Das Unendliche Land - 13. Teil

Wie hat sich die Welt verändert. Ritt ich früher durch endlose Wälder, jagte Wild und lief mit den Wölfen und flog dem Wind um die Wette, so ist nun überall der vergiftete Atem des neuen Schwarzen Königs zu spüren. Die Menschen, die in Wölfe verwandelt wurden, wo sind sie? Keck, was ist mit dir geschehen? Die scheuen Tiere des Waldes, früher von den Menschen gejagt und geachtet, heute vergessen. Calract hat die Welt berührt, verdorben, entzaubert. Ist es nicht unsere Pflicht, zu versuchen, die Balance zurückzugewinnen - das Gleichgewicht, das gerade die Schwarzen Könige tausend Jahre lang in ihrem dunklen Reich behütet haben?


31. Kapitel - Der Abschied

Batchi und ich saßen eine Zeitlang einfach nur da. Die Entdeckung, daß das alles eine gigantische Falle des Zauberers Boris von Maarx war, hatte uns wie betäubt gemacht. Batchis Ohrenspitzen bebten. Sie warfen im Schein der Fackel riesige Schatten an die Höhlenwand. Ein paarmal setzte sie zum Sprechen an, doch mehr als ein paar unverständliche, geflüsterte Laute kamen dabei nicht über ihre vollen Lippen.

Erst, als wir einen gellenden Aufschrei hörten, löste sich der Bann des Grauens, unter dem wir standen.

Die Ritter waren nämlich gerade dabei, Wüwü aus der Höhle zu schleppen. Die Puppe wehrte sich verzweifelt, doch sie war schwach und hatte gegen die brutalen Männer keine Chance.

Wir eilten den Rittern hinterher nach draußen. Dort hatten diese bereits ein paar Bäume gefällt und waren dabei, ein großes Feuer zu entzünden, auf dem sie ihre gefürchtete Feindin nun zu verbrennen gedachten.

Empört wollte Batchi sich dazwischenwerfen, doch ich hielt sie zurück. Dann trat ich vor, hob die Arme gen Himmel und ließ in Windeseile einen gewaltigen Sturm aufziehen. Wüwüs Holzkörper hatte die Flammen noch nicht berührt, da öffneten die Wolken ihre Schleusen und ein unglaublicher Regenguß löschte das Feuer in Sekundenschnelle. Blitze durchzuckten den Himmel und schlugen krachend in die umstehenden Bäume, dazu wehte ein eisiger Sturm, der die Ritter fast von den Füßen riß.

Eine Minute später war alles wieder vorbei. Die Sonne schien wieder, und wären nicht überall auf dem Boden noch tiefe Pfützen und stellenweise sogar Hagelkörner gewesen, hätte man nicht glauben können, daß hier eben ein Weltuntergangsgewitter getobt hatte.

Es war den Rittern keineswegs entgangen, wer diese Naturgewalten heraufbeschworen hatte. Nervös und mißtrauisch blickten sie mich an.

"Wüwü ist unsere Gefangene. Wir allein entscheiden, was mit ihr passiert. Euch geht sie nichts mehr an!", verkündete ich den verunsicherten Männern.

Die Ritter schauten in die Runde. Sicher waren sie es nicht gewohnt, daß eine Frau so zu ihnen sprach. Einige fingerten nach ihren Schwertern, doch am Ende gaben sie stillschweigend nach. Ratlos liefen sie hin und her. Sie wußten nicht, was sie jetzt tun sollten.

Nun, da waren sie in guter Gesellschaft. Batchi und ich wußten das nämlich auch nicht.

Ich sah die schöne, samthäutige Dämonin an. Gerade wollte ich etwas sagen, da trat Wüwü an uns heran. Sie trug immer noch dieses seltsame durchsichtige Kleid mit den blau schimmernden Perlen. "Wüwü ist euch zu tiefstem Dank verpflichtet für ihre Rettung. Wüwü wird euch einen Wunsch erfüllen."

"Danke, Wüwü, aber ich glaube nicht, daß du uns helfen kannst. Es sei denn, du könntest uns auf der Stelle zurück nach Hause bringen." Batchi schüttelte den langohrigen Kopf.

"Wüwü kann das!"

Batchis und mein Kopf flogen gleichzeitig hoch. Entgeistert sahen wir die hölzerne Figur an, die nun - ich weiß nicht wie sie es machte - ein triumphierendes Lächeln auf ihre Holzlippen gezaubert hatte.

Mochte Wüwü jetzt auch schwach sein, unterschätzen sollte man sie anscheinend besser doch nicht.

"Bringt mich zu Scharaxai!"

Die magische Eiche Scharaxai. "Aber Scharaxai ist vor langer Zeit gefällt worden!", warf Batchi ein. Schon sahen wir alle unsere Hoffnungen wieder schwinden, doch Wüwü schüttelte den Kopf. "Wenn Mutter Scharaxai nicht mehr am Leben wäre, wäre auch Wüwü tot. Kommt, Wüwü zeigt euch den Weg." Sie wies nach Süden.


Ich hatte Orcha wieder eingesammelt. Wüwü saß vor mir auf der Stute, neben uns flog Batchi. Irgendwie überraschte es mich nicht, daß wir genau auf die Stadt am Fluß zusteuerten. Die riesige Eiche, die dort nahe dem Ufer wuchs ... es war kein Zweifel, das mußte Scharaxai sein, die Quelle von Wüwüs Lebensenergie.

Und so war es auch. Wir landeten auf der großen Freifläche, die sich unter der gewaltigen Eiche hinzog und der einzige große freie Platz innerhalb der trutzigen Mauern der Stadt war. Seltsam, die Menschen kamen hier Tag für Tag zusammen, um Markt zu halten oder Feste zu feiern, aber sie hatten schlicht vergessen, daß dieser Baum hier die magische Eiche Scharaxai war. Vielleicht war das sogar ihr Glück, wer weiß. Der Versuch, diesen Baum zu fällen, hätte wahrscheinlich nicht gut geendet.

"Kommt!" Wüwü nahm mich an der Hand und sah sich dann nach Batchi um. Irritiert sah sie sie an. Anscheinend hatte sie erst jetzt gemerkt, daß die Dämonin keine Arme hatte. Es war der Holzpuppe deutlich anzusehen, daß sie mit dieser Situation überfordert war. Batchi hingegen nicht, sie lächelte ihr sanftes Lächeln und streckte Wüwü eins ihrer Ohren hin, das diese nach kurzem Zögern dann ergriff. Mich links, Batchi rechts im Schlepptau marschierte sie dann schnurstracks auf die Eiche zu und in sie hinein.


Es war stockdunkel. Die Perlen in Wüwüs Netzkleid glühten düster vor sich hin, verbreiteten aber kein Licht. Ich versuchte mich zu erinnern, wie wir - Batchi war immer noch neben mir und Wüwü hielt immer noch meine Hand - hierhergekommen waren. Wir waren auf die riesige Eiche zugegangen, völlig entgeistert angestarrt von den Menschen, die zufällig gerade in der Nähe gewesen waren. Und dann waren wir, statt gegen den Stamm zu bumsen, hier gelandet, in dieser absoluten Finsternis.

Ich sah ich um, aber es gab hier außer Wüwüs Perlenkleid nur undurchdringliche Schwärze. Bis mir auffiel, daß meine lackierten Nägel schwach leuchteten. Im Lichte hatten sie immer diesen geheimnisvollen Schimmer, den ich so schätzte. Daß sie im Dunkeln leuchteten, hatte ich noch gar nicht gewußt. Nützen tat das allerdings nichts. Ich sah jetzt also meine Finger- und Zehenspitzen, aber das war auch schon alles. Mit meinen Augen würde ich über meine Umgebung nichts herausbekommen. Aber mit meinen Ohren sehr wohl. Ich schnalzte mit der Zunge gegen den Gaumen und horchte mit dem dabei entstehenden scharfen Knacken den Raum aus. Er war beachtlich groß. Unter meinen Füßen fühlte ich den Untergrund, aus dem hier im Wolkenland alles zu bestehen schien: Sandstein und Sand, weshalb Batchi auch es auch Sandland genannt hatte - ein ausgesprochen passender Name. Und es war ganz sicher jenes Sandland, von dem die Schwarze Hexe gesprochen hatte. Die Schwarze Hexe - ganz klar, sie war an diesem Komplott beteiligt. Fragte sich nur wie.

Wüwü zog uns sachte weiter. Ich hörte ab und an Batchi mit den Flügeln schlagen, um das entstehende Echo auszuloten. Anscheinend reichte das bläuliche Leuchten von Wüwüs Kleid selbst für ihre Augen nicht weit genug. Dennoch - wir beide waren auch in tiefster Finsternis durchaus aktionsfähig.

Es gang langsam bergab, teilweise sogar über Stufen. Wie Wüwü hier ihren Weg fand, wußte ich nicht. Aber sie leitete uns sicher und ohne zu zögern, und ohne ihre Führung wären Batchi und ich nicht so schnell vorangekommen. Schließlich weitete sich der unterirdische Gang zu einer riesigen Höhle. Mit meinem Gehör ortete ich in groben Zügen die weit entfernte Decke, den bodenlosen Abgrund vor uns und die zurücktretenden Wände.

"Hier drüber", flüsterte Wüwü und ließ mich los. Ich folgte ihren Schritten. Holz klang auf Holz. Wie ein Geist schien sie dort über einem völlig schwarzen Nichts zu schweben, langsam einen Schritt vor den anderen setzend. Ich sah zu Batchi hinüber und bildete mir ein, sie in der vollkommenen Dunkelheit neben mir stehen zu sehen. Oder glaubten meine Augen hier ein Bild zu erkennen, das mir eigentlich meine Ohren vermittelten?

"Geh du vor", sagte meine Herrin leise zu mir. Auch sie hatte mich also gesehen. Für einen Moment glühten ihre Augen leicht rötlich in der Dunkelheit auf. Dann erloschen sie wieder.

Wüwüs Schritte waren schon ein Stück weit voraus. Mit meinen Füßen ertastete ich einen Baumstamm, dessen Ende hier auflag. Entschlossen betrat ich ihn. Ehrlich gesagt war ich heilfroh, nichts sehen zu können, denn so blieb mir der Anblick des Abgrundes, den der Stamm überspannte, erspart. Was mir meine Ohren verrieten, war schon schlimm genug.

Zum Glück war der Stamm ziemlich dick und griffig und bot meinen suchenden Füßen sicheren Halt. Normalerweise trug ich keine Schuhe, weil es mir so gefiel, hier aber war es eine absolute Lebensnotwendigkeit. So tastete ich mich Schritt um Schritt voran und klammerte mich geradezu an dem Stamm fest, völlig verloren in abgrundtiefer Finsternis. Ich verlor jegliches Zeitgefühl, lief wie in Trance weiter, immer weiter, bis ich plötzlich Wüwüs Hand spürte. Ich hatte den Abgrund überwunden. Ich fühlte auch Batchi in der Nähe stehen, sie war wohl geflogen, denn sie brauchte ihre Augen nicht unbedingt, um navigieren zu können.

Eine wahre Zentnerlast fiel von mir ab und zitternd setzte ich mich erst mal auf den Boden. Neugierig rutschte ich dann näher an den Abgrund heran und ließ schließlich meine Beine herunterbaumeln. Angestrengt starrte ich die die Schwärze. Neben mir ertastete ich einen kleinen Stein. Ich warf ihn hinunter und zählte mit pochendem Herzen die Sekunden. Doch es kam nie ein Geräusch zurück. Der Abgrund mußte wahrhaftig bodenlos sein.

"He, da ist ja Licht!", hörte ich Batchi plötzlich rufen. Instinktiv drehte ich mich um, doch dann fiel mir ein, daß die Augen der Dämonin um einiges empfindlicher waren als meine. Wenn Batchi schon Licht sah, war ich noch völlig blind.

Ich erhob mich und langte nach der Hand Wüwüs. Wir gingen weiter, und bald nachdem wir um eine Ecke gegangen waren, sah auch ich den schwachen Schimmer.

Ich hörte Batchi heftig atmen. "Nein, das kann doch nicht ..."

"Was, Liebste?"

Sie schüttelte den Kopf, was ich an einem leichten, so vertrauten Geräusch erkannte.

Wir gingen weiter, und allmählich wurde es heller. Und dann sah ich eine golden schimmernde Ader durch den Felsen laufen. Ich blieb so abrupt stehen, daß meine Hand aus der Wüwüs rutschte. Doch es gab keinen Zweifel. Weiter vorne wurden die goldenen Adern dichter und breiter, und ihr rötlich-gelber Schimmer erleuchtete den hohen Gang immer stärker.

Ich hastete weiter, bog um die letzte Biegung, und dann lag es vor mir, das Unendliche Land.

Der Anblick war jedesmal atemberaubend. Sehr selten nur hatte ich Gelegenheit gehabt, von dem Zugang unter dem Octaviusmeer aus hineinzusehen, und den Eingang unter dem Schwarzen Schloß kannte ich nur von Hörensagen. Hier nun an einem Zugang zu stehen, denn nicht mal mein Gebieter kannte, erfüllte mich mit aufregender Befriedigung. Gleichzeitig strahlte das Unendliche Land eine würdevolle, majestätische Ruhe aus, einen sanften Hauch der Ewigkeit.

"Heute ist wirklich der Tag der Überraschungen", murmelte ich halb zu Batchi, halb zu mir selbst.

Langsam dämmerte mir aber, daß uns dieser Fund, so sensationell er auch war, nicht das geringste nützte. Denn weder Wüwü noch Batchi noch ich konnten das Unendliche Land betreten, ohne innerhalb weniger Minuten zu Goldstatuen zu erstarren. Wüwü!

Ich drehte mich zu der Holzpuppe um, doch da schoß seitlich ein riesiger schwarzer Schatten in mein Blickfeld. Wüwü wurde zur Seite geschleudert, und eine gewaltige Pranke umfaßte mich, preßte mir brutal die Arme an den Leib und hob mich dann hoch. Ich sah, wie Batchi versuchte auszuweichen, doch sie bewegte sich wie durch zähen Honig. Auch ich spürte die unheimliche Kraft, diesen Alpdruck, der die Dämonin daran hinderte, sich mit der üblichen Geschwindigkeit zu bewegen. Eine zweite Pranke schoß vor und packte auch sie.

Dann hielt das Monster uns beide triumphierend vor seinen riesigen eckigen, gehörnten Kopf und grinste mit seinen dolchartigen Reißzähnen von einem Ohr bis zum anderen.

"Was für ein Fang! Die Schwarze Königin und ihre Gespielin, die kleine Wetterhexe Kokoma."

"Harlengart!", rief ich entsetzt. Der Baron der Hölle war der letzte, den ich hier erwartet hatte. Er hatte sich also mit Maarx verbündet, um den Schwarzen König zu töten!

Aus den Augenwinkeln sah ich Wüwü auf dem goldenen Untergrund liegen. Es erschien mir äußerst unwahrscheinlich, daß sie uns absichtlich in diese Falle gelockt hatte. Maarx mußte das alles wirklich von langer Hand arrangiert haben.

Ausgerechnet Harlengart ...

In Calracts Tempel und inzwischen auch im Palast hingen hunderte, wenn nicht Tausende von Bildern, die alle wichtigen Szenen zeigten, die mein Herr in seinem Leben erlebt hatte. Ein Bild von Harlengart war nicht darunter, denn die beiden waren sich nie persönlich begegnet. Den Baron der Hölle kannte ich noch aus meiner Mädchenzeit, als ich als Hexe ausgebildet worden war. Natürlich hatte auch ich den König der Trolle nie gesehen, aber die Bilder und Schilderungen waren, wie ich nun feststellte, ausgesprochen präzise gewesen: der riesige, massige Körper, die gewaltigen Hörner, die Pranken, die spielend meinen Leib umfaßten, und die unglaubliche Kraft. Der Höllenbaron hielt Batchi und mich hoch, als wären wir Federn.

"Und Wüwü, Tallibar Wicks Spielzeug. Wie niedlich!" Harlengart brach in donnerndes Gelächter aus und ich fürchtete um mein Gehör. Da meine Arme ebenso wie mein Oberkörper in seiner Faust feststeckten, konnte ich mir ja nicht die Ohren zuhalten.

"Was willst du von uns?", fragte Batchiri. Sie hatte ihre Überraschung anscheinend schon wieder einigermaßen überwunden.

"Was ... hahahaha. Eine gute Frage. Na was wohl. Den Schwarzen König natürlich!"

Harlengart setzte mich recht unsanft wieder auf dem Boden ab und schnippte dann mit seinen Fingern.

Ich hörte das Geräusch tapsender Pfoten, und dann erschien ein Drache, der so ungewöhnlich war, daß ich ihn sofort erkannte: Gawron, der Hüter des Unendlichen Landes. Von ihm gab es nicht nur ein Bild in Calracts Galerie, sondern auch einige sehr gute Beschreibungen: die helle, glatte Menschenhaut, die unglaublich blauen Augen und das schwarze Haar. Kein Zweifel. Und ein Motiv, sich mit Maarx und Harlengart gegen meinen Gebieter zu verschwören, hatte er natürlich auch.

"Steig auf, kleine Hexe", donnerte Harlengart.

Ich sah ihn verwirrt an, und er deutete auf den Boden. Zu meinem Entsetzen sah ich, daß ich schon mitten im Unendlichen Land stand!

"Wenn du noch länger dort stehenbleibst, wirst du zu einer Goldfigur. Das weißt du doch, oder?"

Ich nickte. Eisige Schauer des Entsetzens liefen über meinen Rücken.

"Dann steig auf Gawron. Wenn du auf ihm sitzt und den Boden nicht mehr berührst, passiert dir nichts. Zumindest eine Zeitlang."

Mit donnernden Schritten ging der Höllenbaron auf den hellhäutigen Drachen zu. Ich lief ihm hinterher und schwang mich dann auf den Drachen. Er fühlte sich warm weich und angenehm an, doch er schien dieses Gefühl nicht zu teilen, denn er brummte: "Eine Dienerin dieses Mörders auf meinem Rücken - sieh zu, daß du mich so wenig wie möglich berührst." Und dann sprang er los.

Mir blieb nichts Anderes übrig, als mich so gut es ging mit Beinen und Füßen an ihm festzuklammern. Mit meinen Händen in seine Mähne zu greifen wagte ich nicht.

Das Ganze kam mir immer noch wie ein Traum vor. Wo galoppierten wir überhaupt hin? Der Weg führte uns mitten in die leuchtenden Tiefen des Unendlichen Landes. Ich wollte den Drachen fragen, bekam aber kein Wort heraus.

Die Landschaft hier unten, wenn man es mal so nennen wollte, war ein seltsames dreidimensionales Labyrinth aus Ebenen, Gängen, Tropfsteinen, Bergen, teilweise auch solchen, die von oben nach unten ragten, verschlungenen Pfaden und seltsamen Löchern, die wer weiß wohin führten. Ich hatte gehört, wer sich hier nicht auskannte, der würde niemals seinen Weg finden. Wenn ich das hier so sah, dann glaubte ich davon jedes Wort. Für mich war es völlig unmöglich zu sagen, wo ich war und wohin wir ritten. Selbst wo ich hergekommen war wußte ich nach ein paar Augenblicken nicht mehr. Mit normalen menschlichen Sinnen war hier unten eine Orientierung unmöglich.

Doch der Ritt dauerte zum Glück nicht lange. Nach wenigen Minuten schon erreichten wir wieder einen Ausgang. Zu meiner maßlosen Überraschung stellte ich fest, daß wir uns unter dem Gartenland befanden. Gawron verließ das Unendliche Land, trabte weiter durch den kurzen Tunnel in die Alabasterhöhle der Eingeweihten und dort den schmalen Pfad nach oben. An vielen Stellen war der Weg zu schmal für ihn, dort nahm er seine Flügel zu Hilfe, um das Gleichgewicht zu halten.

Schließlich standen wir vor der Tür, die in Calracts Tempel führte. Sie war verschlossen und durch einen Zauber gesichert.

"Was nun?", fragte ich.

Gawron trat ein Stück zurück. Was dann geschah, kann ich nicht so genau sagen. Mir wurde furchtbar schwindelig, als würde die Erde unter mir lebendig. Genau das passierte anscheinend tatsächlich. Ich wußte von Calract, daß die Position dieses Zuganges nicht ganz stabil war. Anscheinend hatte Gawron ihn nun irgendwie verschoben, denn das Ende dieses Tunnels rutschte irgendwie zur Seite, gab dann einen Spalt an die Oberfläche direkt neben der Mauer des Tempels frei, rückte weiter und weiter und endete schließlich in ganzer Breite neben dem Gebäude unter freiem Himmel.

Gawron sprang nach oben, dann schüttelte er mich unsanft ab. Gerade wollte er etwas zu mir sagen, bestimmt etwas Gemeines, als vor uns die Luft flimmerte und Calract sich materialisierte. Sein drittes Auge war weit geöffnet und glühte unheilverkündend. Über Calracts Handfläche schwebte in grellem Leuchten der Kristall.

Der Zauberer und der Drache sahen sich schweigend an. Ich wagte kaum zu atmen, doch dann nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und rief: "Herr, es ist eine Falle von ... aaaaah."

Gawron hatte blitzschnell zugepackt. Wie eine Puppe hing ich zwischen seinen Reißzähnen. Wenn er gewollt hätte, hätte er mich leicht in zwei Teile zerreißen können. Stattdessen machte er auf der Stelle kehrt, sprang zurück in den Tunnel und schob ihn wieder an seine alte Stelle, bevor Calract ihm folgen konnte. Dann stürmte er den Alabasterweg wieder hinab.

Calract war uns dicht auf den Fersen. Ja, Gawron wartete sogar, daß Calract ihn nicht aus der Sicht verlor. Hinein ging es ins Unendliche Land, Calract immer ein gutes Stück hinter uns, so weit, daß ich ihn nicht warnen konnte, so sehr ich es auch gewollt hätte. Daß es mich das Leben kosten würde, machte mir nichts aus, ich schuldete meinem König mehr als das.

Doch es kam nicht dazu. Nach wiederum nur wenigen Minuten erreichten wir den Zugang unter dem Sandland. Harlengart war nirgends zu sehen. Nahe dem Eingang, aber außerhalb des goldenen Bereiches, ließ Gawron mich fallen, schnappte dann aber sofort nach meiner Kehle und drückte so fest zu, daß ich gerade noch etwas Luft bekam. Hilflos mußte ich mitansehen, wie Calract angeschossen kam. Er bewegte sich nicht wie ein Mensch auf seinen Beinen. Obwohl diese Schrittbewegungen machten, sah es mehr so aus, als schwebe er über dem Boden, und das in gewaltigem Tempo.

"Herr, es ist eine Falle. Eine gigantische Falle von Maarx!", röchelte ich.

Verblüfft ließ Gawron mich los. "Maarx? Wer ist Maarx? Maarx ... doch nicht der von Maarx aus dem Verwunschenen Land? Was soll der damit zu tun haben?"

Jetzt war es an mit, verblüfft zu sein. Mit aufgerissenen Augen sah ich den Drachen an. Sollte dieses Zusammentreffen hier der reine Zufall gewesen sein?

Ich blickte wieder hinüber ins Unendliche Land, wo Calract nun angerast kam.

Er lief Harlengart, der irgendwo in einem Versteck gelauert hatte, genau ins Feuer. Eine gewaltige Lohe unglaublicher Hitze umgab den Zauberer, und dann glühte er auf und zersprang wie Glas.

Der Staub, der von ihm übrigblieb, rieselte zu Boden und wurde nach kurzer Zeit zu Gold.

Gawron ließ mich los. Wie betäubt stand ich da, genau an der Grenze des Unendlichen Landes, aber noch außerhalb, also in Sicherheit, und sah, wie Harlengart, in der einen Pranke immer noch Batchi haltend, zu dem Staubhäufchen ging und nachdenklich darüberstrich. "So einfach?"

Ein unglaublich gewaltiger Energiestrahl zuckte durch das Unendliche Land. Ich sah nur noch, daß er einige Meter hinter dem Höllenbaron auf den Boden aufschlug und dort eine riesige Fontäne flüssigen Goldes herausschoß, dann wurden meine Augen durch das allzu grelle Licht dieses Schusses geblendet. So sah ich nicht die unheimliche, abgrundtiefe Schwärze, die unter der Goldschicht plötzlich sichtbar wurde. Ich vernahm nur das grelle Pfeifen, mit dem die Luft in das absolute Nichts gesaugt wurde und dort verschwand.

"Keineswegs", hörte ich die Stimme meines Gebieters durch den Sturm. Dann entfernte Schritte - seine Schritte. Ich kannte sie seit über 20 Jahren. Meine tastende Hand fand den weichen Leib Gawrons. Ich beugte mich zu ihm und flüsterte: "Gawron, ich bitte dich, sage mir, was dort passiert. Der Strahl hat meine Augen geblendet."

Fast war ich überrascht, daß der Drache auf meinen Wunsch einging. Er knurrte leise, dann sagte er: "Calract hat absichtlich danebengeschossen, aber dafür ein Loch zur Negativen Welt geöffnet. Dieser Wahnsinnige."

Angestrengt lauschte ich hinaus und versuchte, durch den Sturm etwas zu hören, und Gawron gab mir immer wieder ein paar Stichworte, so daß ich mitbekam, was geschah.

Der Baron der Hölle warf dem Loch ins Nichts einen mißtrauischen Blick zu und hielt Calract seine wie leblos in seiner Faust hängende Frau entgegen. "Na, trau dich doch!", brüllte er. " Ich habe keine Angst vor dem da. Aber so genau kannst du nicht zielen, daß du mich triffst und sie verschonst."

Ein erneuter Energiestrahl schoß durch den Raum, und ich hörte Harlengart erst zornig, dann schmerzerfüllt aufbrüllen.

Doch dann hörte mein König auf zu feuern und rief: "Warte!"

"Was?", brüllte der Baron der Hölle zurück. "Was gibt es noch zu reden?"

"Weißt du, was passiert, wenn wir hier unten weiterkämpfen?"

"Du hast doch selbst angefangen. Du hast wohl Angst, du feiger Wicht. Aber ich nicht. Ich werde dich hier unten vernichten!"

Mich hielt es nicht mehr. Ich stürmte los, auf die beiden Stimmen zu. Natürlich stolperte ich nach wenigen Schritten über eine der Unebenheiten, doch wenn es denn sein mußte, setzte ich meinen Weg eben auf allen Vieren fort, bis ich Harlengarts Atem neben mir vernahm. "Harlengart, tu es nicht, ich flehe dich an. Mein Herr und Gebieter ist alles andere als ein Feigling, er ist der König der Zauberer, und vor allem ist er ein mein Retter und ich werde ihn mit meinem Leben beschützen."

Wieder packte der Höllenbaron mich und hob mich zu sich hoch. Wahrscheinlich sah er mir nun genau ins Gesicht.

"Hm, ich muß sagen, du hast einen bewundernswerten Mut, dich mir in den Weg stellen zu wollen." Irgend etwas am Klang seiner Stimme hatte sich verändert.

"Harlengart", rief ich, "warum willst du meinen Herrn töten? Er hat dir nie etwas getan. Ich weiß, daß ihr euch noch nie in euren Leben gesehen habt."

"Dann weißt du ja sicher auch, was die Schwarzen Könige mir angetan haben. Dafür will ich Blut fließen sehen!" Ich hörte Batchiris Knochen knirschen. Meinen ging es nicht viel besser. Mit äußerster Willensanstrengung unterdrückte ich einen Schmerzensschrei.

"Aber ... es war Thoran, nicht Calract."

"Na und. Auch Calract ist mit seiner Mondnacht über mein Reich hergefallen. Was glaubst Du, was er damit meinen Kindern angetan hat!"

"Ein bedauerlicher Kollateralschaden", antwortete der Zauberer. "Tut mir leid, das war nicht persönlich gemeint. Es ging nur gegen Sál ... äh Thoran. Und welches Schicksal der erlitten hat, dürfte dir ja bekannt sein. Er ist tot."

"Und Calract war es, der ihn getötet hat!", schrie ich. "Du hast keinen Grund, gegen ihn zu kämpfen."

Harlengarts Griff lockerte sich etwas. Lange stand er schweigend da. Und allmählich erholten meine Augen sich auch wieder von der Helligkeit und begannen, wieder ein Bild zu liefern. Ich konnte das schwarze Nichts sehen, das immer noch gewaltige Mengen an Luft in sich einsaugte. Mir wurde schwindelig bei dem Gedanken, daß durch so ein Loch die ganze Welt gezogen werden und im Nichts vergehen konnte. Nur die absolute Leere würde bleiben. Doch seltsamerweise schienen weder Calract noch der König der Trolle deswegen nervös.

Nachdenklich blickte Harlengart abwechselnd zu mir, Batchi und Calract. In diesem Moment begann das Gold, das Calract aus dem Boden geschossen hatte, wieder in die Vertiefung zurückzufließen. Gleichzeitig flackerte das Unendliche Land zweimal kurz, einmal davon so stark, daß es für eine halbe Sekunde vollkommen finster wurde. Eine halbe Sekunde, und doch war es der schwärzeste Moment meines Lebens. Es war, als würde mein Lebensfaden reißen. So also war das absolute Nichts ...

Es wurde wieder hell, und zitternd sah ich mich um. Die Umgebung der Stelle, wo das Loch gewesen war, hatte irgendwie ihren Glanz verloren. Es war wie eine Narbe auf menschlicher Haut - sie bedeckte das Fleisch, war aber nicht mehr so glatt und makellos wie zuvor. Harlengart sah sich unsicher um. Er stand direkt am Rand dieser Narbe im Gold.

Ruhig ging Calract auf ihn zu, vermied es aber, auf das Narbengebiet zu treten. Schließlich stand er dicht vor ihm. "Die Schwarzen Könige und der Baron der Hölle sind immer gute Nachbarn gewesen, bis mein Neffe Thoran sich in die Schwester der Goldenen Königin verliebte und eine große Dummheit beging. Dadurch erst wurde das Verhältnis zerstört. Aber du weißt sicher auch, daß ich dein Land nie angetastet habe. Ich habe die Trolle und Unholde stets als meine Nachbarn geschätzt und respektiert. Und das mit der Mondnacht tut mir aufrichtig leid. Ich habe ehrlich gesagt einfach keinen Gedanken daran verloren, daß es dir und deinen Leuten schaden könnte. Wenn man bedenkt, in was für einer Umgebung ihr wohnt." Kurz blitzte sein wölfisches Lächeln auf.

Er streckte dem riesigen Ungeheuer seine Hand hin: "Laß uns also den alten Frieden erneut besiegeln. Und was Gawron angeht, das ist eine Sache zwischen ihm und mir, die mit dir nichts zu tun hat."

"Hmm. Abgemacht. Aber nur mit zwei Bedingungen!" Er faßte Calract fast ins Auge.

Irgendwie wußte ich, was nun kommen würde. Er hielt mich ihm unter die Nase und sagte mit seiner dunklen, dröhnenden Stimme: "Ich bekommen den Ring der Finsternis zurück, und diese Hexe hier als meine Sklavin."

"Nein! Der Ring ist ok, aber Kokoma nicht! Wenn das die Bedingung ist, dann laß uns hochgehen und kämpfen!"

Ich strampelte mich frei, sprang auf den Boden und rief: "Herr, ich werde seine Forderung erfüllen. Harlengart: ab jetzt bin ich deine Sklavin und werde dir folgen und alles tun, was du von mir verlangst!"

Zwei Dinge geschahen nun gleichzeitig: Batchi kam wieder zu sich und sah mich mit Augen an, die ich sicher in meinem Leben nicht mehr vergessen werden. Und Gawron stürzte sich auf Calract.

Doch Calract wäre nicht Calract gewesen, wenn er seinen Todfeind auch nur eine Sekunde vergessen hätte.

Ein gleißender Energiestrahl fuhr dem Drachen schräg in die Brust. Ein abgrundtiefes Stöhnen ging durch das Unendliche Land. Gawron wurde mitten im Sprung getroffen und zur Seite geschleudert. Dabei berührte die Spitze seines Schwanzes für einen kurzen Augenblick das matt gewordene Gebiet, aber das reichte: schlagartig wurde er zu einer Goldstatue.

Dafür bekam die Narbe im Gold ihren früheren, strahlenden Glanz wieder zurück.

"Das nennt man Pech", meinte Calract sarkastisch. Dann sah er Harlengart und mich an. "Ich hätte dann ganz gerne meine Frau zurück, wenn es dir nichts ausmacht." Der Baron der Hölle hielt die Schwarze Königin immer noch fest.

"Gute Idee." Er ließ sie los, und Calract nahm sie in die Arme, wobei er darauf achtete, daß sie den Boden nicht berührte.

"Wenn du uns nun entschuldigst, wir haben hier noch was zu erledigen."

"Ja, ich gehe dann auch mal". Harlengart brach wieder in sein donnerndes Gelächter aus.

Ich wagte nicht, Batchi noch einmal anzusehen.

"Ach ja, bevor ich weg bin: da draußen wartet Chebesch auf dich. Zufall, weißt du. Mit dieser Schlafmütze von Maarx und seinen Spielzeugen habe ich nichts zu tun. Du hast nur ein paar Feinde zuviel, uaaa ha ha haaa!"

"Ja, so was habe ich mir schon fast gedacht."

"Tja, dann mach's mal gut, Calract. Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder. Und vergiß nicht, mir den Ring zu schicken." Erneut brach er in brüllendes Gelächter aus. Dann nahm er mich hoch, setzte mich auf seine Hand und stieg den Weg zurück.

Irgendwie leuchtete Harlengart, jedenfalls konnte ich auf dem Rückweg die Höhle nun sehen.

Den Abgrund, über dem sich der dicke Baumstamm erstreckte, überwand der Höllenbaron mit einem einzigen Sprung.

Wenige Minuten später - der Hinweg war mir endlos länger vorgekommen - standen wir unter Scharaxai, und dann traten wir ins Freie.

Dort hatte sich inzwischen die halbe Stadt versammelt. Als direkt vor den Augen der Menschen der riesige Höllenbaron erschien, spritzten die Leute auseinander wie ein Hühnerhaufen, in den der Fuchs gefahren war. Harlengart brach wieder in sein donnerndes Gelächter aus. Das Ergebnis seiner Auseinandersetzung mit dem Schwarzen König hatte ihn anscheinend geradezu in Euphorie versetzt. Ich überlegte mir, wenn er lieber Frieden schloß als zu kämpfen, dann war er vielleicht gar kein so übler Bursche. Er setzte mich auf den Boden und beugte sich etwas zu mir herunter. Er musterte mich intensiv durch. Ich hielt seinem Blick zitternd stand.

Schließlich verwandelte sich Harlengart in eine Art Drachen, einen ziemlich scheußlichen, wie ich fand. Er befahl mir aufzusitzen. Dann schlug er seine vier Schwingen und schoß mit großer Geschwindigkeit in dem Himmel davon.

Seltsamerweise dachte ich in diesem Moment nicht an Batchiribanban, sondern an Orcha. Was wohl jetzt aus ihr werden würde?


32. Kapitel - Sieg und Niederlage

Calract verließ das Unendliche Land und setzte seine immer noch halb bewußtlose Frau auf sicherem Boden ab. Sie war etwas gequetscht, aber im wesentlichen unverletzt. Nicht mit seiner körperlichen Kraft, sondern mit Waffen des Geistes hatte der Baron der Hölle sie betäubt und kampfunfähig gemacht. Es würde noch eine Zeitlang dauern, bis sie wieder ganz bei sich war.

Der Schwarze König erhob sich und ging langsam und nachdenklich zurück in das Unendliche Land. Sehr viel war in sehr kurzer Zeit geschehen.

Man hatte ihn per Eilkurier aus dem Schwarzen Schloß zurückgeholt in das Gartenland, wo Kinkiralinlin und ihr Sohn auf ihn warteten. Doch kaum angekommen, hatte er eine unglaubliche Verbiegung der räumlichen Realität gespürt, als Gawron eingebrochen war. So gesehen war es ein ziemlicher Zufall, daß Thorans Drache ihn überhaupt persönlich angetroffen hatte.

Natürlich war Calract immer auf solche Fälle vorbereitet. Solange von Maarx am Leben war, konnte immer und überall ein Angriff erfolgen. Daß es nun aber ausgerechnet Gawron und Harlengart gewesen waren, das hatte den Zauberer doch überrascht. Nun, der Drache hatte Pech gehabt und mit seinem Leben dafür bezahlt, doch Calract hatte seine Majordomina verloren, und seine Frau ihre liebste Freundin. Was Harlengart mit dem Mädchen anstellen würde, vermochte der Schwarze König sich nicht vorzustellen. Wahrscheinlich nicht mal etwas Schlimmes, denn er schien sie zu mögen. Womöglich war sie sogar der Grund, warum Harlengart auf sein Friedensangebot eingegangen war. Doch ob Batchi sie jemals wiedersehen würde, war äußerst fraglich.

Calract war inzwischen in das Unendliche Land hinausgetreten. Eigentlich mußte er, bevor er nach oben ging und sich von Maarx stellte, noch einige Vorbereitungen treffen, doch er konnte im Moment seine Frau nicht allein lassen. Gedankenverloren sah der Zauberer sich um. Da fiel sein Blick auf etwas, was hier bestimmt nicht hergehörte: eine Holzpuppe. Calract erinnerte sich, daß diese schon dort gelegen hatte, als er hier erschienen war. Das war nun schon über eine Viertelstunde her, und selbst ein Lebewesen wäre längst zu einer Goldstatue geworden, ein Gegenstand wie ein Stück Holz ohnehin.

In dem Buch des Unendlichen Landes, von dem ich wenigstens die erste Seite lesen konnte, hat die Wahrheit gestanden. Dicht unter meinen Füßen beginnt das absolute Nichts, die Negation allen Seins. Nur das Gold trennt die Welt vor diesem unheimlichen Bereich ... Calract dachte an das narbige Gold und daran, wie es wieder glatt und frisch geworden war, nachdem es Gawrons Lebensenergie aufgesaugt hatte. Anscheinend gab es über das Unendliche Land noch einiges mehr zu wissen.

Langsam ging Calract zu der Puppe hinüber, kniete sich dann vor ihr ab und wollte sie anfassen, doch sie zuckte zurück, richtete sich ein wenig auf und blickte den Schwarzen König furchtsam an.

Heute ist der Tag der Überraschungen. Erst Linlin und ihr Sohn, dann diese beiden Gauner hier, ein dritter Zugang zum Unendlichen Land, und jetzt auch noch eine lebendige Holzpuppe, die im Unendlichen Land nicht zu Gold wird. Bemerkenswert.

"Wieso wirst du nicht zu einer Goldstatue?"

Die Puppe sah den Zauberer furchtsam an. "Wüwü versteht nicht, Herr."

"Alles und jedes, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, wird, wenn es sich länger als ein paar Minuten im Unendlichen Land aufhält, zu einer Goldstatue. Du aber nicht. Und ich wüßte gerne, warum nicht."

Wüwü schüttelte den Kopf. Calract bemerkte, daß das dünne, netzartige Kleid, das die Puppe trug, sehr wohl zu Gold geworden war. Das Holz ihres Körpers aber nicht.

"Naja. Wer bist du überhaupt?"

Bevor die Puppe aber antworten konnte, bemerkte Calract, daß seine Frau wieder zu sich gekommen war. Er nahm die Puppe an der Hand und zog sie mit sich. Wüwü ließ es mit sich geschehen. Kurz darauf standen beide vor Batchiribanban.

"Harlengart hat Kokoma mitgenommen. Wahrscheinlich werden wir sie nie wiedersehen. Aber das ist jetzt nicht so wichtig, Batchiri. Hör zu, da draußen wartet von Maarx mit seiner Kampfmaschine, und ich muß noch ein bißchen was vorbereiten, bevor ich ihn erledigen kann. Du bleibst hier sitzen und rührst dich nicht von der Stelle!"

Die Orna-Dämonin sah mit glasigem Blick durch ihren Mann hindurch.

Mist, und es ist niemand da, der auf sie aufpassen kann. Gawron hat Kokoma mitnehmen können, ohne daß sie zu Gold wurde, aber ich kann das leider nicht. Dazu reicht meine Macht nicht, und es ist völlig egal, ob Batchi den Boden berührt oder nicht. Wenn sie ihn nicht berührt, hat sie vielleicht zwei oder drei Minuten länger, aber das reicht nicht bis nach Hause.

Calract sah Wüwü an. Er war erstaunt, als diese vor ihm niederkniete. "Ihr seid ein großer Zauberer, Herr."

Diese Puppe ist zwar körperlich schwach, aber sie hat bemerkenswerte verborgene Talente. Laut sagte er: "Ganz richtig. Calract von Caair ist mein Name, und das da ist Batchiribanban, meine Frau."

"Ja, Herr, Wüwü kennt sie schon. Es tut Wüwü leid, daß der Höllenbaron die arme Kokoma geraubt hat. Kokoma und Frau Batchiribanban waren sehr enge Freundinnen, nicht wahr?"

"Kann man so sagen, ja. Hör zu, du siehst ja, in welchem Zustand sich Batchi befindet. Ich muß was erledigen und komme dann später wieder. Sieh zu, daß du irgendwie verhinderst, daß sie Dummheiten macht und in das Unendliche Land geht oder so."

"Herr, das vermag Wüwü nicht. Frau Batchiribanban ist viel stärker als Wüwü."

Calract seufzte. Egal, ich muß das mit Maarx hinter mich bringen. Jetzt habe ich ihn endlich, und ich lasse ihn nicht mehr vom Haken. Nur darf Batchi nicht zwischen die Fronten geraten.

Er drehte sich um und rannte los.

*

Zwei Stunden später war er wieder zurück. Batchi und Wüwü waren etwas weiter nach oben gegangen und damit in Sicherheit. Und dann begann Calract mit einem geradezu unglaublichen Zauber.

Wenn ich das hier heil überstehe, ist es ein Wunder. Calract dachte an das Schwarze Nichts, das er bei seinem Schuß auf Harlengart für ein paar Minuten freigelegt hatte. Erst in diesem Moment war ihm klargeworden, auf was für einem Pulverfaß die ganze Welt hier eigentlich saß. Zum Glück war das Unendliche Land so konstruiert, daß es sich selbst stabilisierte. Dazu saugte es anscheinend bevorzugt Lebensenergie auf und wandelte alles und jedes in die Substanz um, die es zu seiner Stabilisierung brauchte: Gold. Calract war sich sicher, daß er nie wieder in seinem ganzen Leben auch nur ein Körnchen Gold von hier entnehmen würde. Nicht nach dem, was er gesehen hatte.

Das, was er vorhatte, war aber mindestens genauso riskant. Mit zitternden Fingern ließ er den Splitter des Mondkristalles aufsteigen und begann, den Eingang des Unendlichen Landes zu verzaubern.

*

Es war schon Abend draußen, als Calract unten fertig war. Erschöpft taumelte er den Gang hinauf nach oben, wo seine Frau und die Puppe ihn erwarteten.

"Was ist mit Kokoma?", fragte Batchiri. Doch Calract schüttelte nur den Kopf. "Ich erledige jetzt Maarx. Du bleibst hier unten, hast du verstanden!"

"Aber ..." Batchi war verwirrt, empört, verunsichert. So kannte sie ihren Liebsten gar nicht. Doch dann dachte sie daran, daß er einen Kampf auf Leben und Tod hinter sich und einen weiteren vor sich hatte. "Ich werde dich beschützen."

"Nein, verdammt. Du würdest mir nur im Weg stehen. Bleib hier und versteck dich, daß Maarx dich nicht zufällig entdeckt, wenn er kommt. Sonst wirst du wieder als Geisel genommen." Batchiribanban nickte langsam. Hoffentlich macht sie keine Dummheiten. Calract atmete tief durch. Also los, dann wollen wir es mal hinter uns bringen.

Der Splitter des Mondkristalles leuchtete hell auf und gab dem Zauberer neue Kraft. Dann löste sich von seinem Gürtel ein seltsames, kleines Objekt, fiel zu Boden und begann dann zu wachsen. Arme und Beine entstanden, während der Körper immer größer wurde und schließlich menschliche Proportionen annahm. Doch damit war die Verwandlung noch lange nicht zu Ende. Ein Gesicht erschien auf dem noch unfertigen Kopf. Batchiri sah dem unheimlichen Vorgang fasziniert zu. Schließlich erkannte sie die Figur. Es war ein Doppelgänger von Calract, ein sogenannter Golem. Und auch er trug auf der Stirn ein drittes Auge, das er nun öffnete und in grellem Rot erstrahlen ließ. Wie zwei Teufel aus einer anderen Welt stiegen das Original und die Kopie Seite an Seite nach oben.

Sie überquerten den von dem Baumstamm überspannten Abgrund. Calract nutzte die Gelegenheit, auch hier eine kleine Falle aufzubauen. Dann gingen sie das restliche Stück weiter. Kurz vor dem Ausgang, der durch Scharaxai führte, hielt Calract an. "Leb' wohl". Der Golem nickte. Er wußte, daß nicht zurückkommen würde. Dann trat er hinaus ins Freie.

Dort hatte sich inzwischen wieder eine große Menschenmenge versammelt. Ritter drängten die aufgebrachten und nervösen Leute von der magischen Eiche zurück, denn sonst hätten sie sie womöglich auf der Stelle gefällt oder angezündet. Ein Raunen ging durch die Menge, als Calracts Doppelgänger plötzlich wie aus dem Nichts erschien. Über seiner Hand schwebte ein grell leuchtender Kristall. Der Geist aus dem Baum, für den die Menschen den Golem halten mußten, kümmert sich nicht im Geringsten um die Stadtbewohner. Langsam schritt er hinunter zum Fluß. Auch die Ritter wichen ängstlich zurück und machten ihm den Weg frei. Der Golem ließ den Kristall nun höher aufsteigen und heller leuchten, bis er wie eine kleine Sonne über der Stadt strahlte.

Und dann verdunkelte sich der Himmel. Die späte Abenddämmerung und die Sterne wurden von einer eisigen Schwärze abgelöst, die kurz darauf in tiefem Rot zu glühen begann. Ein Alpdruck legte sich auf die Menschen, und Panik ergriff sie. Doch das war erst der Anfang. Ein riesiges Auge öffnete sich am Himmel und sah sich suchend um. Schließlich fand es sein Ziel: den vermeintlichen Calract.

Der echte saß immer noch unter Scharaxai und war mit der Entwicklung soweit zufrieden. Das, was sein Golem da in der Hand trug, war nicht der echte Mondkristall, sondern nur ein magischer Spiegel, der die Macht des wahren Kristalles reflektierte. Doch offensichtlich fiel Chebesch darauf herein.

Calract spürte den Druck, der von der verzauberten Kohleprinzessin ausging. Auch sie trug einen Splitter des Mondkristalles in sich, den Splitter, den sie Wüwü abgenommen hatte. Damit war sie eine extrem gefährliche und mächtige Gegnerin. Calract spürte die Energie, die sie nun sammelte. Er ließ den Golem angreifen. Nicht zum Spaß, sondern mit einem mit aller Kraft geführten Schlag, dem eine ganze Reihe weiterer Energieschüssen folgten. Doch darauf waren von Maarx und Chebesch natürlich vorbereitet. Der Golem raste nun, viel schneller, als ein Mensch das je vermocht hätte, zum Fluß und diesen entlang stromabwärts. Calract wollte vermeiden, daß Chebeschs Feuerschlag die Stadt vernichtete. Doch es würde knapp werden.

Der Golem war erst etwa zwei Kilometer außerhalb der Stadt. Calract spürte, daß es gleich soweit war, und ließ ihn teleportieren. Im gleichen Moment schoß eine unglaubliche Energieentladung aus dem wie zersplittert wirkenden Himmel und verwandelte die Stelle, an der der Golem noch einen Augenblick zuvor gestanden hatte, in einen riesigen Krater aus gelb emporspritzender Lava. Wer von den Stadtbewohnern auf dieser Seite der Stadtmauer im Freien gestanden hatte, zerfiel sofort zu Asche. Alle Hütten in der Umgebung fingen explosionsartig Feuer, und die dem Krater zugewandte Seite der Stadtmauer erhitzte sich bis zur Rotglut.

Doch der Golem war nicht getroffen worden und setzte nun seinen Angriff auf Chebesch fort. Calract war selbst überrascht, wie weit er damit kam. Der Golem mit seinem Spiegel machte der Orna-Dämonin schwer zu schaffen. Fast schon konnte Calract hoffen, sie auf diese Weise besiegen zu können, da erfaßte ein sehr starker Zauber den Doppelgänger und lähmte ihn. Von Maarx hatte eingegriffen. Einen Augenblick später schoß die Kohleprinzen. Der Golem blickte nach oben, sah den vernichtenden Strahl kommen und verging.

Hab' ich dich!

Calract hatte schon die ganze Zeit auf diesen Moment gewartet. Etwas rastete gewissermaßen ein, als die Kraft der Kohleprinzessin auf den Spiegel traf. Calract griff durch diese Verbindung hindurch, spürte den Splitter des Mondkristalles, der im Körper der Dämonin steckte, griff zu und zog ihn heraus.

Ein grauenvoller Schrei erfüllte den Himmel und ließ selbst die Erde und den kochenden Fluß erzittern. Dann brach Verbindung ab, und über Calracts Hand schwebten nun zwei Splitter, ein großer, selbst entstanden aus der Vereinigung zweier kleiner, und der, den der Zufall einst hierher verschlagen hatte. Der Zauberer vereinigte die Stücke, dann sprang er aus der Eiche hinaus ins Freie.

Er war wenig erfreut zu sehen, daß die halbe Stadt in Flammen stand. Das Feuer hatte von außen auf die Innenstadt übergegriffen. Die Menschen waren voller Panik zum Fluß gerannt, einige begannen aber schon mit dem Löschen. Es hatte aber viele Tote und Verwundete gegeben, kein Wunder. Mit einem Zauber löschte Calract zumindest die Feuer in der Nähe, dann wandet er sich wieder von Maarx zu: WENN DU MICH WILLST, DANN KOMM UND HOLE MICH! Dann hastete er zurück in Scharaxai und lief den Weg hinunter in die Tiefe. Sein Stirnauge leuchtete und wies ihm den Weg.

Er mußte nicht lange warten. Vor dem Baumstamm, der über den Abgrund führte, hatte Calract einen weiteren Golem versteckt, der von Maarx nun heftig angriff. Der Zauberer aus dem Alptraumland war allein, und er war, genau wie Calract selbst, wild entschlossen, die Sache nun zu Ende zu bringen, nachdem sein schöner, von so langer Hand vorbereiteter Plan mit der Kohleprinzessin gescheitert war. Trotzdem lieferte der Golem von Maarx einen sehr schweren Kampf, bis er schließlich verging.

SEHR GUT, Maarx. KOMM', ICH BIN HIER!

Wütend schrie von Maarx auf. Anscheinend war er überzeugt gewesen, diesmal den echten Calract erwischt zu haben. Er rannte über den Baumstamm, doch als er in der Mitte war, ließ Calract diesen verschwinden, so daß der Zauberer in die Tiefe stürzte. Natürlich konnte der sich mit seiner Magie abfangen, doch Calract ließ ihn nicht zu Atem kommen, sondern griff sofort wieder an und zwang ihn in der Tiefe in Deckung zu gehen. Dann ließ er die beiden Wände des Spaltes sich aufeinander zubewegen.

Für Maarx wurde es verdammt eng, doch in dieser verzweifelten Lange bewies er, daß seine Zauberkräfte denen von Calract nicht nachstanden.

Atemlos und völlig erschöpft stand er schließlich wieder auf festem Boden. Der Abgrund hinter ihm existierte nicht mehr, war nur noch eine kleine Ritze im Boden.

Wieder griff Calract an, zog sich dann aber weiter in die Tiefe zurück. Von Maarx folgte ihm rasend vor Wut.


"Das unendliche Land. Hier willst du dich also verstecken, du Feigling!"

Von Maarx stand nahe dem Ende des Tunnels, nur wenige Schritte vor der Grenze, hinter der alles und jedes zu einer Goldstatue wurde. Calract stand ein Stück weit im Innern des Unendlichen Landes.

"Das war sehr unklug von dir, ein Kampfgebiet zu wählen, in dem es einen Zugang zum Unendlichen Land gibt. Denn ich kann hier hinein, und du nicht."

Als Antwort feuerte Maarx eine Salve von Energiestrahlen ab, doch Calract konnte diesen leicht ausweichen. Natürlich hatte von Maarx davon keine Ahnung gehabt und sah jetzt seine sicher geglaubte Beute ein weiteres Mal entwischen.

Calract rief: "Das würde ich an deiner Stelle nicht tun. Wenn du noch etwas näherkommst, kannst du da drüben eine Statue sehen, die einmal der Drache Gawron, der Hüter des Unendlichen Landes gewesen ist. Wenn man hier unten zu unvorsichtig ist, kostet einen das schneller das Leben, als man auch nur gucken kann." Komm schon, noch ein oder zwei Minuten.

Unsicher trat von Maarx näher an den Eingang. Schließlich sah er die Statue, zu der Gawron geworden war. Er wußte nicht so recht, was er jetzt tun sollte. Calract war vor ihm hierher geflüchtet, um sich den alles entscheidenden Schlag zu entziehen. Aber er wollte ihn töten, egal wie. Von Maarx begann, erneut Kraft zu sammeln. Wenn es sein mußte, würde er sogar in das Unendliche Land ...

"Das Buch!"

Von Maarx verlor seine Konzentration. "Welches ... ach das Buch des Unendlichen Landes. Naja, jetzt kann ich es dir ja sagen, weil du sowieso in ein paar Momenten tot sein wirst." Er drehte sein Gesicht nach rechts, so daß Calract die große Narbe sehen konnte, die dort von Maarx' Wange zierte. Der Schwarze König war zufrieden. Der Golem, der damals statt seiner mit dem Buch des Unendlichen Landes entführt worden war, hatte anscheinend von Maarx schwer verletzt, bevor dieser ihn hatte töten können.

"Deine Golems haben mir lange genug Schwierigkeiten gemacht, Calract."

"Wo ist das Buch?"

Doch von Maarx antwortete nicht mehr. Er hob die Hand, um wieder auf Calract zu schießen, dann konzentrierte er sich auf den alles entscheidenden Schlag. Das heißt, er wollte sich konzentrieren, doch es fiel ihm auf einmal so schwer.

Maarx, du bist tot.

Verwirrt sah der Zauberer an sich herunter. Als er erkannte, daß seine Stiefel und seine Beine bereits bis fast zu den Hüften zu Gold geworden waren, riß er entsetzt die Augen auf. Alles, was er jetzt noch empfinden konnte, war Angst. Nackte Todesangst. Er gab ein röchelndes Geräusch von sich, und während Speichel aus seinem offenen Mund lief, sah er Calract fast bettelnd an.

Der ließ die Illusion nun verschwinden. Tatsächlich hatte von Maarx bereits die ganze Zeit ein gutes Stück weit im Unendlichen Land gestanden. Calract hatte mit seinem Zauber den Eindruck erweckt, der Eingang sei weiter vorn, und von Maarx war darauf hereingefallen. Mit einer Geschwindigkeit von etwa einem Zentimeter pro Sekunde schritt der Umwandlungsprozeß voran. Auch die Fingerspitzen wurden nun zu Gold. Hilflos ruderte der Zauberer mit den Armen, bis das nicht mehr ging. Von Maarx stieß in Panik mit einem winselnden Geräusch die Luft aus. Es war das letzte, was er in seinem Leben tat. Das Gold erreichte sein Herz. Keine halbe Minute später war er komplett zu massivem Gold geworden.

Zufrieden betrachtete Calract die Statue. Schließlich blickte er auf, und in diesem Moment war es ihm, als bleibe sein Herz stehen.

Wüwü stand da, und Batchiribanban, ebenfalls zu einer goldenen Statue geworden. Sie war in dieselbe Falle getappt, die Maarx zum Verhängnis geworden war. Anscheinend hatte sie von weiter hinten aus dem Kampf zusehen wollen, doch die Stelle, die sicher schien, hatte in Wirklichkeit ebenfalls schon im Innern gelegen.

Nur der Ring, den Calract ihr zur Hochzeit geschenkt hatte und den sie seitdem stets an ihrer rechten Ringzehe getragen hatte, war nicht zu Gold geworden, denn er bestand nicht aus gewöhnlicher Materie oder überhaupt einem bekannten Material.

In Calracts Kopf begannen die Gedanken zu rasen. Wie gelähmt stand er da, konnte seinen Blick nicht von seiner zu Gold gewordenen Frau wenden, während ihm die Tränen über das Gesicht liefen.

Wüwü, die völlig unversehrt war, blickte sich verwirrt um. Sie hatte offenbar keine Ahnung, was hier geschah.

Irgendwann trat Calract ein paar Schritte zurück und feuerte dann mit aller Kraft, die er hatte, einen Strahl auf von Maarx. Von der Statue blieb nichts übrig als eine Fontäne geschmolzenen Goldes, die am Ende vom Boden absorbiert wurden. Von einem der mächtigsten Zauberer aller Zeit war nichts übriggeblieben als die Erinnerung.

Mit von Verzweiflung zerrissenem Herzen trat Calract an die Statue heran. Heiser flüsterte er: "Batchi, ich werde dich zurückbringen, das schwöre ich!"

Er taumelte zitternd auf den Ausgang zu, setzte sich dort auf den Boden und versenkte sich mit einem kleinen Zauber in tiefen Schlaf.

Als er am nächsten Morgen erwachte, fühlte er sich einigermaßen frisch und erholt, und vor allem konnte er wieder klar denken. Es war bekannt, daß Alessandra einmal ein paar solcher Statuen in Menschen zurückverwandelt hatte. Unmöglich war die Aufgabe also nicht. Die Goldene Königin hatte damals allerdings die Mondquelle besessen. Nun, diese war ein Stück des Mondkristalles gewesen, die Hälfte etwa. Calract besaß nun auch wieder ein relativ großes Stück dieses mächtigen Zauberutensils. Damit würde Alessandra Batchiribanban wahrscheinlich ins Leben zurückholen können.

Am besten lasse ich Batchi hier unten. Als goldene Statue ist sie schwer zu transportieren, und außerdem ist sie hier in Sicherheit. Es gibt nur eine Handvoll Wesen, die hier überhaupt hinkönnen.

Der Schwarze König trat zu seiner Frau hin, gab ihr einen Kuß, drehte sich dann um und verließ das Unendliche Land. Wüwü, die die ganze Zeit in seiner Nähe gesessen hatte, folgte ihm.

*

Calract trat durch Scharaxai ins Freie. Zu den Vorbereitungen, die er getroffen hatte, hatte auch eine kurze Nachricht an Riinari gehört. Trotzdem wußte er nicht genau, was ihn dort draußen nun erwarten würde, aber auf jeden Fall wollte er sich noch einmal umsehen, bevor er wieder ins Gartenland zurückkehrte.

Er erlebte eine gelinde Überraschung. Alle waren da. Alle, das waren sämtliche noch lebenden Orna-Dämonen, auch Chebesch. Und auch einige männliche, ein überaus seltener Anblick. Und in ihrer Mitte saß die Göttin des Lichtes. Als sie nun Calract und dicht hinter ihm Wüwü erscheinen sah, erhob sie sich.

Wie meist, war Riinari nur sehr sparsam bekleidet, doch Calract hatte für die Reize ihres bezaubernden Körpers keine Augen. Erwartungsvolle, teils fast verzweifelte Blicke richteten sich auf den Zauberer. Das Schicksal all dieser Dämonen lag nun in seinen Händen. Er war der Sieger, er bestimmte, was aus Maarx' Hinterlassenschaft wurde. Calract lächelte verloren. Abgesehen von seinem lockeren Bündnis mit Riinari wollte er nichts weiter von diesen Wesen, die jetzt gewissermaßen verwaist waren.

"Maarx ist tot. Diesmal endgültig. Es ist nichts von ihm übriggeblieben. Aber Batchiribanban, meine Frau, wurde unten im Unendlichen Land zu einer goldenen Statue." Er wandte sich an Riinari: "Was du mit denen da machst, ist mir gleich. Meine wichtigste Aufgabe ist es nun, meine Frau wieder zurückzubekommen." Er wollte sich schon umdrehen und sich auf den Rückweg machen, da trat die Göttin an ihn heran und legte eine ihrer leuchtenden Hände auf seine Brust.

Calract wollte das eigentlich gar nicht, doch plötzlich durchströmten Wärme und Frieden sein Herz. Er entspannte sich.

"Danke", sagte er schließlich.

Zwei Dämoninnen fielen ihm auf, die immer wieder zu ihm herübersahen und irgendwie aufgeregt miteinander tuschelten. Die eine redete eindringlich auf die andere ein. Schließlich stand sie auf und ging zu dem Zauberer hinüber. Etwas scheu folgte die andere ihr schließlich nach.

"Gestatten, mein Name ist Arashi. Und das ist Lalalu. Wir kennen uns, Calract, auch wenn du es wahrscheinlich nicht mehr weißt. Aber an Lalalus Augen müßtest du dich erinnern."

Doch Calracts Blicke blieben zunächst an der Dämonin hängen, die sich als Arashi vorgestellt hatte. Sie sah anders aus als die Typ-IV-Dämoninnen wie Batchiribanban oder Kinkiralinlin. Calract dachte an das Buch Orna, und dann fiel es ihm ein: "Eine Typ-III-Dämonin."

Die Frau warf mit einer energischen Kopfbewegung ihr Haar nach hinten und nickte. "Und die einzige, die mein Erschaffer", sie machte eine kurze Pause und spuckte auf den Boden, "je hergestellt hat", ergänzte sie. Dann sah sie Calract tief in die Augen.

Calract wurde neugierig. Alle Dämoninnen waren auf ihre Weise äußerst bemerkenswerte Geschöpfe, doch diese hier schien über eine starke Entschlossenheit, Mut, Intelligenz und Willenskraft zu verfügen. Er musterte sie nun genauer. Sie hatte sehr helle, irgendwie marmoriert wirkende Haut. Ihre Augen waren braun, die schulterlangen Haare ebenfalls. Ihre Körperproportionen waren einer menschlichen Frau ähnlicher als die der Typ-IV-Dämoninnen, was vor allem daran lag, daß ihre Füße eine normale Form besaßen. Nur die Zehen waren vielleicht etwas kräftiger als gewöhnlich, außerdem trugen sie diese berüchtigten, zu ausfahrbaren Krallen umformbaren Nägel, wie sie außer Riinari alle weiblichen Orna-Dämonen an den Füßen, die männlichen zusätzlich auch an den Fingern trugen. Und natürlich hatte auch Arashi keine Arme.

Der Zauberer erinnerte sich an das, was er im Buch Orna gesehen hatte. Auch dieser Typ von Dämonen hatte stattdessen Flügel. Oder sollte zumindest welche haben, denn zu erkennen war eigentlich nichts.

Im Gegensatz zu den meisten anderen der versammelten Dämonen trug Arashi Kleider: eine weite Hose aus bunter Baumwolle, die fast bis zu ihren Knöcheln herabreichte. Den Oberkörper bedeckte eine ärmellose weiße Bluse, die hinten Aussparungen hatte. Calract sagte: "Laut deinem Konstruktionsplan müßtest du eigentlich Flügel haben. Hmm."

Arashi erwiderte seine Worte mit einem eigenartigen warmen und gleichzeitig ironischen Lächeln. Dann gab es ein flappendes Geräusch, und scheinbar wie aus dem Nichts hatte sie weite, hauchzarte Schwingen ausgebreitet. Mit diesen erhob sie sich kurz in die Luft, um dann wieder vor dem Zauberer zu landen. Fast ebenso schnell, wie sie ihre Flügel ausgebreitet hatte, faltete sie sie auch wieder zusammen und verstaute sie unter ihrer Bluse, wo sie unauffällig verschwanden.

Auf ihrer Brust hing ein goldenes Medaillon. Als Calract dieses näher ins Auge fassen wollte, griff Arashi unwillkürlich mit ihrem Fuß danach und umfaßte es wie zum Schutz mit ihren Zehen.

Calract war recht beeindruckt und musterte nun die andere Dämonin, die auf den ersten Blick als Typ-IV zu erkennen war: die langen, hoch beweglichen Ohren, mit denen sie sich bei hinreichend weit gedrehtem Kopf ohne weiteres im Schritt kratzen konnte, die langen Füße und die recht ausladenden, lederartigen Flügel auf ihrem Rücken waren eindeutig.

Lalalu hatte sehr dunkle Haut, aber während etwa die von Kinkiralinlin schwarz-braun war, war ihre tief dunkelgrau. Dafür hatte sie aber knallblaue Augen. So etwas hatte Calract auch noch nie gesehen.

Doch verdammt, das habe ich schon mal gesehen ... wo war das noch?

Arashi, die das Medaillon inzwischen losgelassen hatte und wieder mit beiden Füßen auf dem Boden stand, hatte Calract aufmerksam gemustert. Jetzt lächelte sie wissend und sagte: "Fällt es dir wieder ein? Es war vor über 20 Jahren im Verwunschenen Land. Kinkiralinlin hatte dich damals für eine Nacht zu uns geführt, und du hast in unserem Nest geschlafen."

Ja, aber ... "Aber ... die eine Dämonin hatte blaue Augen. Das war dann wohl Lalalu. Die andere hatte aber leuchtend grüne. Deine sind aber braun."

"In der Nacht leuchten sie grün, Calract." Und offenbar auch dann, wenn Arashi sie grün aufblitzen lassen wollte, wie jetzt, als sie es Calract demonstrierte.

Sie und Lalalu traten näher an den Schwarzen König heran, dann sagte Arashi: "Wir würden gerne mit dir gehen und dir dienen. Wir ... wir haben schon vor lange Zeit mit unserem Erschaffer gebrochen ... seit damals vor 20 Jahren. Aber erst jetzt sind wir endlich frei, dank dir!"

Calract murmelte: "Es scheint, ich werde der Sammelplatz für all diese seltsamen Kreaturen, die Max erschaffen hat." Er blickte Riinari an. Erst jetzt fielen ihm die Spuren auf, die ihre leuchtenden Füße überall auf dem Sandboden hinterlassen hatte. Dabei war es noch relativ früh am Vormittag. Die Göttin war anscheinend schon viel unterwegs gewesen. Sein Herzschlag beschleunigte sich etwas, als er Riinari fixierte. Als einziges Kleidungsstück trug die Göttin ein schmales Tuch um ihre schlanke Taille, dazu noch eine Reihe faszinierend schöner Schmuckstücke um Arme, Beine, Hals und Brust. Dennoch war sie praktisch nackt, wie meistens ... und Calract war im Moment so etwas Ähnliches wie Witwer.

Wütend über sich selbst schüttelte er den Kopf. Riinari lächelte ihr engelsgleiches Lächeln und nickte Calract zu. Dann schienen sich ihre Augen ein wenig zu verdunkeln. In Calracts Geist erschien eine vage Vision. Es war die übliche Art, in der die Göttin einen Wunsch oder Vorschlag äußerte, wenn sie es nicht so direkt sagen wollte.

Calract drehte sich um und ging voran, hinein in die Magische Eiche. Riinari folgte ihr. Hinter ihr kam Wüwü, und dann machten sich auch all die anderen Dämoninnen und Dämonen, knapp 80, die es noch waren, auf und gingen hinab zum Unendlichen Land.

Wenig später hatten sie die Grenze erreicht. Calract und Wüwü waren die einzigen, die sie überschreiten konnten, wobei der Zauberer immer noch nicht wußte, wie die Puppe zu dieser erstaunlichen Fähigkeit gekommen war.

Er drehte sich zu den Dämonen um und zeigte hinter sich, hinein in das Unendliche Land, wo etwa 10 Meter weiter die zu einer Goldstatue gewordene Batchiribanban stand.

Riinari sah ihre große Schwester mit vor Trauer verdunkelten Augen an.

Calract sagte leise: "Wenn ich euch einen Rat geben darf, dann haltet euch von diesem Ort fern."

Er drehte sich um und wollte zurückgehen, doch Riinari hatte anscheinend noch etwas vor. Calract war gar nicht wohl dabei, als er zusah, wie sie der Grenze immer näherrückte. Auch hier unten, in dem Gang, hinterließ sie diese leuchtenden Fußabdrücke. In diesem Moment wurde dem Zauberer klar, was die Göttin ausprobieren wollte. Und auch ihn packte mit einem Mal die Neugier: würde auch das Gold des Unendlichen Landes anfangen zu leuchten, wenn Riinaris Füße es berührten?

Die schöne Göttin stand nun direkt am Rand. Langsam hob sie einen Fuß, setzte ihn dann aber wieder auf der Innenseite ab. Stattdessen machte sie einen entschlossenen beidbeinigen Sprung und landete knapp zwei Meter weit im Innern. Sie hatte eine beachtliche Sprungkraft, gemessen an ihrem zierlichen, fast zerbrechlich wirkenden Körper.

Riinari trat nun einen Schritt zurück, um das Ergebnis zu sehen: Nichts. Das Gold fing nicht an zu leuchten.

Mit weit gespreizten Zehen tastete die Göttin nun über den goldenen Boden. "Es ist ... irgendwie warm ...", sinnierte sie.

"Komm wieder da heraus, bevor doch noch was passiert", brummte Calract. Mehr als zwei oder drei Minuten würde es nicht dauern, bevor der Vergoldungsprozeß einsetzte.

Riinari kehrte gehorsam zurück und warf dem Schwarzen König dann ein Lächeln zu, daß ihm ganz anders zumute wurde.

Dann gingen sie alle wieder nach oben.


Gemeinsam kehrten sie wieder zurück an die Oberfläche. Dort erwartete sie der König.

Mit gezogenem Schwert, umgeben von zehn Rittern, stand er dicht vor der Eiche. Sie alle zuckten heftig zusammen, als Calract und nach ihm Wüwü und all die unheimlichen Orna-Dämonen wie aus dem Nichts aus dem Stamm von Scharaxai hervorsickerten.

"Ich verlange eine Erklärung", brüllte er heiser vor Aufregung. Calract wollte gerade zum Sprechen ansetzen, doch der König ließ ihn nicht dazu kommen. "Wie lange müssen wir all diese unheimlichen und grauenvollen Dinge noch ertragen? Erst werden reihenweise die Menschen zu Bäumen, durch die da!" Mit vor Nervosität zitternden Fingern zeigte er anklagend auf Wüwü. "Wie kommt es, daß sie noch am Leben ist!", empörte er sich. "Und dann erscheinen diese zwei Monsterfrauen, Hexen oder was auch immer, und ein paar Wochen später steht meine ganze Stadt in Flammen. Habt ihr eine Ahnung, wie viele Tote und Verwundete es gegeben hat? Meine Frau ... ", er schluckte, "von ihr hat man nicht mal die Leiche gefunden!"

Langsam, aber sicher, redete der kleine König sich in Rage, beschimpfte Calract und die Dämoninnen und begann schließlich, mit dem Schwert herumzufuchteln. Dem Zauberer wurde das langsam zu blöd, doch da schob Riinari sich an Calract vorbei. Langsam ging sie auf den König zu. Der und seine Ritter ließen kraftlos ihre Schwerter sinken. Die Göttin des Lichtes blieb vor dem König stehen und sah ihm tief in die Augen. Schließlich drehte sie sich wieder zu Calract und ihren Brüdern und Schwestern um.

Der König fummelte gedankenverloren sein Schwert in die Scheide und stolperte dann zurück in Richtung seines Schlosses, gefolgt von den Rittern, die mindestens ebenso durcheinander waren.

Calract sagte zu Riinari: "Ich weiß, daß Alessandra, die goldene Königin, zu Gold gewordene Menschen wieder zurückverwandeln kann. Batchi wird also nichts geschehen. Und da unten ist sie sicher. Nichts und niemand kann ihr dort etwas anhaben. Mich eingeschlossen, kenne ich nur fünf, vielleicht sechs Wesen, die das Unendliche Land betreten können: Alessandra, Harlengart, wahrscheinlich meine Großnichte Rosalia, denn in ihren Adern fließt das Blut der Schwarzen Könige, Hotaru und Wüwü!" Und nicht zu vergessen die Götter und ihre Boten, wie den Regenbogenkrieger. Aber das sagte er nicht laut.

"Wüwü." Riinaris seltsame 'Scheinwerfer' richtete sich nun auf die Holzpuppe. Diese schien die unsichtbare Kraft der Göttin sehr wohl zu spüren und sah sich suchend um. Schließlich erkannte sie den Verursacher dieses eigenartigen Phänomens. Die Göttin des Lichtes und die von dem Zauberer Tallibar Wick geschnitzte Holzfigur hielten stumme Zwiesprache. Schließlich trat Riinari ganz nahe an Wüwü heran, legte ihre leuchtenden Hände auf ihren Körper und küßte sie.

Als sie ihre Hände wieder zurückzog, sah Calract, daß sie leuchtende Abdrücke hinterlassen hatten. Wüwü bestand aus totem Material und war dennoch lebendig. Sie war eine wirklich erstaunliche Kreation.

Nur, was soll ich mit ihr anfangen? Trotzdem, ich nehme sie auf jeden Fall mit. Irgendwie wollte er nicht, daß Riinari Wüwü bekam. Denn die Göttin des Lichtes war nun, obgleich die jüngste, quasi die Mutter von fast 80 Dämonen, darunter 5 fünf Kohleprinzessinnen, wenn man die immer noch bewußtlose Chebesch mitzählte, die einer der männlichen Dämonen die ganze Zeit auf den Armen getragen hatte. Das Feuer in ihrem eisernen Brustkorb glomm nur schwach, war aber noch nicht erloschen. Wahrscheinlich würde sie es schaffen.

"Ich werde mit meinen Brüdern und Schwestern noch einige Wochen hierbleiben, die Verletzten heilen und beim Wiederaufbau der Stadt helfen. Dann werden wir nach Riinar zurückkehren", teilte die Lichtgöttin Calract mit.

"Und wie wollt ihr zurückkehren? Bis zu uns sind es an die 4.000 Kilometer. Zu Fuß dauert das Monate." Oder so, wie du anscheinend hierher gekommen bist, wie auch immer du das gemacht haben magst ...

"Ich weiß." Riinari lächelte wieder.

Das ist wirklich eine erstaunliche Frau. Spontan ergriff Calract Riinaris Hand und küßte sie. In seinem Bewußtsein erschienen Bilder, die die Göttin ihm schenkte, und die an Eindeutigkeit wenig zu wünschen übrigließen. Es war sicher nicht so, daß sie ihn im klassischen Sinne verführen wollte, sie bot ihm einfach einen besonderen Freundschaftsdienst an. Doch Calract war entschlossen, seiner Frau die Treue zu halten, mochte die Alternative auch noch so verführerisch sein.

Er blickte sich um. Am Rande des Platzes standen zahllose Menschen, viele davon bandagiert, trotzdem voller Neugier. Anscheinend hatten sie langsam begriffen, daß die unheimlichen Ereignisse nicht ihnen galten und sie nicht bedroht waren.

Ohne weitere Worte verwandelte Calract sich in einen Drachen. Arashi und Lalalu stiegen auf und halfen dann auch Wüwü hinauf. Calract war immer wieder erstaunt zu sehen, wie geschickt diese Dämoninnen ihre armlosen Körper einzusetzen wußten, wobei Lalalu immerhin noch mit Hilfe ihrer Flügel leicht das Gleichgewicht halten konnte, während Arashi auf den Einsatz ihrer Flügel völlig verzichtete.

Er warf Riinari einen letzten Blick zu, dann hob er mit mächtigem Flügelschlag ab und schoß davon, Richtung Osten. Es würde ein langer Flug werden.

*

Vielleicht war es Zufall, daß Calract ausgerechnet auf der Lichtung zwischenlandete, auf der Wochen zuvor Batchi und Kokoma ihre Reise ins Sandland begonnen hatten. Der Zauberer verwandelte sich erst mal zurück. Er wollte sich noch ein bißchen ausruhen, bevor die große Etappe hinüber nach Gertrenn begann.

Langsam spazierte er ein bißchen auf und ab. Wüwü stand etwas verloren herum, während Arashi und Lalalu im Wald verschwunden waren, um zu jagen. Vielleicht würde ihr Aufenthalt hier sogar etwas länger dauern, wenn sie noch ein Feuer machten und grillten.

Nanu, was haben wir denn da?

Genau an der Grenze stand ein gewaltiger Baum, den Calract auf den ersten Blick als verzauberten Menschen erkannte. Wüwü stand plötzlich neben ihm und musterte diesen Baum. Ihre Augen und ihr gesamter hölzerner Leib begannen auf einmal grell zu strahlen, und dann verwandelte der Baum sich unter ihrem Blick in eine Frau zurück.

Schau mal an, Wüwü ist immer noch für eine Überraschung gut, obwohl sie den Splitter nicht mehr hat.

Die zurückverwandelte Frau sah sich verwundert um und rieb sich die Augen. Dann bemerkte sie, daß sie vollkommen unbekleidet war und bedeckte Brüste und Scham mit ihren Armen und Händen. Calract lächelte nachsichtig zu ihr hinüber.

Die Frau erkannte einen Moment später Wüwü und ließ die Arme sinken. Dann sagte sie etwas, was Calract ziemlich überraschte: "Wüwü, warum hast du das getan? Warum hast du mir nicht meinen Frieden gelassen?"

Wüwü wich erschrocken zurück.

*

Es war Abend geworden. Zu fünft saßen sie um ein gemütliches Feuer und brieten das junge Wildschwein, das die beiden Dämoninnen erjagt und dann ausgenommen und übers Feuer gelegt hatten. Calract hätte gerne gesehen, wie Arashi die Jagd durchgeführt hatte. Denn diese Dämonin interessierte ihn sehr, und obwohl er seit über 20 Jahre mit einer ihrer Schwestern verheiratet war, fiel es ihm dennoch schwer einzuschätzen, wozu Arashi eigentlich fähig war. Ihre unglaublich gelenkigen Beine und geschickten Füße waren jedenfalls ein Anblick für sich.

Calract sah die anderen der Reihe nach an. "Ich denke, jeder hier sollte mal seine Geschichte erzählen. Ich fange mal an. Also, für die, die mich noch nicht kennen", er blickte zu der Frau, doch die antwortete zu seiner Überraschung: "aber natürlich kenne ich Euch, Majestät. Ihr seid der Schwarze König und Ehemann von Batchiribanban."

"Stimmt", antwortete Calract leicht verblüfft. "Na gut, dann erzähle uns mal wer du bist."

"Mein Name ist Morga La Fey. Ich traf Eure Frau vor mehr als 20 Jahren in meiner Heimat, der Sonneninsel. Unsere Begegnung war nur kurz, aber ich habe sie nie vergessen. Königin Batchiribanban ist so ein wundervoller Mensch. Wie geht es ihr eigentlich? Ich hoffe, es ist ihr besser ergangen als mir."

"Leider nicht. Sie ist nicht direkt tot, aber so etwas Ähnliches, und sie wieder ins Leben zurückzuholen, wird nicht einfach sein. Aber ich werde es schaffen!" Welche Ironie, Morga. 20 Jahre, und du hast deine Freundin nur um ein paar Stunden verpaßt. Langsam erinnerte sich Calract wieder, wie Batchi ihm damals begeistert von ihrem Ausflug auf die Sonneninsel erzählt und dabei auch Morga erwähnt hatte.

Diese war nun sichtlich erschrocken, als sie Calracts Worte hörte. Der forderte sie auf, weiter über sich zu erzählen. Und so erfuhren er und die anderen eine recht traurige Geschichte. Als Morga Batchi getroffen hatte, war gerade ihr Kind gestorben. Wenig später erkrankte ihr Mann an derselben Krankheit. Als er endlich vom Tod erlöst wurde, wollte Morga sich das Leben nehmen und sich im Sonnensee ertränken. Das gelang ihr aber nicht, sie fand sich lebend am anderen Ufer wieder. Ziellos irrte sie von da an durch die Welt, und irgendein gütiger Engel mußte seine schützende Hand über sie gehalten haben, daß sie überhaupt nach vielen Jahren so weit gekommen war. Hier nun lief sie Wüwü über den Weg, die damals gerade dabei war, ihren Rachefeldzug gegen die Menschen zu führen. Sie verwandelte die Frau von der Sonneninsel in einen Baum. Was Wüwü nicht gewußt hatte: damit hatte sie den einzigen Menschen erwischt, für den dieser Zauber kein Fluch, sondern eine Erlösung war.

Und das war eben der Grund, warum Morga gerne ein Baum geblieben wäre. Doch sie wieder zu einem solchen zu machen, dafür reichten Wüwüs Kräfte nicht mehr.

"Es tut mir leid, Frau Morga. Wüwü wollte Ihnen nicht wehtun."

"Macht nichts. Ich glaube, vielleicht wird das der Beginn eines neuen, besseren Lebens." Morga streckte sich genüßlich und langte dann ans Feuer, um sich noch ein Stück des Bratens abzureißen. Lalalu half ihr mit ihren Krallen, ein Stück herauszutrennen, und Morga sah ihr dabei fasziniert und bewundernd zu.

Als nächste erzählte Wüwü den Anwesenden ihre Geschichte, wie sie von dem Zauberer Tallibar Wick aus dem Holz der Magischen Eiche Scharaxai geschnitzt worden war, dann lange Zeit mit ihm zusammengelebt hatte, und ihre späteren Abenteuer. Wick hatte fliehen und sie zurücklassen müssen, doch als Calract im Schwarzen Schloß gegen Thoran gekämpft und den Mondstein zerstört hatte, da hatte der Zufall einen der Splitter in Wüwüs Körper geschleudert und sie mit gewaltiger Macht versehen. Sie hatte sich an den Menschen schrecklich gerächt für das, was sie ihrem Meister angetan hatten. Bis dann das Ungeheuer Chebesch erschienen war und ihr den Splitter wieder abgenommen hatte. Der Schock war so schwer gewesen, daß Wüwü dabei in einen nahezu ewigen Schlaf gestoßen worden war. Bis dann ein es Tages eine andere Hexe - Kokoma - sie wieder ins Leben zurückgerufen hatte.


Arashi und Lalalu hatten wenig zu erzählen. An ihre Zeit als Menschen, die viele Jahrhunderte zurücklag, erinnerten sie sich gar nicht mehr oder nur noch ganz vage. Nach der Zerstörung des Verwunschenen Landes hatte von Maarx sie und die wenigen anderen überlebenden Dämonen in die Fremde mitgenommen, aber auch dort hatten sie keine spannenden Abenteuer erlebt. Ihr Erschaffer war so völlig mit seinen komplizierten Racheplänen und der schwer zu handhabenden Schwarzen Hexe beschäftigt gewesen, daß sie ihn manchmal monatelang nicht zu Gesicht bekommen hatten. Calract hatte allerdings den Eindruck, daß zwar Lalalu recht offen über ihre Nicht-Erlebnisse sprach, Arashi sich hingegen eher zurückhielt. Aber sie würde dafür wohl ihre Gründe haben.

"Ich wißt nicht zufällig", fragte Calract schließlich, "Wo Maarx das Buch des Unendlichen Landes versteckt hat?"

Arashi schüttelte den Kopf. "Nein, leider nicht, Calract. Wenn einer das wissen könnte, dann Maarx' Frau. Mit der war unser Vater die meiste Zeit zusammen."

Calract war überrascht zu hören, daß Maarx verheiratet gewesen sein sollte, wobei man sich natürlich fragen mußte, ob so ein Wesen unter einer Ehe dasselbe verstand wie normale Menschen. Er nahm sich vor, bei Gelegenheit in dieser Richtung weiter zu forschen und diese Frau zu suchen. Doch das mußte gut vorbereitet werden, denn selbst wenn er sie fand, würde er sicherlich nicht so einfach bei ihr hineinspazieren und das Buch mitnehmen können. Und außerdem ging jetzt Batchi ganz eindeutig vor.

Die beiden Dämoninnen beendeten dann ihre Erzählung damit, daß von Maarx ihnen immer wieder verkündet hatte, der Tag der Abrechnung sei nahe. Und dann war es soweit. Er nahm sie alle mit zu dem, was er das letzte Gefecht nannte. Und das sollte es ja auch werden, allerdings für ihn selbst.

"Maarx war ein unglaublich begabter Zauberer, aber sonst ist ihm nie viel gelungen, weil er sich immer selbst überschätzt hat. Und jetzt hat er endlich sein verdientes Ende gefunden und läßt uns in Ruhe", beendete Arashi die Erzählung und warf mit dieser energischen Kopfbewegung, die Calract schon kannte, ihr Haar zurück.

Es herrschte eine Zeitlang Schweigen. Schließlich sagte Arashi leise und mit grünlich glühenden Augen: "Calract, kann ich bei dir bleiben?" Calract verstand ihre Befürchtungen. Die Dämonin war eigentlich ein Prototyp, ein noch nicht fertig optimiertes Experimentalmodell. Körperlich lag sie hinter den Typ-IV-Dämoninnen ein gutes Stück zurück. Doch sie strahlte eine beeindruckende Willenskraft und eine ganz eigene Faszination aus. Ihre starke Persönlichkeit hatte den Zauberer im Grunde längst überzeugt.

Calract erhob sich, setzte sich neben die Dämonin und streichelte ihr über das dichte Haar. Arashis Augen begannen, in intensiverem Grün zu leuchten. Neben ihr glommen Lalalus blaue Augen. Es war genau wie damals, wo Calract von den beiden Dämoninnen auch nicht mehr als ihre glühenden Augen gesehen hatte. Allerdings war damals noch Linlin dabeigewesen. Die katzenäugige Linlin, die dem Grün und Blau noch Bernsteingelb hinzugefügt hatte.

Calract war bei von Maarx' Dämoninnen anscheinend sehr populär, und diese Zuneigung beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit. Die meisten von ihnen waren hoch intelligent, begabt und fleißig. Und Arashi schien zudem noch eine gute Organisatorin zu sein, eine von Calract sehr geschätzte und begehrte Eigenschaft, die er unter seinen willigen, aber eher phlegmatisch veranlagten Dienern leider nur zu selten vorfand. Was Lalalu anging, so war er sich noch nicht sicher, denn die dunkelhäutige Dämonin hatte sich bisher eher scheu und zurückhaltend gegeben. Aber auch für sie würde sich ein Platz finden. Calract dachte daran, daß der Posten seines Majordomus verwaist war. Kokoma hatte hier immer sehr gute Arbeit mit ihrer ganz persönlichen Note geleistet, doch Calract gab sich nicht der Illusion hin, sie bald wieder an ihrem alten Posten haben zu können. Er mußte sich damit abfinden, eine neue Majordomina einstellen zu müssen. Und warum sollte nicht Arashi diese Stelle übernehmen? Sie würde vieles ganz anders anpacken, doch das empfand der Schwarze König keineswegs als Nachteil. Und daß sie diesem Posten gewachsen war, daran zweifelte Calract keinen Moment. Also sagte er leise zu ihr: "Ja, du kannst bei mir bleiben, und ich bin mir sicher, daß du mir gute Dienste leisten wirst."

Erneut blickte er daraufhin in die Runde und fuhr mit erhobener Stimme fort: "Nun denn", sagte er schließlich, "die meisten kennen mich ja, aber Wüwü noch nicht, hier ist also meine Geschichte. Geboren wurde ich am 16.5.1177 im Schwarzen Schloß als jüngerer Bruder eines späteren Schwarzen Königs, für dessen Weichheit und Schwäche ich mich immer geschämt habe. Also bin ich im Alter von 26 Jahren abgehauen, um mir eine Streitmacht zu erschaffen, mit der ich ihn besiegen und den Schwarzen Thron an mich bringen konnte. Einige von euch kennen ja die heilige Stätte Orna, aber es gibt noch mehr solcher magischen Orte. Einen davon brachte ich an mich, ganz legal durch Kauf sogar." Es hat mich ein schwindelerregendes Vermögen gekostet, aber das hat damals keine Rolle gespielt. "Es war der Engelsberg mit Lunaloc, dem Kraftzentrum des Mondes auf der Erde. Dort erschuf ich die nächsten 50 Jahre lang meine Soldaten, die Lunaloc-Armee. Aber dann kam alles ganz anders ..."

Calracts Erzählung dauerte bis tief in die Nacht, und alle lauschten ihr voll atemloser Spannung. Das Feuer war längst heruntergebrannt, doch Calract spendete mit seinem dritten Auge, das er einst dem toten Körper Isinis entnommen hatte, ein wenig Licht. Die Frauen, Wüwü eingeschlossen, rückten eng zusammen und kuschelten sich schließlich aneinander, denn in der Nacht wurde es doch recht kalt. Doch sie merkten es kaum, zu spannend waren die Abenteuer, die Calract zu erzählen hatte.

"Und morgen fliegen wir zurück zum Gartenland. Ich kann es kaum erwarten, zurückzukommen und die Rettung meiner geliebten Frau in Angriff zu nehmen. Und nun laßt uns noch ein paar Stunden schlafen."

Doch dazu kam es nicht. Denn in diesem Moment fing der Zauberer ein sehr schwaches, aber überaus alarmierendes telepathisches Signal auf.


33. Kapitel - Der Elfenkrieg beginnt

Etwa zwei Jahre zuvor, Winter 1266 auf 1267.


Wilhelm, Prinz von Botha und amtierender Weißer König, und seine kleine Eskorte - General von Walldorff und einer seiner zuverlässigsten Ritter - waren tief in das Schwarze Königreich eingedrungen. Den Prinzen erfüllte lange schon ein geheimer, tiefer Haß gegen den Schwarzen König, der sich daranmachte, die gesamte Welt wie einen reifen Apfel vom Baum zu pflücken.

Allein in der Poststation der Weißen Hauptstadt konnte man die ständig wachsende Macht dieses Zauberers sehen. Alessandra war nämlich, als sie sich eines Abends mit ihrem Mann und einigen Vertrauten über dieses Thema unterhalten hatte, auf eine interessante Idee gekommen, wie man dem Schwarzen König ein wenig in die Karten schauen konnte. Es war nicht auf den ersten Blick offensichtlich, denn das Verbindungsbüro befand sich immer noch in dem relativ kleinen Haus, das Calract von Anfang an dafür gehabt hatte, und das nach wie vor von Kyraia geleitet wurde. Alessandra hatte nun vorgeschlagen, man solle doch mal genau die Post-Drachen beobachten und in eine Liste eintragen. Dann könnte man vielleicht sagen, wie viele Drachen Calract eigentlich im Einsatz hatte.

Das Ergebnis war erschreckend gewesen: man hatte über 100 gezählt und dann aufgeben müssen, weil es nicht so leicht war, sie alle auseinanderzuhalten. Alessandra hatte das Zähl- und Beobachtungsverfahren später noch verbessert, und jetzt lief gerade die zweite Zählung, die auch schon bei 80 angekommen war. Doch Prinz Wilhelm war sich sicher, daß die tatsächliche Anzahl noch viel höher lag. Und wenn man die Kampfkraft jedes einzelnen dieser Drachen bedachte, dann konnte einem schwindelig werden.

Und nicht nur, daß diese Luftstreitkräfte des Schwarzen Königs völlig konkurrenzlos standen und jede Ritterarmee zur reinen Makulatur degradierten, die Drachen, die inzwischen an die 200 Stationen überall in den Mittelländern und am Octaviusmeer anflogen, beobachteten natürlich auch, was sich am Boden so alles tat. Das meldeten sie dann weiter, und Calract ließ über alles genauestens Buch führen. Es war durchgesickert, daß er bereits eine kleine Bibliothek allein mit diesen Berichten gefüllt hatte.

Freilich, Wilhelm war nicht der Mann, der einer noch so großen Bedrohung feige aus dem Weg ging. Dennoch wußte er selbst nicht, was ihn nun eigentlich hierher in das uralte Stammland seines Feindes geführt hatte. Der Weg war extrem schwierig, selbst wenn man auf den Straßen blieb, was der Prinz und seine beiden Ritter oft genug nicht taten, weil sie kein Interesse daran hatten, entdeckt zu werden. Offiziell herrschte zwischen dem Weißen und dem Schwarzen Reich tiefster Friede, und ein solcher Besuch war durchaus nicht illegal. Aber Wilhelm hegte keineswegs friedliche Absichten. Also versteckten er und seine Leute sich jedesmal, wenn zum Beispiel einer der Drachen auf dem Weg nach Norden, nach Manako, Cosmo oder womöglich Lunaloc, über sie hinwegflog.

Wilhelms Ziel war die Ruine des Schwarzen Schlosses. Sie bei meterhohem Schnee und eisigen Temperaturen zu erreichen, war eine äußerst mühevolle Aufgabe. Nur noch selten hörten man die unterdrückten Flüche des Generals, zu sehr mußte auch er sich auf den extrem schwierigen und gefährlichen Pfad durch die eisigen Berge konzentrieren. Die drei Männer hatten gerade ein Stück Weg ausgemacht, das relativ festen Untergrund bot. Der Schnee war hier zu Eis geworden. Man konnte zwar leicht ausrutschen, sank aber wenigstens nicht bei jedem Schritt bis zu den Hüften ein. Leider aber waren auf dem Steilhang rechts neben dem Weg auf die Eisschicht große Mengen Schnee geweht worden, der darauf kaum Halt hatte. Die Tritte der Menschen und Pferde genügte bereits ...

Hätte die Lawine die drei voll erwischt, hätten sie keine Chance gehabt. Sie hatten aber großes Glück, gerieten nur in deren Randbereiche und wurden davongespült, hinab in die Tiefe auf der anderen Seite.

Endlos schien der Sturz inmitten von Eis und Schnee zu dauern, bis die Lawine endlich zur Ruhe kam. Prinz Wilhelm arbeitete sich mühsam aus dem Schnee hervor und begann dann umgehend mit der Suche nach seinen Gefährten. Er machte sich große Vorwürfe, so ein gefährliches Unternehmen gewagt zu haben, und schwor sich, auf der Stelle umzukehren, sobald er die beiden gefunden hatte. Zuerst jedoch fand er eins der Pferde - tot. Es hatte sich bei dem Sturz das Genick gebrochen.

Wilhelm fuhr auf, als er neben sich ein seltsames Geräusch hörte. Er erkannte noch eine schemenhafte Gestalt, dann traf ihn etwas mit großer Wucht am Kopf, und er wurde bewußtlos.


Als der Weiße König wieder zu sich kam, fand er sich gefesselt in einer Höhle wieder. Es gab keinen Körperteil, der ihm nicht geschmerzt hätte, doch er war froh, daß er überhaupt noch Schmerzen empfinden konnte. Es war hier unten sogar relativ warm. Mit großer Erleichterung sah Wilhelm hinter sich den General liegen, ziemlich verschrammt und lädiert, aber offenbar am Leben. Doch wie waren sie hierhergekommen?

Die Antwort erschien buchstäblich vor seinen Augen, denn dort wurde ein Wesen sichtbar, das Alessandras Mann bisher nur aus Märchenbüchern gekannt hatte: eine Elfe. Ein großer Lichtelf sogar, eine wahrhaft majestätische Gestalt. Der Elf, der in elegante Lederkleidung gehüllt war und auch ein Schwert aus dem legendären Lichtmetall der Elfen bei sich trug, sah verachtungsvoll auf die Menschen herab. Dann drehte er sich um und ging davon, ohne ein Wort zu sagen.

Etwas später kamen weitere Elfen, aber sie blieben unsichtbar. Es war unheimlich zu sehen, wie sich Wilhelms Fesseln scheinbar von selbst lösten.

"Komm'. König Trügg will dich sehen." Ein kräftiger Stoß aus dem Nichts wies dem Gefangenen den Weg.

Es ging durch kaum erleuchtete Gänge und Höhlen. Überall waren die Spuren der Anwesenheit von Bewohnern, Elfen, wie Wilhelm vermutete, zu sehen, sie selbst jedoch nicht.

Schließlich erreichte Wilhelm mit seinen unsichtbaren Begleitern eine gewaltige Tropfsteinhöhle. An deren Stirnende stand ein steinerner Thron, und auf diesem saß ein phantastisches Wesen: der Elfenkönig.

Wilhelm wurde vor ihn hingeführt und zu Boden gestoßen. Dann wurden rings um ihn zahlreiche Elfen sichtbar, über 20. Auch der Lichtelf von vorhin war darunter. Nur eine Gestalt, die schräg hinter dem Thron stand, blieb weiterhin nur schemenhaft erkennbar. Einen Moment lang spürte Wilhelm überdeutlich, daß dieses geisterhafte Wesen sehr wichtig sein mußte. Doch dann wurde seine Aufmerksamkeit wieder auf die Elfen gelenkt. Der Elfenkönig erhob sich und trat auf den Weißen König zu. Er hatte alabasterweiße Haut, fast weißes Haar, spitze Ohren, filigrane Flügel und war von wahrhaft majestätischer Gestalt. Sein Gesicht strahlte Würde und Weisheit aus, aber auch Härte und Verachtung gegenüber dem Menschlein, das da vor ihm am Boden kniete.

"Erhebe dich, du tollkühner Narr." Wilhelm tat, wie ihm geheißen.

"Du bist König Wilhelm, der Ehemann der Goldenen Königin."

"So ist es, Majestät", antwortete Wilhelm.

"Mein Name ist Trügg, Beherrscher des Windes, regierender König der drei vereinigten Stämme der Elfen. Und der Todfeind des Schwarzen Königs!" Seine durchdringende Stimme klang eisig. "Es ist uns zu Ohren gekommen, daß auch einige Herrscher der Mittelländer mit der Anwesenheit dieses Calract auf unserer Welt nicht einverstanden sind."

Wilhelm war klar, daß er nur geringe Chancen hatte, diesen Ort lebend zu verlassen. Denn wo befand er sich: mitten im Schwarzen Königreich. Und was hatte er hier entdeckt: einen Stützpunkt von Calracts verschworenen Feinden. Das heißt - entdeckt hatte er ihn nicht, er war hierhergebracht worden.

König Trügg trat dicht an den Gefangenen heran und nahm dann sein Kinn in seine Hand. Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen, als er fast flüsternd fortfuhr: "Durch schwere Erfahrungen mußten wir uns der Einsicht beugen, daß wir auf die Hilfe niederer Wesen wie euch Menschen angewiesen sind, wenn wir den Teufel Calract vernichten wollen." Wilhelm hielt dem Blick des Elfs stand. Dieser fuhr fort: "Wir sind so wenige. Und wir sind trotz unserer Unsichtbarkeit für diesen Calract und seine scheußlichen Kreaturen ein sehr auffälliges Ziel. Jeder seiner Dämonen kann unsere Anwesenheit spüren, viele können uns sogar direkt wahrnehmen. Unsere Kräfte reichen nicht allein. Nur zusammen mit euch Menschen", er spuckte das Wort geradezu aus, "können wir auf einen Sieg hoffen."

"König Trügg, auch mein größter Wunsch ist es, Calract Einhalt zu gebieten. Nur zu gerne werden wir euch unsere Kräfte zur Verfügung stellen."

Der Elfenkönig ließ Wilhelm los.

"Ich bedauere, daß einer deiner Männer den Tod gefunden hat, ebenso wie eure Pferde. Meine Leute werden dir und dem anderen einen sicheren Weg nach draußen weisen, wo ihr in kurzer Zeit in euer Land zurückkehren könnt. Wir werden zu gegebener Zeit zu Euch kommen und den Plan präsentieren."

Und so geschah es. Trotzdem dauerte es noch fast zwei Wochen, bis Prinz Wilhelm und von Walldorff wieder im Weißen Schloß waren. Doch die Nachrichten, die sie mitbrachten und nur dem engsten Regierungskreis unter strengster Geheimhaltung präsentierten, waren eine Sensation. Nun endlich hatte man etwas gegen Calracts erdrückende Überlegenheit in der Hand. Magie gegen Magie. Elfen gegen Dämonen.

Wilhelm verschwieg aber auch nicht, daß die Elfen sich zu dem Schritt, mit den Menschen zu kooperieren, nur durch blanke Not hatten bringen lassen. Nach einem Sieg gegen Calract würden sie günstigstenfalls das Bündnis sofort kündigen, wenn nicht Schlimmeres. Und so wurde die eine oder andere Stimme laut, Calract sei doch vielleicht das kleinere Übel. Doch diese Meinung fand keinen Konsens, denn die Elfen strebten nicht nach einer Herrschaft über die in ihren Augen niedere und unreine Welt der Menschen. Sie würden sich aller Voraussicht nach einfach wieder zurückziehen. Nur wollten sie eben vorher Calract und seine Dämonen auslöschen.

Dabei ging es nicht mal so sehr um die Elfenfestung, die Nuitor damals im Lunaloc-Krieg zerstört hatte. Nuitor war lange tot, man hätte die Sache auf sich beruhen lassen können. Es war im Grunde eine tiefgreifende Unverträglichkeit zwischen der Existenz der Elfen und der Präsenz von Calract und seinen zahlreichen Lunaloc-Dämonen. Allein daß sie da waren, übte auf die Elfen einen existentiellen Druck aus, der ihnen nur die Wahl ließ zwischen Kampf und Untergang. Natürlich hatten sie sich für den Kampf entschieden.

Und irgendwann, fast ein halbes Jahr später, stand dann plötzlich der Abgesandte von König Trügg von Alessandra und Prinz Wilhelm.


*


12. Mai 1269, Gartenland.

Mir war langweilig. Kürzlich hatte es noch gute Abwechslung gegeben, als zuerst eine dieser scheußlichen Orna-Dämoninnen und dann einen Tag später der verrückte Drache Gawron hier aufgekreuzt waren. Calract war geradezu in Panik verfallen und im Unendlichen Land verschwunden. Ich hatte die Gelegenheit genutzt und die Höhle verlassen, in die er mich gesperrt hatte, hoffend, er würde vielleicht eine Zeitlang wegbleiben, am besten gleich für immer, aber dieser Wunsch ging mir leider nicht in Erfüllung. Ein paar Stunden später war er wieder da. Aber nur kurz. Mich beachtete er zum Glück nicht weiter. Er ging seltsamen Tätigkeiten nach, von denen selbst ich, eine nicht gerade unbegabte Hexe, nur das wenigste mitbekam. Unter anderem jedenfalls alarmierte er diese seltsame Lichtgöttin Riinari. Ich war überrascht, daß er anscheinend einen Zauberspruch gefunden hatte, um so etwas in wenigen Minuten über hunderte von Kilometern tun zu können. Aber daß ich gegen Calract und seine Bande von Dämonen so ohne weiteres keine Chance hatte, damit hatte ich mich längst abgefunden, und mich stattdessen an diesen erfrischend kalten und erstaunlich tiefen See gelegt, den der Alte hier schon vor langer Zeit neben seinem Tempel angelegt hatte.

Kurz erinnerte ich mich zurück, wie es hier vorher ausgesehen hatte: eine endlose Steinwüste, in der ich die Höhlen der Eingeweihten entdeckt hatte und - welche Überraschung - einen Zugang zum Unendlichen Land, der damals noch ein gutes Stück näher am Kap gelegen hatte. Mir hatte es gefallen. Aber so war es auch ganz nett. Nur ein bißchen viele Menschen waren hier inzwischen.

Das Wasser im Pool war erfrischend, und die knackigen Sklavinnen, die hier meist halbnackt herumliefen, waren so freundlich gewesen, mir einen ordentlichen Badeanzug zu bringen - schwarz natürlich. Etwas Anderes kam für mich, die berühmte Schwarze Hexe, die leider, leider, die gleiche Farbe im Titel führte wie der Schwarze König, nicht in Frage.

Ob Calract mich noch als Gefangene betrachtete oder nicht, war mir nicht ganz klar. Im Grunde hätte ich jederzeit hier abhauen können, allerdings nur zu Fuß. Aber ich wollte wissen, wie das Duell zwischen ihm, Gawron und Maarx ausging. Von mir aus sollten sie sich am besten gleich gegenseitig umbringen. Ich würde mir die Hände jedenfalls nicht mehr schmutzig machen, schon gar nicht jetzt, wo ich meinen Körper wiederhatte. Ich fragte mich, was wohl besser sei: wenn Calract überlebte oder Maarx? Calract kannte ich immerhin und konnte ihn inzwischen gut einschätzen. Von Maarx hingegen war nichts Gutes zu erwarten. Aber vielleicht würde er sich einfach wieder 400 Jahre lang schlafen legen.

Naja, ich würde sehen und in aller Ruhe abwarten.


Es platschte, und ich schreckte aus meinem Halbschlaf auf. Es war diese komische braunhäutige Dämonin Kinkiralinlin, die allen Ernstes behauptete, dieser knackige süße Boy, der sich immer bei ihr in der Nähe herumdrückte, sei ihr Sohn. Aber wie ich Calract und Maarx und ihren abgedrehten Anhang kannte, konnte eine Behauptung gar nicht so irre sein, daß sie nicht stimmte.

Die Dämonin steckte ihren mit diesen lächerlich riesigen Ohren verunzierten Kopf aus dem Wasser und sah mich auffordernd an. Ich drehte mich auf meinem Liegestuhl demonstrativ zur Seite, aber das half leider nicht. Sie machte sich daran, aus dem Wasser zu klettern, und das erweckte meine Neugierde, denn dem See zu entsteigen, wenn man keine Arme hatte um sich abzustützen oder festzuhalten und alles nur mit den Beinen machen mußte, war eine interessante Vorführung. Die Beine waren bei diesen Dämoninnen erstaunlich beweglich, und so schaffte sie es ganz leicht und hockte sich schließlich neben mich. Nun ja, mal sehen, was sie wollte, wenn sie schon mal da war.

"Du bist die Schwarze Hexe!"

"Ja, stell' dir vor", antwortete ich gelangweilt.

"Ich bin Kinkiralinlin, die Königin-Mutter von Delandau."

"Ich weiß. Das hat mir schon einer erzählt. Erzähl' mir mal was, was ich noch nicht weiß. Was ist mit Calract?"

"Keine Ahnung. Das wüßten wir hier alle gern. Er kämpft wohl gerade gegen von Maarx."

"Wegen mir kannst du das 'von' weglassen. Es ist verschwendet bei so einem Schweinepriester."

Die Dämonin sah mich mit großen Augen an, dann brach sie in schallendes Gelächter aus. "Schweinepriester. Ich halt's nicht aus. Das ist wirklich zu komisch."

Irgendwie fand ich Linlin auf einmal ganz nett, und ihr Lachen war ansteckend ...

Ich schüttelte den Kopf. Diese Dämoninnen ... wenn man sie sich so ansah: Maarx hatte Arme und Hände weggelassen. Konnte es noch einen deutlicheren Beweis geben, daß er schon immer irre gewesen war? Was mich mehr erstaunte war die Tatsache, wie gut diese Kreaturen damit zurechtkamen. Sicher, sie hatten unglaublich gelenkige Beine und Füße, aber trotzdem. Sie waren im Grunde das Produkt eines Wahnsinnigen, genau wie die Frauen aus Orna mit ihren eisernen Oberkörpern. Maarx und Tuurn hatten sich in nichts nachgestanden. Im Gegenteil, eine tiefgehende Seelenverwandtschaft mußte die beiden verbunden haben, denn der erste Tuurn, genauso geistesgestört wie alle späteren, war angeblich von Maarx persönlich als Verwalter von Orna eingesetzt worden. Und einer, der so irre war wie Tuurn, konnte das nicht verbergen, schon gar nicht vor einem Zauberer wie Maarx. Trotzdem hatte dieser ihn ausgewählt. Maarx und Tuurn - das Traumpaar. Und was sie erschaffen hatten, das krabbelte noch heute über die Erde.

Immerhin, faszinierende Augen hatte Linlin ja. Wie eine Katze mit ihrer bernstein-gelben Iris und den Schlitzpupillen, die jetzt, in der nachmittäglichen Sonne, nur dünne Striche waren. Aber da konnte ich locker mithalten, denn schließlich trug ich in mir das blaue Auge der Hexe Elysiss. Wer mich zum ersten Mal sah, bekam immer eine Gänsehaut. Herrlich, einfach herrlich war das. Und jetzt, da ich meinen Körper wiederhatte, hatte ich große Ziele.

"Der Boy da, wie heißt der eigentlich?"

"Meinst du meinen Sohn? Der heißt Gerard."

"Knackig. Richtig zum Anbeißen! Leider ein totaler Looser. Das erkennt man schon von weitem. Vielleicht mache ich ihn zu meinem Sklaven!"

Linlin machte ein Gesicht, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen.


Der Angriff erfolgte ohne jede Vorwarnung. Ich fuhr hoch, weil ich eine Präsenz spürte, die ich schon lange, sehr lange nicht mehr wahrgenommen hatte. Auch Linlin sah etwas. Und dann waren sie schon da: Dutzende, wenn nicht hunderte von Elfen, teilweise die kleinen, gefährlichen Waldelfen, teilweise große Licht- und Dunkelelfen. Sie hatten ihre magischen Lichtschwerter und Brandpfeile, und sie stürzten sich auf alles, was sich bewegte. Im Nu stand der Palast in Flammen. Calracts Tempel brannte zwar nicht, doch auf ihn schossen die Elfen mit ihren Zauberkräften und verwandelten ihn in einen Trümmerhaufen. Sie schossen auch auf die seltsame gläserne Bibliothek, doch die trotzte erstaunlicherweise souverän jedem Angriff. Dafür wurden die Menschen, die wie aufgescheuchte Hühner vollkommen kopflos herumliefen, von diesen widerlichen Bestien gnadenlos niedergemacht.

Auch hinter den Felsen, wo die Piratenstadt sich wie ein langgestrecktes Vogelnest an den steilen Felsen klammerte, sah ich bereits Rauch aufsteigen.

Jetzt erst erschienen die Lunaloc Dämonen, die Calract hier stationiert hatte, darunter auch drei Drachen aus dem Palast.

Es war alles unglaublich schnell gegangen. Die Elfen hatten blitzschnell zugeschlagen und in weniger als einer Minute bereits gewaltige Schäden angerichtet. Und sie waren nicht allein. Oben im Norden brannte das Dorf, und ein Heer aus mindestens fünfhundert Rittern kam in vollem Galopp herangerauscht. Wie, zum Teufel, hatten sie hier so völlig unbemerkt eindringen können? Calract war zwar nicht da ... nicht da ... das war es! Der Überfall erfolgte nicht zufällig jetzt, denn so gut die Elfen die Ritter auch tarnen mochten mit ihrer Unsichtbarkeit, Calract wären sie nicht entgangen. Und da war noch etwas ... ich konzentrierte mich.

Kinkiralinlin war aufgesprungen und sah sich verwirrt um. Ich hatte, wenn überhaupt, dann einen Überfall von Maarx' Dämonen erwartet. So etwas in der Art mußte er seit Jahren geplant haben. Ich war zwar nur ein kleiner Lockvogel und in das Meiste nicht eingeweiht worden, aber ich war ja nicht blöd. Was stattdessen diese verflixten Elfen hier auf einmal zu suchen hatten, war mir völlig schleierhaft. Aber ein Unglück kommt eben selten allein.

Ich hatte nun Gelegenheit, eine Orna-Dämonin in voller Aktion zu erleben. Einige der großen Lichtelfen machten nämlich den Fehler, uns anzugreifen, unsichtbar natürlich. Ich sah sie trotzdem, aber Linlin? Etwa sechs oder sieben Elfen stürzten sich auf uns. Für jeden Menschen und vielleicht auch für so manchen Lunaloc-Dämon wären sie eine tödliche Gefahr gewesen. Nicht so für Linlin. Die Dämonin wartete, bis die Elfen, die wild um sich schossen und auch starke Zauberkräfte aussandten, auf ein paar Meter heran waren und den direkten Anflugkurs änderten, um uns zu umkreisen.

Dann bewegte sie sich mit einem Mal so schnell, daß ich ihr mit den Blicken gar nicht mehr folgen konnte. Einen Moment später lagen zwei der sieben Elfen zerstückelt am Boden. Nicht mal eine Sekunde hatte das gedauert. Zwei weitere starben in der folgenden Sekunde. Die drei letzten konnten mehr oder weniger unverletzt entkommen, doch Linlin flog ihnen schon nach, um auch sie noch zu erwischen. Daß das so gut funktionierte, verdankte diese schokoladenbraune Dämonin einer besonderen Eigenheit der Elfen-Unsichtbarkeit. Neben ihren Körpern konnten sie auch Kleider und die meisten Waffen unsichtbar machen, wenn sie sie nahe bei sich trugen - ihre magischen Lichtschwerter aber nicht. Mit so einem Lichtschwert konnte man so gut wie alles und jeden töten - mich, Calract und natürlich auch die Dämoninnen. Daß die Elfen zugunsten ihrer Unsichtbarkeit darauf verzichtet hatten, sie mitzubringen, erwies sich jetzt als Fehler, für den sie bitter bezahlen mußten. Denn Linlins Klauen gingen durch den Stahl normaler Schwerter wie durch Butter. Und durch die Körper der Elfen gleich mit. Hier unten sah es schon aus wie im Schlachthaus.

Inzwischen waren die großen Drachen aus dem Palast aufgestiegen, und auch aus anderen Teilen des Gartenlandes waren Lunaloc-Dämonen aufgetaucht, die dort irgendwo gesteckt hatten, integriert, wie Calract das nannte. Ihr Feind aber war unglaublich flink, vor allem die kleinen Waldelfen. So klein sie auch waren, sie waren der gefährlichste Gegner. Weder die Drachen noch die plumpen Lunalocdämonen konnten es an Geschwindigkeit mit ihnen aufnehmen.

Nur Linlin war dafür schnell genug und stellte sich, nachdem sie die drei anderen erwischt hatte, einer Gruppe aus Waldelfen. Doch so schnell sie auch war, die kleinen Biester waren ebenso schnell, und begabt mit starker Magie. Manchmal schien es mir fast so, als wären sie dabei, Linlin in einen Menschen zurückzuverwandeln. Auf jeden Fall brachten sie die Orna-Dämonin ganz schön in Bedrängnis. Zum Glück eilten ihr einige von Calracts Wachsoldaten zu Hilfe, und schließlich gelang es ihr doch noch, wenigstens eine der Waldelfen zu töten - sie halbierte sie aus dem Flug heraus - und die anderen damit in die Flucht zu schlagen.

Die Drachen wollten sich derweil auf die Ritter stürzen, doch ihre Feuerstrahlen prallten am Zauber der Elfen ab. Einige der Drachen stürzten sogar zu Boden und wurden von den Elfen und Rittern dort attackiert. Linlin, die inzwischen wieder bei mir in der Nähe aufgetaucht war, wollte sich in diese äußerst blutige und erbarmungslos geführte Schlacht stürzen, doch ich legte ihr die Hand auf die Schulter, Verzeihung, den Halsansatz, denn eine Schulter besaßen diese Kreaturen ebensowenig wie Arme.

"Überlaß' das mir."

Ich erhob die Hände, und der Himmel verdunkelte sich. Die Elfen hatten es irgendwie geschafft, den Zauber, den Calract über dieses Gebiet gelegt hatte, zu brechen. Sonst wären sie wahrscheinlich nicht mal hineingekommen. Aber es war auch meine Chance. Jetzt konnte nämlich auch ich meine Kräfte endlich entfalten. Ein gewaltiger Sturm erhob sich in Sekundenschnelle und blies erst die kleinen, dann die großen Elfen, sofern sie in der Luft waren, wie Blätter im Wind davon. Eine Reihe von Blitzen traf sie, und ich hoffte, daß viele von ihnen das nicht überleben würden. Dann legte ich einen Zauber über die Ritter und ihre Pferde und verwandelte sie alle in Schildkröten. So konnten sie nicht mehr fliehen. Gegen die Elfen wirkte mein Zauber leider nicht, zumindest nicht gegen so viele. Und überhaupt hatte ich den starken Eindruck, daß sie irgendwie von außen Unterstützung bekamen in Form einer starken Macht, die ihre Kräfte verstärkte und sie schützte. Der Schutz war nicht perfekt, aber ... wenn man ansah, was sie in den paar Minuten hier angerichtet hatten. Wenn Linlin und ich nicht dagewesen wären ... Immerhin, sie waren abgewehrt, und die feindlichen Ritter waren hilflos - so gut wie tot, würde ich sagen, sofern Calracts Leute sie erledigten, bevor sie sich zurückverwandelten.

Immer noch toste der von mir entfachte Sturm über das Gartenland. Ich winkte Linlin herbei und brüllte: "Hör zu, Linlin, ich verschwinde. Der Zauber wird sich bald verflüchtigen, bis dahin solltet ihr alle Schildkröten getötet haben. Macht meinetwegen eine Suppe daraus."

Langsam ließ der Wind wieder nach. Ich hatte mir meine Kleider zurückgezaubert und wollte mich gerade auflösen, da stand plötzlich dieser knackige Boy vor mir und fragte mich allen Ernstes, ob er nicht mit mir kommen dürfe. Ich glaubte, meinen Ohren nicht trauen zu dürfen, aber er meinte es ernst. Ich sah mich triumphierend nach seiner Mutter um, doch die war schon bei den Lunaloc-Dämonen und erklärte ihnen in aller Hast die Lage. Sofort stürzten sie sich auf die Schildkröten. Sie hatten die Verwandlung ja selbst gesehen und wußten nun, was sie zu tun hatten.

He, Linlin, dein faules Früchtchen will mit mir kommen. Ha ha haaaa!

Ich wußte, daß die Dämonin Gedanken lesen konnte. Ziemlich entgeistert sah sie zu mir herüber und kam dann angeflogen. Überall waren die Dämonen und die unverletzt gebliebenen Menschen mit dem Löschen der Brände beschäftigt, nachdem die verzauberten Ritter niedergemacht worden waren und sich nun, noch im Tod, wieder zurückverwandelten.

"Also gut, Boy, ich nehme dich als meinen Diener mit." Sprach's, nahm ihn an der Hand und verschwand direkt vor den Augen der ziemlich sprachlosen Linlin.

*

Die nächste Zeit wurde hart, unglaublich hart. Er später bekam ich, Kinkiralinlin, mit, was alles geschehen war. Die Elfen und die anscheinend mit ihnen verbündeten Menschen hatten praktisch gleichzeitig an die hundert unserer Verbindungsbüros angegriffen. Nur die wenigsten von ihnen existierten noch. Schlimmer aber war der Verlauf des Angriffes hier unten im Gartenland. Die Anwesenheit der Schwarzen Hexe hatte die Elfen völlig überrascht, doch anscheinend hatten sie von vornherein mehrere Angriffswellen geplant. Nach dem Scheitern der ersten kam einfach die zweite. Und die Schwarze Hexe war nun nicht mehr da.

Überall wurde gekämpft. Die Elfen kannten keine Gnade. Mochten sie den einen oder anderen Menschen vielleicht verschonen, bei den Lunaloc-Dämonen kannten sie kein Pardon. Am schlimmsten waren die Waldelfen. Ihre Kleinheit, Flinkheit und ihre Unsichtbarkeit machte uns schwer zu schaffen. Doch andererseits hatte Calract hier recht viele seiner Kinder versammelt. Erst nach und nach wurde mir bewußt, daß sich hier sicher ein Drittel der Lunaloc-Armee befinden mußte, und das war eine gewaltige Streitmacht.

Langsam fanden auch die Drachen, es waren über 100 in der Luft, zu einem Rhythmus gegen ihre flinken, tödlichen Gegner. Daß wir nicht untergingen, verdankten wird letztlich der Arbeit und Genialität meines verstorbenen Mannes. Ralph hatte schon früh jedem Drachen einen Assistenten zur Seite gestellt, der diesem eine Menge an Arbeit abnahm, so daß er effektiver kämpfen konnte. Als Assistent kam praktisch jedes Wesen in Frage, daß sich um so einen Posten bewarb und geeignet war, denn zwischen den beiden Partnern herrschte ein sehr enges Vertrauensverhältnis. Jetzt war es so, daß die Drachen flogen und feuerspeiend kämpften, während die auf ihnen reitenden Assistenten die Taktik untereinander absprachen.

Irgendwie war ich zur inoffiziellen Oberbefehlshaberin dieser improvisierten Armee geworden. Schließlich war es kein Geheimnis, daß ich Calract sehr nahestand, daß ich Königin eines nicht ganz unwichtigen Reiches gewesen war und daß ich mit einem militärischen Genie verheiratet gewesen war, von dem ich viel gelernt hatte.

Also hatte ich alle Kräfte sammeln lassen, auch die Piraten, die ebenfalls, wenn auch eher nebenbei, erledigt werden sollten. Jedenfalls war ihre Stadt inzwischen praktisch völlig abgebrannt, doch die meisten der Leute hatten sich unter meiner Koordination retten können. Und neben ihren Schätzen und dem unvermeidlichen Schmuck, den sie immer und überall trugen, hatten sie auch ihre Waffen bei sich. Doch gegen einen unsichtbare Feind nützten die ihnen nichts. Jedoch waren die Elfen nicht allein gekommen. Und gegen die hunderte, wenn nicht Tausende von Rittern, die in nie versiegenden Wellen gegen das Gartenland brandeten, konnten sie sehr wohl etwas ausrichten.

Wenn nur mein Liebster bald zurückkäme. Was auch immer die Elfen antrieb, sie hatten anscheinend vor, diesen Ort zu erobern, koste es, was es wolle. Und das war auch verständlich, denn hier befand sich einer der beiden einzigen bekannten Zugänge zum Unendlichen Land. Daß Calract inzwischen einen dritten entdeckt hatte, konnten wir zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht wissen. Daraus folgte messerscharf, daß auch das Schwarze Schloß angegriffen wurde, jetzt, in dieser Sekunde. Doch dort hatte Calract, soweit ich wußte, keine nennenswerten Kräfte stehen. Die Elfen würden es dort viel leichter haben als hier, wo die Schlacht auf der Kippe stand.

Es ging den ganzen Nachmittag, Abend und die Nacht hindurch. Und langsam wurde mir klar, daß die Elfen so einen Sturm nicht aus eigener Kraft hinbekommen konnten. Natürlich, sie hatten irgend etwas gefunden, was sie beschützte und ihnen half, und erst nachdem sie das hatten, hatten sie den Angriff gewagt.

Aber was konnte das sein?

Ich muß zugeben, dieser Kampf machte mir riesen Spaß. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten konnte ich so richtig an meine Grenzen gehen. Und unter meinen Krallen hauchte eine Elfe nach der anderen ihr Leben aus, sodaß sie bald schon einen großen Bogen um mich machten.

Trotzdem: langsam, aber sicher, standen wir mit dem Rücken zur Wand. Trotz hoher Verluste ließ der Feind nicht ab. Um mich waren einige Lunaloc-Dämonen versammelt, die in der Armee im Moment die führenden Stellen innehatten. Unser ärgstes Problem war die Ungewißheit, was aus Calract eigentlich geworden war. Hatten die Elfen angegriffen in dem Wissen, daß er bereits tot war? Es sah nicht so aus, als würden sie mit Maarx zusammenarbeiten, aber wer konnte das schon genau wissen. Jedenfalls, wenn mein Geliebter tot war, was jeder Widerstand sinnlos. Auf der anderen Seite: wenn er noch lebte, durften wir nicht weichen.

Ich hatte befohlen, die noch lebenden Menschenfrauen, die Kinder und auch die verletzten Dämonen in der Höhle der Eingeweihten in vorläufige Sicherheit zu bringen. Zwar hatte Calract den Zugang mit einem starken Zauber geschützt, aber er war absichtlich nicht so stark, daß sich die Dämonen nicht gewaltsam Zutritt verschaffen konnten, in Notfällen wie diesem. Genau das hatten sie auch gemacht, und nun sammelten sich dort unten die, die nicht mehr kämpfen konnten.

Wenn wir allerdings oben besiegt werden sollten, dann war diese Höhle eine Falle, aus der es kein Entkommen mehr gab. Wasser und Lebensmittel für ein paar Tage hatten wir in der Eile noch herunterschaffen können, aber dann ... besser nicht daran denken. Im Grunde standen wir hier ohne Calract auf verlorenem Posten.

Diese unheimliche Macht - ich konnte sie spüren. Sie war wie ein dünner Nebel, der uns behinderte und den Elfen half. Aber woher er kam, das war nicht herauszubekommen. Die Schwarze Hexe hätte es vielleicht vermocht, aber sie war verschwunden. Daß sie dabei meinen Sohn mitgenommen hatte, war mir sogar ganz recht. Hier hatte er nur eine geringe Überlebenschance. Und schließlich war er ja auch freiwillig mit ihr gegangen. Vielleicht machte sie aus diesem Taugenichts ja einen großen Zauberer, wer weiß. Ich hatte nichts dagegen, eines Tages stolz auf ihn sein zu können.

Hier unten war im Moment soweit alles klar. Zeit für mich, wieder nach oben zu gehen und weiter Elfen zu schlachten. Doch da fiel mir etwas ein. Ich ging zu dem Dämon, der hier unten so etwas wie den Oberbefehl innehatte, und sagte: "Ich werde versuchen, mit Calract Kontakt zu bekommen." Ich deutete mit einem Ohr auf eine Seitenhöhle, die wir von Verwundeten und Flüchtlingen freigehalten hatten. Dort würde ich die Ruhe finden, die ich für diesen Versuch brauchte.

Das Schreien und Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden klang nur noch aus weiter Ferne an meine Ohren. Ich setzte mich an die Wand, schloß die Augen und konzentrierte mich mit aller Kraft auf die so vertrauten Gedanken meines Geliebten aus fernen Tagen.

Trotz der Anstrengungen und der durchgekämpften Nacht war ich immer noch voller Energie. So schnell ermüdete eine Orna-Dämonin nicht. Die Welt um mich herum versank, wurde leise und dunkel, während ich meine Fühler ausstreckte, weit, immer weiter hinaus.

Ich wußte nicht, wie viel Zeit vergangen war, als ich plötzlich auf ein entferntes Echo stieß. Fast hätte ich es vor Aufregung wieder verloren, doch ich konnte mich schließlich immer besser darauf einstellen, und schließlich kamen klare Gedanken zu mir. Die Enttäuschung war groß, als ich feststellen mußte, daß ich die Gedanken meines Sohnes auffing. Doch plötzlich war die Schwarze Hexe in meinem Kopf: Was, diese Wanzen greifen immer noch an?

Ja. Ich muß unbedingt Kontakt zu Calract herstellen.

Eine Zeitlang herrschte Schweigen, doch dann fühlte ich mich auf einmal so leicht, so beschwingt. Waren meine Gedanken bisher wie durch Sirup gekrochen, so flogen sie jetzt geradezu dahin, und sie fanden ihr Ziel. Danke, Schwarze Hexe.

Linlin?

Calract! Bist du das wirklich?

Kann man so sagen. Was gibt's?

Wir stehen unter einem verheerenden Angriff einer riesigen Armee aus Elfen und Rittern.

Lange Zeit herrschte Schweigen.

Calract?

"Ja."

Es dauerte eine Zeitlang, bis ich bemerkte, daß ich seine Stimme nicht in meinem Geist, sondern mit meinen Ohren aufgenommen hatte. Wie von der Tarantel gestochen sprang ich auf. Und da stand er, herbeiteleportiert von wer weiß woher. Calract. In seiner Begleitung waren meine Schwestern Lalalu und Arashi, die ich seit 20 Jahren nicht gesehen hatte, eine unbekleidete Menschenfrau und ein Ding, das ich nicht so recht einordnen konnte. Es sah aus wie eine aus Holz geschnitzte Marionette in Größe und Form einer Frau, behangen mit einem seltsamen Geflecht aus Golddraht.

Calract sah sich um. Er brauchte nicht lange, um die Lage zu erfassen. "Linlin, Arashi, Lalalu. Ihr kommt mit! Morga und Wüwü bleiben hier und kümmern sich um die Verwundeten. Los!"

Er stürmte voran. Und sein Erscheinen brachte praktisch schlagartig die Wende. Es war wie ein Aufatmen, das durch die Reihen der Verteidiger ging. Mit doppelter Kraft stemmten sie sich nun gegen die Elfen, und die brauchten nicht lange, um den Grund für den neu erwachten Widerstandsgeist herauszufinden. In aller Hast wollten sie sich zurückziehen, um nicht zu sagen, kopflos fliehen, doch Calract errichtete seinen Schutzzauber, der sonst immer über dem Gartenland lag, mit seinen Kräften neu, und das machte die Elfen, ob groß oder klein, als erstes mal sichtbar. Und es machte sie langsam.

Calract gab dann den Befehl, diejenigen Elfen, die nicht mehr hatte fliehen können, einzusammeln und zu verhören, doch daraus wurde nichts. Sie töteten sich lieber selbst, als lebend dem verhaßten Feind in die Hände zu fallen. Immerhin konnten die Dämonen ein paar hundert feindliche Ritter lebend erwischen und in Gefangenschaft führen. Das Schicksal, das sie erwartete, würde sicher kein angenehmes sein.


Calract sah sich um. Er stand auf dem Dach seiner Bibliothek, deren Barriere standgehalten hatte und die als einziges Gebäude weit und breit unversehrt geblieben war. Alles andere, die Arbeit von 20 Jahren, war in einer langen Nacht in Trümmer gelegt worden.

Ich flog zu meinem Liebsten hinauf. Von Lalalu und Arashi hatte ich inzwischen alles erfahren. Maarx, mein Erschaffer, verflucht sei sein Name, lebte nicht mehr. Calract hatte ihn besiegt und vernichtet. Ich fühlte mich unendlich erleichtert und befreit. Jedoch - anscheinend war genau in diesem Moment ein neuer, nicht weniger entschlossener Feind auf den Plan getreten.

"So wird bald die ganze Welt aussehen: brennend. Tote Menschen, weinende Kinder, die Felder nur noch Asche, die Städte in Flammen, dazwischen endlose Karawanen von Flüchtlingen. Sieh' dir die alte Welt noch einmal gut an, Linlin." Er legte die Hand um meine Hüfte, und in diesem Moment wäre ich mit ihm durch die Hölle gegangen, wenn es hätte sein müssen.

*

Die Bilanz dieses Angriffes allein für das Gartenland war schrecklich: das Dorf im Norden ausgelöscht, die Hälfte der Bewohner tot. Die andere Hälfte hatte sich wie durch ein Wunder retten können und begann nun mit dem Wiederaufbau. Der Tempel sah furchtbar aus, doch die Schäden waren geringer, als es den Anschein hatte. Das Schloß und die Verwaltungsgebäude waren allesamt niedergebrannt, oder vielleicht sollte man besser sagen pulverisiert durch Feuer und Elfenzauber. Es hatte fast 100 Tote und 250 Verwundete gegeben, doch zumindest diese hatte Calract mit seinen Zauberkräften in kurzer Zeit wieder geheilt. Unverletzt davongekommen war kaum einer der hier lebenden Menschen.

Unter den Dämonen waren die Verluste höher gewesen, zumindest unter den Bodentruppen: über 200 Gefallene. Hervorragend bewährt hatten sich hingegen die Drachen mit nur fünf Abschüssen und knapp 20 Verwundeten. Alle anderen waren unverletzt geblieben und hatten in unglaublich hart geführten Luftkämpfen Dutzende, wenn nicht hunderte von Elfen vom Himmel geholt.

Bei den Piraten, eigentlich sollte man sie inzwischen Händler nennen, sah die Bilanz schlecht aus: die Stadt war nur noch Asche, ebenso die meisten der Schiffe, die gerade vor Anker gelegen hatten. Die meisten der Piraten selbst hatten sich hier zwar zunächst retten können, waren dann aber im Kampf gefallen. Es hatte über 100 Tote gegeben.

Auf der Gegenseite waren über 1000 Ritter gefallen, weitere etwa 500 waren mehr oder weniger schwer verwundet, viele davon jetzt in Gefangenschaft. Anscheinend hatten die Elfen sie nicht nur bei ihrem Aufmarsch getarnt, sondern sie auch unter Drogen gesetzt, sodaß sie sich vor den feuerspeienden Drachen nicht gefürchtet hatten. Weitere Tausende waren schließlich abgewehrt und in die Flucht geschlagen worden. Wie viele Verluste es unter den Elfen selbst gegeben hatte, ließ sich leider nicht genau ermitteln, aber es mußte auch unter ihnen hunderte von Gefallenen gegeben haben, trotz des geheimnisvollen Schutzes, der ihnen zuteil geworden war. Anscheinend hatten sie hier alles auf eine Karte gesetzt.

Elfen waren selten, und somit hatte dieser Überfall dem Feind letztlich viel größere Verluste zugefügt als uns. Doch das war nur Glück gewesen. Wäre Calract zu spät gekommen und hätten die Elfen den Zugang zum Unendlichen Land erobern können, wer weiß, wie die Bilanz dann ausgesehen hätte.


34. Kapitel - Die Geschichte des Prinzen Alane

Es war mir nicht so ganz klar, warum Calract mich, Arashi, zu seiner neuen Majordomina bestimmt hatte. Er sagte, meine Leistungen im Kampf gegen die Elfen hätten ihn von meinen Talenten überzeugt. Außerdem sagte er noch, nach den hohen Verlusten hätte er sonst auch niemanden mehr. Aber ich glaube, er hatte sich schon vorher dafür entschieden, am Rande des Sandlandes, wo wir campiert hatten und dann völlig überstürzt aufgebrochen waren. Nebenbei fragte ich mich, warum Calract große Distanzen eigentlich nicht immer per Teleportation überwand, wenn er es doch offenbar so souverän konnte. Aber wie auch immer, jetzt gab es Wichtigeres. Lalalu stellte er mir als Assistentin zur Seite, außerdem eine junge Sklavin namens Seyra, die uns bei allem, was so anfiel, unterstützen sollte. Lalalu war anfangs etwas unsicher, wie Seyra mit uns umgehen würde. Wir hatten nie unter Menschen gelebt, und sie befürchtete ein bißchen, diese würden vielleicht die Gelegenheit nutzen und uns piesacken. Ich machte mir da keine Sorgen. Sollte jemand meinen, mit einer armlosen Frau leichtes Spiel zu haben, würde ich das sehr schnell unterbinden. Es stellte sich aber bald heraus, daß Seyra ein wirklich liebenswertes Mädchen war, ehemals Sklavin einer gewissen Kokoma. Kokoma wiederum war nicht nur meine Amtsvorgängerin gewesen, sondern auch die engste Freundin, wenn nicht Geliebte meiner Schwester Batchiribanban. Daher war Seyra den Umgang mit uns Orna-Dämoninnen gewöhnt. Das, ihre lebhafte, fröhliche Art, ihre Schönheit und nicht zuletzt ihre wache Intelligenz ließen uns drei schnell Freundinnen werden.

Es gab so unendlich viel zu tun. Die meisten von Calracts Dämonen hatten überlebt und waren nun mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Calract selbst schien überall zugleich zu sein und koordinierte alles Mögliche. Vor allem aber galt seine Sorge den übrigen weit verstreuten Gebieten seines Reiches, denn die Drachen, die von dort eintrafen, brachten keine guten Nachrichten.

Die Dämonen und die gefangenen Ritter, die nun als Sklaven hier arbeiten mußten, hatten im Laufe des Tages die Trümmer sowohl des Palastes und der Verwaltungsgebäude als auch des Tempels weggeräumt, und darunter war doch noch einiges zum Vorschein gekommen, was unzerstört geblieben war. Vor allem am Tempel waren die Schäden wesentlich geringer, als es zuerst ausgesehen hatte, und daß seiner Bildersammlung nichts passieren konnte, dafür hatte Calract schon gesorgt. Die Elfen hätten jedes Bild einzeln verbrennen müssen, und dazu hatten sie keine Zeit gehabt.

Ich hatte mir ein paar der Ritter vorgenommen, um näheres über die Hintergründe dieses Überraschungsschlages zu erfahren. So eine große Armee aufzubauen hinterließ unweigerlich Spuren, auch wenn es in aller Heimlichkeit geschah. Doch wer auch immer dahintersteckte, hatte auch daran gedacht. Die Ritter standen unter einem Zauber oder, was ich dann eher glaubte, unter gedächtnislöschenden Drogen und wußten so gut wie nichts. Sie zu verhören war letztlich Zeitverschwendung, und den sonstigen Spuren nachzugehen - woher kamen die Pferde, die Rüstungen usw. - fehlte mir im Moment die Zeit.

Im Palast hatten wir noch ein paar halbwegs unbeschädigte Räume vorgefunden, und in einem davon hatten wir drei nun unsere Zentrale eingerichtet. Eine sehr seltsame, wenn man es sich recht überlegt. Bei mir war üblicherweise Sitzhöhe gleich Arbeitshöhe. Mit anderen Worten saß ich auf dem Boden, um mich herum all die Karten, Unterlagen und das sonstige Zeug ausgebreitet, das sich an so einem Ort wie von selbst einfand. Lalalu hingegen hing von einem Balken an der Decke wie eine Fledermaus herab und langte mit dem freien Fuß auf den Boden herunter, wenn sie da etwas zu tun hatte. Und Seyra kniete irgendwo neben mir, stützte sich mit einer Hand auf und hatte damit auch nur noch eine frei. Ein seltsames Arrangement, aber es funktionierte bestens. Gerade Seyra erwies sich in vielerlei Hinsicht als unschätzbar wertvoll, vor allem, weil sie sich hier so gut auskannte. Die Aufgabe, mit der Calract uns als erstes betraut hatte war, den Wiederaufbau der Gebäude zu leiten.

Gemeinerweise hatten die Elfen neben den Gebäuden auch sonst alles, was sie an Brennbarem im Gartenland vorgefunden hatten, angezündet, das heißt die Bäume, die schönen Palmen, die Getreide- und Gemüsefelder, die Obstplantagen. All das war schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Zum Glück stellten sich die Schäden im Laufe des Tages als geringer heraus, als man zuerst hatte befürchten müssen. Die allermeisten Bäume und Nutzpflanzen waren noch am Leben und würden sich wieder erholen und neu austreiben.

Die phantastischen Pegasuspferde, die persönlich zu besichtigen ich mir trotz der vielen Arbeit nicht hatte nehmen lassen, waren durch den heldenhaften Einsatz der Drachen ebenfalls gerettet worden, bis auf drei, die die Elfen schon ganz am Anfang niedergemacht hatten - diese Barbaren. Und ich hatte Elfen immer für besonders edel und rein gehalten.

Im nachhinein betrachtet hatte die militärische Kommandokette, die Linlins Mann Ralph de Roqueville für Calract eingerichtet hatte, sich hervorragend bewährt. Die anfängliche Konfusion war sehr schnell einem koordinierten Gegenschlag gewichen, der den Elfen zum Verhängnis geworden wäre, wären sie nicht von irgend etwas beschützt worden.

"Ich muß mal im Schwarzen Königreich nach dem Rechten sehen!"

"Calract!" Der Zauberer war überraschend hinter mir aufgetaucht und hatte mir eine Hand auf die Schulter gelegt - eine Berührung, die ich als ungemein angenehm empfand. Ich hatte gerade über einer Karte gesessen und drehte mich nun zu ihm um. Er lächelte mir freundlich zu, und, ehrlich gesagt, mir wurde ganz warm ums Herz. Dieser dunkle Zauberer hatte einen seltsamen Charme.

"Ich sehe, du und Lalalu kommen hier bestens zurecht."

"Ja." Ich grinste über beide Ohren und erhob mich in einer geschmeidigen Bewegung. "Wir brauchen hier vor allem unseren Mund, um Fragen und nochmal Fragen zu stellen. Die schwere Arbeit machen ja zum Glück die Dämonen."

Calract klopfte mir anerkennend auf die Schultern.

"Calract?"

"Ja."

"Ob die Elfen wohl das Schwarze Schloß erobert haben?", fragte ich ein bißchen ängstlich. Ich wollte nicht, daß das neue Leben, das ich nach dem Tod von Maarx und dem Beginn meiner Freiheit gewählt hatte, so schnell wieder ein Ende fand.

"Nein!"

Das war alles. Dann drehte er sich um und lief in Richtung seines inzwischen von Schutt befreiten Tempels davon. Die Reise zum Schwarzen Königreich würde für ihn nicht lange dauern.

Ich setzte mich wieder über die Karte, aber irgendwie konnte ich mich im Moment nicht so richtig konzentrieren. Also ging ich wieder nach draußen. An einer Stelle sortierten Menschen und Dämonen die Trümmer und Reste nach noch brauchbarem Baumaterial. Woanders wurde bereits Zement angerührt und frische Steine angeschleppt. Der Wiederaufbau ging erstaunlich schnell voran. Vor allem, weil jeder genau wußte, was er zu tun hatte.

"Da schau, wieder ein Drache!" Lalalu stand auf einmal neben mir und zeigte mit einem Fuß in den südlichen Himmel. Ich kniff die Augen zusammen, und in der Tat, ganz in der Ferne konnte ich etwas erkennen. Ich spürte eine sanfte Berührung von einem von Lalalus Ohren. Mein Körper ähnelte nicht nur äußerlich noch sehr stark einem Menschen, auch meine Augen und Ohren konnten mit denen von Lalalu und den anderen nicht mithalten. Ich war nur ein Experiment, eine Studie, Ausschuß eigentlich, den von Maarx aus irgendeinem Grund am Leben gelassen hatte. Lalalu, Kinkiralinlin und die andere wußten das natürlich, aber sie ließen es mich nie spüren. Für sie war ich vollkommen gleichberechtigt. Ja, manchmal behandelten sie mich sogar wie eine ältere Schwester, zu der man kam, wenn man Rat und Trost brauchte. Die älteste war ich ja auch, immerhin. Und seltsam, aber auch die Menschen und sogar die Lunaloc-Dämonen vertrauten mir inzwischen und fragten nach meinem Rat.

Es dauerte noch eine Zeitlang, bis der Drache das Gartenland erreicht hatte. Lalalu war irgendwo hingeflogen, ich hingegen hatte beschlossen, den Neuankömmling zu empfangen. Obwohl ich als Orna-Dämonin eigentlich eine Außenseiterin war, war ich hier im Moment die ranghöchste Person, vielleicht von Linlin abgesehen, die allerdings keinen offiziellen Status hatte, sondern nur wegen ihrer Kraft und Erfahrungen, und weil sie Calract Geliebte war (behauptete sie zumindest) als eine Art Anführerin betrachtet wurde.

Der Drache, der sich inzwischen recht nahe gekommen war und nun zur Landung ansetzte, war ziemlich ungewöhnlich. Unverkennbar war er von Calract erschaffen worden, doch er unterschied sich von den anderen Drachen, die ich bisher gesehen hatte, und das waren den Umständen entsprechend schon hunderte gewesen, recht deutlich. Er war kleiner und vor allem viel zierlicher. Gegen die derben Körper der anderen Drachen wirkte dieser hier fast wie ein filigranes Spielzeug. Außerdem besaß er sechs Flügel, während ansonsten zwei üblich waren.

Diese sechs Flügel waren über seinen langen, dünnen, fast an eine dicke Schlange erinnernden Körper verteilt. Nun spreizte der Drache seine ebenfalls sehr langen, eleganten Beine, von denen er vier besaß, und dann stand er schließlich vor mir auf dem Boden. Er klappte die Flügel ein und musterte mich neugierig. Ich tat das gleiche. Diese hochbeinige, elegante Gestalt gefiel mir außerordentlich.

"Wer bist du denn?", fragte er schließlich.

"Arashi ist mein Name. Die neue Majordomina. Und wie heißt du?"

"Ich bin Prinz Alane, Thronfolger von Affernavese. Wo ist mein Vater?"

Vater? Ach so. Für Lunaloc-Dämonen war ja Calract ihr Vater. Trotzdem war ich überrascht. Wie konnte ein Drache Thronfolger sein?

"Wie? Ähhh, Calract ... Calract ist im Moment nicht da. Er ist ins Schwarze Königreich geeilt, um zu verhindern, daß die Elfen das Schwarze Schloß erobern."

Der Drache, der sich Alane genannt hatte, sah sich um. Dann nickte er verstehend. "Ja, das habe ich befürchtet."

Jetzt erst sah ich, daß Alane schwer verletzt war. Eine klaffende Wunde, aus der immer noch Blut sickerte, grünes Blut übrigens, zog sich über fast ein Drittel seines schlangengleichen Körpers. Auf dem linken Hinterbein stand er nur ganz leicht, denn dort endete im Oberschenkel die Verletzung mit einer sehr tiefen Fleischwunde.

Unsere Blicke trafen sich.

"Leg' dich mal hin!"

Alane riß für einen Moment empört die Augen auf, doch dann folgte er meinem Befehl und legte sich auf die heile Seite. Seltsam. Wir kannten uns erst seit einer Minute, trotzdem vertraute er mir. Schließlich er wußte ja nicht, was jetzt passieren würde. Nun ja, eine armlose Frau war sicher keine große Bedrohung.

Ich kniete mich neben seinem Kopf nieder und sage leise: "Ich kann dir helfen."

Alane blinzelte mir zu. Dann rutschte ich auf den Knien bis zum Beginn der Wunde, beugte mich noch tiefer hinab und begann, diese mit kräftigen, gleichmäßigen Bewegungen von Oberkörper, Kopf und Zunge auszulecken. Grüne Muster liefen dabei über meine Haut.

Arashi bedeutet Sturm. Maarx hatte den meisten von uns Dämoninnen eine besondere Fähigkeit mitgegeben, aber meine wurde meinem Namen überhaupt nicht gerecht, denn sie war vollkommen defensiv. Es war eine ausgeprägte Heilkraft, die ich auch schon während und nach der Schlacht gestern gut hatte gebrauchen können. Und während meine Haut und meine Augen grün glommen, heilte meine Zunge die tiefe Wunde dieses schönen Drachens.


*


"Jetzt reicht's aber endgültig, verdammt noch mal!" Die Hand von König Atrax fuhr durch die Luft, aber Alane kannte das schon zur Genüge und wich gerade noch rechtzeitig der Ohrfeige aus, die sein wütender Vater ihm zugedacht hatte. Alane war aber selbst kein bißchen weniger wütend. Er brüllte: "Das lasse ich mir nicht länger bieten. Bald werde ich hier König sein, und du hältst mich wie einen Bettler!"

"Bald? Das könnte dir verdorbenem Früchtchen so passen. Die nächsten 50 Jahre jedenfalls nicht. So lange mache ich es noch locker. Und was deine Erziehung angeht, bin ich, wie man sieht, viel zu weich gewesen. Aber jetzt werden wir andere Saiten aufziehen!"

Die beiden stritten sich praktisch jeden Tag. Jeder im Königreich kannte diesen offenen Konflikt zwischen dem autoritären König und seinem eigensinnigen ältesten Sohn. War der Vater ein zur Askese neigender, von Pflicht und ritterlichen Tugenden erfüllter Mann mit einem deutlichen Hang zum Geiz, war Prinz Alane genau das Gegenteil davon. Doch wie sollte er sich all seine luxuriösen Wünsche erfüllen, wenn sein Alter ihm nie Geld gab?

Gerade jetzt, wo so herrliche Zeiten angebrochen waren. Der Schwarze König hatte in der Hauptstadt Nebdgarev ein Verbindungsbüro aufgemacht, aber dem vorausgegangen war etwas, das man ziemlich in der Nähe eines Krieges ansiedeln konnte. Diesen Krieg hatte Calracts Verbündete BQMZ geführt, zwar auf eigene Rechnung, aber mit mehr als nur stillschweigender Unterstützung des Schwarzen Königs. Mehr als einmal hatten BQMZs Schiffe Lunaloc-Dämonen an Bord gehabt und so die eine oder andere Seeschlacht für sich entscheiden können.

Direkte Kampfhandlungen waren allerdings eher selten gewesen, meist hatten die beiden Seiten nach allen Kräften versucht, sich gegenseitig das Wasser abzugraben. Fünfzehn Jahre war das so gegangen, dann endlich war der alte Atrax weichgekocht. Sein Land war pleite, das Volk mürrisch, denn zu den hohen Kosten des Konfliktes waren auch noch zwei Mißernten und in deren Folge eine Hungersnot gekommen. Calract hatte einen sehr, sehr langen Atem, und nachdem das Seekönigreich aufgeben mußte, war er erschienen und hatte König Atrax einen Vertrag vorgelegt, den selbst er als fair bezeichnen mußte. BQMZ übrigens war ebenfalls Mit-Unterzeichnerin dieses Vertrages, der Handelsbeziehungen, Zollfragen, alles mögliche andere und eben auch das Recht auf ein paar Verbindungsbüros und Drachenpoststationen beinhaltete.

Und mit diesen kamen Wohlstand und Luxus in das verarmte Land zurück. König Atrax paßte das ganz und gar nicht. Er wurde immer mürrischer, und als er sah, wie sehr sein Sohn, der ihm dereinst auf den Thron folgen sollte, das neue Leben in Luxus und Wohlstand genoß, flammte der Konflikt zwischen Vater und Sohn, der eigentlich schon immer geschwelt hatte, wieder voll auf.


"Ab jetzt ist es vorbei mit diesem verweichlichten Leben! Erst mal hast du Stubenarrest, bis ich mir etwas Passendes für dich ausgedacht habe. Diese verlotterte Dekadenz lasse ich dir jedenfalls nicht mehr durchgehen."

Außer sich vor Wut blickte Prinz Alane seinen Vater an und brüllte zurück: "Du wirst schon sehen, was du davon hast! Und das mit dem Stubenarrest kannst du vergessen!"

"Was!"

Alane sprang auf und stürmte aus dem Zimmer. Der König rief nach seinen Rittern, doch die brauchten ein bißchen zu lange, um bei diesem komplizierten Spiel durchzublicken. Als sie sich schließlich an die Verfolgung des Prinzen machten, war dieser bereits aus dem Palast heraus. So schnell er konnte, rannte er durch die Straßen Nebdgarev zu Calracts Verbindungsbüro. Er riß die Tür auf und stürmte hinein.

Das Schicksal des Prinzen entschied sich eigentlich durch Zufall. Den Zufall nämlich, daß Calract dieses Verbindungsbüro mit vier seiner Dämonen statt mit Menschen aus der Umgebung besetzt hatte. Wenige Minuten später nämlich standen König Atrax und gut 10 seiner Ritter vor der Tür und verlangten die Herausgabe des entflohenen Prinzen. Da trat ihnen der Leiter des Büros, ein furchteinflößendes Ungeheuer, entgegen. Der Dämon tat nichts weiter, er sah die Ritter nur der Reihe nach an. Wäre ein Untertan von König Atrax an seiner Stelle gewesen, hätte er sich der Autorität seines Königs nicht entziehen können und den Prinzen ausgeliefert. Der Lunaloc-Dämon hingegen interessierte sich für die Wünsche des aufgeregten Königs nicht die Bohne. Und der hatte nicht die Absicht, es auf einen offenen Konflikt mit dem Schwarzen König ankommen zu lassen. Ganz zu schweigen davon, daß da noch dieser riesige Dämon und im Haus noch drei weitere waren. Es hätte ihn mehr als das Leben von 10 Rittern gekostet, Alane mit Gewalt herauszuholen.

Kochend vor Wut schwor König Atrax sich, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit seinem Sohn ordentlich den Hintern zu versohlen und dann aus ihm einen anständigen Mann zu machen, und zog mit seinen Rittern wieder ab.

Doch es sollte anders kommen.

Genauer gesagt kam Calract persönlich.

Der Zauberer flößte dem jungen Prinzen eine schwer zu beschreibende Furcht ein, als er ein paar Tage später vor ihm stand und ihn von oben bis unten durchmusterte, während er sein gefürchtetes wölfisches Lächeln zeigte.

"Wiederhole das noch mal!", sagte er leise.

Alane schluckte. Dann sagte er mit vor Aufregung heiserer Stimme: "Ma ... Majestät, ich will ein Drache werden. Ich will hier weg, ich will alles machen, was meinem Vater nicht gefällt, und ich will ein Drache werden."

Calract lachte schallend. Dann sagte er: "Na, meinetwegen. Komm'!"

Die beiden gingen in den Innenhof. Die Poststation war alles andere als klein, und hier konnten mindestens 10 Drachen nebeneinander starten und landen, wenn es sein mußte. Im Moment war Calract aber der einzige. Er hatte sogar persönlich die anstehende Post aus dem Gartenland hergebracht, denn er war der Meinung, wenn er schon mal herflog, könnte er das gleich mit erledigen.

Vor den ungläubigen Augen des Prinzen verwandelte Calract sich also wieder in einen Drachen. "Steig auf. Wir fliegen nach Lunaloc."

Prinz Alane wollte sich bewegen, irgend etwas tun, sagen, davonlaufen, doch seine Füße waren wie am Boden festgewachsen. Zitternd sah er auf den riesigen Drachen, und erst jetzt wurde ihm klar, auf was er sich da eingelassen hatte. Plötzlich durchströmte eine Woge von Zorn ihn, und der Bann brach. Ich werde es diesem miesen alten Geizkragen zeigen. Entschlossen, wenn auch immer noch vor Aufregung zitternd, kletterte er auf Calracts Rücken.


Der Flug nach Lunaloc dauerte bis tief in die Nacht. Und als die beiden endlich im Krater gelandet waren, hatte der Prinz keine Zeit mehr, sich umzusehen, denn Calract nahm ihn sofort mit in die Höhle, die eigentliche Kraftstätte Lunaloc.

Als Alane wieder zu sich kam, hatte er sich so vollkommen verändert, daß er es kaum glauben mochte. Lange betrachtete er sich in dem seltsamen Spiegel, der wie aufrecht stehendes Wasser aussah. Er bewegte seine sechs Flügel, schlängelte seinen Leib, bewegte Vorder- und Hinterbeine.

Ich bin wunderschön geworden.

Früher hatte Calract wenig Rücksicht auf die Wünsche der Menschen genommen, die er zu Lunaloc-Dämonen umgewandelt hatte. In den letzten Jahren jedoch nahm er fast nur noch Freiwillige, und bei denen achtete er sehr genau darauf, daß er ihnen einen neuen Körper gab, der zu ihrem wahren Wesen paßte. So auch bei Prinz Alane.

*

"Mein Alter konnte es kaum glauben, als ich dann wieder vor ihm stand. Calract hatte mir nämlich die Leitung unseres Verbindungsbüros übertragen, und so war ich ein paar Tage später wieder zu Hause. Das war ... das war der tollste Moment meines Lebens. Dem alten Geizhals sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen."

Alane zuckte leicht, als sich Arashis Zunge wieder tief in seine Wunde vorarbeitete, doch inzwischen war sie fast durch, und der brennende Schmerz war einer intensiven Wärme gewichen. Auch hatte die Wunde sich schon fast überall wieder geschlossen. Alanes leuchtend grüne Schuppenhaut war wieder makellos.

"Tja, aber komischerweise hat er keine Sekunde daran gezweifelt, daß der Drache, der da vor ihm stand, wirklich sein Sohn war." Alane peitschte mit seinem Schwanz auf den Boden. "Ich hatte fast erwartet, der Schlag würde ihn treffen, aber er hat es gut überstanden. Meine Mutter und meine Geschwister hatten da erheblich mehr Probleme. Komisch, Arashi, der einzige, der die neue Situation akzeptiert hat, ist ausgerechnet mein Vater. Tja, so machte ich also meine Lehre als Leiter der Poststation. Das war eine schöne Zeit. Bis vor zwei Tagen die Elfen uns überfallen und alles niedergemacht haben."

Mit sehr leiser Stimme sagte er dann: "Die anderen sind tot. Sie sind gestorben, um mein Leben zu retten."

Arashi war fertig. Alanes tiefe Wunde war wieder verheilt. Der elegante Drache richtete sich ein wenig auf und wendete dann seinen Kopf und seinen Schlangenkörper, so daß er der Orna-Dämonin direkt in die Augen sehen konnte.

"Danke!"

Arashi nahm Alanes Kopf zwischen ihre Füße und drückte ihn dann sanft gegen ihre Brust. Im Gegensatz zu den meisten weiblichen Bewohnern des Gartenlandes im Allgemeinen und Orna-Dämoninnen im Besonderen trug sie auch hier ihre Kleidung, doch der Drache konnte ihre Wärme deutlich spüren. Und ihre Zuneigung. Die beiden hatten stillschweigend Freundschaft geschlossen.

*

Auf dem Boden lagen tote Waldelfen. Calract zählte 17 allein hier in diesem Teil der Höhle.

Der Zauberer war durch das Unendliche Land gegangen und hatte von dort aus den Bereich unter der Ruine des Schwarzen Schlosses betreten. Er schüttelte den Kopf. Ihr Narren. Habt ihr wirklich geglaubt, ihr könntet hier einfach so herumspazieren?

In den vergangenen 20 Jahren hatte der Schwarze König mehr Zeit in und unter dem Schloß verbracht, als die meisten wußten. Selbst Batchiribanban hatte ihn oft in Lunaloc vermutet, wenn er in Wirklichkeit hier gewesen war. So manches Zauberstück war an diesem Ort des Schreckens entstanden, und selbst war dieser natürlich auch mit einer Reihe von tödlichen Zaubern belegt.

Calract ging weiter, vorbei an der Höhle des Gawron, in die ihr Bewohner niemals wieder zurückkehren würde. Nur der Name erinnerte noch an diesen Drachen, der so gar nichts mit Calracts Lunaloc-Drachen gemein gehabt und der seinem toten Herrn Thoran bis zuletzt die Treue gehalten hatte. Wieder stieß der Zauberer auf Spuren von Elfen, allerdings waren sie einem anderen Zauber zum Opfer gefallen, der von ihren Körpern nicht viel mehr als Staub übriggelassen hatte. Am Fuße der Treppe lagen die mumifizierten Leichen zweier Lichtelfen. Ihre Flügel waren zerbrochen wie Glas. Calract stieß sie beiseite und ging vorsichtig die Treppe hinauf. Sein Stirnauge leuchtete ihm den Weg, und alle seine Sinne waren gespannt, denn es war durchaus möglich, daß die Elfen unter dem mysteriösen Schutz, unter den sie standen, den Spieß umgedreht und eine Falle für ihn errichtet hatten.

Wer hilft ihnen? Diese Emanation erinnert mich an nichts, was ich je gesehen oder gespürt habe, ging dem Schwarzen König durch den Kopf, während er an die Schlacht zurückdachte. Ohne diese Hilfe wäre der Krieg für die Elfen von vornherein aussichtslos gewesen. Und das wird er auch wieder sein, sobald ich diesen Faktor finde. Die Elfen müssen wirklich verzweifelt sein, wenn sie alles auf eine Karte setzen. Fällt dieser Schutz, sind sie alle verloren.

Calract öffnete die Falltüre, die zu einem halb verschütteten Kellerraum führte, durch den wiederum man schließlich die Oberfläche erreichen konnte.

Dort angekommen, stand der Zauberer schließlich in strömendem Eisregen vor den halb im Schlamm eingesunkenen Leichen von sechs Menschen und einem knappen Dutzend Lunaloc-Dämonen sowie einer toten Elfe. Die Menschen und Dämonen hatten am Wiederaufbau des Schlosses gearbeitet, wie schon seit über zwei Jahrzehnten. Anscheinend waren sie völlig überrascht worden. Die Elfen hatten sie überfallen und niedergemacht. Calract war bedrückt über die Erbarmungslosigkeit, mit der die Elfen vorgingen. Das verhieß nichts Gutes für seine Verbindungsbüros.

Es war dem Zauberer nichts übriggeblieben, als etwa die Hälfte seiner Poststationen zu schließen, um genügend Kräfte frei zu haben, die anderen zu sichern. Auch aus dem Westland hatte er schlimme Nachrichten gehört, zahllose in der endlos weiten Prärie verstreute Gehöfte waren überfallen und niedergebrannt worden. Hotaru, Tschuri und Gad'ta hatten allerdings sehr schnell reagiert und den Elfen eine Falle gestellt. Diese hatten den Fehler gemacht, nach einem leicht durchschaubaren Muster vorzugehen, und so hatte die Großfürstin nur in einer Scheune eine kleine Armee zu verstecken brauchen. Selbst ohne genau zu wissen, wer dieser unheimliche, unsichtbare Angreifer war, hatte sie hoch gepokert und darauf gesetzt, daß zweihundert Lunaloc-Dämonen, 10 Drachen und sie selbst ausreichen würden, jedem bekannten Feind eine blutige Abreibung zu verpassen. Calract bewunderte den Mut und die Klugheit Hotarus, denn ihre Rechnung war aufgegangen und nicht nur das: als sie die ersten toten, halb verbrannten Elfen gesehen hatte, hatte sie auch endlich gewußt, wer der Feind war.

Tschuri, mit den Elfen sehr vertraut, hatte es erst kaum glauben können, doch dann hatte sie all ihr Wissen vorbehaltlos zum Schutz des Landes und seiner Bewohner zur Verfügung gestellt. Allerdings hatte sie in einem Brief Calract mitgeteilt, daß sie versuchen würde, den Grund für diesen Krieg herauszufinden und wenn möglich eine friedliche Einigung zu vermitteln. Der Schwarze König begrüßte das ganz ausdrücklich. Denn offenbar waren die Elfen entschlossen zu kämpfen bis zum Sieg oder Untergang. Das Verschwinden dieser Wesen aus der Welt oder zumindest aus diesem Teil davon hätte Calract sehr bedauert. Elfen gaben der Welt etwas Romantisches, Geheimnisvolles.

Der Zauberer kontrollierte auf das genaueste die Umgebung, erneuerte die Schutz-Zauber und erschuf noch ein paar neue. Er mochte diese Ruinen. Seit über tausend Jahren war dieser Ort der Stammsitz seines Geschlechts. Dieses Erbe bedeutete dem Schwarzen König inzwischen recht viel. Der Wiederaufbau zog sich endlos hin, aber in der jetzigen Situation hatte das den Vorteil gehabt, daß die Elfen nicht viel zum Zerstören vorgefunden hatten.

Seltsam, daß sie sich völlig zurückgezogen haben. Keine Belagerung, keine Kundschafter, nichts.

Einer der Türme, die vor ein paar Jahren fertig geworden waren, stand noch. Calract öffnete die Tür, stieg die steile Wendeltreppe hinauf und blickte dann, unter dem spitz zulaufenden Dach stehend, nach Südosten. Wäre schönes Wetter gewesen, hätte er dort am Rande des Horizontes das Weiße Schloß sehen können. So aber hatte er nur den bleigrauen Himmel über sich, aus dem ebenso graues Wasser, vermischt mit einigen Schneeflocken, zu Boden stürzte.

Der Schwarze König war allein. Das nächste menschliche Wesen mochte sich Dutzende von Kilometern entfernt aufhalten, in einem der kleinen Dörfer, die sich in die eisigen Täler des Unendlichen Landes duckten und deren Bewohner, vor allem die jungen, heimlich nach und nach abwanderten ins Westland. Außer dem Regen war kein Geräusch zu hören, kein Tier, kein Insekt, kein Vogel.

Die Gedanken des Zauberers kreisten langsam um all das, was sich in den letzten Tagen ereignet hatte, und das war wahrhaftig viel gewesen: Batchiribanban, Kokoma, Gawron, Harlengart, Wüwü, die Stadt am Fluß, Maarx, der Krieg, Kinkiralinlin ... nein, ich sollte jetzt nicht an Linlin denken, sondern an die nächsten Schritte des Feindes ... und doch ging die Dämonin Calract nicht mehr aus dem Sinn.

Gedankenverloren ging Calract die Wendeltreppe wieder hinunter, und fand sich schließlich vor dem Unendlichen Land wieder. Verdammt, ich war so in Gedanken, daß ich mich nicht mal erinnere, ob ich alle Fallen scharfgemacht habe. Also kehrte er um, kontrollierte es nach, und kehrte dann ins Gartenland zurück.

*

Calract war, mit modernen Worten ausgedrückt, ein König zum Anfassen. Jeden Abend, zumindest, wenn er im Gartenland weilte, pflegte er mit seiner Frau und ein paar Gästen, Vertrauten oder einfach ein paar seiner Untertanen, die gerade da waren, am Lagerfeuer vor dem Tempel zu sitzen. Dort brieten sie dann an Spießen Fleischstücke oder Fisch, sahen dem meist ausgesprochen prächtigen Sonnenuntergang zu, in den manchmal BQMZs Schiffe hineinfuhren, redeten, aßen und tranken, ließen sich von den Sklaven bedienen und kümmerten sich um die Angelegenheiten des Reiches und seiner Bewohner. Jeder konnte zu ihm kommen. Calract war sich auch nicht zu schade, persönlich für das Wohlergehen der Sklaven zu sorgen, doch dieses gab selten Anlaß zur Sorge. Bis vor zwei Tagen war das Gartenland ein friedliches Paradies gewesen.

Auch jetzt brannte das Feuer wieder. Calract hatte die Dämonen und Menschen angewiesen, sich auszuruhen und die Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten für die Nacht ruhen zu lassen, doch seine Arbeiter wollten nicht aufhören. Sie arbeiteten in zwei Schichten zu zwölf Stunden, mit kurzen Pausen dazwischen, und sie hatten den König gebeten, ihnen zu erlauben, damit weiterzumachen. Es war auch ihr Land, ihre Heimat, und sie wollten etwas dafür tun. Und sie wollten Calract etwas von dem zurückgeben, was er für sie alle getan hatte.

Natürlich konnte man darüber auch anderer Meinung sein. Seit 20 Jahren formte Calract fast nur noch Freiwillige zu Lunaloc-Dämonen um, doch die davor waren mit Gewalt eingefangen worden. Als Dämonen fühlten sie sich als Calracts Kinder und waren ihrem Vater eng verbunden. Ein Akt der Gewalt war es dennoch gewesen. Was die Sklaven anging, so waren die meisten von ihnen schon als Kinder von ihren Familien verkauft worden, meist aus blanker Not, aber gelegentlich auch aus anderen Gründen. Auf den verschiedensten Wegen waren sie dann hier im Gartenland gelandet, wo sie hart arbeiten mußten, aber gut behandelt wurden. Sie dankten es ihrem Herrn durch Fließ und Hingabe an ihre Aufgaben.

Calract blickte in die Runde. Fleißig und willig waren die Menschen, die er hier versammelt hatte, doch Führungspersönlichkeiten waren keine darunter. Hätte das Schicksal ihm nicht Arashi präsentiert, er hätte nicht gewußt, wie er Kokoma hätte ersetzen sollen. Sicher gab es unter den Leitern seiner Stationen - Menschen wie Dämonen - recht talentierte Leute. Aber hier, im Zentrum seines Reiches, genügte dem Zauberer das nicht. Hier mußte jemand her, dessen Verstand und Persönlichkeit leuchteten. Und bei Arashi leuchteten nicht nur ihre Augen.

Calract gegenüber, durch die gelben Flammen kaum zu erkennen, saß Morga La Fey, die sich irgendwo ein paar recht schicke Kleider besorgt hatte, neben ihr die geheimnisvolle Wüwü, die ihr zu Gold und damit nutzlos gewordenes Kleidungsstück inzwischen abgelegt hatte. Calract nahm sich vor, eines Tages herauszufinden, wie es möglich war, daß eine verzauberte Holzpuppe im Unendlichen Land verweilen konnte, ohne zu einer Goldstatue zu werden. Wenn er das nicht selbst gesehen hätte, hätte er es für schlichtweg unmöglich gehalten.

Wüwü drehte eine halbe Ente am Spieß. Da sie selbst nicht aß, machte sie das anscheinend für Morga. Die beiden verstanden sich ausgesprochen gut.

Links neben den beiden saßen Lalalu und Arashi, deren Augen mit dem Hereinbrechen der Nacht blau beziehungsweise grün zu leuchten begannen. Auch die beiden waren einander durch eine sehr enge Freundschaft zugetan und fütterten sich gerade gegenseitig mit diversen Salaten. Rechts neben Morga saß ein Gast, der wahrscheinlich zum ersten Mal an dieser Runde teilnahm: der Pirat Holzbein-Schmitt. Calract hatte es kaum glauben können, daß dieser alte Haudegen den Überfall überlebt hatte, doch es war wirklich so. Mit seiner durchdringenden Reibeisenstimme gab er gerade eine seiner schauerlichen Abenteuergeschichten zum besten. Zuhörer waren drei Lunaloc-Dämonen, darunter Hedrass, der sich bei der Verteidigung des Gartenlandes große Verdienste erworben hatte. Auch Prinz Alane, sonst immer bei Arashi anzutreffen, lag diesmal auf der anderen Seite des Lagerfeuers bei seinen Brüdern, denn alle Lunaloc-Dämonen empfanden sich untereinander als Brüder und Schwestern.

Zwischen Arashi und Calract war eine etwas größere Lücke. Batchi hatte sonst hier gesessen, jetzt aber kam gerade Kinkiralinlin herangeflattert. Sie nickte Calract zu, dann setzte sie sich hin, faltete die ledernen Schwingen auf dem Rücken zusammen und sah sich um. Eine Sklavin kam herbei: "Möchtet Ihr etwas essen, Herrin?"

"Was gibt's denn?"

"Schweine-, Rind- oder Ziegenfleischstücke zum Rösten. Außerdem haben wir eine Fisch- und Schildkrötensuppe, Hund in Pfeffer, und eine große Auswahl an Obst."

"Obst? Ich dachte, es wäre alles verbrannt."

"Unser König hat in seiner Weisheit dafür gesorgt, daß wir auch in solchen Zeiten genügend zu essen haben."

"So, hat er das?" Sie blickte zu Calract hinüber und entblößte ihren blütenweißen Fang. Dann zeige sie auf Wüwü.

"Das, Herrin, ist eine Ente. Soll ich für Euch eine bringen und sie grillen?"

"Bringen ja, grillen nein. Das mache ich selber."

"Wie ihr wünscht, Herrin."

"Danke. Übrigens, wie heißt du eigentlich?"

Die Angesprochene blickte überrascht auf. "Meriad ist mein Name, Herrin."

"Hm, Meriad. Du kannst mich Linlin nennen."

Calract warf ein: "Mit sowas bringst du meine Mädchen nur durcheinander." Dann blickte er ins Feuer und seufzte leise.

"Hm?", gurrte Linlin fragend.

"Es ist so viel passiert ... morgen werde ich in die Weiße Hauptstadt fliegen und Alessandra treffen."

Kurz darauf erschien Meriad mit einer aufgespießten halben Ente. Linlin nahm sie ihr ab und setzte das untere Ende des Eisenspießes auf die in der Erde steckende Gabel, so daß das obere Stück mit dem Vogel über den Flammen zu hängen kam. Dann begann sie langsam zu drehen. Auch sie blickte dabei gedankenverloren in die tanzenden Flammen. Langsam begann sich ihr Herzschlag zu beschleunigen. Eine innere Nervosität ergriff von ihr Besitz und sie blickte zu Calract hinüber.

Ein kleiner Hund streunte um das Feuer herum. Blitzschnell schoß Linlins Klaue vor und spießte ihn auf. Dann riß sie mit ihren Zähnen einen großen Bissen aus dem noch zuckenden Körper und schlang ihn hinunter. Blut tropfte in Strömen auf den Boden herab. Die Dämonin tauchte ihre große Zehe in das Blut und zeichnete sich damit erst auf die rechte, dann auf die linke Wange einen dicken Strich, der trotz ihrer fast schwarzen Haut im Widerschein der Flammen deutlich zu sehen war. Ihre Augen glühten voller Begier, dann riß sie ein weiteres Stück aus dem Kadaver und schlang schließlich auch den Rest hinunter.

Ihre Raubtieraugen hatten Calract dabei fest fixiert. Jetzt erhob sie sich und trat vor den Schwarzen König: "Heute Nacht wirst du mir gehören, Geliebter." Calracts Blick wandte sich von den gelben Flammen ab, der vor Erregung dampfenden Dämonin zu. Nackt, halb Tier, halb Göttin, stand sie vor ihm, und ihre Pose, ihre weit gespreizten Beine, die vorgestreckten Brüste, die schweißnasse, schwarze Haut, ließen an ihren Absichten keinen Zweifel. "Nur der Tod kann mich noch davon abhalten, dich heute zu nehmen, Calract", sagte Kinkiralinlin mit kehliger Stimme. In einer fließenden Bewegung beugte sie sich zu dem Zauberer hinab und biß mit ihrem blutverschmierten Fang in sein rechtes Schlüsselbein, fest bis auf den Knochen. Blut pulsierte in Strömen über Calracts Brust, doch noch immer ließ der Zauberer alles widerstandlos mit sich geschehen.

Die Dämonin hielt Calract eisern im Fang fest. Nun umschlang sie ihn mit ihren Beinen, dann entfaltete sie die Flügel und hob mit schweren Schlägen ab. Einen ausgewachsenen Menschen zu transportieren war für die leicht gebauten Dämoninnen ein Kraftakt, doch Linlin war so erregt, daß sie es kaum bemerkte. Sie flog bis zum Eingang des Tempels. Dort mußte sie landen, denn der Durchlaß und auch das Innere dieses Gebäudes waren zum Fliegen zu schmal.

Wie eine Tigerin ihre erbeutete Antilope schleifte Linlin Calract in den Tempel, eine Blutspur hinterlassend. Schließlich warf sie ihn auf sein Bett, ließ ihn aber immer noch nicht los, sondern sprang auf ihn, riß ihm mit ihren Krallen die Kleider vom Leib und vereinigte sich dann mit ihm unter Einsatz ihres gesamten Körpers.

Dieser brutale Liebesakt war eine schweißtreibende Angelegenheit, und die Dämonin bearbeitete ihr Opfer mit Hüften, Füßen, Beinen und Brüsten über lange Zeit, wobei sie oft wild mit den Flügeln schlug, um bei ihren akrobatischen Übungen nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Irgendwann ließ sie los. Erschöpft plumpste sie neben Calract auf das Bett, das durchtränkt war von Blut, Schweiß und Sperma. Beide atmeten schwer. Linlins halb geschlossene Augen glommen nur noch schwach, und zufrieden sah sie, wie Calract mit seinen magischen Kräften seine Wunde verschloß. Sie schnurrte zufrieden und murmelte: "Endlich ein Mann, bei dem ich mich nicht zurückzuhalten brauche". Dann sanken ihre Ohren auf die Matratze, und sie schlief selig ein.

*

Helles Sonnenlicht weckte den Schwarzen König am nächsten Morgen. Seltsamerweise galt sein erster Gedanke der halben Ente, die Linlin in der vorigen Nacht am Feuer zurückgelassen hatte. Wer sie wohl gegessen hatte?

Calract sah neben sich in etwas verrenkter, aber entspannter Haltung Kinkiralinlin liegen, die immer noch fest schlief. Seine Blicke wanderten über ihre langen, kräftigen Schenkel, die breiten Hüften, die schmale Taille und die Brüste, die kleiner waren als die seiner Frau, knackige Äpfelchen, deren Schwarz unter den Sonnenstrahlen ihre wahre Farbe, ein tiefes, sattes Schokoladenbraun, enthüllten.

Calract wollte aufstehen, doch statt des Bodens trafen seine Füße etwas Warmes, weiches. Nanu. Er sah nach unten, und dort lag friedlich zusammengrollt Lalalu. Sein unbeabsichtigter Tritt hatte sie aufgeweckt, und nun blinzelte sie aus ihren verschlafenen, unglaublich blauen Augen zu ihm hoch. "Miau?" fiepste sie.

Seltsame Mitbewohner habe ich hier, dachte Calract ironisch. Er unternahm einen zweiten Anlauf aufzustehen, ging hinaus, stellte befriedigt fest, daß ein dienstbarer Geist das Blut weggewischt hatte, und sprang dann erst mal in den See. Nachdem er sich dort erfrischt hatte, ging er in den Tempel zurück und holte sich neue Kleider, denn von seinen alten war nicht viel übriggeblieben.

Linlin war inzwischen auch erwacht, lag aber noch auf dem Bett und schnurrte leise. Lalalu war wieder verschwunden.

Calract lehnte sich an die Wand und betrachtete die Dämonin, die sich ungeniert auf seinem Bett räkelte. Ihre langen, schlanken Beine und Füße, der weibliche, ohne Arme so verletzlich wirkende Oberkörper mit den zwei knackigen Brüsten, all das versprühte verführerische Erotik. Linlin richtete sich halb auf, streckte Calract ihre Füße entgegen und spreizte ein wenig ihre langen Zehen, mit denen sie geschickt wie mit Fingern die unglaublichsten Dinge tun konnte. "Hallo", schnurrte sie, streichelte mit den Zehen Calract über das Gesicht, um schließlich umständlich aufzustehen. Auf einmal wirkte sie nicht mehr wie ein Vamp, sondern fast wie ein Kind. Doch Calract wußte, daß das täuschte. Er brummte: "Du hast mich rumgekriegt, das gebe ich zu. Aber vergiß nie, daß ich verheiratet bin."

Linlin nickte und wedelte mit den Ohren. "Du kannst mich töten, wenn du willst, Calract, mein Geliebter, aber wenn du mich leben läßt, dann werde ich nie aufgeben. Und eines Tages werde ich dein Herz erobern!"

Das wird, fürchte ich, gar nicht mehr so lange dauern. Calract zuckte leicht zusammen, als ihm einfiel, daß Linlin ja seine Gedanken lesen konnte, aber wenn sie es gerade getan hatte, dann ließ sie sich nichts anmerken, sondern ging diskret darüber hinweg. Calract wollte sich gerade abwenden, da kam ihm ein interessanter Gedanke: "Ich werde dich sicher nicht töten, mein Schatz, aber überleg' mal, was Batchi mit dir macht, wenn sie wieder da ist ..." Er lachte laut auf.

"Ahem ... also, ich habe Arbeit. Wir sehen uns in ein paar Tagen."

*

Krachend wurde die Tür eingetreten, dann stürmten vier Dunkelelfen in das Verbindungsbüro des Weißen Hauptstadt. Sie hatten Brandfackeln dabei und ihre alles zerschneidenden Lichtschwerter, denen die überraschten Lunaloc-Dämonen nichts entgegenzusetzen hatten. Im Nu stand das Haus in Flammen, die Dämonen lagen niedergemetzelt und tot am Boden. Die Menschen allerdings ließen die Elfen laufen, und die Leiterin der Station, Kyraia, die entschlossen war, bis zum Tod zu kämpfen, wurde ebenfalls nicht getötet, sondern bewußtlos geschlagen und in Gefangenschaft geführt.

Als die schöne Dämonin wieder erwachte, fühlte sie sich unwillkürlich an die Zeit ihrer Gefangenschaft bei Bischof Ornata erinnert. Sie lag in einer finsteren Zelle auf einer harten Pritsche. Die Goldringe, die sie um Hals und Arme getragen hatte, waren verschwunden, dafür lag um ihren Hals nun ein Eisenring, der sie mit einer kurzen Kette an die Wand fesselte. Ihre Hände waren ebenfalls mit solchen Ketten auf dem Rücken gefesselt, und auch ihre Beine hatte man nicht vergessen.

Wasser tropfte irgendwo von der Decke herab auf den in Finsternis liegenden Boden. Schwach nur zeichneten sich die Umrisse einer schweren Tür aus der Dunkelheit ab. Ansonsten allerdings war die Dämonin unverletzt. Die Kopfwunde, die sie beim Kampf erhalten hatte, war schon wieder so gut wie verheilt.

Lange Stunden lag das Mädchen auf der Pritsche. Eine Möglichkeit, sich zu befreien, gab es nicht.

Schließlich hörte Kyraia von draußen schwere Schritte, dann wurde die Türe aufgeschlossen und zwei Ritter traten ein.

"Wer seid ihr? Wo bin ich hier?"

Die Ritter antworteten nicht. Sie lösten das Schloß an der Wand und - unvorsichtigerweise, wie Kyraia fand - auch das, das ihre Füße gefesselt hatte, dann bedeuteten sie ihr mitzukommen. Draußen standen drei weitere Weiße Ritter, Visier geschlossen, Fackeln in den Händen, alle schwer bewaffnet.

Weit war der Weg nicht. Es ging durch ein paar Türen, dann eine Treppe hoch, in einen größeren Raum. Die Ritter zogen ihre Schwerter und zielten auf die Kehle der Dämonin, als sie sie hineinführten. Kyraia sah sich um. Als sie sah, wer sie dort erwartete, zuckte sie leicht zusammen: "König Wilhelm."

Es war in der Tat Alessandras Mann, aber er war nicht mehr der freundliche Regent, als den Kyraia ihn in den vergangenen 20 Jahren kennengelernt hatte.

Freundlich ... jetzt sehe ich vieles in einem anderen Licht. Diese heimlichen Blicke, die kleinen Schwierigkeiten, die wir immer wieder hatten, der Einbruch, der nie aufgeklärt wurde, die Audienzen, die uns verweigert wurden ... Wilhelm ist nie unser Freund gewesen. Er hat sich all die Zeit verstellt ... nicht mal besonders gut. Nur wollte ich es nicht wahrhaben. In der Tat hatte Calract immer wieder Hinweise darauf bekommen, daß König Wilhelm heimlich nach Möglichkeiten gesucht hatte, seinen Einfluß einzudämmen. Mehr als einmal hatte der Schwarze König sich mit Kyraia darüber unterhalten, war sie doch seine wichtigste Informantin in dieser Sache. Ja, sie selbst hatte die meisten dieser Anhaltspunkte geliefert, doch sie hatte das nie glauben wollen. Jetzt mußte sie es glauben.

"Ich habe Alessandra versprochen, dich am Leben zu lassen", sagte Wilhelm anstelle einer Begrüßung zu der Dämonin. Seine Stimme war genauso kalt wie seine Augen, mit denen er Kyraia voller Haß musterte. "Aber ich fürchte, dieses Versprechen werde ich brechen. Ich werde mit euch aufräumen, und mit dir fange ich an, du Bestie." Er wandte sich an seine Männer: "Tötet sie!"

Alessandra wäre der Fehler, der Kyraia das Leben rettete, nicht passiert. Der Fehler, sie zu unterschätzen. Wilhelm hatte um sich hauptsächlich junge Ritter aus seinem Reich geschart, die zwar fanatisch, aber kaum kampferfahren waren. Eine gefesselte Frau erschien ihnen nicht als echter Gegner, zumal sie zu fünft gegen eine waren. Doch was sie nicht bedachten war, daß Kyraia eine Lunaloc-Dämonin war. Zart und schwach sah sie aus, schnell und stark war sie in Wirklichkeit. Zwar trug sie an den Zehen keine Krallen wie die Orna-Dämoninnen, dennoch waren ihre Beine und Füße wirkungsvolle Waffen. Außerdem waren ihre Flügel frei, und wenn sie in diesem relativ niedrigen Raum auch nicht fliegen konnte, so halfen sie ihr doch das Gleichgewicht zu halten und blitzschnell auszuweichen oder anzugreifen.

Sie bewegte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit, und die nackte Todesangst verlieh ihren Kräften Flügel. Und wichtiger noch: auch ihrem Verstand. Die fanatisierten Ritter warfen sich auf sie, ohne nachzudenken. Mit traumwandlerischer Sicherheit wich die Dämonin den Schwertern aus, duckte sich, so daß sich zwei der Ritter gegenseitig abstachen, dann streckte sie einen weiteren mit einem Tritt gegen dessen Stirn nieder, der so heftig war, daß der Schädel anknackste.

Bruchteile von Sekunden dauerte das alles nur. Kyraia war erstaunt, daß Wilhelm nun selbst ein Messer zog. Er mußte es mit der Linken führen, doch er kannte trotz seiner Behinderung keine Furcht, zögerte keine Sekunde, sich auf die Feindin zu stürzen. Die hatte inzwischen den beiden verbliebenen Soldaten die Beine unter dem Körper weggezogen, so daß diese, in ihren Panzern schwer und unbeweglich, krachend zu Boden gegangen waren.

So standen sich der Weiße König und die Dämonin nun direkt gegenüber.

"Bestie?" Kyraia hätte fliehen können, doch sie wollte wissen, warum der Mann, dem sie bisher vertraut hatte, sie tief im Innersten so abgründig haßte.

"Ja! Ihr seid die Brut der Hölle, über uns Menschen gesandt, um uns zu prüfen und zu peinigen. Schönheit und Häßlichkeit, Geld und Gold, Leben und Tod, alles haltet ihr uns unter die Nase und wartet auf eine Schwäche, um uns unsere Seele zu rauben. Viele sind schwach geworden, doch die Zahl derer, die standhalten, wächst von Tag zu Tag. Wir brauchen nicht eure Drachenpost, diesen Pesthauch eures Oberdämons, mit der er die ganze Welt umrankt und in seinen Klauen hält. Wir wollen unsere schöne Welt nicht teilen mit Monstern aus der Finsternis, scheußlichen Kreaturen, deren schiere Existenz gegen jedes göttliche Gesetz ist."

Die Worte sprudelten nur so aus dem König hervor. Kyraia gruselte es bei dem Gedanken, in welche Abgründe der menschlichen Seele sie da blickte, und wie viel Kraft und Überwindung es ihn all die Jahre gekostet haben mußte, den freundlichen Onkel zu spielen. Jetzt, wo es um Leben und Tod ging, zeigte er sein wahres Gesicht.

Einer der Ritter kam wieder zu sich. Sein Helm rutschte ihm von Kopf, als er sich mühsam aufrappelte, und Kyraia sah erstaunt das Gesicht von Prinz Harro, Wilhelms ältestem Sohn, darunter zum Vorschein kommen.

So, mein lieber Willi. Du willst mich also zur Hölle schicken. Dann werde ich dir mal zeigen, was die Tochter Calracts alles kann - auch mit gefesselten Händen.

Kyraia breitete ihre Schwingen aus und machte einen Ausfallschritt. Wilhelm, der sich im Stadium höchster Erregung befand, was sein klares Denken erheblich trübte, fiel darauf herein, denn es erschien ihm nur logisch, daß die Dämonin versuchen würde, zur Tür zu gelangen und zu entkommen. Doch stattdessen zog diese die Flügel wieder ein, nutzte den Schwung, warf sich über den Boden, rollte sich ab, ergriff mit dem Fuß eines der herumliegenden Messer, machte einen Satz nach vorne, und einen Augenblick später hatte sie Wilhelms Sohn in ihrer Gewalt. Fest drückte sie ihm das Messer an die Kehle.

Abschätzend blickte sie zu Wilhelm hinüber, der starr vor Schreck stand. "Wenn du meinem Sohn auch nur ein Haar krümmst, du Bestie, dann Gnade dir Gott. Ich werde dich bis ans Ende der Welt jagen und glaube mir, ich werde dich erwischen."

Kyraia war erschüttert über diesen Haß, ja die blanke Mordgier, die ihr da entgegensprach. Dagegen war ja sogar ihre Gefangenschaft bei Bischof Ornata leichter zu ertragen gewesen. Denn der hatte nie geheuchelt und einen Zweifel über seinen Geisteszustand gelassen. Wilhelm hingegen ...

"Öffne meine Fesseln! Und keine Dummheiten. Ich bin ohne weiteres in der Lage, deinen Sohn jederzeit abzustechen. Wie ein Schwein", fügte sie fast gegen ihren Willen hinzu. Sie saß schräg hinter dem Prinzen, hielt ihn mit dem linken Bein fest umklammert, während die Zehen des rechten Fußes das Messer in eisernem Griff hielten und die Klinge unnachgiebig gegen seine Halsschlagader drückten. Sowohl Vater als auch Sohn wußten ganz genau, in welcher Lage sie sich befanden. "Na los!"

Die Ketten fielen. Ein weiterer der Ritter kam langsam wieder zu sich.

Kyraia warf das Messer zu Boden und blickte Wilhelm und seinen verängstigten Sohn abschätzend an. "Ein Kampf auf Leben und Tod. Und was, wenn Calract Sieger bleibt?"

"In einer Welt, die Calract gehört, wollen wir nicht leben. Wir werden ihn töten oder unseren Frieden in einer besseren Welt finden."

*

Lange noch dachte Kyraia über diese Worte nach, und so berichtete sie sie auch ihrem Vater.

*

Calract hatte sich in seine übliche Drachenform verwandelt und war losgeflogen, Richtung Weiße Hauptstadt. Unterwegs hatte er in der Ferne ein Wesen fliegen sehen, das er im ersten Moment für eine Elfe gehalten hatte. Aber es war Kyraia gewesen.

Die beiden landeten nicht weit vom Siina weg noch auf arcadischem Boden. Kyraia hatte sich bisher aufrecht gehalten, aber nun brach sie schluchzend in den Armen ihres Vaters zusammen.

Es dauerte lange, bis sie sich soweit erholt hatte, daß sie ihm erzählen konnte, was geschehen war. Der grausame Tod ihrer Mitarbeiter und Kollegen hatte sie tief erschüttert, viel schlimmer aber war der absolute Wille zur Vernichtung, der aus den Worten von König Wilhelm gesprochen hatte.

Calract nickte nachdenklich. "Ja, da haben sich zwei gesucht und gefunden. Auch die Elfen werden kämpfen bis zum Tod. Und auch sie nehmen ihren eigenen Untergang in Kauf." Traurig blicke er Kyraia an: "Bin ich wirklich ein so großer Störfaktor in dieser Welt, daß Menschen und andere Wesen so weit zu gehen bereit sind?"

"Diese Frage, Vater, kann ich dir unmöglich beantworten", erwiderte die Dämonin mit fester Stimme. "Aber ich weiß eins, daß auch ich bis zum Tod kämpfen werde. Für mich, für dich, für meine Brüder und Schwestern, für unsere Welt und für unsere Art zu leben!"

Calract schüttelte den Kopf: "Die Elfen auszulöschen würde für diese Welt einen unwiederbringlichen Verlust bedeuten. Für die Menschen gilt das gleiche, aber um sie mache ich mir keine Sorgen. Fanatiker wie Wilhelm sind selten. Die anderen sind nur Mitläufer. Sie sind zahlreich, aber feige und fallen leicht um. Sie werden nicht untergehen. Doch sie werden sich selbst und uns bis dahin unermeßliche Verluste zufügen."

Er stand auf: "Ich werde in die Weiße Hauptstadt fliegen und mit Alessandra reden. Kannst du alleine weiterfliegen?"

Doch Kyraia war zu erschöpft. So nahm Calract sie auf seinem Rücken ins nahe Allera mit, wo es eine noch funktionierende Drachenpoststation gab. Er befahl deren sofortige Evakuierung. Und mit den Drachen, die die Dämonen in Sicherheit brachten, ließ er auch Kyraia ins Gartenland bringen.



Erstellt am 23.1.2003. Letzte Änderung auf dieser Seite: 16.10.2017