Das Unendliche Land - 2. Buch, 12. Teil

29. Kapitel - Die Stadt am Fluß

In schweigender Andacht legte Alessandra den schlichten Kranz auf das Grab. Es war der 1.1.1269, der 14. Todestag ihrer Schwester Simona. Mit im Grab lag ihr Baby, bei dessen Geburt sie gestorben war. Das Kind, ihr sechstes, war ihr einen Tag später gefolgt.

Die Goldene Königin erhob sich wieder und ließ den Blick über die schneebedeckten Gräber schweifen. König Cordo lag hier, Ornella, Prinz Nuitor, Adalbert und viele Große des Reiches. Der Platz an der Seite ihrer Mutter allerdings war noch frei. König-Vater Harro lebte noch und erfreute sich trotz seines hohen Alters bester Gesundheit. Alessandra war froh, ihn immer noch bei sich zu haben. Er war eine feste Konstante in ihrem Leben in diesen unruhigen Zeiten. Hatte er sich auch aus den Regierungsgeschäften zurückgezogen und den Thron seinem Schwiegersohn und seiner Tochter anvertraut, so stand er den beiden doch stets mit weisem Rat und väterlicher Güte zur Seite.

Nicht, daß es in den letzten 21 Jahren auch nur einen einzigen größeren Krieg gegeben hätte, im Gegenteil. Die Reiche und Länder blühten und gediehen, die Menschen erfreuten sich eines beachtlichen Wohlstandes und vermehrten sich fleißig. Aus jedem Haus hörte man das Schreien der Babys und das Lachen zahlreicher Kinder.

Und doch lag ein Schatten über dem Glück der Welt, und der hieß Calract. Der Schwarze König hatte seine Macht in dieser Zeit permanent und konstant ausgeweitet. Außer dem Weißen Königreich, Botha, der Sonneninsel und einigen abgelegenen Gebieten wie dem Blauen Reich kontrollierte er inzwischen direkt oder indirekt fast jedes Land. Gegen seinen Willen lief nur noch wenig. Allein schon seine wirtschaftliche Macht war ehrfurchtgebietend. Die Drachenpostlinie flog inzwischen über 200 Städte an. Die über den Himmel ziehenden Drachen waren längst ein vertrauter Anblick geworden, und die junge Generation kannte es schon gar nicht mehr anders. Dieser Austausch von Briefen und Waren aller Art machte nicht nur Calract reich, sondern trug zum Wohlstand der Mittelländer, also der bekannten zivilisierten Welt, in so hohem Maße bei, daß sich niemand ausmalen wollte, was geschehen würde, wenn Calract diesen Hahn einmal abdrehte. Denn er allein herrschte darüber und war niemandem Rechenschaft schuldig.

Das Gewicht des Weißen Reiches war durch das starke Bevölkerungswachstum zwar ebenfalls gewaltig gestiegen: Die Zahl der Untertanen hatte sich in den zurückliegenden 20 Jahren mehr als verdoppelt. Doch es war abzusehen, wann das Ackerland nicht mehr ausreichen würde, die vielen Mäuler zu stopfen. Längst schon war man auf Importe angewiesen: Holz beispielsweise aus dem Lande Karls im Norden, Fleisch aus Ganda und Botha, und viele andere Grundnahrungsmittel aus allen Nachbarländern, die Überschüsse produzierten. Nicht zuletzt war man in eine sehr unerfreuliche Abhängigkeit ausgerechnet zu Calracts Westland gekommen: das Land war sehr dünnbesiedelt, aber dank überlegener Organisation, die größtenteils von Tschuri erdacht und von Großfürstin Hotaru und Großfürst Gad'ta zielstrebig umgesetzt worden waren, hervorragend verwaltet und äußerst produktiv. Vorbei waren auch die Zeiten, da es dort nur Steppe und Wüste gab. Kanäle und Zisternen sammelten das knappe Wasser oder leiteten es vom Siina beziehungsweise vom Mangiarra herbei, und wer weiß, vielleicht fiel dank irgendeines Zaubers auch mehr Regen als früher und machte den einstmals staubigen Boden fruchtbar.

Und so lagen viele dunkle Wolken am Horizont des Weißen Reiches, auch wenn bislang nur wenige sie sehen konnten oder wollten.

Alessandra drehte sich schließlich um. Hinter ihr standen ihr Mann und ihre vier Kinder: Harro II, Frank, Reinhard und Felix, mit seinen fünf Jahren das Nesthäkchen. Sie lächelte ihnen zu und verließ dann mit entschlossenen Schritten den Friedhof, der unter seiner dicken, weißen Schneedecke eine erhabene Stille ausstrahlte und an die Vergänglichkeit allen irdischen Seins gemahnte.

Wenn ich ein Mädchen auf die Welt gebracht hätte, hätte ich es Simona genannt, so wie Simona eine ihrer Töchter Ornella genannt hat. Aber das Schicksal hat entschieden, daß auf vier Mädchen vier Jungen kamen.

Vier Jungen, die ihrer Mutter in inniger gegenseitiger Liebe verbunden waren. Auch zu ihrem Mann empfand Alessandra eine warme Liebe, obwohl sie wußte, daß in seinem Herzen finstere Gefühle kochten. König Wilhelm hatte sich im Stillen geschworen, Calracts Macht zu brechen, denn er rechnete den Schwarzen König nicht zur Gemeinschaft der zivilisierten Menschen, wahrscheinlich nicht mal zu den Menschen überhaupt. Alessandra, die in die Pläne eingeweiht war und sie unterstützte, wußte, welche Opfer diese Mission kosten würde. Oder zumindest glaubte sie es zu wissen.

Ein eisiger Windstoß fegte über den Friedhof. Aus heiterem Himmel setzte plötzlich dichtes Schneetreiben ein. Mit einem lauten Quietschen schloß die Königin das schmiedeeiserne Tor des Friedhofes hinter sich, da stand plötzlich eine verhüllte Gestalt vor ihr, in ihren Konturen durch die umherwirbelnden Schneeflocken kaum zu erkennen.

Alessandras Herz blieb für einen kurzen Moment stehen, um dann um so heftiger in ihrer Brust loszuschlagen. Die Gestalt schälte sich aus ihrem Mantel und den Tüchern, die sie um Kopf und Gesicht getragen hatte.


21 Jahre war es her, daß Alessandra diese zeitlose Frau - damals nach Jahren noch ein Kind - zum letzten Mal gesehen hatte.

"R ... Rosalia!", hauchte sie fassungslos.

"Du wirst es nicht glauben, Tante Alessandra, aber ich habe gute Nachrichten." Ihre Stimme klang tonlos, ein kaltes Wispern in einem kalten Nebel. Sie fuhr fort. "Das Böse wird bald aus der Welt getilgt werden. Calracts Tod ist beschlossene Sache. Endlich!"

Und dann war sie weg, verschluckt vom Schnee, von der rasch einsetzenden Dunkelheit, wer weiß. Verwirrt blickte sich Alessandra nach ihrer Familie um. "Habt ihr das auch gesehen?"

Langsam schüttelten die Angesprochenen den Kopf, doch seltsamerweise bestärkte gerade das die Königin in ihrem Glauben, daß die Erscheinung sehr wohl real gewesen war.

Wilhelm, der anscheinend durch den Schnee auch vage eine Gestalt erkannt hatte, wollte daraufhin nach der Hexe suchen lassen, doch Alessandra winkte ab. Sie wußte, daß es sinnlos war. Im Gegensatz zu ihrer Nichte Rosalia freute sie sich über Calracts bevorstehenden Tod nicht, im Gegenteil. Und das aus zwei Gründen, die sie am Abend ihrem Vater, ihrem Mann und General von Walldorff erläuterte.

"Wenn Calract verschwindet, ist den Mittelländern eine endlose Kette verheerender Kriege gewiß! Seine Macht muß eingeschränkt und unter Kontrolle gebracht werden. Aber er darf nicht sterben."

Der Begriff 'Mittelländer' hatte sich in den letzten Jahren als eine Art Sammelbegriff für die alten Reiche eingebürgert, nachdem Calracts Westland zu einem immer wichtigeren politischen und wirtschaftlichen Faktor geworden war. Die Goldene Königin fuhr fort: "Keiner mag den Schwarzen König, aber wenn er weg ist, wird sein weit verstreutes Reich sofort zusammenbrechen. Jeder wird sich auf die Überreste stürzen, und seine Dämonen werden herrenlos. Und das sollten wir uns wirklich nicht wünschen."

"Was aber sollen wir dann tun, mein Kind. Calract etwa warnen?", fragte König-Vater Harro, während Wilhelm mit verkniffenem Gesicht dasaß und schwieg.

"Wenn ich das wüßte!"

Die Mächte, die hier wieder gegeneinander antraten, waren völlig unberechenbar. Alessandra hatte sich einst geschworen, sich niemals in diese Angelegenheiten einzumischen, wenn sie nicht direkt dazu gezwungen wurde. Aber konnte sie das wirklich durchhalten? "Auf jeden Fall sollten wir für uns Vorbereitungen treffen, falls es zum Äußersten kommt." Sie blickte in Richtung des Generals. Der nickte verstehend. In den langen Friedensjahren war die Armee immer mehr geschrumpft. Doch das hatte sich allerdings vor einigen Jahren zu ändern begonnen, als König Wilhelm begonnen hatte, mit Vorbereitungen für den Tag X zu beginnen. Den Tag, auf den hin er vor langer Zeit schon insgeheim sein Leben ausgerichtet hatte.


Später in der Nacht saßen Alessandra und Wilhelm noch zusammen.

"Sollen wir unsere Pläne jetzt aufgeben?", fragte die Königin ihren Mann unsicher.

Es war so eigenartig. Früher hatte sie stets ihren Weg gekannt, hatte immer gewußt, was sie wollte und wie sie es erreichen konnte. Doch vor etwa zwei Jahren war ein Ereignis eingetreten, das vieles in ihrem Leben geändert hatte. Am Anfang hatte es gar nicht danach ausgesehen, doch nun wurde die Goldene Königin mehr und mehr zu einem passiven Spielball höhere Mächte. Seltsamerweise war es nun ausgerechnet ihr Mann, der mit seinem eisernen Willen den Weg voranging, diesen Weg, der die Welt so leicht ins Verderben stürzen konnte.

Wilhelm schüttelte den Kopf: "Nein. Bald werden sie kommen, dich mitnehmen und das große Werk beginnen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr!"

*


2. April 1269, Gartenland.

Es war wohl Zufall, daß ich, Kokoma, gerade in der Nähe der Grenze weilte. Das Gartenland meines Herrn Calract erstreckte sich vom Kap aus etwa 15 Kilometer weit in das ehemals öde Felsenland hinein. Nahe der niedrigen Mauer aus lose aufgeschichteten Steinen, die immer noch die Grenze bildete, hatte man vor vielen Jahren ein Dorf errichtet, in dem unter anderem Piraten, die entweder alt oder zu Invaliden geworden waren, lebten und, so gut sie noch konnten, Landwirtschaft oder Handwerk betrieben und ansonsten ihren Lebensabend genossen.

Ich kam gern hier her. Der Landstrich gefiel mir. Er war nicht so üppig grün wie der Rest des Gartenlandes, sondern sehr trocken und heiß, auch jetzt im Frühjahr, schon. Die flirrende Luft dieser Steppe faszinierte mich immer wieder. Besonders aber gefielen mir die Piraten. Sie waren so erfrischend lebensfroh und respektlos, ganz anders als all die anderen Menschen, Sklaven zumeist, die inzwischen hier in größerer Zahl lebten. Calract hatte nahe seinem Tempel einen großen, prächtigen Verwaltungskomplex errichtet, sein Schloß, wie man es zumeist nannte, von dem aus sein Reich teilweise regiert wurde. Ebenso wurde die Drachenpost von dort aus teilweise koordiniert. Teilweise deshalb, weil mir, obwohl ich die ganze Entwicklung von Anfang an miterlebt hatte, trotzdem ziemlich schleierhaft geblieben war, wer genau was machte und was nicht.

Die Schwarze Großfürstin Hotaru etwa hatte Calract klipp und klar gesagt, daß sie selbst von Alessandrina aus regierte und nicht auf Befehle aus dem fernen Gartenland zu warten gedachte. Und das galt auch für die Drachenpoststationen in ihrem Verantwortungsbereich. Und der war nicht klein. Rein geographisch gesehen war die Westkolonie bei weitem der größte Teil von Calracts Reich. Dazu kamen die verbündeten Länder. Wer dort das letzte Wort hatte, Calract oder der jeweilige Fürst oder König, blieb Calracts Geheimnis. Es gab einige Verträge, aber das meiste hatte mein Gebieter per Handschlag ausgemacht. Sicher war nur, daß gegen seinen Willen nicht mehr viel lief, so oder so. Andererseits war es in den letzten 20 Jahren so gut wie nie vorgekommen, daß der Schwarze König seinen Willen mit Gewalt erzwungen hätte.

Wie auch immer, irgendwie liefen alle Fäden hier zusammen, und der Schwarze König war nicht umhingekommen, nach und nach etwa 500 Menschen hier anzusiedeln. Sie kümmerten sich um alle möglichen Arbeiten, viele waren in der Landwirtschaft und Viehzucht beschäftigt, denn von irgend etwas mußten wir alle hier ja leben. Und nicht zu vergessen BQMZs Piraten, deren Hauptstützpunkt immer noch dieses an den Felsen geklebte Dorf war, inzwischen allerdings eher eine Stadt. Von Meeresfrüchten abgesehen wurde diese Stadt und sämtliche Schiffe, die gerade hier festgemacht hatten, aus dem Gartenland versorgt, und das gewiß nicht schlecht.

Dazu kamen Verwaltungsleute, ein paar Männer und Frauen für die Bibliothek und den ganzen Buchhaltungskram, Chronisten, Schmiede, Schneider, Steinmetze, ein Glasbläser sogar, ein Papierschöpfer und was weiß ich was noch alles. Sie alle hatten eins gemeinsam, nämlich eine kniefällige Verehrung gegenüber genau drei Personen: Calract, Batchi und mir. Den Piraten wäre es hingegen nicht im Traum eingefallen, vor irgend jemandem zu niederzuknien, nicht mal vor ihrer Chefin BQMZ, obwohl sie wohl der einzige Mensch auf der weiten Welt war, den sie wirklich respektierten.

"He, Kokoma, altes Mädelchen!"

Das war die markante Reibeisenstimme von Holzbein-Schmitt. Fragen Sie mich nicht, wie der alte Haudegen zu diesem Namen gekommen war, er saß nämlich in einer Art Rollstuhl und hatte überhaupt keine Beine mehr, was ihn aber nicht weiter zu stören schien.

"Komm mal her, meine Süße, ich erzähle dir die Geschichte, wie wir damals die Mystika-Insel erobert haben. Das war ein Spaß." Er lachte lauthals los, hielt dann aber inne. "Nanu, was ist jetzt los?" Er schwenkte seinen Rollstuhl herum und blickte den Weg entlang nach Norden. Von dort waren deutlich die Geräusche eines Karrens zu hören. Und in der Tat näherte sich uns mit dem unvermeidlichen Klappern und Poltern ein von vier stumpfsinnig dreinblickenden Ochsen gezogener, beachtlich großer Wagen.

Gekommen war er durch den einzigen Mauerdurchbruch, der überhaupt existierte. Das Gartenland war nicht mehr ganz so unzugänglich wir früher, denn das Verwaltungszentrum von Calracts großem Reich machte gelegentlichen Publikumsverkehr nun mal unumgänglich. Selbst die Piraten durften es inzwischen betreten, einkaufen und Handel treiben, was ihnen früher strengstens verboten gewesen war.

Holzbein-Schmitt rollte polternd neben mir her, als ich auf den Karren zuging und ihm gebot anzuhalten. Ich lief dann um den Wagen herum, um zu sehen, woraus seine Ladung bestand. Es erwartete mich ein Anblick, den ich bestimmt nicht so schnell vergessen werde. In dem Heu, das die Ladefläche bedeckte, lag eine Statue. Zumindest dachte ich zuerst, daß es eine Statue sei, allerdings eine ganz komische, denn obwohl sie äußerst detailliert war, hatte sie keinen Kopf. Der lag stattdessen daneben und war lebendig.

Jetzt verdrehte dieser Kopf - es war der Kopf einer Frau - die Augen, um mich ins Blickfeld zu bekommen.

"Ach, was für eine Plackerei. Nicht mal ein bißchen schweben kann man hier."

Für ein paar Augenblicke stand die Welt still, bis sich meine Gedanken wieder in Bewegung setzten. Nur nebenbei registrierte ich, daß Schmitt seinen Säbel, den er immer noch stets bei sich trug, gezogen hatte. Selbst im Rollstuhl war er noch ein echter Eisenfresser.

Meine Gedanken rasten. Damals - vor 21 Jahren - ich war dabeigewesen, als dieses Wesen uns angegriffen hatte, und zwar in der Kathedrale der Weißen Hauptstadt. Es war niemand anderes als die Schwarze Hexe. Der tödlich gemeinte Schlag war damals jedoch gescheitert, und Batchi hatte die Hexe stattdessen versteinert. Aber wer hätte gedacht, daß sie sich nach all diesen Jahren immer noch in diesem beklagenswerten Zustand befand?

"He, Du"! Komm mal hier rüber, damit ich dich besser sehen kann!"

Holzbein-Schmitt raunte mir zu: "Soll ich sie einen Kopf kürzer machen?"

Das allerdings war sie schon, und das seit nunmehr 21 Jahren. Ich trat wie geheißen in ihr Blickfeld.

"Ha, ich kenne dich. Du bist diese zweitklassige Wetter-Hexe Koma oder so ähnlich, die sich hier bei Calract ein bißchen wichtig macht. Geh zu Calract und sage ihm, ich bin gekommen, um mich zu ergeben. Ich halte das", sie rollte mit den Augen, "einfach nicht mehr länger aus!"

"Kokoma", korrigierte ich automatisch. Ob die Hexe es gehört hatte, wußte ich allerdings nicht.

Inzwischen hatten sich einige weitere Menschen eingefunden. Ich überlegte fieberhaft. Calract weilte, wie so oft, in Lunaloc, wo er an seiner Drachenarmee bastelte. Als ob sie nicht inzwischen groß genug geworden wäre. Batchiribanban war ausgeflogen und würde erst morgen oder übermorgen zurück sein. Ich war als Majordomina des Reiches die Ranghöchstes hier, die Verantwortung lag also bei mir. Mein Wort war Gesetz, solange nicht mein König oder Batchi etwas Anderes bestimmten.

Wieder musterte ich diesen Karren, und ich bekam eine leise Gänsehaut beim Anblick der Schwarzen Hexe. Wo sie auftauchte, da stand massiver Ärger bevor.

Oder daß das hier womöglich die Vorbereitung eines großen Angriffs war. Damit mußte ich durchaus rechnen. Also galt es, so schnell als möglich meinen Herrn und Gebieter zu informieren. Ich sah in die Runde, aber aus verschiedenen Gründen wollte ich keinen der Anwesenden damit beauftragen. Dazu war die Sache zu wichtig.

"Hört zu! Ihr haltet den Wagen hier fest. Oder nein, der Wagen muß das Gartenland sofort wieder verlassen und vor der Grenze warten. Gebt der Schwarzen Hexe zu Essen und zu Trinken, aber laßt sie nicht hinein. Ist das klar?"

Die Schwarze Hexe begann zu zetern und kreischen, aber ich ignorierte das völlig. Und dann lief ich los.

Vom Dorf zum Start- und Landeplatz der Drachen und zu den Palastanlagen waren es über 10 Kilometer. Ich hatte also allen Grund, mich zu beeilen und nahm mir vor, die Strecke in unter einer halben Stunde zu schaffen.

Das sind sicherlich die Dinge, die man mir nicht auf den ersten Blick zutraut, doch mein langes Zusammensein mit Batchiribanban hatte schon früh meinen sportlichen Ehrgeiz geweckt. Für eine Menschenfrau war ich außergewöhnlich gut durchtrainiert. Gegen Batchiris Fähigkeiten hatte ich natürlich keine Chance, aber im Vergleich mit anderen Menschen steckte ich die meisten locker in die Tasche, zumindest die Höflinge. Die Piraten vielleicht nicht unbedingt. Aber egal.

Und so rannte ich, so schnell ich konnte, über das grüne, blühende Land, vorbei an den Plantagen der Obstbäume, den kleinen abgeschiedenen Felsgruppen mit ihren murmelnden Quellen, diesen Inseln der Ruhe, vorbei an den Wäldchen, klein aber sehr dunkel, die Calract so mochte, sprang über die kristallklaren Bäche, die hier flossen, immer den großen Palastkomplex im Blickfeld, dem ich langsam näherkam. Der weiche, zärtlich anschmiegsame Boden unter meinen wie immer bloßen Füßen federte und ließ mich noch schneller vorwärtskommen. Eigentlich war dieser Lauf, obgleich sehr anstrengend, eine wunderbare Erfahrung. Ich flog geradezu durch dieses paradiesische Land.

Ziemlich atemlos und naßgeschwitzt erreichte ich schließlich das äußere Palast-Tor. Daß die Wachen hier ihren Namen nicht verdienten, beweisen sie damit, daß sie bei meinem Anblick ehrfürchtig niederknieten. Wenn die Sklaven so etwas machten, dann war es meinetwegen in Ordnung. Wachen aber hatten nicht zu knien, sondern aufrecht zu stehen, die Hand immer am Schwertknauf, auch wenn ihre oberste Chefin vorbeikam. Ich schenkte ihnen aber diesmal keine weitere Beachtung, sondern stürmte durch die weiten, mit prächtigen Mosaiken verzierten Hallen zum Drachenlandeplatz.

Er war leer - scheinbar, denn in den drei großen Zedern, die an seinem Rand wuchsen, waren drei Drachen integriert, Calracts eiserne Reserve. Ich trat an einen der Bäume heran, legte die Hände darauf und konzertierte mich. Langsam kamen Atem und Puls wieder zur Ruhe, und dann spürte ich den Drachen. Irgendwie berührte und weckte ich ihn, und einen Moment später kam er aus dem Baum heraus. Das war immer ein faszinierender Vorgang, wenn so ein riesiges Wesen aus einem Baumstamm heraussickerte, der gerade mal 60 Zentimeter durchmaß.

Der Drache blickte mich auffordernd an. Er wußte, daß ich ihn nicht ohne wichtigen Grund geweckt hatte.

"Fliege sofort zu Calract nach Lunaloc und sage ihm, die Schwarze Hexe ist hier. Sie behauptet, sich ergeben zu wollen."

Ich brauchte dem Drachen nicht erst lange zu erklären, wie wichtig diese Sache war. Alle von Calracts Untertanen und Dämonen waren zumindest in groben Zügen über die Geschehnisse im Reich informiert. Und wer die Schwarze Hexe war, das wußte nun wirklich jedes Kind. Der Drache atmete tief durch, beim Ausatmen blies er so heftig, daß ich mich mit meinen Zehen am Boden festkrallen mußte, um nicht umgeweht zu werden. Dann entfaltete er seine Schwingen und schoß in den Mittagshimmel davon.

Für die Menschen ist die Drachenpost eine sehr praktische Sache, aber für solche Fälle bräuchten wir etwas Besseres.

Es ging viel zu langsam. Wenn der Drache so schnell flog, wie er konnte, dann brauchte er einen ganzen Tag bis Lunaloc. Calract flog schneller, aber vor morgen nacht würde er nicht hier sein. Ich nahm mir vor, bei Gelegenheit mal ein bißchen nachzuforschen. Es gab Kommunikationssysteme, mit denen man über beliebige Distanzen miteinander sprechen konnte. Und ich als Hexe sollte eigentlich in der Lage sein, ein solches zu erschaffen, zumindest, wenn ich die nötigen Zauberutensilien zusammenbekam. Daß Calract womöglich schon eines hatte, das wußte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Denn das war natürlich ein Geheimnis obersten Ranges.

Für den Moment nützten mir solche Pläne allerdings nichts. Stattdessen trommelte ich den gesamten Hofstaat zusammen und instruierte die Leute über die aktuelle Lage. Unmittelbar zu tun bekamen die meisten der Menschen und Dämonen nichts, aber sie mußten Bescheid wissen und die Augen offenhalten. Und für solche Fälle hatte Calract sehr wohl vorgesorgt. Nur wußte leider nur er selbst, wie viele Krieger der Lunaloc-Armee sich im Gartenland aufhielten und wo sie steckten. Doch halt, die beiden anderen Drachen hier müßten es ebenfalls wissen.

Also weckte ich auch sie, und so schafften wir in viel kürzerer Zeit, als ich zunächst befürchtet hatte, die Mobilmachung. Die Lunaloc-Dämonen akzeptierten mich ohne weiteres erst mal als ihre Generälin, und so stand mir nach knapp zwei Stunden eine beeindruckende Streitmacht zur Verfügung, bestehend aus 150 Drachen und 600 weiteren Dämonen. Und das war nur ein Teil der hier stationierten Streitkräfte. Aber ich hielt das erst mal für genug.

Einhundertfünfzig Drachen, so viele hatte selbst ich noch nie zusammen gesehen. Es war schwer vorstellbar, daß es irgendeine Macht auf der Welt geben sollte, die dieser Streitmacht etwas entgegenzusetzen hatte. Und doch war es so. Gegen Hotaru etwa hätten selbst zehnmal so viele Drachen letztlich nichts ausrichten können.

Ich schickte eine Reihe Drachen in unsere übrigen Gebiete und zu den Verbündeten, zu Riinari etwa, aber auch einen zur Sonneninsel, wo Batchi sich wahrscheinlich aufhielt. Es war wichtig, sie alle zu warnen, denn das Auftauchen der Schwarzen Hexe hier konnte sehr wohl ein Ablenkungsmanöver sein. Die restlichen Drachen flogen abwechselnd Patrouille über das Gartenland und die angrenzenden Gebiete. Einige landeten auch bei der Schwarzen Hexe, um sie im Auge zu behalten. Gleiches taten die übrigen Lunaloc-Dämonen unten auf der Erde, sofern sie nicht zur Drachenbesatzung gehörten.

Mit dieser Drachenbesatzung hatte es eine besondere Bewandtnis: als Kinkiralinlin damals Calract gebeten hatte, Ralph de Roqueville heiraten zu dürfen, hatte der sich einverstanden erklärt unter der Bedingung, daß der General für ihn die Lunaloc-Armee reorganisierte. De Roqueville hatte das gerne übernommen. Es war ein Auftrag ganz nach seinem Geschmack gewesen, dem er sich mit fast soviel Hingabe gewidmet hatte wie seiner extravaganten Frau. Ein wichtiger Punkt dabei war gewesen, jeden Drachen mit einer Art Luftlandesoldaten zu bemannen, entweder einem weiteren Lunaloc-Dämon oder auch einem Menschen. Selbst die meisten Postdrachen hatten seitdem einen Begleiter, der sie unterstützte. Einige der Drachen hatten das nicht gewollt und flogen lieber allein, die meisten aber fanden es sehr angenehm, einen Diener oder Kameraden zu haben, der sich um sie kümmerte und immer bei ihnen war. Viele enge Freundschaften waren auf diese Weise entstanden. Allerdings hatte dieses Konzept sich noch nie im militärischen Ernstfall bewähren müssen. Das würde sich vielleicht nun bald ändern.

Ich atmete tief durch. Alles war soweit geregelt.

Nanu, es ist ja schon mitten in der Nacht. In der Tat waren die Stunden nur so verflogen, und jetzt war es bereits nach Mitternacht. Doch niemand dachte im Moment an Schlaf.

Ein Angriff war bislang nicht erfolgt, alles war ruhig, bis auf das endlose Zetern und Fluchen der Schwarzen Hexe. Ich hatte mir Orcha, eine Pegasus-Stute, die Batchiribanban mir mal geschenkt hatte, geschnappt, und war wieder zur Grenze geflogen, was ich aber schnell bereute, denn das Theater, daß die Hexe machte, war nicht auszuhalten.

Schließlich schnappte ich mir den Kopf, zog ihn an den Haaren hoch und brüllte: "Jetzt halte endlich deinen Mund, sonst werfe ich dich eigenhändig in den Brunnen!"

"Pah. Mit sowas kannst Du zweitklassige Hexe mich nicht einschüchtern." Zu meiner Überraschung schwebte der Kopf hoch und entwand sich meiner Hand. Natürlich, hier draußen hatte die Schwarze Hexe ja ihre Zauberkräfte, und dazu gehörte anscheinend auch Fliegen. "Wann kommt endlich Calract?", wollte sie wissen.

"Du wirst dich noch etwas gedulden müssen", antwortete ich giftig.

"Sage ihm, wenn er mich zurückverwandelt, habe ich eine Ü ..."

Ihr Blick ging an mir vorbei. Und auch ich drehte mich um. Batchiri war angekommen. Kurz nur streichelte sie mit einem ihrer Ohren über mein Haar, dann wandte sie sich der Schwarzen Hexe zu. Ich sah ihr eine gewisse Überraschung an, und da ich meine Freundin schon lange genug kannte, vermutete ich, daß sie nicht dem Erscheinen der Schwarzen Hexe an sich galt, sondern dem Umstand, daß sie nach 21 Jahren immer noch versteinert war. Batchis Versteinerungsfähigkeit war, wie ich wußte, ziemlich stark. Aber so stark ...

Aber wie auch immer, Batchi kam erst mal nicht dazu, etwas zu sagen, sondern mußte stattdessen eine wüste Schimpfkanonade über sich ergehen lassen. Schließlich war sie es ja gewesen, die die Hexe in diese bedauernswerte Lage versetzt hatte.

"Wenn du nicht endlich still bist", rief die Dämonin nach einiger Zeit wütend, "dann versteinere ich deinen verdammten Mund auch noch!"

"Ach ja", höhnte die Hexe. "Dann wird Calract leider nie erfahren, wo der nächste Splitter des Mondkristalles ist."

Diese Nachricht schlug ein wie eine Bombe, und die Schwarze Hexe genoß ihren Triumph sichtlich. Nun hatte sie wieder Oberwasser. Batchi warf mir einen Blick zu und bedeutete mir, ihr zu folgen.

Wir setzten uns etwas abseits auf die Mauer. Mein Blick fiel auf meine silbern lackierten Finger- und Zehennägel, die als einziges an mir blitzblank waren. Denn nach allem, was ich heute hatte erledigen müssen, waren meine Füße, Beine, Kleider, mein Gesicht, eigentlich alles an mir ziemlich dreckig, verschwitzt und staubig. Nur der Nagellack, der ein bißchen verzaubert war, hatte dem Schmutz widerstanden und leuchtete unter den nächtlichen Sternenhimmel. Dieser Anblick gab mir einen Teil meiner inneren Ruhe zurück.

Batchi rückte dicht an mich heran. "Du hast das ganz großartig gemacht, Liebste." Ich legte einen Arm um ihre Hüfte und schmiegte mich an sie. Daß wir beide mehr als nur enge Freundinnen waren, war allgemein bekannt. Und daß Batchi, wenn Calract nicht da war, fast jede Nacht mit mir verbrachte, auch. Jetzt allerdings war ich nicht in der Stimmung für allzu zärtliche Intimitäten. Zu unsicher war die Lage.

Halb zu mir selbst meinte ich "Jetzt im nachhinein wundert es mich, daß Calract keinen fertigen Alarmplan ausgearbeitet hat. Was, wenn es wirklich einen Angriff gibt?"

"Ganz einfach. Niemand kann gegen Calract gewinnen, solange er nicht tot ist. Also: wenn er im Gartenland ist, organisiert er die Verteidigung selber. Wenn er weg ist, gibt es hier kein Ziel. Schatzi meint, ein Angriff worauf auch immer wäre sinnlos, solange er nicht selbst das Ziel ist. Also braucht man auch keinen schriftlichen Alarmplan."

Ich sah das nicht so. Aber wie auch immer, wenn es einen Angriff geben sollte, dann war davon im Moment jedenfalls nichts zu merken.

"Kokoma-Schätzchen, geh' ins Bett. Ich halte hier erst mal die Stellung."

Ich nickte. Starke Müdigkeit überkam mich. Zum Abschied knabste Batchi zärtlich an meinem Ohrläppchen. Als Orcha mich vor dem Tempel ablieferte, war ich schon im Halbschlaf. Irgendwie schaffte ich es noch in mein Bett, und das nächste, was ich wieder mitbekam, war der strahlende Sonnenschein, der mich am nächsten Morgen weckte.


Ich streifte mir die schmutzigen Kleider vom Leib, lief hinaus ins Freie und sprang erst mal in den wie immer kristallklaren und eiskalten See. Ich schwamm und tauchte etwa eine Viertelstunde umher, wobei ich nur zweimal Luftholen mußte, dann kletterte ich wieder ans Ufer.

Meriad und Seyra, zwei meiner Sklavinnen, warteten dort auch mich und knieten demütig nieder, als ich mich ihnen näherte.

"Erhebt euch." Splitternackt stand ich vor den beiden. Wie Perlen funkelten in der Morgensonne große Wassertropfen auf meiner zarten, samtbraunen Haut. "Wie oft habe ich euch schon gesagt, daß ihr nicht jedesmal niederzuknien braucht, wenn ich vorbeigehe."

"Verzeiht, Herrin, aber ..."

"Hm?"

"Es wäre einfach nicht richtig, Euer Durchlaucht keinen Respekt zu erweisen."

Durchlaucht. Der Titel stimmte. Es war kein Geheimnis, daß ich eine Prinzessin war. Ebensowenig aber war es ein Geheimnis, wo ich einen recht großen Teil meines Lebens verbracht hatte, nämlich als Hure in unzähligen Hafenbordellen, eins schlimmer als das andere.

"Herrin!"

"Ja?"

Seyras schöne Augen verschlangen mich geradezu. "Herrin, Ihr seid so unvergleichlich schön."

Immerhin war es bemerkenswert, daß sie es überhaupt wagte, das zu sagen.

"Willst du mit mir ein bißchen schwimmen?"

Das Mädchen wurde rot. "Zieh dich aus!" befahl ich ihr.

Mit geschmeidigen Bewegungen entkleidete die junge Frau sich. Dann nahm ich sie bei der Hand. "Meriad will uns sicher nicht Gesellschaft leisten, wie ich sie kenne." Und so war es auch. Sie war ganz anders veranlagt als Seyra und hätte das nie gewagt. "Dann bereitest Du uns derweil das Frühstück."

"Ja, Herrin."

Seyra und ich stürzten uns also wieder in das erfrischende Wasser und platschten dort vergnügt umher. Ich wußte, daß das Mädchen nicht bis zum Grund tauchen konnte und ärgerte sie, wie immer, ein bißchen damit, daß ich lange in der Tiefe blieb und sie dann von unten haschte.

Später kletterten wir wieder an Land und gingen zur Feuerstelle hinüber. Zu Meriad hatten sich noch ein Dämon und zwei Palastdiener gesellt, die nun über dem offenen Feuer Tee kochten und Eier brieten. Selbst heute noch ging hier alles ein bißchen formlos zu. Ich wußte, daß es den jungen Männern einiges an Beherrschung abverlangte, aber ich zog meine Kleider erst wieder an, als die Sonne meine Haut und mein silber-violettes Haar getrocknet hatte. Und das war erst lange nach dem Frühstück. Während dieser Zeit war der Lack auf meine Finger- und Zehennägeln und Calracts magischer Ring, den ich nie ablegte, sozusagen das einzige an Kleidung, was ich trug. Ich gebe zu, ich genoß es, die Männer mit meinem schönen Körper zu provozieren. Aber sie waren brav und wagten kaum, mich anzusehen, obwohl ich nichts dagegen gehabt hätte.

Im Hintergrund hörte ich es erneut platschen, kurz darauf erschein Batchi, ebenfalls tropfnaß. Alle Anwesenden außer dem Lunaloc-Dämon knieten erneut nieder.

Calracts Frau setzte sich dicht neben mich auf den Boden. Seyra sprang auf, zog hastig ihre Kleider über und begann dann, der Schwarzen Königin das Frühstück zu servieren. Ich blickte sie fragend an, und sie antwortete ebenfalls mit einem Blick, der etwa 'nichts Neues' bedeutete. Wir beide waren schon so lange so eng zusammen, daß wir nicht mehr viele Worte brauchten, um miteinander zu reden. Simultan breitete sich ein breites Lächeln über unsere Gesichter aus. Mit ihren freien Fuß ergriff Batchi meine Hand und drückte sie zärtlich. Dann blickte sie nach Norden, wo immer noch hinter der Grenze der Karren mit den beiden Hälften der Schwarzen Hexe stand.

"Vor heute abend wird Calract nicht kommen."

Batchi nickte. "Seyra, noch etwas Tee, bitte."

"Sofort, edle Herrin."

Tja, ob es uns gefiel oder nicht, wir beide genossen hier eine fast abgöttische Verehrung. Die meisten der Menschen, die hier arbeiteten, waren Entwurzelte oder Sklaven, die im Gartenland eine neue Heimat gefunden hatten. Eine paradiesische Heimat, in der sie gut behandelt wurden. Sie dankten es uns mit hingebungsvoller Treue und solchen kleinen Extras wie dem, daß ich hier nackt herumlaufen konnte, soviel ich wollte, ohne daß ich dadurch Schwierigkeiten bekam. Batchi trug hier sowieso nie irgendwelche Kleidung, außer manchmal einem Tuch um die Hüften, das ihr aber nicht als Kleidungsstück diente, sondern als Transporthilfe. Ohne Arme und Hände wäre es ihr sonst nicht so ohne weiteres möglich gewesen, irgend etwas Größeres zu transportieren. Seltsam, auch heute noch weckten diese Gedanken starke Mutter- und Beschützerinstinkte in mir.

"Sollen wir sie mal verhören?", fragte die schöne Dämonin nach einem Schluck Tee.

"Naja ... aber wie können wir wissen, ob sie die Wahrheit sagt?", antwortete ich zweifelnd.

Batchi warf mir einen aufmunternden Blick zu. Zwar waren weder sie noch ich Telepathen, aber es gab dennoch nicht viele Menschen, die uns erfolgreich belügen konnten. Wir merkten das einfach. Vor allem meine Geliebte war ungeheuer sensibel. Sie roch den leisesten Angstschweiß, sie hörte das Herz schlagen und das Blut in den Andern fließen. Wenn sich die Pupille ihres Gesprächspartners unter Streß auch nur um das kleinste bißchen zusammenzog, sah sie es. Ihr etwas vorzumachen war normalen Menschen unmöglich. Allerdings lag genau da der Knackpunkt. Die Schwarze Hexe war nicht nur kein normaler Mensch, sie war offensichtlich auch nahe am Wahnsinn. Naja, das war wahrscheinlich ihr Normalzustand, aber ... für sie galten keine normalen Maßstäbe. Womöglich hielt sie ihre Alpträume für völlig real. Wie sollten wir sie da der Lüge überführen können?

"Versuchen wir's mal", beantwortete Batchi meine Gedankengänge. Wie meistens, hatte sie durch den Ausdruck meines Gesichts und Körpers alles mitgelesen, was ich gedacht hatte. Das allerdings war nur möglich, weil wir einander so vertraut waren. Ich konnte das bei ihr natürlich auch. Ich sprang auf sie, umklammerte sie ganz fest und küßte sie heiß und inniglich. Daß dabei wahrscheinlich der halbe Hofstaat zusah, störte mich nicht im Geringsten.

"Puh, Kokoma, jetzt hätte ich fast meinen Tee verschüttet." Sie richtete sich wieder auf, trank aus und sagte dann: "Ich fliege schon mal vor."

"Ja, ich komme nach, sobald ich mich angezogen habe." Ich brauchte natürlich neue Kleider, denn die alten waren staubig und verschwitzt. Aufmerksam, wie sie war, hatte Meriad mir allerdings schon neue bereitgelegt und die alten zum Waschen gegeben. Meistens trug ich auch Schmuck, entweder mit Kleidern oder anstelle davon. Für den jetzigen Anlaß erschien mir der allerdings nicht besonders passend.


Orcha trug mich wie auf Engelsflügeln hinüber zur Grenze, wo Batchi und der Kopf der Schwarzen Hexe einander schon intensiv belauerten. Batchi warf mir einen kurzen Blick zu, dann sagte sie zu der Hexe: "Und du behauptest also, du wüßtest, wo ein Splitter des Mondkristalles ist. Darf man fragen, wie du zu diesem Wissen kommst?"

"Das geht dich gar nichts an. Aber wenn du mich endlich wieder entsteinerst, dann werde ich Calract alles erzählen."

"Das könnte dir so passen. Und überhaupt, warum hast du den Splitter nicht selbst einkassiert und dich damit zurückverwandelt?"

"Weil er zu weit weg ist. In diesem Zustand kann ich ja wohl keine weiten Reisen machen!", antwortete die Schwarze Hexe giftig. Dann murmelte sie: "Es war schon verflucht schwer genug, überhaupt hierher zu kommen." Sie rollte wild mit den Augen und brüllte: "Verdammte Schweinepriester!" Keine Ahnung, wen oder was genau sie damit meinte.

Gelassen fragte ich: "Was ist mit Rosalia, deiner sauberen Partnerin? Warum hat sie sich nicht den Stein geholt?"

"Weil sie davon keine Ahnung hat. Es ist schon lange her, daß sie sich von mir getrennt hat, dieses Miststück."

"Tja", erklärte Batchiri herablassend, "niemand arbeitet gern mit einem Verlierer zusammen."

"In der Hölle sollst du schmoren, du Möchtegern-Fledermaus! Weiß du, was ich gerne mal wüßte: wie ist, das wenn du mit Calract zusammen bist? Wenn er mit dir Händchen halten will und dann merkt, daß das gar nicht geht, weil er ein Monstrum geheiratet hat, das gar keine Hände hat. Oder wenn du ihm das Frühstück ans Bett bringen willst. Schiebst du es dann auf einem Tablett über den Boden?"

Die Schwarzen Hexe hatte damit genau Batchiris wunden Punkt getroffen, und ich spürte, wie in ihr die Wut wuchs. Auch der Hexe entging das nicht. Sie lache hysterisch auf und legte genüßlich nach: "So, wie du aussiehst, kannst du dich nicht mal alleine anziehen. Calract muß wirklich viel Mitleid mit dir haben, wenn er dich immer noch aushält. Arme kleine Dämonin ..."

Ich schloß die Augen, konzentrierte mich und ließ dann einen heftigen Blitz in den Wagen krachen. Die Schwarze Hexe schrie wie am Spieß, während ich meine Hand auf Batchis Halsansatz legte. Langsam beruhigte sie sich wieder. "Danke, Kokoma."

"Tja, warten wir einfach, bis Calract kommt. Etwas Anderes bleibt uns wohl nicht."

Batchi nickte zustimmend. Und so warteten wir, während die Schwarze Hexe weiter vor sich hin zeterte.

Gegen Mittag wurde es mir zu langweilig. Ich kletterte wieder auf Orcha und ließ mich von ihr zurück zum Palast fliegen. Dort sah ich nach dem Rechten und suchte dann Meriad.

Diese erschrak heftig, als ich plötzlich vor ihr stand. Auf dem Mosaik-Boden konnte ich mich völlig lautlos bewegen, was ich für gewöhnlich auch tat, und da sie ihrerseits gerade mit etwas beschäftigt gewesen war, hatte sie mich nicht kommen hören.

Ich nahm sie an den Händen und sagte: "Also, ich wüßte doch gerne mal, warum Seyra immer mit mir zum Schwimmen geht und du nie."

Meriad errötete und blickte weg, aber ich nahm ihr Gesicht zwischen meine Hände und blickte ihr fest in die Augen. Ich spürte ihre Nervosität.

"Herrin, ich ... ich kann nicht schwimmen."

So was hatte ich mir schon fast gedacht. Doch das war noch nicht alles.

"Als ich noch ein kleines Mädchen war, mußte ich zusehen, wie meine Mutter ertrank." Sie schluckte, fuhr dann aber fort: "Wir machten eine weite Schiffsreise, mit dem letzten Geld, das uns noch geblieben war. Es gab einen Sturm. Meine Mutter konnte auch nicht schwimmen. Und seitdem habe ich solche Angst vor dem Wasser."

Ich sah ihr schweigend in die Augen. Langsam weiteten sich ihre Pupillen.

"Wenn du mir vertraust, kann ich dir diese Angst nehmen. Aber du mußt dich mir blind anvertrauen."

"Ja, Herrin."

"Dann warte hier einen Augenblick."

Nach kurzer Zeit kam ich zurück. "Nun, zieh dich aus."

Sie sah mich entgeistert an, gehorchte aber. Auch ich entkleidete mich und genoß den warmen Wind auf meiner Haut. Obwohl es erst April war - hier, direkt an der Küste des warmen Octaviusmeeres, herrschte immer Frühling oder Sommer.

Ich trat hinter Meriad und band ihre Hände mit einer leicht zu lösenden Schleife auf dem Rücken zusammen. Dann legte ich noch ein weiteres schwarzes Tuch um ihre Augen. So nahm ich sie mit zum See.

An der Stelle, die ich ausgesucht hatte, führten ein paar breite Felsstufen ins Wasser. Ich trat auf die erste davon, Meriad immer noch an den Schultern berührend. Das Mädchen zitterte.

"Wenn du einen Schritt nach vorne machst, kannst du das Wasser fühlen."

Zaghaft tat Meriad, wie geheißen. Ich stellte mich dicht vor sie, dann gingen wir langsam, Schritt für Schritt tiefer ins Wasser. Ängstlich tastete Meriad vor jedem Schritt mit den Füßen den Boden ab, folgte mir aber, wobei sie sich so dicht wie möglich an mich schmiegte. Schließlich stand sie bis zum Bauchnabel im Wasser.

"Bis jetzt ist es doch noch nicht gefährlich, oder?", fragte ich sie. Sie schüttelte den Kopf.

"Warum habt ihr mir die Hände gefesselt, Herrin. Wie kann ich ohne Hände schwimmen?"

"Zum Schwimmen brauchst du sie nicht. Denk mal an die Königin. Sie schwimmt besser als wir alle, und benutzt dazu normalerweise nur ihre Beine. Aber selbst die sind nicht unbedingt nötig, denn der Mensch schwimmt praktisch von allein. Paß auf, knie' mal nieder. Ja, so. Und jetzt tief Luft holen. Und nun ..." ich kniete neben ihr, eine Hand unter ihrem Rücken, eine auf der Brust, "laß dich langsam rückwärts ins Wasser sinken. Und hab' keine Angst, ich beschütze dich."

Und so lag Meriad schließlich flach im Wasser, nur ganz leicht auf meine Hand gestützt. "Ruhig atmen, ja, so." Ich nahm ihr die Augenbinde ab, und sie sah mich überrascht und irgendwie auch verblüfft an. Das sollte alles gewesen sein? Ihre Angst war verpufft wie eine Seifenblase, und darüber schien das weißhäutige Mädchen ziemlich erschrocken.

"Jetzt mit den Beinen paddeln. Ganz langsam reicht. Siehst du, und schon kannst du schwimmen."

Keine zehn Minuten später paddelte das Mädchen bereits wie ein Hund kreuz und quer durch den See, dann tauchten wir sogar noch ein bißchen.

Wie es aussah, verbrachten wir beide den halben Nachmittag im Wasser. Schließlich zitterte Meriad wieder, aber diesmal vor Kälte. Das Wasser hatte höchstens 10 Grad, und auf Dauer kühlte es einen ganz gewaltig aus. Wir kletterten zurück ans Ufer, und ich begann mit einem kleinen Schwamm, Meriads schneeweiße Haut trockenzurubbeln. Dann gab ich ihr den Schwamm, und sie machte das gleiche bei mir.

"Herrin, Ihr habt so eine wunderschöne Haut. Ich wünschte, meine wäre auch so."

"Na, jetzt untertreibst du aber gewaltig." Ich drehte mich zu ihr um, legte meine Hände auf ihre weißen Brüste und begann, diese zu streicheln. Dann zog ich das Mädchen zu mir heran und küßte es sanft.

"Deine Mutter ist tot, aber ich bin deine Freundin, mein Kind."

Meriad liefen die Tränen der Rührung über ihr hübsches Gesicht, dann kuschelte sie sich an meiner Brust zusammen und ich streichelte ihr hellblondes Haar.

"Aber", meinte sie schließlich, "wird die Königin nicht eifersüchtig, wenn Ihr mich küßt?"

"Nein, denn sie weiß, daß ich sie so liebe wie keinen anderen Menschen. Komm, gehen wir in den Palast zurück. Und zeigen wir allen unsere Schönheit."

Daß man im Gartenland ohne weiteres nackt herumlaufen konnte, verdankten wir letzten Endes den Lunaloc-Dämonen. Für sie bedeutete Kleidung nichts. Diese Sitte, unterstütz durch das immer warme Klima hier, hatte dann auf die ersten Menschen - mich vor allem - abgefärbt und war dann von den später dazukommenden übernommen worden. Nirgends sonst in der bekannten Welt war man so freizügig, sich in aller Öffentlichkeit nackt zeigen zu können, vor allem die Frauen. Das heißt, eine weitere Ausnahme gab es noch: auch Riinari trug nicht immer Kleidung, wenn sie sich bei ihren Untertanen blicken ließ, und auch das war akzeptiert. Vor allem wenn sie Orna besuchte, hatte sie in der Regel außen ein bißchen Schmuck nichts am Leib. Ich nahm an, die Leute dort verehrten sie inzwischen als Göttin der Fruchtbarkeit oder so was. Ich kicherte leise bei dem Gedanken, und Meriad sah mich überrascht und etwas fragend an.

Zurück im Palast kleiden wir uns wieder an. Mit einem Ruck zog ich Meriad ein letztes Mal an mich und küßte sie, dann ging ich hinüber in den Tempel, wo ich seit 20 Jahren mein Zimmer hatte. Im Laufe der Zeit hatte ich eine beachtliche Sammlung an Schmuck zusammengetragen, vor allem Silber-, Jade- und Amethystschmuck, weil das am besten zu meiner samtbraunen Haut paßte. Gold, Diamanten und die zahlreichen anderen edlen Steine und Stoffe waren aber auch vertreten.

Zur Zeit trug ich eine schwarze Hose aus elastischem, enganliegenden Stoff, die bis kurz über die Knöchel reichte. Dazu hatte ich einen kurzen, roten, stark aufgeplusterten Rock an, über dem Leib trug ich ein dünnes Hemd aus schwarzen Spitzen, das zwar die Schultern und Arme freiließ, aber den Hals umhüllte.

Ach ja, und den Ring natürlich.

Eigentlich konnte keine Hexe und kein Zauberer im Gartenland seine Macht einsetzen, weil Calracts Zauber das verhinderte. Mein Herr und Gebieter hatte es aber für praktisch gefunden, bei mir eine Art Dauer-Ausnahme zu machen. Zu diesem Zweck hatte er einen Zauberring angefertigt, der äußerlich dem ähnelte, den Batchiri trug. Mit Hilfe dieses Ringes konnte ich auch hier im Gartenland das Wetter machen, und das tat ich zu Calracts Gefallen und Zufriedenheit. Ich erinnerte mich daran, wie er ihn mir damals, fast 20 Jahre war das nun her, anstecken wollte, ich ihm aber statt meines Ringfingers meine linken Fuß hingehalten hatte, denn Batchi trug ihren Ring ebenfalls am Fuß. Ich hatte von Calract das übliche wölfische Lächeln geerntet, und seitdem hatte ich um meine linke Ringzehe diesen irgendwie schwerelosen, schwach leuchtenden, manchmal fast unsichtbaren Ring, den ich seitdem auch nie wieder abgenommen hatte.

Ich öffnete meine Schmuck-Kabinette und wählte aus, was ich tragen wollte, wenn mein Gebieter der Schwarzen Hexe entgegentrat. Nachdem die Schwarze Hexe für Batchi und mich nichts als Beleidigungen übriggehabt hatte, wollte ich mich erst recht herausputzen, um sie ordentlich zu beeindrucken. Um die Fesseln legte ich breite, mit Jade und Bernstein belegte Silberbänder, die bei jedem Schritt leise klirrten. Manchmal trug ich sie, wenn ich für Calract und Batchiri tanzte, denn mit ihnen war es leicht, den Rhythmus der Musik zu unterstützen. Wenn ich wollte, konnte ich sie auch recht laut klirren lassen.

Um die Hüfte kam ein schwarzer, mit Jadeornamenten verzierter Ledergürtel, den mir mal Kyraia geschenkt hatte. Um den Hals legte ich eine mit ausladenden Ornamenten verzierte silberne Kette, die bis über die Brüste reicht und verhinderte, daß man sie durch das dünne Spitzenhemd zu deutlich sah. Die Oberarme bekamen silberne Spangen, in denen kleine Dolche versteckt eingearbeitet waren - für alle Fälle. Diese Spangen waren ein Geschenk von BQMZ, genau wie die Ringe, die ich mir noch rechts und links an die zweite Zehe steckte und die ebenfalls als Waffen dienen konnten, denn sie hatten einige extrem scharfe Kanten, mit denen man, wenn man sie richtig führte, einem Gegner schwere Verletzungen zufügen konnte. BQMZ hatte mir das beigebracht, sie selbst kämpfte ja auch bevorzugt auf diese Weise.

Natürlich war ich keine Kriegerin wie sie, aber fast genauso gelenkig, gut durchtrainiert und sehr geschickt. Mit diesen Ringen waren meine Füße gefährliche Waffen. Ich lächelte. Fast alle Menschen, die ich kannte, benutzten ihre Füße nur zum Laufen. Was für eine Verschwendung, man konnte mit ihnen soviel anfangen. Batchi hatte mir Dinge gezeigt, die ich zuvor kaum geglaubt hätte. Und nicht zuletzt waren sie wunderbar für die Liebe ...

Ich riß mich zusammen. Jetzt war nicht die Zeit, an meine Nächte mit Batchi zu denken. Mein Blick fiel wieder auf die Zehenringe. Natürlich würden sie mir gegen sowas wie die Schwarze Hexe nichts nützen, aber man konnte ja nie wissen.


Es war schon Abenddämmerung, als ich den Tempel wieder verließ. Draußen wartete schon Orcha auf mich und setzte sich auf die Hinterhand, damit ich bequem aufsteigen konnte. Irgendwie war es eine seltsame Angewohnheit, wahrscheinlich hatte ich sie von Tschuri abgeschaut, die immer aufsaß und ritt, ohne die Hände zu benutzen. Batchi hatte auch keine Hände, und so war ich dazu gekommen, beim Reiten ebenfalls nur Beine und Füße zu benutzen. Unwillkürlich mußte ich bei diesen Gedanken lächeln. Calract hatte schon eine seltsame Truppe um sich versammelt. Aber es machte mir einfach Spaß, einen nicht nur wunderschönen, sondern auch so geschickten und vielseitigen Körper zu besitzen. Tschuri jedenfalls konnte auf diese Weise ihre Pferde perfekt lenken, aber das war bei Orcha nicht nötig, sie gehorchte mir aufs Wort. Als Pegasus-Pferd verstand sie einen Teil der menschlichen Sprache, und als ich sie nun bat, mich wieder zur Schwarzen Hexe zu fliegen, mußte ich nichts weiter tun, als mich mit den Beinen an ihr festzuklammern, damit ich beim Start und Flug nicht herunterrutschte.


Batchi saß etwas abseits auf der Mauer. Als sie mich sah, schüttelte sie langsam den Kopf. Doch dann richteten sich ihre Ohren aus und ihr Blick ging starr nach Norden. Ich sah auch dorthin, konnte aber nichts erkennen - noch nichts. Batchiris Sinne waren halt um einiges besser als meine.

Aber ihre Körpersprache verrieten mir, was sie sah. "Calract?"

Sie nickte leicht.

Und dann kam er, in der Gestalt eines mächtigen Drachens. Bevor er aber bei uns landete, zog er noch eine Kurve über das Gartenland, um sich persönlich zu vergewissern, daß soweit alles in Ordnung war.

Mit gewaltigem Flügelschlag ging er schließlich direkt bei uns nieder und verwandelte sich in seine menschliche Gestalt zurück. Er begrüßte seine Frau und mich mit einem kurzen Nicken, dann trat er an den Karren mit den beiden Bestandteilen der Schwarzen Hexe heran.

"Du weißt es noch nicht, aber ich habe eine Überraschung für dich, Calract. Einen Splitter des Mondsteins. Wenn du mich endlich erlöst, sage ich dir, wo er ist."

Calract blickte Batchi und mich an.

"He, wenn ihr euch unterhaltet, dann macht das gefälligst laut, daß man was hört!", zeterte die Schwarze Hexe.

"Warum sollte ich dich nicht zurückverwandeln, das Geheimnis erfahren und dich dann einfach töten?"

"Weil du sowas nie tun würdest. Calract!" Sie spie das letzte Wort förmlich aus. Aber davon abgesehen hatte sie wohl recht. Oder? In diesem Fall konnte man sich da nicht so ganz sicher sein.

"Batchi!"

Die Orna-Dämonin trat an den Karren. Ihre Augen begannen rot zu glühen, dann grell zu strahlen, und langsam verwandelte sich der Körper der Hexe in Fleisch und Blut zurück. Kaum was das beendet, griff eine Hand nach dem Kopf und setzte ihn sich wieder auf den Hals, wo er sofort festwuchs. Mir war nicht so ganz wohl, als ich dabei zusah. Die Schwarze Hexe verfügte über enorme Zauberkräfte.

Schweigend sah sie dann an sich herunter. Sie bewegte die Arme und Beine, dann den Oberkörper. Schließlich machte sie einen kleinen Schritt. Und dann brach sie in Tränen aus. Diesmal war es nicht gespielt, ihre Erschütterung war echt. Nach 21 Jahren als abgetrennter Kopf hatte sie nun endlich ihren Körper wieder.

Die Rührung währte allerdings nicht sehr lange. Sie sprang vom Wagen, sah mich und Batchi mit ihrem hellblauen und ihrem schwarzen Auge an und knurrte: "Glotzt nicht so, ihr Nieten!" Dann wandte sie sich an Calract: "Also gut. Du kennst doch Gertrenn, das Dorf am Ende der Welt?"

Calract nickte.

"Von dort aus etwa 300 oder 400 Kilometer nach Süden und gut zweitausend Kilometer nach Westen. Da irgendwo ist das Sandland. Dort wohnt eine Hexe, die den Splitter jetzt besitzt." Sie raffte ihr Gewand zusammen und rief: "Das war's dann. Hoffentlich sehen wir uns nie wieder."

"Nicht so schnell", unterbrach Calract sie. "Du bleibst mein Gast, bis ich den Splitter habe. Und während meine Leute danach suchen, wirst du mir verraten, woher du das alles weißt."

"Woher ich das weiß? Blöde Frage. Da mein Körper versteinert war, habe ich meinen Geist umherschweifen lassen. Irgendwann habe ich diesen Splitter entdeckt. Das ist alles. Und jetzt laß mich gefälligst los! Was soll da überhaupt heißen, deine Leute. Willst du nicht selbst suchen?"

"Nein, ich bleibe hier. Und du auch. Entweder freiwillig, oder ich halte dich mit Gewalt fest."

"Also, freiwillig bleibe ich nicht!" Wütend funkelte sie den Zaubere an.

"Batchi, unser Gast möchte ..."

"Ahhh, alles nur das nicht. Also gut. Da ich die Wahrheit sage, mußt du mich früher oder später ja doch gehenlassen." Sie sah Calract auffordernd an: "Und wen willst du schicken zu so einer wichtigen Mission?"

"Mich!", rief Batchiri entschlossen.

"Was, die! Was kann so eine armselige Fledermaus schon ausrichten. Die hat ja nicht mal Hände."

"Das scheint dich ja sehr zu beschäftigen, Beata", antwortete Batchi gelassen. "Es geht aber sehr gut ohne das, was du Arme und Hände nennst. Jedenfalls reicht es, um dich in Schach zu halten, nicht?" Sie hob einen ihre Füße vors Gesicht und ballte die kräftigen langen Zehen, und ließ die Krallen aufblitzen. Und ich war mir sicher, daß auch der Schwarzen Hexe klar war, was für eine gefährliche Waffe diese Füße sein konnten.

"Und außerdem hat Batchi ja auch noch mich", meldete ich mich zu Wort. "Ich werde sie begleiten."

Calract, die Schwarze Hexe und Batchi sahen mich an.

"Super. Ich freue mich", rief Batchi dann, und wedelte freudig mit ihren schönen langen Ohren. "Zusammen sind wir ein unschlagbares Team!"

Das sah ich auch so. Wir beide ergänzten uns hervorragend.

"Na bitte. Beata, nach dir. Und ihr beide: bereitet schon mal alles für die Reise vor."

"Aber heute nicht mehr", antwortete Batchi. "Diese Nacht verbringe ich mit dir, Schatz. Außerdem brauche ich sowieso nicht viel vorzubereiten."

Außer ihrem Brustbeutel und dem Tragetuch würde meine Geliebte wahrscheinlich nichts mitnehmen. Wozu auch, sie brauchte nichts weiter. Und was mich anging, alles, was ich brauchte, paßte in einen kleinen Rucksack. Das wichtigste war der Nagellack und eine gute Auswahl Schmuck für meine Schönheit, dazu etwas zum Anziehen und ein bißchen Kleinkram. Das reichte mir.

"Gute Nacht, Batchi", verabschiedete ich mich von meiner Liebsten. Da Calract da war, verzichtete ich auf Intimitäten. Natürlich wußte mein König, mit wem seine Frau ihre Nächte verbrachte, wenn er unterwegs war. Er hatte auch nichts dagegen, aber wir mußten uns ja nicht unbedingt vor seinen Augen lieben, schließlich gehörte sie ihm und nicht mir.

Dann sprang ich wieder auf Orcha und ließ mich von ihr zurück zum Tempel fliegen.


Wenn Calract im Gartenland weilte und Batchi sich mit ihm vergnügte, mußte ich die Nacht alleine verbringen. Doch jeden Vorschlag, mir auch einen Mann zu suchen, hatte ich bisher entschieden zurückgewiesen. Kerle hatte ich in meinem Leben mehr als genug gehabt ... wenn schon, dann lieber ein süßes Mädchen. Doch auch dafür konnte ich mich nicht so recht entscheiden, also blieb ich einstweilen allein.

Am nächsten Morgen sprang ich zu voraussichtlich letzten Mal für längere Zeit in den See. Es war noch früh, Seyra und Meriad schliefen wahrscheinlich noch. Dafür erschien Calract.

"Was habt Ihr mit der Schwarzen Hexe gemacht, mein Gebieter?"

"Sie ist unten in den Kavernen der Eingeweihten. Ich denke, da ist sie am besten aufgehoben. Und diese Umgebung paßt irgendwie zu ihr."

Da mußte ich dem König Recht geben. Wir schwammen dann eine Zeitlang gemeinsam. Calract mochte mich, kein Zweifel, aber er hielt seiner Frau eisern die Treue. Etwas später kam auch Batchi angeflattert, dann kamen ein paar Lunaloc-Dämonen und servierten unser Frühstück.

"Es gibt", meinte Calract während des Essens, "leider keine Karten der fraglichen Region. Ich habe gestern meine Archive und die der Piraten durchgesehen, aber aus der zivilisierten Welt war noch nie jemand dort. Ihr beide seid also auf euch allein gestellt."

"Klar", antwortete Batchi, während sie an einem Brötchen herumkaute.

Calract fuhr fort: "Und es gibt auch nur einen Weg, in erträglicher Zeit dort überhaupt hinzukommen, nämlich mit einem Drachen."

"Aber ...", wandte ich zaghaft ein.

"Was, Kokoma?"

"Ich, äh, ich dachte, ich könnte Orcha mitnehmen."

"Hm, so eine Strecke kann kein Pegasus-Pferd aus eigener Kraft fliegen, zumindest nicht ohne viele Pausen. Aber wenn wir es von einem Drachen ziehen lassen, müßte es gehen. Vielleicht mit einem Zwischenstop in diesem legendären Fischerdorf Gertrenn. BQMZ ist mal dagewesen, hat sie mir erzählt. Man nennt es ja das Ende der Welt, und das anscheinend zurecht."

"Klingt interessant", meinte Batchiri.

"Tja, dann würde ich sagen, wenn ihr soweit seid, kann's losgehen."

Die restlichen Reisevorbereitungen nahmen noch gut eineinhalb Stunden in Anspruch. Vor allem war auf die Schnelle eine Zugvorrichtung für Orcha zu basteln, nämlich eine Art Geschirr, mit dem der Drache sie durch die Luft ziehen konnte. Zusammen mit dem Schmied und einigen Stallburschen legte ich es ihr schließlich an. Dann gingen wir zum Drachenlandeplatz, wo der Drache schon auf uns wartet. Er war einer der größten, den Calract in seiner Armee hatte, und hieß Tann. Er begrüßte mich freundlich. Batchi saß schon auf ihm. Ich kletterte ebenfalls auf seinen Rücken und hielt mich mit den Beinen an Tann, mit den Armen an Batchi fest. Tann wiederum packte den Knoten, mit dem das Zugseil endete, mit einer seiner Klauen, dann starteten er und Orcha gemeinsam.

Es ging wunderbar. Orcha brauchte nur ihre Flügel ausgestreckt zu halten und ab und zu ein bißchen zu korrigieren, so daß sie sich bei dem über 1000 Kilometer weiten Flug über das Octavius-Meer überhaupt nicht anstrengen mußte.

Unter uns zog die gebirgige Nordküste dahin. An den meisten Stellen war sie steil und unzugänglich, aber vor allem nach Westen hin gab es immer wieder auch kleinere und zunehmend auch größere flache Strände und geschützte Buchten, wo sich dann zumeist menschliche Siedlungen befanden: Stützpunkte der Piraten, Fischerdörfer und auch so manche Hauptstadt der angrenzenden Reiche, von denen die meisten sehr enge Beziehungen zu Calract pflegten. Tann war ein unermüdlicher Flieger, doch als es dunkel zu werden begann, schlug er vor zu landen. Wir waren die meiste Zeit mehr oder weniger über Land geflogen, so daß wir landen konnten, wo wir wollten. Von unserer Höhe aus hatten wir schon seit einiger Zeit die Südküste im Blick, die der Nordküste nach Westen zu immer näherrückte. Das Meer wurde schmaler und schmaler. Nur der Punkt, wo beide zusammenstießen, unser erstes Zwischenziel also, der ließ immer noch auf sich warten. Anscheinend würden wir es heute doch nicht mehr erreichen.

Da rief Batchiri: "Da! Ganz da vorne ist das Ende. Und dort muß auch Gertrenn sein." Aufgeregt zeigte sie mit einem Ohr nach vorne. Tann flog noch ein paar Minuten, dann sah auch er es, und schließlich war es so nahe, daß auch ich das Ende dieses warmen Meeres sehen konnte. Und tatsächlich, da standen eine Reihe von Hütten. Am Ufer lagen etwa ein Dutzend kleiner Boote und Flöße. Und ein großes Piratenschiff! Ich staunte.

Für Gesellschaft war also gesorgt. Die Landschaft hingegen war die ödeste, die man sich vorstellen konnte: An der Küste entlang zog sich ein schmaler Streifen mit dürftiger Vegetation, dahinter war nur eine endlose Sand- und Geröllwüste.

"Kein Wunder, daß das hier das Ende der Welt heißt", rief Tann. "Das Piratenschiff ist übrigens die Schenischenta, BQMZs Flaggschiff. Man erkennt es an den auffälligen Segeln. Wir werden sicher BQMZ treffen."

Ich war entzückt, das zu hören.


Gertrenn war so armselig, daß sich für BQMZs Piraten ein Raubzug nie gelohnt hatte. Stattdessen trieben die beiden Parteien ein bißchen Handel, denn an der Küste fand man manchmal Bernstein, außerdem gab es immer wieder schöne Muscheln und Schnecken. Außerdem floß ein Bach durch das Dorf, so daß die Schiffe hier Süßwasser fassen konnten. Die besondere Attraktion aber waren Fossilien, die die Gertrenner in der direkt hinter ihrem Dorf beginnenden Wüste fanden. Diese Knochen waren die Überreste von bizarren, riesigen Wesen, die in der Sintflut ertrunken waren, und erfreuten sich bei Sammlern in aller Welt großer Beliebtheit. Dinosaurier nannte man sie. Einige kleinere gab es noch heute, aber sie waren sehr selten und äußerst kostbar. Ósimo hatte, soweit ich wußte, ein paar in seinem Privatzoo.

Tann setzte direkt an der Uferlinie auf, keine 50 Meter von dem Piratenschiff und den nächsten Hütten entfernt.

Die Gertrenner waren ein seltsames Volk, Angst schienen sie nicht zu kennen, weder vor dem gewaltigen Drachen noch vor den Piraten, dem Meer oder der Wüste. Sie waren Fatalisten und Lebenskünstler, die trotz der äußerst ärmlichen Umstände, in denen sie leben mußten, einen recht zufriedenen Eindruck machten. Nun kamen sie, dürre, erstaunlich hellhäutige und nur sehr dürftig bekleidete Menschen, angelaufen, um zu sehen, wer sie da besuchte. Batchi und ich stiegen ab, aber Orcha zog alle Aufmerksamkeit auf sich, denn es hatte sich natürlich nicht vermeiden lassen, daß die Gertrenner sie mit ihren ausladenden, schneeweißen Flügeln gesehen hatten.

Batchi warf mir einen Blick zu und sah dann in die Menge der Dorfbewohner, unter denen sich nun eine weibliche Gestalt abzeichnete, die mit ihrer unglaublichen Schwärze einen starken Kontrast zu den anderen bildete: BQMZ. Als sie Batchi und mich erkannte, spurtete sie los und umarmte uns dann beide zusammen.

"So eine Überraschung. Ich freue mich so, euch zu sehen, Kokoma-Mädchen und Batchiri!"

Die Freude war ganz auf unserer Seite, und wir beschlossen, an diesem Abend zusammen mit den Piraten und den Gertrennern ein Fest zu feiern. BQMZ ließ dafür einiges aus den Magazinen ihres Schiffes springen, was die Leute hier sicher nicht alle Tage zu essen und zu trinken bekamen. Diese suchten dafür am Strand angetriebenes Holz zusammen und errichteten einen großen Scheiterhaufen. Als die Nacht endgültig über uns hereinbrach, entzündete Tann ihn mit einem Feuerstoß, und dann begannen alle, Fleisch, Fisch, große Algenblätter und exotische Meeresfrüchte zu grillen. In großen Töpfen wurden Suppen angerichtet, dazu kreisten Flaschen mit Wein und dem unvermeidlichen Piraten-Fusel, der dem einen besser, dem anderen weniger gut bekam.

"Ah, die Mandoline!" BQMZ lief die Planke zu ihrem Schiff hoch und kam kurz darauf mit einem Instrument wieder, das sie vor vielen Jahren aus einem Schatz erbeutet hatte. BQMZ war nicht musikalisch und konnte mit dieser schönen, alten, reichverzierten Mandoline nichts anfangen. Ganz anders Batchi. Als sie sie irgendwann einmal zufällig gesehen hatte, hatte sie aus Neugier begonnen, mit ihren Krallen an den Seiten zu zupfen. Nach wenigen Stunden hatte sie es zu einer beachtlichen Meisterschaft in der Beherrschung dieses Instrumentes gebracht und konnte ihm faszinierende Klänge und Rhythmen entlocken.

BQMZ gab diese Mandoline nun an die schöne Dämonin, die sie vorsichtig mit dem Fang entgegennahm und sich dann dicht an das Feuer setzte. Dann begann sie zu spielen. Die Gertrenner waren wie elektrisiert. Nur wenige Augenblicke später kamen ein paar von ihnen mit Trommeln und Schellen herbei, und so begann eine stark rhythmische Musik. Die Frauen, teilweise auch die Männer, tanzten um das Feuer, das inzwischen schon bis zu drei Meter hoch aufloderte. Sie tanzten sich in Trance, bis sie irgendwann erschöpft in den weißen Sand sanken, wieder zu sich kamen und den leckeren Speisen und Getränken zusprachen, während Batchi und andere Stunde um Stunde mit der Musik fortfuhren. Es war ein bizarrer Anblick, die geflügelte Dämonin und die fast nackten Menschen im rötlichen Schein des lodernden Feuers, tanzende, verschwitzte Leiber, stampfende Füße im weißen Sand, der Geruch von gebratenem Fleisch, brennendem Treibholz und Schweiß. Auch ich tanzte mit und unterstützte den Rhythmus mit dem lauten Klirren meines Bein- und Fußschmucks. Den trug ich nämlich nicht nur zum Angeben, ebensowenig wie die Ringe an meinen Zehen, die ich zu dieser Gelegenheit ebenfalls angelegt hatte.

Batchi legte schließlich nach ein paar Stunden die Mandoline beiseite, um ebenfalls etwas zu essen. Dann warf sie mir und BQMZ einen auffordernden Blick zu. Die Anführerin der Piraten trat mir gegenüber, auch sie fast nackt und in der Dunkelheit nur gegen den Schein des Feuers zu erkennen. An ihren Zehen trug sie ihre Dolche, in der Hand das Zackenschwert, um Hand- und Fußgelenke rote Tücher, die geheimnisvoll glühten. Batchi kehrte an die Mandoline zurück und zupfte einen durchdringenden Ton.

Langsam begannen BQMZ und ich uns zu umkreisen. Ich stampfte mit den Füßen im Rhythmus der Musik, so daß die Ringe und Ketten im Takt laut schallten. BQMZ führte einem komplizierten Tanz auf, erst langsam, dann immer schneller, und ich schloß mich ihren Bewegungen synchron an. Wir wirbelten umher und umeinander, BQMZs Schwert, ihre Dolche und meine Zehenringe fuhren schneidend durch die Luft, klirrten aufeinander, prallten wieder ab, während wir mit freihändigen Salti vorwärts und rückwärts das Publikum zur Raserei trieben. Die Haare flogen durcheinander, der Schweiß spritzte nur so von unseren erhitzten Körpern, Batchi spielte eine aufpeitschende Melodie, die zusammen mit den Trommeln und dem Tanz uns alle in Hypnose versetzte, wir wirbelten umher, BQMZs Schwert sauste durch die Luft, oft nur um Haaresbreite an mir vorbei. Dann wieder standen wir uns völlig still gegenüber, ich die Hände vor der Brust verschränkt, sie das Zackenschwert zwischen den Zähnen.

Wir legten die Handflächen gegeneinander und beschrieben dann mit den Armen einen Halbkreis. Dann lösten wir uns voneinander und wirbelten wieder herum, den weichen Sand zerstampfend.

Stunde um Stunde ging es so weiter, die Gertrenner, die Piraten und wir in Ekstase, die Zeit völlig vergessend.


Langsam erwachte ich wieder und fand mich zusammengrollt unter einer ziemlich zerrupft aussehenden Palme dicht am Wasser liegend. Batchi lag neben mir. Es war schon heller Tag, kurz vor Mittag wahrscheinlich. Aus einigen der Hütten kam Rauch aus den Löchern, die sie in den Dächern hatten. Anscheinend kochte man schon das Mittagessen. Ich erhob mich und sah mich um. Weder Tann noch Orcha waren zu sehen, aber das Piratenschiff lag noch am Strand.

Ich ging hinüber zum Bach, zog den Schmuck aus - mehr hatte ich sowieso nicht an - und wusch mir erst mal ausgiebig den Schweiß, die Asche und dem Schmutz der Nacht ab. Obwohl das Wasser hier direkt vor der Mündung ins Meer das Dorf bereits durchquert hatte, war es kristallklar. Es wuchs hier trotzdem fast nichts, weil der Boden so unfruchtbar war: nur schneeweißer Sand und Geröll, soweit das Auge reichte. Und mitten darin, an der Scheide zwischen der weißen Wüste und dem hellblauen Meer das kleine Dorf. Diese Szene hatte wirklich etwas Romantisches.

In der Ferne sah ich ein seltsames Objekt im grellen Sonnenlicht liegen. Nachdem ich mich gewaschen und angekleidet und den Schmuck wieder im Rucksack verstaut hatte, ging ich zu diesem Ding hinüber. Es stellte sich als ziemlich riesiges Skelett eines seltsamen Tieres heraus. BQMZ, zwei ihrer Piraten und ein paar Leute aus dem Dorf verhandelten gerade darüber.

"Hallo, Kokoma", begrüßte die schwarzhäutige Piratin mich.

"Du bist schon auf?"

"Klar. Geschäfte." Sie wies auf das Skelett.

Ich schritt es mal ab und kam auf etwa 12 Meter. "Hm, stammt wohl von einer Art Wal."

"Ja, habe ich auch gedacht. Aber nicht von einem, den ich schon mal gesehen hätte."

"Wo kommt es her?"

Der Dorfvorsteher antwortete: "Meine Leute haben es vor zwei Jahren in der Wüste gefunden, etwa einen Tagesmarsch von hier, und es dann Stück für Stück hierhergeschafft. Jetzt wollen wir einen ordentlichen Preis dafür."

"Und welchen?"

"Eine Schiffsladung Muttererde, Samen und Holz!"

Das war allerdings interessant.

"Das Problem", warf BQMZ ein, "ist nicht die Erde und so. Eine Ladung Erde kostet mich nichts, also ist es ok. Aber wir können uns nicht über die Modalitäten einigen."

"Hm?"

"Ich will das Skelett mitnehmen und dann mit dem Holz und der Erde zurückkommen, sie aber wollen das Skelett nicht rausrücken, solange ich nicht bezahlt habe. Das heißt, ich müßte eine Leerfahrt machen."

"Lade doch solange was Anderes. Oder mache eine kleine Kaperfahrt."

"Das ist hier im Westen ungünstig. Fast jeder ist inzwischen mit Calract verbandelt, und da wird erwartet, daß wir Piraten bezahlen für das, was wir uns nehmen. Kaperfahrten lohnen sich erst weiter im Osten und Süden. Und da sollen sich gerade seltsame Seeungeheuer herumtreiben. Wie wär's, wenn Batchi mit uns mitkommen und uns ein bißchen helfen würde?"

Ich winkte ab: "Geht nicht." Dann sah ich mir wieder das Skelett an. "Seltsam eigentlich. Wenn dieses Tier aus der Wüste stammt und eine Art Wal war, dann war dort in der Wüste mal Wasser."

"Ja, die Sintflut eben."

"Aber wie kann ein Wal ertrinken?"

BQMZ dachte nach. Dann zuckte sie mit den Schultern. "Woher soll ich das wissen? Vielleicht ist er mit dem Kopf wo gegengeknallt und dann abgesoffen."

"Das wäre was für Tschuri. Sie ist doch sehr gut im Lösen von wissenschaftlichen Rätseln."

"Mir egal." Sie wandte sich wieder an die Männer: "Also, für das Gemüse und die Hühner, die ich euch geliefert habe, schuldet ihr mir sowieso noch was." Ihre Hand fuhr zum Griff des Zackenschwertes, das an einem Gürtel an ihrer Seite hing. "Sagen wir mal, den Kopf von diesem Vieh. Den Rest nehme ich dann mit, wenn ich dann das nächste Mal mit dem Holz und den Schößlingen und so komme."

Damit waren die Männer schließlich einverstanden. BQMZs Leute kamen herbei und wollten den Kopf anheben, was aber nicht ging. Er war wie festgewachsen und rührte sich keinen Millimeter, so fest sie auch zerrten und zogen. Plötzlich flimmerte die Luft um das Skelett. Die Männer - und ehrlich gesagt auch ich - erschraken zu Tode, als sich daraus Tann materialisierte.

"Ah, habe ich gut geschlafen", brummte er und krabbelte dann ein Stück davon. Nun ließ der Schädel sich plötzlich ganz leicht hochheben, und zu sechst trugen die Piraten ihn dann an den Strand. Vom Schiff wurden dann mit einer Art Ladekran Taue heruntergelassen und der Kopf hochgezogen. BQMZ und ich gingen zurück ins Dorf zu der Feuerstelle, die jetzt nur noch an einigen Stellen ein wenig vor sich hin rauchte. Ehrfurchtsvolle Blicke begleiteten uns. BQMZ sagte zu mir: "Du hast phantastisch getanzt."

"Du auch. Hm, wie alt bist du jetzt? Ungefähr 40. Daß du immer noch so gelenkig bist."

"40 bin ich noch nicht ganz", erwiderte BQMZ kokett. "Komm mal mit, wenn du sehen willst, was gelenkig wirklich heißt." Leichtfüßig lief sie zur Schenischenta hinüber und die Planke hoch auf Deck. Ich folgte ihr. Schnell wie ein Eichhörnchen kletterte sie dann die Takelage des Hauptmastes hoch bis ganz nach oben an die Spitze. Von hier oben aus hatte man eine tolle Aussicht über die ganze Umgebung. Ich sah auch Orcha wieder, die anscheinend doch irgendwo Gras gefunden hatte und in etwa 2 Kilometern Entfernung ruhig vor sich hin fraß.

Der Mast schloß oben mit einer etwa 10 Zentimeter durchmessenden Kugel, und auf diese stieg BQMZ jetzt. Obwohl kaum Wind ging, schwankte das Schiff doch leicht, und hier oben gehörte schon eine gute Portion Schwindelfreiheit dazu, solch ein Kunststück zu wagen. Unten auf Deck und auch im Dorf waren derweil die Leute zusammengeströmt, um der Piratin zuzusehen. Und sie sollten nicht enttäuscht werden. BQMZ balancierte allein auf dem Ballen des linken Fußes und umklammerte die Kugel mit den Zehen, soweit diese reichten. Nun zog sie den rechten Fuß, ohne die Hände zu benutzten, nach hinten hoch. Gleichzeitig bog sie in einer elastischen Bewegung Rumpf, Hals und Kopf ebenfalls nach hinten, so daß die rechte Fußspitze schließlich von hinten ihren Kopf berührte.

Das war aber erst der Anfang. Souverän das Gleichgewicht haltend bog sie sich weiter durch. Ihre Zehen glitten über Stirn, Nase, Mund und Hals bis auf ihre Brust hinab. Nie hatte ich zuvor so etwas gesehen. BQMZ öffnete die Augen, streckte die Arme seitlich weg, drehte den Kopf und sah mich triumphierend an.

Ob Batchiri so was auch kann?

BQMZ bog sich wieder in ihre normale Haltung zurück. Immer noch einbeinig balancierend, den rechten Fuß auf das linke Knie gesetzt, die Hände im Schoß, sah sie sich um wie eine siegreiche Meeresgöttin. Dann sprang sie von der Mastkugel herab, fing sich dicht unter dem Ausguck mit allen Vieren in der Takelage und huschte wieder hinunter auf Deck, wo sie mit stehendem Applaus empfangen wurde.


"Was machst du da?"

Ich war zu der Palme zurückgegangen, unter der immer noch Batchi lag und scheinbar schlief. Das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzenlassen, und wenn ich schon nicht auf der Spitze des Mastes so eine akrobatische Übung absolvieren konnte, dann hoffentlich wenigstens auf sicherem Grund.

In der Tat war es kein Problem, mit den Zehen über Hinterkopf und Stirn bis etwa zur Nase zu kommen, aber das hielt ich nicht lange durch. Und genau da war anscheinend Batchi endgültig aufgewacht und wollte nun wissen, was ich da tat. Ich erklärte es ihr also. Sie las in meinen Augen, was ich über diese Niederlange empfand, und warf mir ein Lächeln zu.

"Ah, die Mandoline." Sie ergriff sie mit einem Fuß, hob sie hoch und nahm sie dann zwischen die Zähne. So lief sie hinüber zur Schenischenta. Dort lieferte sie das kostbare Instrument erst mal bei BQMZ ab und meinte dann: "Ich bin doch die einzige, die dieses Ding spielt. Warum nimmst du sie dann eigentlich immer mit auf deine Reisen, statt sie im Gartenland oder im Kontor der Piratenstadt zu lassen? Auf hoher See ist es doch gefährlich."

"Wenn ich sie in der Piratenstadt gelassen hätte, hättest du sie gestern nacht nicht spielen können", antwortete BQMZ mit entwaffnender Logik.

Batchi sah nach oben. Die Piratin ahnte, was nun kommen würde.

Batchi machte einen gewaltigen Sprung und landete in drei Metern Höhe auf der Takelage. Anscheinend hatte sie den Ehrgeiz, die Kugel auf der Mastspitze zu erreichen, ohne dabei ihre Flügel einzusetzen. Mit nur zwei Extremitäten war es natürlich nicht einfach, überhaupt hochzuklettern, aber sie setzte ihren gelenkigen Körper geschickt ein und benutzte stellenweise auch ihre Zähne, um sich festzuhalten. So erklomm sie in kurzer Zeit die Mastspitze, sprang auf die Kugel und balancierte nun darauf. Dann wiederholte sie BQMZs Kunststück, wobei sie die Piratin noch deutlich übertraf.

Ich sah von unten zu, und einer der Piraten meinte übermütig: "Heute bekommen wir ja wirklich was geboten!"

Oben entfaltete die Dämonin nun ihre Schwingen und ließ sich dann langsam wie an einem Fallschirm nach unten gleiten. BQMZ empfing sie mit dem strahlenden Lachen ihrer schneeweißen Zähne und meinte, halb zu mir, halb zu ihr: "Aber das, liebe Kokoma, zählt natürlich nicht. Batchiri ist schließlich eine Dämonin. Wenn du mich übertreffen willst, mußt du es schon selber machen."

Und da hatte sie natürlich recht. Mit anderen Worten mußte ich mich ihr geschlagen geben.

Später aßen wir im Dorf eine ordentliche Ladung Fisch, denn das war das einzige, was es hier reichlich gab.

Und dann hieß es wieder Abschied nehmen. Die Gertrenner waren sehr traurig, denn so ein Spektakel wie in der Nacht gab es hier, am Ende der Welt, höchstens einmal alle paar Jahre.

Ich ging dann noch mal zum Wasser. Genau vor meiner Fußspitze begann oder endete - je nachdem, wie man es sah - das riesige Octaviusmeer. Es gab wirklich einen Fleck, den man eindeutig als den westlichsten Punkt dieses Meeres ansehen konnte. Ich blickte nach unten und tippte mit der Zehenspitze ins Wasser: genau dieser Tropfen war der allererste dieses riesigen Ozeans. Hier fing alles an. Ganz klein, nur eine warme Pfütze, sich dann immer mehr erweiternd, weit draußen endlos riesig, für viele Völker der Nabel ihrer Welt, und doch irgendwo, in vielen tausend Kilometern Entfernung wieder zu Ende, vielleicht auch an einem kahlen, weißen Sandstrand, vielleicht aber auch an einer Steilküste, wer weiß. Irgendwie fand ich das total romantisch und lief ein paar Schritte hinaus in das warme Wasser.


BQMZ verabschiedete sich von mir und Batchi, dann sammelte ich Orcha ein und wir kletterten wieder auf Tanns breiten, schuppigen Rücken.

"Also dann, festhalten!", brummte er. Langsam, um Orcha nicht abzuhängen, stieg er auf, zog noch eine Runde über die Schenischenta und das Dorf, dann beschleunigte er und raste Richtung West-Südwest davon.

Lange noch sah ich BQMZs Schiff am Strand liegen, und ein starkes Gefühl von Geborgenheit durchlief mich. Mein Herr und König war auch hier immer bei mir.

Ja ... Calract war ein geheimnisvolles Wesen. Niemand konnte in seine Seele blicken, und doch war er für uns alle die Sonne unserer Existenz. Oder vielleicht ... er und Batchi, seine Frau und meine gelegentliche Bettgenossin, waren einander in tiefer Liebe und Vertrautheit zugetan. Vielleicht gab es in ihr ja doch jemanden, der seine tiefe Seele kannte. Kannte und wärmte.


*

Der Flug, unterbrochen nur durch seltene kurze Pausen, dauerte den ganzen Tag und die ganze Nacht. Unter uns zogen fremde Landstriche dahin, zuerst die unmerklich ansteigende Wüste, deren Weiß in der Mittagssonne so grell war, daß man den Blick abwenden mußte, dann ein schmales, aber hohes Gebirge, dahinter ein Seenland, dann dichter, bergiger Wald, der sich gegen Abend etwas auflockerte. Die Leute von Gertrenn nannten ihr Dorf das Ende der Welt, aber jetzt erst wurde mir klar, wie recht sie damit hatten. Denn seit wird von dort losgeflogen waren, hatte ich nicht mehr auch nur das geringste Anzeichen irgendeiner menschlichen Zivilisation bemerkt. Nur eine endlose, völlig unberührt scheinende Natur. Zwei- oder dreimal war irgendwo Rauch aufgestiegen, aber das hatte aus der Ferne eher nach einem natürlichen Waldbrand als nach einem Lagerfeuer ausgesehen. Wer weiß.

Tann wurde nicht müde. Unter seiner schuppigen Haut arbeiteten seine mächtigen Flugmuskeln unermüdlich, und das gleichmäßige, angenehme Pulsieren unter meinem Po und meinen Beinen machte mich schließlich ganz schläfrig. Über dem Gebirge und dem Seenland war es recht kühl gewesen, doch seit wir über das endlose Waldland flogen, war es wieder angenehm warm.

Tanns gleichförmiger Flügelschlag ließ mich schließlich eindösen und endlich in einen tiefen Schlaf fallen, der die ganze Nacht andauerte, freilich versetzt mit wilden Träumen.

Schließlich weckte mich irgend etwas. Erschreckt fuhr ich hoch, brauchte aber eine Zeitlang, um wieder in die Wirklichkeit zu finden.

Wir flogen nicht mehr!

Tann war gelandet, und Batchi spazierte bereits auf dem Boden herum und sah sich um.

"Aha, aufgewacht. Weiter kann ich euch nicht bringen."

Ich wollte fragen warum, unterließ es aber. Stattdessen versuchte auch ich nun abzusteigen, doch meine Glieder waren so steif, daß ich hilflos hinuntergefallen wäre, wenn Tann mich nicht gerade noch rechtzeitig mit seinem riesigen, mit langen Reißzähnen bestückten Maul aufgefangen hätte. Es war unglaublich, wie zart und vorsichtig er mit diesem Gebiß sein konnte. Ganz sanft setzte er mich auf dem Boden ab.

Die Sonne war kurz vor dem Aufgehen, und ich sah, wie Tanns mächtiger Körper vor Hitze dampfte. Er hatte eine ungeheure Leistung vollbracht. Ich erhob mich etwas wackelig auf meine Beine, ging dann zu dem Drachen hinüber, umarmte seinen Kopf und drückte ihn ein letztes Mal an mich. "Danke."

Tann leckte mich mit seiner Zunge über das Gesicht, dann brummte er: "Ich werde nach Gertrenn zurückfliegen und auf euch warten. Wenn ihr nicht innerhalb eines Monats zurückkommt, wird Calract einen anderen Drachen schicken, der mich ablöst und weiter warten wird."

Er machte eine Pause und blickte nach vorne. Dann sagte er: "Das Land vor euch ist riesig. Ihr werdet sehr lange unterwegs sein. Alles Gute, ihr zwei". Dann faltete er seine gewaltigen Schwingen wieder auf, erhob sich in die Luft, gewann rasch an Höhe, schoß davon, zurück nach Osten und verschwand schließlich hinter den prächtigen, rosa und orange angeleuchteten Wolken.

Ich sah ihm lange nach. Jetzt waren wir ganz allein, nur wir zwei in einer verlassenen Unendlichkeit. Ich wandte mich Batchi zu, die wie gebannt vor etwas stand, was ich zuerst für einen Baum gehalten hatte.


Ich hatte einiges gelesen über das Schwarze Königreich und die seltsame Grenze, die mitten durch die Natur lief und es deutlich sichtbar von seinen Nachbarreichen trennte. Einmal hatte ich einen längeren Aufenthalt in der Weißen Hauptstadt genutzt, mir ein Pferd geliehen und war die drei Tage durch dieses liebliche und kultivierte Land bis hoch an die Grenze geritten, um das Phänomen selbst zu sehen. Und es war wirklich beeindruckend gewesen. Ich hatte den Anblick und das fast beklemmende Gefühl, das ich dabei empfunden hatte, nie vergessen.

Genau dieses Gefühl hatte ich jetzt wieder, als ich diesen gewaltigen Baum sah, der kein Baum war, sondern der Wächter am Eingang zu einem Land, das anders war als das, das wir die letzten 24 Stunden überflogen hatten. Der Baum war eine Frau. Eine Frau, die ein Zauberer in einen Baum verwandelt hatte, mit Wurzeln, Ästen, Blättern, allem, was zu einem Baum gehörte. Der Hauptstamm zeigte immer noch ihre Gestalt. Die Beine und Füße verliefen sich als Wurzeln im Boden, die nach oben gerichteten Arme verzweigten sich zu Ästen und Zweigen.

Dieser seltsame Baum war ziemlich groß, größer als alle umstehenden Bäume, und wer die Grenze, die er markierte, überschritt, gelangte in ein anderes Land.

Lange musterte ich diesen Baum, doch irgendwann fiel mir auf, daß Batchi sich seltsam benahm. Fragend sah ich sie an. Sie löste schließlich ihren Blick von dem hölzernen Körper und Gesicht dieser verzauberten Frau. Sie sah verwirrt aus. Schließlich sagte sie leise: "Halte mich meinetwegen für verrückt, aber ich kenne diese Frau. Irgendwo habe ich sie schon mal gesehen. Aber wo nur?"

Ich wußte nicht, was ich darauf sagen sollte. Schließlich zuckte ich mit den Schultern und ging auf die Grenze zu. Sie war nicht so ausgeprägt wie die Schwarze Grenze, doch wenn man davorstand, spürte man deutlich, daß man dabei war, die alte Welt zu verlassen und eine fremde, bedrohliche Welt zu betreten. War das das Sandland, das die Schwarze Hexe erwähnt hatte? Entschlossen setzte ich schließlich erst den einen, dann den anderen Fuß auf die andere Seite, womit ich die unsichtbare Linie also überschritten hatte. Es war nichts passiert. Der rötliche Sandboden unter meinen Füßen war kühl, denn die Sonnenstrahlen des noch jungen Tages hatten ihn noch nicht berührt. Ich winkte Orcha herbei, und auch sie überquerte die Grenze ebenso willig wie unbeschadet. Genau wie Batchi.

"Deshalb hat Tann uns nicht weiterfliegen können", meinte die Dämonin.

Ich nickte. "Dann gehen wir mal los." Reiten wollte ich vorläufig nicht, nicht nach einem Tag und einer Nacht auf dem Rücken des Drachens. Ich war froh, mal wieder meine eigenen Beine benutzen zu können.

Wir liefen also in das Land, dessen richtigen Namen wir nicht kannten, hinein. Was uns schnell auffiel war der weiche, sandige Boden und der Wasserreichtum. Mindestens einmal pro Stunde querte ein Bach unseren Weg, und mindestens einmal am Tag ein größerer Fluß. Ich nutzte die erste Gelegenheit, mich zu waschen, und Batchi und Orcha platschten ebenfalls im Wasser herum.

Grund für das viele Wasser waren die gewaltigen Wolken, die in seltsamsten Formen über den Himmel zogen. Oft von der Sonne feurig angestrahlt, bildeten sie praktisch ständig eine farbenfrohe und höchst imposante Kulisse am Himmel. Irgendwo regnete es denn auch immer, und zwar meist sehr kräftig, dafür aber nur kurz, so daß es trotzdem zumeist sehr warm war. Und da die Wolken sich ständig veränderten, schien zwischen ihnen auch sehr oft die Sonne, was die Temperaturen mittags auf über 30 Grad hochtreiben konnte.

Batchi fing ein paar Fische, von denen sie zwei sofort zerriß und auffraß. Den Rest brieten wir über einem Feuer, das ich mit einem kleinen Blitz entzündet hatte. Bei solchen Gelegenheiten mußte ich immer daran denken, was für ein seltsames Paar wir eigentlich waren. Ich warf meiner Liebsten einen warmen Blick zu, den sie ebenso zärtlich erwiderte. Sie kannte meine Gedanken und teilte meine zärtlichen Gefühle.

Das Land war eigentlich richtig idyllisch. Die Grenze hatte unheimlich gewirkt, aber hier war davon nichts mehr zu spüren. Die Natur war reich, es gab Beeren verschiedener Art, viele Pilze, und auch immer wieder Obstbäume, Früchte und Nüsse.

Am ersten Tag liefen wir nicht sehr weit, vielleicht 20 oder 30 Kilometer den Weg entlang. Überhaupt - dieser Weg. Wo kam ein breiter, bequemer Sandweg her in einem Land, in dem es offenbar keinen Menschen weit und breit gab? Der Weg begann an der Stelle, an der Tann uns abgesetzt hatte, auf der großen Lichtung, wo auch dieser verzauberte Baum wuchs, und führte schnurgerade, wie mit dem Lineal gezogen, in dieses Land hinein. Wohin, das wußten wir nicht.

Schließlich, gegen Nachmittag, erreichten wir einen etwa 20 Meter breiten und relativ schnell fließenden Fluß. Wir durchquerten ihn schwimmend, Orcha mit dem Gepäck allerdings überflog ihn und wartete auf dem anderen Ufer, wo der Weg sich fortsetzte, auf uns. Wir beschlossen, hier zu rasten. Da ich sowieso schon naß war, nahm ich gleich noch ein richtiges Bad und wusch auch meine Kleider, die ich dann zum Trocknen auf das sandige Ufer legte.

So muß es im Paradies gewesen sein. Ich stand auf der Uferböschung und sah den Fluß hinauf und hinunter, während sie tiefstehende Sonne meinen nackten Körper in wohlige Wärme hüllte. Ihre rötlichen Strahlen umfingen meine braune Haut wie ein seidenes Handtuch. Ich schloß die Augen, verschränkte die Arme hinter dem Kopf, streckte die Brust heraus und gab mich dieser Wärme und der zarten, seidig-warmen Luft hin.

So stand ich eine Zeitlang da, bis ich hinter mir aus dem Wald ein Knacksen hörte. Es war Batchi, die ein Rehkitz im Fang hielt und dann vor mir auf den Boden legte. Sie deutete mit dem Fuß in den Wald und sagte: "Da hinten habe ich Himbeeren gefunden. Einfach köstlich."

Wir blickten uns an und ein stummer Dialog entspann sich. Es mußte Holz gesammelt und angezündet werden. Da Batchi praktisch nichts tragen konnte, war das meine Aufgabe. Aber die Himbeeren? Ich wußte, was meine Freundin mir vorschlagen wollte und ich nickte leicht. Ich ging also los, um trockenes Holz zu sammeln, Batchi ging zu den Himbeeren. Zuerst aß sie sich selbst daran satt, dann pflückte sie weitere, die sie aber nicht herunterschluckte, sondern in Mund und Backen aufbewahrte. Als dieser Stauraum voll war - ich hatte auch schon eine ordentliche Ladung Holz beisammen, die sicher für ein paar Stunden reichen würde - kam sie wieder zurück. Ich legte mich auf den Boden, Batchi setzte sich auf mich, beugte sich dann zu mir herunter, bis sich unsere Lippen berührten, und flößte mir dann langsam, Portion für Portion, die köstlichen Himbeeren ein. Ja, das ist wirklich das Paradies. Zwei nackte, ineinander verliebte Mädchen, die zärtlich miteinander turteln. Und das alles verdankte ich meinem König, Batchiris Mann. Vielleicht war das auch so etwas wie eine Belohnung des Schicksals. Denn der größere Teil meines Lebens hatte eher die Bezeichnung 'Hölle auf Erden' verdient.

Während ich ein Feuer machte, häutete und zerlegte Batchi mit ihren Krallen das Reh. Auf Holzspieße gesteckt brieten wir es dann, und während die Sonne sich mit blutroten Strahlen und geradezu kitschig bunten Wolken in die Nacht verabschiedete, aßen wir den köstlichen Braten.

Ich beugte mich zu Batchi herüber, knabste mit den Lippen an ihrem Ohrläppchen und flüsterte: "Was würde ich ohne dich machen, Liebste."

Batchi sprang übermütig auf und warf sich auf mich, und so tollten wir eine Zeitlang wie verspielte Kätzchen durch die Gegend, bis wir schließlich beide im Wasser landeten. Erst hier fiel uns auf, wie dunkel es bereits geworden war. Wir kletterten wieder an Land, und das Feuer wies uns den Weg zurück zu unserem Lager, während über uns die pompösen Wolken mit dem tiefblauen Dunkel der Nacht verschmolzen.

"Da hinten ist ein Baum, da können wir schlafen", meinte Batchi.

"Aber Orcha ...?" Ich wollte nicht auf einem Baum schlafen und mein Pferd unten allein lassen.

"Hmm. Dann schlafen wir alle drei am besten hier unten. Und morgen fliegen wir ein Stück, dann kommen wir schneller voran."

Wir waren alle drei ziemlich müde. Ich holte noch eine Decke aus einer der Satteltaschen, dann legte ich mich zu Batchi und Orcha, die sich einfach auf den Sand nahe der Uferböschung gelegt hatten. Das Feuer war inzwischen fast heruntergebrannt, und es war stockdunkel. Über uns war ein prächtiger Sternenhimmel, doch er gab praktisch kein Licht. Nur am Glucksen und Murmeln des Flusses konnte man sich orientieren.

"He, Batchi, wo bist du?"

"Hier. Siehst du mich denn nicht?"

"Nein, es ist doch dunkel." Nun ja, für Batchis Augen war es wahrscheinlich noch ziemlich hell.

Ich fand sie schließlich, legte mich neben sie und breitete die Decke über uns aus. Dann rollte ich mich zusammen, kuschelte mich an die Dämonin und war einen Moment später eingeschlafen.


Wenn Calract nicht da war, schliefen Batchi und ich meistens zusammen, und wenn wir erwachten, waren wir üblicherweise ein Knäuel aus Armen, Beinen, Flügeln und Körpern. Wie immer, erinnerte ich mich noch ganz vage an wilde Träume, die die ich gehabt hatte, dann kam ich gänzlich wieder zu mir. Unter meinen Fingern spürte ich Batchis ausladende Brüste und konnte nicht widerstehen, sie ein bißchen zu streicheln.

Batchiri hatte einen fast mädchenhaft zierlichen Körper, allerdings wegen ihrer Flugmuskeln einen kräftigen Brustkorb und darauf noch zwei knackige, große Brüste. Ich wunderte mich immer wieder, daß sie nichts dabei fand, sich jedermann im Gartenland nackt zu zeigen. Kleidung trug sie meist nur, wenn sie in anderen Ländern weilte, auf der Sonneninsel beispielswiese, wo sie gerne Schmuck und Kunst besichtigte und ab und zu heimlich Olivia besuchte. Ihr Körper war einfach himmlisch, und ich drückte mein Gesicht ganz fest gegen ihren warmen Busen wie in ein Kissen.

Sie war wach, lag aber noch ruhig und ganz entspannt da und ließ sich von mir liebkosen. Ihr Körper erschien mir im Licht der gerade aufgehenden Sonne von überirdischer Schönheit und Anmut. Boris von Maarx hatte eine wahre Göttin erschaffen.

Später, nachdem wir aufgestanden waren, nahmen wir unser Frühstück in Form von weiteren Himbeeren und dem Rest des Rehbratens.

Ich fragte mich, wie Batchi gestern so viele hatte pflücken können, denn die Stacheln, mit denen diese Hecken sich schützen, waren nicht ohne, und so mache davon bohrte sich in meine Fußsohlen. Doch es war der Mühe wert, und nachdem wir uns sattgegessen hatten, kehrten wir ans Ufer zurück. Ich sammelte meine Kleider ein, die längst getrocknet waren, und überlegte, ob ich sie wieder anziehen sollte, entschied mich aber dagegen. Also schüttelte ich den Sand aus und steckte sie zusammen mit der Decke in die Satteltasche. Ganz nackt wollte ich aber auch nicht reisen, also holte ich eine Halskette sowie Arm- und Beinschmuck hervor und legte ihn an. Dann saß ich auf.

Batchi hatte mir geduldig zugesehen. Sie hatte außer ihrem Brustbeutel nichts dabei, war also praktisch immer und jederzeit marschbereit.

"Also dann!"

Ich drückte die Fersen leicht in Orchas Flanken. Die Stute entfaltete ihre Schwingen, und wir hoben ab. Batchi umflatterte uns, bis wir auf etwa 200 Meter aufgestiegen waren, dann flogen wir zügig den Weg entlang, der sich unter uns wie ein heller Strich durch den teils lockeren, teils dichten Wald zog und uns den Weg wies - wohin auch immer.

Zwei Stunden später flogen wir über eine Lichtung, auf der eine Baumgruppe stand, die selbst von oben so auffällig war, daß wir beschlossen zu landen.

Es waren sechs dieser Menschen-Bäume. Batchi und ich sahen uns fragend an. Ich sprang vom Pferd, ging auf den vordersten dieser Bäume zu, einen verzauberten Mann, und legte meine Hand auf ihn. Aufmerksam versuchte ich, etwas zu erspüren, doch es gab keine Reaktion. Dieses Wesen verhielt sich zumindest im Moment wie jeder völlig normale Baum. Ich kletterte ein Stück hoch und sah ihm dann direkt ins Gesicht, in die hölzernen Augen, doch auch hier gab es keinen Funken des Erkennens, nichts, nur Holz.

Batchi war sogar noch weitergegangen und in einen der Bäume geklettert, aber auch das ergab wie erwartet keinen brauchbaren Befund.

Mit zusammengefalteten Flügeln sprang sie schließlich wieder herab und landete sicher auf ihren Ballen. Selbst jetzt, nachdem ich sie schon so lange kannte, war ich immer wieder erfreut zu sehen, wie sicher und vielseitig sie ihre schönen langen Beine und Füße benutzen konnte. Vielleicht war dieser eigenartige Widerspruch ihres Wesens einer der Punkte, die mich so sehr an ihr faszinierten. Ihr zierlicher, armloser Rumpf erweckte unwillkürlich den Eindruck der Hilflosigkeit und Schutzbedürftigkeit, auf der anderen Seite war sie aber eine gefährliche Jägerin und Kämpferin.

Jetzt hatte sie den Kopf auf die Seite gelegt und kratzte sich mit einem ihrer langen Ohren am Bauch. Dann richtete sich sie wieder auf, schüttelte heftig den Kopf und rief: "Nichts. Ohne Magie bekommen wir aus denen nichts heraus!"

Plötzlich wurde es stockdunkel. Ich zuckte zusammen, und auch Batchi sah sich verschreckt um. Doch es war keine Dunkelheit der Augen, sondern des Geistes. Wie ein gigantischer, finsterer Schatten glitt etwas über das Land, verharrte kurz - Batchi, Orcha und ich hatten instinktiv unter den verzauberten Bäumen Schutz gesucht und drückten uns tief in die Deckung - und verschwand dann wieder.

Ich war blaß geworden, Batchi ebenso, und Orcha zitterte vor Furcht. Ich streichelte sie beruhigend, obwohl ich selbst sowas auch bitter nötig gehabt hätte. "Was war das?" Ich erschrak über meine Stimme. Sie klang heiser und krächzend.

Batchiri schüttelte nur den Kopf. "Irgendwie ..."

Paradies, was? Anscheinend hatte dieses Land auch eine andere Seite. Und selbst die bunten, bizarren Wolken über uns erschienen mir auf einmal bedrohlich. Doch dieses Gefühl wich bald, und wir beruhigten uns wieder.

Es war ziemlich genau Mittag, Zeit, etwas zu essen. Und zuverlässig besorgte Batchiri etwas, diesmal eine drei Meter lange Schlange. Weiß der Himmel, wo sie diese Tiere immer fand. Mir erschien der Wald nämlich ziemlich verlassen. Aber ich war eben keine Jägerin.

Schnell hatte ich ein Feuer gemacht - unsere Arbeitsteilung war perfekt. Mit einem versonnenen Lächeln häutete und zerlegte Batchi die Schlange, und mit dem gleichen Lächeln spießte ich die Stücke auf und briet sie. Bis sie fertig waren, ging die schöne Dämonin wieder in den Wald und kam bald darauf mit ein paar Wurzeln wieder, die sie ausgegraben hatte und nun teils zwischen den Zähnen, teils mit den Füßen trug, was sie beim Laufen ziemlich behinderte. Aber anscheinend hatte sie es nicht weit gehabt. Sie wischte die Erde ab und biß dann ein Stück davon ab.

"Hm, lecker. Und sehr saftig." Sie hielt mir eine davon hin. Die Wurzel hatte in der Tat einen schwach süßlichen Geschmack und erinnerte mich ein bißchen an eine Wassermelone. Sie paßte jedenfalls gut zu der gebratenen Schlange. Orcha suchte und fand, wie üblich, alleine ihr Fressen. Und auch ein Bach war nicht weit, der, wie alle Bäche, die wir bisher gesehen hatten, kristallklares Wasser führte. So romantisch das auch war, der Grund war der ausgewaschene Sand, der auf einen ziemlich unfruchtbaren Boden hindeutete. Erstaunlich, daß die Natur hier trotzdem so viel wachsen ließ.

Nach dem Essen gab es ein kurzes Gewitter, aber schon nach wenigen Minuten kam die Sonne wieder heraus. Ich lag ausgestreckt auf dem Rücken, sah nach oben und versuchte, in den seltsamen Wolken Figuren und Gesichter zu erkennen.

"Wolkenland ..."

"Hm?"

"Wolkenland. So könnte diese Gegend heißen."

Batchi setzte sich neben mich, zog die Beine an und spielte mit den Füßen im warmen, rötlichen Sand. "Sandland. Das wäre ein noch besserer Name. Ich bin sicher, es ist das Sandland, von dem die Schwarze Hexe geredet hat."

Ich nickte ein, allerdings nicht lange. Als ich erwachte, gingen mir wieder Batchiris Worte durch den Kopf. Von dem Sand, aus dem hier alles bestand, hatte ich sogar geträumt. Lächelnd kletterte ich wieder auf mein Pferd, und wir flogen weiter.

*

"Da!"

Wie immer, sah Batchi es lange vor mir.

"Eine Stadt!"

"Stadt?"

Ich sah dort am Horizont eigentlich überhaupt nichts, was sich von der Waldlandschaft irgendwie abgehoben hätte. Wir waren gerade mal eine halbe Stunde geflogen, und die Hitze des Tages erreichte langsam ihren Höhepunkt. Zum Glück spendete der Wind unseres Fluges erfrischende Kühle.

Nach ein paar Minuten waren wir so nahe heran, daß auch meine Augen die ersten Details erkannten. Und nochmal ein paar Minuten später landeten wir am Rande dessen, was von dieser Stadt noch übrig war.

"Zehn Jahre, vielleicht fünfzehn?" Ich sah Batchi fragend an. Sie nickte. Etwa so lange mußte diese Stadt schon verlassen sein, dem Stadium des Verfalls nach zu schließen. Die meisten Häuser standen noch, waren aber schon ziemlich heruntergekommen und moosüberwuchert, einige auch schon eingefallen und verrottet, was in diesem regenreichen Klima wohl recht schnell ging.

Und überall die Menschenbäume. Es war nicht schwer zu erraten, was hier passiert war. Jemand, aller Wahrscheinlichkeit nach ein mächtiger Zauberer, hatte diese Stadt überfallen und alle Menschen darin in Bäume verwandelt. Viele hatten versucht zu fliehen, waren aber dennoch dem Zauberer zum Opfer gefallen und wie alle anderen ebenfalls verwandelt worden. Was noch auffiel waren die starken Eingriffe in die Natur, die wohl zuvor die Menschen hier vorgenommen hatten. Im weiteren Umkreis gab es sechs Tagebau-Minen, jetzt schon wieder von Pflanzen überwachsen, damals aber sicher die reinste Mondlandschaft. Ganze Wälder hatten die Menschen gefällt, um aus dem Holz diese Stadt zu bauen, zu heizen, Stützbalken für die Minen zu machen, sogar eine Schiene für eine Reihe von Loren, auf denen sie das ausgegrabene Eisenerz zu den Hochöfen transportiert hatten.

Diese Hochöfen standen auch noch, umringt von Dutzenden der Menschenbäume, und dazwischen den Schößlingen eines neuen Waldes, der hier eines nicht allzu fernen Tages die Spuren der Verwüstung gänzlich überdecken und tilgen würde.

Batchi und ich verbrachten den ganzen Tag und auch die zwei folgenden hier, um all diese Spuren zu sichten. Wir hatten sogar ein paar noch erhaltene Bücher gefunden, sie aber nicht lesen können. Außerdem sahen sie eher nach Kassenbüchern aus als nach Werken, in denen man etwas über dieses Land hätte lernen können, denn sie enthielten eigentlich nur endlose Zahlenkolonnen mit den entsprechenden Einträgen, was da addiert worden war. Anscheinend hatten hier hauptsächlich Händler gewohnt. Händler und Arbeiter, aber keine Wissenschaftler oder Philosophen.

Wer sie alle zu Bäumen verwandelt hatte und warum, darüber fanden wir keine Auskunft. Wir waren uns aber einig, falls es hier Naturwesen wie Elfen und Waldfeen geben sollte, hätten sie allen Grund gehabt, den Menschen Übles zu wünschen. Denn diese waren mit der Natur völlig rücksichtlos verfahren. Allerdings war das Waldland geradezu endlos riesig, und selbst die gewaltigen Wunden, die die Menschen dem Wald hier geschlagen hatten, waren im Vergleich dazu bedeutungslose Kratzer.

Außerdem konnte die Wildnis verlorenes Terrain, wie man sah, sehr schnell wieder zurückerobern.


Die verfallene Stadt gab wenig Hinweise auf ihre einstmaligen Bewohner. Die Häuser waren hastig aus kaum bearbeiteten Brettern zusammengenagelt worden und standen kreuz und quer in der Gegend. Hier war eine Horde von Glücksrittern eingefallen, um schnell reich zu werden und dann weiterzuziehen. Für Kultur hatten sie keine Zeit gehabt.

"Tja, ich denke nicht, daß wir hier noch etwas finden." Ich sah meine Freundin an und die wedelte bestätigend mit ihren langen Ohren.

"Also fliegen wir weiter. Den Weg entlang."

Diesen seltsamen Weg. Allerdings erfuhren wir wenig später, wie er entstanden war, und von da an erschien uns wenigstens dieser Teil des Sandlandes nicht mehr unheimlich und geheimnisvoll.

Es war später am Abend. Wir wollten uns gerade hinlegen, als plötzlich die Erde wackelte.

Batchi fuhr hoch, und ich hörte Orcha panisch wiehern. "Ein Erdbeben!" Ich sprang auf die Beine, konnte mich aber nicht lange aufrecht halten. Es schüttelte uns ganz ordentlich durch, dann war es wieder vorbei.

Wir beruhigten uns. Da nichts mehr geschah, schliefen wir nach einiger Zeit ruhig ein. Am nächsten Morgen aber sahen wir, daß der Weg breiter geworden war. Das Erdbeben hatte entlang dieser Linie, die anscheinend über zig hundert Kilometer schnurgerade durch diesen Teil der Welt lief, einen Riß entstehen lassen und von unten mit Material aufgefüllt. Rechte und linke Hälfte dieses Risses waren um 10 bis 20 Zentimeter auseinandergedrückt worden. Anscheinend geschah das alle paar Jahre, und so erneuerte sich diese Linie immer wieder, wenn sie von außen zuzuwachsen begann.

"Interessant."

Batchi fand das nicht, sie machte ein sehr skeptisches Gesicht.

Das wäre doch was für Tschuri. Aber die kluge Dämonin war tausende von Kilometern weit weg. Wie weit genau, wußte ich nicht einmal.

"Hm, wer weiß, was diese Erdbeben sonst noch so alles an die Oberfläche befördern. Vielleicht sind die Menschen ja hinter diesen Schätzen her", überlegte ich. Batchi meinte nur: "Fliegen wir weiter." Irgendwie war ihr dieses Erdbeben unheimlich. Ganz klar, im Alptraumland hatte es sowas nie gegeben. Ich hingegen hatte schon ein paar erlebt, wenn auch nicht so heftige wie dieses hier. In den Hafenstädten des Octaviusmeeres bebte die Erde öfters mal.


Einen Tag später erreichten wir die Stadt am Fluß. Batchi beschloß, als sie sie in der Ferne erspähte und sah, daß sie bewohnt war, zu landen und sich ein paar Kleidungsstücke überzustreifen. Dann stiegen wir wieder auf. Nach einem ausgiebigen Rundflug landeten wir mitten auf dem größten Platz unter einer riesigen alten Eiche. Rasend schnell füllte der Platz sich mit Menschen, bei denen sich Mißtrauen und Neugier in etwa die Waage hielten. Zwei Mädchen, die vom Himmel kamen, wo hatte es sowas schon mal gegeben! Schließlich kam der, auf den wir gewartet hatten, der König.

Batchi und ich hatten, als wir die Stadt aus der Ferne gesehen und bemerkt hatten, daß sie bewohnt war, hin und her überlegt, wie wir am besten vorgehen sollten. Letztlich hatten wir uns gegen ein heimliches Eindringen und Herumspionieren entschieden, weil wir dafür einfach zu auffällig waren. Selbst ich alleine - eine junge (oder zumindest jung aussehende) Frau, die plötzlich mitten aus der endlosen Wildnis vor den wuchtigen Stadttoren erschien - wer hätte da nicht Verdacht geschöpft! Also kamen wir überein, es so zu machen, wie Calract es üblicherweise auch zu tun pflegte: direkt und mit offenem Visier aufs Ziel zu.

Der König war ein kleines Männchen, aber dennoch eine irgendwie ehrfurchtgebietende Erscheinung. Er erschien in Begleitung einer Gruppe von Rittern. Die Bürger wichen ihm bereitwillig aus und machten einen Weg frei. So ritten er und seine Soldaten auf uns zu, hielten einige Meter vor uns an und saßen ab. Auch ich saß ab und ging ein paar Schritte vor.

"Wer seid ihr?" Der König fixierte mich mit seinen durchdringenden schwarzen Augen. Ich blickte Batchiri an. Verständlich, daß der König mich für die - sagen wir mal - Anführerin unserer Gruppe hielt. Ich war ein Mensch und ritt auf einem fliegenden Pferd. Die Schwarze Königin hingegen glich äußerlich eher einem Tier. Zumindest auf den ersten Blick. Trotzdem war sie meine Herrin, und sie würde natürlich das Gespräch führen.

Ich trat einen Schritt zurück, Batchi einen vor, und so machten wir schon mit dieser einleitenden Geste deutlich, wer das Sagen hatte. Auch der König und seine Ritter begriffen das, noch bevor Batchi zu sprechen begonnen hatte.

"Mein Name ist Batchiribanban von Caair, meine Begleiterin heißt Kokoma, und ihr Pferd nennt sich Orcha." Sie legte die Ohren nach hinten und fuhr fort: "Ich bin die Frau des Schwarzen Königs Calract von Caair."

Gespannt warteten wir auf eine Reaktion. Aber nichts geschah. Die Menschen hier hatten diesen Namen noch nie in ihrem Leben gehört.

"Wir sind auf der Suche nach einem Objekt, das starke magische Kräfte hat. Es sieht aus wie ein Kristall, oder ein Bruchstück davon. Man sagte uns, wir könnten es in diesem Land finden. Und so, wie es aussieht", sie machte mit dem Kopf und den langen Ohren eine ausholende Geste, "stimmt das wahrscheinlich auch."

Batchi trat einen Schritt näher an den König heran und ließ sich dann auf ihre Fußsohlen nieder, so daß ihre Augen etwa auf der gleichen Höhe waren wie seine. "Auf dem Weg hierher haben wir viele seltsame Bäume gesehen. Es waren Menschen, nicht wahr?"

Der König nickte ganz leicht. Wahrscheinlich merkte er es selbst nicht mal, doch Batchi und mir entging diese Geste der Bestätigung nicht.

"Wer hat das getan?"

Es herrschte lange Schweigen. Dann sprach der König. Ich war über seine tiefe, durchdringende Stimme überrascht. "Kommt mit, Fremde. Ihr sollt alles erfahren."

Ich war ein bißchen überrascht, daß der König uns einfach so traute. Also trat ich vor und fragte ihn ganz direkt, warum er uns als völlig Fremde nicht irgendwie für verdächtig hielt. Die Antwort war unglaublich simpel: die Leute hier wußten genau, wer ihnen das angetan hatte.


Die Stadt hatte keinen Namen. Nichts und niemand hier hatte einen Namen. Mit einigen wenigen bemerkenswerten Ausnahmen, wie wir später erfuhren. Der König zum Beispiel hieß einfach der König, und die Stadt, die zu beiden Seiten eines mittelgroßen Flusses lag, war eben die Stadt am Fluß.

Aus der Luft hatten wir gesehen, daß diese Stadt sich in drei konzentrische Abschnitte aufteilte. Im Zentrum war der Palastbezirk, eine trutzige und dennoch irgendwie gemütliche Burg, die schon ziemlich alt war und auf dem rechten Flußufer lag. Darum herum war die eigentliche Stadt, die auch auf die andere Seite des Flusses gewachsen war, umspannt von einer mächtigen Stadtmauer. Diese diente auch gleichzeitig als Brücke über den Fluß, zusätzlich gab es noch zwei weitere. Um diesen Stadtkern herum lag außerhalb der beschützenden Mauern ein weiterer Ring, der uns an die verfallene Bretterstadt erinnerte, die wir am Vortag gesehen hatten. Tausende von Menschen schienen sich hier in kürzester Zeit und unter wenig organisierten Verhältnissen angesiedelt zu haben.

Der König hatte eine Frau, die auf mich einen verhärmten Eindruck machte, uns stets mißtrauisch ansah und kaum sprach. Die beiden hatten fünf Kinder, vier Prinzen und eine Prinzessin. Dazu kam ein recht umfangreicher Hofstaat. Alles in allem war die Stadt am Fluß überraschend sauber und auch wohlhabend. Hunger litt niemand hier. Rings um die Stadt wurde intensiver Ackerbau betrieben. Nach und nach erfuhren wir, was hier alles angebaut wurde. Es waren mehrere hundert Arten von Getreide, Gemüse, Gewürzen und Heilpflanzen. Diese Pflanzen und das Essen, das daraus zubereitet wurde, trugen dabei die seltsamsten Namen.

Beachtlich war die Freundlichkeit dieser Leute. Nachdem der König uns sozusagen abgenommen und damit offiziell für harmlos erklärt hatte, waren wir unvermittelt das Zentrum der Neugier der ganzen Stadt geworden.

Uns zu Ehren gab es an diesem Abend im Rittersaal der Burg einen großen Empfang. Die königliche Familie war sehr leutselig, im Grunde konnte jeder Untertan kommen und gehen, wie er wollte. Und so fand sich an diesem Abend nach und nach die halbe Stadt ein, um uns mal aus der Nähe zu sehen.

"Gundalarer mit überbackenen Steinpilzen auf grünem Auberkraut!"

Eine Reihe von Dienern marschierte ein, jeder eine große Terrine oder ein Tablett mit Essen in der Hand.

Batchi und ich saßen rechts und links des königlichen Paares, zwischen die Prinzen gemischt. Es war mir dabei nicht entgangen, daß der älteste Prinz, ebenfalls ohne Namen und einfach der älteste Prinz gerufen, ziemliches Interesse an mir zeigte. Ich beugte mich zu ihm und fragte leise: "Was ist denn Gundalarer?"

"Das ist sowas ähnliches wie Yüak, nur in Wasser statt Öl gekocht, und mit ein paar anderen Gewürzen."

Aha. Anscheinend zelebrierte man hier eine ausgefeilte Eßkultur. Am besten ließ ich mich einfach überraschen. Ich sah, wie die Königin sich den Hals und die Schultern massierte. Mir kam ein Verdacht. Ja, es war ziemlich offensichtlich: sie litt unter starken Schmerzen, hervorgerufen wahrscheinlich durch Verspannungen. Ich hatte Leute gekannt, denen war durch so etwas jede Lebensfreude abhanden gekommen. Jahrelange Schmerzen zermürbten jeden.

Auf der anderen Seite saß Batchi neben der Prinzessin.

Die Prinzessin hatte von ihrem Vater den kleinen Wuchs und von ihrer Mutter die Häßlichkeit geerbt. Sie schien aber sehr aufgeweckt und zutraulich. Erstaunt beobachtete sie, wie Batchi die Eßbestecke, die an eine Mischung aus Löffel und Gabel erinnerten, in die Füße nahm und dann anfing zu essen. Sie zwinkerte mir kurz zu. Ich wußte, was sie damit sagen wolle: danke, daß du mir Tischmanieren beigebracht hast. Meine geliebte Herrin und Freundin hatte nie einen Hehl daraus gemacht, wem sie ihre Kultur und guten Manieren verdankte, und sie war mir dafür so dankbar, daß es mir manchmal schon fast peinlich war.

Aber verständlich war das schon: wenn ein Wesen, das aussah wie eine Mischung aus Frau und Tier, und das mit den Füßen aß, perfekte Manieren zeigte, das zog das natürlich alle Aufmerksamkeit auf sich. Und genauso war es auch jetzt; nur der älteste Prinz interessierte sich mehr für mich und schenkte der Dämonin weniger Beachtung.

"Gionga-Häppchen mit Weyrenal-Kruste auf Stiupiel!"

Der nächste Gang. Spaßeshalber fragte ich den Prinzen wieder, was für ein Essen das wohl sei, und erhielt wie erwartet eine Auskunft, von der ich kein Wort verstand. Das amüsierte mich köstlich. Apropos köstlich: das Essen war zwar fremdartig, aber ausgesprochen lecker. Man schmeckte deutlich, daß die Leute hier es mit viel Liebe und Hingabe zubereiteten.

Vieles von dem, was man uns im Laufe des Abends vorsetzte, konnte ich nicht mal identifizieren, als ich es vor mir sah und aß. Aber so skurril es für mich auch aussah, es schmeckte alles sehr lecker. Und guten Wein hatten sie hier, Donnerwetter. Viel Sonne und genügend Regen lieferten offensichtlich ideale Bedingungen dafür.

Die Stimmung kam langsam in Fahrt. Eine Musikkapelle marschierte in den Saal und begann, fröhliche und vor allem laute Stücke zum besten zu geben. Die Leute, die gerade nicht beim Essen waren, fingen an zu tanzen.

"Katzenfu auf roten Nyeyle-Blättern!"

"Waaaas!", rief Batchi empört. "Ka ... Katzen? Uaaaa, ich will aber keine Katzen essen." Sie verzog das Gesicht zu einer weinerlichen Grimasse.

"Aber, aber. Katzenfu besteht doch nicht aus Katzen, ich bitte Euch", beruhigte sie einer der Prinzen, der in ihrer Nähe saß. "Das sind doch nur gedünstete Krematts mit Bölk und Mölk."

Batchi sah den jungen Mann an. Dann sah sie mich an. Und dann brachen wir synchron in schallendes Gelächter aus. Es war einfach zu komisch, dieses Essen hier.

Ich beugte mich wieder zu meinem Prinzen und flüsterte: "Wie ist das bei euch, darf ein Mädchen auch einen Prinzen zum Tanz auffordern."

Der Prinz blickte mich zuerst völlig entgeistert, dann erstaunt, dann überrascht an. Ich fackelte nicht lange, stand auf, schnappte ihn an der Hand, zog ihn mit mir vor die Tafel und reihte mich bei den Tänzern ein.

Tanz und Bewegung empfand ich als einfach wundervoll. Der Prinz war ein sehr guter Tänzer, und wir brauchten nur wenige Takte, um zueinander zu finden. Wild wirbelten wir umher und ich führte eine endlose Reihe von Tanzschritten und Bewegungen vor, die gewöhnliche Frauen mangels Gelenkigkeit nicht tun konnten, zum Beispiel freihändige Salti vorwärts und rückwärts, Querspagat im Sprung und ab und zu einen Grand Jeté. Zugegebenermaßen gab ich hier mächtig an, und die Gäste zeigten sich erwartungsgemäß beeindruckt.

Es entging mir nicht, wie die Tanzfläche sich leerte. Wir waren im ungeteilten Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit, und die Leute bekamen wirklich etwas geboten. Denn auch der Prinz war weit mehr als nur ein guter Tänzer, er war fast so etwas wie ein Ballettkünstler.

Ich weiß nicht, wie lange wir so tanzten und uns gegenseitig durch die Luft wirbelten. Irgendwann war es jedenfalls wieder zu Ende, und die Zuschauer ebenso wie der König und seine Familie spendeten uns frenetischen Beifall.

Wir kehrten an die Tafel zurück. Der Prinz glühte geradezu vor Erregung, während ich, nachdem ich wieder zu Atem gekommen war, das köstliche Mahl fortsetzte.

Ich wußte, was jetzt kommen würde, und genauso war es auch: Batchi stand auf und schritt mit graziösen Bewegungen und ihren typisch ausgreifenden Schritten ebenfalls auf den Tanzplatz, begleitet von einem der anderen Prinzen.

Die Vorstellung, die die beiden gaben, war völlig anders als die von mir und meinem Partner. Der jüngere Prinz, der mittlere genauer gesagt, war alles andere als ein guter Tänzer, und er wußte das auch. Batchiri war es, die aus dieser Vorführung etwas Besonderes machte, denn ihr exotisches Aussehen, ihre ungewöhnlichen Bewegungen und der kraftvolle Ausdruck ihres Tanzes boten den Leuten erneut ein beeindruckendes Schauspiel.


Später in der Nacht verlief die Tischgesellschaft sich langsam. Auch dabei gab es kein starres Zeremoniell, sondern jeder ging, wie er gerade Lust hatte. Diese Menschen und auch die königliche Familie wurden mit immer sympathischer. Ich beschloß, mich nun der Königin zu widmen, die steif auf ihrem Stuhl hockte und sich immer wieder über den Hals strich. Seltsam, daß das noch keinem aufgefallen war. Die Symptome waren so offensichtlich, daß man schon blind sein mußte, um sie übersehen zu können. Nun ja, das kam immer wieder vor.

Ich trat also an den Stuhl der Königin heran und sagte leise: "Ich glaube, ich kann Euch helfen."

Die Königin zuckte zusammen und fuhr herum. Genauer gesagt versuchte sie es, konnte den Hals aber nicht so weit drehen und zuckte von Schmerz gepeinigt zusammen. Ein leises Stöhnen entfuhr ihrem verbissen zusammengekniffenen Mund.

Sie rutschte mühsam herum, sah mich irgendwie fragend an und murmelte: "Helfen? Womit?"

Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, was sie damit sagen wollte. Anscheinend betrachtete sie ihre Schmerzen als so gottgegeben wie die Schwerkraft, und war noch nie in ihrem Leben auf die Idee gekommen, daß man etwas dagegen tun könnte.

Ich blickte sie lange Zeit schweigend an, und plötzlich durchzuckte der Strahl der Hoffnung sie. Die Königin hatte begriffen, was ich von ihr wollte.

"Kommt mit. Führt mich in euer Gemach."


Ich sah mich um. In diesem relativ großzügigen, mit Teppichen belegten Zimmer, lebten der König und seine Frau. An einem Ende, etwas erhöht, stand ein Doppelbett, an den Wänden fanden sich Schränke, Truhen und Kommoden. Auch einige weitere Teppiche und Bilder hingen dort.

Ich versuchte, mich in die hiesigen Verhältnisse und vor allem in die Mentalität der Königin einzudenken. Es waren im Grunde einfache, geradlinige Menschen, Arbeiter, Handwerker, Bauern. Auf dem Fest, wo jeder Bürger von der Gänsemagd bis zum König vom gleichen Tisch gegessen hatte, war das ganz deutlich geworden. Diese Menschen philosophierten nicht viel herum. Wenn es ein Problem gab, packten sie es an. Nur war die Königin anscheinend noch nicht auf die Idee gekommen, das auch auf ihr eigenes Leiden zu beziehen. Seltsam eigentlich, denn die Qualen, die sie erduldete, mußten gewaltig sein. Aber ich hatte in meinem langen, ereignisreichen Leben nur zu oft festgestellt, daß Menschen an den einfachsten Sachen scheitern konnten, daß ihre Gedanken die seltsamsten Wege gingen und sie sich oft auf Arten verhielten, die ihnen selbst zwar vollkommen logisch, Außenstehenden aber schlichtweg absurd erschienen.

Ich trat hinter die Königin und begann, ihr eng sitzendes Oberteil aufzuschnüren. Darunter trug sie weitere Schichten, doch ich ließ sie ihr an, um sie nicht mißtrauisch zu machen. Dann zeigte ich auf das Bett und bat sie, sich dort auf den Bauch zu legen.

Steif wie ein Brett lag sie nun da. Ich kniete mich neben sie auf den Boden und legte meine Hände auf ihren Hals und ihre Schultern.

Ich erschrak, als ich fühlte, wie steinhart diese waren. Tausendmal hatte ich Batchiris Hals unter meinen Fingern gespürt, und dagegen fühlte dieser sich an wie totes Holz. Ich konzentrierte mich darauf, meine Finger und Handflächen warm zu machen, während ich gleichzeitig ganz sanft über die verhärtete Haut streichelte. Mit sicheren Griffen und Druckbewegungen lockerte ich dann langsam, Stück um Stück, die versteinerten Hals- und Schultermuskeln der Frau. Sie mußte ständig wahnsinnige Kopfschmerzen haben deswegen.

Die Zeit verging, und ganz langsam lockerten die Muskeln und Sehnen sich. Ganz leise hörte ich die Königin schluchzen. Sicher war sie zum ersten Mal seit vielen Jahren einigermaßen schmerzfrei. Sie erhob sich schließlich, und sofort versteinerten ihre Muskeln wieder. Ich spürte es ganz deutlich unter meinen Händen, und es durchzuckte mich ebenso wie sie.

Die Königin stöhnte gequält auf. Sie wollte etwas sagen, doch ich legte meinen Finger auf ihre Lippen und sah sie eindringlich an. "Ihr könnt es schaffen, Königin. Ihr wißt es nun."

Lange sahen wir uns an, dann sank sie zurück in die Kissen. Ich entkleidete nun den Rest ihres Oberkörpers und setzte meine Massage dann fort.

Irgendwann später kamen der König, einige seiner Kinder und Batchiri.

"Ach, da bist du. Was ..."

Nun, Batchi war es sicher auch nicht entgangen, in welchem Zustand die Frau unseres Gastgebers sich befand, und so brauchte sie nicht lange, um ihre Frage, was ich hier tat, selbst beantworten zu können.

Ruckartig erhob die Königin sich, und wieder versteifte sie ihre Muskeln dabei. Es würde lange dauern, bis sie lernte, sich so zu bewegen, daß das nicht mehr geschah.

Sie bedeckte ihren bloßen Oberkörper mit einem Kissen und sah dann die Neuankömmlinge der Reihe nach an. Diese - Batchi ausgenommen - äugten mißtrauisch zurück. Ich stand auf. Erst jetzt bemerkte ich bewußt, wie angenehm die Teppiche sich unter meinen Fußsohlen anfühlten. Der harte, kalte Stein, aus dem sonst der ganze Boden hier bestand, war schwer zu ertragen, wenn man stundenlang darauf laufen mußte.

Ich ging zum König und gurrte: "Ich habe versucht, Eurer Frau Gemahlin ihre Hals- und Kopfschmerzen etwas zu erleichtern."

"Halsschmerzen. Hmmm. Kopfschmerzen. Hmmmm."

Irgendwie schien der König damit nichts so Rechtes anfangen zu können.

"Ich denke, da es schon spät ist, sollten wir jetzt schlafen gehen", rief ich in die Runde. "Wenn Ihr so freundlich wäret, uns unsere Kammern zeigen zu lassen."

"Das mache ich!", rief der Älteste, mein mehr oder weniger heimlicher Verehrer. Er ergriff mich an der Hand und zog mich und Batchi hinter sich her. Es ging durch einige Korridore und ein enges Treppenhaus, dann waren wir da.

Der Prinz wußte nicht so recht, was er nun sagen sollte. Ich machte es kurz, bedankte mich bei ihm, wünschte ihm eine gute Nacht und verschwand dann mit Batchi in dem geräumigen Zimmer.

Anscheinend hatte niemand daran gedacht, eine Fackel oder Kerze anzuzünden, deshalb war es hier praktisch stockdunkel. Vor meinem geistigen Auge sah ich, wie Batchi nun mit ihren Ohren, ihrem unglaublich scharfen Gehör und den feinen Häärchen, die auf jede kleinste Luftströmung ansprachen, den Raum abtastete. Sie schlug mit einem Flügel ein flappendes Geräusch, um anhand der Echos den Raum "auszuhorchen". Ich hatte eine ungefähre Vorstellung davon, was sie auf diese Weise alles wahrnahm, aber auch ich bekam dadurch zumindest einen vagen Eindruck von diesem Raum.

Mit leichtem Schmunzeln machte ich mich nun daran, die Details mit Händen und Füßen zu erkunden.

Und so fanden wir nach kurzer Zeit das Bett. Gerade wollte ich hineingleiten, als ich Batchis zärtlichen Biß in meinen Nacken spürte. Sie preßte sich von hinten an mich, zog ihr linkes Bein hoch, umklammerte mich damit und ergriff mit dem Fuß meine Brust. Hitze durchwallte mich, und zum x-ten Mal bewunderte ich Batchi für das, was sie mit ihrem Körper tun konnte. Ich selbst konnte in dieser Lage nicht viel tun. Batchi hielt mich mit ihrem Fang fest und streichelte mich mit ihrem Fuß, der mir von den Oberschenkeln bis zum Busen reichte.

Schließlich verlagerte sie das Gleichgewicht nach vorne, und wir plumpsten beide auf das mit weichen Kissen gefüllte Bett.

*

Der Name des Zauberers war nicht mehr überliefert, der Name des Dämons, den er geschaffen hatte, aber sehr wohl: Wüwü wurde er genannt.

Es mußte schon mehr als hundert Jahre her sein, da lebte eben jener Zauberer als Einsiedler in diesem abgeschiedenen Teil der Welt, weit weg von allen Menschen. Eines schönen Tages jedoch schien ihm der Sage nach doch die Einsamkeit zu sehr zugesetzt zu haben. Er stieg von den Bergen, in denen seine Höhle lag, hinab an den Fluß, wo die Magische Eiche Scharaxai wuchs. Aus ihrem Holz schnitzte er eine lebendige Holzpuppe, die er Wüwü nannte. Von der riesigen Eiche brauchte er nur ein paar der größeren Seitentriebe und -äste, und so blieb der Baum am Leben und gab auch Wüwü das Leben.

Wüwü und der Zauberer verstanden sich prächtig und waren ein glückliches, wenngleich recht seltsames Paar. Bis eines Tages Wüwü in den Armen ihres Meisters leblos zusammenbrach.

Der Zauberer versuchte alles, seine Gespielin wieder ins Leben zurückzuholen, doch vergebens. In seiner Verzweiflung ging er erneut hinab zu der magischen Eiche, um dort entsetzt festzustellen, daß Menschen in das Waldland eingefallen waren. Sie hatten Scharaxai gefällt und eine Stadt erbaut.

Blinder Zorn erfüllte den Zauberer. Er legte einen Fluch über die Frevler. Viele starben, viele wurden in Tiere verwandelt, viel flohen. Doch es kamen neue. Man hatte Gold gefunden, auch Silber, Erz und edle Steine. Nichts und niemand konnte den Zug der Glücksritter aufhalten, und die Kräfte des Zauberers schwanden. Die Menschen, die er in Tiere verwandelt hatten, erhielten ihre menschliche Gestalt zurück, und der Zauberer mußte schließlich verbittert aufgeben und fliehen.

Niemand hat je erfahren, was aus ihm geworden ist.


Der kleine König blickte bedeutungsschwer in die Runde. An dem schweren Tisch saßen neben ihm einige seiner Berater, ihnen gegenüber Batchiribanban und Kokoma. Auch die Königin und einige der Prinzen waren anwesend.

"Damit aber", sprach der König weiter, "fing das Unheil erst an. Aus einem Grund, den wir nicht kennen, erwachte Wüwü eines Tages wieder zum Leben und begann, den Kampf ihres Meisters gegen uns fortzusetzen. Wo immer sie auf Menschen traf, verwandelte sie sie ohne Mitleid in Bäume - die Bäume, die ihr gesehen habt. Tausende und Abertausende haben dieses schreckliche Schicksal erlitten. Irgendwann brach der Widerstand, und alle, die noch da waren, flohen hierher in die Stadt."

"Aha, das erklärt diese wilden Siedlungen rings um die Stadtmauer", stellte Batchi fest.

Der König nickte. "Die Stadt ist zum Glück nie selbst angegriffen worden." Er machte eine Pause, dann murmelte er: "Und vor etwa zwei oder drei Jahren hörten die Angriffe der schrecklichen Holzpuppe plötzlich auf. Niemand weiß, was geschehen ist. Vielleicht ist das Leben wieder aus ihr gewichen. Jedenfalls nahm das einen schrecklichen Druck von uns. Hätten wir hierbleiben müssen, wären wir alle verhungert. So aber konnten wir gerade noch rechtzeitig das Umland bebauen und all das wieder anpflanzen, was wir zum Leben brauchen. Nur sind wir hier nach wie vor völlig isoliert. Kein Mensch weiß, wo die nächste menschliche Siedlung sein mag. Das Land hier gilt allen als verflucht, und so wird auch nie mehr jemand kommen."

"Wir müssen Wüwü finden!", erklärte Batchi entschlossen.

Alle Anwesenden starrten sie an, als habe sie den Verstand verloren. Doch da irrten sie sich.

"Habt Ihr eine Karte Eures Reiches, König?"

Der König ließ eine solche herbeibringen und auf dem Tisch ausbreiten.

"Ich weiß, wie wir herausfinden können, wo ungefähr Wüwü wahrscheinlich steckt."

Ich schmunzelte, und Batchi sah triumphierend in die skeptische Runde. Keiner der Anwesenden hatte auch nur die leiseste Idee, wie die schöne Dämonin das anstellen wollte. Daß die Schwarze Königin kein Tier war, das hatten sie inzwischen akzeptiert. Aber daß sie einen sehr cleveren Verstand hatte, das war ihnen noch nicht so ganz klargeworden. Dabei war die Idee - zumindest bei uns - alles andere als neu. Die Weiße Prinzessin Alessandra war, soweit ich wußte, als erste darauf gekommen, auf einer Landkarte Ereignisse zu korrelieren und daraus Schlüsse zu ziehen, auf die man durch reines Nachdenken niemals kam.

"Also, was wir brauchen, sind genaue Zahlen, wann und wo Angriffe von Wüwü stattgefunden haben. Das tragen wir dann hier ein."

Auch jetzt noch war es dem König und seinen Leuten nicht klar, was sie damit gewinnen konnten, doch Batchi machte den Eindruck, daß sie ganz genau wußte, was sie wollte, und so ließen sie die Daten beschaffen.

Das gestaltete sich als überraschend mühsam. Es war anscheinend nie jemand auf die Idee gekommen, irgendwo festzuhalten, was wann und wo passiert war. Es gab hier und da Notizen, dazu immer noch eine Menge Augenzeugen, vieles war aber nur noch vom Hörensagen bekannt. Wieder einmal bewunderte ich meinen König, denn der ließ in seinem Reich über alles und jedes akribisch genau Buch führen. Er und Tschuri waren geradezu vernarrt in diese Zahlen. Mit solchen Unterlagen hätten wir es sehr viel leichter gehabt. Den ganzen Tag sammelten wir beide also diese Daten zusammen und setzten Punkt um Punkt in die große Karte.

Und das Wunder - zumindest war es eins in den Augen des Königs - geschah: es bildete sich ein Muster. Wüwü war nicht einfach wild durch die Gegend teleportiert. Wenn ein Angriff erfolgt war, erfolgte der nächste mehr oder weniger in der Nähe. Teilweise waren die Wege, die die zornige Puppe gelaufen war, fast kreisförmig um einen bestimmten Punkt angeordnet, und dieser Punkt war die Stadt am Fluß!

Nachdenklich sah Batchi am Abend den König an und fragte schließlich: "Wo stand eigentlich diese Magische Eiche Scharaxai?"

"Das ist leider nicht überliefert."

Batchi sah mich an. Wir hatten beide den gleiche Gedanken. Die Dämonin machte eine für Außenstehende unsichtbare Geste, die mir bedeutete, noch nicht darüber zu reden. Dann wandte sie sich wieder der Karte zu. "Vor zwei oder drei Jahren, hmm. Das war ungefähr hier!" Sie setzte ihre große Zehe auf einen Punkt etwa 50 Kilometer nördlich der Stadt, wo das Land ziemlich gebirgig war. "Hieß es nicht, der Zauberer sei heruntergestiegen? Also lag seine Höhle auf einem Berg. Und dort sind Berge!"

Es gab noch mehr bergige Abschnitte in der weiteren Umgebung. Aus der Luft hatten wir ja genügend Zeit gehabt, die abwechslungsreiche Landschaft zu genießen. Aber immerhin stand Batchis Aussage nicht im Widerspruch zu den Fakten, die wir nun kannten.

"Ich lasse umgehend eine Schwadron meiner Ritter dorthin aufbrechen und das Gebiet durchsuchen", rief der König erregt.

"Also, ich glaube, Vorsicht wäre hier wohl ratsamer", erklärte Batchi. "Aber wie auch immer, ich denke, für heute haben wir genug geleistet. Machen wir Schluß, denken das Ganze noch mal durch und überlegen uns morgen, was wir tun sollen."

Damit waren alle einverstanden.

Ich versprach der Königin, später wieder zu ihr zu kommen. Sie wartete schon sehnsüchtig auf die nächste Massage. Doch den romantischen, warmen Sonnenuntergang mit den knallbunten Wolken am rosafarbenen Himmel wollten Batchi und ich am Fluß verbringen, etwas oberhalb der Stadt, wo das Wasser noch frisch war.

Wir beeilten uns, das Schloß zu verlassen und flogen dann, um Zeit zu sparen, aus der Stadt heraus.

Die riesige rote Scheibe der Sonne berührte gerade die Hügelkuppen im Westen. Wir schlüpften aus unseren Kleidern, und dann stürzten wir uns ins Wasser und plantschten und tollten umher wie kleine Kinder.

Später ging ich wieder an Land und ließ mich von dem warmen Abendwind trocken, während Batchi noch im Fluß tauchte und nach Fischen jagte. Ich hatte die Augen geschlossen und ließ die Luft über meine Haut streichen, als es plötzlich stockfinster wurde. Es war, als träfe mich ein körperlicher Schlag. Ich riß die Augen auf. Ich konnte sehen, aber die Welt sah aus wie durch einen Zerrspiegel betrachtet. Der Fluß schien auf einmal kilometerweit entfernt. Er war von blutroter Farbe. Der Himmel war schwarz, die Wolken hingen wie graues Blei darin, und eine eisige Kälte fegte über das Land, und direkt durch meinen Körper hindurch. Für einen Moment erstarrte ich, dann schrie ich gellend auf vor Schmerzen, als der Eiswind wie mit tausend Peitschen meine Haut zerriß und mein Fleisch durchbohrte.

Es war nicht real, ich war nicht wirklich verletzt, aber ich fühlte mich tödlich verwundet.

Batchi! Unter größten Mühen und Schmerzen drehte ich den Kopf und sah zu dem Fluß, der nun wie kalte, glühende Lava sein Bett erfüllte. Meine Freundin war nirgends zu sehen. Das Grauen, das über uns hereingebrochen war, hatte sie entführt.

"Batchi!" Ich wollte schreien, doch es kam nur ein heiseres Flüstern heraus.

Und dann erschien das Auge im Himmel. Es war riesig, es füllte den Himmel von einem Horizont zum anderen. Es war ebenfalls nicht wirklich real, aber es war da, und es suchte etwas. Wie ein Alptraum hing dieses grauenvolle Auge am Himmel und ließ seinen alles durchdringenden Blick langsam über das Land ziehen.

"Batchi!" Ich rannte los. Meine Beine gaben nach und ich kroch auf allen Vieren wie durch zähen Brei. Es war so dunkel geworden, daß ich die Richtung nur noch nach Gehör bestimmen konnte. Über mir glühte das Auge, spendete aber kein Licht. "Batchi. Wo bist du?"

Nässe umfing mich. Irgendwie hatte ich den Fluß erreicht und stürzte mich nun in die Fluten. Ich mußte Batchi finden, koste es, was es wolle.

Ich tauchte unter, schwamm blind umher, stieß mit irgend etwas Großen zusammen und wurde nach oben geschleudert.

"Ich bin hier, Kokoma. Was ist denn los?"

Ich lag auf dem Rücken am Ufer. Verwirrt blickte ich mich um. Alles war wieder normal. Batchi sah mich verwundert und irritiert an. Sollte sie tatschlich überhaupt nichts von diesem Phänomen mitbekommen haben?

Ich schilderte ihr, was geschehen war, und in der Tat war für meine Freundin alles völlig normal geblieben, während ich in diesem Alptraum gefangen gewesen war. Dabei hatte das Ganze nicht mal eine Minute gedauert, wie ich im nachhinein feststellte.

Obwohl Batchiri selbst unbeeinflußt geblieben war, nahm sie meine Schilderung sehr ernst. Schließlich waren wie diesem Phänomen ja schon einmal begegnet, wenn auch nicht in dieser drastischen Form.

"Anscheinend passieren hier mehr Dinge, als wir bisher wissen", murmelte die schöne Dämonin nachdenklich. Dann blickte sie auf. "Wir bekommen Besuch." Sie schmunzelte. Ich erhob mich und drehte mich um. Aus dem Wald war der Prinz hervorgetreten. Als er mich nun splitternackt vor sich stehen sah, fielen ihm fast die Augen aus dem Kopf und er wurde knallrot. Vor Verwirrung und Verlegenheit stand er wie versteinert da und starrte mich einfach nur an.

Ich ging zu ihm hinüber, nahm seine Hand und legte sie auf meine Brust.

Oft hatte ich Batchi um ihre Fähigkeit beneidet, das Herz anderer Wesen aus größerer Entfernung schlagen hören zu können. Nun, das Herz des Prinzen schlug so heftig, daß ich mir einbildete, es tatsächlich zu hören. Zumindest spürte ich das Pulsieren in seiner Hand.

Ich hatte keine Scham oder Scheu, mich ihm nackt zu zeigen. Seltsam eigentlich. In meinem Leben hatten Männer in aller Regel keine erbauliche Rolle gespielt. Doch das war lange her. Jetzt galt meine glühende Liebe nur noch Batchiri, meiner Herrin.

Wäre Calract zu mir ins Bett gestiegen, ich hätte ihn nicht zurückgewiesen, doch der Schwarze König hielt seiner Frau eisern die Treue. Und sie ihm auch, wenn man davon absah, daß sie mit mir Dinge tat, die sonst nicht mal Eheleute miteinander machten. Doch darüber hatte der Schwarze König nie ein Wort verloren, und so war es in Ordnung.

Dieser kleine Prinz hier war ein netter Junge, doch er bedeutete mir nichts. Ein flüchtiger Freund, bald schon wieder vergessen.

Ich sah ihm tief in die Augen und schüttelte dabei langsam den Kopf. Ich würde ihm nicht gehören, er würde mich nicht bekommen, das war es, was ich ihm damit sagte, und er verstand es.

Ich wandte mich ab, ging zu meinen am Ufer ausgebreiteten Kleidern und zog sie wieder an. Dann kehrten wir zurück in die Stadt.

Zuerst suchte ich wieder die Königin auf. Später am Abend gab es dann wieder ein Fest mit Essen und Tanz, doch diesmal gingen Batchi und ich früher. Wir waren müde, und so machten wir im Bett nur wenig Sex, sondern schliefen bald ein, wie immer dicht aneinandergekuschelt.

*

"Nein, ihr werdet auf keinen Fall allein dorthin reisen!", erklärte der König Batchi und mir entschlossen. Ich sah meine Gefährtin an und zuckte mit den Schultern.

Batchi trat einen Schritt auf den König zu und sagte ebenso entschieden: "Nun, dann schärft Euren Rittern immerhin ein, daß sie Wüwü, wenn sie sie vor uns finden sollten, auf keinen Fall etwas tun dürfen, solange wir sie nicht verhört haben. Sie muß über Informationen verfügen, die für uns äußerst wichtig sind."

Das gefiel weder dem König noch seinen Leuten, und wir konnten nicht sicher sein, daß sie sich wirklich daran halten würden. Batchi fuhr fort: "Offenbar ist etwas passiert, das die Lage völlig verändert hat. Allem Anschein nach ist diese Puppe im Moment keine Gefahr. Aber wer weiß, wie sie reagiert, wenn sie direkt angegriffen wird. Vielleicht werden dann all Eure Ritter ebenfalls zu Bäumen. Ich rate zu größter Vorsicht."

Damit hatte die Dämonin anscheinend einen Ton getroffen, den die Ritter besser verstanden, denn sie blickten einander unsicher an.

"Wenn ihr eine Spur der Puppe findet, dann unternehmt am besten gar nichts, sondern gebt uns Bescheid. Und wir", sie blickte mich an," brechen umgehend auf!"

Ich nickte, dann verließen wir die Besprechungsrunde und eilten in unser Gemach, wo ich meine paar Habseligkeiten einsammelte. Dann lief ich hinunter zum königlichen Stall, wo Orcha untergebracht war, während Batchi sich aus einem offenen Fenster, an dem wir unterwegs vorbeikamen, stürzte und schon mal langsam losflog.

Wenig später war auch ich in der Luft, zum großen Erstaunen der Stallburschen und zufällig Anwesenden. Ein fliegendes Pferd bekam man hier schließlich nicht alle Tage zu sehen, auch wenn ich damit gekommen war und sie es schon einmal gesehen haben mußten.


Das fragliche Gebiet lag etwa 50 Kilometer in nördlicher Richtung. Bis die Ritter es erreichten, würde mindestens dieser und der halbe nächste Tag vergehen, und wir hofften, bis dahin schon selbst eine Spur zu Wüwü gefunden zu haben.

Der Flug verlief recht ereignislos. Das Land wurde zunehmend bergiger, wobei die Bergrücken und Täler kreuz und quer durcheinanderliefen. Es gab, wie überall im Wolkenland, viele Bäche und Flüsse, dazu auch noch eine Reihe ausgesprochen idyllischer Seen.

Wir flogen stundenlang diese Landschaft auf und ab, aber von der Luft aus gab es nirgends auch nur das geringste Anzeichen auf Zivilisation oder eine Spur des Zauberers und seiner Puppe. Zufällig entdeckten wir dann gegen Abend etwa 20 zu Bäumen gewordene Menschen - anscheinend Wüwüs letztes Werk.

"Na, dann sehen wir uns hier mal um", meinte Batchi.


Wir suchten noch den ganzen Abend und schliefen dann auf einem Baum. Am nächsten Tag entdeckten wir eine Höhle, aber sie war völlig unberührt. Später fanden wir noch zwei weitere, ebenfalls leer bis auf ein paar Tierknochen. Vielleicht hatte hier mal ein Bär gehaust.

Am Tag darauf flogen wir wieder und sahen schließlich unter uns die Ritter, etwa 50 Stück. Wir landeten bei ihnen und sprachen uns ab. In kleinen Gruppen machten die Männer sich auf die Suche. Ein paar blieben zurück und errichteten ein provisorisches Lager. Dieses wuchs im Laufe der nächsten Tage mehr und mehr. Ab und zu ritt nämlich einer der Ritter zur Stadt zurück, um zu berichten. Der König schickte daraufhin Verstärkung.

Dennoch dauerte die Suche noch fast zwei Wochen.

Es war Zufall, daß Batchi und ich gerade im Lager weilten. Wir hatten beschlossen, das Land von der Luft aus zu kartographieren, was eine systematische Suche wesentlich erleichtern würde. Da kamen mit großem Lärm vier Ritter angeprescht. "Major, wir haben die Höhle des Zauberers entdeckt!"

Der Major war vorsichtig und entschied, nichts zu überstürzen. Er versammelte zuerst im Laufe der nächsten Stunden alle seine Leute um sich, dann schickte er zwei Boten zur Stadt und marschierte mit den restlichen Leuten und uns los.


Der Weg hinauf war gerade mal ein Trampelpfad. Es ging durch sehr dichten Wald. Der Boden war kühl und feucht, und wegen der dichten Laubkrone war es ziemlich düster hier unten. Die Soldaten hatten absitzen müssen und gingen nun im Gänsemarsch den Pfad entlang. Der Ritter, der die Höhle entdeckt hatte, ging voran, gefolgt vom Major. Dann kam der Rest. Ich hatte mich irgendwo an der Spitze dazugequetscht, Batchi huschte neben oder über uns durch das dichte Unterholz und Geäst. Ich lächelte versonnen. Sie mußte sich hier fast wie zu Hause fühlen.

Der Berg hatte eine bizarre Form und bildete schließlich einen gewaltigen Überhang, der sich tief ins Berginnere hineinzog und zu einer regelrechten Höhle wurde, und zwar einer recht großen. Es war kalt und finster hier an ihrem Eingang. Ich blickte nach oben, wo über die Kuppe der Wölbung ein paar einsame Sonnenstrahlen herunterfielen. Genau auf dem höchsten Punkt, fast 100 Meter über mir, sah ich Orcha stehen. Meine wunderschöne, schneeweiße Orcha. Dort oben herrschte der helle, warme Schein der Frühlingssonne, und die Stute leuchtete in ihrer Pracht zu mir herab.

Ich trat ein paar Schritte vor in die kühle Dämmerung der Vorhöhle. Die Spuren, die darauf hinwiesen, daß hier Menschen gelebt hatten, waren undeutlich und schwer zu finden, zumindest hier draußen, aber sie hatten den Rittern genügt, denn alle anderen Höhlen, die sie bis dahin gefunden hatten, waren vollkommen unberührt gewesen, zumindest, was menschliche Spuren anging.

Die Ritter sahen ihren Major unsicher an.

"Es wäre vielleicht besser, Major, Ihre würdet Eure Leute etwas in der Umgebung verteilen. Falls ein Angriff erfolgt, fallen ihm dann nicht gleich alle zum Opfer", schlug Batchiri vor.

Während die Ritter noch beratschlagten, hatte ich einen dicken Ast aufgehoben und setzte ihn mit einem Blitz möglichst unauffällig in Brand. Ohne große Umstände drang ich dann mit Batchi in die Tiefen der Höhle ein. Als die Ritter das sahen, folgten einige uns sogleich, während andere nun ebenfalls nach passenden Fackeln suchten. Sie hatten wohl welche dabei, sie aber unten bei den Pferden vergessen.

Da Batchi nicht so ohne weiteres eine Fackel trage konnte, ging ich voran. Langsam arbeiteten wir uns tiefer und tiefer in den Berg. Es wurde eiskalt, kurz darauf aber wieder wärmer. Ich spürte Batchis Ohr auf meiner Schulter und hielt an. Batchi wies nach unten.

Dort auf dem Sandboden waren Spuren, auf den ersten Blick verwirrend viele. Die kleinen Abdrücke von Mäusen, Füchsen und ähnlichen Tierchen konnte man natürlich beiseite lassen, aber es blieben noch genügend menschliche Spuren übrig. Da hier kein Wind ging, waren sie noch genau in dem Zustand, in dem sie hinterlassen worden waren. Langsam gingen wir voran und analysierten über ein paar Meter hinweg, was wir sahen. Es kristallisierte sich ein eigenartiges Bild heraus, das Batchi schließlich zusammenfaßte: "Also, es gibt drei verschiedene Fußabdrücke."

"Drei?", fragte der Major. Auf den ersten Blick konnte man nur zwei unterscheiden, einfach daran, daß das eine Wesen barfuß gegangen war, das andere hingegen Schuhe getragen hatte. Aber da waren noch andere Abdrücke, ebenfalls von einem beschuhten Fuß.

"Ja, seht. Diese ziemlich gleichmäßigen Spuren. Sie haben eine andere Form als diese. Sie sind kleiner. Sie drücken sich viel tiefer in den Boden. Und sie gehen genau einmal hinein und einmal hinaus, während die anderen mindestens ein paar Dutzendmal abgelaufen worden sind."

"Ja, Ihr habt Recht."

"Auch die Abdrücke der nackten Füße sind sehr häufig und oft überlaufen. Anscheinend haben hier zwei Wesen längere Zeit gelebt, während ein drittes genau einmal aufgetaucht und dann wieder gegangen ist. Und keiner von ihnen hat einen Gedanken daran verschwendet, seine Spuren zu verwischen."

"Genau wie wir", fügte ich ironisch hinzu.

"Hmm", brummte der Major.

Batchi gab mir ein Zeichen weiterzugehen.

Außer auf diese aufschlußreichen Abdrücke stießen wir auch auf weitere Zeugen menschliche Lebens, hauptsächlich Abfall verschiedener Art, der an einigen Stellen in Nischen dieses sehr unregelmäßigen Ganges herumlag.

"Da vorn scheint die Haupthöhle zu sein!" Batchi wies mit einem Fuß in die Finsternis. Wie üblich, sah sie Dinge, die unseren Augen noch verborgen blieben. "Wartet, da leuchtet was."

Sie schlich weiter, aber ich konnte es mit nicht verkneifen, ihr zu folgen. Kurz darauf öffnete sich vor uns tatsächlich eine beachtlich große Höhle. Im Schein meiner Fackel enthüllten sich ein umgestürzter Tisch, ein paar Stühle, zwei zerbrochene Betten und allerlei Krimskrams, doch all das war bedeutungslos gegen das, was am Ende der Höhle auf dem Boden lag.

"Was ... was ist das?" Es leuchtete. Es hatte völlig unregelmäßige Formen, und ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was es wohl sein könnte.

Langsam gingen Batchi und ich auf dieses bläulich schimmernde Ding zu. Hinter uns kamen einige der Soldaten nach und drängten sich scheu an die hintere Wand. Nervös fummelten sie mit ihren Schwertern herum.

Als ich schließlich direkt vor diesem Ding stand und es mit meiner Fackel beleuchtete, waren meine Augen und mein Gehirn endlich in der Lage, aus diesem strukturlosen Knäuel etwas zu machen, was ich einordnen konnte. Was wir hier vor uns liegen hatten, was zweifellos Wüwü, die Holzpuppe.

Sie lag da wie eine Marionette, der jemand die Fäden durchgeschnitten und sie dann achtlos in eine Ecke gefeuert hatte. Mit verrenkten Gliedern, unnatürlich ineinander verschlungen, lag sie wie tot auf dem Boden. Über ihrem Holzkörper trug sie etwas, was man mit etwas guten Willen als Kleid bezeichnen konnte. Oder an ein weitmaschiges Fischernetz. Überall dort, wo die Fäden sich trafen, saß eine Art Perle, und diese Perlen waren es, die leuchteten. Ein ungewöhnliches Kleidungsstück für ein ungewöhnliches Wesen.

"Ich glaube, wir haben Wüwü gefunden", verkündete Batchi.

"Ist sie tot?", fragte ich. Ich kniete ab und berührte sie vorsichtig. Keine Reaktion. Nun begann ich, ihren Körper zu ordnen, so daß sie schließlich auf einigermaßen natürliche Weise vor uns auf dem Boden lag.

Batchi hatte derweil wiederum die Spuren am Boden und im Raum untersucht. "Es muß einen Kampf gegeben haben zwischen dem Wesen, das nur einmal hier war, und Wüwü.

Wüwüs Spuren waren leicht zuzuordnen, denn außer diesem leuchtenden Perlenkleid war sie nackt. Ich musterte sie genauer. Der Zauberer, der sie geschnitzt hatte, hatte ein Meisterwerk geschaffen. Abgesehen von ihrer dunklen Holzfarbe und den Gelenken glich sie einem Menschen geradezu vollkommen. Jedes Detail ihres Körpers war auf das exakteste ausgeführt. An den Füßen trug sie jeweils fünf Zehen und selbst diese hatten noch all die Gelenke wie ihr menschliches Vorbild. Von ihr stammten also, daran bestand kein Zweifel, die Abdrücke der bloßen Füße, von denen es sowohl im Gang als auch hier unzählige gab.

"Es scheint eine kurzen, aber ziemlich heftigen Kampf gegeben zu haben, bei dem hier einiges zu Bruch gegangen ist. Der Fremde hat offenbar gewonnen, Wüwü getötet oder was auch immer, sie in die Ecke geknallt und ist dann wieder verschwunden. Hier", Batchi wies auf ein paar markante Stellen, "hat er neben Wüwü gekniet, ist dann aufgestanden, hat sich umgedreht und ist dann mit gleichmäßigen Schritten wieder hinaus ins Freie gegangen. Seltsam."

Das war es in der Tat. Batchi und ich sahen uns an. Wenn wir Wüwü nicht irgendwie dazu bringen konnten, uns zu sagen, was hier geschehen war, dann würden wir es nicht herausbekommen.

Ich holte tief Luft, stand auf und ging zu dem Major hinüber. "Wenn Wüwü ein Mensch wäre, wäre der Fall abgeschlossen. Aber sie ist eine Holzpuppe aus magischem Holz. Ich werde versuchen, sie wieder zum Leben zu erwecken."

Der Soldat - und auch die anderen - sahen mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Wie ein Mann zogen sie ihre Schwerter.

"Das wirst du nicht!"

Ich trat einen Schritt zurück, und da stand Batchi neben mir und sah die Ritter, es waren etwa 20 hier drinnen, drohend an. "Wir müssen sie zum Sprechen bekommen, egal wie."

"Wüwü ist unsere schlimmste Feindin. Wir werden sie hier herausschaffen und dann draußen verbrennen! Geht mir aus dem Weg."

Wie ein Schatten huschte die schöne Dämonin an mir vorbei, und einen Augenaufschlag später lag der Major auf dem Boden, während sein Schwert in hohem Bogen durch die Luft sauste und so heftig gegen die Decke der Höhle prallte, daß es dort steckenblieb.

Die Ritter waren vollkommen überrascht. Sie hatten nicht mal gesehen, was Batchi eigentlich gemacht hatte, und sie konnte es kaum glauben, daß dieses zarte, so hilflos wirkende Wesen über solche Kräfte verfügen sollte. Langsam wichen sie zurück. Der Major stand auf, und da fielen einige Teile seiner Rüstung klappernd auf den Boden. Batchi hatte sie in Stücke geschnitten, wobei die Schnitte teilweise durch massives Eisenblech gegangen waren.

"Wer ... wer seid ihr? Was für Ungeheuer ..."

"Wir haben uns, als wir angekommen sind, korrekt vorgestellt. Wir sind auf der Suche nach einem Splitter des Mondkristalles, und höchst wahrscheinlich weiß dieses Wesen da", sie zeigte mit einem Fuß auf Wüwü, "wo dieser Splitter ist. Nichts und niemand wird uns daran hindern, unsere Mission zu erfüllen. Im übrigen kann ich euch beruhigen. Erstens ist es nicht sicher, ob wir Wüwü überhaupt wieder zum Leben erwecken können" - da war ich mir allerdings schon sicher - "und zweitens werden wir dafür sorgen, daß Wüwü nicht einfach wieder auf euch losgeht. Seid also unbesorgt."

"Unbesorgt", brüllte der Major. "Weißt du, wie viele Menschen dieses Monstrum da auf dem Gewissen hat?"

"Vielleicht gar keinen, wenn Kokoma sie wieder zurückverwandeln kann."

Die Ritter waren überrascht. Batchis ruhige und bestimmte Art verfehlte ihre Wirkung nicht. Sie beruhigten sich wieder etwas und steckten ihre Schwerter weg. Batchi sah mich an.

Ich nickte langsam.

Ich war als Hexe gezeugt und großgezogen worden. Eigentlich war ich eine Wetterhexe, aber zu meiner Ausbildung hatte auch jede andere bekannte Art von Magie gehört. Meist brauchte man dafür bestimmte Hilfsmittel, aber diese hatte ich bei mir - dank Calract.

Ich streifte den Ring, den ich von ihm bekommen hatte, von der Zehe, legte ihn auf meine Handflächen, kniete mich über die Holzpuppe und begann mit den Zaubersprüchen. Der Ring, der eigentlich immer ein kleines bißchen leuchtete, glühte nun hell auf und stieg auf, bis er vor meinem Gesicht schwebte. Er sah aus wie ein Elfenlicht, und wer weiß, vielleicht hatte Calract, als er ihn erschaffen hatte, ja so einen Zauber verwendet.

"Haaaaaa!"

Eine unsichtbare Faust fuhr der Eichenpuppe in die Brust. Wäre sie wirklich tot gewesen, hätte ich nichts ausrichten können. Tatsächlich aber war sie nur betäubt und in eine Art sehr tiefe Ohnmacht gestoßen worden. Meine Kraft, verstärkt durch die Macht des Ringes, berührte ihre hölzerne Seele, oder was auch immer sie in ihrem Körper haben mochte, und erweckte auf einen Schlag wieder. Dabei fühlte ich einen seltsamen Energiefluß, aus weiter Ferne kommend, in die Puppe strömen.

Wüwü schlug die Augen auf. Dann stieß sie einen gellenden Schrei aus

Alarmiert rissen die Ritter wieder ihre Schwerter aus den Scheiden.

Wüwü spannte den Körper wie eine Feder und stieß mich zur Seite. Ich wußte nicht, was sie so erschreckt hatte, doch da war schon Batchi zur Stelle, zog ihr die Beine unter dem Leib weg und ließ sie im Staub landen.

Wüwü winselte auf, stammelte unverständliche Worte, zog die Beine an sich und verkroch sich in sich selbst. Sie mußte vor irgend etwas panische Angst haben.

Fragend sah ich Batchi an. Diese meinte leise: "Anscheinend glaubt sie, dieses Wesen, das sie überfallen hat, sei wieder da. Oder immer noch. Schließlich liegt sie hier seit zwei Jahren und hat wahrscheinlich keine Ahnung, wieviel Zeit inzwischen vergangen ist. Warten wir einfach ein bißchen." Ich nutzte die Verschnaufpause, um den Ring wieder anzustecken.

In der Tat beruhigte die Puppe sich nach einiger Zeit wieder und steckte schließlich den Kopf wieder heraus. Ängstlich sah sie sich um.

Es war faszinierend zu beobachten, wie ihre hölzernen Glieder und ihr hölzernen Körper sich entspannten genau wie bei einem Menschen.

Ich setzte mich einen Meter von Wüwü entfernt auf den Sandboden, Batchi ließ sich auf ihre Fußsohlen herab und hockte sich dann auch auf ihren Po.

"Wir wollen dir nichts tun, Wüwü. Du brauchst keine Angst zu ..."

Wüwü starrte Batchi an wie einen Geist. Ich hatte plötzlich ein verdammt ungutes Gefühl.

"Wüwü ..."

Doch die Puppe reagierte nicht. Es war ... wie soll ich das sagen, es war, als glaube diese Holzpuppe, für sie sei nun die Stunde des Jüngsten Gerichtes gekommen. Noch nie hatte ich jemanden ein anderes Wesen so anschauen gesehen.

"Sie hat mich schon mal gesehen ... oder eine meiner Schwestern", murmelte Batchi. Sie war fassungslos.

Eine Hand aus Eis ergriff mein Herz und ließ es einen endlosen Moment lang stillstehen. Die Welt schien sich plötzlich rasend schnell um mich zu drehen.

"Maarx!" Batchi stand auf. Ihre Augen begannen rot zu glühen. Seit vielen, vielen Jahren hatte ich meine Herrin nicht mehr so gesehen. Sie trat ganz dicht an die Puppe heran und flüsterte: "Was ist hier geschehen? Rede!"

"Die Frau ... hat Wüwü ... sie war plötzlich da und wollte den Funken ... den Funken. Wüwü ist fortgelaufen ... hierher ... aber die Frau ... sie war langsam, aber Wüwü konnte sie trotzdem nicht abschütteln ... ist hierher geflohen ... dann ist die Frau wiedergekommen und hat Wüwü angegriffen und den Funken weggenommen. Dann weiß Wüwü nichts mehr ... Wüwü hat gedacht, die Frau ist wiedergekommen ... deshalb so erschrocken ... aber ... aber ... du ..."

"Wer war die Frau. Wie sah sie aus?"

"Sie hatte eine Brust aus Eisen und ... und darin schlug ein glühendes Herz."


29. Kapitel - Kinkiralinlin kehrt zurück

"L ... Lin... lin, meine G... Ge..." König De Roqueville brach in keuchendes Husten aus. Linlin saß an seinem Bett - seinem Totenbett, und drückte seine Hand ganz fest. Ein letztes Mal. Der alte General und König von Delandau spuckte Blut, dann setzte er erneut zu Sprechen an, heiser, kaum verständlich. Es sollten seine letzten Worte werden. Er und seine Frau wußten das.

"Meine ... Geliebte." Langsam wurde seine Stimme leiser, aber auch klarer. "Ich danke ... dir f ... für die wundervolle Zeit. Und für unsere Kinder." Wieder schüttelte ein Husten seinen vom Krebs ausgemergelten Körper. "Ich weiß, unser Sohn Gerard ist ... ein Luftikus, ein T... Taugenichts, aber ich will, daß ... daß er mir auf dem Thron nachfolgt. Sicher wird er e... ein anständiger König, ich weiß es. V... versprich mir das."

"Ich verspreche es, mein Liebster. Und auch ich danke dir für diese wunderbaren 20 Jahre."

Doch ihre Worte erreichten Ralph de Roqueville nicht mehr. Der König von Delandau hatte die Augen für immer geschlossen.

Kinkiralinlin sah sich um. Außer ihr waren nur noch ihre 19-jährige Tochter Adusa, ihr 17-jähriger Sohn Gerard und Doktor von Stein, der Leibarzt des Königs in dem großen Saal.

Lange Zeit herrschte Schweigen zwischen den vieren. Kinkiralinlin dachte zurück an die wilde Zeit während und kurz nach der Throneroberung. Mit einen neuen König Ralph de Roqueville hätten die Delandauer sich schnell abfinden können, aber gegen eine Orna-Dämonin als Königin hatte es erbitterte Widerstände gegeben. Lange Zeit war nicht klar gewesen, ob die beiden sich an der Macht würden halten können.

Calract hatte ihnen schließlich ein bißchen geholfen, aber das entscheidenden Moment war die innige Liebe gewesen, die den General und die schwarzhäutige Dämonin verbunden hatte. Diese Liebe hatte ein ganzes Leben gehalten und zwei Kinder hervorgebracht, die so vollkommen menschlich aussahen, daß niemand, der es nicht genau wußte, geglaubt hätte, daß ihre Mutter eine Dämonin war, die eher an eine Fledermaus als ein einen Menschen erinnerte. Nicht mal die dunkle Haut Kinkiralinlins hatten sie geerbt, beide waren alabasterweiß wie ihr Vater.

Kinkiralinlin hatte immer gewußt, daß der Tag des Abschiedes kommen würde. Ihr Mann war ein Mensch, sie eine nahezu unsterbliche Dämonin, die in all den Jahren nichts von ihrer jugendlichen Frische eingebüßt hatte.

Mit einem Satz sprang sie vom Bett.

"Ihr habt den letzten Wunsch eures Herrn Vaters gehört."

Die beiden Kinder nickten.

"Aber er wird nicht in Erfüllung gehen!"

Wie ein riesiger Hammer sausten die Worte der Dämonin auf die Anwesenden herab. Sich dem Willen des Königs zu widersetzen, noch dazu seinem letzten - das war unvorstellbar.

"Gerard, du hast es nun gehört. Ich werde nicht zulassen, daß du den Thron besteigst." Kinkiralinlin blickte Adusa an. Sie war zwar nur 2 Jahre älter als ihr Bruder, aber zwischen den beiden lagen Welten. Für Gerard war das Wort 'Verantwortungsgefühl' ein völlig unbekannter Begriff. Eigentlich hatte er nichts als Flausen und Unsinn im Kopf. Adusa war das genaue Gegenteil davon. Alle wußten, daß sie eine gute Königin werden würde. Beispiele für ihre bereits in so jungen Jahren ausgeprägte Reife, ihren Gerechtigkeitssinn, aber auch ihre Entschlossenheit und Durchsetzungskraft, die für einen Führer unabdingbar sind, gab es zahllose.

Kinkiralinlin nickte entschlossen. "Adusa wird Königin. Und du", sie zeigte mit einer Kralle auf ihren Sohn, "du wirst mit mir eine weite Reise machen."

"Majestät", wagte Doktor von Stein einzuwenden, "Ihr dürft nicht den heiligen letzten Willen des Verstorbenen ..."

"Schweig!" Die Dämonin baute sich vor dem Mann auf und fixierte ihn mit ihren geschlitzten Pupillen. Jeder im Reich wußte, wie gefährlich diese Frau sein konnte. Von Stein traten die Schweißperlen auf die Stirn.

"Es gibt außer uns vieren keine weiteren Zeugen. Du weißt ja, daß ich Gedanken lesen kann. Niemand kann sich vor mir verstecken und heimlich lauschen. Nun, Adusa wird sich der Vernunft nicht widersetzen. Gerard bekommt keine Gelegenheit dazu ... und du wirst schweigen!"

"Aber Mama", warf Adusa ein, "Gerard ist der rechtmäßige Thronfolger ..."

Die schwarze Dämonin drehte sich zu ihrer Tochter um. Langsam schüttelte sie den Kopf: "Da irrst du dich aber gewaltig. Der rechtmäßige Thronfolger ist ein gewisser Berrit Delandau, der nächste Verwandte des vor 20 Jahren von deinem Vater und mir getöteten Königs Ribald Delandau, dessen Namen dieses Land immer noch trägt. Berrit arbeitet, glaube ich, in Kiünis als Vorarbeiter einer Werft oder so und denkt nicht im Traum daran, hier König zu werden. Aber er wäre der rechtmäßige Thronfolger." Sie blickte in die Runde: "Was ich damit sagen will ist folgendes: das Schwert entscheidet, wer herrscht. Und das Schwert bin ich!" Wieder fixierte sie den Doktor. "Oder?"

Der Mann schluckte. Schließlich kniete er von der schwarzen Dämonin nieder und sagte "Ich werde gehorchen, meine Königin!"

"Gut. Vergiß das nicht. Und vergiß auch nicht, daß ich auch deine Gedanken lesen kann. Ich weiß, daß du es jetzt aufrichtig meinst. Sorge dafür, daß das so bleibt. Und du, meine Tochter, auch du mußt dafür sorgen. Auf dir lastet nun eine große Verantwortung für das Wohl des Reiches, seiner Menschen, und die Beziehung zu Calract, unserem Herrn."

"Calract ist nicht unser Herr!", erwiderte die junge Königin mit trotziger Stimme. "Gut, ich werde Königin, aber nicht von den Gnaden dieses unheimlichen Zauberers."

Kinkiralinlin sah sie lange an. "Urteile nicht voreilig, meine Tochter. Es ist nicht so, daß wir ihm deswegen etwas schuldig wären, weil er deinem Vater und mir in schwerer Stunde beigestanden hat, diesen Thron zu erobern. Und auch nicht deshalb, weil er mich damals aussandte, einen gewissen General de Roqueville für sich zu gewinnen, um seine Lunaloc-Armee neu aufzustellen. Ja, nur wenige kennen diese Geschichte, und auch euch habe ich sie noch nie erzählt. Ich war eine Botin, nein, eine Dienerin des Schwarzen Königs, und in seiner Großmut erlaubte er es mir, den Mann, in den ich mich unsterblich verliebt hatte, zu heiraten und an seiner Seite als König und Königin leben zu dürfen. Es ist auch nicht wegen der Schuld, die ich persönlich gegen Calract auf mich geladen habe, als ich einst versuchte, ihn an meinem Schöpfer, den Zauberer Boris von Maarx, verflucht sei sein Name, zu verraten. Sondern er ist deswegen unser aller Herr und Meister, weil er schützend seine Hand über die Welt hält. Warum, glaubst du, hat es in den Mittelländern seit über 20 Jahren keinen Krieg mehr gegeben? Mit Calract ist ein Faktor in der Welt aufgetreten, der Kriege überflüssig macht. Und deswegen müssen wir ihn achten und ihm folgen."

Adusa schwieg lange, dann sagte sie mutig: "Mutter, du redest Unsinn."

Linlin lachte leise, dann sagte sie: "Warte es nur ab. Eines Tages wirst auch du Calract begegnen, und diese Begegnung wird dein Leben für immer verändern. Jeder, der in das Licht unseres Königs tritt, erlebt das." Sie wandte sich Gerard zu und streckte ihm ein Ohr entgegen, das der Prinz pflichtschuldig ergriff. Wie ein kleiner Junge, der von seiner Mutter an der Hand genommen wird, nur daß die Dämonin, da sie keine Hände hatte, dafür ihr Ohr hernahm. Und so zog sie ihn dann aus dem Zimmer, in dem ihr Mann soeben gestorben war und sie seinen letzten Willen verraten hatte.


Später am Tag tagte der Reichsrat. Kinkiralinlin gab bekannt, daß weder sie noch ihr Sohn König de Roqueville folgen würden, sondern ihre Tochter Adusa. Dies wurde mit einer gewissen Überraschung, aber auch Erleichterung aufgenommen. Man hielt es für einen letzten Beweis der Weisheit des alten Königs, der sein Land 20 Jahre lang mit harter, aber gerechter Hand regiert und zu beachtlichem Wohlstand geführt hatte.

"Mein Sohn und ich, wir werden eine lange Reise nach Süden machen, zu Calract, dem Schwarzen König."

Es wurde still im Saal.

"Die meisten von euch wissen ja sicher noch, daß einst der Schwarze König mich entsandt hatte, um General de Roqueville für seine Armee anzuwerben. Es ist anders gekommen, aber nun ist die Zeit da, daß ich zu ihm zurückkehre. Denn wenn ich auch meinen Gatten immer heißblütig geliebt habe ...", einige der Anwesenden faßte sich an den Kragen; diese Liebe war in der Tat legendär, "... so habe ich Calract doch nie ganz aus meinem Herzen verdrängen können. Und nun, da ich Witwe geworden bin, sehne ich mich danach, ihn wiederzusehen. Und so befehle ich euch, meiner Tochter, eurer neuen Königin, die Treue zu schwören und ihr stets ergeben zu dienen, auf daß sie den Wohlstand dieses schönen Landes weiter mehre und eine gute und gerechte Königin werde."

Einer nach dem anderen traten die Noblen und Ritter des Reiches nun vor, knieten vor der jungen Königin und schworen ihr die Treue.

Zuletzt trat auch die Dämonin zu ihrer Tochter. "Adusa. Ich weiß, du hast ein gutes Herz und einen scharfen Verstand. Nutze beides, höre immer auf die Stimme deines Volkes und vergiß auch nicht, daß nur ein gut gefüllter Staatsschatz Macht und Unabhängigkeit verleiht." Sie gab ihr einen innigen Kuß, dann winkte sie Gerard, ihr zu folgen und verließt den Raum. Die beiden begaben sich in die königlichen Gemächer und begannen zu packen.

Genauer gesagt begann Gerard zu packen. Irgendwann fiel ihm auf, daß seine Mutter nur unter der Decke hing und nichts tat.

"Mutter, ich dachte, du hättest es so eilig."

"Habe ich auch."

"Und warum packst du dann nicht?"

"Ich nehme nur das mit, was mein Körper mir erlaubt selbst zu tragen." Sie zeigte auf den Brustbeuteln, der unter ihrem Kopf baumelte. "Mehr brauche ich nicht. Und du auch nicht. Wir werden diese Reise nämlich zu Fuß antreten, genauer gesagt du zu Pferde. Ich selbst werde laufen oder fliegen, je nachdem. Also packe nur soviel zusammen, wie du in zwei Satteltaschen bekommst."

Das war für den jungen Prinzen, der im Laufe seines kurzen Lebens schon eine beachtliche Menge an Krempel zusammengetragen hatte, ein schwerer Schlag. Tränen der Wut und Enttäuschung rannen über seine Wangen, aber er wußte, daß es nutzlos war, seiner Mutter zu wiedersprechen. Trotzig stampfte er mit dem Fuß auf dem Boden auf, warf die Sachen, die er eingepackt hatte, auf den Boden und steigerte sich schließlich so in seine Wut, daß er begann, all seine Schätze kurz und klein zu hauen.

Das dauerte etwa eine halbe Stunde, und Kinkiralinlin sah ihm dabei seelenruhig zu. Als Gerard sich wieder beruhigt hatte, rief sie von oben zu ihm herunter: "Siehst du, warum du nicht König werden solltest. Komm jetzt, wir gehen!"

"Aber ich habe doch noch gar nicht gepackt ... aaaauuuuu."

Mit einem Satz, der viel schneller erfolgt war als ein menschliches Auge zu sehen vermochte, war die Dämonin herabgesprungen und hatte ihrem Sohn mit dem Fußrücken eine ordentliche Ohrfeige gegeben.

Auffordernd streckte sie ihm wieder ein Ohr hin, und Gerard gehorchte. Und so verließen die beiden fast ohne Gepäck das Schloß. Immerhin durfte der Prinz sich noch eins der Pferde aus den königlichen Stall nehmen, dann brachen die beiden auf nach Süden.

Die erste Nacht verbrachten sie in Kiünis, wo sie am nächsten Tag in die Kirchenländer übersetzten. Zwei Tage später erreichten sie Arcadia, zogen dicht an Tansir entlang nach Westen und dann wieder nach Süden. Zweimal begegneten sie unterwegs Räubern, doch beim Anblick der Dämonin nahmen diese jedesmal Reißaus, als sei der Leibhaftige persönlich hinter ihnen her. Und damit waren sie sicher gut beraten.

Und gut eine Woche nach ihrem Aufbruch standen die beiden dann an der fast schon legendären Mauer, die die Wüste von Calracts Gartenland trennte.

Immer noch war diese Mauer mit einem Schritt zu überwinden, doch niemals hätte das jemand gewagt, der dazu keine Erlaubnis hatte. Calracts Zorn hätte ihn selbst in der Hölle noch getroffen, das wußte jeder.

Kinkiralinlin atmete tief durch. Mein Geliebter, ich komme. Dann sprang sie über die Mauer auf die andere Seite, wo sie nun statt kaltem, staubigem Geröll weiches Gras unter ihren großen Pranken spürte.


Die Ankunft der ehemaligen Königin von Delandau war eine gewaltige Überraschung am Hofe Calracts. Ungünstig war dabei nur, daß Calract wie so oft in Lunaloc weilte, seine Frau und die Majordomina aber weit weg in einem fernen Land einem großen Geheimnis nachgingen. Es war mit anderen Worten kein Verantwortlicher anwesend, der mit Kinkiralinlin etwas hätte anfangen können. Man quartierte sie im Tempel ein und schickte einen Postdrachen nach Lunaloc. Calract sollte selbst entscheiden, wie zu verfahren war.



Erstellt am 1.1.2003. Letzte Änderung auf dieser Seite: 16.10.2017