Das Unendliche Land - 10. Teil

23. Kapitel - Gefährlicher Besuch aus dem Alptraumland

"Na, wo haben wir's denn?"

Seit einiger Zeit suchte Calract nun schon in einem seiner unterirdischen Archive herum, bis er schließlich gefunden hatte, was er wollte, nämlich eine ganz bestimmte Urkunde. Der große Kronrat, der unlängst in der Weißen Hauptstadt getagt hatte, hatte Alessandra zur Regentin Arcadias gekürt und dies natürlich auch mit viel Pomp und Trara beurkundet. Allen Teilnehmern war eine Kopie ausgehändigt worden, und Calract, der ja nicht eingeladen gewesen war, hatte über Kyraia ebenfalls eine bekommen, ganz offiziell und beglaubigt. Alessandra war wohl der Ansicht gewesen, er hätte sich dieses Dokument so oder so beschafft, also hatte sie es ihm einfach über seine Botschafterin zukommen lassen, auch wenn der Schwarze König seine Botschaften immer noch hartnäckig Verbindungsbüros nannte.

Calract rollte das gesiegelte Pergament auf und studierte aufmerksam den Wortlaut einiger der Passagen. Schließlich lächelte er zufrieden, rollte das Dokument wieder zusammen und steckte es ein.

Dann begab er sich in seine Villa, die er gelegentlich Tempel nannte, holte eine große Tasche und trat dann vor die verzauberte Türe hin, die hinab zu den Höhlen der Eingeweihten führte, hinunter ins Unendliche Land.

Die Tür wurde unsichtbar und ließ ihren Herrn und Meister passieren. Rasch schritt der Schwarze König den alabasternen Saumpfad entlang, vorbei an Alessandras eiserner Rüstung, die dort immer noch auf ihrem Stalagmiten steckte, bis hinunter zum Grund der Höhle und dann weiter in den Seitengang, an dessen Ende das Unendliche Land begann. Er betrat es und füllte dann den Sack mit Goldstücken, die er mit seiner Zauberkraft dem Boden entnahm.

Das müßte reichen - Gold aus dem Unendlichen Land. Gerade gut genug für diese Burschen ...

Wieder im Freien, verwandelte er sich in die Form des inzwischen ziemlich bekannten und berühmten grünen Drachens und schwang sich in die Luft. Sein Ziel war Tansir, die arcadische Hauptstadt, in der immer noch der alte arcadische Rat saß. Alessandra war zwar nun die Souveränin, aber den Rat als Exekutivorgan gab es durchaus noch. Vor kurzem noch wegen seiner Willkür gefürchtet, war der Kronrat nun der Weißen Prinzessin Rechenschaft schuldig und daher zahm. Doch formal hatte er immer noch sehr weitreichende Macht. Das Dokument, das Calract bei sich trug, wies das ganz klar aus.

Seltsam, daß der alte Starrus sich überhaupt nicht mehr um sein Reich kümmert. Manche behaupten, er sei seit langer Zeit spurlos verschwunden, andere sagen, er sei Mönch geworden und habe der Welt entsagt. Aber was soll's? Um so besser für mich. Calract grinste, während unter ihm die bergige Küstenlandschaft dahinzog.

*

Es war früher Abend.

Calract wußte über die Leute, die er zu besuchen gedachte, recht genau Bescheid. Obwohl er sich die meiste Zeit entweder im Gartenland oder unter dem Engelsberg in Lunaloc aufhielt, war er über alles, was an wichtigen Ereignissen in der Welt geschah, aus vielerlei Quellen stets bestens informiert. Zum Beispiel kamen nicht alle Siedler des Westlandes nur aus den Kirchenländern. Auch aus dem heruntergewirtschafteten Arcadia waren viele zu ihm geflohen, und sie hatten so einiges zu erzählen gehabt. Daher kannte der Schwarze König die Lebensgewohnheiten des aus acht Mitgliedern bestehenden arcadischen Rates ganz genau. Die acht Ritter des Hochadels pflegten beispielsweise regelmäßig bis tief in die Nacht hinein zu feiern und zu zechen. Dementsprechend lange schliefen sie morgens, und zum Arbeiten kamen sie, wenn überhaupt, dann nur nachmittags.

Calract hatte von seinen Spionen und Informanten auch zugetragen bekommen, daß die Ritter einen verschwenderischen Lebensstil pflegten, den zumindest einige von ihnen sich gar nicht leisten konnten und deshalb hochverschuldet waren - ein Grund für die rigide Steuerpolitik, die sie betrieben hatten, als sie noch durften. Doch je mehr Geld sie aus dem Land herausgepreßt hatten, desto mehr verschwendeten sie auch wieder, so daß sich ihre finanzielle Lage nie verbessert hatte. Das gedachte der Schwarze König nun auszunutzen.

Und so landete er unauffällig in einem verwilderten Park am Rande Tansirs, verwandelte sich zurück in seine menschliche Gestalt, und lief dann gemütlich durch die ruhigen, teilweise nahezu menschenleeren Straßen bis zu der weitläufigen Palastanlage. An der Pforte verlangte er den Chef der Wache zu sprechen. Die Wachsoldaten kannten ihn nicht, und der Zauberer trug auch keine Kleidung, die ihn auf den ersten Blick als den Schwarzen König ausgewiesen hätte, doch sein resolutes Auftreten schien sie so zu beeindrucken, daß sie seinem Wunsch folge leisteten.

Es dauerte eine Zeitlang. Der Zauberer ließ seine Blicke über den Palast und den von hier aus sichtbaren Teil der Stadt streifen. Alles machte einen ärmlichen, schäbigen Eindruck. Dabei war dies mal eine der wichtigsten Städte der bekannten Welt und Tor zum gesamten Vereinigten Reich gewesen. Erstaunlich, wie schnell man ein Land herunterwirtschaften kann. Calract schüttelte den Kopf.

Hinter dem Palasttor rumpelte es, dann wurde geöffnet.

"Ihr!", rief der Major der Wache leise und mit unterdrückter Erregung, als er Calract entgegentrat, der immer noch etwas gelangweilt vor dem Tor wartete. Er war einer der Leute, die auf seiner Gehaltsliste standen und ihm Informationen verschiedenster Art zutrugen.

"Ich möchte eine Audienz beim Rat, und zwar jetzt gleich." Er zog einen halben Silbertaler aus seiner Tasche und hielt sie dem Ritter hin. Und zwar so, daß seine Wachsoldaten, die irgendwo weiter hinten herumstanden und mißtrauisch zu dem unheimlichen Besucher herüberspähten, es nicht sehen konnten. Es brauchte ja nicht jeder zu wissen.

Der Major schnappte sich die Münze, etwa den Gegenwert von zwei Monatsverdiensten, und brummte: "Ich werde sehen, was ich tun kann, Herr." Dann stapfte er davon und kam eine Viertelstunde später wieder. "Folgt mir bitte!"

Kurz darauf stand Calract vor einer sehr prächtigen Tür. Auf dem Weg durch den Palast war ihm aufgefallen, daß auch hier alles hier einen ziemlich vergammelten Eindruck machte. Der arcadische Rat war sich anscheinend zu fein, im eigenen Haus für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen. Oder zu arm ...

Daß unter diesen Umständen die Wache bestechlich war, war kein Wunder.

Der Fisch fängt vom Kopf her an zu stinken, dachte der Zauberer bei sich.

Der Ritter stieß dann die Tür auf und annoncierte mit dröhnender Stimme den Besucher. Dabei fiel ihm ein, daß er gar nicht wußte, wie er den Zauberer eigentlich anzukündigen hatte, und stammelte irgend etwas zusammen. Calract fragte sich, wie er es wohl geschafft hatte, beim Rat so schnell diesen Termin zu bekommen.

"Danke, du kannst jetzt gehen. Falls die Herren mich nicht kennen sollten, werde ich mich selbst vorstellen." Calract wartet, bis der Major die Tür hinter sich wieder geschlossen hatte. Dabei musterte er den Raum und die acht Männer darin.

Sie kamen ihm irgendwie vor wie Schauspieler, Kerle, die um jeden Preis versuchten, einen bestimmten Eindruck zu erwecken, nämlich den von trinkfesten alten Haudegen, die weder Tod noch Teufel fürchteten.

Wortlos trat Calract an die riesige, mit Fett und Essensresten beschmierte Tafel, an der die acht Ritter sich flegelten, entrollte eine Karte und kam, wie üblich, ohne große Umschweife sofort zur Sache: "Ich will dieses Land hier kaufen!" Er tippte auf die südwestliche Spitze der Gondrella-Provinz.

Es war amüsant zu beobachten, wie einem der Ritter nach dem anderen klar wurde, wer sie da gerade besuchte. Und alle langten, nachdem der Groschen gefallen war, nach ihren Schwertern, ohne sie jedoch zu ziehen.

Calract fuhr fort: "Dieses Land, das ich besetzt habe, und ein weiteres, etwa zehn Kilometer breites Stück unmittelbar nördlich. Ich würde sagen, nach gängigen Marktpreisen ist es nicht mehr als drei oder vier Arcadische Goldtaler wert, denn es ist eine unbewohnbare Felswüste, und die Küste ist unzugänglich, also ebenfalls wertlos."

Es erhob sich wie erwartet lauter Protest, die Ritter zogen ihre Schwerter und fuchtelten damit in der Luft herum, während sie wütend Calract beschimpften. Der ließ sie eine Zeitlang ihre Nummer abziehen, dann sagte er: "Ich bin bereit, auf zehn Arcadische Goldtaler zu erhöhen plus weitere zwanzig für jeden von euch. Aber nur unter zwei Bedingungen: erstens bekomme ich die Genehmigung für ein Verbindungsbüro in Tansir, und zweitens muß dieser Vertrag geheim bleiben."

Jetzt ging erst recht ein Gezeter und Geschrei los. Calract wußte, daß er so gut wie gewonnen hatte.

Die Ritter beruhigten sich recht schnell wieder, als einer von ihnen sagte: "Dieses Ansinnen ist ebenso töricht wie undurchführbar, denn unsere Herrscherin, Königin Alessandra, würde dem niemals zustimmen."

"Da irrt ihr euch aber gewaltig." Calract zog die Urkunde des Kronrates hervor. "Hier: Paragraph 17: Landrechte bleiben unberührt. Gondrella ist persönliches Eigentum von König Starrus. Da dieser abgedankt hat, liegt die Verfügungsgewalt nun bei seinen Nachfolgern, und das seid ihr Burschen!"

Die Ritter schwiegen überrascht. Unsicher sah jeder die anderen an. 20 Goldtaler für jeden von ihnen rückten in greifbare Nähe. Zwanzig! Das war ein immenses Vermögen, vor allem für Leute, denen das Wasser bis zum Hals stand. Dem einen oder anderen waren schon Güter gepfändet worden. Calract wußte, daß er sie an der Angel hatte.

"Wir brauchen Bedenkzeit. Wartet draußen!"

"Wie ihr wünscht." Doch bevor er ging, holte der Schwarze König das Geld aus seinem Sack: 10 der schweren, massiven Goldmünzen für die Staatskasse, 160 für die Räte. Geradezu aufreizend langsam zählte er jedem seine 20 Taler ab und stellte sie vor jedem in einem Häufchen auf, dann ging er hinaus. Und wartete.

Die Beratungen und lautstark ausgetragenen Streitereien zogen sich stundenlang hin, obwohl das Ergebnis von Anfang an bereits feststand.

Tief in der Nacht erst riefen die Räte den Schwarzen König wieder herein, und das erste, was er bemerkte war, daß das Geld nicht mehr da war. Sie hatten es bereits eingesteckt.

"Wir können Euch in der Tat das gewünschte Territorium verkaufen, doch Euer Ansinnen, ein Verbindungsbüro in der Hauptstadt zu eröffnen, kommt nicht in Frage. Darüber kann nur unsere Königin entscheiden. Hier, die Urkunde. Unterschreibt, oder laßt es bleiben!"

"Gebt ihr mir dann auch mein Geld zurück?", fragte Calract ironisch und sah einige der Ritter blaß werden. Die gehen wirklich auf dem Zahnfleisch.

Natürlich war das Verbindungsbüro nur Manövriermasse gewesen, damit die Ritter etwas streichen und damit ihr Gesicht wahren konnten. Früher oder später - eher früher - würde Calract es umsonst bekommen, denn die Drachenpost erfreute sich so großen Zuspruches, daß bereits jetzt drei wichtige Städte, darunter Gel-Almanaum um Aufnahme ersucht hatten.

Calract nahm die Feder und unterschrieb, wie üblich, mit C.V.C., am 10.4.1248.

Ein Exemplar nahm er an sich, das andere behielt der Rat.

"Übrigens, ich an eurer Stelle würde vor allem Alessandra nichts davon erzählen." Dann ging er auf demselben Weg, den er gekommen war, wieder hinaus aus dem Palast und der Stadt, die nicht nur im Palastviertel einen genauso schäbigen Eindruck machte wie ihre Residenz. Alessandra wird hier viel zu tun bekommen.


*


Alessandra wußte selbst nicht so genau, was sie hierher getrieben hatte, es war einfach ein unbestimmtes Gefühl der Unruhe gewesen. Und so war sie auf Phobos nach Nordosten geritten, auf der wenig frequentierten Straße, die über Paroda und Taqmera nach Trok führte. Ohne ein bestimmtes Ziel ging es gemächlich dahin, und die Prinzessin genoß die schönen warmen Frühlingstage. Überall war die Natur bereits erwacht, und die Bauern hatten auf ihren Feldern jetzt viel zu tun. Wann immer sie die vorbeireitende Prinzessin erkannten, kamen sie jubelnd herbeigelaufen und knieten dann voller Ergebenheit an ihrem Weg nieder.

Am zweiten Tag ihrer Reise, kurz vor Trok, geschah dann etwas, was das Schicksal wahrscheinlich als den Zweck dieses Rittes für sie ausersehen hatte. Als sie in der Ferne einen einsamen Reiter erkannte der sich von Norden kommend näherte, gab sie Phobos die Sporen und galoppierte auf ihn zu. Als sie ihn erreicht hatte und anhielt, erkannte sie den jungen Mann: es war Wilhelm Botha IV, Thronfolger des Fürstentums Botha und Teilnehmer an ihrer Reise in das Alptraumland, die ihn bleibend gezeichnet hatte.

"Seid mir gegrüßt, Prinz Wilhelm", rief die Weiße Prinzessin dem jungen Ritter freudig zu. Der war offensichtlich sehr überrascht, Alessandra hier zu treffen, denn mehr als ein verlegenes "Auch ich grüße Euch, Prinzessin", brachte er erst mal nicht heraus.

Alessandra hatte es nicht weiter eilig, und so ritt sie einfach neben dem jungen Prinzen her den Weg zurück nach Süden, von wo sie gerade gekommen war. Beide sagten lange Zeit kein Wort.

Seltsam. Mein Herz schlägt so schnell. Verstohlen sah Alessandra zu dem Prinzen hinüber. Doch der schaute fest auf seinen Sattel. Daß seine Wangen gerötet waren, lag sicher an der warmen Frühlingssonne ...

Schließlich fragte die Prinzessin: "Darf man fragen, was Euch zu uns führt, Prinz?"

Der zuckte leicht zusammen und sah Alessandra so eigenartig an, daß sie glaubte, die Antwort aus seinen Augen lesen zu können. Ihre Backen wurden ebenfalls rot. Prinz Wilhelm sah sie lange an, und beider Herzen schlugen bis zum Hals. Endlich sagte der Prinz mit heiserer Stimme: "Ihr, Prinzessin. Ich bin gekommen, um Euch zu heiraten." So, jetzt ist es heraus und jetzt wird sie mich gleich fürchterlich auslachen.

Doch das tat Alessandra keineswegs. Sie hielt einfach den Atem an. Doch gleichzeitig trat ein eigenartiges Leuchten in ihre großen Augen. Heiraten!

"Sagt doch etwas. Schickt mich meinetwegen wieder nach Hause, aber sagt etwas, teuerste Alessandra!" Der Prinz wurde mit einem Mal sehr gesprächig: "Seit damals, als Ihr bei mir wart und mich zu einem Menschen aus Fleisch und Blut zurückverwandeltet, nachdem die grauenvollen Dämonen des Alptraumlandes mich zu Stein erstarren ließen, seit damals konnte ich nur noch an Euch denken! Wenn ich eins weiß, dann daß ich in meinem Leben nur Euch lieben werde!"

"Ja!"

Das war alles, was die Goldene Königin sagte. Es war das Wort, das das Ende ihrer langen Seelenqualen bedeutete. Der Fluch war gebrochen, so wie Calract es vorhergesagt hatte. Tränen rannen über ihr schönes Gesicht.

Wilhelm Botha war ein schöner, tapferer und sympathischer junger Mann, etwa eineinhalb Jahre jünger als die Goldene Königin. Seit der verhängnisvollen Reise zum Alptraumland war seine rechte Hand verstümmelt, weswegen er meist einen Handschuh trug. Daumen und Zeigefinger konnte er aber noch benutzen, und er hatte gelernt, das Schwert mit der Linken zu führen, so daß die Behinderung nicht allzu gravierend war. Doch daran verschwendete Alessandra keinen Gedanken. Sie hätte dem Schicksal am liebsten auf Knien gedankt, daß es ihr einen aller Voraussicht nach geeigneten Mann quasi umsonst geschenkt hatte nach allem, was sie schon hatte durchmachen müssen. Sie würde ihn nicht wieder hergeben, um nichts in der Welt.

Sie ritt ganz dicht neben Wilhelm hin und umarmte ihn dann so fest, als würde ihr Leben daran hängen. Und wer weiß, irgendwie tat es das ja auch.

Und so kehrte die schöne Prinzessin als Verlobte in die Weiße Hauptstadt zurück. Es war, als schwebe sie vor Glück wie auf einer Wolke.

Die Nachricht brauchte etwa eine Viertelstunde, dann wußte es in der Stadt jeder. Es war ein kaum beschreibliches Gefühl des Glücks und der Euphorie, das die Menschen der Hauptstadt ergriff. Viele weinten vor Rührung, und vor dem Weißen Palast standen augenblicklich die Menschen zu hunderten, um dem frisch verlobten Paar zu gratulieren und Geschenke zu machen. Es war für Alessandra der glücklichste Moment ihres Lebens.

Dank der Drachenpost waren auch die übrigen Städte des Weißen Reiches und des Fürstentums Botha nach wenigen Tagen informiert, daß die königliche Hochzeit genau am 1.8.1248 stattfinden sollte. Und dieser Termin versprach ein Fest zu werden, wie die Menschheit noch keins gesehen hatte.


*


Es war Abend in Kiünis, der größten Hafenstadt Delandaus am Siina. In einen dunklen Mantel gekleidet, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, lief ein mittelgroßer, aber recht breitschultriger Mann zielstrebig auf eins der etwas vornehmeren Gasthäuser des Hafenviertels zu, trat ein und fragte den Wirt nach dem Privatzimmer. Der wies ihm wortlos den Weg nach hinten.

Der Mann trat ein ohne anzuklopfen.

In dem fensterlosen Raum, der nur von einer Öllampe beleuchtet wurde, stand ein Tisch, um den herum vier Stühle gruppiert waren. Auf der abgewandten Seite, so daß er den Eingang direkt im Blick hatte, saß der Schwarze König.

"Mag Traunsteiner, nehme ich an?"

"Ja, Herr", antwortete der mit tiefer Stimme, zog dann die Kapuze vom Kopf und hängte den Mantel an einen der Nägel, die als Kleiderhaken dienen mochten. Er zog einen Stuhl zu sich und setzte sich darauf.

"Hier!" Calract zog eine halbe Golddublone aus der Tasche und warf sie Traunsteiner zu. Der fing sie auf und merkte am Gewicht, daß es echtes Gold war. Und nicht gerade wenig. Aber es war sowieso kaum anzunehmen, daß der Schwarze König seine Geschäftspartner betrügen würde. Erzählte man sich auch die wildesten Geschichten über diesen Zauberer, so war dem Spion doch aufgefallen, daß noch nie jemand auch nur im entferntesten angedeutet hatte, Calract hätte je sein Wort gebrochen oder jemanden betrogen.

"Tja, dann kommen wir gleich zur Sache." Calract streckte seine Hand über dem Tisch aus. Diese leuchtete hell auf, und dann stieg der Splitter des Mondsteins daraus hervor, schwebte etwa zehn Zentimeter hoch und verbreitete in dem engen Zimmer ein helles, angenehmes Licht.

Es klopfte, und einen Moment später streckte der Wirt seinen Kopf hinein: "Wünschen die Herrschaften etwas zu trinken oder essen?"

Calract hatte blitzschnell den Stein erlöschen lassen, denn der Wirt brauchte ja nicht zu wissen, was hier so besprochen wurde. "Später. Wir melden uns dann. Und jetzt raus!"

"Sehr wohl." Der Wirt verschwand wieder.

Calract wandte sich nun wieder Traunsteiner zu: "Das, was du gerade gesehen hast, ist ein Splitter des Mondsteins. Es muß ziemlich viele davon geben, niemand weiß, wie viele genau. Und sie haben große Macht. Allerdings nur für starke Magier und Hexen. Komm', nimm ihn mal in die Hand."

Traunsteiners Augen hatten eine Zeitlang gebraucht, um sich wieder an das trübe Öllicht zu gewöhnen. Nun tat er, wie ihm geheißen. Der Mondstein lag auf dem Tisch und sah aus wie ein ganz gewöhnlicher Kristall, ein Bergkristall oder ein großer, unregelmäßig geschliffener Zirkon vielleicht. Traunsteiner hob ihn auf und musterte ihn genau, konnte aber nichts Auffälliges sehen oder spüren. Er gab ihn schließlich Calract zurück. Der ließ ihn erneut aufleuchten und dann wieder in seinem Körper verschwinden.

"Wie du siehst, ist er für gewöhnliche Menschen völlig wertlos."

Traunsteiner setzte sich wieder, und Calract fuhr fort: "Wie du dir wohl vorstellen kannst, wüßte ich gerne, wo die übrigen Stücke stecken."

"Dann sind die Gerüchte also wahr", brummte der Mann, den Calract als Spitzel engagieren wollte.

"Welche Gerüchte?"

"Daß der Schwarze König überall im Land nach magischen Schätzen suchen läßt."

"Nicht nur überall im Land, sondern in der ganzen bekannten Welt und darüber hinaus. Gefunden habe ich leider noch keinen." Er machte eine Pause und sagte dann: "Es gibt eigentlich zwei Möglichkeiten: entweder liegt so ein Stück irgendwo herum, vielleicht tief in einem Wald, wo es allenfalls die Tiere finden. Oder es ist in die Hände eines Zauberers oder einer Hexe gefallen. Dann ist es leichter zu finden, denn diese Splitter steigern die Macht ihres Trägers ganz beachtlich. Und das fällt sehr schnell auf."

Er zog einen Ring hervor und warf auch diesen nun Traunsteiner zu. Er bemerkte, daß der Stein des Ringes hell leuchtete. "Der Kristall dieses magischen Ringes leuchtet, wenn er in die Nähe eines solchen Splitters kommt. Deswegen leuchtet er auch jetzt. Damit kannst du die Stücke finden. Aber es ist ein zweischneidiges Schwert, denn das Leuchten kann natürlich auch dich verraten. Für gewöhnliche Sterbliche ist der Ring unsichtbar, aber wenn der Kristall leuchtet und ein Zauberer oder eine Hexe in der Nähe ist ... ich kann mir nicht vorstellen, daß die jetzigen Besitzer eines Splitters glücklich darüber wären, entdeckt und verraten zu werden. Dafür bekommst du aber einen fürstlichen Lohn, wenn du mir so einen Splitter bringst oder mir sagst, wo einer steckt. Denn du selbst wirst kaum in der Lage sein, ihn einem Zauberer oder einer Hexe abzunehmen."

Eine Zeitlang herrschte Schweigen in dem Raum, nur der gedämpfte Lärm des Schankraumes war zu hören, wo es um diese Zeit hoch herging. Fischer, Händler und Soldaten verbrachten hier ihren Feierabend, und auch so mancher Revolutionär war unter den Gästen. Der Zusammenbruch der Kirchenländer ließ auch hier, beim nördlichen Nachbarn, viele Unzufriedene Morgenluft wittern. Wenn sie gewußt hätte, daß Calract mitten unter ihnen war, hätten sie ihn sicher sogleich auf Händen durch die Stadt getragen. Verständlicherweise legte der Schwarze König bei dieser Mission aber keinen Wert auf große Öffentlichkeit.

"Herr?"

"Hm."

"Darf ich noch was fragen?"

"Nur zu. Jede Information kann dein Leben retten."

Traunsteiner schüttelte langsam den Kopf, dann sagte er vorsichtig: "Ist es wahr, daß Eure Lunaloc-Dämonen unsterblich sind?"

Calract war über diese Frage etwas überrascht. Doch andererseits - sein Einfluß auf die zivilisierte Welt wuchs ständig. Klar, daß die Leute sich solche Fragen stellten. Er lächelte wölfisch und sagte dann: "die Antwort ist jein. Sie können mit Waffen getötet werden. Und wie lange sie leben, weiß ich noch nicht, denn der älteste ist gerade mal 50 Jahre alt. Aber so wie es aussieht, altern sie entweder gar nicht oder nur sehr langsam, so daß sie auf jeden Fall viele hundert Jahre alt werden. Ach übrigens, eh' ich's vergesse: wenn du einen Splitter gefunden hast, dann begib dich an einen sicheren Ort und drücke ganz fest auf den Stein des Ringes, den ich dir gegeben habe. Der Ring löst sich dann auf und sendet ein Signal zu mir."

Traunsteiner schwieg lange, dann verabschiedete er sich mit ein paar knappen Worten, zog wieder den Mantel an und ging.

Calract hingegen ließ sich erst mal einen Wein kommen, denn wenn es in Delandau auch sonst nicht viel Aufregendes gab, guten Wein hatten sie auf jeden Fall. Schade, daß es damit wohl auch bald zu Ende sein würde. Eigentlich wurden diese Mengen an Wein hier nicht zum Eigenbedarf angebaut, sondern um sie in die Kirchenländer zu schmuggeln, wo Alkohol außer zu bestimmten Zeremonien verboten war - gewesen war, denn Verbote dieser Art kümmerten inzwischen niemanden mehr. Die Kirchenleute würden wahrscheinlich bald ihren eigenen Wein anbauen, und die einzige Möglichkeit, die Calract sah, wie Delandau davon profitieren konnte, war, daß sie ihnen nun statt Wein Rebstöcke und Expertenwissen verkauften. Aber ob die hiesigen Winzer so schlau sein würden, bezweifelte der Zauberer.


"Tjaaa ..."

"Was denn, Schatzi?"

Mein zukünftiger Ehemann brütete über irgendeinem Problem.

"Ich überlege gerade", sagte er schließlich, "wo unsere Hochzeit eigentlich stattfinden soll ... und die von Hotaru."

"Hmm." Ich dachte nach. Dann: "Was ist eigentlich Heiraten genau? Was macht man denn da so?"

"Naja, Braut und Bräutigam gehen in die Kirche, der eine steckt dem anderen einen Ring an den Finger, der Pfarrer hält eine Rede und erklärt beide schließlich für verheiratet. Und dann gibt es eine große Feier." Er machte eine Pause und fuhr dann fort: "Natürlich hängt noch mehr dran. Wenn ein Prinz eine Prinzessin heiratet, dann kann es sein, daß die Reiche damit zusammengelegt werden. Deswegen wird normalerweise schon bei der Geburt überlegt, wer später mal wen heiraten kann. Bei kleinen Leuten ist das im Grunde genauso, nur werden da keine Reiche verschachert, sondern eher Grundstücke, Goldschmuck, Bauernhöfe und sowas. Und ... was?"

Mir war eins nicht mehr aus dem Kopf gegangen, nämlich der Ring. Etwas bedrückt sagte ich: "Ich habe keinen Ring für dich." Genau betrachtet besaß ich nichts, rein gar nichts, nicht mal Kleider auf meinem Leib, denn der war nackt. Ich hatte auch nie etwas gebraucht, aber das jetzige Leben in der Zivilisation erlegte mir beträchtliche Anforderungen auf. Doch halt, etwas besaß ich doch: Kokoma, meine wunderschöne, rotäugige Sklavin. Aber ich hatte sie nicht selbst kaufen können, sondern Calract hatte sie mir geschenkt.

"Also, Mäuschen, darüber sollten wir uns überhaupt mal grundsätzlich unterhalten. Ich habe dich aus dem Alptraumland mitgebracht und bin somit für dich und dein Wohlergehen verantwortlich, aber es wäre sicher für dich befriedigender, wenn du auf eigenen Füßen stehen könntest."

Das sah ich auch so. Aufmerksam stellte ich die Ohren auf.

"Also wollen wir mal überlegen, ob wir für dich nicht eine Einkommensquelle schaffen können."

Nie in meinem Leben hatte ich zuvor an so etwas einen Gedanken verschwendet. Erst Lesen und Schreiben, was ich inzwischen ziemlich gut beherrschte, jetzt Geld und Einkommen und sowas. Es gab so viel Neues für mich. Wie kam überhaupt man zu Geld? Ich fragte Calract.

"Nun, ganz einfach. Wenn du der Souverän bist, prägst du dein Geld selbst und gibst es aus. Alle anderen Menschen bekommen Geld dadurch, daß sie andere dazu bringen, es ihnen zu geben. So läuft es immer wieder um, wie ein Kreislauf."

Souverän war ich nicht, nur eine kleine Dämonin. Also mußte ich es schaffen, Geld von anderen Leuten zu bekommen.

"Und wie bringt man die Leute dazu, einem Geld zu geben, Schatzi?"

"Da gibt es unzählige Möglichkeiten. Du kannst einen totschlagen und es dir einfach nehmen. Du kannst es dir als Kredit leihen. Oder du kannst Handel treiben. Wenn man Bodenschätze oder landwirtschaftliche Güter hat, kann man das, was sie erwirtschaften, verkaufen. Die meisten Menschen aber müssen arbeiten und bekommen dafür Lohn. Das ist sozusagen der normale Weg. Allerdings", fügte er hinzu, "wenn du meine Frau wirst, bist du die Schwarze Königin, und Majestäten pflegen nicht zu arbeiten. Jedenfalls nicht in diesem Sinne. Sie regieren. Ich denke, am einfachsten ist es, wenn ich dir einen Schatz schenke. Dieser und dessen Erträge stehen dir dann zu."

Das klang gut. Ich freute mich und wedelte aufgeregt mit den Ohren.

"Und wenn wir schon bei Veränderungen sind: mir ist so einiges durch den Kopf gegangen, seit du hier bist. Ich denke, daß ich an meinen Tempel noch zwei Flügel anbauen lasse, einen für dich und Kokoma, und einen als Reserve, für Gäste vielleicht, hmm, oder einen großen Saal für Feste und besondere Anlässe."

"Ahh", antwortete ich. Ich sollte einen eigenen Flügel dieses tollen Hauses bekommen. Das war doch wundervoll. Aber auch nötig, wenn hier mehr als nur eine Person leben wollte, denn für mehr war dieser Tempel ursprünglich nicht ausgelegt gewesen. Calract hatte ihn nur für sich und seine Kunstschätze und Bilder errichtet.

Wenn man hereinkam und sich im Eingangsbereich nach rechts wandte, kam man zu der Galerie und dem paradiesischen Innenhof. Hier hingen viele der Bilder, die Calract gemalt hatte, an den Wänden, außerdem standen dort eine Reihe weiterer Schätze und Kunstwerke, die mein Schatz im Laufe der Zeit gesammelt hatte. Einiges davon stammte angeblich sogar noch aus dem Schwarzen Schloß.

Noch weiter rechts kam ein Durchgangsbereich mit links drei Zimmern, von denen wir das größte zur Zeit zusammen bewohnten. Am Ende befand sich auf dann auf der rechten Seite die Tür, die zum Unendlichen Land hinabführte. Der neue Ostflügel stand zur Zeit leer und diente als provisorische Unterkunft für die Lunaloc-Dämonen und die wenigen Menschen, die es hier inzwischen gab, Kokoma etwa, und die für den Schwarzen König arbeiteten.

Als Calract hierhergekommen war, war er praktisch allein gewesen, und dafür hatte er dieses Haus geplant und gebaut. Doch die Umstände hatten sich recht schnell geändert.

Gemessen an dem riesigen Schwarzen Schloß, das er vorher besessen hatte, war das hier nur eine Hütte. Immerhin eine sehr schöne und geschmackvolle. Das Schwarze Schloß, das ich von einem Bild her kannte, war, wie ich erfahren hatte, vernichtet worden, aber dorthin hätte mein Schatzi sowieso nicht mehr zurückgewollt. Also würden wir uns hier einrichten und ein gemütliches Nest für uns bauen. Die Dinge des täglichen Bedarfs stellten entweder die dienstbaren Lunaloc-Dämonen, die Calract hier um sich hatte, her, oder er kaufte sie in der Piratenstadt, zauberte sie herbei, ließ sie sich per Drachenpost schicken oder flog ab und zu selbst irgendwo hin, um seine Besorgungen zu erledigen. Dank des Goldes aus dem Schwarzen Schatz, der Zahlungen von BQMZ und den Piraten, der Arbeitskraft seiner Dämonen, die ihm unentgeltlich zur Verfügung stand, der Bodenschätze, die Tschuris Mineralogen im Schwarzen Königreich und in der Westkolonie entdeckt hatten, dem Porto, das er mit der inzwischen sehr beliebten Drachenpost verdiente, und demnächst auch durch die Erträge und Steuern der Siedler des Westlandes flossen Calract beachtliche Mittel zu. Unkosten hatte er so gut wie keine, also war er steinreich, selbst ohne den Rückgriff auf das Unendliche Land.

Er schnippte mit den Fingern. "Ich hab's. Du wirst Pferde züchten und verkaufen."

"Pferde?"

"Ja, aber keine gewöhnlichen, sondern geflügelte. Pegasuspferde! Eins gibt es ja schon. Ich mache noch ein paar dazu, dann schenke ich dir die Herde. Du sorgst für sie und verkaufst die Zuwächse an Könige. Oder noch besser an reiche Händler. Die haben nämlich meistens mehr Geld als Könige." Er grinste spitzbübisch, dann fuhr er fort: "Ich denke, für ein geflügeltes Pferd werden einige meiner Kollegen ihr halbes Königreich bieten." Er zwinkerte mir zu, und ich fand die Idee toll. Ach, mein Schatzi war ja so klug! Zärtlich nahm ich sein Gesicht zwischen meine Ohren und turtelte mit ihm.

Calracts Herz schlug schneller, ich konnte es ganz deutlich hören. Ich war so glücklich, daß er mich begehrte. Ja, ich war nur eine kleine Dämonin, geschaffen als eine von über hundert Wächterinnen über den ewigen Schlaf eines dunklen Magiers. Mit Calract hatte ich einen Millionentreffer gezogen. Trotz meines Tierkörpers sah er mich nicht als Schoßtier, sondern als Frau. Ich würde alles für ihn tun, töten und sterben, wenn es sein mußte. Hingebungsvoll schmiegte ich mich an ihn und küßte ihn voller Leidenschaft, während er mich ganz fest an sich drückte.

Nach einiger Zeit lösten wir und wieder voneinander. Mir fiel wieder das von vorhin ein, und ich meinte leise: "aber bis dahin dauert es doch sicher noch. Und einen Ring für dich habe ich immer noch nicht. Und ..."

"Und was?"

"Naja, du hast gesagt, man steckt ihn dem anderen an den Finger."

Rein technisch gesehen hatte ich Finger, ganz ordentlich zehn Stück, jeder knapp zwei Meter lang und Halter meiner Flughäute. Nur: darauf konnte man keinen Ring stecken.

Wortlos deutete Calract auf meine Füße. Doch auch das war nicht so einfach. Meine Zehen trugen auf dem Endsegment jeweils eine lange, einziehbare Kralle aus magischem, unzerstörbaren Material, und waren am Ende natürlich dicker als am Ansatz. Wie sollte ein Ring da passen? Doch Calract beruhigte mich. Er versprach mir, dafür eine Lösung zu finden.

"Bleibt noch die Frage von Anfang: wo sollen wir heiraten? Die Schwarzen Könige hatten hinter dem Schloß eine kleine Kirche gehabt, in der sie alle geheiratet hatten, aber die ist mitsamt dem Schloß selbst untergegangen. Und wo unser Pfarrer steckt, weiß der liebe Himmel." Himmel ... das ist gut. Wahrscheinlich ist er genau da. Oder abgehauen, wenn er schlau war ...

"Warum heiraten wir nicht in der Weißen Hauptstadt?", fragte ich in aller Unschuld. Ich hatte von dieser Stadt schon viel gehört, zumindest das, was Calract und ein paar andere mir so erzählt hatten. Auch Kokoma kannte Geschichten, war aber selbst auch noch nie dort gewesen. Diese Stadt mußte wunderschön sein und das Zentrum der zivilisierten Welt. Genau das richtige für meinen genialen Mann.

Calract sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren, doch dann wurde sein Blick irgendwie abwesend und schließlich nickte er und murmelte: "Genau. Warum nicht in der Weißen Hauptstadt!" Ein wölfisches Lächeln erschein auf seinem Gesicht und ich fragte mich, was wohl nun in seinem Kopf vorging.


Den Rest des Tages verbrachte Calract damit, Pläne für die neuen Flügel des Tempels zu erstellen und dann seine Dämonen einzuweisen. Mit vier Wänden und einem Dach war es nämlich längst nicht getan, wie ich inzwischen wußte. Danach gab es Abendessen, zu dem sich auch, wie üblich, Kokoma gesellt, die morgens mich unterrichtete und nachmittags an ihrem Buch schrieb oder sonstige Arbeiten in der Bibliothek erledigte.

Sie hatte mir auch beigebracht, wie ein Dame anständig mit Besteck ißt. Im Verwunschenen Land hatte ich meine Nahrung einfach mit den Klauen zerrissen und dann gefressen. Aber jetzt, wo ich Königin werden würde, ging das natürlich nicht mehr. Mit einem Lächeln dachte ich daran zurück, wie wir beide uns gefreut hatten festzustellen, daß meine Füße geschickt und beweglich genug waren, um Messer und Gabel zu führen. Ich war mächtig stolz auf mich gewesen, und seitdem benutzte ich Calracts wundervolles Eßbesteck bei jeder Gelegenheit. Es war aus ornamentiertem Silber, die Messerklingen aus Eisen, das vom Himmel gefallen war - rostfreier Meteoritenstahl, wie Calract mir erklärt hatte. Sie waren uralt und wertvoller als reines Gold.

Mein Schatz und ich zogen uns dann in unsere Kammer zurück und erfreuten uns aneinander. Oder auf gut Deutsch: wir schliefen miteinander. Komisch, warum man das "miteinander schlafen" nannte, denn schlafen war bestimmt das letzte, an was wir dabei dachten. Ach, Calract war ja so ein wundervoller, dynamischer Liebhaber! Und wie es schien, war er auch von mir restlos begeistert. Wenn man keine Arme und Hände hat, muß man sich beim Liebesspiel einiges einfallen lassen, aber mein Schatzi versicherte mir immer wieder, wie wundervoll er meinen zarten und doch so kraftvollen, gelenkigen Körper fand. Und mit meinen knackigen Brüsten, den vollen Lippen, den langen Beinen und der zarten weißen Haut hatte ich ja auch einiges zu bieten. Ich spürte es, seine glühende Liebe zu mir war echt, so echt wie meine Liebe zu ihm. Nichts im Universum würde je zwischen uns kommen.


Am nächsten Morgen kündigte mein zukünftiger Gatte mir an, daß er nun für zwei oder drei Wochen nach Lunaloc müsse. Auch sonst habe er einiges zu erledigen. Er schrieb einen Brief an Kyraia, sie sollte die Vorbereitungen für seine Hochzeit organisieren. Dann einen Brief an Hotaru, ob es nicht praktisch sei, daß sie gemeinsam Doppelhochzeit feierten. Beide gab er einem seiner Dämonen, der sie dem Post-Drachen mitgeben würde, der später am Tag ankam.

Mit vielen Küssen und Zärtlichkeiten verabschiedete er sich dann von mir, verwandelte sich in einen eleganten grünen Drachen, hob mit mächtigen Flügelschlägen ab und schoß dann schnell wie der Wind davon.

Und ich hatte die Gelegenheit, das Leben eines Eheweibes kennenzulernen, das seinen Mann nur selten zu sehen bekommt. Strohwitwe nannte Kokoma das. Dabei war ich noch nicht mal verheiratet!

Die ersten Tage beschäftigte ich mich damit, meine Bildung und meine Schreib- und Lesefähigkeiten zu verbessern. Kokoma erzählte mir, daß Kinder Monate, wenn nicht Jahre brauchten, um das zu beherrschen. Ich war aber seit 400 Jahren erwachsen. Vielleicht hatte ich es sogar früher schon mal gekonnt, denn ich war ja einst ein Mensch gewesen. Daran erinnerte ich mich noch ganz dunkel. Jedenfalls war ich nach kurzer Zeit in der Lage gewesen, einigermaßen fließend zu lesen. Auch meine Schreibfähigkeiten wurden von meiner geduldigen Lehrerin gelobt, meine Schrift war trotz meiner Pranken filigran und gestochen scharf. Das lag an meinem besonderen Körperbau. In meinen Flügeln hatte ich so gut wie kein Gefühl. Ich konnte sie auf- und zusammenfalten und damit sehr gewandt fliegen. Aber das war's auch schon. Dafür waren meine Füße und Zehen äußerst leistungsfähige und sensible Körperteile, die ich hoch präzise steuern konnte.

Zwischendurch vergnügten Kokoma und ich uns auch mit Sport, wobei es gar nicht so einfach gewesen war, eine Sportart zu finden, die wir zusammen ausführen konnten und wo nicht die eine einen zu großen Vorteil vor der anderen hatte. Viele Ballspiele und alles, wozu man Arme und Hände brauchte, kamen für mich nicht infrage, dafür mußte Kokoma auf Flugspiele verzichten. Auch Sportarten, bei denen man nur seine Beine gerbrauchen mußte, schieden aus, denn ich konnte mich dreimal schneller bewegen als jeder Mensch. Ich lief zu Fuß schneller als ein Pferd im vollen Galopp, Wettläufe, Weitspringen und ähnliches wären also sinnlos gewesen.

Kokoma zeigte mir schließlich Schach, und das fand ich äußerst faszinierend, obwohl ich einen Tag lang jede Partie verlor und am nächsten immerhin noch sechs von neun. Nun ja, es blieb mir nicht lange verborgen, daß Kokoma mich absichtlich gewinnen ließ. Und sie merkte schnell, daß ich es gemerkt hatte. Also mußten wir uns wieder etwas Anderes suchen. Und tatsächlich wurden wir bei einer körperlich auszuführenden Sportart fündig, nämlich beim Schwimmen.

Das Gartenland lag ja bekanntlich auf einer Landzunge, die ringsum fast überall von sehr steilen, stellenweise fast senkrecht abfallenden Felsen und Klippen begrenzt war. Ganz an der Spitze hatten die Piraten ihre Häuser wie Vogelnester an diese Klippen geklebt, teilweise auch einige Meter tief in den Felsen getrieben, und diese Stadt war inzwischen beachtlich gewachsen, was weniger an ihrer Lage als an der politischen Sicherheit, die Calract den Piraten bot, lag. Dennoch, an den meisten Stellen war der Zugang zum Meer noch frei und unverbaut.

Sicher, sich 40 Meter in die Tiefe zu stürzen war nicht jedermanns Sache, doch auch wenn Kokoma vor dem Todessprung etwas blaß aussah, wagte sie es dennoch. Und nachdem sie erst mal den Mut aufgebracht hatte, war es für uns beide ein riesen Spaß, wenn auch sehr anstrengend, zumindest für Kokoma. Zunächst hatte sie sich auch geziert, weil sie keinen Badeanzug besaß und mein spontaner Vorschlag, sie sollte doch einfach ihre Kleider ausziehen und nackt hinunterspringen, nicht auf sehr viel Gegenliebe gestoßen war. Warum, das sah ich dann als sie es schließlich doch tat.

Calract hatte zwar ihren Fuß geheilt und teilweise auch die Narben an ihren Armen und Beinen, die am Rumpf seltsamerweise aber nicht. Unter ihren Kleidern trug sie nach wie vor ihre riesigen, tiefen, schlimmen Narben, und auch die zerfetzten Ohren und die verstümmelten Finger waren noch so. So gesehen war es schon ziemlich erstaunlich, daß sie sich überhaupt dazu bringen konnte, sich vor meinen Augen zu entkleiden. Es war ein Zeichen tiefen Vertrauens, das ich sehr zu schätzen wußte.

Entschädigt wurden wir dafür aber mit einem wundervollen Nachmittag im kalten, tiefblauen Octaviusmeer. Wir plantschten herum, tauchten nach Perlmuscheln, und schwammen um die Wette. Wenn ich darauf verzichtete, meine Flügel dafür einzusetzen, und nur mit Beinen und ein bißchen mit den Ohren paddelte, dann waren wir einigermaßen gleichschnell. Manchmal kletterte Kokoma auf einen der Felsen, um sich auszuruhen, und da saß sie dann wie eine Nixe aus einem Märchen. Auf ihrer dunklen Haut glitzerten die Wassertropfen wir leuchtende Perlen, bis sie sich wieder in die schäumenden Fluten stürzte.

Ich war erstaunt, wie tief und lange sie tauchen konnte. An einer Stelle, etwa 500 Meter vor der Küste, ging es fast hundert Meter in die Tiefe. Dort unten herrschte nur noch ein dunkles Blau. Es war ein Graben, der hier begann und sich weiter, als man sehen konnte, ins offene Meer hinaus erstreckte und sich dabei immer weiter absenkte. Fasziniert war ich dort hinuntergetaucht und ruderte nun mit Beinen, Flügeln und Ohren langsam voran, dicht über dem schlammigen Grund, auf dem sich alle paar Meter Kolonien von großen Röhrenwürmern erhoben. Dazwischen gab es auch noch eine ganze Reihe anderer Lebewesen, Seeigel, Seesterne, Krabben, wunderschöne Kalmare mit riesigen, silbern schimmernden Augen, und auch ein paar Fische. Da ich gerade Lust hatte, fuhr ich die Krallen meines rechten Fußes aus, stieß blitzschnell vor und spießte einen kleinen Hai auf, den ich dann auch gleich an Ort und Stelle zerfetzte und verschlang - ohne Besteck, aber es sah ja niemand. Gerade wollte ich wieder auftauchen, um Luft zu holen, als ich neben mir einen großen Schatten bemerkte. Ich traute meinen Augen kaum als ich sah, daß es Kokoma war, die dort im Schlamm herumwühlte - in über 100 Metern Tiefe!

Schließlich winkte sie mir aufgeregt zu. Irgend etwas hatte sie anscheinend gefunden. Ich schwamm zu ihr hinüber und sah, daß sie den Deckel einer Truhe freigelegt hatte. Ich zeigte mit den Ohren nach oben um zu bedeuten, daß wir erst mal auftauchen sollte, was wir auch taten, denn die Luft wurde uns beiden knapp.

"Wahnsinn, daß du so tief tauchen kannst", rief ich ihr zu, nachdem wir wieder Luft geschöpft hatten. Kokoma lächelte nur. Vielleicht gehörte das zu ihren Fähigkeiten als Wetterhexe.

"Wie bekommen wir diese Truhe heraus?" fragte sie.

"Keine Sorge!", rief ich ihr übermütig zu. In diesem Fall konnte ich punkten. Wirklich, es war irgendwie ein tolles Gefühl, daß so eine Aufgabe, an der ein Mensch scheiterte, für mich ganz leicht war. Kokoma blickte mich fragend an, doch statt zu antworten tauchte ich wieder in die blaue Tiefe. Als ich bemerkte, daß meine Sklavin ein ganzes Stück hinter mit zurückblieb, weil sie sich unter Wasser bei weitem nicht so schnell fortbewegen konnte wie ich, wenn ich dazu meine Flügel benutzte, machte ich kehrt, streckte ihr die Füße hin und bedeutete ihr, sie solle sich daran festhalten. Mit kräftigen Schlägen meiner Schwingen sausten wir dann hinab in die Tiefe.

Zu zweit hebelten wir die schwere Kiste aus dem Schlamm, und da stand sie nun. Wenn Kokoma sie aufnehmen würde, konnte sie nicht mehr auftauchen. Die Kiste war zu schwer und die Antriebskraft ihrer Beine würde nicht reichen. So ergriff stattdessen ich mit den Füßen die beiden Griffe rechts und links, schloß meine Zehen fest darum, faltete dann meine Flügel aus und erhob mich mit gewaltigen Schlägen, die alles um uns in eine undurchdringliche Schlammwolke hüllten, in die Höhe, zur Wasseroberfläche, und startete von dort durch, hoch hinauf in die Luft. Das kostete mich all meine Kraft, denn die Kiste war natürlich voller Wasser und wog bestimmt an die 200 Kilo, aber ich nahm alle Energie und Willensstärke zusammen. Nachdem ich so angegeben hatte, daß es für mich überhaupt kein Problem sein würde, wollte ich mir schließlich vor meiner Sklavin keine Blöße geben.

Mit äußerster Anstrengung schaffte ich die Strecke nach oben und setzte die Kiste schließlich mit einem Seufzer der Erleichterung nahe dem Steilhang ab. Wie ein erschossener Vogel lag ich dann daneben und rang nach Luft. Nachdem ich mich wieder etwas erholt hatte, sprang ich dann wieder hinunter. Kokoma war inzwischen ebenfalls aufgetaucht. Ich hielt ihr die Füße hin, sie ergriff sie und hielt sich daran fest, und so flog ich mit ihr zusammen wieder hoch.


"Puh!" Es war ganz schön anstrengend gewesen. Ich wog keine 30 Kilo, und mit einem Passagier, der doppelt so schwer wie ich war, war ich an sich schon fast an der Grenze dessen, was ich leisten konnte. Fast erstaunte es mich, daß ich es tatsächlich geschafft hatte, die Kiste hier herauf zu bringen. Kokoma hatte davon aber anscheinend nichts bemerkt. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt unserem geheimnisvollen Fund.

"Was da wohl drin sein mag?" fragte sie schließlich. "Und wie wir sie wohl aufbekommen? Am besten leihe ich mir bei den Bauarbeitern ein paar Werkzeuge."

Wortlos schüttelte ich den Kopf. Dann fixierte ich das schwere Schloß, das die Truhe eisern zuhielt. Meine Augen wurden rot, sie glühten richtig auf, und dann wurde das Schloß zu Stein, der schließlich unter der Macht meiner Blicke zu feinem Sand zerbröselte.

Meine Augen wurden wieder normal, aber Kokoma blickte mich mit offenem Mund scheu an. Anscheinend hatte sie keine Ahnung gehabt, daß ich über solche Fähigkeiten verfügte. Dabei war sie selbst ja auch eine Hexe.

Sie langte zur Truhe, zog ihre Hand dann aber wieder zurück und ließ mir den Vortritt. Darum ließ ich mich natürlich nicht zweimal bitten und klappte den schweren Deckel auf.

Mit großen Augen schauten wir hinein.

Zuerst waren wir fast etwas enttäuscht, denn statt Gold und Juwelen enthielt die Truhe auf den ersten Blick nur nassen Stoff. Doch immerhin war dieser gut erhalten, und als wir ihn herauszogen und auf dem Boden ausbreiteten, sahen wir, daß er ganz schön wertvoll sein mußte. Die Bahnen waren zinnoberrot - die gleiche Farbe, die Kokomas Kleid hatte - purpur, indigoblau, olivgrün und hellgelb. Und darunter fanden wir dann doch noch unseren Schatz: zehn Silberbarren und ein flaches Kästchen. Ich zog es heraus und fummelte an dem Verschluß herum, bekam ihn mit den Zehen aber nicht auf. Kokoma nahm es mir schließlich ab und hatte es nach zwei Sekunden offen. Ich seufzte, aber nicht lange, denn der Inhalt nahm mich sofort gefangen.

Auch Kokoma betrachtete die Schmuckstücke lange, dann nahm sie die große Kette heraus und musterte die Steine mit scharfem Blick.

"Juvanische Jade und Amethyst aus meiner Heimat Güstra", murmelte sie. "Hmm, wahrscheinlich in der Umgebung von Trepka geschliffen und zu dieser Kette verarbeitet. Dürfte etwa 20 Jahre alt sein, dem Stil nach ..."

Nach und nach zog sie auch die anderen Schmuckstücke heraus, ein Paar kleiner und ein Paar großer Ohrringe, einen mit Diamanten und Amethyst besetzten Ring, eine aus moosgrüner Jade und Silber gearbeitete Tiara, zwei Anstecker für die Kleider, zwei aus zusammenfaltbaren Segmenten bestehende Armreifen und zwei ebensolche, aber etwas Größere für die Beine, alles aus Amethyst in verschiedenen Farbschattierungen, grüner Jade und etlichen klaren Diamanten auf Trägern aus Silber bestehend.

Während Kokoma jedes Stück fachmännisch erläuterte, konnte ich mich daran gar nicht sattsehen. Ich glaube, ich hatte noch nie in meinem Leben etwas so Schönes gesehen.

Irgendwann sahen wir beide auf und uns an. Wir waren zur gleichen Zeit auf die Frage gekommen, wem dieser Schatz gehörte beziehungsweise, wie wir ihn unter uns aufteilen sollten.

Als Zeichen der Unterwerfung schlug Kokoma die Augen nieder und sagte: "Ich kann Euch zu diesem Schatz nur beglückwünschen, Herrin."

Sicher, als meine Sklavin hatte sie keinerlei Rechte oder Ansprüche. Andererseits: erst mal hatte sie die Truhe gefunden, und außerdem ... wie soll ich das sagen, zwischen uns war ein zartes Band der Freundschaft und des Respekts entstanden, und ich würde nie auf meinen Status pochen und ihr einfach alles wegnehmen. Ich berührte sie mit dem Fuß am Kinn und zog ihren gesenkten Kopf wieder hoch. Ehrlich gesagt, das Leuchten der Rührung und des Glücks, das ich in diesem Moment in ihren Augen sah, wäre allein schon den Schatz wert gewesen.

Nachdem ich ihr also auch noch mal mit Worten gesagt hatte, daß wir fair teilen würden, standen wir nun vor der Frage, wer was bekommen sollte.

"Also, Kokoma, ich denke, den Stoff kriegst auf jeden Fall Du." Ich sah an mir herab. Wozu brauchte ich Stoff? Mein eleganter Körper war immer schon nackt gewesen und würde es nach meinem Willen auch bleiben. Kokoma hingegen trug stets dieses eine einzige Kleid, das sie besaß, und der Stoff würde ihr die willkommene Gelegenheit geben, ihre Garderobe beträchtlich zu erweitern. Ihre Augen strahlten, als sie das von mir hörte.

"Bei dem Silber ... ich dachte, wir könnten halbe-halbe machen, aber ..."

"Aber?"

"Naja, Kokoma, dann müßten wir bei dem Schmuck auch halbe-halbe machen. Aber es wäre jammerschade, wenn wir diese wundervolle Kollektion auseinanderreißen würden."

Mit heftigem Nicken stimmte sie mir zu. Es hätte ihr sicherlich mehr noch als mir das Herz gebrochen, diesen Kunstwerken das anzutun.

"Also ... der Schmuck ist für Menschen gedacht ... diese Armreifen kann ich sowieso nicht tragen. Also nimm Du den Schmuck und ich das Silber. Einverstanden?"

Kokoma schluckte, dann liefen Tränen aus ihren strahlenden roten Augen. Schließlich konnte sie nicht mehr an sich halten, warf sich an meine Brust, umarmte mich heftig und überdeckte mich geradezu mit Küssen. Ich streichelte mit meinen Ohren über ihr Haar und ihren Rücken.

Und so kam es, daß ich ab diesem Tag etwas besaß, etwas sehr Wertvolles sogar.

Und Kokoma trug von nun an stets das ein oder andere dieser herrlichen Schmuckstücke, deren Farben so wundervoll zu ihrer zimtbraunen Haut paßten. Aus dem Stoff schneiderte sie sich neue Kleider. Aber sie brauchte dafür bei weitem nicht den ganzen Stoff ...

*

Ein paar Tage später. Es war früher Morgen, fast noch dunkel. Wie meistens, wenn ich nicht mit Calract schlief, hing ich kopfüber am dem Eingang des Tempels. Die Krallen meines linken Fußes gaben mir einen soliden Halt, während der rechte entspannt vor meinem Körper baumelte, wenn ich mich mal kratzen mußte oder so.

Ich war noch im Halbschlaf, da fingen meine langen Ohren das leise tappen nackter Füße auf kalten Stein auf, dazu ein ganz leises metallisches Klirren. Kein Zweifel, Kokoma war gerade dabei, ihre Zimmer zu verlassen, und das Klirren kam daher, daß sie anscheinend ihren Schmuck trug. Eigentlich bewegte sie sich in lautloser und vollendeter Eleganz, aber meinen Ohren entging so gut wie nichts. Ich streckte den rechten Fuß mit weit gespreizten Zehen nach unten, dem Boden entgegen, und ließ mich dann oben los. Auf dem Fußballen balancierend brachte ich mich in eine aufrechte Position, dann beschloß ich, Kokoma nachzuschleichen.

Vom Tempel gingen einige Wege durch die Blumengärten und Obstbaumplantagen, einer davon hinüber zur Bibliothek und dann weiter nach Nordwesten. Überall standen liebliche Baumgruppen, die die Parklandschaft auflockerten. Es gab auch Felsinseln, die Calract arrangiert hatte, und deren moosbewachsene Schluchten an heißen Tagen wunderbare Kühle spendeten, einige sogar mit kleinen Quellen. Leider endete dieses Paradies nach wenigen Kilometern. Nur eine etwa 30 Zentimeter hohe Mauer aus trocken aufgeschichteten Steinen trennte das Gartenland von der arcadischen Kap-Provinz, und die zeigte den Zustand, in dem auch das Gartenland gewesen war, bevor Calract hierhergekommen war: eine graue, felsige Einöde, in der außer ein paar verkrüppelten Büschen und einigen zähen, ausgetrockneten Grasinseln nichts wuchs. Im Vergleich zu dem, was Calract hier direkt an der Spitze geschaffen hatte, war es eine Mondlandschaft.

Langsam und ohne sich umzudrehen, fast wie in Trance, ging nun Kokoma auf ebendiese Mauer zu, stieg daran darauf und schaute aufmerksam in die Runde. Ich versteckte mich schnell, damit sie mich nicht sah. Dann stieg sie auf der anderen Seite wieder herunter und lief mit langsamen Schritten in die Wüstenei hinaus.

Was sie wohl vorhat? Aber keine Sekunde dachte ich daran, daß versuchte zu fliehen. Neugierig sah ich ihr weiter zu.

Vorher hatte sie unter ihren Fußsohlen Gras gehabt und sich somit völlig geräuschlos fortbewegen können, jetzt aber war es unregelmäßiger, mit Staub, Kies, Sand und Geröll bedeckter Fels, sodaß ich ihre Schritte auch mit geschlossenen Augen ohne weiteres hätte verfolgen können. Dort barfüßig zu gehen mußte für einen Menschen ziemlich unangenehm sein, und ich fragte mich immer wieder, was sie da wohl wollte.

Kokoma lief fast eine Stunde lang weiter, und mir blieb nichts Anderes übrig, als ebenfalls über die Mauer zu steigen und ihr zu folgen, denn ich hatte immer noch keine Ahnung, was sie vorhatte. Ich muß zugeben, wenn sie sich umgedreht hätte, hätte sie mich sehen müssen, denn es gab hier nur wenig Deckung. Sie tat es aber nicht, und schließlich hielt sie mitten auf einer ausgedehnten, mit Geröll und Felsen übersäten Ebene an. Sicherheitshalber duckte ich mich am Boden in eine Mulde, und das war auch gut so, denn nun hob sie die Arme und drehte sich mit dem Gesicht dem Gartenland zu.

Die Sonne, die inzwischen längst aufgegangen war, verschwand urplötzlich hinter dicken, tiefschwarzen Wolken, die wie von Geisterhand rasend schnell herbeiwehten und genau über Kokoma einen gewaltigen Sturmwirbel zu formen begannen.

So ist das also. Kokoma ist ja eine Wetterhexe, und das ist ihre Macht. Obwohl sie auf Befehl meines Mannes im Gartenland gelegentlich Regen herbeizauberte, war ich vom wahren Ausmaß ihrer Kräfte beeindruckt.

Und das war erst der Anfang. Es dauerte keine zwei Minuten, da öffnete der Himmel seine Schleusen, und eine ungeheure Menge eisigen Sturmregens fegte über das öde Felsland. Der Sturm wurde zu einem Orkan und ich zog unwillkürlich meine Ohren unter meine Brust. Ich mußte aussehen wie ein nasses Kätzchen. Trotzdem blickte ich mich einmal um und sah, daß das Unwetter genau an der Mauer endete. Dahinter herrschte der schönste Sonnenschein.

Hier aber war der reinste Weltuntergang mit Donner und Gewitter, und dann begann es auch noch zu hageln. Faustgroße Eiskugeln stürzten in unglaublichen Mengen aus dem tiefschwarzen Himmel herab, während im Zentrum des Geschehens Kokoma wie eine Rachegöttin stand, die Hände immer noch halb zum Himmel erhoben und umspielt von einer nicht enden wollenden Serie von Blitzen. Auch ich wurde pausenlos von schweren Stromstößen getroffen, die mich vor Schmerzen winseln ließen und meinen Körper gefühllos machten. Dazu kamen die ständigen Treffer der Hagelbrocken. Es war die Hölle auf Erden, in die ich hier hineingestolpert war.

Ich weiß nicht, wie lange das alles dauerte. Der ohrenbetäubende Lärm hatte mich längst taub gemacht, und irgendwann hatte ich den Kopf unter meine Brust gezogen und nur noch gehofft, daß es bald vorüber sein möge. Mein Rücken tat höllisch weg, weil eine Ewigkeit lang diese riesigen Hagelkörner darauf eingeprügelt hatten, und die Kälte tat ein übriges.

Irgendwann schob ich zitternd meinen Kopf dann doch wieder hervor und sah, daß sowohl der Sturm als auch seine Verursacherin verschwunden waren. Oben schien wieder die Sonne, als sei nie etwas gewesen, währen unten der Felsboden mit einer fast einem Meter hohen Schicht aus Eis und Hagelkörnern bedeckt war. Ich war wütend und erleichtert zugleich und wollte mich in die Luft emporschwingen und zurückfliegen, doch ein stechender Schmerz in meinem Rücken und meinen Flügeln verhinderte das.

Gebrochen war wohl nichts, so leicht war ein Orna-Dämon nicht kleinzukriegen. Doch ich hatte schwere Prellungen, und das hieß, daß ich ein oder zwei Tage nicht würde fliegen können.

Der Weg zu Fuß durch das Eis war gelinde gesagt beschwerlich. Meine Füße spürte ich gar nicht mehr, sie waren durch die Blitze nahezu gelähmt und durch die eisige Kälte gefühllos geworden. Dementsprechend schwer fiel es mir, mich überhaupt auf den Beinen zu halten. Arme, um mich zusätzlich abstützen zu können, hatte ich ja auch nicht, und was hätten sie mir hier auch genutzt? Es gab nichts zum Abstützen, nur dieses Feld aus glitschigem, tiefen Eismatsch, in dem jeder Schritt ein Kraftakt und ein Kampf um das Gleichgewicht war. Den ich natürlich oft genug verlor. Wie oft ich mit dem Gesicht im Dreck landete, konnte ich gar nicht mehr zählen, und es war jedesmal sehr schmerzhaft, denn ich prallte natürlich immer mit voller Wucht auf den Boden.

Einmal versuchte ich es auch mit schnellem Lauf und weiten Sprüngen, aber der Eismatsch, der keinen Halt gab und mich regelrecht festsaugte, vereitelte das sehr schnell wieder.

Teilweise robbte ich auf Knien durch den Matsch und beneidete heftig die Menschen, die sich in so einer Lage wenigstens einigermaßen schnell auf allen Vieren fortbewegen konnten. Mir war das verwehrt, und so dauerte der Weg zurück bis zum frühen Nachmittag. Doch ich gab nicht auf, und kurz bevor ich es geschafft hatte, hatte die heiße Sonne endlich soviel von dem Eis und dem Hagel geschmolzen, daß meine Füße stellenweise endlich wieder festen Halt auf dem Grund fanden.


Ich hätte nicht gedacht, daß ich auf so eine Weise aus dem Verkehr gezogen werden konnte. Müde sah ich am mir herab. Ich war über und über mit Matsch und Schlamm bedeckt, bis auf die Stellen, wo das Blut meiner aufgeschürften Knie und Fußsohlen ihn abgewaschen hatten. Und das trotz meiner widerstandsfähigen Haut, die so leicht nicht mal ein Messer durchdrang. Auch meine Brust hatte einiges abbekommen. Ein paarmal waren mir beide Beine nach hinten weggerutscht, und da ich dann nichts mehr besaß, um den Sturz abzufangen, war ich ziemlich heftig im Eis gelandet und hatte mir die Nase blutig geschlagen und die Brüste aufgeschürft. Fast empfand ich es als Wunder, daß sie mir nicht erfroren waren. Nein, die Kälte war nicht so schlimm gewesen, auch der glatte Untergrund hätte mich nicht kleingekriegt, aber diese teilweise über einen Meter hohe Schicht aus Eis, Matsch und Hagelkörnern, die bei jedem Schritt einbrach und die Füße geradezu festsaugte, das war es gewesen, womit ich nicht fertig geworden war.

Ich überlegte mir, daß es das einfachste gewesen wäre, ich wäre in meinem Loch geblieben, bis die Sonne das Eis wieder geschmolzen hatte. Doch das hätte mein Stolz als Dämonin nicht zugelassen.

Am Ende meiner Kräfte kroch ich über die Mauer und schlurfte zu einer dieser entzückenden moosüberwachsenen Felsgruppen, rollte mich darunter zusammen und fiel sofort in eine Mischung aus Schlaf und Ohnmacht.

Später, kurz vor Sonnenuntergang, wachte ich wieder auf und ging mit immer noch schwankenden Beinen zum Tempel. Doch bevor ich mich dort ins Bett fallen ließ, sah ich noch bei Kokoma vorbei. Und siehe da, sie lag fest schlummernd auf ihrem Bett und drückte das Kissen wie ein Baby an ihre Brust. Anscheinend war ihre Zauberei nicht nur für mich anstrengend gewesen.

Zärtlich, mit leisen, säuselndem Schnurren, leckte ich über ihr wunderschönes Gesicht, dann verkroch ich mich ins Bett und fiel umgehend in einen heilenden Schlaf.

*

Am nächsten Morgen fühlte ich mich wieder frisch und munter. Meine Dämonen sind perfekt, hatte mein Schöpfer einmal gesagt, und so war es auch. Alle Verletzungen waren abgeheilt. Dafür hatte ich aber einen Bärenhunger und ließ mir erst mal ein riesiges Frühstück bringen. Nach einiger Zeit tauchte meine Lehrerin auf, doch ich zog es vor nicht zu erwähnen, was mir gestern dank ihr und auch dank meiner Neugier zugestoßen war. Und sie schien wirklich keine Ahnung zu haben, was sie mir da unwissentlich angetan hatte.

Nach dem Essen zog ich mich auf mein Zimmer zurück, setzte mich auf das Bett und fing an mir das Haar zu bürsten. Es war trotz meiner gelenkigen Beine und der überaus beweglichen Fußgelenke schwierig, alle Stellen zu erreichen, vor allem die hinteren, aber ich machte fast trotzig weiter. Daß Kokoma plötzlich neben mir stand, hatte ich gar nicht bemerkt, erst, als sie sanft mit ihren Händen meinen Fuß, mit dem ich die Bürste hielt, umfaßte und diese dann an sich nahm. Schweigend, mit sanften, gleichmäßigen Bewegungen setzte sie dann das Haare-Bürsten fort, und ich gab mich willig und vertrauensvoll hin. Schließlich begann ich leise zu schnurren, schloß die Augen und freute mich über mein Glück.


Danach verspürte ich neuen Tatendrang, und ich hatte eine besondere Idee. Ich würde zum Verwunschenen Land fliegen und meine Schwestern besuchen. Wenn Calract mich schon im Stich ließ, dann wollte ich wenigstens sie mal wieder sehen.

Kokoma war ziemlich erstaunt, als ich ihr meine Absicht offenbarte. Sie schlug mir vor, zumindest die Strecke bis nach Kalohe mit dem Post-Drachen zu fliegen. Den Rest würde ich dann bequem aus eigener Kraft schaffen, denn von Kalohe zum Verwunschenen Land waren es gerade mal 20 oder 30 Kilometer.

Die Postdrachen flogen regelmäßig die Strecken Gartenland - Kalohe - Royal Haslach - Trok - Alessandrina und Weiße Hauptstadt, und das natürlich in beide Richtungen. Manchmal flogen sie auch noch Sydur und Lunaloc an, gelegentlich sogar die Schwarze Schloßruine. Insgesamt waren stets drei oder vier Drachen unterwegs, so daß ein Brief oder eine sonstige Sendung spätestens am nächsten oder übernächsten Tag am Ziel war. Wenn man das mit der normalen Post verglich ... hier ins Gartenland ging sowieso keine, mal ganz davon abgesehen.

Calract verdiente mit dieser Linie bereits ganz ordentlich Geld, denn der Postdienst stand jedermann zur Verfügung, der dafür zahlte. Viele Briefe gingen vor allem zwischen Kalohe und Alessandrina hin und her. Calracts besonderer Service war, daß er Briefe und Pakete transportieren ließ, ohne daß irgend jemand nachsah, was darinnen war. Das ließ er sich gut bezahlen, aber der eigentliche Zweck war ein anderer, drei, um es genau zu sagen. Erstens gab es, wie gesagt, sonst keine Verbindung zwischen dem Schwarzen Königreich und dem Gartenland, und Calract legte großen Wert darauf, zeitnah zu wissen, was sich in seinem Stammland und der Westkolonie so tat. Zweitens zeigte er damit eine ständige Präsenz gegenüber den Menschen der verschiedenen Reiche. Allein das bewirkte schon so manche denkwürdige politische Veränderung. Und drittens flogen die Drachen auch Patrouille, um auf alles Ungewöhnliche zu achten, was sich am Boden so tat. Weder Menschen noch Zauberer konnten nun zum Beispiel noch große Armeen zusammenstellen, ohne daß Calract es mitbekam. Vor allem dachte er an die Schwarze Hexe, von der er überzeugt war, daß sie noch lebte und irgendwo gegen ihn arbeitete. Natürlich würde sie sich nicht von ein paar herumfliegenden Drachen abhalten lassen, aber allein deren Präsenz würde auf sie Druck ausüben. Und wer weiß, vielleicht machte sie ja mal einen Fehler und verriet sich.

Die genaue Uhrzeit, wann der Drache nach Kalohe ankam, stand nicht fest, manchmal kam er schon am Vormittag, manchmal erst später. Und wenn er mal abends erst kam, dann übernachtete er hier und flog erst am nächsten Morgen wieder weiter. Oder er wurde gleich ganz abgelöst, denn die Drachen wechselten natürlich alle zwei bis drei Wochen.

An diesem Tag kam der Drache kurz vor Mittag, und ich nutzte die Zeit noch, um zusammen mit Kokoma die Karten der bekannten Welt zu studieren, von denen Calract eine erstaunliche Menge in seiner Bibliothek hatte. Leider widersprachen die Angaben sich teilweise, aber interessant war es trotzdem.

"Da kommt er", rief Kokoma und sah hinaus.

"Also, dann mache ich mich mal auf den Weg, meine Liebste. In ein paar Tagen bin ich wieder da."

Einer der Lunaloc-Dämonen ging zu dem Drachen hinüber, um die für das Gartenland bestimmte Post entgegenzunehmen, aber es war heute nichts dabei. Ich beeilte mich, den unterirdischen Teil der Bibliothek zu durchqueren, denn der Drache würde nach einer kurzen Pause weiterfliegen.

Kurz darauf erreichte ich ihn. Seltsamerweise ging mir in diesem Augenblick durch den Kopf, daß, wenn ich Calract heiratete, dieser Drache und all die anderen Lunaloc-Dämonen sowas wie meine Stiefkinder werden würden. Was sie wohl darüber dachten?

"Hallo, Drache!" rief ich ihm zu.

Der Drache, dessen rotbrauner Schuppenpanzer in der Mittagssonne glänzte, senkte seinen mächtigen Kopf bis auf meine Höhe hinab und musterte mich mit einem Blick, der mir leicht gelangweilt erschien.

"Ich, äh, bin Batchiribanban, Calracts ..."

"Ich weiß", brummte der Drache.

"So. Und wie heißt du?"

"Fern. Früher, als ich noch ein Mensch war, hatte ich einen anderen Namen, aber jetzt heiße ich Fern."

"Freut mich."

Der Drache schüttelte unwirsch den Kopf und brummte: "Was willst du?"

Ich stemmte die Beine in den Boden und wackelte ärgerlich mit den Ohren. "Wenn du und deine Brüder und Schwestern mich nicht mögen, dann sag es doch einfach."

"Nein, nein, wir haben nichts gegen dich, Batchiribanban. Nur ..."

"Nur was? Daß ich mich an Calracts Seite gedrängelt und den Platz besetzt habe, der Euch zusteht. So ist es doch!"

Der Drache seufzte. "Es stimmt, manche sagen das."

Enttäuscht ließ ich die Ohren hängen. "Und ich hatte mich schon so gefreut, eines Tages zu Eurer Familie zu gehören."

"Aber nein, sei doch nicht traurig, Batchiribanban. Wir mögen dich doch."

Ich war sehr erfreut. Mein kleiner Trick hatte funktioniert. Ich stellte die Ohren wieder auf und fragte: "Würdest Du mich dann nach Kalohe fliegen, lieber Fern?"

"Klar. Steig' auf, ich bin abflugbereit."


Der Flug über die Kirchenländer war sehr beeindruckend. Es war schon ein gewaltiger Unterschied, ob man selber fliegen mußte oder geflogen wurde. Fern flog ziemlich hoch und schnell, viel schneller, als ich es konnte, und am späten Nachmittag landeten wir auf dem großen Kirchenplatz mitten in Kalohe, wo Calract sein Verbindungsbüro hatte. Dieses war, wie immer, von zahllosen Menschen umlagert. Die politische Ordnung zumindest in diesem Teil der Kirchenländer stand auf der Kippe, weil so viele in die Westkolonie auswandern wollten und die übrigen auf tiefgreifende Reformen drängten, denen die Priester sich nicht mehr entziehen konnten.

Fern wußte über diese Dinge sehr genau Bescheid, mich aber interessierten sie nur am Rande. Als er gelandet war, stieg ich ab, bedankte mich artig für den Flug und machte mich dann sofort selbst auf den Weg. Und noch bevor die Nacht hereinbrach, überquerte ich den Siina, und dann hatte das Verwunschene Land, meine alte Heimat, mich verschluckt.

*

Wieder zu Hause.

Die Umgebung war mir so vertraut und heimelig, daß ich am liebsten laut aufgejauchzt hätte. Das wäre hier allerdings ziemlich unpassend gewesen. Das Verwunschenen Land war ein Ort der Stille und der Zeitlosigkeit. Nur Todesschreie hörte man hier ab und zu.

Die Sonne war inzwischen untergegangen, und das trübe Dämmerlicht, das hier tagsüber herrschte, war durch tiefste Finsternis ersetzt worden, nur an wenigen Stellen unterbrochen durch das grünliche Glühen leuchtender Pilze und Käfer. Mit weiten Sprüngen drang ich immer tiefer in den feuchten Urwald ein. Wie von selbst fanden meine Füße die Äste, auf denen sie landen konnten, und dank meiner Krallen verlor ich kein einziges Mal den Halt auf dem glitschigen Moos.

400 Jahre.

Ich kannte jeden Baum, jeden Ast, jede Schlingpflanze auswendig. Vor meinen Augen lag nur undurchdringliches Schwarz, doch vor meinem inneren Auge sah ich das Labyrinth bis ins kleinste Detail vor mir. Und auch meine Ohren halfen mir bei der Orientierung, denn mit ihnen konnte ich bei weitem nicht nur hören, zum Beispiel das leise Knacksen der Äste oder das Krabbeln der nachtaktiven Spinnen und Raubameisen. Diese Geräusche verrieten mir stets, wenn sich hier etwas verändert hatte, wenn mal ein Ast abgebrochen war und sich daher nicht mehr dort befand, wo meine innere Karte ihn noch verzeichnet hatte. Meine Ohren trugen auch einen zarten Flaum, der sehr empfindlich auf kleinste Luftströmungen und Wirbel reagierte. Die Haut wiederum registrierte Wärmeunterschiede. Natürlich war das kein Sehen wie mit richtigen Augen, doch alles zusammen zeigte meine langen, schönen Ohren mir die Welt fast so gut, teilweise vielleicht sogar besser, als mein Gesichtssinn.

Fast die ganze Nacht hindurch jagte ich durch das Gewirr der Äste und Wurzeln, bis ich den leichten Duft meiner Schwestern aufnahm und das Tempo verlangsamte. Wie jedes andere Lebewesen auch, so hatte jede von uns ihre Lieblingsplätze, und hier ganz in der Nähe war der meiner Freundin Schintaraschischi.

'Freundin' ist ein seltsames Wort in diesem Zusammenhang. Ich hatte es früher nie benutzt. Eigentlich - wir hatten niemals miteinander gesprochen, jedenfalls nicht mit Worten oder unserer Stimme. Wozu auch? Hier im Verwunschenen Land stand die Zeit still, es gab nichts zu reden. Seltsam war nur, warum wir - oder ich - es trotzdem konnte, sogar völlig mühelos. Warum hatte Boris von Maarx uns diese Fähigkeit gegeben, oder, da wir sie als Menschen ja gehabt hatten, gelassen? Genauso war es mit meinen Brüsten und Geschlechtsorganen. Ich wußte, ich würde mit Calract Kinder haben können, wenn ich wollte, aber warum eigentlich? Wir waren Wächterinnen, Waffen, keine Mütter. Vielleicht erklärte unser Schöpfer es uns eines Tages mal.


Schischi war da. Ich roch und spürte ihre Nähe ganz deutlich. Und dann bemerkte sie auch mich, trotz der Finsternis, die immer noch herrschte. Langsam kletterte ich zu ihr hinüber. Sie freute sich riesig, mich wiederzusehen. Wie zwei junge Katzen schmiegten wir uns aneinander, begannen uns abzulecken und schnurrten dabei vernehmlich.

Schischi und ich putzten uns ausgiebig hinter den Ohren, was ein besonders lautes Schnurren erzeugte, und dann die anderen Stellen, die jede selbst nur schlecht oder gar nicht erreichen konnte.

Irgendwann war es wieder hell - Vormittag wie ich schätzte. Seltsam, früher hatte mir Zeit nichts bedeutet. Morgen, Mittag, Abend, Nacht, waren für mich völlig gleich gewesen. Es war ein Leben ohne Zeit gewesen, und daß ich hier 400 Jahre verbracht hatte, war für mich nur ein Wort. Es hätten genausogut auch nur vier Wochen sein können. Oder die Ewigkeit.

Ich glaube, es war das erste Mal, daß ich hier mit Schintaraschischi sprach, als ich die Worte an sie richtete: "Meine Liebste. Laß mich dir einen wundervollen Ort zeigen, an dem du noch nie zuvor gewesen bist."

Schischi sah mich mit riesigen Augen an. Auch ihre Ohren waren mir frontal zugewandt. Ich hatte etwas getan, was nicht in diese Welt paßte. Sprache ... das bedeutete Struktur, und irgendwo auch das Bewußtsein vom Vergehen der Zeit. Allein dadurch, daß ich überhaupt mit ihr geredet hatte, hatte ich unsere Welt verändert.

"Schischi ... hat Angst", flüsterte sie, dann wandte sie verschüchtert den Kopf ab und steckte ihn unter ihren Flügel. "Er wird es verbieten", piepste sie leise, fast resigniert.

Wie seltsam. Daß zwei Wesen, die äußerlich so ähnlich sind, innerlich so verschieden sein können.

Schintaraschischi hatte helle Haut, schwarzes Haar und genau den gleichen Körperbau wie ich. Doch während ich mich voller Begeisterung in das neue Leben gestürzt hatte, das Calract mir gezeigt hatte, zog Schischi es vor, den Kopf unter ihrem Flügel zu verstecken und zu hoffen, die Veränderung würde vorübergehen und die Zeitlosigkeit zurückkehren. Doch ich war entschlossen, sie mitzunehmen in Calracts herrliches Gartenland. Ich begann, mit meiner rauhen Zunge ihre Vorderseite zu streicheln.

Irgendwann erhob sie ihren Kopf wieder und stellte die Ohren steil auf. Ich war überrascht, denn es war das Zeichen zum Aufbruch. Anscheinend hatte die Neugier, oder vielleicht auch nur das Vertrauen zu mir, ihre Unsicherheit besiegt.

Wir veranstalteten ein wildes Wettrennen. Ich schäumte geradezu über vor Lust und Tatendrang, denn im Gartenland gab es niemanden, der sich auch nur annähernd mit unseren körperlichen Fähigkeiten messen konnte. Nun endlich hatte ich mal wieder eine echte Herausforderung, denn Schischi war genauso schnell und sicher in diesem labyrinthischen Urwald wie ich selbst.

Kopf an Kopf erreichten wir schließlich die Grenze. Ich stürzte mich hinaus ins Freie - direkt unter mir floß träge der Siina dahin, doch Schischi hatte im letzten Augenblick angehalten und lugte nun vorsichtig zwischen den letzten Ästen hervor. Ich flatterte über dem Fluß hin und her, drang wieder in den Dschungel ein, verließ ihn wieder, ganz wie ich wollte. Es war schon seltsam: kein Mensch hatte jemals eine Chance, hier einzudringen und länger als ein paar Stunden zu überleben, doch wir konnten das Verwunschene Land jederzeit verlassen, wann immer wir wollten. Nur hatte noch nie eine von uns gewollt. Auch die mächtigen Kohleprinzessinnen hatten ihren Posten in den letzten vierhundert Jahren nie verlassen.

Irgendwann faßte Schischi sich ein Herz, schließlich war sie mir nicht soweit gefolgt, um dann einfach aufzugeben, und flatterte ebenfalls hinaus in die 'normale' Welt.

Nie hätte ich mir träumen lassen, was für ein seltsames Schicksal meine Schwester erwartete.


*


Irgendwo unten im Tal stand das Zelt der Vermessungsingenieure. Tschuri hatte angeregt, das Schwarze Königreich exakt zu vermessen, und Calract war von dieser Idee sehr angetan gewesen. Natürlich gab es schon Karten, sehr alte sogar, aber keine von ihnen eignete sich für genaue Flächen- und Wegberechnungen, geschweige denn, daß Berghöhen und Pässe exakt in ihnen verzeichnet gewesen wären. Diese Karten, ebenso wie die der meisten anderen Länder, waren improvisierte Zufallsprodukte, in denen oft Phantasie das fehlende Wissen ersetzt hatte.

Zu Tschuris Überraschung stand aber die Technologie, die man für präzise dreidimensionale Orts- und Entfernungsbestimmungen brauchte, bereits zur Verfügung. Es hatte sie nur noch nie jemand darauf angewendet, systematisch ein ganzes Land zu erfassen. Calract wußte sehr wohl, was solches Kartenmaterial wert war. Und er wußte, was Tschuri wert war, deren unaufhörlich sprudelnde Ideen einen Schatz nach dem anderen zutage brachten.

Die eigentliche Vermessungsarbeit war allerdings zumeist langweilige Routine, deshalb hatte Tschuri den Trupp wieder verlassen und lief nun durch den tiefen Schnee, der hier oben praktisch das ganze Jahr über lag, langsam zurück nach Westen. Es war ungefähr Mittag, als sie eine Anhöhe erreichte, von der aus sie sich eine schöne Sicht in das Tal nördlich und südlich versprach. Doch sie sollte eine gewaltige Überraschung erleben. Denn als sie den Weg entlanglief und schließlich den letzten Felsen umrundete, sah sie mitten auf dem Weg eine Frau stehen.

Tschuri riß die Augen auf und blieb wie angewurzelt stehen. Die Frau hatte eine blaßblaue Haut, war unbekleidet, trug auf dem Rücken zwei - eigentlich vier - große, schmetterlingsartige Flügel, die in verschiedenen hellen Blautönen irisierten. Und ihre Füße schienen ein kleines Stück über dem Boden zu schweben.

Zunächst hatte die Frau - es mußte eine Elfe sein - Tschuri ganz entspannt angesehen, doch unter ihrem starren Blick wurde sie sichtlich nervös.

Ein kleiner Vogel flog über den Weg und stieß mit voller Wucht gegen die Elfe. Mit lautem Gezeter rappelte er sich wieder auf und flog in eine andere Richtung davon.

Tschuri ging ein Licht auf. Sie ist unsichtbar. Sie rechnet nicht damit, daß Menschen sie sehen können, aber jetzt hat sie gemerkt, daß etwas nicht stimmt. Nun denn ... versuchen wir's mal.

Tschuri wandte den Blick ab und versuchte mit aller Konzentration, nicht mehr auf die blaue Elfe zu starren, während sie mit möglichst natürlich wirkenden Schritten den Weg weiter nach oben ging.

Die Elfe war entweder nicht besonders helle oder vertraute zu sehr auf ihre Unsichtbarkeit, denn sie bewegte sich nur einen Schritt zur Seite, als Tschuri den Weg entlang auf sie zuging. Doch als Tschuri sich direkt neben ihr befand, brauchte sie sie nur noch zu pflücken.

Die Elfe stieß einen entsetzten Schrei aus, als die Hand der schönen Lunaloc-Dämonin ihren Unterarm umfaßte. Sie versuchte kurz, sich zu befreien, gab es aber sehr schnell auf und leistete keinen Widerstand mehr.

"Naaa, wen haben wir denn da?" Tschuri freute sich über ihren leichten Sieg, doch als sie sah, daß die Elfe trotz ihrer Erstarrung an den Rand einer Panik kam, tat es ihr schon wieder leid.

"Sei ganz ruhig, kleine Elfe. Ich werde dir nichts tun."

Unter ihren Fingern spürte sie den Puls der Elfe rasen. Sie ließ ein bißchen lockerer.

"Weißt du nicht, daß das das Land des Schwarzen Königs ist?"

Doch die Elfe sah sie nur mit vor Entsetzen geweiteten Augen an.

"Hab' keine Angst. Der Schwarze König ist nicht da. Sag, wie heißt Du denn, schöne Elfe?"

Die Angesprochene öffnete kurz den Mund, doch mehr als ein leises Piepsen bekam sie nicht heraus. Dann sank sie auf die Knie und vergrub das Gesicht in der freien Hand. Ihre Flügel bebten.

Tschuri ließ sie schließlich ganz los und überlegte, wie sie ein bißchen das Vertrauen dieses esoterischen Wesens gewinnen konnte. Schließlich zog sie ihre Kleider aus.

"Sieh' mal, Elfe!" Dann verfärbte sie sich und nahm genau den gleichen blaßblauen Farbton an, den auch die kalte Haut der Elfe hatte.

"Wer bist du? Was bist du?", hauchte diese unvermittelt. "Du hast die Aura einer Elfe, aber du weißt nicht, daß ich eine Schneefee bin. Was bist du?"

"Das ist eine lange Geschichte. Mein Name ist Tschuri von Palato ..."

Tschuri setzte sich der Schneefee gegenüber und erzählte ihr dann, wer sie war, woher sie kam, und daß sie nun ein Kind des Zauberers Calract war.

"Und du. Was machst du hier im Unendlichen Land?" Unwillkürlich hatte sie die alte, eigentlich überholte Bezeichnung für das Schwarze Königreich gewählt.

"Wir ... haben ... es hat ... man sagte ... sagte, der Schwarze König sei tot, seine Linie erloschen, und nun ... ich bin die erste, die hier eingezogen ist. Aber ... wenn er gar nicht tot ist ..."

"Der frühere Schwarze König Thoran von Caair ist tatsächlich tot, das stimmt. Aber es gibt einen neuen, den Zauberer Calract von Caair, seinen Onkel. Er ist jetzt der Herrscher dieses Landes."

Die Schneefee zuckte zusammen und fragte dann: "Aber wieso ist seine Aura nicht hier? Wieso können wir ihn nicht spüren?"

"Weil er nur sehr selten in diesem Land weilt. Im Grunde gefällt es ihm nicht, und es interessiert ihn auch nicht besonders. Aber sage mir, Schneefeen und Elfen ... sind verwandt, nicht wahr?"

Die Schneefee nickte.

Tschuri fuhr fort: "Es ist eigentlich ganz schön verwegen von so einem zarten und scheuen Wesen wie dir, ausgerechnet in Calracts Land aufzutauchen, nach allem, was Calract den Elfen angetan hat."

Die Schneefee blickte traurig zu Boden. "Ich wußte nicht, daß der Teufel noch lebt. Sonst wäre ich niemals hierhergekommen."

Tja, Calract, jede böse Tat rächt sich irgendwann, dachte Tschuri mit leiser Ironie. Schließlich war sie höchst selbst Zeuge gewesen, wie Nuitors Jäger die Elfenfestung vernichtet und alle ihre Bewohner getötet hatte. Es war zwar nicht auf Calracts direkten Befehl hin geschehen, doch er hatte es zumindest stillschweigend gebilligt. Und da er der Kriegsherr gewesen war, ging es auf sein Konto.

Tschuri ergriff die Hände der Schneefee. Zuerst fühlten sie sich eiskalt an, doch dann schienen sie gar keine Temperatur mehr zu haben. "Weißt du was, ich bin sicher, daß Calract es dir erlaubt, hier zu bleiben. Er hat sich sehr geändert, weiß du!"

"Waaas! Oh nein, bitte verrate mich nicht. Ich schwöre dir bei allem, was uns Feen heilig ist, daß ich dieses Land sofort wieder verlasse."

Und davon war die Schneefee nicht mehr abzubringen. Tschuri seufzte. Sie sah die schöne Fee lange an, dann beugte sie sich vor und küßte sie sanft auf die Lippen. Gleichzeitig entzündete sie - zum ersten Mal seit langer Zeit - ihr Elfenlicht. "Dann leb' wohl!"

Die Fee antwortete nicht. Wie gebannt starrte sie auf das Elfenlicht. "Du ... bist ... doch eine Elfe ... aber ... aber wieso ... ?"

Tschuri war etwas verwirrt. Sie hatte der Schneefee ja erzählt, was ihr widerfahren war, und den Kampf gegen die Elfenfestung und sein Resultat, daß sie nämlich von einer der Waldelfen das Licht bekommen hatte, hatte sie keineswegs verschwiegen. Doch anscheinend waren Hören und selbst Sehen doch zwei ziemlich verschiedene Dinge.

Tschuri zog die Hände der Fee an sich und legte sie auf ihre Brust. "Hör' zu, du brauchst nicht zu fliehen. Ich werde dich beschützen!"

Lange saß die Fee da und sah nur zu Boden. Dann leuchtete auch über ihrem Kopf ein zartes Licht auf. Sie zog sanft ihr Hände aus denen Tschuris, legte sie auf ihre Schenkel, beugte sich vor und küßte nun Tschuri, wobei ihr Feenlicht heller zu leuchten begann. Einen Moment später flatterte sie auf und flog dann über die tiefverschneiten Tannen davon.

Gedankenverloren raffte Tschuri ihre Kleider an sich und ging dann den Weg weiter. Die Aussicht vom Grat aus war wirklich sehenswert, doch sie war mit ihren Gedanken ganz woanders.

Erst später, als es schon dunkel wurde, bemerkte sie, daß sie immer noch nackt durch den tiefen Schnee glitt, und zog sich wieder an. Nein, ich bin keine Elfe, sondern eine Dämonin. Tat es ihr leid? Wollte sie lieber ein Mensch sein, oder eine Elfe? Nein, niemals. Calract hatte ihr ein neues Leben geschenkt, und das würde sie mit Klauen und Zähnen verteidigen, wenn es sein mußte. Und dann, tief in der Nacht, erreichte sie eine Anhöhe, von der aus sie in der Ferne die Lichter Alessandrinas leuchten sah.

So schön und romantisch das Schwarze Reich auch war, der Anblick der Zivilisation war wie ein Licht in Tschuris Herz.


*


Im nachhinein betrachtet glaube ich, daß ich bei Schintaraschischi so ziemlich alles falsch gemacht habe, was man nur falsch machen kann, angefangen damit, daß ich sie überhaupt besucht und dann mitgenommen hatte.

Dabei verlief der Anfang noch relativ gut. Ziemlich vergnügt flatterten wir beide langsam und gemütlich über die Kirchenländer nach Südwesten und landeten nach ein paar Tagen schließlich im Gartenland, das in meinen Augen ein wahres Paradies war. In Schischis Augen aber offenbar nicht. Ängstlich und unsicher sah sie sich um, dann sah sie mich an, und in ihrem Blick lag eine Verlorenheit, die mich erschreckte. Ich wedelte etwas hilflos mit den Ohren und sagte lahm: "Also, äh, das ist jetzt mein Zuhause. Gefällt es dir?"

Sie antwortete nicht. Ihre Blicke hefteten sich auf zwei von Calracts Lunaloc-Dämonen, die ein Stück weiter einen Baum eingruben. Ein paar andere trieben einige paar Schafe über das weiche Gras, damit sie es ordentlich kurzhielten. Ich hatte mich an diese bizarren Wesen längst gewöhnt, doch Schischi war vor Angst wie gelähmt. Tröstend legte ich meine Ohren um sie und leckte dann ihren Hals, was sie ein bißchen beruhigte. Aber ich spürte ihren Puls rasen, roch ihre Angst. Nur wollte ich es nicht so richtig wahrhaben und redete mit ein, sie würde sich schon wieder beruhigen, und - ehrlich gesagt - wenn sie nur ein bißchen heller im Kopf wäre, würde sie dieses Land genauso schön finden wie ich.

Kurz darauf erschien Kokoma, und damit begann das eigentliche Verhängnis.

Wie es Kokomas Art war, kniete sie demutsvoll vor mir nieder, um mich und meinen Gast zu begrüßen. Schischi starrte sie an wie einen Geist. Ich konnte deutlich fühlen, wie ihr Herz ihr bis zum Halse schlug. Doch ihre Haut war eiskalt. Was war nur mit ihr los?

"Schischi-Schätzchen, was hast du nur?" Doch sie antwortete nicht. Kokoma hatte sich wieder erhoben und sah nun abwechselnd mich und Schischi fragend an. Doch Schischi drückte sich ängstlich an mich und versuchte geradezu, sich hinter mir vor ihr zu verstecken.

"Aber Schischi, das ist doch nur Kokoma, meine Sklavin. Du brauchst vor ihr doch keine Angst zu haben."

Allmählich bekam ich weiche Knie.

"Ein Mensch ... es ... es ist so schrecklich", piepste Schintaraschischi.

"Aber was denn nur?"

"D ... das ... ich ..."

Winselnd kroch sie auf dem Boden in sich zusammen und bedeckte sich mit ihren Schwingen. Kokoma trat zu ihr hin und streckte eine Hand aus, um sie beruhigend zu streicheln, doch da explodierte Schischi geradezu. Kokoma hatte nicht den Hauch einer Chance. Mit aufgeschlitzter Brust und etlichen zertrümmerten Rippen flog sie davon, aber schlimmer noch, ihre rechte Hand flog in eine andere Richtung davon.


Schischi war nicht mehr ansprechbar. Aber ich mußte mich sowieso um Kokoma kümmern. Es war fast ein Wunder, daß sie noch lebte. Ich riß ihr die Kleider vom Leib und betastete die Wunden. Nun ja, sie waren vielleicht nicht ganz so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Zu ihren zahlreichen Narben würden sich nun noch fünf weitere gesellen, und die in Scheiben geschnittenen Rippen würden auch eine Zeitlang brauchen, bis sie wieder geheilt waren, aber Herz und Lunge schienen unversehrt. Schlimmer sah es mit ihrer Hand aus. Die war ab, etwa auf halber Höhe des Unterarmes.

So schnell ich konnte schnitt ich mit meinen Krallen aus Kokomas Kleidern ein paar Streifen heraus und band den Stumpf ab, damit sie nicht verblutete.

Leicht zuckte ich zusammen, als sie die Augen aufschlug und mich ansah. Ich mußte schlucken, doch in ihrem Blick war kein Vorwurf oder gar Haß, nur die Gewißheit eines Zeit seines Lebens gequälten Wesens, erneut von seinem schrecklichen Schicksal eingeholt worden zu sein. Kokoma hatte in ihrem Leben so viel ertragen müssen. Hier hatte sie sich sicher und geborgen gefühlt, und nun brachte ausgerechnet ihre Beschützerin ihr das Verderben. Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten und schluchzte laut auf. Dennoch war ich überrascht, als Kokomas verbliebene Hand über mein Gesicht streichelte, um mich zu trösten. Dabei wäre sie es gewesen, die Trost nötig gehabt hätte.

Ich registrierte, daß Schintaraschischi hinter uns stand, und drehte mich um. In ihrem Fang hatte sie Kokomas Hand, aber nicht, um so etwas wie einen Versuch zu mache, sie ihr zurückzugeben, sondern um sie zu zerfetzen! Es war wie ein Alptraum. Mit einem Aufschrei stürzte ich mich auf sie und jagte sie weg. Hatte sie der armen Kokoma die Hand abgeschnitten, weil sie selbst keine hatte? Aber ich hatte auch keine, und es hatte mich nie gestört. Der Grund für diesen Amoklauf war mir ein völliges Rätsel, aber viel wichtiger war es jetzt, Kokoma irgendwie zu helfen.

Ich begriff, daß ich einen riesen Fehler gemacht hatte, Schischi hierher zu holen. Und schlimmer noch: ich hatte keine Idee, wie es jetzt weitergehen sollte. Es gab nur eins. Calract. Nur er war in der Lage, dieser Situation Herr zu werden. Ich wandte mich zu Kokoma und sagte: "Ich werde losfliegen und Calract holen. Er wird dich wieder gesundmachen, das verspreche ich."

"Nein, Herrin, laßt mich bitte nicht allein." Etwas Flehendes lag in ihrem Blick. Wahrscheinlich befürchtete sie, Schischi könnte wiederkommen. Das war nicht von der Hand zu weisen, und so blieb ich an ihrer Seite, um sie zu beschützen, bis zwei der Dämonen mit einer Bahre kamen und sie in den Tempel transportierten, wo sie kurz darauf in einer sich langsam um sie herum ausbreitenden Blutlache in eine fiebrige Ohnmacht fiel.

Schintaraschischi war inzwischen verschwunden und hatte sich wohl in irgendeine Ecke verkrochen.

Am Abend fütterte ich Kokoma, die kurz wieder zu sich kam. Sie hatte viel Blut verloren mußte furchtbare Schmerzen haben, doch ich konnte nichts für sie tun, außer bei ihr zu bleiben. Aber ich glaube, das war schon sehr viel. Mehr, als sie während der meisten Zeit ihres Lebens gehabt hatte.


Am späten Vormittag des nächsten Tages kam Calract zurück. Ich war unendlich erleichtert. Daß er eine Herde Pegasuspferde dabeihatte, nahm ich kaum bewußt wahr, ich stürmte auf ihn zu und bat ihn, so schnell wie möglich Kokoma zu helfen. Er verwandelte sich in seine menschliche Form zurück. Sicher hatte er einen anderen Empfang erwartet, doch meine eindringlichen Worte sagten ihm deutlich, daß hier ein Notfall vorlag.

Als er sich neben Kokoma, die inzwischen wieder zu sich gekommen war, auf das Bett setzte, stand Schintaraschischi hinter uns und sah uns zu. Genauer gesagt sah sie Calract an, ihn, und was er mit seinen Händen tat. Ich wußte, daß das Problem noch keineswegs gelöst war, doch jetzt war zuerst mal meine arme Sklavin dran.

"Die Hand, hm. Na, dann machen wir den Rest auch gleich mal mit. Wird eh langsam Zeit", murmelte Calract zu sich selbst.

Sein Blick kreuzte sich mit dem Kokomas, dann begannen seine magischen Kräfte den Raum auszufüllen. Es wurde unglaublich hell, so hell, daß ich meinen Kopf abwandte und das Gesicht unter den Flügeln verbarg. Ein seltsamer Druck ging von Calract aus, als er seine gewaltigen Zauberkräfte entfesselte und auf Kokoma lenkte. Ich verlor jedes Gefühl für Zeit, selbst für meinen Körper, während mein Verlobter seltsame Dinge tat, die ich weder hören noch sehen, aber sehr wohl irgendwie fühlen konnte.

Ich wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, doch irgendwann wurde es wieder dunkel. Als meine normale Sehkraft zurückkehrte und ich in dem Schein der Kohle-Leuchter wieder etwas erkennen konnte, sah ich Kokoma nackt über dem Boden schweben. Ihre Hand war wieder da, ebenso alle fehlenden Fingernägel und -kuppen. Alle Narben und Verstümmelungen ihres eleganten Körpers waren verschwunden, die zerfetzten Ohren waren ebenfalls wieder wie neu, und sie war wieder von ihrer ursprünglichen makellosen Schönheit. Sie war so schön, daß es mir den Atem verschlug.

Langsam schwebte sie herab zum Boden. Schintaraschischi hatte das Geschehen mit irrem Blick verfolgt. Als Kokoma sich nun erhob und die Augen aufschlug, zuckte sie zusammen, drehte sich auf der Stelle um und schoß aus dem Raum.

Kokoma schaute Calract mit großen Augen an.

"Schon gut. Spar' dir den Kniefall und so weiter", meinte der lässig. Dann sah er mich an. "Komm' mal her, Batchiri. Ich glaube, du hast mir ein bißchen was zu erklären."

Wenn er mich 'Batchiri' statt 'Batchiribanban' nannte, dann war es noch nicht so schlimm, wie ich erleichtert zur Kenntnis nahm.

Und während Kokoma sich wieder anzog - zitternd vor Aufregung und mit Tränen der Freude auf dem Gesicht - saß ich neben meinem Liebsten und erzählte ihm, daß ich eben aus Langeweile auf die Idee gekommen war, eine meiner Schwestern zu mir zu holen. Daß die Sache so ausgehen würde ... wenn ich das vorher gewußt hätte.

"Tja, wie es aussieht, bist du wirklich was Besonderen, Mäuschen", meinte Calract versöhnlich. "Aber wo ist diese Schintaraschischi denn eigentlich geblieben?"

Ich zuckte mit den Ohren.

"Wir sollten sie besser suchen", meinte Calract und stand auf. "Bevor noch mehr passiert."

Die Suche erwies sich als unnötig, denn gerade wurde sie, oder das, was noch von ihr übrig war, von zwei wie üblich ziemlich schweigsamen Lunaloc-Dämonen hereingetragen. Sie waren auch Zeugen dessen gewesen, was sich ereignet hatte. Schintaraschischi war vor dem Tempel in die Luft geflogen, bis in mehrere hundert Meter Höhe. Dann hatte sie anscheinend mit den Krallen ihre Flügel abgeschnitten und sich in die Tiefe gestürzt.

Allmählich kam diese Sache mit fast absurd vor. Aber für Schischi war es das ganz sicher nicht. Trotzdem, warum sie ihrem Leben ein Ende hatte setzen wollen, war mir völlig schleierhaft. Warum war sie nicht einfach in das Verwunschene Land zurückgekehrt?

Auch Calract schüttelte den Kopf.

Dann sahen wir uns Schischis Überreste genauer an und stellten zu unserer Überraschung fest, daß sie noch am Leben war. Mein Herz machte einen heftigen Sprung, und ich rief Calract zu: "Kannst du sie auch wieder gesundmachen?"

"Nein, kann ich nicht! Weder ihren Körper noch ihre Seele."

Diese Antwort kam für mich völlig überraschend. Calract erklärte: "Sie ist eine Orna-Dämonin. Ich habe über ihren Körper keine Macht. Aber ich denke, wenn sie jetzt noch lebt, dann wird sie wahrscheinlich nicht sterben, sondern von selbst wieder gesundwerden."

"Gesund? Aber ihre Flügel. Kannst du nicht wenigstens die wieder dranmachen? Was sollen wir denn ohne unsere Flügel machen?" Ich hatte Tränen in den Augen bei dem Gedanken, meine Schwester müßte den Rest ihres Lebens mit nur noch zwei Gliedmaßen zubringen.

"Tut mir leid, Mäuschen. Außerdem glaube ich, nicht ihre Flügel sind das Problem, sondern ihr Verstand."

Ich seufzte. Es war alles so schrecklich, und es war alles meine Schuld.


Meine Dämonen sind perfekt. An diesen Satz von Maarx mußte ich oft denken in den folgenden Tagen, denn Schischis Körper regenerierte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit. Und das, obwohl ihr Lebenswille erloschen war. Sie aß kaum und wenn, dann nur, wenn ich es ihr mit Futterküssen einflößte. Sie sprach auch nicht, sondern lag nur apathisch auf ihrem Lager. Trotzdem heilten alle ihre zertrümmerten Knochen und beschädigten inneren Organe. Doch ihre Flügelstummel waren verwelkt und abgefallen, und das trug sicher nicht dazu bei, ihren Lebensmut zu stärken. Da geschah das Wunder.

Ich hatte mal gelesen, Worte könnten einen Menschen töten. Lange hatte ich mit Kokoma über diese erstaunliche These diskutiert, aber es gab tatsächlich Belege dafür, daß wenn das Schicksal eines Menschen am Abgrund stand, ein Satz bereits genügen konnte, ihn hinabzustoßen. Doch ganz geglaubt hatte ich das nie, denn für mich persönlich hielt ich das für völlig ausgeschlossen. Jedoch ich mußte meine Meinung ändern, weil ich es selbst erlebte, allerdings umgekehrt, als Calract ein paar Worte zu Schischi sagte. Es waren nur wenige Worte, doch die genügten, sie ins Leben zurückzuholen.

Er setzte sich eines Tages an ihr Bett, sah ihr in die Augen und sagte dann: "Hältst du dich für so wichtig, daß du damit dieses Theater rechtfertigen kannst? Wenn du mit einer Situation nicht fertig wirst, dann mußt du eben stärker werden."

Mehr sagte er nicht. Dann stand er auf und ging wieder hinaus. Ich traute meinen Augen nicht, als ich sah, daß keine Minute später Schischi sich ebenfalls erhob und mit langsamen, vorsichtigen Schritten hinausging in die Sonne, die wie immer über unserem kleinen Paradies strahlte. Es brach mir fast das Herz, sie so zu sehen, ohne ihre Flügel, auf ihren Füßen stehend, die jetzt viel zu groß wirkten. Doch dann drehte sie sich zu mir um und lächelte mir zu.

"Dein Mann hat Recht. Wie dumm Schischi doch war!"

Ich wußte nicht, was ich dazu sagen sollte. Das kam auf jeden Fall ziemlich überraschend. Mal sehen, ob dieser Sinneswandel von Dauer war. Schischi war inzwischen auf die Stufen vor dem Haupteingang des Tempels herausgetreten, sprang nun in die Luft, wobei sie sich um 180 Grad drehte, krallte sich mit einem Fuß am Gesims über dem Eingang fest und ließ den anderen locker vor ihrem Gesicht baumeln.

Kurzentschlossen hängte ich mich neben sie, und dann putzten wir uns ausgiebig.

Später gab es dann Essen, und ich freute mich zu sehen, daß Schischi auch ihren Appetit wiedergefunden hatte.

Mir fiel etwa ein, und ich fragte meinen Verlobten: "Sag mal, Schatzi, du hast doch gesagt, daß du fliegende Pferde mitgebracht hast. Dürfen wir die mal sehen?" In der Aufregung hatte ich die ganze Zeit gar nicht mehr daran gedacht.

"Klar. Und sie gehören alle dir. Die ganze Herde bis auf drei." Ich blickte ihn mit nach vorne gerichtete Ohren an, was er als Frage verstand und erklärte: "Nun, eins behalte ich für mich selbst, Subara gehört Tschuri, aber das weißt du ja, und das dritte, Benten habe ich es genannt, brauche ich für ein kleines Geschäft. Aber die restlichen 18 sind dein, Batchi-Mäuschen."

"Achtzehn. Aber so eine große Weide haben wir doch gar nicht. Und vor allem, wenn sie sich vermehren, dann ..."

"Keine Angst. Warte mal."

Er verschwand ins Haus und kehrte kurz darauf mit einer Urkunde zurück, die, wie er mir erklärte, das Siegel des königlichen arcadischen Rates trug. Ich versuchte erst mal, die Schrift selbst zu entziffern, aber da die Buchstaben ziemlich komisch aussahen und der Text auch reichlich geschraubte Formulierungen verwendete, machte Calract es kurz und erklärte mir, daß er den östlichen Teil des Gartenlandes plus einen weiteren nicht gerade kleinen Landstreifen gekauft hatte. "Aber behaltet es erst mal für euch", ermahnte er Schischi und mich. "Das soll, sagen wir mal, eine Überraschung werden, aber keine angenehme ..." Ich nickte eifrig, dann standen wir auf und gingen hinüber zu dem Gebiet, das jetzt bereits als Weide und Koppel genutzt werden konnte. In der Ferne sah ich, wie eine Reihe Lunaloc-Dämonen die Mauer etwa von ihrer Mitte bis zur Ostküste abtrugen und die Steine etliche Kilometer weiter ins Landesinnere schleppten, um sie dort neu aufzubauen.

Als Schischi urplötzlich stehenblieb, rannte ich sie fast um. "W ... was ist?"

"Das!" Sie deutete mit einem ausgestreckten Fuß auf die Herde der strahlend weißen Pferde. Diese hatten ihre Flügel eingefaltet, so daß sie kaum erkennbar waren, aber sie waren auch so eine Pracht. Doch für Schischi waren sie anscheinend mehr. Sie konnte gar nicht mehr aufhören, die mit offenem Mund und zitternden Ohren anzustarren. Auch die Muskeln, die ihre Flügel bewegt hatten, bewegten sich eifrig und ließen die Narben auf ihrem Rücken erregt auf und ab tanzen.

Ich spürte deutlich, was mit ihr geschehen war. So wie ich mich beim ersten Anblick in Calract verliebt hatte, so hatte Schischi sich in diese edlen Tiere verliebt.

Anscheinend las Calract meine Gedanken, oder er hatte aus Schischis Verhalten das gleiche geschlossen wie ich, jedenfalls trat er an die Dämonin hin, legte eine Hand auf den Rücken und sagte: "Schintaraschischi! Du kannst dich um sie kümmern, aber vergiß nicht, daß sie nicht dir gehören, sondern daß sie dazu bestimmt sind, gezüchtet und verkauft zu werden." Ermahnend fügte er hinzu: "Und du wirst dich in Zukunft ordentlich benehmen, solange du in meinem Land bist."

Schischi schien unter seinem strengen Blick zu schrumpfen. "Ja, Schischi versteht", piepste sie unglücklich. Dann wand sie sich los und lief leichtfüßig auf die Pferde zu. Und die schienen sich über ihre neue Hüterin zu freuen, denn sie kamen ihr neugierig entgegen und stupsten sie freundlich mit ihren Nasen an.

Ich war sehr erleichtert. Schischi würde nie mehr ins Verwunschene Land zurückkehren können. Wenn sie hier eine Aufgabe gefunden hatte, die sie erfüllte und ihr Freude machte, dann war ich darüber sehr glücklich.

Allzulange währte mein Glück aber doch nicht, aber das hatte einen anderen Grund. Denn am Abend teilte mein Schatz mir mit, daß er noch viel zu tun hatte und am nächsten Tag schon wieder wegfliegen müsse. Also beschloß ich, wenigstens die Nacht mit ihm zu genießen. Vorher jedoch sah ich noch nach Schischi. Die lief mit ihren neuen Freunden um die Wette, manchmal sprang sie auch auf eins der Pferde drauf und ritt ein Stück. Dann kletterte sie auf einen Baum, pflückte Äpfel und warf sie hinunter, wo die Pferde sie mit großem Genuß auffraßen. Die Kletterei bereitete ihr keine Schwierigkeiten. Wie ein Affe turnte sie durch das Geäst und man konnte kaum glauben, daß sie das allein mit ihren Beinen und den großen Füßen machte.

Ich flatterte zum Tempel zurück, huschte zu Calract ins Zimmer, und dann machten wir ausgiebig, die halbe Nacht lang, wunderbaren Sex.


24. Kapitel - Batchiribanban geht einkaufen

Eigentlich wollte Calract zu den Ruinen des Schwarzen Schlosses fliegen. Er hatte für Batchiribanban ein besonderes Hochzeitsgeschenk im Sinn, von der er annahm, daß die alte Lokalität des Schlosses, wo über mehr als 1000 Jahre hindurch soviel Magie verstrahlt worden war, ihm dabei behilflich sein konnte. Doch stattdessen fand er sich über dem östlichen Siina wieder, im Anflug auf das Alptraumland, von dem Batchiribanban nicht abließ, es das Verwunschene Land, ihre Heimat, zu nennen.

Sieh mal an, hierher hat mich mein Unterbewußtsein geführt. Das verflixte Buch des Unendlichen Landes geht mir nicht aus dem Sinn. Mal sehen, ob ich nicht ein bißchen weiterkomme.

Es war dem Zauberer ziemlich klar, daß Boris von Maarx verhindern würde, daß er einfach so hineinspazierte und das Buch mitnahm. Er wollte aber wissen, wie weit er kommen konnte und wie Maarx ihn schließlich aufzuhalten gedachte.

Die Art und Weise, wie das dann tatsächlich geschah, hätte er sich allerdings nicht träumen lassen.

Er überquerte den breiten Fluß westlich des Ziels, dachte kurz daran, was wohl aus Njala geworden sein mochte, von der seit damals jede Spur fehlte, landete dann an der Grenze, verwandelte sich in seine menschliche Gestalt zurück, öffnete sein Stirnauge und drang in den bizarren, mörderischen Urwald ein.

Wie beim letzten Mal, so half ihm auch diesmal der Teil seiner Magie, den er hier anwenden konnten, sich die widerlichen Insekten, die giftigen Sporen der Schleimpilze und den ganzen Kleinkram, an dem allein schon ein normaler Mensch gescheitert wäre, vom Hals zu halten.

Hoffentlich mache ich mit diesem Abenteuer Mäuschen nicht vorzeitig zur Witwe. Er dachte an Fürst Botha, für den das damals beinahe mit einem Desaster geendet hätte. Was aus dem alten Knacker wohl geworden ist?

Es ging recht gut voran, bis langsam die Dunkelheit hereinbrach. Calract entzündete zwar ein magisches Licht, aber das reichte nur ein paar Meter weit, bevor es vom Dschungel und der Zauberkraft, die darin steckte, verschluckt wurde. Auf diese Distanz konnte man zu wenig erkennen, um sich sinnvoll einen Weg über die Äste und Schlingpflanzen bahnen zu können. Calract suchte sich also notgedrungen einen Platz, der ihm einigermaßen sicher erschien. In etwa 10 Metern Entfernung machte er in einem Baumriesen einen dunklen Fleck aus und nahm an, daß es sich wohl im eine Höhle handelte. Dort wollte er die Nacht verbringen.

"Hallo, du schöner Mann!"

Calract zuckte zusammen und fuhr herum.

Hinter ihm saß eine der Schwestern von Batchi und Schischi, aber der Zauberer mußte lange hinsehen, bis er sie wenigstens ungefähr ausmachen konnte, denn ihre Haut war fast schwarz, und gegen den inzwischen ebenfalls stockfinsteren Dschungel waren ihre Umrisse kaum zu erkennen. Bis sie die Augen öffnete.

Noch nie hatte Calract so etwas gesehen. Die Orna-Dämonin hatte leuchtende, bernsteinfarbene Augen mit katzenhaft geschlitzten Pupillen, die ihrem Gesicht eine unglaubliche Faszination verliehen.

"Ich bin Kinkiralinlin. Und du bist der unglaublich attraktive Calract, den Batchiri geheiratet hat, wie man hört."

Die dunkle, kehlige Stimme dieser Dämonin ging Calract durch und durch. Linlin erhob sich nun auf ihre vorderen Fußballen, wie auch Batchi und Schischi das meist zu tun pflegten. In dieser Stellung überragte sie den Zauberer um fast zwei Haupteslängen, und das, obwohl sie genau den gleichen zierlichen Körper hatte wie alle Dämoninnen dieser Baureihe.

Mit katzenhaft geschmeidigen Bewegungen glitt Linlin auf Calract zu, schmiegte sich dann an ihn, nahm sein Gesicht zwischen ihre Ohren und sah ihm mit ihren riesigen, schräg stehenden Bernsteinaugen tief in die Augen. Dann schloß sie sie, drückte sanft ihre Lippen auf seine und gab ihm einen langen, hingebungsvollen Kuß. Calract spürte, wie Linlins Bein an seinem Rücken hochglitt und ihre Zehen sich fest um seine Schulter schlossen. Das war die Art und Weise, wie dieses Wesen ihre Liebsten umarmten - oder ihre Opfer.

Schließlich lösten sich Linlins Lippen wieder von Calract. Sie öffnete sie Augen und flüsterte: "Komm'. Ich zeige dir einen Platz zum Schlafen. Und ich werde dich beschützen und über deinen Schlaf wachen!"

Sie huschte davon, und obwohl sie dabei ihre Flügel nicht benutzte, hatte Calract einige Mühe, ihr zu folgen.

Die Kletterei dauerte etwa eine halbe Stunde. Calract war überzeugt, daß Kinkiralinlin das auch in ein oder zwei Minuten geschafft hätte, wenn sie ihn nicht im Schlepptau gehabt hätte. Jedenfalls hatte die dunkelhäutige Dämonin nicht zuviel versprochen. Irgendwo in einer Baumkrone - so genau wußte Calract nicht, wo sie eigentlich waren - hatte jemand ein riesiges Nest errichtet, und darin schlummerten zwei weitere Dämoninnen. Als sie die Neuankömmlinge hörten, erwachten sie und richteten ihre Sinne auf die beiden.

"Das ist mein Calract", schnurrte Linlin. Der so vorgestellte sah in der Dunkelheit ein blaues und ein grünes Augenpaar, beide allerdings mit runden Pupillen, wie sie auch Batchi und Schischi hatten.

"Sehr erfreut", rief der Zauberer den Dämoninnen zu, und diese antworteten mit einem Augenzwinkern.

"Komm', Calract, schlafe heute nacht mit uns", rief eine der Dämoninnen ihm zu, doch Linlin meinte: "Nein, er gehört heute nacht nur mir."

"Gehört ... Ich, äh, bin so gut wie verheiratet und ..." Linlin legte ihre große Zehe auf seine Lippen und ließ ihn verstummen. Dann glitt ihr Fuß um seine Schulter, und so zog sie ihn hinab auf den flauschigen Boden des Nestes. Man konnte nicht gerade sagen, daß diese Art der Behandlung Calract unangenehm gewesen wäre, auch nicht, als sie die beiden anderen Dämoninnen an ihn und Linlin schmiegten und er irgendwie zwischen sechs Beinen und Flügeln eingewickelt war, drei Zungen seinen Körper liebkosten und sechs Füße ihn massierten. Doch es war ihm auch klar, daß zwischen diesen intimen Zärtlichkeiten und einem tödlichen Angriff, der ihn in tausend Stücke zerrissen hätte, nur ein hauchdünner Grat lag. Die Dämoninnen brauchten nur ihre Krallen auszufahren, in Position waren sie schon.

Dicht vor seinem Gesicht leuchteten Linlins Augen auf.

"Du hast es also gemerkt", hauchte sie ihm ins Ohr, während sie gleichzeitig schnurrend seinen Hals ableckte.

Sie duftet unglaublich verführerisch.

"Dufte? Hahahaha."

Ihr kehliges, amüsiertes Lachen ließ eine wohlige Gänsehaut über Calracts Rücken laufen.

Aber woher ... kann sie meine Gedanken lesen?

Linlins Pupillen weiteten sich ein wenig, als sie leise antwortete: "Ja, Liebster. So wie Batchi Menschen versteinern kann, so wurde mir die Gabe der Telepathie verliehen. Bitte, Liebster, laß ab von deinem Vorhaben, weiter einzudringen und unserem Herrn und Meister das Buch stehlen zu wollen."

Sie entblößte ein wenig ihren Fang. Calract schlug das Herz bis zum Hals, aber weniger aus Angst, als vor Erregung. Er überlegte, ob er dem Rat Linlins folgen sollte.

"Ich flehe dich an, Geliebter, zwinge uns nicht, zwischen dir und unserem Herrn zu wählen. Wir müssen uns für ihn und gegen dich entscheiden und dich töten." Tränen traten in ihre Raubtieraugen und kullerten dann hinab auf den weichen Boden des Nestes.

Die Zerrissenheit dieser unglaublich schönen Dämonin war ebenso echt wie ihre heißblütige Zuneigung zu Calract. Womöglich hätte sie ihn sich sogar geangelt, doch da war zufällig Batchiribanban schneller gewesen, was ihr fast das Herz brach. Und so faßte der Zauberer den Entschluß, fürs erste von seinem Plan abzulassen.

Eng umschlungen von den weichen, warmen Leibern und eingehüllt in die Schwingen der drei Dämoninnen verbrachte er eine außergewöhnliche Nacht.

Als er erwachte, waren die beiden anderen weg, nur Kinkiralinlin war noch da. Auch sie wachte aus, streckte sich ausgiebig, und Calract hatte nun zum ersten Mal Gelegenheit, sie wirklich komplett zu sehen. Trotz des eher düsteren Dämmerlichtes, das hier stets herrschte.

Mit ihrem tief dunkelbraunen Körper und den bernsteingelben Augen war Kinkiralinlin ein Wesen wie aus dem Märchen. Calract kam eine Idee: "Wenn du mich mal besuchst, dann werde ich dich malen."

Doch die Dämonin schüttelte traurig den Kopf und die fast einen halben Meter langen Ohren: "Nein, Liebster. Wir werden uns niemals wiedersehen. Wir dürfen dieses Land nicht verlassen, und du darfst es nie wieder betreten."

Calract sah Linlin fragend an: "Aber Batchiribanban und Schintaraschischi haben es doch auch verlassen."

"Bei Batchiri hat der erhabene Herr in seiner unergründlichen Güte eine Ausnahme gemacht, und die Närrin Schischi hat ihr verdientes Schicksal ereilt. Außerdem ..."

Linlin machte eine Pause, dann fuhr sie fort: "Wir sind Sklavinnen unseres Herrn und Meisters. Wir müssen alles tun, was er uns befohlen hat. Wer nicht gehorcht, wird grausam bestraft, wenn auch vielleicht nicht immer sofort. Calract, auch meine glühende Liebe zu dir ändert nichts daran, daß wir Feinde sind und ich dich töten werde, wenn du jemals wieder hierherkommst! Es ist ein hartes Schicksal, doch ich habe es akzeptiert. Ich werde gehorchen."

Diese Worte gaben dem Zauberer einen tiefen Stich ins Herz. Lange sah er die schöne Dämonin an, bevor er sagte: "Wenn das das Gesetz ist, meine schöne Kinkiralinlin, dann habe ich ab sofort zwei Gründe, wieder hierher zu kommen!"

Zärtlich umfaßte er die Dämonin und zog sie an sich.

"Nein, Calract, tu es nicht. Tu mir das nicht an, bitte, ich flehe dich an. Ich kann und darf nicht zwischen dir und dem Herrn wählen. Ich bin seine Sklavin für immer und ewig und werde ihm gehorchen ... Calract ... oh."

Als er sie küßte, sträubte sie sich nicht mehr, sondern erwiderte seinen Kuß voller Leidenschaft. Doch war es in der Nacht zuvor ein Spiel gewesen, so war dieser Kuß nun Verrat. Verrat an Boris von Maarx. Als Calract Linlin losließ, da begann diese zu zittern und hemmungslos zu schluchzen.

"Weißt du, was du getan hast, Geliebter? Es war so sinnlos. Du hast mein Leben zerstört, und was kannst du mir bieten? Du gehörst Batchiribanban, nicht mir!"

"Nun mal langsam, Linlin-Mäuschen. Ihr Orna-Dämoninnen neigt anscheinend alle zu etwas heftigen Gefühlsausbrüchen. Du bist ja fast noch schlimmer als Schischi, die sich das Leben nehmen wollte, weil sie kein Mensch sein konnte oder was auch immer sie dazu getrieben hat. Und weißt du, was aus ihr geworden ist? Sie hat anscheinend das Glück ihres Lebens gefunden."

Das war sicher stark übertrieben, verfehlte seine beruhigende Wirkung auf Linlin aber nicht. Mit festem Griff packte Calract schließlich die schokoladenbraune Dämonin an den Ohren und zwang sie, ihn anzusehen. "Linlin! Dein Leben und dein Schicksal liegt allein in deinen Händen. Ob es dir gutgeht, entscheidest allein du selbst. Wenn du Sklavin sein willst, dann ist das deine Entscheidung. Das Leben hier hat sicher einiges für sich, dieses Land ist dein Zuhause seit 400 Jahren und bietet dir Sicherheit und alles, was du bisher zum Leben gebraucht hast. Aber das heißt nicht, daß du auf alle Ewigkeit diesem Phantom dienen mußt. Wer hat gesagt, daß wir Feinde sein müssen, daß du mich töten mußt? Diese Regeln entspringen nur deiner Phantasie. Ein Teil deiner alten Welt hat sich verändert und es ist sinnlos, sich länger daran zu klammern. Für diese Mal werde ich gehen und das Buch dort lassen, wo es zur Zeit liegt, aber ich werde wiederkommen. Und dann werde ich mit Maarx nicht nur über das Buch, sondern auch über dich sprechen. Oder, wenn du willst, dann kannst du sofort mit mir kommen. Es ist wahr, daß du mich nicht besitzen kannst, weil ich schon deiner Schwester gehöre, aber ich kenne da jemanden, der wird dir bestimmt gefallen. Meine Dämonin Tschuri. Sie ist eine ausgesprochene Liebhaberin weiblicher Schönheit. Ihr beide würdet gut zusammenpassen."

Staunend hatte Kinkiralinlin Calract zugehört. "Ich ... verzeih mir, Liebster. Ich muß erst mal über alles nachdenken. Bitte geh' jetzt."

Calract folgte diesem Wunsch, ohne weitere Worte zu verlieren und ohne sich noch einmal umzudrehen.

Am Abend dieses denkwürdigen Tages trat er wieder ins Freie. Er ging ein paar Schritte vor, drehte sich dann um und betrachtete das Alptraumland, dieses monströs-gigantische, fast surreale Gebilde, das dem Willen eines unglaublich mächtigen Zauberers entsprungen war, lange und intensiv. Das verwunschene Land und seine geheimnisvollen Dämonen waren genauso rätselhaft wie ihr Erschaffer selbst. Calract nahm sich fest vor, wiederzukommen und die Schätze dieses Gebietes weiter zu erforschen, auch wenn es ziemlich sicher war, daß von Maarx dem nicht mehr lange tatenlos zusehen würde.


*


Nachdem Schischi gut beschäftigt war, beschloß ich, die Zeit der Abwesenheit meines Geliebten zu nutzen. Tagelang hatte ich Kokoma gelöchert und alle Details zu meinem Vorhaben herauszukriegen versucht. Nun war es soweit.

Ich war schon ganz aufgeregt. Kokoma hatte mir einige nützliche Dinge angefertigt, nämlich einen Lederbeutel, mit dem es mir möglich war, etwas zu transportieren, und eine Art Anzug, wenn man das mal so nennen wollte, der zumindest einen Teil meines geflügelten Körpers bedeckte. Dies hatte Kokoma nämlich angesichts meines geplanten Reiseziels für unabdingbar gehalten. Stoff hatte sie genug übrig, und so hatte sie mir dieses seltsame Kleid geschneidert, das eigentlich nur aus einigen breiten Stoffstreifen bestand, die über meinem Bauchnabel von einem Messingring zusammengehalten wurden und diejenigen Teile meines Leibes bedeckten, die eine Dame nicht in der Öffentlichkeit zeigen sollte. Damit konnte ich mich jetzt also unter zivilisierten Menschen sehen lassen. Und der elegante Lederbeutel löste das Problem, daß es für mich schwierig war, etwas bei mir zu tragen. Schließlich hatte ich keine Hände, und keine der möglichen Alternativen war besonders praktisch. Vor allem, wenn ich ausgehen wollte.

Und zu transportieren hatte ich diesmal etwas, nämlich einen der Silberbarren aus der Schatztruhe, die wir beide vor einiger Zeit aus dem Meer gefischt hatten. Er würde mir als Geld dienen, denn ich mußte etwas einkaufen. Auf der Sonneninsel. Und dorthin, so hatte meine schöne Sklavin mich ermahnt, konnte ich nicht nackt fliegen. Calract hatte sich daran noch nie gestört, aber wenn Kokoma das sagte. Schließlich war sie eine Prinzessin und mußte es wissen.

Während des Fluges fand ich das Hin- und Herbaumeln des Beutels allerdings lästig und hielt ihn dann doch mit den Zähnen fest, woran ich mich schnell gewöhnte. Unter mir glitten langsam die Valender Berge, der östlichste Ausläufer des Altonoe-Gebirges, das die große nördliche Ebene von Octavius-Meer trennte, dahin. Ich flog ziemlich genau die Westgrenze Arcadias ab. Westlich davon lagen einige eher unbedeutende Bergfürstentümer und -grafschaften, teilweise auch Niemandsland und, wie man sich erzählte, auch das ein oder andere Räubernest. Wobei Kokoma, als wir uns das auf der Karte angesehen hatten, etwas sarkastisch gemeint hatte, Bergfürstentümer und Räuberlager seien in dieser Gegend wahrscheinlich ohnehin dasselbe.

Der Flug zur Sonneninsel war relativ weit, aber ich mußte dorthin, weil dort die besten Juweliere der bekannten Welt saßen.

*

Ich hatte von der Sonneninsel schon viel gehört und zusammen mit Kokoma auch die Literatur studiert, die Calract in seiner Bibliothek verwahrte, doch als ich sie schließlich mit eigenen Augen sah, war ich geblendet von ihrer Pracht und leuchtenden Schönheit. Aus 100 Kilometern Entfernung bereits konnte man aus der Luft den gewaltigen blauen See erkennen, in dem sie majestätisch lag. Die meisten Gebäude und sogar viele der Straßen und Wege waren aus märchenhaft schönem rosa Marmor, vieles auch vergoldet oder versilbert, wobei eine große Zahl an Menschen damit beschäftigt zu sein schien, dieses Gold und Silber stets auf Hochglanz zu halten und überhaupt die Stadt in ihrer makellosen Schönheit zu erhalten.

Ebenfalls in der Ferne sah ich einen Zug der sogenannten Wüstennomaden auf den See hinziehen, wo sie bereits von etlichen Schiffen und Flößen erwartet wurden. Im See selbst und dem Siina-Fluß fuhren zahlreiche Schiffe, und so konnte ich mir schon vorstellen, wie dieser kleine Staat zu solch einem Reichtum gelangt war. Und vor allem hatte auf seinem Territorium nie ein Krieg stattgefunden. Man hatte immer nur aufgebaut, nie abgeben müssen.


Es war geschäftiger Spätnachmittag, und meine Landung auf einem der prächtigen Plätze zwischen der Innenstadt und der Kiesgasse, wo die meisten der Juweliere und Goldschmiede ihre Läden und Werkstätten hatten, erregte einiges an Aufmerksamkeit. Kein Wunder: mein Körper war mehr als exotisch und wurde durch Kokomas Kleid, das mehr freiließ als verhüllte, eher noch schöner. So etwas hatten die Menschen hier noch nie gesehen. Daß sie trotzdem nicht aus dem Häuschen gerieten, sprach für eine abgeklärte Weltoffenheit, die ich ebenso beeindruckend wie sympathisch fand.

In aller Ruhe sah ich mich erst mal um, dann lief ich langsam los und machte sozusagen eine Tour durch diesen Teil der Stadt. Ich vergaß vollkommen die Zeit und eigentlich auch sonst alles um mich herum, denn was ich hier zu sehen bekam, davon hätte ich zu Hause im Verwunschenen Land nicht einmal träumen können. Das Straßenpflaster bestand zum größten Teil aus Marmor, der so glattpoliert war, daß ich mich darin spiegelte. Auch farbige Mosaiken waren überall eingelassen. So etwas hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen. Die Häuser waren teils Fachwerk, teils kunstvolle, reichverzierte Villen, dazwischen gab es immer wieder kleine Plätze, auf denen Springbrunnen und Statuen von Männern standen, von denen ich natürlich nicht mal die Namen kannte. Auch Göttinnen hatte man zahlreiche Statuen gewidmet. Sie waren von vollendeter Schönheit und meistens nackt. Vielleicht hatte Kokoma doch nicht ganz die Wahrheit gesagt. Immerhin - die Menschenfrauen, die hier herumliefen, waren allesamt bekleidet. Und selbst die Dienstmädchen, die mich scheu musterten, trugen Kleider, denen man ihren Preis ansah. Aufgelockert war das Ganze mit kleinen grünen Inseln, auf denen Blumen und Obstbäume wuchsen. Viele bunte Papageien und andere exotische Vögel flatterten umher, und durch die Straßen stolzierten Pfauen, als würde dies alles hier ihnen gehören.

Linkerhand sah ich durch die Häuserlücken immer mal wieder die Palastanlagen durchblitzen. Sie sahen aus wie aus Tausendundeiner Nacht.

Ich hatte Calracts Gartenland für ein Paradies gehalten, aber im Vergleich zu dem hier war es nicht mal der Hinterhof. Nun ja, Calract lebte dort ja auch erst seit ein oder zwei Jahren, und die meiste Zeit davon allein oder nur mit ein paar seiner schweigsamen Dämonen zusammen.

Eher konnte man das hier mit dem Verwunschenen Land vergleichen: ein gewaltiger Komplex, entstanden aus einem schöpferischen Geist, hier der Schönheit und der Freude der Bürger dienend, dort eine gigantische, unbezwingbare Festung eines gefährlichen, allmächtigen Magiers.

Irgendwann bemerkte ich zwei Dinge: die Stadtpolizei hatte sich um mich versammelt, und es war fast dunkel geworden. Genau wie in Laguna hatten die Polizisten anscheinend nicht die Absicht, mich zu verhaften oder auszuweisen, aber sie trauten mir natürlich auch nicht so einfach. Nun ja, nachdem ich langsam wieder in die Realität zurückfand, beschloß ich, meine eigentliche Mission in Angriff zu nehmen und betrat einen der Juwelierläden, in dessen Auslage ich einen Ring gesehen hatte, der etwa dem entsprach, was ich mir vorgestellt hatte.

Die sich öffnende Tür ließ ein wundervolles Glockenspiel erklingen, einen Moment später kam auch schon der Besitzer in den Verkaufsraum. Als er mich sah, zuckte er allerdings heftig zusammen und starrte mich wie einen Geist an.

"Ich, äh, also was soll's, ich bin hier, um einen Ring zu kaufen ... zu bestellen, meine ich. Und bitte erschreckt nicht vor meinem Aussehen, ich zahle gut!"

Der Juwelier wußte immer noch nicht so recht, was er mit mir anfangen sollte. Immerhin wußte er jetzt, daß ich kein Tier war und anscheinend auch nicht gefährlich. Ich spürte es deutlich, wie er sich schließlich im Geiste entschloß, mich wie jede andere Kundin zu behandeln.

"Einen Ring wünscht die Dame. Für Euch selbst ..." Er wurde leicht rot. Natürlich, wie hätte ich einen Ring für mich selbst kaufen können, wo ich doch keine Finger hatte um ihn anzustecken.

"Nein." Ich trat einen Schritt näher auf ihn zu. "Ich werde sehr bald Calract, den Schwarzen König heiraten, und ich brauche einen Ehering für ihn."

Mein Tonfall hatte dem Juwelier klargemacht, daß meine Worte völlig ernstgemeint waren, auch wenn er sich sicher nicht so recht vorstellen konnte, daß der gefürchtete Schwarze König ein so seltsames Wesen wie mich heiraten ... heiraten! würde.

Ich setzte einen Fuß auf den Verkaufstisch. "Das mag Euch seltsam erscheinen, aber es ist wirklich so. Hier." Ich ergriff den Lederbeutel, zog ihn mit den Zähnen auf, während ich ihn im Fuß festhielt, und holte dann mit meinen geschickten Zehen den Silberbarren heraus, während ich den Beutel mit dem Mund festhielt. Das klang kompliziert, war aber kein Problem. Ich verschwendete daran keinen Gedanken. "Ich denke, das müßte für den Ring, den ich will, reichen."

"Hm, ja ... was für einen Ring wollt Ihr denn?"

"Kommt, ich zeige es Euch."

Wir gingen nach draußen, und der Mann war sichtlich erleichtert, dort etwa fünf Polizisten stehen zu sehen, die genau verfolgt hatten, was sich bisher abgespielt hatte. Ich schmunzelte.

Der Ring in der Auslage war ein kunstvoll gearbeiteter Silberring mit einem in Buchstabenform geschliffenen Smaragd darauf.

"So etwas in der Art. Allerdings müssen drei Buchstaben drauf. C.V.C - Calract von Caair. Die beiden Cs hätte ich gerne aus Smaragden, das V aus einem Saphir, und die Punkte dazwischen aus kleinen ... äh ..." verflixt, wie hatte das gleich noch geheißen? " Brill ... Brille... äh ... Brillanten." Danke Kokoma, daß du mir das alles so toll beigebracht hast. Ich atmete erleichtert auf.

Wir gingen wieder in den Laden zurück und besprachen nun detailliert Art, Ausführung und Preis des Ringes. Er würde etwa zwei Drittel des Silbers kosten, das ich mitgebracht hatte.

"Nun gut, dann bezahle ich sofort."

"Wie Ihr wünscht, Majestät. Ich werde den Barren sogleich von meinem Lehrling zerteilen lassen."

"Bemüht Euch nicht."

Ich nahm den Barren mit dem Fuß, legte ihn auf den Boden, fuhr die Kralle meiner großen Zehe ein Stück weit aus und schnitt ihn genau an der vorgesehenen Stelle in zwei Stücke. Das Silber war ziemlich weich und so brauchte ich mich nicht besonders anzustrengen.

Das größere Stück gab ich dem Juwelier, das kleinere steckte ich wieder in den Beutel, wobei mir auffiel, daß der Juwelier inzwischen mehr auf mich als auf meine Mund- und Fußarbeit achtete. Ich bemerkte: "Wie ihr seht, bekommt Calract keine gewöhnliche Frau. Und übrigens danke, daß Ihr mich Majestät genannt habt. Das ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich so angesprochen werde. Ich bin sicher, der Ring wird meinem zukünftigen Mann gefallen."

"Dafür verbürge ich mich, Majestät." Er machte eine Pause und dachte angestrengt nach, dann sagte er: "Ihr seid in der Tat meine ungewöhnlichste Kundin, aber ... ich ... bin sehr stolz, Euch einen Ring anfertigen zu dürfen, Majestät."

Ehrlich gesagt mußte ich gegen die Tränen der Rührung ankämpfen. Daß Wesen wie ich es in der Welt der Menschen schwer hatten akzeptiert zu werden, darüber gab ich mir keinen Illusionen hin. Calract hatte keine Probleme gehabt, mich so zu nehmen, wie ich war, aber das war natürlich etwas ganz Anderes. Für ihn war der Körper eine reine Äußerlichkeit, die man jederzeit ändern konnte. Und Kokoma - nun, zuerst hatte sie sich nicht getraut, Bemerkungen über mein Anders-Sein zu machen, und inzwischen waren wir Freundinnen und es war für sie selbstverständlich geworden. Doch unter normalen Menschen war das nicht so. Dieser Juwelier hier, Börns hieß er übrigens, war eine der Ausnahmen, die in mir den Glauben an eine für mich schöne Zukunft aufrechterhielten. Eine Zukunft in der Welt der Menschen, denn ich konnte ja nicht mein ganzes Leben lang jeden Tag nur bei Calract im Gartenland sein. Das Leben unter Menschen würde für mich zum Alltag werden, und ich konnte hoffen, daß es mich nicht zu viel Kraft kosten würde, meinen Platz zu finden und akzeptiert zu werden.

"Wie lange werdet Ihr etwa brauchen, Herr Börns?"

"Extra für Euch und den Schwarzen König werde ich mich beeilen. Zwei Wochen ... ja, das sollte gehen."

Ich nickte. Doch etwas ging mir noch durch den Sinn. "Darf ich Euch noch eine persönliche Frage stellen?"

Er nickte langsam.

"Ich ... bin erst seit kurzem mit Calract zusammen und kenne den großen Lunaloc-Krieg nur aus Erzählungen, aber ich weiß, daß er sehr viele Opfer gekostet hat ... auf beiden Seiten. Darf ich annehmen, daß in Eurer Familie oder dem Bekanntenkreis keine Toten zu beklagen sind, weil Ihr mich, auch wenn ich nicht zu den Lunaloc-Dämonen gehöre, so respektvoll behandelt?"

"Das ist in der Tat so, Majestät. Die Sonneninsel hatte nur relativ geringe Verluste zu beklagen. Aber ich ... wie soll ich es ausdrücken ... es gibt einfach keinen Grund, Euch nicht so zu behandeln, wie jeder Mensch es verdient hat!"

"Aber ich bin kein Mensch. Ich war mal einer ..." Ich drehte mich um. "Ich danke Euch sehr, und in zwei Wochen werde ich wiederkommen und den Ring abholen." Dann trat ich ins Freie, breitete meine Schwingen aus und wollte davonfliegen. Aber aus irgendeinem Grund überlegte ich es mir doch anders, wedelte den Polizisten freundlich mit den Ohren zu und ging dann in aller Seelenruhe die rosafarbene Marmorstraße entlang zurück zum Stadtzentrum. Ich wollte einfach noch ein bißchen das Flair dieser unglaublichen Insel und ihrer interessanten Menschen genießen.

An zahlreichen Stellen standen inzwischen Kerzen, Fackeln und Kohlefeuer und verliehen der abendlichen Straße eine Gemütlichkeit, daß ich mich am liebsten hier gleich ganz niedergelassen hätte. Zahlreiche gepflegt und kultiviert wirkende Leute flanierten zu dieser Stunde durch ihre Stadt, ließen sich in den Straßencafés nieder oder trafen sich mit Freunden zu geselligen Spielen im Freien. Viele schauten mir nach, doch das machte mir nichts aus. Im Gegenteil, ich genoß ein bißchen die Neugier, die ich hervorrief.

"Batchiribanban?"

Ich zuckte zusammen. Wer um alles in der Welt konnte mich hier erkennen und meinen Namen wissen? Ruckartig drehte ich mich um und erblickte ein schönes junges Mädchen, das anscheinend dasjenige war, das mich gerufen hatte.

In meinem Kopf begann es zu ticken, und nach einiger Zeit machte es klick: "Tschuri?"

Die Angesprochene nickte. Auf ihren vollen Lippen erschien ein Lächeln, als würde die Sonne aufgehen. Fragen Sie mich nicht, wie ich sie erkannt hatte, aber Calract hatte mir schon so viel von ihr erzählt ... es konnte einfach nicht anders sein. Tschuri lief auf mich zu und legte dann zur Begrüßung ihre Hand auf meine Brust. "Es ist also wahr: mein Vater heiratet eine ganz bezaubernde Frau." Ihre dunkelbraunen Augen schienen zu leuchten, als sie mich ansah. Und ich glaube, meine taten das auch. Dieses Treffen war so unglaublich und gleichzeitig ... wie soll ich sagen, es erwärmte mein Herz. Die schöne Dämonin und ich hatten viel gemeinsam, wir beide spürten das ganz deutlich vom ersten Augenblick an.

Dennoch fragte ich sie nach einiger Zeit, was sie hier tat.

"Also, das ist eine komplizierte Geschichte. Naja, eigentlich ist mein Auftrag im Moment, die Bodenschätze des Westlandes und des Schwarzen Reiches zu erkunden, Karten anfertigen zu lassen und die technischen Aspekte der Kolonisierung zu überwachen. Aber nebenbei interessiere ich mich auch noch für alle möglichen anderen Dinge, insbesondere die Vergangenheit."

"Die Vergangenheit?"

"Komm', ich habe ein super tolles kleines Straßenrestaurant gefunden. Es ist gleich hier ein paar Straßen weiter. Dann erzähle ich dir alles."

"Ich dachte, ihr Lunaloc-Dämonen braucht nichts zu essen."

"Stimmt, aber das heißt nicht, daß wir es nicht können. Und gutes Essen zu genießen ist schon eine feine Sache, vor allem in so einem Ambiente."

Da mußte ich ihr allerdings Recht geben. Das hatte man nicht alle Tage. Schon gar nicht, wenn man aus der Westkolonie kam, wo es - sagen mir mal - deutlich rustikaler zuging. Cafés, falls es dort überhaupt welche gab, waren keine Marmorpaläste, sondern hastig zusammengenagelte Bretterbuden. Und was es dort gab, entsprach wohl eher den Standards meiner Heimat, des Verwunschenen Landes. Obwohl - es gab dort durchaus Delikatessen, die auch ein Mensch als solche empfunden hätte. Man mußte sie nur finden auf aufpassen, daß man nicht vorher selbst gefressen wurde. Unwillkürlich mußte ich kichern.

Wenig später hatten wir in dem kleinen Café Platz genommen. Tschuri bestellte einen Wein. Wie es aussah, kannte sie sich damit ziemlich gut aus. Mich wollte der Wirt erst gar nicht einlassen, weil er mich trotz meines Kleides anscheinend für ein Tier oder so hielt, doch ich machte ihm deutlich, daß er da nicht ganz richtiglag. Und so durfte ich doch noch hinein und etwas bestellen, einen großen gedünsteten Fisch mit diversen Beilagen und Gewürzen - nicht ganz billig, muß man dazusagen.

Ich blickte Tschuri auffordernd an.

"Also, eigentlich fing es damit an, daß ich einen Bericht unserer Siedler in die Hände bekommen habe, wie sie eine Karawane der Wüstennomaden getroffen und mit ihnen Geschäfte gemacht haben. Ich habe dann mal angefangen zu rechnen, wieviel diese Karawanen eigentlich zum Wohlstand eines Landes beitragen können."

Ich war ziemlich verblüfft. Mal wieder. Daß man den Reichtum eines Landes berechnen konnte, auf diese Idee wäre ich im Traum nicht gekommen. Ich beglückwünschte mich zum tausendsten Mal, mir Calract geangelt zu haben. Er war nicht nur selbst unglaublich begabt, er war auch von klugen Menschen und Dämonen umgeben. Hier konnte ich so unendlich viel lernen.

Tschuri fuhr fort: "Es gibt wesentlich mehr Unterlagen über die Wüstenleute, als ich gedacht hatte, und ... naja, um es kurz zu machen können sie allein diese Insel nicht so unglaublich reich gemacht haben, wie sie heute ist. Und außerdem liegt sie ja am äußersten Rande der zivilisierten Welt, das heißt in einer Lage, die für den Handel alles andere als optimal ist, trotz des Flusses. Dem wollte ich auf den Grund gehen. Da traf es sich gut, daß vor wenigen Wochen die imperialen Beamten ganz offiziell nach den Bedingungen für eine Aufnahme in die Drachenpost-Linie nachgesucht hatten. Ganz klar, damit wird der Austausch von Waren und Neuigkeiten um ein so vielfaches effizienter und schneller, daß diese cleveren Händler hier es sich trotz ihrer Vorbehalte gegen Calract nicht nehmen lassen werden. Das können sie sich einfach nicht leisten. Also bin ich bis zur Weißen Hauptstadt mit dem Drachen geflogen und dann mit Kyraias Delegation hierhergefahren. Und während Kyraia verhandelt hat, habe ich die Bibliotheken durchforstet." Die Worte sprudelten nur so aus dem Mund der temperamentvollen Dämonin, und ich hing wie gebannt an ihren vollen, blutroten Lippen.

Der Wirt brachte mir kurz darauf den Fisch und unterbrach damit meine Konzentration. Es war eine erfreulich große Portion, sie war wunderschön serviert mit den bunten Gemüsestücken, und duftete herrlich. Ich wunderte mich ein bißchen, warum er, nachdem er den Teller vor mit auf den Tisch gestellt hatte, nicht wieder in seine Küche verschwand, sondern mich mehr oder weniger unverwandt anstarrte. Bis es mir kam: er wollte einfach sehen, wie eine Frau ohne Arme einen Fisch ißt.

Nun, das war ganz einfach. Da ich saß, hatte ich ja beide Füße frei, ergriff also mit geschickten Zehen die Gabel und das zierliche Fischmesser, dankte im stillen Kokoma für die Kultur, die sie als Prinzessin, die sie ja war, mir geduldig beigebracht hatte, und begann dann so vornehm wie ich nur konnte, den Fisch zu zerteilen und dann Stückchen für Stückchen aufzuessen.

Tschuri nahm das im Gegensatz zu dem Wirt, dem fast die Augen herausfielen, völlig selbstverständlich hin und erzählte weiter. "Die Sache hat sich als äußerst spannend erwiesen. Die Sonneninsel war nicht immer am geographischen Rand der Zivilisation, im Gegenteil. Du weißt ja sicher, daß sich vor 400 Jahren die Tartanos-Katastrophe ereignet hat, die praktisch die gesamte bekannte Welt entvölkert hat."

Ich nickte und warf ein: "Ja, um diese Zeit oder kurz danach bin ich erschaffen worden." Allerdings muß ich schon etwas zuvor auf die Welt gekommen sein ... als Mensch ...

"Genau!" Tschuri hatte sich ziemlich in eine Begeisterung hineingeredet. "Die Überlebenden haben sich genau hier, auf der Sonneninsel, zusammengefunden und von hier aus die Welt neu aufgebaut. Übrigens stammt der Name 'Sonneninsel' von einem Mann, der zur Zeit des Tartanos irgendwie gewirkt und den Namen 'Licht der Sonne' oder 'Erlöser der Sonne' oder so getragen hat. Aber leider gibt es aus dieser Zeit keine Aufzeichnungen, sie setzten erst ein oder zwei Generationen später ein, das heißt, sie stammen aus zweiter und dritter Hand. Aber immerhin, das ist doch eine interessante Geschichte!"

Ich nickte zustimmend, während ich die Reste dieses köstlichen Fisches verputzte. Allerdings hatte Tschuri in einem Punkt unrecht: es gab sehr wohl Aufzeichnungen aus dieser Zeit, und sie befanden sich in Calracts Bibliothek. Vielleicht sollte ich sie mir mal ansehen. Danke Kokoma, daß du mir Lesen und Schreiben beigebracht hast. Meine Sklavin ... sie war so wundervoll!

"Aber jetzt erzähl' doch mal, Batchiri, was dich hierhergeführt hat."

"Tja, das ist so ..."

*

Wir verbrachten die Nacht zusammen in Tschuris engem Bett. Es war wunderbar romantisch und gemütlich, zwei schöne Mädchen eng aneinander gekuschelt.

Am nächsten Morgen erwachte ich ziemlich früh, löste mich vorsichtig aus Tschuris Umklammerung, so daß sie hoffentlich nicht aufwachte, und schlüpfte dann in Kokomas Streifenkleid. Die Stadt schlief noch. Ich verließ die Kammer durch das Fenster und machte mich auf den Weg. Allerdings kam ich nicht weit, denn aus der Luft fiel mir hinter den Palastanlagen, die die morgendliche Sonne in strahlend orangefarbenes Licht tauchte, ein wunderschöner, wilder und doch gezähmt wirkender Park auf, in dessen Mitte ein See schwarzblau funkelte.

Was soll's, ich habe es nicht eilig.

Also flog ich erst mal dorthin, faltete 30 Meter über dem See die Flügel zusammen und ließ mich Kopf vor in das kalte, klare Wasser stürzen.

Ich tauchte lange. Die Sonne hatte den See noch nicht erreicht, er lag noch im Dunkeln, und so war es unter Wasser völlig finster. Ich fand es sehr spannend, mit meinen Ohren über den Grund zu tasten zu versuchen herauszufinden, was ich da gerade vor mir hatte.

Als ich wieder auftauchte, hörte ich Stimmen. Rasch verschwand ich wieder unter Wasser und zog mich ans Ufer zurück, wo eine Reihe riesiger Bäume direkt am oder teilweise sogar im Wasser wuchsen und mir Deckung gaben. Ich kletterte einen davon hoch und hängte mich dann kopfüber an einen dicken Ast. Dann lauschte ich weiter den Stimmen. Es mußten vier oder fünf junge Frauen sein, die irgendwo in der Nähe lautstark im kalten Wasser plantschten. Auch das Schreien eines Babys konnte ich hören. Ein paar Minuten später wurde es wieder ruhig, dafür hörte ich ein ganz leichtes Plätschern. Jemand schwamm im See. Und in der Tat kam dieser Jemand nach kurzer Zeit in mein Blickfeld und nahm Kurs genau auf die dunkle Baumgruppe, deren Kronen inzwischen ins Sonnenlicht gerückt war.

Es war eine junge Frau. Zwischen den Bäumen ging sie an Land und begann dann, ebenfalls einen der Bäume hochzuklettern. Sie war völlig nackt und schön wie eine der Göttinnen, deren Statuen ich gesehen hatte. An ihren Bewegungen sah ich, daß sie diese Kletterpartie nicht zum erste Mal machte. Sie wußte genau, wo sie ihre Hände und Füße hinsetzen mußte. Nach kurzer Zeit hatte sie den Gipfel des Baumes erklommen. Sie stand auf dem höchsten Ast, der gerade mal noch drei Zentimeter durchmaß. Von diesem Punkt aus mußte sie eine wundervolle Aussicht über den Süden und Westen dieser Insel haben. Für mich waren solche Ansichten selbstverständlich, für Menschen aber keineswegs. Dafür genoß ich den Anblick, den sie mir bot. Immer noch lagen unzählige Wasserperlen auf ihrer alabasterweißen Haut und glitzerten im Licht der Sonne wie Diamanten. Ich mußte kurz an Tschuri denken, aber auch diese Frau ließ mein Herz höher schlagen. Ich überlegte hin und her, ob ich nicht zu ihr gehen und mit ihr sprechen sollte. Schließlich siegte die Neugier, aber noch wartete ich ab.

Nach etwa zehn Minuten begann das Mädchen wieder mit dem Abstieg. Gedankenverloren kletterte es Ast um Ast wieder herab, bis seine Blicke plötzlich auf mich fielen, denn ich hatte in der Zwischenzeit unauffällig den Baum gewechselt und mich nun hier aufgehängt.

Die junge Frau erstarrte.

Ich blinzelte ihr freundlich zu und wedelte ein bißchen mit den Ohren. Doch plötzlich zuckte ich zusammen und rief überrascht: "Heee. Ich kenne dich! Ja, ich habe dich schon mal auf einem Bild gesehen. Du bist Olivia, die Schwester von Prinzessin Alessandra, stimmt's?"

Ein Wesen wie mich ganz normal sprechen zu hören nahm oft den Menschen die Scheu. Auch jetzt war es wieder so, die angespannte, in Panik verkrampfte Haltung der regierenden Prinzgemahlin entspannte sich. Schließlich sah sie mich neugierig und zutraulich an.

"Du hast mich schon mal auf einem Bild gesehen. Hmmm. Es hängen viele Bilder von mir ... oh Gott, doch nicht etwa auf DIESEM Bild?"

Ich sah sie fragend an, aber dann verstand ich. Was Calract da gemalt hatte, war, nun ja, ziemlich gefährlich.

Mit einem Salto sprang ich auf den Ast, auf dem Olivia stand, und hockte mich vor sie.

"Bitte, bitte, wer auch immer du bist, du darfst es keinem weitersagen ... du bist doch nicht ... bist du die Dämonin, die Calract heiraten will?"

Ich nickte. Erstaunlich eigentlich, wie schnell sich solche Nachrichten herumsprachen. Ob es wohl noch jemanden gab, der nicht wußte, daß Calract eine wunderschöne Dämonin ehelichen wollte?

Aufmerksam musterte die Prinzgemahlin mich von oben bis unten durch. Ich tat mit ihr das gleiche, denn sie war wirklich wunderschön. Calract hatte sie perfekt eingefangen, wenn auch in einer Pose, die ihr nicht gerecht wurde. Und außerdem: die Realität war besser als nur ein Bild.

Neugierig langte Olivia nach meinen Ohren und fuhr dann mit ihren sanften Händen darüber. Ich mußte schlucken, begann dann unwillkürlich zu schnurren, glitt in einer blitzschnellen Bewegung hoch, setzte einen Fuß neben Olivias Kopf an den Stamm, drückte ihren weichen Körper dann mit meiner Brust gegen den Stamm und begann, ihr Gesicht und ihre zarten Brüste abzulecken. Als ich ihre Brustwarzen unter meiner Zunge sich verhärten fühlte, ergriff ich diese mit den Zähnen, setzte meine Lippen an und begann unwillkürlich zu saugen. Überrascht merkte ich, wie einen Augenblick später warme, köstliche Milch in meinen Mund floß. Ich konnte nicht ablassen, bis nichts mehr kam.

"Dann war das dein Baby?"

Sie nickte. Jetzt erst merkte ich, daß sie schweißüberströmt war und schwer atmete. Anscheinend hatten wir uns beide in höchste Erregung gesteigert. Ein Glück, daß uns hier oben im Baum keiner sehen konnte.

"Ich heiße Batchiribanban. Sag einfach Batchi zu mir. Calract nennt mich auch immer so."

Fast unhörbar flüsterte sie: "Alessandra hat gesagt, Calract würde ein Vieh heiraten. Aber dieses eine Mal hat sie Unrecht. Er bekommt die wundervollste Dämonin der Welt."

Geschickt entwand sie sich mir, lief dann leichtfüßig den Ast entlang und stürzte sich schließlich kopfüber hinab in den See, wo sie fast lautlos eintauchte.

Ich sah sie nicht wieder auftauchen, denn sie Stelle, wo ich kurz darauf ihre Schwimmzüge hörte, konnte ich von meiner Position aus nicht einsehen.

Eine tiefe Befriedigung erfüllte mich. Anscheinend besaß ich die Gabe, jeden (oder fast jeden), den ich traf, mir freundlich gesonnen zu stimmen. Mit leichten Schwingen erhob ich mich in die Luft und jagte übermütig so schnell ich konnte heimwärts.


Nicht weit vom Gartenland entfernt lag praktisch genau auf meinem Weg Laguna, die prächtige Hauptstadt des Reiches des Lagunenkönigs Ósimo. Auf der westlichen Anhöhe über dieser Stadt lag der große Sklavenmarkt, auf dem östlichen Höhenzug hingegen befand sich eine tief eingelassene Kampf-Arena.

Calract und ich waren schon damals, als wir Kokoma gekauft hatten, über diese Arena geflogen, nur war sie mir damals nicht weiter aufgefallen.

Man hatte dort entweder ein kreisförmiges Tal vorgefunden und zu einem Amphitheater ausgebaut oder den Hügel entsprechend ausgegraben. Wie auch immer, ich hatte noch etwas Geld übrig, und so landete ich vor dem wuchtigen Haus, in dem die Karten verkauft und die Sitzplätze zugewiesen wurden. Auf einer großen Schiefertafel standen die Preise, allerdings waren sie schon länger nicht mehr erneuert worden und schwer zu lesen. Aber ich gab mir alle Mühe, sie trotzdem zu entziffern. Unterschieden wurde zwischen Adeligen, die nur wenig bezahlen mußten, dem König, der umsonst rein durfte, Arbeitern, die mehr bezahlen mußten, Arbeiterinnen, die noch mehr zu blechen hatten, und höheren Töchtern, die gar keinen Zutritt hatten.

Ich fragte mich, zu welcher Kategorie sie wohl Dämoninnen zählen würden. Bald würde ich eine Königin sein, das wäre dann umsonst gewesen ... oder war ich eine Arbeiterin? Von meinem Beruf als Wächterin des Verwunschenen Landes her hätte das schon gepaßt. Jedenfalls war ich bestimmt keine höhere Tochter. Am besten, ich fragte einfach mal.

Der einäugige Bursche, der die Karten verkaufte, hätte mich wahrscheinlich eher zu den Gladiatoren als zu den Zuschauern gesteckt, doch als ich ihm einen Viertel Kupferkreuzer unter die Nase hielt, gab er mir die Karte. Ich ergriff sie mit den Lippen, denn ich schätzte, daß ich hier meine Füße eher freihaben mußte als meinen Mund. Und so war es auch. Die Ränge der Zuschauertribüne waren jeweils etwa zwei Meter hoch, und die Stufen zwischen ihnen waren nicht überall in einem guten Zustand. Hätte ich die Karte im Fuß gehalten, wäre ich bei dem notwendigen Herumklettern zu sehr behindert worden und hätte sie womöglich verloren.

So aber kletterte und sprang ich leichtfüßig relativ weit hinunter. Es gab bei den Plätzen freie Auswahl, weil es relativ früh am Tag noch ziemlich leer war. Es fand auch kein großer Titelkampf statt, sondern eher eine Art Training zweier Gladiatorinnen. Die eine, sie wurde die blutige Vema genannt, hatte man anscheinend erst kürzlich als Sklavin hier angeschleppt und nun mußte sie zeigen, was in ihr steckte. Die andere hieß die rasende Rolli, und war anscheinend so bekannt, daß ich keine näheren Auskünfte über sie geschrieben fand, weil man voraussetzte, daß sowieso jeder über sie Bescheid wußte. Nun ja. Unwillkürlich fragte ich mich, was aus der neuen wohl werden würde, wenn sie nicht zur Zufriedenheit ihres Besitzers kämpfte.

Ich versuchte, auf dem harten Steinboden eine einigermaßen bequeme Sitzposition einzunehmen und harrte dann der Dinge, die da kommen sollten. Ein durchdringender Gong kündigte kurz darauf den Beginn der ersten Runde an. Die riesige, massive Tür, die die unterirdischen Käfige und Aufenthaltsräume für die Sklaven und Gladiatoren zur Arena hin abschloß, öffnete sich, aber als erstes erschien eine kräftig gebaute, braunhäutige Reiterin auf einem Pferd, das fast dieselbe Farbe hatte wie sie. Die Frau hatte in der Hand ein Zweiklingenschwert, das mit dem Griff in der Mitte gehalten wurde - für einen Könner eine mächtige Waffe sowohl für den Angriff als auch die Verteidigung.

Anscheinend war sie eine Art Aufpasserin oder Ringrichterin, jedenfalls stürmte kurz darauf die erste der beiden Gladiatorinnen heraus. Ich war überrascht, denn sie hatte eine große Ähnlichkeit mit Kokoma: dieselbe zimtfarbene Haut und fast dieselbe Haarfarbe: hell-lila mit silbrigem Schimmer. Allerdings hatte sie, wie ich mit meinen scharfen Augen mühelos erkennen konnte, keine roten, sondern hellblaue Augen und im Ober- und Unterkiefer leichte Reißzähne, einen ziemlich massiven Körperbau recht verwegene, fast brutale Gesichtszüge, was bedeutete, daß in ihren Adern wohl auch das Blut von Trollen oder Feen floß.

Bekleidet war die Frau, die ein aus Leibeskräften brüllender Ansager uns als die blutige Vema annoncierte, mit Kettenhandschuhen, die bis zu den Schultern heraufreichten, einem ziemlich schweren, silbern schimmernden Brustpanzer, einer Art Ketten-Lendenschurz, der aber eher symbolische Bedeutung hatte, und Ketten-Beinschüzern, die die Füße freiließen. Deutlich waren die pink-farbenen Zehennägel zu sehen.

In der Hand trug Vema ein beachtlich langes Schwert. Ich war nun sehr gespannt auf ihre Gegnerin, doch was dann aus dem Tor herausgeschossen kam, überraschte mich doch, während es die wenigen Zuschauer vor Begeisterung aufjohlen ließ. Die rasende Rolli war nämlich ein Velociraptor, ein knapp pferdegroßer zweibeiniger Raubdinosaurier. Anscheinend wurden alle Neuen erst mal ihr vorgeführt, als eine Art Vortest. Ich konnte mir allerdings nicht vorstellen, wie junge Kämpfer das überleben sollten. Und selbst wenn: so ein Dinosaurier mußte ganz schön wertvoll sein. Viel zu schade, um ihn bei einer Trainingsrunde zu verheizen.

Die beiden Kämpferinnen umkreisten einander zunächst mal. Es war deutlich zu erkennen, daß Rolli sich liebend gern sofort auf Vema gestürzt hätte um sie zu fressen. Wahrscheinlich hatte sie ein paar Tage nichts bekommen, um ihre Angriffslust zu stärken. Doch die vielen Narben, die den schuppigen Leib des Dinosauriers zierten sagten mir, daß Rolli viel zu erfahren war um nicht genau zu wissen, wie gefährlich ein Schwert sein konnte. Und das führte Vema mit einer Souveränität, die mich zweifeln ließ, daß sie wirklich eine Anfängerin war.

Nach kurzer Zeit griff Rolli dann doch an und schlug mit ihrem linken Fuß nach der Kriegerin. Velociraptoren trugen an der zweiten Zehe eine lange, äußerst gefährliche Kralle, mit der sie jeden Feind in einem Zug von oben bis unten aufschlitzen konnten. Ich dachte an die Piratin BQMZ, die diese Kampftechnik ebenfalls erfolgreich anwandte. Voraussetzung dafür waren sehr gelenkige Beine, kräftige Zehen und ein guter Gleichgewichtssinn. Das Problem dabei war allerdings, daß man, wenn man zutrat, nicht gleichzeitig laufen konnten, und das nutzte Vema hier geschickt aus. Sie rollte über den Boden und klatschte gleichzeitig Rolli die flache Seite des Schwertes gegen den Fuß, und zwar so heftig, daß der Dinosaurier einbeinig einen Satz nach hinten machte.

Ich fand es irgendwie erfreulich, daß der menschliche Körperbau es ermöglichte, sogar in einem Kampf mit einem Raubdinosaurier eine echte Chance zu haben. Vema war unglaublich schnell, stark und beweglich. Und tatsächlich schaffte sie es, die Echse zehn Minuten lang in Schach zu halten, ohne daß Blut floß. Nein, sie war keine Anfängerin, sondern ein Vollprofi, und wahrscheinlich nicht mal eine Sklavin, sondern eine Freiwillige, die sich hier einen Haufen Geld verdienen wollte. Das Zeug dazu hatte sie auf alle Fälle.

Der Ringrichter erklärte Vema schließlich zur Siegerin nach Punkten - in meinen Augen ein verdientes Urteil. Und Rolli brachte man zum Stehen, indem die braunhäutige Reiterin eine große Ziege in den Ring trieb. Der Dino kannte das Spielchen wohl schon, verlor schlagartig das Interesse an Vema und schoß stattdessen auf die Ziege zu. Dabei sprang er haarscharf an Vema vorbei. Wenn er gewollt hätte, hätte er sie jetzt so nebenbei töten können, doch Vema stand völlig entspannt, fast gelangweilt auf ihr Schwert gelehnt da und ließ die Raubechse vorbeirasen.

Die Ziege hatte nicht den Hauch einer Chance und war nach wenigen Sekunden zerfetzt und verschlungen.

Die Reiterin ließ Rolli in Ruhe auffressen und trieb sie dann zurück in den unterirdischen Teil. Satt und zufrieden folgte der Saurier der Frau freiwillig.

Vema riß ein letztes Mal triumphierend ihr Schwert hoch, dann trat auch sie ab. Das war wirklich ein toller Kampf gewesen. Schade für die Kriegerin, daß es nur so wenige Zuschauer gegeben hatte. Ich war sicher, daß bei ihrem nächsten Kampf - einem echten dann - die Arena restlos ausverkauft sein würde.

Mit fiel ein, daß ich immer noch die Eintrittskarte zwischen den Lippen hielt, und verstaute sie im Brustbeutel. Dann sprang ich wieder die Ränge hinauf nach oben, verließ die Arena und flog von einem unauffälligen Platz hinter einer Baumgruppe los, nun endgültig nach Hause.


Dort wartete eine freudige Überraschung auf mich. Das heißt, eigentlich sogar zwei, allerdings brauchte ich bei der zweiten etwas, bis ich es mitbekam. Die erste war, daß mein Schatz mal wieder da war. Als er mich sah, kam er so schnell anmarschiert, wie seine Würde als Schwarzer König das zuließ, und umarmte mich stürmisch.

"Wo bist du denn gewesen, Mäuschen?"

"Geschäfte", antwortete ich geheimnisvoll. Und mehr verriet ich ihm auch nicht.

Später schlenderte ich mehr zufällig zu den nördlichen Weiden, wo Schischi auf die Pegasuspferde aufpaßte. Ich fand sie unter einem der majestätischen Bäume, die Calract hier hatte pflanzen lassen, um einerseits die einstmals öde Felsenlandschaft zu verschönern und andererseits seinen Lunaloc-Dämonen gute Plätze zu bieten, wo sie sich integrieren und auftanken konnten.

Schischi stand also unter dem Baum und rieb sich an ihm ausgiebig ihren Rücken. Als sie mich sah, unterbrach sie ihre Tätigkeit und sprang freudig auf mich zu. Wir putzen uns gegenseitig, und mir fiel auf, daß ihre Rückenmuskeln ziemlich heftig zuckten.

"Ja, die ganze Zeit schon juckt Schischi der Rücken", meinte sie.

"Hm, laß doch mal sehen."

Auf ihrem Rücken hatten sich zwei dunkle, faltige Erhebungen gebildet. Als ich das sah, war mir sofort klar, um was es sich handelte. Meine Dämonen sind perfekt. Das schoß mir wieder durch den Sinn.

Freudig sprang ich vor Schischi auf und ab, ließ mich dann auf den Boden plumpsen, ergriff ihre Füße mit den meinen und drückte sie aufgeregt. "Schischi-Schätzchen, weiß Du, was passiert? Deine Flügel wachsen wieder nach! Ist das nicht toll?"

Das war es wirklich, und Schintaraschischi konnte die Tränen nicht zurückhalten. Zärtlich leckte ich ihr Gesicht und wir begannen beide heftig zu schnurren.


Calract hatte erfahren, daß Alessandra am 1.8. zu heiraten gedachte, und hatte mir, Gad'ta und Hotaru vorgeschlagen, ebenfalls an diesem Tag in der Weißen Hauptstadt unseren Ehebund zu schließen. Alle waren damit einverstanden gewesen, und so hatte er Kyraia beauftragt, beim Weißen Erzbischof, der nämlich Alessandras Trauung vornehmen würde, auch einen Termin für unsere beiden Hochzeiten zu reservieren. Anscheinend hatte Kyraia in der Weißen Hauptstadt gute Karten, jedenfalls gelang ihr das anstandslos, worüber mein zukünftiger Mann sich ziemlich wunderte. Er hatte eher mit wütendem Protest gerechnet. Die Weiße Prinzessin mußte eben ein wahnsinnig netter Mensch sein, folgerte ich.

Sie und ihr Verlobter Wilhelm wurden jedenfalls darüber in Kenntnis gesetzt und hatten zumindest keine offiziellen Einwände. Also würden gegen 10 Uhr morgens die Großfürstin Hotaru ihren Assistenten Gad'ta ehelichen, um 13 Uhr Calract mich, und gegen 17 Uhr, sozusagen als Krönung des Tages, die Weiße Prinzessin den Thronfolger von Botha.

Calract und ich gaben uns keinen Illusionen hin: wir waren nur geduldet. Die Hauptpersonen dieses Tages waren Alessandra und ihr Prinz. Aber das machte nichts, wir fanden das trotzdem eine prima Idee.


Na sowas. Da ist ja noch die Eintrittskarte von der Arena in Laguna in meinem Beutel.

Die hatte ich ja ganz vergessen. Doch nun, wo ich sie wieder im Fuß hielt, fiel mir wieder ein, warum ich sie eigentlich damals nicht weggeworfen hatte. Erst mal steckte ich sie wieder zurück, dann ging ich zu meinem Verlobten. "Schatzi!"

"Hm?" Calract saß, wie oft, wenn er im Gartenland war, in der Bibliothek und wälzte irgendwelche Bücher oder schrieb irgendwas auf.

"Hast du zufällig ein leeres Buch?"

"Ein leeres ...?" Er stand auf, ging hinunter ins Magazin und kam kurz darauf mit dem Gewünschten wieder, das er nun vor mich auf den Tisch legte. Er fragte nicht, was ich damit wollte, denn er wußte, daß ich es ihm sagen würde, wenn die Zeit soweit war. Es waren diese vielen kleinen Aufmerksamkeiten, die ich an ihm so liebte. Er konnte so gut auf mich eingehen, und bereitete mir, zumindest, wenn er da war, eine wundervolle Zeit.

Ich hatte mir zusammen mit Kokoma inzwischen eine Methode ausgedacht, wie ich größere Gegenstände wie zum Beispiel dieses Buch transportieren konnte. Es war zwar ziemlich umständlich, aber ich konnte es immerhin ohne fremde Hilfe machen. Dazu trug ich um die Hüften ein Tuch, das ich nun löste. Dann legte ich das Buch darauf, faltete die Ecken hoch und ergriff sie mit dem Fang. Mein Gebiß war solide genug, ich hätte sogar einen Menschen auf diese Weise tragen können, so wie eine Tiermutter ihre Kleinen. Und wenn Tiere das so machten, dann war das für mich auch in Ordnung. Ein Leben ohne Arme und Hände war nun mal eine Gegebenheit, mit der ich einfach zurechtkommen mußte. Es sei denn, ich hätte Calract gebeten, mich irgendwie zurückzuverwandeln. Er hatte zwar mal behauptet, das sei nicht möglich, weil ich keine von seinen Lunaloc-Dämoninnen war, aber ich war mir sicher, er hätte einen Weg gefunden. Nur - ich wollte das auf keinen Fall. Erstens verbot mein Stolz als Dämonin so etwas. Zweitens war dieser Körper ein einfach wundervoll präzise und elegant funktionierendes Wunderwerk, mit dem ein menschlicher Körper in keinster Weise mithalten konnte. Drittens wäre ich als Mensch sterblich gewesen, schnell gealtert und nach wenigen Jahrzehnten dann gestorben, so wie eben alle Menschen.

Viertens konnte ich schließlich fliegen, und ich wußte genau, daß die Menschen mich darum heftig beneideten.

Und fünftens waren meine Füße ein in vielen Lagen praktisch vollwertiger Ersatz für die fehlenden Hände. Zwar fehlten ihnen so etwas wie Daumen, das heißt, alle jeweils fünf Zehen waren parallel, ich konnte die großen Zehen den anderen nicht wie ein Daumen gegenüberstellen, aber sie besaßen eine präzise Feinmotorik und große Geschicklichkeit. Meine gestochen scharfe filigrane Schrift bewies das. Und nicht zu vergessen die ausfahrbaren Krallen, mit denen ich eine Menge anstellen konnte. Mit einem Zehennagel Metall zu zerteilen als wäre es Butter, das war schon etwas ganz Besonderes.

Mit mir und der Welt zufrieden trug ich mein neues Buch nun also zu dem Tisch, vor dem ich immer meine Schreibübungen machte und an dem oft auch Kokoma arbeitete. Den Tisch selbst benutzte ich zum Schreiben zwar nicht, denn es war leichter für mich, das Papier auf den Boden zu legen und dort zu schreiben, aber ich hatte in einem Fach dieses Tisches meine Stifte und diverse Materialien verstaut.

Ich legte das Buch auf den Boden, zog das Tuch darunter hervor und knotete es wieder um meine Hüften. Es war zwar jedesmal eine gymnastische Übung, aber es ging. Dann setzte ich mich auf den Stuhl, schlug mit einem Fuß das Buch auf, während ich mit dem anderen nach der Schublade langte und darinnen nach der Schere tastete, die Kokoma vor einiger Zeit irgendwo für mich aufgetrieben hatte. Ich stach nun an einer bestimmten Stelle mit der Spitze ein Loch in das Papier und machte dann einen kurzen Schnitt in diagonaler Richtung. Das Ganze wiederholte ich an drei weiteren Stellen. Dann holte ich die Eintrittskarte heraus und steckte sie in die vier Schlitze, so daß sie darin einen recht soliden Halt fand. Dann holte ich mir einen schwarzen und einen roten Stift. Und damit begann ich mein Tagebuch. Mit dem roten Stift schrieb ich das Datum: 7. und 8.6.1248. Mit dem schwarzen den Text ...

*

Ich freute mich schon auf die Nacht mit meinem Liebsten, doch es sollte anders kommen. Das heißt, zuerst war alles wie immer. Nachdem wir uns geliebt hatten, schliefen wir spät in der Nacht ein, doch es war ein unruhiger Schlaf, als hätten beide wir eine Vorahnung auf das Kommende gehabt.

Irgendwann mitten in der Nacht zuckte ich zusammen und fuhr hoch. Ich spürte, wie Calract neben mir ebenfalls erwachte.

Es war stockfinster. Aufmerksam hörte ich mich um. Da war dieser seltsame Geruch ... ganz leicht ... ich stieß ein leises Fauchen aus.

Calract zauberte Licht herbei, und dann sah ich es - sie: meine Schwester Kinkiralinlin kauerte vor dem Bett auf dem Boden. Die Pupillen ihrer bernsteingelben Augen waren weit geöffnet und zogen sich jetzt unter dem hellen Licht ruckartig zusammen.

"Ich habe nicht viel Zeit", flüsterte sie. "Ich bin gekommen, um euch zu warnen! Mein Herr und Meister plant etwas Schreckliches. Ich weiß nicht genau was, aber es soll am Tage der drei Hochzeiten stattfinden, wenn Ihr beiden in der Weißen Hauptstadt außerhalb eures Gebietes schutzlos seid. Er hat im Buch des Unendlichen Landes eine Möglichkeit gefunden, Dir, mein Liebster, den Mondkristall abzunehmen, wenn Du dort bist. Du darfst ihn auf keinen Fall mitbringen. Wenn er meinem Gebieter in die Hände fiele ..."

Mit diesen Worten sprang sie auf, rannte lautlos und schnell wie der Wind aus dem Tempel hinaus, schwang sich in die schwarze Nacht und flog davon.

Calract und ich sahen uns lange an, und dann erschien auf seinen Lippen dieses wölfische Lächeln, das nichts Gutes verhieß.

*

"Schischi! Benten bitte!" Immerhin hatte er 'bitte' gesagt. Sonst ging Calract mit Schischi nicht sehr zartfühlend um.

"Schischi ist traurig!"

"Keine Geschichten! Ich habe dir von Anfang an gesagt, daß die Pegasus-Pferde dir nicht gehören. Also, bringst du mir Benten nun, oder muß ich ihn mir selbst holen?"

"Ja, Schischi geht schon."

Bei weitem nicht so leichtfüßig wie sonst sprang sie davon. Etwa eine Viertelstunde später kehrte sie auf dem Rücken des edlen weißen Hengstes, den auf den Namen Benten getauft hatte, wieder zurück.

"Na komm schon."

Ein letztes Mal liebkoste Schischi das Pferd, das sie wie die anderen auch so sehr ins Herz geschlossen hatte, dann sprang sie herunter. Calract wandte sich an mich: "Willst du mitkommen?"

"Klar ... aber Schatzilein. Sei doch nicht immer so unfreundlich zu meiner armen Schwester."

"Schintaraschischi ist hier nur geduldet!", erwiderte er streng. "Und im Grunde gehört sie sowieso nicht hier her, sondern ins Alptraumland."

"Jetzt hör' mal zu! Sie ist meine Schwester und ich mag sie sehr gerne. Wenn du ihr wehtust, tust du auch mir weh!"

Darauf sagte er nichts. Er mochte Schischi nicht, wahrscheinlich, weil sie nicht so war, wie er sich Leute vorstellte, die er respektieren konnte. Schischi war, um es mal positiv auszudrücken, von sehr einfachem Gemüt, im Grunde eine kleine, graue Dienstmagd im Körper einer Orna-Dämonin. Und genauso behandelte er sie auch. Ich verstand seine Denkweise sehr genau. Trotzdem gefiel sie mir nicht. Ich hoffte, daß meine Proteste wenigstens ein bißchen gewirkt hatten, denn Schischi war immer noch meine beste Freundin hier, auch wenn wir uns inzwischen doch etwas auseinandergelebt hatten.

Eigentlich ... ja, eigentlich war es so, daß mir dieses Leben immer besser gefielt, während Schischi hier außerhalb ihrer vertrauten Heimat einen immer verloreneren Eindruck machte. Immerhin schien sie als Hüterin dieser wundervollen fliegenden Pferde doch noch ihren Platz gefunden zu haben.

Calract saß nun auf Benten auf, der daraufhin seine mächtigen Schwingen ausstreckte und sich majestätisch in die Luft emporschwang.

"He, wohin fliegen wir eigentlich?"

"Nach Laguna. Wir werden Ósimo einen Besuch abstatten!"

Laguna. War ich da nicht gestern erst gewesen? Ich mußte lachen, dann flog auch ich auf und meinem Verlobten hinterher.

Die Strecke hätte ich inzwischen mit verbundenen Augen abfliegen können. Während des Fluges dachte ich über diese Redensart nach. Aber es war tatsächlich so: wir flogen die Küste entlang, und das Geräusch der Brandung hätte es mir wirklich ermöglicht, rein nach Gehör zu fliegen. Dann hätte ich natürlich von der wild-romantischen Landschaft rechts unter mir nichts mitbekommen. Nach etwa der halben Strecke endete nämlich die Steilküste mit dem Wüstenplateau und ging in eine sanftere Hügellandschaft über, die von Büschen und lockeren Baumgruppen bewachsen war. Es flossen viele Bäche, und genutzt wurde das Land hauptsächlich als Schafweide. Es gab aber auch kleine Bergwerke und an der hier flachen Küste eine Handvoll Schiffswerften und Fischerdörfer.

"Da vorne ist schon der Palast!"

Ohne zu zögern, nahm Calract Kurs auf den königlichen Palast und landete kurz darauf mitten im großen Innenhof. Er stieg ab und wartete, daß die Palastwache erschien. Das dauerte auch nicht lange, doch die etwa 30 Soldaten, die nach einigen Minuten angerannt gekommen waren, trauten sich trotz ihrer schweren Bewaffnung nicht allzu nahe an uns heran. Mit verkniffenen Gesichtern musterten sie uns, die Hand stets nahe am Schwertgriff.

Calract ließ Benten mit den Flügeln schlagen, dann rief er den Soldaten zu: "Ich bin hier, um Ósimo dieses Pferd zu verkaufen. Wie ihr gesehen habt, kann es fliegen. So was wird euer König sich doch nicht entgehen lassen?"

Damit hatte er Recht. Es dauerte allerdings noch etwas, bis Ósimo angelaufen kam, gerade so schnell, wie seine Würde als König es noch gestattete. Die Soldaten wichen ehrfürchtig zur Seite und bildeten für ihn ein Spalier. Ósimo, der kleine König, wie er manchmal genannt wurde, hatte von seiner Mutter einen Zug von Grausamkeit geerbt, obwohl er eigentlich ein gütiger und gerechter Herrscher sein wollte und sich selbst gewiß auch so sah. Doch die Art und Weise, wie er mit den Soldaten und seinen Lakaien umging, sprach eine andere Sprache.

Halb mißtrauisch, halb fasziniert betrachtete er nun das Pferd. Ab und zu blickte er auch zu Calract hinüber. Mich hingegen würdigte er keines Blickes.

"Hallo Ósimo. So sieht man sich wieder", meinte Calract spöttisch.

Der Lagunenkönig blickte den Zauberer überrascht an: "Sind wir uns schon mal begegnet?"

"So halb. Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, bist du gerade aus den Resten der Festung 5 getürmt." Calract grinste wie ein Schulbub, und Ósimo wurde erst rot, dann wütend.

"Steig' doch mal auf und fliege eine Runde."

"Es hat keinen Sattel."

"Manche Leute brauchen keinen. Aber du kannst dir einen bringen lassen. Übrigens, er heißt Benten, und wenn er dir gehört, wird er jedem deiner Befehle gehorchen."

Einer der Soldaten brachte nach kurzer Zeit den königlichen Sattel und das Zaumzeug, das vor Gold und Edelsteinen nur so glänzte. Nun konnte Ósimo bequem aufsitzen. Benten faltete seine Schwingen aus und hob elegant ab.


Das war's. Ósimo wird jeden Preis bezahlen. Jeden! Calracts Augen leuchteten triumphierend.

Ich nickte. Mein Schatzilein war einfach ein Genie! Ich warf ihm einen verliebten Blick zu, den er mit mildem Lächeln erwiderte.

Es dauerte eine halbe Stunde, bis der junge Lagunenkönig zurückkehrte. Aber auch nach der Landung schwebte er im Geiste noch in den Lüften.

Calract hielt ihm ein Papier unter die Nase: "Ich bekomme dafür den westlichen Teil des Gartenlandes plus einen zehn Kilometer breiten Streifen nördlich davon plus ein Haus irgendwo in Laguna oder am Stadtrand, um ein Verbindungsbüro mit Drachenpostlinie aufzumachen. Bitte hier unterschreiben."

Ósimo zog Calract das Papier aus den Fingern und reichte es an seinen Sekretär weiter, der damit im Laufschritt verschwand. Kurz darauf kam er wieder zurück. Der Vertrag war gesiegelt und gestempelt und damit gültig.

"Na dann viel Spaß mit Benten". Doch die Worte gingen ins Leere, Ósimo war bereits wieder in der Luft.

Calract verwandelte sich in seine Drachenform und startete ebenfalls. Und angesichts der vielen Soldaten, die hier immer noch überall herumstanden, zog ich es vor, ihm rasch zu folgen.


*


Bereits Ende Juni begannen die Vorbereitungen für die Hochzeit des Jahrhunderts, wie man sie jetzt schon nannte. Alle Gasthäuser und Unterkünfte der Weißen Hauptstadt waren längst ausgebucht, deshalb waren außerhalb der Stadtmauern zahllose Zelte und provisorische Hütten errichtet worden. Es wurden alle Könige und Fürsten der bekannten Welt erwartet, und viele hatten bereits ihre Vortrupps geschickt, um Quartier zu machen De facto hatte sich die Einwohnerzahl der Hauptstadt nahezu verdoppelt, und das war noch lange nicht das Ende. Die Händler, aber auch die Bauern der näheren und weiteren Umgebung machten glänzende Geschäfte, und Calract mußte eine Reihe von Extra-Postdrachen einsetzen, um die Nachfrage nach Transportkapazität zu befriedigen. Trotz der relativ hohen Kosten waren die Vorteile der Luftfracht gegenüber den Postreitern und -kutschen so herausragend, daß jedermann, der es sich leisten konnte, am liebsten nur noch die Drachenpost nutzte.

Ansonsten hatte Calract wieder recht viel Zeit in Lunaloc verbracht und weitere Drachen gemacht. Seine Luftstreitmacht umfaßte nun bereits über 50 davon.

*

"Darf man reinkommen?"

"Erich!", rief Alessandra.

"König Erich!", rief König Harro überrascht und erfreut.

Es war ziemlich lange her, daß der Blaue König in der Weißen Hauptstadt gewesen war. Sechs Jahre. Damals hatte alles mit einer Katastrophe und mit einem Krieg geendet, doch das war längst vergessen. Schließlich hatten sie später Seite an Seite gegen die Lunaloc-Armee gekämpft, und Alessandra war sowieso von Anfang an auf Erichs und Simonas Seite gewesen.

Freudestrahlend fiel Alessandra ihrem hünenhaften Schwager um den Hals, dann fragte sie aufgeregt: "Wo ist Simona?" Mein Gott, wie lange habe ich schon nichts mehr von ihr gehört.

"Draußen im Zeltlager. Sie wollte auch mitkommen, aber die Kinder haben sie ein bißchen aufgehalten!"

Kinder? Ich weiß nicht mal, wie viele Kinder meine Schwester hat.

"Wo finde ich sie? Ich habe sie schon so lange nicht mehr gesehen."

"Ich denke, ich bringe dich selbst zu ihr. Das hier hat Zeit. War nichts besonders Wichtiges. Wollte nur mal guten Tag sagen." Er grinste über das ganze Gesicht, und König Harro nickte ihm huldvoll zu.

"Ahh!"

Erich hob Alessandra einfach hoch und trug sie auf seinen bärenstarken Armen das Schloß hinaus zu seinem Pferd, dessen Größe und Konstitution zu seinem Herrn paßte. Er schob die Goldene Königin hinauf, stieg dann hinter ihr ebenfalls in den Sattel und galoppierte wie eine Halbstarker, der seine Kräfte beweisen wollte, zur Stadt hinaus.

Die Zelte der Blauen sahen aus wie damals: einfache Konstruktionen aus Tierfellen, aus deren Mitte gemütlich der Rauch aufstieg.

"Da wären wir!" Erich sprang hinab und half dann auch Alessandra herunter. Kaum hatte die wieder festen Boden unter den Füßen, da wurde der Vorhang des größten Zeltes aufgeschoben und Simona kam herausgestürmt.

"Alessandra!"

"Simona!"

Weinend vor Freude fielen die beiden Schwestern einander in die Arme.

"Mama, wer ist die Tante?"

"Das ist Königin Alessandra, meine Schwester. Sie wird bald heiraten. Ach ja, und das hier sind Klein-Erich, Karl, Karlchen genannt, und Ornella."

Ein eigenartiges Gefühl ergriff Besitz von Alessandra, als sie Simona diesen Namen nennen hörte. Ornella, ihre geliebte Schwester, die unter so grauenvollen Umständen einen allzu frühen Tod gefunden hatte. Nach ihr hatte Simona ihr jüngstes Kind, ein Baby noch, genannt. Alessandra nahm Ornella auf den Arm und streichelte ihr zärtlich über dem Kopf und die rosigen Wangen. Ornella quietschte vergnügt, und die Königin drückte ihr einen dicken Kuß auf die Stirn. Unglaubliche Wärme und Zuneigung erfüllten sie.

Dann gingen die beiden Schwestern ins Zelt und redeten. Sie hatten sich viel zu lange nicht mehr gesehen, seit dem großen Lunaloc-Feldzug. Und es gab so viel zu erzählen.

Später, es war schon dunkel geworden, setzte sich auch der Bärentöter zu den beiden Frauen, neben denen die drei Kinder bereits friedlich schliefen. Alessandra hielt Ornella im Arm, Karl schlummerte zusammengekuschelt auf dem Schoß seiner Mutter, und Klein-Erich lag eingehüllt in ein flauschiges Fell neben ihr.

Alessandra schwieg eine Zeitlang. Sie wollte ein heikles Thema ansprechen, wußte aber nicht, wie sie es am besten beginnen sollte. Schließlich sagte sie leise: "Wollt ihr nicht auch euer Land an die Drachenlinie anschließen? Wir könnten dann ... "

Erich zog scharf die Luft ein, und Alessandra verstummte.

"Wir könnten dann", setzte Erich den Satz fort, "immer miteinander reden, Briefe schreiben, uns Geschenke schicken und so weiter. Ich sage dir was, Schwägerin: ich traue dem Schwarzen König nicht so weit über den Weg, wie ich spucken kann!"

Auch in Simonas Blick las Alessandra nur kalte Ablehnung. Mochte Calract auch nach der ganzen Welt greifen, das Blaue Land würde er nicht bekommen.

Alessandra stand auf und ging wortlos nach draußen.

Es dauerte eine Stunde, bis sie zurückkam. Es war schon spät, und Erich und Simona räumten gerade zusammen mit ein paar ihrer Leute die Reste des Abendessens weg, da öffnete sich die Fell-Tür wieder und Alessandra trat ein.

"Nanu, ich hätte nicht gedacht daß du heute noch mal ..." Erich verstummte, denn irgendwie hatte er das Gefühl, daß noch etwas kam. Und das trog ihn nicht. Die Tür öffnete sich erneut, und Kyraia trat ein.

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. So weltabgeschieden waren die Blauen nicht, daß sie nicht gewußt hätten, wer sie da besuchen kam.

Mit ihren unvergleichlich geschmeidigen Bewegungen glitt die engelsgleiche Dämonin auf den Bärentöter zu, kniete dann vor ihm nieder und küßte seine Stiefel. Das gleiche tat sie dann mit Simona. Dann zog sie sich ein Stück zurück und kauerte sich schweigend auf den fellbedeckten Boden. Ihre Blicke waren unverwandt auf Erich und Simona gerichtet.

Erich, der unwillkürlich sein Schwert gezogen hatte, steckte es nun wieder ein. Langsam entspannte er sich und setzte sich dann auch wieder hin.

"Erich!", sagte Alessandra entschlossen. "Es nützt nichts. Calract ist eine Realität, ein Faktor, mit dem wir leben müssen, ob es uns gefällt oder nicht. Ich habe nicht die Absicht, dich zu irgend etwas zu zwingen oder überreden, aber ich bitte dich: öffne deinen Geist. Calracts Welt hat viele Gesichter. Er bringt den Tod ebenso wie das Leben."

Erich und Simona schwiegen lange. Schließlich erhob die blaue Königin sich, ging zu Kyraia hinüber und setzte sich dicht neben sie, um sie genau studieren zu können. Kyraia blinzelte ihr freundlich zu und legte dann sanft ihre Hand in Simonas Schoß. "Ich weiß, daß mein Vater Calract nach den Gesetzen der Menschen ein Ungeheuer ist. Aber er hat mich gerettet und mir diesen wundervollen Körper gegeben. Ich liebe und verehre ihn zutiefst und würde jederzeit mein Leben für ihn geben!"

Erich legte seine Pranke auf Alessandras Schulter und brummte: "Schwägerin. Ich bin nicht so naiv, wie du denkst. Wir sind zwar Hinterwäldler, aber wir bekommen schon ganz gut mit, was sich in der zivilisierten Welt so tut. Und das macht mir Angst. Auch Wesen wie dieses da machen mir Angst. Calract hat es mit seiner Dämonenarmee nicht geschafft, die Welt zu versklaven, jetzt versucht er es hinten rum auf die sanfte Tour."

"Nein, das ist nicht wahr", rief Kyraia dazwischen. "Mein Vater wollte nie die Welt unterwerfen." Sie sprang auf und setzte sich gegenüber von Erich wieder auf den Boden. "Mein Vater hat größere Macht, als Ihr es Euch vorstellen könnt, Blauer König. Wenn er wollte, hätte er die Welt längst unterwerfen können. Alessandra selbst war einst Zeugin, wie die Eiserne ihre Macht in der Stadt entfesselte. Und das war nur ein Bruchteil der Gewalten, die meinem Vater zur Verfügung stehen."

Kyraia hatte erregt gesprochen, jetzt fuhr sie mit leiser Stimme fort: "Es macht Euch Angst, Majestät, daß es da eine Macht gibt, die nichts und niemand kontrollieren kann."

"Ja. Es macht mir Angst, verdammt noch mal. Was, wenn er wieder zuschlägt? Niemand kann ihn aufhalten."

"Darauf weiß auch ich keine Antwort. Ich bitte Euch nur, nicht alles zu verdammen, was mein Vater geschaffen hat und darstellt." Spontan ergriff sie Erichs Hände und rief dann erregt: ""Mein Vater wünscht keinen Krieg mehr. Er ist nicht mehr der Abenteurer von damals. Er hat zu viel aufgebaut und zu viel zu verlieren."

Erich löste sich aus Kyraias Griff, umfaßte stattdessen ihre Hände und drückte zu. Seine Hände waren wie Schraubstöcke, und Kyraias Knochen knackten unter dem ungeheuren Druck, brachen aber nicht. Schließlich war sie eine Lunaloc-Dämonin und als solche um ein vielfaches widerstandfähiger als ein Mensch. Erich sagte schließlich zu ihr: "Ich habe den Schwarzen Königen nie getraut und dabei bleibt es! Mag sein, daß Calract euch allen den Kopf verdreht hat, aber eins ist sicher: ins Blaue Land kommt er nur über meine Leiche!"

Er ließ Kyraias Hände los. Die antwortete: "Ich verstehe und respektiere Euren Entschluß, König. Und ich bin dankbar, daß Ihr mich angehört habt." Dann stand sie auf und verließ das Zelt.

Erich sah Alessandra an, und die meinte schließlich leise: "Weißt du was, Erich, ich glaube, du hast recht!"

Alessandra begriff, daß Erich sich diese Sache genau überlegt hatte. Und hatte sie nicht selbst schon vor langer Zeit festgestellt, daß die Welt der Sterblichen und der Unsterblichen für immer getrennt bleiben sollten? Erich und Simona hielten sich daran - im Gegensatz zu ihr selbst. Sie seufzte leise, dann verabschiedete sie sich von den beiden und ging hinaus in die kühle Nacht.


Der Weg zurück zum Stadttor dauerte etwa eine Viertelstunde und ging teilweise durch völlig unbeleuchtetes Gelände. Trotzdem fühlte die Goldene Königin sich völlig sicher. Verbrechen gab es in ihrem Land praktisch nicht mehr. Alessandra freute sich, daß sie es geschafft hatte, daß auch Frauen zu jeder Nachtzeit sicher und unbehelligt ihr Haus verlassen konnten. Leise vor sich hin pfeifend trabte sie durch die Nacht, klopfte schließlich an das Nordtor, wurde eingelassen und kehrte zum Palast zurück.

*

Die zwei Wochen waren um, und nach einem diesmal etwas stürmischen Flug durch mehrere Gewitter landete ich schließlich wieder auf der Sonneninsel, auf der ebenfalls das Marmorpflaster noch in der Nässe eines schweren sommerlichen Regengusses glänzte. Diesmal war ich am Westhafen gelandet und wollte einen Spaziergang über die Insel und durch die berühmte Kiesgasse machen. In der Ferne sah ich den Postdrachen entschwinden, der seit kurzem verkehrte. Irgendwie gab er mir ein Gefühl von Geborgenheit. Mein geliebter Mann war auch hier bei mir.

Dann wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder meiner unmittelbaren Umgebung zu.

Draußen auf dem See waren viele kleine Schiffe und Boote unterwegs, hauptsächlich Fischer, die aus dem tiefen See erstaunliche Mengen an Fischen herausholten. Ich lief insel-einwärts, vorbei an schmucken Fachwerkhäusern, von denen die meisten hier am Strand aber nicht zu Wohnzwecken dienten, sondern Werften oder Manufakturen waren. Auch einige Handelskontore fanden sich darunter, erkennbar an ihrer Pracht und dem Luxus, mit dem sie schon außen geschmückt waren. Diese Insel war ein Reich der Händler, und die Händler waren reich. Ich kicherte, als mir dieses Wortspiel durch den Kopf ging. Aber es war schon so: alles hier strahlte Üppigkeit und Luxus aus. Versonnen sah ich mich um.

Es war viel Verkehr hier unten und die ganze Straße entlang. Menschen mit Karren, Eseln oder auch mal einer Schar Gänse eilten hierhin und dorthin und hatten kaum Zeit, mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Lange sah ich vor allem den Gänsen nach. Sie gefielen mir, sie waren so niedlich. Ihr Anblick berührte irgend etwas in meinem Herzen. Schließlich wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder dem prächtigen Rest der Insel zu.

Weiter oben begann die Kiesgasse, die große Straße der Juweliere, Gold- und Silberschmiede. Ich war übrigens nicht der einzige Fremde hier. Nicht wenige der exotisch anmutenden Wüstennomaden schlenderten umher und taten genau dasselbe wie ich, nämlich die Auslagen bewundern. Es war für jeden Geschmack und jeden Geldbeutel etwas dabei. Und ehrlich gesagt, bei vielen der Dinge wußte ich nicht einmal, wofür sie überhaupt gut waren. Aber wunderschön - das waren sie allesamt, aus Elfenbein, Silber, Jade, Schildpatt, Gold und Materialien, die ich gar nicht kannte.

In den Mittelpunkt des Interesses rückte ich, als in der Nähe eine Schulglocke zu läuten begann und zahllose Kinder hinaus auf die Straße stürmten. Eine Dämonin wie ich war für die Kleinen natürlich eine Sensation, auch wenn die Lehrerinnen, die kurz darauf hinzukamen, verzweifelt versuchten, die Kinder unauffällig von mir fernzuhalten. Doch die niedlichen Kleinen hatten im Gegensatz zu den Großen keinerlei Scheu und befühlten mich mit ihren kleinen Händchen ganz ungeniert. Ich wedelte heftig mit den Ohren, und das fanden sie einfach umwerfend und brachen in lauten Jubel aus.

Eine der Erzieherinnen hatte sich ein Herz gefaßt, war von hinten an mich herangetreten, hatte mir eine Hand auf den Rücken gelegt und zog mich nun zu sich herum. Sie setzte gerade an, etwas wahrscheinlich eher Unhöfliches zu sagen, doch plötzlich zuckte sie zusammen. Auch die Kinder wurden auf einmal still und starrten mich fast genauso entgeistert an wie die junge Lehrerin.

"Du ... da hast ja gar keine Arme!"

Was sollte ich dazu sagen? "Das hat ja ziemlich lange gedauert, bis du das bemerkt hast. Außerdem stimmt das nicht ganz, meine Arme sind hier." Ich faltete meine Schwingen aus und präsentierte sie den Umstehenden. Dann legte ich sie wieder auf dem Rücken zusammen.

"Entschuldigung. Ich wußte nicht ...", flüsterte die Frau, doch ich schüttelte den Kopf und berührte sie sanft mit meinem Ohr.

"Was wolltest du denn eben sagen?"

"Ich ... ich ... äh, ich meine ... die Kinder ..." Sie war völlig aus dem Konzept gekommen.

"Die Kinder brauchen vor mir keine Angst zu haben", sagte ich bestimmt.

"Du, Tante", sagte einer der Jungen, die um mich herumstanden, "kannst du dich auch kratzen?"

Alle hielten gebannt den Atem an. Was würde ich wohl antworten?

"Klar. Ich kann mich überall kratzen. Schau!" Ich hob meinen rechten Fuß hoch und fuhr mir durch die Haare. Dann nahm ich das Ohr zwischen die Zehen und zog langsam den Fuß nach außen, so als striche ich es mir glatt. So eine Gelenkigkeit war für die Kinder eine Sensation. Aber auch die Lehrerin hatte der kleinen Vorführung gespannt zugesehen und war ziemlich rot geworden. Ich war überrascht zu sehen, daß einige der Kinder, vor allem Mädchen sich nun ihrer Schuhe entledigten und versuchten, das nachzumachen. Da die menschliche Anatomie das aber nicht so ohne weiteres zuließ, mußten sie ihre Arme zu Hilfe nehmen, um wenigstens unter einigen Mühen mit ihren Zehen den Kopf berühren zu können, wobei viele das Gleichgewicht verloren und auf den Hintern plumpsten. Einige erwiesen sich dabei naturgemäß als talentierter als andere, und ich ahnte, daß ich da wohl einen neuen Sport kreiert hatte.

"Wie heißt du eigentlich?", fragte ich die Lehrerin.

"Morga. Morga La Fey."

Ich fand, das war ein hübscher Name. "Und ich heiße Batchiribanban. Aber du kannst mich Batchi nennen." Ich hielt ihr meine rechte Pranke hin, und etwas scheu und zögerlich ergriff Morga sie schließlich und schüttelte sie tapfer. "Sag mal Morga. Gibt es hier in der Nähe ein Café?"

Sie nickte.

"Wenn du Lust hast, lade ich dich ein."

Die junge Frau holte tief Luft. "Ich ... ich .... danke, sehr gern, Frau Batchiribanban."

Aus irgendeinem Grund hatte sie auf einmal ziemlichen Respekt vor mir bekommen. Es war immer so: zuerst hielten sie mich für ein Tier. Doch wenn ich mit den Leuten sprach, waren sie wie verwandelt. Das war bestimmt mein jugendlicher Charme, mit dem ich auch schon Calract verzaubert hatte. Jugendlich - bei einer über 400 Jahre alten Dämonin. Unwillkürlich mußte ich grinsen.

Die junge Lehrerin sah mich fragend an, und ich wedelte auffordernd mit den Ohren. Sie ging dann voran und zeigte mir den Weg. Zwischendurch scheuchte sie die Kinder davon, denn eigentlich sollten sie ja nach Hause. Und so war unser Anhang schon sehr viel kleiner geworden, als wir nach kurzer Strecke links in eine steil den Berg hinaufführende Gasse einbogen, wo unter großen, dunklen Bäumen ein faszinierendes Straßencafé lag, von dem aus man einen wundervollen Blick über den Westen der Insel hatte.

Morga schickte nun endgültig die letzten verbliebenen Kinder, die uns noch gefolgt waren, nach Hause, dann setzten wir uns in die zumindest für Menschen bequemen Korbsessel. Für mich waren sie unpraktisch, denn sie hatten Armlehnen, was meine Beinfreiheit stark einschränkte. Aber es waren leider keine anderen da. Morga bemerkte das und schlug vor, woanders hinzugehen. Es war ihr sichtlich peinlich, aber da wir nun schon mal da waren, beschloß ich, daß wir blieben.

Der Kellner rückte sicherheitshalber in Begleitung seines Kollegen an und musterte mich sehr mißtrauisch.

"Keine Angst, ich habe genug Geld." Ich bewegte meinen Oberkörper schlangenartig hin und her, so daß die Münzen in meinem Brustbeutel klimperten, und dieses Geräusch ließ die beiden sich schnell entspannen. Sie empfahlen uns heißen Kakao, eine Delikatesse aus dem fernen Westen, von der man in großen Teilen der Welt noch nie etwas gehört hatte. Dementsprechend teuer war dieses Kakao auch, aber als ich ihn dann probierte, mußte ich zugeben, daß er sein Geld wirklich wert war.

Morga und ich hatten noch nicht viel gesprochen, und nun sah sie mit großen Augen zu, wie ich die große, prächtige Porzellantasse mit meinen Zehen am Henkel sicher ergriff, hochhob, den Duft des Kakao einsog und dann genießerisch die ersten Schlucke dieses heißen und zuckersüßen Getränkes nippte.

"Wunderbar. Ich muß sagen, ihr auf der Sonneninsel habt hier das Paradies auf Erden."

"Manchmal schon", antwortete Morga leise und sah mich irgendwie verloren an. Ich langte über den kleinen Tisch und umfaßte ihre zu Fäusten geballten Hände sanft mit dem Fuß. Morga sah mich überrascht und völlig entwaffnet an, dann begannen Tränen über ihr hübsches Gesicht zu kullern und mit leiser Stimme erzählte sie mir, daß vor kurzem ihr Kind nach langer, schwerer - sehr schwerer Krankheit einen qualvollen Tod gestorben war.

Schönheit und Tod lagen also auch hier nicht weit auseinander, aber das war eine ewigen Konstante in der Welt der Menschen. Nicht in meiner. Krankheiten waren bei uns Orna-Dämonen ebenso unbekannt wie Alter. Bei Calracts Lunaloc-Dämonen war das genauso.

Ich glitt zu ihr herüber und wischte vorsichtig mit meinen Ohren die Tränen von ihrem hübschen Gesicht.

"Ich habe", flüsterte sie leise, "sogar überlegt, ob ich meinem Kind nicht folgen soll, doch ich glaube, das hätte meinem Mann endgültig das Herz gebrochen." Sie zog tief die Luft ein und faßte sich dann wieder. "Frau Batchiribanban, ich kann Euch gar nicht sagen, wie sehr ihr ... wie ich ... ich sehe die Welt dank Euch mit völlig anderen Augen."

"Hmm?" Ich blickte sie fragend an. Sie senkte verlegen den Blick. "Nur immer raus damit."

"Als ich Euch vorhin sah und bemerkte, daß Ihr keine Arme und Hände habt, war ich völlig schockiert."

"Ja, das habe ich gemerkt."

"Aber ... aber Ihr seid ein so glückliches Wesen. Ich habe es für völlig unglaublich gehalten, daß eine so arme Frau mich einlädt ... ich meine, Ihr leidet überhaupt nicht darunter, sondern führt so ein glückliches und zufriedenes Leben. Ich kann es immer noch nicht glauben. Das hat mir die Augen geöffnet, daß alles auf der Welt seinen Sinn hat."

Alles, außer dem, was sie eben gesagt hatte. Zumindest hatte ich ihrer Logik nicht so ganz folgen können. Ich antwortete: "Selbst wenn ich eine Menschenfrau wäre, würde ich mir mein Leben nicht durch solche Äußerlichkeiten bestimmen lassen. Aber ich bin eine Dämonin. Wir sind dafür ausgelegt. Du siehst es ja selbst, wie gut meine Füße die Hände ersetzen. Das Problem ist das, was du nicht siehst, Morga. Denn konstruiert worden bin ich als Waffe, und als solche funktioniere ich perfekt. Aber bald werde ich heiraten und für immer in der Welt der Menschen leben. Dafür bin ich nicht geschaffen, aber ich muß trotzdem damit zurechtkommen. Und ich werde es, koste es, was es wolle!"

Morga sah mich mit großen Augen voller Bewunderung an. Ich ging wieder auf die andere Seite des Tisches, setzte mich diesmal auf den Tischrand und trank dann den leckeren Kakao aus.

"Ich glaube, der Mann, der Euch heiratet, muß ein sehr glücklicher sein", sagte sie.

"Haha, was glaubst du, wie glücklich ich erst bin. Ich habe mir den besten Mann der Welt geschnappt!"

"Und wen?"

"Calract von Caair!"

Es überraschte mich nicht, daß daraufhin um mich herum jedes Gespräch schlagartig erstarb. Nur das Zwitschern der Vögel, die über uns in den Bäumen saßen, war noch zu hören.

Ich sah mich um. Zahllose entsetzte Blicke waren auf mich gerichtet. "Ja, ich werde die neue Schwarze Königin. Calract, der mächtigste Zauberer der Welt, hat mich, eine namenlose kleine Orna-Dämonin, auserkoren, und macht mich zum glücklichsten Mädchen der Welt." Ich seufzte verträumt. Wann würde ich wieder mit ihm zusammen sein können?

Irgend etwas an dem, was ich gesagt hatte, oder wie ich es gesagt hatte, schien den Menschen wieder Vertrauen eingeflößt zu haben. Sie entspannten sich und setzten ihre jeweiligen Beschäftigungen fort.

"Majestät!", flüsterte Morga. "Ich bitte untertänigst um Verzeihung. Ich hatte ja keine Ahnung..."

Ich beugte mich zu ihr hinüber und nahm ihr Gesicht in meine Ohren: "Batchi, nicht Majestät. Sind wir nicht ein bißchen so was wie Freundinnen geworden, du, eine Menschenfrau und ich, eine Dämonin? Wir sind nicht so verschieden, wenn ich dir Trost spenden und dein großes Leid ein bißchen mildern konnte. Und auch du hast mich sehr froh und glücklich gemacht."

Ergriffen schlug Morga die Hände vor das Gesicht und kämpfte um ihre Fassung.

"Kraule mich ein bißchen hinter den Ohren!" Ich drückte meinen Kopf gegen ihre Brust und begann leise zu schnurren. "Miau."

Ich ließ mich ausgiebig kraulen und streicheln, und das machte nicht nur mir Freude, sondern Morga mindestens ebenso. Schließlich löste ich mich wieder von ihr.

Ich legte das Geld für die beiden Kakaos auf den Tisch, dann drückte ich Morga einen Abschiedskuß auf die Stirn. "Du hast gesagt, du hast dir nicht vorstellen können, wie eine Frau ohne Arme ein glückliches und zufriedenes Leben führen kann. Ehrlich gesagt, ich vermisse sie nie, außer bei einer einzigen Gelegenheit, da aber dafür um so schmerzlicher: ich kann niemanden richtig umarmen. Das können wir weder meine Ohren noch meine Beine ersetzen. Nur diesen Kuß kann ich dir zum Abschied schenken. Leb' wohl, meine Freundin."


"Guten Tag, Herr Börns. Ich bin gekommen, um den Ring abzuholen. Ist er fertig?"

"Selbstverständlich, Majestät. Einen Moment, ich hole ihn sogleich aus der Werkstatt."

Eine Minute später war der Juwelier wieder da. In seinen Händen trug er feierlich eine aus poliertem Kirschbaumholz gefertigte prachtvolle Schatulle, die er vor mir auf den Tisch stellte und dann langsam aufklappte.

Ich war sprachlos. Natürlich hatte ich mir genau vorgestellt, wie der Ring aussehen würde, ihn nun aber tatsächlich leibhaftig vor mir zu sehen, das war doch etwas ganz Anderes.

"Er ist ... einfach wunderschön", flüsterte ich. Ich sah den Juwelier an und sagte: "Ihr habt wirklich eine hervorragende Arbeit geleistet. Meine Reise hierher hat sich wirklich gelohnt." Der Ruf der Goldschmiede der Sonneninsel, die besten der Welt zu sein, war nicht übertrieben.

Mit spitzen Zehen zog ich den Ring aus der samtenen Halterung und drehte ihn vor meinen Augen langsam in alle Richtungen. Er war einfach fantastisch. Zu schade, daß ich ihn nicht selbst tragen konnte. Ich steckte ihn wieder in das Kästchen zurück, klappte es zu, zog dann meinen Brustbeutel auf und steckte es hinein.

"Es war mir eine große Ehre, für die zukünftige Schwarze Königin einen Ring anfertigen zu dürfen. Wenn Ihre Majestät wieder einmal Schmuck brauchen, stehe ich jederzeit zur Verfügung."

"Und ich danke Euch für diese hervorragende Arbeit."

Wir sprachen noch ein bißchen über dies und das, dann verabschiedete ich mich. Als ich aufflog, überlegte ich mir, ob ich der schönen, knackigen Prinzessin Olivia vielleicht noch einen Besuch abstatten sollte, überlegte es mir dann aber anders und flog auf direktem Wege zurück nach Hause. Wobei ich unterwegs wieder ganz schön naß wurde, bis ich auf die Idee kam, über den Wolken zu fliegen. Dort umfing mich der strahlende Sonnenschein der spätnachmittäglichen Sonne.


Am Abend kam meine neue Heimat, das Gartenland in Sicht. So prächtig die Sonneninsel auch war, dies hier war jetzt mein Zuhause.

Ich landete genau auf der Krone der niedrigen Mauer, die das paradiesische Gartenland von der leblosen Wüste dahinter abtrennte. Mit den Zehen umklammerte ich den rauhen Stein, der mich trug. Ich blickte an mir herab zu den großen, und doch eleganten Pranken, meinen unbesiegbaren Waffen und gleichzeitig so vielseitig nützlichen Werkzeugen. Und wer hätte gedacht, wie wundervoll ich diese Füße bei der Liebe benutzen konnte. Ich hob einen Fuß hoch, bis vor mein Gesicht, bewegte ihn hin und her, ballte die langen Zehen zur Faust, spreizte sie wieder auseinander und stellte mir vor, wie ich damit meinen Mann berührte, ihn streichelte, seine Wärme fühlte. Mein Leben war so wundervoll.

Und doch sollte dieser Aspekt meiner Existenz in nicht allzu ferner Zukunft auf schreckliche Weise eine drastische Veränderung erfahren.

*

Kokoma sah mich so seltsam an.

"Was ist?"

"Ich denke, Herrin, Ihr werdet für die Hochzeit ein passendes Brautkleid brauchen."

"Ein Brautkleid?" Nun ja, wahrscheinlich hatte meine Sklavin recht. Ich hatte mir darüber noch gar keine Gedanken gemacht, aber viel Zeit blieb nicht mehr. Nur noch zwei Wochen.

Kokoma begann bereits Maß zu nehmen. "Also, wenn wir den Rock sehr lang machen, können wir die Füße gut verstecken. Eine weite Bluse für die Brust, hm, was machen wir nur mit den Ohren, daß sie nicht so auffallen?"

"Was meinst du mit verstecken?"

"Nun, Herrin, Ihr ... äh, Euer Körper ist ... nicht ..."

Ich setzte mich auf den Tisch, nahm Kokomas Gesicht zwischen meine Füße und schaute ihr tief in die Augen: "Mein Körper ist der eines Tieres. Das stimmt. Und du schlägt mir vor, das möglichst zu verstecken? Kokoma, ich denke nicht im Traum daran, mich für meinen Körper zu schämen und irgend etwas zu verstecken."

Kokoma wurde rot vor Verlegenheit, aber auch erleichtert. Anscheinend hatte sie gedacht, ich selbst hätte den Wunsch, menschenähnlicher auszusehen, wenn ich im Herzen der Zivilisation und Kultur heiratete. Das war aber ganz und gar nicht der Fall.

"Nein, Mädchen, wir machen es genau umgekehrt. Schneidere mir ein Kleid, daß meinen schönen Dämonenkörper betont und so zur Geltung bringt, wie er ist!"

"Ja, Herrin", rief sie freudig.

Und nenn' mich nicht immer Herrin. Aber das würde ich ihr wohl nicht abgewöhnen können.


*


Der Drache war gelandet, und zum ersten Mal setzte ich nun einen Fuß auf den Boden der Weißen Hauptstadt. Schon die ganze letzte Woche war ich wahnsinnig aufgeregt gewesen und Calract hatte mich kaum zügeln können. Fast wäre ich alleine losgeflogen. Denn morgen schon war die Hochzeit, aber mein Schatz hatte keinen Grund gesehen, früher hier aufzutauchen.

Das Verbindungsbüro lag ganz am nordwestlichen Rande der Stadt, aber noch innerhalb der Stadtmauer. Es gab einen relativ großen Innenhof direkt an der Mauer, den die Drachen zum Starten und Landen benutzten. Calract war kurz vor meinem Drachen gelandet, hatte sich zurückverwandelt und war dann in die recht große, sehr schön hergerichtete Anlage verschwunden. Ich sah mich kurz um. Ein Lunaloc-Dämon erschien, nahm den umfangreichen Inhalt der Posttasche entgegen und steckte dafür eine große Ladung neuer Briefe und Pakete hinein. Der Drache würde sofort wieder starten und weiterfliegen nach Alessandrina.

Die Tür öffnete sich, und heraus trat ein erstaunliches Wesen, dessen Äußeres mich sofort in seinen Bann zog: die engelsgleiche Kyraia. Mit eleganten und doch fast etwas scheu wirkenden Bewegungen kam diese Dämonin, von deren Schönheit jeder schwärmte, auf mich zu und schloß mich dann zärtlich in ihre Arme. "Herzlich willkommen, meine Königin", flüsterte sie.

Ich war überrascht. Sonst begegneten die Lunaloc-Dämonen mir eher reserviert. Nur mit Tschuri hatte ich mich auf Anhieb hervorragend verstanden. Ich wußte auch, die Tschuri und Kyraia so was wie ein Liebespaar waren, und ich konnte gut verstehen warum. Sie waren beide etwas Besonderes, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise.

"Kommt doch herein, Herrin."

"Ahh, nenne mich doch einfach Batchi."

Kyraia wurde ein bißchen rot und senkte verlegen den Blick. Ich leckte ihr aufmunternd über das Gesicht, meine Art, sie zu streicheln. Ihre ohnehin schon weißen Flügel fingen daraufhin fast zu strahlen an. Ich schloß dieses wundervolle Geschöpf sofort in mein Herz.

Während wir das Gebäude betraten, fiel mir auf, daß Kyraia so gut wie nackt war. Genau wie ich meistens. Ja, hier gefällt's mir!

Innen war sah es ziemlich unaufgeräumt auf. Überall lagen Sachen herum, und auf dem Boden befand sich so manches Schlaflager. Calract hatte natürlich so knapp vor dem Termin kein Hotelzimmer mehr bekommen, und so hatte er Kyraia angewiesen, alle seine Hochzeitsteilnehmer und -gäste im Verbindungsbüro unterzubringen. Und das waren nicht wenige: wir beide, Kyraia und die drei Mitarbeiter der Postlinie, Hotaru und Gad'ta, Tschuri als Hotarus und Kokoma als meine Trauzeugin, Wilhelm Golnip als Gad'tas Trauzeuge, dann noch Calracts Trauzeuge. Eigentlich hatte er Fior bitten wollen, doch da dieser ein Drache war, hatte er schließlich davon abgesehen, und so war nun Gad'ta eingesprungen. Zehn Leute also, und dazu noch der auf Hochtouren laufende Post-Betrieb. Entsprechend eng und hektisch ging es hier zu. Aber niemand beklagte sich. Stattdessen fieberten alle den Hochzeiten entgegen und sahen sich in der Zwischenzeit die prächtige Stadt an.

"Wo sind Tschuri und Hotaru?"

"Hotaru und ihr Verlobter sind ausgegangen. Tschuri müßte eigentlich hier irgendwo sein."

Kurz darauf sah ich sie auch, in ein Gespräch mit Calract vertieft. Als sie mich sah, winkte sie mir freudig zu. Ich wandte mich an Kyraia und sagte: "Dann gehe ich auch aus. Mit Kokoma. Aber vorher werde ich mir mal mein Brautkleid anziehen." Manche Leute sagten, es würde Unglück bringen, das Brautkleid vorher zu tragen. Aber ich wollte es unbedingt. Es war ohnehin fast das einzige, was ich zum Anziehen besaß.

Kokoma hatte sich wirklich etwas Interessantes einfallen lassen. Zu meiner hellen Haut paßte weißer Stoff nicht so gut, also hatten wir Rot und Schwarz gewählt. Kokoma hatte eine Hose hinbekommen, die zwar hauteng saß, meine Beinfreiheit aber trotzdem nicht einschränkte. Sie endete knapp über den Fesseln. Schuhe kamen natürlich nicht in Frage. Ich hatte noch nie im Leben so etwas wie Schuhe getragen und würde das auch jetzt nicht tun. Wie hätte mein Liebster mir sonst auch den Ehering anstecken sollen?

Das Oberteil bestand aus einem ebenfalls recht enganliegenden Hemd ohne Ärmel, das Aussparungen für die Flügel hatte. Es war meine Idee gewesen, das so zu machen. Ich war der Meinung, daß ich allen Grund hatte, auf meinen Körper, den Calract so sehr liebte, stolz zu sein, vor allem auf meine prächtigen Schwingen.

Um die Ohren band Kokoma, die mir beim Anziehen half, je ein mit einer großen roten Schleife verziertes breites Band. Ich fand diesen Schmuck einfach wunderbar und betrachtete mich zufrieden im Spiegel. So sah eine Dämonin von Welt aus. Zwischen der Hose und dem Hemd war der Bauchnabel frei und ich hoffte, es würde auf die Männerwelt dieser Stadt einen gewissen Eindruck machen. Ich war zwar eine ungewöhnliche Frau, aber nichts desto trotz eine Frau!

Zuletzt kam noch eine elegante Kette aus schwarzen Perlen um den Hals. Kokoma und ich hatten sie alle Stück für Stück aus dem Meer herausgeholt. Gebohrt worden waren sie in der Piratenstadt, aber geknüpft hatte die Kette ich selbst, nachdem der Pirat mir gezeigt hatte, wie es ging. Manchmal mußte ich mir eben einfach selbst beweisen, was ich alles konnte.

"Ach ja, der Brustbeutel!" Auch den hatte Kokoma aus knallrot gefärbtem Leder neu gemacht, und hängte ihn mir nun um. Morgen würde noch ein wallendes Kleid und ein paar weitere Teile dazukommen, auf die ich heute aber verzichtete.

"Wahnsinn. Du bist ja kaum wiederzuerkennen!" Tschuri war aufgetaucht und musterte mich nun gefällig. Sie trug nur ein Stück Stoff, für das der Begriff Hemd schon sehr übertrieben gewesen wäre. Trotzdem hatte sie es hinbekommen, selbst damit ungemein elegant zu wirken. Kyraia, die ihr auf dem Fuß folgte, hatte sich in der Zwischenzeit ebenfalls angezogen, und sie sah einfach fantastisch aus.

"Warte, ich ziehe mir auch schnell was Richtiges an, dann gehen wir alle vier los und machen die Stadt unsicher", rief Tschuri uns fröhlich zu.

"Super Idee! Beeil' dich", rief ich ihr zurück. Und dann, vergnügt und laut, rauschten wir ab.

Es wurde ein einfach fantastischer Nachmittag, dann Abend und schließlich Nacht. Wir kauften ein, aßen, tanzten und feierten, und daß ich das, was die anderen mit den Händen machten, mit meinen Füßen tat, wurde inzwischen so selbstverständlich hingenommen, daß ich mich wirklich geborgen unter Freunden, die mit mir durch Dick und Dünn gehen würden, fühlte. Viele Handgriffe, die für mich schwierig gewesen wären, wurden mir auch wortlos und völlig selbstverständlich abgenommen, ohne daß ich erst groß darum hätte bitten müssen. Die Mädchen waren alle drei so aufmerksam, daß ich nie in Verlegenheiten kam.

Und sogar auf die Männer verfehlten wir unsere Wirkung nicht, obwohl hier natürlich die engelsgleiche Kyraia, die zudem in der Stadt bekannt war wie ein bunter Hund, am meisten punkten konnte. Aber auch ich wurde mehr als einmal von besonders Mutigen zum Tanz aufgefordert und erregte allgemein große Neugier. Schließlich würde ich morgen die Schwarze Königin werden. Ich konnte es selbst kaum glauben. Besonders unbefangen traten mir Kinder gegenüber, und ich zeigte ihnen, was man mit geschickten Füßen alles machen konnte. Ich sah interessiert zu, daß einige von ihnen das dann sofort selbst ausprobierten. Aber da mußten sie noch lange üben. Und fliegen würde immer mir vorbehalten bleiben.

Später in der Nacht wurde es langsam ruhiger, und Tschuri setzte sich zu mir. Sie sah mich lange mit großen Augen an, während feurige Muster über ihre Haut huschten, zumindest, soweit man das sehen konnte, denn sie trug jetzt ja Kleidung. Sie sah hinreißend aus, eine Dame aus der feinen Gesellschaft. Was sie ja auch war, denn sie stammte immerhin von einem Rittergut, war also adelig. Schließlich drehte sie sich auf den Rücken und legte ihren Kopf in meinem Schoß. Wie es aussah, ging ihr Interesse an mir über reine Freundschaft hinaus.

"Was für ein toller Abend. Wie wird das morgen erst werden?" Sie seufzte leise und ließ ihr Elfenlicht über sich aufglühen. Es war ein faszinierender Anblick.

Ich beugte meinen Kopf zu ihr herab und flüsterte ihr ins Ohr: "Warum suchst du dir nicht auch einen Mann zum Heiraten? Oder liebst du nur Mädchen?"

Sie sah mich mit mattem Blick von unten herauf an und antwortet: "Vielleicht begegne ich eines Tages dem Mann meiner Träume. Aber ..."

Sie beendete den Satz nicht, aber ich verstand schon. Sich an ein zartes Mädchen wie mich heranzumachen mußte schon eine aufregende Sache sein. Auch wenn das Mädchen in Wirklichkeit eine Dämonin von Orna war. Noch dazu eine sehr gefährliche.

Gefährlich ... hier in der Zivilisation galten völlig andere Gesetzt als im Verwunschenen Land. Meine Fähigkeiten zu kämpfen und zu töten nutzten mir hier nichts. Ich war eine Waffe, hier aber herrschte kein Krieg, sondern tiefster Friede. Für das Leben in der Zivilisation war mein Körper nicht geschaffen worden. Keine Arme und Hände zu haben machte mir nichts aus, aber es machte nun mal viele Dinge ziemlich schwierig.

Aus Calracts Sicht war das etwas Anderes. Körper waren für ihn eine Äußerlichkeit, die man nach Wunsch und Belieben ändern konnte. Er konnte allein durch seinen Willen jede Gestalt annehmen. Daß das für die meisten anderen Wesen nicht so galt, würde er wohl nie völlig verinnerlichen können. Aber das machte nichts. Ich liebte ihn trotzdem. Mehr als alles andere auf der Welt.

Ich beugte mich wieder zu Tschuri hinunter, faßte ihr Ohrläppchen zwischen meinen Zähnen und zog sie sanft hoch. Müde wischte sie sich den Schlaf aus den Augen.

"Laß uns heimgehen, kleine Elfe!"

Das Unendliche Land - Batchiribanban

Erstellt am 14.9.2002. Letzte Änderung auf dieser Seite: 23.2.2017