Das Unendliche Land - 15. Teil

Brief an den Ehemann in der Fremde

Mein Liebster!

So lange bist Du nun schon fort und weißt nicht, was hier alles geschehen ist in diesen endlosen 21 Jahren, die mir so unerträglich sind ohne Dich. Du würdest Trok kaum wiedererkennen, so sehr hat sich alles verändert. Die Häuser, die damals, als Du in den arcadischen Krieg zogest, niedergebrannt waren, sind längst wieder aufgebaut, größer, prächtiger und zahlreicher als je zuvor.

Unsere große Königin Alessandra hat damals das Wunder bewirkt. Unter ihr blühte das Land auf. Und jetzt ist es, wie man sich zuflüstert, wieder unsere Königin, die sich geopfert hat, um den drückenden Alptraum von uns zu nehmen, der uns seit diesen 21 Jahren nicht mehr losläßt. Oh, wie dankbar sind sie alle dem Schwarzen König, der in Wirklichkeit ein Ungeheuer ist, wie man es sich schlimmer nicht vorstellen kann, für die Handvoll Silberlinge, die er verteilt unter den einfältigen Menschen.

Ich kann einfach nicht länger schweigen, muß es Dir erzählen, mein Liebster, obwohl ich nicht einmal weiß, ob Dich dieser Brief jemals erreichen wird. Lange schon ist es her, da zogen die Dämonen in unsere Stadt ein. Als ich sie das erste Mal sah, da dachte ich, die Hölle hätte sich aufgetan für uns, und ihre Bewohner ausgespien, um uns zu strafen. Schrecklich sehen sie aus, eine Mischung aus Mensch und Tier, Geister, verunstaltete Monstren, die jedem, der sie erblickt das Blut in den Adern gefrieren läßt. Aber der wahre Alptraum begann damit, als ich diese monströsen Ausgeburten eines teuflischen Willens sprechen hörte. Tiere, Bestien, die sprechen! Ja, mein Liebster, sie sprechen. Sie lachen, sie fühlen, und sie können sogar weinen.

Wie sollen wir Menschen uns wehren gegen eine solche Bedrohung? Vielleicht kämpfst Du gerade in einem fernen Land gegen kriegerische Wilde. Aber das ist nichts gegen diese Invasion der Gottlosigkeit. Gott hat den Menschen erschaffen, aber der Schwarze König hat diese Bestien erschaffen. Oh, sie greifen uns nicht an, sie sind freundlich, hilfsbereit, umgarnen unsere Seelen, so daß viele Menschen es schon für vollkommen normal halten, diese unsere Welt mit solchen Höllenkreaturen zu teilen. Sie nennen sie sogar schon unsere Brüder und Schwestern. Mein Liebster, Du bist weit, vielleicht in einem Land, von dem man nicht mehr zurückkommt. Und bis vor kurzem habe ich mir gewünscht, bei Dir zu sein, selbst wenn es im Reich der Schatten wäre. Doch nun, nach mehr als zwanzig endlosen Jahren, in denen der Schwarze König seine Hand immer weiter und weiter ausgestreckt, bald die ganze Welt in seinen Pfuhl gezogen hat, nun endlich ist ein helles Licht der Hoffnung aufgegangen.

Unsere Königin Alessandra, die Goldene Königin, von der die alten Weissagungen prophezeien, daß sie die Menschen von den Dämonen erlösen wird, sie, unsere große Königin und ihr tapferer Mann König Wilhelm sind aufgestanden gegen Calract, den Herrscher der Dämonenwelt. Zusammen mit den Elfen, deren größter Wunsch es wie unserer ist, die gegen jeden göttlichen Willen auf dieser Welt wandelnden Lunaloc-Dämonen auszurotten und vom Antlitz dieser unserer Erde zu tilgen, ja, gemeinsam kämpfen und siegen sie. Für uns alle.

Mein Liebster, ich schäme mich, es zuzugeben. Viele meiner Freunde - meiner ehemaligen Freunde und Bekannten - sind gegen diesen Krieg, sind für ein friedliches Zusammenleben mit den Dämonen. Gott wird sie dafür strafen. Und wenn nicht Gott, dann unser großer König und die erhabene Goldene Königin, die wahre Beherrscherin aller Welten.

Zu viele Opfer werde es kosten, so sagen sie. Doch daß wir unsere Seelen verkaufen, das wollen sie nicht sehen. Die Macht des Calract habe uns Wohlstand gebracht, heißt es. Wohl wahr, schmutziges Gold aus dem Unendlichen Land gibt es mehr als früher. Doch was sind diese eitlen Schätze wert? Nichts gegen das, was die Dämonen allein durch ihre Anwesenheit unter uns anrichten.

Doch es gibt auch die anderen, die reinen Herzens sind. Große Heldentaten vollbringen sie im Westen, töten jeden Dämon, dem sie begegnen, hören nicht auf ihr Winseln um Gnade. Und mit jeder Bestie, die fällt, stirbt auch ein kleines Stück ihres Herrschers, des Königs der Finsternis. Viele werden nicht zurückkommen, aber oft sind meine Gedanken bei ihnen, den Helden unseres vereinigten Reiches. Ach, mein Liebster, so sehr wünschte ich mir, Du könntest bei mir sein und das alles mitansehen.

Mein Liebster, die Zeiten sind wieder unruhig. Aber sind sie jemals anders gewesen?


36. Kapitel - Krieg im Westland

Oktober 1269


Das letzte, was von Paroda hinter den lieblichen Hügeln verschwand, war der Glockenturm des Rathauses. Gelhard Krenns blickte sich ein letztes Mal um. Irgendwie würde er diese Stadt doch vermissen, in der er vor 17 Jahren geboren worden war und praktisch sein ganzes Leben verbracht hatte.

"Na, schon Heimweh?", fragte sein Freund Gernot mit leichter Ironie in der Stimme. "Oder nur die Erinnerung an Mamas Fleischtöpfe."

"Du hast gut Reden, mein Lieber." Fleischtöpfe, das war etwas, was der junge Mann in seinem Leben nie kennengelernt hatte. Seit seiner Geburt war allein Paroda um das Doppelte gewachsen. Kein Haus, aus dem man nicht Jahr um Jahr das Schreien von Säuglingen und das Toben und Juchzen von zahlreichen Kindern vernommen hätte. Daß die Felder nicht so schnell mitwachsen konnten, darauf war man erst später gekommen. Gelhards Familie hatte schon immer zu den ärmsten gehört, sein Vater war Tagelöhner, sein Großvater, den er noch kennengelernt hatte, war Tagelöhner gewesen, dessen Vater ebenso ...

Doch die Bauern, bei denen man früher ein zwar bescheidenes, aber sicheres Auskommen haben konnte, hatten nun ebenfalls eine stetig wachsende Kinderschar zu ernähren. Das hatte zwei sich verstärkende Konsequenzen: sie konnten sich keine Knechte mehr leisten, weil sie ihre wachsenden Familien zu versorgen hatten, und andererseits brauchten sie auch keine mehr, weil sie genug Kinder hatten, die auf den Feldern und in den Ställen arbeiten konnten.

Hunger, das war das beherrschende Motiv von Gelhards ganzer Kindheit gewesen, die er mit 12 oder 13 Geschwistern geteilt hatte. Und natürlich war er auch jetzt hungrig. Hungrig würde er nach Westen gehen, in das gelobte Land, das bald schon ihm gehören würde. Er würde einen Lunaloc-Dämon erschlagen, und ein Stück Land würde ihm gehören. Dann würde er eine eigene Familie gründen, und ... ja, das würde ein tolles Leben werden ...

"Wie lange, schätzt du, werden wir brauchen?", fragte er seinen Freund.

Gernot stammte aus einer Familie, die Gelhard immer als reich angesehen hatte, obwohl sie das keineswegs war. Doch er hatte wenigstens jeden Tag - oder fast jeden - genug zu essen gehabt und mehr als einmal hatte er Gelhard davon abgegeben. Obwohl - in den letzten Jahren hatte es auch dort immer weniger zum Teilen gegeben. Dennoch hatte Gernot ihn nie vergessen. Gelhard wußte nicht, warum Gernot ihm immer etwas abgab, außer, daß das unter Freunden so üblich war. Jedenfalls war nicht der Hunger Gernot Motiv gewesen, sich seinem Freund aus Kindertagen bei dessen Zwei-Mann-Kriegszug ins Westland anzuschließen, sondern eher Abenteuerlust.

Das Abenteuer lag in der Luft, seit die Boten des jungen Königs Wilhelm gekommen waren und erklärt hatten, daß Krieg sei. Krieg gegen den bösen Schwarzen König, der nach der Weltherrschaft strebe. Man habe sich mit den zauberischen Elfen zusammengetan, um seine teuflische Macht zu brechen. Die Anschläge und Verkündigungen hatten keinen Zweifel daran gelassen, was von Wilhelms zahlreich gewordenen Untertanen erwartet wurde: sie sollten sich bei der Ritter-Armee melden. Wer das nicht wollte, der wurde aber auch nicht daran gehindert, sein Glück auf eigene Faust zu versuchen. Wer im Westland kämpfte und viele Feinde erschlug, der durfte einen Teil des Landes für sich behalten. Sein eigener Herr sein, sein eigenes Land bestellen, davon träumten die beiden Jungen. Daß das Land schon jemanden gehörte und sie eine Reihe von Morden begehen mußten, um es zu bekommen, das kam ihnen nie in den Sinn. Man hatte es ihnen auch nicht gesagt, im Gegenteil: die anderen waren keine Menschen, sondern Untertanen des Schwarzen Königs und damit weniger Wert als Dreck. Es war geradezu eine Pflicht, sie alle auszurotten. Angefangen hatte man mit denen in der Poststation. Irgendwann hatten die Menschen dann verdutzt gemerkt, daß es nun keine Drachenpost mehr gab - ein schmerzlicher Verlust, der die abgrundtiefe Bosheit des Schwarzen Königs erst recht bewies.

Gelhard zuckte die Schultern. Er hatte keine Ahnung, wie lange sie bis zum Siina, den sie als die Grenze ansahen, unterwegs sein würden. Pferde - daran war nicht im Traum zu denken. Waffen - ein paar Holzprügel und ein abgebrochenes Küchenmesser waren alles, was sie hatten auftreiben können.

Später kamen sie an einem Kartoffelacker vorbei, auf dem gerade geerntet wurde. Sie versteckten sich, warteten bis zum Abend, und als sie allein waren, gingen sie auf den noch nicht abgeernteten Teil und stahlen so viele Kartoffeln, wie sie tragen konnten. Im Wald machten sie dann ein Feuer und versuchten, die Kartoffeln darin irgendwie zu garen. Am Ende waren sie außen verbrannt und innen noch roh, aber die beiden Jungen waren hungrig und aßen sie trotzdem.

Am nächsten Tag fanden sie einen toten Fuchs, den sie den Raben wegnahmen und sich brieten, zusammen mit einer weiteren Portion der gestohlenen Kartoffeln. Tag um Tag zogen sie weiter, rechter Hand die Schwarzen Berge, vor sich irgendwo in ungewisser Ferne ihr Ziel. Da sie betteln und stehlen mußten, kamen sie nur langsam voran. Immer wieder sahen sie Armeegruppen nach Westen ziehen, die meisten zu Fuß, manche aber auch zu Pferde. Die Augen der beiden Jungen leuchteten jedesmal, wenn sie die stolzen Ritter in ihren glänzenden Rüstungen an ihnen vorbeireiten sahen. Irgendwo kurz vor der Grenze stießen sie dann auf eine weitere Gruppe von Glückssuchern wie sie, eine 19-jährige Frau namens Lilly, ihren 8-jährigen Bruder und ihre 4-jährige Tochter Eliane. Ein weiteres Kind trug sie noch im Bauch. Die fünf beschlossen, zusammenzubleiben. Und dann standen sie eines Tages vor dem gewaltigen Siina-Fluß und blickten mit hungrigen Augen nach Westen.

"Und wie kommen wir jetzt da drüber?", fragte Gernot enttäuscht. Daß dieser Fluß so breit und schnellfließend sein würde, davon hatten die jungen Abenteurer keine Ahnung gehabt.

"Wir können ja schwimmen", meinte Gelhard.

Lilly sah ihn skeptisch an und steckte dann einen Fuß ins Wasser. Sie schüttelte heftig den Kopf: "Da erfrieren wir. Es ist eiskalt. Aber weiter im Norden gibt es eine Brücke, die berühmte Njala-Brücke", erklärte sie. "Probieren wir es doch dort!"

"Im Norden? Da ist doch das Schwarze Königreich. Die Herolde haben gesagt, wir dürfen es auf keinen Fall betreten."

"Ach, Blödsinn. Das gilt nur für die Ritter der Armee."

"Die Ritter ... wie kommen die über den Fluß?", fragte die kleine Eliane. Das, fand Gelhard, war gar keine so dumme Frage für so ein kleines Kind.

"He, was macht ihr hier!", brüllte sie plötzlich eine tiefe Stimme an. Die fünf fuhren erschrocken herum. Unbemerkt war hinter ihnen ein Ritter mit dem bremrener Wappen aufgetaucht, und er machte keinen sehr freundlichen Eindruck.

Gelhard stotterte herum, dann sagte er: "Wir wollen in das Westland und gegen den Schwarzen König kämpfen. Wißt Ihr nicht, wie wir über den Fluß kommen, Herr Ritter?"

"Das hier ist bremrener Gebiet, und wir sind neutral. Verschwindet von hier!" Er zog sein Schwert, und die drei Jungen und zwei Mädchen rannten davon, so schnell sie konnten.


Daß sie flußaufwärts gelaufen waren, war vielleicht eher ein Zufall. Jedenfalls einigte man sich darauf, nun doch weiter nach Norden zu ziehen, bis man entweder die Brücke oder eine andere Möglichkeit, den Fluß zu überqueren, fand. Denn letztlich kam der Fluß irgendwo von dort und mußte ja eigentlich am Oberlauf schmaler und damit leichter zu überwinden sein.

Wieder vergingen mehrere Tage. Nachts wurde es bereits empfindlich kalt, manchmal gab es schon Frost in den frühen Morgenstunden. Eines Morgens, es war fast noch Nacht, wurde Gelhard durch leises Schluchzen geweckt, das sich langsam durch seinen Traum durcharbeitete, bis er schließlich etwas desorientiert erwachte. Er brauchte eine Zeitlang, um sich zurechtzufinden, außerdem waren seine Glieder durch die eisige Kälte steif. Schließlich wälzte er sich herum und kam schwankend auf die Beine.

Das Schluchzen kam von Lilly. Sie saß etwas abseits auf einem kleinen Erdhügel, wandte Gelhard den Rücken zu und hatte sich weit vorgebeugt. Gelhard konnte nicht erkennen, was die junge Frau dort tat, also schlurfte er zu ihr hinüber.

Lilly bemerkte ihn erst, als er direkt neben ihr stand. Ihr Gesicht war tränenüberströmt. Mit beiden Händen hielt sie ihre Zehen umklammert.

Die junge Frau stammte aus Umständen, die wohl noch armseliger waren als die, in denen Gelhard aufgewachsen war. Sie trug nichts als Lumpen am Leib, und Schuhe hatte sie sicher nie in ihrem Leben besessen. Gelhard kniete sich neben sie, und sie drückte sich zitternd und schluchzend an ihn, wobei sie ihre Füße losließ. Erschrocken sah der junge Mann, daß ihre Zehen schwarz waren - erfroren.


Lilly erwies sich für die Gruppe mehr und mehr als Last. Mit ihren erfrorenen Füßen konnte sie nicht mehr richtig laufen, ganz abgesehen von den Schmerzen und ihrer Angst. Und so machten Gelhard und Gernot sich eines Nachts heimlich davon. Sie würden ohne diesen Ballast viel besser zurechtkommen.

Und dann standen sie vor der Njala-Brücke. Oder dem, was noch davon übrig war.

Eigentlich war es ziemlich selbstverständlich, daß ein exponiertes und strategisch wichtiges Bauwerk wie diese Brücke in einem so brutal geführten Krieg nicht lange überstehen würde. Doch die beiden jungen Abenteurer waren maßlos enttäuscht. Wutentbrannt rannte Gernot los und stürzte sich in die eisigen Fluten, Gelhard hinterher.

Als er irgendwann mehr tot als lebendig auf dem anderen Ufer ankam, war er allein. Verzweifelt begann er seinen Freund zu suchen, rief immer wieder seinen Namen, rannte am Ufer entlang, vergebens. Gelhard sah ihn nie wieder.

Irgendwann stieß Gelhard auf Weiße Soldaten und schloß sich ihnen an. Allein hätte er es nicht mehr lange gemacht. Die ganze Gegend, einst blühende Felder, war verwüstet, die Farmen und Siedlungen niedergebrannt, die Menschen vertrieben. Ab und zu sah man am Horizont ein paar Drachen fliegen. Woher sie kamen, wohin sie wollten - niemand wußte es. Manchmal sah man die Drachen auch von Feuer umlodert. "Dort kämpfen die Elfen", murmelten dann die alten Soldaten andächtig, und Gelhard sah dabei immer schweigend und ängstlich in die Ferne, wo sich Dinge abspielten, die er im Grunde nicht verstand.

Bei den Soldaten gab es Essen. Es war wenig und eher zum Füttern von Ratten und Schweinen geeignet, aber es hielt einen am Leben, und deswegen war Gelhard seinem König dankbar, während sein Haß auf den teuflischen Schwarzen König, der für all sein Unglück verantwortlich war, stieg. Die Armeegruppe, der er nun angehörte, marschierte nach Westen - natürlich. Alle Weißen Armeen marschierten nach Westen. Immer wieder lagen Tote auf ihrem Weg, manchmal sehr viele. Dazu kamen die niedergebrannten Dörfer und Häuser. Einmal zogen ihnen eine Gruppe verängstigter Flüchtlinge entgegen. Gelhard fragte sich, wo sie wohl hin wollten. Für diese Menschen, denen dieses Land gehört hatte, gab es nirgends mehr einen Platz. Sie waren Untertanen des Schwarzen Königs. Am besten, man erschlug sie einfach. Was sie dann auch taten. Die Toten plünderten sie aus, und zum ersten Mal in seinem Leben besaß Gelhard nun etwas, das wertvoller war als ein paar Lumpen. Es war ein gutes Gefühl gewesen, Feinde zu töten und sie dann auszurauben.

Ein anderes Mal kamen sie an der Leiche eines bizarren Ungeheuers vorbei. Der Hauptmann erklärte, daß es sich um einen Lunaloc-Dämon gehandelt hatte, eine teuflische Kreatur, für deren Tod man dankbar sein müsse. Fasziniert betrachtete Gelhard den Kadaver, bis sie weitermarschierten und er aus seinem Blickfeld verschwand.

Ein paar Tage später erschien ein Dunkelelf bei den Generälen. Gelhard hatte noch nie in seinem Leben eine Elfe aus der Nähe gesehen, und auch diese sah er nur aus der Ferne. Doch er fühlte, daß dies ein heiliger Augenblick war. Eine Elfe war ihnen erschienen und hatte ihnen eine Verkündigung gemacht. Jetzt würde alles gut werden, das spürte der Junge.


"Männer!" Der Oberstleutnant persönlich war vor sein Korps getreten. Die Stunde der Entscheidung nahte. "Wir haben den Befehl, die vor uns liegende Stadt, die der Feind Cocona nennt, anzugreifen und niederzubrennen. Der Feind ist längst geflohen, es wird also eine leichte Aufgabe sein." Der Offizier teilte dann die Bataillone ein. Stolz ruhte Gelhards Hand auf dem Knauf des Schwertes, das er nun besaß. Auch einen Rang hatte er bekommen, er war jetzt ein Weißer Ritter im Dienste des Weißen Königs Harro. Der Oberstleutnant fuhr fort: "Da die Stadt verlassen ist, können wir sie gefahrlos plündern, bevor wir sie abbrennen. Nach unseren Informationen mußte der Feind sich so schnell zurückziehen, daß er nur wenig mitnehmen konnte. Jetzt endlich werden wir alle für unsere Mühen und Entbehrungen belohnt!"

Jubel brach unter den Soldaten aus, und Gelhard freute sich, daß er zur der Gruppe gehörte, die mit als erste in Cocona einrücken durfte. So würde sein Anteil an der Beute größer sein. Kurz darauf kam der Befehl zu Vorrücken. Jubelnd und singend setzte sich Zug um Zug in Bewegung. Weit in der Ferne erkannte der junge Ritter eine Gruppe von Elfen, die sich an dem Sturm anscheinend beteiligten. Aber wozu? Die Stadt war doch verlassen. Natürlich, auch sie wollten ihren Anteil der Beute.

Ganz so verlassen war Cocona allerdings doch nicht, denn plötzlich erschienen über dem Himmel von Cocona vier dunkle Pünktchen, die schnell größer wurden. Es waren Drachen, feuerspeiende Drachen, und sie griffen die vorrückenden Soldaten erbarmungslos an. Schreiend, voller Panik, die glühenden, brennenden Rüstungen wegwerfend, rannten die Ritter davon, um ihr Leben. Auch Gelhard wurde getroffen, aber zum Glück nicht schwer. Dachte er jedenfalls zunächst. Daß sein Arm versengt war und ziemlich schmerzte, dem maß er keine weitere Bedeutung bei, das würde wieder heilen. Jedenfalls erlebte er jetzt, wozu die Dunkelelfen die Armeegruppe begleiteten. Sie als einzige waren in der Lage, den Drachen Paroli zu bieten. Es kam zu einem wilden Luftkampf. Wieder und wieder wurden die Elfen in Feuersgluten gehüllt, kamen aber jedesmal wieder unversehrt daraus hervor. Ihre Macht mußte unvorstellbar sein.

Schließlich gelang es ihnen, mit ihren Zauberkräften einen der Drachen zurückzuverwandeln. Mitten in der Luft wurde er wieder ein Mensch, stürzte zu Boden und blieb dort mit zerschmetterten Gliedern liegen. Erst nachdem er tot war, verwandelte er sich wieder in einen Drachen zurück. Die drei anderen flohen daraufhin.

Ansonsten geschah beim Einmarsch in Cocona nichts weiter. Hinter den Dunkelelfen zog Kolonne um Kolonne ein. Die Soldaten verteilten sich dann auf die Häuser, plünderten sie aus und steckten sie dann in Brand, eins nach dem anderen.

Irgendwann, es stand schon die halbe Stadt in Flammen, kam eine seltsame Unruhe auf. Wilde Gerüchte flogen von Mann zu Mann, dann ein Schrei. "Seht doch, der Himmel. Er brennt!" Gelhards Kopf flog nach oben, und er erstarrte. Der Himmel lief blutrot an.

Es war ein Anblick, wie Gelhard ihn noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Von einem der Hügel, unter denen man Cocona gebaut hatte, stach ein hauchdünner, aber unglaublich greller Strahl in den Himmel, wo er irgendwo in den Wolken auf ein Hindernis traf und auseinanderlief. Wie ein Klecks roter Tinte breitete sich das düstere Rot rasend schnell über den Himmel aus. Und dann ging die Welt unter. Es regnete Feuer und Vernichtung. Über dem brennenden Cocona lag eine Wolke aus einer anderen Welt, aus der die Vernichtung herabtropfte. Jeder Feuerstropfen, der die Erde erreichte, explodierte dort mit greller Wucht und äscherte sofort alles in seiner Umgebung ein. Keiner, der auch nur in der Nähe war, hatte dabei den Hauch einer Chance. Gelhard sah Soldaten mitsamt ihren Pferden einfach zu Asche zerfallen. Der junge Abenteurer, der sich mit seiner Beute bereits an den Stadtrand zurückgezogen hatte, um seinen verbrannten Arm zu verarzten, rannte los. Er rannte um sein Leben, denn hinter ihm hörte die Welt, wie er sie kannte, auf zu existieren.

*

Es war Nacht. Gelhard lag in irgendeinem Loch. Sein verbrannter Arm schmerzte inzwischen höllisch. Die Angst würgte ihn. Die Angst vor dem, was er gesehen hatte. Die Angst zu sterben. Doch es gab etwas, was noch stärker war als die Angst. Und das war der Hunger. Sein ständiger Begleiter, der ihn sein ganzes Leben lang nie verlassen hatte. Der Hunger. Gelhard hob den Kopf. Nichts geschah. Irgendwann erhob er sich auf die zittrigen Knie, dann stand er vorsichtig auf und blickte sich um. Es war dunkel. Dunkel und kalt unter einem samtenen, sternklaren Himmel. Eisigkalt. Lilly fiel ihm ein. Ob sie und ihr Baby noch lebten?

Wo waren die anderen? Die Armee war über 3000 Mann stark gewesen.

Am nächsten Morgen schleppte sich Gelhard zurück nach Cocona. Doch die Stadt gab es nicht mehr. Er erschrak, als es hell genug geworden und er nahe genug herangekommen war. Vor sich breitete sich eine Mondlandschaft aus. Da, wo gestern noch die Stadt gestanden hatte, war jetzt ein Krater, der immer noch so heiß war, daß man sich ihm nur bis auf ein paar hundert Meter nähern konnte. Etwas weiter draußen, da, wo er stand, gab es immerhin noch ... was war das, lebte da noch jemand?

Gelhard zuckte zusammen, als er die Leiche umdrehte. Es war ein Dunkelelf. Verkohlt, aber noch als Elf zu erkennen. Er hatte anscheinend hinter diesem Felsen verzweifelt Deckung gesucht, aber sie hatte ihm nichts genützt. Sonst fand Gelhard niemanden mehr. Nichts und niemanden. Die Armee der Weißen Ritter war vom Erdboden verschwunden. Ausgetilgt von der Macht des ... des ... irgendwie konnte Gelhard sich nicht mehr dazu bringen, sich zu fürchten oder den Schwarzen König zu hassen. Nein, er haßte etwas ganz Anderes. Er haßte den Hunger, die Armut, die Hoffnungslosigkeit, die sinnlose Trostlosigkeit seines Lebens. Was sollte er jetzt machen? Benommen tappte er los, einfach irgendwo hin. Vielleicht würde ihm jemand helfen ... aber gab es noch jemand, der ihm half? Oder der ihm helfen wollte? Sie waren doch alle tot oder vertrieben. Und er hatte mitgeholfen, sie zu erschlagen.


Gelhards Arm entzündete sich. Hunger und Schmerzen lieferten sich ein Kopf an Kopf-Rennen. Manchmal weinte der junge Mann, weil er die Schmerzen nicht mehr aushielt, manchmal brach er zusammen, weil der Hunger ihn so geschwächt hatte.

"Ich will nicht so sterben, nicht hier. Was ist mit der Farm, mit dem besseren Leben, das sie mir versprochen haben!" Er wollte es hinausschreien, aber es wurde nur ein heiseres Flüstern. Er wollte hassen, den Schwarzen König, den Weißen König, die Elfen, aber er hatte keine Kraft mehr. Es reichte gerade noch, um ihn irgendwie am Leben zu halten. Für Haß hatte er keine Zeit mehr. Er fraß Würmer und Wurzeln, aber der Winter war schneller. Der Junge aus Paroda sah seinem Ende entgegen.


Doch Gelhard wurde gerettet. Es kam eine neue Armee. Die Ritter fanden ihn wahrscheinlich in letzter Minute. Sie amputierten seinen rechten Arm fast bis an die Schulter. Sie gaben ihm zu Essen, bis er wieder laufen konnte. Dann schickten sie ihn heim.

Heim?

Gelhard wußte nicht, was ihn vorantrieb. Irgend etwas in ihm funktionierte noch und ließ ihn einen Fuß vor den anderen setzen. Inzwischen fiel jede Nacht Schnee, und tagsüber taute er auch nicht mehr weg. Etwas rechts vor Gelhard kam einmal ein kleiner, aber recht dichter Wald. Der junge Mann hätte es wahrscheinlich nicht bemerkt, doch da lag etwas Glitzerndes auf dem Boden. Gelhard ließ sich auf die Knie fallen und hob das Ding auf. Er war wie elektrisiert, als er erkannte, was er da in seiner verbliebenen Hand hielt: den Flügel einer Waldelfe!

Lange saß Gelhard einfach nur so da, und die Kälte fraß sich immer tiefer in seinen ausgemergelten Körper. Er wünschte sich, wieder Zuhause zu sein, bei seiner Familie. Sie würden sich um ihn kümmern. Sie mußten sich um ihn kümmern. War er nicht für seinen König ausgezogen in den Krieg! In einen Krieg, der so anders war, als man es ihm erzählt hatte. Ein paar Dämonen erschlagen und dann das Land in Besitz nehmen als strahlender Sieger. Gelhard würgte bei diesen Gedanken. Sie hatten ihn betrogen. Sie hatten sie alle grausam betrogen.

Später, gegen Mittag, als die eisige Kälte ein kleines bißchen nachgelassen hatte, schleppte sich der Junge wieder weiter, in den kleinen Wald hinein. Darinnen war es erstaunlich warm. Und dann hörte er ein schmatzendes Geräusch. Gelhard versuchte leise zu sein, aber das war in seinem Zustand unmöglich. Wie ein halbtoter Elefant trampelte und fiel er durch das Unterholz. Bis er die Lichtung erreichte.

In den Wochen und Monaten, die Gelhard nun schon im Krieg war, hatte er viel mehr neue und seltsame Dinge gesehen als vorher in seinem ganzen Leben zusammen. Aber diese Szene war wirklich unglaublich.

Mit dem Rücken zu ihm saß auf den Boden gekauert eine dunkle Dämonin. Prächtige Schwingen trug sie auf dem nackten Rücken. Vor ihr lag eine tote Lichtelfe, und mit Klauen und Zähnen riß die Dämonin Stücke aus dieser heraus und schlang sie gierig hinunter. Trotz ihrer fast schwarzen Haut sah man überall das Blut, mit dem sie bespritzt war.

Gelhard langte nach seinem Messer, aber das hatte er schon lange verloren.

"Na, Kleiner, willst du auch was? Man sagt, wer das Blut der Elfen trinkt, wird unsterblich." Aber das glauben nur Kinder und Idioten. Solche wie du.

Die langohrige Dämonin hatte sich immer noch nicht zu ihm umgedreht, aber das holte sie nun nach. Die beiden starrten einander an. Kinkiralinlin wunderte sich, daß so ein Wrack von einem Menschen überhaupt noch am Leben war. Und Gelhard Krenns hing wie gebannt an den verzehrenden gelben Raubtieraugen der dunkelhäutigen Frau.

Einen Moment später lag er auf dem Rücken, die Dämonin über ihm. Mit ihren Füßen hielt sie ihn fest, dann beugte sie sich zu ihm herab, legte ihr Lippen, die unglaublich weich und zart waren, auf seine und flößte ihm von dem halb zerkauten Elfenfleisch ein.

Wie ein Süchtiger schlang Gelhard es herunter. Die Dämonin riß ein weiteres Stück aus ihrem Opfer und fütterte den Jungen damit. Nie in seinem Leben hatte er so etwas gegessen. Er konnte nicht einmal sagen, wie es schmeckte. Aber es war Leben! Gegeben von seiner Todfeindin. Ein paar Dämonen erschlagen ...

Er zuckte zusammen, als er die Dämonin lachen hörte.


"Man nennt mich Kinkiralinlin, aber du kannst Linlin zu mir sagen, Kleiner. Weißt du, eigentlich gehörst du zu meinen Feinden und ich müßte dich töten, aber für heute habe ich schon genug gute Taten vollbracht." Sie deutete mit einem Fuß auf die Überreste der Elfe. "Zwei Waldelfen und eine Lichtelfe. Nicht schlecht, was? Es ist das erste Mal überhaupt, daß ich an einem Tag zwei Waldelfen erwischt habe. Und verdammt lecker sind sie!" Sie lachte kehlig. "Und du, hm?"

Gelhard erzählte ihr mit stammelnden Worten, wer er war und was mit ihm geschehen war. Vor allem von der Vernichtung der Stadt Cocona erzählte er ihr.

"Das war Hotaru. Sie hat den verdammten Elfen eine hübsche Falle gestellt. Zehn oder elf Stück hat sie dabei erwischt." Linlin seufzte. "Wie lange wird dieser Krieg noch weitergehen? Du hast ja selbst gesehen, wie es hier aussieht. Von der Arbeit von 20 Jahren ist so gut wie nichts mehr übrig. Und das bißchen, was noch da ist, wird mit erbarmungsloser Gründlichkeit von den Elfen und von Schwachköpfen wie dir auch noch zerstört." Sie griff mit einem Fuß nach den leeren rechten Ärmel Gelhards und hob ihn hoch. "War es das wert, hm?"

Gelhard schluckte. Diese gelben Augen. Dann wanderte sein Blick zu Linlins linkem Fuß, mit dem sie immer noch den Ärmel seines Hemdes hielt. Dieses zauberische Wesen ... es hatte keine Arme! Wie hatte es gegen die Elfen kämpfen können? Das war ein Traum, oder? In Paroda gab es ein Invalidenhaus, in der Vorstellung der meisten Menschen der Ort des Grauens schlechthin. Dort hatte Gelhard auch mal einen Menschen ohne Arme gesehen, einen vollkommen hilflosen Krüppel. Diese Dämonin hier ... sie war das absolute Gegenteil davon, nicht im Entferntesten hilflos, sondern unglaublich stark und stolz. Und noch etwas. Sie strahlte etwas aus, was Gelhard nach langem Nachdenken als Würde identifizierte. Würde, diesen Begriff hatte er mal auf der Schule gehört, in der kurzen Zeit, die er eine besucht hatte. Damals hatte der Lehrer versucht, es ihnen zu erklären. Jetzt erst, zehn Jahre später, wurde Gelhard klar, was damit gemeint gewesen war.

"Normalerweise würde ich dich zu Calract mitnehmen. Er würde aus dir einen schönen Lunaloc-Dämon machen, wahrscheinlich einen Drachen. Aber Calract hat im Moment andere Sorgen." Sie schüttelte den Kopf: "Weißt du eigentlich, warum sie diesen Krieg führen?"

"Um ... um die Weltherrschaft des bösen Schwarzen Königs zu brechen."

"Ja, und dafür die Weltherrschaft des Weißen Königs ... aber das ist Quatsch. Die Elfen kämpfen, weil sie glauben, sie müßten die Geschichte um 20 Jahre zurückstellen, und ihr Menschen kämpft, weil ihr sonst verhungern müßt. Alessandra hat ihren Völkern anscheinend etwas zuviel Wohlstand gebracht. Was für eine Ironie." Sie sah Gelhard intensiv an. "Aber du verstehst kein Wort von dem, was ich sage."

Gelhard sah Linlin verständnislos an. Doch, 'verhungern' hatte er ganz genau verstanden.

"Hör zu, Kleiner. Ich bin wild. Frei und wild. Heute habe ich drei Elfen getötet und gefressen, deswegen bin ich guter Laune. Gehe nicht zurück nach Paroda, sondern unterwirf dich dem Schwarzen König. Wenn er gnädig ist, repariert er dich und macht aus dir ein Mitglied seiner Familie." Die schwarzhäutige Dämonin erhob sich und faltete ihre Flügel aus. Sie warf Gelhard noch ein letztes raubtierhaftes Lächeln zu, dann schlug sie ihre Schwingen und schoß durch die Luft davon, hinaus in die eisige Kälte des winterlichen Landes.

Und Gelhard hatte wieder ein Ziel in seinem Leben. Der Weiße König hatte ihn betrogen. Der Schwarze König aber würde ihn retten.

Zwei Tage später, fast in Sichtweite des Siina, brach Gelhard Krenns zusammen und stand nicht mehr auf. Es war genau der 31. Dezember des Jahres 1269.

Jahre später fand irgend jemand seine Gebeine und verscharrte sie.


*


Die Kriegslage im Westland verschlechterte sich praktisch täglich. Calract, seine Dämonen, Hotaru, Gad'ta und die Siedler kämpften verzweifelt und auch alles andere als erfolglos, aber die Elfen hatten sich dort festgebissen, und von Osten her rückte eine Weiße Armee nach der anderen ein. Dazu kamen die Plünderer und Abenteurer, die ebenfalls aus dem Weißen Reich kamen, aus Arcadia und in geringerer Zahl aus beinahe jedem anderen Land in weitem Umkreis, selbst aus denen, mit denen Calract verbündet war. In letzter Zeit waren Glücksritter diese Sorte allerdings weniger geworden, denn es gab im Westland nichts mehr zu holen außer verbrannter Erde. Keine Schätze, kein Reichtum. Nicht mal mehr Leichen, die man fleddern konnte. Und das hatte sich mittlerweile herumgesprochen.

Hier im Gartenland hingegen ging es hingegen täglich bergauf. Wie Calract vorhergesehen hatte, war es zu keinen weiteren Angriffen oder sonstigen Aktionen mehr gegen uns gekommen. Auch die Piraten waren zurückgekehrt. Die Stadt am Steilufer würde zwar nie wieder ihr Hauptquartier sein, dazu war die Chadney-Insel zu praktisch, aber einen großen Stützpunkt wollten sie hier durchaus wieder betreiben. Und dazu kam noch die neue Insel, die Insel des Riesen. Sie schützte erstaunlich gut vor Stürmen, und auch dort bauten die Piraten nun einige ihrer Häuser und Kontore in die Steilwand. Ganz oben allerdings, sozusagen auf und teilweise im Kopf des Riesen, hatte Calract einen idyllischen Pavillon angelegt, einen paradiesischen Ort, von dem aus man eine weite, wunderbare Aussicht auf die Umgebung hatte. Zugegeben - für jemanden wie mich, der fliegen konnte, was das nicht so spektakulär, aber bei den Menschen, also den Piraten und Calracts Sklaven und freien Arbeitern, erfreute sich dieser Pavillon großer Beliebtheit. Verbunden war er mit dem Festland über eine lange, ziemlich abenteuerlich aussehende Hängebrücke, außerdem gab es im Innern eine endlos erscheinende Wendeltreppe nach unten zu den Piraten. Ja, Calract hatte an alles gedacht.

Und so war es hier im Moment wie im tiefsten Frieden, wenn nicht ständig große Mengen an Drachen gestartet und gelandet wären. Sie kamen hierher um auszuruhen und sich mit der Kraft des Mondes zu regenerieren für den Abwehrkampf im Westland. Und ab und zu brachten sie ein paar Überlebende mit, die oben, nahe der Grenze, gepflegt und untergebracht wurde. Ob für immer, wußte ich nicht.

Ansonsten herrschte hier die übliche Geschäftigkeit. Lalalu brütete ständig über den Plänen ihrer Akademie. Allerdings hatten der Palast, seine Nebenanlagen und die Wirtschaftsgebäude Priorität. Auch dafür hatte meine Schwester die Pläne überarbeitet, so daß der Schwarze König hier bald die modernste Stadt der Welt besitzen würde.

Morga la Fey war ständig mit ihr zusammen und freute sich schon darauf, endlich unterrichten zu können.

Mir zu Diensten waren unermüdlich die beiden entzückenden Mädchen Seyra und Meriad. Doch nach der hektischen Phase des Wiederaufbaus wurde es jetzt langsam ruhig. Für mich als Majordomina gab es im Moment nur noch wenig zu tun. Und das, so mußte ich bestürzt feststellen, tat mir gar nicht gut.

Seit meiner Nacht mit Saator von Oryock sah ich viele Dinge mit ganz anderen Augen. Anders als vorher fand ich meinen armlosen Körper nicht mehr abstoßend und minderwertig, im Gegenteil. Ein eigenartiger Stolz auch mich selbst hatte sich in mir breitgemacht, auf meine wundervollen, geschickten Füße mit ihren kräftigen Zehen, die mir so gute Dienste leisteten. In den Nächten und den freien Stunden jedoch suchten mich seltsame, wirre Träume heim, in denen ich wieder ein Mensch war. Nach dem Aufwachen hatte ich zwar nur noch rasch verblassende Erinnerungsfetzen daran, doch neben dem finsteren Boris von Maarx tauchte immerzu eine Gestalt auf: die Lichtgöttin Riinari.

Ich ging nach draußen, wo ein paar Dämonen und Menschen hinter dem See gemeinsam Palmen und Obstbäume eingruben und eine Zierhecke anlegten. Früher hätte ich mit meinem Schicksal gehadert, weil ich Dinge wie diese nicht tun konnte, aber jetzt spielte das keine Rolle mehr. Davon abgesehen, daß ich mit den Krallen an meinen Zehen durchaus Löcher graben konnte, und das sogar ziemlich effektiv. Aber das war nicht meine Aufgabe, das machten die fleißigen Dämonen, die diesen zauberhaften Landstreifen in unglaublicher Geschwindigkeit wiederherrichteten.

Riinari - wieder ging mir ihr Name durch den Kopf. Zwischen uns gab es eine Beziehung ... es war seltsam ... seit ich dort an der magischen Eiche auf sie getroffen war, war mit mir etwas geschehen ... ich war langsam aus einem 420-jährigen Schlaf erwacht, zuerst entsetzt über meinen verstümmelten Körper, jetzt stolz darauf, dafür aber auf der Suche nach ... ich wußte es selbst nicht. Und je länger ich über diese Gedanken brütete, desto sicherer wurde ich mir, daß Riinari die Antworten kannte, für die ich noch die passenden Fragen suchte. Unwillkürlich umklammerte ich das goldene Medaillon, das ich an einer Kette um den Hals trug. Wie lange besaß ich es eigentlich schon? Aber es hatte eine Bedeutung, das wußte ich. Und ich wollte es herausfinden, ich wollte vor allem alles über mich selbst herausfinden.

So schnappte ich mir Meriad und Seyra, ging zu Lalalu und eröffnete den dreien, daß ich nach Riinar fliegen würde.

"Aber wer wird solange deine Arbeit machen?", wandte meine Schwester ein.

"Arbeit gibt es praktisch keine im Augenblick. Naja, du bastelst an deiner Akademie, aber für mich ist im Moment so gut wie nichts zu tun. Die kommen schon mal ein paar Tage ohne mich zurecht." Ich nickte bestätigend und warf mit einer energischen Kopfbewegung mein Haar zurück.

Lalalu war noch nicht überzeugt: "Aber jemand muß da sein und alles unter Kontrolle haben."

"Ich werde Seyra bitten." Ich sah die dunkelhäutige Frau auffordernd an und ergänzte: "Sie und Meriad haben mir im Grunde alles, was ich über meine Arbeit hier weiß, beigebracht. Ich könnte mir niemand Geeigneteren vorstellen. Oder willst du das machen, Schwester?"

Nun - das wollte Lalalu dann doch lieber nicht, denn dann hätte sie weniger Zeit für ihre Akademie gehabt.

Und so flog ich schließlich los. Zufällig war es genau der 24. Dezember 1269. Der Tag, dessen Abend mir etwas Erstaunliches bescheren sollte.

*

Meine Brüder und Schwestern waren schon vor Monaten von Calracts Drachen aufgesammelt und nach Riinar gebracht worden, wo sie nun irgendwo lebten. Die meisten streunten durch die dichten, menschenleeren Wälder, einige hatten sich in Disat oder den kleinen Dörfern niedergelassen und lebten Seite an Seite mit dem Menschen einträchtig und friedlich zusammen. Sie mochten sich, die Orna-Dämonen und Riinaris Untertanen. Es war so ganz anders als in Arcadia und im Weißen Reich, wo wir und die Lunaloc-Dämonen zum Freiwild erklärt worden waren und ein brutaler Ausrottungskrieg im Gange war.

Viele Gedanken gingen mir durch den Kopf, während unter mir die dichten, teilweise verschneiten Wälder und zerklüfteten, an vielen Stellen nahezu unzugänglichen Berge der Kirchenländer hinwegzogen. Das langsame, gleichmäßige Fliegen machte mit Spaß, es beruhigte meine Gefühle und erhöhte die Vorfreude. Ich hatte keine Arme und Hände, aber dafür Flügel, wie ein Engel ... naja, wie eine Fledermaus oder eine Flugechse - der Vergleich paßte wohl eher. Angeblich sollte es diese sagenhaften Kreaturen ja sogar noch irgendwo geben.

Es war schon Abend, als ich vor Riinaris Haus landete und meine Schwingen wieder unter dem weißen Hemd, das ich trug, zusammenfaltete. In diesem Zustand waren sie nahezu unsichtbar. Unter meinen Füßen lag Schnee. Natürlich, es war Winter. Im Gartenland war davon nichts zu merken, dort herrschte immer Frühling oder Sommer.

Unsicher sah ich zu dem Haus. Ob Riinari wußte, daß ich kam. Wahrscheinlich. Ganz sicher sogar. Ich holte tief Luft und trat entschlossen auf das Haus zu. Auf der Veranda vor der Tür stand eine Schüssel mit Wasser und ein Handtuch - für mich? Aber wahrscheinlich für Riinari selber. Ihre leuchtenden Hand- und Fußabdrücke, die hier an verschiedenen Stelle zu sehen waren, sprachen für sich.

Ich setzte mich vor die Schüssel, machte mir die Füße sauber, erhob mich dann wieder, trat vor die Tür und klopfte an.


Sie hatte mich erwartet. Natürlich. Und sie war auch nicht allein.

Außer der Göttin des Lichts war noch eine weitere Dämonin anwesend, meine alabasterweiße Schwester Baobaopaipai. Vom Körperbau glich sie Batchiribanban, Kinkiralinlin und den anderen: lange Ohren, die, wenn sie sie herunterklappten, fast bis zu den Hüften reichten, lange Füße, länger als die Unterschenkel, daran recht ausladende Pranken mit kräftigen Zehen und langen, ausfahrbaren Krallen aus einem unzerstörbaren Material, das Boris von Maarx zum ersten Mal bei mir ausprobiert hatte. Was Baobaopaipai auszeichnete waren ihre Kleider. Außer mir waren eigentlich alle Orna-Dämoninnen die meiste Zeit nackt, aber die meisten hatten mehr oder weniger dunkle Haut, die sie auf natürliche Weise kleidete. Paipai hingegen war von einem so hellen Ton, daß man sie fast als weiß bezeichnen konnte. In starkem Kontrast dazu standen ihre tief moosgrünen Augen und die schwarzen Haare, die ihr als langer Zopf über die rechte Schulter auf die Brust fielen.

Baobaopaipai sprach selten. Zur Begrüßung wedelte sich nur kurz mit den Ohren. Riinaris Empfang war erheblich herzlicher. Mit anmutigen Schritten kam sie auf mich zu und umarmte mich dann zärtlich. Eine unglaubliche Wärme erfüllte mich und ich schmiegte mich eng an sie. Flüchtig dachte ich daran, daß es mir inzwischen nichts mehr ausmachte, sie nicht selbst umarmen zu können. Ich benutzte meinen wundervollen armlosen Körper eben so, wie er war.

Riinari wies auf den Tisch. "Tee?"

Ich nickte. Ja, nach der warmen Begrüßung ein Glas Tee - mit Henkel, damit ich es mit dem Fuß halten konnte. Aber an solche Dinge dachte die Göttin auch ohne daß ich sie daran erinnern mußte.

Ich war zum ersten Mal hier, hatte mir aber zuvor schon erzählen lassen, was mich hier erwarten würde. Aber die Wirklichkeit war weitaus romantischer als jede Erzählung. Riinaris Haus war warm, hell und unglaublich gemütlich, obwohl es nur sehr spärlich möbliert war. Ich saß vor dem niedrigen Tisch, auf der anderen Seite Paipai, zwischen uns Riinari im Schneidersitz, die Finger zwischen ihre gespreizten Zehen gesteckt, so wie es oft tat. Versonnen blickte sie zwischen Paipai und mir hin und her. Schließlich goß sie mir Tee ein, und ein intensiver Duft stieg auf und begann erst den Raum und dann irgendwie auch mich zu erfüllen. Er war irgendwie hypnotisch, aber keineswegs bedrohlich. Ganz klar, Riinari wollte mir etwas sagen oder zeigen. Ich nahm einen Schluck davon. Er schmeckte wundervoll, und so trank ich die schöne Porzellanschale in einem Zug leer. Wieder erfüllte mich Wärme und das Gefühl, irgendwie neben mir zu schweben. Riinaris helle Augen erschienen vor mir, und ihr schöner Mund formte lautlose Worte, die gleichzeitig direkt in meinem Geist widerhallten.

"Ich kann dir zeigen, was du suchst. Aber es sind keine schönen Bilder. Willst du sie trotzdem sehen?"

Ich zog leicht die Luft ein, denn ich empfand diese Frage als überflüssig. Genau deshalb war ich ja hier. Und daß meine Vergangenheit wenig Grund zur Erbaulichkeit bot, das kam nun wirklich nicht überraschend.

"Überraschend ... du wirst staunen. Mama!"

*

Der Mann war mir schon länger aufgefallen. Er war anders. Er verhielt sich anders. Er hatte nicht diesen weltabgewandten, verklärten Blick, den jeder andere im Gefolge des Lichtes der Sonne hatte. Ich, Fürstin Freya von Ortenwoog-Hochhausen, später bekannt unter dem Namen Arashi, war eine der Assistentinnen des Verkünders. Doch jetzt, wo der WEG INS PARADIES offiziell begonnen hatte, hatten diese Ränge und Titel keine Bedeutung mehr. Ich war einfach nur noch das Mädchen Freya.

Hunderttausende von Menschen hatten sich dem Verkünder der Sonne bereits angeschlossen, und das war erst der Anfang des WEGES. Zuvor war das Licht als eine Art Wanderprediger durch die Länder gezogen und hatte den Leuten versprochen wiederzukommen und sie mitzunehmen in eine Welt, wo es kein Leid und kein Unglück mehr gab. Nur wenige hatten ihm nicht geglaubt. Tartanos, ein altes Wort für Teufel oder Verführer, so hatten jene ihn genannt. Erkennen konnte man sie an ihrem Blick. Wenn die Sprache auf das Licht kam, und das geschah in diesen Tagen praktisch ständig, denn der Verkünder und sein WEG waren das einzige Thema, das die Menschen noch bewegte, dann wurden ihre Gesichter steinern, die Augen hart. Es waren die Menschen, bei denen Gott die Seele vergessen hatte.

Dieser Mann hier war aber auch nicht so. Ich vermutete, daß er noch ein Suchender war. Vielleicht hatte er einfach auch noch nicht die Gnade erfahren, dem Licht persönlich gegenüberzustehen. Denn dann wäre seine Suche beendet, alle Zweifel entfernt. "Wie heißt du, Freund?"

"Maarx. Boris von Maarx. Und du, Freundin?"

"Fürstin ... äh, Freya. Einfach Freya."

Vielleicht sollte ich ihn zum Verkünder bringen? Immerhin war ich seine Assistentin gewesen und hatte immer noch eine engere Verbindung zu IHM als viele andere.

Die Menschen zogen an uns vorbei. Bettler, Könige. Alle waren gleich, glücklich schon auf Erden. Was würde sie erst am Ende des WEGES erwarten! Auch ich war fast atemlos vor Freude und Spannung. Mein Herz pochte in diesen Tagen schneller als sonst. Ich wußte, das Licht der Sonne würde uns in das Paradies führen. Wahnsinnig, wer das freiwillig ablehnte. Und doch gab es solche Menschen.

"Es freut mich, dich kennenzulernen, Freya." Boris von Maarx sah sich um. Er hatte traurige Augen. Dann sprach er: "Leider ist mir das Licht der Erleuchtung noch nicht zuteil geworden. Aber ich sehne mich so sehr danach. Ob du mir nicht helfen könntest, es zu finden?"

Das war natürlich mein sehnlichster Wunsch, eine verlorene Seele zurück in die Gemeinschaft des Glückes zu führen. Nie, niemals, hätte das Licht der Sonne Zwang oder gar Gewalt angewendet. Ausnahmslos alle folgten ihm freiwillig und voll flammender Begeisterung. Ich war überglücklich, einem Suchenden, noch Zweifelnden den Weg weisen zu dürfen.

Wenn ich geahnt hätte, was tatsächlich geschehen sollte, welche grauenvollen Pläne dieser in einfache Bauernkleider gehüllte und dennoch irgendwie elegant wirkende Mann tatsächlich verfolgte, ich wäre gerannt um mein Leben. Stattdessen bat von Maarx mich, ihm zu einem Ort zu folgen, an dem er mir unbedingt zuvor noch etwas zeigen wollte. Ich war arglos, nicht darauf vorbereitet entführt zu werden.

Der Zeitpunkt war günstig gewählt. Der Verkünder war bereits umgeben von so vielen Anhängern, daß das Fehlen von ein paar davon nicht mehr auffiel. Millionen würden es bald sein. Dann würde der zweite Abschnitt des WEGES beginnen, und die Menschen interessierten sich praktisch für nichts Anderes mehr. Eine Entführung vor ihrer Nase bekamen sie nicht mehr mit.

Dabei war ich nicht allein. Dreihundert Menschen, die meisten davon Frauen - die schönsten und edelsten, der er hatte finden können-, hatte von Maarx bereits in seine schmutzigen Hände gebracht, und am Ende sollten es fast tausend werden.

Mit seinen starken Zauberkräften war es ihm ein leichtes, mich zu überwältigen. Hilflos mußte ich mitansehen, wie ich von den anderen getrennt wurde. Nicht länger würde ich den WEG beschreiten können, aber ich stand unter einem so starken Bann, daß ich all das kaum mitbekam und ich mich irgendwie sogar wunderte, warum mein Gesicht ständig von Tränen benetzt war.

Nach Orna wurden wir gebracht, und was der Zauberer dort mit uns machte ... allerdings, als wir unsere neuen Körper hatten, da kam es uns nicht mehr grauenhaft vor. Es war einfach eine neue Gegebenheit unseres Daseins. Aber daß wir den WEG verpaßten, nicht mehr ins Paradies gelangen konnten ... irgendwas hatte von Maarx mit unseren Seelen angestellt, sonst wären wir bei diesem Gedanken zugrunde gegangen. Stattdessen waren wir nun die gehorsamen Sklaven und Sklavinnen dieses monströsen Zauberers, und fanden nichts dabei.

Die heilige Stätte Orna gehörte seit uralten Zeiten einem Clan finsterer Magier. Rhodan und Erbak Tuurn waren zu dieser Zeit die Anführer. Es war nicht zu leugnen, daß der Verkünder des Lichtes die Welt aus den Angeln gehoben hatte. Fast alle Menschen hatten sich seinem Zug angeschlossen, und für die Zurückgebliebenen galt die alte Ordnung nicht mehr. Diese Gelegenheit hatten die Tuurn-Brüder genutzt, um ihre perversen Phantasien Realität werden zu lassen. Sie hatten um das Land Orna eine Mauer ziehen lassen und die Menschen darinnen eingesperrt, um sie für sich behalten zu können und nicht an das Licht abgeben zu müssen. So vollkommen war die Isolierung, daß man innen vom Verkünder der Sonne nicht mal etwas mitbekam. Dafür wüteten die Tuurns und erschufen Frauen, deren Brustkörbe durch eiserne Dampfmaschinen ersetzt waren. Ich weiß nicht, welches menschliche Gehirn sich so etwas ausdenken konnte. Aber sie fanden es großartig. Vor allem fanden sie sich selbst großartig.

Und von Maarx trieb es noch schlimmer. Ich war eine der ersten, die er erfolgreich umformte, nachdem er mit so vielen anderen herumexperimentiert und sie verschlissen hatte. Was aus den armen Mädchen geworden war ... vielleicht war es besser, wenn wir das gar nicht wußten. Wochen vergingen, Monate. Maarx, den ich damals und dann für lange Zeit meinen Erschaffer nannte, baute Dämon um Dämon. Doch nie war er wirklich zufrieden. Nicht einmal die Kohleprinzessinnen waren ihm gut genug. Er wollte das ultimative Geschöpf. Und so kam er eines Tages zu mir und machte mir ein Kind. Man kann es nicht Vergewaltigung nennen, denn damals war ich Maarx' willenlose Kreatur. Nur noch ein Schatten der Erinnerung an mein früheres Leben war in mir, und in den 400 Jahren im Verwunschenen Land verblaßte dann auch dieser.

Jedenfalls gebar ich von Maarx neun Monate später eine Tochter, ein Wesen, das schon bei seiner Geburt etwas ganz Besonderes war. Von Maarx spürte das natürlich und war's zufrieden. Als Zeichen seiner Dankbarkeit oder seiner guten Laune hängte er mir ein goldenes Medaillon um. Kaum auf der Welt, schleppte er mein Kind in die Heilige Stätte. Ich konnte nichts tun. Stunden, Tage, verbrachte er dort. Irgendwann begann das Medaillon in einer geheimnisvollen Aura zu leuchten. Und als Maarx wenig später herauskam, leuchtete auch das Baby am ganzen Körper. Von Maarx strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Seltsam, daran kann ich mich wieder ganz genau erinnern. Ich glaube, es war das einzige Mal in all den 400 Jahren, daß ich ihn glücklich lächeln sah.

Doch dann verblaßte das Leuchten. Der Zauberer begann zu toben und zu heulen, und ich mußte schon befürchten, er würde meiner hilflosen kleinen Tochter etwas antun. Doch stattdessen nahm er sie wieder mit in die heilige Stätte.


Doch als er diesmal wieder herauskam, standen Rhodan und Erbak Tuurn vor ihm, begleitet von einem Dutzend Erweiterter. Ohne viel Umschweife befahlen sie ihm abzuhauen, sonst würden sie ihn totschlagen. Und angesichts der Erweiterten blieb dem Zauberer, so mächtig er auch war, nichts Anderes übrig als sich zu fügen. Er sollte, soweit ich weiß, für die nächsten 400 Jahre nicht mehr nach Orna zurückkehren.

Die Tuurns wollten ihren Spielplatz nicht länger mit einem Konkurrenten teilen. Das Licht der Sonne hatte diese Welt verlassen, und damit war der Grund für die Zusammenarbeit entfallen. Außerdem war den Tuurns auch nicht entgangen, daß von Maarx Orna wesentlich souveräner beherrschte als sie selbst. Mein Kind war ihnen Warnung genug gewesen, denn mein "Mann" wollte nicht mehr und nicht weniger als eine Göttin erschaffen. Eine private Göttin, die ihm allein diente und gehorchte.

Wenn man das mit den Erweiterten verglich - sie waren riesig und unbesiegbar stark, selbst den Kohleprinzessinnen gewachsen, aber um den Preis, nur wenige Monate zu halten. Und das war das Äußerste, was diese finsteren, schmierigen Magier selbst nach Jahrhunderten des Zauberns zustande bekamen. Wenn sie von Maarx nicht jetzt abservierten, dann würde es zu spät sein. Sie verlangten auch die Herausgabe des Babys, denn wenn es erwachsen und eine Göttin sein würde, würde es ihnen gefährlich werden können. Doch von Maarx gelang es, die beiden auszutricksen, um den Preis des eigenen Erfolges. Er selbst ließ das Kind, dessen Leuchten diesmal nicht erlosch, ausglühen. So erschien es als harmlose Mißgeburt und er konnte es mitnehmen. Und auch mein Medaillon erlosch. Mein Kind, mein Medaillon, und mein Herz. Von diesem Moment an war ich nur noch die Dämonin Arashi, Sklavin und willenloses Werkzeug eines teuflischen Zauberers.

Von Maarx ging dann nach Norden und erschuf außerhalb des Einflußgebietes der Tuurns, direkt nördlich des Siina-Flusses einen Bereich, der im Laufe weniger Jahre zu dem wurde, was man später das Verwunschene Land oder Alptraumland nannte. Das zerstörte Baby nannte er Riinari, ein obszönes Schimpfwort einer uralten Sprache, dessen genaue Bedeutung ich zum Glück nie erfahren habe.

Mein "Erschaffer" war von seinem Mißerfolg enttäuscht und reagierte seine Wut an uns, seinen fast unbesiegbaren und doch so hilflosen Kreaturen ab. Dann legte er sich schlafen, bewacht von dem, was die Krone seiner bisherigen Schöpfung war: sechs Kohleprinzessinnen. Auf die Idee dazu hatten ihn die Frauen aus Orna gebracht. Kohleprinzessinnen - die mächtigsten Wesen der bekannten Welt, aber selbst das war diesem größenwahnsinnigen Irren nicht genug gewesen ...

400 Jahre später wurde er von Calract besiegt und vertrieben. Irgendwo auf der Wanderschaft empfing ich ein weiteres Kind von ihm, einen Jungen diesmal. Dann trat erneut Calract in mein Leben. Er tötete von Maarx. Nie zuvor in meinem Leben seit ich vom Licht der Sonne getrennt worden war hatte ich solche ... ich weiß nicht - Erleichterung - das war wohl das beste Wort dafür, verspürt. Mein 400 Jahre währender Alptraum war zu Ende. Ich war immer noch die Dämonin Arashi, aber ich war wieder erwacht, keine in Finsternis vor sich hindämmernde Sklavin mehr, sondern eine freie, stolze Frau und Dämonin. Es hatte ein bißchen Zeit gebraucht, aber jetzt wußte ich, wer und was ich war, was es mit meinem großartigen, verstümmelten Körper auf sich hatte, den ich um nichts in der Welt mehr gegen etwas Anderes eintauschen wollte, auch wenn er das Produkt eines Wahnsinnigen war. Jetzt war es meiner.

Das Medaillon ... Maarx ... Calract ... Riinari ... Das Licht der Sonne. Dies hatte Maarx uns gestohlen, und auch wenn er inzwischen tot war, würde ihn mein Haß dafür auf alle Ewigkeit verfolgen ... aufgewogen jedoch durch meine Verehrung für Calract, und die Liebe zu meiner Tochter, der Göttin des Lichtes.

*

Bin ich jetzt ein schlechter Mensch, weil ich so glücklich bin über den Tod des Vaters meiner Kinder?

Riinari hatte ihren Kopf in meinen Schoß gelegt. Auf meiner Haut spürte ich ihre warmen Bäckchen, ihren sanften Atem.

"Mama."

Ich beugte mich zu ihr herunter und schmiegte mich zärtlich über sie. Ich glaube, ein so wundervolles Gefühl hatte ich noch nie zuvor im Leben gespürt. Was mein armloser Körper mir zu tun und zu empfinden erlaubte war so phantastisch ... fast mußte ich von Maarx dankbar sein.

Ich richtete mich wieder auf und umgriff Fuß das Medaillon, dieses wundervolle Geschenk eines Scheusals. Auch meine Tochter richtete sich auf und umfaßte meinen Fuß, in dem ich das Stück hielt, mit ihren leuchtenden Händen. Irgendwie ging dabei eine Kraft von ihr aus. Das Medaillon begann in einer geheimnisvollen Aura zu glühen, so wie damals, und ich war mir sicher, daß dieses Leuchten nicht am nächsten Morgen verschwinden würde wie sonst alles, was meine schöne Tochter berührte. Dieses Leuchten würde bleiben, so lange sie lebte. Ich würde immer einen Teil von ihr über meinem Herzen tragen, wo ich auch war.


Ich sah Paipai an, und sie lächelte wissend. Auch sie hatte erfahren, wer sie einst gewesen war und welchem grauenvollen Schicksal sie anheimgefallen war, das sich nun auf wundersame Weise zu etwas Geheimnisvollen und Schönen gewandelt hatte. Eine tiefe Zufriedenheit erfüllte mich. Meine Vergangenheit war abenteuerlich gewesen, aber von Maarx hatte mir - gewollt oder ungewollt - mehr als nur ein wertvolles Geschenk mitgegeben. Ich war zum Beispiel mehr oder weniger unsterblich, zumindest nach menschlichen Maßstäben nahezu unverwundbar, und besaß ungewöhnliche Heilkräfte. Aus der finsteren Vergangenheit war ich als das hervorgegangen, was ich jetzt war, und die Zukunft sah eigentlich großartig aus. Calract ... Riinari ... und vor allem Saator vor Oryock! Sicher, es war Krieg, aber ich zweifelte keine Sekunde daran, daß Calract am Ende den Sieg davontragen würde. Und dann, dann würde mein großes Abenteuer beginnen.

Unwillkürlich mußte ich kichern. Als ob mein bisheriges Leben nicht abenteuerlich genug gewesen wäre.

Meine Tochter, meine Schwester und ich verbrachten die Nacht zusammen. Es war wie im Märchen. Draußen schneite es dicke Flocken vom Himmel, während es hier drin mollig warm war. Zusammen bereiteten wir ein leckeres Festtagsessen, schließlich war Weihnachten. Riinari hatte auf wundersame Weise alles, was wir dazu brauchten, im Haus. Ihre Untertanen versorgten sie allem Anschein nach ebenso hingebungsvoll wie zuverlässig mit allem, was das Herz begehrte. Wir kochten zusammen, deckten den Tisch und schlugen uns dann mit dem herrlichen Braten die Bäuche voll.

Den Abwasch verschoben wir auf morgen, stattdessen redeten wir die halbe Nacht, bis wir endlich zu Bett gingen und sofort einschliefen.


Am nächsten Tag stand mein Entschluß fest. "Riinari, ich werde meinen Sohn, deinen Bruder, suchen. Ich weiß, daß er im Moment in schlechten Händen ist, aber ich werde ihn zu mir holen und hier her bringen." Erneut glühte heiliger Zorn in mir auf, wenn ich daran dachte, was von Maarx mir - uns - alles angetan hatte. Dabei bedauerte ich inzwischen nicht einmal mehr, daß ich den WEG nicht hatte mitgehen können. Und auch die Art und Weise, wie er mit mir verfahren war ... ich war eben sein Werkzeug gewesen und profitierte davon jetzt sogar ganz massiv. Aber meine geliebten Kinder ... das hätte er niemals tun dürfen.

Kurz schweiften meine Gedanken zu Calract. Unterschiedlicher hätten zwei mächtige Zauberer nicht sein können. Zwar hatten beide als brutale Räuber angefangen, aber von Maarx war immer auf dieser barbarischen Stufe stehengeblieben, während Calract sich entgegengesetzt entwickelt hatte. Nicht nur seine Dämonen, die er zärtlich seine Kinder nannte, verehrten ihn. Empfand ich beim Tod von Maarx Freude, Erleichterung, sogar Häme - ihm würde die meisten seiner Kinder freiwillig in den Tod folgen, weil sie ohne ihn nicht leben wollten. Und nicht nur die Dämonen, auch die Menschen, seine Untertanen, selbst die Sklaven. Und nicht zuletzt wir, ich, Riinari, Linlin, Batchiri und die anderen. Eine Welt ohne ihn war für uns kaum noch vorstellbar. Er war fast wie das neue Licht der Sonne. Trotz seiner dunklen Seele. Aber ich verehrte ihn trotzdem. Natürlich, er war nicht das Licht der Sonne. Er war er, Calract, der Schwarze König. Und zu Zeiten sogar mein König.

Ich verabschiedete mich von meiner schönen Tochter. Es würde eine lange Suche werden. Im Grunde hatte ich kaum einen Ansatzpunkt, ich wußte nicht mal, wie mein Sohn hieß, geschweige denn, wo er sich befinden könnte. Trotzdem würde ich diese wichtige Angelegenheit meines Lebens nicht so einfach auf sich beruhen lassen. Mir würde schon etwas einfallen.

Zunächst aber würde ich ins Gartenland zurückehren. Ich wollte Seyra nicht so lange allein lassen, außerdem konnte ich mich, wenn schon die Wiederaufbauarbeiten ein Selbstläufer waren, an anderer Stelle nützlich machen, nämlich bei der Versorgung der Verwundeten. Und was die Suche nach meinem Sohn anging - ich würde mal ein bißchen herumfragen. Vielleicht fand ich ja durch Zufall eine Spur.


37. Kapitel - SOL

Sölbey von der Hohen Eiche stöhnte erschöpft. Es war eine schwere Geburt gewesen, doch das Schreien des jungen Lebens verriet der Elfenkönigin, daß die Strapazen der langen Schwangerschaft sich gelohnt hatten. Die Lichtelfe schloß für einen Moment zufrieden die Augen und ließ sich auf die harten Bretter sinken, auf denen traditionell die Frauen der Lichtelfen ihre Kinder zur Welt brachten. Doch das zufriedene Glück der zweihundertjährigen Königin währte nicht lange.

"Was ist? Ich will mein Kind sehen. Ist es ein Junge oder ein Mädchen?"

"Majestät ... ein Mädchen ..."

Es entging Sölbey nicht, daß es still geworden war in der kalten Halle. Nur das Brüllen ihrer neugeborenen Tochter erfüllte den weiten Raum zwischen den Felsen. Die Fürsten, die Gesandtschaft der Dunkelelfen und der Waldelfen, die Priester und die verhüllte Vertreterin des Orakels waren in drückendes Schweigen verfallen.

"Was ist!", forderte die Königin erneut. "Zeigt es mir endlich!"

Einer der Fürsten nahm der Hebamme das nackte, zappelnde Bündel ab und hielt es hoch. Und als die Elfenkönigin es sah, da glaubte sie, ihr Herz müsse stehenbleiben.

"Ein ... ein Mensch?"

Alle drei Elfenvölker hatte lange, spitz zulaufende Ohren. Dieses Kind hatte die kleinen runden Ohrmuscheln eines Menschen. Und es hatte dunkle Haut. Bei Lichte betrachtete hätte man das Kind als mediterranen Typ bezeichnen können, aber Sölbey und ihr Gemahl, König Trügg, Beherrscher des Windes, hatten Haut so weiß wie Alabaster. Und sie hatten natürlich Flügel. Dieses Baby zeigte nicht einmal Ansätze davon. Es war unzweifelhaft ein Mensch.

Eine größere Schande war nicht vorstellbar.

Schritte nahten. Dann hörte die Königin, wie ein Schwert aus einer Scheide gezogen wurde. Entsetzt richtete sie sich auf den Brettern auf. Sie wußte, was nun kommen würde. Ihr Mann, den sie entehrt hatte, würde erst das Kind, dann sie und zuletzt sich selbst töten.

Mit schweren Schritten ging er auf den Fürsten zu, riß ihm das das Kind aus der Hand und warf es auf den Altartisch, auf dem noch die Opferfeuer brannten.

"Mein Gemahl ... ich schwöre bei den Göttern, bei den Elementen und allem, was uns heilig ist, daß ich Sie nicht beschmutzt habe", flüsterte die Königin. "Wenn Sie in den Tod gehen, dann müssen Sie es mit reinem Herzen tun ..." Ein Faustschlag streckte die Elfenfrau nieder.

"Schweigen Sie, ich will nichts mehr hören. Sie ... dieses Kind ... ist ein Mensch", er spie das Wort wie einen Fluch aus, "und wie wohl kann eine Lichtelfe ein Menschenkind haben, wenn sie ihren Mann nicht betrogen hat!" Er drehte sich um und hob erneut das Schwert. Drohend näherte er sich dem Baby und holte aus.

"Warte!"

Allein diese Anrede offenbarte, wer gesprochen hatte, denn niemand außer dem Heiligen Orakel der Gütigen Fee und seinen Vertreterinnen hätten es je wagen dürfen, den König der Lichtelfen auf diese direkte Weise anzusprechen.

Die Elfenfrau, deren Gesicht unter eine Kapuze mehr zu ahnen als zu sehen war, ging auf Trügg zu und nahm ihm mit einer entschlossenen Bewegung das Baby aus der Hand. "Du darfst dich nicht gegen das Schicksal stellen, Beherrscher des Windes", sagte sie mit leiser, sonorer Stimme. "Vielleicht ist es eine Prüfung, vielleicht eine Strafe. Dann mußt du sie bestehen. Laßt es uns herausfinden."

König Trügg bebte vor Zorn und Empörung, aber er beherrschte und fügte sich.


Die Reise zum Orakel dauerte viele Tage. Der Elfen waren nur wenige auf der Welt, und sie lebten unsichtbar in den Weiten der unberührten Natur, durch gewaltige Distanzen getrennt. Doch sie hatten andere Zeitbegriffe als die Menschen, eine Reise von vielen Tagen oder Wochen bedeutete ihnen nichts. Unterwegs weigerte sich Sölbey, ihr Kind zu berühren, ja auch nur zu sehen, und so mußte es von einer Amme gestillt und versorgt werden.

Weit war die Reise, immer nach Norden, durch tiefe Wälder und über geheime Wege, die nie eines Menschen Fuß je betreten hatte. Schließlich erreichte der Flug das geheimnisvolle Dorf der Elfen. Nie hatte jemals ein Mensch oder sonst ein Außenstehender es betreten oder auch nur davon gehört. Dicht dahinter, durch einen schmalen, aber sehr unzugänglichen Waldstreifen getrennt, lag die verfallene Kultstätte, so alt, daß selbst die Ältesten des Elfenvolkes um ihre Bedeutung nicht mehr wußten, und dahinter die sagenumrankte Höhle des Orakels.

Wer das Orakel genau war, wußte in dieser Zeit ebenfalls niemand mehr. Es war wohl ein Elf, älter als die Welt, wie es schien. Starr saß er in einem Thron aus hellem Granit, das Gesicht hinter schlohweißen Haaren, einem gewaltigen, bis fast auf den Boden reichenden Bart und einer tief heruntergezogenen Kapuze verborgen. Fast wirkte er, als sei er selbst schon Teil seines steinernen Thrones geworden und erwache nur dann zu kurzem Leben, wenn sein Volk seinen Beistand erflehte.

Demutsvoll traten der König, die Königin und die Vertreterin des Orakels mit dem Kind im Arm vor den Alten. Dort knieten sie demutsvoll nieder. Dann begann das Warten. Manchmal schrie das Kind, aber nur ein bißchen. In der Höhle war es hell durch einige Elfenlichter der beiwohnenden Waldelfen, zugleich aber eiskalt. Verstohlen sah Sölbey sich um, doch es gab eigentlich nichts zu sehen.

Wann bin ich das letzte Mal hier gewesen? Es war schon so lange her, daß sie sich nicht mehr genau erinnern konnte. Aber mehr als zwei- oder dreimal in ihrem Leben hatte sie dieses größte Heiligtum aller Wald-, Licht- und Dunkelelfen noch nicht betreten.

"Das Kind ..."

Es waren die ersten Worte des Orakels nach einer langen Wartezeit.

"... das Kind ist eine Elfe, junger König Trügg."

Das Orakel bewegte sich ein wenig und schien den König nun direkt anzusehen.

"Menschen und Elfen sind sehr nahe miteinander verwandt, wie du sehr wohl weißt, junger König Trügg. Näher, als viele Elfen wahrhaben wollen. Und dennoch ... dieses Kind ist deine Tochter. Und sie ist nicht umsonst in unsere Welt gekommen."

Das Orakel machte ein kaum merkliches Zeichen, doch seine Vertreterin reagierte sofort und flüsterte: "Mehr werdet ihr nicht erfahren. Geht jetzt. Und beschützt dieses Kind, wie das Heilige Orakel es euch befohlen hat."

Doch der König dachte nicht im Traum daran.

Bei den Elfen war es Sitte, daß das Erstgeborene den Namen des Vaters oder der Mutter bekam. Dieses Baby aber wurde nach dem Willen König Trüggs Sölbey Ohnenamen genannt.

*

König Trügg ignorierte seine Tochter vollkommen, und auch seine Frau mußte unter der Schande schwer leiden. Dazu kam noch, daß Trüggs Stellung als König geschwächt war, denn niemals würden die Elfen eine Menschenfrau als ihre Königin akzeptieren, mochte das Orakel sagen, was es wollte.

Als Sölbey Ohnenamen acht Jahre alt wurde, begannen ihr vier zarte Flügel zu wachsen, und zwei Jahre später konnte sie das erste Mal aus eigener Kraft fliegen. Das Orakel hatte Recht gehabt, das Kind war eine Elfe. Eine Lichtelfe wie ihre Eltern. Trotzdem ... das Mädchen war als Außenseiterin geboren, würde es ihr Leben lang bleiben und ewige Schande über ihre Familie bringen.

*

Der Dolch lag neben ihr, und ihre Finger waren so fest darum gekrallt, daß Sölbeys Knöchel weiß hervortraten. Wieder war es eine lange und schwere Schwangerschaft gewesen, und die Königin hatte vor sich und allen Elfen einen heiligen Eid geschworen, sich und das Kind zu töten, falls es wieder mißgebildet sein sollte. Normalerweise lagen zwischen zwei Schwangerschaften einer Elfenfrau Jahrhunderte, doch König Trügg und Königin Sölbey waren stillschweigend übereingekommen, daß es diesmal nicht so sein sollte.

Die Geburt auf dem kalten, harten Holz zog sich über Stunden dahin. Dem Schönheitsideal der Lichtelfen entsprechend hatte die Königin sehr schmale Hüften, was für sie jede Geburt zu einer Tortur werden ließ. Endlos waren die Qualen und die Schmerzen, bis sie endlich, endlich das Kind ihren Schoß verlassen spürte und das erste Mal schreien hörte.

Ein erleichtertes Aufatmen ging durch die Versammelten. Spitze Ohren, vier winzige Flügelstummel, aus denen sich schon in wenigen Jahren prächtige, lange Flügel entwickeln würden, die alabasterne, fast durchsichtige Haut: kein Zweifel, das Baby - wieder ein Mädchen - war die legitime Tochter ihrer Eltern.

Doch Sölbeys Erleichterung hielt nicht lange an, denn nun war sie den Verdächtigungen ihres Mannes nur um so mehr ausgesetzt. Dieser liebte sein zweites Kind, das er Mürna nannte, über alles, verwöhnte es und ließ ihm die beste Erziehung angedeihen. Um Sölbey Ohnenamen hingegen kümmerte er sich überhaupt nicht, und wenn nicht ihre Mutter Sölbey von der Hohen Eiche gewesen wäre, hätte er sie sicherlich aus der Gemeinschaft der Elfen verbannt.


Und dann kam der finstere Tag, an dem der Krieg gegen den Schwarzen König beschlossen wurde. Alle hohen Vertreter der drei Elfenstämme hatten sich zum heiligen Schwur getroffen. Lange, viel zu lange hatten die Elfen, die sich als die Behüter der Alten Ordnung und der Kräfte der Natur sahen, abgewartet, während der dämonische Zauberer Calract seine gierigen Hände immer weiter und weiter ausgestreckt und die Welt mit seinen widernatürlichen Kreaturen beschmutzt hatte. Die ganze Welt wollte er sich unterwerfen. Dafür gab es unumstößliche Beweise, und diese endlich hatten zuerst das Orakel und dann auch die letzten Zweifler und Zauderer unter den Elfen überzeugt.

Die drei Elfenvölker: die Lichtelfen mit ihren schnellen, libellenartigen Flügeln, die winzigen Waldelfen mit den starken magischen Kräften und dem Elfenlicht, schließlich die kampfstarken, befiederten Dunkelelfen hatten sich zu einem großen Thing zusammengefunden, dem größten seit Elfengedenken. Keiner, dem nicht vollkommen klar gewesen wäre, daß es hier um einen Existenzkampf ging, der nur mit der vollständigen Vernichtung und Auslöschung einer der beiden Seiten enden konnte. Und daß die unterlegene Partei durchaus die eigene sein könnte. Doch lieber wollten sie alle in ehrenvollem Kampf fallen als vor einem Menschen das Knie beugen zu müssen. Zu edel waren sie, um diese Beschmutzung ertragen zu wollen, noch dazu, wo dieser Mensch sich mit Kreaturen der Hölle umgab, die in dieser Welt keinen Platz hatten. Sie mußten in einem blutigen Kampf ausgemerzt werden, der Schwarze König getötet und die alte Linie seines Blutes restauriert. Erst dann war die Welt wieder in ihrem gebührlichen Gleichgewicht.

*

Wieder knieten die Fürsten der Elfen vor dem Orakel der gütigen Fee, das noch genauso dasaß wie damals, vor über 50 Jahren, als Sölbey das letzte Mal hier gewesen war. Rechts neben ihr kniete ihr Gemahl, der König, links neben ihr Prinzessin Mürna, hinter ihr in demutsvoller Haltung Sölbey Ohnenamen. Bei jedem Atemstoß erschienen kleine Wölkchen vor Sölbeys Mund. Es war eisigkalt in der heiligen Höhle, kalt und still. Die anderen Anwesenden schienen unendlich weit weg zu sein. Die Königin war ganz allein mit sich selbst.

Sölbey von der Hohen Eiche zuckte zusammen, als das Orakel sich endlich erhob. Stundenlang hatten sie gekniet und gewartet und vor Kälte gezittert, und nun stand der Alte auf einmal vor ihr, vor ihnen allen. Wie eine Lichtgestalt streckte sich sein verhüllter Körper in die Höhe, und Hoffnung und Zuversicht durchströmte das Herz der schwer geprüften Königin.

"Euer Vorhaben kann euch ins Verderben führen, meine Brüder und Schwestern. Der Feind ist zu übermächtig, ist es schon immer gewesen." Dünn klang die Stimme, schwach, und doch eindringlich.

Sölbey von der Hohen Eiche hörte, wie neben ihr der König mit den Zähnen knirschte. Er war nahe daran aufzuspringen und dem Heiligen Orakel zu wiedersprechen, doch da erhob der Alte erneut seine leise Stimme: "Aber ihr alle kennt die uralte Weissagung, daß eines Tages die Goldene Königin aus den Tiefen der Erde hervorkommen und alle Wesen der Welt vor den Dämonen erretten wird. Sölbey von der Hohen Eiche, erhebe dich!"

Sölbey brauchte eine Zeitlang, um den Sinn dieser Worte zu begreifen. Erst ein diskreter Rippenstoß ihres Mannes brachte sie wieder in die Realität zurück, und zu ihrer Überraschung fand sie sich einen Augenblick später auf ihren Füßen stehend wieder.

"Sölbey von der Hohen Eiche und König Trügg, Beherrscher des Windes! Ihr alle! Euch bleibt nur die Wahl, euch der Menschen und der Goldenen Königin zu bedienen, um in dieser letzten Entscheidungsschlacht des Schicksals bestehen zu können ... oder in Schande unterzugehen. Denn Schande wird es über euch bringen, gegen den König der Dämonen zu kämpfen und von seinen verfluchten, unreinen Kreaturen abgeschlachtet zu werden. Das Gute und Edle muß über die Finsternis siegen."

Keiner der Anwesenden hatte das Massaker, das Nuitor und seine Truppe während der Mondnacht an den Waldelfen begangen hatte, vergessen. Keine Elfe war verschont, die Festung völlig vernichtet worden. Die Macht des Schwarzen Königs und seiner Dämonen war in der Tat besorgniserregend. Schande über alle, die diese furchtbare Tat nicht rächen wollten.

"Dann sag uns, was wir tun müssen", rief Trügg, Beherrscher des Windes, zu dem leuchtenden Orakel hinauf.

Alles hielt den Atem an. Nie hatte es jemand gewagt, das Orakel auf diese Weise anzusprechen.

"Junger König Trügg, mein Bruder, ich will dir deine Frage beantworten. Du mußt deine Tochter opfern!"

Wie in Trance fuhr Trüggs Kopf herum, sein Blick fiel auf Sölbey Ohnenamen.

"Vater."

Jetzt auf einmal erinnerte der König der Elfen sich wieder an seine ältere Tochter.

"Vater. Ich werde alles tun, was mein Volk und Sie von mit verlangen", erklärte die hellbraune junge Frau mit entschlossener Stimme.

"Nein, König Trügg, deine andere Tochter ist es, Mürna. Sie muß sterben, damit Sölbey Ohnenamen und das Elfengeschlecht leben können!"

*

Schweigen herrschte unter den Elfen, Schweigen und eine Finsternis des Herzens. Warum? Warum sollte die Edle sterben und die Mißgeburt weiterleben? Trügg wollte es nicht akzeptieren. Wochenlang war er nicht ansprechbar, wanderte oder flog allein durch die tiefen Wälder, die den Elfen so viel bedeuteten, und haderte mit seinem Schicksal. Das Orakel hatte seinen Spruch nicht erläutert. Trügg wußte, daß er sich fügen mußte, sonst wäre er die längste Zeit König gewesen. Doch was galt ihm dieser hohle Titel, wenn er dafür das Leben seiner einzigen Tochter eintauschen konnte. Doch genau das konnte er nicht, denn die Fürsten forderten von ihm eine Entscheidung: die Zustimmung.


Erfüllt von Haß und Groll nahm er schließlich Kontakt mit den Menschen auf. Diese törichten Wesen waren geradezu besessen davon, sich von den Elfen für ihre Zwecke benutzt zu lassen, und auch die Goldene Königin zögerte nicht, sich herzugeben. Auch sie war am Ende doch nur ein dummer, nichtsnutziger Mensch, den die Elfen gebrauchten und dann wegwarfen.

Trügg brachte also die Goldene Königin in seine Gewalt. Es war zum Lachen, sie kam sogar freiwillig mit, um sich opfern zu lassen. Er führte sie in die Heilige Zeremonienhalle aller Elfenvölker, tief unter Zetroco, dem Schwarzen Königreich. Schon lange bevor das Geschlecht der Schwarzen Könige oben die Macht an sich gerissen hatte, zu der Zeit, als die gütige Fee auch über dieses Land geherrscht hatte, da war hier unten die Heimstätte vieler Elfen gewesen. Die ersten Schwarzen Könige hatten es noch gewußt und stillschweigend geduldet, später war das uralte Wissen dann verlorengegangen, worüber die Elfen sehr froh waren.


Der Plan war kompliziert, aber jeder wußte, was er zu tun hatte. Jeder, nur nicht die Goldene Königin. Als diese in die riesigen Höhlen geführt wurde, blickte sie sich mit dem ungläubigen Staunen eines Kindes um. Sicher hatte noch nie ein Mensch zuvor so viele Elfen aller drei Stämme an einem Ort versammelt gesehen. Unheimliche, geisterhafte Lichter verstrahlten einen unirdischen Glanz in der riesigen Höhle und ließen Alessandra erschaudern.

"Was geschieht nun, König Trügg?", fragte die Goldene Königin scheu. Der Elfenkönig antwortete nicht. Er sah sie nicht einmal an, sondern führte sie zu einem Altar. Es war ein riesiger Altar aus einem seltsamen, von innen heraus leuchtenden Kristall. Neben diesem stand ein zweiter, gleichartiger Altar, und darauf lag eine nackte junge Elfenfrau. Sie war unglaublich schön.

"Legen Sie sich dort hin, Frau Alessandra von Hocharco", flüsterte einer der Zeremonienmeister mit heiserer Stimme.

Alessandra hatte immer noch keine Ahnung, was eigentlich geschehen sollte. Sie wußte nur, daß ihre Kräfte dazu gebraucht wurden, die kriegführenden Elfen gegen die Kräfte Calracts und seiner Dämonen zu schützen. Diese Macht würde von ihr ausgehen, aber auf diese Weise würde Calract das Zentrum sehr leicht orten können. Also mußte es zwei solcher Zentren geben, sehr weit voneinander entfernt, viele tausend Kilometer, die zwischen sich ein homogenes Feld aufspannten, in dem der Schwarze König kein Ziel würde finden können.

König Trügg riß sein Lichtschwert empor. "Beginnt mit der Opferzeremonie!", rief er mit durchdringender Stimme. Alessandra zuckte zusammen und wollte sich aufrichten, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Zwei Lichtelfen und zwei Dunkelelfen, die Körper und Gesichter unter Kapuzen tief verhüllt und nur an ihren Flügeln zu erkennen, schritten mit langsamen, steifen Schritten auf die beiden Altäre zu. In den Händen hielten sie Zeremoniendolche und zwei Schüsseln, in denen leuchtende Flüssigkeit schwappte.

Zwei der Elfen traten an Alessandras Altar heran, zwei an den anderen. Einer hob seinen Dolch hoch.

"Neiiiin", erscholl da eine verzweifelte Stimme. "Neiiiiiiin, nehmt mich, nicht sie. Nicht Mürna. Nehmt mich!"

Ein klatschendes Geräusch ertönte, dann hörte Alessandra einen Körper fallen. Trüggs Stimme ertönte: "Schweig, Sölbey Ohnenamen! Unwürdige!"

"Nehmen Sie mich, Vater! Mutter! Ich flehe Sie an, verschonen Sie meine Schwester und opfern Sie stattdessen mich!"

"Du bist unwürdig. Unwürdig, dieser heiligen Zeremonie beizuwohnen. Werft die Namenlose hinaus!"

Aus den Augenwinkeln konnte die Goldene Königin erkennen, wie vier Elfen die weinend am Boden liegende junge Frau, die einem Menschen so ähnlich sah, brutal hochrissen und dann aus der Höhle zerrten.


Die Elfen murmelten inbrünstig Zaubersprüche. Die Flüssigkeit in den Schüsseln, die beide auf dem Altar der jungen Elfenfrau standen, begann heller zu leuchten.

"Schnell jetzt. Das heilige Ritual darf nicht noch einmal unterbrochen werden."

Die versammelten Elfen stimmten einen durchdringenden Singsang an. Alessandra begann, die Beziehung zur Realität zu verlieren. Doch dann zuckte sie heftig zusammen, denn ein gellender Schrei ertönte, als dem Elfenmädchen auf dem benachbarten Altar der Leib vom Hals bis zu den Beinen aufgeschlitzt wurde. Der zweite Elf goß die nun grell strahlende Flüssigkeit in den Körper des Mädchens. Dieses begann nun überall zu glühen und wurde dabei immer durchsichtiger.

Alessandra gelang es, den Kopf zu drehen. Die geopferte Elfe schwebte nun eine Handbreit über ihrem Altar. Es war nicht zu erkennen, ob sie noch am Leben war. Doch ihr Leuchten breitete sich rasch aus. Die Elfen wichen zurück, und das grelle Licht verschluckte einen Moment später auch Alessandra.

Was habe ich getan? Dann erlosch Alessandras Bewußtsein.


Allein. Verstoßen. Sölbey Ohnenamen irrte durch die Welt. Sie gelangte an seltsame Orte, doch immer schien es, als würde eine höhere Macht ihre Schritte lenken und darauf achten, daß ihr nichts geschah. Und dann sah sie eines Nachts eine Dunkelelfe vor sich stehen, gehüllt in die Gewänder der Orakeldienerinnen. Die Elfe nahm Sölbey schweigend bei der Hand und führte sie mit sich.


"Die Zeit ist knapp. Du sollst die Prophezeiung hören, Sölbey, Beherrscherin des Windes, genannt Ohnenamen." Zitternd kniete die junge Elfe, die einem Menschen so verhängnisvoll ähnelte, vor dem Steinthron des Altars. Jetzt blickte sie auf. In ihr war jedes Gefühl abgestorben.

"Sölbey Beherrscherin des Windes. Du bist auf der Welt, um die drei Stämme der Elfen vor dem Untergang zu retten." Die Stimme des Orakels schien von allen Seiten gleichzeitig zu kommen. Nie war ihr diese Höhle und das Orakel der gütigen Göttin so unheimlich und so fremd erschienen.

"Sölbey Beherrscherin des Windes. Du wirst dem Schwarzen König begegnen und ihn töten. Er darf dich nicht erkennen. Dein Körper wird dich nicht verraten, und dein Geist wird dich nicht verraten, Sölbey Beherrscherin des Windes. Hier. Trinke dies!"

Eine Schale erschien. Mechanisch griff die Elfe danach und schüttete die dunkle Flüssigkeit durch ihre Kehle. Sie schmeckte eigentlich nach gar nichts. Dann gab es einen Stich. Sölbey wurde es schwindelig. Sie schwankte und fiel schließlich zu Boden. Eine Zeitlang schien es ihr, als würde ihr Geist ihren Körper verlassen. Jedes Zeitgefühl war ihr verlorengegangen.

Deine Erinnerungen, dein Leben als Elfe, sie müssen verborgen werden.

Diese Stimme ... Sölbey schwebte im Nichts.

Deine Flügel, die heiligen Flügel einer Elfenprinzessin, auch sie müssen verborgen werden.

Nur noch weit in der Ferne sah sie ihren zusammengesunkenen Körper. Da durchzuckte sie ein heftiger Schmerz, und sie fiel in ihren Körper zurück. Nein, nicht in ihren Körper. Dreimal noch fuhr dieser grauenvoller Schmerz durch sie. Das letzte, was sie sah, war ihr blutüberströmter Leib. Ihre schimmernden Flügel lagen daneben auf dem Boden. Danach wußte sie nichts mehr.


*


Nachts war es in den Weißen Wäldern immer besonders unheimlich, fand Rió. Seit sie aus Trok geflohen war, hatte sie versucht, sich nach Süden durchzuschlagen. Quer durch das Weiße Reich und Arcadia mußte sie, wenn sie zum Gartenland in Sicherheit gelangen wollte. Doch die Wanderung abseits aller Wege, mitten durch die Wälder, war überaus mühsam und zeitraubend. Und trotz ihrer Vorsicht wäre die Frau schon zweimal beinahe einer Truppe Soldaten in die Hände gefallen. Soldaten - sie schienen überall zu sein in diesen Tagen, zu Fuß, auf Pferden, in Gruppen oder allein. Nur nicht auf Drachen, denn gegen die Drachen kämpften sie ja gerade. Rió fragte sich, ob die Menschen wohl eine Chance hatten zu gewinnen. Sicher, sie hatten die Elfen an ihrer Seite, aber der Feind war der nahezu allmächtige Schwarze König. Zu genau diesem, ihrem ehemaligen Herrn, wollte die Frau. Viel zu lange hatte sie die Entscheidung hinausgezögert, doch nach dem, was dort in Trok geschehen war, hatte sie endgültig den Entschluß gefaßt, nicht mehr zu den Menschen gehören zu wollen. Sie wollte ins Gartenland und Calract bitten, auch aus ihr, wie schon 20 Jahre zuvor aus ihrer Schwester Tschuri, eine Lunaloc-Dämonin zu machen.

Als wie aus dem Nichts ein greller Blitz über dem Wald einschlug, sprang Rió instinktiv in Deckung. Das war ihr schon zur zweiten Natur geworden.

Sie wartete auf den Donner, doch dessen Ausbleiben zeigte ihr bereits an, daß sie soeben Zeugin eines eher ungewöhnlichen Ereignisses geworden war. Rió wartete fast eine Stunde in ihrem Loch, bevor sie sich wieder herauswagte. Es war finster, aber bis auf die üblichen Geräusche des Waldes ruhig. Rió konnte genau heraushören, ob ein Ast nur so knackste oder weil ein Mensch darüber ging. Die Weißen waren so angefüllt mit Selbstbewußtsein und Arroganz, daß sie nie auch nur versuchten, ihre Anwesenheit zu verbergen, im Gegenteil. Man hörte sie meist schon meilenweit. Hier und jetzt jedenfalls waren bestimmt keine in der Nähe.

Irgendwo da vorne muß es doch gewesen sein. Angestrengt versucht die junge Frau, etwas zu sehen, doch der dichte Wald und die Wolken, die den Mond und die Sterne verdeckten, erzeugten eine undurchdringliche Finsternis. Rió überlegte, ob sie bis zum Morgen warten sollte. Am besten suchte sie sich einen Schlafplatz und ... halt, da war doch was. Angestrengt kniff Rió die Augen zusammen, und tatsächlich bildete sie sich ein, einen schwachen Schimmer fahlen Lichtes erkennen zu können.

Aufgeregt lief sie darauf zu, was sie einige Kratzer kostete, denn das ferne Licht reichte gerade, ihr den Weg zu weisen, nicht aber, Hindernisse auf diesem ausmachen zu können. Doch das machte Rió nichts aus, zu viel hatte sie schon mitmachen müssen.

Das fahle Licht wurde heller, je näher Rió kam. Schließlich öffnete sich der Wald zu einer kleinen Lichtung. Mitten darin lag eine blutüberströmte Frau. Und von dieser Frau ging das kalte Licht aus.

Wie gebannt blieb Rió von Palato am Rande der Lichtung stehen, geduckt hinter einem dicken Baum, mit bis zum Hals pochendem Herzen, und spähte zu der Frau, die dort mit dem Gesicht nach unten auf dem Moos und Gras lag.

Da nichts weiter geschah, beruhigte Rió sich nach einiger Zeit wieder. Mutig geworden verließ sie ihre Deckung und schlich zu dem bewußtlosen Mädchen hinüber, dabei angestrengt lauschend. Als in der Nähe Laub raschelte, zuckte Rió heftig zusammen und das Herz schlug ihr erneut bis zum Hals. Doch nichts weiter geschah. Wahrscheinlich ein Fuchs, vielleicht auch nur eine Maus.

Schließlich untersuchte sie mit äußerster Vorsicht die Frau. Sie war bekleidet, trug sogar Schuhe, doch die Kleider waren ziemlich zerschlissen. Aber das fiel Rió zunächst nicht so auf. Denn das weiße Hemd, das das Mädchen trug, war auf dem Rücken dunkel von Blut.

Rió stellte zu ihrer Erleichterung fest, daß die Blutung, wodurch sie auch immer hervorgerufen worden sein mochte, inzwischen wohl aufgehört hatte. Das Mädchen, das langsam atmete, war also nicht in unmittelbarer Lebensgefahr. Doch es leuchtete immer noch, ohne daß ersichtlich war, woher dieses Licht eigentlich kam. Rió berührte die Frau schließlich am Kopf. Da ging ein leichtes Zucken durch die Frau. Rió machte einen Satz zurück. Die Frau stöhnte leise auf. Es war ein Ton, bei dem sich in Rió alles verkrampfte. Dieses Mädchen mußte unglaublich gelitten haben. Schließlich bewegte es die Arme, zog sie unter den Oberkörper, hob dann den Kopf ein wenig hoch und sah sich mit verschleiertem Blick um.

Dann traf ihr Blick Rió, und die beiden Frauen sahen einander lange an.

"Wer ... wer bist du?", fragte Rió schließlich.

"S ... ich h ... heiße S ... SOL."


38. Kapitel - Traunsteiners Fund

Februar 1270.


"Koch, wat?"

Ich nickte. Kochen, das hatte ich gelernt, weiß Gott. Von Würmern bis Wildschweinbraten war alles in meinem Repertoire.

"Aber du siehst nich' aus wie ein Koch, Freundchen! Wat."

"Ich brauche nur das Geld für die Überfahrt. Dafür wird's wohl noch reichen."

"Wie heiß' du überhaupt, Bursche, hä?"

"Traunsteiner. Mag Traunsteiner." Das war sogar mein richtiger Name. Obwohl es in dieser Situation jeder andere auch getan hätte.

"Und wo wills' du hin?"

"Nach Westen."

"Westen, wat?"

Ja, nach Westen wollte ich. Irgendein Gefühl sagte mir, daß ich dort endlich das finden würde, wonach ich nun schon seit 20 Jahren in der ganzen bekannten Welt und weit darüber hinaus suchte. Diesmal war ich mir sicher. Und die Tuatha de Dana'an würde mich dort hinbringen, und wenn ich das Deck schrubben mußte. Aber wenn ich Glück hatte, nahmen sie mich ja als Koch, was erheblich angenehmer wäre.

"Koch, wat?"

Soweit, glaube ich, waren wir schon mal. Mein Gesprächspartner, Unterdeckoffizier oder so was Ähnliches, bekam plötzlich ganz große Augen. Er stieß mich zur Seite und warf sich dann selbst auf den Boden. Der Grund für seinen Kniefall bahnte sich gerade den Weg durch die mit Fässern, Warenballen, Netzen, Körben und sonstigem Krempel vollgestellte Kaianlage: der Kapitän dieses Schiffes.

"Platz für Admiral Tuatha de Dana'an."

Ich war etwas überrascht. Tuatha war eigentlich ein Frauenname, und wie ich nun sehen konnte, war der Admiral, der anscheinend denselben Namen trug wie dieses Schiff, in der Tat eine Frau, und was für eine. Ohne den schmierigen Unterdeckoffizier oder gar mich eines Blickes zu würdigen ging die Admiralin mit festem, zackigem Schritt die Planke hoch. In ihrem Gefolge hatte sie zwei weitere Offiziere, die übrigens einen wesentlich besseren Eindruck machten als meiner hier. Außerdem folgten ihr ein gutes halbes Dutzend Arbeiter, die ein großes Netz schleppten.

So schlimm steht es um die Dana'an-Leute schon, daß sie ihr schönes Flaggschiff zu einem Fischkutter umfunktionieren müssen, dachte ich traurig.

Mein Unterdeckoffizier erhob sich nun hastig und rannte hinter seiner Admiralin die Rampe hoch, und ich beschloß, dasselbe zu tun. Nur hatte ich es nicht ganz so eilig. Die Tuatha de Dana'an würde noch ein paar Tage hier im Hafen von Grünanbährn liegen, nahm ich mal an. Wo sollte sie auch hin ...


Seit über zwanzig Jahren war ich nun schon unterwegs, durch tiefste Wälder, winzige Dörfer, stolze Städte, reißende Flüsse, bei den Kannibalen, bei denen ich hätte König werden können, und immer wieder auch auf dem Octavius-Meer, aber so ein riesiges und stolzes Schiff hatte ich lange nicht gesehen. Ganz offensichtlich war die Tuatha de Dana'an ein Kriegsschiff, eine über 100 Meter lange Viermast-Bark mit eisenverstärktem Ramm-Bug. Jetzt aber wurde sie anscheinend auch als Handelsschiff und neuerdings sogar als Fischkutter verwendet. Ich hatte mich, bevor ich mich um die Stelle als Küchenhilfe beworben hatte, ein bißchen umgehört. Informationen zu sammeln war meine zweite Natur und hatte mir schon mehr als einmal die Haut gerettet. Dem Dana'an-Reich, gelegen auf der gleichnamigen Insel, war vor etwa einem Jahr eine Katastrophe zugestoßen, über deren Ausmaß es nur Gerüchte gab. Gerüchte - was hatte man mir nicht alles andrehen wollen, aber soviel war klar: von diesem kleinen, aber überaus leistungsfähigen Inselreich war anscheinend nichts übriggeblieben außer den Schiffen und Menschen, die sich zu dem fraglichen Zeitpunkt gerade außerhalb der Insel und ihrer Gewässer aufgehalten hatten. Und wie es der Zufall wollte, war auch das Flaggschiff, eben die Tuatha de Dana'an, gerade irgendwo auswärts im Einsatz gewesen.

Ich konnte mir auch lebhaft vorstellen, in was für einem. Seit den Zeiten von Kranos Tuurn und BQMZ lagen die Piraten und die südlichen Seerepubliken überkreuz. Immer wieder kam es zu Überfällen, und für Außenstehende mußte es als schieres Wunder erscheinen, daß die Seerepubliken, zu denen auch das Dana'an-Reich gehörte (oder gehört hatte) überhaupt noch Handel treiben konnten. Jeder wußte, daß BQMZ von Calract unterstütz wurde. Er hatte ihr mehr als einmal mit Drachen und Dämonen ausgeholfen. Kein konventioneller Gegner konnte dagegen etwas ausrichten, und eine Hexe oder einen Zauberer konnten sie sich nicht leisten. Keiner war so verrückt, für den normalen Tarif gegen Calract anzutreten. Jedoch: weder der Schwarze König noch seine schwarzhäutige Piraten-Partnerin hatten ernsthaft die Absicht, ihre Konkurrenten auszumerzen. Sie hielten kurz, ja, aber sie ließen ihnen immer noch genug Luft zum Atmen. Außerdem war der Süden von Calracts Interessensphäre doch recht weit entfernt, und was da so alles geschah, davon erfuhr man an der Nordküste wenig bis gar nichts.

Tja, zwanzig Jahre war das her, als ich Calract in dieser Spelunke in Kiünis gegenübergesessen hatte. Seitdem hatte ich meinen Herrn nicht mehr gesehen, doch gehört hatte ich von ihm jeden Tag - zumindest an solchen Tagen, an denen ich mich in der Zivilisation aufhielt. Calract war rings um das riesige Octavius-Meer eine Legende geworden. Seltsamerweise gab mir das immer irgendwie das Gefühl, Zuhause zu sein. Wo ich hinkam, war der Name 'Calract' schon vor mir da. Und so weit dieses Fast-Binnenmeer auch war, so waren die Menschen, die an seinen Ufern lebten doch wie eine große Familie, wo jeder jeden irgendwie kannte.

Zwanzig Jahre hatte ich gebraucht, anfangs entlang des Siina und dann über die verschlungensten Wege, teils entlang der Küste, teils tief im Landesinneren, gelegentlich auch auf Schiffen, das Octavius-Meer ein halbes Mal zu umrunden. Jetzt befand ich mich etwa an dem Punkt, der von Zuhause am weitesten entfernt lag. Doch ich wußte, irgendwie wußte ich es einfach, daß ich für den Rückweg keine weiteren 20 Jahre brauchen würde. Das Ziel war nahe.

Ich sah vor mir den Unterdeckoffizier und folgte ihm durch einen Abstieg ins Innere dieses riesigen Schiffes.

Dabei fiel mir auf, wie sauber und ordentlich hier alles war. Und wie diszipliniert die Mannschaft sich verhielt. Wenn ich das mit den Seelenverkäufern verglich, mit denen ich hier hergekommen war ...

Und auch die Schiffe der Piraten, auf denen ich gelegentlich gereist war, waren so völlig anders. Dort herrschte ein freier Geist, hier eiserne Disziplin in einer strengstens beachteten Hierarchie. Doch dieses System war äußerst effektiv, und die Menschen liebten es. Gerade in solchen Zeiten, wo die Heimat einem ungewissen Schicksal anheimgefallen war, gab es den einfachen Matrosen Halt und Stabilität. Immer, wenn ihre strenge Admiralin an ihnen vorbeischritt, trat ein stolzes Leuchten in ihre Augen. Das gleiche Leuchten, das ich bei den einfachen Piraten gesehen hatte, wenn sie über ihre Chefin BQMZ sprachen. BQMZ wurde von ihren Leuten abgöttisch verehrt, und zwar wegen ihrer Kühnheit, ihres Mutes, ihrer Schönheit, sogar wegen ihrer Gier, aber auch wegen ihrer Fairneß ihren Leuten gegenüber. Und Admiralin de Dana'an? Es war ziemlich klar, daß sie ebenfalls eine herausragende Persönlichkeit war. Die Leute spürten das sofort.

"Wat ... wat machs' du hier?"

"Ihr habt mich als Koch eingestellt."

"So, wat? Also, komm mit, ich zeig' dir die Vorderkombüse." Der Offizier warf mir einen schrägen Blick zu, dann stapfte er voraus durch die schmalen Gänge in den Tiefen des Schiffes.

*

Ich hatte viel erlebt, und das sah man mir an. Ich hatte aber auch die Gabe, auf Menschen zuzugehen und sie zum Sprechen zu bringen. Willig ließ ich mich von dem Offizier zur Arbeit einteilen und erfuhr dabei auch seinen Namen, Willisch Kannk. Bootsmann zweiter Klasse, wie er nicht ohne Stolz hinzufügte. Er erklärte mir die Küche, und wo ich was finden konnte. Kartoffeln schälen und Fische ausnehmen würde für die nächsten Wochen meine Hauptbeschäftigung sein.

"Was ist aus dem vorherigen Koch eigentlich geworden?", fragte ich Kannk dabei.

"Sucht seine Familie, wat."

Ich nickte verstehend. "Muß ziemlich hart sein für euch."

Damit hatte ich genau ins Schwarze getroffen. Kannk sprudelte los wie ein Wasserfall.

Das meiste wußte ich schon: vor einem Jahr war eine Art Dämon über die Dana'an Insel gekommen und blockierte seitdem jeden Zugang. Kein Schiff konnte die Insel mehr anlaufen oder verlassen. Was aus der Insel selbst geworden war, wußte niemand mit Sicherheit zu sagen. Man konnte sich ihr gerade noch bis auf Sichtweite nähern, was die Tuatha de Dana'an auch mehr als einmal gemacht hatte. So konnte man sehen, daß die Insel immerhin noch existierte und zumindest nicht so stark verwüstet war, daß man es über eine Distanz von 30 oder 40 Kilometern hätte sehen können. Es gab also die Hoffnung, daß die Menschen dort noch am Leben und nur abgeschnitten waren. Manche aber glaubten, sie seien vor dem Dämon rechtzeitig geflohen - vielleicht traf das sogar zu, denn das Festland war nicht sehr weit weg, gute 100 oder 150 Kilometer etwa. Jedenfalls hatte mein Vorgänger genau das angenommen und war deshalb abgehauen, um seine Leute zu suchen. Er war nicht der einzige, der die momentane Lage nicht verkraftete. Vielen half hier aber wieder die strenge Disziplin, die alle Schiffe des Dana'an-Reiches und das Land selbst vermutlich ebenfalls auszeichnete, und die immer noch hochgehalten wurde.

Und wenn ich mir die Admiralin so ansah, dann wußte ich auch, warum.

Irgendwann hatte Kannk sich alles von der Seele gesprochen. Erschöpft hing er mir gegenüber am Tisch und blickte ziellos in der Gegend herum. Selbst in dem trüben, gelben Licht der Ölfunzel war deutlich zu sehen, wie schwer die Lage für ihn und seine Leute war.

"Wenn ich das vorhin richtig vernommen habe", setzte ich an, "dann trägt dieses Schiff genau denselben Namen wie die Admiralin."

"Wat? Ach ja. Sie wurden beide am selben Tag geboren, äh in Dienst gestellt, wat, äh ich meine, die Prinzessin wurde am selben Tag geboren, wie das Flaggschiff in Dienst gestellt ... vor gut 40 Jahren, wat."

"Prinzessin?"

"Wat? Ja, natürlich ist die Prinzessin auch die Admiralin der Flotte, jetzt, wo niemand ... niemand mehr ... wat!"

Ich nickte mitfühlend.

"Und weiß man was über das Ungeheuer?"

Wieder sprudelten die Worte aus Kannk nur so heraus ... aber wissen tat keiner etwas. Selbst die unmittelbar Betroffenen hatten nur Gerüchte und Spekulationen zu bieten.

*

Es war der 30.2.1270, als die Tuatha de Dana'an die Anker lichtete und den Hafen von Grünanbährn verließ.

Man merkte, daß die Heimat, das Hinterland nicht mehr da war: es fehlte an allen Ecken und Enden an Geld, Material und Menschen. Es war Admiralin de Dana'an hoch anzurechnen, daß sie nicht einfach aufgab, sondern versuchte, die Fahne hochzuhalten. Und das tat sie mit bewundernswerter Energie, Geschick und Umsicht.

Es vergingen einige recht eintönige Tage, die ich dazu nutzte, meine neuen Kameraden kennenzulernen. Nicht zu sehr ... ich hatte schon zu viele gute Männer und auch Frauen getroffen und wieder verschwinden sehen. Ich war ein Wanderer, die nie an die alten Plätze zurückkehrte. Besser, keine allzu intensiven Freundschaften zu schließen.

Manchmal, wenn ich Freizeit hatte, stand ich an Deck. Obwohl es fast noch Winter war, war es hier, im Süden dieses großen Meeres, sehr angenehm. Wenn ich da an meine Heimat Manako dachte mit ihren ewigen Wintern und den Unmengen an Schnee. Hier gefiel es mir erheblich besser. Doch ich spürte, daß ich eines Tages wieder dorthin zurückkehren würde. Oder - besser - in das Reich Calracts, dem zu dienen ich mich verpflichtet hatte. Er hatte mir Geld versprochen, viel Geld, aber mit Geld waren die Strapazen und Leiden, die ich hatte durchmachen müssen, nicht zu bezahlen, und auch nicht die 20 Jahre, die mich das gekostet hatte. Nein, ich hatte es nicht wegen des Geldes getan. In Manako wäre ich einfach versauert. Aus Langeweile hatte ich als junger Bursche ein paar Dinger gedreht, und dann war mir der Boden dort zu heiß geworden. Dann hatte ich gehört, daß Calract Leute für Spezialaufgaben suchte. Und als ich mit ihm gesprochen hatte, da hatte ich gewußt, daß das das Abenteuer meines Lebens werden würde. Ich hätte sogar eingewilligt, wenn ich nichts dafür bekommen hätte. Und - mal ehrlich - ich hatte es (fast) nie bereut.

Es war früher Abend, und ich genoß den Sonnenuntergang, der hier auf dem Meer immer so prächtig war. Nachdenklich ließ ich die Sonne über den Kristall in dem Ring spielen, den König Calract mir gegeben hatte und den außer mir niemand sehen konnte. Dieser Ring hatte mich überall hin begleitet. Aber ich spürte, daß sich unsere Wege bald trennen würden. Schade irgendwie ...

Es war mir nicht entgangen, daß der Matrose, der ein paar Schritte neben mir stand, mich schon die ganze Zeit verstohlen musterte. Schließlich drehte ich mich zu ihm um und lächelte ihn vertrauensvoll an.

Der Mann stammte offensichtlich von demselben Volk wie BQMZ: rabenschwarze Haut, feuerrote Haare, allerdings keine grünen, sondern tiefblaue Augen. Er sah aus wie aus einem Märchen.

"Du bist meist im vorderen Ausguck", fragte ich ihn. Die Bark hatte auf jedem Mast einen eigenen Ausguck, und sie alle waren durch schmale Hängebrücken miteinander verbunden. Man konnte viel machen da oben. Dazu kamen die zahlreichen Rah- und Gaffelsegel, die dem Schiff zu enormer Geschwindigkeit und Wendigkeit verhalfen. Es hielt sich das hartnäckige Gerückt, daß die Tuatha de Dana'an selbst der Schenischenta davonsegeln konnte.

Der Schwarzhäutige nickte und sah mich weiterhin interessiert an.

"Na, was gibt's denn da so Aufregendes zu sehen?"

"Diese ...Bilder?"

Er spielte auf meine Tätowierungen an, die mein Gesicht und verschiedene andere Stellen meines Körpers zierten - ein Andenken an ... aber das war lange her. In der Tat, Tätowierungen sah man selten. Ganz davon abgesehen, daß man einen Schwarzhäutigen wie ihn gar nicht tätowieren konnte. Vielleicht faszinierte ihn gerade das so besonders. Ich wandte mich wieder dem Sonnenuntergang zu, der den Himmel in kitschiges Rosarot und Orange tauchte. Ja, ich war gern auf See.

Ich beugte mich vor und blickte zum Oberdeck. Dort stand die Admiralin über die Brüstung gelehnt, und auch sie blickte der untergegangenen Sonne nach, die ihre vollen, schwarzen Haare in geheimnisvolles Licht tauchte.

Ich wandte mich wieder dem Schwarzhäutigen zu. "Wie heißt du eigentlich?"

"TKO."

Anscheinend liebte man bei diesem Volk solche Abkürzungen. "Komm' mit runter, TKO. Da erzähle ich dir ein bißchen."


Irgendwann bimmelte die Schiffsglocke. Das tat sie öfter, aber nicht zu dieser Zeit, mitten am Vormittag. Kannk kam aufgeregt zu uns hinuntergerannt und rief: "Jetzt kommen wir gleich in Sichtweite der Insel, wat! Wat!! Los, kommt mit hoch, wenn ihr das sehen wollt."

Anscheinend war für dieses Ereignis die strenge Disziplin, die hier an Bord herrschte, vorübergehend aufgehoben. Oben hatte sich fast die gesamte Mannschaft versammelt und blickte nach vorne, wo demnächst weit, weit in der Ferne am Horizont die heimatliche Dana'an-Insel auftauchen würde.

Ich genoß das Licht und die frische Luft. Von beidem bekam ich unter Deck in der stickigen Kombüse nicht sehr viel. Doch dann beschlich mich ein seltsames Gefühl.

"Dana'an in Sicht!"

Keine Ahnung, ob es nur Einbildung war, oder ob TKO da oben auf dem Mast die Insel tatsächlich schon sehen konnte, jedenfalls brachen alle - alle Dana'aner - in lauten Jubel aus. Es war so eine Sekunde, wo man blind sagen konnte, wer zu diesem Volk gehörte und wer, wie ich und TKO, nur ein vorübergehend hier arbeitender Fremder war.

Ich blickte zur Admiralin empor, die in Begleitung ihrer Offiziere auf der Brücke stand. Auch sie war sichtlich erfreut und erregt.

Die Tuatha de Dana'an machte gute Fahrt, und wenig später kam auch für uns hier unten die Insel in Sicht. Aber was war ... Blau? Ich bahnte mir einen Weg durch die vor mir stehenden Matrosen, um mehr sehen zu können. Tatsächlich, das Wasser, das die Insel, die dort in weiter Ferne sichtbar geworden war, umspülte, leuchtete blau. Blau!

Ein heißer und gleichzeitig eisiger Schauer zog über meinen Körper. Das konnte einfach nicht wahr sein. Und doch ... wer das, präzise diesen Farbton, einmal gesehen hatte, der vergaß es sein ganzes Leben nicht mehr. Ich drehte mich um, rannte zu der Treppe, die zur Brücke hoch führte und brüllte: "Kapitän! Ich muß Euch sprechen."

Das war nicht so einfach. Einfachen Matrosen oder gar Hilfsarbeitern wie mir war es untersagt, die Führungsoffiziere von sich aus anzusprechen. Und die dachten in aller Regel auch nicht daran, mit uns zu reden. Dafür gab es schließlich eine Reihe von Hierarchie-Ebenen dazwischen, von denen jede ihre fein abgezirkelten Kompetenzen hatte.

Oben erschien das unfreundliche Gesicht eines Ober-Bootsmannes, doch bevor dieser etwas Unhöfliches sagen konnte, wurde er beiseite geschoben, und Tuatha de Dana'an tauchte auf. Schweigend blickte sie mich an.

Ich kletterte hoch und warf zunächst einen weiteren Blick auf das blaue Leuchten.

"Admiral, ich weiß, was das da ist!", sagte ich mit heiserer Stimme.


Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Tuatha de Dana'an sah mich mit einem Ausdruck an, den ich sicher nie mehr vergessen werde. Dann befahl sie mir mit leiser, scharfer Stimme, sie in ihre Kabine zu begleiten.

Seltsamerweise ging es mir gerade jetzt durch den Kopf, wie anders mein Gebieter Calract in dieser Situation reagiert hätte. Admiralin de Dana'an jedenfalls dachte nicht im Traum daran, ihre Mannschaft mithören zu lassen. Informationen waren für sie eins von vielen Mitteln der Herrschaft, und was ich zu sagen hatte, sah sie offensichtlich als so brisant an, daß nicht mal ihr Stellvertreter sie begleiten durfte. Doch keiner wagte auch nur den Hauch eines Protestes. Die Entscheidung des Kapitäns war endgültig und wurde nicht diskutiert.

*

Tuatha de Dana'an residierte in einer Kabine, die ihrem Rang als Admiralin und Prinzessin durchaus gerecht wurde. Mit steifen Schritten ging zu ihrem Schreibtisch - die Anordnung ähnelte verblüffend der auf BQMZs Schiff Schenischenta - und setzte sich in ihren Stuhl. Der allerdings war anders als der ihrer Feindin: Tuathas Stuhl hatte nämlich reichverzierte Armlehnen, während BQMZ auf Beinfreiheit Wert legte und deshalb einen Stuhl ohne seitliche Lehnen hatte. Das fiel mir so nebenbei auf.

"Sprecht!"

Und auch das: sie hatte eine höfliche Anrede gewählt, was sie gegenüber ihren Matrosen sonst nicht zu tun pflegte.

Einen Sitzplatz hatte sie mir nicht angeboten, aber ich war so frei, mich trotzdem zu setzen.

"Setzt euch doch", meinte sie spöttisch, nachdem ich bereits Platz genommen hatte. Prinzessin Tuatha hatte gelegentlich so einen Hang zur Ironie. Allerdings hatte es in letzter Zeit für sie sicher nur selten einen Anlaß gegeben, diesen auch auszuleben.

Ich räusperte mich. "Admiral, ich habe dieses blaue Leuchten schon einmal gesehen. Zwanzig Jahre ist es her, ganz am Beginn meiner Reise, hoch im Norden. Damals suchte es den Siina-Fluß und eins der daran angrenzenden Länder heim. Niemand, der es gesehen hat, wird es je vergessen!"

Ja, das konnte man wirklich so sagen. Zwar war ich Njala nie persönlich begegnet, aber ihr Werk, diese Zerstörungen, das hatte ich mehr als einmal gesehen. Und noch heute lief mir ein Gruseln über den Rücken, wenn ich nur daran dachte.

Das war einer der Gründe, warum ich Calract so verehrte. Er hatte Njala zwar nicht besiegt, aber für immer vertrieben - dachte damals jedenfalls jeder. Und nun sollte ich ausgerechnet hier dieser dämonischen Dunkelelfe wieder begegnen.

"Was wißt Ihr über dieses Leuchten, Schiffs-Hilfskoch?"

"Ich werde Euch alles sagen, was ich weiß. Unter einer Bedingung."

"Welche?"

"Daß ich an einem Ort meiner Wahl an Land gesetzt werde."

"Abgemacht." Tuatha dachte kurz nach. Sicher war sie nicht der Typ, der sich öfters mit seinen Untergebenen zu einem Schwätzchen zusammensetzte. Aber ich stand doch irgendwo außerhalb ihrer strengen Hierarchie. Und so fragte sie schließlich: "Darf man fragen, an welchem Ort Ihr anzulanden wünscht?"

"Das", setzte ich an, "ist eine lange Geschichte."

"Dann erzählt mir nun über dieses Meeresungeheuer, das meine Heimat bedroht."

"Admiral, es ist kein Meeresungeheuer, sondern eine Dunkelelfe namens Njala." Und dann erzählte ich ihr die ganze Geschichte, wobei ich nur meine eigene Rolle herausließ. Prinzessin de Dana'an war BQMZs erbitterte Feindin, und ich war ein Diener des Schwarzen Königs, der BQMZs engster Verbündeter war. Besser, wenn ich das für mich behielt.

Ansonsten erfuhr Prinzessin Tuatha alles, was auch ich wußte. Was zugegebenermaßen nicht allzu viel war.


Nachdem ich geendet hatte, herrschte langes Schweigen. Schließlich blickte die Admiralin auf und sagte leise: "Ihr meint also, es gibt keine Hoffnung."

So konnte man das wohl ausdrücken. Es sei denn, sie hätte ausgerechnet Calract um Hilfe gebeten. Aber würde sie das tun?

In der schönen Admiralin arbeitete es. Ihr willensstarkes, markantes Gesicht und ihre strahlenden Augen wurden hart und kalt, und ihre Fäuste ballten sich in den weißen Handschuhen. "Calract", murmelte sie.

Nun, sie war von alleine darauf gekommen. Und sie war bereit, sich für ihr Volk zu opfern. Oder zumindest mußte sie das unter diesen Umständen glauben.

"Also gut! Ihr ... wie ist eigentlich Euer Name, Schiffskoch?"

"Traunsteiner. Mag Traunsteiner, Kapitän."

"Wenn es eine Hoffnung für mein Land gibt, dann werde ich sie wahrnehmen. Wo wünscht Ihr an Land zu gehen?"

Ich hatte das Gefühl, von meinem Ziel nicht mehr sehr weit entfernt zu sein. "Hier!", antwortete ich.

"Was, auf der Insel?"

"Nein, auf dem der Insel gegenüberliegenden Festland."


Die Tuatha de Dana'an hatte den Kurs nach Süden geändert.

Anscheinend hatten wir dann die Küste in der Nacht erreicht, aber Kapitän de Dana'an ließ mich erst am nächsten Morgen wecken und auf die Brücke führen.

Sie zeigte mit spitzem Finger auf das Land, das sich vor ihrem Schiff erstreckte. "Einst nannte man diese Gegend das Land der Pfirsichblüten. Später hat man ihr andere Namen gegeben. Manche nennen es die Skelettküste, andere einfach die Vorhölle."

Sie schwieg. Ich wußte, hier war ich richtig. Ich sagte nach einiger Zeit: "Das muß für Dana'an ein schwerer Schlag gewesen sein."

Tuatha antwortete nicht, aber ihre wie versteinert wirkenden Züge zeigten mehr als deutlich, daß ich Recht hatte. Ein Land, das man das Land der Pfirsichblüten nannte, war sicherlich ein wertvoller Handelspartner gewesen. Diesen Verlust hatte ein kleiner Insel-Staat, der vom Seehandel lebte, wohl nicht leicht wegstecken können.

"Traunsteiner!"

"Ja, Kapitän."

"Ich weiß nicht, ob uns das Schicksal jemals wieder zusammenführen wird ..."

Bestimmt nicht. Keinen, dessen Weg ich gekreuzt hatte, hatte ich je wiedergesehen.

"... aber ich wünsche Euch alles Gute. Und viel Glück. Ihr werdet es brauchen."


Ich drehte mich zu dem Boot um und sah ihm nach, wie es zur Tuatha de Dana'an zurückruderte. Wahrlich, ein stolzes Schiff. Ein letztes Mal ließ ich meine Blicke über den mächtigen Rumpf und die vier Segelmasten gleiten und winkte hinüber. Vielleicht konnte TKO es sehen. Dann nahm ich meinen Sack auf, drehte mich um und marschierte los.

Irgendwann drehte ich mich nochmal nach der Tuatha de Dana'an um, doch da war sie nur noch ein kleiner Punkt am nördlichen Horizont.

Vor mir lag ein liebliches, aber vollkommen menschenleeres, verlassenes Land. Es war der 10. April des Jahres 1270, ein Tag wie schon Abertausende zuvor während meiner Wanderung - scheinbar.


Die Spuren menschlicher Aktivitäten waren noch nicht ganz von der Natur getilgt. Zwei oder drei Generationen mußte er her sein, daß hier anscheinend ziemlich schlagartig alle Menschen verschwunden waren. Die Reste der Häuser und Dörfer sah man noch an manchen Stellen. Die Felder und Wege jedoch hatte längst die Natur zurückerobert. Doch es war eine sanfte, freundliche Natur. Hier gab es keine dunklen, kalten Wälder wie in meiner fernen Heimat. Ich stammte aus dem Reich Karls, und das einzige, was es dort gab, waren geradezu unendliche Wälder, kalt, tief, einsam. Tausende von Toten des Lunaloc-Krieges lagen dort, vergessen für immer. Nie würde sie jemand wiederfinden in den endlosen Weiten, die kalten Leiber der Ritter und der Dämonen, die sich dort gegenseitig umgebracht hatten.

Hier war die Landschaft völlig anders, ein flaches, offenes Parkland. So ähnlich stellte ich mir Calracts Gartenland vor, das ich allerdings, wie ich zugeben muß, noch nie selbst gesehen hatte, außer mal auf einem Bild, das irgendwie die weite Reise in die äräolahnische Hafenstadt Kalik geschafft hatte. Nun ja, auch dorthin kamen BQMZs Händler, die sich immer noch voller Stolz Piraten nannten, regelmäßig. So verwunderlich was das also vielleicht doch nicht. Eher, daß man mit einem Land wie Äräolahn überhaupt vernünftig Handel treiben konnte.

Stunde um Stunde wanderte ich nach Süden. Es gab tatsächlich so etwas wie einen Weg. Und warum dieses Land nach Pfirsichen benannt worden war, fand ich auch bald heraus. Viele dieser Bäume standen tatsächlich noch, und wegen des milden Klimas war auch immer mal einer dabei, der gerade reife Früchte trug. Diese mußte ich zwar mit den verfressenen Vögeln teilen, aber es blieb für mich noch genug übrig. Außerdem hatte ich ja reichlich Proviant. Brot, Öl, gepökelter Fisch und zum Nachtisch frische Pfirsiche. Ich muß sagen, ich hatte schon schlechter gegessen.

Neben den Pfirsichbäumen wuchsen hier zum Teil sehr seltsame Pflanzen, wie ich sie noch nie zuvor anderswo gesehen hatte. Einige von ihnen trugen auch Früchte oder Beeren, aber davon würde ich sicherheitshalber erst essen, wenn ich gar nichts anderes mehr hatte.


In der Nacht saß ich an einem Lagerfeuer. Den ganzen Tag hatte ich kein größeres Tier gesehen. Einmal ein paar Kaninchen, ziemlich viele Vögel, vor allem Krähen, ansonsten jede Menge Insekten aller nur denkbaren Sorten. Es war wirklich seltsam: das Land war fruchtbar, die zahlreichen Bäche führten kristallklares, kühles Wasser, eigentlich ein idealer Lebensraum. Was wohl aus den Menschen geworden sein mochte? Skelettküste ... hm.

Trotzdem schlief ich ruhig, und erwachte am nächsten Morgen kurz vor der spät aufgehenden Wintersonne. In der Nähe floß ein Bach. Eigentlich wollte ich mich dort nur waschen, aber es kam so, daß ich mit drei recht ansehnlichen Forellen zurückkehrte. Frisch gebraten boten sie mir eine willkommene Abwechslung.


Wohin sollte ich mich wenden? Mein Blick fiel auf den Ring, den Calract mir damals gegeben hatte. Nur besondere Wesen konnten ihn sehen. Der Schwarze König hatte das sehr weise eingerichtet, denn mehr als einmal war ich unter Räuber gefallen, und die hätten mir den Ring sofort weggenommen, wenn sie etwas von seiner Existenz geahnt hätten. Mir schien von dem Ring eine seltsame, ganz leichte Wärme auszugehen, und ich war sicherer denn je, daß hier, in diesem verhexten Land, ein Splitter des Mondkristalles sein mußte.

Das Muster stimmte wahrscheinlich nicht ganz: diese Splitter waren vor 24 Jahren entstanden und in der Welt verteilt worden. Also sollte man erwarten, daß ein Zauberer oder eine Zauberin genau zu diesem Zeitpunkt oder kurz danach eine ungewöhnliche Aktivität entwickelt hatte. Hier aber lagen die entscheidenden Ereignisse mit Sicherheit schon sehr viel länger zurück. Trotzdem, ich war mir ziemlich sicher ...

Nachdem ich gegessen und meine Sachen wieder zusammengepackt hatte, erhob ich mich entschlossen und zog weiter.

Irgendwann gegen Mittag begann das Land hügeliger zu werden, und am Abend konnte ich ganz in der Ferne etwas erkennen, das wie eine Stadt aussah.

Es gab auch einen gepflasterten Weg, einstmals sicher eine prachtvolle Straße. Aber es war immerhin noch genug davon übrig, um ihn erkennen zu können. Kein Zweifel, ich näherte mich langsam der Hauptstadt des Landes der Pfirsichblüten.

In der Nacht wurde ich wiederholt von seltsamen, bizarren Träumen geplagt, in denen mir ein geflügeltes, engelsgleiches Wesen erschien. Es schien mich warnen zu wollen. Auch das Unendliche Land kam in meinen Träumen vor. Doch immer, wenn ich zwischendrin kurz aufwachte, erlosch die Erinnerung an diese beinahe surrealen Visionen sofort wieder. Trotzdem erwachte ich am nächsten Morgen recht frisch und erholt, und machte mich nach dem Frühstück wieder auf den Weg.

Ich war eine gute Stunde marschiert, als ich ein Stück vor mir am Wegesrand etwas stehen sah, mit dem ich nichts anfangen konnte. Zügig lief ich näher hin, bis ich schließlich davor stand. Was sich hier meinen Augen enthüllte, war so bizarr wie meine Träume ... ich zuckte zusammen. Das Wesen, das dort saß, war genau jenes, das ich in der Nacht ... waren es also gar keine Träume gewesen?

Aber der Reihe nach. Da stand also mitten in der unberührten Natur ein ziemlich wuchtiger, von Moos umwachsener Sockel. Auf diesem Sockel saß eine Figur. Beide waren aus demselben Material, sie wirkten wie aus buntem Glas gegossen, das in der Sonne geheimnisvoll schimmerte und die Strahlen in alle Richtungen brach. Die Figur war ein Mädchen oder ein weiblicher Engel, was auch immer, jedenfalls hatte sie auf dem Rücken prächtige Schwingen. In entspannter Haltung saß dieser Glasengel auf seinem Sockel, und er wirkte so realistisch, daß ich nicht überrascht gewesen wäre, wenn er sich erhoben und mich begrüßt hätte.

Lange konnte ich den Blick nicht von diesem Arrangement abwenden. Ich war mir relativ sicher, daß das Mädchen nicht wirklich eine Statue war, eher ein verzauberter Mensch - oder? Oder etwas ganz Anderes. Dieses ... Ding ... paßte einfach nicht hierher, kein bißchen, denn es stand mitten in nahezu unberührter Natur. Das einzige, was darauf hindeutete, daß hier überhaupt mal Menschen gelebt hatten, war eine verfallene Hütte ein paar Dutzend Meter weiter hinten, und der Weg, auf dem ich gekommen war und der weiter zu der entfernten Stadt führte.

Ich blinzelte. Hatte das Mädchen sich nicht gerade bewegt? Und dann, in einem Augenblick, verwandelte es sich in einen Menschen aus Fleisch und Blut, allerdings immer noch mit diesen schönen Flügeln. Das Mädchen erhob sich in einer fließenden, fast schwerelos wirkenden Bewegung und lächelte mich an.

"Hi! Ich bin Amiryun."

Ich stand sprachlos und mit offenen Mund da und starrte diesen Engel, Dämon oder was auch immer, der sich mir so salopp als Amiryun vorgestellt hatte, einfach nur an.

"Mein Vater war ein Schwan", verkündete Amiryun mir und schlug mit ihren Flügeln, die strahlend weiß geworden waren. "Hier leben böse Ungeheuer, die jeden auffressen, der sich zu lange in diesem Gebiet aufhält. Nur in der Stadt ist man einigermaßen sicher. Ich sage das jedem, der vorbeikommt, aber keiner hört auf mich." Sie seufzte. "Alle laufen in ihr Verderben. Übrigens, zur Stadt geht es da lang." Sie zeigte die Straße entlang.

Ich stand immer noch einfach nur da und wußte nicht, was ich jetzt machen sollte. Sie wirft keinen Schatten. Durch diese Feststellung wurde mein Vertrauen in dieses Wesen auch nicht gerade erhöht. Auf meiner Reise hatte ich schon so manchen verdammten Geist gesehen und ich wollte verdammt sein, wenn das keiner war.

Das Geist-Mädchen kam einen Schritt auf mich zu. "Na, Kleiner, was ist? Was starrst du mich so an? Hast du noch nie ein Schwanenmädchen gesehen? Niemand weiß, wer meine Mutter war, aber mein Vater war ein wunderschöner Schwan."

Also, ehrlich gesagt, ich hatte wirklich noch nie in meinem Leben ein Schwanenmädchen gesehen, falls das wirklich eins war. Ich räusperte mich. "Ich, äh, ich heiße Tra ... Traunsteiner. Mag Traunsteiner." Ich streckte die Hand zur Begrüßung aus, zog sie aber sofort wieder zurück, denn irgendwie ... ich wollte sie vielleicht lieber doch nicht berühren. Sie war mir unheimlich, obwohl sie ein freundliches Gesicht hatte.

Sie war eigentlich sogar sehr schön. Erst jetzt fiel mir auf, daß sie nichts anhatte. Sie war vollkommen nackt. Das schien Amiryun aber nicht im Geringsten zu stören. Wahrscheinlich war das bei einem Geist sowieso egal. Nach und nach sickerten mir ihre Worte ins Bewußtsein, vor allem die Stelle, wo sie von den Ungeheuern gesprochen hatte.

Ich fragte sie danach.

Aber sie sagte nur: "Geh am besten schnell in die Stadt zum Palast." Sie lief ein paar Schritte vor mir auf den Weg. Es ergab sich, daß sie dabei genau zwischen mich und die Sonne trat, und als ich sie wieder fixierte da taten mir die Augen auf einmal weh. Ich blinzelte und mußte wegsehen, bis mir aufging, was los war: die Sonne schien durch sie hindurch. Und bekanntlich ist es nicht gerade gesund für die Augen, wenn man direkt in die Sonne sieht. Unheimlich. Wirklich unheimlich. Amiryun schien meine Befindlichkeit nicht weiter zu bemerken, sie spazierte einfach den Weg entlang davon.

Verwirrt blieb ich noch eine Zeitlang sitzen. Amiryun ... Ungeheuer. Sowas. Noch mehr Ungeheuer? Dieses Land schien so friedlich. Ich hatte nirgends auch nur im entferntesten Spuren gefährlicher Wesen gefunden. Oder ... vielleicht waren deswegen keine Menschen mehr hier.

Da hörte ich einen seltsamen Laut. Noch nie zuvor hatte ich ein solch eigenartiges Heulen vernommen. Es kam aus weiter Ferne, aber es klang alles andere als harmlos. Nervös erhob ich mich und machte mich auf den Weg zu der Stadt. Immer wieder blickte ich mich dabei um, und dann sah ich sie. Drei silbrig schimmernde Punkte, noch viele Kilometer entfernt, doch sie kamen rasch näher. Nicht nur fremdartige Pflanzen gab es hier also, sondern auch unbekannte Tiere. Und die schienen ziemlich gefährlich zu sein.

Ich begann zu rennen, mich immer wieder umsehend, aber ich würde es nicht schaffen.

Diese Ungeheuer waren etwa drei Meter große, silberne Klumpen mit vier sehr dünnen, langen Beinen, die in gefährlich aussehenden Sicheln endeten, und sie kamen mit beängstigender Geschwindigkeit näher. Vorne hatten sie ein großes Maul mit einer Reihe langer, dolchartiger Zähne. Grüner Geifer lief ihnen über den Leib und tropfte zu Boden, während sie auf ihren langen Beinen rasch dahinstelzten.

Augen oder sonstige Sinnesorgane konnte ich keine entdecken, aber daß sie meine Witterung ausgemacht hatten, daran bestand kein Zweifel. Schon aus vielen Kilometern Entfernung mußten sie mich gespürt haben.

Ich rannte um mein Leben, wohl wissend, daß ich nicht den Hauch einer Chance hatte, die Stadt, die angeblich Sicherheit verhieß, rechtzeitig zu erreichen.

Schon hörte ich die raschelnden Schritte dieser Wesen hinter mir, schon sauste eins der Vorderbeine herab, um mich in Stücke zu schneiden. Ich rollte mich ab und versuchte mit meinem Schwert, das Biest abzuwehren. Da kam eine Baumgruppe in Sicht. Die drei Bestien standen sich gegenseitig im Weg, und so schaffte ich es irgendwie dorthin und auf einen Baum, aber das gab mir kaum mehr als eine Atempause, denn diese Dinger konnten leider auch klettern. Mühsam wehrte ich mich mit meinem Schwert, denn eins dieser Wesen kam von vorn, ein zweites versuchte von hinten, den Baum hochzuklettern. Zum Glück versuchte das auch das dritte, und so waren sie zumindest ab und zu mehr damit beschäftigt, sich zu streiten, als mich anzugreifen.

Trotzdem, außer ihren Klauen und Zähnen verfügten sie auch noch über lange Giftzungen. Wenn ich davon getroffen wurde, war es aus.

Wieder schlug ich mit dem Schwert nach einer der Klauen. Das Biest rutschte ab, schoß dafür aber seine Zunge nach mir. Diesmal hatte ich Glück und konnte mein Schwert so in Position bringen, daß die Zunge genau die Schneide traf. Anscheinend hatte ich damit eine verwundbare Stelle entdeckt, denn zu dem grünen Gift gesellte sich nun ein ordentlicher Schwall Blut. Rot war es, was mich überraschte. Bei diesen Bestien hätte ich eher mit grünem oder vielleicht durchsichtigem gerechnet.

Der Treffer hatte noch weit drastischere Auswirkungen, denn dieses Wesen war nun ziemlich schwer verletzt. Es gab heulende, seufzende Laute von sich und zappelte hilflos am Boden herum. Das ließen sich die beiden anderen nicht entgehen, stürzten sich sofort auf es und zerfleischten es in wenigen Sekunden. Es war ein schauerlicher Anblick, wie sie mit ihren beweglichen Reißzähnen voller sabbernder Gier ihren Artgenossen zerrissen. Aber es war auch meine Chance. In Todesverachtung stürzte ich mich, das Schwert voran, vom Baum, genau in den Rachen des zweiten Wesens, und brachte es tatsächlich auf diese Weise zur Strecke. Anscheinend war es durch das Fressen von mir abgelenkt gewesen, und fand nun sein Ende.

Das dritte kümmerte sich nicht weiter darum, sondern verputzte nun ganz allein die Reste des ersten. Dann klappte es die Beine zusammen und schlief, oder was auch immer, jedenfalls tat es nichts mehr.

Und ich nahm die Beine in die Hand und machte, daß ich so schnell wie möglich in die Stadt kam.


"Bravo!" Amiryun war wieder da und klatschte in die Hände. Es gab dabei ein Geräusch, was bewies, daß sie irgendwie anscheinend doch aus fester Materie bestand. "Das habe ich noch nie gesehen, daß einer gleich zwei Silberquappen tötet. Leider konnte ich dir nicht helfen, meine Kräfte sind erlahmt in all der Zeit. Geh nun dort entlang nach Jerinoor. Die Straße führt dich direkt in den Palast."

Ehrlich gesagt kam diese Amiryun, durch deren Körper man immer wieder schemenhaft hindurchsehen konnte, mir noch seltsamer und unheimlicher vor als die drei Monster. Dennoch folgte ich ihrer Anweisung. Deswegen war ich schließlich hier. Es gab ein Geheimnis, und ich würde es ergründen.

Jerinoor, die Hauptstadt dieses Landes, lag auf einem Hügel, auf den mindestens ein Dutzend Straßen und Wege hinaufführten, die meisten davon gepflastert und auch jetzt noch in einem recht guten Zustand. Hier war sehr solide gebaut worden.

Um Jerinoor herum zog sich eine Mauer, trotzdem machte die Stadt keinen abweisenden Eindruck. Sie war auf seltsame Weise genauso lieblich wie die Landschaft, über die sie sich erhob.

Ich trat durch das offene Tor ein.

Dafür, daß die Häuser seit Jahrzehnten unbewohnt waren, waren sie in erstaunlich gutem Zustand. Mir kamen langsam Zweifel, daß hier wirklich schon so lange keine Menschen mehr lebten. Andererseits - die Bausubstanz war sehr massiv. Bis die Natur das hier abgetragen hatte, würden Jahrtausende vergehen. Langsam schlenderte ich durch die spätnachmittäglichen Straßen. Alles war ruhig und friedlich, und das einzige Wesen, das mir begegnete, war eine getigerte Katze, und selbst sie sah ich nur von weiten. Keine Spur von Menschen, keine Spur der gefräßigen Silberquappen, keine Spur irgendeiner Gefahr. Oder?

Calracts Ring begann langsam zu leuchten. Verdammt, ich hatte es gewußt! Hier mußte einer der so lange gesuchten Splitter stecken! Mein Herz machte einen Schlag bis zum Hals, als ich - wieder einmal - daran dachte. Meine lange Reise würde bald zu Ende sein.

Meine Wanderung durch Jerinoor zum Palast endete vor einem riesigen Portal aus Bronze, das mit zahlreichen Reliefs verziert war. Die dargestellten Szenen zeigten ein buntes Treiben, teilweise auch kriegerische Auseinandersetzungen, jedenfalls überall viele Menschen. Und jetzt ...

Ich mußte mit aller Kraft daran ziehen, um den massiven Torflügel wenigstens ein paar Zentimeter aufziehen zu können, bis ich schließlich hineinschlüpfen konnte.

Diesen Anblick hatte ich nicht erwartet. Ich stand am Anfang einer mindestens 40 Meter langen und gut 10 Meter breiten Halle. Der Boden war vollständig mit weichen, bunten Teppichen ausgelegt, die jedes Schrittgeräusch verschluckten. Anders als in anderen Hallen, wo jedes Geräusch sich hundertfach brach, war es hier unnatürlich still.

An den Wänden erhoben sich links und rechts hohe Säulen, hinter denen es noch einen erhöht verlaufenden, schmalen Gang gab. Vor den Säulen standen zahllose Eichenstühle. In vielen davon saßen Skelette, weitere Skelette oder Teile davon lagen überall auf dem Boden verstreut.

Die Wände waren, wie ich schon von außen bemerkt hatte, mit riesigen bunten Mosaikglasfenstern durchbrochen. Es waren die größten und kostbarsten, die ich je gesehen hatte. Ich mußte an Amiryun denken, als ich die Sonne durch dieses bunte Glas scheinen sah.

Am Ende dieser Halle stand eine Art Altar oder Bett oder so was Ähnliches. Und darauf lag eine Frau. Die tiefstehende Sonne schien durch die Fenster und tauchte diese Schlafende in ein faszinierendes, buntes Licht. Sie sah aus wie eine Göttin. Diese Frau war mein Ziel. Es gab keinen Zweifel. Dieses Arrangement war so auffällig, nicht zuletzt war sie der einzige Mensch ... naja, wahrscheinlich war sie eine Hexe und jetzige Besitzerin des Kristalls. Also aufgepaßt. Freilich, bevor ich Calract rufen konnte, mußte ich ganz sicher sein.

Ich trat näher heran. Amiryun war auf einmal wieder neben mir. Keine Ahnung, wo sie die letzten Stunden gesteckt hatte. Jetzt schwebte sie ein Stück über dem Boden auf die schlafende Gestalt zu und verschmolz dann mit ihr. Ich zuckte zusammen. Was sollte das bedeuten? Die Schlafende wälzte sich träge herum. Ganz langsam schien sie aufzuwachen. War Amiryun ihre Seele, die sie hier herumwandern ließ? Ich trat näher an den Altar heran und sah mir diese Gestalt genau an.

Die Frau schien recht jung. Sie trug ein einteiliges blau-violettes Kleid, das den größten Teil ihres Rückens freiließ und unten etwa bis zur halben Oberschenkelhöhe reichte. Es war rechts und links geschlitzt. Wozu, das sollte ich gleich erfahren. Die Frau gab nämlich ein leises Seufzerlein von sich, drehte sich dann auf den Bauch und begann nun, sich langsam zu strecken. Vor allem die Beine traten dabei in Aktion, eins streckte sie nach hinten, das andere nach vorne, so daß der Fuß weit über ihren Kopf hinausreichte. Sie wechselte dann die Seite und streckte nun das andere Bein nach vorne. Ich war über diese Gelenkigkeit erstaunt. Und überhaupt war diese Frau erstaunlich schön. Sie hatte volles, langes Haar, ebenfalls blau-violett und nur eine Nuance heller als ihr Kleid.

Langsam und in aller Ruhe setzte sie sich dann auf und jetzt erst öffnete sie ihre großen Augen. Sie waren von einem faszinierenden Dunkelrot und fixierten mich aufmerksam.

"Hallo, Mittagessen." Sie drehte den Kopf ein wenig, sah die bereits tiefstehende Sonne und korrigierte sich: "Oder nein, ich werde dich Abendessen nennen, Kleiner." Noch einmal streckte sie sich, dann angelte sie nach ihren Schuhen, die vor ihr standen, zog sie an und sprang schließlich von ihrem mit weichen Kissen belegten Hochbett herab und landete dicht vor mir.

Sie musterte mich von oben bis unten und wieder zurück mit einem haifischartigen Blick, und mir wurde ziemlich unbehaglich. "Du bist ja süß. Und bestimmt sehr lecker. Ich heiße übrigens Becky. Komm'! Bevor du stirbst, sollst du noch etwas Schönes sehen."

Sie drehte sich um und lief leichtfüßig davon. Unbehaglich folgte ich ihr, wobei ich nervös mit dem Ring spielte. Sollte ich Calract rufen? Nein, erst, wenn ich den Splitter, den ich hier vermutete, mit meinen eigenen Augen gesehen hatte. Hoffentlich wurde die Zeit dann nicht zu knapp. Denn diese schöne Frau, die sicher eine Hexe war, hatte wohl vor, mich zum Abendessen zu verspeisen und dann mit meinen Knochen ihre Sammlung an Skeletten zu vergrößern.

Am Ende der Halle gingen einige Türen ab, außerdem gab es eine Treppe, die nach unten führte. Wir mußten nicht weit hinuntergehen, bis wir eine weitere Halle erreichten. Mein Herz pochte heftig, als ich IHN dort sah, einen Splitter des Mondkristalles, dessen Leuchten den großen Raum in geheimnisvolles Licht tauchte. Rebekka hatte nicht übertrieben. Das hier war wirklich überirdisch schön. Und es war für mich das Zeichen, daß ich am Ziel war.

Ich drückte den Ring. Ein leichter Stromstoß ging durch meinen Körper. Der Ring wurde warm, dann heiß, und als ich ihn abziehen wollte, war er verschwunden. Ich hoffte, mein Herr und Meister hatte das Signal empfangen.

"Nanu, was war denn das? Ist unser Abendessen vielleicht ein Spion? Oder ein Verräter? Ha ha ha!" Becky schien sich an dieser Erkenntnis nicht weiter zu stören. Langsam, fast ehrfürchtig ging sie auf den in der Mitte der Halle schwebenden Kristall zu und umfaßte ihn dann mit ihren Händen, so daß nur noch wenig Licht nach außen drang. Sie hauchte einen Kuß darauf, dann ließ sie wieder los und drehte sich zu mir um.

"Tja, Abendessen, jetzt hast du ihn gesehen, meinen Schatz. Dann wollen wir mal. Und geheime Signale kannst du so viele senden, wie du willst. Hier hört dich keiner, ha ha ha."

"Was hast du mit mir vor, Rebekka?"

Die Angesprochene lachte erneut glockenhell auf. "Na was wohl? Was meinst du, wie lange ich da geschlafen und gewartet habe, daß mal wieder jemand zum Essen vorbeikommt. Aber kaum jemand hat sich in den letzten Jahrzehnten noch hierher verirrt. Und dabei habe ich so einen Hunger. Ich könnte einen ganzen Bären fressen." Anscheinend fand sie das urkomisch, denn wieder brach sie in schallendes Gelächter aus. Nur klang es irgendwie nicht sehr lustig. Tränen liefen der schönen Hexe über das Gesicht.

Mir war auch nicht besonders zum Lachen zumute Das ganze kam mir irgendwie irreal vor. Ich probierte mal folgendes: "Wie kann ein so zartes und schönes Mädchen wie du eine grausame Menschenfresserin sein?"

Die Wirkung dieser Worte war recht verblüffend. Anscheinend hatte ich eine empfindliche Stelle dieser Hexe getroffen. Sie sah mich mit großen, erstaunten Augen an, schluckte und sagte dann: "Ganz einfach. Weil ich Hunger habe."

"Aber zu essen gibt es hier doch genug?"

Sie lächelte verloren. "Komm'."

Sie ging wieder nach oben und setzte sich auf das Bett. Ich setzte mich dazu. Ihr Magen knurrte vernehmlich. Ich zuckte leicht zusammen. Viel Zeit blieb mir wohl nicht mehr. Doch anscheinend wollte Rebekka erst noch eine Geschichte loswerden.

"Vor ... ich weiß nicht mehr, 50 oder 100 Jahre ist das vielleicht her, da lebte hier ein sehr mächtiger König und seine wunderschöne, weise, äh, gütige und intelligente Frau, die Königin. Das war ich." Schwungvoll tippte sie mit dem Finger auf ihre Brust. "Ich erinnere mich nicht mehr genau an die Einzelheiten, jedenfalls war der König seinen Nachbarn aus dem Gaanu-Reich ein bißchen zu mächtig und zu kriegerisch, und so sandten sie ihm einen Zauberer, der ihn verfluchte. Der blöde Zauberer hat aber nicht ihn direkt verflucht, sondern mich, die Frau, die er über alles liebte. Es stimmt, ich war schon vorher eine Hexe und habe meine Kräfte benutzt, um Königin zu werden, das Herz des Königs zu erobern, ihn mir hörig zu machen und die Schätze dieses Reiches an mich zu bringen und das Volk zu versklaven, aber ist das vielleicht ein Grund? Jedenfalls wurde ich dazu verdammt, mich von diesem Tag an nur noch von Menschenfleisch ernähren zu können. Tja, wir beide haben das lange Zeit gut hinbekommen. Es gab immer wieder zum Tode Verurteilte und so, aber eines Tages kam es raus. Und außerdem war mein Gemahl nicht unsterblich wie ich. Erst als er tot war, wurde mir klar, wie sehr ich von ihm abhängig gewesen war. Das Reich zerfiel, die Untertanen flohen, und ich blieb allein zurück. Seitdem schlafe ich, damit mein ewiger Hunger mich nicht so quält. Und jetzt, mein liebes Abendessen, wollen wir mal zu Tisch gehen."

Rebekkas Augen glühten rot auf, und ich konnte mich plötzlich nicht mehr bewegen. Die Hexe ließ mich emporschweben und durch die halbe Halle fliegen, ohne daß ich das geringste dagegen hätte tun können. Oh, oh, jetzt ist Dreck Trumpf, fuhr es mir durch den Sinn.

Ich flog auf einen freien Sessel zu und sah mich schon in der Gesellschaft der überall herumliegenden Skelette, als plötzlich etwas Seltsames geschah. Die Hexe gab einen stöhnenden, gequälten Laut von sich, dann ließ sie mich los, drehte sich um und stürzte voller Panik nach hinten. Ich landete ziemlich unsanft auf meinem Hintern, aber wenigstens konnte ich mich wieder normal bewegen.

"Aaaaaa!" Rasch sprang ich wieder auf die Beine. Hinten gab es einen gellenden Schrei, und ich sah, wie Rebekka die Treppe, die sie eben hinuntergestürmt war, wieder heraufgeschleudert wurde. Mit voller Wucht knallte sie gegen die seitliche Wand, doch da blieb sie nicht lang liegen, sondern stürmte sofort wieder los, nur um erneut von einer unsichtbaren Faust weggestoßen zu werden.

Und dann kam ER die Treppe herauf: Calract, der Schwarze König, mein Herr und Gebieter. Das dritte Auge auf seiner Stirn war weit geöffnet und glühte unheilverkündend. Er wirkte wie ein Rache-Dämon aus den Abgründen der Hölle. Rebekka hatte keine Chance, vor allem jetzt nicht, wo er sich dieses weitere Stück des Mondkristalles einverleibt hatte und vor Energie geradezu vibrierte.

Die Hexe dachte jedoch nicht daran aufzugeben. Im Gegenteil, sie kämpfte wie eine Besessene. Die halbe Halle wurde auf geisterhafte Weise lebendig und stürzte sich auf Calract, die Säulen wurden zu riesigen Armen und Händen, die nach ihm griffen. Es war ein dämonisches Duell, wie Sterbliche wie ich es nur selten zu sehen bekamen. Calract allerdings zeigte sich von all dem ziemlich unbeeindruckt. Er wehrte souverän alle Angriffe ab, auch die direkt geführten Blitz- und Energiestrahlen. Schließlich löste Rebekka den Boden unter dem Schwarzen König auf, um ihn in die Tiefe stürzen zu lassen, aber auch damit hatte sie keinen Erfolg. Stattdessen trieb Calract sie mehr und mehr in die Enge.

Schließlich schrie sie voller Verzweiflung: "Eher werde ich sterben, als dir den Schatz zu überlassen, du Teufel. Wenn ich schon nicht erlöst werden kann, dann sollst du mich in die Hölle begleiten!"

Mir wurde schlagartig klar, was sie damit gemeint hatte. Ich stürmte vor und brüllte: "König Calract. Sie ist verflucht. Wenn Ihr den Fluch löst, dann könnt Ihr sie vielleicht für Euch gewinnen."

Schlagartig erlosch das Zauberduell, und beide sahen mich an. Volltreffer. König Calract war der mächtigste aller Zauberer, aber seine größte Stärke lag nicht in seiner Magie, sondern in seiner Fähigkeit, seine Feinde zu Verbündeten zu machen. Jetzt sah er mich an. Auf seinen Lippen lag dieses wölfische Lächeln.

"Mag Traunsteiner, wenn ich mich recht erinnere."

"Ganz Recht, Majestät." Ich verbeugte mich tief. Es bereitet mir unglaubliche Freude, meinen König nach so langer Zeit wiederzusehen.

"Ich gratuliere. Du bist bisher der einzige meiner Agenten, der Erfolg gehabt hat."

"Agent?", brüllte Rebekka dazwischen. "Dada ... da ... dann war das alles ein abgekartetes Spiel? Ich bin aufs Kreuz gelegt worden!"

Ich erläuterte: "Sie wurde vor langer Zeit von einem Zauberer verflucht und kann seitdem nur noch Menschenfleisch fressen. Sie ist zwar eine Hexe, aber anscheinend reichen ihre eigenen Kräfte nicht, sich davon zu befreien. Offenbar wollte sie den Splitter des Mondkristalles dazu benutzen, aber anscheinend hat das auch nicht richtig ..." Ich beendete den Satz nicht. Calract verstand aber und nickte.

"Verflucht, so so."

Rebekka starrte Calract angsterfüllt an.

"Nun, ich denke, ich kann mal versuchen, diesen Fluch zu lösen. Weiß du, wie der Zauberer geheißen hat, der dich verflucht hat?"

Rebekka drückte sich ängstlich in eine Ecke und starrte Calract mit großen Augen an.

"Komm' mal her."

"Nein, geh weg!"

"Aber du willst doch erlöst sein, oder?"

Rebekka nickte schüchtern.

"Na, dann komm' mal herüber."

Calract ging auf dieses seltsame Hochbett zu und setzte sich auf den Rand. Rebekka überwand sich und setzte sich zu ihm, allerdings so weit weg, wie es ging.

"Entspann' dich."

Ein helles Leuchten ging von Calract aus und begann, Rebekka einzuhüllen. Wenig später erlosch es wieder. "Wenn du dich wehrst, dann kann ich nichts machen."

"Aber ... aber ... aber ...", wimmerte sie.

Calract nickte: "Ja, du mußt dich mir ausliefern. Sonst geht es nicht. Also entscheide dich."

Rebekkas Widerstand brach. Ich fragte mich, wie es hier wohl damals zugegangen sein mußte, wenn so eine Hexe sich einen König und dessen ganzes Reich unterworfen hatte. Wahrscheinlich war der König ihr hörig gewesen.

Erneut leuchtete Calract auf. Einige Zeit passierte nichts, dann erlosch es schlagartig. "Sieh mal einer an, unsere schlaue, kleine Becky. Den Kristall stehlen wolltest du mir, wenn ich gerade damit beschäftigt bin, den Bann zu brechen."

Das war der Augenblick, in dem Rebekka endgültig kapitulierte. Langsam sank sie auf die Kissen nieder. Und ich konnte nicht anders, als ihre perfekte Figur zu bewundern. Hatte sie auch einen schrulligen Charakter, so war ihr Körper doch so vollendet schön und begehrenswert, daß ich langsam einsah, wie sie hier ihre Herrschaft über den König errungen hatte. Für so eine Frau waren viele Männer bereit, über Leichen zu gehen, wie ich nur zu gut wußte.

Ein drittes Mal wurde Rebekka in helles Licht gehüllt. Es war von außen nicht zu sehen, was geschah, oder ob überhaupt etwas geschah. Nur, daß es diesmal länger dauerte. Ein greller Blitz verließ plötzlich Rebekkas Körper, durchzuckte die riesige Halle und tauchte sie für einen kurzen Sekundenbruchteil in unglaublich grelles Licht. Dann war er weg, und auch Calracts Leuchten erlosch langsam wieder. Nur noch die letzten Strahlen der untergehenden Sonne tauchten das Altarbett in blutiges, tiefrotes Licht.

Calract zeigte auf mich, dann auf meinen Rucksack. Ich reichte ihn meinem König. Der zog daraus ein Stück trockenes Brot hervor und gab es der Hexe. Diesen alten, steinharten Knorzen hatte nicht mal ich mehr essen wollen. Mal sehen, was Rebekka nun tat.

Die hatte sich mit langsamen, fast zittrigen Bewegungen inzwischen wieder hingesetzt. Sie starrte das Brot an wie einen Geist, streckte dann bebend beide Hände danach aus, nahm es vorsichtig, wie ein Heiligtum, aus Calracts Hand entgegen und führte es an ihre Lippen. Doch bevor sie zubeißen konnte, brach sie hemmungslos in Tränen aus.

Sie heulte wie ein Schloßhund, und wenn ich sie so sah, dann mußte selbst ich die Tränen zurückhalten, so herzergreifend war das. Nur König Calract blieb die Ruhe selbst.

Nach einiger Zeit hatte die Hexe sich wieder etwas beruhig, und dann aß sie zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten etwas Anderes als Menschenfleisch.

Es war wirklich ergreifend. Rebekka heulte Rotz und Wasser vor Glück. Ich blickte hinüber zu meinem König und zuckte leicht zusammen, als ich dicht neben ihm ein äußerst seltsames Ding stehen sah. Mein erster Gedanke war, es sei eine bizarre Staute mit Augen, die in einem fast unnatürlich tiefen Blau glühten, was aber nicht sein konnte, denn eben war sie noch nicht dagewesen. Eher sah sie aus wie etwas, was von dem Zauberduell eben übriggeblieben war, als das Inventar lebendig geworden war.

Calract winkte mich heran. "Mein lieber Traunsteiner, du hast lobenswerte Arbeit geleistet, für die ich dich reich belohnen werden." Er sah meinen Blick und sagte: "Ach ja, das ist Lalalu."

Lalalu. Jetzt fiel es mir wieder ein. Gesehen hatte ich von den Orna-Dämoninnen noch nie eine, aber gehört hatte ich schon viel von ihnen. Sie sah sehr hübsch aus, richtig niedlich. "Ist das Eure Frau, Majestät?"

Calract schüttelte den Kopf: "Meine Frau Batchiribanban weilt zur Zeit mehr oder weniger nicht unter den Lebenden. Lalalu ist eine ihrer Schwestern und arbeitet für mich. Sie leistet mir wertvolle Dienste und ist mir eine sehr geschätzte Freundin."

"Hallo", schnurrte Lalalu mir freundlich zu und wedelte mit ihren langen, spitzen Ohren. Sie war wirklich nett und gefiel mit auf Anhieb.

"Du hast einen Wunsch frei, Traunsteiner", riß Calract mich aus meinen Gedanken. "Ich kann zwar nicht alle Wünsche erfüllen, aber doch ziemlich viele. Überlege dir etwas Passendes und sage es mir dann."

"Vielen Dank, Majestät." Tja, das war nicht so einfach. Aber anscheinend hatte ich soviel Bedenkzeit, wie ich wollte. Und es zeichnete sich bereits eine vage Idee ab.

Doch zuerst mal kam Rebekka mir dazwischen. Sie hatte sich wieder einigermaßen beruhig und auch das Brot inzwischen aufgegessen. Jetzt setzte sie sich wieder aufrecht hin. Dann sah sie Calract keck an und sagte: "Also ... dada ... da ... danke. Sag mal, wer bist du eigentlich? Mein Frühstück vielleicht?"

Ich konnte nicht anders, ich platzte heraus vor Lachen.

Calract und Lalalu verstanden die Pointe wohl nicht so ganz, warteten aber, bis ich mich wieder beruhigt hatte.

"Calract ist mein Name, und ich bin, zumindest soweit ich weiß, der mächtigste lebende Zauberer."

Rebekka nickte: "Ja, das ... könnte stimmen. Naja, dann spare ich mir wenigstens die Belohnung dafür, daß du mich erlöst hast. Wenn du sowieso schon alles hast ..."

Calract setzte sein wölfisches Lächeln auf, und Rebekka wurde etwas blaß. Mein König erklärte dann: "Ich überlege mir mal was. Aber jetzt nicht. Ich ... wir stehen mitten in einem Krieg. Ich muß wieder zurück."

Ich war betroffen. Rebekka sah das aber anscheinend anders.

"Krieg. Klingt interessant. Da will ich hin. Habe schon so lange kein Blut mehr gesehen! Ich mache alle eure Feinde fertig!"

Diese Worte brachten mich zu der Überzeugung, daß Rebekka nicht ganz richtig im Kopf war. Ich sagte aber nichts, sondern überließ das meinem König.

Statt Calract antwortete dann aber Lalalu: "Du kannst uns nicht helfen. Es sei denn, du weißt, wo die Elfen Alessandra versteckt haben."

"Ha! Klar weiß ich das."


Es war unheimlich. Calract wirkte wie unter Starkstrom stehend. Lalalus Augen leuchteten wie blaue Scheinwerfer. Und Rebekka sah ganz unschuldig von einem zu anderen und sagte kleinlaut: "Also, nicht so direkt. Aber auf der Dana'an-Insel, da gehen sehr mysteriöse Dinge vor sich. Und eine Elfe ist auch dabei. Njala."

"Njala!!!", brüllten Calract und Lalalu wie aus einem Mund. Die beiden waren, wie mein König mir versichert hatte, nicht verheiratet, aber daß sie sich sehr nahestanden, war nicht zu übersehen.

Die Orna-Dämonin und der Zauberer blickten sich an und unterhielten sich schweigend. Ich bekam nichts davon mit, nur das Ergebnis. Die beiden nickten synchron, und ebenso synchron standen sie auf.

"Bring' uns da hin!"

"Klar, kein Problem. Nur keine Hektik. Hast du eine Ahnung, wie alt ich schon bin. In meinem Alter ..."

"Halt' die Klappe und mach' hin", knurrte Lalalu und schwenkte ungeduldig ihre langen Ohren. Offensichtlich hatte sie damit den richtigen Ton getroffen, denn ohne ein weiteres Wort zu sagen marschierte Rebekka zielstrebig hinaus. Wir folgten ihr.

Wie von Geisterhand bewegt schwang das tonnenschwere Bronzeportal vor Rebekka auf und ließ uns durch. Draußen verwandelte Calract sich in einen Drachen und ließ mich aufsteigen. Seltsam, ich war unter den Anwesenden der einzige, der nicht fliegen konnte. Rebekka verwandelte sich nämlich ebenfalls, und zwar - ich traute meinen Augen kaum - in einen Spatz! "Kommt, immer mir nach", zwitscherte sie, dann flatterte sie davon, nach Norden, dem Octavius-Meer zu, wo gut hundert Kilometer weiter nördlich die Dana'an-Insel lag.

Unter uns zog die liebliche Landschaft dahin, die ich in den letzten Tagen durchwandert hatte. Die Aussicht von hier oben war ... atemberaubend. Obwohl die Sonne schon untergegangen war, konnte man in der Dämmerung noch alles erkennen. Weit in der Ferne, aber stetig näherrückend, lag das tiefblaue, fast schwarze Band des Meeres, über und um uns schwebten kleine Wölkchen, die noch die letzten Sonnenstrahlen reflektierten. Neben Calract flog mit kräftigen, gleichmäßigen Schlägen ihrer dunkelgrauen, ledernen Schwingen Lalalu. Und voraus flatterte Rebekka - Becky. Zumindest in dieser Situation paßte dieser Spitzname perfekt zu ihr.

Es war schon Nacht, als wir die Küste erreichten. Rebekka landete, verwandelte sich zurück und fragte: "Sollen wir gleich weiterfliegen oder hier übernachten?"

"Wir fliegen weiter", bestimmte Calract entschieden. So verwandelte die schöne Hexe sich also wieder, und wir setzten den Flug fort. Knapp zwei Stunden später sahen wir unter uns die geheimnisvolle Insel Dana'an, die sich als schwarze Fläche in dem hellblau leuchtenden Wasser deutlich abhob. Erst von hier oben wurde mir die ganze Dimension dieses unheimlichen Vorganges klar. Dana'an war weit über 100 Kilometer lang, die zahlreichen kleinen, vorgelagerten Inseln gar nicht mitgerechnet. Und das ganze Wasser um die komplette Insel herum glühte schwach bläulich. Hier waren unheimliche Kräfte am Werk.

Wir landeten direkt auf dem Sandstrand, und Calract verwandelte sich wieder zurück. Ich fand es sehr bedauerlich, daß ich davon wegen der nächtlichen Finsternis nicht viel zu sehen bekam, denn diese Verwandlungen waren einfach faszinierend. Erst, als ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, wurde mir so richtig bewußt, daß wir diese Insel - nun ja - daß wir eben jetzt hier waren. Auf dem Wasser war jede Verbindung abgeschnitten, aber offenbar war der Luftweg frei ... für die, die ihn nutzen konnten.

"Tretet mal ein bißchen zurück", rief mein König. "Ich werde versuchen, diese angebliche Elfe Njala zu angeln."

Das erwies sich allerdings als leichter gesagt denn getan. Da ich über keine magischen Kräfte verfügte, bekam ich von dem, was mein König tat, nicht viel mit, nur, daß er stundenlang beschäftigt war. Naja, angesichts der schieren Größe des Gebietes, über das Njala sich ausgebreitet hatte, war das auch kein Wunder.

Rebekka hatte sich seltsamerweise immer noch nicht zurückverwandelt und hüpfte vergnügt am Strand auf und ab. Vielleicht fand sie hier etwas zu essen, was ihr als Vogel besonders schmeckte.

Wenn sie sich vorher in einen Vogel verwandelt hat, hat sie dann auch Menschfleisch essen müssen oder Körner? Und dann war da noch ... als Becky mir zu nahe kam, fing ich sie mit einer schnellen Bewegung ein und hielt sie zwischen meinen Händen gefangen. "Sag mal, Rebekka, wer oder was ist eigentlich Amiryun?"

"Amiryun, tjaaa ..." Sie bekam große Augen, doch das war leider schon alles, was ich aus ihr herausbekam. So ließ ich sie denn wieder fliegen.

Es geschah im Moment nichts weiter Bemerkenswertes, außer daß vom Schwarzen König seltsame Energieströme ins Meer abflossen, die sogar ich vage spüren konnte. Ich sah mich ein bißchen um. Oben am Himmel stand eine dünne Mondsichel und spendete fahles Licht. Hinter uns war Urwald, aber trotz der Dunkelheit wirkte er verwüstet. Wie gigantische Skelette lagen die Stämme und Äste kreuz und quer herum. Naja. Wenn Calract in der Nähe war, konnte mir bestimmt nichts passieren. Ich legte mich hin und döste schließlich ein. Später wurde ich noch einmal wach, als Lalalu sich neben mich setzte. Sie sah mich an, dann zog sie ihre Beine und Ohren an den Körper, rollte sich irgendwie zusammen und schlief alsbald friedlich und selig ein.

Ein gewaltiges Donnern riß mich irgendwann sehr unsanft aus dem Schlaf. Ich war sofort hellwach. Das Meer vor uns glühte in grellem Hellblau. Eine riesige Welle hatte sich aufgetürmt und krachte pausenlos gegen ein unsichtbares Hindernis, das anscheinend Calract errichtet hatte. Das Licht war so hell, daß ich Lalalu neben mir klar und deutlich, wenn auch nun in blau, sehen konnte. Auf ihrem linken Ohr hockte Becky. Ich mußte unwillkürlich grinsen, obwohl die Situation an sich wenig Platz für Humor ließ.

Calract behielt in dem magischen Duell schließlich die Oberhand. Irgendwann zog sich das blaue Leuchten im Wasser zusammen, und schließlich schälten sich die Konturen eines menschlichen Körpers heraus. Die Welle verebbte, und der Körper - Njala - wurde mit der letzten Flut an Land gespült. Reglos lag das unheimliche Wesen nun dort zu Calracts Füßen. Der aber tat erst mal gar nichts. Er blieb einfach da stehen und blickte zu Njala herunter.


Es wurde Morgen. Und dann trat endlich das Ereignis ein, auf das mein König anscheinend die ganze Zeit gewartet hatte: Njala erwachte.

"Dachte ich's mir doch", murmelte Calract. Njala erhob sich. Sie sah nicht sehr vertrauenerweckend aus. Sie hatte grau-braune Haut, schwarze Augäpfel, eine blaßrosa Iris ohne sichtbaren Pupillen, dazu hellblaue Haare. Alles in allem ein ziemlich dämonisches Geschöpf. Jedenfalls hatte ich mir Dunkelelfen immer ganz anders vorgestellt. Flügel hatte sie zum Beispiel gar keine.

"Willkommen, meine Tochter!"

TOCHTER? Sollte das heißen, Njala war gar keine Elfe, sondern eine Lunaloc-Dämonin? Kaum zu glauben. Und doch ... wenn man einem so etwas zutrauen konnte, dann meinem König, dem mächtigsten Zauberer auf Erden.

Njala stand aufrecht vor Calract. Die beiden sahen sich lange schweigend an.

"Warum bist du weggelaufen, Tochter?"

Njala schüttelte den Kopf. Schließlich sagte sie leise: "Ich ... wollte nicht ... ich wollte frei sein. Und dann hatte ich Angst, du würdest mich bestrafen und auslöschen, wenn ..." Sie machte eine ausholende Geste. Vielleicht wollte sie damit andeuten, daß Calract es nicht akzeptiert haben würde, wenn eins seiner Geschöpfe eine so ungeheure Macht besaß.

"Aber Njala, alle meine Kinder sind frei. Nie habe ich eins von euch gezwungen, für mich zu kämpfen. Wenn eins seiner eigenen Wege gehen will, dann kann es das jederzeit tun. Nur wollen sie es nie. Sie sind glücklich, bei mir zu sein. Aber wenn du unglücklich bist, macht mich das traurig."

"Dann willst du mich also nicht bestrafen, Vater?"

"Nein, natürlich nicht. Nur einmal in meine Arme nehmen."

Njala war tief ergriffen. Mit so etwas hatte sie im Traum nicht gerechnet. Sie stürzte auf Calract zu und fiel ihm weinend in die Arme.

Bei dieser Szene mußte selbst ich mir fast eine Träne aus dem Augenwinkel wischen. Wieder einmal hatte Calract gezeigt, was in ihm steckte, und warum er von seinen Untertanen so glühend verehrt wurde. Und ich muß sagen, ich teilte diese Verehrung voll und ganz.

*

"Was machst du hier eigentlich? Zuletzt warst du doch oben am Siina, damals vor gut 20 Jahren."

Njala deutete auf den markanten, etwa 20 oder 30 Kilometer im Landesinneren liegenden Berg, der die ganze Dana'an-Insel überragte. "Deswegen bin ich hier."

Wir saßen auf ein paar Baumstämmen, die irgendeine Flut hier am Strand mal angeschwemmt haben mochte. Auch Rebekka hatte wieder ihre menschliche Gestalt angenommen und rechts neben Calract Platz genommen. Sie mampfte Datteln, die sie irgendwo gepflückt hatte. Ich saß noch ein Stück weiter rechts, und zu Calracts Linken hatte Njala Platz genommen.

Njala fuhr fort: "Ich weiß, daß man mich für eine Elfe gehalten hat, aber ich weiß auch, daß die Elfen selbst sehr wohl gewußt haben, daß ich eine Lunaloc-Dämonin bin. Eins der Wesen, denen sie den Tod geschworen haben. Vater, es wird dich interessieren, was ich hier gefunden habe, auch wenn ich selbst bisher nichts dagegen auszurichten vermochte." Sie stand auf und wandte sich an uns alle: "Kommt, folgt mir."

Unterwegs sprach ich die Lunaloc-Dämonin an: "Was ist eigentlich aus der Bevölkerung dieser Insel geworden, Njala?"

"Die habe ich hier vertrieben und die Insel isoliert, damit die Elfen keinen Nachschub schicken können. Die meisten der Eingeborenen sind wohl auf die vorgelagerten Inseln geflüchtet, glaube ich, nachdem ihre Städte und Dörfer zerstört waren."

Mit anderen Worten, es war ihr völlig egal.

Ob die Vertriebenen es auf diesen Inselchen wohl bequem hatten? Aber immer noch besser als hier, mitten auf einem Schlachtfeld. Und tausendmal besser als das, was bald folgen sollte ...


Man sah es Dana'an an, daß Njala hier einen Privatkrieg gegen was auch immer führte. Die Insel war verdammt noch mal verwüstet, so weit das Auge reichte. Njala hatte auf die menschliche Bevölkerung keinerlei Rücksicht genommen. Wer sich hatte retten können, hatte Glück gehabt, wer nicht, eben Pech. Erst später erfuhren wir, daß die meisten sich zwar in Sicherheit hatten bringen können, aber eine erbärmliche Existenz am Rande des Verhungerns führen mußten, weil Njala sie auf Inseln verbannt hatte, auf denen es keine Brunnen oder Bäche gab, sondern nur Regen. Von Essen ganz zu schweigen. Nicht mal Kontakt konnten sie untereinander halten - wegen Njala. Immerhin konnten sie sich mit Fisch und Algen irgendwie am Leben halten, die meisten jedenfalls.

Ich nahm an, daß die Sache hier bald zu Ende sein würde, so oder so, und dann konnten die Dana'aner wieder zurück in ihre Heimat. Der Gedanke beruhigte mich. Irgendwie war ich das Admiral Tuatha schuldig.

Der Marsch durch das, was von dem Wald oder Dschungel noch übrig war, zog sich hin, bis Calract schließlich ein Stück flog. Eine gute Stunde nach unserem Aufbruch standen wir schließlich vor dem Eingang einer Höhle. Hier stand nichts mehr. Von dem ehemals dichten Dschungel waren nur noch ein paar zerfetzte Baumstümpfe übrig. Alles andere war zu Kleinholz verarbeitet worden. Selbst die Felsen waren größtenteils zertrümmert und in der ganzen Gegend verstreut. Anscheinend war diese Höhle Njalas eigentliches Ziel.

Wir traten ein. Es ging ziemlich tief in den Berg hinein. Calract öffnete sein drittes Auge - es sah einfach grauenhaft aus - und leuchtete uns den Weg. Doch nach einiger Zeit konnte er es wieder schließen, denn vor uns mußte es etwas geben, was selbst leuchtete, und das nicht wenig.

Und dann standen wir davor. Es war eine große Höhle im Berg, deren hintere Hälfte durch eine schimmernde Energiewand abgetrennt war. Der ganze innere Bereich schien irgendwie von selbst zu leuchten, und mitten darin schwebte eine fast durchsichtig wirkende und ebenfalls leuchtende Frau: Alessandra, die Goldene Königin. Ich hielt den Atem an.

Lange standen wir schweigend vor dem Schutzschirm. Jeder hing seinen Gedanken nach.

Es war Njala, die als erste wieder das Wort ergriff: "Die Elfen haben mir den Tod geschworen. Deshalb habe ich sie hier angegriffen. Ich habe zufällig mitbekommen, wie sie diesen Stützpunkt aufgebaut haben. Nachdem er in Betrieb genommen wurde, haben sie ihn ohne jede Bewachung zurückgelassen. Allerdings war auch keine nötig. Bisher konnte selbst ich noch nicht so weit vordingen, aber in spätestens zwei oder drei Jahren hätte ich den Berg zerstört und diese Energiesphäre freigelegt gehabt. Dann hätte ich sie in die Tiefen der See gezogen und sie dort von dem ungeheuren Wasserdruck zerquetschen lassen."

Calract nickte. Dieser Plan hätte wahrscheinlich funktioniert, nur leider viel zu spät.

"Wer ist das eigentlich?", fragte Rebekka dazwischen.

Mein König und Lalalu erklärten ihr daraufhin in groben Zügen, um was es hier ging. Vieles davon war auch für mich neu, vor allem, daß Alessandra sich offenbar freiwillig den Elfen für ihren Krieg hergegeben hatte. Unglaublich. Doch hier schwebte der Beweis vor unseren Augen.

"Und", fragte Rebekka schließlich, "kannst du da durch?"

Statt Calract nickte Lalalu. Ihre Augen, die immer schon ein strahlendes, tiefes Blau trugen, glühten in diesem Moment geradezu. Mir lief ein Schauder über den Rücken. Diese Orna-Dämonin verfügte allem Anschein nach über bemerkenswerte Fähigkeiten. Doch dann sagte sie: "Aber das ist nicht mal das eigentliche Problem. Wenn Alessandra erlischt ..." Sie sah zu Calract hinüber, dessen Gemahlin im Unendlichen Land zu einer Goldstatue geworden war. Nur die Goldene Königen konnte sie wieder befreien.

Calract nickte. Sein Gesicht war hart und entschlossen. "... dann sehe ich meine Frau niemals lebend wieder. Ja, das stimmt, aber das wird mich nicht daran hindern, hier und jetzt gegen diese Elfenbrut den vielleicht kriegsentscheidenden Schlag zu führen. Die Elfen stehen kurz vor dem wichtigsten Sieg, nämlich der vollständigen Vertreibung meiner Siedler aus dem Westland. Zwanzig Jahre mühevoller Aufbauarbeit wären dann verloren, wahrscheinlich für immer. Nein, wir schlagen zu!"

Er drehte sich zu uns um: "Alle außer Lalalu raus!"

*

Wieder fühlte ich mich deplaziert, weil ich nichts von dem mitbekam, was an Interessantem geschah. Nun ja, es gab ein ziemlich starkes Erdbeben, und dann, es war schon Mittag, kamen Calract und die Dämonin erschöpft wieder aus der Höhle heraus. Allerdings sollte ich nun doch noch auf meine Kosten kommen.

"Wir können das nicht knacken, ohne daß wir selber dabei draufgehen. So schlau sind die Elfen also schon gewesen. Aber ..."

Er vollendete den Satz nicht. Stattdessen stieg über seiner Hand der Mondkristall auf. Er leuchtete in unglaublich hellem Licht, heller als ich es in Erinnerung hatte - natürlich, er war ja jetzt auch größer. Es dauerte ziemlich lange, bis das Leuchten wieder verblaßte, und als der Kristall erlosch, da schälte sich eine menschliche Gestalt aus der Helligkeit.

"Darf ich vorstellen: Chebesch. Sie ist eine Kohleprinzessin."

Gemessen an diesem Dämon waren Wesen wie Rebekka und Lalalu das normalste, was man sich vorstellen konnte. Nie in meinem Leben hatte ich etwas so Unheimliches gesehen wie dieses Geschöpf, das mein König uns als Kohleprinzessin vorgestellt hatte. Plötzlich verstand ich, wofür die Elfen so verbissen kämpften, und ein eisiger Schauer lief meinen Rücken herunter. Dieser eiserne Brustkorb mit der Dampfmaschine, die das Herz ersetzte. Dieser kalte Blick ihrer harten, ausdruckslosen Augen. Diese eckigen, herrischen, unnatürlichen Bewegungen. Dieser grausame Mund.

Und das war erst der Anfang.

Wir flogen zurück zum Strand, und dort lehrte mich diese Chebesch wahrhaftig das Grauen. Sie sah Calract nur kurz an, und das reichte, um den mächtigsten Zauberer der Welt im Laufschritt in Deckung stürmen zu lassen. Ohne viel zu überlegen folgten ich, Rebekka und Lalalu seinem Beispiel. Atemlos spähte ich hervor und sah zu, was weiter geschah.

Chebesch hatte sich dem Berg zugewandt. Dann vernahm ich ein durchdringendes Summen. Um die Kohleprinzessin schien die Luft zu flimmern. Zwei der Palmen, die in ihrer Nähe noch standen, wurden plötzlich wie von einer unsichtbaren Titanenfaust aus dem Boden gerissen und aller Blätter entledigt. Dann öffnete sich in dem eisernen Rücken dieses Wesens, das zweifellos direkt aus der Hölle über uns gekommen war, eine große Klappe. Eine der Palmen raste von hinten auf die Kohleprinzessin zu, und ich war sicher, sie würde davon durchbohrt und aufgespießt. Aber weit gefehlt, die Palme verschwand komplett in ihrem Brustkorb, der daraufhin in grellem Weiß aufglühte, heller als die Sonne. Ich war vor Staunen halb aus der Deckung aufgestanden. "Runter, du Idiot", brüllte mein König und warf sich über mich. Ich sah gerade noch, wie die Kohleprinzessin feuerte.

Aber selbst hinter der Deckung war das Licht so grell, daß ich glaubte, die Knochen in meinem Leib sehen zu können. Ein schrilles, scharfes Zischen schnitt sich in mein Gehör, dann wogte ein Schwall glühendheißer Luft über uns. Ich mußte krampfhaft husten und rang verzweifelt um Atem. Da erfolgte eine ferne Explosion. Aber was für eine. Während die Erde zu beben begann, wollte das tosende Donnern dieser Explosion gar nicht mehr aufhören. Inzwischen war das Erdbeben so heftig, daß wir wie Spielzeuge über den Strand geworfen wurden. Das Meerwasser schien geradezu zu kochen. Immer wieder fielen meine Blicke auch auf den Berg ... den Berg ... wo, zum Teufel, war der Berg geblieben?!

Nie in meinem Leben hatte ich so etwas erlebt. Diese Höllenkreatur hatte nur diesen einen einzigen Schuß gebraucht, um den ganzen Berg zu sprengen. Die Explosion war so heftig gewesen, daß die halbe Insel in die Luft geflogen war. Da, wo sich zuvor der Berg erhoben hatte, stieg jetzt eine gigantische, rotglühende, pilzförmige Wolke langsam in den Himmel.

Allerdings hatte ich nicht viel Zeit, mich dem Grauen hinzugeben, denn als nächstes kam das Wasser. Eine riesige Springflut ergoß sich über uns und spülte uns davon. Ohne Njala wäre ich nach ein paar Sekunden ertrunken beziehungsweise irgendwo zerschmettert worden. Sie fischte mich und auch die anderen heraus und setzte uns, nachdem sich wenigstens das Wasser wieder beruhigt hatte, am Ufer ab. Ich drehte mich um und sah wieder Richtung Inselzentrum.

Der Berg war immer noch verschwunden, und nachdem ich all das Wasser, daß ich geschluckt hatte, wieder ausgehustet hatte, wurde mir klar, daß die Kohleprinzessin den ganzen Berg vernichtet und in die Luft gejagt haben mußte, und wahrscheinlich die halbe Insel gleich mit. Nur diese gigantische, inzwischen schwarz gewordene Wolke, aus der es jetzt Trümmer, Staub und Asche zu regnen begann, war davon übriggeblieben. Wie eine riesige, die ganze Insel überspannende Todesfaust stieg sie höher und höher in den Himmel. Sie mußte über das halbe Octaviusmeer hinweg zu sehen sein.

"Auftrag erledigt", erklärte Chebesch mit teilnahmsloser Stimme.

"Mußtest du dafür gleich die halbe Insel in die Luft jagen?", zeterte Rebekka. "Wir wären beinahe alle ersoffen und erschlagen worden."

"Das war ich nicht", antwortete die Kohleprinzessin. "Da drin ist was explodiert."

Calract war weiß geworden.

Ich begann noch nachträglich zu zittern. Das hieß also, wenn mein König und die schwarze Dämonin versucht hätten, diesen Schirm zu knacken, dann wäre dieselbe Explosion erfolgt. Nur wären sie jetzt beide nicht mehr am Leben. Calract hielt zwar viel aus, aber das da ...

Das war schließlich kein Hügelchen gewesen. Der Gipfel hatte sich über einen Kilometer über das Meer erhoben. Und jetzt? Jetzt gab es nur noch einen riesigen, mit glühender Lava gefüllten Krater, dessen Hitze bis zu uns herüber strahlte. Selbst von hier aus konnte man noch das Kochen und Brodeln des geschmolzenen, immer noch gelb glühenden Gesteins sehen. Und wir waren bestimmt zehn Kilometer weg.

Die Kohleprinzessin, dieser wandelnde Alptraum, wandte sich an Calract. Mit ihrer eigenartig tonlosen, wie unbeteiligt wirkenden Stimme sagte sie: "Du glaubst, das war Alessandra, die da explodiert ist, was ich übrigens auch glaube. Und jetzt hast du Angst, daß du Schwester Batchiribanban nie mehr lebendig wiedersehen wirst, weil Alessandra nicht mehr da ist, um sie zurückzuverwandeln."

Calract war blaß geworden. Er antwortete nicht, aber ich glaubte ihn leicht zittern zu sehen.

Chebesch fuhr fort: "Aber das ist wahrscheinlich ein Irrtum. Die Goldene Königin kann nicht wirklich zerstört werden, da bin ich mir sicher. Sie wird irgendwo wieder auftauchen ..."

Ja, in hundert Jahren vielleicht in ihrem nächsten Leben, dachte Calract entmutigt. Daß jemand diese Explosion überlebt haben könnte, hielt er für schlicht unmöglich.


Tja, das war also der Elfenkrieg. Ich konnte es nicht fassen, daß jemand auf die Idee gekommen war, so einen Krieg anzufangen. Wenn der weiter eskalierte, würde von der Welt, wie wir sie kannten, nicht viel übrigbleiben. Irgendwie wollte ich nur noch weg.

Ich fühlte mich auf einmal klein und hilflos. Mein Entschluß stand fest, und ich ging zu Calract. "Majestät. Ich habe mich entschieden."

Calract blickte mich aufmerksam an. Seine Augen wirkten freundlich. Er schien zu wissen, was ich verlangen würde.

"Majestät. 20 Jahre lang habe ich nach diesem Kristall gesucht und dabei zahllose Abenteuer erlebt. Die Suche ist nun für mich zu Ende, aber in eine kleinbürgerliche Existenz kann ich nicht mehr zurückkehren. Gebt mir ein Schiff, ein kleines Boot, mit dem ich weiterziehen und neue Abenteuer erleben kann."

Calract dachte eine Zeitlang nach, dann antwortete er: "Gerne. Aber ich denke, zunächst nehme ich dich erst mal auf einen Urlaub mit ins Gartenland. Wenn wir Glück haben, ist der Krieg nun bald vorbei, und dann werde ich BQMZ bitten, dir ein Schiff deiner Wahl zu überlassen. Du kannst dann entweder für die Piraten fahren, oder für dich selbst, ganz, wie du es wünschst. Aber ich glaube, du wirst am Ende doch ganz froh sein, einen Heimathafen zu haben, in den zu ab und an zurückkehren kannst."

Ja, da hatte mein weiser König sicherlich recht. Und seine Worte beruhigten mich auch irgendwie, wenn er sagte, dieser Krieg würde bald zu Ende sein. So etwas wie das hier wollte ich nämlich nicht noch einmal erleben müssen.


Lange stand ich noch da, den Blick dem glühenden Krater zugewandt, der langsam abkühlte und am frühen Abend nur noch dunkelrot glomm. Allerdings, bis wieder ein Mensch diesen Ort betreten konnte, bis dort wieder Pflanzen wuchsen, würden Monate, wenn nicht Jahre vergehen.

In der Nacht wurde das tiefe Rot noch ein letztes Mal sichtbar. Am nächsten Morgen dann brachen wir auf.

Da Calract seine Fähigkeiten zur Teleportation nur in außerordentlichen Notfällen einsetzte, traten wir die Rückreise ins Gartenland fliegend an. Auch Rebekka hatte sich entschlossen, Calract zumindest für eine Zeitlang Gesellschaft zu leisten. Er interessierte sie nämlich brennend. Und Njala war sehr froh, zu ihrem Vater in die Gemeinschaft der Lunaloc-Dämonen zurückkehren zu können.

Allerdings gab es unterwegs einen kleinen, unerwarteten Zwischenstop, als wir nämlich über ein Schiff flogen. Sicher, das war im Octaviusmeer nichts ungewöhnliches, aber dieses Schiff ... ich erkannte die Tuatha de Dana'an sofort.

"Majestät", brüllte ich gegen den Flugwind, "da unten ist jemand, der Euch dringend zu sprechen wünscht!" Obwohl ... wenn man zynisch war, könnte man sagen, daß die Sache sich mittlerweile erledigt hatte ...

Das würde jedenfalls für meinen König kein angenehmes Gespräch werden. Die Dana'an-Insel war zwar wieder zugänglich, aber wir wußten nicht mal, ob es überhaupt Überlebende gab. Und das mußte er der zackigen Admiralin nun irgendwie beibringen.



Erstellt am 26.5.2003. Letzte Änderung auf dieser Seite: 16.10.2017