Das Unendliche Land - 11. Teil

25. Kapitel - Der Tag der drei Hochzeiten

Spät in der Nacht erst kehrten wir zurück. Wir waren alle vier todmüde, aber glücklich. Es war ein wundervoller Tag gewesen.

Kyraia wies auf eine mit zwei Strohmatratzen ausgelegte freie Stelle nahe dem Ofen und sagte: "Mehr Platz haben wir leider nicht."

Ich sah ihr zu, wie sie mit geschmeidigen Bewegungen die Kleider abstreifte, ohne daß ihre ausladenden Flügel sie dabei behindert hätten. Dann fiel mir ein, daß ich heute ja auch etwa anhatte. Ich setzte mich auf den Rand der Matratze und begann, die Bluse aufzuknöpfen, dann die Hose. Mich aus dieser herauszuarbeiten, erforderte eine ziemlich akrobatische Beinarbeit, und ich beschloß, speziell dieses Kleidungsstück in Zukunft möglichst zu meiden. Meine Sachen und die der drei anderen landeten schließlich auf einem ziemlich unordentlichen Haufen. Kokoma gefiel das aber nicht. Mißbilligend schüttelte sie den Kopf, krabbelte hinüber und legte alles ordentlich zusammen, während Kyraia, Tschuri und ich uns schon mal hinlegten.

Ich schmunzelte. Über uns. Wir waren schon eine seltsame Truppe: eine geflügelte Lunaloc-Dämonin, die aussah wie ein Engel, eine weitere Lunaloc-Dämonin, die ihre Farbe wechseln konnte, eine langohrige Orna-Dämonin und eine rotäugige Wetterhexe.

Als Kokoma fertig war, war gar kein Platz mehr in dem improvisierten Doppelbett. Ich sah zu ihr auf, wedelte ihr mit einem Ohr auffordernd zu und rief: "Na, komm, leg dich einfach irgendwie dazu."

Kokoma war wohl zu müde, um sich noch groß zu zieren, und so bildeten wir schließlich ein Knäuel aus verschlungenen Armen, Beinen, Leibern und Flügeln. Ich fand das unglaublich gemütlich und anheimelnd, zuckte noch mal kurz mit dem obenliegenden freien Ohr, schloß dann die Augen und war einen Moment später eingeschlafen.

*

Zu dieser Zeit saßen sich im Thronsaal des Weißen Schlosses die folgenden acht Personen gegenüber: auf der einen Seite König Harro, seine Tochter Alessandra, ihr Verlobter Prinz Wilhelm, der Majordomus Adalbert und Franzisko Graf von Bremren.

Auf der anderen Seite des Tisches hatten Platz genommen: Calract, der Schwarze König, Hotaru, die Schwarze Großfürstin, und Gad'ta, ihr Verlobter.

Alessandras Herz hatte höher geschlagen, als sie den Mann wiedergesehen hatte, der einst ihr Leben gerettet und eine so tiefe Verbindung mit ihr aufgebaut hatte, daß sie ihn ihren Bruder genannt hatte, bevor er plötzlich wieder verschwunden war. Doch es war ihr inzwischen klargeworden, daß sie in Wirklichkeit über Gad'ta so gut wie nichts gewußt hatte. Deswegen hielt sie sich nun etwas im Hintergrund, denn der Anlaß dieses Besuches war rein dienstlicher Natur. Es ging um den Landstreifen westlich des Siina, auf dem es in letzter Zeit immer wieder zu Reibereien zwischen dem Grafen Bremren und Calracts Neusiedlern kam.

"Euer Vorschlag", erwiderte gerade König Harro zu Calract, "daß Wir Euch dieses Land einfach verkaufen, kommt überhaupt nicht in Frage. Zuerst müßtet Ihr Uns mal das Land zurückgeben, das Ihr wiederrechtlich besetzt haltet."

"Da muß ich Euch leider enttäuschen. Ich halte keinen Teil des Weißen Königreiches besetzt", antwortete Calract in leicht spöttischem Tonfall.

"Calract", rief Alessandra hitzig dazwischen, "du weißt genau, was wir meinen, nämlich den südwestlichen Teil des Gondrella-Landes, der Teil des von mir regierten Arcadia ist."

"Da irrst du dich, verehrte Alessandra, und zwar gleich in zweifacher Hinsicht."

Alessandra ahnte, daß nun etwas kommen würde, was ihr bestimmt nicht gefiel, und genauso war es auch. Calract fuhr fort: "Die Regierung Arcadias wird nach wie vor ausgeübt durch den Rat, und der hat mir das Land verkauft. Hier, diese Urkunde ist der Beweis!" Er zog das Dokument hervor und rollte es auf dem Tisch vor Alessandra und König Harro aus.

Der donnerte wütend mit der Faust auf den Tisch und brüllte: "Mit welchen Zauber habt Ihr den Rat dazu gebracht, das zu unterschreiben!"

Calract setzte sein wölfisches Lächeln auf und erwiderte gelassen: "Der Zauber einer größeren Menge Bargeld hat völlig ausgereicht. Anscheinend seid Ihr über die finanziellen Verhältnisse der Ratsmitglieder schlecht unterrichtet. Nun, ich für meinen Teil wußte es, und so war es zwar teuer, aber ansonsten ganz einfach, das Siegel zu bekommen. Und daß dies rechtsgültig auch für Euch ist, könnt ihr ja wohl nicht abstreiten."

Nein, das konnten Harro, Alessandra und Adalbert nicht.

Calract fuhr fort: "Und wenn ich mich recht erinnere, gebt ihr immer noch dem Verräter Anatoll Gullak Asyl, weswegen ich eigentlich derjenige sein müßte, der empört ist."

Alessandra zog zischend die Luft ein. Sie kochte innerlich vor Wut. Calract hatte sich hervorragend vorbereitet und sie alle ausgespielt.

"Ich schlage euch folgendes Geschäft vor: Nieder-Wies wird dem Weißen Reich zugefügt, dafür nehmt Ihr die Nordgrenze des Weststreifens um 50 Kilometer nach Süden zurück, so daß meine Siedler freien Zugang zum Siina haben, der sowieso die natürliche Grenze ist." Er sah Graf Bremren an. "Oder wollt Ihr behaupten, schon jemals auch nur einen Fuß persönlich in dieses Territorium gesetzt zu haben, das Euch auf dem Papier gehört?"

Natürlich hatte der Graf das nicht, der Siina war ohne Boote nicht zu überwinden, abgesehen von der einzigen Brücke weit und breit, der Njala-Brücke, und die gehörte Calract.

Harro hatte keine Lust mehr, sich weiter herumzustreiten und beschloß, den Schwarzen Peter dem Grafen zuzuschieben. "Nun denn, Wir wären bereit, Euren Vorschlag in Erwägung zu ziehen, aber der Eigentümer dieses Landes ist nun mal unser geschätzter Graf Bremren. Wenn er nicht zustimmt ... und außerdem müßte er natürlich großzügig entschädigt werden."

Calract blickte Hotaru und Gad'ta an und seufzte. Er wußte, daß die Verhandlung damit gescheitert war. Bremren hatte alle seine männlichen Nachkommen im Lunaloc-Krieg verloren und würde eher sterben, als Calract auch nur eine Krume Dreck zu überlassen. Immerhin, einen Versuch, sich friedlich zu einigen, war es wert gewesen, auch wenn der Schwarze König genau diesen Ausgang erwartet hatte.

Hotaru nahm Calracts Blick auf und sprach nun Bremren, der mit geballten Fäusten dasaß, ganz direkt an: "Du kennst die Lage, Graf. Entweder, du beginnst mit Schanz- und Befestigungsarbeiten, oder das Land fällt in unsere Hände!"

Genauso war es. Die stetig zunehmende Zahl der Kolonisten erzeugte einen Druck, gegen den ein nur auf dem Papier stehender Anspruch wertlos war. Das Land war völlig wild, verlassen und leer, und die Kolonisten nahmen sich dort einfach, was sie brauchten, ob es ihnen nun gehörte oder nicht. Wenn Graf Bremren oder der Weiße König, der vielleicht wirklich einem Kompromiß zugestimmt hätte, das unterbinden wollten, dann mußten sie das Land selbst besiedeln und befestigen. Als erstes würden sie eine Brücke brauchen, dann Menschen als Siedler. Das würde dann der Beginn eines unerfreulichen Kleinkrieges werden, den sich Calracts Kolonisten gegen die Weißen Wehrbauern liefern würden.

Wahrscheinlich war auch Bremren das alles mehr oder weniger klar, dennoch war er nicht bereit, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen.

Calract blickte in die Runde, erhob sich dann und sagte zu Hotaru und Gad'ta: "Gehen wir. Und danke, König Harro und Alessandra, für die Audienz." Drehte sich um und ging.

Alessandra warf Gad'ta einen geradezu flehentlichen Blick hinterher. Gad'ta spürte diesen, blieb stehen und drehte sich zu ihr um. Doch völlig synchron mit ihm drehte sich auch Hotaru zu der Weißen Prinzessin um, und ihn ihrem Blick lag nichts Freundliches.

Gad'ta drückte Hotarus linke Hand, dann ließ er sie los, ging langsam auf Alessandra zu und folgte ihr dann hinaus aus dem Saal und nach oben in ihre Gemächer.

Hotaru schloß zu Calract auf. Der meinte: "Keine Angst, du kannst ihm vertrauen." Hotaru antwortete nicht, sondern stapfte schweigend neben Calract her die Rampe hinab, durch das Wachhaus hindurch hinaus in die nächtliche Stadt, in der selbst zu dieser späten Stunde noch einiges los war. Man konnte die Energie fast spüren, die die Menschen hier ergriffen hatte in Erwartung des morgigen Tages.

*

In Alessandras Zimmer brannte nur eine Kerze. Sie und Gad'ta saßen einander gegenüber, schweigend.

Gad'ta, mein Bruder. Wer bist du? Wer bist du wirklich? Sie sprach es nicht laut aus, hoffte, er würde ihre Gedanken und Gefühle auch so verstehen.

Plötzlich erfüllte eine unglaubliche Wärme und Geborgenheit ihren Körper. Sie rückte ganz nahe an Gad'ta heran und ließ sich dann in seine Arme sinken, diese starken Arme, die ihr so viel Halt gegeben hatten und es auch jetzt wieder taten.

Warum? Warum ausgerechnet Hotaru?

Sie wußte nicht, wieviel Zeit verstrichen war, als Gad'ta sich ihr entwand, aufstand und lautlos wie ein Schatten aus dem Zimmer glitt. Ihr Herz war erfüllt mit Wärme, Freude und Leidenschaft, aber gleichzeitig auch tiefer Trauer. Denn dies würde das letzte Mal gewesen sein, daß sie beide so zusammen sein konnten. Morgen würde er dieses Monstrum heiraten, diesen Dämon aus den tiefsten Abgründen der Hölle. Im Moment zeigte Hotaru sich in menschlicher Gestalt, aber Alessandra war überzeugt, daß das nur eine dünne Maske war, hinter der das Verderben lauerte.

Sie schüttelte heftig den Kopf und warf sich auf ihre Kissen.

Da spürte sie plötzlich eine Hand auf ihrem Rücken. Erschrocken drehte sie sich um. Es war Wilhelm, ihr Verlobter. Genauso leise, wie Gad'ta gegangen war, war er gekommen. In Alessandra erwachte plötzlich eine Liebe und Leidenschaft zu diesem Mann, die sie zuvor nie gekannt hatte. Mit zitternden Händen riß sie sich die Kleider vom Leib, dann warfen beide sich auf das Bett und vereinigten sich.

*

Und dann war es soweit. Ein Hahn, dessen Name in den Geschichtsbüchern nicht festgehalten ist, läutete mit ausgiebigem Kikeriki den Tag der Tage, den Tag der Drei Hochzeiten, ein. Es war noch früh, die Sonne stand noch weit unter dem östlichen Horizont, doch die Stadt vibrierte bereits vor Aufregung. Keiner mehr dachte an Schlafen, alle Menschen sprangen aus den Betten, denn es gab ja noch so unendlich viel zu tun.

Die erste Trauung war um 10 Uhr angesetzt. Erzbischof Theobaldos scheuchte seine Kirchendiener und den Chor durch die Kathedrale und den Vorplatz, wo fleißige Arbeiter zum mindestens fünften Mal liebevoll jedes Staubkrümelchen wegfegten und die zum Teil frisch verlegten weißen Marmorplatten auf Hochglanz polierten. Dann ließ er die Glocken läuten, während drinnen ein kräftiger Kirchendiener den Balg der Orgel trat und der Chor eine letzte Generalprobe abhielt.

Die Bäcker zogen frische Brote, Brezeln, Brötchen, Gebäck und Kuchen aus ihren Öfen. Heute war alles umsonst, und geschäftig eilten die Frauen von Laden zu Laden, um die letzten Zutaten für ihre Festtagsbraten zu besorgen. Nach und nach traf nun eine fremde Delegation nach der anderen in der Innenstadt ein. Sie hatten teilweise wochenlang draußen in der Zeltstadt kampiert, doch nun war es endlich soweit. Wer früh kam, bekam die besten Plätze, also mußte man sich sputen.

Der Festzug für alle drei Hochzeiten würde vom Weißen Schloß quer durch die Stadt und zurück zur Kirche gehen, gesäumt von jubelnden Menschen. Selbst Hotaru wurde an diesem Tag wohlwollend aufgenommen.


"Sieh' mal einer an, Hotaru mit vor Aufregung hochroten Backen - was für ein seltener Anblick", meinte Calract mit sanfter Ironie. Die Eiserne trug ein blütenweißes Hochzeitskleid und an beiden Händen weiße Spitzenhandschuhe, dazu einen ebenfalls weißen Schleierhut, der sie sicherlich eine hübsche Summe gekostet hatte. Gad'ta war in einen ganz zart hellrosafarbenen Anzug gehüllt. Um seine Schultern trug er einen aquamarinblauen Umhang, auf dem Kopf saß ein Zylinder in demselben Hellrosa wie der Anzug. Die Farben waren äußerst gewagt, standen ihm aber hervorragend. Aber er war eben ein Mensch, der selbst in einem Müllsack noch die Herzen der Frauen höher schlagen lassen konnte.

"Schön, schön, dann sehen wir mal, wer so alles da ist", meinte Calract zu den beiden und blickte in die Runde.

Zu Füßen des Schlosses auf dem langgezogenen Platz vor den Wirtschaftsgebäuden und der Schloßmauer waren einige Zelte, dazu zahlreiche Tische und Bänke aufgebaut, und es wimmelte nur so von Menschen, obwohl man eigentlich nur die allerwichtigsten hatte einlassen wollen. Aber das waren eben auch nicht wenige: alle Palastangestellten mit ihren Angehörigen, Alessandra mit ihren Schwestern und deren Familien, die alles zusammen eine ganze Menge Leute ergaben, dann Calract mit seinen Leuten, weiterhin die königlichen Delegationen der befreundeten Reiche. Über 200 Menschen wimmelten auf dem Streifen, der das wuchtige Schloß umgab. Überall wurden Brote, Würste, Honig und Wein gereicht, und viele der Anwesenden nutzten die seltene Gelegenheit, alte Freunde zu treffen, die sie vielleicht schon seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatten.

Batchiribanban entdeckte Olivia in der Menge und winkte ihr mit ihren Ohren freundlich zu. Die amtierende Prinzgemahlin, bester Laune, winkte zurück und warf der schönen Dämonin eine Kußhand zu.

"Nanu, ihr kennt euch?", fragte Sofrejan seine Frau, aber die antwortete nur mit einem geheimnisvollen Lächeln.

Auch Calract und Hotaru, sonst eher abweisend, gaben sich leutselig und unterhielten sich angeregt.

"Ah, da ist König Ósimo", rief Calract und ging zu dem Lagunenkönig hinüber. "Na, mein Bester, wie bist du zufrieden mit Benten?"

Der junge König bekam glänzende Augen und rief begeistert: "Wunderbar, einfach wunderbar. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich ... aber kommt doch, mein lieber Calract, und seht selbst."

"Aha, du bist also mit Benten hierher geflogen."

"Selbstverständlich. Es war einfach wunderbar. Wunderbar, sage ich Euch!"

Calract folgte dem Lagunenkönig ins Innere des Schlosses zu den Ställen, wo in einer gut bewachten Box das Pegasuspferd stand. Es erkannte seinen Erschaffer und wieherte dem Zauberer freundlich zu. Der streichelte es, gab ihm einen halben Apfel zu fressen und unterhielt sich dann mit Ósimo über seinen Flug hierher. Es geht doch nichts über zufriedene Kunden.


Die Glocken läuteten über der Stadt und signalisierten Gad'ta und Hotaru, daß es Zeit war, sich auf den Weg zu machen. Arm in Arm und eng aneinandergeschmiegt, gefolgt von ihren Trauzeugen Tschuri von Palato und Wilhelm Golnip sowie Calract und seinen relativ wenigen Leuten, die anwesend waren, schritten die Brautleute die breite Rampe hinab zum Tor hinaus, und dann Richtung Süden. Man hatte den Weg, den die Brautzüge nehmen mußten, praktisch quer durch den ganzen Südteil der Stadt gelegt, um für all die Schaulustigen und Feiernden genügend Platz zu haben. Gad'ta und Hotaru gingen also gemessenen Schrittes bis fast zum Südtor und dann die Hauptstraße zurück bis zur Kathedrale. Neben den zahlreichen Feiernden säumten auch einige Hundertschaften von Weißen Gardesoldaten die Straßen, und Calract bemerkte, daß sie keineswegs in Paradeuniform angetreten waren, sondern in Kampfausrüstung mit scharfen Waffen. Offenbar wollten König Harro und General von Walldorff kein Risiko eingehen.

Es jubelte niemand, Stille herrschte. Aber keine gespannte, sondern eine ruhige und friedliche.

Kyraia hatte vier junge Mädchen aus der Stadt organisiert, die Geschenke in die neugierig am Straßenrand stehende Menschenmenge warfen, darunter auch so manchen Edelstein, den Tschuri und ihre Leute im Schwarzen Königreich aus der Erde geholt hatten.

Als Gad'ta und Hotaru sich der Kirche näherten, in der schon so viele königliche Hochzeiten stattgefunden hatten, erklang feierliche Orgelmusik. Gad'ta nahm seine überraschte Braut auf und trug sie die Treppen hoch über die Schwelle ins Innere, das durch zahllose Kerzen in ein gemütliches und zugleich feierliches Licht getaucht war. Die Sonne schickte ihre Strahlen durch die farbigen Mosaikfenster und zauberte bunte Muster auf den Boden. In den Bänken saßen neben den Botschaftern und Fürsten der benachbarten Reiche auch einige Lunaloc-Dämonen. Calract hatte eine Einladung an alle seine Dämonen ergehen lassen, tatsächlich gekommen waren aber nur wenige. Sie waren und blieben unter den Menschen Fremdkörper, zumindest außerhalb von Calracts Reich.

In der ersten Reihe fanden sich einige Könige, darunter auch König Karl III, seine mittlerweile drei Söhne und etliche weitere Mitglieder seiner Verwandtschaft. Irgendwo ziemlich weit hinten, fast versteckt hinter dem Block, den man den Lunaloc-Dämonen zugewiesen hatte, erkannte Hotaru flüchtig Anatoll Gullak, den Verräter von Nieder-Wies. Sie fragte sich, warum er wohl gekommen war.

Dann standen sie und Gad'ta vor dem Erzbischof. Dieser hielt eine kurze Predigt, dann blickte er feierlich in die Runde, dann zu den Brautleuten und sagte dann umständlich: "Bruder Gad'ta und Schwester Hotaru! Wenn niemand einen Einspruch gegen diese Ehe hat, dann sollt ihr, wie es in unserem Reich alte Tradition ist, euch das, was euch am wichtigsten ist, geloben, wenn ihr euch über die Schwere und Tragweite eures Entschlusses im klaren seid." Er blickte den Mann aus Orna auffordernd an.

"Geliebte Hotaru. Ich werde dich immer lieben und über dich wachen, damit du nie wieder den rechten Weg verlierst.

Die Eiserne erwiderte mit leiser Stimme: "Mein liebster Gad'ta. Ich ... es ist für mich immer noch wie ein Traum, jetzt hier zu stehen, an der Schwelle einer Ehe, die ich nicht verdient habe und nie für möglich gehalten hätte. Du weißt, wo ich herkomme und was für ein Wesen ich bin, und trotzdem nimmst du mich. Was auch geschehen möge, ich werde immer an deiner Seite sein, dich lieben und dich vor allem Bösen beschützen, komme was da wolle!"

"Dann erkläre ich euch nun zu Mann und Frau. Ihr dürft ihr euch jetzt küssen".

Gad'ta zog seine Ehefrau fest an sich und gab ihr einen heißen Kuß.

"Und nun tauscht die Ringe als Zeichen des ewigen Bandes."

Gad'ta wandte sich zu Wilhelm um und ließ sich den Ring geben, den er bei einem aus den Kirchenländern geflohenen und in der Westkolonie neu angesiedelten Goldschmied hatte anfertigen lassen. Es war ein einfacher, schmuckloser Goldring, der innen als Gravur die Namen Hotaru und Gad'ta und das Datum des heutigen Tages trug.

Er nahm Hotarus eiserne rechte Hand hoch und wollte ihr den Ring an den Ringfinger stecken, doch Hotaru schüttelte den Kopf und meinte leise zu ihm: "Da würde er sicher schmelzen." Sie zog die Hand zurück und gab ihrem Mann stattdessen ihre Linke.

Dann ließ sie sich von Tschuri ihren Ring geben, den sie bei dem gleichen Goldschmied hatte machen lassen - es gab nämlich im Westland keinen anderen, der so etwas machte, und steckte ihn Gad'ta an.

Und dann kam doch noch Beifall auf, erst verhalten aus der Ecke, wo Calract und seine Dämonen saßen; dann aber griff er über auf die ganze Kirche und auch auf die draußen Wartenden, die innen keinen Platz mehr bekommen hatten.

Gad'ta und Hotaru blickten einander lange an. Alessandra, die auf der anderen Seite ebenfalls in der ersten Reihe saß, mußte sich eine Träne aus den Augen wischen.

Die Orgel spielte feierliche und wunderschöne Lieder, der Chor sang, und gemessenen Schrittes verließen die frischgebackenen Eheleute die Kirche wieder und gingen zurück zum Schloß. Lange konnten sie dort aber nicht bleiben, denn als nächstes stand die Trauung von Calract und Batchiribanban an. Zu mehr als einem Glas Wein reichte es nicht, dann läuteten die Glocken erneut.

Calract legte seine Hand um Batchiris Hüfte, diese ihr blumengeschmücktes Ohr auf die Schulter, und so zogen nun sie, gefolgt von Kokoma, Gad'ta und dem übrigen Gefolge erneut durch die Stadt. Optisch bildeten die beiden einen auffallenden Kontrast. Calract trug eine blütenweiße Fürstentracht und dazu die Schwarze Krone. Es war wahrscheinlich das erste Mal überhaupt, daß er sie trug. Der Himmel mochte wissen, wo er sie herbekommen hatte. Aufbewahrt gewesen war sie ja im Schwarzen Schloß, und das war bekanntlich bis auf die Grundmauern abgebrannt. Aber nicht nur die Schwarze Krone zierte ihn, auch das Schwert der Schwarzen Könige hatte er sich umgeschnallt, dazu eine Reihe von Schmuckstücken, die bisher noch nie irgendwo auf der Welt in der Öffentlichkeit getragen worden waren und deren Wert man nicht mal erahnen konnte.

Links neben ihm schritt Batchiribanban, gekleidet in knallrotes und schwarzes Leder mit einem weißen Kleid darüber. Sie war eine stolze und in ihrer bizarren Exotik wunderschöne Braut, und viele Blicke blieben an ihr hängen.

Und dann geschah etwas, mit dem Calract nicht im Traum gerechnet hatte. Irgendeine Stimme ließ ihn und Batchiribanban hochleben, und einen Moment später jubelten tausende von freudig begeisterten Menschen den beiden zu.

Ergriffen und zu Tränen gerührt blickte die schöne Dämonin den Zauberer an, und auch der mußte schlucken. Batchi wandte sich dann den Menschen zu und winkte ihnen mit ihren Ohren und Flügeln heftig zu, was mit erneutem Jubel und Applaus beantwortet wurde. Auch Calract winkte hoheitsvoll, während hinter ihnen Kyraia und ihre Maiden Geschenke in die Menge warfen.

Und so schritten sie durch die malerische Altstadt bis an die Stufen der Kathedrale, wo Calract Gad'tas Vorbild aufgriff, seine Braut hochnahm und sie die Treppe hinauf ins Innere trug. Dort setzte er sie wieder ab, und beide schritten unter dem Jubel der Dämonen wie der Menschen nach vorne zum Altar.

Wieder hielt Erzbischof Theobaldos eine kleine Predigt, blickte anschließend bedeutungsvoll über die Versammlung und verkündete schließlich: "Bruder Calract und Schwester Batchiribanban! Wenn niemand einen Einspruch gegen diese Ehe hat, dann sollt ihr ..."

"Ich! Ich habe einen Einspruch!"

Das Unfaßbare war geschehen.

Alle Blicke fuhren herum zu dem Mädchen, das da völlig unbeachtet bei den Königen in der ersten Reihe gesessen hatte, nun aufgestanden war und mit ausgestrecktem Arm anklagend und zugleich drohend auf Calract wies.

"Rosalia!" Auch Alessandra war aufgesprungen. Rosalia! Wann hatte sie zuletzt jemand sprechen hören? Wann hatte überhaupt zuletzt jemand bewußt bemerkt, daß sie noch da war? Seit damals lebte sie im Weißen Schloß, aber sie war fast zu einem Stück lebenden Inventars geworden, dem niemand Beachtung schenkte. Oftmals war sie tage- und wochenlang wie vom Erdboden verschwunden, jetzt aber war sie mit einem Schlag in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit hunderter von Menschen gerückt. Trotz ihrer gerade mal fünf Jahre wirkte sie viel älter, irgendwie zeitlos.

Mit erregter Stimme rief sie: "Dieser Mann ist der Mörder meines Vaters und Räuber des Schwarzen Throns, meines Geburtsrechts. Nie und niemals werde ich zustimmen, daß er heiratet und glücklich wird!" Dann wandte sie ihre Rede direkt an den Schwarzen König: "Calract, du wirst für all deine Untaten büßen. Ich werde dich töten!"

Calract war nicht der Mann, der solche Drohungen auf die leichte Schulter nahm. Gerade diese nicht. Und er war auch nicht der Mann, der dringende Probleme lange vor sich herschob.

"Haaaaa!"

Der Feuerschlag war mit entschiedener Härte geführt, und selbst mit ihren starken Zauberkräften hätte Thorans und Ornellas Tochter dem Feuerstrahl allenfalls wenige Sekunden standhalten können. Da geschah das, vor dem Calract sich die ganze Zeit gefürchtet hatte. Wie ein Schatten, wie ein zweiter Körper materialisierte sich aus Rosalia eine Gestalt - Beata. Die Schwarze Hexe war wieder da.

Mit schrillem Lachen stellte sie sich schützend vor Rosalia und fing Calracts Feuer ab. Dann flirrte die Luft und ein großer, menschlicher Körper erschien. Sie warf ihn Calract vor die Füße und brüllte: "Den kannst du wiederhaben. Und danke, er hat uns sehr gute Dienste geleistet. Ich weiß jetzt, wie man deine Dämonenbrut besiegt. Und bevor du stirbst, du Bestie, töte ich deine Frau."

Eine blasse Aura hüllte Batchiribanban ein, und dann ging alles sehr schnell.

Kleine Funken sprühten an den Stellen, wo Batchiribanbans Krallen sich in den Boden schlugen. Sie beschleunigte aus dem Stand auf fast hundert Stundenkilometer und griff an. An Calract huschte ein rotglühender Schatten vorbei, und eine Zehntelsekunde später flog der Kopf der Schwarzen Hexe in hohem Bogen durch die Kirche, während gleichzeitig ihr Körper versteinerte. Rosalia schrie auf, und dann verschwand sie zusammen mit den Überresten der Schwarzen Hexe.

Das Ganze hatte nur wenige Sekunden gedauert, der eigentliche Kampf nicht mal eine. Calract überzeugte sich mit einem raschen Blick, daß seine Braut unversehrt war, dann beugte sich nun zu dem toten Körper hinunter, den die Schwarze Hexe ihm zugeworfen hatte. Als er ihn umdrehte und sein Gesicht erkannte, lief ihm ein eisiger Schauer über den Rücken. "Nuitor!"

Endlos lange Sekunden herrschte in der Kirche völlige Stille. Nur das leise Klirren mehrerer Kettenhandschuhe, die zu Schwertgriffen langten, war zu vernehmen.

Alessandra brach schließlich das Schweigen, als sie sich auf den Toten warf und schluchzend seinen Namen rief. Es war der Mann, den sie um ein Haar einmal geheiratet hätte. Und ausgerechnet Calract hatte das damals verhindert.

Der spürte Kokoma dicht hinter sich stehen. Völlig verwirrt blickte die rotäugige Frau ihn und Batchiribanban an. Calract sah zu Gad'ta, doch der hatte im Gegensatz zu der Wetterhexe genau mitbekommen, was sich in den kurzen Augenblicken ereignet hatte. Mit so lauter Stimmt, daß jeder in der Kirche es hören konnte, erklärte Calract es nun Kokoma: "Die Schwarze Hexe muß sich all die Jahre im Körper meiner Großnichte versteckt haben. Zusammen haben sie auf einen Moment gewartet, um mich zu töten. Das Wichtigste dabei war für sie anscheinend, einen Zauber zu finden, um Lunaloc-Dämonen rasch unschädlich zu machen."

Er blickte zu Nuitor herunter. Man sah seinem Körper an, daß er keinen leichten Tod gehabt hatte. Die beiden Hexen mußten ihn auf schwerste Weise mißhandelt haben, wenn er trotz seiner übermenschlichen Konstitution als Lunaloc-Dämon so zugerichtet worden war.

Calract fuhr fort: "Sie habe den armen Nuitor eingefangen und den Zauber an ihm ausprobiert."

Es geschah sicherlich selten, daß Calract um seine Fassung ringen mußte, aber das hier war so ein Moment. Nuitor, vergib mir. Ich hätte dich beschützen müssen. Stattdessen bist du diesen Ungeheuern in die Hände gefallen. Er ballte die Fäuste. Der junge Mann, der sicherlich einmal König von Arcadia geworden wäre, war zwischen Calract und der Schwarzen Hexe zerrieben worden. Calract, der es vielleicht hätte verhindern können, hatte versagt.

Nach einigen Sekunden sprach der Schwarze König weiter, aber man konnte seiner Stimme die innerliche Erschütterung deutlich anhören. "Glück für mich war, daß die Schwarze Hexe einen Fehler gemacht hat."

"Genau!", rief Batchiribanban erregt dazwischen. Im Gegensatz zu ihrem Verlobten, der tiefbetroffen war, glühte sie geradezu vor Kampfeslust. "Ich bin keine Lunaloc-, sondern eine Orna-Dämonin, geschaffen von dem größten aller Zauberer, Boris von Maarx. Deswegen hat der Gegenzauber der üblen Hexen nicht schnell genug auf mich gewirkt. Stattdessen hat die Schwarze Hexe zu spüren bekommen, was eine Orna-Dämonin vermag!" Batchiribanban hob einen Fuß in die Höhe, spreizte die Zehen und fuhr ihre messerartigen Krallen aus. " Ich habe ihr den Kopf abgeschlagen und den Körper versteinert. Und so soll sie bis in alle Ewigkeit schmachten!"

"Nun, ich denke, zusammen werden die beiden Hexen die Versteinerung inzwischen schon wieder gelöst haben", wandte Gad'ta ein. Doch Batchiribanban blickte ihn mit glühenden Augen an, schüttelte langsam den Kopf und rief: "Da wäre ich nicht so sicher!"

Calract hatte sich wieder gefaßt. Er winkte vier seiner Dämonen herbei. Sie entwanden Nuitors Leiche der Weißen Prinzessin, die immer noch schluchzend und völlig erschüttert an seiner Seite gekniet hatte, und trugen ihn hinaus. Mit feierlichen Schritten folgen Calract, Batchiribanban und die anderen.

Draußen ließ der Schwarze König einen Drachen rufen. Dann fragte er König Harro, der sich zu ihm gesellt hatte: "Soll er in seiner Heimat beerdigt werden? Ich würde ihm aber auch gerne im Gartenland die letzte Ruhe geben, die ihm im Leben nicht vergönnt war." Doch der Weiße König schüttelte den Kopf und wies schweigend auf den Friedhof hinter der Kathedrale, wo die Familiengräber der Weißen Könige waren. Cordo lag hier, Alessandras Mutter, und auch Ornella hatte dort ihre letzte Ruhestätte gefunden. Dieser Friedhof war einer der Gründe, warum die Weiße Hauptstadt so etwas wie das Herz der bekannten Welt war.

Calract nickte. Dann seufzte er tief, sah sich nach seinen Leuten um und kehrte in die Kirche zurück.

"Bischof, verheirate uns jetzt!"

Vielleicht hatte der Erzbischof nicht damit gerechnet, aber er folgte dem Befehl des Schwarzen Königs widerspruchslos. "Bruder Calract, willst Du die hier anwesende Batchiribanban zu Deiner Dir rechtmäßig vor Gott, den Königen und den Menschen angetrauten Weibe nehmen, sie stets lieben und ehren, bis der Tod Euch scheidet? Dann schwöre ihr nun das, was Dir für sie am meisten bedeutet."

Calract holte tief Luft. "Liebste Batchi. In dem Moment, als ich dir zum ersten Mal begegnet bin, da wußte ich, daß wir für einander bestimmt sind. Ich werde dich immer lieben und beschützen. Kein Magier oder Teufel soll je ungestraft Hand an dich legen dürfen."

Theobaldos wandte sich nun der Orna-Dämonin zu: "Schwester Batchiribanban, willst Du den hier anwesenden Calract von Caair zu Deinem Dir rechtmäßig vor Gott, den Königen und den Menschen angetrauten Ehemann nehmen, ihn stets lieben und ehren, bis daß der Tod Euch scheidet? Dann gelobe ihm nun das, was Dir für eure Ehe am Wichtigsten ist."

Batchiribanban schluckte. Sie hatte auf einmal das Gefühl, keinen Ton mehr herauszubringen. Schließlich flüsterte sie: "Mein liebster Calract. Vierhundert Jahre habe ich auf dich gewartet, und jetzt werde ich dich nie wieder hergeben. Und wer es wagt, sich zwischen uns zu stellen, ist verloren. Und ich schwöre, daß ich dich immer lieben und schützen werde."

"Dann erkläre ich euch nun zu Mann und Frau. Ihr dürft ihr euch jetzt küssen".

Calract zog mit immer noch leicht zitternden Händen seine Frau fest an sich und küßte sie.

"Und nun tauscht die Ringe als Zeichen des ewigen Bandes."

Calract drehte sich zu Gad'ta um, nahm die Schatulle entgegen und klappte sie auf.

Was darinnen war, war allerdings kein gewöhnlicher Ring. Er bestand nicht einmal aus Metall oder einem anderen bekannten Material. Calract zog ihn feierlich hervor, und jeder konnte ihn blaß leuchten sehen. "Batchiribanban, diesen Ring habe ich in den Ruinen des Schwarzen Schlosses geschmiedet. Es ist ein magischer Ring, der dich vor den meisten Zaubern schützt und deine eigenen Kräfte verstärkt. Möge er dir immer von Nutzen sein.

Die Dämonin hob nun ihren rechten Fuß hoch. Calract hielt den Ring zwischen Daumen und Zeigefinger, die er nun etwas auseinander bewegte. Der Ring fiel aber nicht zu Boden, sondern folgte der Bewegung und vergrößerte sich. So paßte er mühelos über das Endsegment von Batchiris vierter Zehe. An seiner Position angekommen, ließ der Zauberer den Ring wieder schrumpfen. Unauffällig und perfekt saß er nun am Fuß seiner Frau, die ihn nun voller Stolz betrachtete.

"Tja ..."

Batchiribanban hatte es sich nicht nehmen lassen, Calract den Ring, den sie auf der Sonneninsel hatte machen lassen, persönlich anzustecken. Auf einem Bein stehend drehte sie sich um, nahm mit dem freien Fuß von Kokoma die edle Schatulle entgegen, die den Ring enthielt, öffnete den Verschluß, nahm vorsichtig mit den Zähnen den kostbaren Ring heraus, gab ihrer Sklavin das Kästchen dann zurück, nahm den Ring aus ihrem Mund zwischen die Zehen und hielt ihr Calract hin. "Den habe ich extra für dich auf der Sonneninsel anfertigen lassen, mein Liebster."

Sie steckte ihn Calract an den rechten Ringfinger.

Und der Schwarze Könige war beeindruckt. Beeindruckt und gerührt. Er setzte an, etwas zu sagen, überlegte es sich dann aber anders und gab seiner Frau einen heißen Kuß. Jubel brandete in der der Kirche auf. Mochten auch Hexen und Dämonen den Frieden bedrohen, die Macht des Guten, zu der so mancher Calract inzwischen zählte, würde am Ende doch siegen.

Doch Calract und Batchiribanban hatten es noch nicht überstanden. Im Gegenteil, der Horror fing gerade erst an.

"Tja, Calract und Batchi, das war's dann wohl!"

Verdammt, ich wußte es. Maarx!

Wie aus dem Nichts waren plötzlich Boris von Maarx, Kinkiralinlin und vier Kohleprinzessinnen aufgetaucht.

"Fast hätte diese verrückte Hexe und diese Rotzgöre mir die Schau gestohlen. Aber auf Calract und Batchi kann man sich doch verlassen", rief der Zauberer aus dem Alptraumland mit hohntriefender Stimme.

"Tja, Pech." Calract sah seinen Rivalen triumphierend an und rief dann: "Maarx, du kleiner Stümper. Deine billige Falle hat leider nicht geklappt!" Er ließ den Splitter des Mondkristalles emporsteigen und hell aufleuchten.

"Was! Aber ..." Maarx sah Kinkiralinlin an, doch die machte genauso ein entsetztes Gesicht. Die Pupillen ihrer großen, gelben Augen waren vor Schreck zu hauchdünnen Strichen zusammengezogen.

"Linlin, du bist einfach eine schlechte Lügnerin. Als du damals aufgetaucht bist und mir haarklein diese Geschichte erzählt hast, daß ich auf gar keinen Fall den Mondstein mitnehmen dürfte, da war mir einfach sonnenklar, was hier passieren würde!"

Er wandte sich an seinen Kollegen: "Na, du Anfänger. Was machst du jetzt? Willst du die Kohleprinzessinnen auf mich ansetzen? Dann sieh mal was ich als Antwort darauf habe!" Er deutete nach hinten, wo Hotaru mitten im zentralen Gang stand - zu Eisen geworden, die tiefrot glühende rechte Faust erhoben.

Deswegen hat sie gesagt, der Ring würde an ihrer rechten Hand schmelzen, fuhr es Gad'ta durch den Kopf. Anscheinend war Hotaru in Calracts Planung eingeweiht gewesen.

"Wenn wir hier", fuhr Calract mit scharfer Stimme fort, "so ein Duell ausfechten, dann weiß du ja, was von dieser Stadt und alle ihren Bewohnern übrigbleibt. Du bist zwar nichts wert, aber so weit wirst selbst du nicht gehen!"

"Aber weit genug! Ich warte auf dich in der Hölle! Hahaha." Er wurde durchsichtig, und mit ihm verschwanden die vier Kohleprinzessinnen, Kinkiralinlin - und Batchiribanban!


Es dauerte eine Zeitlang, bis Calract seinen Schock überwunden hatte. Daß Maarx es schaffen würde, ihm trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ausgerechnet seine Liebste zu stehlen, damit hatte er nicht gerechnet. Doch dann begann er umgehend zu handeln.

*

Die Trauung von Alessandra und Prinz Wilhelm fand ohne Calract und den größten Teil seiner Leute statt. Der Schwarze König war sofort zum Gartenland aufgebrochen, um von dort aus die Lunaloc-Armee und seine Drachen zu mobilisieren. Nun war er also weg, nur Kyraia war noch da, und die überlegte sich hin und her, ob sie unter diesen Umständen überhaupt in die Kirche gehen sollte.

Schließlich fand sie eine Lösung, die typisch für sie war. Als die Glocken die Zeremonie einläuteten, zum dritten Mal an diesem Tag, da stand sie an der Straße, an der Alessandra und der Prinz unter dem rauschenden Jubel der Massen vorbeischritten. Es herrschte ein gewaltiges Gedränge, auch aus den Fenstern der Häuser quetschten sich so viele Menschen zusammen, wie es gerade mal ging. Nur um die schöne Dämonin und Leiterin des Verbindungsbüros hielten die Menschen mehrere Meter Abstand, so daß das arme Mädchen praktisch völlig allein dastand, die Flügel in düsterem, traurigem Grau gefärbt.

Alessandra und Wilhelm näherten sich schließlich dieser Stelle, und der laute Jubel verklang und machte gespannter Aufmerksamkeit Platz. Als die beiden Majestäten bei Kyraia angekommen war, fiel diese auf die Knie und verbeugte sich bis auf das Straßenpflaster hinab, wobei ihre ausladenden Flügel weit auf die Straße hinausreichten. Plötzlich wurden diese Flügel wieder strahlend weiß, als die Goldene Königin sie sachte anhob, um mit ihrem Verlobten darunter hergehen zu können.

Tosender Jubel donnerte durch die Straßen und begleitete das Paar bis zur Kathedrale, wo nun auch Wilhelm seine Braut die Stufen hinauf und bis vor den Altar trug.

Trotzdem mußte Alessandra daran denken, daß sie das schon einmal mitgemacht hatte, damals, als sie Nuitor hatte heiraten wollen. Nuitor, der auf so grauenvolle Weise wieder aufgetaucht war und morgen ein Staatsbegräbnis erster Klasse auf dem königlichen Friedhof bekommen würden. Damals hatten Calracts Dämonen ihre Pläne in letzter Sekunde durchkreuzt, und Alessandra war bereit, eher zu sterben, als es noch ein weiteres Mal dazu kommen zu lassen.

Calract tat ihr irgendwie leid, doch ihre Hauptsorge galt dem reibungslosen Ablauf ihrer eigenen Vermählung.

Diesmal aber geschah nichts. Sie und Wilhelm schworen sich ewige Treue und Liebe, gaben einander das Jawort, küßten sich und steckten sich die Ringe an. Und damit war Alessandra, die Weiße Prinzessin, Goldene Königin, Thronfolgerin des Weißen und Regentin des Arcadischen Reichen, endlich verheiratet. Sie hatte Tod und Teufel getrotzt und das Schicksal besiegt.

Eine gewaltige goldene Aura breitete sich über der Stadt und dem Umland aus. Alessandra hatte all ihre Kraft gesammelt, um im Falle eines Falles gegen jeden Teufel und Dämon siegen zu können. Nun verströmte sie ihre Macht stattdessen über ihre Untertanen und ihr Land und gab ihnen alles das Gefühl, beschützt und geborgen zu sein.

Viele waren es sowieso nicht, die die Angriffe auf Calract persönlich mitbekommen hatten, die festliche Stimmung hatte es kaum beeinträchtigt. Und so wurde nun das größte Fest sein Menschengedenken gefeiert, von dem die Anwesenden noch ihren Kindern und Enkeln erzählen würden.


26. Kapitel - Abrechnung in Orna

Orna.

Wie lange war es her, daß ich zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben hiergewesen war? Über 400 Jahre, sagte man. Trotzdem wußte ich sofort, wo mein Erschaffer mich hingebracht hatte. Ich sah mich um. Die Kohleprinzessinnen waren nirgends zu sehen. Nur von Maarx und meine verräterische Schwester Kinkiralinlin waren anwesend. Ich fühlte mich leer und betäubt.

Nicht mal in Gedanken konnte ich gegen von Maarx kämpfen und mit ihm das machen, was zu tun mich bei der üblen Schwarzen Hexe keine Zehntelsekunde gekostet hatte. Doch es war mir unmöglich, gegen meinen Erschaffer die Klaue zu erheben. Reglos saß ich gegen eine der bläulich leuchtenden Wände gelehnt, während Kinkiralinlin dicht hinter von Maarx stand, der sich aufmerksam umsah.

"Es wird Zeit, das hier wieder in Betrieb zu nehmen. Freu' dich, Batchi, du darfst dabei zusehen, bevor ich dich umforme und wieder zu einer gehorsamen Dienerin mache."

Selbst dagegen konnte ich nicht protestieren. Nur einmal keimte schwach der Widerstandswille auf, als Kinkiralinlin mir einen triumphierenden Blick zuwarf.

Von Maarx lachte leise. "Calract, dieses Idiot, hat tatsächlich geglaubt ...". Der Rest war nur noch ein unverständliches Murmeln. Aber ich begriff, daß mein Erschaffer von Anfang an ein schmutziges Spiel geplant hatte, in dem ich die Hauptrolle spielte und die arme Linlin eine wichtige Nebenrolle: ihr Liebe zu Calract war nicht gespielt gewesen. Aber sie wußte, daß sie ihn niemals würde haben können. Und nun war ich, ihre Rivalin, besiegt und erwartete so etwas Ähnliches wie den Tod.

Von Maarx legte seine Hände auf den Altar, doch das Resultat war ein völlig anderes, als er - und auch ich und Linlin - erwartet hatten. Grelles bläuliches Licht durchzuckte seinen Körper, zeitweise konnten wir bis zu seinem Skelett durchsehen, während er gellend aufschrie und verzweifelt versuchte, die Hände von dem Stein loszubekommen. Das gelang ihm schließlich auch, aber da war schon die ganze Heilige Stätte von diesem seltsamen wäßrigen Licht erfüllt. Und von einer geheimnisvollen und unglaublich starken Präsenz.

Riinari! Was tust du? Warum ...

Warum? Hast du schon vergessen, was du gerade eben zu Batchiribanban gesagt hast? Glaubst du, ich will mein Leben in Angst vor einem strafenden Vater verbringen? Vor einem Rabenvater, der mich zerstört hat, mich in eine Welt gestoßen hat, für die ich nicht vorbereitet war. Und der mich, nachdem ich mir trotzdem aus eigener Kraft mein Leben aufbauen konnte, eines Tages wieder unterwerfen wird, wie ein Spielzeug. Nein, ich habe beschlossen zu kämpfen. Bis zum Tod!

"Riinari!" Unwillkürlich hatte ich den Namen laut ausgerufen. Doch die Göttin des Lichtes schien mich nicht zu hören. Stattdessen hörte ich in meinem Kopf wieder ihre "Stimme", mit der sie zu von Maarx sprach: Dein Weg endet hier. Und auch der meine. Nur hier in der Heilige Stätte Orna habe ich genug Macht, dich niederzuringen. Weil du mich verstümmelt hast, wird es auch mich die Existenz kosten. Aber so ein Tod ist immer noch besser als ein Leben in ständiger Furcht vor dem Zorn des grauen Vaters. Stirb wohl, Boris von Maarx.

Der Zauberer schrie gellend auf und löste sich dann auf.

Langsam erlosch das Leuchten. Um mich herum wurde es finster. Und dann war da nichts mehr.


Irgendwann kam ich wieder zu mir. Seltsame Laute drangen an mein Ohr, doch es dauerte lange, bis ich wieder soweit bei Sinnen war, daß ich wußte, wer ich überhaupt war. Und wo ich war. Plötzlich war ich hellwach und fuhr hoch, doch nur, um eine Sekunde später auf dem sandigen Boden zu landen. Verwirrt ruderte ich mit Armen und Beinen ... Armen? Es durchzuckte mich wie ein Stromstoß.

Langsam zählte ich bis drei, dann öffnete ich die Augen und sah mich an. Mein Dämonenkörper hatte sich in den eines Menschen zurückverwandelt. Meine Flügel waren wieder zu Armen und Händen geworden!

Fassungslos und starr vor Entsetzen saß ich einfach nur da und wartete auf das Ende des Universums.

Das kam natürlich nicht, stattdessen nahm ich wieder diese seltsamen Schreie wahr. Irgendwann öffnete ich erneut die Augen, um nachzusehen, was diesen unangenehmen Lärm machte.

Es war Boris von Maarx. Er war in einen Säugling zurückverwandelt worden und lag nun schreiend auf dem Rücken, mit Armen und Beinchen hilflos zappelnd, und schrie aus Leibeskräften, wie Babys das nun mal meistens zu tun pflegen.

Ich ließ ihn erst mal schreien. Was wohl aus Linlin geworden war? Wieder schlug ich die Augen auf und sah mich um, doch von meiner verräterischen Schwester war nichts zu sehen, keine Spur, als wäre sie nie hiergewesen. Und auch Riinari konnte ich nicht mehr spüren. War sie tot?

Verwirrt wischte ich mir mit der Hand über die Augen, aber das Bild blieb unscharf und verschwommen. Natürlich, als Dämonin hatte ich nicht nur einen Körper, mit dem ich mich dreimal so schnell wie ein Mensch bewegen konnte, sondern auch Augen, die mindestens doppelt so scharf sahen, von meinen Ohren und dem Geruchsinn ganz zu schweigen. Jetzt hatte ich wieder menschliche Augen, und mit denen war an sich alles in Ordnung. Daß sie so schlecht waren, war ganz normal. Alle Menschen mußten so halbblind durchs Leben gehen.

Ich blickte auf meine Füße und bewegte die Zehen. Fast war ich überrascht, daß ich sie immer noch einzeln bewegen konnte. Nur waren sie jetzt natürlich kurz und steif, völlig unbrauchbar, wie ganz normale menschliche Zehen eben.

Der Ring, den Calract mir angesteckt hatte, war noch da und leuchtete schwach vor sich hin. Ob er wohl jetzt noch funktionierte? Ich spürte ihn leicht pulsieren.

Ich blickte zu von Maarx hinüber, und in diesem Moment nahm ich mir vor, ihn nicht sterben zu lassen, bis ich nicht meinen Dämonenkörper wiederhatte. Und wenn ich Himmel und Hölle in Bewegung setzen mußte!

Ich war völlig überrascht, als das Kleidungsstück, daß vor mit auf dem Boden lag, plötzlich versteinerte und dann zu feinem Sand zerrieselte. Unwillkürlich hatte ich in meiner Wut meine Kraft zur Versteinerung aktiviert. Mein Herz machte einen Satz bis zum Hals hinauf. Das hieß, daß ich immer noch eine Dämonin war. Der Ring! Irgendein Unglück hatte mir diesen verkrüppelten Körper, diesen Menschenkörper beschert, doch Calracts magische Ring hatte mich anscheinend vor dem Allerschlimmsten bewahrt.

Und noch etwas wurde mir klar. Diese Macht war ein Geschenk des Himmels, denn für die Menschen war ich jetzt eine ganz normale Frau, und wenn die zu Fuß mit einem Baby auf dem Rücken durch die Kirchenländer wanderte, dann war sie eine leichte Beute für jeden Räuber oder Sklavenhändler, der ihr gerade über den Weg laufen mochte - gerade jetzt, in diesen wilden Revolutionszeiten. Aber ich konnte mich wehren. War mein Körper auch nutzlos, hilflos war ich nicht.

Ich suchte mir meine restlichen Kleider zusammen, die verstreut auf dem Boden herumlagen. Was wohl passiert sein mochte, daß sie dort hingekommen waren?

Die Bluse paßte nicht mal ansatzweise. Statt Flügeln hatte ich wieder Arme, und dafür war dieses Ding nicht geschneidert. Die Proportionen waren so verschieden, daß ich dieses Kleidungsstück nicht mehr tragen konnte. Trotzdem würde ich es nicht hier zurücklassen. Immerhin paßte die Hose noch einigermaßen, auch wenn mir ihre knalligen Farben jetzt als äußerst unpassend erschienen. Den Oberkörper hüllte ich stattdessen in ein Tuch, das auf einem der Altarsteine lag.

"Hoppla!"

Gekommen vom Blauen Tal stand da, eingemeißelt in die massive Deckplatte des Altars. Tschuris ansonsten peinlich exakter Bericht hatte nichts von so einem mysteriösen Spruch erwähnt. Wahrscheinlich lag das daran, daß er normalerweise vom diesen Tüchern bedeckt war. Ich fragte mich, was er wohl bedeuten mochte. Das Brüllen von Maarx lenkte meine Gedanken aber rasch wieder in praktischere Bahnen. Ich zog ein weiteres Tuch herunter und wickelten das Baby hinein, dann sammelte ich das auf, was sonst noch hier herumlag.

Maarx brüllte immer noch wie am Spieß, und ich gab ihm die Brust und stillte ihn. Ich werde dich mit den Krallen meiner schönen Füße in kleine Stücke schneiden, du Bestie, aber jetzt mußt du erst mal eine Zeitlang am Leben bleiben. Diese und ähnliche Gedanken hielten den Ekel, den ich empfand, in Grenzen, ja, ich empfand sogar so etwas wie Lust, als ich seine zarten Lippen an meiner Brustwarze fühlte und er kräftig zu saugen begann. Das Ganze war so irreal, daß es mir fast nichts ausmachte.


Tschuri hatte, wie es sowohl ihrer Mentalität als auch Calracts Auftrag entsprochen hatte, einen äußerst detaillierten schriftlichen Bericht über ihren Besuch in Orna verfaßt. Ich kannte also den Tunnel, der aus dem Schloß des Erzbischofs hinaus in das freie Land führte. Ich mußte ihn nur noch finden. Außerdem fragte ich mich, was wohl aus den Menschen hier geworden war, nachdem ihr verrückter Anführer tot war und vor allem die neugeborenen Mädchen nicht mehr zu Karikaturen von Kohleprinzessinnen umgebaut werden konnten. Wie mochten die Leute das wohl verkraftet haben? Tschuri hatte spekuliert, die Gesellschaft würde wahrscheinlich zusammenbrechen, und Mord und Totschlag würden Einzug halten.

Allerdings, nach Lage der Dinge würde ich auf die Antwort gerne noch etwas warten, wenn ich es dafür vermeiden konnte, jemandem zu begegnen. Hier in der unmittelbaren Nähe der Heiligen Stätte schien niemand mehr zu sein. Maarx' Geschrei hätte Tote wecken können, es war aber keine Menschenseele erschienen. Nun ja, wahrscheinlich hatte er vorher dafür gesorgt, daß er ungestört arbeiten konnte. Zum Äußersten entschlossen verließ ich die Heilige Stätte und trat in das Innere des Gebäudes, das sich anschloß.

Auch dieses war völlig verlassen. Und stockfinster, denn es war Nacht. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ohne genaue Kenntnis des Weges hatte ich keine Chance, den Tunnel zu finden. Der Weg überirdisch hingegen war ein Kinderspiel, zumindest geographisch.

Ich hatte nicht vor, hier die Nacht zu verbringen. Es gab ein paar Fenster, an denen ich mich orientieren konnte, und so fand ich nach einer halben Stunde das Portal nach draußen. Es war verschlossen. Wütend ließ ich sie versteinern und dann zu Staub zerfallen. Nichts und niemand würde mich aufhalten!

Der Weg war genauso, wie Tschuri ihn beschrieben hatte, eine breite Allee, die zu einem eisernen Gitter führte, das in der Nacht verschlossen war. Bevor ich auch dieses zerstörte, wollte ich erst mal versuchen, darüberzuklettern. Schließlich war mein jetziger Körper derjenige eines halben Affen, warum sollte das also nicht gehen.

Es ging. Von Maarx auf dem Rücken umklammerte ich mit Händen und Füßen die Gitterstäbe und krabbelte daran hoch. So, wie meine Zehen im Moment beschaffen waren, schmerzten sie bei so einem Griff höllisch, aber das war mir egal. Ich biß die Zähne zusammen, diese Zähne, die keinen Fang mehr hatten, und kletterte auf der einen Seite hoch und auf der anderen wieder herunter.

Dort setzte ich mich einen Moment lang hin, streckte die Beine aus und betrachtete meine nackten Füße. Wie sehnte ich mich danach, wieder meine richtigen Dämonenfüße zurückzuhaben, mit denen ich all diese wundervollen, eleganten Dinge tun konnte. Mit einem stillen Seufzer erhob ich mich wieder und zog das Baby, das inzwischen eingeschlafen war, fester auf meinen Rücken.

Und dann ging ich einfach in die Nacht hinaus, den Sternen nach grob Richtung Norden. Es war ein Kinderspiel, ich mußte nur der gut ausgebauten Straße folgen.

Es wurde gerade hell, als ich das Gestrüpp erreichte, das vor der Mauer wuchs, die nach wie vor das ganze Land Orna umschloß. Unterwegs war ich keinem Menschen begegnet. Ich wunderte mich aber trotzdem, daß meine halbblinden Augen und meine schwerhörig gewordenen Ohren mich sicher hierhergeführt hatten. Sicher, so schlecht war dieser Körper vielleicht doch nicht, aber trotzdem! Ich wollte ihn nicht behalten.

Vor der Mauer angelangt fragte ich mich, ob ich besser versuchen sollte, sie zu überklettern oder teilweise zu zerstören. Laut Tschuri war sie auf der Krone drei Meter breit, hier unten an der Basis wahrscheinlich doppelt so viel. Also doch lieber klettern. Doch ich wußte, daß das nicht ging. Mit diesem Körper konnte ich es nicht schaffen. Doch halt, es sollte ja ein Tor geben, bewacht von blinden Soldaten. Das mußte ich suchen.

Unterwegs aß ich von den Dingen, die ich so fand, hauptsächlich Insekten, einige Schlangen und Frösche, und sogar einen Vogel erwischte ich. Der war allerdings schon halbtot. Zwischendurch stillte ich das Baby, dann ging es weiter, immer an der Innenseite der Mauer entlang. Wenn es das Tor wirklich gab, dann konnte ich es nicht verfehlen. Einige Strecken ging ich, einige lief ich in lockerem Trab, manchmal rannte ich auch.

Einmal begegnete ich zwei Männern, wahrscheinlich Bauern. Sie starrten mich an wie einen Geist, aber ich hatte nichts zu befürchten. Wortlos trabte ich an ihnen vorbei, und sie machten nicht die geringsten Anstalten, mich aufzuhalten.

Tschuri scheint nicht recht gehabt zu haben. Ich habe zwar nicht viel von diesem Land gesehen, aber alles sieht normal aus. Kein Bürgerkrieg, kein Mord und Totschlag. Wo ist denn jetzt endlich dieses verflixte Tor?

Meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, denn erst gegen Mittag erreichte ich die Stelle, die in Tschuris Bericht so schön "Tor" genannt wurde. Es war ein befestigter Mauerdurchbruch mit einem Wachhäuschen, und durch eine massive Tür versperrt. Ich dankte dem Schicksal und dem Ring meines Mannes, daß ich meine Versteinerungsfähigkeit noch besaß. Ohne sie wäre ein Entkommen sehr viel schwieriger gewesen.

Die Wachen erlitten jedenfalls das gleiche Schicksal wie die Tür des Schlosses, denn ich hatte nicht vor, groß mit ihnen herumzudiskutieren, und freiwillig ließen sie mich nicht passieren. Ich schlüpfte schließlich durch den engen und niedrigen Durchbruch hindurch, und dann war ich draußen im Freien.

*

Der alte Mann saß gerade mit seiner Frau und seinen Söhnen beim Abendessen, als ich die Tür seiner Hütte öffnete, ohne vorher anzuklopfen.

"Bist du Gadrol Taniska?" Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, die ich an den Mann richtete, den ich aufgrund von Tschuris Beschreibung erkannte. Danke, Tschuri für diese akribische Liebe zu Details. Es hat mir viel Spaß gemacht, deinen Bericht zu lesen.

Die vier sahen mich an, die Frau und die zwei Söhne entgeistert, der alte Bauer irgendwie wissend. Er nickte.

"Ich bin Batchiribanban, Calracts Frau. Ich brauche deine Hilfe."

Taniska sah mich lange schweigend an. Das einzige, was er sagte, war ein leises "hmmm".

"Dein Sohn Gad'ta hat geheiratet, wußtest du das schon?"

"Sohn", fragten die Frau und die beiden jungen Männer wie aus einem Mund.

Taniska atmete tief ein. "Jetzt ist wohl die Zeit gekommen, da mich meine dunkle Vergangenheit einholt. Ja, ich habe noch einen Sohn."

Und dann erzählte er seiner Frau und seinen beiden Söhnen die Geschichte, die er damals schon Tschuri erzählt hatte.

Ich nickte bestätigend und sagte dann: "Dein Sohn hat unglaubliche Dinge geleistet. Calract hat ihn dann bei sich aufgenommen und geheilt, und gestern hat er Hotaru Katare, die Schwarze Großfürstin, geheiratet. Es war", fügte ich hinzu, "eine wunderschöne Hochzeit da oben in der Weißen Hauptstadt."

Taniska sah mich mit flammenden Augen an. "Mein Sohn ... ist geheilt ... und glücklich?" Er ballte die Fäuste, um nicht in Tränen auszubrechen.

Ich nickte. Und dann erzählte ich den vieren, wer ich eigentlich war.

"Dieser Körper hier ist nicht mein ..." oder war er es doch? Ich hatte mich in dieser Gestalt noch nie gesehen. "Gibt es hier einen Spiegel?" Auf einmal ergriff mich eine seltsame Erregung. Auch Taniska schien sie zu spüren. Er stand auf und nahm mich mit in sein Schlafzimmer, wo ein verbeulter, halb erblindeter Metallspiegel an der Wand hing.

Ich hatte mich in dieser Form seit 400 Jahren nicht mehr gesehen, aber ich erkannte mich sofort. Kein Zweifel, das war mein originaler Körper. Der Körper einer wunderschönen, weißhäutigen jungen Frau. So hatte ich ausgesehen, bevor Maarx mich ... mich ... was auch immer er mit mir angestellt hatte, ich wollte meinen Dämonenkörper wiederhaben!

Ich ging mit dem Bauern zurück in die Stube und beendete meinen Bericht.

"Das heißt", fragte der mich daraufhin, "daß der Erzbischof von Orna tot ist, hmm?"

"Für immer in der Horizontalen!", bestätigte ich. "He, du willst doch jetzt nicht da rein und deine Frau umbringen?"

Taniska zuckte heftig zusammen. Haargenau das hatte er vorgehabt. Doch jetzt, nachdem es ausgesprochen war, kam es ihm auf einmal völlig absurd vor.

"Hör zu. Bring mich zu meinem Mann. Zum Dank wird Calract dir jeden Wunsch erfüllen. Du kannst auch deinen Sohn wiedersehen. Du kannst wirklich stolz auf ihn sein."

"Gadrol wiedersehen?" Dem alten Bauern stiegen die Tränen in die Augen.

Ach ja, Gad'ta heißt ja eigentlich auch Gadrol Taniska. Komisch, ihn mit diesem Namen zu hören. Aber eigentlich ... jetzt, wo er wieder ein ganzer Mann ist, könnte er auch wieder den ganzen Namen tragen ...

"Hör zu. Ich habe keine Zeit zu verlieren. Wir reiten sofort los!"

"Aber ..." seine (zweite) Frau Aliira machte einen halbherzigen Versuch, ihn davon abzuhalten. "Es ist schon fast Nacht und ...eure Kleidung ..."

Ich mußte lachen. Es war so typisch für eine Frau, selbst in so einer Situation an die Kleider zu denken. Nun ja, ich sah wirklich ziemlich vogelwild aus mit dieser knalligen Hose und dem Tuch um meine Schultern, das kaum meine Brüste verhüllte. Allerdings interessierten mich im Gegensatz zu Frau Taniska solche Äußerlichkeiten überhaupt nicht. Und wozu auch: meine Brüste waren wunderschön. Warum sie nicht offen tragen? Und was die Gefahren einer nächtlichen Reise anging ... ich schüttelte den Kopf.

"Keine Angst. Ich bin immer noch eine Dämonin. Es gibt nur sehr wenige Wesen da draußen, die ich zu fürchten hätte." Und das gefährlichste davon war gerade ein hilfloses Bündel, das friedlich auf meinem Rücken schlummerte.

Ich schlug mit der Faust auf den Tisch und packte Gadrol am Kragen.

Der erhob sich wortlos und verließ die Hütte. Ich folgte ihm in den Stall. Er sattelte auf. Aliira, Rolf und Tim waren ihm gefolgt. Er drehte sich ihnen zu und sagte leise: "Wir werden uns ein paar Tage nicht sehen. Hmmm. Aber ich komme wieder, das verspreche ich." Dann führte er das Pferd hinaus.

"Macht bitte die Stalltüre zu." Er stieg auf und zog mich hinter sich auf den Sattel. Und dann ritten wir los.

*

Der Weg führte dicht an Tansir vorbei. Eigentlich ritten wir die meiste Zeit durch zivilisiertes Gebiet. Das hieß, wir konnten überall Nahrungsmittel und Futter für das Pferd einkaufen. In meinem Brustbeutel, den ich bei der Trauung eigentlich eher zufällig getragen hatte, war eine ganze Menge Geld, wir konnten also aus dem Vollen schöpfen. Trotzdem brauchten wir fast drei Tage. Schließlich verließen wir das urbare Land und ritten in die Steinwüste ein, die sich nördlich des Gartenlandes etwa 50 Kilometer weit erstreckte und praktisch das gesamte Kap, das jetzt unter drei Reichen aufgeteilt war, einnahm. Ich stieg ab und fragte Gadrol, ob er weiterreiten wollte. Ich war entschlossen, dieses Stück zur Not auch zu Fuß zu durchqueren. Doch er sagte, wenn er schon so weit gekommen sei, wollte er mich den Rest des Weges auch nicht allein lassen.

Ich war diesem freundlichen Mann, den ich inzwischen recht gerne mochte, dafür sehr dankbar, und so nahmen wir zusammen das schwierigste Stück der Strecke in Angriff.

Und dann, gegen Mittag des dritten Tages, standen wir, ein erschöpfter Mann, ein völlig ausgezehrtes Pferd, ein fiebriges Baby und ich, ebenfalls todmüde und zugleich vor Energie zitternd, endlich vor der niedrigen Trockenmauer, hinter der völlig abrupt Calracts Paradies begann.

"Ich gehe allein vor." Ich zerrte den wimmernden von Maarx von meinem Rücken und knallte ihn neben Gadrol auf den Steinboden. "Du kommst später mit dem da nach."

Ich stieg über die Mauer und drehte mich noch mal um. Gadrol hatte sich bereits hingelegt und war eingeschlafen, und sein Pferd schlief im Stehen.

Versonnen lächelnd ging ich über den kühlen, weichen Rasen, dessen sanftes Grün meinen Augen wohltat. Meine Füße taten höllisch weh. Die meiste Zeit der letzten drei Tage hatte sich der Steigbügel in die Fußsohlen gedrückt, meinem Po erging es auch nicht viel besser, und ich war froh, endlich aus dem Sattel heraus zu sein.


"Wer bist du?"

Ich hatte Schischi schon von weitem kommen sehen. Ihre Flügel waren längst wieder einsatzbereit, trotzdem war sie angelaufen gekommen. Allerdings in dem Tempo, das eine Orna-Dämonin nun mal spielend leicht erreichte. Mir war schon etwas mulmig dabei geworden.

Ich hatte mit mir gewettet, ob Schischi mich erkennen würde oder nicht. Nun, sie erkannte mich nicht.

"Wo ist mein Mann?"

Immer noch nicht? Nein.

"Mann? Wer bist du? Wenn du es Schischi nicht sagst, dann wird der König Calract kommen und dich bestrafen."

"Zu Calract will ich. Aber bemühe dich nicht, Schischi, ich kenne den Weg."

Natürlich hätte ich gegen sie keine Chance gehabt, wenn sie angegriffen hätte, doch ... wie soll ich sagen ... sie konnte nichts mit mir anfangen. Niemand hatte ihr gesagt, was sie in so einem Fall tun sollte. Also tat sie gar nichts. Ich ging weiter, sie einige Meter hinter mir her.

"Batchiribanban?"

Na so was, sie war von allein draufgekommen.

Ich drehte mich zu ihr um und sah sie lange an. Ich sah, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten, dann stürzte sie sich auf mich, umschlang mich mit Ohren, Beinen und Flügeln und leckte mich hingebungsvoll und mit lautem Schnurren ab.

"Wo ist Calract?"

*

Calract sah Hotaru an. Beide waren zum Äußersten entschlossen. Etwa 1000 Dämonen der Lunaloc-Armee hatten das Alptraumland umstellt, doch den eigentlichen Schlag würde die Eiserne führen. Sie nickte Calract zu.

"Feuer!" Es war der Befehl zum Weltuntergang.

Hotarus Hand glühte grell auf, dann stieg ein tief roter, armdicker Energiestrahl in den Himmel, floß aber an einem unsichtbaren Hindernis, das das gesamte Alptraumland umschloß, ab und kreiste dieses langsam ein. Der erste Blitz löste sich und fuhr an der Barriere entlang nach unten. Außerhalb war es schlagartig tiefe Nacht geworden, innerhalb schien die Zeit den Atem anzuhalten, als die Eiserne an den Grundfesten der Existenz aller Dinge zu rütteln begann. Doch noch hielt der Schirm, nur vereinzelt drangen kleine Blitze und Energietropfen hindurch. Doch wo diese auftrafen, da zerfiel alles sofort zu Asche.

Calract wußte, was in kurzer Zeit geschehen würde, und teleportierte sich etwa 20 Kilometer weit weg. Seine Dämonen hatten schon vorher tiefe Schanzen gegraben, die ihnen vor dem Kommenden Schutz bieten sollten.

Doch es dauerte noch fast eine halbe Stunde, bis der erste Gegenschlag erfolgte. Und wie erwartet waren es Maarx' Kohleprinzessinnen, die das Feuer erwiderten. Mit ihren Energiestrahlen, denen nichts und niemand wiederstehen konnten, feuerten sie Schuß um Schuß auf Hotaru ab, ohne ihr jedoch auch nur das Geringste anhaben zu können. Es war ein Duell aus einer anderen Welt, als hätten sich die Pforten der Hölle selbst aufgetan. In langsamer Folge schlugen die sonnenhellen Strahlen der Kohleprinzessinnen in der Nähe der Eisernen ein, selten trafen sie auch direkt. Hotaru machte aber selbst das nichts aus, allerdings brach dabei jedesmal ihr Angriff zusammen und mußte dann neu aufgebaut werden. Sie nutzte das dann für einen Stellungswechsel. Dafür richteten die Kohleprinzessinnen selbst viel größere Schäden an als Hotaru es bisher vermocht hatte, denn jeder ihrer Schüsse zerstörte auf 50 bis 100 Metern Breite alles Leben entlang der ganzen Schußbahn und ließ selbst den Boden schmelzen und als Lava aufspritzen. Die Schußbahnen verliefen quer durch das gesamte Alptraumland vom Zentrum bis zum Rand und zerschmolzen alles, was dort in Jahrhunderten entstanden war, zu glühender Asche.

Stunde um Stunde verging. Hotaru wurde nicht müde. Calract wußte, daß sie das etwa 12 Stunden durchhalten konnte, bevor ihre Kraft erschöpft war. Und er war entschlossen, die Zeit bis zur letzten Minute zu nutzen. Wenn das Alptraumland dann noch nicht sturmreif war, würde er die Aktion morgen wiederholen. Außerdem lag er auf der Lauer, jederzeit die Macht des Mondkristalles einzusetzen, sobald der Zauber, der über dem Alptraumland lag, eine Schwäche zeigte. Noch was das nicht der Fall, noch konnte selbst die Macht der Eisernen nur ganz vereinzelt durch die Barriere dringen, aber auch von Maarx war nicht allmächtig.

Da landete dicht neben dem Schwarzen König ein Drache, der ziemlich atemlos war, weil er, so schnell er konnte, den ganzen Weg vom Gartenland bis hierher geflogen war.

*

Irgendwann hatte Schischis Freude sich soweit beruhigt, daß ich mich wieder befreien konnte. Ich stand auf und drehte mich wieder um. Da stand Kokoma vor mir.

"Herrin?"

Sie hatte ungefähr eine halbe Sekunde gebraucht, um mich zu erkennen. Diesmal war ich es, deren Augen sich mit Tränen füllten.

Und dieses eine Mal war ich dankbar für diesen Körper, denn endlich konnte ich etwas tun, was mir als Dämonin verwehrt war: ich nahm meine Freundin in die Arme und drückte sie inniglich an mich.


Später holten wir Taniska, von Maarx und das Pferd ab. Mir fiel auf, daß hier, vor allem in der Nähe des Tempels und der Bibliothek, ungewöhnlich viel Betrieb herrschte. Sogar eine Baugrube wurde ausgehoben.

"Calract hat von hier aus die Mobilmachung geleitet. Und er hat beschlossen, auch eine Art Verwaltungszentrale oder so einzurichten."

Das war sehr vernünftig, denn bisher hatte hier außer dem Tempel und der futuristischen Bibliothek nichts gestanden. Es hatte allerdings auch niemanden gegeben, der weitere Gebäude hätte bewohnen oder sonstwie nutzen können. Nun war mein Schatz auf schmerzliche Weise daran erinnert worden, daß ein Faulenzerleben unter südlicher Sonnen zu wenig war, wenn man ein großes Reich verwalten und behalten wollte. Schade trotzdem. Es wäre mir lieber gewesen, die paradiesische Unschuld und Unberührtheit des Gartenlandes wäre erhalten geblieben und er hätte stattdessen das Schwarze Schloß wieder aufgebaut. Doch nein, dann hätte ich ja auch dort leben müssen. Dann lieber hier ein paar Paläste mehr.

Ich erfuhr auch, wo mein Mann sich gerade aufhielt: er griff das Verwunschene Land an, wahrscheinlich, weil er mich dort vermutete. Das war eigentlich die naheliegendste Idee. Jedenfalls war er über meine Rückkehr bereits informiert und würde bald wieder hier sein.

Es wurde Abend, dann Nacht. Wir kümmerten uns um unsere Gäste. Platz gab es im Tempel ja genug.

Wir aßen zusammen zu Abend, dann schwammen Kokoma und ich noch ein bißchen im See. Wie elegant und leicht ich doch mit meinen Flügeln hatte schwimmen können. Wie schaffte Kokoma es nur, so lange tauchen zu können?

Eigentlich wollte ich aufbleiben und auf Calracts Rückkehr warten, doch die Müdigkeit übermannte mich, und ich schlief schließlich ein.

Und erwachte am nächsten Morgen an Calracts Seite in unserem Ehebett.

Es war, als habe mein Liebster nur darauf gewartet, daß ich die Augen aufschlug. Er stützte sich auf die Ellenbogen auf und musterte dann interessiert meinen nackten Körper, den er in dieser Form noch nie vorher gesehen hatte. Wir sprachen beide kein Wort. Ich gefiel ihm. Er brauchte keine Worte, um mir das zu sagen. Schließlich begann er, mit seinen kräftigen und sensiblen Händen meine Brüste und mein Gesicht zu streicheln. Ich erwiderte seine Zärtlichkeiten mit meinen Lippen und Händen, doch bald schon waren wir eng umschlungen, und ich vergaß, daß ich in einem anderen Körper steckte. Es war wunderbar wie immer, als Calract in mich eindrang und mich begattete.

Ich stand auf. Auf einem Stuhl hing ordentlich zusammengefaltet meine Hose und das Tuch, das ich getragen hatte. Ich ließ beides, wo es war und ging an Calracts Seite hinaus.

Wie immer am Morgen nahmen wir als erstes ein Bad und aßen dann zusammen mit Schischi, Kokoma und Taniska ein ausgiebiges Frühstück. Ich muß zugeben, daß es für Gadrol Taniska nicht so einfach war, mich die ganze Zeit völlig nackt zu sehen. So etwas war in seiner Heimat absolut undenkbar. Für mich hingegen war es das natürlichste auf der Welt. Ohne Kleider konnte man sich doch viel freier bewegen, außerdem hatte mein Mann so viel mehr von mir. Auch als Mensch sah ich wunderschön aus, und das wollte ich jedem zeigen.

Beim Essen fragte ich zwischendurch: "Wo ist eigentlich von Maarx?"

Kokoma, die ebenfalls nicht gerade viel Kleidung trug, antwortete: "Ich habe das Baby schon versorgt, Herrin."

Ich seufzte. "Wenn ich doch nur in meinen Dämonenkörper zurückkönnte."

Schischi antwortete: "Schischi würde gerne mit dir tauschen." Sie seufzte.

Calract blickte zu mir, dann zu Schischi, dann wieder zu mir. Die Hand, mit der ich mir gerade ein Stück Wurst in den Mund hatte stecken wollen, erstarrte in der Luft. "Das heißt doch nicht ...", fragte ich erregt.

"Doch", antwortete mein Mann, "das heißt es. Die Chancen stehen gar nicht so schlecht."

"Die Chancen auf was?", wollte Schischi wissen. Wie immer, brauchte sie ein bißchen länger.

"Die Chance, daß eure beiden Wünsche in Erfüllung gehen. So ein Kraftzentrum wie Orna zu beherrschen und alle notwendigen Zauber zu entwickeln, kostet Jahrzehnte an Arbeit. In diesem Fall aber ist eigentlich alles fix und fertig, ich muß nur einen kleinen Austausch vornehmen." Er blickte mich an: "Es war gut, daß du Maarx mitgebracht hast. Ich werde ihn nämlich brauchen."

"Aber dann bringen wir ihn um, ja?"

Calract nickte. "Ja, er wird langsam und qualvoll sterben. Kommt! Essen wir schnell fertig und machen uns dann auf den Weg nach Orna."

"Halt, ich muß noch das Versprechen einlösen, das ich Gadrol gegeben habe. Er wollte seinen Sohn wiedersehen."

Calract verstand sofort, wie immer. Er blickte den Mann an und sagte: "Bist du schon mal auf einem Drachen geflogen?"

Als er das entsetzte Gesicht des Bauern sah, meinte er: "Du kannst natürlich auch reiten, aber das dauert zwei Wochen. Hier." Er zog ein Siegel aus einer seiner Taschen und gab es ihm. "Das weist dich als meinen Beauftragten aus. Die Behörden in der Westkolonie sind damit angewiesen, dich nach allen Kräften zu unterstützen. In Arcadia und im Weißen Königreich hat dieses Siegel allerdings keine Bedeutung, außer in den Verbindungsbüros. Also überlege es dir. Mit dem Drachen bist du heute nachmittag da."

Doch dazu war Gadrol Taniska nicht zu überreden.

Calract gab ihm dann noch zehn Golddublonen, was ein Vielfaches dessen war, was der Bauer je in seinem Leben besessen hatte. "Meine Frau ist mir mehr wert als das. Viel mehr. Und nun wünsche ich dir eine gute Reise. Und danke!"

Das war wirklich selten, daß Calract sich bei jemandem bedankte, und es auch noch aufrichtig meinte. Obwohl - mein Mann log niemals. Wenn er sich wirklich einmal bedankte, dann meinte er es auch so.


Wir brachen nahezu gemeinsam auf. Taniska setzte sich auf seinen Klepper und ritt nach Norden davon, Calract verwandelte sich in einen Drachen und nahm mich auf seinen Rücken. Schischi flog selbst. Vorher wollte ich allerdings noch eine Kleinigkeit erledigen. Ich ging zu Kokoma. Diese sah mich irgendwie erwartungsvoll an, so als wüßte sie, was ich nun vorhatte.

Ich trat vor sie hin und legte - zum letzten Mal - meine Hände auf ihre Schultern. "Kokoma ... wir sind Freundinnen und Vertraute geworden. Du bist nicht länger meine Sklavin. Und nenne mich nicht mehr 'Herrin', sondern Batchi."

Sie sah mich mit ihren großen, schönen Augen an, dann liefen dicke Tränen der Freude über ihre zarten Wangen.

Ach, sie war so wunderschön. Sanft zog ich sie an mich und küßte sie. Ihr vollendet schöner Körper war so warm und weich. Aber irgendwas ...

Sie sah mich mit ihren roten Augen an und fragte schüchtern: "Batchi ... seid Ihr ... bist du sicher, daß du das tun willst?"

"Hm?"

"In diesen Dämonenkörper zurückkehren. Ich dachte immer ..."

"Was?"

"... daß es für dich im Grunde deines Herzens ein unerträgliches Schicksal war. Keine Arme zu haben, muß furchtbar sein. Mir haben sie nur die Fingerkuppen abgeschnitten, und das war schon fast mehr, als ich ... Ich ... ich habe dich immer glühend bewundert für deine Stärke, mit der du dieses schwere Los ertragen hast. Wie tapfer du immer dieses grausame Schicksal ertragen hast. Jeden Tag habe ich für dich gebetet, daß eines Tages dieser schreckliche Fluch von dir genommen werde und du ein ganz normales Leben an der Seite deines Mannes führen kannst."

Ich war erschüttert, wie gründlich wir uns all die Monate, die wir uns nun schon kannte, mißverstanden hatten. Kokoma hatte sich also in der Rolle einer beschützenden Mutter gesehen, die alles tat, ihr armes, hilfloses Kind zu behüten und sein schweres Leben etwas leichter zu machen.

Weiter weg von meinem tatsächlichen Leben konnte diese Vorstellung gar nicht sein. Wie gut, daß ich vorher noch mit ihr gesprochen habe.

Aber wie faßte ich das nun am besten in Worte? Calract wartete schon ungeduldig. "Kokoma, du machst mich traurig. So lange sind wir schon zusammen, und all diese Zeit hast du mich immer nur durch die Brille dieser albernen Vorurteile sehen können? Nein, es ist wirklich mein größter Wunsch, dieses plumpen, hilflosen Körper, in dem ich jetzt stecke, wegzugeben und meinen Dämonenkörper wiederzubekommen. Hast du nicht gesehen, wie ich die Schwarze Hexe geköpft habe? Glaubst du, das hätte ich mit diesem schwachen Menschenkörper tun können!" Ich schüttelte den Kopf. "Das einzige, was ich dann nicht mehr tun kann ist, meine Liebsten zu umarmen. Doch das ist es allemal wert."

"Aber Batchi, du bist so wunderschön."

"Bin ich als Dämonin denn nicht auch wunderschön? Mit den langen Ohren, den langen Beinen, den eleganten Flügeln ..."

Anscheinend hatte meine Freundin mit dieser Frage nicht gerechnet. Sie sah mich lange an, dann nickte sie. "Doch", hauchte sie. "Als Dämonin warst du sogar noch schöner."

Erleichtert drückte ich sie ein letztes Mal ganz fest an mich und küßte sie auf die Stirn. "Nun wein' doch nicht, du dummes Mädchen. Bald bin ich wieder zurück."

"Verzeih, Batchi, meine geliebte Freundin", schluchzte sie ergriffen.

Ich löste mich sachte aus ihrem Griff, kletterte auf Calract, und dann flogen wir los.

*

Wir flogen nicht allein. Calract hatte fünf weitere Drachen mit jeweils einem Dämon bemannt. Man konnte ja nie wissen, was einen in Orna erwartete.


Wir hätten natürlich ohne weiteres direkt vor dem Eingangstor zu dem Schloß landen können, unter dem die eigentliche Heilige Stätte lag. Doch Calract legte keinen Wert auf übertriebene Diskretion, und so gingen die insgesamt sechs Drachen und eine Dämonin auf dem Platz vor dem Gitter nieder. Mit ein paar Feuerstößen wurde das Tor dann weggesprengt und die Drachen und Lunaloc-Dämonen, die auf ihnen mitgeflogen waren, marschierten vor.

Die Drachen paßten natürlich nicht in das Schloß. Zumindest nicht so, daß sie darin etwas Sinnvolles hätten anstellen können. Also ließ Calract sie davor Posten beziehen und gefährlich aussehen. Im Grunde hatte er keinerlei Ambitionen, mit der Bevölkerung dieses Territoriums etwas anzufangen. Aber er wollte, daß jeder ihn sah. Er setzte unübersehbare Zeichen.

Dann drangen wir ein. Ich kannte den Weg inzwischen einigermaßen, und Calract hatte eine Kopie von Tschuris Plan dabei, und so standen wir nach wenigen Minuten in dem großen Saal, hinter dem die Stufen hinabführten in den magischen Bereich. Alles schien verlassen. Calract befahl den Dämonen, hier Posten zu beziehen und die Räume zu sichern. Dann gingen er, Schischi und ich mit von Maarx auf dem Arm in den hinteren Teil. Als wir ihn erreichten, begann er leicht bläulich zu glühen. Von Maarx wurde mit einem Mal ganz ruhig. Obwohl er jetzt ein Baby war, war ich sicher, daß er ziemlich viel von dem mitbekam, was um ihn herum vorging.

Wie üblich, machte Calract keine langen Geschichten, sondern fing sofort an. Allerdings brauchte er über zwei Stunden, bis er die Magie von Orna soweit im Griff hatte, daß er mit der eigentlichen Arbeit beginnen konnte.

Das blaue Leuchten erfüllte plötzlich den gesamten Bereich. Ich konnte nichts mehr erkennen, alles war hinter diesem nebligen blauen Glühen verschwunden. Wie aus weiter Ferne hörte ich die Geräusche der anderen.

So, jetzt ist es soweit. Batchi und Schischi, seid ihr bereit?

Zweimal war ein telepathisches 'Ja' die Antwort.

Es war ein sehr eigenartiges Gefühl, bei vollem Bewußtsein so eine Umformung mitzuerleben. Und ich hätte nicht gedacht, was für einen grauenvollen Moment ich durchmachen mußte, als meine Arme sich auflösten, dann brutal nach hinten gedreht wurden und wieder als Flügeln hervorwuchsen. Doch dieser Schmerz war schon vergessen, als meine Füße sich verlängerten und die Zehen wieder in ihre alte Form zurückkehrten und diese phantastischen Krallen aus unzerstörbarem Material zurückerhielten. Ein Schauder durchrieselte mich. Scheinbar unendlich weit entfernt hörte ich Schischi schluchzen.

Dann geschah erst mal nichts weiter.

Nach einiger Zeit hörte ich Calracts Stimme wieder, aber sie klang nicht sehr erfreut.

Verdammt. Maarx! Ich weiß, daß du mich hören kannst.

Es gab in der Tat so etwas wie eine Bestätigung. In welcher Form mochte der Zauberer jetzt wohl existieren? Calract 'sprach' weiter: Also gut, wenn ich dich töte, ist Riinari verloren. Leider kann ich daran nichts ändern. Das heißt, du bekommst eine Chance, dein Leben zu retten. Was hältst du davon?

Wieder antwortete Maarx nicht direkt. Calract fuhr fort: Du gibst mir das Buch des Unendlichen Landes und die Verräterin Kinkiralinlin. Außerdem läßt du in Zukunft deine Griffel von meiner Frau und von Riinari. Und du machst den Luftraum des Alptraumlandes für meine Drachen auf ... zu viel? Vergiß nicht, all das und noch viel mehr bekomme ich sowieso, wenn ich dich töte. Ich müßte nur Riinari abschreiben. Also?

Einverstanden.

Ich konnte weder sagen, was geschah, noch, wieviel Zeit verging. Jedenfalls erlosch das Licht irgendwann wieder, übrig blieb nur ein sanfter blauer Schimmer, der aus den Wänden sickerte. Mitten in dem Raum standen Calract und die Lichtgöttin. Von Maarx, gerade eben noch ein Baby, wuchs vor meinen Augen zu einem Kind, dann einem Jüngling, schließlich einem reifen Mann heran. Elegante Kleider begannen ihn zu umhüllen und sein typischer Spitzbart zierte schließlich Lippen und Kinn. Ich mußte zugeben, daß er ausgesprochen gut aussah, wie ein etwas verwegener Edelmann oder ein Piratenkapitän. Ganz anders als noch vor wenigen Monaten im Verwunschenen Land, wo er 400 Jahre lang geschlafen hatte. Doch ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder von ihm ab.

Schischi lag nahe der Wand am Boden. Jedenfalls nahm ich an, daß sie es war, denn jetzt war sie ja wieder eine Menschenfrau. Ich ging zu ihr hinüber und wollte unwillkürlich eine Hand auf ihre Schulter legen, um sie umzudrehen und ihr Gesicht sehen zu können. Doch das ging jetzt nicht mehr. Wie schnell man sich an sowas gewöhnt, dachte ich mit leiser Ironie, setzte mich dann auf eine Fußsohle und griff mit dem freien Fuß zu.

Lange betrachtete ich das Gesicht meiner Freundin, die immer noch mehr oder weniger bewußtlos war. Schließlich kam sie wieder zu sich und schlug die Augen auf. Unsere Blicke trafen sich. Langsam hob Schischi ihre Hände hoch und sah sie fasziniert, nein, eher fassungslos an, während Tränen aus ihren Augen kullerten.

Schischi war als Mensch nicht besonders schön. Nun ja, sie hatte einen gut gebauten Körper, aber ihrem Gesicht fehlte irgendwie dieser sprühende Geist, den ich eigentlich bei allen Menschen, die Calract um sich versammelt hatte, bisher gesehen hatte. Kein Wunder, daß er nicht viel von ihr gehalten hatte.

Ich spürte, wie Schischis zitternde Hände mich berührten und dann meinen Leib hoch und runter glitten, während ich immer noch halb über sie gebeugt dahockte. "Danke, Batchiribanban, danke". Ich las es mehr von ihren Lippen ab als daß ich es hören konnte. Aber die tiefe Ergriffenheit und Erschütterung meiner Freundin übertrug sich natürlich auch auf mich. "Ich danke dir auch, Schischi."

Schließlich lösten wir uns voneinander und wandten unsere Aufmerksamkeit Calract zu. Etwas irritiert sah ich, daß Riinari gerade im Begriff war zu gehen. Was hier weiter geschah, interessierte sie anscheinend nicht mehr.

Sobald sie den Heiligen Bezirk verließ, begannen ihre nackten Füße wieder diese leuchtenden Abdrücke auf dem Boden zu hinterlassen, von denen schon Tschuri so fasziniert gewesen war. Hier drinnen seltsamerweise leuchteten sie nicht.

Von Maarx und Calract sahen einander lauernd an. Ich sprang auf und stellte mich an die Seite meines Mannes.

Er ist der Meinung, daß der Sieg im Grunde ihm gebührt und er nur durch ein blödes Mißgeschick verloren hat. Das heißt, er wird sich dir nicht unterwerfen.

Calract nickte. Dann sagte er: "Das Buch!"

Von Maarx überlegte, was er nun tun sollte. Angreifen? Das war hier mitten in Orna sicher ein unkalkulierbares Risiko, auch wenn Riinari nicht mehr da war.

Calract verschränkte die Arme vor der Brust und setzte sein berühmtes wölfisches Lächeln auf. "Geh doch zurück zu deinem Alptraumland. Wenn es noch existiert ..."

Von Maarx zuckte nicht, aber sein Herzschlag beschleunigte sich. Ich atmete tief durch. Als Mensch war ich halb blind und dreiviertel taub gewesen, jetzt aber verfügte ich wieder über meine Sinnesschärfe. Ich konnte das Blut in von Maarx' Adern strömen hören, konnte den leisesten Angstschweiß riechen, sah, wie sich die Kapillaren seiner Haut um eine Winzigkeit zusammenzogen. Er wurde unsicher, auch wenn ein normaler Mensch - auch Calract - das nicht wahrnehmen konnte. Mein Gemahl brauchte das aber auch nicht, er wußte es sowieso, und außerdem übermittelte ich es ihm.

"Gehen wir. Draußen warten die Drachen!"


Calract verwandelte sich, nachdem er das Schloß verlassen hatte, selbst auch wieder in einen Drachen, von Maarx in einen mächtigen Adler. Mein Schatz ließ dann aufsitzen und startete zusammen mit den anderen. Ich wollte ihm folgen, doch irgend etwas zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Irritiert blickte ich mich um. Die Staffel schoß bereits davon, aber das machte nichts, denn ich wußte ja, wohin sie flogen und würde ihnen leicht folgen können. Hier aber war ich noch nicht fertig. Also faltete ich meine ledrigen, dunkelbraunen Schwingen wieder zusammen und lief über die breite Straße hinüber zur eigentlichen Stadt, die sich vor dem düster und bedrohlich wirkenden Schloß erstreckte.

Es herrschte eine eigenartige Stimmung. Den Grund dafür sollte ich kurz darauf herausfinden.

Auf einem großen Platz, nur wenige hundert Meter entfernt, stand Riinari und leuchtete. Das heißt, eigentlich leuchteten nur ihre Hände und Füße, und das taten sie schließlich immer, aber dennoch ... irgend etwas strahlte sie aus, und es zog nicht nur mich wie magisch an. Von überall her kamen die Menschen herbei, vorsichtig erst, dann schneller. Die Frauen hatten alle diese eisernen Brustkörbe, Riinari und ich waren die einzigen aus Fleisch und Blut.

Seltsamerweise schenkten mir die Menschen so gut wie keine Beachtung, auch wenn sie teilweise ganz dicht an mir vorbeiliefen, mich manchmal sogar streiften. Die Göttin des Lichtes hatte sie vollständig in ihren Bann gezogen. Sie stand - nein, sie schwebte ein paar Zentimeter über dem Boden und hatte die Arme nach oben gestreckt. Sie war fast nackt, und ihr mädchenhafter Körper war von einer so vollendeten Schönheit, wie ich sie selbst bei Kokoma oder Tschuri nicht gesehen hatte.

In andächtiger Stille versammelten sich in wenigen Minuten hunderte, vielleicht tausende von Menschen auf dem Platz. Es wurde ziemlich eng, doch niemand sprach auch nur ein Wort. Und dann, wie auf ein geheimes Kommando, knieten sie alle, Männer, Frauen und Kinder, nieder und drückten ihre Gesichter in den Staub.

Es war für mich schwer zu begreifen, was das Erscheinen der Göttin des Lichtes für die Orna-Leute bedeutete. Generationenlang hatten sie unter der Diktatur eines Wahnsinnigen gelebt. Dann war dieser plötzlich verschwunden, die alte Ordnung hatte ihr Fundament verloren. Anscheinend hatte es eine stillschweigende Übereinkunft gegeben, so zu tun, als sei nichts geschehen und so weiterzuleben wie bisher. Doch keiner, der nicht gewußt hätte, daß sein Leben jetzt sozusagen im luftleeren Raum stattfand. Und nun kam dieses Wesen, nicht nur vom Aussehen einer Göttin gleich. Riinari verströmte eine Aura, für die es keine Worte, keine Beschreibung gab. Es war für diese Menschen schlicht und einfach die Erlösung, das Heil, das plötzliche Aufflammen eines hellen, führenden Sterns in tiefster Nacht.

Ich versuchte, auch auf mich diese Aura wirken zu lassen, aber was Riinari da von sich gab, waren weder Worte noch Gefühle. Es war eher so etwas wie eine Vorstellung, das Bild einer neuen Welt. Sicher sah jeder dieser Menschen ein anderes Bild, doch eins sahen sie alle: eine glückliche Zukunft.

Banale Worte für ein Volk, das sich in so einer Lage befand. Ich war sicher, daß in dieser Stunde in Orna eine neue Zeitrechnung begann. Die alten Menschen verschwanden, und dafür kamen neue hervor. Sie würden die Mauer, die ihr Gebiet über Jahrhunderte umgeben hatte, abreißen, und nichts würde an die dunkle Zeit davor erinnern, nichts als die umgeformten Körper der Frauen. Und dann würde eine neue Generation heranwachsen, und das Grauen der alten Zeit würde endgültig vom Erdboden getilgt.


Riinari landete wieder. Immer noch war kein einziges Wort gesprochen worden. Elegant setzten ihre wunderschönen, schlanken Füße auf dem staubigen Boden auf. Dann wandte sie sich nach Osten, wo in etwa 200 Kilometern Entfernung ihr Reich lag, und ging einfach davon.

Fast zuckte ich zusammen, als plötzlich eine heisere Stimme erscholl: "Göttin, verlaßt uns nicht. Wir flehen Euch an. Wir tun alles, was Ihr verlangt, aber bleibt bei uns!"

Riinari blieb stehen und wandte sich der Menge zu, die immer noch auf dem Boden kniete. Sie warf den Menschen ein warmes, aber gleichzeitig irgendwie verlorenes Lächeln zu. Dann drehte sie sich wieder um, schritt durch die Menge und dann mit langsamen, eleganten Schritten die Straße entlang, die nach Osten führte.

Da erhoben sie die Orna-Leute mit einer ruckartigen Bewegung. Wie ein Mann stürmten sie los. Verwirrt schaute ich zu, wie der große Platz sich in nur einer Minute völlig leerte. Doch die Menschen blieben nicht lange verschwunden. Sie kamen wieder, nur hatten sie diesmal Werkezeuge dabei. Alles, was sie hatten auftreiben können, vor allem Hämmer, Brechstangen, Meißel und ähnliches. Mir kam eine Idee, was nun passieren würde, und genauso war es: sie rannten los, nach Osten, rannten und rannten die etwa 20 Kilometer ohne einmal haltzumachen, und dann stürzten sie sich wie die Besessenen auf die Mauer.

Es war schon fast dunkel. Mit meinen scharfen Augen konnte ich in der Ferne die vier leuchtenden Punkte Riinaris sehen, die immer noch mit diesem unnachahmlich eleganten, gleichmäßigen Gang auf die Mauer zuschritt, fast schwebte, obwohl ihre Füße sehr wohl den Boden berührten und dabei diese einmaligen leuchtenden Abdrücke hinterließen. Eine durchgehende Spur vom Heiligtum bis inzwischen kurz vor die Wand, oder bessergesagt den Steinbruch, in den die Orna-Leute sie an dieser Stelle verwandelt hatten. Wie besinnungslos schlugen sie auf die Steine ein, schlugen sie kurz und klein, hackten sogar noch das Geröll zu Staub, als wollten sie sich auf diese Weise an Tyrell Tuurn für alles rächen, was er ihnen angetan hatte. Und so war nach nur zwei Stunden eine Schneise geschlagen. Kaum wurde das letzte Stück weggewälzt, setzte Riinari ihre zarten, schlanken Füße auf die Stelle, wo bis gerade eben noch die Mauer gestanden hatte, schritt durch die Lücke hindurch und dann auf der anderen Seite weiter in die Nacht des Kirchenstaates hinaus.


"He, Riinari! Soll ich dich begleiten?"

Zum ersten Mal blieb sie stehen, sah sich zu mir um und streckte dann eine ihrer leuchtenden Hände nach mir aus. Ich schmolz geradezu dahin, ihre Schönheit, ihre - wie soll ich sagen - ihre Göttlichkeit war einfach überwältigend. Sie lächelte mir zu und sagte dann: "Du bist also Calracts Frau geworden."

Ich nickte. Riinari trat nahe an mich heran. Sie trug nur ein schmales Tuch, eher ein Band, um die Hüften, das ihre Blöße eher betonte als verhüllte, dazu eine dünne silberne Halskette mit einigen großflächigen Ornamenten daran, sowie einige silberne Kettchen und Bänder um Arme und Beine. Sie kam ganz nahe und begann dann, meine Ohren zu kraulen.

Ich wäre lieber gestorben als Maarx wieder freizulassen. Wir wären beide zusammen erloschen ... irgendwann. Aber dennoch ... Calract hat wohl richtig entschieden. Das glaube ich jetzt.

Ich schüttelte heftig den Kopf: "Riinari, du bist tausendmal mehr wert als von Maarx. Mit dem werden wir schon fertig, vertrau meinem Schatz. Aber du - wenn du nicht mehr da wärst ..." Ich wollte ihr das Gesicht ablecken, scheute aber dann davor zurück. Sicher, sie war eine Orna-Dämonin, eine meiner Schwestern, aber dennoch: der Begriff Göttin traf sie viel besser. Und ich hatte zu viel Respekt vor ihr, um sie ungefragt so intim zu berühren. Doch sie blinzelte mir aufmunternd zu. Ich mußte schlucken vor Rührung, und dann begann ich mit lautem Schnurren, Riinaris Gesicht mit meiner rauhen Zunge zu streicheln. Ein heißes Prickeln rann durch meinen Körper, und ich dachte für einen Moment an Calract. Doch rasch kehrten meine Gedanken und Gefühle zu der Göttin zurück, die ich gerade liebkoste. Zunge und Lippen, Brüste, meine Hüften und Beine, die großen Füße, und nicht zu vergessen meine langen, beweglichen, wundervollen Ohren, all das hatte ich jetzt wieder für die Liebe zur Verfügung. Heißes Glück durchströmte mich.

Voller Wärme und Zärtlichkeit legte Riinari ihre Arme um meine Taille. Schwester hast du mich genannt. Danke, Batchiribanban, das macht mich sehr glücklich. Ich weiß jetzt endlich, wer ich bin und daß ich nicht allein bin. Das bedeutet mir so unendlich viel.

Irgendwann löste sie sich wieder von mir. Es war, als schmelze sie einfach weg, jedenfalls wußte ich, daß sie jetzt endgültig in ihr Land zurückkehren wollte.

Wir verabschiedeten uns schweigend, und dann flog ich davon, zum Verwunschenen Land, meiner früheren Heimat. Oder dem, was noch davon übrig war.

*

Eine rotglühende Wolke lag über dem Alptraumland, als von Maarx, Calract und seine Drachen nahe der Grenze landeten. Hotaru hatte die ganze Zeit ihre Angriffe fortgesetzt und die Kohleprinzessinnen hatten ohne Rücksicht auf Verluste permanent zurückgefeuert. Der größte Teil des gigantischen Urwaldes war entweder eingeäschert oder stand in Flammen. Und auch die wenigen verbliebenen grünen Inseln lagen im Sterben.

"Tja, so kann's gehen", bemerkte Calract sarkastisch. Hotaru, Feuer einstellen!

Von Maarx stand da mit geballten Fäusten und versteinertem Gesicht und starrte hinüber zu dem, was von seiner monströsen Festung übriggeblieben war. Die Schußbahnen, die von innen nach außen in alle möglichen Richtungen verliefen, ließen keinen Zweifel daran aufkommen, wer für den größten Teil der Zerstörungen verantwortlich war: seine eigenen Kohleprinzessinnen.

"Calract. Dafür wirst du in der Hölle schmoren, das schwöre ich dir!"

Doch der Angesprochene tat, als habe er nichts gehört.

Ein weiterer Drache landete und Hotaru stieg ab.

"Gehen wir."

"Was, da hin?", fragte die Eiserne, die einen erschöpften und zugleich kampfeslustigen Eindruck machte.

"Klar."

"Und was willst du da noch, Calract? Dieser Schweinepriester Max oder wie er heißt ist doch hier."

"Maarx heißt er ... obwohl, Max ist gar nicht so übel, wenn ich es mir recht überlege." Er zwinkerte Hotaru fröhlich zu. "Ach ja, du weißt ja noch gar nichts von unserem kleinen Geschäft. Ich habe ihm sein Leben geschenkt, und dafür bekomme ich das Buch des Unendlichen Landes. Und Kinkiralinlin!", fügte er hinzu, sich zu Maarx umdrehend. "Das heißt, falls sie noch lebt."

"Sie lebt", antwortete der Zauberer mit tonloser Stimme.

"Aber trotzdem", fragte die Eiserne weiter, "was willst du da drin? Soll er dir das Buch und die Verräterin doch einfach geben. Da drin existiert nichts mehr."

"Irrtum. Das Buch des Unendlichen Landes ist noch da drin. Genau im Zentrum."

"Hahaha. Das will ich sehen."

"Na, dann komm mit. Und du, Max, sieh zu, daß Linlin zur Stelle ist, wenn ich zurück bin."

Von Maarx bebte vor Wut und knirschte hervor: "Ich komme auch mit. Sie wird uns unterwegs treffen."

Ohne weitere Worte setzte Calract sich in Bewegung und drang in das Alptraumland vor, das jetzt eher einen anderen Namen verdient hätte, nämlich die Hölle. Der Urwald, der jedes Eindringen so extrem erschwert hatte, war zwar ausgelöscht, an seine Stelle aber war ein Gewirr glühender Lavafelder und -ströme getreten. Kein Sterblicher konnte diese Zone betreten. Doch die beiden Zauberer und die Eiserne waren keine Sterblichen.

Der Marsch dauerte etwa vier Stunden, dann erreichten sie den zusammengeschossenen ehemaligen zentralen Hügel. Wie durch ein Wunder standen sogar noch die Grundmauern der Hütte, in der von Maarx 400 Jahre lang geschlafen hatte. Die Hütte selbst war allerdings nur noch ein Häuflein Asche. Zielsicher ging Calract an die Stelle, wo das Regal gestanden hatte, und zog das Buch, hinter dem er so sehr hergewesen war, aus dem Dreck. Wie erwartet war es völlig unversehrt. Es wirkte uralt, irgendwie zeitlos. Auch die anderen Bücher, die von Maarx dort in dem Regal verwahrt hatte, hatten das Feuer überraschend gut überstanden. Wahrscheinlich war die Hütte so schnell niedergebrannt, daß die dicken Schwarten keine Zeit gehabt hatte, Feuer zu fangen. Davon abgesehen war zumindest das Buch des Unendlichen Landes sowieso unzerstörbar.

"Wie bist du eigentlich in den Besitz davon gelangt?"

Doch von Maarx schwieg. Stattdessen wandte er sich um. Hinter ihm kniete Kinkiralinlin. Gegen die Schwärze der Nacht und der Asche, die hier praktisch alles bedeckte, hob sich ihre tief dunkelbraune Haut nicht ab, so daß man eigentlich nur ihre großen, jetzt fast schwefelgelb leuchtenden Augen sehen konnte.

"Verzeih' mir, Geliebter."

Calract war überrascht. Sollte es möglich sein, daß sie ihn tatsächlich liebte und trotzdem hintergangen hatte? Er sah Hotaru an. Die meinte lakonisch: "Soll ich mich um sie kümmern?"

Calract wußte, was das für die schöne Dämonin bedeuten würde. Einen grauenvollen, langsamen, qualvollen Tod nämlich. Er schüttelte den Kopf. "Ich weiß nicht. Ich nehme sie erst mal mit und überlege mit dann was."

"Ahhhh." Hotaru war an Kinkiralinlin herangetreten und hatte ihr mit ihrer eisernen Rechten erst den einen und dann den anderen Flügel gebrochen.

"Hotaru!"

Die Angesprochene blickte überrascht auf. In ihren Augen schimmerte die blanke Mordlust.

Calract schüttelte den Kopf. Enttäuscht ließ die Eiserne von ihrem Opfer ab. Mit zitternden Beinen erhob Linlin sich nun, schlich zu Calract hinüber, kniete vor ihm nieder und flüsterte: "Bitte, töte mich. Ich habe es verdient, mein Liebster." Dann legte sie ihren Kopf vor Calracts Stiefel auf den Boden und erwartete ergeben das, was er mit ihr machen würde.

"Steh' auf. Wir sprechen später darüber." Er drehte sich zu von Maarx um. "Was willst du jetzt machen? Bestimmt dich an mir rächen, hm, Max?"

In von Maarx' Augen stand etwas, was Calract warnte. Einige der Kohleprinzessinnen hatten sich inzwischen eingefunden, außerdem ein paar der Dämonen und Dämoninnen, die die Hölle überlebt hatten. Wie verschüchterte Kinder hatten sie sich hinter ihrem Erschaffer versteckt. Doch es erfolgte kein Angriff. Stattdessen schüttelte der Zauberer langsam dem Kopf.

"Das war mein erster Gedanke. Aber jetzt ... nein. Es wäre sinnlos. Wenn man das hier gesehen hat ..."

"Dann hast du also eingesehen, daß du nicht weiterschlafen kannst?"

Maarx nickte. "Ja. Es ist eine neue Zeit hereingebrochen, und du, Calract, bist ihr Verkünder, wenn auch eher unfreiwillig. Was ich jetzt mache? Ich weiß es noch nicht. Erst mal muß ich mich um meine Dämonen kümmern. Und dann irgendwo neu anfangen."

Calract lächelte sein wölfisches Lächeln und antwortete schließlich: "Viel Glück. Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann mal wieder. Hm, wer hätte das gedacht, daß der alte Botha nun doch noch zu seinem Land kommen wurde." Er lachte schallend, dann ging er davon.

Ja, Calract. Lache. Lache, solange du noch kannst. Oder glaubst du wirklich, ich lasse dich einfach so davonkommen?


27. Kapitel - Die Falle

Das Licht der Fackeln warf geisterhafte Schatten an die alabasternen Wände der Höhle der Eingeweihten. Calract hatte uns die verzauberte Türe geöffnet, die von seinem Tempel aus hier herunter führte. Wir, das waren ich, Batchiribanban, meine Schwester Kinkiralinlin, meine ehemalige Sklavin Kokoma, die unheimliche Hotaru und natürlich Calract selbst. Langsam schritten wir den schmalen Saumpfad hinunter in die düstere Tiefe. Unten stand der riesige, alabasterne Tisch, an dem wohl diese komischen Zauberer, die sich die Eingeweihten genannt hatten, ihre Zeremonien und Rituale abgehalten hatten. Jetzt war von ihnen nicht mehr außer ein paar Schädeln und Knochen übrig, die in den Ecken herumlagen.

Doch nicht dieser Tisch war unser Ziel. Calract hatte den Seitengang, der zum Unendlichen Land führte, mit einem schweren Tuch abgetrennt, und durch dieses ließ er uns nun ein. Drinnen erwartete uns eine die Sinne betäubende Atmosphäre: die schwere Ausstrahlung des Unendlichen Landes selbst, dessen goldener Schein hier hereinleuchtete, Räucherkerzen und -stäbchen, deren Duft meine Nase betäubte und die Sinne vernebelte, dazu eine seltsame, aus weiter Ferne erklingende Musik, die mein Schatz herbeigezaubert hatte.

Nachdem wir allen an dem Tisch, den Calract hier hatte aufstellen lassen, platzgenommen hatten, trat auch mein Mann selbst ein und ging mit schweren Schritten zum Kopfende. Unter dem Arm trug er das Buch des Unendlichen Landes, das er nun mit uns zusammen hier feierlich eröffnen wollte.

Mein Schatzi hatte uns nicht gesagt, warum er gerade uns hier zusammengerufen hatte. Vor allem wunderte mich die Anwesenheit Linlins. Eigentlich sollte sie doch unsere Feindin sein. Doch ihre glühende Liebe zu meinem Mann war zweifellos aufrichtig, und Calract hatte ihren Verrat und eine eventuelle Strafe, seit sie bei uns war, mit keinem Wort erwähnt. In den vergangenen zwei Tagen waren ihre gebrochenen Flügel immerhin wieder soweit verheilt, daß sie keine Schmerzen mehr hatte. In ein paar Tagen würde sie auch wieder fliegen können.

Calract nahm schließlich Platz. Bedächtig legte er das Buch des Unendlichen Landes auf den Tisch. Irgendwie kam mir das alles irreal vor, und selbst Calract war in Erwartung dessen, was dieses Buch ihm enthüllen würde, wie verzaubert.

Langsam blickte er nun in die Runde und musterte jeden von uns intensiv. Ausgerechnet Kokoma war es, die fragte: "Herr, warum bin ich hier? Warum gerade ich? Ich bin nur eine kleine Hexe, eine Sklavin, die weder mit dem Unendlichen Land noch mit diesem Buch etwas zu tun hat."

Auch in Linlin brannte diese Frage auf der Zunge, doch sie schwieg. Genau wie ich.

"Du hast vielleicht Recht. An deiner Stelle sollte Alessandra sitzen. Aber ich glaube nicht, daß die Goldene Königin jetzt Kenntnis von dem erhalten sollte, was wir in diesem Buch finden werden."

"Aber wissen wir das denn nicht längst?", warf Hotaru ein. "Diese Geschichte mit Choru Ellis ..."

Jeder kannte diese Story in der einen oder anderen Version. Der Zikadenmann hatte auf seinem Weg so viele Menschen abgeschlachtet, daß die Behörden der betroffenen Länder und Provinzen noch Jahre später mit der Vernehmung von Zeugen und der Sicherung von Spuren beschäftigt gewesen waren. Auch Thoran, der bei diesen Ereignissen immerhin seine geliebte Frau verloren hatte, hatte nachgeforscht, und herausgekommen war, daß Ellis all diese detaillierten Informationen nicht auf gewöhnlichem Wege erhalten haben konnte. Das Gerücht, daß irgend jemand ihm das Buch des Unendlichen Landes in die Hände gespielt hatte, wahrscheinlich ein Agent von von Maarx, war nie verstummt. Sicher hätte Thoran eines Tages den Beweis angetreten, wenn er die Zeit gehabt hätte. Doch Calract war ihm dazwischengekommen.

Dieser schüttelte nun den Kopf. "Nein. Dies ist kein gewöhnliches Buch. Was darin steht, hängt ab von dem, der es liest. Und davon, welche Fragen er stellt und was er erwartet. Ellis wollte Gold, nur Gold. Also hat das Buch ihm den Weg zum Gold gewiesen. Wir hingegen - oder zumindest ich - will Antworten. Alessandra würde sicher etwas ganz Anderes suchen."

Hotaru war die ganze Zeit nervös auf ihrem Stuhl herumgerutscht. Jetzt knallte die Hände auf die Tischplatte und stand ruckartig auf. "Ich will keine Antworten. Das, was ich jetzt bereits weiß, ist schon schlimm genug. Und die da", sie zeigte auf Linlin, Kokoma und mich, "die spielen doch hier nur deine Schießbudenfiguren."

Ich war überrascht. Selten hatte ich die Eiserne so wütend, ja fast außer sich erlebt. "Was, wenn dieses Buch dir genausoviel Unheil bringt wie diesem Zikadenmann? Ich will davon jedenfalls nichts wissen!"

"Warte es doch ab", antwortete Calract geheimnisvoll. Aus irgendeinem Grund beruhigte Hotaru sich und nahm wieder Platz.

"Dann wollen wir mal."

"Calract, nicht!" Ich konnte das Unheil fast körperlich spüren, doch mein Mann schenkte mir keine Beachtung.

Dennoch zitterten seine Finger leicht, als er seine Hand auf das Buch zubewegte, um es nun endlich aufzuschlagen. Er zuckte zusammen, als plötzlich Kinkiralinlin aufsprang und rief: "Calract Liebster, ich halte es einfach nicht länger aus. Sei nicht so grausam zu mir so zu tun, als wäre nichts gewesen." Ihre bernsteingelben Augen bettelten ihn geradezu an, und ihre Ohren vibrierten leicht.

"Du willst bestraft werden." Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Linlin nickte heftig. "Und dann?"

"Dann?", echote sie zurück.

"Ja, was dann? Dann bist du wieder reingewaschen, deine Schuld ist von dir genommen. Weißt du, Linlin, diese kleinbürgerliche Moral hat mich nie interessiert. Ich urteile, wie ich will. Du wirst nicht bestraft, sondern du wirst mir dienen und alles tun, was ich von dir verlange."

"Ja, Liebster", hauchte sie und setzte sich mit zitternden Knien wieder hin und leckte mit ihrer langen, schwarzen Zunge über ihre vollen Lippen.

"Denk' bloß nicht an sowas!" zischte ich sie an. "Wenn du meinen Mann anrührst, dann werde ICH dich bestrafen, darauf kannst du Gift nehmen!" Doch innerlich zweifelte ich, ob ihr wirklich etwas hätte antun können, ob ich es ihr überhaupt würde übelnehmen können. Calract liebte mich, das wußte ich. Aber konnte er nicht - auf andere Art - noch mehr Mädchen oder Dämoninnen lieben? Konnte ich ihn besitzen, ganz für mich allein? Ich mußte ihm einfach vertrauen. Ich seufzte leise. Kinkiralinlins Anwesenheit machte mein Leben nicht leichter, aber schöner. Schischi war fort, sie würde nie mehr wiederkommen, und ich war froh, wenigstens eine meiner Schwestern bei mir zu haben. Viele waren ja nicht mehr übrig. Und Linlin hatte einen scharfen Verstand, wenn auch eine gewisse Verschlagenheit. Sie war eine hoch interessante Persönlichkeit, und ich mochte sie sehr.

Nun also schlug Calract den Lederdeckel des Buches endlich auf und begann mit leiser Stimme vorzulesen. Atemlos vor Spannung lauschten wir dem, was wir nun zu hören bekamen.

Stelle Dir ein unendlich großes und unendlich tiefes Meer vor, darüber ein unendliches leeres Nichts, beides getrennt durch eine unendlich dünne Fläche, jedoch für das Wasser des Meeres durchlässig. Dein Geist steht auf dieser Fläche in einer vollkommen leeren Welt, in der keine Luft, keine Sterne, keine Materie existiert, nicht einmal Licht. Nur Du im Nichts.

Stelle Dir vor, jemand berührt das Wasser. Eine Welle entsteht, deren obere Hälfte die Fläche durchdringt und das Nichts mit Etwas füllt, während die untere Hälfte, dort wo zuvor Wasser war, nun stattdessen mit einem kleinen Teil des Nichts gefüllt wird.

Die Welle wandert weiter und vergeht schließlich. Das Nichts ist wieder vollkommen leer. Das Etwas, das sich für kurze Zeit in der Welt des Nichts befunden hat, ist an seinen natürlichen Platz zurückgekehrt.

Du stehst auf dieser Fläche, und die Tatsache, daß Du existierst, verdankst Du dem Umstand, daß jemand eine Welle erzeugt hat, die das Nichts mit Etwas, mit Materie gefüllt hat, und daß er eine Methode gefunden hat zu verhindern, daß das Etwas das genau gleichgroße Loch im Meer wieder füllt und das Nichts wieder vollkommen leer zurückläßt. Denn für jedes Stück in unserer Welt, für jeden Gegenstand, jedes Lebewesen, jeden Stern am Himmel, gibt es in der negativen Welt ein genau passendes Loch, so daß beide sich genau aufheben und nur das vollkommen leere Nichts zurücklassen würden.

Und dieses Mittel, den Ausgleicht zu verhindern, kennen die Eingeweihten als das Unendliche Land, geschaffen von den Göttern, um die Welt der Materie und die negative Welt der Löcher für alle Zeiten getrennt zu halten. So wurde die Welt erschaffen, und das Leben und die Existenz aller Dinge konnte beginnen.

Die Götter haben aber nicht nur das Unendliche Land erschaffen und dann die Welt aus dem Nichts hervorgeholt, sie haben auch magische Gegenstände in die Welt gebracht, um ihre Schöpfung kontrollieren zu können.

Die magischen Gegenstände sind unterteilt in fünf Kategorien. Einmal gibt es die Zugänge zum Unendlichen Land, zum zweiten die Inversen Wächter, zum dritten die Großen Magier, zum vierten ...

"Zum vierten ..." Die Seite war zu Ende. Mir war es, als erwachte ich aus einer Trance. Calract blätterte um.

Er wurde blaß. Selbst in dieser unwirklichen Umgebung konnte ich das genau erkennen. Die nächste Seite war leer. Hektisch wanderten Calracts Augen erst das linke und dann das rechte Blatt entlang. Doch halt, ganz unten am Rand stand etwas. FAHR' ZUR HÖLLE, CALRACT!

Mit einem lauten Knall stürzte die Luft in das Vakuum, das Calract und das Buch hinterlassen hatten. Sie waren beide übergangslos verschwunden. Weg. Einfach so.

*

Irgendwann begann mein Herz wieder zu schlagen, aber es war nicht mehr dieselbe Welt, in der ich mich wiederfand. Es war eine Welt ohne Calract, und wie die aussehen sollte, das konnte ich mir im Moment nicht einmal vorstellen.

Da wurde der Vorhang zurückgeschlagen und Calract und Riinari traten ein.

Der Zauberer sah sich um. "Es hat also tatsächlich keiner von euch gemerkt, daß das da eben nur ein Doppelgänger von mir war, ein Golem." Er lachte leise. "Hat dieses ganze Brimborium doch genützt." Klar, meinen scharfen Sinnen konnte so leicht niemand etwas vormachen. Doch Calracts Täuschung war perfekt gewesen. Deswegen auch die Musik und die Räucherkerzen.

"Calract ..."

"Schon gut, ich erklär's euch. Also: anscheinend hat Maarx sich für besonders schlau gehalten und schon bei meinem ersten Besuch eine Falle für mich vorbereitet, die jetzt zugeschnappt ist. Nur bin halt nicht ich hineingeraten, sondern mein Doppelgänger, den ich mir extra dafür erschaffen habe. Maarx wird noch viel Freude an ihm haben." Calract brach in schallendes Gelächter aus.

Ich fühlte mich, als schwebte ich neben mir. Ich wollte irgend etwas sagen, wollte weinen und lachen zugleich, doch ich war wie versteinert. Auch den anderen ging es so, Hotaru vielleicht ausgenommen. Doch auch an ihr war dieses Ereignis nicht spurlos vorübergegangen. Irgendwie kam es mir immer noch vollkommen irreal vor. Aber langsam dämmerte mir auch, über welch unglaubliche Zauberkräfte mein Mann verfügen mußte, und über welche Schlauheit. Er war so toll! Aber von Maarx ... auch er war unglaublich gefährlich. Würde ich meinen Schatz überhaupt vor ihm beschützen können?

Calract musterte nun Kinkiralinlin. "Ich sehe, du hattest diesmal keine Ahnung."

In der Tat, meine Schwester war von Maarx' heimtückischer Falle genauso überrascht gewesen wie wir anderen. Sie verstellte sich nicht. Jetzt versuchte sie etwas zu sagen, doch über ihre zitternden Lippen kam kein Laut.

Ich schüttelte den Kopf, wollte diese Aura des Unwirklichen abschütteln.

"Gedulde dich noch etwas, Mäuschen. Was du jetzt spürst, ist die Nebenwirkung des Zaubers, den Maarx auf das Buch des Unendlichen Landes gelegt hat und der meinen armen Stellvertreter irgendwohin ..." Calract seufzte. "Wir werden ihn nie wiedersehen. Ich bin sicher, daß der Ort, an der er sich jetzt befinden, den Namen Hölle zu Recht trägt. Aber er ist darauf vorbereitet."

"Calract!" Ich warf mich in seine Arme und er drückte mich fest an sich. Dieser Moment, als ich geglaubt hatte, ihn verloren zu haben - so etwas Grauenvolles hatte ich noch nie in meinem Leben durchgemacht. Und in diesem Moment schwor ich meinem Schöpfer Boris von Maarx grausame Rache. Und überhaupt: er war nicht mein Schöpfer. Schließlich hatte ich vorher ja schon mein eigenes Leben gehabt. Wie und warum ich zu seiner Dämonin geworden war, daran konnte ich mich nicht mehr erinnern, aber von diesem Moment an hatte ich mit ihm nichts mehr zu schaffen.


26. Kapitel - Die Dämonin und der General

Die nächsten Monate vergingen wie im Fluge. Calract entwickelte eine enorme Aktivität, weilte oft wochenlang in Lunaloc, wo er weitere Drachen erschuf, suchte regelmäßig Hotaru in Alessandrina auf, wurde aber auch ab und zu in den Ruinen des Schwarzen Schlosses und das ein oder andere Mal auch bei Riinari gesehen. Der Grund dafür lag natürlich auf der Hand: irgendwo im Hintergrund lauerten drei mächtige Feinde, und der Schwarze König versuchte alles, seine Kräfte zu bündeln und Verbündete zu finden.

Die Lichtgöttin Riinari war, seit sie die direkte Konfrontation mit ihrem Erschaffer gesucht hatte, Calract gegenüber so kooperativ, wie ihre zurückhaltende Natur das nur zuließ, denn sie wußte, daß davon auch ihre eigene Existenz abhing. Calract hatte Orna mit seinen Truppen besetzt, und zusammen mit Riinaris Präsenz war es ausgeschlossen, daß von Maarx dort erscheinen und irgend etwas unternehmen konnte, ohne daß Calract es mitbekam.

Calracts intelligente, tatkräftige und entschlossene Frau Batchiribanban half ihm, so gut sie konnte, und sie war es auch, die schließlich den Finger auf seine schwache Stelle legte: Calract war als Stratege eher mittelmäßig. Dank seiner unglaublichen Zauberkräfte hatte er besonders tiefsinnige Pläne nie nötig gehabt, er hatte sich sein Weltreich auch so erobern können. Doch diese Situation erforderte mehr. Die Teile seines Reiches und die Territorien seiner Verbündeten lagen über die ganze bekannte Welt verstreut. Batchiribanban war es dann auch gewesen, die ihrem Mann den Vorschlag gemacht hatte, einen Profi anzuheuern, der Calracts Kräfte besser zur Wirkung bringen konnte.


"Ralph de Roqueville!"

"Ralph der Wer?" Kinkiralinlin hatte diesen Namen noch nie zuvor gehört, doch Batchiribanban nickte eifrig und wedelte mit ihren Ohren zustimmend auf und ab. Dann sahen sie beide Calract an.

"Also, Linlin-Schätzchen, du wirst diesen Mann suchen und hierher bringen."

"Jawohl, mein Liebster. Tot oder lebendig."

"Äh, nein, nein, so war das nicht gemeint. Roqueville ist der beste General, den es in der bekannten Welt gibt. Es ist unmöglich, ihn dazu zu zwingen, für mich zu arbeiten. Du mußt ihn dazu bringen, es freiwillig zu tun. Das ist die Schwierigkeit dabei. Hast du das verstanden? Biete ihm Geld oder was auch immer er will, irgend etwas wird sich schon finden. Du kannst ja in seinen Gedanken lesen. Ich denke nicht, daß es so schwierig werden wird, denn er hat schon für viele Reiche gekämpft. Er ist ein Söldner, der immer für den arbeitet, der am meisten zahlt oder den interessantesten Auftrag hat. Also mach' ihm den Mund wäßrig, aber ohne Gewalt und Drohungen. Klar?

"Klar, mein Schatz. Ich ... äh, wo finde ich diesen Ralph de Dingsbums eigentlich?"

"Keine Ahnung. Das mußt du selbst herausfinden."

Linlin sah ziemlich verdattert aus. Etwas hilflos schaute sie zu Batchi hinüber, und die meinte: "Zuletzt hat er für Delandau gearbeitet. Vielleicht weiß man dort, wo er hingegangen ist."

"Delandau. Unser Nachbarstaat." Damit spielte die schwarzhäutige Dämonin darauf an, daß ihre Heimat, das Verwunschene Land, welches inzwischen von Fürst Botha offiziell seinem Reich einverleibt worden war, östlich an Delandau grenzte.

Calract meinte: "Ich habe vom alten Botha die Erlaubnis bekommen, im ehemaligen Alptraumland ein Verbindungsbüro zu eröffnen, was ich vor ein paar Wochen auch getan habe. Es ist zwar nur mit einem einzigen Dämon besetzt, aber du kannst immerhin mit einem Drachen dort hinfliegen. Ach, und übrigens, bevor du losfliegst solltest du dir von Kokoma warme Kleider machen lassen. In Delandau liegt um diese Jahreszeit oft schon Schnee."

"Waaas! Kleider ... ich? Aber ..."

"Ist was, Linlin?"

"Nein, mein Geliebter."

Batchi warf Linlin dafür einen bösen Blick zu, aber die grinste still in sich hinein.


"Donnerwetter!"

Kokoma und die Sklavinnen, die ihr inzwischen bei den zahlreichen Arbeiten halfen, hatten immerhin zwei Tage gebraucht, aber das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Kinkiralinlin steckte in einem eleganten Pelzmantel, der ihr durch seine edlen Materialien, die meisterhafte Verarbeitung und den maßgenauen Schnitt ein fast hoheitliches Aussehen gab. Auf dem Kopf trug sie eine mit Silberornamenten geschmückte Pelzmütze, die sogar den größten Teil ihrer Ohren wärmte, ohne deren Beweglichkeit allzusehr zu behindern. Die Flügel konnte die Dämonin in spezielle Falten zurückziehen, so daß auch diese schön warmgehalten werden konnten.

Linlin drehte sich vor dem Spiegel um sich selbst, und Kokoma, die daneben stand, strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Ihre schönen roten Augen leuchteten vor Stolz geradezu.

Im Gegensatz zu Batchiribanban, die zu Kokoma ein sehr inniges Verhältnis pflegte, das über Freundschaft weit hinausging, hatte Kinkiralinlin sich für die schöne Hexe aus Güstra, die in ihren roten Kleidern und dem Jade-, Amethyst- und Silberschmuck, den sie auch jetzt wieder trug, einfach umwerfend aussah, nie sonderlich interessiert. Es war jetzt vielleicht das erste Mal, die sie ihr wirklich tief in die Augen sah. "Das war wirklich eine hervorragende Arbeit, Kokoma. Ich hätte nie gedacht, daß es soviel Spaß machen kann, Kleidung zu tragen." Kokoma errötete leicht. "Das habe ich doch gern getan, Frau Kinkiralinlin."

"Linlin. Nenne mich einfach Linlin."

"Gern!" Kokoma stellte sich auf die Zehenspitzen, so daß sie Linlins Gesicht erreichen konnte, hauchte ihr ein Küßchen auf die Backe und sprang dann fröhlich davon.

Süß, die Kleine. Tja, dann wollen wir mal.

Der Drache war schon da. Linlin hatte sich eine Tasche umgezogen, in der sie die wichtigsten Sachen mit sich tragen konnte. Dann kletterte sie auf den Rücken des großen Drachens, und der hob ab, kaum daß sie richtig saß.

"Wiedersehen, Linlin, und alles Gute!" Eine Zeitlang flog Batchiribanban noch neben ihr her und winkte ihr mit ihren Ohren aufgeregt zu, doch als der Drache immer mehr beschleunigte, fiel sie schließlich zurück und kehrte um.

Der Drache flog zunächst nach Orna. Etwa 100 Dämonen der Lunaloc-Armee, darunter auch fünf Drachen, waren dort stationiert. Sie hielten schwerpunktmäßig das ehemalige Schloß besetzt, unter dessen Mauern sich die Heilige Stätte verbarg, waren aber auch am Boden und in der Luft regelmäßig auf Patrouille. Mit der Bevölkerung gab es keinerlei Schwierigkeiten, nachdem die Göttin des Lichtes bei den Orna-Leuten erschienen und die Lunaloc-Dämonen als ihre Freunde und Beschützer eingeführt hatte.

Riinari wurde in Orna abgöttisch verehrt, und so hatten auch Calracts unheimliche Soldaten dort eine Aufnahme gefunden, die erheblich herzlicher war als das, was die Dämonen und ihr König sonst so gewohnt waren. Dafür hatte Calract seine Kinder angewiesen, mit den Menschen zu kooperieren und ihnen so gut es ging zu helfen. Das war nicht mal ganz uneigennützig, denn schließlich konnten die Dämonen nicht überall sein. Vielleicht fiel einem der Menschen ja mal etwas auf, und dann wußten sie, an wen sie sich vertrauensvoll wenden konnten.

Davon abgesehen waren die Dämonen im Palast unter sich, denn kein Bewohner des Orna-Landes würde jemals freiwillig seinen Fuß in dieses Gebäude setzen, wo ihr Tyrann so lange gelebt hatte. Und selbst die Dämonen ließen Tuurns Privatquartiere unangetastet, wenn es möglich war. Das, was sie bisher dort schon gefunden hatten, hatte ihnen gereicht.

Jedenfalls war Orna inzwischen ein regelmäßiger Anflugpunkt der Drachenpostlinie, wenn auch nicht als Poststation. Dafür war die Zeit in Orna noch nicht reif. Der Drachen, auf dem Linlin reiste, landete dort also nur zwischen, erkundigte sich nach Neuigkeiten und startete etwa eine Viertelstunde später wieder. Nächstes Ziel war Kalohe, wo Linlin in der Station übernachten mußte. Dort wechselte auch der Drachen, und so flog sie am nächsten Morgen mit einem anderen weiter zu der kleinen Station im Verwunschenen Land, das inzwischen den offiziellen Namen Prinz-Harro-Land trug.

Benannt war dieses Gebiet allerdings nicht nach dem Weißen König, sondern nach dessen Enkel, mit dem Alessandra inzwischen schwanger war. Wobei allerdings noch niemand wußte, ob es überhaupt ein Junge werden würde. Vielleicht benannten sie das Land wieder um, wenn es ein Mädchen werden würde.

Kinkiralinlin war es egal. Seufzend sah sie den Postdrachen davonfliegen, dann ließ sie ihre bernsteingelben Augen über das Land schweifen, das 400 Jahren lang ihre Heimat gewesen war. Doch diese existierte nicht mehr. Die Reste des Alptraum-Dschungels waren erloschen, abgestorben, zusammengebrochen. Über die toten Bäume machten sich bereits Bothas Holzfäller her. Die Baumriesen lieferten Unmengen an hochwertigem Holz, das über den Siina und seine großen Nebenflüsse leicht verfrachtet werden konnte und ein glänzendes Geschäft versprach. Die Staatskasse des ansonsten nicht gerade reichen Botha-Landes würde kräftig klingeln, und nebenbei hatten auch die Flößer aus den umliegenden Ländern für die nächsten Jahre ausgesorgt.

Kinkiralinlin bemerkte neben sich den Lunaloc-Dämon, der das Häuschen bewohnte, das hier die Poststation darstellte. Post gab es durchaus, denn die Holzfäller und Händler waren allesamt Gastarbeiter, die von weither kamen und die Gelegenheit, ihren Familien Briefe und auch Geld zu schicken, gerne nutzten.

Der Dämon war ein seltsamer Gnom, selbst mit Beinen kaum mehr als einen Meter hoch, aber fast ebenso breit mit einem ziegelsteinförmigen, rechteckigen Körper und einem ebenfalls rechteckigen Kopf, der auf zwei Hälsen ruhte. Er hatte dicke, kurze Beine und vier lange, schlangenartige Arme. Statt eines Gesichtes füllte eine seltsame, violett schimmernde unregelmäßige Fläche die Frontseite seines Kopfes aus. Linlin kniete sich nieder, so daß ihr Gesicht sich schließlich etwa auf der Höhe des Kopfes des Dämons befand. Mit ihren Raubtieraugen, auf die sie so stolz war, sah sie verloren in die irisierende violette Fläche, während ihre Krallen den gefrorenen, staubigen, mit Asche durchsetzten Boden durchpflügten.

Du bist also Kinkiralinlin. Ich habe mir dich ganz anders vorgestellt, sprach der Dämon plötzlich in ihren Gedanken.

Linlin schüttelte den Kopf. Dieses Wesen sah aus wie ein bizarrer Zwerg, aber dahinter verbarg sich anscheinend ein wacher Verstand. In Linlins Kopf ertönte ein leises Lachen. Dann griff der Dämon mit dreien seiner Hände nach Linlins rechtem Fuß und begann, ihn intensiv zu studieren.

Praktisch. Sieh mal, ich habe nicht mal Fingernägel, geschweige denn solche langen Krallen.

In der Tat hatte der Dämon an den Enden seiner Finger kleine Saugnäpfe. Zehen besaß er gar keine, seine gesamten Fußflächen waren jeweils auch ein Saugnapf.

Die nutzen mir hier in dieser verbrannten Aschenlandschaft leider nicht sehr viel.

Kinkiralinlin seufzte traurig.

Ich verstehe. Ich kann in deinen Gedanken sehen, wie es hier einmal ausgesehen hat. Komm' doch mit rein, da können wir uns ein bißchen unterhalten.

Linlin schüttelte den Kopf, doch der Dämon zog und schob sie solange an, bis sie schließlich mitkam.

Manchmal hilft es, wenn man darüber redet. Oder daran denkt.

"Ich will aber nicht mehr daran denken! Dann muß ich nur weinen." Traurig ließ Linlin ihre Ohren herabhängen.

Tröstend streichelte der Dämon, dessen Namen Kinkiralinlin immer noch nicht wußte, mit seinen dreifingrigen Händen über ihr Gesicht. Schließlich nahm sie ihn mit ihren Beinen und drückte ihn ganz fest an sich. Ihre Heimat so zu sehen war fast mehr, als sie ertragen konnte.

"So schlimm habe ich es mir nicht vorgestellt", flüsterte sie schließlich, und setzte den Dämon wieder ab.

Wenn du willst, kann ich den Schmerz ein wenig von dir nehmen.

"Und wie?"

Entspanne dich einfach. Ich werde dir schöne Gedanken schicken.

Kinkiralinlin seufzte ergeben und ließ sich von dem Lunaloc-Dämon hypnotisieren. Sie vergaß nicht, wo sie war, aber es erschien ihr auf einmal sehr weit weg und sehr unwichtig. Seltsame Bilder wanderten durch ihren Kopf, schließlich erschien ihr eine junge, dunkelhäutige Frau, die sie allerdings nur von hinten zu sehen bekam.

Das bist du. So hast du vorher ausgesehen. Soll ich dir noch mehr zeigen?

"Was für ein seltsames Wesen bist du eigentlich?", murmelte die Orna-Dämonin.


Irgendwann kam sie wieder zu sich. Es war schon Nachmittag. Der gnomenhafte Dämon stand unbeweglich neben ihr. Na, besser?

In der Tat fühlte Kinkiralinlin sich frisch und erholt. So vieles hatte sie bedrückt, nicht nur der Verlust ihrer Heimat. Auch, daß sie den Mann, den sie liebte, nicht bekommen konnte, weil er schon eine andere hatte - ihre beste Freundin. Welche Ironie.

Überleg' mal, warum Vater ausgerechnet dich auf diese Reise geschickt hat!

Kinkiralinlin sah den Dämon fragend an, doch der antwortete nur mit einem ironischen telepathischen Lachen, das Linlin fast an Calract erinnerte.

Nun, wenn es soweit ist, wirst du schon darauf kommen. Geh' jetzt. Wenn du jetzt losfliegst, kannst du Aramus noch bei Tageslicht erreichen. Es ist ja nicht so weit.

In der Tat waren es von hier bis zur Hauptstadt Delandaus keine 100 Kilometer. Ohne noch etwas zu sagen, verließ Kinkiralinlin das Haus wieder. Draußen standen zwei Männer, die Briefe aufgeben wollten. An der Tür hing ein Schild "Geschlossen", das der Dämon jetzt umdrehte. Die Männer waren beim Anblick der Dämonin leicht zusammengezuckt, beruhigten sich dann aber wieder und gingen in die Station. Linlin kümmerte sich nicht weiter um sie, faltete ihre Flügel auf und flog davon.

*

Schon von weitem sah Kinkiralinlin aus der Luft, daß die Hauptstadt Delandaus einer belagerten Festung glich. Die Stadttore waren allesamt geschlossen und sowohl von innen als auch von außen durch zahlreiche Soldaten gesichert. Auch patrouillierten überall Soldaten die Straßen auf und ab. Aber das war noch nicht alles. Die Dämonin sah auf den Straßen mehrere Gefangenenwagen, in denen zahlreiche Menschen unter wenig erfreulichen Bedingungen befördert wurden. Meist zu Massenhinrichtungen.

So ist das also. Anscheinend ist der Aufruhr inzwischen offen ausgebrochen oder kurz davor, und König Delandau greift hart durch.

Die Dämonin fragte sich, ob sie unter diesen Umständen wohl zum Zuge kommen würde. Schließlich erspähte sie eine aus nur zwei Mann bestehende Gruppe von Soldaten, die ein gutes Stück außerhalb der Stadt auf einem steilen Pfad einen Abhang hinaufkraxelten.

Die beiden Soldaten erreichten gerade schwer atmend den Grat, als Kinkiralinlin kurzerhand vor ihnen landete und sich ihnen in den Weg stellte. Die Männer zogen sofort ihre Schwerter, doch die segelten beide einen Augenblick später bereits in hohem Bogen durch die Luft. Schreiend vor Schmerzen hielten die Ritter sich ihre gebrochenen Handgelenke. Mit ihren Krallen schlitzte Kinkiralinlin ihnen dann auch noch die eisernen Rüstungen auf, ohne allzu genau zu zielen, so daß auch dabei einiges an Blut floß. Dann stellte sie ihren Angriff ein und sah die beiden Männer scharf an.

"Wenn ihr mir meine Fragen beantwortet, dann lasse ich euch leben, ihr Burschen. Also! Wo ist General Ralph de Roqueville?"

Die beiden sahen einander entsetzt an, und Kinkiralinlin konnte die Antwort in den Gedanken des einen der beiden lesen.

"Gib' die keine Mühe, es zu verbergen. Ich bin Telepathin und kenne die Antwort bereits, weil du daran gedacht hast. König Delandau hat ihn also ins Verließ werfen lassen, weil er den Aufstand in den Kirchenländern nicht niedergeworfen hat und dieser jetzt auf sein Land übergegriffen hat. Vielleicht sollte Delandau sich mal überlegen, warum die Leute hier ihn gerne loswerden wollen. Aber das ist nicht mein Problem."

Sie fixierte den Ritter, es war ein Leutnant der königlichen Garde, mit ihren gelben Augen sehr intensiv. "Und jetzt wirst du genau an den Palast denken, wie es dort aussieht und wie man unauffällig in den Kerker kommt!"

"Herrin, bitte ... er wird uns töten."

"Du sollst an das Schloß denken! Sonst töte ich dich."

"Ja, Herrin." Die beiden Ritter waren sehr schnell folgsam geworden, nachdem die Orna-Dämonin nicht mal zwei Sekunden gebraucht hatte, sie zu besiegen und ziemlich schwer zu verletzen.

"Aha, so ist das also." Kinkiralinlin entspannte sich, und die Ritter folgten ihrem Beispiel. Linlin sagte zu ihnen: "Also, wenn ich an eurer Stelle wäre, würde ich nach Kalohe oder rüber ins Verwunschene Land zu Calracts Poststation gehen und mir einen Transitschein in die Westkolonie besorgen. Calract nimmt jeden, der das Land dort besiedeln will, ihn als König anerkennt und pünktlich seine Steuern zahlt. Dort seid ihr sicher. Niemand denkt da im Traum an einen Aufstand oder so was."

Die beiden Soldaten sahen Linlin mit großen Kinderaugen an.

Sie haben hier ihre Familien. Kinkiralinlin las es in ihren Gedanken. Sie schüttelte den Kopf. "Von mir wird niemand erfahren, wer mir die Informationen gegeben hat. Aber so wie ich die Sache sehe, ist das Pflaster hier ziemlich heiß. Es ist eure Entscheidung." Sie faltete ihre Flügel auseinander und flog davon.

Es war inzwischen kurz vor sechs Uhr und damit schon so dunkel, daß Kinkiralinlin unbeobachtet über die Stadt zur Burg fliegen konnte.

Hm, seltsame Architektur.

Es war nicht klar, welchem Zweck dieses Schloß eigentlich dienen sollte, denn einerseits wirkte es mit seiner offenen Architektur verspielt, andererseits gab es aber viele nachträgliche Anbauten, die es völlig verunstalteten und offensichtlich dem Zweck dienten, daraus eine Festung zu machen. Offenbar hatte König Delandau, der es angeblich selbst entworfen hatte, sich seine Regierungszeit anders vorgestellt. Jetzt mußte er sich vor seinen eigenen Untertanen verstecken.

Das ist fast zu leicht. Uns - Calract und den Wesen in seinem Umfeld - fallen die Siege praktisch in den Schoß. Einer nach dem anderen. Die Menschen sind für uns keine ebenbürtigen Gegner. Jedenfalls nicht diese kleinen Provinzfürsten wie Delandau.

Kinkiralinlin landete auf der Spitze des Daches des höchsten Turmes und sah sich in aller Ruhe um. Es war eisigkalt, aber trocken, so daß ihre Füße auf den Ziegeln guten Halt fanden. Unten, im Palastbezirk und weiter draußen in der Stadt, herrschte reges Treiben, allerdings kein friedliches. Die Soldaten gingen brutal vor und durchsuchten ein Haus nach dem anderen, wogegen die Bewohner heftig, aber erfolglos protestierten. Es gab so machen Verwundeten dabei.

In einem Hof wurden gerade ein paar Galgen aufgebaut.

Linlin schwebte vorsichtig tiefer hinab und drang dann durch eine Luke in das Innere des Turmes ein. Sich nach unten zu den Verließen vorzuarbeiten, dauerte eine Zeitlang, war für sie aber völlig problemlos, denn mit ihren telepathischen Fähigkeiten konnte sie leicht jedem Wachposten ausweichen.

Hier also. Sie stieß eine Tür auf, hinter der vier Männer, die Aufseher des Burg-Gefängnisses, gerade bei einem Saufgelage saßen und Karten spielten.

Ehe sie wußten was ihnen geschah, hatte Linlin sie mit gut gezielten Tritten alle vier ins Land der Träume geschickt, dann nahm sie dem Oberaufseher den großen Schlüsselbund ab und trug in ihn ihrem Fang nach draußen.

Sie versuchte, die Tür der Wachstube von außen zuzuschließen, weil sie nicht genau wußte, wann die Wärter wieder zu sich kommen würden. Der Schlüsselbund enthielt aber an die dreißig Schlüssel und war damit sehr schwer. Und die Schlüssel waren natürlich nicht dafür gemacht, mit den Füßen benutzt zu werden. Mühsam probierte die Dämonin einen nach dem anderen durch, aber der schwere Bund entglitt ständig ihren Zehen und knallte jedesmal mit einem lauten Scheppern zu Boden, so daß Linlin schließlich entnervt aufgab.

Was für eine Ironie. Eine ganze Armee kann mich nicht aufhalten, aber an diesem Schlüsselbund scheitere ich. Sie spreizte ihre Zehen so weit sie konnte, ließ sie langsam die Tür heruntergleiten und fixierte sie dabei wütend und hilflos zugleich. Also gut, mit meinen schönen Füßen kann ich es nicht, und Hände hat mein Erschaffer leider vergessen, aber ich will verdammt sein, wenn ich das nicht irgendwie schaffe.

Entschlossen nahm die Dämonin den Schlüsselbund erneut zwischen die Zähne und huschte dann tiefer in das Verließ, hinein in die Dunkelheit. Fackeln hätte es zwar gegeben, aber ohne Arme und Hände war sie nicht in der Lage, eine mitzunehmen. Der Schlüsselbund machten ihr schon mehr als genug Probleme.

Aha, hier ist es. So Kinkiralinlin, jetzt denk' mal scharf nach.

Sie stand vor einer Tür, die sie nicht sehen konnte, weil vollkommene Dunkelheit herrschte. Im Mund trug sie die Schlüssel, die sie nicht benutzen konnte, schon allein deshalb, weil sie das Türschloß nicht sah. Sie richtete ihre feinen Sinne auf die Tür und begann, sie langsam mit ihren Zehen abzutasten.

Da ist das Schlüsselloch. Aber das ist völlig aussichtslos, Wenn ich das schon bei den Wächtern im Hellen nicht geschafft habe, habe ich hier erst recht keine Chance. Naja, dann also mit Gewalt.

Sie konnte de Roqueville hinter der Tür orten. Er lag anscheinend auf seiner Pritsche und döste vor sich hin.

Kinkiralinlin fuhr ihre Krallen aus und hieb sie mit voller Wucht erst gegen das obere und dann gegen das untere Scharnier. Das spröde Metall zersplitterte, und dann konnte die Dämonin die Tür auftreten.

"Was ...?"

De Roqueville sah nur zwei gelb glühende Augen inmitten tiefster Dunkelheit. Um ihn nicht zu erschrecken, bliebt Linlin erst mal unter der Tür stehen.

Verflixt, jetzt habe ich ihn befreit, aber was soll ich sagen. Mir fällt einfach nichts Vernünftiges ein.

"Du ... du bist also General Ralph de Roqueville."

Der Angesprochene fuhr auf. "Ein Mädchen?"

"Nicht ganz. Calract schickt mich. Mein Name ist Kinkiralinlin, und ich bin eine Dämonin. Ich soll dich finden und dazu überreden, für Calract zu arbeiten."

De Roqueville schwieg eine Zeitlang, dann meinte er: "Du mußt ziemlich gute Augen haben, wenn du dich hier unten in dieser Finsternis zurechtfindest, Kinkiralinlin."

"Nenne mich einfach Linlin. Und ... naja. Komm einfach mit. Dann siehst du selbst, warum ich kein Licht dabeihabe."


Der General betrachtete die unter einer halb heruntergebrannten Fackel stehende Dämonin intensiv. Kinkiralinlin zog ihre Ohren hoch und breitete dann auch ihre Schwingen aus. "Also, so was wie Arme und Hände habe ich schon, nur sind sie nur zum Fliegen gut. Also, äh ..."

De Roqueville war näher an Linlin herangetreten.

"Du ... an was denkst du denn da?"

"Hm?"

"Ja, ich kann Gedanken lesen und ... oh, die Wachen kommen wieder zu sich." Kinkiralinlin fuhr herum, doch de Roqueville war noch schneller. Er stieß die Tür des Wachraumes auf, sprang mit einem Hechtsprung hinein, riß das erst beste Schwert an sich und streckte die vier Wachen augenblicklich nieder.

"Hui, das waren anscheinend nicht deine Freunde."

Wortlos zog der General seine dreckige Jacke aus. Kinkiralinlin zuckte zusammen, als sie die schrecklichen Narben und Brandwunden sah, aus denen immer noch Blut und Eiter sickerten.

Wieder sahen die beiden sich tief in die Augen. De Roquevilles Gesicht war hinter einem wild wuchernden Bart und verfilzten Haaren fast verdeckt, doch sein stechender Blick fixierte die Dämonin intensiv. Kinkiralinlin setzte sich auf den Tisch und streifte sich mit ihren Füßen die Pelzmütze vom Kopf, die sie immer noch trug.

Etwas verlegen sagte sie schließlich: "Vielleicht bin ich nicht die Heldin, die du dir vorgestellt hast, aber ..." Dann ergriff sie de Roquevilles Hand mit ihren Füßen und hielt sie fest umklammert.

Das ist wirklich ein toller Mann. Fast noch besser als Calract!

De Roqueville wurde sich dessen bewußt, wie er aussah. Und daß er seit Monaten nicht mehr gebadet hatte und deswegen fürchterlich stank. Seine Kleidung war zerfetzt, er mußte der schönen Dämonin vorkommen wie ein verlauster Penner. Verlegen wandte er sich ab, doch Linlin zog ihn energisch an sich und umklammerte ihn dann mit ihren Beinen. Ihre Gesichter berührten sich fast.

"Ralph!" Sie wollte noch so viel mehr sagen, doch über ihre Lippen kam kein Wort. Dafür glühten ihre Augen verzehrend auf.

Laß uns dieses Scheusal Delandau vom Thron jagen. Dann sehen wir weiter, was Calract von mir will!

Laut sagte der General: "Kannst du kämpfen?"

"Ich weiß, daß man es mir nicht ansieht. Eine Frau ohne Arme und Hände wirkt ziemlich hilflos, aber wenn es eins gibt, was ich kann, dann kämpfen. Ich kann allein eine halbe Armee besiegen!"

"Frau?" De Roqueville schaute die schwarzhäutige Dämonin skeptisch an.

"Ja, Frau." Wortlos begann Linlin sich zu entkleiden. Die Kälte dieses Landes machte ihr sowieso nichts aus, aber der dicke Pelzmantel behinderte sie in ihren freien Bewegungen doch so sehr, daß sie bei der bevorstehenden Eroberung des Schlosses lieber nackt kämpfen wollte.

Zudem war sie auf ihren weiblichen Körper unglaublich stolz, und so präsentierte sie sich auch dem General, der ihre schokoladenbraune Haut, die knackigen Brüste, den Schwanenhals, die langen, kraftvollen Beine geradezu verzehrend ansah.

"Gefalle ich dir?" Sie lachte kokett, dann rief sie temperamentvoll: "Auf geht's!"

De Roqueville schnappte sich das Schwert und steckte noch so viele Messer in den Gürtel, wie er in der kurzen Zeit bei den toten Wachen finden konnte. Dann stürmten die beiden nach oben.

Der General traute seinen Augen kaum, als er sah, wie gut seine Begleiterin kämpfte. Wie ein Schatten fuhr sie mit geradezu unglaublicher Geschwindigkeit unter die Wachen und streckte sie nieder. Doch während er stets tötete, schlug oder bessergesagt trat Kinkiralinlin die Soldaten nur bewußtlos.

Schließlich standen die beiden vor dem Thronsaal. De Roqueville atmete schwer, für Linlin hingegen war es nur ein Spaziergang gewesen. Seit dem Aufbruch aus dem Keller waren keine zehn Minuten vergangen. Der General sah Linlin entschlossen an. Und auch ein bißchen Stolz lag in seinem Blick, denn ohne die Hilfe der Dämonin hätte er sein Ziel niemals erreicht. Dazu war das Schloß viel zu stark bewacht. An die vierzig Soldaten hatte allein Linlin außer Gefecht gesetzt. De Roqueville hätte auf sich allein gestellt nicht die Spur einer Chance gehabt.

Jetzt gilt es. Er oder ich! Der ehemalige General warf sich entschlossen gegen die Tür. Diese gab unter der Wucht nach und fuhr krachend auf.

König Ribald Delandau I fuhr entsetzt von seinem Platz hoch, doch da bohrte sich schon das Messer, das De Roqueville zielsicher quer durch den ganzen Raum geschleudert hatte, in seine Seite. Schwer getroffen fiel der König in seinen Thron zurück, raffte sich aber wieder auf und zog sein Schwert, während unter den anwesenden Rittern und Hofleuten das reinste Chaos ausbrach. Einige stürzten sich auf die Eindringlinge, andere versuchten, sich in Sicherheit zu bringen, einige aber drangen mit gezogenen Schwertern auf ihren eigenen König ein. Sie hatten blitzschnell und geistesgegenwärtig ihre Chance erkannt. Zwei von ihnen fielen jedoch durch Delandaus Schwert, während Linlin ungefähr ein weiteres Dutzend in Schach hielt, und dann standen sich der König und sein ehemaliger General Auge in Auge gegenüber.

"Du Verräter!"

"Ich habe Euch nicht verraten, sondern treu gedient. Und als Dank habt Ihr mich einsperren und foltern lassen."

"Wenn du deinen Auftrag, den ich dir gegeben hatte, ausgeführt hättest, wäre es weder im Kirchenland noch hier zur Revolution gekommen."

"Das ist doch Quatsch." Heftig prallten die Schwerter aufeinander. "Nachdem Calract sich eingemischt hatte, war meine Mission beendet. Kein Sterblicher kann etwas gegen ihn ausrichten. Seht doch selbst, wie seine Dämonin mit Euren Wachen umspringt."

In der Tat waren die gut zehn Ritter, die noch kampffähig waren, für Kinkiralinlin kaum mehr als Spielzeuge. Entsetzt sah König Delandau, daß er dabei war geschlagen zu werden. Ein letztes Mal wollte er sich aufraffen und de Roqueville niederschlagen, da fuhr ein weiteres Wurfmesser in seinen Leib, diesmal direkt ins Herz. Auf der Stelle brach der König tot zusammen. Zufrieden sah De Roqueville auf den toten König herab und wischte sich die Hände ab.

Der Widerstand erlosch sofort. Die noch verbliebenen Anhänger Delandaus ergaben sich. Dennoch tötete de Roqueville noch zwei von ihnen, die an der Intrige gegen ihn besonderen Anteil gehabt hatten.

Plötzlich sprang Kinkiralinlin auf einen der noch stehenden Tische, stellte sich breitbeinig hin, faltete die Flügel halb auf und rief mit durchdringender Stimme: "Huldigt eurem neuen König Ralph de Roqueville!" Theatralisch breitete sie die Flügel ganz aus, dann sprang sie wieder hinab und schritt auf den ranghöchsten noch lebenden Edelmann zu. "Willst du Ihn als deinen neuen König anerkennen oder sterben?" Ihre gelben Raubtieraugen und die messerartigen Krallen an ihren Füßen ließen dem Mann keine große Wahl. Er trat zu de Roqueville, kniete vor ihm nieder und legte auch sein Schwert ihm zu Füßen. Der General warf der Dämonin einen triumphierenden Blick zu.

Damit war die Sache zumindest hier im Palast klar. Alle Ritter und Edelleute unterwarfen sich und schworen dem General und neuen König die Treue. Schnell drang die Nachricht hinaus in die Stadt und von dort weiter in die Umgebung, doch noch dachte dort niemand daran, einen wildfremden Mann als Herrscher anzuerkennen.


De Roqueville hatte inzwischen gebadet, seine Verletzungen versorgen lassen und sich neu eingekleidet. Und Linlin hatte es sich nicht nehmen lassen, ihn persönlich zu rasieren. Es war dem General schon etwas mulmig zumute gewesen, von einer Dämonin rasiert zu werden, die das scharfe Rasiermesser mit den Zehen hielt, doch sie hatte ihm einfach gesagt "Vertrau' mir", und de Roqueville war überrascht gewesen, wie geschickt und selbstverständlich Linlin mit ihren Füßen arbeiten konnte.

Inzwischen sah er schon viel eher aus wie ein König, und mancher, der noch gezweifelt hatte, wurde nun überzeugt. Der General sammelte seine neuen Leute, auch so manchen treuen alten Kampfgefährten, der mit ihm im Verließ gesessen hatte, und nahm in einer Reihe schneller Operationen noch in der Nacht die Hauptstadt. Linlin leistete ihm dabei wertvolle Dienste, denn da sie fliegen konnte, hatte er einen unschätzbaren Vorteil gegen die ohnehin unorganisierten und improvisierten Widerstandsgruppen der königlichen Garde, die bereits zur Hälfte desertiert war, als sie vom Tode Delandaus erfahren hatte.

Es floß auch Blut, aber nur wenig, und am nächsten Morgen gehörte dem General die Hauptstadt samt allen ihren Bewohnern. Einige waren geflohen, kamen nun aber zurück, denn de Roqueville war nicht nur ein genialer Stratege, sondern allem Anschein nach auch ein begabter Führer. Er versprach den versprengten Aufständischen Amnestie, wenn sie sich ergaben und ihm die Treue schworen, und seinem neuen Volk versprach er Recht, Ordnung und Wohlstand.

Tage vergingen, und schließlich trat das ein, womit Kinkiralinlin schon die ganze Zeit gerechnet, ja es gefürchtet hatte.

Sie, Ralph und etwa 100 seiner Soldaten belagerten Uprenn, die nördliche Provinzhauptstadt nahe der Grenze zu dem kleinen Herzogtum Ost-Bremren, wo ein entfernter Verwandter des Grafen Franzisko von Bremren regierte, und das vielen Anhängern von Delandau Asyl gewährt hatte. Die Schwierigkeit in diesem Fall lag weniger auf militärischem als auf diplomatischem Gebiet, den Uprenn wurde von Bremren beansprucht, und ein Einmarsch hätte womöglich einen internationalen Krieg bedeutet, den de Roqueville in dieser Lage auf keinen Fall vom Zaun brechen wollte.

Linlin, de Roqueville und zwei Generäle standen auf einem Hügel, von dem aus sie die Stadt und auch die nahe Grenze beobachten konnten, an der reger Verkehr herrschte. Plötzlich begannen die Leute dort in der Ferne wie aufgescheuchte Hühner durcheinanderzulaufen, und einen Moment später sahen die vier Beobachter auch den Grund: etwa zwanzig von Calracts Drachen waren im Anflug. Sie schossen ein paar Flammenstrahlen auf die bremrener Ritter, landeten dann und besetzten damit die Grenze.

"Und damit dürfte Uprenn erledigt sein!"

Alle fuhren herum. Wie aus dem Nichts war Calract hinter ihnen aufgetaucht.

"Calract!", rief Kinkiralinlin. "Ich ... ich wollte ..."

"Hm? Ah, da ist ja General de Roqueville, auf den ich schon so lange warte." Er warf Linlin einen Blick zu, unter dem sie geradezu zu schrumpfen schien.

"Linlin."

"Ja, mein Ge ... ge ... Gebieter?"

"Gib's zu, du willst ihn heiraten, Königin werden und mich dazu bringen, das abzusegnen!"

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Da trat de Roqueville vor, drehte Kinkiralinlin zu sich um und sagte: "Ist das wahr? Willst du mich wirklich heiraten?"

Die schwarzbraune Dämonin schluckte, dann hauchte sie "Ja."

"Nun, Calract, dann, so fürchte ich, könnt Ihr sie nicht zurückhaben."

Linlin bekam große Augen. Soviel Mut gegenüber dem Schwarzen König zeigten nicht viele.

Calract lächelte sein wölfisches Lächeln, dann antwortete er: "Sie will ich ja auch gar nicht, sondern dich."

Jetzt war es an de Roqueville, leicht zusammenzuzucken.

"Paß auf. So wie die Dinge hier liegen, ist es wohl das Beste, du bleibst König, heiratest meine Dämonin und machst sie zur Königin. Auch wenn es nicht so aussieht: ihr werden Kinder haben können, menschliche Kinder, den Kinkiralinlin ist früher ein völlig normaler Mensch gewesen. Aber unter einer Bedingung: du reorganisierst meine Streitkräfte, die inzwischen über die halbe Welt verstreut sind. Es gibt dafür keinen besseren als dich, Ralph. Na, was sagst du dazu?"

Erst mal nichts - der frischgebackene König von Delandau war erst mal sprachlos, genauso wie seine nun zu seiner Verlobten avancierte Begleiterin und die beiden Generäle.

Calract fuhr fort: "Ich werde eure Hochzeit drüben in Kalohe ausrichten. Sagt Bescheid, wenn es soweit ist." Er drehte sich um und sah zu Uprenn hinüber. "Dann werde ich mal da rübergehen und denen sagen, daß sie soeben kapituliert haben."

Das war aber nicht nötig, denn in diesem Moment hißte die Stadt die weiße Fahne. Calracts Drachen hatten ihnen gezeigt, daß weiterer Widerstand schlicht und einfach sinnlos war.


"Irgendwie kann ich es immer noch nicht glauben." Ralph de Roqueville und Kinkiralinlin saßen in der Kutsche auf der Via Genra nach Kalohe. Nach vielen turbulenten Tagen, in denen die beiden Seite an Seite gefochten hatten, waren das eigentlich die ersten ruhigen Stunden, die sie ganz für sich hatten.

"Du hast dich in Arbeit gestürzt, um nicht darüber nachdenken zu müssen, mein Geliebter. Darüber nachzudenken, eine Dämonin zu heiraten, wie es wohl sein wird und was die Leute dazu sagen werden." Kinkiralinlin saß de Roqueville gegenüber, und nun hob sie ihre Beine, nahm sein Gesicht zwischen ihre Füße und streichelte es zärtlich. Mit ihren gelben Augen blickte sie ihn fest und unverwandt an.

De Roqueville küßte seine Verlobte auf die Fußsohle, und ein heißes Glücksgefühl durchströmte die Dämonin. Sie schluckte. Maarx ist zwar ein Scheusal, aber daß er mir die Hände genommen und mir dafür diese Füße gegeben hat, das war das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte.

Kinkiralinlin sagte dann mit leiser Stimme: "Ich kann dein Herz schlagen hören. Ich weiß, daß mich begehrst, daß du dich aber auch insgeheim immer noch vor mir fürchtest. Ralph! Ich verspreche dir, ich werde dir eine gute Frau sein, dich immer beschützen, dir treu und ergeben dienen und dir Kinder schenken. Dafür verlange ich nur, daß du mich so nimmst, wie ich bin, eine Orna-Dämonin, geschaffen als Engel des Todes. Du hast es ja oft genug gesehen die letzten Wochen." Sie zuckte mit den Ohren. "Ich kann nichts dafür, von Maarx hat mich nicht gefragt, aber ich habe mein Schicksal angenommen. Ich bin stolz auf das, was wir zusammen geleistet haben, und ich freue mich auf unsere Zukunft. Sieh' mal, es ist gerade mal drei Wochen her, daß du noch im Kerker geschmachtet hast, aber schon können wir das Land verlassen und uns in der Fremde trauen lassen ohne befürchten zu müssen, daß bei unserer Rückkehr ein Putsch oder eine Rebellion stattgefunden hat. Das ist doch eine großartige Leistung. Unser Volk vertraut uns!"

De Roqueville lächelte: "Wenn ich die Augen schließe, mein Liebes, dann bist du wirklich eine Frau, eine richtige, ganz normale Frau, die viel redet, aber auch viel denkt, was sehr selten ist."

Linlin gab ihrem Verlobten für diese Bemerkung einen Knuff. De Roqueville beugte sich zu ihr vor bis sein Gesicht ganz nahe an ihrem war, dann schloß er die Augen und küßte die schöne Dämonin lange und inniglich.

*

Am 27. November 1248 traute der Schwarze König Calract den neuen König von Delandau Ralph de Roqueville und die Orna-Dämonin Kinkiralinlin, die fortan den Namen Kinkiralinlin de Roqueville und den Titel Königin von Delandau trug.

Die beiden wurden ein glückliches Paar, hatten alsbald zwei Kinder, und führten ihr Land unter dem Schutz Calracts zu Frieden, Ordnung und Wohlstand, wie sie es ihrem Volk versprochen hatten.

Epilog

Es klopfte. Alessandra, die sich gerade das Haar bürstete, war überrascht, so früh schon Besuch zu bekommen. "Herein!"

Die Tür schwang auf. "Adalbert!", rief die Prinzessin freudig. "Was gibt's denn so früh am Morgen?"

"Die Dame Kyraia möchte Euch sprechen, Prinzessin. Sie scheint auch eine Sendung dabei zu haben."

"Eine Sendung?" Alessandra sah den alten Majordomus fragend an, doch der zuckte mit den Schultern.

"Naja, dann wollen wir mal sehen, was sie will. Sage ihr bitte, daß ich in 10 Minuten unten bin."

"Nur keine Eile, mein Kind." Mit einem hintersinnigen Lächeln verschwand der Majordomus wieder.

Alessandra ließe sich also etwas mehr Zeit und lief dann leichtfüßig die Treppen hinunter zum großen Thronsaal. Dabei gingen ihre Gedanken hin und her zwischen ihrer Besucherin und dem turbulenten Vortag. Sie hatte nicht wirklich erwartet, daß der Tag der drei Hochzeiten ohne Komplikationen ablaufen würde. Nicht wenn Calract dabei war. Und sie hatte recht behalten, doch jetzt war sie verheiratet, während Calract Pech gehabt hatte. Seine Tierfrau war gestohlen worden, aber das war Alessandra herzlich egal. Es geschah ihm recht.

Lautlos wie immer öffnete sie die schwere Tür zum Thronsaal. Wie sie erwartet hatte, hatte Kyraia es sich nicht in einem der Sessel bequem gemacht, sondern war artig stehengeblieben. Und zwar genau vor einer großen, schweren Truhe. Nachdem die beiden sich begrüßt hatten, wanderten Alessandras Blicke neugierig zu der Kiste. Kyraia drehte sich um und öffnete sie.

Alessandra bekam große Augen, als sie sah, was darinnen war. "Meine alte Rüstung! Aber wie ..." Sie brauchte die Frage nicht zu vollenden. Schließlich wußte sie genau, wo sie diese Eisenrüstung, die sie in so vielen Schlachten getragen hatte, hatte zurücklassen müssen.

Auch der Helm mit der berühmten violetten Eisvogelfeder war da. Gerührt hob die Prinzessin ihn hoch. Die Feder glänzte wie am ersten Tag. Calract, du bist zwar ein Ungeheuer. Aber wenn einer deiner Feinde dich irgendwann mal zur Strecke bringt, werde ich dich vermissen.


Erstellt am 10.11.2002. Letzte Änderung auf dieser Seite: 28.8.2017