Das Unendliche Land - 14. Teil

Der erste, der die Wahrheit erkannt, war mein Mann Wilhelm. Er öffnete mir die Augen, die Augen, die nicht sehen wollten, daß der Zauber unserer Welt, unserer Reiche, der Menschen, unter den Füßen von Calracts Drachen, Dämonen und Bestien zertreten wurde, Tag für Tag.

Ich war anfangs überrascht, wie groß der heimliche Zulauf zu Wilhelms Ideen in meinem Volk war. Die Drachenpost brachte uns doch viele Vorteile, sie machte nicht nur Calract reich. Auch wir hatten enormen Nutzen. Doch war das unsere Seele wert? Die Antwort, die sie alle gaben, lautete nein. Sie hatten sich damit abgefunden, daß der Schwarze König sein Land verlassen hatte, um mit scheinbar sanfter Hand die Welt unter seine Herrschaft zu bringen. Nicht Kriege, sondern eine unglaubliche Mischung aus Zauberei, Geld, Wohlstand und dem, was er Frieden nannte, verführte und blendete die Menschen. Irgendwann fingen sie an nachzudenken, kamen jedoch zu dem Schluß, den Lauf der Welt nicht aufhalten zu können. Und versprach der Schwarze König nicht Wohlstand für alle?

Doch dann kam Prinz Wilhelm, ein im Kampf verstümmelter Mann aus einem kleinen, unbedeutenden Fürstentum, und er sollte zu der Lichtgestalt werden, die allein es noch vermochte, Calract die Stirn zu bieten.

Es ist wahr, die Elfen geben uns ihre Macht. Ohne sie könnten wir diesen Krieg nicht führen. Doch ohne Wilhelm hätten sie es nie zuwege gebracht, ihre Kräfte zu bündeln und mit den unseren zu vereinen.

Mein Mann schickte mich zu ihnen, damit ich meine Macht als Goldene Königin mit der Macht der Elfen vereinigte. Nur so konnten wir gegen die unglaublichen Kräfte des Schwarzen Königs etwas ausrichten.

Der Schwarze König - soll ich ihn Calract nennen? Ja, denn es ist nicht die Existenz eines Schwarzen Königs an sich, die das Gleichgewicht der Welt aus den Angeln hebt, sondern genau dieser eine, dieser unglaubliche Mann namens Calract von Caair, dessen Ende wir alle herbeisehnen.

Es ist eine blutige Arbeit, der ich mich hingegeben habe. Ich habe lange gezögert. Denn wenn Calract fällt, dann müssen wir alle seine Dämonen töten, jeden einzelnen, auch Tschuri und Kyraia. Das habe ich inzwischen eingesehen. Doch ich bin bereit, es zu tun, damit unsere Welt wieder so wird wie früher: frei.

Für dieses Ziel habe ich, Alessandra von Hocharco, meine Seele verkauft.

*

Das Wetter paßte zur Stimmung: ein gewaltiger Sturm zog über das Weiße Königreich.

Calract hatte wieder die Gestalt eines gewaltigen Drachens angenommen. Mit mächtigen Schlägen seiner schuppigen Schwingen durchpflügte er die hohen, dunklen Gewitterwolken und die eisigen Regentropfen und Hagelkörner, die sich dort bildeten und dann zur fernen Erde herabstürzten. Der Zauberer kannte den Weg gut, sonst hätte er in der Finsternis, die ihn umgab und die nur ab und zu von flackernden Blitzen und Wetterleuchten durchzuckt wurde, leicht die Orientierung verloren. Die Weiße Hauptstadt war sein Ziel. Genauer gesagt das Weiße Schloß. Und darin die Goldene Königin.

Calract machte sich keine Illusionen: nach dem, was Kyraia ihm erzählt hatte, war das Weiße Reich einer der zentralen Punkte, von dem der Vernichtungskrieg gegen ihn ausging. Um sein Ziel, Alessandras Kooperation, zu erreichen, würde er Gewalt anwenden müssen. Er hoffte, daß es nicht zum Äußersten kommen möge.

Starker Gegenwind verzögerte den Flug und machte ihn anstrengend, doch am späten Abend des 3. Juni 1269 sah Calract endlich unter sich die wenigen Lichter der nächtlichen Weißen Stadt durch die Wolken blinzeln.

Es war ein heimeliges Bild. Der finstere Orkan tobte noch immer über dem Land und peitschte seine kalten Wassermassen darauf nieder, doch die Häuser der befestigten Stadt strahlten Wärme und Gemütlichkeit aus. Calract wußte aber, daß das Bild trog. Zwanzig Jahre lang hatte Frieden geherrscht, doch in Wirklichkeit war es nur ein Waffenstillstand gewesen: Menschen gegen Dämonen. Die alte Front stand wieder, und es war völlig offen, wer den Sieg davontragen würde. Zumal den Menschen diesmal auch die Elfen zur Seite standen.

Mehrere hundert Meter über Grund überflog der Drache die Stadtmauern, dann stieß er nieder und landete schließlich auf dem Platz vor dem Wachhäuschen, das den Torbogen schützte, hinter dem die Rampe zum Weißen Schloß hinaufführte. Dort verwandelte er sich in seine menschliche Gestalt zurück.

Zu seiner Überraschung war der Schwarze König nicht allein. Vor ihm, angebunden an einen Pflock direkt neben dem Häuschen, standen zwei Pferde, die den eisigen Regen mit stoischem Gleichmut ertrugen. Sie waren sichtlich erschöpft.

Sie müssen eine lange Strecke galoppiert sein.

Calract trat an das durch Öllampen von innen hell erleuchtete Wachhaus heran.

Zu den zwei Pferden gehörten zwei Ritter. Hm, die kenne ich doch. Das Wappen habe ich schon mal gesehen. Der Zauberer dachte angestrengt nach. Es mußte schon eine ganze Weile her sein. Schließlich fiel es ihm wieder ein: Bremren. Genau. Sie gehören zu meinem alten "Freund" Graf Bremren.

Auch das war nun schon zwanzig Jahre her, da hatte er dem Grafen Bremren hier im Schloß gegenübergesessen und über den Landstreifen westlich des Siina verhandelt - ergebnislos.

Seltsamerweise hatte sich an dem labilen Status Quo seitdem nichts geändert. Bremren hatte tatsächlich Siedler in dieses Stück Land geschickt, aber die Sache war im Sande verlaufen. Es waren Stadtmenschen gewesen, nicht aus dem Holz geschnitzt, aus dem Calracts Siedler und Pioniere waren, denen die Strapazen und Entbehrungen der Wildnis nicht nur nichts ausmachten, sondern die in so einer kargen Umwelt erst richtig aufblühten. Einige von bremrens Neusiedlern waren zu Calract beziehungsweise der Schwarzen Großfürstin übergelaufen, nun Bürger des Westlandes und Bewohner der dortigen Städte und Siedlungen. Andere hatten in die Zivilisation des Weißen Reiches zurückkehren müssen. Einige aber waren geblieben und hatten eine Form der friedlichen Koexistenz mit den in diesem Streifen umherschweifenden Westlern gefunden. Man tat sich nichts, ignorierte sich soweit möglich, manchmal gab es sogar vereinzelte Handelskontakte.

Trotzdem, Calract hatte dieses offene Problem nie ganz aus den Augen verloren. Deshalb interessierte es ihn nun brennend, was die bremrener Ritter den vier Wachsoldaten wohl zu berichten hatten. Mit seinen Zauberkräften war es ein Leichtes, das Gespräch zu belauschen.

Das, was der Schwarze König erfuhr, klang eigentlich nach nicht sehr viel: der Graf, inzwischen an die 70 Jahre alt, lag im Sterben. Nachkommen hatte er keine mehr, denn sie waren alle im großen Lunaloc-Krieg gefallen. Verbittert und verhärmt hatte der alte Graf seine letzten Jahre verbracht, und vielleicht war der Tod für ihn sogar eine Erlösung. Doch wer sollte die Grafschaft übernehmen? Sicherlich würde König-Vater Harro in dieser Frage die Entscheidung zu treffen haben, oder vielleicht auch König Wilhelm, denn Bremren war ein großes und recht bedeutendes Territorium innerhalb des Weißen Reiches und weckte so manche Begehrlichkeit.

Der Zauberer klopfte an die Tür und trat ein.

Endlose Sekunden herrschte eine fast unheimliche Stille in dem Raum. Der Schwarze König war sicherlich der letzte, mit dem die Wachen gerechnet hatten. Sie starrten Calract an wie eine Erscheinung. Nur das Trommeln des Regens gegen die kleinen Scheiben verriet, daß die Zeit nicht stehengeblieben war.

Der wachhabende Ritter langte schließlich nach seinem Schwert, zog es aber nicht.

Calract warf dem hünenhaften Mann einen mißbilligenden Blick zu. "Bin ich auf einmal euer Feind?" Er verzog das Gesicht und sagte dann: "Ich muß zu Alessandra."

Die Züge des Ritters verhärteten sich. Er schüttelte den Kopf und brummte: "Das ist nicht möglich. Die Königin empfängt zu dieser Stunde niemanden mehr."

Der Zauberer sah sich um. Durch eins der Fenster konnte man das Schloß sehen oder besser ahnen, denn die Dunkelheit und der Regen verhüllten seine wuchtige Silhouette fast zur Gänze. Irritiert kniff Calract die Augen zusammen. Irgend etwas stimmte hier nicht, eins schwache, unheimliche Aura schien von dem Schloß auszugehen.

"Es dürfte euch bekannt geworden sein, daß mein Verbindungsbüro überfallen wurde." Calracts Stimme wurde eisig: "Alle meine Dämonen wurden ermordet, bis auf eine: Kyraia. Sie wurde gefangengenommen, und zwar von niemand anderem als König Wilhelm. Was meine Tochter mir über diese Vorfälle berichtet hat, möchte ich hier nicht wiederholen, aber ich warne euch: wenn ihr mir keinen Zutritt verschafft, dann werde ich mit Gewalt zu der Prinzessin vordingen!"

Es bestand bei den vier Wachleuten und ihren zwei Besuchern aus Bremren nicht der leiseste Zweifel, daß der Schwarze König es bitter ernst meinte. Unsicher blickten die Männer einander an. Schließlich verständigten sie sich, und der Wachhabende und einer seiner Leute stapften zur Tür. "Wartet bitte hier einen Augenblick, Majestät."

Calract nickte.

Die Stimmung entspannte sich. Calract setzte sich an den Tisch, und nach kurzem Zögern nahmen auch die bremrener Ritter dort wieder Platz. Die beiden verbliebenen Wachen holten Wein und fünf Gläser. Man kam miteinander ein bißchen ins Gespräch, aber alle verfänglichen Themen wurden peinlichst vermieden.

Keine fünf Minuten später öffnete sich die Tür. Die Wachen sprangen auf, als sie sahen, wer da hereinkam: König Wilhelm höchst persönlich.

Der Schwarze und der junge Weiße König sahen einander an. Aus den Augen Wilhelms sprühte blanker Haß. Kyraia hatte nicht übertrieben, stellte Calract bestürzt fest.

"Ich wundere mich, daß du den Mut hast, mir persönlich unter die Augen zutreten, Willi. Nach allem, was du Kyraia angetan hast."

"Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht", antwortete Wilhelm mit gepreßter Stimme.

"Ähhhh, du weißt doch sicher noch, daß ich der größte aller Zauberer bin. Ich kann dich zum Sprechen bringen, wann immer es mir beliebt. Aber lassen wir das. Deswegen bin ich nicht hier." Calract machte einen schnellen Schritt auf Wilhelm zu, packte ihn am Kragen und hob ihn hoch: "Wo ist Alessandra. Rede, du Dreckskerl!"

Die Wachen zogen ihre Schwerter. Doch Wilhelm schwieg. Und lächelte.

Calract kam die ganze Sache irreal vor. Er ließ den Weißen König los und verließ das Wachhaus. Doch weiter kam er nicht: als er die Rampe betreten wollte, wurde er durch eine unsichtbare Kraft daran gehindert.

Calract glühte auf. Er öffnete sein drittes Auge und ließ den Splitter des Mondkristalles aufsteigen. Dann schlug er mit aller Macht gegen die Barriere. Ein unheimliches Dröhnen durchlief das Weiße Schloß und ließ in der ganzen Stadt die Erde erzittern. Doch die unsichtbare Barriere hielt. Ein zweites Mal schlug der Zauberer dagegen, wiederum ergebnislos.

Calract drehte sich um. Hinter ihm stand Wilhelm. "Niemals wieder werden du oder deine Brut unseren heiligsten Boden betreten!"

Calract war schockiert. Was sich hier hinter seinem Rücken zusammengebraut hatte, überstieg seine schlimmsten Alpträume bei weitem. Doch der Schwarze König faßte sich schnell, denn er erkannte, daß ein kopfloses Handeln ihm hier rein gar nichts bringen würde.

"Und was, wenn ich mit Hotaru wiederkomme?"

Befriedigt registrierte er, wie Wilhelm zusammenzuckte.

Gut. Sehr gut. Gegen meine "speziellen" Waffen können sie immer noch nichts ausrichten.

Ohne weitere Worte verwandelte Calract sich wieder in einen Drachen und flog los. Er war sicher, daß jetzt im Weißen Schloß eine hektische Aktivität ausbrechen würde. Doch Alessandrina, die Hauptstadt des Westlandes, in der Hotaru sich zumeist aufzuhalten pflegte, war gar nicht sein Ziel. Sondern Belgabas, die Residenzstadt der Grafschaft Bremren.

Calract ließ nur selten eine günstige Gelegenheit aus, wenn er politisch für sich Kapital herausschlagen konnte.

*

Von der Weißen Hauptstadt bis Silverina waren es knapp über 100 Kilometer ziemlich genau nach Westen. Knapp weitere 100 Kilometer weiter im Westen, am Westhang eines lieblichen Höhenzuges, auf dem viel Wein angebaut wurde, lag Belgabas, eigentlich mehr ein langgezogenes Dorf als eine richtige Stadt, aber immerhin mit einem befestigten Stadtkern und einer Burg, die seit Jahrhunderten der Stammsitz des bremrener Geschlechtes war. Übrigens stammten auch die Herrscher des unabhängigen bremrener Ostlandes ursprünglich von hier.

In einem Zimmer dieser Burg standen zu dieser späten Stunde fast ein Dutzend Menschen um das Bett des greisen Grafen Franzisko. Man erwartete seinen Tod praktisch jede Minute. Mit geschlossenen Augen lag der alte, gebrochene Mann dort. Er atmete kaum hörbar. Wahrscheinlich war er nicht einmal mehr bei Bewußtsein.

Neben ihm stand sein Leibarzt Doktor Hold und fühlte immer wieder nervös seinen Puls. Das war das einzige, was er tun konnte. Irgendwie schienen die Hoffnungen der Anwesenden darauf zu ruhen, er würde ein Wunder bewirken und den Grafen wieder gesund machen. Keiner wußte besser als der Doktor selbst, daß dieses Wunder nicht geschehen würde. Eher war es ein Wunder, daß der Graf überhaupt so alt geworden war. Die letzten Jahre waren für ihn alles andere als angenehm verlaufen, und die Krankheit hatte sich mehr und mehr verschlimmert. Vielleicht wäre der Graf längst schon abgetreten um einem Sohn die Nachfolge zu überlassen. Aber es gab keinen Sohn mehr. Wenn er ging, erlosch die westliche Linie. Graf Franzisko hatte sich an das Leben geklammert, um diesen Tag irgendwie abzuwenden. Doch er war natürlich trotzdem gekommen.

Draußen trommelte der Regen gegen die Fenster und ließ die Versammelten frösteln. Keiner, der nicht voller Sorge in die Zukunft sah.

Von draußen erklangen Schritte, dann wurde die Tür aufgestoßen. Ein kalter Wind schien durch das Zimmer zu fegen. Die Anwesenden zuckten zusammen. Wer wagte es in so einer Stunde, sie zu stören?

"Calract!" Wie ein Aufschrei ging es durch die Menschen.

Ja, stellt euch vor. Der Schwarze König verlor keine Worte. Mit seinen magischen Kräften bahnte er sich seinen Weg zum Bett des Grafen, nahm den fiebrigen, ausgezehrten Körper hoch, warf ihn sich über die Schulter, drehte sich um und ging wieder hinaus. Niemand, der ihn aufzuhalten vermocht hätte.

Im Hof der Burg verwandelte der Zauberer sich wieder in einen Drachen, nahm den mehr toten als lebendigen alten Grafen in seinen mächtigen Fang und flog davon in die Finsternis. Ein gewaltiger Blitz schälte seine Gestalt ein letztes Mal aus der Dunkelheit, dann hatte die eisige Nacht ihn verschluckt.


Calract flog nach Norden. Er flog die ganze Nacht und den nächsten Morgen, und am späten Vormittag erreichte er sein Ziel: Lunaloc. Der Ort, an dem alles angefangen hatte, das eigentliche Herz seiner Macht.

Wenn das hier fällt, dann ist meine Herrschaft gebrochen, dachte der Zauberer bei sich, als der gewaltige Vulkanberg vor ihm auftauchte. Nach allem, was er in den letzten Tagen erlebt hatte, erschien dem Schwarzen König selbst das nicht mehr ausgeschlossen. Der Feind verfügte über Mittel, von denen Calract sich keine rechte Vorstellung machen konnte. Und irgendwie stecken Alessandra und Willi ganz tief da mit drin. Ich weiß nur noch nicht genau, wie. Aber das werde ich herausbekommen. Calract dachte an die Ritter, die zusammen mit den Elfen das Gartenland überfallen hatten. Es war ein ziemlich wild zusammengewürfelter Haufen gewesen, größtenteils Arcadier oder Leute, die für Arcadier gehalten werden wollten. Kaum anzunehmen, daß so ein Aufmarsch ohne Wissen und Billigung des Weißen Königshauses geschehen war. Und dennoch haben meine Beobachter nichts davon erfahren. Calract erinnerte sich, daß er ein paar ziemlich seltsame und vage Berichte bekommen hatte, doch erst jetzt, im nachhinein, fügten diese sich zu einem Bild. Die Tarnung der Elfen war praktisch perfekt gewesen.

Wenig später landete der Schwarze König auf dem Grund des erloschenen Vulkans. Einige Drachen kamen herbeigeflogen. Calract berichtete ihnen den neuesten Stand der Dinge. Seine Kinder waren ziemlich bestürzt über das, was sie erfahren mußten. Calract hatte hier 200 Drachen und 2000 sonstige Lunaloc-Dämonen stationiert. Er bezweifelte allerdings, daß das im Ernstfall reichen würde und schärfte seinen Kindern größte Wachsamkeit ein.

Dann schulterte er den Grafen, den er die ganze Zeit mit seinen Zauberkräften am Leben gehalten hatte, und betrat die Höhle, die hinab zu dem geheimnisvollen Kraftzentrum des Mondes führte - Lunaloc.

*

Franzisko heißt du, nicht wahr? Franzisko Graf zu Bremren.

So ist es.

Ich werde aus dir einen Drachen machen. Du wirst unsterblich sein und eins meiner Kinder werden. Was hältst du davon?

Ich hätte lieber eigene Kinder gehabt. Du hast sie mir genommen.

Ich bedauere das. Es war ein Mißverständnis. Ihr Menschen habt mich und meine Dämonen angegriffen, obwohl ihr gar nicht mein Ziel wart. Ich wollte nur den Schwarzen Thron. Übrigens, Franzisko, hast du schon mal von den Orna-Dämonen gehört?

Orna-Dämonen ... natürlich.

Die Königin von Delandau war zum Beispiel eine davon. Jetzt regiert dort ihre Tochter.

Die Tochter einer Dämonin ist auch eine Dämonin.

Nein, sie ist ein Mensch. Kinkiralinlin hat einen Menschen geheiratet, und sie hat ihm zwei menschliche Kinder geschenkt. Ehrlich gesagt hat noch keines meiner Kinder je einen Menschen geheiratet und dasselbe versucht, aber ich bin mir ziemlich sicher, daß das geht. Und ohne die Gedanken an den Grafen zu richten dachte Calract zu sich Wer weiß, vielleicht finden Tschuri oder Kyraia mal einen Menschenmann, den sie lieben und heiraten wollen. Nun, im Moment würde es leichter sein, einen Menschenmann zu finden, der sie töten wollte ...

Calract wandte sich wieder dem sterbenden Körper des Grafen zu. Er spürte das Herz heftig pochen, als dieser erkannte, was seine Worte bedeuteten.

Ja, ganz recht: du kannst doch noch Kinder haben, die dir auf den Thron folgen. Bei der Umwandlung werde ich extra darauf achten - zum ersten Mal übrigens. Dein Stamm wird nicht erlöschen.

Calract spürte die Frage, die dem Grafen auf der Zunge lag, für die er aber nicht die richtigen Worte fand. Er "sagte":

Du hast recht. Früher habe ich Menschen einfach entführt und aus ihnen meine Lunaloc-Armee geschaffen. Doch diese Zeiten sind vorbei. Menschen bestimmen diese Welt, und wenn ich mit Menschen zu tun habe, versuche ich, mich an ihre Regeln zu halten. Ich dachte, wenn ich das täte, würde ich das vermeiden können, was nun doch eingetreten ist ... dabei hätte ich das gar nicht nötig. Ich könnte immer noch Menschen in meine Gewalt bringen, und nach der Umwandlung wären sie meine mir treu ergebenen Kinder. Dennoch, heute frage ich, ob der Kandidat mit der Verwandlung einverstanden ist. Also, Franzisko Bremren: willst du ein Drache werden, ein Lunaloc-Dämon, ein Kind des Schwarzen Königs?


35. Kapitel - Der Angriff der Riesen

Der 7.6.1269 war ein Tag, den man in der Grafschaft Bremren nicht so schnell vergessen würde. Denn am Nachmittag dieses denkwürdigen Tages kehrte der Herrscher dieses Landes von den Toten zurück.

Als gewaltiger Drache landete er mitten auf dem Marktplatz seiner Hauptstadt Belgabas. Der Markt war längst vorbei, doch dieser Teil der Stadt war immer sehr belebt. Schnell versammelte sich ein großer Menschenauflauf um den Drachen, hielt aber einen gehörigen Abstand ein. Denn man wußte heutzutage ja nicht mehr, ob so ein unvermittelt auftauchender Drache Freund oder Feind war. Es gab da die wildesten Geschichten. Und hatte nicht ein Drache den fast toten Grafen geraubt und gefressen?

"Ruft Doktor Hold, Maid Andree und Ritter Gabriel", rief der Drache den Menschen zu. Diese verstummten. Niemand hatte damit gerechnet, daß dieses prächtige, majestätisch wirkende Reptil zu ihnen sprechen würde. Und daß es diese Namen kannte.

Der Drache sah seine Untertanen langsam und aufmerksam an, und irgendwie bekamen die Menschen dabei ein ganz seltsames Gefühl. Nicht Furcht, im Gegenteil. Dieser Lunaloc-Dämon weckte Vertrauen in ihnen. Es war, als sei er gekommen, um sie zu beschützen.

Es dauerte nur Minuten. Der Marktplatz lag praktisch direkt vor der Burg. Als erste erschien Andree, tapfere Schildmaid und immer treu ergebene Dienerin des Grafen. Ihr praktisch auf dem Fuß folgten der Doktor und Ritter Gabriel. Die drei waren Graf Bremrens engsten Vertraute. Er kannte sie alle schon seit ihrer frühesten Kindheit.

Die Menge teilte sich und ließ die drei durch. Furchtlos traten sie vor den Drachen hin. Dieser schwenkte seinen mächtigen, geschuppten Kopf zu ihnen und blickte ihnen tief in die Augen.

Stille kehrte ein. Die Menschen spürten, daß hier etwas Wichtiges geschah.

Maid Andree war die erste, die den Grafen erkannte. Es rührte den alten Mann, der nun ein mächtiger Drache war, tief im Innersten seines Herzens, als er die Tränen in Andrees Augen aufsteigen sah. Doch auch die beiden anderen erkannten ihn wieder.

"Seid Ihr es ... Euer Durchlaucht?"

Bremren nickte.

"Graf Bremren, seid Ihr wirklich zu uns zurückgekehrt?"

Maid Andree konnte nicht länger an sich halten. Sie stürmte auf den Drachen zu und umarmte schluchzend seinen Hals. Ein Raunen ging durch die Menge.

Doktor Hold drehte sich zu den Versammelten um und rief mit begeisterter Stimme: "Ein Wunder ist geschehen. Unser Herrscher ist zu uns zurückgekehrt. Hoch lebe unser geliebter Graf."

Das brach den Bann. Die Menschen brachen in lauten Jubel aus und ließen den Grafen hochleben. Franzisko war tief erschüttert über diesen begeisterten Empfang. Seine Untertanen waren immer schon sehr anhänglich gewesen und hatten, nachdem er seine Familie verloren hatte, mit ihm gelitten. Daß sie ihn aber auch jetzt, wo er ein Lunaloc-Dämon war, so begeistert willkommen hießen, das hätte er nicht zu hoffen gewagt.

Nachdem sich der Jubel etwas gelegt hatte, richtete der Drache sich auf und sprach dann: "Mein liebes Volk! Der Mann, der mein Leben zerstört hat, hat mir nun ein neues geschenkt. Ich weiß jetzt, daß der Schwarze König kein böser Mensch ist. Er ist nur anders als wir, aber wir können ihn verstehen, wenn wir nur wollen. Der Krieg, denn die Elfen gegen ihn führen, ist großes Unrecht, und es würde mich sehr betrüben, wenn Ritter aus meinem Land daran teilnehmen würden."

Er machte eine Pause und blickte hinüber zu dem Hügelland, das direkt hinter der Stadt begann.

"Calract hat mir versprochen, daß ich Kinder haben werde. Sie werden eines Tages über dieses Land herrschen. Ich selbst bin euch zwar zurückgegeben worden, doch in meinem neuen Leben kann ich nicht mehr als Graf die Regierungsgeschäfte führen. Ich werde mich in die Berge zurückziehen und von dort über euch wachen, meine lieben Kinder. Und wann immer ihr meinen Rat oder meine Hilfe braucht, dann kommt zu mir. Ich bin für euch da."

Bremren blickte zu seinen drei Getreuen hinab. "Meine tapfere Schildmaid. Immer schon habe ich mir einen Sohn gewünscht, der so ist wie du. Du hast alle Eigenschaften einer echten Herrscherin: Edelmut, Weisheit, Tapferkeit, Stärke, Klugheit und Güte. Ich will, daß du von nun an dieses Land führst. Und wenn es das Schicksal so will, dann wird vielleicht eines Tages mein Sohn deine Tochter heiraten und so mein Geschlecht fortführen." Er beugte sich zu Maid Andree hinab und küßte sie auf die Stirn.

Dann faltete er seine Flügel aus und erhob sich majestätisch in die Luft. Nach einer Runde über der Stadt, bei der ihm seine Untertanen begeisterten Applaus schenkten, zog er nach Osten, wo er sich unweit der Stadt in einem lieblichen Tal einen Platz suchte, an dem er von nun an zu leben gedachte.

*

Na, das ist ja besser gegangen, als ich gedacht hatte. Auch Calract, der das von Ferne mit Hilfe eines kleinen Zaubers verfolgt hatte, erhob sich nun in die Luft und flog davon. Allerdings war sein Weg sehr viel weiter, denn er wollte zurück ins Gartenland.

Und so flog er dahin und hatte plötzlich das Schwarze Gebirge unter sich. Irritiert schüttelte er den Kopf. Das gibt's doch nicht, daß ich in die falsche Richtung fliege. Das ist mir schon ziemlich lange nicht mehr ... Er wollte umkehren, doch irgend etwas hielt ihn davon ab. Ein seltsames Gefühl, vielleicht eine innere Stimme, ließ ihn weiter nach Norden fliegen, hinein in das endlose, nahezu menschenleere Land König Karls.

Aufmerksam sah Calract sich um, und schließlich sah er unter sich etwas ... irgendwie wußte er auf einmal, daß er dort landen sollte.

Also tat er es und blickte sich, nachdem er sich wieder zurückverwandelt hatte, wachsam und mit geöffnetem Stirnauge um.

Das Land, über das er zuletzt geflogen war, war ein lichtes Busch- und Heideland gewesen. Der Boden bestand aus ausgewaschenem Sand und war so unfruchtbar, daß hier außer anspruchslosesten Pflanzen nichts wuchs. Selbst Bäume gab es nur vereinzelt, Birken hauptsächlich. Aber eine kleine Stadt hatte es hier mal gegeben, und an deren Rand befand der Zauberer sich jetzt.

Erinnerungen kamen hoch. Ja, verdammt, hier war ich schon mal ... das ist ... das war doch Kitsai, Hotarus Heimatdorf. Viel hatte die Eiserne damals bei ihrem Rachefeldzug nicht übriggelassen von dieser Ansiedlung, und 20 Jahre Wind, Wetter und Wildnis hatten den Ruinen den Rest gegeben. Wenn hier Wald hätte wachsen können, wäre von dem ehemaligen Dorf wahrscheinlich überhaupt keine Spur mehr geblieben.

Na schön, aus irgendeinem Grund bin ich jetzt also in Kitsai. Aber wieso? Langsam ging Calract die Straße entlang auf den überwucherten Trümmerhaufen zu, der einmal die Kirche gewesen war. Dort war ... etwas. Calract ging näher an die Stelle heran und sah plötzlich in der Luft ein Fünkchen, das zwar winzig war, aber hell strahlte. Er trat ein paar Schritte zurück. Das Fünkchen wurde etwas größer. In Calract erschienen Bilder. Und auf einmal wußte er, was hier los war. Nur ein Wesen, das er kannte, teilte sich auf diese Weise mit.

Der Schwarze König ließ den Splitter des Mondkristalles aufsteigen und aktivierte ihn. Dann richtete er die gewaltige Kraft dieses Steines auf den Funken und 'griff zu'. Er bekam einen Körper zu fassen ... zwei Körper, wie er zu seiner Verwunderung feststellte. Jetzt noch tausende von Kilometern entfernt, doch Calract hielt sie schon fest und zog sie hindurch durch den magischen Tunnel, und dann standen sie vor ihm: Riinari und Chebesch, die Kohleprinzessin.

Calract sah die Göttin des Lichtes mit seinem spöttisch-wölfischen Lächeln an.

"Warum, zum Teufel, gerade in Kitsai?", sagte er anstelle einer Begrüßung.

Die Göttin antwortete mit ihrem engelhaften Lächeln.

Calract stellte fest, daß sie sich auf ihrem Weg Kleider besorgt hatte. Anscheinend hatte sie, zumindest bis auf weiteres, den Gefallen am Nackt-sein verloren. Sie trug einen schwarzen Hosenrock mit weiten Beinen, der kurz vor ihren Knöcheln endete, wo das Leuchten ihrer Füße begann. Ihren Oberkörper bedeckte ein ebenso schwarzes, langärmeliges Hemd, das bis zu den Handgelenken ging und nur einen schmalen Streifen nicht-leuchtender Haut freiließ.

Die schöne Göttin setzte sich nun da, wo sie gerade stand, auf den Boden, und nahm ihre Lieblingsstellung ein: sie kreuzte die Beine vor dem Körper, spreizte die Zehen, steckte die Finger dazwischen und strich sich langsam mit den Daumen über die leuchtenden Fußsohlen. Ihr Lächeln wurde noch ein bißchen versonnener.

"Mit meinen Brüdern und Schwestern wollte ich den Weg in meine Heimat zu Fuß gehen, aber der Krieg zwingt mich, schneller dorthin zu gelangen, wo ich gebraucht werde."

Calract warf der Kohleprinzessin, die etwas abseits stand, einen mißtrauischen Blick zu, dann setzte er sich der Göttin gegenüber. "Die Elfen führen Krieg gegen mich, nicht gegen dich, meine Teuerste."

Riinari schüttelte den Kopf. "Meine Augen sehen, meine Ohren hören viel. Die Elfen wollen das Rad der Zeit zurückdrehen. Nicht länger soll der Schwarze König über die Welt rings um die Mittelländer herrschen. Nur das Schwarze Königreich steht im zu. Nicht das Gartenland, nicht das weite Westland, nicht all die Reiche, die du direkt oder indirekt kontrollierst. Ich ...", sie sah Calract direkt in die Augen, schloß die ihren dann aber, "... ich bin nicht mehr die, als die von Maarx mich erschaffen hat. Ich ..."

Sie beugte sich vor und nahm Calracts Hände zwischen die ihren: "Ich habe Angst. Der Feind ist viel mächtiger, als wir glauben. Wenn du besiegt bist, dann werden sie den nächsten Störfaktor angreifen und beseitigen. Der Schwarze König soll in sein Reich zurückkehren, aber ich? Mag ich auch eine Göttin sein, so bin ich doch vor allem eine Orna-Dämonin, ein Wesen, das nach den Vorstellungen vieler Menschen in dieser Welt keine Existenzberechtigung hat. Sie werden mich stellen und töten."

Calract schluckte. Er schätzte Riinari sehr und war über diese Feststellungen bestürzt. Denn sie hatte Recht: genauso würde es kommen.

Die Göttin fuhr fort: "Und noch etwas. C ... Calract, es fällt mir schwer, das zu sagen, mein Herz schlägt bis zu Hals." Sie holte tief Luft und sagte dann: "Du bist von meinen Brüdern und Schwestern abgesehen das einzige Wesen, dem ich blind vertraue."

Riinari blickte zu Boden. Ihre leuchtenden Finger malten leuchtende Kreise in den hellen Sand. "Wenn du angegriffen wirst, dann stehe ich dir bei, koste es, was es wolle. Wir sind beide Wesen außerhalb der normalen menschlichen Sphäre, außerhalb dessen, was die Elfen und ihre Verbündeten akzeptieren. Nur zusammen können wir unser Recht auf Leben erkämpfen."

Wieder blickte die Göttin mit ihren geheimnisvollen, hellblau schimmernden Augen Calract an und las dort seine Zustimmung. Der Schwarze König sagte schließlich leise: "Riinari, danke. Auch wenn du untertreibst: du bist ein sehr mächtiges Wesen, das niemand so einfach töten kann ..."

"So einfach nicht, das ist wahr, Calract. Aber ich bin weder allmächtig noch unverwundbar. Und ich fürchte mich. Du hast es selbst schon gespürt: die Elfen werden von einer unheimlichen Macht geschützt, von der niemand weiß, woher sie kommt und welcher Art sie ist." Sie schüttelte den Kopf und murmelte dann: "Aber es ist nicht nur dieser Krieg. Wir beide sind durch das Schicksal verbunden. Solange du lebst, fühle ich mich sicher und geborgen. Deshalb werde ich dich beschützen." Sie sprang auf und wies auf die Kohleprinzessin, die die ganze Zeit schweigend hinter ihr gestanden hatte.

"Ich habe sie dir mitgebracht ..."

Ausgerechnet sie. Ausgerechnet Chebesch, die mich vor ein paar Tagen noch töten, nein, zusammen mit einem ganzen Erdteil in die Hölle schicken wollte. Doch Maarx war tot. Die Kohleprinzessin empfand keine persönliche Feindschaft gegen den Schwarzen König. Stattdessen hatte sie sich der Göttin des Lichtes, ihrer Schwester, angeschlossen. Und so war aus einer unheimlichen Feindin eine allerdings nicht weniger unheimliche Verbündete geworden.

Die Blicke des Zauberers und der Göttin kreuzten sich, und beide erzielten eine stumme Absprache über den Ort, an dem die Kohleprinzessin eingesetzt werden sollte und warum.

"Lunaloc", sprach Riinari es schließlich aus.

"Lunaloc?", echote Chebesch fragend. "Nicht das Gartenland oder das Schwarze Schloß? Oder Orna?"

Calract schüttelte den Kopf: "Lunaloc ist die kritischste Stelle. Fällt dieser Ort, ist es aus mit mir. Riinari, du nimmst wirklich eine Zentnerlast von meinen Schultern. Ich hatte mir schon überlegt, Hotaru dort hinzuschicken, aber ich bezweifele, daß sie das Westland verlassen würde. Die verdammten Elfen brennen dort alles nieder, und sie kämpft einen verzweifelten Abwehrkampf."

"Siehst du, es ist, wie ich sagte: die Elfen wollen deine Macht brechen und dich ins Schwarze Reich verbannen."

Calract nickte. Dann meinte er: "Sehr schön ... aber wie kommst du jetzt nach Riinar?"

"Auf meinen zarten Füßen!", antwortete sie kokett.

"Ziemlich weiter Weg."

"Meine Brüder und Schwestern haben einen noch viel weiteren Weg. Und ich kann nicht mal mit ihnen zusammen sein und sie beschützen."

Calract verwandelte sich ohne weitere Worte in einen Drachen. "Steig auf, Chebesch. Und du auch, Riinari. Wenn ich sie in Lunaloc abgesetzt und eingewiesen habe, dann fliege ich dich hinunter in den Kirchenstaat. Geht ein bißchen schneller. Und außerdem, der weite Weg ist heutzutage auch nicht so ganz ungefährlich."

Und dabei dachte der Schwarze König weniger an Räuber und Banditen. Menschen hatte die Göttin des Lichtes nicht zu fürchten. Aber da draußen waren sehr viel unheimlichere Wesen unterwegs.


Und so kam es, daß Calract kaum einen Tag, nachdem er Lunaloc verlassen hatte, schon wieder dort erschien.

Der Zauberer landete auf dem Kraterrand, wo einige seiner Dämonen auf und ab marschierten oder herumsaßen und die Umgebung im Auge behielten. Die meisten Lunaloc-Dämonen waren allerdings nicht sichtbar, weil sie sich integriert hatten, was ihnen hier, in unmittelbarer Nähe des Kraftortes, besonders leichtfiel.

Riinari und Chebesch kletterten von Calracts Rücken, dann verwandelte er sich zurück. "Wo ist denn Vertharev?", fragte er in die Runde.

Vertharev war hier am Engelsberg so etwas wie der Oberbefehlshaber. Ralph de Roqueville hatte bei der Umorganisation der Lunaloc-Armee Wert auf eine klare Kommandokette und eindeutige Zuständigkeiten gelegt, doch dieses Vorhaben hatte er nicht so konsequent umsetzen können, wie er sich das gewünscht hatte. Die Lunaloc-Armee war nach wie vor nur eine sehr lockere Organisation, die von Calract abgesehen keinen Anführer mit absoluter Befehlsgewalt kannte. Jeder Dämon kämpfte im Grunde so, wie er das für richtig hielt. Aber natürlich war den Dämonen auch klar, daß sie besser kämpfen konnten, wenn sie ihre Kräfte koordinierten und bündelten. Diese Aufgabe hatte hier oben der Dämon Vertharev, und daher betrachtete Calract ihn auch als seinen ersten Ansprechpartner. Doch viele der anderen Dämonen waren neugierig und versammelten sich nach und nach bei ihrem Vater und seinen zwei Begleiterinnen.

Erstaunt sahen Riinari und Chebesch, wie aus den Felsen und Büschen zahlloses Dämonen materialisierten, darunter auch der Gesuchte.

Vertharev hatte, wenn überhaupt, dann mit einem großen, aufrecht gehenden Käfer eine entfernte Ähnlichkeit. Seine Körpersegmente glänzten in der tiefstehenden Sonne in schillernden Farben, die er im Falle eines Kampfes auch in eine Tarnung umfärben konnte.

Calract stellte sich schließlich auf einen Felsen. An die zweihundert Dämonen, darunter zahlreiche Drachen, hatten sich schon um ihn versammelt.

"Ich denke, ihr alle habt schon von Riinari, der schönen Göttin des Lichtes, gehört." Beifälliges Gemurmel war die Antwort. "Nun, die Lage hat sich nach dem Tod von Maarx so entwickelt, daß die übriggebliebenen Orna-Dämonen jetzt, äh - wie soll man sagen - die Göttin, die ja ihre Schwester ist, als ihre Mutter oder Beschützerin oder so ansehen und sich ihr angeschlossen haben. Riinari wiederum ist eine sehr enge Verbündete und Freundin von mir, und sie hat uns eine Kohleprinzessin mitgebracht: Chebesch ist ihr Name." Der Zauberer machte eine Pause und sah in die Runde. "Ja, ihr habt Recht. Einst waren wir Feinde und haben erbittert gegeneinander gekämpft. Aber ...", seine Stimme wurde etwas leiser, "Riinari sagte, daß sie mir blind vertraut. Und ich vertraue auch ihr blind. Die mächtige Kohleprinzessin wird uns helfen, Lunaloc zu beschützen. Ihr alle wißt, daß es kaum eine Macht auf der Welt gibt, die es im direkten Kampf mit ihr aufnehmen kann. Ich bin wirklich erleichtert, daß sie nun hier ist und zusammen mit euch Lunaloc bewacht."

Unter den Dämonen, vor allem den Drachen, kam leichter Unmut auf. Calract antwortete: "Ich weiß, daß ihr alle tapfere und starke Kämpfer seid, die auch den Tod nicht fürchten. Doch eure Kraft hat Grenzen, und ich fürchte ernsthaft, daß der Feind zu stark für euch ist. Die Elfen werden von einer geheimnisvollen Macht beschützt, über die wir noch nichts wissen. Ich habe es selbst schon zu spüren bekommen. Und das ist der Grund, warum Chebesch jetzt hier ist. Ihre besondere Stärke liegt im Fernkampf. Die Verantwortung eines Nahkampfes Mann gegen Mann liegt weiterhin bei euch, meine Kinder. Chebesch macht eure Kräfte hier nicht im geringsten überflüssig, sondern ergänzt sie ideal."

Die Kohleprinzessin hatte, seit sie mit Riinari materialisiert war, noch kein Wort gesprochen. Jetzt stieg sie neben Calract auf den Stein, verschränkte die Hände vor ihrer eisernen Brust, in der im Moment nur ein schwaches Glühen zu sehen war, und sagte mit leiser Stimme: "Seit von Maarx tot ist, hat sich für mich und meine Existenz alles geändert. Früher mußte ich meinem Schöpfer gehorchen und gegen die kämpfen, die ihn bedrohen, so wie Calract. Dafür wurde ich geschaffen. Doch nun ...", sie hob die Stimme, "nun bin ich frei. Ja, ich gebe es zu, daß ich erleichtert und froh über Maarx' Tod bin, den jetzt bin ich kein Werkzeug, keine Sklavin mehr, sondern eine freie Frau. Ich habe mich Riinari angeschlossen, so wie einige meiner Schwestern sich Calract angeschlossen haben. Und wenn es der Wunsch meiner Schwester und Göttin ist, daß ich an eurer Seite kämpfe, dann werde ich das mit allen Kräften tun. Ihr könnt euch auf mich verlassen!"

"Und was, wenn Riinari es sich anders überlegt und Lunaloc selbst haben will?", fragte einer der Dämonen.

Calract schüttelte den Kopf. Dann lächelte er wieder sein wölfisches Lächeln und antwortete: "Wenn ihr ihr schon nicht vertraut, dann traut wenigstens mir."

"Nun gut, Vater. Wenn es für dich in Ordnung ist, dann ist es das auch für uns!"

Und damit war die Sache beschlossen.

"Dann fange ich mal mit den Vorbereitungen an", meinte Chebesch halb zu sich selbst. Calract, der sich schon abgewandt hatte, drehte sich wieder zu ihr um, denn das, was nun folgen würde, war etwas, was man nicht alle Tage zu sehen bekam.

Auf den steilen Hängen des Engelsberges wuchsen nur wenig Bäume, wenn man es mit den endlosen dichten Wäldern verglich, die fast das gesamte Land rings herum bedeckten. Es gab aber durchaus einige Waldinseln und auch vereinzelte freistehende Bäume. Einen davon, knapp einen Kilometer von ihrem Standort entfernt, nahm die Kohleprinzessin nun ins Visier. Die Luft um sie vibrierte plötzlich. Die Aufmerksamkeit aller richtete sich auf sie. Und dann explodierte der Baum förmlich. Sämtliche Äste wurden abgesprengt, ebenso die Rinde. Der Stamm wurde wie von der Hand eines Titanen aus der Erde gerissen und flog dann mit hoher Geschwindigkeit den Berghang hinauf. Dicht neben Chebesch stoppte er und senkte sich dann auf den Boden.

Die Kohleprinzessin ging ein paar hundert Meter weiter den Kraterrand entlang und wiederholte das unheimliche Schauspiel mit einem weiteren Baum. Auch diesen positionierte sie auf dem Kraterrand. Zwischendurch ließ sie einen größeren, ebenfalls entrindeten Ast in ihre geöffnete Rückenklappe eindringen, was das Glühen in ihrem Brustkorb von schwachem Rot zu hellem Orange anfachte. Voller Interesse und Bewunderung sahen die Lunaloc-Dämonen ihr bei ihrer unheimlichen Arbeit zu.


Calract und Riinari flogen noch nicht zurück. Es wurde bereits dunkel, und so gingen die beiden in Begleitung einiger Dämonen hinunter in den Krater und dann weiter zu der eigentlichen Stätte Lunaloc. Riinari interessierte sich brennend dafür, und Calract hatte den Eindruck, die Göttin würde wohl dereinst die Macht über Orna übernehmen, die zuvor von Maarx und dann die Tuurns innegehabt hatten. Diese Orte waren Kraftzentren der Welt, und wer einen davon besaß und auch nutzen konnte, der gehörte schon eher zu den Göttern als zu den Menschen. Calract hatte im übrigen überhaupt nichts dagegen, daß seiner Partnerin diese Macht zufallen sollte. Daß er ihr blind vertraute, war nicht nur so dahergesagt gewesen. Auf jeden Fall war diese Macht bei ihr besser aufgehoben als bei einem Boris von Maarx oder gar einem dieser geisteskranken Psychopathen aus dem Tuurn-Clan.

Riinari war allerdings selbst ein Geschöpf eines dieser Orte, und man hätte nicht unbedingt vermutet, daß ein solches überhaupt dazu in der Lage war, die gleiche Macht zu erlangen, die sonst nur sein Schöpfer besaß. Doch Riinari war eine Ausnahme. Unter all den bemerkenswerten Kreaturen, die von Maarx geschaffen hatte und von denen Calract ja eines sogar geehelicht hatte, ragte die Göttin des Lichtes auf ihre eigentümliche Weise weit heraus. Sie war dabei, die Sphären der gewöhnlichen Dämonen zu verlassen. Unsicher noch waren ihre Gehversuche in der Welt der Mächtigen, doch Calract war willens, sie zu unterstützen. Und er befürchtete nicht, die Schülerin könnte dereinst den Meister überflügeln und seiner überdrüssig werden, was ja an sich nicht selten geschah.

Zu eng war dafür aber das Band, das das Schicksal dieser beiden Wesen verband, und zu groß die gegenseitige Hochachtung und auch Faszination.

Voller Staunen nahm Riinari Calracts Erklärungen in sich auf. Der Zauberer bemerkte dabei auch, daß, genau wie in Orna, die Füße der Göttin in Lunaloc keine leuchtenden Abdrücke auf dem Boden hinterließen. Er wies sie darauf hin, und sie beantwortete das mit ihrem versonnenen Lächeln.

Schließlich standen sie vor dem Spiegel, der wie aufrechtstehendes Wasser wirkte. "Hier sehen sich meine Kinder zum ersten Mal selbst. Das ist auch für mich stets ein besonderer Augenblick. Aber dieser Spiegel kann noch mehr." Calract sah sich um. Er und die Göttin waren allein. "Ich habe das Geheimnis noch nie jemandem offenbart: dieser Spiegel kann das wahre Wesen zeigen, sei es Mensch, Dämon oder ein beliebiger Gegenstand. Willst du dein wahres Wesen sehen?"

Riinari antwortete auf diese unheimlich-unnachahmliche Weise, indem sie in Calracts Bewußtsein ferne Bilder entstehen ließ, die die Antwort enthielten.

"Angst?"

Riinari blickte zu Boden.

Calract legte seine Hand auf ihre zarten Schultern und sagte: "Wenn du eines Tages wissen willst - oder mußt, wie dein wahres Wesen aussieht, dann komm' hierher und hole dir die Antwort." Dann drehte er sich um und wies auf einen der Ausgänge, die tiefer in den Vulkan führten: "Dort habe ich einen Raum eingerichtet, in dem ich oft übernachte. Komm'!"

Das Bett war aus dem Felsen herausgearbeitet und mit mehreren Lagen von weichem Stroh bedeckt. Darüber lagen etliche Kissen und Decken. Calract hatte es hier warm und gemütlich. Und recht eng. Das Herz des Zauberers schlug etwas heftiger, als er sich vorstellte, zusammen mit der Göttin in einem Bett zu schlafen, Seite an Seite. Doch anscheinend hatte Riinari überhaupt nichts dagegen. Was sie und Calract verband, war keine körperliche Liebe oder Begehren. Es war der Gleichklang zweier Wesen, die einander in vielerlei Hinsicht ähnlich und deren Schicksalsfäden eng miteinander verwoben waren.

Die Göttin zog sich aus, und Calract tat es ihr gleich. Riinari legte ihre Sachen ordentlich auf einen Stuhl zusammen, wobei jede ihrer Berührungen leuchtende Abdrücke hinterließen, die sie nachdenklich betrachtete: "Zuhause ziehe ich mir immer Handschuhe an, damit es nachts nicht so hell ist. Ich finde, man kann im Dunkeln besser schlafen."

"Naja, zu spät. Das halbe Bett leuchtet auch schon."

"Ja, tut mir leid. Weißt du, meistens denke ich gar nicht daran."

"Weißt du, Riinari, du bist deinen Schwestern doch sehr ähnlich."

"Hmm?"

"Ich meine Batchi, Linlin, Lalalu oder Arashi. Maarx hat ihre Arme zu Flügeln umgebaut, so daß nun ihre Füße ihre Hände ersetzen müssen. Aber sie leben damit völlig selbstverständlich. Für sie ist es das normalste der Welt. Genau wie für dich deine leuchtenden Hände und Füße."

Riinari setzte sich auf das Bett. Ihre Bewegungen waren ebenso vollendet wie die Schönheit ihres Körpers. Sie winkte Calract heran, und der setzte sich neben sie. Auch er war nackt.

"Hoppla!" Calract war überrascht, als Riinari ihre Stirn gegen seine Brust drückte.

Die Göttin sagte mit leiser, fast flüsternder Stimme: "Weißt du, warum ich dich so verehre? Weil du uns respektierst. Für Maarx waren wir nur Sklaven, Werkzeuge, Dinge. Er hat in uns nie fühlende Wesen gesehen. Wie es einem Mädchen geht, das auf einmal keine Arme und Hände mehr hat, war ihm egal. Oder mir. Er hat nie einen Gedanken an uns verschwendet. Ich ..."

Sie vollendete den Satz nicht, sondern sagte: "Als ich hörte, daß du eine meiner Schwestern geheiratet hast und daß ihr beide euch wirklich aufrichtig liebt, da habe ich mir geschworen, an deiner Seite zu stehen, wann immer du mich brauchst. Und wenn es sein muß, für dich zu sterben."

Calract antwortete nicht direkt. Er schlug die Decke zurück, und beide schlüpften darunter.

Calract dachte noch daran, daß er hier nun neben der schönsten Frau im Umkreis von tausend Kilometern lag, doch dann verliefen sich seine Gedanken und er schlief ein.

*

In der Nacht tobte ein heftiges Gewitter über dem Land, das am Morgen in Nieselregen überging. Calract und Riinari starteten trotzdem und flogen so hoch, daß sie schließlich die dicken Wolken unter sich ließen und die Reise in strahlendem Sonnenschein machen konnten.

"Soll ich durchfliegen oder willst du irgendwo mal eine Pause machen. Es ist ganz schön weit."

Doch Riinari schüttelte den Kopf. "Das macht mir nichts aus, mein Freund."

Und so flog die Göttin den ganzen Tag auf dem Rücken des Drachen, bis dieser endlich tief in der Nacht das Gebiet erreichte, in dem das Land Riinar lag.

"Äh, wo genau war das noch gleich. Hilf mir mal."

Riinari deutete schräg nach vorn. Calract fragte sich, woher sie das wußte. Das Land unter ihnen war finster und sah eigentlich überall gleich aus.

"Noch ein bißchen. Ja, und dort ist Disat. Dort kannst du mich bitte absetzen."

"Nicht an deinem Haus?"

"Nein, ich möchte zuerst mein Volk aufsuchen, auch wenn es schon spät ist. Ich bin lange fort gewesen."

Calract brummte zustimmend. Kaum eine Minute später hatte er den Stadtplatz Disats unter sich und schwebte hinab. Riinari stieg ab.

Der Zauberer sagte leise zu ihr: "Ich fliege sofort weiter. Und noch mal Danke für deine Hilfe."

Riinari streichelte mit ihrer leuchtenden Hand über seinen schuppenbesetzten Hals und Kopf. Dann breitete Calract seine Schwingen wieder aus und hob ab.

Irgendwann zwischen Mitternacht und frühem Morgen erreichte er schließlich wieder das Gartenland. Er landete vor dem inzwischen einigermaßen wiederhergestellten Palast und betrat diesen. Irgend jemand hatte dort immer Dienst, selbst um diese Uhrzeit. Diesmal war es einer seiner Dämonen. Der Zauberer sagte ihm Bescheid, daß er wieder da war, dann ging er in seinen Tempel. Fast war er überrascht, daß Kinkiralinlin nicht in seinem Bett lag, sondern wie eine Fledermaus kopfüber mit ihren Füßen am Eingang hing und friedlich schlummerte. Calract ging leise an ihr vorbei, um sie nicht zu wecken, doch sie schien seine Nähe zu spüren und schlug ihre gelben Augen auf. Sie blinzelte etwas verschlafen und murmelte "Hallo, mein Schatz".

"Hallo, Linlin. Bleib hängen und schlaf weiter." Calract, der selbst ziemlich müde und erschöpft war, half seinen Worten mit einem kleinen Zauber nach. Linlin merkte, daß ihr König nicht gestört werden wollte und gab sich dem Schlafzauber willig hin.

Dafür fand der Schwarze König Lalalu. Sie hatte anscheinend Gefallen daran gefunden, sich wie eine Katze vor seinem Bett auf dem Boden zusammenzurollen und dort zu schlafen. Auch sie wachte kurz auf, schnurrte ein wenig und säuselte dann zurück in den Schlaf. Calract zog sich aus, legte sich auf die Kissen und war ebenfalls nach wenigen Augenblicken eingeschlafen.


Erst spät am nächsten Vormittag erwachte der Schwarze König wieder. Lalalu war verschwunden, wie er feststellte, als er aufstand, diesmal vorsichtig, um nicht wieder versehentlich auf sie zu treten.

Dann ging er ins Freie. Dort waren etliche seiner Dämonen und Sklaven mit all den Arbeiten beschäftigt, die zu dieser Zeit so anfielen. Calract fand nichts dabei, völlig unbekleidet den kurzen Weg vom Tempel zum See zu gehen und dort ein paar Runden in dem belebenden eisigen Wasser zu schwimmen. Als er den See wieder verließ, stand Meriad mit einem Handtuch bereit. Etwas schüchtern schaute sie zu Boden, als ihr Herr sich abtrocknete, dann in sein Haus ging und einige Minuten später angezogen wieder zurückkam.

Wie jeden Morgen - zumindest jeden Morgen, an dem Calract da war - gab es auch an diesem Tag ein Feuer, an dem das Frühstück gegrillt wurde. Auf den Schultern des Schwarzen Königs lastete auch in Friedenszeiten einiges an Verantwortung, da wollte er es sich wenigstens beim Essen gutgehen lassen. Außerdem war dieses Frühstück auch immer eine gute Gelegenheit, mit verschiedenen Leuten verschiedene Dinge zu besprechen. Es ging dabei sehr formlos zu. Der Schwarze König legte keinen Wert darauf, seinen Rang besonders hervorzukehren. Wer er war, wußte sowieso jeder.

Die Sklaven hatten das Feuer auch schon entfacht und für ihren König einen Stuhl und einen kleinen Eßtisch aufgestellt. Neben der Feuerstelle stand ein größerer Tisch, auf dem teils fertige, teils noch zu bratende Speisen standen. Calract zeigte auf einen Schaschlik-Spieß. Ein Sklave wollte diesen daraufhin für seinen König braten, doch da kamen Kinkiralinlin und Lalalu angeflattert. Linlin schickte den Sklaven weg und rief fröhlich: "Willkommen zu Hause, mein Schatz. Heute werden wir beide dich mal verwöhnen." Sie nahm den Fleischspieß mit einem Fuß auf, drehte sich um, setzte sich vor das Feuer und hielt ihn dann darüber. Nachkurzer Zeit stieg bereits der leckere Duft des gebratenen Fleisches auf.

Lalalu hatte derweil einen Teller mit Kartoffelsalat gefüllt und ihn Calract auf den Tisch gestellt. Sie lächelte dem Zauberer mit ihrem sanften, fast scheuen Lächeln zu, das diesen stark an Riinari erinnerte. Trotz der großen äußeren Unterschiede merkte man, daß alle Orna-Dämoninnen Schwestern waren.

Lalalu wollte Calract nun aus einer großen Karaffe Saft eingießen, doch diese war zu schwer, als daß sie sie mit einem Fuß hätte aufnehmen können. Sie setzte sich also einfach auf den Tisch, nahm das bunt verzierte Keramikgefäß zwischen beide Füße und goß dann das Glas voll. Dann stand sie wieder auf, ergriff das Glas am oberen Rand mit großer und zweiter Zehe, drehte sich auf dem anderen Fuß, auf den sie stand, um, und setzte das Glas auf dem Tisch vor Calract wieder ab.

Neugierig sah Calract ihr zu, wie elegant sie all diese Aufgaben erledigte. Dabei wich keine Sekunde dieses selige Lächeln von ihren vollen Lippen.

Wenig später legte Linlin den fertig gebratenen Spieß zu dem Kartoffelsalat. Auch Messer und Gabel waren dort inzwischen gelandet, und Calract ließ es sich schmecken, während Linlin mit dem Grillen zweier Fische begann, einen für sich, einen für Lalalu. Die hatte inzwischen einen weiteren Stuhl an Calracts Tisch geschoben, sich ebenfalls einen Teller mit Brot, Oliven, Käse und Salat dort hingestellt, setzte sich nun hin, nahm Messer und Gabel in ihre Füße und leistete Calract nun beim Essen Gesellschaft.

Diät war eine Vokabel, die im Wortschatz des Schwarzen Königs nicht vorkam, und so aß er, bis er satt war, und das dauerte eine ganze Zeitlang. Schließlich genoß er das Essen ja auch und hatte es nicht eilig. Auch die beiden dunkelhäutigen Dämoninnen langten kräftig zu. Später, als sie schon fast fertig waren, gesellten sich noch Arashi und Prinz Alane zu ihnen.

Calract zeigte auf den Tisch, doch Arashi schüttelte den Kopf und meinte: "Danke, ich habe schon vor vier Stunden gefrühstückt. Viel zu tun, weiß du ..."

"Naja, dann betrachte es als Mittagessen." Calract blickte kurz zu Lalalu, die gerade mit ihrem dritten Fisch im Fang wieder Platz nahm, den Fisch auf den Teller fallenließ und dann begann, ihn zu zerlegen. Es war faszinierend zu sehen, wie geschickt sie Messer und Gabel mit ihren Zehen zu benutzen vermochte. Ihre Füße, obwohl fast 60 Zentimeter lang, wie bei diesen Dämoninnen üblich, wirkten fast zierlich. Batchiribanbans Füße hatten in recht breiten Pranken geendet, aus deren Zehen sie lange Krallen aus einem fast unzerstörbaren Material hatte ausfahren können. Alle Typ-IV-Orna-Dämoninnen trugen diese einziehbaren Krallen, doch Batchis waren wohl die längsten. Aber auch Kinkiralinlin hatte breite Ballen und kräftige Zehen mit langen Krallen. Lalalus Zehen waren dagegen viel schmaler, und außerdem war bei ihr die große Zehe die längste, und nicht wie bei den meisten anderen Dämoninnen die zweite. So wirkten ihre Füße sehr elegant und damenhaft. Und sie waren mindestens ebenso geschickt und beweglich wie bei Batchi und den anderen. Sie benutzte sie mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit, die Calract nur bewundern konnte. Und auch sonst hatte die anfangs so zurückhaltende Dämonin sich sehr gemacht.

Calracts Blick wanderte weiter und traf den des in einen Drachen verwandelten Prinzen von Affernavese. Eine Zeitlang sahen die beide sich an, dann sagte Alane: "Also, nicht, daß es mir hier nicht gefällt ... bei Arashi, aber ... was soll eigentlich aus mir werden, Vater? Soll ich nach Hause zurückkehren?"

Der Schwarze König nickte nachdenklich. Schließlich sagte er: "Das Ziel des Feindes ist es, meinen Einfluß zu zerschlagen und mich ins Schwarze Königreich zurückzudrängen. Zumindest behauptet das Riinari, und das dürfte wohl auch stimmen. Leider ist es ja so, daß sich meine Territorien und die der mit mir verbündeten Reiche über die halbe bekannte Welt verteilen. Jedes davon ist ein mögliches Ziel. Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht, wie ich dieser Art von Bedrohung wirksam begegnen soll. Eigentlich hilft nur eine Offensive. Ich muß einfach mehr über die Elfen wissen, wann sie wo zuschlagen. Du könntest hierbleiben und meine Streitkräfte vor Ort verstärken, oder du fliegst zurück nach Hause, um dein Land zu beschützen."

"Aber ich bin kein Krieger", protestierte der Prinz schwach.

"Du kannst fliegen und Feuer speien. Es verlangt ja keiner von dir, daß du im ersten Glied kämpfst. Aber in diesem Krieg kann keiner zurückstehen."

Alane nickte.

"Calract?"

Es war Lalalu, die den Zauberer angesprochen hatte.

"Ja?"

"Wir haben von Kyraia und den Postdrachen erfahren, was in der Weißen Stadt geschehen ist."

"Ja, und dann weißt du ja auch, daß im Weißen Schloß etwas oberfaul ist. Allein diese Barriere ist äußerst verdächtig. Die haben etwas zu verbergen, und ich werde herausfinden, was es ist. Hotaru wird den Schirm für mich knacken. Ich bin sicher, daß selbst die Macht der Elfen nichts gegen sie ausrichten kann."

"Du brauchst Hotaru nicht dafür ..." Sie blickte ihn an, und ihre blauen Augen schienen aufzuleuchten. Calract holte tief Luft. Na, da bin ich ja mal gespannt. Unwillkürlich schaute er zu Kinkiralinlin, und in ihren Augen las er ernste Zustimmung. Die gelbäugige Dämonin wußte anscheinend, daß ihre Schwester zu Dingen in der Lage war, die man ihr nicht ansah.

Nachdenklich murmelte Calract: "Ich muß mich fast bei Maarx bedanken, daß er euch erschaffen hat. Ich kann mir ein Leben ohne euch nicht mehr vorstellen. Und ohne Riinari ..."

Linlin trat an seine Seite, legte zärtlich einen Fuß auf seine Schulter, beugte sich zu ihm herunter und antwortete: "Ich kann mir ein Leben ohne dich auch nicht vorstellen, mein Liebster. Uns allen geht das so." Sie seufzte und fügte dann hinzu: "Und auch wenn es mir das Herz brechen wird, so wünsche ich doch nichts sehnlicher, als daß meine Schwester Batchi wieder zu uns zurückkehrt und den Platz an deiner Seite einnimmt." Sie hauchte Calract einen Kuß auf die Wange und sprang dann übermütig davon.

Calract blickte versonnen auf seinen leergegessenen Teller, dann hinüber zu Lalalu. Sie ist niedlich. Sie ist wunderschön, und sie hat etwas Geheimnisvolles.

"Calract?"

"Hm?"

"Danke!"

"Wofür?"

"Daß du mir vertraust."

"Wenn ich dir nicht vertrauen würde", er machte eine ausholende Geste, "dann wärst du nicht hier, meine kleine Dämonin. Nun, ich denke, ich sehe hier mal nach dem Rechten, und heute mittag fliegen wir dann los."

"Mittag ist schon", warf Arashi trocken dazwischen.

Lachend erhob sich der Schwarze König und begab sich zu den Baustellen.

*

"Da!" Calract, wieder in seiner Form als Drachen, zeigte mit einer Pfote nach unten, wo in der Dunkelheit die Weiße Hauptstadt unter ihnen lag. Lalalu hatte die Reise, wie üblich, auf seinem Rücken mitgemacht, denn so lange Strecken selbst zu fliegen war für die Dämoninnen sehr anstrengend und hätte auch viel zu lange gedauert.

"Paß auf, ich habe mir überlegt, wie wir unauffällig landen können. Erstens nehmen wir nicht den Platz am Wachhäuschen, sondern an der Rückseite des Schlosses, und zweitens werde ich mich schon hier oben zurückverwandeln und mit Dir als lebendem Fallschirm hinuntergleiten. Einverstanden?"

"Kein Problem." Und so nahm Calract wieder seine menschliche Gestalt an und hielt sich an Lalalus Füßen fest, als diese mit ihm in raschem Tempo der Erde entgegenglitt und schließlich landete.

"Hm, ich glaube, ich bin zum ersten Mal in meinem Leben hier hinter dem Schloß." Calract sah sich um. Es war der freie Platz zwischen dem Palastgebäude und der äußeren Schloßmauer, vor der noch eine Reihe von Wirtschaftsgebäuden und Ställen standen. Dicht vor ihnen befand sich die unsichtbare Barriere. "Lalalu, wir ... nanu."

Die Augen der Dämonin leuchteten in unheimlicher Helligkeit. Wie in Trance tappte sie auf die Barriere zu und setzte einen Fuß dagegen. Irrlichter huschten plötzlich über die Wand aus Energie, unheimliche, schwach glühende Schleier. Schließlich bildete sich ein Wirbel, der sich rasch ausbreitete. Calract konnte kaum glauben, was er da sah. Die Dämonin setzte unglaubliche Kräfte frei. Im Zentrum des Wirbels schließlich entstand ein schwarzer Fleck, und dort verschwand der Widerstand. Lalalus Fuß verlor seinen Halt und sie fiel nach vorne ins Innere der Barriere. Calract folgte ihr eilig, denn der Wirbel zog sich schon wieder zusammen. Einen Augenblick später war er erloschen. Die Barriere stand wieder.

Alarmiert sah der Zauberer sich um. "Lalalu! Was ist mit dir?"

Die Dämonin lag wie leblos am Boden. Calract drehte sie um und legte ihren Kopf auf seinen Schoß. Er zuckte zusammen, als sie ihre Augen öffnete. Augäpfel, Iris und Pupillen waren erloschen und nur noch tief schwarz.

"Ich glaube, wir sitzen in der Falle", hauchte Lalalu, dann wurde sie bewußtlos.

*

"Na, liebste Arashi, wie geht's denn heute?"

Neugierig hatte Alane seinen Kopf in mein Büro gesteckt und tänzelte nun vor meinem Boden-Schreibtisch, also dem Stapel an Papieren, Karten usw., die ich hier rings um mich auf dem Fußboden ausgebreitet hatte, auf und ab.

"Viel zu tun." Eigentlich freute ich mich immer, wenn er kam, aber im Moment hatte ich wenig Zeit für ihn, worüber ich im Grunde meines Herzens sehr froh war, denn es hinderte mich daran, über mich selbst nachzudenken ... "Das heißt, wenn du schon mal da bist, kannst du dich auch ein bißchen nützlich machen."

"Klar. Ich bin doch froh, wenn mich jemand braucht. Sag einfach, was ich machen soll."

"Jemand muß zum Beispiel die Piraten beruhigen. Sie verlangen Unterstützung beim Wiederaufbau ihrer Stadt." Alane wirkte etwas verdutzt. Anscheinend hatte er sich vorgestellt, ich würde ihn darum bitten, mir irgend etwas zu holen, weil ich selber ja nichts tragen konnte, jedenfalls nicht so ohne weiteres. Daß ich ihn stattdessen mit einer diplomatischen Mission beauftragen würde, damit hatte er nicht gerechnet.

Doch dann huschte ein wissendes Lächeln über seine Drachenlippen, und er antwortete gedehnt: "Kann man verstehen."

Ich lächelte zurück und antwortete: "Ja, und ich denke, wir haben, nachdem das Gröbste hier geschafft ist, ein paar Dämonen übrig, die wir ihnen abstellen können. Oder ein paar von den gefangenen Rittern, Arcadier oder was sie auch immer in Wahrheit sein mögen." Calract hatte mich als seine Majordomina mit ziemlich umfangreichen Vollmachten ausgestattet, und ich war durchaus befugt, sowohl Sklaven als auch Lunaloc-Dämonen für die Arbeiten einzuteilen, die mir nötig erschienen. Ich fand es immer noch erstaunlich, daß Calract mir, die er im Grunde kaum kannte, so viel Verantwortung anvertraute. Aber ich war entschlossen, mein Bestes zu geben und ihn nicht zu enttäuschen. Ich würde ihm beweisen, was eine Orna-Dämonin Wert war, selbst eine wie ich ... Auch wenn ich zu ihm nicht diese persönliche, herzliche, ja fast intime Beziehung hatte wie zum Beispiel Kinkiralinlin oder inzwischen anscheinend auch Lalalu. Irgendwie hatte ich bei Männern einfach in ungutes Gefühl. Calract war anders, aber trotzdem ... Nun ja, treu und ergeben dienen würde ich ihm auf jeden Fall. Ich wollte, daß er stolz auch mich war, denn dann würde ich vielleicht eines Tages auch selbst stolz auch mich sein können. Und zu meiner großen Freude und Befriedigung war es die letzten Tage sehr gut vorangegangen.

Ich zwinkerte Alane zu. "Sehr schön, dann sehe ich draußen mal nach, wer gerade frei ist, und schicke die Leute dann runter."

"Danke. Bis später dann, meine Liebste."

Wir waren schon ein seltsames Paar, Prinz Alane und ich, aber noch lange nicht das seltsamste hier. Und immerhin waren wir ein Mann und eine Frau, und nicht, wie so manche anderen, zwei Frauen. Das ging mir doch irgendwie gegen den Strich. Vielleicht war ich in dieser Beziehung einfach etwas altmodisch. Verklemmt. Sag es doch einfach - verklemmt. Und nicht nur in dieser Hinsicht.

Seyra und Meriad, die zwei Sklavinnen für Aufgaben aller Art, standen neben mir, um mir bei Bedarf zur Hand zu gehen. Auch sie schickte ich oft überall hin, um Anweisungen weiterzugeben oder Informationen zu besorgen. Außerdem war es mir ganz recht, wenn immer eine in der Nähe war, denn Calract hatte mir dieses Amt übertragen ohne viel Rücksicht darauf zu nehmen, daß ich dafür körperlich nicht gerade die ideale Kandidatin war, zumindest nicht in diesen chaotischen Zeiten. Er hatte gesagt, der Kopf zähle mehr als der Körper. Tja, für ihn war das auch kein Problem, er konnte sich schließlich in alles verwandeln, was er wollte.

Es hatte geklopft und Seyra war zur Tür gegangen. "Herrin, Frau La Fey ersucht Euch zu sprechen."

"Morga? Soll reinkommen." Ich steckte ein Lesezeichen zwischen die Blätter des Registers und klappte es zu. Dann erhob ich mich. Genauso wie bei Alane, so freute ich mich auch über den Besuch dieser reizenden Frau jedes Mal, obwohl es dafür keinen ersichtlichen Grund gab. Aber auch sie hatte ein seltsames Schicksal durch die Welt getrieben und war, genau wie ich, im Sandland beziehungsweise an dessen Rand zu Calract gestoßen. Das war, so schien mir, ein starkes Band. Und auch Morga empfand wohl so. Freudig umarmte sie mich zur Begrüßung. Es gab nicht viele hier, die so etwas wagten. Die meisten hielten respektvolle Distanz. Oder sie hielten mich für zu zerbrechlich. Oder sie trauen sich nicht, weil du sie nicht zurück-umarmen kannst. Ich mochte diese Gedanken nicht, doch sie gingen mir immerzu durch den Kopf. Welcher Platz stand mir als Armlose in dieser Welt zu?

"Herrin, sollen wir draußen warten?"

Ich blickte Morga an. "Tee?" Ich wußte, daß Morga Tee liebte.

Mehr brauchte ich auch nicht zu sagen. Wie gute Geister verschwanden meine beiden Mädchen. In wenigen Minuten würden sie mit frisch gebrühtem Tee wieder erscheinen. Manche Dinge waren so einfach, wenn man Arme und Hände hatte, und so unglaublich umständlich, wenn nicht. Ich war wirklich froh, daß ich die beiden hatte.

"Tja, setzt dich doch, Morga. Ein paar Kissen zum Draufsetzen haben wir ja noch." Ich setzte mich wieder zwischen meine Unterlagen, und mehr Platz gab es hier sowieso nicht. Dann blickte ich sie auffordernd an.

"Ich, äh, also ..." Etwas verloren schaute sie auf dem Boden herum.

"Laß mich raten: du kommst dir hier etwas überflüssig vor?"

Sie nickte langsam. "Ja. Weißt du, Arashi, ich bin doch eigentlich Lehrerin. Naja, wenn man davon absieht, daß ich über zwanzig Jahre lang ein Baum gewesen bin. Also jedenfalls würde ich gerne wieder als Lehrerin arbeiten, aber ..."

"Tja, das hat Calract natürlich nicht wissen können, daß genau, wenn er mit uns hierherkommt, ein Krieg ausbricht."

Meine Blicke blieben irgendwie bei Morga hängen, die immer tiefer in dieses Sitzkissen einsank. Ich war froh, daß ich hier auf solidem Marmor saß, denn so ohne weiteres hätte ich mich aus diesem Kissen gar nicht mehr befreien können. Schließlich zog ich eins der Inventarbücher aus dem Stapel. "Eigentlich", sagte ich zu Morga, während ich es aufschlug und durch die Seiten blätterte, "hätte es genügend Möglichkeiten für dich gegeben. Gerade im Westland werden Lehrer gesucht. Aber jetzt im Augenblick haben die da oben andere Probleme ... wir alle eigentlich ..." Ich schlug das Buch wieder zu.

Die Tür wurde geöffnet, und Meriad kam mit einem Tablett herein, das sie auf den Boden auf eine freie Stelle absetzte. Dann goß sie mir und Morga ein und zog sich dann wieder zurück.

Ich nahm eine der Tassen und reichte sie Morga, die ein ziemlich unglückliches Gesicht machte. Vielleicht ging ja doch etwas.

"Lehrerin, tja ... Was hast du denn so unterrichtet?"

"Vor allem kleinen Kindern habe ich Lesen, Schreiben und alles über Tiere und Ackerpflanzen beigebracht."

Ich schüttelte den Kopf. Im Westland brannte es an allen Ecken und Enden. Tausende waren auf der Flucht. Was die Leute dort brauchten, waren Soldaten, keine Lehrer. Und nach allem, was ich von Calract gehört hatte, war mit einer Ausweitung dieses Krieges jederzeit zu rechnen.

"Nein, ich glaube, wenn du hierbleibst, dann kannst ... aber Moment mal. Wenn du in deine Heimat zurückkehrst? Die Sonneninsel ist friedlich. Dort ..."

"Nein! Ich will bei Calract bleiben!"

Calract. Auch ich war seiner Faszination erlegen, deshalb verstand ich die Gefühle meiner Freundin nur zu gut. "Aber es ist sehr gefährlich hier, Morga!"

Die Frau beugte sich nun vor und legte ihre Hände auf meine Füße. Dann sagte sie: "Arashi, ich habe so viel gesehen, mich schreckt nichts mehr."

"Aber mich. Wenn du sterben würdest, was glaubst du dann, wie ... wie ich ..."

"Und wenn du stirbst, Arashi? Trotzdem bleibst du hier."

"Das ist etwas Anderes. Ich bin eine Dämonin. Mich kann man nicht so leicht töten."

"Nein? Aber die Elfen jagen ganz besonders Dämonen. Du bist kein bißchen weniger gefährdet als ich!"

Sie umklammerte meine Füße nun energisch und sagte: "Wir müssen einander beschützen. Du beschützt mich, und ich dich. Und wenn eine von uns es nicht schafft, dann haben wir doch unser Bestes gegeben! Auf keinen Fall werde ich weglaufen."

"Morga ..."

Sie sah mich entschlossen an und nickte zur Bestätigung ihrer Worte.

Ich war gerührt. "Du hast recht, Freundin. Vielleicht können wir gegen den Tod am Ende nichts ausrichten, aber bis dahin werden wir zueinanderstehen."

"Jawohl. Und jetzt werde ich gehen und da draußen eine Arbeit finden, mit der ich mich nützlich machen kann, egal, was es ist!"

"Ah, warte. Ich habe gerade Alane losgeschickt, um Arbeiter zusammenzusuchen, die bei der Piratenstadt helfen sollen. Das wär' doch was."

"Ja, super. Und vielleicht kann ich denen auch noch etwas beibringen." Morga war ganz begeistert. Ich freute mich. Doch, mein neues Leben war schön. Oft unerwartet schwer, denn all das hier hatte es im Verwunschenen Land nicht gegeben, aber schön. Ich konnte vieles bewegen, alle vertrauten mir ... "Nanu, was war das?"

Morga war aufgesprungen und sah sich unsicher um. Die Erde hatte gezittert. "Da, jetzt wieder!" Die Tassen klirrten auf ihren Untertassen. Dann das nächste Beben.

Draußen brach Unruhe aus. Morga und ich stürmten ins Freie. Was war da zu sehen bekamen, war so unglaublich, daß wir uns fragten, ob wir wachten oder träumten.

Denn da, kurz hinter der Mauer, stand ein Riese. Das heißt, er stand nicht, er kam näher. Schritt für Schritt, und bei jedem seiner Schritte erzitterte der Boden. Schon flogen Dutzende von Drachen um den Riesen und griffen unter heftigem Feuerspeien an, doch gegen dieses 200 Meter hohe Ungeheuer waren sie nur Fliegen. Der Riese machte nicht mal den Versuch, sie abzuwehren, denn sie konnten ihm sowieso nichts anhaben.

"Da, das Dorf!" Dem wiederaufgebauten Dorf der Invaliden wendete sich das Monster als erstes zu und begann, es systematisch dem Erdboden gleichzumachen.

Die Pegasuspferde, die unweit gegrast hatten, stoben wie Schneeflocken davon. Sie wenigstens würde dieses gigantische Monster nicht erwischen.

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Linlin neben mir landete und mich entgeistert ansah.

Ich atmete tief durch und brüllte dann aus Leibeskräften: "Wir evakuieren." Ich streckte die Flügel aus dem Hemd heraus und flog hoch. Aus zehn Metern Höhe wiederholte ich meinen Befehl. "Los, zur Piratenstadt. Nehmt alles mit, was ihr tragen könnt, und rette euch auf die Schiffe!"

Vier Schiffe lagen gerade vor Anker, zwei davon halb ausgebrannt, aber noch schwimmfähig. Ich flog sofort los, beschlagnahmte sie und ließ sie zum Auslaufen bereitmachen. Angesichts dessen, was da auf uns zukam, war es nicht schwer, die Piraten von der Notwendigkeit zu überzeugen. Die ersten Menschen und Dämonen trafen bereits ein, darunter auch Alane. Ich hielt ihn auf und rief: "Paß auf, mein Schatz. Wir haben keine Zeit mehr. Jeder, der auf einem der Schiffe ist, bleibt dort. Keiner darf mehr zurück nach oben und noch etwas holen. Der Riese wird in ein paar Minuten da sein." Alane nickte. Ich flog davon, und er sorgte dafür, daß alles koordiniert ablief.

Der Riese hatte nicht lange gebraucht, das Dorf zu plattzutreten. Es mußte Dutzende von Toten gegeben haben. Immer noch griffen die Drachen an, aber es war völlig zwecklos. Ich sah Tann, der hier im Moment der Anführer war, einer der wenigen übrigens, der ohne Assistent flog. Ich flatterte zu ihm hinüber und rief: "Angriff beenden. Ihr werdet für etwas viel Wichtigeres gebraucht."

Der riesige Drache schüttelte den Kopf: "Wir machen weiter", und nahm erneut Kurs auf den Riesen, der nun langsam hin und her lief und dabei systematisch alles niedertrampelte, was Calract hier in den letzten 20 Jahren aufgebaut hatte. Bäume, selbst die Felsen mit den kleinen Quellen, die Obstplantagen, die Felder, alles, was nach dem letzten Angriff noch übrig war, wurde jetzt niedergemacht und restlos vernichtet.

"Tann!" Ich flog vor seine riesige Schnauze. "Ich befehle dir, deine Drachen zu sammeln und dich in der Piratenstadt bei den Schiffen einzufinden!" Ich streckte ihm meine Krallen entgegen, denn es war mir bitter ernst. "Ohne euch Drachen sind alle verloren. Die Schiffe werden in wenigen Minuten auslaufen, aber sie können in der kurzen Zeit, bis der Riese hier ist, nicht weit genug kommen. Er wird sie trotzdem erwischen. Ihr müßt sie hinausziehen, versteh' doch!"

Mit einem gewaltigen Flügelschlag raste der riesige Drachen über mich hinweg, aber ich war erleichtert zu sehen, daß er meine Anweisung eingesehen hatte und befolgte. Die Drachen zogen ab, einige landeten kurz und nahmen noch Flüchtlinge auf. In unglaublich kurzer Zeit sammelten sich alle, Freie, Sklaven, Dämonen, die Drachen und wir, Lalalu und ich, unten bei den Piraten. Das erste Schiff legte ab und ließ sich von vier Drachen davonschleppen. Ich hoffte, sie würden weit genug kommen.

Doch es sah gut aus. Der Riese hatte gerade den Palast in einen Steinbruch verwandelt. Dort, wo ich vor fünfzehn Minuten noch friedlich Tee getrunken hatte, erstreckte sich jetzt eine in Staubwolken gehüllte Geröllhalde. Mit Calracts Bibliothek aber hatte er kein leichtes Spiel. Wütend trat und schlug er immer wieder darauf ein, doch Calracts Zauber hielt - noch.

Zehn Minuten lang hielt dieser faszinierende Bau stand, dann begannen sich die ersten feinen Risse durch die riesigen Scheiben zu ziehen, und nur wenige Augenblicke später brach der Würfel zusammen. Aber diese zehn Minuten hatten uns gerettet, die Schiffe waren allesamt weit draußen und damit in Sicherheit.

Ein letztes Mal flog ich zurück, um weiter zu beobachten. Der Riese zerstörte als nächstes den Tempel, dann wandte er sich der Piratenstadt zu. Er kniete sich auf der Oberkante des Steilufers nieder und langte mit einer Hand nach unten. Damit rasierte er mit einer einzigen Bewegung sämtliche Gebäude oder das, was noch davon übrig war, ab. Holzsplitter und Trümmer regneten ins Meer. Dann erhob er sich wieder und ging zurück zu den Überresten des Tempels. Ich dachte daran, wie viele von Calracts phantastischen Bildern soeben vernichtet worden waren.

Der Riese stellte sich genau auf die Stelle, wo der Eingang zum Unendliche Land war. Jetzt wurde mit klar, daß dieser Zugang das eigentliche Ziel dieses Angriffs sein mußte. Doch es kam noch besser. Der Riese versteinerte. Langsam zerflossen seine menschlichen Konturen und wandelten sich um in einen gewaltigen Berg.

Es dauerte ein paar Minuten, doch dann war alles Leben aus ihm gewichen. Ein steinernes Monument der Elfenmacht verschloß nun den Zugang zum Unendlichen Land. Der Angriff war damit anscheinend erfolgreich abgeschlossen.

Im Grund hieß das, wir hätten zurückkehren können. Die Gefahr war vorbei. Und der Zugang zum Unendliche Land versperrt. Dennoch flog ich zu den Schiffen hinaus. In das verheerte Gartenland zurückkehren, das kam nicht mehr in Frage.

Auf den Schiffen herrschte eine drangvolle Enge. Ich landete auf der Kommandobrücke. Eigentlich war der Kapitän einer der Piraten - Etegton hieß er - und nicht ich, trotzdem hatte ich den Oberbefehl über diese Flotte. "Wir nehmen Kurs auf die Chadney-Insel!", befahl ich.

"Aye aye, Frau Arashi!"

Die Chadney-Insel, flächenmäßig etwa viermal so groß wie das Gartenland, lag gut 150 Kilometer östlich von hier. BQMZ hatte sie in langen Kämpfen, die bereits jetzt zu Legenden geworden waren, schließlich für sich erobert und unterhielt dort mehrere wichtige Stützpunkte. Auf jeden Fall war es Ort, der uns erst einmal Rettung versprach.

Nachdenklich sprang ich auf das Unterdeck und sah mich um. Plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Ich drehte mich um. Es war Morga. "Du hast dein Versprechen gehalten und mich beschützt. Danke, Arashi." Auch die anderen sahen mich voller Bewunderung und Anerkennung an. Gerade wollte ich etwas sagen, da landete mal wieder Linlin neben mir. "Chadney?"

Ich nickte.

"Ich fliege zurück zum Gartenland. Jemand muß ja auf Calract warten, oder?" Sie breitete ihre ledernen, fast schwarzen Schwingen aus und erhob sich in die Luft. Kinkiralinlin bot einen majestätischen Anblick, und ich verstand, warum sie auf sich und ihren Körper so stolz war. Lange sah ich ihr nach, wie sie nach Nordwesten entschwand.

Ein Tumult entstand, als der Drache Tann auf dem Deck landete. Wegen seiner Größe sah er nicht nur ziemlich bedrohlich aus, er brauchte natürlich auch eine Menge Platz. Er sah mir in die Augen und sagte dann mit seiner tiefen Stimme: "Es tut mir leid, daß ich dir nicht gleich gehorcht habe, Arashi. Weiß du, wir Drachen sind manchmal etwas eigensinnig und lassen und nicht gerne etwas von Außenstehenden befehlen. Aber du, du gehörst ab jetzt zu uns. Du bist eine von uns, Arashi."

Ich war gerührt. Trotzdem war jetzt nicht die Zeit für Sentimentalitäten. Ich bedankte mich bei Tann stellvertretend für alle Drachen und fragte dann, wie lange er für einen Flug zur Chadney-Insel brauche.

"Nun, etwa eine Stunde. Wenn ich mich sehr beeile, eine halbe."

"Gut. Da ihr sowieso nicht alle hier landen könnt, solltet ihr nach und nach die Flüchtlinge auf dem Luftweg dorthin bringen, denn hier auf den Schiffen ist es so eng." Tann nickte, erklärte es dann den anderen Drachen, es waren nahezu 200, die ständig um die Schiffe kreisten, und dann begannen sie, Flüchtlinge aufsitzen zu lassen. Einer nach dem anderen flog ab, und nachdem die erste Welle weg war, waren die Schiffe schon erheblich leerer.

"Wenn wir alle mithelfen, dann schaffen wir es!", verkündete ich optimistisch.

*

Es war Morgen geworden über dem Weißen Schloß. Lalalu hatte Recht gehabt. Nichts kam in die Barriere hinein, und nichts hinaus, wie Calract frustriert feststellen mußte. Außerdem funktionierten in diesem extrem starken Feld seine Zauberkräfte nicht. Er konnte nicht mal etwas für Lalalu tun, außer neben ihrem leblos wirkenden Körper zu sitzen und darauf aufzupassen.

Tja, zu weit vorgewagt. Der Zauberer nutzte die goldenen Sonnenstrahlen und sah sich um. Das Schloß und seine Umgebung wirkten völlig verlassen. Kein Wunder. Wenn niemand hinein- oder hinaus kann, dann werden sie wohl alles Personal, die Ritter, die Pferd und so weiter vorher abgezogen haben. Aber Wilhelm kann rein und raus. Er muß ein magisches Objekt haben, das ihm das ermöglicht. Nur sind solche Objekte nicht leicht herzustellen. Es gibt bestimmt nur ein oder zwei davon. Das heißt, außer ihm gibt es hier fast niemanden, und damit bin ich hier in relativer Sicherheit, zumindest, solange ich mich ruhig und unauffällig verhalte.

"Cal ... ract."

"Lalalu!"

"Calract", flüsterte die Dämonin kaum hörbar. Sie öffnete ihre Augen, doch diese waren immer noch völlig schwarz und leer. Sie züngelte ein wenig. Calract verstand und senkte sein Ohr ganz dicht an ihre Lippen herab.

"Weißt du, wenn ... man im zweidimensionalen Raum eine Sphäre parametrisiert, dann geht das glatt. Im vierdimensionalen Raum auch. Aber in drei Dimensionen entstehen immer zwei Singularitäten ..."

Calract blickte die Dämonin an wie das achte Weltwunder. Nachdem er verdaut hatte, was sie eben gesagt hatte, murmelte er: "Das ist an sich eine faszinierende Erkenntnis, meine Liebe, aber ist das hier wirklich der richtige Ort, um einen Vortrag über die Parametrisierung multidimensionaler Kugeln zu hal ... was hast du gesagt, Singularitäten?" Lalalu lächelte matt, und doch irgendwie spitzbübisch. Calract murmelte: "Singularitäten, das heißt, dort hat die Kugel ein Loch."

"So ähnlich. Und ... diese hier sind genau da, wo man sie naiverweise vermuten würde. Eins oben", sie hob einen Fuß und wies auf den Zenit der Barriere, "und eins unten."

"Hm, also brauchen wir entweder eine Leiter oder eine Schaufel. Was meinst ... he, Lalalu!"

Doch die Dämonin war wieder ohnmächtig geworden. Besorgt stellte der Zauberer fest, daß ihr Körper immer kälter wurde.

Verdammt, die Zeit wird langsam knapp.

Lalalu bewegte sich wieder. "Calract", flüsterte sie kaum noch hörbar, "laß mich hier zurück und rette dich."

"Lalalu-Mädchen, eher friert die Hölle zu, als daß ich dich hier zurücklasse!"

Doch Lalalu hörte seine Worte schon nicht mehr.

Na, immerhin schlägt ihr Herz noch, stellte Calract erleichtert fest. Er war schon erschrocken und hatte gedacht, Lalalu hätte sich mit ihren letzten Worten von ihm verabschieden wollen. Doch noch lebte sie. Calract nahm ihren wie leblos wirkenden, schlaffen Körper auf und ging hinüber zum Schloß. Sie ist so leicht. Alle Dämoninnen der Vierer-Baureihe waren erstaunlich leicht, auch Batchi wog keine 30 Kilo. Und doch, was für unglaubliche Kräfte schlummerten in ihnen. Und nicht nur das, Batchi war Calracts Sonnenschein, ihre hingebungsvolle Liebe hatte sein Leben schön gemacht. Auch für Lalalu empfand der Zauberer eine starke Zuneigung und den unbeugsamen Willen, sie zu beschützen und zu retten. War ihr Erschaffer Boris von Maarx auch sein Todfeind gewesen, seine Hinterlassenschaft entpuppte sich als einer der kostbarsten Schätze auf Erden.

Calract war vor der Schloßmauer angekommen und überlegte.

Dort, wo jetzt das Weiße Schloß stand, hatte es vor langer Zeit natürlich andere, kleinere Gebäude gegeben. Einige wenige Teile davon waren an einigen Stellen in das neue Schloß eingearbeitet worden, so daß es zusätzlich zu dem großen Hauptportal weitere Zugangsmöglichkeiten gab. Mit Lalalu auf dem Rücken klapperte Calract nun eine dieser Türen nach der anderen ab, und schließlich hatte er Glück.

Vergessen abzuschließen. Wie unvorsichtig. Aber nachdem eigentlich sowieso niemand da ist, ist es wohl egal. So leise es ging, drückte der Zauberer die schwere Türe auf. Vorsichtig sah er sich um, aber auch hier war alles verlassen. Auch Tiere waren weder zu sehen noch zu hören. Warum dieses Theater, wenn niemand mehr hier ist? Doch da irrte der Zauber sich.

Calract schritt langsam einen ziemlich finsteren Korridor entlang. Rechts zweigte eine Tür ab, und am Ende gab es eine weitere. Der Zauberer kannte in groben Zügen den Grundriß des Schlosses, deshalb entschied er sich für die Tür am Gangende. Er fand sie allerdings verschlossen vor.

Na, mal sehen. Calract zog seinen Dolch hervor und begann, im Türschloß herumzustochern. Aha, da ist der Hebel ja. Wenn ich ...

Es kam sicher nicht oft vor, daß der Schwarze König zu Tode erschrak, aber als plötzlich das Schloß von der anderen Seite geöffnet und die Tür aufgerissen wurde, machte Calract einen Satz zurück und landete auf seinem Hintern dicht neben Lalalu, die er dort abgelegt hatte. Er erholte sich aber sehr schnell wieder und sprang vor. Einen Augenblick später hatte der Mann, der unter der Tür stand, seinen Dolch am Hals.

"König Harro!"

"Calract!"

Größer konnte die Überraschung auf beiden Seiten kaum sein.

Calract faßte sich schnell wieder. Zur Zeit hatte er die Oberhand, Harro trug zwar ein Schwert, aber das steckte in seiner Scheide. Doch der Weiße König-Vater machte keine Anstalten, Calract anzugreifen oder sich überhaupt irgendwie zu wehren. Calract sah sich um. Sie befanden sich im Kabinett, einem wenig genutzten Seitenraum des großen Thronsaales. Verstaubte Bücher füllten meterhohe Regale, und man sah deutlich, daß dieser Raum nur selten betreten wurde. Calract ließ langsam das Messer sinken.

Harro trat einen Schritt zurück und setzte sich dann wieder auf den Stuhl, auf dem er wohl auch zuvor schon für eine unbestimmte Zeit gesessen hatte. Er sah Calract an und schüttelte den Kopf.

Wie immer, nahm der Zauberer sein Ziel direkt in Angriff. Er fragte den alten König nicht, wie es ihm ging und was er hier machte. Er wollte wissen, wie er hier wieder herauskam: "Unter dem Schloß gibt es doch noch Verließe, eine richtige zweite Stadt, habe ich mir mal sagen lassen."

Harro sah ihn immer noch wortlos an. Er wirkte alt und verloren.

"Wo ist eigentlich Alessandra?"

"Wie seid Ihr hier hineingekommen? Nein, sagt nichts. Irgendein Zauber, wie üblich."

Calract deutete nach hinten. Dann holte er die bewußtlose Dämonin und legte sie auf den großen Eichentisch. Das würde ein phantastisches Bild werden. Dieses wunderschöne, bewußtlose Dämonenmädchen auf diesem uralten, riesigen Eichentisch, umspielt von einer knappen Handvoll dünner Sonnenstrahlen, in denen die Staubkörner tanzen. Calract bedauerte es sehr, an diesem Ort weder die Zeit noch die Ausrüstung für ein Gemälde zu haben.

Mit leiser Ironie murmelte der Weiße König: "Wenn der neue König das sehen würde: eins der Wesen, die er so fanatisch haßt, mitten im geheiligten Weißen Schloß."

"Wilhelm ... und Ihr?"

Harro schüttelte wieder den Kopf. Dann sagte er: "Was wollt Ihr hier?"

"Alessandra!"

"Sie ist nicht hier."

Calract zückte wieder den Dolch.

"Das nützt Euch nichts. Ich weiß nicht, wo sie sie hingebracht haben."

"Wer?"

"Wilhelm und die Elfen."

"Die Elfen. Wußte ich's doch! Ist Euch klar, was sie da angerichtet haben? Nach dem Willen der Elfen soll dieser Krieg geführt werden, bis eine Seite physisch ausgelöscht ist. Von der Welt, wie ihr sie kennt, wird dann nichts mehr übrig sein. Wie kann Alessandra ..." Calract hielt inne. Der Weiße König weinte. Er saß auf seinem Stuhl, preßte die Fäuste in stummer Verzweiflung auf den Tisch und schluchzte.

"Hört zu, Harro. Lalalu hat mich hier reingebracht, aber das Kraftfeld ist zu stark. Wir sitzen hier fest. Aber es gibt einen Ausgang, ganz unten in der Tiefe. Und Ihr werdet uns dort hinbringen, verstanden!"

Harro hatte sich wieder aufgerichtet. Er sah Calract fest in die Augen und sagte: "Ich werde Euch hier herausbringen. Aber unter einer Bedingung!"

"Und welche?"

"Daß Ihr mich mitnehmt."

Calract zog überrascht die Augenbrauen hoch. Hier gingen sehr, sehr seltsame Dinge vor.


Das Weiße Schloß war nicht ganz so leer, wie Calract gedacht hatte. Ohne die Hilfe Harros wäre er sicherlich früher oder später jemandem in die Arme gelaufen. Wilhelm hatte diesen Ort zum Hauptquartier seiner Verschwörung gemacht, und so befanden sich hier öfters etliche Elfen, aber auch seine Söhne und manch einer der Ritter und Generäle, die mit ihm gegen den Schwarzen König kämpfen wollten.

"Zur Zeit ist keine der Elfen da, sonst würden sie euch bestimmt wittern. Diese Biester sind gefährlich. Kommt, hier entlang."

Harro führte Calract, der wieder Lalalu trug, eine enge Treppe hinunter. Mit einer Fackel leuchtete er den Weg aus. Unten ging es durch einen Korridor, von dem mehrere Seitengänge abzweigten. Harro bog in einen von diesen ein und erstarrte.

Wie in Zeitlupe sah Calract den König in den Hauptgang zurückfliegen, begleitet von einem Schwall Blut, der aus seinem zerfetzten Bauch drang. In hohem Bogen flog die Fackel durch die Luft. Doch bevor sie auf dem Boden aufschlug, schälte ihr rötliches Licht noch die Gestalt eines Dunkelelfs aus der Finsternis. Und dieser sprang nun aus dem Seitengang hervor.

Normalerweise wäre ein solches Wesen für Calract kein Gegner gewesen, doch der Elf hatte ein Kurzschwert aus Lichtmetall, das dem Zauberer in jedem Fall gefährlich werden konnte. Vor allem aber konnte Calract im Moment nicht zaubern.

Ironischerweise rettete ausgerechnet König Harro Calracts Leben, zumindest für die nächsten Sekunden, denn der Elf, der mit einem gewaltigen Satz vorgesprungen war, rutschte auf Harros Blut aus und verlor das Gleichgewicht. Reflexartig ruderte er mit seinen Schwingen durch die Luft, aber es war hier unten viel zu eng, als daß er sich auf diese Weise schnell wieder hätte ausbalancieren können, und landete stattdessen auf dem Boden. Calract erkannte seine Chance. Zum Äußersten Entschlossen stürzte er sich mit seinem Dolch auf den Elf, und der machte einen tödlichen Fehler. Er aktivierte seine Zauberkräfte, um den Angreifer abzuwehren, weil er in diesem Augenblick hilflos am Boden lag und keine andere Möglichkeit mehr hatte. Calract wurde von einem heftigen Schlag getroffen und durch eine grelle Helligkeit geblendet. Einen Augenblick später sah er den Kopf des Elfs über den Boden rollen. Wie der Schatten des Todes stand Lalalu über dem geköpften Leib. Ihre Augen glühten in grellem Blau wie zwei Scheinwerfer aus einer fremden, unheimlichen Dimension.

Als der Elf sein Leben aushauchte und seine Kraft erlosch, da verließen auch Lalalu wieder ihre Kräfte, die sie von dem Elf abgesaugt hatte. Immerhin blieb sie dieses Mal aber bei Bewußtsein.

Calract faßte sich schnell. "Wir haben nicht viel Zeit", rief er zu Lalalu, die wieder kraftlos am Boden lag. "Wenn noch mehr von denen hier sind, dann haben sie bestimmt gemerkt, daß einer der Ihren getötet wurde. Dann ist hier die Hölle los. Aber eins muß ich vorher trotzdem noch tun."

Er hob die Fackel auf. Obwohl sie im Blut gelegen hatte, brannte sie noch, verbreitete aber einen unangenehmen Geruch, bis das daran klebende Blut verbrannt war. Calract beugte sich über König-Vater Harro, der im Sterben lag. "Ich kann nichts für Euch tun, mein Freund. In diesem Feld habe ich keine Macht. Welche Ironie, daß Ihr durch das Werk Eurer eigenen Tochter und Eures Schwiegersohnes das Leben verliert." Er nahm Harros Hand und hielt sie fest.

"Calract", röchelte Harro mit letzter Kraft. "Bitte, rette Alessandra. Ich weiß jetzt, nein, ich habe schon immer gewußt, daß Wilhelms Weg ins Verderben führt. Befreie meine Tochter von diesen Ungeheuern, Calract."

Das waren Harros letzte Worte. Er schloß die Augen, dann entspannten sich seine Gesichtszüge. In seiner letzten Sekunde hatte er keine Schmerzen mehr. Dann starb er. Calract war tief betroffen. Ein großer Mann hatte die Welt verlassen.

Keine Zeit zur trauern. Wir müssen weg. Calracts Furcht war nicht unbegründet. Schon waren oben hastige Schritte und das Klirren von Metall zu hören. Sie werden mir das anhängen. "Lalalu, wohin?"

"Dort", sie deutete mit einem Fuß in einen Gang. Schwankend erhob sie sich, aber Calract nahm sie wieder auf und spurtete los. Das Schwert aus Lichtmetall nahm er jedoch mit. Es war viel zu wertvoll, um es hier zurückzulassen.

Augenblicke später hörte er hinter sich Schreie des Entsetzens. Der Kampf gegen den Elf hatte Spuren hinterlassen, die auch an dem abgebrühtesten Krieger nicht einfach so abprallten.

Der Zauberer erreichte eine Tür, doch sie war verschlossen. Da entwand Lalalu sich ihm und zertrümmerte mit zwei Tritten ihrer krallenbewehrten Füße die Scharniere. Anscheinend kehrten in der Nähe des Pols langsam ihre Kräfte wieder zurück.

"Halt! Wer auch immer ihr seid, ihr werdet eurer grausamen Strafe nicht entgehen!"

Wilhelm. Und schätzungsweise drei weitere Ritter. Ah, ich spüre, wie auch meine Kräfte langsam zurückkehren. Tja, kleiner König, damit hast du wohl nicht gerechnet, mit den Singularitäten einer 3-Sphäre. Da hättest du in Mathematik besser aufpassen sollen. Was natürlich Unsinn war ... Mathematik dieser Art wurde nicht mal an Akademien gelehrt, jedenfalls an keiner, die Calract kannte. Beiläufig fragte der Zauber sich, woher diese schwarzhäutige Orna-Dämonin so ein Wissen hatte. Selbst die besten Gelehrten der bekannten Welt hatten heutzutage von solchen Dingen keine Ahnung. Sie kannten nicht mal die Worte.

Calract stürmte weiter. Erleichtert sah er endlich das Loch. Er befand sich in einem großen, mit Schutt und verrottetem Schrott angefüllten Raum, in dessen Mitte ein Brunnenschacht weiter in die Tiefe führte. Ein kleiner Teil des Gitters lag noch auf dem Rand, der Rest war längst verrostet und in die Tiefe gestürzt. Und dort unten, in knapp fünf Metern Tiefe, sah der Zauberer das sich in irisierendem Blau um sich selbst drehende Loch.

König Wilhelm stürmte in die Halle. "Calract! Du Teufel. Du wirst bitter für den Tod meines Schwiegervaters bezahlen, das schwöre ich."

"Trottel. Der Elf war's. Dein Schweigervater ist von seinen eigenen Verbündeten um ..." Doch Wilhelm hörte gar nicht zu. Blind vor Haß, mit gezogenem Schwert, stürmte er auf Calract zu.

Und der sprang nun mit Lalalu im Arm in die Tiefe. Als er das Loch passierte, erhielt er seine volle Macht zurück und teleportierte sich in Sicherheit.


*


"Hmmm!" Rió seufzte. Es war wirklich schwer in diesen Tagen, den Betrieb noch aufrechtzuerhalten. Sie blickte auf die Karte und hob den roten Stift. "Die auch, Denrah?"

Der Angesprochene war der Lunaloc-Dämon, der zusammen mit fünf Menschen in der großen Poststation von Trok arbeitete. Rió war die Chefin, sie war aber nicht nur für dieses Verbindungsbüro zuständig. Trok war der Hauptumschlagplatz für Post nach Norden und Nordosten. In den dortigen Reichen gab es über 40 Stationen, und alle diese fielen in den Verantwortungsbereich der schönen Frau. Natürlich hatte jedes Verbindungsbüro seinen eigenen Leiter, aber die oberste Koordination über alle zusammen oblag Tschuris Schwester. Oder besser gesagt - hatte oblegen, denn die meisten dieser Stationen existieren nicht mehr. Wahllos war eine nach der anderen niedergebrannt worden.

Gerade war wieder ein Drache gelandet und hatte eine neue Verlustbotschaft überbracht. Rohnfelden hatte es erwischt. Rió setzte den Stift auf die Karte und sah fragend zu ihrem Assistenten hinüber. Der vierarmige Dämon nickte, und Rió strich die Stadt aus. Sie seufzte wieder. "Ausgerechnet Rohnfelden." Über diese Stadt nahe der Quelle des Taquis, weit im Osten des karolingischen Reiches gelegen, lief praktisch die gesamte (konventionelle) Post des Blauen Landes. König Erich hatte sich sturerweise all die Jahre geweigert, auch nur ein einziges Verbindungsbüro auf seinem Land zuzulassen. Wie sich nun zeigte, hatte diese abweisende Haltung aber auch ihre Vorteile. Überall brannte es, im kalten Land des alten Bärentöters jedoch herrschte tiefster Friede.

Es war fast eine Ironie des Schicksals, daß Rohnfelden die Gegend war, wo der der Zikadenmann Choru Ellis einige Jahre gewohnt und von der aus er seinen blutigen Weg begonnen hatte. Damals noch ein winziges Dorf in tiefster Wildnis, das nicht mal einen Namen gehabt hatte, war Rohnfelden danach zu beiden Seiten des Flusses neu errichtet worden und seitdem nicht zuletzt dank der Drachenpoststation zu einer recht wohlhabenden mittelgroßen Stadt geworden.

"Wenigstens hat es diesmal keine Toten gegeben", brummte Denrah. "Der Drache hat den einzigen Lunaloc-Dämon, der dort gearbeitet hat, retten können. Die Menschen wurden verschont." Das war, wie Rió wußte, bei weitem nicht immer der Fall, auch wenn anscheinend vor allem die Dämonen und die Stationen selbst Ziele der Elfen-Angriffe waren. Traurig blickte die Frau auf die Karte. Wie soll ich das nur König Calract erklären?

Sie sah nach draußen. Es war Mitte Juni und ein strahlend schöner Tag. Warum muß an einem so schönen Tag Krieg sein?

Rió hatte als kleines Mädchen Krieg, Flucht und Sklaverei am eigenen Leib erfahren. Ausgerechnet der Mann, den sie jetzt mehr als jeden anderen verehrte, war der Auslöser dieser schrecklichen Ereignisse gewesen: Calract, der Schwarze König. Doch war Calract damals ein brutaler Eroberer gewesen, der den Schwarzen Thron haben wollte und auf das Leid, das er nebenbei über die Menschen brachte, nicht die geringste Rücksicht genommen hatte, so war er in den Jahren danach ein vollkommen anderer Mensch geworden. Seit er sein Reich hatte, zeigte er sich als weiser und verantwortungsbewußter Herrscher, der längst mehr Gutes über seine Untertanen brachte, als er damals Böses angerichtet hatte.

Es klopfte. Denrah öffnete das Tor. War anfangs das troker Verbindungsbüro in einer kleinen Stadtwohnung untergebracht gewesen, so residierte es längst in einer großen Villa am Rand der Stadt. Rió ging ebenfalls zur Tür und begrüßte den Eintretenden. "Ah, Baron von Remlingshausen. Seid uns willkommen."

Der Baron von Remlingshausen entstammte einer sehr weitläufigen Familie und hatte Verwandte in vielen Ländern. Diese standen untereinander in recht engem Kontakt, und so war er einer von Riós besten Kunden. Die junge Frau merkte nicht, daß diesmal etwas Anders war. Irgend etwas stimmte nicht.

"Ich hätte eine dringende Sendung nach Manako."

"Das tut mir leid, Herr Baron. Der Drache ist vor ein paar Minuten abgeflogen."

"Aber ich habe eben noch einen landen sehen."

"Das war einer aus dem Nordosten. Dort wurde wieder eine Station ... Ihr wißt schon. Er ist inzwischen auch weitergeflogen, hinunter ins Gartenland."

"Dann ist also kein Drache anwesend."

"Nein, Herr Baron. Tut mir sehr leid."

Wortlos drehte der Baron sich um, ging zur Tür und rief nach draußen: "Die Luft ist rein. Wir können anfangen."

Denrah reagierte schneller als Rió, die nicht begriff, um was es ging. Doch auch der Dämon konnte nichts mehr ausrichten. Die ersten Brandfackeln flogen bereits durch die zersplitternden Scheiben. Denrah konnte einige löschen, doch dann drangen mit Schwertern und Messern bewaffnete Männer in die Station ein und gingen auf den Lunaloc-Dämon los, während der Baron persönlich mit einer Brandfackel alles Erreichbare anzündete.

Rió kam sich vor wie in einem Alptraum. Das konnte doch nicht sein. Sie kannte den Baron seit fast 20 Jahren. Und ebenso die Männer, die hier nun so blindwütig alles kurz und klein schlugen. Viele von ihnen waren, als sie damals angefangen hatte, noch kleine Kinder gewesen. "Baron ... das ist doch sicher alles ein Mißverständnis!", rief sie verzweifelt. "Bitte, Ihr ..."

Der Baron schlug sie mit einem Faustschlag zu Boden und brüllte: "Fahr zur Hölle, du verdammte Hexe!"

Dieser Wunsch ging in Erfüllung, allerdings nicht für Rió. Stattdessen hatte Denrah einem der Männer das Schwert entwunden. Jetzt zeigte sich mal wieder, aus welchem Holz Calract seine Dämonen geschnitzt hatte. Erreichten sie auch nicht das Niveau der Orna-Dämonen, so hatten sie einen Menschen jedenfalls nicht zu fürchten. Von den vier Männern, die sich auf Denrah gestürzt hatten, lebte einen Augenblick später keiner mehr. Ihre Einzelteile bedeckten den Boden, auf dem stellenweise knöcheltief das Blut stand. Wo es auf brennendes Holz traf, stieg es mit ekelerregendem Gestank als Rauch auf.

Insgesamt waren an die 20 Männer bei dem Überfall beteiligt, und halb Trok stand draußen auf der Straße und sah zu, wie die Poststation niedergemacht wurde. Viele von ihnen feuerten Baron von Remlingshausen und seine Männer lautstark an. Dieser stürzte sich nun auf Rió, zog sie an den Haaren hoch, setzte ihr das Messer an die Kehle und brüllte außer sich: "Du gibst uns diese Bestie oder wir bringen dich um!"

Entsetzt sah Rió in das Gesicht des Barons, das kaum noch etwas Menschliches an sich hatte. Doch eins war sicher: eher würde sie sterben als ihren langjährigen Mitarbeiter und Freund auszuliefern.

Drüben bei Denrah kam es zu einem wüsten Tumult. Feuer, Schreie, Blut, all das vermengte sich zu einer Kakophonie des Grauens. Irgendwann fand Rió sich im Freien. Denrah, aus einigen tiefen Wunden blutend, hatte sie hinausgezerrt und rannte nun mit ihr davon. Dicht hinter ihnen raste der tobende Mob, vor ihnen lag die Leiche eines jungen Mannes. Es war einer von Riós Mitarbeitern. Man hatte ihn auf offener Straße totgeschlagen.

Rió wußte nicht, wie Denrah es schaffte, mit ihr aus der Stadt zu entkommen. Und wirklich in Sicherheit waren sie noch lange nicht, denn die Menschen waren ihnen nach wie vor dicht auf den Fersen und begannen nun systematisch die Gegend zu durchkämmen. Denrah stöhnte.

"Oh Gott, du bist schwer verletzt."

"Flieh, Rió!"

"Nein, ich laß' dich hier nicht allein zurück, Denrah, mein Freund!"

"Du mußt. Ich werde mich hier in diese alte Linde integrieren. Mit der Kraft des Mondes kann ich meine Wunden heilen und wieder zu Kräften kommen. Aber die Menschen dürfen mich nicht finden. Fällen sie den Baum, muß ich herauskommen. Wenn du hierbleibst, Rió, wirst du mich verraten. Also flieh. Laufe nach Süden in das Gartenland. Nur dort bist du sicher. Leb' wohl!" Und dann verschwand der gewaltige Dämon unter einer irisierenden Leuchterscheinung und sickerte in den alten Baum ein.

Hastig sah Rió sich um, doch die Menschen waren noch weit genug weg. Keiner konnte es gesehen haben. Rió verwischte die Blutspur, die Denrah hinterlassen hatte, so gut es ging, dann floh sie tiefer in die Wälder, um sich, wenn sich die Lage beruhigt haben würde, zum Gartenland durchzuschlagen.

*


Ich, Kinkiralinlin, die stolze, schöne und in diesem Moment ziemlich ratlose Dämonin, stand vor dem Berg. Dem Berg, der hier vor einer Stunde noch nicht gewesen war. Ich konnte es im Grunde immer noch nicht glauben, daß einfach so ein Riese anmarschiert war, alles niedergetrampelt hatte und dann zu einem Berg geworden war, der unser größtes Heiligtum versperrte.

Äußerlich sah der Berg aus, als bestünde er aus genau demselben hellen Kalkstein, aus dem das ganze Gartenland auch bestand. Vorsichtig berührte ich den Stein mit einer Zehenspitze. Nichts passierte. Kein Blitz oder Fluch oder so ... Ich fuhr meine Krallen aus und hieb sie in den Berg. Der Versuch endete schmerzhaft: das Gestein war sehr viel widerstandsfähiger als das, auf dem mein anderer Fuß noch ruhte. Den Grund dafür hatte ich ebenfalls gespürt: auf dem Berg lag ein Zauber. Derselbe Zauber, der die Elfen so gut vor unseren Gegenangriffen schützte. Der Zauber tat mir nichts. Aber er verhinderte eben, daß ich dem Berg etwas tat. Meine Krallen, denen nicht einmal gehärteter Stahl widerstehen konnten, hatten nur fünf feine, kaum sichtbare Kratzerchen hinterlassen. Unmöglich, den Berg auf mechanische Weise abzutragen.

Ansonsten wer der Berg allerdings harmlos, und so beschloß ich, ihn zu erklettern. Ganz grob hatte er noch die Form des Riesen, aus dem er entstanden war, das heißt, er war ziemlich steil, alles in allem aber unten breiter als oben und nicht ganz regelmäßig.

Wollen wir doch mal sehen, ob ich ohne zu fliegen da hinaufkomme. Der Ehrgeiz hatte mich gepackt. Ich suchte mir eine passende Stelle und sprang hoch. Schritt um Schritt arbeitete ich mich den Felsen hoch, und wenn meine Krallen auch nicht tief in den Stein eindringen konnten, so reichte es doch, um mir immer wieder einen festen Halt zu geben. Trotzdem dauerte es fast eine Stunde, bis ich auf dem Teil des Berges angekommen war, der einmal die Schultern des Riesen gewesen war. Es wurde mir nun doch zu blöd und ich flatterte den Rest bis auf den Gipfel hinauf.

"Whow!" Man konnte sagen, was man wollte, aber von hier oben hatte man wirklich eine sensationelle Aussicht auf das ganze Umland. Eigentlich - ich konnte fliegen und sah so etwas ständig, doch jetzt, nachdem ich diesen Berg zur Abwechslung mal auf konventionelle Art erklommen hatte, wußte ich das erst richtig zu schätzen. Weit in der Ferne konnte ich noch die Flotte erkennen. Von unten aus war sie schon hinter dem Horizont verschwunden, aber hier, in über 200 Metern Höhe, war sie zumindest für meine scharfen Augen noch deutlich sichtbar. Ich war beruhigt, daß es den Schiffen gutging. Man konnte ja nie wissen.

"Tja, und was nun?" Ich sah mich um. Es war schon irgendwie ein Unterschied, ob ich so hoch flog oder gemütlich saß. Denn für ein flugfähiges Wesen wie mich war es an sich natürlich kein Problem, mich 200 Meter oder noch viel mehr zu erheben. Trotzdem, dieses Ambiente hatte schon was.

Ein weiteres Mal kratzte ich an dem Stein, doch auch hier wirkte der Zauber - natürlich. Tja, also machte ich es mir genau auf den höchsten Punkt bequem und wartete.

Und wartete.

Und wartete. Es wurde Nacht, dann wieder Tag.

Und dann kam ein Drache angeflogen. Ich erkannte ihn sofort als Calract. Auf seinem Rücken trug er Lalalu. Kurz darauf landete er neben mir und verwandelte sich zurück. Platz genug war hier oben nämlich für uns drei. Der Riese hatte einen ziemlich großen Kopf gehabt.


"Tja, so war das." Es war Abend geworden. Wir waren längst wieder auf den Boden zurückgekehrt und ich hatte Calract und Lalalu erzählt, was sich zugetragen hatte. Lalalu schaute ungläubig den Berg hinauf, während Calract sein wölfisches Lächeln aufsetzte. Dann öffnete er sein drittes Auge und feuerte einen mächtigen Energiestrahl gegen den Berg. Er hinterließ einen hell glühenden, aber enttäuschend kleinen Krater. Calract schüttelte den Kopf: "So geht es nicht. Übrigens, Linlin-Mädchen, gibt es Nachrichten vom Schwarzen Schloß, Orna oder Lunaloc? Ich könnte mir gut vorstellen, daß dieser Angriff nur Teil einer größeren Aktion war."

Ich zuckte zusammen. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. "Was machen wir jetzt?", piepste ich. Ich sah Calract an und rief: "Wie kannst du so ruhig sein in so einer Situation?" Calract lächelte wieder sein wölfisches Lächeln. "Du hast einen Plan!" Seine Augen funkelten und ich rief begeistert: "Calract, du bist einfach wunderbar. Aber übrigens - habt ihr Alessandra gefunden?"

Calract wollte antworten, doch Lalalu kam ihm zuvor und sagte: "Wir sind in eine Falle gegangen. Wegen meiner Ungeschicklichkeit hätte es beinahe Calracts Leben gekostet. Ich ..."

"Immer mit der Ruhe, Lalalu. Fangen wir mal von vorne an."

Calract erzählte mir dann, wie Lalalu die Barriere durchbrochen und ihnen beiden Zutritt verschafft hatte. Selbst ich hatte nicht gewußt, daß meine grauhäutige Schwester über solche Fähigkeiten verfügte. Anscheinend hatten sie die Macht der Elfen aber gehörig unterschätzt, und selbst jetzt noch rieselte mir bei Calracts Erzählung so mancher Schauer über den Rücken. Und ein tiefes Bedauern über den Tod König Harros.

Es war Nacht geworden und Lalalus Augen leuchteten in versonnenem Blau. Schweigend saßen wir am Fuße des Berges und sahen hinauf zu den Sternen.

"Calract?" Es war Lalalus leise Stimme.

"Hm?"

"Danke. Danke, daß du mir das Leben gerettet hast."

Eine Zeitlang sagte der Zauberer nichts. Schließlich antwortete er: "Ich weiß nicht, ob du es mitbekommen hast da drinnen, aber ich habe zu dir gesagt, daß eher die Hölle zufriert, als daß ich dich dort allein zurücklasse. Und das habe ich auch verdammt noch mal genauso gemeint, Lalalu!"

"Aber ich habe dich in diese Lage gebracht. Du hättest sterben können."

"Manchmal muß man halt was riskieren. Und manchmal geht es auch schief. Das ist eben so." Calract rückte näher an Lalalu heran, legte einen Arm um sie und streichelte ihr über ihre samtigen Haare. Sie begann leise zu schnurren.

Ich wackelte aufgeregt mit den Ohren. Wenn ich die beiden so sah, bekam ich wieder richtig Lust ...

"He, Lalalu. Da siehst du, was für ein toller Mann Calract ist. Und im Bett erst! Willst du es nicht mal versuchen?"

Lalalu sah mich ziemlich entgeistert an, während Calract leise zu lachen begann. Ich machte einen Satz zu ihm und schmiegte mich dann eng an ihn. Es war so ein herrliches Gefühl. Er war einfach mein Traummann, der Mann aller Männer.

Abrupt erhob Calract sich. Ich spürte, daß er eine Entscheidung getroffen hatte.

"Ich fliege zum Schwarzen Schloß und dann nach Lunaloc. Lalalu: du fliegst zu Riinari, berichtest ihr, was hier geschehen ist und erkundigst dich nach der Lage bei ihr. Dann kommst du wieder hierher zurück. Und du, Kinkiralinlin, kannst mit ihr fliegen oder hier auf meine und ihre Rückkehr warten." Mit diesen Worten verwandelte er sich in seine Drachengestalt - es war jedes Mal wieder ein faszinierender Anblick - und erhob sich dann pfeilschnell in die Luft. Einen Moment später hatte die Nacht ihn verschluckt.

*

Calract landete am nächsten Vormittag nahe dem Berg, der an der Stelle stand, an dem zuvor die Ruine des Schwarzen Schlosses gestanden hatte. Dieser Berg war aus dunklem Stein, auch er hatte also zumindest äußerlich die Konsistenz der Umgebung angenommen.

Um den Schwarzen König versammelten sich innerhalb weniger Minuten Dutzende von Drachen und anderen Lunaloc-Dämonen. Sie hatten alles versucht, gegen den Riesen aber keine Chance gehabt. Calract tröstete sie: "Keine Angst. Ich glaube, ich weiß, was wir mit diesem Berg machen und wie wir wieder in das Unendliche Land kommen. Wartet ein paar Tage. Und, äh, geht nicht so nahe heran ..."

Dann flog er weiter, nach Norden. Er war zuversichtlich, beim Engelsberg eine deutlich andere Lage vorzufinden.

*

Lunaloc, drei Tage zuvor.

Der Großangriff kündigte sich freundlicherweise Stunden zuvor an, als sich viele Kilometer vor dem Vulkanland plötzlich drei Riesen aus dem Wald erhoben. Unter den entsetzten Blicken der Dämonen, die Lunaloc bewachten, wuchsen sie zu einer Höhe von weit über 200 Metern empor. Dann begannen sie langsam auf den Vulkanberg zuzustapfen. Ihre donnernden Schritte waren selbst über diese Entfernung zu hören. Oder zu spüren.

Das alleine wäre schon schlimm genug gewesen, doch die Elfen verließen sich bei diesem so entscheidenden Ziel nicht auf die Riesen, sie griffen auch selbst an.

Nervös standen Vertharev und etliche anderen Dämonen auf dem Grat und sahen hinaus in das weite Waldland. Die Elfen waren für menschliche Augen völlig unsichtbar, Lunaloc-Dämonen vermochten sie aber immerhin schemenhaft zu erkennen. Außerdem trugen viele von ihnen Schwerter aus dem alles durchdringenden Lichtmetall, das ihre Macht nicht unsichtbar machen konnte, so daß diese ein deutliches Ziel bildeten.

"Am besten lassen wir die Drachen ausschwärmen und den Feind schon möglichst weit draußen abfangen", schlug Vertharev vor.

Die übrigen Dämonen fanden diesen Plan sehr gut und wollten sich schon bereitmachen, als ein vernehmliches "Nein!" ertönte.

Chebesch trat vor. "Wenn die Drachen da draußen sind, habe ich kein freies Schußfeld mehr."

"Aber ... wieso. Die Riesen sind noch viele Kilometer entfernt, und die Elfen kommen immer näher."

"Warte es mal ab. Geht mal ein paar Schritte zurück und dann in Deckung! Möglichst tief runter."

Die Dämonen sahen einander unsicher an. Die sonore Stimme der Kohleprinzessin ließ keinen Widerspruch zu. Nicht wenige der Anwesenden waren dabeigewesen, als Calract das Alptraumland belagert hatte und erinnerten sich noch an diese Kämpfe. Scheu zogen sie sich wie gefordert zurück.

Chebesch stellte sich breitbeinig auf den Kraterrand, den drei von Süden anrückenden Riesen genau entgegen. Sie atmete tief ein, und ihr mechanisches Herz begann schneller zu rattern. Mit leisem Quietschen öffnete sich in ihrem Rücken eine Klappe. Ein durchdringendes Summen ertönte, und die Luft um sie herum begann zu flimmern. Einer der Baustämme schwebte empor und hinter die Kohleprinzessin. Dann beschleunigte er und drang mit beachtlicher Geschwindigkeit in ihren Rücken ein. Vorne kam aber nichts heraus. Es war unheimlich anzusehen, wie die Kohleprinzessin den riesigen Stamm absorbierte. Gleichzeitig wurde aus dem schwach rötlichen Glühen, das ständig in ihrem Brustkorb zu sehen war, ein grelles Blau-Weiß, heller als die Sonne.

Und dann löste sie den Schuß aus. Es war, als hätte Chebesch die Macht von Himmel und Hölle zur Erde geholt. Der Strahl war so grell, daß selbst die widerstandsfähigen Augen der Lunaloc-Dämonen geblendet wurden. Den Bruchteil einer Sekunde später traf er sein Ziel.

Der Riese hatte nicht die Spur einer Chance. Kopf, Oberkörper und Arme verdampften einfach, der Rest zerlief zu weißglühender Lava. Zurück blieb ein riesiger, mehrere Kilometer durchmessender Krater, gefüllt im Zentrum mit gelbglühendem flüssigem Gestein, das unheilvoll vor sich hin brodelte. Weiter zum Rand hin waren immerhin ein paar Bäume stehengeblieben, standen aber lichterloh in Flammen.

Die beiden anderen Riesen hatten erschrocken haltgemacht, aber Chebesch ließ ihnen nicht viel Zeit zum Nachdenken. Ruhig und gelassen lud sie den nächsten Stamm und feuerte erneut. Auch von dem zweiten Riesen blieb nur ein feuriger, lavagefüllter Krater.

Der dritte Riese drehte nun um und floh voller Panik mit beachtlicher Geschwindigkeit.

Vertharev und die anderen erwarteten den dritten Schuß, doch der erfolgte nicht. Schließlich wagte der Anführer der Lunaloc-Dämonen sich wieder nach oben, um nachzusehen, was aus der Kohleprinzessin geworden war. Diese war auf Hände und Knie zusammengebrochen. Anscheinend waren diese Schüsse auch für sie ziemlich anstrengend.

"Wasser. Jemand muß mir Wasser nachfüllen", rief sie keuchend. "Schnell, ich will den da nicht entkommen lassen."

Vertharev schickte einen Drachen hinunter zum Uva. Nach wenigen Minuten kam dieser mit einem Maul voller Flußwasser zurück, das er der Kohleprinzessin durch eine Luke in ihrem Rücken einflößte.

"Danke." Dann lud sie erneut, diesmal aber nur einen kleinen Stamm. Der Riese war schon an die 20 Kilometer entfernt, doch der Schuß durchbohrte seinen Rücken genau in der Mitte und ließ den Rest in unheimlichem Licht erglühen. Da Chebesch nur mit geringer Leistung geschossen hatte, blieb diesmal immerhin so viel von ihm übrig, daß man die Überreste noch identifizieren konnte.

Im Brustkorb von Chebesch glühte es immer noch in leuchtendem Orange. Sie wandte sich Vertharev zu: "Die Elfen? Ich kann sie nicht sehen. Sind noch welche da?" Vertharev und die übrigen Dämonen hielten nun angestrengt Ausschau, und in der Tat entdeckten sie noch einige wenige. Sie wiesen der Kohleprinzessin die Richtung, und diese vernichtete die Angreifer mit einige für ihre Verhältnisse recht schwachen Schüssen, die aber, selbst wenn sie mehrere Meter an den Elfen vorbeigingen, immer noch ausreichten, sie als lebende Fackeln oder, wenn sie besser saßen, gut durchgebraten vom Himmel stürzen zu lassen.

Vertharev und die anderen Dämonen bedankten sich bei Chebesch überschwänglich. Obwohl ihnen diese Orna-Dämonin jetzt erst recht unheimlich war. Denn wer hätte gegen ihre Macht bestehen können, wenn sie sich stattdessen entschlossen hätte, beispielsweise Lunaloc anzugreifen. Ein Glück, daß sie auf Calracts Seite stand.

"Brüder und Schwestern! Schwärmt aus, sucht und tötet die verbliebenen Elfen."

*

Die beiden Krater, die Calract beim Anflug auf Lunaloc schon aus großer Entfernung erblickte, sprachen Bände über das, was hier geschehen war. Kurze Zeit später sah er in der Ferne auch noch die Überreste des dritten Riesen. Seinen Rücken zierte ein gewaltiges Loch, und Risse und Sprünge durchzogen das, was von seinem Körper übriggeblieben war. Ich glaube, ohne Chebesch wäre das hier anders ausgegangen. Drei Riesen! Danke, Riinari.

Der Jubel unter den Dämonen war groß, als Calract bei ihnen landete. Er ließ sich genau berichten. Die Lunaloc-Dämonen hatten noch eine Handvoll Elfen im nahen Unterholz erledigt. Wie viele insgesamt bei diesem Angriff ums Leben gekommen waren, ließ sich allerdings nicht einmal grob abschätzen. Mehrere größere Gruppen waren im Anflug gewesen, doch wahrscheinlich waren sie von Chebeschs Strahlen so nebenbei mit eingeäschert worden, ohne daß es groß aufgefallen war. Die Elfen hatten eine verheerende Niederlage einstecken müssen.

Calract bedankte sich dann noch persönlich bei der Kohleprinzessin. Vor kurzem noch Gegner, waren sie nun Verbündete im Kampf gegen einen unerbittlichen Feind, der ihnen allen den Tod geschworen hatte.

Der Zauberer berichtete seinen Kindern dann, was im Schwarzen Reich und im Gartenland geschehen war. Zum Abschluß sagte er: "Auch dieser Angriff wird am Ende scheitern, und zwar durch meine eigene Hand."

Chebesch sah Calract fragend an, doch dieser schüttelte den Kopf: "Nein, es ist zu wichtig, daß du hierbleibst. Ich bin sicher, die Elfen werden es wieder versuchen. Sie sind stur und geben nicht auf. Ihr alle müßt sehr vorsichtig sein. Aber um die Berge über dem Schwarzen Schloß und dem Gartenland, die mich von Unendlichen Land fernhalten sollen, kümmere ich mich persönlich. Ich muß nur noch vorher eine Kleinigkeit holen!" Das bin ich diesen Leuten schuldig ...

Er machte sich auf dem Weg hinab in den Krater.

Unten, in der Höhle hinter der Heiligen Stätte, befand sich nicht nur ein gemütliches Bett. Calract bewahrte dort auch einige Dinge auf, von denen er glaubte, daß sie mal nützlich sein könnten. Eines davon, einen kostbar aussehenden Stab, nahm er nun an sich. Anschließend trat er wieder hinaus ins Freie. Er verwandelte sich in einen Drachen und erhob sich in die Lüfte, diesmal Richtung Süden.

*

Tausende und abertausende von Kilometern war Calract in den letzten Monaten geflogen, kreuz und quer über das Meer und aller Herren Länder. Und ein Ende war noch lange nicht in Sicht. Am Mittag des 24.6.1269 landete er mal wieder im Gartenland. Lalalu, die bei Riinari gewesen war, und Kinkiralinlin erwarteten ihn dort. Er erzählte den Dämoninnen, was sich vor dem Engelsberg abgespielt hatte. Dafür erfuhr er von Riinari gute Nachrichten: bei ihr war alles ruhig geblieben. Etwas Sorgen machte der Schwarze König sich allerdings doch um sie, denn alle verbliebenen Orna-Dämonen, die von Maarx hinterlassen hatte, vor allen die vier restlichen Kohleprinzessinnen, waren immer noch auf der Wanderschaft. Es würde noch Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis sie in Riinar ankamen. Riinaris Plan, mit ihren Brüdern und Schwestern diese Reise zu Fuß zu machen, war an sich eine gute Idee gewesen. Doch jetzt war Krieg und man konnte sich diesen Luxus nicht mehr leisten.

"Lalalu, paß' auf: du fliegst zur Chadney-Insel und trommelst etwa 40 Drachen zusammen. Tann soll sie anführen, denn er kennt den Weg. Sie sollen die Strecke Richtung Wolkenland absuchen, bis sie die Orna-Dämonen gefunden haben. Dann sollen sie sie alle möglichst schnell nach Riinar bringen. Und ich werde mich jetzt um das hier ...", er schlug mit der Faust gegen den Berg, "... kümmern. Auch dieser teuflische Plan der Elfen wird scheitern. Es wird nur etwas dauern, zwei oder drei ..."

"Calract."

"Wüwü!"

Niemand wußte, woher die Holzpuppe plötzlich gekommen war. War sie nicht mit den anderen auf die Chadney-Insel evakuiert worden? Aber nun stand sie vor dem Zauberer und sagte: "Wüwü möchte nach Hause."

"Nach Hause ...", echote Linlin. "Ach, jetzt verstehe ich. Calract, du bist einfach ein Genie!"

Calract grinste spitzbübisch. Dann verwandelte er sich ein weiteres Mal in seine Drachengestalt. "Steig auf und halt' dich fest, Wüwü."

Etwas unbeholfen kletterte die Puppe auf den Rücken des Drachen. "Wir sehen uns in ein paar Tagen wieder, meine Liebsten! Ach ja, und haltet auch ein bißchen von dem Berg hier fern. Nur zur Sicherheit." Dann hob er ab.


Wieder ein weiter, ein schier endloser Flug, erst die Nordküste des Octavius-Meeres entlang nach Westen, dann über Gertrenn, das Dorf am Ende der Welt hinweg und hinein in das menschenleere Land dahinter, die Wüste, das Gebirge, die Wälder und so mache phantastische, unberührte Naturschönheit. Der Flug ging den ganzen Tag und die ganze Nacht. Schließlich landete der Zauberer auf der Lichtung, auf der damals auch Kokoma und Batchiribanban Rast gemacht hatten und wo als verzauberter Baum Morga La Fey gestanden hatte. Hier begann das Wolkenland, und hier begann der Erdbebenweg, der fast wie mit dem Lineal gezogen hunderte von Kilometern geradeaus bis zur Stadt am Fluß führte.

Wortlos legte Calract sich unter einen Baum und schlief sofort ein. Wüwü hockte sich neben ihn und wartete, daß er wieder aufwachte. Das dauerte bis zum Nachmittag. Calract organisierte sich etwas zu Essen, dann setzte er den Flug fort. In den letzten Strahlen der untergehenden Sonne erreichte er die Stadt am Fluß und landete auf dem großen Platz unterhalb der Eiche Scharaxai.

Die Stadt war auch zu dieser späten Stunde voller Leben. Vieles, was bei Chebeschs Angriff niedergebrannt war, mußte wiederaufgebaut werden. Als der Drache landete, gerieten die Menschen in Panik, beruhigten sich aber dann recht schnell wieder, nachdem Calract sich zurückverwandelt hatte.

Wüwü stand neben dem Schwarzen König, der sich nachdenklich umsah. Scheu näherten sich ihm die Menschen, die hier anscheinend ein abendliches Fest abgehalten hatten. "Tja, dann wollen wir mal. Aber was willst du jetzt machen, Wüwü?"

"Wüwü ist hier zu Hause."

"Ja, aber das ist eine Eigenschaft, keine Tätigkeit."

Anscheinend verstand die Holzpuppe nicht so recht, was Calract von ihr wissen wollte. Der sagte schließlich: "Ich denke, ich werde erst mal mit dem König reden."

Dieses Vorhaben ließ sich erheblich schneller als gedacht umsetzen, denn der König kam gerade angaloppiert.

He, das Pferd kenne ich doch. Orcha, ganz klar. Stimmt, die haben wir ja ganz vergessen.

Und Orcha war auch der Grund des Erscheinens des Königs. Vor Calract hielt er an, stieg ab und sagte: "Dieses Pferd gehört eurer Begleiterin Kokoma, Wir möchten es hiermit gern zurückgeben." Calract war beeindruckt. Nach allem, was hier geschehen war, hätten die Leute keinen Grund gehabt, so zuvorkommend zu sein. Er nahm von dem König die Zügel entgegen. Orcha war sichtlich erfreut, ihren Erschaffer wiederzusehen, und wieherte unternehmungslustig.

Calract bedankte sich bei dem König, dann sprach er zu den Menschen: "Wie ihr seht, ist Wüwü wieder da. Aber ihr braucht keine Angst mehr vor ihr zu haben. Ihr werdet in Frieden miteinander leben können. Wüwü, ich schenke dir hiermit Kokomas Pegasuspferd Orcha. Paß gut auf sie auf, sie ist eine tapfere und verläßliche Freundin. Eine Bedingung hätte ich aber noch." Er sah die Holzpuppe scharf an: "Wenn du ein Lebenszeichen von deinem Erschaffer Tallibar Wick erhältst, dann will ich informiert werden."

Wüwü antwortete nicht. Es war ziemlich offensichtlich, daß sie Calract zumindest in diesem Punkt mißtraute. Orcha hingegen verstand ganz genau ...

Calract wandte sich wieder an die Städter: "Leider muß ich euch schon wieder verlassen, denn es herrscht Krieg in meinem Land. Ich bin nur auf der Durchreise und habe es sehr eilig. Aber ich bin sicher, wir sehen uns eines Tages wieder. Aber zuvor ..." Aus einer seiner Taschen zog er den wertvollen, mit Silber und Bergkristall verzierten Bronzestab, den er aus Lunaloc mitgenommen hatte. "Dies ist mein Geschenk für euch. Dieser Stab verfügt über große Heilkräfte. Er kann zwar nicht jede Krankheit oder Verletzung heilen, aber er wird euch sicher von großem Nutzen sein." Er überreichte den Stab dem König, der ihn ehrfürchtig entgegennahm. Schon bei der Berührung spürte er die Macht, die in diesem kostbaren Gegenstand steckte. Er setzte zu einer überschwänglichen Dankesrede an, doch Calract winkte ab. Etwas wehmütig sah er sich um.

Orcha wieherte leise und blickte Calract traurig zum Abschied an. Der streichelte sie sanft am Kopf. Wir sehen uns wieder. Dann übergab er Wüwü die Zügel, atmete tief durch und betrat Scharaxai. Fast wie bei einem seiner Dämonen, wenn sie sich in einen Baum integrierten, so sickerte der Körper des Zauberers in die Magische Eiche.

Oberirdisch trennte eine Distanz von 5000 Kilometern die beiden Zugänge zum Unendlichen Land. Hier unten waren es zu Fuß nur ein paar Stunden oder Minuten, je nachdem. Doch es war trotzdem kein leichter Gang für den Schwarzen König. Denn er würde seine Frau wiedersehen - das, was noch von ihr geblieben war. Und so stand er wenig später im Unendlichen Land der Goldstatue gegenüber, zu der seine geliebte Batchiribanban geworden war. Jedes Härchen, jede noch so kleine Hautpore, alles war perfekt in Gold nachgebildet.

"Batchi, mein Schatz. Ich hole dich hier heraus, das schwöre ich! Und wenn es das letzte ist, was ich tue." Zärtlich küßte er sie auf ihre goldenen Lippen, und für einen Moment war es ihm, als erwiderte sie seinen Kuß. Aber das war bestimmt nur Einbildung gewesen. Entschlossen drehte er sich um und stapfte davon.

Der Weg durch die Welt aus Gold war still und irgendwie unheimlich. Früher hatte Calract sich nichts dabei gedacht, wenn er als junger Mann unter das Schwarze Schloß gegangen war, um das Gold zu holen, das er für seine kühnen Pläne brauchte, etwa, um den Engelsberg zu kaufen. Heute hingegen ging er nur noch in diese gruselige Welt, wenn es sein mußte.

Mit gleichmäßigen Schritten lief der Zauberer den Weg entlang, der an dieser Stelle sehr schmal war. Rechts und links ragten steile Stalagmiten auf, die sich irgendwo oben zur Decke, sozusagen dem Himmel dieser Welt, zusammenfanden. Plötzlich hatte er das Gefühl, die Wände würden flimmern und verschwimmen. Sein Herz machte einen Satz, doch als er genauer hinsah, war das Gold so solide, wie es immer gewesen war. Erleichterung wollte sich allerdings nicht so recht einstellen, stattdessen beschleunigte Calract seine Schritte. Endlich kam der Ausgang in Sicht.

Da wären wir, dachte der Zauberer erleichtert, und betrat wieder die normale Welt. Hier unten hatte sich nicht viel verändert. Das Gewicht des neuen Berges hatte nicht ausgereicht, die Alabasterhöhle hier unten zum Einsturz zu bringen. Der Tunnel zur Höhle der Eingeweihten war somit frei, ebenso der größte Teil der Höhle selbst. Nur oben war ein Teil des Weges unter dem Gewicht teilweise eingebrochen. Calract ging ein Stück nach oben und streckte seine magischen Fühler aus.

Sehr schön, sehr schön. Genau, wie ich's mir gedacht habe. Diese Blödmänner haben vergessen, den Schutzzauber auch hier unten zu installieren. Calract holte tief Luft und aktivierte den wie immer in seinem Körper integrierten Splitter des Mondsteines. Er konzentrierte sich. Er sammelte all seine Macht, dann entlud er sie mit einem gewaltigen Schrei genau senkrecht nach oben.

Der Energiestrahl durchbrach den Felsen, drang in den Berg ein, durchschlug ihn der Länge nach und schoß oben heraus in den Himmel. Fast wirkte es wie ein kleiner Vulkanausbruch, als die Spitze des Berges unter Feuer und Glut zerbarst und in die Luft flog. Und damit brach auch der Zauber. Zum ersten Mal spürte Calract direkt diese unheimliche Kraft, die die Elfen schützte und die auch diesen Berg unangreifbar gemacht hatte. Doch damit war es zumindest hier vorbei. Jetzt herrschte im Gartenland wieder die Macht des Schwarzen Königs.

Calract schwebte nach oben und erreichte wenig später das Freie. Über ihm spannte sich ein prächtiger, sternenübersäter Nachthimmel.

Der Zauberer ließ sich nach unten schweben, wo ihn zwei staunende Dämoninnen empfingen.

"Wartet, Mädchen, das war erst die Hälfte." Die Luft um den Zauberer begann zu flimmern und zu glühen. Erschrocken wichen Lalalu und Linlin zurück. Dann lief ein Zittern und Ächzen durch den Boden. Die beiden Dämoninnen sahen sich ungläubig an, als der Berg plötzlich eine Handbreit emporschwebte. Doch es war keine Einbildung. Es war die Kraft des Schwarzen Königs, den man nicht umsonst den mächtigsten Zauberer der bekannten Welt nannte. Und dann begann der Berg, Richtung Meer zu schweben. Meter um Meter glitt er in völliger Lautlosigkeit dem Steilufer entgegen, dann darüber hinweg und schließlich zur Gänze über den Wellen. Jetzt erst, knapp 100 Meter vor der Küste, ließ Calract den Berg los.

Es gab eine gewaltige Flutwelle, die sogar noch ein paar Meter über das Gartenland-Plateau schwappte, und dann erhob sich vor der Küste eine neue Insel.

*

"Calract!"

Der Zauberer war zusammengebrochen. Lalalu und ich hatten uns noch nicht von dem Staunen erholt, doch Calract war jetzt wichtiger. Ich sprang mit einem Satz zu ihm hinüber und konnte gerade noch so landen, daß sein Kopf in meinem Schoß zum Liegen kam statt auf dem blanken Felsen.

So verbrachte ich die Nacht, meinen Liebsten ganz nahe bei mir, und streichelte mit meinen Ohren über seinen kühlen Körper.

Am nächsten Morgen erwachte Calract, aber er war noch sehr schwach.

"Danke, Linlin. Ich glaube", flüsterte er, "das war doch ein bißchen viel. Hast du was zu essen für mich?" Ich blickte zu Lalalu. Die schüttelte den Kopf. Hier wuchs im Moment nichts mehr. Der Riese hatte gründliche Arbeit geleistet und alles plattgetrampelt. Da fiel mir etwas ein und ich wies mit einer Kopfbewegung aufs Meer hinaus. Meine Schwester verstand und flog sofort los. Keine fünf Minuten später kam sie mit einem kleinen Hai im Fang zurück. Ich zog mit den Zähnen die rauhe Haut ab und biß dann ein großes Stück der Brustflosse ab. Sie schmeckte sehr gut und war auch sehr nahrhaft, aber sie war nicht für mich bestimmt. Ich beugte mich über Calract, legte meine Lippen auf die seinen und flößte ihm den Fischbrei ein. Es war unglaublich romantisch, daß ich mich auf diese Weise um meinen Liebsten kümmern konnte. Verzückt wedelte ich mit den Ohren. Nachdem mein Schatz die halbe Flosse gegessen hatte, schlief er erneut ein und wachte gegen Mittag wieder auf.

Der Schlaf hatte ihm gutgetan. Calract stand auf, machte mit seinen Zauberkräften ein kleines Feuer, über dem er den Rest des Haies briet und dann mit großem Appetit verspeiste, zusammen mit uns.

"Ich danke euch, daß ihr auf mich gewartet habt und für mich da wart."

"Psst." Ich legte ihm meine große Zehe auf die Lippen und flüsterte: "Mein Liebster. Ich würde alles für dich tun." Lalalu, die dicht hinter mir saß und mich berührte, schlug zustimmend mit den Ohren. Calract umfaßte meinen Fuß mit seinen Händen und streichelte ihn zärtlich.

So saßen wir lange Zeit schweigend da. Ab und zu knackste es im Feuer, wenn ein Ast verbrannt war und zerbrach. Ansonsten war nur die ferne Brandung und ab und zu das Säuseln des Windes zu hören.

"Was du da gemacht hast, das war einfach unglaublich", sagte ich schließlich und wandte den Kopf dem Kap zu, hinter dem sich die neue Insel erhob. Das Meer war an dieser Stelle etwa 50 Meter tief, dazu kamen noch mal knapp 50 Meter Steilküste, blieben immer noch über 100 Meter, die sich diese Insel über das Niveau des Gartenlandes erhob.

"Ich werde sie 'Insel des Riesen' nennen und den Piraten geben. Sie haben so hohe Verluste erlitten, daß ich sie unbedingt irgendwie entschädigen muß."

"Calract", sagte da Lalalu, "du bist ein guter Mensch."

Calract setzte sein wölfisches Lächeln auf, aber diesmal tat er es aus Verlegenheit. Dann murmelte er: "Ihr, du Lalalu, Linlin, Arashi, Batchi ... ihr seid so außergewöhnlich. Ich halte es für ausgeschlossen, daß Maarx einfach ein paar Mädchen von der Straße genommen hat. Ihr müßt schon vorher etwas Besonderes gewesen sein."

"Aber ...", rief Lalalu verwirrt.

Ich schloß meine gelben Katzenaugen. Bilder stiegen in mir auf. Fast wie in Trance sagte ich: "Es stimmt. Calract hat Recht, Schwester. Ich ..." Ich holte tief Luft, sah Calract und Lalalu an und fuhr mit leiser Stimme fort: "Ich habe Träume. Träume aus der Zeit vor 420 Jahren, als ich noch ein kleines Mädchen war. Diese Träume ... weißt du Calract, du hast unter deinen Kindern einige mit unglaublichen Fähigkeiten. Damals, als ich auf dem Weg war, Ralph de Roqueville zu suchen, da machte ich Zwischenstation im Verwunschenen Land. Oder dem, was davon noch übrig war. Dort stand eine Poststation, und in dieser begegnete ich einem sehr, sehr seltsamen Wesen. Ich weiß bis heute nicht seinen Namen ..."

"Hatte es einen Brikettkopf, zwei Hälse und vier Arme?"

"Ja, ja!"

"Dann hast du Piu-pilaaw getroffen. Er leitet noch heute das Verbindungsbüro dort." Calract lächelte versonnen. Natürlich - er wußte, was in seinen Kindern steckte. Er hatte jedes davon mit seinen Händen und seinem Geist geschaffen und kannte es bis ins tiefste Innere. Schweigsam waren sie, diese Lunaloc-Dämonen, anspruchslos, und auf viele wirkten sie plump. Sie waren so ganz anderes als wir temperamentvollen Orna-Dämoninnen, und doch ... es waren unglaubliche Wesen, jedes einzelne.

Mit leiser Stimme fuhr ich fort: "Ich weiß nicht, was dieser Piu-pilaaw mit mir gemacht hat. Er hat mir Bilder von damals gezeigt. Seitdem hatte ich immer wieder Träume und Erinnerungen. Eigentlich sehr angenehmen Träume. In den zwanzig Jahren an der Seite meines Mannes Ralph habe ich nach und nach alles wieder erfahren, was damals geschehen ist. Es ist wahr, ich war etwas Besonderes, ich war die Assistentin des Lichtes der Sonne ..." Tränen liefen über meine Wangen, als die Erinnerung hochkam. Die Zeit damals ... nicht, daß ich ihr heute noch nachtrauerte, aber wer denkt nicht gerne an seine verlorene Jugend.

"Von Maarx ... nein, Maarx - das genügt." Ich spuckte auf den Boden. "Er war das größte Scheusal, das je auf Erden wandelte. Er stammte aus kleinsten Verhältnissen, seine Eltern waren Leibeigene oder so was gewesen, und so ist er groß geworden. Eines Tages, noch als Kind, entdeckte er seine Zauberkräfte. Ich weiß nicht, was genau geschah, wahrscheinlich hat er die Menschen schon immer gehaßt. Und vor allem haßte und verachtete er Frauen. Je schöner, desto mehr. Deshalb hat er alle schönen und bedeutenden Frauen der damals bekannten Welt an sich gebracht. Bei den Männern war es genau umgekehrt: er nahm nur die primitivsten und einfältigsten Kerle ... man merkt es ja heute noch ... wir alle ... ich erinnere mich noch an dich, Schwester: du warst die Leiterin der größten Bibliothek der damaligen Welt und eins der größten wissenschaftlichen Genies aller Zeiten. Batchi - sie war die heimliche Geliebte eines Königs und stand kurz davor, seine Frau zu werden. Aber es kam alles ganz anders. Das Licht der Sonne begann seinen Weg in eine bessere Welt. Fast die gesamte damalige Menschheit folgte ihm. Und Maarx nutzte die Gelegenheit. Als alle der Erleuchtung nahe waren, als sie hilflos waren, da entführte er hunderte von Menschen. Und dann ... und dann ..."

Die Erinnerung erschütterte mich zutiefst. Was Maarx uns angetan hatte, war mit Worten kaum zu beschreiben. Es waren nicht mal die Verstümmelungen, nein, er hatte uns das Paradies geraubt. "Maarx hatte sich mit den Tuurns zusammengetan. Er und sie, sie hatten einander wirklich verdient. Es ist nicht wahr, daß die Frauen mit den eisernen Brustkörben, die es all die Jahrhunderte in Orna gegeben hat, Karikaturen der Kohleprinzessinnen sind. Sondern es ist genau umgekehrt: Gahlu Tuurns Idee war es. Und dann, als es soweit war, daß er keinen irdischen Richter mehr fürchten mußte, fing er an. Maarx fand die Idee hinreißen und kopierte sie. Allerdings, das muß man zugeben, war Maarx als Zauberer ein Genie. Die Tuurns haben nie mehr als erbärmliche Kreaturen zustande gebracht. Maarx hingegen hat etwas erschaffen, von der er zu Recht sagte, es sei perfekt. Perfekt für ihn. Und eine nahezu ultimative Waffe."

Ich sah Calract und Lalalu an. Dann hob ich meine Flügel: "Wir wissen, daß es leicht möglich gewesen wäre, uns diese Flügel zusätzlich zu unseren Armen zu geben. Alle flugfähigen Dämonen, die Calract erschaffen hat, sind so konstruiert. Der Grund, daß wir so aussehen ist der Haß, den Maarx auf uns empfand. Der Haß und der Neid der Niedrigen gegen die Schönen und Edlen. Er hat uns absichtlich verstümmelt, und Tuurn und seine widerliche Brut haben dazu Beifall geklatscht. Ich weiß nicht mehr, wie es dann genau weiterging, aber was für ein Mensch Maarx war, verglichen zu Calract, meinem Schatz, sieht man gut daran, wenn man das Alptraumland mit dem Gartenland vergleicht."

Ich hatte mich so in Fahrt geredet, daß ich gar nicht bemerkte, daß ich zum ersten Mal 'Alptraumland' statt 'Verwunschenes Land' gesagt hatte.

"Für Maarx war dieser Ort, der Vorhof zur Hölle und unsere Heimat, genau die Umgebung, in der er sich am wohlsten gefühlt hat. Jahrhunderte lang hat er dort geschlafen, angewidert von der Welt und wahrscheinlich auch von sich selbst, und hat auf jemanden gewartet, den er jagen und erledigen konnte ... dachte er jedenfalls." Nur hatte er sich dabei leider, wie so oft in seinem verworfenen Leben, ein bißchen verkalkuliert.

Ich stand auf und streckte meine Beine. "Maarx hat uns ein schweres Vermächtnis hinterlassen. Jede von uns ist in der Pflicht, ihren Frieden mit sich selbst zu machen. Und ich bin froh, daß ich das geschafft habe. Maarx, das Schwein, ist tot, und dank Calract habe ich die Lust am Leben gefunden ... nein, wiedergefunden. Schon damals hat das Licht der Sonne mich wegen meiner Wildheit und Lebenslust geliebt. Und diesen Körper, den ich jetzt habe, würde ich um nichts auf der Welt wieder hergeben! Ich bin stolz darauf, keine Arme zu haben, ich bin stolz auf diese Flügel, meinen elastischen, kraftvollen Körper, der nie ermüdet, meine Krallen, die jeden Stahl durchschneiden. Ich bin Linlin, die schöne Dämonin, geboren aus Haß und Verachtung, aber jetzt frei, unabhängig und wild. Calract, mein Geliebter, ich sage dir nun auf Wiedersehen. Mich dürstet nach dem Blut der Elfen, deshalb werde ich ins Westland fliegen und dort auf die Jagd gehen. Lalalu, geliebte Schwester, paß' gut auf Calract auf und sei nicht so schüchtern. Mit ihm zusammenzusein ist das schönste, mit ihm Sex zu haben das Beste, was eine Frau sich wünschen kann."

"Warte noch ein Momentchen. Hier." Calract zog etwas aus seiner Tasche. Es war ein Ring, wie auch Batchi ihn an ihrem Fuß trug. Und das einzige von ihr, das nicht zu Gold geworden war. Ein magischer Ring, der in geheimnisvollem Blau leicht schimmerte.

"Dieser Ring wird dich vor dem Zauber vor allem der Waldelfen beschützen."

Ich streckte Calract meine Fuß hin, zog ihn dann aber wieder zurück und meinte mit leiser Ironie in der Stimme: "Aber dieser Ring ... es gibt da so eine Geschichte, daß ein mächtiger Zauberer Ringe an seine Untertanen gegeben hat mit dem Versprechen, daß sie ihnen zu großer Macht verhelfen. Stattdessen wurden sie alle zu seinen Sklaven. Was, wenn das auch so ein Ring ist? Ich kann ihn, wenn du ihn mir angesteckt hast, ja nicht mal mehr abnehmen."

"Haha, Sklavin." Er sah mit tief in die Augen: "Das ist doch das, was du dir heimlich am sehnlichsten wünschst, Kinkiralinlin."

Ein warmer Schauer durchrieselte mich und ich streckte ihm meinen Fuß hin. Calract machte den Ring weiter, streifte ihn dann über meine linke Mittelzehe und paßte ihn so an, daß er perfekt saß. Er wog eigentlich nichts und war kaum zu spüren.

"Übrigens stimmt das nicht. Du kannst ihn sehr wohl abnehmen, wenn du willst. Geh jetzt, meine schöne Jägerin, und töte so viele Elfen, wie du nur kannst."

Und so entfaltete ich meine Schwingen und flog unter dem Licht des Mondes davon, Richtung Nordwest. Ich wollte jagen und töten, das Blut der Elfen sprudeln sehen, ihr heißes Fleisch mit meinen Zähen zerreißen.

*

Lange saßen Lalalu und Calract sich schweigend gegenüber. Mehrmals bewegte Lalalu die Lippen, als wollte sie etwas sagen. Sie schien wie in Trance. Schließlich kamen, langsam, stockend, leise geflüsterte Worte aus ihrem schönen Mund: "Labelle dela Luschifahm - La la Lu. Diesen Spitznamen hatte ich schon als kleines Mädchen. Doktor der Mathematik und Philosophie Labelle dela Luschifahm, Leiterin der Reichsakademie von Gorbatt, und man nannte mich damals die intelligenteste Frau der Welt." Lalalus Stimme war ein kaum hörbares Flüstern. "Gorbatt. Ein kleines Städtchen mit drei Dörfern und etwas Land darum herum, das war das Königreich Gorbatt. Aber es hatte die größte und berühmtestes Hochschule der bekannten Welt."

Plötzlich sprang sie auf: "Calract! Ich werde eine Akademie gründen. Genau hier und heute. Eine wissenschaftliche Akademie, die sich der Erforschung der bekannten Welt und ihrer Erscheinungen widmet." Die Dämonin sah sich um. Vor ihrem geistigen Auge erschienen die Fakultätsgebäude, Studenten, Professoren, Schiffe, die aus fernen Ländern Forschungsreisende hierher brachten ... doch im Augenblick gab es hier nichts als eine Trümmerwüste. Lalalu ließ ihre Ohren herabsinken. "Aber es gibt schon eine Akademie, nicht wahr", piepste sie traurig. "Die von Tschuri in Alessandrina."

Calract erhob sich. Er legte eine Hand um Lalalus Hüfte. Über der anderen ließ er den Splitter des Mondkristalles aufsteigen. Die Dämonin hob in gespannter Erwartung ihre langen Ohren wieder an. Ein fahles Licht spannte sich von dem Zauberer zu der Stelle, wo man noch deutlich die zersplitterten Überreste der futuristischen Bibliothek sehen konnte.

Und diese Splitter begannen sich nun wieder zusammenzusetzen. Atemlos verfolgte die Orna-Dämonin, wie unter der Macht des Schwarzen Königs sich die Bibliothek wieder zusammenfügte. Trümmer und Bruchstücke flogen zurück an ihren alten Platz und fügten sich dort nahtlos ein in die Decken und Wände, die leuchtenden Fenster und Böden sowie den wie aus trübem bräunlichem Glas gegossen wirkenden Stiel. Auch die Karten, die kostbaren Bücher und Skripten, die wie durch ein Wunder nur wenig beschädigt worden waren, kehrten in ihre Regale zurück.

"Der unterirdische Teil hat zum Glück nichts abbekommen", murmelte Calract dabei, während er sich konzentrierte.

"Wieso? Das würde doch nichts machen", fragte Lalalu. "Den könntest du doch genauso wieder herzaubern."

"Im Prinzip ja, aber ...", sagte Calract mit bedeutungsschwerer Stimme, "... du weißt ja wahrscheinlich, was der Unterschied zwischen echten und herbeigezauberten Dingen ist. Echte sind real, gezauberte hingegen verschwinden nach einiger Zeit wieder, je nachdem, wie große die Macht des jeweiligen Zauberers ist. Das hier", er wies auf die Bibliothek, "wird spätestens dann verschwinden, wenn ich sterbe. Deshalb werden alle anderen Gebäude hier konventionell gebaut." Er hatte sein Werk beendet und wirkte erschöpft.

Lalalu nickte. Sie war sehr beeindruckt.

Calract hingegen dachte Echte sind real ... das dachten wir früher. Aber seit ich weiß, was das Unendliche Land in Wahrheit ist, wissen wir, daß es so etwas wie reale Dinge überhaupt nicht gibt. Ihm kam ein seltsamer Gedanke: wenn die ganze Welt aus etwas bestand, daß im Prinzip jederzeit wieder ins Nichts verschwinden konnte, und wenn Zauberer ihrerseits aus dem Nichts heraus Dinge entstehen lassen konnten, die früher oder später ebenfalls wieder zu Nichts wurden, konnte dann das eine mit dem anderen nicht irgendwie zusammenhängen?

Darüber werde ich später nachdenken. Jetzt haben wir erst mal hier alle Hände voll zu tun ...

Er sah Lalalu an und ergänzte in Gedanken ... und alle Füße. Er atmete tief durch. Dann zog er das Mädchen näher zu sich und sagte: "Danke, meine schöne Dämonin."

"Danke? Wofür?"

Der Zauberer zeigte auf die Bibliothek. "Ohne dich, ohne deine Schwestern, ohne Riinari wäre ich nichts. Ihr gebt mir die Kraft, das alles aufzubauen."

Er ließ Lalalu los und sagte: "Lalalu. Ich werde mal den Berg erledigen, der über dem Schwarzen Schloß steht, und du fliegst zur Chadney-Insel." Calract machte eine ausholende Geste. "So, wie es hier im Moment aussieht, können meine menschlichen Untertanen hier nicht leben, weil die meisten Tiere und Nutzpflanzen tot oder beschädigt sind. Die Obstplantagen werden zwar wieder wachsen, genauso die Getreide- und Gemüsefelder, aber das dauert noch eine Zeitlang. Deshalb sollen zunächst nur die Lunaloc-Dämonen zurückkommen und - ein weiteres Mal - mit den Bauarbeiten beginnen. Ach ja, und 100 der Drachen schickst du ins Westland. Die Kolonisten dort brauchen dringend Unterstützung. Ja, und deine neue Akademie, die läßt du da drüben am Ostufer bauen, würde ich sagen. So, und ich gehe mal wieder runter."

"Calract!"

Der Zauberer blieb stehen und drehte sich zu der Dämonin um. Diese trat dicht an ihn heran. Tränen standen in ihren leuchtenden blauen Augen. Sie kniete vor ihm nieder und sagte "Danke!"

Calract umfaßte mit sanftem Griff ihre Ohren und zog sie wieder auf die Füße. Er schüttelte den Kopf. "Ich muß mich bedanken. Ohne Männer und Frauen wie dich, Lalalu, wäre ich ein Niemand." Ein versteinerter Hüter einer versteinerten Ordnung in einem gefrorenen Eisland, so wie fast alle meine Vorfahren. Er streichelte über ihr Gesicht. Lalalus Lippen bebten. Beide waren kurz davor, sich einander hinzugeben. Doch sie taten es nicht.

Schweigend drehte der Schwarze König sich um und begann mit dem Abstieg in die Höhlen der Eingeweihten. Kurz darauf stand er vor dem Zugang zum Unendlichen Land. Es ist doch immer wieder seltsam. Oben ist das Schwarze Königreich viel näher als die Stadt am Fluß, aber hier unten bin ich dort in kaum 10 Minuten, während ich zum Schwarzen Palast über eine Stunde brauche. Mal sehen, wenn Lalalu diese Akademie gründet, findet sie vielleicht eines Tages heraus, warum das so ist. Obwohl das sehr unwahrscheinlich war. Calract hatte keine Ahnung, wie man das Unendliche Land überhaupt erforschen konnte. Nein, besser war es, diesen unheimlichen Ort sich selbst zu überlassen.

*

"HAAAAA!"

Ein gewaltiger Energiestrahl durchbrach den Berg über dem Schwarzen Palast von seiner ungeschützten Unterseite, durchdrang ihn von unten bis oben und schoß dort mit grellem Feuerschein ins Freie. Wenig später folgte der Urheber, der Schwarze König. Hm, eigentlich gar nicht so übel. Loswerden kann ich diesen Berg hier nicht, aber das brauche ich auch gar nicht. Ich werde das neue Schwarze Schloß einfach hier oben drauf bauen lassen. Da hat man nämlich einen viel besseren Überblick, außerdem wirkt es dann viel beeindruckender. Und uneinnehmbar wird das Schloß dann auch sein, jedenfalls auf konventionellem Wege, denn kein Ritter kann ein Schloß erobern, zu dem er nur mit hochalpiner Bergsteigerausrüstung überhaupt hinkommt. Sehr schon, sehr schön.

Zufrieden sah Calract sich um. Wenig später landeten einige Drachen neben ihm. Er erklärte ihnen, was er gemacht hatte und daß der Angriff der Elfen nun auch an dieser Stelle abgeschlagen worden war. Die Drachen und ihre Piloten brachen in lauten Jubel aus. Calract hingegen war nachdenklich geworden. Auch beim Zusammenbruch dieser Barriere hatte er etwas von dieser unheimlichen Kraft gespürt, die den Krieg der Elfen erst möglich machte. Er hatte dem Feld einen Stoß gegeben, es war an dieser Stelle für einen Moment zusammengebrochen, und das hatte bildlich gesprochen eine Welle ausgelöst, die ein wenn auch sehr verwaschenes Bild des Feldes lieferte. Nur leider wußte der Zauberer nicht, was er damit anfangen sollte.

Stattdessen verabschiedete er sich nach kurzer Zeit wieder von seinen Kindern. Sie wurden im Grunde hier zur Zeit nicht mehr gebraucht, und so befahl Calract ihnen allgemeine Sicherungsaufgaben im Schwarzen Reich. Er wollte einfach Druck auf die Elfen ausüben, damit sie nicht tun und lassen konnten, was sie wollten. Wenn ständig Drachen patrouillierten, dann mußten sie stets auf der Hut sein und konnten nur langsam agieren.

Hätte Calract allerdings gewußt, daß sich ein wichtiger Elfenstützpunkt ausgerechnet unter diesem seinem Stammland befand, hätte er über die Wirksamkeit seiner Drachenpatrouillen wohl etwas anders gedacht.

Der Zauberer flog dann nach Alessandrina, um sich mit Gad'ta, Tschuri und Hotaru zu besprechen. Das Westland war nämlich der Ort, wo der Krieg zur Zeit am heftigsten tobte und die meisten Opfer forderte.

Der Flug verlief ruhig, und obwohl es nur ein Katzensprung war, nutzte der Schwarze König die Zeit, um eine Bilanz zu ziehen.

- Im Schwarzen Königreich war es zu keinen Kampfhandlungen gekommen, ausgenommen den Versuch, den Zugang zum Unendlichen Land zu blockieren. Da das Schwarze Schloß aber ohnehin nur eine Ruine gewesen war, war der Schaden vernachlässigbar gering. Womöglich überwog sogar der Nutzen des neuen Berges die Zerstörungen. Alle Strukturen im Reich waren intakt, die Bevölkerung unversehrt.

- Das Gartenland war zweimal überfallen und niedergemacht worden. Die Verluste an Menschen und Dämonen waren überaus schmerzlich, aber nicht kriegsentscheidend. Vielmehr hatten die Elfen selbst hohe Verluste erlitten und am Ende eine schwere Niederlage hinnehmen müssen.

- Völlig katastrophal für die Elfen war ihr Vorstoß gegen Lunaloc verlaufen. Der Feuerkraft der Kohleprinzessin hatten sie nichts entgegenzusetzen gehabt, ihr Angriff hatte mit einer verheerenden Niederlage geendet.

- Dramatisch, diesmal aber anders herum, war die Lage im Westland. Kaum eine Farm, die noch stand. Hier würde Calract sich in Kürze ein genaues Bild machen.

- Und ebenfalls alles andere als rosig sah es bei den zahllosen Verbindungsbüros aus, die den Menschen als Poststationen, Calract hingegen als Mittler der direkten oder indirekten Kontrolle zahlreicher Länder diente. So, wie die Lage im Moment war, waren auch die Stationen, die noch standen, nicht zu halten. Es sei denn, ich stelle den Elfen eine Falle. Was ich am dringendsten brauche, sind nicht Soldaten, sondern Informationen. Ich muß unbedingt ein paar dieser Biester lebend in die Finger bekommen. Es ist alles so schnell gegangen. Sie müssen das von sehr langer Hand vorbereitet haben, ohne daß ich etwas davon mitbekommen habe. Erstaunlich. Und wenig schmeichelhaft für mich. Ich habe mich einfach zu sicher gefühlt.


*


Ich, Arashi, hatte nicht gewußt, wie die Piraten uns Flüchtlinge auf ihrer Insel wohl aufnehmen würden. BQMZ und Calract waren zwar sehr enge Verbündete, aber ein großer Zug mittelloser Vertriebener bedeutete eine enorme Belastung für die unfreiwilligen Gastgeber. Doch anscheinend gab es so eine Art stillschweigende Übereinkunft, sich in einem solchen Notfall ohne Wenn und Aber zu unterstützen. Und außerdem waren viele der Flüchtlinge ja selbst Piraten, die ihr Zuhause ebenfalls verloren hatten. So wurden wir zwar nicht gerade stürmisch, aber doch sehr warm empfangen. Großkapitän Saator von Oryock, der Inselkommandant, war sogar recht froh darüber, seine Verteidigungsanstrengungen nun mit einer Reihe von Drachen und anderen Lunaloc-Dämonen verstärken zu können. Denn natürlich war früher oder später auch hier mit einem Elfenangriff zu rechnen.

Die vier Schiffe landeten also im Hafen an und machten fest. Zu diesem Zeitpunkt waren aber über die Hälfte der Flüchtlinge bereits gar nicht mehr an Bord, denn die Drachen hatten sie schon zuvor ausgeflogen. Ich hatte die Reise allerdings auf einem der Schiffe mitgemacht. Irgendwie hatte ich Morga und meine Mädchen Seyra und Meriad hier nicht alleine lassen wollen.

Ein paar Männer schoben, nachdem das Schiff vertäut worden war, eine Planke herüber. Nach und nach gingen die Menschen und Dämonen von Bord. Unten wurden sie bereits von Piraten erwartet und zu ihren provisorischen Quartieren begleitet. Ich ging als eine der letzten. Gerade in diesem Moment kam auf einem sehr stattlichen Pferd ein ebenso stattlicher Mann in einer schrillen Fantasie-Uniform, die ihm, das muß ich zugeben, ausnehmend gut stand. Jemand flüsterte den Namen Saator. Saator von Oryock, Chef des Oryock-Clans und Kommandant oder, wie man hier meist sagte, Großkapitän dieser Insel. Das war also der Mann, der hier alles unter sich hatte. Er ließ seine Blicke über unsere Schiffe schweifen. Daneben lagen noch drei weitere hier im Hafen. Dann faßte er mich ins Visier. Er stieg von seinem Pferd ab und kam mir entgegen.

Ich war etwas unangenehm berührt, als er mir die Hand zum Gruß entgegenstreckte. Wie sollte ich diese Geste erwidern? Sah er nicht, daß ich keine Hände hatte? Das war einfach taktlos. Und sein Lächeln erschien mir auch alles andere als vertrauenswürdig. Irgendwie gefiel er mir nicht, trotz seines pompösen Äußeren.

Morga La Fey drängte sich an mir vorbei und sagte: "Das hier ist unsere Retterin, Calracts neue Majordomina Arashi."

Saator zog seinen federgeschmückten Hut und verbeugte sich galant. Damit wurde er mir noch unsympathischer. Mußte er hier so angeben?

"Ich bin hoch erfreut, Euch hier begrüßen zu dürfen auf meiner bescheidenen Insel."

"Eurer Insel?", erwiderte ich launisch. Unwillkürlich warf ich mit der für mich so typischen Kopfbewegung mein Haar zurück. "Doch wohl eher BQMZs Insel."

"Selbstverständlich. Ich bin hier das, was Ihr drüben im Gartenland wart, der oberste Verwalter. Folgt mir bitte, ich werde Euch und Euren Begleiterinnen persönlich die Unterkünfte zeigen."

Man konnte Saator nicht vorwerfen, er hätte sich keine Mühe gegeben. Wir, das heißt Morga, meine Sklavinnen und ich bekamen ein Haus mittlerer Größe in einer wunderschönen Lage am Rande der Hauptstadt Caldarra. Wir hatten Blick auf das warme Meer und zudem einen bunten Garten, in dem wir neben farbenprächtigen Pflanzen auch eine Reihe exotischer Tiere vorfanden, darunter Papageien und ein paar zahme Affen. Ja, es war eine schöne Gegend, fast wie ein Urlaub. Es fehlte uns und auch den anderen an nichts. Dennoch fühlte ich mich alles andere als wohl und meckerte an allem herum. Obwohl ich das irgendwie gar nicht wollte. Ich mußte nämlich im Grunde zugeben, daß ich Saator unrecht getan hatte. Er kümmerte sich wirklich um uns. Ich aber fühlte mich hier wie ein Fremdkörper. Bei Calract gab es wenigstens noch die oftmals bizarr geformten Dämonen. Hier aber war die Welt der Menschen. Eine mißgestaltete Dämonin wie ich paßte überhaupt nicht hierher.


Es war schon dunkel geworden. Seit Stunden lief ich ziellos durch die Gegend, erst durch die Stadt, dann in der Umgebung über die Felder, Weiden und Olivenhaine. Ich war traurig und ärgerlich über mich selbst. Ich hatte schlechte Laune ... nein, in Wirklichkeit war es so, daß ich mit dieser Situation nicht zurechtkam. Nach Maarx' Tod war ich geradezu euphorisch gewesen. Und dann hatte Calract mich auch noch vom Fleck weg zu seiner neuen Majordomina gemacht. Ich war mitten in einen Krieg geraten und hatte zum Nachdenken keine Zeit gehabt. Aber dennoch - ich war eine Dämonin, unter Menschen ein Fremdkörper. In Calracts Reich fiel das nicht auf, dort gab es Tausende Dämonen. Aber außerhalb dieses geschützten Bereichs - hier zum Beispiel? Eine Kreatur wie ich, ein halb gescheitertes Experiment ... Ich hatte es an Saator ausgelassen, obwohl er überhaupt nichts dafürkonnte. Gedankenverloren wanderte ich weiter über die idyllische Insel. Schließlich nahm ich den zentralen Berg, dessen Silhouette sich schwach gegen das leuchtende Band des Sternenhimmels abhob, ins Blickfeld. Da ich sonst kein Ziel hatte, beschloß ich, dorthin zu gehen. Natürlich hätte ich fliegen können, aber das wollte ich auch nicht. Irgendwie paßte mir im Moment gar nichts.

Immerhin genoß ich den Spaziergang durch die kühle Nacht. Der Weg durch Caldarra war grauenvoll gewesen. Nie zuvor war mir derart deutlich bewußt geworden, wie wenig ich mich in die Welt der Menschen würde einfügen können. Ich war an einer Reihe von Ständen vorbeigekommen, an denen Fleisch und Würste gebraten wurden. Selbst wenn ich Geld gehabt hätte um etwas von den verführerisch duftenden Leckereien zu kaufen, wie hätte ich sie mitnehmen können? Mit den Füßen ergreifen und dann fliegen? Das erschien mir als vollkommen lächerlich. Ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, wie ich hier zurechtkommen sollte. Nichts während meines Lebens im Verwunschenen Land und dann später in Maarx' Anhang hatte mich auf das hier vorbereitet. Ich hatte geglaubt, es wäre kein Problem. War es aber. Zum Glück war hier draußen in der Wildnis niemand, der mich ständig daran erinnerte, was ich war.

Der leuchtende Mond stand über mir, als ich den Berg, eigentlich eher ein Hügel, erstieg und dann von ganz oben herunterschauen konnte. Die Chadney-Insel war doch recht übersichtlich, und dank meiner Augen, die jetzt in der Nacht grün glühten, konnte ich trotz der Dunkelheit noch viele Dinge erkenne, die ein Mensch nicht mehr hätte sehen können. So schlecht war mein Dämonenkörper sicher nicht. Nur war er nicht dafür zu gebrauchen, unter Menschen zu leben.

Damals - so lange war das noch gar nicht her - nachdem Calract Maarx besiegt und getötet hatte, da waren wir Dämonen sozusagen verwaist und hatten uns überlegt, was wir jetzt tun sollten. Einige waren sogar der Meinung gewesen, den Kampf gegen Calract fortzusetzen, aber das wäre Selbstmord gewesen. Dann war Riinari erschienen. Ich wußte bis heute nicht, wie sie das gemacht hatte. Jedenfalls hatte allein ihr Auftauchen dafür gesorgt, daß wir die Lage völlig anders sahen. Von einer Weiterführung des Kampfes hatte keiner mehr gesprochen, stattdessen hatten einige von uns sich entschieden, sich Calract anzuschließen. Ich bedauerte diesen Entschluß längst. Wäre ich doch nur bei Riinari geblieben. Riinari ... immer, wenn ich an sie dachte, durchströmte mich diese seltsame Wärme. Mein Fuß glitt hoch und umfaßte das Medaillon, das ich stets um den Hals trug.

"Ah!" Ich zuckte zusammen und stieß einen leisen Schrei aus, als plötzlich jemand seine Hand auf meine Schulter legte.

Dann fuhr ich herum. Es war eine sanfte Berührung gewesen, keine Gefahr also. Aber wer konnte sich so völlig unbemerkt an eine Orna-Dämonin anschleichen?

Es war BQMZ, aber das sagten mir nicht meine Sinne, sondern das, was ich über diese Frau wußte. Ich sah sie nämlich nicht. BQMZ war von so abgrundtiefer Schwärze, daß sie, wenn sie Mund und Augen geschlossen hielt, in der Dunkelheit der Nacht völlig unsichtbar war. Jetzt schlug sie ihre grünen Augen aber wieder auf und lächelte mich an. "Ich wollte dich nicht erschrecken. Ich wollte nur sehen, ob ich es noch kann."

"Puh. Das war wirklich ...". Ich setzte mich hin, und die oberste Piratin, die ebenfalls den Titel 'Großkapitän' trug, folgte meinem Beispiel.

"Du bist also Arashi, die Heldin des Gartenlandes!", stellte sie fest.

"Heldin? Ich habe nur getan, was getan werden mußte."

"Das ist mehr, als man von so manch anderem erwarten kann. Außerdem kann man in Krisen so oder so entscheiden. Du hast alle lebend herausgebracht."

"Dann weißt du also, was geschehen ist?"

"Na klar. Wir haben hier auf der Insel eine Poststation, und die Buschtrommeln der Piraten gehen auch nicht gerade langsam. Du hast ja mehr als genug von uns hier abgeliefert. Klar weiß ich, was los war." BQMZ macht eine Pause, dann fragte sie: "Wie gefällt es dir hier bei uns?"

"Ich ..." Wie sollte ich ihr das sagen. Ich seufzte. Gerade wollte ich zu sprechen ansetzen, da legte BQMZ ihre Hand auf meinen Fuß und sagte: "Ich habe Batchiribanban gut gekannt. Ich weiß, daß es für euch nicht leicht ist, in der Menschenwelt zu leben. Batchi hatte Calract, und Kinkiralinlin hatte einen General als Ehegatten und zwei Kinder mit ihm. Die beiden haben ihr Glück gefunden, nachdem ihr euer Verwunschenes Land verlassen mußten."

BQMZs Berührung war unglaublich angenehm. Und es erstaunte mich, wie leicht sie in meine Seele blicken konnte. Ich schluckte und sagte: "Ich glaube nicht, daß ich in der Menschenwelt bleiben kann ... ach ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Ich bin sicher, Calract oder Riinari könnten mich zurückverwandeln, aber der Gedanke daran kommt mir genauso verkehrt vor. Wenn ich wieder ein Mensch wäre, wenn ich wieder Hände hätte, ich glaube, ich wäre kein bißchen glücklicher." Und überhaupt - ich war sogar stolz darauf, alles mit den Füßen machen zu können. Sie waren wunderschön und ... ach, ich weiß auch nicht.

"Dann liegt das Problem in dir, nicht in Äußerlichkeiten wie deinem Körper. Warum machst du nicht das, was dir am meisten Spaß macht? Du bist doch anscheinend eine hervorragende Organisatorin."

"Ja, stimmt wohl ... anscheinend ... aber ... es ist mehr eine Pflicht als ein Vergnügen."

Ich atmete heftig, und mein Herz machte einen Sprung, als BQMZ meinen Fuß anhob und damit ihre Wangen und Lippen berührte. "Dieser ganz feine erotische Duft ...", flüsterte sie, mit ihren Lippen über meine Zehen spielend.

"Erotisch? Das ist doch ... Blödsinn. Meine Füße ..."

"Deine Füße ... du kannst jeden Mann haben. Haben und glücklich machen, wenn du es richtig machst. Nichts ist dafür eine unwiderstehlichere Waffe als deine Füße, wenn du sie nur richtig benutzt."

Ich schrei leise auf, als BQMZ begann, mit ihrer Zunge meine Zehen zu erkunden. Was tat sie da mit mir?

"Siehst du? Es geht in beide Richtungen, mein Kind."

Flüchtig dachte ich daran, daß ich an die 400 Jahre älter war als sie, aber trotzdem war diese Bezeichnung passend, denn in Liebesdingen war ich völlig unerfahren. Fast ... für von Maarx hatte ich mehr als einmal herhalten müssen, als Sex-Objekt. Das hier aber war etwas völlig Anderes. BQMZ zeigte mir Gefühle, Liebe, den prickelnden Schauer der Erotik. Sie nickte und sagte: "Morgen geben wir ein großes Fest. Ich werde dich vielen sehr interessanten Männern vorstellen und dir dabei helfen, sie ins Bett zu kriegen." Sie kicherte. "Ein paar jedenfalls. Die anderen schnappe ich mir."

Sie ließ meine Fuß los, rutschte neben mich, legte mir ihren Arm um die Schulter und sagte: "Das Geheimnis ist ganz einfach: Schönheit. Schönheit von außen und Schönheit von innen. Du mußt deinen Körper lieben, du mußt dich auf jeden neuen Tag freuen, wenn du dich morgens im Spiegel siehst, und wenn du abends mit einem Mann zusammen bist. Und was die Schönheit von außen angeht: da kenne ich eine hervorragende Schneiderin. Diesen Müllsack werfen wir weg, und du bekommst ein tolles Kleid mit einem Ausschnitt vorne bis zum Bauchnabel und hinten bis zu deinem knackigen Po. Dann sollst du mal sehen, wie die Männer alle auf dich fliegen. Aber jetzt gehen wir erst mal heim."

Heim. Zum ersten Mal, seit ich hier war, fühlte ich mich ein bißchen zu Hause auf dieser an sich so wunderschönen Insel. BQMZ erhob sich, legte dann eine Hand um meine Schulter und ging mit lautlosen Schritten voran.

"Wie hast du eigentlich gewußt", fragte ich die Piratin, "daß ich hier auf diesem Berg bin?"

"Das war reiner Zufall. In der Stadt haben ein paar Leute dich herumlaufen sehen und, tja, ich dachte mir, ich mache mal einen kleinen Spaziergang hierher, mal sehen, ob ich dich hier finde. Ist ja nicht weit von Caldarra. Weißt du, Arashi, ich war sehr neugierig und wollte dich schon längst mal kennenlernen. Und als ich dann diese zwei grün glühenden Augen hier herumirren gesehen habe, da überkam mich einfach die Versuchung, dich zu überraschen." Sie kicherte.

"Aber wie hast du es eigentlich geschafft, mich von hinten so genau zu finden. Meine Augen leuchten schließlich nur nach vorne, und hier muß es für menschliche Augen stockdunkel sein."

"Ziemlich. Ich habe mich eben hauptsächlich mit Tastsinn und Gehör orientiert."

Ich war erstaunt. Diese Frau verfügte über sehr ungewöhnliche Talente.

BQMZ fuhr fort: "Genau wie jetzt auch. Ich kenne diesen Weg hier genau. Gleich kommt zum Beispiel die Stelle, die ich bei mit immer die Strickleiterwurzeln nenne. Fünf Wurzeln, die im Abstand von knapp einem Schritt quer über den Weg gehen, eine hinter der anderen. Da." Sie berührte meinen linken Fuß mit ihrem rechten und führte ihn dann zielsicher an die Stelle, wo die erste dieser Wurzeln den sandigen Weg überquerten. "Wer die Stelle nicht kennt, kommt garantiert ins Stolpern. Und ich habe auch tagsüber schon genug Leute gesehen, die sich hier langgelegt haben." Sie lachte leise, dann machten wir einen dreiviertel Schritt nach vorn zur nächsten Wurzel, dann zur dritten, vierten und fünften. Anscheinend war BQMZ sich nicht so ganz dessen bewußt, daß ich diese Wurzeln trotz der Dunkelheit recht gut erkennen konnte. Sie selbst sah offenbar in der nächtlichen Finsternis so gut wie nichts und ging diesen Weg praktisch blind. Immerhin die Silhouette des Berges hinter uns und der Stadt vor uns mußte auch sie mit ihren Menschenaugen noch erkennen können.

Den ganzen Weg über unterhielten wir uns, von Frau zu Frau, und es war einfach wunderbar. Das war es, was mir fehlte: ein Mensch, zu dem ich gehörte. Irgendwann wurde mir bewußt, daß wir irgendwo angekommen waren und uns in einem Haus befanden. Dort war es allerdings auch stockdunkel. Nur durch die Fenster schien von den inzwischen ruhigen Straßen etwas Licht herein.

"Willst du keine Kerze anmachen?"

"Wozu?"

"Weil ... naja, Menschen bevorzugen doch die Helligkeit ... dachte ich."

"Stimmt. Ich nehme das als Training, weißt du. Ich habe schon viele Kämpfe gewonnen, gerade weil ich auch in völliger Dunkelheit noch kämpfen kann, wenn meine Feinde hilflos sind. Und meine wichtigsten Sinne und Waffen zugleich sind dabei meine Füße. Hier komm mal, ich zeig' dir was."

Auch hier drinnen konnte ich noch alles einigermaßen sehen, während BQMZ sich tastend orientierte. Das allerdings mit einer geradezu traumwandlerischen Sicherheit. Wir erreichten ein Zimmer, das wohl das Schlafzimmer der Piratin war. An der Wand hing ihr berühmtes Zackenschwert, und daneben die nicht minder berühmten Zehendolche. Diese waren in etwa eineinhalb Metern Höhe an die Wand gehängt, und ich konnte nun zusehen, was BQMZ tat: sie streckte den rechten Fuß hoch, bis er dicht unter dem Dolch die Wand berührte, fuhr dann tastend ein Stück höher, schlüpfte mit der zweiten Zehe in die Metallkappe und schloß diese über die Verschlußvorrichtung, die sie mit der großen Zehe zuklickte. Einen Moment später hatte sie auf die gleiche Weise auch ihren linken Fuß bewaffnet.

Mit klickenden Schritten ging sie dann quer durch das Zimmer und setzte sich mit angezogenen Beinen auf den massiven Schreibtisch, der dort stand. "Hier." Sie klickte mit den Dolchen auf die Tischplatte.

"Nicht schlecht", meinte ich.

BQMZ sah mich fragend an, dann zog sie ein ungläubiges Gesicht und fragte: "Sag' bloß nicht, du kannst hier etwas sehen."

"So einigermaßen. Jedenfalls habe ich gesehen, wie du diese Dolche angezogen hast. Das hätte ich selbst nicht besser gekonnt."

BQMZ seufzte. "Und ich dachte, ich könnte dich ... Naja. Aber es ist schon spät. Wir ..."

"Ja, wo sind wir hier eigentlich? Das ist dein Haus, nehme ich an."

"Ja. Wenn ich hier bin, wohne ich in dieser Villa. Aber du bist fast am anderen Ende der Stadt untergebracht. Tja, dann muß ich wohl noch mal los und dich dort hinbringen." Leichtfüßig sprang sie von dem Tisch herab, lief zurück zu der Wand, streckte ihr rechtes Bein in die Luft, bis sie die Haltevorrichtung fand, löste den Dolch und hängte ihn wieder auf, alles ohne ihre Hände dabei zu benutzen. Auch der linke Dolch fand auf diese Weise seinen Weg zurück an die Wandhalterung. Wer so etwas konnte, der brauchte sicher keinen menschlichen Feind zu fürchten.

Ich hatte dem fasziniert zugesehen, dann aber fiel mir ein, daß ich BQMZs Führung nicht brauchte. "Bemühe dich nicht, Freundin. Ich weiß genau, wo ich hier geographisch betrachtet bin und wie ich zu dem Haus komme, in dem wir untergebracht sind." Ganz davon abgesehen, daß ich jederzeit fliegen konnte.

"Ich bringe dich trotzdem hin. Die Straßen hier sind ziemlich unübersichtlich. Da kann man sich schon mal verlaufen, so mitten in der Nacht."

"Ich habe nicht die Absicht zu laufen. Hier!" Ich trat näher an sie hin und breitete meine Flügel aus, so daß sie sie fühlen konnte. Tastend strichen BQMZs Hände darüber, und sie staunte nicht schlecht über das, was sie mit ihren Fingern spürte. Dann glitten ihre Hände tiefer. Sie zog mich ein Stück näher zu sich hin und sagte: "Arashi, ich beneide dich. Ich würde sofort mit dir tauschen."

"Tauschen." Ich schluckte. "Ein Leben ohne Arme ist nicht so leicht."

"Aber du hast doch deine Füße. Ich würde sofort meine Arme hergeben, wenn ich dafür fliegen könnte."

"Warum fragst du nicht Calract? Bei mir ist das schwierig, aber dich könnte er jederzeit in alles umwandeln, was du willst."

"Ich ... ich ..." Sie schüttelte den Kopf. "Eine Lunaloc-Dämonin will ich nicht werden."

"Dann kannst du auch nicht fliegen." Sprach's, trat zum Fenster, sprang heraus und flog davon.

Das Haus zu finden war wirklich ein Kinderspiel. Lautlos landete ich auf dem offenen Balkon, und ebenso lautlos spazierte ich dann ins Innere. Ich brauchte mich nicht anzustrengen, um keine Geräusche zu machen, meine nackten Sohlen taten das von ganz allein. Und irgendwie machte mich das ein kleines bißchen stolz auf mich selbst.

Meine Mädchen schliefen schon tief und fest. Ich ließ sie schlafen und zog mich alleine aus. Das war mit meinen gelenkigen Beinen kein Problem. Müllsäcke - ich knurrte leise. Nackt stellte ich mich dann vor den großen Spiegel. Das Licht des Mondes zeigte mir einen ausgesprochen gutgebauten Frauenkörper. Keine Arme - na und? Ich bin ich, und wem das nicht paßt ... Und dann tauchte noch ein anderer Gedanke auf: Sollte es tatsächlich einen Mann geben, dem dieser Körper gefällt? Ein seltsamer Schauer lief mir über die Haut. Gefalle ich mir denn? Eigentlich schon ... ich bin doch wunderschön. Mein Herz schlug schneller. Keine Arme zu haben ist wunderschön. Ich seufzte. Arashi, du bist eindeutig verrückt. Aber das ist in Ordnung. Hier sind alle ein bißchen verrückt. Ich kicherte leise.

Dann legte ich mich zu den anderen auf das Lager, das sie auf dem Boden aufgeschlagen hatten. Seyra erwachte dabei und rutschte etwas zur Seite, um mir Platz zu machen. Ich legte ein Bein über sie und zog sie ganz dicht zu mir heran. Eng aneinander gekuschelt schliefen wir dann bis spät am nächsten Morgen.


Ein Lunaloc-Dämon brachte uns einen Korb mit Lebensmitteln, und Meriad bereitete daraus in kurzer Zeit ein ansehnliches Frühstück. Dann erschien BQMZ. Zum ersten Mal sah ich sie nun bei vollem Tageslicht. Gestern hatte sie Schwarz getragen, heute aber war ihre Bluse und die kurze Hose in einem schimmernden Rotbraun, das ihr unglaublich gut stand. Es paßte auch zu ihren Haaren, die dieselbe Farbe hatten. Dazu die grünen Augen - diese Frau war wirklich faszinierend.

Sie war barfüßig, und als ich sie darauf ansprach sagte sie: "Na klar. Wie soll ich mich denn bei hoher See festhalten, wenn ich Schuhe anhabe?"

"Aber hier sind wir doch an Land", warf Morga etwas verwirrt ein.

BQMZ zog die Luft ein. Sie wollte etwas sagen, überlegte es sich dann aber anders und blies die Luft wieder aus ihren Backen. Stattdessen sah sie mich fragend an.

"Gleich. Noch schnell das Ei hier." Ich nahm den Löffel, der, wie alles andere Besteck aus vergoldetem Silber bestand, zwischen die Zehen und klopfte das Ei auf. Mit dem anderen Fuß ergriff ich den Salzstreuer und gab etwas Salz darauf, dann verputzte ich es mit einigen großen Bissen. Schließlich wollte ich BQMZ nicht warten lassen.

"Wir gehen zum Schneider", rief ich Morga und den anderen zu, dann verließen BQMZ und ich das Haus. Mein neu erwachtes Selbstwertgefühl verlieh mir beste Stimmung.

Die Hauptstadt Caldarra war ziemlich überschaubar, und so hatten wir es nicht weit bis zu der Schneiderin, von der BQMZ mit erzählt hatte. Übrigens war auch das, was die Piratin gerade trug, von dieser Frau. Ihre Kleidung erschien einfach, stand ihr aber so gut, daß diese Schneiderin offensichtlich sehr talentiert sein mußte.

Der Eindruck täuschte nicht. Die Frau war mittleren Alters, und nicht gerade eine Schönheit, aber auffallend gepflegt und gut gekleidet. Sie hieß mich auf einem Hocker Platz zu nehmen. "Sexy soll es sein", erläuterte BQMZ ihr. "Sie soll damit die Männer verrückt machen können."

"Herrin, wenn Ihr bitte so freundlich wäret abzulegen."

"Warte, ich helfe dir", rief BQMZ und sprang hinzu, doch ich schüttelte den Kopf. Soviel Stolz hatte ich, das selbst zu tun. Nackt, meine helle, zarte, leicht marmorierte Haut präsentierend, saß ich dann vor der Schneiderin. Diese sah mich mit großen Augen an, aber ihre Blicke gingen eigentlich durch mich hindurch. Vor ihrem inneren Auge entwarf sie gerade die Kleidung. Ich mußte lächeln, die Frau wirkte wie in Trance. Nach einiger Zeit stand sie auf, sauste zu einem Regal, zog eine Stoffrolle heraus, kam zurück und hielt sie an mich. Dann begann sie mich einzuwickeln. Zwischendurch nahm sie Maß und entfaltete eine ziemlich undurchsichtige, aber nachdrückliche Aktivität.

"Wir können jetzt gehen", meinte BQMZ, die das anscheinend schon kannte. "Heute abend wird es fertig sein. Nicht wahr, Clarissa?"

"Ja, Herrin."

Ohne viele Worte zu verlieren half die Piratin mir beim Anziehen. Als wir dann vor der Tür standen, fragte ich sie: "Ist sie deine Sklavin?"

"Eine Staatssklavin eigentlich. Jedenfalls auf dem Papier. Aber du siehst ja", sie machte eine ausladende Geste, die die ganze Stadt umfaßte, "daß hier keiner in Ketten gehalten wird. Wozu auch? Hier haben sie es besser als bei sich zuhause in Freiheit."

"Was ist eigentlich aus den Menschen hier geworden, als ihr diese Insel erobert habt? Ich habe gehört, es hat viele schwere Kämpfe gekostet."

BQMZ sah mich mit einem seltsamen Gesichtsausdruck eine Zeitlang an, dann konnte sie es nicht mehr zurückhalten und platzte mit einem schallenden Gelächter heraus. "Da hat dir aber jemand ganz wildes Seemannsgarn erzählt." Sie lachte wieder und fuhr dann fort: "Nein, das hier war eigentlich eine unabhängige Inselrepublik oder so was ähnliches, völlig friedlich und hinterwäldlerisch. Natürlich haben sie nicht Beifall geklatscht, als wir den Laden hier übernommen haben, aber Widerstand oder gar Tote hat es keine gegeben. Im Gegenteil, diese Hillbillys sind durch uns erst modern geworden. Ohne die Piraten gäbe es hier weder Schiffe noch Handel noch sonstwas. Die Häuser, die ganze Stadt", sie macht eine ausladende Handbewegung, "das haben alles meine Männer und ich aufgebaut. Vorher gab es hier nur ein paar armselige Hütten. Und, tja, wer gehen wollte, der ging, aber die meisten sind geblieben und leben jetzt hier erheblich besser als vorher. Clarissa zum Beispiel, war vorher ein kleines, dürres Fischermädchen. Und schau' sie die jetzt an, wo sie ihr wahres Talent entfalten kann!"

Ich muß sagen, ich war beeindruckt. Diese Geschichte hätte ich nicht erwartet. Aber sie war typisch für Calract und die Menschen, mit denen er zu tun hatte. Und du, Arashi - vorher eine dumme, kleine Dämonin, und jetzt Majordomina ...

*

"Gewagt. Sehr gewagt." Der Ausschnitt ging so tief, daß einem schwindelig werden konnte. Und die Farben ... meine Haut war hell mit leichter Marmorierung, die bei bestimmten Gelegenheiten grün aufglühte. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß jemand ein Kleid entwerfen konnte, daß dazu paßte. Aber genauso war es. Nie in meinem Leben hatte ich so etwas getragen, und nie hatte ich mich so wohl gefühlt. Dezentes Gold, kräftiges Grün, fast eher schon Oliv, an Materialien Leder und verschiedene Seidenstoffe waren zu einer Kombination zusammengefügt worden, die einfach nur phantastisch war. Über meine Schultern spannten sich die Träger, die vorne meine Brüste bedeckten, aber nur haarscharf, und sich wirklich erst ein gutes Stück unterhalb des Bauchnabels vereinigten. Hinten ging es noch tiefer hinab. Für meine Flügel, die im zusammengefalteten Zustand ziemlich unansehnlich waren, hatte Clarissa sich etwas Besonderes ausgedacht: kleine weiße Engelsflügelchen, in die ich sie hineinstecken konnte. Anfangen konnte ich damit dann natürlich nichts mehr, aber ich hatte sowieso nicht vor, auf dem Ball herumzufliegen. Das Kleid ließ meine Schultern nahezu frei, und mir klopfte heftig das Herz in der Brust bei dem Gedanken, daß nun jeder sofort sehen konnte, daß mir die Arme fehlten. Aber sollte ich nicht stolz auf meinen Körper sein? Ich würde ihn jedem zeigen. Jeder soll Arashi so sehen, wie sie wirklich ist.

Unten hatte Clarissa mir einen kurzen Rock genäht, der meine Beine zum größten Teil freiließ und mir damit die nötige Beinfreiheit gewährte.

"Mädchen, du siehst toll aus. Hinreißend!" BQMZ war ganz begeistert.

Wir gingen dann zu ihr, wo sie sich ebenfalls umzog. Oder bessergesagt umziehen ließ. Daß ich dieses Kleid nicht alleine anziehen konnte, war nicht weiter verwunderlich. Aber ich erfuhr, daß niemand die Kleider, die Clarissa schneiderte, ohne die Hilfe einer Kammerzofe an- oder ausziehen konnte. Das fand ich sehr tröstlich.


Das Fest fand am Hafen statt. Überall waren Buden und Stände aufgebaut, an denen Fische, Oktopusse, Vögel, Schlangen, Hunde, Skorpione, Seesterne und alles mögliche andere briet, kochte oder schmorte. Zur Eröffnung kletterte BQMZ auf eine Bühne und hielt eine kurze, aber bemerkenswerte Rede.

"Piratenbrüder, meine verehrten Abenteurer, liebe Gäste!

Lange schon hat sich die Waffenbrüderschaft mit dem Schwarze König als segensreich für uns Piraten erwiesen. Ganz zu schweigen davon, daß er mir einst das Leben gerettet hat und ich ihm deswegen immer verbunden sein werde. Heute ist endlich der Tag gekommen, an dem wir etwas von unserer Schuld an Calract zurückzahlen können.

Aber geben wir uns keinen Illusionen hin: auch wir werden in diesen Krieg mit hineingezogen werden, ob wir wollen oder nicht. Wir werden uns nicht lange unter den Schlägen der wahnsinnig gewordenen Elfen wegducken können. Um so wichtiger ist eine möglichst enge Zusammenarbeit mit dem Schwarzen König, denn nur gemeinsam können wir gegen diesen heimtückischen Feind bestehen. Stimmen, die uns zur Neutralität raten, werde ich kein Gehör schenken. Wir Piraten betteln nicht, wir greifen immer an! Und nun laßt es euch schmecken!"

Lauter Jubel brach aus, dann wurden die Freßbuden gestürmt. Die Sklaven, unterstütz von Dutzenden Lunaloc-Dämonen, hatten alle Hände, Klauen, Tentakeln oder sonstigen Körperteile voll zu tun.

BQMZ, Saator, die wichtigsten Leute der Stadt und ich hatten natürlich ein eigenes Zelt mit Bedienung. Bevor wir hineingingen, trat ich zu Saator hin und entschuldigte mich dafür, daß ich anfangs zu unfreundlich zu ihm gewesen war. BQMZ sah es und rief: "Wunderbar. Ihr beide seid das perfekte Paar." Und in der Tat - es entging mir nicht, daß der Stadtkommandant ziemlich große Augen bekam, als ich so vor ihm stand. Ob nun absichtlich oder unbewußt, jedenfalls zuckte mein rechter Flügel, was zur Folge hatte, daß der Träger von meiner rechten Brust herabrutschte und diese entblößte. Naja, etwas mehr entblößte als sie vorher ohnehin schon gewesen war. Ich schnappte nach Luft und hob meinen Fuß, um den Stoff wieder darüberzuziehen, doch Saator war etwas schneller. Er ließ auch die Gelegenheit, mich dabei zu berühren, nicht aus, und das Kribbeln, das ich dabei empfand, erregte mich mehr, als ich zuvor gedacht hätte.

Und so kam es, daß dieser Mann mir den ganzen Abend nicht aus dem Sinn ging. Davon abgesehen waren wir sowieso die ganze Zeit unzertrennlich und flirteten so heftig, daß die anderen uns von Zeit zu Zeit applaudierten. Saator war wirklich ein unglaublich gutaussehender Mann, elegant und charmant, und er hatte diesen Hauch von Gefährlichkeit, den man bei den Piraten so oft vorfand. Ich war wie betäubt. Irgendwann tauchte BQMZ bei uns auf und schleppte uns irgendwohin ab. Ich bekam es kaum mit, jedenfalls fand ich mich schließlich völlig nackt auf einem riesigen Bett. Neben mir saß er .... tja, und dann war es soweit.

*

Ich will die Wahrheit sagen: von Maarx hatte mir ein Kind gemacht, einen Sohn, der jetzt wer weiß wo lebte. Mein Erschaffer hatte von Zeit zu Zeit seine Triebe an mir abreagiert, wenn seine Frau gerade nicht zur Stelle war. Für mich war es weder schön noch schlimm gewesen. Er hatte befohlen, ich hatte funktioniert.

Das hier war so völlig anders ... ich konnte es kaum glauben. Ich war keine Maschine mehr, auch keine armlose Dämonin, sondern eine Frau, eine fühlende, liebende Frau. Nachdem wir uns lange und hingebungsvoll geliebt hatten, verbrachten wir die Nacht zusammen Seite an Seite. Irgendwann schlug Saator dann die Augen auf, streichelte mich und sagte: "Ich weiß nicht, mein Engel, ob BQMZ es dir gesagt hat, aber ich bin hier bekannt als der größte Frauenheld." Er seufzte: "Und wahrscheinlich habe ich sogar ein paar Kinder da draußen ..." Fast klang es, als sei er heimlich stolz darauf.

Ich schluckte. Es war überraschend, aber seltsamerweise nicht enttäuschend oder gar erniedrigend. Saator war eben ein Mann, und was für einer! Anscheinend brachte er nicht nur mein Herz zum Rasen. Ich hauchte: "Es war trotzdem wundervoll." Aber ein paar Tränen kostete es mich doch, die der Inselkommandant mir liebevoll von den Bäckchen strich. Insgeheim hatte ich doch gehofft, ihn für mich allein haben zu können ... wie töricht ...

Voller Interesse untersuchte Saator dann meine Flügel. Viele Frauen hatte er schon gehabt - aber so eine bestimmt noch nicht!

Rein anatomisch betrachtet bestanden die Flügel aus genau den gleichen Arm-, Hand- und Fingerknochen wie jeder menschliche Arm. Nur waren vor allen die Fingerknochen um ein Vielfaches länger. Voll ausgestreckt maß jeder Flügel von der Schulter bis zur Spitze über drei Meter - die ich zu beinahe einem Nichts zusammenfalten konnte.

Zärtlich umfaßte Saator jetzt den Teil, der dem Handgelenk entsprach, streichelte es und hauchte dann einen Kuß darauf.

Mein Herz raste vor Erregung. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, holte tief Luft und flüsterte heiser: "Findest du mich hübsch?" Jetzt war es heraus. Ich glaube, ich wurde knallrot, denn das war ganz bestimmt die dämlichste Frage, die ich je gestellt hätte. Am liebsten wäre ich ganz klein geworden und irgendwo in einer Ritze verschwunden. Bettelnd hingen meine Augen an seinen Lippen.

Saator lächelte und flüsterte dann: "Du bist wunderschön." Dann streichelte er zärtlich mein Gesicht und meinen Körper. Ich mußte vor Glück weinen, denn es war nicht nur eine leere Schmeichelei gewesen. Sollte Saator doch etwas für mich empfinden? Ausgerechnet für mich, wo er doch auch richtige Frauen mit vollständigen Körpern und vier Gliedmaßen haben konnte, soviel er wollte.

Seine Lippen näherten sich meinem Ohr. Fast schien es, als habe er meine Gedanken gelesen, als er mir zuflüsterte: "Es ist wahr, ich habe schon viele Frauen im Bett gehabt, aber du bist anders. Keine kann sich mit dir messen, Arashi."


"Hm, kann ich das heute noch mal anziehen? Ich meine, die Feier ist ja um, und das Kleid war doch dazu da, äh ..."

"Dazu da, Männer zu verführen", vollendete Saator meinen Satz. "BQMZ hat es mir gesagt. Aber nicht nur mir. Es warten noch viele andere auf dich, mein Engel. Solange du hier bist, sollst du alle Freuden der Liebe kennenlernen." Er stand auf und half mir, mich wieder in dieses Kleid hineinzuarbeiten, was angesichts dessen, daß es hauptsächlich aus Luft bestand, gar nicht so einfach war.

*

BQMZ machte ihr Versprechen wahr. Ich glaube, die wenigen Tage, die ich auf der Chadney-Insel verbrachte, waren die schönste Zeit meines Lebens. Ich flirtete viel, aber ich ging mit keinem anderen mehr ins Bett. Denn - ich gebe es zu - Saator hatte mein Herz erobert.

Lange dauerte mein Exil leider nicht, denn ein paar Tage später kam meine Schwester Lalalu angeflogen und befahl den Dämonen die Rückkehr. Gemeint waren damit eigentlich die Lunaloc-Dämonen, aber ich beschloß, mich ihnen anzuschließen und meine Arbeit als Calracts Majordomina fortzusetzen. Ich würde mir noch mehr Mühe geben, damit nicht nur Calract auf mich stolz sein konnte, sondern ich selbst auch ... und vielleicht auch Saator, wenn er davon erfuhr. Zu tun gab es mehr als genug, aber jetzt stürzte ich mich nicht mehr in die Arbeit, um zu vergessen, sondern aus Begeisterung.



Erstellt am 18.4.2003. Letzte Änderung auf dieser Seite: 16.10.2017