, und dann saugte die unheimliche Frau innerhalb von nur ein oder zwei Sekunden den schwebenden Baum in sich ein, wobei ihr Brustkorb sich schlagartig auf grelle Weißglut erhitzte.

Als sie die Hand hob, wußte Calract, daß er nicht mehr viel Zeit hatte. Gedankenschnell griff er mit seinen Kräften nach seinen Begleitern und teleportierte sie zurück in den Dschungel. Keine Sekunde zu früh. Der Energiestrahl, den die Kohleprinzessin abschoß, war so heftig, daß er den kompletten Urwald durchschlug, quer über den Norden des Kirchenlandes raste und sich dann erst langsam in den Tiefen des Himmels verlor. Auf einer Breite von fünfzig Metern war alles restlos eingeäschert, an den Rändern der Schußzone stand der ansonsten vor Feuchtigkeit triefende Wald in hellen Flammen.

Kein Wunder, daß Batchi geglaubt hat, das sei unser Ende. Hoppla ...

Die Dämonin hatte sich voller Begeisterung auf ihren Retter gestürzt, umklammerte ihn nun mit Ohren, Beinen und Füßen und bedeckte sein Gesicht mit Küssen und dem warmen Lecken ihrer rauhen Zunge. "Mein Held! Mein Retter. Calract, du bist so wunderbar!"

Alessandra mußte der geflügelten Dämonin Recht geben. Diesem Angriff zu entgehen, das hätte sonst keiner fertiggebracht. Auch ihre mächtige Aura als Goldene Königin, wegen der letztlich Botha sie um Hilfe gebeten hatte, hätte ihr gegen diesen vernichtenden Feuerschlag rein gar nichts genutzt.

"Ich denke, nachdem sie ihre ganze Energie verschossen hat, sollten wir jetzt gefahrlos durchkommen!", meine Calract nach kurzer Zeit. "Aber sicherheitshalber gehen ich und Batchi erst mal alleine nachsehen."

Das erwies sich als weiser Entschluß. Der Zauberer teleportierte sich und die geflügelte Dämonin zurück auf den Hügel, allerdings etwas abseits der Schußbahn, denn dort war die Erde unter der Hitze geschmolzen. Er näherte sich der Kohleprinzessin von hinten, wo die Temperaturen normal waren.

Tatsächlich war die Glut in der Eisenbrust der Frau wieder auf leichte Rotglut zurückgegangen.

"Was. Du lebst!", rief sie mit schleppender Stimmen, nachdem sie Calracts und Batchis Anwesenheit bemerkt hatte. Dann lachte sie auf. Calract lief ein eisiger Schauder über den Rücken. Er zögerte nicht und teleportierte sich in Gedankenschnelle in Sicherheit. Sein Gefühl hatte ihn auch diesmal nicht getrogen. Die Kohleprinzessin hatte anscheinend beschlossen, den Eindringling dadurch zu eliminieren, daß sie sich selbst in die Luft sprengte. Und sie explodierte mit der Wucht einer Atombombe. Selbst in Gel-Almanaum war diese Explosion noch zu hören.

*

"Wie viele von diesen Ungeheuern gibt es hier eigentlich?" fragte Calract seine neue Geliebte. Äußerlich war er gefaßt, doch seine Stimme zitterte leicht.

"Weiß nicht. In dieses Gebiet sind wir nie gegangen. Aber dahinter muß ER ... ER ... SEIN Haus ... ah ..."

"Verstehe." Er holte tief Luft und meinte dann: "Ich denke, zumindest dieses eine Monster sind wir los. Wenn nicht der ganze Hügel zu einem Vulkan geworden ist, dann sollten wir dort jetzt vordringen können."

"Warum teleportierst du uns nicht einfach dorthin?", wollte Alessandra wissen.

"Das ist nur für Notfälle. Eigentlich sind solche Zauber verboten beziehungsweise sogar unmöglich, wenn man sie auf dem Gebiet eines anderen Zauberers ausführt. Nur der Splitter des Mondsteins macht mir das möglich. Aber man sollte seine Macht nicht mißbrauchen, schon gar nicht hier. Wir gehen zu Fuß!"

Hinter dem Hügel, der sich durch die Explosion in einen lavagefüllten Krater verwandelt hatte, kamen weitere Hügel, die mit einem relativ normal wirkenden lichten Wald bewachsen waren und allem Anschein nach nicht von irgendwelchen Monstern oder Dämonen geschützt wurden. Und schließlich standen sie vor dem Hügel, der exakt in der Mitte des verwunschenen Landes gelegen war. Hinauf führte ein gemütlich gewundener Weg, oben stand ein Haus, vor dem Haus stand ein Schaukelstuhl, und darin saß ein Mann.

Calract und die anderen konnten ihn schon von unten, wo der Wald endete, sehen, wie er dort oben langsam in seinem Schaukelstuhl hin und her schaukelte.

"Also, dann. Gehen wir!" Gerade wollte Calract es anpacken, da spürte er einen Ruck an seinem Arm. Batchiribanban hatte ihn mit ihrem Fuß und den ausgefahrenen Krallen umklammert und starrte den Zauberer mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen an. Ihre rotbraune Haut war fast weiß geworden, und vor Angst brachte sie kein einziges Wort heraus.

"Jetzt stell' dich nicht so an, Mäuschen", brummte Calract, schüttelte den Griff der Dämonin ab und marschierte den Weg hinauf. Alessandra folgte ihm auf dem Fuße, in einigem Abstand kam der Fürst, und dann, als sie merkte, daß sie sonst allein zurückgeblieben wäre, die geflügelte Dämonin.

Und dann standen sie alle vier vor dem Mann, der in seinem Schaukelstuhl vor sich hindöste.

Er trug Kleider, die vor langer Zeit einmal sehr elegant gewesen sein mußten, jetzt aber staubig und zerlumpt waren, dazu uralte, zerbeulte Schnürstiefel, die zuzubinden er sich nicht die Mühe gemacht hatte. Der Mann öffnete nun die Augen. Alessandra versuchte, sein Alter zu schätzen, aber es war unmöglich. Er hätte 20 sein können, genausogut aber auch 60. Doch die Prinzessin vermutete, daß 600 die Wahrheit wohl eher traf.

"Ein Zauberer. Langweilig. Die gegenwärtige Inkarnation der Goldenen Königin. Habe ich auch schon bessere gesehen. Ein Mensch. Igitt. Und eins von meinen Kindern. Böses Mädchen Aber auch langweilig."

Batchiribanban war auf die Knie herabgesunken, vergrub den Kopf in der Erde und wimmerte angsterfüllt.

"Und wer bist du?", fragte Calract in ruhigem Tonfall.

"Was wollt ihr hier?"

"Der da hat dieses Land geerbt und will nachsehen, warum er es nicht betreten kann." Calract wies auf den Fürsten, der in den letzten Tagen stark abgemagert und um viele Jahre gealtert war.

"Die Menschen haben mich enttäuscht. Wenn du erst mal so alt geworden bist wie ich, mein lieber Calract, dann wirst du das verstehen. Seit sie alle auf diesen Tartanos hereingefallen sind, schlafe ich hier."

"Waaas? Das ... das sind ja 400 Jahre!", rief Alessandra erregt.

"4 oder 400. Kein Unterschied. Hier gibt es keine Zeit. Und jetzt laßt mich weiterschlafen." Der Mann erhob sich und schlurfte in die Hütte. Calract folgte ihm.

Innen war es düster und staubig. Ein paar Sonnenstrahlen verirrten sich durch zerbrochene Fensterscheiben ins Innere und versickerten auf der dicken Staubschicht, die den Boden bedeckte.

An den Wänden standen einige Schränke. Die meisten der Regale und Fächer waren leer, ein paar enthielten zerbrochenes Geschirr und die halb zerfallenen Überreste von Kleidung. Sehr viel mehr interessierten den Schwarzen König aber die Bücher, von denen etwa ein halbes Dutzend in einem Fach herumlagen.

Das Buch des Unendlichen Landes

Calracts Herz schlug höher, als der den Titel las, der in altertümlicher Gold-Schrift auf dem knorrigen Lederrücken stand. Wahnsinn. Ich wußte gar nicht, daß das überhaupt noch existiert. Darin sind alle magischen Objekte verzeichnet, die damals, als die Welt, wie wir sie kennen, erschaffen wurde, mit-erschaffen wurden. Dieses Buch ist mehr wert als ... ich weiß nicht, mehr als alles, was man sich vorstellen kann.

Ein weiteres Buch lag auf dem Tisch. Sein Titel bestand nur aus einem Wort: ORNA. Calract, der gerade am Tisch stand, schlug es auf. Auf der ersten Seite enthielt es ein unglaublich realistisch wirkendes Bild von einem der Wesen, die sie während ihrer Reise angegriffen hatten und von denen sie zunächst geglaubt hatten, es seien Trolle. Auf den nächsten Seiten folgte eine bis ins letzte gehende Beschreibung dieses Dämons, angefangen von den möglichen Drehwinkeln seiner Gelenke über die Lage und Funktion der inneren Organe, wie man sie aus dem menschlichen Rohmaterial herstellte, Besonderheiten des molekularen Aufbaus der Zellen und welcher Zauber dafür notwendig war ...

Auf den folgenden Seiten wiederholte sich das Ganze mit einem anderen Dämon, und so ging es weiter, bis schließlich auch der Plan von Batchiribanban drankam. Calract überflog ihn und blätterte weiter. Auf der folgenden Seite blickte ihn die Abbildung einer Kohleprinzessin an.

"Orna-Dämonen ..."

"Genau wie deine Lunaloc-Dämonen. Aber ich habe nicht so viele gemacht, nur ein paar hundert. Und von jedem Typus mehrere, dafür aber viel perfekter als deine!"

Zum ersten Mal hörte Calract so etwas wie Emotionen aus der Stimme des Mannes herausklingen, als er sagte: "Ja. Meine Dämonen sind perfekt! Nicht solche plumpen Fehlkonstruktionen wie diese Lunaloc-Monster." Die Stimme klang geradezu verächtlich.

Und leider hatte der Mann recht. Vor allem Calracts frühe Exemplare hatten sich nur zu oft als fehlerhaft herausgestellt. Anscheinend war dieser Magier, dessen Namen Calract immer noch nicht wußte, einen anderen Weg gegangen, nur wenige Modellreihen aufzuziehen und diese bis zur Vollkommenheit zu perfektionieren.

Der Schwarze König blätterte weiter ... "Riinari!" Er konnte es kaum glauben, was er hier sah.

"Sie hätte meine beste werden sollen. Aber irgendwann habe ich die Lust verloren. Aber - woher weißt du ihren Namen? Sag bloß nicht, sie lebt noch, so unfertig, wie sie war."

Riinari war also gar keine Göttin, sondern eine Orna-Dämonin. Calract war schockiert, ließ es sich aber nicht anmerken. "Doch. Sie lebt noch. Und sie erfreut sich bester Gesundheit", antwortete er gedehnt.

"Vielleicht mache ich sie irgendwann mal zu Ende. Vielleicht ... das war auch so eine Enttäuschung. Gahlu Tuurn hätte es so weit bringen können. Dann habe ich ihm Orna vertrauensvoll überantwortet, und was haben er und seine Rattenbrut daraus gemacht? Aber vielleicht hätte ich wissen müssen, daß er nicht ganz bei Trost war. Naja, egal auch. Und jetzt verschwindet. Ich mache für ein paar Minuten den Himmel auf, dann kannst du rausfliegen."

"Batchi?"

"Wie. Ach die kleine Dämonin. Wie hieß sie noch gleich vorher. Labella Dingsbums ... irgendwie, ach nein, das war ja die andere ... Das ist wirklich der Witz des Jahrhunderts. Der größte Macho-Zauberer der Gegenwart verknallt sich in eine kleine Modell-IV-Orna-Dämonin. Ich lach' mich tot." Er gähnte herzhaft und streifte sich die zerbeulten Schuhe von den Füßen.

Calract wollte gerade fragen, ob er das Buch des Unendlichen Landes mitnehmen konnte, da erschien Fürst Botha unter der Tür. Er war totenbleich, und auch sein ehemals würdevolles graues Haar war schneeweiß geworden.

"Herr", sagte er mit tiefer Stimme zu dem Mann, "tut mit mir was Ihr wollt aber gebt mir meinen Sohn zurück." Er fiel auf die Knie. Tränen liefen über seine Wangen und tropften auf den verstaubten Holzboden.

Der Mann legte sich auf das Bett. Das Bett war unsichtbar und so sah es aus, als schwebe er mitten in der Luft. Er schnippte mit dem Finger. Kurz darauf ertönte draußen ein leiser Schrei, und dann trat eine Gestalt in die Tür, von der Calract gehofft hatte, nie wieder eine sehen zu müssen: eine Kohleprinzessin.

"Deinen Sohn habe ich draußen bei den Rittern abliefern lassen. He, bevor ihr geht, komm' mal her."

Demütig und erleichtert zugleich trat Botha an das unsichtbare Bett.

Der Mann packte ihn am Kragen und zog ihn zu sich herunter. "War ja ganz nett mal mit euch, aber wenn sich hier die nächsten paar hundert Jahre wieder einer von euch gräßlichen Menschen blicken läßt, dann Gnade euch allen! Chebesch. Zeige den vieren den Weg nach draußen!"

"Wie ihr befehlt, Meister", antwortete die Kohleprinzessin mit einer tiefen, unglaublich durchdringenden Stimme.

Calract zuckte leicht zusammen, als er draußen drei weitere dieser Ungeheuer sah. Sie waren nicht geladen, aber eine Reihe größerer Baumstämme schwebte nicht weit von ihnen über dem Boden.

Plötzlich geschah etwas, was hier seit Jahrhunderten nicht mehr vorgekommen war: Der Himmel öffnete sich und die Sonne schien hell und klar auf die Hütte. Calract wußte, was er zu tun hatte, und verwandelte sich in einen Drachen. Er wandte sich noch einmal um und fragte die Kohleprinzessin, die gerade die Hütte verlassen hatte: "He Chebesch. Wie heißt dieser Mann eigentlich?"

"Unser Herr und Meister heißt Boris von Maarx."

Calract wandte sich an seine Begleiter: "Schnell, steigt auf. Ich schätze, wir haben nicht viel Zeit."

Batchiribanban brauchte etwas zusätzliche Ermutigung. Calract schnappte schließlich mit seinem riesigen Fang nach ihr und hielt sie zwischen seinen Reißzähnen fest, was Batchiri still und ergeben über sich ergehen ließ. Sie konnte es kaum glauben, daß ihr strafender Gott sie einfach so ziehen ließ. Doch es war so. Der unheimliche Magier war an den Geschicken der Welt und ihrer Bewohner offenbar nicht mehr interessiert. Und während Calract abhob und dann so schnell, wie ihn seine Schwingen trugen, nach Westen flog, hoffte er inständig, daß das auch so blieb und ihm nicht eine der Kohleprinzessinnen einen kleinen Abschiedsgruß hinterhersandte.

Es dauerte nur wenige Minuten, dann landete er ziemlich genau dort, von wo sie damals aufgebrochen waren. Damals - es war keine Woche her, aber allen Beteiligten erschien es wie ein halbes Menschenleben. Und was den Fürsten anbelangte, so stimmte das wahrscheinlich auch. Als rüstiger Ritter voller Tatendrang hatte er das verwunschene Land betreten, zurück kam ein gebrochener Greis.

Doch wenigstens fand er draußen seinen Sohn vor, nur leider immer noch versteinert. Solitor und die Ritter hatten wie ausgemacht patrouilliert und ihn vor zwei Tagen gefunden. Angesichts dieses grauenvollen Fundes hatten sie für die anderen das Schlimmste befürchtet und schon selbst wieder in den Dschungel vorstoßen wollen, jedoch die völlige Sinnlosigkeit eines solchen Himmelfahrtskommandos einsehen müssen. Sie hätten in zehn Zentimetern Abstand an den Leichen ihrer Kameraden vorbeikriechen können ohne sie zu bemerken. So war ihnen nur geblieben, den Dschungel von außen genau im Auge zu behalten.

Die Erleichterung über die Rückkehr der Expeditionsgruppe war jedenfalls grenzenlos. Stürmisch begrüßten die Ritter ihren Fürsten, auch wenn sie über seinen Zustand sehr bestürzt waren. Der Goldenen Königin und dem Schwarzen König hingegen hatten die körperlichen und seelischen Strapazen nichts ausgemacht, obwohl Calract in Jahren gerechnet kaum jünger war als der Fürst. Aber für die Mitglieder der Linie von Caair bedeuteten Jahre nicht dasselbe wie für gewöhnliche Menschen.

Fürst Botha wandte sich nun an den Zauberer und flehte ihn an, seinem Sohn das Leben zurückzugeben.

"Schwarzer König. Ich habe den größten Fehler meines Lebens gemacht. Verlangt von mir, was Ihr wollt, aber laßt bitte nicht meinen unschuldigen Sohn darunter leiden."

"Was ich will. Hmm, das gefällt mir." Calract dachte kurz nach. "Also gut. Zwei Dinge. Erstens werde ich bei Gelegenheit in deiner Hauptstadt eines meiner Verbindungsbüros aufmachen, und du wirst mir dafür ein repräsentatives Gebäude zur Verfügung stellen."

Botha nickte heftig.

"Und zweitens: du hast gehört, was dieser Boris gesagt hat. Es muß unter allen Umständen vermieden werden, daß jemals wieder einer auf so die Wahnsinnsidee kommt, dieses Land zu betreten. Das gilt auch für dich, Alessandra. Ich denke, am besten ist es, wir spielen mit offenen Karten und machen allgemein bekannt, welche Arten von Ungeheuern sich da drin verbergen." Er blickte sich nach den Rittern um, und sagte dann leise zu Alessandra und dem Fürsten: "Kommt mal her."

Als sie unter sich waren, sagte er: "Ihr habt es wahrscheinlich nicht mitbekommen, aber in dem Haus, in dem ich kurz war, sind ein paar Bücher, die, sagen wir mal, ziemlich wertvoll sind. Es darf unter keinen Umständen jemals irgendwo erwähnt werden, daß es dort Schätze geben könnte. Ich kenne die Menschen. Einer würde es doch wieder versuchen. Es gibt nur die Dämonen, den alptraumhaften Dschungel, die Kohleprinzessinnen, die verfallene Hütte und den schlafenden Zauberer."

Alessandra und Botha nickten ernst. Doch als die Prinzessin das wölfische Lächeln sah, wußte sie, daß noch etwas kommen würde. Calract fuhr fort: "Das gilt natürlich nicht für mich. Alles, was ich da drin finde", er wies auf das Alptraumland, "gehört mir."

Auch damit waren der Fürst und Alessandra einverstanden. Was auch immer da drin war, Calract war wohl das einzige Lebewesen in der bekannten Welt, das überhaupt etwas damit anfangen konnte.

"So, dann wollen wir den kleinen Prinzen mal entsteinern." Er blickte zu Batchiribanban hinüber, die für diesen Zauber ja verantwortlich war. "Zum Glück ist es nur ein schwacher Zauber gewesen. Nicht mal einen Lunaloc-Dämon hätte sie damit versteinern können."

Der Splitter des Mondkristalles blitzte kurz auf, und der Zauber war gebrochen. Allerdings war die schwere Wunde am Arm nun auch wieder aus Fleisch und Blut, und begann sogleich, heftig zu bluten. Die Ritter kümmerten sich sofort um den Prinzen, und auch Alessandra versuchte, ihm zu helfen.

Calract wandte sich ab. "So, das war's für mich. Komm', Mäuschen, wir fliegen los!"

Na, wenn sich das nicht gelohnt hat, dachte er zufrieden. Wenn er allerdings gewußt hätte, was noch alles kommen würde, wäre dem Schwarzen König seine Selbstzufriedenheit schnell wieder vergangen.

*

Es erstaunte Calract, daß Batchiribanban die fast tausend Kilometer vom Verwunschenen Land zu seinem Garten nicht nur in einen Zug durchfliegen, sondern dabei auch noch ein relativ hohes Tempo halten konnte. Boris von Maarx hatte wirklich Recht gehabt: seine Modelle waren perfekt. Zumindest für das, wofür sie geschaffen waren, in diesem Fall eine überaus schlagkräftige Nahkampfwaffe.

Es war mitten in der Nacht, als Calract und die Orna-Dämonin landeten. Unten, in der Piratenstadt, konnte man noch einige Menschen in den engen Kneipen zechen hören, aber das waren nur die ganz Harten oder die Verzweifelten. Oben, im Gartenland, war alles still, und wie meistens leuchtete das strahlende Band der Sterne aus einem samtschwarzen Himmel auf das paradiesische Fleckchen Erde, das Calract sich hier geschaffen hatte.

Ohne Worte ging er in seinen Tempel, legte sich auf das Lager und war sofort eingeschlafen.


*


Ich, Batchiribanban, war selbst überrascht gewesen, daß ich einen Flug von fast tausend Kilometern aus dem Stand bewältigt hatte. So eine lange Strecke war ich noch nie in meinem Leben geflogen. Eigentlich, wenn ich es mir recht überlegte, hatte ich meine Flügel sogar nur ziemlich selten wirklich gebraucht. In dem undurchdringlichen Urwald, in dem wir die letzten 400 Jahre als Wächterinnen gelebt hatten, reichte die Sprungkraft meiner Beine immer aus, um den nächsten Ast oder Baum zu erreichen. Und auch zum Kämpfen waren meine Flügel nutzlos. Meine Waffen waren die ausfahrbaren, unzerstörbaren Krallen an meinen Zehen und meine Fähigkeit, Feinde versteinern zu können.

Die Nacht über hatte ich mich kopfüber an das umlaufende Gesims von Calracts Tempel gehängt wie eine Fledermaus. Jetzt war die Sonne bereits lange aufgegangen und ich erwachte allmählich. Meine Flugmuskeln schmerzten gewaltig, ich hatte einen gehörigen Muskelkater. Ich ließ mit dem linken Fuß den Sims los, streckte mich genüßlich nach allen Richtungen und kraulte mich dann mit eingezogenen Krallen hinter dem Ohr.

Noch fast im Halbschlaf registrierte ich, daß mein Liebster aus dem Haus trat, unbekleidet übrigens Ich streckte mein freies Bein nach unten und ließ mit dem anderen Fuß oben los. Tief mußte ich dabei nicht springen, denn von Zehenspitze zu Zehenspitze hatte ich trotz meines eher zierlichen Körpers eine Spannweite von fast drei Metern, was ich vor allem den langgezogenen Füßen verdankte.

Calract war in den See gestiegen, der unweit des Tempels sein tiefblaues und eiskaltes Wasser einladend präsentierte. Der See war ziemlich tief, und neugierig sprang ich Calract hinterher und tauchte erst mal bis auf den Grund, wo ich mich sich minutenlang tummelte, bis ich wieder auftauchen mußte. Calract war nicht mehr da, aber meine scharfen Augen erblickten ihn in dem gläsernen Saal, der sich etwa einen halben Kilometer hinter dem Tempel landeinwärts gelegen auf einer Art kurzem Stiel erhob.

Im vergangene Jahr hatte Calract, wie er mir später erzählte, seine kostbaren Bücher, die er aus dem Schwarzen Schloß gerettet hatte, hierher verlegt und dafür eine unterirdische Bibliothek angelegt. Den Abstand zum Tempel hatte er einhalten müssen, weil die Position des Einganges zum Unendlichen Land nicht völlig stabil war, sondern offenbar innerhalb eines gewissen Bereiches wandern konnte oder so. Die unterirdischen Archive befanden sich jedenfalls außerhalb dieses gefährlichen Bereiches.

Ein unterirdischer Lesesaal wäre natürlich ebenso trist wie sinnlos gewesen, also hatte mein Geliebter mit seinen Zauberkräften eine faszinierende Bibliothek erschaffen. Sie bestand aus gelblich schimmerndem Material unbekannter Art, war innen in drei Stockwerke unterteilt, von denen eins teilweise durchbrochen war, um einem großen, eleganten Lese- und Arbeitssaal Platz zu bieten, während der Rest die Präsenzbibliothek, Karten, Treppen und einige kleinere Arbeitszimmer beinhaltete. Bläulich leuchtende riesige Fenster, die man niemals mit gewöhnlichen Mitteln hätte anfertigen können, ließen von außen das Licht hinein. Das Ganze saß auf einem etwa vier Meter hohen Stiel, der in seinem Innern eine Wendeltreppe barg, über die man nach unten in die Archive der eigentlichen Bibliothek gelangen konnte. Das Gebäude wirkte wie von einem anderen Stern. Es war in seiner geheimnisvoll leuchtenden Schönheit ein Wahrzeichen für die Talente seines Erschaffers, meines Liebsten, der mich vor meinem Erschaffer gerettet hatte.

Mit weit ausgreifenden Schritten sprintete ich hinüber, fand aber keinen Eingang. Verständlich, denn Calract legte keinen Wert darauf, daß jeder diesen Bücherschatz einfach so aufsuchen konnte. Daher hatte er den Eingang erstens etwa 20 Meter entfernt gelegt, so daß man durch den unterirdischen Abschnitt gehen mußte, außerdem war er verzaubert und für niemanden zugänglich, den Calract nicht hier haben wollte.

Als er mich vor den Fenstern auf und ab springen sah, öffnete er den Eingang und ließ mich hinein.

Ich staunte nicht schlecht über all die Bücher, obwohl ich keine Vorstellung hatte, was genau sie eigentlich waren. Lesen und schreiben - das kannte ich gerade mal noch dem Namen nach. Es war alles schon so unvorstellbar lange her. Aber es war nicht zu übersehen, wie stolz Calract auf diese Sammlung war.

Er zeigte mir die unterirdischen Regalreihen. Ein eigenartiger, schwerer Geruch lag in der Luft. Neben zahllosen Büchern, die säuberlich Seite an Seite auf den eleganten Holzregalen standen, hingen auch ein paar Bilder an den Wänden, einige kleinere lagen ebenfalls in den Regalen. Auch sie stammten aus den Resten des Schwarzen Schlosses. Calract hatte in die Korridore des Archives eine Reihe von Türen eingebaut, die sich durch ihren etwas schrägen Einbau von selbst schlossen, aber von an der Decke entlanggespannten Fäden offengehalten wurden.

"Die Bücher hier sind allesamt sehr kostbar", dozierte er stolz, "deshalb muß die Feuergefahr minimiert werden. Wenn es irgendwo brennt, brennen auch die Fäden durch, die Türen gehen automatisch zu und das Feuer erstickt."

Ich war beeindruckt. Überhaupt war ich von meinem Liebsten einfach hingerissen. Mit meinen langen und sehr beweglichen Ohren streichelte und liebkoste ich sein Gesicht. Dann küßten wir uns, schließlich ging es durch den Stiel nach oben in den gläsernen Saal, der sich von innen erheblich freundlicher und gemütlicher gab als von außen.

Calract hatte auf einem der Tische ein Buch liegen, mit dem er etwas tat, was mich völlig faszinierte. Er malte und schrieb hinein. Eine Seite hatte er schon voll, sie zeigte das exakte Abbild eines Orna-Dämons, eines meiner Brüder.

"Ich fertige eine Art Gedächtniskopie des Buches Orna an", erklärte Calract mir, während er mit unglaublich raschen Bewegungen die Beschriftung der Zeichnung vervollständigte. "Es war leider das einzige Buch, das ich mir bei Maarx ansehen konnte. Ich habe ein bißchen gezaubert, damit ich nichts vergesse, und jetzt bringe ich alles zu Papier."

Aber das war es weniger, was mich so faszinierte, sondern das Schreiben und Malen selbst. Langsam wurde mir klar, was es alles auf dieser Welt gab außerhalb des Lebens im Dschungel. Technik, Schiffe, die in fremde Länder fuhren, Ideen, über die viele Menschen sich unterhielten und stritten, Könige und Fürsten, Hexen und Drachen. Und solche Dinge wie Schreibfedern, Papier, Buchstaben, Druckerplatten, Wörter. Ideen, aufbewahrt außerhalb des Kopfes, weitergegeben über Jahrhunderte, auch wenn der ursprüngliche Träger längst tot war. War das nicht unglaublich!

Nebenbei war ich auch von der Eleganz des Körpers meines Liebsten fasziniert, von seinen schönen, kräftigen Händen, mit denen er den Stift mit meisterlicher Geschicklichkeit führte und von dem strahlenden Geist in seinem Kopf, der das alles hier erschaffen hatte - das meiste sogar ohne Zauberei. Ich stand hinter ihn, legte meine Brust auf seinen Rücken und leckte mit meiner fast 10 Zentimeter langen Zunge sein Gesicht ab, wobei ich leise schnurrte.

Schließlich holte ich tief Luft, nahm all meinen Mut zusammen, zeigte auf seinen Arbeitsplatz und sagte: "Ich will das auch! Glaubst du, daß ich auch schreiben lernen kann?"

In dem Moment, in dem ich das sagte, kam mir diese Idee völlig absurd vor. Ich hatte keine Hände und Finger, mit denen ich einen Stift hätte führen können. Mit dem Mund vielleicht, oder mit meinen prankenartigen Füßen? Nein, niemals würde ich ...

"Das werden wir gleich sehen", hörte ich überrascht meinen Liebsten sagen. Er zog aus einer Schublade ein Blatt Papier und einen Stift. "Probieren wir's mal so." Er plazierte mich auf einem Stuhl und legte das Blatt vor mir auf den Boden. Dann hielt er mir den Stift vor meinen rechten Fuß. So also meinte er, daß es gehen sollte. Der Ehrgeiz packte mich, und in diesem Augenblick war ich überzeugt, daß ich einfach alles schaffen konnte, wenn Calract es mir zeigte und mir half.

Ich hatte genau beobachtet, wie er seinen Stift gehalten hatte, zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfingen eingeklemmt. Das konnte ich so zwar nicht, weil ich meine große Zehe den anderen nicht entgegenstellen konnte. Ich konnte sie aber außer nach oben und unten auch ziemlich weit in beide Richtungen seitwärts bewegen und den Stift so zwischen ihr und der zweiten Zehe leicht festhalten. Den linken Fuß setzte ich am Rand auf das Papier, damit es nicht wegrutschte, dann setzte ich den Stift auf.

Es war ein aufregendes Gefühl, als ich meine ersten Striche auf das leere Blatt malte.

"Seltsam", meinte Calract. "Ohne Arme und Hände kann man schreiben, aber nicht umarmen." Ich fand das eine unglaublich kluge Bemerkung und platzte fast vor Stolz auf ihn.

Schnell aber stellte ich fest, daß zwischen Kritzeln und Schreiben doch ein gewaltiger Unterschied lag.

"Tja, dann werden wir für dich am besten eine Lehrerin besorgen." Er dachte kurz nach: "Unten im Piratendorf gibt es immer einen kleinen Sklavenmarkt. Wenn ich hier fertig bin, gehen wir mal hinunter und schauen nach, ob wir etwas Passendes finden."

Ich übte derweil weiter. Calract hatte mir geraten, es mal mit einfachen geometrischen Figuren zu versuchen, Strichen, Quadraten und Kreisen, und schon das war schwieriger, als ich gedacht hatte. Doch Calract ermunterte mich, nicht so schnell aufzugeben, und im Laufe einiger Stunden wurde ich immer besser. Als nächstes kamen dann Buchstaben dran, wobei Calract mir erst mal erklären mußte, was Buchstaben eigentlich waren.

Ich war fasziniert. Ein Buchstabe hatte keine Bedeutung, aber mehrere davon wurden zu einem Wort und ergaben mit einem Mal einen Sinn. Ich fand das unglaublich. Langsam aber sicher wuchs neben mir der Stapel bekritzelten Papiers mit meinen Übungen. Daß das, was ich hier tat, ziemlich teuer war - Papier war nicht gerade billig - das erfuhr ich erst viel später.

Irgendwann stand Calract hinter mir. Ich war so vertieft in meine Übungen gewesen, daß ich ihn gar nicht hatte kommen hören. Das wäre mir im Verwunschenen Land nicht passiert, aber hier, in dieser friedvollen Umgebung, war stetige Wachsamkeit nicht nötig. Mein Liebster begann dann, meine Ohren zu kraulen, und zwar beide gleichzeitig, was für mich einer der höchsten Genüsse und schwierig allein auszuführen war. Nach einiger Zeit sprang ich vom Stuhl, vergrub meinen Kopf in seinem Schoß und ließ mich noch eine Zeitlang unter lautem Schnurren weiter kraulen.

Dann brachen wir auf.

Menschen hatten viel kürzere Beine als ich, und um nicht ständig vorauszueilen, mußte ich ziemlich langsam machen. Aber es bestand sowieso keine besondere Eile. Als wir uns der fast senkrecht abfallenden Steilküste näherten und die ersten Blicke hinunter auf den Hafen tun konnten, meinte mein Liebster: "Aha, BQMZs Schiff ist nicht da."

Auf dem weiteren Weg erzählte er mir dann, wer BQMZ war, und das machte mich neugierig. Ich wollte sie gerne kennenlernen.

Kurz darauf traten wird durch einen steinernen Torbogen, der sozusagen den offiziellen Eingang zur Piratenstadt bildete. Alles davor beziehungsweise darüber gehörte zum Gartenland und war für die Piraten tabu.

Die Stadt war im Grunde komplett aus Brettern zusammengenagelt, einschließlich des Bodens, denn hier ging es fast überall senkrecht hinunter zum Meer. Neugierig ging ich voran und durchschritt das Tor.


*


"Blumen!"

Der Winter in der Westkolonie war hart und eisig gewesen, und Hotaru war sehr überrascht, auf ihrem Schreibtisch in einer kleinen Vase einen Strauß Schneeglöckchen vorzufinden, als sie an diesem ersten Frühlingsmorgen ihr Büro betrat. Sie setzte sich an den Tisch und beugte sich vor, um an den kleinen weißen Blüten zu riechen, und als sie es tat, griffen auf einmal seltsame Gefühle und Vorstellungen in Ihrem Bewußtsein Platz.

Gad'ta hat mir diese hübschen Blumen hergestellt.

Gad'ta, der geheimnisvolle Mann, dem man nachsagte, er habe zwei Gesichter. Bisher hatte sie ihn nur als freundlichen, tüchtigen aber eher zurückhaltenden Mitarbeiter kennen- und schätzengelernt. Doch die Schwarze Großfürstin kannte auch den Teil seiner Lebensgeschichte, der Alessandra beinhaltete. Mehr als einmal hatte Hotaru sich über die Vorkommnisse berichten lassen, damals, als Gad'ta die Weiße Prinzessin vor dem sicheren Tod durch ihr gebrochenes Herz bewahrt hatte. Daher wußte sie, daß in Gad'ta eine Kraft schlummerte, die ganz anders sein mußte als die, die ihn im Kirchenkrieg angetrieben und grausame Dinge hatte tun lassen.

Calract war es mal wieder gewesen, der Gad'ta dort herausgeholt und zu mir gebracht hat. Immer wieder Calract.

Die ganze Welt kreiste inzwischen um den Zauberer. Er hatte Gad'ta geheilt und damit die finsteren Kräfte in ihm zum Schweigen gebracht, wenn auch sicherlich nicht völlig ausgelöscht. Seitdem war Gad'ta ein ruhiger, fleißiger und eher unauffälliger Mann. Nur für Hotaru nicht. Sie fühlte, daß noch mehr in ihm steckte.

Gad'ta hat diese Blumen für mich nicht nur gepflückt, er hat auch seine Aura hineinfließen lassen.

Trotz ihrer äußerlichen Härte hatte sich zwischen Hotaru und Gad'ta eine stille Beziehung entwickelt, von der zumindest Hotaru nicht wußte, wohin sie sie führen würde. Sie wußte nur, daß sie Gad'ta gern um sich hatte. Doch das hier war mehr.

Ist das seine Art, eine Liebeserklärung zu machen?

Durch die Aura, die die Schneeglöckchen ausströmten, entstand in Hotarus Kopf das Bild von Gad'ta. Er lächelte ihr zu, aber dieses Lächeln war ganz anders als das freundliche Lächeln, das er sonst so oft auf seinen schöngeformten Lippen trug.

So muß er Alessandra angesehen haben - damals, vor zweieinhalb Jahren. Ein wohliger Schauer lief der Eisernen über den Körper und sie fühlte sich auf einmal geborgen und beschützt. Und das, obwohl der Urheber dieser Gefühle nicht einmal anwesend war.

Hotaru seufzte. Noch vor gar nicht so langer Zeit wäre der Gedanke, ein Mann könnte sich für sie als Frau interessieren, völlig absurd vorgekommen. Doch in letzter Zeit war sie ruhiger und gelöster geworden. Dank Gad'ta vielleicht? Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück und begann dann mit ihrer täglichen Arbeit. Es war viel Verwaltungskram zu machen. Jetzt, wo hier in der Westkolonie alles noch im Anfangsstadium steckte, wollte sie möglichst viel selbst regeln. Später dann, wenn die Weichen gestellt waren, konnten andere sich darum kümmern.

Zum Beispiel waren ein paar der Siedler auf die Idee gekommen, die riesigen Baumstämme, die man aus dem Schwarzen Gebirge über den Mangiarra-Fluß herausholte, einfach mal weitertreiben zu lassen bis zur Sonneninsel. Hotaru hatte es kaum glauben können, welche Beträge dort dafür bezahlt wurden. Holz dieser Qualität und vor allem Länge war heutzutage extrem rar und kostbar. Doch leider war das nicht so einfach. Zum Beispiel war die Njala-Brücke im Weg und mußte ausgebaut werden. Calract hatte das sowieso angeordnet, aber es mußte erst mal einer machen, und es gab auch sonst noch so unendlich viel zu tun.

Die Großfürstin zog einen Brief aus dem Papierstapel hervor, der ihr aufgefallen war, weil er das Weiße Siegel trug. Neugierig öffnete sie ihn, doch je mehr sie las, desto mehr legte sich ihre Stirn in Falten.

Einige Siedler hatten sich nämlich kurzerhand auf Land angesiedelt, das zum Weißen Königreich gehörte. Der Grund dafür war der seltsame Grenzverlauf. Eigentlich wäre der Siina die natürliche Westgrenze des Weißen Reiches gewesen, vor allem, da er schon hier oben ziemlich viel Wasser führte und stellenweise 50 Meter breit war. Außerdem gab es weder Brücken noch Fähren - oder zumindest bis vor ein paar Monaten nicht. Trotzdem gehörte ein etwa 5 bis 10 Kilometer breiter Streifen am Westufer auch noch zum Weißen Reich, und dieser Streifen ging hoch bis an die Schwarze Grenze, wo das ebene Land bereits anfing bergig zu werden.

Für die Siedler war der direkte Zugang zum Fluß quer durch diesen Gebietsstreifen ebenso praktisch wie selbstverständlich, doch politisch würde es ein Problem geben. Wie groß das Problem war, hing unter anderem davon ab, ob König Harro und Prinzessin Alessandra sich auf stur stellten, oder ob Calract auf der anderen Seite seinen Leuten befehlen würde, die unpraktische Grenze zu respektieren.

Oder ein Kompromiß? Mal überlegen. Da ich hier die Herrscherin bin und alles unter mir habe, bin ich auch verantwortlich für die Leute. Aber ich sollte Calract zumindest einen Vorschlag machen.

Hotaru ließ einen Schreiber kommen und diktierte ihm einen Brief an Calract. Einen weiteren schrieb sie an das Weiße Königshaus, in dem sie anfragte, wie man an höchster Stelle über die Sache dachte, denn das Schreiben, das ihr vorlag, stammte nur von einem kleinen Provinzgrafen namens Bremren, der nichts zu sagen hatte.

Woher er das überhaupt weiß? Ohne Brücken und Verbindungen kann er diesen Landstreifen eigentlich nie selbst betreten haben.

Der Brieftransport würde mit der täglichen Drachenpostlinie, die Calract inzwischen eingerichtet hatte, sehr schnell gehen. Brauchte eine Postkutsche allein für den Weg zur Weißen Hauptstadt schon vier Tage plus eine Woche Warten darauf, daß sie überhaupt erst mal kam, so hatte Calract verfügt, daß ständig ein oder zwei seiner Drachen, von denen er inzwischen wieder ein paar Dutzend angefertigt hatte, seine Verbindungsbüros abflogen. Weitere Stationen waren Alessandrina, Kalohe, Trok, das Gartenland und demnächst Royal Haslach. Die Routen wurde mindestens einmal täglich bedient, sodaß König Harro diesen Brief bereits am gleichen Abend in den Händen halten konnte, und Calract ebenso.

"Wilhelm!"

"Ja, Eure Durchlaucht."

"Schick' mir mal Gad'ta!"

Die Großfürstin wußte, daß ihr ehrgeiziger Sekretär, der es inzwischen geschafft hatte, sich hierher nach Alessandrina versetzten zu lassen, Gad'ta nicht leiden konnte. Das ganz leichte Zusammenkneifen der Lippen, die sich verengenden Pupillen, wenn sein Name fiel, die steife Haltung, wenn er da war, waren Hotaru nicht entgangen. Der Grund für diese Abneigung war einfach: Wilhelm Golnip befürchtete, daß Gad'ta seiner Karriere im Wege stehen könnte. Denn in der Tat war Hotaru der intelligente und faszinierende Gad'ta wesentlich lieber als dieser schmierige Anpasser aus Sydur. Doch selbst er hatte seine unbestreitbaren Verdienste: er war ein guter Organisator, er war gründlich, und er konnte, wenn es sein mußte, die Leute mit harter Hand dazu bringen das zu tun, was von ihnen verlangt wurde. Deswegen schätzte Hotaru seine Mitarbeit durchaus. Nur, eine wirklich entscheidende Position würde sie ihm nie anvertrauen. Dazu fehlte ihm auch die Phantasie. Wilhelm war kein Visionär. Aus eigener Kraft würde er nie etwas Großes bewegen.

Hotaru studierte weitere Papiere. Recht interessant waren zum Beispiel die wirtschaftlichen Schätzungen, die auch eine Aussage über das zu erwartende Steueraufkommen machten. Besonders beliebt bei den Siedlern waren zur Zeit Pferde- und Viehzucht. Wildpferde gab es genug einzufangen, denn diese Tiere gediehen in dem endlosen, ebenen Steppenland prächtig. Bereits jetzt exportierten einige besonders fleißige oder geschäftstüchtige Männer Pferde und auch Hirsche, Gabelböcke und noch exotischere Tiere ins Weiße Reich, angeblich sogar schon nach Ganda und Botha.

Sieh mal an, was haben wir denn da?

Einige der Tierzüchter und -fänger kamen ziemlich weit herum. Was sie so erlebten, erzählten sie, wenn sie wieder zurück waren, in der Kneipe, und dort notierten Wilhelms Leute es dann gewissenhaft, denn Calract hatte befohlen, vom ersten Tage an eine genaue Chronik der Westkolonie zu führen.

Einer Karawane der Wüstennomaden sind sie begegnet. Die Großfürstin war erstaunt. Da boten sich ungeahnte Möglichkeiten. Der Fernhandel nach dem Westen war de facto das Monopol der Sonneninsel, dem sie zu einem guten Teil auch ihren märchenhaften Reichtum verdankte. Doch das war nur ein ungeschriebenes Gesetz, gegen das man getrost verstoßen durfte. Sofrejan würde gegen einen Konkurrenten womöglich Handelssanktionen verhängen. Da aber Calract mit der Sonneninsel bislang nur sehr wenig Handel trieb, war das ein stumpfes Schwert. Andererseits entwickelten sich die Handelsbeziehungen zwischen Calracts Besitzungen und den anderen Reichen im Moment geradezu stürmisch. Das Westland brauchte buchstäblich alles, begann aber andererseits auch schon damit, interessante Dinge zu liefern, etwa Tiere, Felle, Holz und auch Edelsteine. Ein Handelskrieg ausgerechnet mit der Sonneninsel würde ausgesprochen zur Unzeit kommen. Das ist wohl das, was man Politik nennt - Interessen abwägen, die sich gegenseitig ausschließen. Hotaru lächelte versonnen. Ihre Arbeit als Großfürstin wurde von Tag zu Tag spannender. Vor allem die finanziellen Beziehungen und Geldströme waren hoch interessant.

Seltsam: meinem Chef gehört soviel Gold, daß man die ganze Welt darunter versinken lassen könnten, und wir machen uns Sorgen um Zahlungsbilanzen. Doch die Eiserne wußte nur zu gut, daß der Fall nicht so einfach lag. Gold war nur wertvoll, weil es selten war. Wenn es in großen Mengen das Unendliche Land verlassen würde, war es mit dem Wert vorbei. Doch das war nicht der Grund für Calracts Zurückhaltung. Niemand wußte, welchem Zweck das Unendliche Land diente und warum das ganze Gold dort war. Und was passieren würde, wenn man zuviel davon herausnahm. Insofern waren Calracts Bedenken nur zu berechtigt und Hotaru teilte sie voll und ganz. Der Handel innerhalb der Menschenwelt mußte auch mit Geld aus der Menschenwelt finanziert werden.

Ja mehr noch, sie war der Ansicht, daß es am besten wäre, die Menschheit würde überhaupt vergessen, was das Unendliche Land war und daß es existierte. Nachdem diese Informationen inzwischen aber leider durchgesickert waren, konnten sie nicht mehr aus der Welt geschafft werden. Ganz so hoffnungslos war die Situation dennoch nicht: echtes Faktenwissen besaßen nur eine Handvoll Leute, etwa die Weiße Prinzessin und einige wenige Privilegierte. Der Rest kannte nur wilde Geschichten und Gerüchte, von denen keiner sagen konnte, ob sie nicht übertrieben oder womöglich frei erfunden waren.

Daher waren Hotaru und diejenigen, die im Schwarzen Königreich und im Westland die Verantwortung trugen, Calract selbst etwa und auch Tschuri, mehr oder weniger stillschweigend übereingekommen, dieses Thema aus der öffentlichen Diskussion herauszuhalten und jede Art von Publikation darüber zu verbieten. Wobei es mangels Wissen und Wissenden kaum etwas zu verbieten gab.

Kurz darauf klopfte es an der Tür und Gad'ta trat ein. Ein stilles Lächeln lag auf seinen Lippen, und ebenso erwiderte es die Eiserne. Dann erklärte sie ihm, um was es ging: "Wir beide und ein paar unserer Leute werden am Westufer des Siina nach Süden reiten und uns mal vor Ort ansehen, wie sich die Situation verhält."

"Eine sehr kluge Entscheidung, Fürstin. Man sollte im Zweifel nur das glauben, was man mit eigenen Augen gesehen hat."

"Ja, so sehe ich das auch. Laß die Vorbereitungen treffen. Der Weg ist weit, wir brauchen Proviant für drei oder vier Tage, und es sollen außer und beiden noch zwei Soldaten mitkommen. Wer weiß, wofür wir sie brauchen."

"Soldaten?"

Gad'ta spielte mit der Frage auf Hotarus besondere Fähigkeiten an. Keine Macht der bekannten Welt konnte ihr etwas anhaben. Wozu brauchte sie dann Soldaten?

"Meinetwegen auch Vermessungsbeamte oder Kuriere. Wie auch immer, es ist ein wildes Land und ich will ein paar Leute dabeihaben, wenn es etwas zu erledigen geben sollte."

Gad'ta verstand und machte sich an die Arbeit.


Am folgenden Morgen ging es los.

Der Ritt führte die vier zunächst nach Udor, das sie gegen Mittag erreichten. Bei der Gründung war Udor als Hauptstadt des von Thoran hinzugewonnenen Westlandes gedacht gewesen, doch inzwischen war es kaum mehr als eine Zwischenstation, weil Alessandrina alles an sich gezogen hatte. Hotaru wählte dann den alten Weg durchs Gebirge, der sie direkt zu der mächtigen Quelle des Siina führte, von der die Eiserne sehr beeindruckt war. Entlang des Westufers ritten sie dann nach Südosten. Nachdem sie das Gebirge wieder verlassen hatten, stießen sie immer wieder auf einzelne Gehöfte und Farmen von Neusiedlern, die statt in der Westkolonie hier im südwestlichen Zipfel des Schwarzen Reiches ihr Glück versuchten. Es gab auch einige neue Wege und Kanäle, mit denen ein kleiner Teil des Siina-Wassers in das neu erschlossene Land gelenkt wurde.

Am Abend erreichten sie die Njala-Brücke, die selbst um diese Zeit noch frequentiert war. Überqueren mußten sie sie nicht, daß sie bereits auf der Südseite waren, aber es wurde langsam Zeit für eine Rast. Praktischerweise war hier ganz in der Nähre eine Art provisorisches Dorf entstanden, das man passenderweise Camp Njala genannt hatte. Es bestand zwar nur aus fünf Häusern und ein paar Schuppen und Ställen, war aber bereits eine Art Handelsknoten im Miniaturformat und bot alles, was Durchreisende brauchten. Von den fünf Häusern waren vier ganz oder teilweise Hotels, die auch Lager, Ställe, Läden, eine Spielhalle und zwei Banken beinhalteten, und sie waren alle gut besucht.

Calract hatte inzwischen netto über zehntausend Menschen hierhergebracht. Netto hieß abzüglich derer, die er zu neuen Lunalocdämonen verarbeitet hatte - allesamt Freiwillige übrigens. Das waren allerdings nicht viele, denn zur Zeit stellte er nur Drachen her, und für die brauchte er viel Zeit.

Unter diesen Menschen herrschte eine Stimmung, wie Hotaru sie nie zuvor gekannt hatte. Aus ihrem Heimatdorf Kitsai war sie nur Stumpfsinn, Schäbigkeit und Armut gewohnt. Im Weißen Reich waren die Menschen fleißig, strebsam und etwas kleinkariert, in Arcadia aggressiv, und in den Kirchenländern verbohrt und leicht zu fanatisieren. Und doch, ebendiese Menschen waren hier wie ausgewechselt. Es war, als stünden sie unter Strom. Nirgends sonst in der bekannten Welt gab es diese Aufbruchsstimmung, diesen Drang, Neues zu entdecken, Altes abzuschütteln und das Leben in die eigenen Fäuste zu nehmen. Sicher, Calract schwebte über allem, und auch sie als Regentin dieses Landes war jedem einzelnen gegenüber nicht nur weisungsbefugt, de facto war sie Herrin über Leben und Tod. Doch das war für die Pioniere abstrakt. Sie behandelten ihre Großfürstin fast wie ihresgleichen, rauh, herzlich und kameradschaftlich.

Vielleicht war es nicht Gad'ta, der mich geändert hat, vielleicht war es dieses Land und der Geist, der hier weht. Der Pioniergeist der Freiheit.

Hotaru liebte dieses freie, weite Land. Es grenzte ja geographisch direkt an das Schwarze Reich, doch einen größeren Kontrast hätte man sich schwer vorstellen können.

Spät am Abend traf noch eine Forschergruppe ein. Es waren Männer und Frauen, die Tschuris Neugier und Begeisterung für Naturkunde teilten. Die junge Dämonin hatte ihre Akademie inzwischen gegründet, für die zur Zeit zwei Leute haupt- und gut zwei Dutzend nebenberuflich arbeiteten. Diese Menschen untersuchten das Land wissenschaftlich, vermaßen es, stellten fest, wo welche Tiere lebten und warum, wo es Bodenschätze gab, wie groß die örtlichen Niederschlagsmengen waren, eben all die Dinge, die Tschuri - und Calract - interessierten. Und seltsamerweise waren die beiden damit in der bekannten Welt die einzigen, die auf diese Weise eine systematische Forschung betrieben. Die Daten, die die anderen Reiche über sich selbst besaßen, waren mehr oder weniger zufällig irgendwann mal im Laufe von Generationen zusammengekommen. Die meisten davon verstaubten in irgendwelchen höfischen Archiven. Tschuris Wissen hingegen stand jedermann offen, es wurde sogar öffentlich bekanntgemacht, wenn einer der Erkunder etwas Besonderes gefunden hatte.

Auch Hotaru und Gad'ta ließen sich bei solchen Gelegenheiten gerne über die Arbeit von Tschuris Leuten berichten. Sie saßen dann einfach alle in der Akademie-Mensa am Tisch beim Mittag- oder Abendessen zusammen und redeten über das, was es so an Neuigkeiten gab. Jeder, den es interessierte, konnte kommen und zuhören. Und genauso ungezwungen ging es jetzt auch in dieser Absteige in Camp Njala zu. Hotaru und ihre Begleiter setzten sich zu den Forschern und informierten sich, was sie an interessanten Dingen entdeckt hatten, während im Hintergrund leicht bekleidete Mädchen auf der Bühne zu Klimpermusik tanzten und sich von den mehr oder weniger nüchternen Durchreisenden Geld zustecken ließen.


Am nächsten Vormittag überquerten sie die Weiße Grenze.

"Ab hier beginnt unsere eigentliche Mission. Ich denke, wir schwärmen etwas aus und reiten in größerem Abstand weiter den Fluß entlang nach Süden. Mal sehen, ob die Geschichten dieses Grafen Bremren wirklich stimmen."

Sie stimmten.

Allerdings waren die paar Siedlerhütten weniger das Problem, sondern der Holzeinschlag. Holz war eins der Materialien, auf denen Calract die Westkolonie baute. Holz gab es in den Schwarzen Bergen an sich mehr als genug, aber die waren über 100 Kilometer von hier entfernt, und es war harte Knochenarbeit, die großen Stämme überhaupt aus dem ewig verschneiten Land herauszubringen. Einiges ging über die Flüsse, also den Siina und den Mangiarra, aber warum sollte man Holz von weit her holen, wenn hier direkt vor der Nase mehr als genug davon herumstand?

In der Steppe jedenfalls gab es kaum Holz. Nur hier, in eben jenem Streifen entlang des Siina, der König Harro und jenem Grafen Bremren gehörte. Holz bester Qualität in großen Mengen, das nur darauf zu warten schien, daß es sich jemand nahm.

"Wenn das so ist", resümierte Gad'ta am Abend, als sie zusammen das Lager aufgeschlagen hatten, "dann sollte es kein unlösbares Problem sein. König Harro verkauft unseren Leuten einfach das Holz. Das ist alles."

"Mhm", antwortete die Großfürstin zustimmend. "Das sehe ich auch so. Wir verbieten es den Siedlern, auf Weißem Gebiet Häuser zu bauen, aber die Holzrechte dürften zu bekommen sein. Und wer weiß, wenn wir diesem Bremren erst mal so ein Papier unter die Nase halten können ... naja, unsere Jungs werden sich sicher nicht daran hindern lassen, hier auch zu jagen und Fallen zu stellen. Und dann brauchen sie zumindest für die kalten Nächte doch Hütten ... naja. Wenn wir erst mal einen Fuß in der Tür haben ..."

"Aber wenn sie doch hier siedeln, sind sie letzten Endes König Harros Untertanen. Darauf kann er bestehen", wandte Gad'ta ein.

"Dann erklären sie eben die Unabhängigkeit. So wie dieser Anatoll Gullak aus Nieder-Wies, der bei Harro Asyl bekommen hat. Wer weiß, wozu er uns noch mal nützlich sein kann." Hotaru grinste spitzbübisch.

Die vier saßen um ein Feuer und brieten Fleischstücke, die sie auf Äste aufgespießt hatten. Über dem Feuer hing ein Kessel, in dem eine Gemüsesuppe langsam heiß wurde.

Hotaru und Gad'ta saßen ziemlich dicht beieinander. Die Nacht brach herein, und nur der rote Schein des Feuers holte noch die Konturen der Menschen aus der Dunkelheit. Doch es war keine bedrohliche Dunkelheit. Nicht weit gluckste der Siina, und auch der Wald selbst hatte etwas anheimelndes, Beschützendes.

Eine Zeitlang saßen sie schweigen da und hörten nur das Zischen des Fleisches, das langsam knusprig wurde.

"Macht Euch diese einfache Umgebung hier nichts aus, Fürstin", fragte Gad'ta in die Stille hinein.

Hotaru lächelte. Dann wandte sie sich Gad'ta zu. "Einfach? Gad'ta, du beliebst zu scherzen." Sie seufzte leise. "Nun ja, unsere beiden Soldaten kennen meine Geschichte nicht."

Mit ihrer Eisenhand zog sie die heißen Fleischstücke vom Spießchen und steckte dann neue auf. Während sie begann, an dem röschen Fleisch herumzuknabbern, erzählte sie mit leiser, eindringlicher Stimme.

"Ich stamme aus einem völlig unbedeutenden, inzwischen vernichteten Dorf aus dem Reich Karls. Mein Vater war ein verkommener Säufer, der nie im Leben mehr besessen hat als die Lumpen, die er am Leib trug. Meine Mutter war keinen Deut besser, einige meiner Schwestern waren Huren, wir anderen Diebe. Dafür haben sie mir eines Tages die Hand abgehackt. Mehr als einmal war ich dem Tod näher als dem Leben, und daß ich überhaupt noch hier bin, ist letztlich ein Wunder, das ich einem unbekannten Wesen aus dem Unendlichen Land und Calract zu verdanken habe. Eigentlich, gemessen daran, ist das hier keine einfache Umgebung, sondern mehr Luxus, als ich die meiste Zeit meines Lebens gehabt habe. Tja, wir alle haben Calract viel zu verdanken. Eine neue Chance, oder sogar noch mehr ..."

Sie verstummte, als sie Gad'tas Hand auf ihrer Schulter spürte. Eine unglaubliche Wärme und Geborgenheit strömte auf sie über, und fast gegen ihren Willen kuschelte sie sich an ihn.

Gad'ta, was tust du mit mir. Weißt du nicht, daß ich ein Ungeheuer bin, vielleicht dazu bestimmt, eines Tages diese Welt zu vernichten?

Doch irgendwann spielte das keine Rolle mehr. Sie war einfach nur bei ihm.


Am nächsten Tag erwachte Hotaru in Gad'tas Schoß. Gleichzeitig mit ihr schlug auch er die Augen auf, und die beiden lächelten sich voller Wärme an. Es war noch fast dunkel, und dennoch hatte die Eiserne das Gefühl daß die Sonne aufgehe.


*


Im Jahre 1139 unternahm eine bunt zusammengewürfelte Flotte aus Piraten, Glücksrittern, Abenteurern, Spekulanten und entlaufenen Sklaven eine Expedition entlang der Südwestküste des Octaviusmeeres, auf der Suche nach Gold und Reichtum. Nur wenige dieser Schiffe kehrten in die Heimat zurück, doch die anderen hinterließen an vielen Stellen Siedlungen und Kolonien. Einige davon verschwanden wieder, andere wuchsen und wurden groß und mächtig.

Eine davon war Güstra, gelegen an einer gut zugänglichen Stelle, die unter den Eingeborenen den Namen "Drachenküste" trug. Die Siedler hätten besser auf die Ureinwohner hören sollen, denn dieser Name beruhte nicht einfach nur auf Aberglaube. Denn alle zwanzig bis dreißig Jahre stiegen genau an dieser Stelle die Seeungeheuer an Land, um dort ihre Eier abzulegen.

Güstra war zufälligerweise kurz nach einem solchen Ereignis gegründet worden und dann ein halbes Menschenleben lang unbehelligt geblieben. Der Handel florierte, Dörfer wurden gegründet, die Menschen wurden heimisch. Doch dann, eines nachts, erschien das erste der Seeungeheuer, ein riesiger Wasserdrache, und er war sehr erzürnt, die Küste, die seiner Art seit Jahrmillionen als Brutstätte gedient hatte, nun auf einmal von Menschen besiedelt vorzufinden.

In der folgenden Nacht erschienen noch viel mehr der Ungeheuer, und von da an hatten die Güstra-Siedler keinen Frieden mehr. Einerseits waren sie an dieser günstigen Stelle heimisch geworden und wollten nicht weichen, andererseits richteten die Seeungeheuer so große Verwüstungen an, daß Güstra seinem Untergang entgegensah. Da riefen die Ältesten des Landes alle Zauberer herbei, die sie in der bekannten Welt finden konnten. Sie boten ihnen alles an Schätzen, was sie noch besaßen, wen nur jemand diese Bedrohung von ihnen nehmen würde.

Es kamen sieben Magier, und alle erkannten die Lage und rieten den Güstraern, das Land zu verlassen und es denen zurückzugeben, denen es gehörte, nämlich den Meeresdrachen. Doch die Siedler dachten nicht daran, ihre neue Heimat aufzugeben. Einer nach dem anderen wurden die Zauberer mit Schimpf und Schande aus dem Land gejagt, nur der siebte blieb. Er sah, daß die Siedler dem Untergang geweiht waren, also wollte er wenigstens die Schätze an sich bringen. Und so versprach er den Siedlern, sie zu retten. Jedoch vermochte auch er gegen die mächtigen Seeungeheuer nichts auszurichten, kannte aber ihre Schwachstelle: ihre Eier. Diese Eier waren sehr empfindlich. Selten nur hatte einer der Menschen sich an ihnen vergreifen können, und wenn, hatte er es nicht überlebt, denn die Ungeheuer bewachten ihre Brut natürlich eifersüchtig und wenn es sein mußte bis zum Tod.

Jedoch brauchten die Eier zum Reifen eine gleichmäßig warme Umgebung. Genau das war ja der Grund, warum sie sie hier im heißen Küstensand eingruben. Also sprach der Zauberer, dessen Name mit dem Untergang Güstras ebenfalls verlorenging, zu den Ältesten: "Gebt mir ein Neugeborenes, und ich werde es mit der Macht segnen, das Wetter beeinflussen zu können. Das Kind wird die Brut der Ungeheuer, die euch bedrohen, durch Kälte abtöten, und ihr werden gerettet sein!"

Insgeheim aber war er auf der Seite der Seeungeheuer, denen diese Küste schon immer gehört hatte, und beschloß, den arroganten Menschen eine Lehre zu erteilen. Betrügen konnte er sie nicht, denn sie waren so schlau erst zu bezahlen, als das Kind, eine der Töchter des Anführers und somit eine Prinzessin, ein paar Jahre alt war und beweisen konnte, daß es wirklich das Wetter kontrollierte, Sonne ebenso wie Schnee und Eis herbeizurufen imstande war.

Doch es konnte auch noch etwas Anderes, nämlich mit den Tieren sprechen, zumindest mit denen, die eine Sprache hatten, wie das bei den Seeungeheuern der Fall war. Diese Fähigkeit war die Rache des Zauberers, und sie sollte Güstras Verhängnis werden.

Der Zauberer bekam seinen Lohn und verschwand, wohl wissend, daß seine Auftraggeber bald untergehen würden. Das Mädchen nun wurde älter und mächtiger, und es diente seinem Volk, doch irgendwann belauschte es durch einen Zufall das Leid, das die Seeungeheuer einander klagten, denn wirklich froren ihre Eier ein und sie sahen sich vor die Wahl gestellt den Menschen zu weichen oder auszusterben.

Das schöne, junge Mädchen, Kokoma war sein Name, weinte bittere Tränen, denn es hatte im Grunde die Zusammenhänge längst durchschaut. Es sprang von seinem Felsen herab in den weichen, weißen Sand vor die Ungeheuer und bat sie, es zu töten, damit es ihnen kein weiteres Leid mehr antun konnte, wie die Güstraer es jeden Tag von ihr verlangten.

Doch die Seeungeheuer waren vom traurigen Schicksal ihrer Peinigerin zu gerührt, sodaß sie ihr nichts antun wollten. Das übernahmen aber die Siedler, denn als Kokoma ihnen erklärte, ihre Zauberkräfte nicht länger gegen die Seeungeheuer benutzen zu wollen, da wurde sie zuerst eingesperrt, als Verräterin verurteilt, schwer gefoltert und verstümmelt, und schließlich in die Sklaverei verkauft.

Der Zauberer hatte Kokoma nicht nur starke magische Fähigkeiten, sondern auch einen vollendeten Körper mitgegeben, und auch die Narben und Entstellungen durch die Güstraer änderten nichts daran, daß Kokoma sehr begehrt war und hohe Preise erzielte. Doch keiner ihrer Besitzer behielt sie lange, denn in ihrer Verzweiflung produzierte sie stets schlechtes Wetter, Schnee und Hagel mitten im Sommer, und das über Wochen, manchmal Monate. Schnell eilte ihr der Ruf als üble Hexe voraus, und ihr Wert sank ständig. Zeitweise landete sie in Hafenbordellen, dann wieder verblieb sie für lange Zeit unverkäuflich auf den Sklavenmärkten. Schließlich kaufte sie der Sklavenhändler Pilgaschuk für ein paar Kreuzer und brachte sie in seine Heimatstadt Laguna.


*


"Da war wohl nichts dabei", meinte Calract etwas enttäuscht. Aber das war auch kein Wunder. Die meisten von BQMZs Schiffen waren unterwegs, und der Sklavenhändler hatte nur zwei Menschen zu verkaufen gehabt, beide als Lehrer für mich ungeeignet. Stattdessen hatte er geglaubt, Calract wollte mich verkaufen. Das hatte mich köstlich amüsiert.

Mir hatte der Ausflug in die Piratenstadt auf jeden Fall großen Spaß gemacht. Es war alles so neu für mich. Ich fühlte mich wie ein Kätzchen, das im Sommer zur Welt gekommen ist und nun staunend vor dem ersten Schnee steht und sich fragt, wieso dieses weiße Zeug so kalt ist und ob man überhaupt seine Pfötchen darauf setzen sollte. Und meine Katzenmutter, die mir die große weite Welt zeigte und mich sicher führte, was mein Schatz Calract. Ich schmiegte mich zärtlich an ihn, umfaßte ihn mit meinen Knien und drückte meine Brust fest an seinen Rücken. Dann ließ ich wieder los, flatterte auf, flog zum Tempel, krallte mich mit dem rechten Fuß am Gesims fest, ließ mich wie eine Fledermaus herabhängen und begann, mit meiner rauhen Zunge zuerst die linke Fußsohle zu massieren. Dann leckte ich die Zehen und Zehenzwischenräume sauber und polierte schließlich die langen, scharfen Krallen. Als ich damit fertig war, griff ich um und wiederholte das Ganze mit dem rechten Fuß.

Calract kam hinzu und kraulte mich hinter den Ohren, die zusammen mit meinen langen hellblauen Haaren bis fast auf den Boden herabreichten. Ich schnurrte wohlig und leckte eifrig weiter.

"Ich glaube", meinte mein Schatz, "in deinem früheren Leben warst du kein Mensch, sondern eine Katze. Du hast eine lange rauhe Zunge wie eine Katze, du leckst dich wie eine und du kannst sogar schnurren. Und du magst es, wenn man dir die Ohren krault."

Ich schnurrte noch lauter und gab mich meinem Glück hin.

Schließlich sagte Calract: "Ich schreibe erst mal ein bißchen an dem Buch Orna weiter. Morgen machen wir dann einen Ausflug nach Laguna. Dort gibt es den größten Sklavenmarkt weit und breit, da werden wir bestimmt einen Lehrer finden. Oder bessergesagt eine Lehrerin." Er lachte leise und ging dann hinunter zu dem Eingang in seine faszinierende Bibliothek.

Etwas später kamen zwei Lunaloc-Dämonen von dort hervor. Nach und nach kamen und gingen weitere, und schließlich begannen sie damit, eine Stelle hinter dem Tempel freizumachen und einen Anbau zu errichten. Ich lief durch den unterirdischen Teil der Bibliothek und dann hinauf in den leuchtenden Glaswürfel, in dem mein Schatzilein konzentriert arbeitete, und fragte, ob ich mich auch irgendwie nützlich machen könnte.

Calract sah mich lange an, dann meinte er: "Weißt du, Batchiribanban. Maarx hat dich im Grunde als Nahkampfwaffe konstruiert. Ich habe schon über deinen Konstruktionsplan nachgedacht, er ist wirklich perfekt in jeder Hinsicht. Leider heißt das aber, daß du mit allem, was nicht Nahkampf ist, wegen deines Körperbaus nicht so weit kommen wirst. Oder um es in kurze Worte zu fassen: wie willst du meinen Dämonen denn beim Hausbau helfen?"

Wenn ich Schultern gehabt hätte, hätte ich sie jetzt sicher gezuckt, und der Umstand, daß mir das verwehrt blieb, erläuterte mir deutlich, was Calract gemeint hatte. Jedoch, ganz so trübe sah es nicht aus. Die vorige Nacht hatte bewiesen, daß mein Körper auch für die Liebe geschaffen war. Mit Lippen und Zunge konnte ich überirdische Freuden bereiten, und nicht zu vergessen meine Ohren. Und auch der Rest meines geschmeidigen, kraftvollen Körpers konnte jederzeit mit einer Menschenfrau mithalten, zumindest, was Schönheit und Eleganz anging.

Außerdem konnte ich mit meinen Füßen schreiben, und darauf war ich unglaublich stolz.

Ich werde dir beweisen, daß ich auch ein Haus bauen kann!

Drehte mich um und marschierte wieder heraus aus der Bibliothek und schnurstracks zur Baustelle. Doch so leicht ließ sich mein Vorhaben nicht in die Tat umsetzen, aber das hatte einen anderen Grund. Calract hatte einen Plan gemacht und ausführlich beschrieben, wo wann was zu machen war. Es irritierte mich, daß die Lunalocdämonen allesamt in der Lage waren, das zu lesen, während ich mich noch mit meinen ersten Buchstaben abmühte. Und sie waren nicht bereit, sich in ihrer Arbeit unterbrechen zu lassen um mir zu erklären, was genau sie taten oder was ich hätte tun sollen.

Wo haben sie eigentlich die Steine her?

Das herauszufinden war leicht, denn zwei von ihnen liefen immer hin und her und transportierten welche an. Ich flog auf und sah ein paar Kilometer weiter nördlich, direkt hinter dem Ende des Gartenlandes, dort wo die Vegetation abrupt endete und das kahle Felsenland begann, einen kleinen Steinbruch, in dem drei weitere Dämonen eine Platte nach der anderen heraussägten. Die Werkzeuge, die sie dafür benutzten, waren zweifellos verzaubert, so daß ihnen die Arbeit sehr flott von den Händen beziehungsweise Pranken ging. Die Baumaterialien jedoch waren echt. Wenn irgendwann einmal Calracts Zauberkräfte erlöschen sollten, würde das Haus also trotzdem bestehenbleiben.

Hier kann ich nichts tun. Also flog ich wieder zurück. Gerade kam einer der Dämonen von der Piratenstadt zurück, wo er eine Reihe von kleineren Nützlichkeiten eingekauft hatte. Er verschwand damit in den bereits bestehenden Teil des Tempels, dort, wo Calract sein Atelier und seine bescheidenen Privatgemächer hatte.

Leicht resignierend mußte ich zur Kenntnis nehmen, daß ich bei diesen Arbeiten wirklich nicht gebraucht wurde. Also kehrte ich in die Bibliothek zurück, legte ein Blatt Papier vor mir auf den Boden und setzte meine Schreibübungen fort.


Ich hatte gar nicht bemerkt, daß es draußen schon dunkel geworden war. Der Stapel beschriebener Blätter neben mir hatte eine beträchtliche Höhe erreicht. Ich legte den Stift beiseite, streckte mich ausgiebig und sprang dann zu Calract hinüber um zu sehen, wie weit er war.

Einer der Dämonen kam hereingetappt und meldete uns, das Abendessen sei fertig. Calract legte nun ebenfalls seine Schreibfeder weg und lehnte sich im Stuhl zurück. Ich blätterte das Buch ein bißchen durch. In den paar Stunden hatte er vierzehn Seiten geschafft, angefüllt mit unglaublich filigranen und detaillierten Zeichnungen und Skizzen, dazu die erläuternden Texte in einer ziemlich kleinen, aber gestochen scharfen Schrift. Ich war beeindruckt.

Seine Bilder hatte ich ja auch schon bewundert, und jetzt wurde mir so langsam klar, was für eine Genialität dazu gehörte, so etwas machen zu können, vor allem wenn ich es mit dem verglich, was ich so zustande brachte.

"Komm', Mäuschen, laß uns was essen." Er erhob sich in einer geschmeidigen Bewegung, dann hielt er inne und blickte mich an. Es lag etwas so Vertrautes in diesem Blick, so, als würden wir uns schon ewig kennen.


Die Dämonen arbeiteten die ganze Nacht durch. Sie waren unermüdlich wie Ameisen. Derweil vergnügten Calract und ich uns im Bett, bis ein gewaltiger Lärm unsere Liebe störte. Die Arbeiter waren nämlich gerade beim Mauerdurchbruch angelangt, und nun hämmerten sie mit riesigen Hämmern und Stemmeisen ein stetig größer werdendes Loch in eine der hinteren Außenwände. Calract seufzte, während ich aufstand und mir das etwas genauer ansah.

Als ich zurückkam, war mein Schatz aber wieder eingeschlafen. Statt zurück ins Bett zu gehen, hängte ich mich mit einem Bein kopfüber ans Gesims, zog das freie Bein vor den Körper, dachte zurück an den vergangenen Tag, und war kurz darauf ebenfalls im Land der schönen Träume. Was fast schade war, denn die Wirklichkeit war für mich schöner als jeder Traum.

*

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war Calracts Bett leer und aufgeräumt. Ich fand meinen Liebsten in der Bibliothek, wo er in tiefster Konzentration versunken weiter an seiner Kopie des Buches Orna schreib. Erst als ich ihn mit spitzer Zunge hinter dem Ohr kitzelte, bemerkte er meine Anwesenheit.

"Hast du schon was gefrühstückt, Batchi-Mäuschen?"

Ich schüttelte den Kopf.

"Dann laß uns mal was essen, und dann fliegen wir rüber nach Laguna."


Bevor wir aufbrachen, holte Calract noch sein Geld, dann stieg er auf ein wunderschönes geflügeltes Pferd. "Das ist Subara. Ich habe sie eigentlich für Tschuri gemacht, aber die verbringt ihre Zeit im Moment da oben im Westland hauptsächlich am Schreibtisch. Also ist Subara wieder zu mir geflogen, Hier gefällt es ihr besser, und für unseren kleinen Ausflug ist sie ideal." Er lachte leise. Dann breitete Subara ihre blütenweißen Schwingen aus und hob ab.

Seite an Seite flogen wir nun die paradiesische Küste entlang Richtung Nordwest. Es war nur ein Katzensprung, keine hundert Kilometer immer genau an der Grenze zwischen Land und Meer, lag die flache, weite Bucht mit unserem Ziel Laguna. Wir landeten etwas außerhalb der prachtvollen, aber stellenweise ziemlich lädiert wirkenden Stadt. Calract machte das geflügelte Pferd mit einem kleinen Zauber unsichtbar, dann gingen wir zu Fuß hinunter.

"Das hat vor gerade mal zwei Jahren alles noch in Schutt und Asche gelegen", erzählte er mir unterwegs. Von BQMZ hatte ich ja schon gehört, aber daß sie, bevor sie in Calracts Dienste getreten war, eine wüste, grausame Piratin gewesen war, das war mir nicht bewußt gewesen. Doch hier sah ich, was dieser lapidare Satz in der Realität bedeutete. Die Häuser und Fassaden der Hauptstraßen waren großenteils wiederhergestellt und leuchteten in strahlenden Farben und goldener Pracht. Doch in den Seitenstraßen sah man noch die verkohlten Ruinen. In vielen von ihnen hausten sogar Menschen, Bettler, Obdachlose, menschliches Treibgut ohne Heimat, ohne Zukunft, ohne Hoffnung.

Calract interessierte sich allerdings nicht weiter dafür. Jedoch interessierte man sich brennend für uns. Vielleicht wäre der Zauberer, wenn er allein gekommen wäre, sogar unerkannt durchgegangen, doch mit einer Begleitung wie mir brauchten die Lagunenleute nicht groß zu raten, wer ihnen da einen Besuch abstattete. Es dauerte nicht lange, da waren wir umringt von einem Dutzend Soldaten. Seltsamerweise unternahmen sie jedoch nichts gegen uns, sie versuchten nicht mal, uns aufzuhalten. Sie waren nur da und folgen uns durch die breite Prachtstraße hinab zum Hafen. Doch der war nicht unser Ziel. Vorher bog Calract rechts ab, wo eine mindestens 50 Meter breite, komplett mit Marmor gepflasterte weitere Prachtstraße wieder etwas nach oben führte, auf ein Feld, auf dem ein unglaubliches Treiben herrschte. In zahllosen Zelten und Buden, teilweise sogar unter freiem Himmel, wurden Speisen aller Art zubereitet, Fische ausgenommen und gekocht oder gebraten, Katzen, Schweine, Schlangen, Hunde und Hühnchen geschlachtet und gegrillt oder zu Suppe verarbeitet, Reis und Kartoffelbrei in Algen eingepackt und dann gegart. Außerdem gab es auch Süßigkeiten aller Art, kandiertes Obst, und unendlich viele Dinge, die unglaublich gut rochen und die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Dazwischen spielten Affen. Einige von ihnen waren sogar abgerichtet und boten den begeisterten Kunden überteuerte Speisen an. Erstaunlich.

Im Verwunschenen Land hatte ich mich von dem ernährt, was dort lebte, von Schlangen, Pilzen, eßbaren Lianen, Insekten, Vögeln und Skorpionen. Irgendwie war es hier genauso, hier wurde alles angeboten, was die Welt an Eßbarem hervorbrachte, nur appetitlicher zubereitet. Als ich einen gerösteten Skorpion sah, mußte ich unwillkürlich lachen. Calract sah mich fragend an und ich meinte, es sei fast wie Zuhause.

Obwohl auf diesem riesigen Markt sicher nicht jeden Tag geflügelte Dämonenfrauen herumliefen, interessierten die Leute sich hier bei weitem nicht so für mich wie unten in der Stadt. Es war einfach zu viel los. Außer Eßbuden gab es auch Tierdompteure, die dressierte Elefanten und Tiger vorführten, Schlangenbeschwörer, Leute, die große Raubvögel abgerichtet hatten und so noch vieles mehr. Es war einfach eine unbeschreibliche Atmosphäre. Vielleicht hielten die Leute mich auch für ein von meinem Herrn dressiertes Tier aus einem fernen Land.

Zielstrebig steuerte Calract ein wahrhaft riesiges, lila und orangefarbenes Zelt an.

"Das ist der größte Sklavenumschlagplatz der bekannten Welt", erläuterte er mir, als wir eintraten.

Ich hatte keine so rechte Vorstellung von dem, was mich da drinnen erwarten würde. Jedenfalls war ich nicht enttäuscht, es war - wie soll ich sagen - einfach sehenswert in seiner exotischen, bunten Üppigkeit.

Getrennt nach Geschlecht, Alter und Herkunft waren auf großen Holzbühnen und darum herum an die fünfhundert Menschen ausgestellt. Manche von ihnen, vor allem die zum Arbeiten gedachten jungen Männer, waren an Holzpflöcke gefesselt, und bei jeder Bewegung klirrten ihre Ketten. In der Mitte, ganz hinten, war eine weitere Bühne, auf der gerade eine Versteigerung stattfand. Überall wurde gefeilscht und gehandelt, die Stimmen schwirrten durch die Luft, der Geruch des Schweißes von zahllosen nackten männlichen und weiblichen Körpern, das Weinen und Winseln der Kinder, denen man vielleicht die Eltern erschlagen hatte, bevor sie gefangen und verkauft worden waren. Kurzum, es war überwältigend in seiner exotischen Pracht.

Einer der Händler kam auf Calract zu, verbeugte sich bis fast auf den Boden herab und rief mit durchdringender Stimme: "Seid uns willkommen, Eure Majestät. Wünschet Eure Durchlaucht zu kaufen oder zu verkaufen?" Er schielte auf mich, und ich schüttelte entrüstet den Kopf und die Ohren.

Calract zeigte sein berüchtigtes wölfisches Lächeln, dann antwortete er: "Ich will kaufen. Ich brauche eine Frau, die viel weiß und unterrichten kann. Eine Lehrerin also."

Im Kopf des schmierigen Händlers arbeitete es eine Zeitlang, dann rief er "Entschuldigt mich, Majestät, entschuldigt mich für eine Sekunde."

Und weg war er.

In aller Seelenruhe sah mein Schatzi sich nun um und ließ sich auch von den Stadtpolizisten, die uns immer noch in einigem Abstand folgten, nicht stören. Ein paar Minuten später kam der Sklavenhändler wieder, und diesmal hatte er seinen Boß dabei, Pilgaschuk, den größten Sklavenhändler des Landes. Auch er buckelte gehörig vor Calract. In meiner völligen Unerfahrenheit hätte ich meinen können, sie täten es aus Respekt und Verehrung für den Schwarzen König. Doch ich sah Calracts Reaktionen darauf. Ich konnte zwar Wörter (noch) nicht lesen, die Körpersprache meines Liebsten aber war für mich ein offenes Buch. Was Calract dachte war, daß die beiden etwas ausgebrütet hatten, um ihn zu betrügen. Und in ihrem verzweifelten Versuch, ihn es nicht merken zu lassen, machten sie sich immer verdächtiger.

Calract spielte das Spielchen aber mit und war neugierig, was die beiden wohl ausgeheckt hatten. Zunächst quasselten die beiden ihn - mich hielten sie keines Blickes für würdig - mit schwülstigen Floskeln voll, ob er eine gute Reise gehabt habe, wie es ihm in Laguna gefalle und so weiter. Auch diesmal hatte ich keine Ahnung, warum sie das taten und daß sie sich für Calracts Befinden nicht die Bohne interessierten. Doch Calract sah sich, während er sich vollquatschen ließ, aufmerksam um. Wo er hinsah, da fielen auch meine Blicke hin, und meine Augen waren sicher um einiges schärfer als seine. Und so sahen wir, daß weiter hinten eine hektische Aktivität entfaltet wurde, bei der die Beteiligten krampfhaft versuchten, es unauffällig zu machen.

Genau an diese Stelle führte uns Pilgaschuk schließlich, nachdem seine Lakaien endlich fertig waren. Was sie dort in aller Eile aufgebaut hatten, konnte sich allerdings wirklich sehen lassen. Mit auf dem Rücken gefesselten Händen an einen Pfahl aus goldverzierten Edelholz gekettet lag auf einem Seidenkissen ein Mädchen, dessen nahezu nackter, braunhäutiger Körper von makelloser Schönheit war.

"Wir sind sehr stolz, eurer Majestät heute unsere erlesenste Kostbarkeit präsentieren zu können: Prinzessin Kokoma, die letzte ihres Volkes vom untergegangenen Stamm der Güstra. Von weither ..."

Der schmierige Händler redete wie ein Wasserfall, sein Assistent grinste mit seinen teils schwarzen, teils vergoldeten Zähnen von einem Ohr bis zum anderen und nickte beständig zu den Worten seines Chefs.

Derweil sah ich mir die angebliche Prinzessin etwas genauer an. Sie hatte sich während der ganzen Zeit, die wir hier nun schon herumstanden, noch fast nicht bewegt. Ich konnte mir den Grund dafür vorstellen: die wenigen Stoffstreifen, die man um ihren Körper drapiert hatte, wären sonst nämlich unweigerlich verrutscht. Offenbar wollten die Händler Calract durch möglichst viel nacktes Fleisch ködern (daß er in Begleitung seiner Geliebten da war, daran hatten die beiden keinen Gedanken verschwendet), andererseits hatten sie das Mädchen aus irgendeinem Grund nicht völlig bloß präsentieren wollen, im Gegensatz zu so gut wie allen anderen männlichen und weiblichen Sklaven hier in diesem Zelt.

Kokoma hielt still, aber atmen mußte sie, und dabei bewegten sie die Stoffstreifen doch ein kleines bißchen. Ich wußte nicht, ob Calract es sah, aber ich sah es: der Stoff verhüllte einige schreckliche Narben, die den ansonsten perfekten Körper der jungen Frau verunzierten.

Und noch etwas sah ich: Kokoma hatte eine ungewöhnlich üppige Mähne in einer ebenso ungewöhnlichen Farbe, nämlich silbriges Lila. Doch ganz konnte selbst diese Haarpracht nicht vertuschen, daß ihre Ohrmuscheln zerfetzt waren beziehungsweise zum großen Teil ganz fehlten. Hören konnte sie allem Anschein nach, nur war sie nicht das, als was die Händler sie Calract andrehen wollten, nämlich eine perfekte, makellose Prinzessin.

Gerade nannte der Chef der beiden den Kaufpreis, eine geradezu atemberaubende Summe, bei der selbst Calract leicht zusammenzuckte.

"Allerdings", fuhr Pilgaschuk fort, "wenn sich Euer Gnaden sofort entscheiden, wären wir bereit, Euch fünf Golddublonen Rabatt zu geben." Er beugte sich zu Calract vor und fügte in verschwörerischem Tonfall hinzu: "Leider hatte ich letzte Nacht ziemliches Pech beim Glücksspiel und brauche dringend Bargeld, Ihr versteht."

Bargeld, hmm. Ich sprang auf die Bühne und zog mit dem Fuß der angeblichen Prinzessin die Haare zurück, so daß man ihre verstümmelten Ohren deutlich sehen konnte. Die beiden Händler, die mich wohl für eine Art Tier hielten, sahen mich so giftig an, als würden sie mich am liebsten bei lebendigem Leibe in siedendem Öl kochen und draußen als exotische Delikatesse anbieten.

Wenn wir uns bei mir Zuhause im Verwunschenen Land begegnet wären, dann wären eure Körper jetzt schon in mehr Stücke zerschnitten, als man jemals zählen kann! dachte ich wütend und funkelte die beiden aus meinen schönen grünen Augen drohend an.

Doch Calract lächelte nur sein wölfisches Lächeln. Schlagartig wurde mir klar, daß er das Spiel der beiden schmierigen Sklavenhändler von Anfang an durchschaut hatte. Ich war mächtig stolz auf ihn und freute mich wie ein kleines Kind, daß ich mir so einen klugen Mann geangelt hatte.

Nun stieg auch Calract auf die Bühne und zog dem Mädchen die Stoffe von Körper. Was darunter zum Vorschein kam, waren nicht nur einfach Narben, es waren Krater und Schründe die teilweise mehrere Zentimeter tief reichten und mit häßlichem Narbengewebe zugewuchert waren. Schnell stellte Calract auch fest, daß der schwer lädierte rechte Fuß des Mädchens wohl mehrfach gebrochen und nun steif war, weswegen man sie auf die rechte Seite gelegt und den Fuß unter einem Kissen verborgen hatte. Außerdem fehlten ihr die meisten Fingernägel und auch einige Fingerkuppen und Zehen.

Wortlos wandte Calract sich ab, stieg von der Bühne und ging zum Ausgang. Jetzt sollte ich mal erleben, wie schnell der Preis fiel: von 15 Golddublonen an der Bühne bis auf eine einzige Dublone, als Calract kurz vor dem Vorhang stand, der nach draußen führte.

Wiederum wortlos zog mein Schatz seinen Geldbeutel hervor und holte eine Golddublone heraus, die er dem Händler nun vor das Gesicht hielt. Der schnappte danach wie ein erstickender Fisch, doch Calract zog sie wieder weg und meinte seelenruhig: "Ich hoffe, es macht dir nichts aus, daß dieses Gold aus dem Unendlichen Land stammt."

Natürlich machte es ihm nichts aus. Er grabschte sich die schwere Münze, prüfte sie routinemäßig und steckte sie dann ein, während der andere Kokoma herrichtete.

"Ich beglückwünsche Eure Gnaden zu seinem Kauf."

Eine Golddublone - dafür bekam man mindestens zwei Pferde der Extraklasse. Mein Schatz war mehr als großzügig.

"Spar' dir die Worte", fertigte er Pilgaschuk kühl ab.

"Aber Kokoma ist wirklich eine Prinzessin. Sie ..."

"Sie ist eine Hexe, deswegen will keiner sie haben und du bist froh, sie endlich los zu sein."

Das brachte den Händler endlich zum Schweigen. Es war lustig zu beobachten, wie er erblaßte und ihm die Worte buchstäblich im Halse steckenblieben.

Kurz darauf wurde Kokoma uns übergeben. Sie trug einen roten Anzug, der Hals, Arme und eine Schulter freiließ und über der anderen Schulter mit einem prunkvollen Knopf zusammengehalten wurde, dazu einen weiten Rock, der etwa bis zu den Knien reichte. Ihre verstümmelten Hände steckte in roten Glacéhandschuhen. Auf dem Po saß eine dicke Schleife, und alles in allem war sie wirklich wunderschön anzusehen - solange man nicht in ihre Augen sah, denn dort spiegelte sich ein tiefes Leid, das mich doch sehr nachdenklich machte.

Es war nicht zu übersehen, daß die Prinzessin stark hinkte. Wir verließen das Zelt, sie humpelte neben mir her und mir graute bei der Vorstellung, wenn ich einen meiner Füße nicht gebrauchen könnte. Doch eine überschlägige Abschätzung, die ich anstellt, ergab, daß ein unbeweglicher Fuß allein bei weitem nicht ein so starkes Hinken hervorrufen konnte. Im Gegenteil, ansonsten bewegte die junge Frau sich sehr elegant und eigentlich hätte sie ihre Behinderung so überspielen können müssen, daß man davon kaum etwas bemerkt hätte. Ich sah sie von der Seite an, blieb stehen, legte eins meiner Ohren vor ihre Brust und gab ihr damit zu verstehen, ebenfalls anzuhalten.

Zum ersten Mal sah ich ihr nun direkt in die trüben Augen. Fast hätte ich geglaubt, sie sei blind, aber das war sie nicht. Sie hatte nur Dinge gesehen und erlebt, die man keinem menschlichen Wesen wünschte. Ich versank in ihren Augen, ihrem Geist, und erfuhr so, wer sie war und was sie hatte mitmachen müssen. Natürlich konnte ich nicht ihre Gedanken lesen, kannte nicht die Namen und Daten, aber sehr wohl ihre Gefühle. Ihre finsteren, verzweifelten ...

Eine schwere Kutsche fuhr an uns vorbei und Kokoma stürzte sich davor. Calract hätte sie niemals retten können, jedenfalls nicht ohne zu zaubern, ich aber erkannte ihre Bewegung schon im Ansatz und warf mich über sie, und so rollten wir über das weiße Pflaster, während dicht neben uns die schweren Räder über den Marmor mahlten.


Calract ging auf Kokomas Selbstmordversuch mit keinem Wort ein, und auch das Mädchen sagte nichts, sondern humpelte apathisch neben mit her. So gingen wir schweigend den Weg zurück, den wir gekommen waren, immer noch verfolgt von den Wachen. Schließlich erreichten wir die Stelle, wo mein Liebster sein Pferd abgestellt hatte. Er machte es wieder sichtbar.

"Das trägt auch zwei", meinte er lakonisch. Dann hob er die verstümmelte Prinzessin auf den Rücken der geflügelten Stute und setzte sich hinter sie. Und so flogen wir in gut einer Stunde zurück ins Gartenland, wo die Lunaloc-Dämonen uns schon mit dem Mittagessen erwarteten.


"Das ist Batchiribanban, deine neue Herrin. Du wirst alles tun, was sie dir befiehlt!"

"Ja, Herr." Ihre Stimme war tonlos und apathisch.

"Schatzilein", warf ich dazwischen, "ich glaube, sie hat starke Schmerzen in ihrem Bein. Sonst würde sie nicht so stark hinken."

"Zeig' mal!"

Mit spielerischer Leichtigkeit, die von einer enormen Gelenkigkeit zeugte, hob sie ihr rechtes Bein, bis der verstümmelte Fuß, dem sämtliche Zehen fehlten, etwa auf Calracts Kopfhöhe war. Calract legte seine Hände um das deformierte und stark geschwollene Fußgelenk, dann begann zwischen seinen Fingern ein starkes, grelles Licht zu erstrahlen. Ich mußte wegsehen.

Es dauerte fast zehn Minuten, dann wurde es wieder dunkel. Für einen Moment kam er mir so vor, als sei es tiefste Nacht, dabei war es klarer Mittag, aber das lag eben daran, daß Calracts Zauber ein so unglaublich intensives Leuchten ausgestrahlt hatte.

Als meine Augen sich an die normale Helligkeit wieder gewöhnt hatten, stand Kokoma auf ihren beiden Füßen, die komplett wiederhergestellt waren, und das erste Mal sah ich sie lächeln. Wahrscheinlich war es das erste Mal seit viele Jahren, daß sie lächelte.

Dann zuckte sie leicht zusammen und warf sich vor Calract auf die Knie.

"Schon gut, steh' wieder auf. Solche Äußerlichkeiten bedeuten mir nichts. Hör' zu, deine erste Aufgabe ist es Batchi Lesen und Schreiben beizubringen."

"Ja, Herr. Sch ... schreiben? Aber ..."

"Ich schreibe mit meinem Fuß!", erklärte ich ihr stolz. Kokoma machte ein erstauntes Gesicht. Ich schmolz bei ihrem Anblick geradezu dahin. Sie war so unglaublich niedlich.

Calract unterbrach meine Gedanken. Er befahl meiner neuen Sklavin: "Bei Gelegenheit erzählst du uns mal, was du so alles erlebt ... da kommt mir eine gute Idee. In deiner Freizeit wirst du ein Buch schreiben, und zwar eine Biographie. Deine Lebensgeschichte."

Normalerweise verlangte man von Kokoma, daß sie die Beine breit machte oder noch was Schlimmeres. Daß sie für jemanden stattdessen ein Buch schreiben sollte, ging zumindest im Moment noch über ihr Begriffsvermögen. Sie machte ein so verblüfftes Gesicht, daß ich glockenhell auflachte.

Calract meinte lakonisch: "Hier bei mir ist alles ein bißchen anders. Das müßtest du als Hexe doch kennen. Apropos Hexe: du kannst doch das Wetter kontrollieren." Der Zauberer machte eine ausgreifende Handbewegung. "Eigentlich ist das hier ödestes Felsland. Daß es jetzt so grün und fruchtbar ist, darum habe immer ich mich gekümmert. Aber von jetzt an wirst du dafür zuständig sein, es hier regnen zu lassen, wenn es wieder nötig ist."

Er blickte die Hexe aufmunternd an. "Aber jetzt essen wir erst mal was." Ich beobachtete Kokoma aufmerksam. Auf meinen Wunsch hin hatte sie die Handschuhe abgelegt, und versuchte nun, so gut es ging ihre verstümmelten Hände zu verstecken. In ihrer Gebrauchstüchtigkeit waren sie allerdings kaum eingeschränkt. Kokoma hatte beim Essen ebensowenig Schwierigkeiten wie bei allen anderen Tätigkeiten. Übrigens, genauso wie ich an ihr interessiert war, so interessierte sie sich für mich. Mein Körperbau erlaubte es mir problemlos, mit den Füßen zu essen. Ich konnte mit ihnen leicht jede Stelle meines Körpers und meines Gesichtes erreichen, etwas, was auch einer so gelenkigen Frau wie Kokoma nicht ohne weiteres möglich war. Und so sah sie staunend zu, was ich so tat und wie ich aß.

Seltsamerweise verschwendete Calract daran kaum einen Blick. Er nahm mich mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit so, wie ich nun mal war. Ich seufzte glücklich. Das war die große Liebe.

Später landete der Post-Drache. Kokoma fürchtete sich vor dem eleganten Drachen zu Tode, doch nachdem Calract und ich ihr erklärt hatten, daß es in Wirklichkeit ein Lunaloc-Dämon war, legte sich ihre Angst wieder. Der Drache hatte einen Brief von der Schwarzen Großfürstin dabei.

"Sieh mal einer an, mal wieder ein Brief von Hotaru." Calract faltete den formlosen, flüchtig gesiegelten Brief auf. Ich wußte schon, daß es einen Briefwechsel zwischen dieser Frau namens Hotaru, die ich schrecklich gerne mal kennenlernen wollte, meinem Schatz und dem Weißen König Harro wegen irgendwelcher Landrechte gab.

"Hoppla. Die wollen WAS!"

"Wer will was?", fragte ich neugierig.

"Ich kann's nicht glauben. Hotaru und Gad'ta wollen heiraten. Typisch. Hotaru fragt nicht um Erlaubnis, sie teilt es mir einfach mit. Na gut."

Ich sah Calract fragend an.

"Ich werde dir bei Gelegenheit mal Hotaru vorstellen. Jedenfalls, um es mal so zu formulieren, kann sie sich schon Sachen erlauben, die bei meinen übrigen Untertanen undenkbar wären. Im Grunde ist Hotaru auch nicht meine Untertanin ... genausowenig wie du, Batchi-Mäuschen." Er drehte sich zu Kokoma, musterte sie streng und schickte sie dann in die Bibliothek, wo sie anfangen sollte zu arbeiten.

"Wenn die beiden heiraten ..." er dachte nach.

"Dann können wir doch auch heiraten", warf ich unbekümmert ein. Ich wußte nicht so genau - eigentlich gar nicht - was 'heiraten' bedeutete, aber ich stellte es mir sehr schön vor. Also warum nicht!

Calract drehte langsam das Gesicht mir zu und setzte sein wölfisches Lächeln auf.

Ich wurde unsicher. Hatte ich etwas Falsches gesagt? War heiraten doch etwas Schlimmes? War das nicht etwas mit Mann und Frau zusammen? Nach all den Jahrhunderten im Verwunschenen Land hatte ich kaum noch eine Vorstellung davon ... oder wollte Calract mich vielleicht gar nicht?

"Ich ... ich ...", stotterte ich unter seinem strengen Blick. "Also, ich bin keine Prinzessin oder so, und eigentlich nicht mal ein Mensch, und ich werde dich auch nie umarmen können, aber ... " ich holte tief Luft, "ich liebe dich, mein geliebter Calract. Laß und heiraten, wenn du mich willst! Und wenn nicht, dann schicke mich wieder zurück in mein ... meine ..."

"Um deine Hand anhalten kann ich ja leider nicht, aber, Batchiribanban, Modell-IV-Orna-Dämonin mit der Seriennummer 48, ich will dich. Ich will dich heiraten und immer mit dir zusammen sein!"


Das Unendliche Land - Kokoma

Erstellt am 27.6.2002. Letzte Änderung auf dieser Seite: 18.7.2017