Das Unendliche Land - 16. Teil

Einige Monate zuvor - Ende November 1269.

Mehr tot als lebendig taumelten die beide Frauen über die schneebedeckte Geröllebene. Rió trug kaum noch einen Fetzen Kleidung am Leib, und der eisige Wind schnitt tief in ihren ausgemergelten Körper. Hunger und Kälte schüttelten sie, und es war ein Wunder, daß sie sich überhaupt noch auf ihren erfrorenen Füßen halten konnte. Neben ihr, eng an sie geklammert, schleppte sich eine andere Frau dahin, Sol, ebenfalls dem Tode näher als dem Leben. Unglaubliche Strapazen hatten die beiden durchmachen müssen, um hierher zu gelangen. Sie hatten das winterliche Weiße Reich durchquert, ständig auf der Flucht vor Soldaten und den immer zahlreicher werdenden Räubern. Mehr als einmal waren sie doch von welchen erwischt worden. Stehlen konnte sie ihnen nichts mehr, denn die beiden Frauen besaßen nur noch das nackte Leben und die Lumpen, die sie am Leib trugen. Aber als Frauen waren sie für die verrohten Männer dennoch eine sehr willkommene Beute, und die Vergewaltigungen hatten nur geendet, weil die Banditen gedacht hatten, sie seien schon tot.

Doch der Wille zu überleben war stärker gewesen. Zusammen hatten sie den eisigen Siina durchschwommen. Ein Fischer hatte sie herausgezogen und sie in seine Hütte mitgenommen, wo sie sich hatten aufwärmen können und sogar zu essen bekommen hatten. Sonst hätten sie es mit Sicherheit nicht überstanden. Und ein bißchen war der Glaube an das Gute in den Menschen wieder zurückgekehrt. Selbst in diesen brutalisierten Zeiten, wo stellenweise jedes Recht aufgehoben schien, gab es noch gute und anständige Menschen.

Dennoch: die Reise durch Arcadia war genauso schlimm gewesen. Der Weg war weit, und überall zogen Ritter und Abenteurer durch die Länder, oft geführt von Elfen, die hier weitere Soldaten einsammelten. Sie lockten sie mit Gold und Versprechungen. Arcadia hatte in den letzten 20 Jahren nie zum Weißen Reich aufholen können, im Gegenteil war es immer weiter zurückgefallen. Seltsamerweise waren die Menschen trotzdem viel zufriedener als beim nördlichen Nachbarn, aber diesen Krieg betrachtete man als die Chance, alte Rechnungen zu begleichen und sich ein Stück vom Kuchen zu sichern. Das Westland sollte nicht dem Weißen Reich allein gehören, dessen Soldaten und Siedler in endlosen Strömen von Osten her dort einfielen.

"Wir schaffen es!" Rió war nicht sicher, ob Sol sie gehört hatte, ja nicht einmal, ob die Wort überhaupt ihre Lippen verlassen hatten, denn sie hatte längst kein Gefühl mehr in ihnen. Ihr Körper war ein halberfrorener Eisklotz, und wie sie es fertigbrachte, überhaupt noch einen Fuß vor den anderen zu setzen, das wußte sie selbst nicht. Nur eins konnte sie noch spüren, und das war der kalte Körper des Mädchens neben ihr, Sol, deren tiefe Wunden auf ihrem Rücken nie richtig verheilt waren.

Wir schaffen es ... wir ... sie brach in die Knie. Rió war verzweifelt, denn sie wußte, wenn sie jetzt umfiel, würde sie nicht wieder aufstehen. Doch ihre Beine gehorchten ihr einfach nicht länger. Neben ihr klappte Sol zusammen. Bisher war es immer so gewesen, daß die eine die andere aufgefangen hatte, wenn sie zusammengebrochen war. Doch jetzt waren beide am Ende. Die Erschöpfung hatte ein Maß erreicht, das kein Weitermachen mehr zuließ.

In der Ferne glaubte Rió einen Engel herabschweben zu sehen, der sie wohl in eine bessere Welt bringen würde, dann verlor sie das Bewußtsein und landete neben ihrer Begleiterin im dünnen Schnee.

Sie bekam nicht mehr mit, wie neben ihr drei Pegasuspferde landeten und von einem von ihnen ein sehr seltsames Wesen abstieg, ein Lunaloc-Dämon mit vier Armen und einem gesichtslosen, brikettartigen Kopf auf zwei Hälsen: Piu-pilaaw, der bis vor kurzen Leiter der Drachenpoststation des ehemaligen Alptraumlandes gewesen war, bis die Elfen auch diese überfallen und zerstört hatten.

Mit seinen seilartigen Armen zerrte der Dämon die beiden halbtoten, bis auf die Knochen abgemagerten Frauen auf die Pferde, dann hoben sie ab und flogen in wenigen Minuten zurück ins Gartenland, dem Land des ewigen Frühlings.


*

Zuerst waren die Dämonen zurückgekommen, dann die Menschen. Im Spätsommer und Herbst 1269 bauten sie nun zum zweiten Mal das Gartenland wieder auf. Calract wollte seine prächtigen Paläste und seinen Tempel wiederhaben, doch bis alles, was der Riese vernichtet hatte, wiederhergestellt sein würden, hatte er provisorisch große Zelte herbeigezaubert, in denen seine Leute und die Flüchtlinge erst einmal wohnen konnten. Wie die Bauarbeiten fortschritten und die Menschen und teilweise auch die Dämonen ihre endgültigen Quartiere beziehen konnten, wollte er sie dann wieder wegzaubern. Jetzt aber standen sie noch, etwa 20 dieser riesigen Zelte, von denen sechzehn allein der Unterbringung von Flüchtlingen aus dem Westland dienten, die unter teilweise abenteuerlichen Umständen hierher hatten fliehen können. Gad'ta und Hotaru versuchten dort alles, die Vertriebenen zu retten und sie provisorisch in der Nähe von Alessandrina unterzubringen, doch je mehr Flüchtlinge dort eintrafen, um so erbitterter griffen die Elfen an. Das ferne Gartenland hingegen versprach Sicherheit. Nach zwei schweren Niederlagen besaßen die Elfen nicht mehr die Kapazitäten, hier ein drittes Mal zuzuschlagen. Nicht, solange das Westland standhielt.

Die Leitung all dieser Wiederaufbauarbeiten und die gesamte Detail-Organisation oblag zunächst Arashi, deren organisatorische Talente, aber auch ihre Herzlichkeit und mütterliche Wärme sie bei Calract und seinen Leuten sehr beliebt gemacht hatten. Sie war vom Schwarzen König, nachdem ihm Kokoma abhanden gekommen war, kurzerhand zu seiner neuen Majordomina ernannt worden und war damit die ranghöchste Zivilperson in diesem Teil seines Reiches und rein formal sogar der Schwarzen Großfürstin vorgesetzt, wobei stillschweigen klar war, daß Hotaru sich niemals etwas von irgend jemandem befehlen lassen würde, Calract - wenn er Glück hatte - ausgenommen.


Auch Lalalu nutzte die Gelegenheit, die die Stunde Null bot. Eines schönen Tages Anfang Januar 1270 war sie auf einmal mit einem der Pegasus-Pferde verschwunden, und als sie ein paar Tage später wieder da war, befand sie sich in Begleitung eines Wesens, das Calract eigentlich nicht so gerne im Gartenland sah.

"Darf ich vorstellen: Heismeroke. Heisi, das ist Calract!", strahlte sie.

Heismeroke war eine Kohleprinzessin, eins jener Wesen, die selbst dem Schwarzen König das Gruseln lehren konnten. Mißtrauisch musterte er die Frau mit dem eisernen Brustkorb und dem dampfbetriebenen Herzen. Vom Gesicht her wirkte Heismeroke ziemlich jung, und sie schien auch ein offeneres und zugänglicheres Wesen zu haben als ihre Schwester Chebesch. Mit leicht spöttisch geschürzten Lippen blickte sie Calract in die Augen. "Sehr erfreut", erklärte sie kokett. Dann sah sie sich um, während die Dampfmaschine in ihrer Brust leise vor sich hin ratterte.

Lalalu zeigte hinüber zum Kap: "Das da, die Insel des Riesen, das war der Riese, der hier alles plattgemacht hat."

Heismeroke zog ihre schön geschwungenen Augenbrauen hoch.

"Ich, äh, will ja nicht neugierig sein", unterbrach Calract, "aber wozu brauchst du hier eine Kohleprinzessin?"

"Alsoooo ..."

Lalalu hatte einen interessanten Plan. Einen Plan für ihre Akademie. Etwa 150 m vom Steilufer entfernt sollte das eigentliche Universitätsgebäude stehen, davor ein Park, und der sollte übergehen in eine weite, offene Treppe wie eine Promenade, die hinunter zum Meer führte, unterbrochen durch Terrassen, auf denen die Studenten in ihrer Freizeit sonnenbaden konnten, lernen, Essen grillen oder was auch immer ihnen beliebte.

"Interessante Idee. Doch, gefällt mir", meine Calract anerkennend.

"Gell. Das wird ganz toll!" Lalalu war sichtlich stolz auf ihre Idee. "Und deswegen brauche ich Heisi. Sie soll den Felsen, äm, sagen wir mal abtragen, damit wir eine Art Rampe bekommen, aus der wir dann die terrassierte Treppe herausformen können."

Heismeroke nickte. Ihre hellbraunen Augen funkelten unternehmungslustig. Anscheinend hatte sie sich von der Begeisterung Lalalus anstecken lassen.

Und so befahl Calract allen Arbeitern, die sich in der Nähe befanden, den Platz zu räumen. Auch unten, im Meer, wurden die Piraten gewarnt. Weit liefen die Sklaven, Flüchtlinge, Dämonen und Arbeiter aber nicht weg, denn sie wollten das erwartete Schauspiel nicht verpassen. Eine Kohleprinzessin in Aktion, das sah man nicht alle Tage. Heismeroke wartete, bis alles, was im Gartenland zwei Beine hatte, sich versammelt hatte. Dann legte sie los.

Sie lud sich mit mitgebrachter Kohle auf und schoß dann gefühlvoll Stück um Stück, etwa einen Schuß pro Minute, eine 100 Meter breite und ebenso lange Rampe aus dem Felsen, sodaß sich schließlich eine Schräge ergab, die sanft hinabführte in das strahlend blaue Octaviusmeer. Noch glühte sie vor Hitze, bald aber würde hier ein idyllischer Ort der Muße und Erholung entstehen.

"Die Stufen und Terrassen müßt ihr aber selbst machen. So genau kann ich nicht schießen", meinte sie abschließend.

"Kein Problem", antwortete Lalalu fröhlich. "Sag mal, Heisi, willst du nicht noch ein bißchen bleiben? Es gefällt dir doch hier bei Calract, oder?" Daß der bei diesen Worten leicht zusammenzuckte, entging der Dämonin, weil sie mit dem Rücken zu Calract stand. Sie plapperte weiter: "Ach ja, und bei den Unterkellerungsarbeiten für meine Akademie würdest du mir doch bestimmt auch noch ein bißchen helfen, nicht?"

"Klar. Aber dann gehe ich wieder zurück nach Riinar." Wieder blitzte dieses spöttische Lächeln auf. Ihr war Calracts leicht verkniffenes Gesicht nämlich nicht entgangen. Sie ließ sich Wasser nachfüllen, dann setzte sie sich mit den anderen zum Abendessen. Viel aß sie nicht, da sie ihre Kraft hauptsächlich aus Kohle oder Holz bezog. Es war mehr eine Geste der Geselligkeit. Sie blieb über Nacht und schoß am nächsten Tag noch ein paar Löcher an die Stelle, wo Lalalu ihr Akademiegebäude aufbauen wollte. Die Löcher, bessergesagt Krater, würden die Kellerräume werden und auch die Kanalisation aufnehmen, die Lalalu plante. Dann machte sie sich wieder auf den Heimweg.

Lalalu bestand darauf, sie nach Hause zu begleiten. Also ob eine Kohleprinzessin auf einem Pegasuspferd sich vor Räubern und Strauchdieben hätte fürchten müssen.

*

Den ganzen Herbst des Jahres 1296 hindurch wurde fleißig gearbeitet, doch der Strom der Flüchtlinge aus dem Westland und den niedergebrannten Verbindungsbüros riß nie ganz ab. Calract pendelte zwischen seinen Territorien hin und her und verbrachte auch viele Tage in Lunaloc, um die Verluste, die die Elfen seinen Drachenstaffeln permanent beifügten, zu ersetzen. Zum Glück waren diese nicht dramatisch, es herrschte fast so eine Art Patt zwischen den Parteien. Die vollen Auswirkungen des Krieges bekamen vielmehr die Westsiedler zu spüren. Sie zu vertreiben war anscheinend das derzeitige Kriegsziel der Elfen. Darüber wurde es schließlich Winter.

*

Als Piu-pilaaw die zwei dreivierteltoten Frauen in dem Zelt für die Schwerverwundeten ablieferte, kümmerte Arashi sich sofort um die beiden. Rió kannte sie dem Namen nach, denn die Leiterin des troker Verbindungsbüros war wegen ihrer Tüchtigkeit im Schwarzen Reich keine Unbekannte. Das andere Mädchen mit den vier schrecklichen Wunden am Rücken hingegen hatte noch nie irgend jemand zuvor gesehen.

Die Ärzte und vor allem Arashi selbst brachten die beiden Frauen wieder ins Leben zurück, und so erfuhren Calract und seine Majordomina von ihrem Schicksal und den seltsamen Umständen, unter denen Rió Sol gefunden hatte. Aber es kam noch seltsamer.

Arashi besaß, wie die meisten Orna-Dämoninnen, eine besondere Gabe. Bei ihr war es eine starke Heilkraft, mit der sie nach Alane schon vielen weiteren Verwundete dieses Krieges geholfen hatte. Bei Sol jedoch versagten ihre Fähigkeiten. Die kaum verheilten Wunden auf ihrem Rücken besserten sich durch ihre Behandlung kein bißchen.

Auch Calract konnte Menschen reparieren, wie er es zumeist ausdrückte. Also begab er sich zu der immer noch sehr schwachen jungen Frau und versuchte seine Macht an ihr. Daß es auch ihm nicht gelang, machte ihn sehr nachdenklich.

In der Nacht geschah dann ein folgenschwerer Zwischenfall.

Ein Teil seines Tempels stand inzwischen wieder, und Calract, der den ganzen Tag damit beschäftigen gewesen war, seine Bilder aus den Trümmern zu retten und mit etwas Zauberei wiederherzustellen, schlief nun zum ersten Mal wieder dort.

Auch Lalalu hatte, wie schon einige ihrer Schwester zuvor, Gefallen an dem Tempel gefunden und hängte sich über den Eingang, um dort wie eine Fledermaus kopfüber zu schlafen.

Das rettete Calract womöglich das Leben, denn mitten in der Nacht erwachte Lalalu durch ein Geräusch, das sie zunächst nicht einordnen konnte. Um sich nicht zu verraten, ließ sie ihre blau leuchtenden Augen geschlossen. Die Geräusche waren sehr leise. Aber den Geruch erkannte sie. Boris von Maarx hatte beim Design seiner Dämoninnen ihre Augen und Ohren stark verbessert, doch Lalalu hatte schon immer auch eine gute Nase gehabt. Sie war sich sicher, daß gerade Sol an ihr vorbeigeschlichen war. Und die gehörte ganz bestimmt nicht zu dieser Zeit hierher.

Lautlos sprang die Dämonin auf den Boden. Ihre feinen Ohren hörten das ganz leise tappende Geräusch, das die Filzpantoffeln machten, die Sol meist trug, wenn sie auf war. Denn wegen ihrer Schwäche mußte sie immer noch die meiste Zeit im Bett verbringen.

Lalalu huschte Sol hinterher. Draußen war es dunkel, und im Innern des Tempels war es absolut finster. Deswegen mußte Sol sich tastend orientieren und kam nur sehr langsam voran, während Lalalu mit ihren sensiblen Ohren die Szene deutlich orten konnte. Diese Ohren konnten nicht nur hören, sondern auch die leisesten Luftströmungen mit Hilfe feinster Härchen spüren, außerdem waren sie wärme-empfindlich, sodaß die Dämonin die geheimnisvolle Frau fast als hellen Fleck "sah".

Neugierig beobachtete Lalalu weiter. Doch dann erklang ein Geräusch, das die Orna-Dämonin auf das höchste alarmierte. Sol zog nämlich ein Schwert aus einer Scheide. Ein Schwert, das im Dunkeln schimmerte: ein Lichtschwert der Elfen.

Mit Menschenwaffen konnte Calract nicht getötet werden, mit so einem Schwert hingegen sehr wohl.

Es ist unmöglich, daß diese Frau hier unbemerkt ein Elfenschwert eingeschmuggelt hat. Als sie ankam, hatte sie außer ein paar zerrissenen Fetzen nichts am Leib. Und doch hat sie nun eins.

Lalalu war mit zwei ausgreifenden Schritten heran und trat Sol das Schwert aus der Hand. Es fiel klirrend zu Boden und hinterließ dort, wo die Klinge funkenschlagend den Marmor traf, eine tiefe Kerbe.

Lalalu schleuderte Sol wie eine Spielzeugpuppe in die Ecke. Dann weckte sie Calract.

Der brauchte eine Weile, bis er zu sich kam. Dann ließ er ein helles Licht aufleuchten.

"Die da wollte dich mit einem Schwert ermorden", erklärte Lalalu ihm mit ihrer ruhigen Stimme und zeigte dabei auf Sol, die sich langsam und unter großen Schmerzen wieder erhob. Blut rann über ihren Rücken.

"Halb so wild. Kein Schwert kann mir etwas anhaben", murmelte der Zauberer. So ganz wach war er offenbar noch nicht.

Lalalu hob mit dem Fuß das Lichtschwert auf und hielt es Calract hin: "So eins aber schon!"

Calract wurde etwas blaß. Unsicher sah er zu Sol hinüber. Dann sprang er auf, lief zu ihr hin, riß sie ziemlich unsanft hoch und rief: "Wo hast du das her?"

Es stellte sich heraus, daß Sol dieses Schwert tatsächlich nicht mitgebracht, sondern im Gartenland ausgegraben hatte. Aber woher sie gewußt hatte, daß die Elfen an einer ganz bestimmten Stelle so eine Waffe versteckt hatten, das konnte sie nicht sagen. Calract unterzog sie einem magischen Verhör, bei der er sich nicht zurückhielt, und das Sol, die immer noch schwer unter den Strapazen der Reise und ihren gräßlichen Wunden litt, fast das Leben kostete. Doch er bekam nichts aus ihr heraus.

"Diese vier Wunden", meinte er später zu Lalalu, Arashi und Rió. "Habt ihr euch die mal genau angesehen? Genauso würde es aussehen, wenn man einer Lichtelfe die Flügel herausreißt."

"Aber sie sieht gar nicht aus wie eine Lichtelfe", wandte Lalalu ein.

"Nein. Aber ich werde herausfinden, was sie ist, wenn ich sie nach Lunaloc bringe!"

Und das tat er dann auch. Er verlor keine Zeit, verwandelte sich in seine Drachengestalt, nahm die völlig apathische Frau, die keinerlei Widerstand leistete, in seinen Fang und flog mit ihr in einem Zug über die winterlichen Mittelländer und das bereits tiefverschneite Reich Karls nach Lunaloc.

Nachdem er dort gelandet war, nutzte er die Gelegenheit, sich nach dem Befinden Chebeschs und seiner Dämonen und Wachen zu erkundigen. Aber nach dem Angriff der Riesen, den die Kohleprinzessin damals abgewehrt hatte, war es hier ruhig geblieben. Calract lud sich die vom Flug durch die Kälte halberfrorene Frau auf die Schultern, lief mit ihr den verschneiten Krater-Innenrand hinunter, wobei er beim Anblick der Schwefelkristalle an Tschuri denken mußte. Sie war damals auch nicht gerade in guter Verfassung gewesen, dennoch hatte ihre Neugier ihre Angst und die Schmerzen besiegt und sie hatte diese schönen, großen, gelbe Kristalle bewundert, die an vielen Stellen um die kleinen Vulkanschlote herum wuchsen. Einige davon waren beachtlich groß und so klar, daß man ohne weiteres das Gestein, auf dem sie aufwuchsen, durch sie hindurchsehen konnte. Auf einer Messe würden sie eine nette Stange Geld bringen.

Sol freilich war nicht in einem Zustand, daß sie von schönen Kristallen oder den sonstigen Umständen ihres Transportes viel mitbekommen hätte.

Calract marschierte in das Innere des Engelsberges zum eigentlichen Kraftort Lunaloc.

Dort stand der Spiegel, der wie aus aufrechtstehendem Wasser wirkte.

Calract legte Sol auf den Altarstein ab, dann zog er ihr die Kleider aus. Die Frau kam langsam wieder zu sich, leistete aber keinen Widerstand. Sie verhielt sich völlig passiv.

"Komm' her!"

Gehorsam erhob Sol sich und schleppte sich mit schwankenden Schritten zu dem Zauberer hinüber. Der sah sie sich im Spiegel von vorne und hinten an. Bild und Spiegelbild waren, wie erwartet, identisch.

Der Spiegel vermochte jedoch noch mehr zu leisten. Er war in einem drehbaren Rahmen aufgehängt, und Calract wendete ihn nun um 180 Grad. Auf der Rückseite sah der Spiegel auf den ersten Blick genauso aus wie von der Vorderseite, wie aufrechtstehendes Wasser, das sich durch die leisesten Erschütterungen oder Luftströmungen immer ein ganz kleines bißchen kräuselte.

Von der Rückseite jedoch zeigte der Spiegel nicht das Abbild des Objektes, sondern sein wahres Wesen.

Calract zog scharf sie Luft ein, als er Sol auf diese Weise sah. Ihr Rücken war im magischen Spiegelbild völlig unverletzt. Lange, sehr lange, betrachtete er dieses Bild.

Dem Zauberer kam ein ungeheuerlicher Verdacht. Er warf Sol auf den Altar und begann, sie auseinanderzunehmen.

Erst eine Woche später, genau am 10.12.1269, war er wieder zurück im Gartenland. Sol hatte er bei sich, lebendig und an einem Stück. Was er in Lunaloc getan und herausgefunden hatte, darüber sprach er mit niemandem. Sol schickte er wieder zurück zu den anderen Flüchtlingen und kümmerte sich einstweilen nicht mehr um sie. Er wies aber seine Leute an, immer ein Auge auf sie zu haben. Auch durfte sie ohne Erlaubnis das Gartenland nicht verlassen. Doch das schien die junge Frau ohnehin nicht vorzuhaben.

39. Kapitel - Kinkiralinlins Kampf im Westland

Winter 1269 / 1270, Westkolonie.


Der ständige Kampf auf Leben und Tod bereitete mir unglaubliche Freuden. Ich hatte die Elfen, die unter meinen Klauen gefallen waren, nicht gezählt, aber mein Ruf unter ihnen mußte längst legendär sein. Ich war für sie die schwarze Sendbotin des Todes, ihr lebendig gewordene Alptraum. Und es war mir nicht entgangen, daß meine blutige Arbeit hier im Westland durchaus Auswirkungen auf den Verlauf der militärischen Aktionen hatte. Die Elfen konnten nicht mehr so frei agieren, wie sie wollten.

Meine wirksamste Waffe war dabei meine Gabe der Telepathie, eigentlich eine sehr defensive Fähigkeit. Doch ohne sie wäre ich den schlauen und zudem meist unsichtbaren Elfen schon längst in eine ihrer Fallen getappt, die sie mir Mal um Mal stellten. Oftmals sind die Dinge eben nicht so, wie sie aussehen. Auf der Gegenseite war das genauso. Besonders gefährlich waren nicht die großen, schwer bewaffneten Dunkelelfen, und auch nicht die seltenen Lichtelfen, die schneller als jeder von Calracts Drachen fliegen konnten, sondern die kleinen Waldelfen. Sie waren extrem flink und wendig, und außerdem verfügten sie über starke Zauberkräfte. Mehr als einmal hatte Calracts Ring mir das Leben gerettet. Mit den großen Elfen hingegen wurde ich leicht fertig, trotz des Zaubers, der immer noch seine schützende Kraft über sie ausbreitete. Denn seine Magie wirkte kaum gegen meine unzerstörbaren Krallen, mit denen ich sie durchbohrte und zerfetzte.

Wieder einmal lag ich in einem Waldstück auf der Lauer, eingegraben im tiefen Schnee. Es war Anfang Februar 1270 und eisigkalt. Ich mochte die Kälte nicht, auch wenn sie mir nichts ausmachte. Aber sie war unbestreitbar für eins gut: sie steigerte meine Kampfeslust. Die Elfen dachten leider nicht ans Aufgeben, im Gegenteil. Sie hatten sich hier im Westland festgebissen, und eine nicht enden wollende Flut von Weißen Rittern und sonstigen Abenteurern strömte herüber. Ritter ... naja, eher Glücksritter, getrieben zumeist vom nacktem Hunger, das beschrieb diese Brut schon eher. Dennoch: sie drückten die Westkolonisten einfach an die Wand. Calract konnte hier auch nicht so viele Drachen einsetzen, wie er für dieses riesige Land gebraucht hätte, denn die Elfen griffen auch weiterhin sowohl seine Verbindungsbüros als auch die befreundeten Reiche an. Sie kämpften gegen Calract an allen Fronten und töteten gnadenlos jeden Lunaloc-Dämon, der ihnen in die Hände fiel. Für meinen Schatz was das eine sehr verfahrene Situation. Komisch nur, daß die Elfen bislang ihre Hände von Riinar und Orna gelassen hatten. Wenigstens etwas.

Aber wenigstens hier zahlte ich es ihnen mit gleicher Münze zurück.

Drei Elfen waren hier in der Nähe unterwegs, eine Lichtelfe, eine Dunkelelfe und eine Waldelfe. Sie waren äußerst vorsichtig, denn sie vermuteten, daß ich in der Nähe sein könnte. Was genau sie hier taten, interessierte mich nicht, es hatte irgend etwas mit einer neuen Offensive zu tun, aber ich glaubte eher, daß der Elfenkönig Trügg die drei ausgeschickt hatte, um mich zu erwischen. Das hatte er ihnen nicht gesagt, und so konnte ich es auch nicht aus ihren Gedanken herauslesen, aber die ganzen Umstände wiesen auf so etwas hin. Immerhin, es waren nur diese drei, das war sicher. Denn waren sie für menschliche Augen auch unsichtbar und für meine normalerweise nur schemenhaft erkennbar, ihre Anwesenheit verbergen konnten sie nicht. Ihre Gedanken waren für mich wie ein über Kilometer sichtbares Leuchtfeuer. Selbst wenn sie schliefen, konnte ich sie noch orten. Ein wohliger Schauer durchrieselte mich. Bald würde ich sie mit meinen Füßen aufschlitzen, ihr Leiber mit meinem Fang zerfetzen, meinen Körper in ihrem sprudelnden, warmen Blut baden und ihr dampfendes Fleisch fressen.

Oft schon hatte ich gegen mehrere Elfen zugleich gekämpft, und es war dem Feind nicht entgangen, daß die Waldelfen mir dabei die meisten Schwierigkeiten machten und die meisten Überlebenden zu verzeichnen hatten. Diese Dreierkombination, der ich mich jetzt gegenübersah, war für mich in der Tat nicht ungefährlich.

Mit dem linken Fuß tastete ich mich zu dem Ring entlang, den ich an der rechten Mittelzehe trug. Calract hatte ihn mir gegeben, um mich vor der starken Magie der Elfen zu schützen. Jetzt streifte ich ihn ab. Schade, ich hätte das gerne gesehen, aber zwischen meinem Kopf und meinen Füßen lag ein guter Meter Schnee. Und so blieb mir das Wunder verborgen, wie ein Ring, der eineinhalb Zentimeter durchmaß, über das Endglied meiner Zehe paßte, das fast doppelt so dick war. Es war eben Calracts Magie, und sie funktionierte.

An meiner Seite fühlte ich die Waffe, die ich dieses Mal einzusetzen gedachte.

Langsam kamen die Elfen näher. Ich spürte ihre Nervosität. Ja, sie waren sicher, daß ich hier steckte. Doch welches auch für mich extrem riskante Spielchen ich mit ihnen diesmal zu spielen gedachte, darauf würden sie nie kommen. Erst, wenn es zu spät war.

*

Etwa einen Monat zuvor.

Es war schon spät am Abend, als ich an der verlassen wirkenden Waldhütte ankam. Ich hob einen Fuß, ballte die Zehen zur Faust und klopfte an. Im Innern hörte man ein Poltern und Rumoren, dann wurde die Tür der Hütte aufgerissen und ein vierschrötiger, mit einem langen Schwert bewaffneter Mann kam hervorgestürmt. Er machte den Eindruck, sich mit Todesverachtung auf jeden Eindringling stürzen zu wollen, der es wagte, hier aufzukreuzen. Wild rollten seine Augen, bis er mich erkannte.

Er zuckte heftig zusammen und fiel vor mir auf die Knie. "Majestät! Königin de Roqueville!"

Ich hatte mich also richtig erinnert. Inzwischen kannte ich mich ziemlich gut aus hier in der Westkolonie oder dem, was noch davon übrig war. Meine Streifzüge führten mich von einem Ende dieses weiten Landes zum anderen. Meist sah ich nur verkohlte Trümmer, brennende Höfe und marodierende Weiße oder Arcadier. Aber es gab auch noch Flecken, die der Krieg bisher verschont hatte.

"Kommt doch herein, Königin."

Die meisten Kolonisten stammten aus den Kirchenländern, und denen wäre es nicht im Traum eingefallen, mich Königin zu nennen. Nein, dieser hier war tatsächlich einer meiner ehemaligen Untertanen aus Delandau, denn auch von dort waren ab und zu aus den verschiedensten Gründen Menschen hierher gezogen. Viele von ihnen hatte Hotaru sogar extra abgeworben, weil sie nützliche Kenntnisse hatten. Und genau deswegen war ich hier.

Ich trat ein. Hinkend.

Nicht, daß ich am Fuß verletzt gewesen wäre. Sondern ich hielt etwas fest. Es war nun mal eine Gegebenheit meines Lebens als schöne, armlose Dämonin, daß ich praktisch nicht in der Lage war, irgend etwas zu tragen. Sicherlich konnte ich sehr leicht Gegenstände mit den Zehen greifen, aber vor allem bei einen so großen Objekt wie diesem hier führte das zwangsläufig dazu, daß ich dann nicht mehr richtig laufen konnte.

Manches trug ich daher im Fang, aber das ging eben auch nicht immer.

Seltsamerweise machte mir das überhaupt nichts aus, im Gegenteil. So zu leben hatte etwas Außergewöhnliches ... Prickelndes. Wir alle, meine Schwestern, Lalalu, Batchi, fast alle hatten sich damit perfekt arrangiert. Ihre Füße ersetzten ihnen die Arme und Hände so nahtlos, daß sie es gar nicht mehr merkten. Dazu hatten sie noch ihre Sklavinnen oder Dienerinnen, die ihnen halfen. Bei mir hingegen ... es war schwer, das in Worte zu fassen. Meine Hüften, Beine, Füße, Zehen und die Krallen daran waren eine nie versiegende Quelle meiner Energie. Seltsam irgendwie, aber ich genoß dieses Leben, jede Sekunde davon.

Aufmerksam sah ich mich um. In der Hütte war es fast finster, nur eine kleine Kerze brannte auf dem unaufgeräumten Tisch. Alles machte einen verwahrlosten oder zumindest provisorischen Eindruck. Doch der riesige Mann sprang schon und begann hastig, so gut es ging aufzuräumen. An seinem mangelnden Ordnungssinn lag es nicht, daß er hier aussah wie in einem Saustall.

"Du heißt Gröller. Franz Gröller, nicht wahr?"

"Ja, meine Königin, Franz Josef Gröller aus Kiünis." Seine Augen leuchteten. Nicht nur, daß er hier mitten in der Einöde, in die er des Krieges wegen hatte fliehen müssen, Besuch seiner ehemaligen Königin bekam, nein, diese erinnerte sich sogar noch an seinen Namen.

"Setzt Euch doch, Majestät!", rief er, nachdem er einen Stuhl, den einzigen, den es hier gab, freigemacht und mit seinem Ärmel etwas saubergewischt hatte.

Ich schüttelte den Kopf. Der Stuhl hatte Armlehnen, und die behinderten immer meine Beinfreiheit. Ich deutete mit einem Ohr auf den Tisch. Gröller verstand sofort, und es war ihm sichtlich peinlich, daß er nicht selbst daran gedacht hatte. Immerhin war ich zwanzig Jahre lang die Königin von Delandau gewesen. Jeder dort kannte mich und meine speziellen Bedürfnisse.

"Verzeiht, Majestät", murmelte der Mann, nahm die Kerze hoch und wischte dann mit einer ausholenden Bewegung seines Armes die klapprige Tischplatte frei. Ich hockte mich darauf, vorsichtig, aber sie hielt. Dann erhob ich den Fuß und zeigte Gröller das, was ich schon die ganze Zeit bei mir hatte. Ein Lichtschwert der Elfen! Gröller bekam leuchtende Augen.

Ich hielt es ihm auffordernd hin, und mit zitternden Fingern nahm er es an sich.

Genau wie die unzerstörbaren Krallen an meinen Zehen waren auch diese Lichtschwerter aus magischem Material. Sie waren ebenfalls fast unzerstörbar, und vor allem waren sie extrem scharf und blieben das auch. Man konnte ein Haar damit der Länge nach halbieren. Gleichzeitig war die schwach leuchtende Klinge von einer Beschaffenheit, daß nichts daran haftete. Man konnte so ein Schwert eigentlich nur am Griff anfassen. Wenn man versuchte, es mit den Fingern oder - wie ich - womöglich sogar mit den Zehen an der Klinge zu halten, dann rutschte es fast unweigerlich heraus und fiel zu Boden.

Auch bei den Elfen waren diese Waffen äußerst kostbar und ihren Fürsten und Offizieren vorbehalten. Einen von ihnen hatte ich vor ein paar Stunden erwischt - sein Blut klebte noch an meinen Füßen und Lippen, und als ich dieses Schwert im Schnee hatte liegen sehen, hatte ich es nicht über mich gebracht, es einfach liegenzulassen. Auch wenn ich mit dieser Waffe, oder überhaupt einem Messer oder Schwert, nichts anfangen konnte. Meine Zehen waren zwar lang und beweglich genug, ein Schwertgriff einigermaßen greifen zu können, da meine Füße aber keine Daumen trugen, sondern die großen Zehen zu den anderen parallel standen wie bei jedem menschlichen Fuß auch, konnte ich ein Messer oder Schwert nie wirklich sicher führen. Ganz davon abgesehen, daß ich dann auf dem anderen Bein hätte balancieren müssen. Oder vielleicht ... mir war da nämlich eine verwegene Idee gekommen.

"Hör zu, mein lieber Franz. Du bist doch Kürschner und Schneider."

Der riesige Mann nickte heftig. "Ich kann alles, meine teuerste Königin, aber von Beruf bin ich den der Tat Kürschner."

"Und - hast Du Material hier?"

Wieder nickte er. Glück für mich. Es war für einen Kriegsflüchtling nicht selbstverständlich, mehr als das nackte Leben gerettet zu haben, und oft genug nicht mal das.

"Dann mach' mir einen Gürtel, den ich um die Taille tragen kann, in festem, weichem Leder mit genau der dunkelbraunen Farbe wie meine Haut. Und daran eine Scheide für dieses Schwert."

Gröller dachte nach und nickte langsam. Dann aber ging ihm etwas durch den Kopf und er sah mich fragend an. Fragend und irgendwie hilflos, weil er nicht so recht wußte, wie er das in Worte fassen sollte.

Ich lächelte: "Bemüh' dich nicht. Ich weiß, was du gerne fragen würdest." Dazu hätte ich nicht mal seine Gedanken zu lesen brauchen.

Er wollte ganz einfach wissen, was ich mit diesem Schwert vorhatte. Ich konnte es mit meinen Füßen nicht als Waffe einzusetzen. Das wußte er genausogut wie ich und jeder andere, der mich kannte. Ich brauchte auch keine Waffen, Boris von Maarx hatte mir meine Krallen mitgegeben, und wie wirksam die waren, davon sangen die Elfen jeden Tag lange Klagelieder.

"Es stimmt, ich kann das Schwert nicht führen. Aber ich bin mir sicher, daß es mir eines Tages von großen Nutzen sein wird. Also?"

"Selbstverständlich, Hoheit!"


Es dauerte erheblich länger, als ich angenommen hatte. Die Arbeiten würden sich über mehrere Tage hinziehen. Das fing schon mit dem aufwendigen Färben des Leders an. Ich half ihm beim Sammeln der Färbe-Sträucher, die er dafür brauchte, und beim Zusammensuchen von Brennholz, um die Farbe zu kochen.

Auch die Scheide war keine leichte Sache, denn sie mußte so gearbeitet sein, daß die Klinge sie nicht berührte, sonst hätte sie sie sofort zerschnitten. Also mußte das Schwert am Griff beziehungsweise dem Ansatz der Klinge gehalten werden. Immerhin war das Schwert entsprechend geformt, denn die Elfen hatten dieses Problem schließlich auch lösen müssen. Dazu mußte Gröller eine passende Halterung schnitzen. Er machte sich also fleißig an die Arbeit, während ich jagen ging, diesmal aber keine Elfen, sondern Wild.

Davon gab es wieder erstaunlich viel: kaum waren die Menschen vertrieben, kehrten die Tiere zurück. Für mich war das fast wie ein Wunder. Aber ein sehr praktisches. Denn so hatten wir am Abend ein leckeres Reh auf dem Feuer. Und ich muß sagen, ich war schon ein bißchen stolz auf mich, hatte ich doch nicht nur dieses Reh erlegt und ausgeweidet, ich hatte auch das Feuer angezündet, das Reh aufgespießt und am Spieß gebraten. Sicher, manche Dinge gingen mir nur langsam von der Hand, aber gemessen daran, daß ich alles mit meinen schönen und eleganten Füßen tun mußte, machte ich selbst als Hausfrau eine ziemlich gute Figur.

Nach dem Mahl arbeitete Franz noch ein bißchen weiter. Als er mir den halbfertigen Gürtel umlegte, um maßzunehmen, wurde mir bei dieser Berührung ganz warm ums Herz. Bei einem schönen Mann konnte ich fast nicht nein sagen, vor allem jetzt nicht, wo ich wieder solo war.

Nachdem das Feuer schließlich heruntergebrannt und es in der Hütte finster geworden war, legte Franz ein paar Säcke auf den Boden. Ein Bett gab es nicht. Er hatte zuvor auf dem Tisch geschlafen, doch den wollte er mir überlassen. Aber ich schüttelte den Kopf, breitete die weichen Felle, die er für mich auf dem Tisch plaziert hatte, stattdessen auf dem Boden aus, legte mich hin und streckte ihm auffordern die Füße entgegen.

Und so lagen wir eng aneinander gekuschelt da, eingehüllt in weiche Decken und Felle, wärmten uns gegenseitig und dösten langsam dem Schlaf entgegen.

Als Gröller vor ein paar Jahren hergekommen war, hatte er eine Frau gehabt. Ich hatte sie sogar gekannt, ein entzückendes, zartes Mädchen, das auf seine Weise wunderbar zu diesem Schrank von einem Mann gepaßt hatte.

Sie war ... immerhin hatte sie etwas bekommen, was vielen Opfern dieses Krieges nicht vergönnt war, nämlich ein ordentliches Begräbnis.

Gröllers Hand streichelte im Halbschlaf über meinen Körper. Ich nahm es hin, ja genoß es sogar, und begann leise zu schnurren. Wenn er mit mir Sex hätte machen wollen, ich hätte mich nicht gewehrt, sondern mich ihm hingegeben. Aber dazu hatte er viel zu großen Respekt vor mir, seiner Königin. Und vielleicht wollte er es auch nicht im Andenken an seine Frau.


Tief in der Nacht schreckte ich auf. Franz schlief neben mir tief und fest, und hielt mich mit seinen bärenstarken Armen umschlungen. Ich patschte ihm mit einem Ohr ein paarmal ins Gesicht, bis er erwachte.

"Psst! Wir bekommen Besuch. Überlaß' das mir!"

"Aber ..."

"Nein! Es ist eine Dunkelelfe dabei. Gegen die hättest du nicht mal am Tag eine Chance, geschweige denn mitten in der Nacht. Draußen ist es stockdunkel." Naja, und unsichtbar würde sie auch sein.

"Ihr könnt nachts sehen, Königin?"

"Kommt darauf an." Ich sah durch die Ritzen der Hütte schwaches Mondlicht. "Das Licht da draußen reicht mir. Und außerdem, ach egal, glaub' mir einfach." Ich sah dem Mann, den ich zu mögen gelernt hatte, tief in die Augen: "Der Zauberer, der mich erschaffen hat, hat in meinen Brüdern und Schwestern Waffen konstruiert, denen weder Menschen noch Elfen standhalten haben. Glaub' mir. Ich werde dich beschützen." Ich entwand mich seinen Armen und gab ihm einen Kuß auf die Stirn. Dann öffnete ich so leise wie möglich die Tür und schlich ins Freie. Die eisige Nacht umfing mich. Zeit zum Jagen.

Der Himmel mochte wissen, was dieser Elf mit etwa zwanzig Rittern hier mitten in der Nacht zu suchen hatte. Allerdings - so ungewöhnlich was das nun auch wieder nicht. Diese mordende Bande trieb sich ständig überall herum und brannte alles nieder, was Calracts und Hotarus Untertanen in den letzten 20 Jahren aufgebaut hatten. Lautlos schlüpfte ich durch das Unterholz. Die Eindringlinge hatten nicht den Hauch einer Chance, denn ich konnte sie telepathisch orten, jeden einzelnen von ihnen. Sie waren noch ein paar hundert Meter entfern und womöglich würden sie unsere kleine Hütte gar nicht entdecken, aber darauf ließ ich es nicht ankommen. Außerdem war ich nicht hier um zu verteidigen, sondern um zu töten. Halb laufen, halb fliegend glitt ich lautlos dem Trupp entgegen und stürzte mich sofort auf den Anführer, den Dunkelelf. Mit einem gurgelnden Schrei brach er zusammen, als meine Krallen seinen Brustkorb durchbohrten. Wie meistens spürte ich den zähen Wiederstand des Schutzfeldes, doch meine Krallen waren bisher stets stärker gewesen. Ich hatte absichtlich sein Herz verfehlt, damit er noch ein paar Minuten zu leben hatte. Schließlich starb man nur einmal und ich wollte, daß er etwas davon hatte. Er würde langsam und unter großen Schmerzen innerlich verbluten. Er wußte das, wußte, das sein Leben zerrann, ohne daß er das Geringste tun konnte. Nackte Todesangst peitschte ihn, und ich genoß das in tiefen Zügen.

Der Elf gurgelte, keuchte und schrie, und wie erwartet brach unter seinen Leuten sofort Panik aus. Ich schloß meine Augen und lauschte.

Menschliche Ohren ließen sich leicht täuschen. Laute Geräusche überdeckten zum Beispiel leise. Mein Gehör unterlag nicht diesen Einschränkungen. Ich hörte alles, jeden Atemzug der Männer und der Pferde, das rasende Schlagen ihre Herzen, die sinnlos gebrüllten Befehle, das Ziehen der Schwerter, das Knacken der gefrorenen Äste unter den Hufen der Pferde, die ebenfalls am Rande der Panik umhertänzelten.

Der erst Kopf sauste durch die Luft, sauber von meinen Krallen vom Hals seines Trägers abgetrennt.

Von hinten schwirrte ein Pfeil heran. Mühelos wich ich aus. Ein gellender Aufschrei verriet mir, wen der Pfeil stattdessen getroffen hatte. Diese Narren.

Von hinten kamen drei Ritter in wildem Galopp herangestürmt, ohne genau zu wissen, wo ich überhaupt war. In meiner fast schwarzen Haut war in hier in der Nacht trotz des Schnees für menschliche Augen kaum auszumachen. Ich sprang und säbelte einem weiteren Ritter den behelmten Kopf von Hals. Ein Schwall Blut folgte. Noch im Sprung traf ich mit dem anderen Fuß den Arm des zweiten Ritters und trennte auch diesen ab.

Ohne zu sehen, ohne Hände, und doch sind sie für mich nur Spielzeuge.

Wie im Traum tanzte ich durch den vereisten Wald. Ich wollte nicht alle töten. Einige sollten übrigbleiben und ihren Kameraden von diesen Schrecken erzählen. Aber ich mußte mich sehr zusammennehmen. Und unverletzt kam keiner der Ritter davon. Das wenigste waren ein paar zertrümmerte Rippen und gebrochene Knochen. Die meisten der paar Überlebenden hingegen würden mit einer Hand oder einem Bein weniger nach Hause kommen.

Schließlich öffnete ich meine Augen, die in wilder Kampfeslust grell gelb strahlten, und sah den in heller Panik Fliehenden nach. Die, die sich noch umdrehten, würden diesen Anblick bestimmt nie vergessen.


Unter meinen Füßen fühlte ich warmes Blut. Ich tauchte meine Zehen ein und strich mir damit über die Backen. Bedauerlich, daß man das auf meiner dunklen Haut normalerweise kaum sah, aber diese Art der Trophäe wollte ich mit dennoch nicht entgehen lassen.

Langsam beruhigte sich auch mein Puls wieder, und ich kehrte in die Hütte zurück. Bevor ich hineinging, rieb ich mir mit Schnee soviel von dem an meinem Körper haftenden Blut ab wie möglich, denn ich wollte nicht die schönen Decken und Felle besudeln. Nur die Male in meinem Gesicht ließ ich.

Unglaublich, aber Franz war wieder eingeschlafen, und er wachte auch nicht auf, als ich mich wieder zu ihm legte.


Mit einem leisen Schrei erwachte er am nächsten Morgen. Ein bißchen spät, um sich noch in den Kampf zu stürzen. Immerhin war draußen schon heller Tag.

"Guten Morgen", begrüßte ich ihn fröhlich, drückte meinen nackten Leib ein letztes Mal gegen den seinen und stand dann auf. Zusammen gingen wir nach draußen. Franz sah sich um. Ich deutete mit einem Ohr in die Richtung, wo in der Nacht der Kampf stattgefunden hatte. Es ging ein Stück durch den verschneiten Wald. Hinter einem kleinen Hügel war es dann. Ich war selbst überrascht, was für ein Gemetzel ich hier in der Nacht angerichtet hatte. Die einzigen Leichen, die noch am Stück waren, waren drei Pferde, und auch die sahen grauenvoll aus. Von den Rittern fanden sich nur noch zerfetzte Teile, die überall den Boden bedeckten.

Der Schnee, sonst weiß, war rot. Der strenge Frost hatte verhindert, daß das Blut braun geworden war, stattdessen war alles in diesem grellen, unnatürlichen, anklagenden Rot. Überall, auf dem Boden, den Ästen und Stämmen, auf den Metallfetzen der Rüstungen, und natürlich auf den Leichenteilen selbst. Es war wie in einem surrealistischen Schlachthaus.

Ich drehte mich zu Franz um, der mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen die Szene in sich aufnahm. Im Krieg hatte er so manches gesehen, aber das hier ...

Natürlich hatte er auch gewußt, daß ich eine Kämpferin war. Aber irgendwelche wahrscheinlich übertriebenen Geschichten zu hören und so etwas selbst zu sehen, das war ein himmelweiter Unterschied.


Den Tag über war der riesige Mann sehr schweigsam. Kurz vor dem Abendessen, für das wir ein weiteres Stück des Rehes vorgesehen hatten, mußte er erneut Maß nehmen. Scheu näherte er sich mir.

Er hat Angst. Er fürchtet sich vor mir. Man brauchte kein Telepath zu sein, um das zu merken.

Mit leicht gespreizten Beinen saß ich vor ihm, als er sich mit dem Gürtel und der halbfertigen Scheide vor mich hinkniete. Ich berührte ihn mit einem Fuß an der Wange, hob seinen Kopf etwas an und sah ihn mit meinen gelben Augen an, mit diesen Raubtieraugen, die sicherlich nicht sehr vertrauen einflößend waren.

"Zuerst hast du mich als deine Königin gesehen, dann als Frau, jetzt als Ungeheuer. Franz Gröller, wahr ist, ich bin alles zusammen. Ich bin die Dämonin Kinkiralinlin de Roqueville. Ich bin, was ich bin, und ich bin stolz darauf!" Tief blickte ich ihm in die Augen und sah, wie sein Vertrauen zurückkehrte. Ja, ich war eine Killerin, aber ich war auch eine begehrenswerte, zärtliche Frau und liebende Mutter. Seine Königin. Die grausame Beschützerin dieses Landes. Das alles und noch viel mehr.

Sachte zog ich Franz' Kopf näher, bis seine Lippen den meinen ganz nahe waren, und küßte ihn dann zärtlich.

Auch der Feind, die Elfen, küssen. Ihre Frauen lieben ihre Männer, die Eltern ihre Kinder. Aber irgend jemand hat ihnen gesagt, daß sie uns alle töten sollen. Und solange sie nicht von diesem Wahn ablassen, werde ich fortfahren sie zu töten, aufzufressen und in jeder Weise, die mir einfällt, zu quälen.


Der Gürtel und die Scheide mit dem Elfenschwert darin waren fertig, und Franz legte ihn mir an. Es war der Morgen des dritten Tages. In der Nacht hatte es wieder geschneit, jetzt war es draußen neblig. Man konnte kaum die Hand vor Augen sehen.

Ich stand unter der Tür, bereit zum Aufbruch, als ich plötzlich Franz' Hand auf meinem Halsansatz spürte. "Wollt Ihr nicht noch etwas warten, bis das Wetter besser geworden ist, Majestät?" Bei jeder Silbe verließen kleine Atemwölkchen seinen Mund.

Ich schüttelte den Kopf und die Ohren: "Nein, für mich gibt es kein schlechtes Wetter. Ich ..." Ich sah ihn an und erhob mich ein Stück weit auf die Ballen, um auf gleiche Augenhöhe wie er zu kommen. "Keine Angst, mir passiert nichts. Eher mache ich mir Sorgen um dich. Wäre es nicht das beste, du würdest zurück nach Delandau gehen, bis das hier vorbei ist? Sie werden wiederkommen. Ich kann nicht überall sein." Tatsächlich war es mir zu verdanken, daß hier überhaupt noch Kolonisten lebten. Die Elfen waren dank ihrer Flugfähigkeit unglaublich mobil, und die Weißen, die sich Soldaten und Ritter nannten, in Wahrheit aber nichts als Plünderer und Mörder waren, waren so zahlreich, daß sie inzwischen überall waren und ihrem gräßlichen Handwerk nachgingen. Die Kolonisten hatten keine Chance, wäre ich nicht hier. Zwar kämpfte auch Hotaru wie eine Löwin, aber sie konnte nicht fliegen und war daher langsam. Zu langsam für den Feind. So saß sie meistens in Alessandrina und wehrte die Überfälle ab, die die Elfen dort pausenlos unternahmen. Alessandrina war für die Elfen so etwas wie ein schwarzes Loch. Gegen die Eiserne hatten sie nicht den Hauch einer Chance, und dennoch versuchten sie es wieder und wieder, Tag um Tag. Hunderte, wenn nicht Tausende mußten dort schon zu Asche verbrannt sein, aber sie hörten nicht auf.

Und dann waren da noch Calracts Drachen. Sie konnten den Elfen kaum gefährlich werden, schon gar nicht, da sie durch diesen geheimnisvollen Schutzschirm beschützt wurden. Doch dafür waren sie der Schrecken der Weißen Armeen. Trotzdem ... irgendwie hatte ich das Gefühl, wenn Calract nur gewollt hätte, wenn er nur mal richtig zuschlagen würde, dann wäre dieser Spuk vorbei. Stattdessen hockte er in Lunaloc und machte neue Drachen oder was weiß ich. Nein, nein ... meinem Mann Ralph wäre das nicht passiert. Calract war wirklich ein großartiger Mensch, aber als Kriegsherr war er bedauerlich unfähig.

Naja, um so länger konnte ich meinen Jagdausflug hier genießen. Und das tat ich in jeder Sekunde. Zum Jagen und Töten war ich geboren worden, und ich hoffte, daß ich noch viele Elfen unter meine Krallen bekam.

Ich gab Franz einen letzten Kuß, dann entwand ich mich seiner Hand, lief nach draußen, schlug die Flügel auf und war nach einem Augenblick vom Nebel verschluckt.

*

Fünf oder sechs Wochen war das nun her. Mindestens ein-, zweimal pro Woche war ich seither einem Trupp Elfen begegnet, und Weißen Rittern oder Plünderern aller Art sowieso täglich. Wobei ich die Menschen manchmal sogar ziehen ließ. Mochten die Drachen sie erledigen. Elfen hingegen hatten von mir nichts Anderes zu erwarten als einen grausamen Tod.

Und meine drei nächsten Opfer kamen näher. Der Weg ging genau hier entlang. Ich hatte genug Zeit für meine Vorbereitungen gehabt, und es schien zu funktionieren.

Gegenüber hatte ich aus Schnee einen ziemlich auffälligen Haufen zusammengescharrt, während ich in Wirklichkeit hier in einer tiefen Mulde steckte. Und dann kamen sie. Die kaum handgroße Waldelfe flog voran, dann kam die Lichtelfe, immer darauf bedacht, mit ihren zweieinhalb Meter langen Libellenflügeln nirgends anzustoßen, und am Schluß der Dunkelelf. Mißtrauisch näherten sie sich dem Schneehaufen auf der anderen Seite des Weges. Als sie in der richtigen Position waren, spannte ich meine stählernen Muskeln und schoß wie ein Racheengel aus dem Schnee hervor.

Leider war meine Rechnung nicht ganz aufgegangen. Sie hatten mich wirklich erwartet. Meine Klauen streiften die Lichtelfe nur, dann traf mich ein magischer Kraftstrahl der Waldelfe. Jetzt ging es ums Ganze.

Ich wurde voll getroffen und in einen blitzenden Regenbogen aus warmer Energie gehüllt. Die Magie dieser kleinen Biester war so stark, daß sie den Zauber von Orna zumindest für kurze Zeit neutralisieren konnten. Und genau das geschah. Mein Körper wurde wieder menschlich. Es war unbeschreiblich, wie das Gefühl in meine Arme, Hände und Finger zurückkehrte. Als Dämonin dienten mir diese Körperteile als Flügel. Mit ihnen konnte ich fliegen und sonst nichts. An irgendwelche Handgriffe, mit den Flügeln ausgeführt, war nicht zu denken. Jetzt strömte das Leben in sie zurück. Dieser Teil meines Planes war der riskanteste. Würde ich nach 420 Jahren als Dämonin meinen ursprünglichen Körper überhaupt benutzen können? Ich konnte. Und wie! Mit einem Ruck riß ich das Lichtschwert aus der Scheide und - noch unter dem grellen Licht der Waldelfe - stieß es der weißhäutigen Elfenfrau ins Herz, denn sie war so unvorsichtig gewesen, direkt neben mir stehenzubleiben und zuzusehen, wie ich verwandelt wurde.

Dann gelang mir etwas, was ich in diesem Leben wahrscheinlich kein zweites Mal fertigbringen werde. Ich riß das Schwert der zusammenbrechenden Elfe wieder aus der Brust und schleuderte es mit aller Kraft nach der fliegenden Waldelfe. Und ich traf. Nach unseren Maßstäben war es nur ein Kratzer am Bein, für dieses winzige Wesen hingegen war es eine tiefe, lebensgefährliche Wunde.

Ihr Zauber brach. Ich wurde wieder eine Dämonin. Seltsamerweise war die Rückverwandlung ganz anders als die Hinverwandlung. Ich schrie gellend auf, als meine Arme zertrümmert wurden - zumindest fühlte sich das so an - und dann als Flügel neu entstanden. Vor Schmerzen verlor ich für einen Moment fast die Besinnung. Die Flügel kamen mir vor wie aus Holz, ich hatte keinerlei Gefühl in ihnen. Und meine Füße - ich starrte sie fassungslos an. Nur für einen Moment war ich wieder ein Mensch gewesen, doch dieser Zustand war für mich das selbstverständlichstes auf der Welt gewesen. Jetzt war ich wieder eine waschechte Ornadämonin ... das Gefühl, keine Arme und Hände mehr zu haben, verursachte Panik und nacktes Entsetzen. Wie konnte ich so leben, so absolut hilflos.

Die Waldelfe entkam erst mal, aber was tat der Dunkelelf? Wenn er jetzt angegriffen hätte, hätte er mich erwischt, denn ich war wehrlos. Langsam drehte ich mich zu ihm um und erstarrte.

In diesem Augenblick geschahen zwei Dinge: mein Leben als Dämonin fuhr wieder in mich zurück. Es traf mich wie ein Schlag, dann konnte ich meinen Körper wieder benutzen, und der Gedanke, ein Mensch sein zu wollten, erschien mir als völlig absurd. Ich hatte meine unendlich langen, hinreißend schönen Ohren, und meine unglaublich wunderbaren Füße, diese sprühend erotischen Instrumente des Todes, wozu sollte ich da Hände brauchen, oder was sollte ich mit so etwas überhaupt anfangen? Und das zweite war der Schock, als ich den Dunkelelf sah.

Er war sichtbar. Er stand mir gegenüber auf der schmalen Lichtung und zitterte vor Angst. Seine Gedanken waren in eine Art Trance verfallen, aber das unglaublichste war: er hatte eine Erektion. Ich blinzelte, aber es war wirklich so. Langsam ging ich auf den Elf zu, und mit jedem Schritt überkam mich ein stärkeres Verlangen. Wieso nannte man diese Wesen eigentlich Dunkelelfen? Gegen die sehr hellhäutigen Lichtelfen waren sie vielleicht wirklich etwas dunkler, aber an sich sahen sie aus wie jeder x-beliebige Bewohner der Mittelländer, von den spitzen Ohren und den großen, majestätischen Schwingen natürlich abgesehen.

Als ich dicht vor ihm stand, ließ ich mich auf den Hintern fallen, um die Füße freizuhaben, dann fummelte ich seine Hose auf und riß sie herunter. Dann packte ich den Elfenmann und zog ihn zu mir herab.

Ich war nicht deshalb stets nackt, um in jeder Lage für Geschlechtsverkehr bereit zu sein. Das hatte damit überhaupt nichts zu tun. Aber jetzt kam es mir sehr entgegen.

Das Herz des Elfs raste, aber sein Körper war kalt wie Eis. Nur sein Penis war glühend heiß und so angeschwollen, daß er fast platzen mußte. Ich glaube, meine Gedanken setzten ebenso aus wie seine. Ich zog ihn auf mich, und .... naja, der Rest ging dann von selbst, dazu brauchte weder er noch ich den Verstand. Unsere Instinkte als Mann und Frau reichten völlig.

Ich hatte schon mit so manchem Mann Sex gehabt, selbst mit meinem geliebten Calract, aber dieser hier war sicherlich der bizarrste. Oder nein, eigentlich waren nur die Umstände bizarr, denn der Elf war auch in diesem Zustand ein sehr befriedigender Liebhaber. Unsere Hüften zuckten heftig, und Stoß um Stoß gab er mir seinen Samen. Seine Haut erwärmte sich schlagartig, und dann fühlte ich, wie unsere Herzen begannen, synchron zu schlagen. Und dann sah der Elfenmann mir zum ersten Mal bewußt in die Augen. Und ich in die seinen, denn auch ich war der Trance nahe gewesen.

Dieser Dunkelelf war ein Feigling, keine Frage. Nie zuvor war ich einem aus diesem Volk begegnet, der sich vor einem Kampf gedrückt hätte oder davongelaufen wäre.

Aber er war sehr schön, ein stattlicher, gutaussehender Mann mit einem interessanten Gesicht und einem tollen Körper mit großen, schneeweißen Schwingen. Und ein guter Liebhaber, trotz der Lage, in der er sich befand.

Was er wohl sah, wenn er in meine geschlitzten Katzenaugen schaute? Ich las in seinen Gedanken. Dort mischten sich Faszination, Begierde, Todesangst, Schuldgefühle. Mit säuselndem Schnurren leckte ich über sein bärtiges Gesicht, dann löste ich mich von ihm und stieß ihn weg. Fast synchron standen wir dann auf.

Ich deutete auf seine Hose. Er wurde knallrot, denn er stand unten herum völlig nackt vor mir. Hastig, mit zitternden Händen, zog er die Hose wieder an. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder mir zu. Ich faszinierte ihn. Aber irgendwie konnte er es nicht glauben, daß er soeben mit mir geschlafen hatte. Hätte ich Schultern gehabt, hätte ich nun mit diesen gezuckt, so machte ich es stattdessen mit den Ohren. Wir hatten - kein Zweifel. Und es war toll gewesen.

"Miaaau", sagte ich leise und lächelte den Elfen mit geblecktem Fang an.

Dann sah ich mich um. Dort drüben, ein Stück weit im Wald, lag mein Schwert. Ich ging hinüber und nahm es mit den Zehen auf. Als ich es hierher geschleudert hatte, hatte ich es mit meinen Händen gemacht. Jetzt ... ich konnte es mir kaum noch vorstellen. Mit den Füßen zu arbeiten erschien mir als das natürlichste auf der Welt. Und es war so ... so angenehm. Die Haut an den Seiten meiner Zehen war weich und sensibel. Ich fühlte jede Einzelheit des aus Elfenbein geschnitzten Griffes. Ich hob das Schwert hoch, steckte es in die Scheide und verschloß den Knopf. Ein letztes Man drehte ich mich noch um, dann lief ich davon.

Ein paar hundert Meter weiter fand ich die Leiche der Waldelfe. Ich warf sie hoch, fing sie mit meinem Fang, zerknackte sie und fraß sie auf. Nur die vier zarten Flügel ließ ich übrig.


40. Kapitel - Wo ist König Wilhelm?

Es war der 13. April des Jahres 1270, ein Sonntag, einer von so vielen denkwürdigen Tagen, die ich in letzter Zeit erlebt hatte. Und jetzt war ich, Mag Traunsteiner, wieder auf dem Weg nach Hause. Hin hatte ich 20 Jahre gebraucht, zurück auf dem Rücken des riesigen Drachens, in den mein König sich verwandelt hatte, dauerte es keinen Tag - bis wir unter uns ein ungewöhnlich großes Schiff erblickten, das Richtung Nordwest segelte. "Majestät", brüllte ich gegen den Flugwind dem Drachen ins Ohr, "da unten ist jemand, der Euch dringend zu sprechen wünscht!"

Calract verstand und nahm direkten Kurs auf die Tuatha de Dana'an. Als man den Drachen dort kommen sah, brach auf dem Schiff große Hektik aus. Allerdings verfügte die Dana'an über keine Waffen, mit denen sie einen angreifenden Drachen hätte abwehren können. Und noch bevor die Mannschaft mobilisiert war, war Calract bereits auf dem Vorderdeck gelandet. Die Matrosen waren voller Panik geflüchtet - sich einem grimmig dreinschauenden anfliegenden Drachen entgegenzustellen war nicht jedermanns Sache. Sie hatten sich mit allem bewaffnet, was sie in der Eile zu fassen bekommen hatten, hielten aber einen respektvollen Abstand. Calract ließ uns absteigen. Es war ziemlich eng hier, schließlich war das Vorderdeck nicht als Landeplatz für einen Drachen angelegt, doch außer mir konnten alle fliegen und hatten beim Absitzen keine Probleme. Dann verwandelte der Schwarze König sich wieder in seine menschliche Gestalt zurück. Ein Raunen ging durch die Matrosen. Dem einen oder anderen wurde offenbar so langsam klar, wer hier gerade angekommen war. Ich erkannte TKO und winkte ihm zu.

Zwischen den Matrosen öffnete sich eine Gasse und Admiralin Tuatha kam auf uns zugeschritten. Sie brauchte nicht lange, um die Lage zu erkennen, vor allem, daß hier im Moment keine akute Gefahr drohte. Dicht vor Calract, der mit verschränkten Armen dastand, baute sie sich auf, hinter sich zwei ihrer Flügeladjutanten.

"Ihr müßt König Calract sein", stellte sie fest.

Calract nickte. "Ich habe von ihm hier", er wies auf mich, "gehört, daß du mich zu sprechen wünschst." Er setzte sein wölfisches Lächeln auf und fuhr fort: "Das Ganze ist ein bißchen schwer zu erklären. Man könnte sagen, ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht."

Er sah über das Schiff, aber die Admiralin hatte diesmal anscheinend nicht vor, die Unterhaltung unter vier Augen in ihrem Quartier zu führen. "Sprecht!"

"Das hier ist Njala." Wieder ging ein Raunen durch die Leute, aber Tuatha beherrschte sich meisterhaft. Kein Muskel zuckte in ihrem Gesicht.

Calract fuhr fort: "Anders als gedacht ist sie keine Dunkelelfe, sondern eine Lunaloc-Dämonin, also eins meiner Kinder." Er atmete tief durch. "Tja, wie soll ich das jetzt sagen - was mit euch und eurer Insel geschehen ist, tut mir sehr leid, aber es hatte mit euch eigentlich überhaupt nichts zu tun. Die Elfen haben mir den Krieg erklärt und mitten im zentralen Berg eurer Insel einen Stützpunkt errichtet. Diesen hat Njala angegriffen und dabei leider auf die Einwohner der Insel keinerlei Rücksicht genommen. Und nur fürs Protokoll: das geschah ohne mein Wissen. Und damit kommen wir zur schlechten Nachricht."

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Wenn diese Geschichte mit Njala die gute Nachricht war ...

Selbst Tuatha war blaß geworden. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. Nur noch mühsam hielt sie die Beherrschung.

Der Schwarze König zeigte auf Chebesch, dann sah er wieder Tuatha an. "Hast du schon mal von den Kohleprinzessinnen gehört?"

Die schöne Admiralin nickte.

"Nachdem also Njala keinen Erfolg hatte und ich gestern oder vorgestern zufällig - ich war in einer ganz anderen Sache hier unten - davon mitbekam, haben wir versucht, den Elfenstützpunkt zu knacken. Leider gelang uns das nicht, so daß sich schließlich Chebesch der Sache annahm. Und ... naja ... der Stützpunkt wurde jedenfalls vernichtet. Leider ist ein beträchtlicher Teil der Dana'an-Insel mit ihm in die Luft geflogen, das ganze Zentrum. In ..." Calract räusperte sich. Die Sache ging ihm durchaus nahe. "... in dem Stützpunkt hatten die Elfen eine Energiemenge gespeichert, mit der wir nie gerechnet hatten ..."

"Das war also der Knall, den wir gestern abend gehört haben". Tuathas Stimme war kaum zu hören gewesen, ich las die Worte eher von ihren Lippen.

Calract atmete tief durch. Für die die ihn kannten, ein Zeichen, daß jetzt der zweite Teil seiner Ansage folgen würde. "Das Geschehene kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, aber ich bin bereit, euch zu helfen. Ich stehe mitten in einem Krieg, der mit sehr brutalen Mitteln geführt wird, daher sind meine Ressourcen im Moment ziemlich begrenzt, aber zunächst leihe ich euch Njala aus. Was sie vermag, brauche ich euch ja nicht zu erklären, und wenn sie euch von jetzt an hilft, wird der Wiederaufbau für euch erheblich leichter. Außerdem werde ich euch per Drachenpost und auch per Schiff Hilfsgüter senden, um deinem Volk zu helfen, das durch mich, wenn auch ungewollt, so großen Schaden erlitten hat."

Ich fragte mich, wie ich in so einer Situation wohl entschieden hätte. Mein schlimmstes Alptraummonster sollte plötzlich an meiner Seite für mich arbeiten - schwer vorstellbar. Doch Admiralin Tuatha war aus ziemlich hartem Holz geschnitzt. Sie musterte Calract, Chebesch, Njala und flüchtig auch uns andere, dann sagte sie "Einverstanden." Mehr nicht.

"Gut. Njala, du hast es gehört. Ab sofort und bis auf weiteres unterstehst du ihrem Kommando. Ich fliege jetzt weiter, weil ich noch ein paar Sachen zu erledige habe und organisiere dann, wenn ich wieder im Gartenland bin, die Hilfstransporte. Und du, Tuatha, kehrst am besten um und fährst zur Dana'an-Insel zurück, um die Überlebenden zu versorgen." Falls es welche gibt.


Seit unserem Start von der Tuatha de Dana'an waren etwa fünf Stunden vergangen. Ich hatte meinen König gebeten, mich ebenfalls auf dem Schiff zurückzulassen, doch er hatte gemeint, er hätte einen neuen Auftrag für mich, der mir bestimmt gefallen würde.

Mir fiel auf, daß wir zu weit östlich flogen. Ich war davon ausgegangen, daß wir nun erst mal zum Gartenland fliegen würden. Dem war aber anscheinend nicht so. Ich faßte Mut, räusperte mich und rief dem Drachen dann zu: "Majestät, fliegen wir nicht nach Hause?" Nach Hause. Geboren war ich in Manako, aber trotzdem betrachtete ich schon längst Calracts Reich als mein Zuhause.

"Nein, wir fliegen nach Riinar. Mal sehen, ob ich dort bekomme, was mir vorschwebt."

Unter uns zog die Küste des Kirchenstaates vorbei, dann flogen wir weiter in das bergige, stark bewaldete und schwer zugängliche Landesinnere. Später flog Calract langsamer. So ganz genau wußte er anscheinend nicht, wo das Ziel lag, was auch nicht weiter verwunderlich war, wie ich feststellte, als er es schließlich gefunden hatte und landete, denn es war nur ein einzelnes, einsames Haus mitten im tiefen Wald. Weder vom Boden noch von der Luft aus war so etwas leicht zu entdecken.

Mein König verwandelte sich wieder zurück, trat an das Haus hin und klopfte an.

"Wer wohnt denn hier?", fragte ich leise Lalalu.

"Riinari", antwortete Lalalu. "Das ist Riinaris Haus."

Die Tür wurde geöffnet. Ich war erstaunt, denn Riinari war allem Anschein nach eine fledermausflüglige Orna-Dämonin genau wie Lalalu. Ich wunderte mich, denn ich hatte mir die Göttin des Lichtes ganz anders vorgestellt: "Das ist Riinari?"

Lalalu lachte glockenhell und rief: "Aber nein, das ist Baobaopaipai." Dann lief sie leichtfüßig auf ihre Schwester zu. Die anderen und ich folgten ihr. Als Calract die Hütte betrat, zog er seine Schuhe aus, und diejenigen unter uns, die welche trugen, taten es ihm nach. Für die anderen stand vor der Tür ein flacher Bottich mit klarem Wasser, in dem Lalalu nun ihre Füße abwusch, bevor auch sie eintrat. Ich sah bewundernd zu, wie geschickt diese faszinierende Dämonin ihre langen Tierfüße zu benutzen wußte. Überhaupt war Lalalu ein unglaublich faszinierendes Wesen. Im Körper eines Tieres steckte ein brillanter Verstand. Dazu war sie freundlich und zugänglich, so daß man nach kurzer Zeit ihr Äußeres vergaß ... oder nein, so konnte man das nicht sagen, denn wie hätte man über so eine grazile Schönheit hinwegsehen können, und über diese wunderschönen, tiefblauen Augen?

So ein großes Fachwerkhaus hier mitten in der Wildnis war an sich schon erstaunlich, aber noch viel erstaunlicher waren die beiden Bewohnerinnen. Allerdings muß ich zugeben, daß ich von der fast nackten Göttin des Lichtes nicht viel mitbekam, denn meine ganze Aufmerksamkeit wurde durch die Dämonin, die Lalalu Baobaopaipai genannt hatte, in Anspruch genommen. Sie war bestimmt das niedlichste, was ich je in meinem Leben gesehen hatte, und ich konnte nicht ablassen, sie anzusehen.

Sie, Lalalu und Chebesch hatten sich in eine Ecke gesetzt und kicherten nun miteinander, nicht zuletzt über mich, denn daß mich Baobaopaipai zutiefst faszinierte, war nicht zu übersehen.

Derweil saßen Calract und Riinari sich an dem Tisch gegenüber und redeten leise miteinander, während Rebekka herumging und sich aufmerksam umsah. Auch sie hatte ihre dünnen Schuhe am Eingang ausgezogen. Ihre bloßen Füße bewegten sich elegant und lautlos über die Tatami-Matten.

Ich wandte mich wieder den drei Orna-Frauen zu. Unglaublich, eine Kohleprinzessin lachen zu sehen. Diese Monster hatten anscheinend doch so etwas wie eine menschliche Seele in ihren Dampfmaschinenherzen. Jedenfalls benahmen alle drei sich wie kleine Mädchen. Immer wieder warf Lalalu mir zweideutige Blicke zu, was Baobaopaipai jedesmal erröten ließ. Entzückend.

Baobaopaipai hatte sehr helle, alabasterweiße Haut, schwarze Haare und unglaubliche moosgrüne Augen mit winzigen hellgrünen, smaragdfarbenen Pünktchen darin. Und im Gegensatz zu Lalalu trug sie Kleider, eine sich aufplusternde zartgelbe Bluse, aus der hinten ihre ebenfalls weißen Flügel herausguckten, und dazu ein einfach entzückendes Röckchen in zartem Hellrot. Sie war so niedlich, einfach süß. Nach einiger Zeit standen sie und Chebesch auf, gingen zu dem, was hier wohl als Küche diente und begannen Tee zu kochen. Auch Paipai hatte statt Armen Flügel, aber auch sie setzte ihre Füße, manchmal auch die langen Ohren oder ihren Mund mit einer faszinierenden Geschicklichkeit und lässigen Selbstverständlichkeit ein. Ihre Zehen waren übrigens länger als Lalalus, außerdem konnte sie die große Zehe erstaunlich weit abspreizen.

Zum Tee reichten die beiden dann Gebäck. Calract und Riinari winkten mich und Becky zu sich an den Tisch. Es wurde recht eng, als wir uns schließlich zu siebt dort zusammendrängten.

Calract blickte Riinari auffordernd an, doch die gab den Ball an ihn zurück. Die beiden konnten offenbar ohne viele Worte reden und mußten sehr vertraut miteinander sein. Genau wie bei Lalalu. Auch mit ihr hatte Calract sich wortlos unterhalten können. Ich fand das unglaublich faszinierend.

"Also", sagte mein König schließlich, "äh ... ach ja. Das mal zuerst." Er zog aus einer seiner Taschen einen Beutel und warf ihn mir zu. Fast hätte ich ihn nicht auffangen können, denn er war schwer. Sehr schwer. So schwer, daß ... ich zog die Luft ein. Es mußten unglaubliche Mengen an Gold darin sein, um diesem eher kleinen Beutelchen ein solches Gewicht zu verleihen, über zwei Kilo, wie ich schätzte. Nervös zog ich ihn auf.

Selten hatte ich soviel Gold zusammen gesehen und noch seltener selbst in den Händen gehabt. Was Calract mir da so lässig zugeworfen hatte, entsprach dem, was eine große Grafschaft in einem Jahr an Steuern erwirtschaftet. Ich sah meinen König sprachlos an, aber er nickte mir bestätigend zu. Es war meins. Den Gedanken, daß es höchst wahrscheinlich aus dem Unendlichen Land stammte, verdrängte ich lieber schnell wieder. Stattdessen musterte ich den Schwarzen König. Es war faszinierend zu sehen, daß er in den letzten 20 Jahren kein bißchen gealtert war. Er wirkte irgendwie zeitlos. Ich hingegen ... naja, und die Tätowierungen machten mich sicher auch nicht gerade jünger.

"So, und nun zum Haupt-Thema, nämlich Willi, also König Wilhelm." Calract blickte von mir zu Rebekka, dann wieder zu mir. "Du hast mich mit dem Signal des Ringes aus einer sehr wichtigen Beschäftigung gerissen, mein lieber Traunsteiner. Ich war gerade hinter meinem "Freund" Willi her. Wie es aussieht, ist er nämlich verschwunden, und ich will wissen, wo er steckt. Ihr beide, du und Baobaopaipai, werdet ihn suchen."

"Wie?"

"Waaaaas?"

"Aber ..."

"Ich soll mit dem da ..." sie zeigte mit spitzen Krallen auf mich.

"Ich dachte ..."

"Das kommt gar nicht infrage." Zur Bekräftigung ließ sie ein leises Fauchen ertönen.

Ja, das war überraschend gekommen, aber mein König war schon immer ein Mann schneller Entschlüsse gewesen. Nach kurzem Nachdenken fand ich diese Idee faszinierend, vor allem wegen meiner vorgesehenen Begleiterin. Freilich, Baobaopaipai war nicht so leicht zu überzeugen. Sie protestierte lautstark bei Riinari und wollte anscheinend auf gar keinen Fall mit einem zwielichtigen Typen wie mir alleingelassen werden.

Jetzt erst hatte ich richtig Gelegenheit, mir die Göttin des Lichtes näher anzusehen. Als einzige Kleidungsstücke trug sie Silberschmuck um Arme, Beine, Hals, Brust und Taille. Von ihren leuchtenden Händen und Füßen hatte ich schon gehört, sie hatten diese Göttin zu einer lebenden Legende gemacht, und das zurecht. Dieses Wunder mit eigenen Augen zu sehen war ziemlich unglaublich. Aber gerade in den letzten Tagen hatte ich eine verdammte Menge ziemlich unglaublicher Sachen erlebt und gesehen. Jedenfalls, die Göttin des Lichtes war schön, einfach wunderschön. Und sie strahlte etwas aus, eine Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit ... kein Wunder, daß man sie eine Göttin nannte, obwohl sie "nur" eine von einem Zauberer erschaffene Kreatur war. Dennoch, diese Orna-Dämonin war etwas ganz Besonderes. Und nicht zuletzt die Herrscherin dieses Landes, auch wenn Riinar nicht allzu groß war.

Sie sah Baobaopaipai nun mit ihrem sanften Blick an und sagte leise: "Paipai." Dazu legte sie einen Augenaufschlag hin, um den man sie wirklich nur beneiden konnte.

"Ich ... sieh mich nicht so an. Ich will aber nicht mit dem da nach diesem verrückten König suchen gehen. Wer weiß, was er mit mir macht!" Mißtrauisch äugte sie zu mir herüber. Ich versuchte so harmlos wie möglich zu wirken, aber das schien ziemlich danebenzugehen, denn sie knurrte mich an und versteckte sich dann hinter Riinari.

"Ich gehe mit!", verkündete Rebekka daraufhin lautstark.

Doch das schien Paipai erst recht nicht zu passen. Wütend funkelte sie die Hexe aus dem Land der Pfirsichblüten an. Anscheinend war ihre Abneigung gegen mich doch nicht so ernstgemeint gewesen, denn nach etwas gutem Zureden seitens Riinari willigte sie schließlich doch ein mitzukommen.

Calract grinste, was ihm ein wütendes Fauchen der schönen Dämonin einbrachte. Vielleicht war sie einfach ein bißchen scheu.

"Calract, bleib' doch über Nacht bei uns", lud Riinari meinen König und uns ein. Calract lehnte aber ab: "Nach dem Schlag gegen die Energiequelle der Elfen auf der Dana'an-Insel muß ich unbedingt wissen, wie sich das auf die weitere Kriegsführung auswirkt. Und auch sonst wartet so unendlich viel Arbeit auch mich. Das Weiße Reich war gerade am Kapitulieren. Tut mir leid, ein anderes Mal gerne."

"Ich würde gerne noch eine Zeitlang hierbleiben", posaunte dafür Rebekka heraus. Calract und Riinari ignorierten es. Stattdessen wandte die Göttin sich der Kohleprinzessin zu. Ich zuckte leicht zusammen, als ich hörte, wie die Göttin des Lichtes diese Dämonin ansprach: "Meine geliebte ältere Schwester, wie sind deine Pläne?"

"Ich kehre wieder nach Lunaloc zurück als Wächterin." Etwas fragend sah sie Calract an. Der zuckte die Schultern. "Naja, es könnte sein, daß du dort nicht mehr unbedingt nötig bist. Vielleicht ..."

"Aber", unterbrach sie ihn mit ihrer sonoren Stimme, "es gefällt mir dort. Ich habe unter den Dämonen viele Freunde gefunden. Ich glaube, ich werde für eine Weile dort leben."

"Gern", meinte Calract. Riinari stand auf, setzte sich hinter der Kohleprinzessin wieder hin und umarmte sie voller Zärtlichkeit. Sie reckte ihren langen Schwanenhals nach vorn, und die beiden gaben sich einen langen, innigen Kuß.

Auch das war für mich ungewohnt. In vielen Ländern, die ich durchreist hatte, hätte man zwei sich küssende Frauen ins Gefängnis geworfen, wenn nicht schlimmeres. Die meisten Männer betrachteten ihre Frauen als ihr Eigentum und dachten nicht im Traum daran, sie mit anderen Männern oder gar anderen Frauen zu teilen. Letzteres war sogar noch schlimmer, denn eigentlich untergrub es den Herrschaftsanspruch, den die Männer den Frauen gegenüber geltend machten.

Hier aber, in Calracts Umgebung, was das anscheinend ganz anders. Und ganz davon abgesehen war Riinari so etwas wie eine Göttin, die sicherlich niemand so leicht ins Gefängnis werfen konnte. Ich wußte zwar nicht, welche Mittel diesem zarten, zerbrechlich wirkenden Mädchen zur Verfügung standen, aber ich hatte das vage Gefühl, daß Riinari über gewaltige Kräfte gebot. Und was die Kohleprinzessin vermochte ... lieber nicht mehr so genau daran denken.

"He, was ist nun", rief Rebekka. Riinari sprang auf und nahm Beckys Hände in die ihren. Dann blickte sie sie an, und ich könnte schwören, sie blickte bis auf den tiefsten Grund ihrer schwarzen Seele. Ein leises Lächeln stahl sich auf die vollen Lippen der Göttin, dann sagte sie: "Gerne kannst du bei mir bleiben, solange du willst." Doch Rebekka wollte nicht mehr. Was sie tatsächlich wollte war nach Hause. Ihr war das alles hier auf einmal unheimlich. Und war das nicht ein Beweis für die Macht Riinaris?

"Na gut. Ich weiß, wann ich nicht erwünscht bin." Sie funkelte Calract an und zischte: "Warum hast du mich eigentlich hierher mitgeschleppt, hä?"

"Eigentlich wollte ich dich mit in mein Gartenland nehmen, um... sagen wir mal, ähm, ich hätte da eine interessante Arbeit für dich, Teuerste!"

"A ... Arbeit? ICH soll arbeiten?" Sie blickte wild um sich. Ihr Blick landete schließlich auf mir und sie knurrte: "Grins' nicht so blöd, Abendessen!"

"Hör' mir doch erst mal zu, Becky. Ich will, daß du Großfürstin im Land der Pfirsichblüten wirst. Es gibt viele Kriegsflüchtlinge, und einige davon würde ich gerne dort im Süden ansiedeln. Du wärest ihre Herrscherin und Beschützerin."

"Herrscherin ... ich wäre deine Lehensfrau, deine Vasallin, so sieht es aus!" Sie dachte eine Zeitlang nach. "Also gut. Warum nicht. Eine Hexe wie ich hat wohl keine große Wahl. Und ... naja, irgendwie schulde ich dir" - sie zeigte mit spitzen Fingern auf Calract - "noch einen Gefallen. Ha! Ich werde euch mal zeigen, was die Hexe Rebekka so draufhat. Hat einer von euch etwas, was diesem König Wilhelm gehört?"

Das war leider nicht der Fall. "Naja, macht nichts. Geht zur Not auch so. Mal sehen." Sie ließ sich auf den Hintern plumpsen und hob die Hände in einer seltsamen Geste vor das Gesicht. Ihre rötlich-lilafarbenen Augen wurden schwarz. Plötzlich wurde es finster, kalt und düster in Riinaris gemütlichem Haus. Nach wenigen Sekunden war es sogar stockfinster, bis auf ein aus dem Nichts kommendes Licht, das auf Rebekkas Gesicht schien und es in geisterhaftes Licht tauchte. Dann materialisierte sich vor ihr eine flirrende Kugel aus magischer Energie. "Wilhelm ... ich rufe Wilhelm ...Wilhelm von Hocharco ..." murmelte sie leise, immer und immer wieder. In dem Haus war es inzwischen eiskalt geworden. Eine dämonische Stimmung hatte sich ausgebreitet. "Wilhelm ... König Wilhelm ... ihr Geister und Seelen der Toten antwortet mir ... wo ist der Weiße König ... wo ..."

Ich weiß nicht, wie lange das ging. Paipai, Lalalu und Riinari saßen verängstigt und eng aneinander gekuschelt da, und selbst Chebesch drückte sich eng an ihre Schwestern. Nur Calract blieb völlig unbeeindruckt. Fasziniert sah er der Hexe zu. Auf seinen Lippen spielte jenes berühmte wölfische Lächeln.

Irgendwann erlosch das geisterhafte Licht schließlich wieder. Es gab ein leises 'puff', dann wurde es schlagartig wieder hell und warm in Riinaris Haus.

Rebekka wirkte völlig erschöpft. "Tut mir leid, Alter", flüsterte sie, "ich habe nur einen einzigen Namen herausgefunden: St. Malo. Aber wer oder was das ist, weiß ich nicht." Dann brach sie zusammen.

*

Die Sache ging dann so aus, daß Calract mit Rebekka, Lalalu und Chebesch ins Gartenland flog. Vorher gab er mir noch einen Ring, einen von der Sorte, die ich schon kannte. Wenn man den Stein drückte, sandte dieser Ring ein Signal aus. Diesmal würde es das Zeichen dafür sein, daß ich König Wilhelm gefunden hatte. Natürlich hatte Paipai sich beschwert, daß ich den Ring bekommen hatte und nicht sie, was nämlich bedeutete, daß ich der Anführer dieser Expedition war. Sie hatte es aber mit etwas Herumgemaule bewenden lassen und sich gefügt. Anscheinend lockte inzwischen auch sie das Abenteuer, denn hier in Riinar war es auf Dauer doch ziemlich langweilig.

Und was meinen König anging: im Gartenland angekommen organisierte Calract einen Drachen, der Becky zurück in das Land der Pfirsichblüten brachte, und einen zweiten für Chebesch, der nach Lunaloc flog.

Damit hatte er seinen wichtigsten Stützpunkt wieder abgesichert und ging gleichzeitig daran, die einmalige Gelegenheit zu nutzen, das Land der Pfirsichblüten seinem Reich anzugliedern. Rebekka wurde daher von einem Lunaloc-Dämon und einem Menschen begleitet, die dort ein Verbindungsbüro eröffnen und die Ankunft der neuen Siedler, die Calract per Schiff schicken wollte, vorbereiten sollten. Unglaublich, aber wahr: die unheimliche Hexe Rebekka sollte so eine Art Schirmherrin oder Beschützerin von Calracts Siedlern werden. Ich meine, mein König war in dieser Hinsicht ein Genie. In kurzer Zeit hatte er sich ein großes Reich erobert und zahllose weitere Städte und Länder unter seinen indirekten Einfluß gebracht. Und bei all dem war erstaunlich wenig Blut geflossen, wenn man von den großen Lunaloc-Kriegen absah, mit denen er damals den Schwarzen Thron an sich gebracht hatte.

"Kannst du mir denn trauen, Alter?", hatte die Hexe Rebekka ihn gefragt. Natürlich traute Calract ihr nicht, aber er verwirklichte seinen Plan trotzdem. Niemand wußte, was dabei in seinem Kopf vorging, aber mein König überlegte sich in der Regel sehr gut, was er tat. Er war sich anscheinend sicher, daß Rebekka ihn nicht aufs Kreuz legen würde.

Aber das war noch lange nicht alles. Auch auf der Dana'an-Insel ließ er ein Verbindungsbüro eröffnen, ebenfalls ausgestattet mit einem Dämon und zwei menschlichen Mitarbeitern, die ihm auch darüber berichten sollten, wie die Zusammenarbeit mit Njala klappte, die ja - gelinde gesagt - nicht ganz unproblematisch war. Aber König Calract war eben ein Genie, anders konnte ich es mir nicht erklären, nach all dem, was Njala dem Dana'an-Reich angetan hatte. Immerhin war das, was Njala angerichtet hatte, auch wenn das ziemlich blöd klingt, nicht persönlich gemeint gewesen. Das Dana'an-Volk war nur zufällig am falschen Ort gewesen. Njala war nicht sein Feind, und diese Tatsache hatte das Geschäft wahrscheinlich überhaupt erst möglich gemacht. Ich fand das auf jeden Fall eine bemerkenswert mutige Leistung, jetzt mitten im Krieg. Aber mein König dachte eben weit in die Zukunft.

*

Paipai und ich blieben die Nacht über bei Riinari. Naja, Paipai wohnte ja sowieso hier, noch zumindest ...

Es war eine kurze, aber wundervolle Zeit. Die Göttin war ... ja, wie soll ich sagen, zutraulich. Nie hatte ich ein Wesen mit einem so reinen Herzen erlebt, obwohl ihr das Böse keineswegs fremd war. Aber sie brachte mir eine solch herzliche Offenheit entgegen, als wäre sie meine Schwester oder so. Das fing schon damit an, daß es für sie das selbstverständlichste auf der Welt war, sich mir so gut wie nackt zu präsentieren.

Trotz Paipais Reserviertheit mir gegenüber verbrachten wir einen sehr angenehmen und harmonischen Abend zusammen, und gingen dann ins Bett, um frisch für die Abenteuer zu sein, die zumindest mich und Paipai ab dem nächsten Tag erwarteten.

*

"Gehen wir", rief Riinari Paipai und mir nach dem Frühstück fröhlich zu.

"Und wohin? Moment mal, wieso 'wir'? Ich dachte, ich gehe mit Paipai allein auf die Suche nach diesem Wilhelm." Paipai klatschte mir ein Ohr ins Gesicht und knurrte: "Für dich immer noch Baobaopaipai, klar!"

"Trotzköpfchen", murmelte ich leicht amüsiert.

"Wir gehen hinunter nach Disat in die Bibliothek", beantwortete Riinari meine Frage, ohne auf Paipais Ausfall einzugehen.

Draußen hatte es in der Nacht etwas geschneit, aber die Kälte schien den beiden Dämoninnen nichts auszumachen, denn sie hatten vorher schon unter dem Wasserfall hinter dem Haus geduscht, und das Wasser dort war kaum wärmer als Null Grad.

Ehrlich gesagt, bei einer normalen Frau hätte es mich nervös gemacht, wenn sie die ganze Zeit splitterfasernackt vor mir herumgelaufen wäre. Bei Riinari war das komischerweise nicht so. Für sie war das anscheinend völlig natürlich, und - mal unter uns - sie hatte auch allen Grund, auf ihren Körper stolz zu sein. Ich hatte schon so manche verdammt gut gebaute Frau gesehen, aber Riinari hatte eben noch dieses gewisse Etwas. Und dazu ihre leuchtenden Hände und Füße, die mich immer daran erinnerten, mit was für einem Wesen ich es hier in Wahrheit zu tun hatte.

Und so marschierten wir kurz darauf durch den eisigen Morgen den schmalen Hohlweg hinunter in die Hauptstadt dieses bemerkenswerten, sauberen, kleinen Landes.

Irgendwann drehte ich mich mal um, und erst jetzt fiel mir die leuchtende Spur auf, die Riinaris Füße auf der dünnen Schneedecke hinterlassen hatte. Wahrlich, ich befand mich in erstaunlicher Gesellschaft.

Auch in der Stadt, die wir nach einer weiteren halben Stunde erreichten, erzeugte die schöne Göttin diese auffällige Spur. Jeder konnte sehen, daß sie da war und wo sie hinging. Geheimnisse oder eine Privatsphäre vor ihren Untertanen waren unter diesen Umständen kaum zu machen. Aber das schien dieser Frau sowieso nichts zu bedeuten, denn es machte ihr ja auch nichts aus, sich hier praktisch unbekleidet vor Jedermann zu zeigen.

Wie auch immer, die Menschen hier brachten ihrer Göttin den größten Respekt entgegen. Keiner, der nicht niederkniete, wenn sie vorbeischwebte. Und daß die Menschen das nicht aus Verpflichtung oder gar Zwang, sondern aus tiefempfundener Demut und innerer Ergriffenheit heraus taten, war ihnen deutlich anzumerken.

Als kurz darauf der Bibliothekar uns kommen sah, stürzte er sich auf Eimer und Lappen und begann den Boden zu putzen, der sowieso schon so sauber war, daß man davon hätte essen können.

Die Bibliothek war im Rathaus untergebracht, und das war ein Prachtbau, den ich in dieser Form an diesem Ort nicht erwartet hätte. Auch hier, auf den Marmor-Mosaiken, die den Fußboden schmückten, erzeugte Riinari ihre leuchtenden Abdrücke, von denen jeder die Anatomie ihrer Füße bis ins Detail wiedergab. Ich konnte mich kaum sattsehen an diesem Phänomen. Dazu setzte die Göttin ihre Schritte so, daß die leuchtenden Abdrücke mit den Mosaiken ein äußerst reizvolles Muster bildeten.

Es ging eine Treppe hinauf, die eher in ein Schloß gehört hätte, dann betraten wir den großen Saal. Tausende und Abertausende an Büchern standen hier.

Wie ein dienstbarer Geist war der Bibliothekar hinter uns erschienen und fragte die Göttin, was sie suche.

"Hast du schon mal den Begriff 'St. Malo' gehört?", fragte sie ihn. "Ich meine, wir müßten hier doch etwas darüber haben."

Ich war platt. Hier sollte es Informationen geben über einen Ort (ich nahm mal an, daß St. Malo eine Ortsbezeichnung war), über den selbst Rebekka mit all ihrer Zauberkraft nichts weiter als den Namen erfahren hatte? Doch genauso war es. Der Bibliothekar ließ seine zwei Gehilfen antreten, und dann begannen wir zu sechst eine Reihe von Büchern abzuarbeiten.


Stunden vergingen. Mir wurde langsam langweilig. Lesen war nicht so meine Sache. Stattdessen beobachtete ich aus den Augenwinkeln die niedliche Paipai, die sich mit den teilweise ziemlich schweren Wälzern ganz schön abmühen mußte. Da es hier drin für sie zum Fliegen viel zu eng war, hatte sie nur einen Fuß frei, um die Bücher aus dem Regal zu nehmen, denn auf dem anderen mußte sie ja stehen. Und so geschickt sie damit auch war, einige der Bücher waren einfach zu schwer, als daß sie sie auf diese Weise hätte festhalten können. Helfen lassen wollte sie sich aber auch nicht, stattdessen ärgerte sie sich. Bis Riinaris Kichern sie darauf brachte, wie albern sie sich mit ihrer Sturheit benahm. Es war schon faszinierend, wie gut die Göttin mit dieser schwierigen Frau umgehen konnte.

"Ach!"

"Hm?" Riinari sah mich fragend an. Mir war gerade etwas eingefallen.

"Gibt es hier eine Bank?"

Die Göttin dachte kurz nach. "Ja, so etwas Ähnliches. Wieso?"

"Wegen dem hier." Ich holte den Beutel mit dem Gold hervor. "Das will ich nicht auf eine lange und gefährliche Reise mitnehmen. Wenn's geht, würde ich das Gold lieber hierlassen."

Riinari tauschte mit dem Bibliothekar ein paar Blicke aus, dann sagte sie: "Sage unserem Schatzmeister, daß ich dich schicke. Dann wird er das Gold nehmen und gut darauf aufpassen. Du findest das Schatzhaus ganz leicht."

Es war in der Tat gerade mal um die Ecke. Und es war geschlossen, aber ich konnte den Schatzmeister in seinem Büro finden und dazu bringen, mich einzulassen. Er sah mich mißtrauisch an. Daß ich keiner von hier war, war zu offensichtlich. Und anscheinend war diese Bank nicht dafür gedacht, als Geldanlage für Fremde zu dienen. Als ich ihm aber, wie geheißen, erklärte, daß die Göttin des Lichtes mich empfohlen hatte, da veränderte sich das Verhalten dieses Beamten schlagartig. Er wurde freundlich und zuvorkommend.

Riinar war ein blitzsauberes und ordentliches Land, aber es war nicht so, daß es hier große Schätze oder Reichtümer gab. Das, was ich hier ablieferte, war mehr, als der Schatzmeister in seinem kompletten Bestand hatte, und der umfaßte praktisch die gesamten Steuern und Finanzen von ganz Riinar. Dennoch - wenn die Göttin um etwas bat, dann war das Gesetz. Und es war ja an sich auch kein Problem. Er sollte das Gold ja nur verwahren. Irgendwann würde ich - hoffentlich - wiederkommen und es wieder abholen. Sicherheitshalber legte ich aber auch noch fest, daß es in die Staatskasse Riinars übergehen sollte, falls ich doch nicht wiederkommen sollte ...

Nachdem das also zu meiner Zufriedenheit erledigt war, kehrte ich in die Bibliothek zurück. Kaum zu glauben, daß so ein geradezu fürstlicher Prachtbau mit so geringen finanziellen Mitteln errichtet worden war.

Riinari und die andere waren immer noch am Stöbern, und ich schloß mich ihnen wieder an. Es fing langsam an, mir Spaß zu machen.

"Hier, ich hab's: Die unglaublichen Abenteuer des Franz von Sickingen", rief der Bibliothekar irgendwann mit lauter Stimme. Sofort versammelten wir uns alle um ihn. Stolz drückte er Riinari das schwere, in altes Leder eingebundene Buch, das mit seinen bunten Illustrationen eine hübsche Stange Geld wert sein mußte, in die Hand. Dann entfernten er und seine Assistenten sich diskret.

Wir drei steckten unsere Köpfe zusammen und lasen. Und wir hörten erst auf, als mir irgendwann am Nachmittag vernehmlich der Magen knurrte. Seit dem Frühstück hatte ich nichts mehr gegessen.

Das holten wir dann aber umgehend nach, denn auch Paipai und Riinari waren recht hungrig geworden. Auf dem Platz gab es eine Art Metzgerei, die auch fertiges Essen anbot. Danach setzten wir unsere Lektüre fort.

Selbst wenn nur die Hälfte von dem stimmte, was in diesem Buch stand, dann mußte der Ritter Franz von Sickingen, der vor 200 Jahren oder so gelebt hatte, ein toller Draufgänger und Abenteurer gewesen sein. Pech war, daß wir über St. Malo nur sehr vage Informationen erhielten. Es war in der Tat eine Ortsbezeichnung, anscheinend der Name der Hauptstadt eines Fürstentums oder kleinen Königreiches, in dem der alte Franz einige zauberhafte Erlebnisse gehabt hatte. Und das sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne.

Wir sahen uns etwas ratlos an. Das war's, mehr gab es nicht. Paipai zuckte mit den Ohren, Riinari mit den Schultern. "Gehen wir erst mal Abendessen. Morgen sehen wir dann weiter."

Draußen war es längst dunkel und eisigkalt. Ein scharfer Wind wehte kleine, harte Eisflocken über den Platz. Riinari kam mir vor wie ein Wesen aus einer anderen Welt, wie sie hier vollkomme nackt und in aller Ruhe durch die Straßen lief und hinter sich diese leuchtende Spur ließ, die schließlich in ein gemütliches, ziemlich großes Gasthaus führte.

Während Paipai und ich schon aßen, verschwand die Göttin mit den Wirtsleuten in deren Privatwohnung. Keine Ahnung, was sie dort zu tun hatte, jedenfalls waren wir beide längst beim Dessert angelangt, als Riinari wieder zurückkam. Sie wirkte zufrieden, aber müde, dafür waren der Wirt und die Wirtin vollkommen aufgedreht. Sie servierten der Göttin das Beste vom Besten und das in einer Menge, die nicht mal ein Pferd hätte runterbringen können. Riinari versuchte sie aufzuhalten, aber vergeblich.

Später weigerten die beiden sich natürlich auch, von uns auch nur einen müden Kreuzer als Bezahlung anzunehmen. Stattdessen servierten sie zum Abschluß einen Wein, der gekeltert worden war, als ich noch in Manako, meiner Heimatstadt, gelebt hatte. Er kam aus Delandau, sah verdammt teuer aus, war es auch, und schmeckte umwerfend gut. Und davon gab es nicht nur eine Flasche ...

Während Riinari weg gewesen war und Paipai und ich gegessen hatten, war an der Stirnseite des großen Schankraumes ein Platz freigeräumt und dann eine Art Bühne aufgebaut worden.

Riinari kam dann zurück und aß ebenfalls fertig, und auf unserem Tisch türmten sich bereits Teller und Weinflaschen, als die wohl seltsamste Musikantentruppe, die ich je gesehen hatte, die Bühne betrat. Unwillkürlich fühlte ich mich an meine Zeit bei den Menschenfressern erinnert, als ich die vier zottigen Gestalten sah, die beim ersten Hinsehen eher an moosüberwachsene Baumstümpfe erinnerten als an Menschen.

"Das sind ja ..." Paipai hatte ihre riesigen Ohren überrascht aufgestellt, und auf Riinaris Lippen lag ein strahlend glückliches Lächeln.

Nun, es waren Typ I-Orna-Dämonen, männliche. Es war das erste Mal, daß ich diese Wesen sah. Unter ihrem zottigen Fell waren Gesicht und Körper allenfalls zu erahnen. Sie schleppten eine Reihe recht großer Musikinstrumente mit sich und bauten sie vor der Bühne auf. Dann blickten sie in die Runde. Schlagartig wurde es ruhig in dem mit über 80 Menschen gefüllten Saal.

Und dann setzte die Musik ein. Alles hätte ich erwartet, nur nicht die Ouvertüre einer Operette des weithin bekannten Komponisten Franz Bruch aus Laguna. Ich gebe zu, meine Bildung ließ in diesem Punkt ziemlich zu wünschen übrig, aber ich glaube, dieses fröhliche Stück "Räuber und Prinzessin" war die einzige Operette, die dieser große Künstler je geschrieben hatte. Ehrlich gesagt konnte ich mir nicht vorstellen, daß es für ein Orchester aus vier Orna-Dämonen komponiert worden war, aber offenbar hatten diese Burschen es ein bißchen umgeschrieben und an ihre Instrumente angepaßt: eine Reihe großer, durchgestimmter Trommeln, eine Art Trompete, etwas, das an ein einen Baß erinnerte, und noch ein paar anscheinend selbst erfundene Instrumente, mit denen die Vier dieses schnelle und beschwingte Stück wirklich virtuos und mitreißend wiedergaben.

Aber es kam noch besser. Die Operette bestand natürlich nicht nur aus der Ouvertüre, und ich fragte mich, wie wohl die Gesangsrollen besetzt sein würden. Aus den Augenwinkeln sah ich, daß Riinaris Lächeln inzwischen zu einem breiten Grinsen geworden war. Und dann erschien das Mädchen, das die Prinzessin spielte und die Eröffnungsarie zu singen hatte. Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, aber so etwas hatte ich noch nicht gesehen. Und schon gar nicht gehört. Die Sängerin war nämlich eine Typ IV-Orna-Dämonin, eine Schwester von Lalalu und Paipai also, aber was für eine. Sie hatte wallendes, hell violettes Haar, hellbraune Augen, eine goldbraune Haut, sie trug ein wahrhaft prinzessinnenhaftes Kostüm, das hauptsächlich nur die Flügel und ihre Füße freiließ, und alles in allem wirkte sie wie eine Operndiva der Extraklasse. Und so sang sie auch.

Im zweiten Stück traten dann die Räuber und danach eine Reihe weiterer Mitwirkender auf, aber diese Dämonin - Mara hieß sie, wie Riinari mir in einer Pause zuraunte - sang und spielte sie alle an die Wand. Ihr geflügelter, armloser Körper war bestimmt nicht dafür geschaffen worden, in einer Operette mitzuwirken, aber ebenso wie die vier Dämonen im Orchester, denen man ihre Fähigkeiten auch nicht ansah, brachte Mara diese Rolle mit einem Ausdruck auf die Bühne, daß man nur staunen konnte. Und diese Stimme ... Das Publikum raste, und Mara glühte geradezu vor Begeisterung.

Es war für mich ein Erlebnis, wie man es nicht oft im Leben hat. Diese phantastische Vorstellung, der volle Magen, der schwere Wein, der Schneesturm draußen, die Wärme, fast schon Hitze hier drinnen, das begeistert mitgehende Publikum, all das erzeugte eine leichte Benommenheit, einen Rausch, als würde ich irgendwo neben mir schweben und all dem mit einer heiteren, durch nichts zu erschütternden Freude und Gelassenheit zusehen. Umwerfend, einfach umwerfend.

Tja, so war das. Aber auch dieses Fest hatte mal sein Ende. Paipai, Riinari und ich huschten heraus, bevor der große Ansturm kam, und verschwanden in der Nacht. Immerhin hatten wir noch einen weiten Weg zu gehen, und auch Paipai, die sich fliegend wesentlich schneller nach Hause hätte begeben können, blieb brav bei uns. Allerdings - auch zu Fuß war sie dank ihrer langen Beine und Füße viel schneller als Riinari oder ich, und mußte sich ziemlich zurückhalten. Irgendwann kamen wir dann an, und ich fiel todmüde auf mein Lager. Mein letzter Gedanke war, daß ich morgen sicher einen schlimmen Kater haben würde.

Aber als ich dann aber am nächsten Morgen erwachte, fühlte ich mich einfach großartig. War auch das Riinaris Macht? Oder eher die hervorragende Qualität des Weines? Für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, eine Art allwissendes Auge sehe mich an. Seltsamerweise fühlte ich mich dadurch aber nicht bedroht, im Gegenteil, es vermittelte mir Geborgenheit. Und dann war es wieder weg, und die Göttin des Lichtes schlug die Augen auf.

Es gab Orte und Menschen, von denen mir der Abschied leichtfiel, und manchmal gab es welche, an denen ich am liebsten für immer geblieben wäre. Dieses Haus war so ein Ort, und ich verstand nun, warum die Menschen hier Riinari so abgöttisch verehrten.

Das Frühstück verbrachten wir völlig schweigend, ja, keiner von uns hatte an diesem Morgen überhaupt ein Wort gesprochen. Auch der Abschied und der Aufbruch verliefen ohne Worte. Wieder schien dieses allwissende Auge auf mich zu blicken und ich wußte, diese unglaubliche Göttin würde mich und Baobaopaipai beschützen.

Der Abschied der beiden Frauen war ebenso wortlos, aber dafür aber tränenreich. Vor allem Paipai fiel es sehr schwer, sich von ihrer kleinen und doch so großartigen Schwester zu trennen. Die nächsten Wochen, Monate, wenn nicht Jahre, würde sie stattdessen mit mir Vorlieb nehmen müssen.

Und so gingen wir davon durch den tiefer gewordenen Schnee, und ich drehte mich nicht mehr um. Denn sonst wäre ich vielleicht doch nicht gegangen.

*

Wochen vergingen. Wir marschierten grob Richtung Nordosten durch hügeliges, teils sogar bergiges Waldland. Das heißt, ich marschierte, Paipai flog oder turnte meist in den Bäumen über mir herum. Dafür hatte sie genau den richtigen Körperbau. Ich bekam sie nur selten zu sehen, aber sie war immer in meiner Nähe. Abends sammelte ich Holz und machte Feuer, Paipai erschien dann meist mit einem Hasen, Eichhörnchen oder Vogel im Fang, unserem Abendessen. Der Wald wurde tiefer und tiefer, selten nur unterbrochen von Rodungen oder anderen Stätten menschlichen Wirkens. Gelegentlich trafen wir auf einsame Bauernhöfe oder manchmal sogar kleine Weiler, in denen wir unsere Vorräte ergänzen konnten und zum Übernachten wenigstens ein Dach über den Kopf hatten.

Wobei die Orna-Dämonin sich ziemlich scheu zeigte. Ich schlief in Kirchen oder, nachdem wir die Kirchenländer hinter uns gelassen hatten, in Scheunen und Ställen, wann immer sich die Gelegenheit bot, Paipai hingegen hängte sich lieber irgendwo da draußen kopfüber in einen Baum und verbrachte so die Nächte, in denen es so bitter kalt wurde.

Ob ihr das etwas ausmachte, erfuhr ich nicht. Krank oder so wurde sie jedenfalls nicht. Und sie war eine wertvolle Hilfe, denn aus mehreren hundert Metern Höhe hatte man natürlich eine Übersicht über das Land, von der man als am Boden kriechendes Wesen wie ich nicht mal träumen konnte. Sie wußte stets, wo wir hergehen mußten.


*


Zwei Monate zuvor, Anfang Februar 1270: Kinkiralinlin.

Links neben mir zog langsam das Schwarze Gebirge vorbei. Selbst jetzt, wo alles schneebedeckt war, wurde es seinem Namen noch gerecht. Ich muß zugeben, die Begegnung mit diesem Elfenmann hatte mich doch tiefer berührt, als ich zunächst gedacht hatte. Ob ich ihn jemals wiedersehen würde? Auf jeden Fall hatte ich plötzlich eine Sehnsucht nach meinem ehemaligen Reich und vor allem meiner Tochter Adusa verspürt. Adusa, mein liebes Mädchen. In ein paar Tagen war ihr zwanzigster Geburtstag. Ob sie sich freuen würde, mich wiederzusehen?

Ich seufzte.

Vom langen Flug waren mein Flügel ermüdet und ich beschloß zu landen. Ich war hier ganz in der Nähe der Grenze zum Troll-Land. Bis zu meinem Ziel waren es noch gute 500 Kilometer. Zuviel um sie von der Westkolonie aus in einem Stück durchzufliegen.

Unten angekommen, setzte ich mich auf den nächsten besten Stein und atmete erst mal tief durch. Das Troll-Land. Hier hielt der Baron der Hölle Kokoma gefangen. Nun ja, ich hatte diese Hexe aus Güstra kaum gekannt, und Batchi, deren intime Freundin sie gewesen war, würde wohl so schnell keine Gelegenheit haben, diese Sache zu klären. Außerdem war es sowieso aussichtslos. Waren wir Orna-Dämoninnen auch Menschen und Elfen weit überlegen, gegen Wesen von Schlage Harlengarts waren wir chancenlos. Aber vielleicht, wenn Calract es eines Tages schaffte, seine Batchi wieder da unten aus dem Unendlichen Land herauszuholen, vielleicht schaffte sie es dann mit Köpfchen statt mit Gewalt, ihre Geliebte zurückzubekommen.

Wobei wiederum Calracts Chancen, seine Frau zu ent-golden, nahe bei Null standen, jetzt, wo Alessandra spurlos verschwunden war. Aber er war ein begabter Zauberer, vielleicht fand er ja einen anderen Weg.

Hinter mir waren zwei Wölfe aufgetaucht. Es lebten immer noch viele von ihnen im Schwarzen Reich. Früher waren auch verzauberte Menschen dabei gewesen, doch nach dem Tod Thorans war der Bann gebrochen und sie waren wieder Menschen geworden. Menschen allerdings, die sich teilweise sehr schwertaten, in die Zivilisation zurückzukehren.

Die beiden Wölfe hier schlichen langsam näher. Sie waren erstaunlich zutraulich und wedelten schüchtern mit ihrem flauschigen Schweifen. Anscheinend mochten sie mich.

Ja, das Unendliche Land, wie man das Schwarze Reich früher genannt hatte, hatte etwas tief Romantisches an sich. Irgendwo konnte man die Elfen schon verstehen, wenn sie das hier zurückhaben wollten. Leise begann ich zu singen, ein Lied aus den Tagen meiner Kindheit. Längst vergessen in all den Jahrhunderten, kamen jetzt die Worte und Strophen wieder in mein Gedächtnis zurück. Er war ein Lied über ein Mädchen, das auf einer bunten Wiese Gänseblümchen pflückte und sich daraus einen Kranz flocht.

Die beiden Wölfe kamen ganz dicht an mich heran. Einer legte sich über meine Füße, der andere setzte sich neben mich und begann leise zu heulen, als wollte er mein Lied begleiten. Waren das wirklich keine verzauberten Menschen, sondern Tiere?

Das war es, was den Elfen als ihr Kriegsziel vorschwebte. Die Welt sollte wieder so werden, wie sie glaubten, daß sie früher gewesen war, kindlich rein, naiv, unschuldig und unberührt. Nur waren sie leider der Meinung, daß für Dämoninnen wie mich darin kein Platz war. Nun, diese beiden Wölfe wußten es besser.

Ich beendete mein Lied.

Plötzlich stellten die Wölfe die Ohren auf. Sie spannten sich an, dann liefen sie langsam, in alle Richtungen sichernd, in den Schwarzen Wald zurück.

Ich saß weiterhin entspannt auf dem Stein, obwohl mir der Grund für ihre Angst nicht entgangen war. Meine Ohren waren noch um einiges schärfer als die ihren.

Und dann stand er vor mir, Harlengart, der Baron der Hölle. Es war das erste Mal, daß ich ihm persönlich begegnete. Er stand nur da, äußerlich ein klobiger Riese mit einem gewaltigen Gehörn auf dem Kopf, in Wirklichkeit eins der ältesten und auch mächtigsten Wesen auf unserer Welt. Er stand da und sah mich lange schweigend an. Dann drehte er sich um und stapfte wieder davon. Leise stimmte ich ein weiteres Lied an. Er blieb stehen und lauschte. Irgendwann hatte ihn dann der schweflige Nebel seines Landes verschluckt.


Spät am Abend kam endlich der Palast von Aramus in Sicht. Ich flog auf den Thronsaal zu, aus dem ich das Licht etlicher Kerzen und Fackeln scheinen sah. Anscheinend wurde hier noch gearbeitet. Ich empfing die Gedanken meiner Tochter. Brav, brav, sie war schon immer sehr fleißig gewesen. Allerdings waren es sorgenvolle Gedanken. Kein Wunder. Der Krieg hatte Delandau zwar bisher verschont, aber die Auswirkungen waren dennoch schmerzlich: Flüchtlinge, die zerstörten Drachenpoststationen, der fast zum Erliegen gekommene Handel auf dem Siina, diplomatische Erpressungsversuche seitens der Mittelländer. Seit Ralph und ich nicht mehr da waren, glaubten sie in der Weißen Hauptstadt und in Tansir, mit den kleinen Reichen machen zu können, was sie wollten.

Ich landete vor dem großen Fenster, hängte mich kopfüber mit einem Fuß am oberen Sims auf und klopfte mit dem anderen gegen die Scheibe.

Alle Köpfe flogen herum. Die Nervosität, die hier - überall im Lande - herrschte, war deutlich zu spüren. Adusa erkannte mich als erste.

Sie trug die königliche Krone und ein wirklich hübsches Kleid, das ihr sehr gut stand und ihre Würde als junge Königin deutlich hervorhob.

Jetzt sprang sie auf, eilte zum Fenster und riß es auf. Ich sprang hinein und landete elegant auf den Ballen meiner langen Füße.

"Mama? Mama!" Meine Tochter umarmte mich stürmisch. "Oh Mama", schluchzte sie.

Mein Reich machte wirklich eine schwere Zeit durch. Es sprach sich im Palast und auch in der Hauptstadt in Windeseile herum, daß ich wieder da war, und man konnte das erleichterte Aufatmen förmlich hören.

Adusa unterbrach die Ratssitzung, und wir zogen uns in ihre Gemächer zurück.

"Sag mal, Mäuschen, wo ist eigentlich Doktor von Stein", fragte ich. Mir war aufgefallen, daß er, der sonst immer in unserer Nähe herumgewuselt war, nirgends zu sehen war.

"Er ..."

Ich war bestürzt. Adusa brauchte es mir nicht zu sagen, ich las es in ihren Gedanken. Der gute, treue Doktor hatte sich vor wenigen Wochen das Leben genommen.

"Ja, Mama. Er ist an dem dunklen Geheimnis zerbrochen."

Mein Mann Ralph hatte ja als seinen letzten Willen verfügt, daß Gerard sein Nachfolger werden sollte. Ich stattdessen hatte das für einen schweren Fehler gehalten - dieser Meinung war ich übrigens immer noch, jetzt mehr denn je - und hatte erzwungen, daß Adusa das Reich regieren sollte. Doktor von Stein, der einzige Mitwisser, hatte geschwiegen, wie er es uns versprochen hatte, aber er war an dieser Last zerbrochen. Ich muß zugeben, ich war erschüttert. So viele Tote hatte ich gesehen, nicht wenige davon gingen auf mein Konto, aber dieses eine Schicksal ging mir wirklich nahe. Doktor von Stein war ein treuer, ergebener Freund der königlichen Familie gewesen. Das hatte er nicht verdient.

"Meine Regentschaft steht unter keinem guten Stern", flüsterte Adusa verzweifelt.

"Mäuschen, es tut mir so leid." Ich drückte sie an mich. "Dennoch: ich würde wieder so entscheiden." Mit sanftem, säuselndem Schnurren leckte ich ihr Gesicht ab. Das hatte ich schon gemacht, als sie noch ein Baby gewesen war. Damals hatte sie immer gequietscht vor Vergnügen. Irgendwann, als sie größer war, hatte sie dann gemerkt, daß ihre Mutter anders war als andere Mütter. Ich hatte keine Hände, um meine Kinder zu streicheln oder in den Arm zu nehmen, und so war es beim Ablecken geblieben, für Adusa immer noch der Inbegriff zärtlicher Zuneigung. Ich fühlte, wie sie sich unter meiner rauhen Zunge entspannte.

"Mein Kind, du bist nicht die einzige, die schwere Zeiten durchmacht. Über der ganzen Welt ist der Himmel dunkel geworden. Es ist deine Pflicht, hier auf dem Posten zu stehen und das Reich und dein Volk zu beschützen, so gut es geht. Niemand erwartet Wunder von dir. Für Wunder sind Calract und Wesen wie ich zuständig. Du bist nur ein kleines, schwaches Menschenkind, und niemand kann mehr von dir verlangen, als daß du alles gibst, was du hast. Das aber bist du deinem Volk schuldig. Und der gute Doktor von Stein - nun, manchmal läßt ein unerbittliches Schicksal solche Dinge passieren. Niemand hat das gewollt, aber verhindern kann man sowas nicht immer. Das ist einfach dein schweres Los als Königin. Und als Mensch."

"Ach, Mama." Mein Kind, die junge Königin, klammerte sich ganz fest an mich, und ich streichelte sie mit meinen langen Ohren zärtlich über den Rücken.


Auch in Delandau, offiziell neutral, waren sämtliche Poststationen angegriffen worden. Von den sechs, die es gegeben hatte, hatten nur die in der Hauptstadt Aramus und die in Uprenn, nahe der Grenze zu Ost-Bremren, erfolgreich verteidigt werden können. Doch ständig lastete die Drohung auf dem Land, daß ein Heer aus Elfen und Rittern einfallen und es verheeren würde. Delandau wurde praktisch offen um Schutzgeld erpreßt, mit dem die Mittelländer ihren Krieg finanzierten. Dazu kamen die Glücksritter, die Hungernden. Nicht alle zog es in das vom Krieg verwüstete Westland. Im Osten war womöglich viel mehr zu holen.

Wenigstens drüben in den Kirchenländern war es noch ruhig, zumindest politisch, denn auch dort war jede einzelne Drachenpoststation solange angegriffen worden, bis sie vernichtet war. Es damit war nur noch eine Frage der Zeit, bis diese Gebiete Calracts Einfluß wieder entglitten.

Doch es gab auch Hoffnung.

Adusa beschloß, die Sitzung in dieser Nacht nicht fortzusetzen und stattdessen schlafen zu gehen. Im Bett saßen wir ja sowieso schon.

Wir redeten noch lange, irgendwann hing dann jede ihren Gedanken nach. Ich war gerade dabei einzudösen, als ich eine Präsenz zu fühlen begann, die ich nur zu genau kannte. Eine Horde Elfe war in telepathische Reichweite gekommen.

"Adusa. He, Adusa!"

Verschlafen rieb meine Tochter sich die Augen.

"Wir bekommen Besuch."

"Besuch. Was, wer ..." Sie fuhr hoch. Ich nickte. "Überlaß' sie mir." Ich atmete durch, dann legte ich meiner Tochter die Füße auf die Schultern und sagte mit ernster Stimme: "Adusa. Du hast wahrscheinlich die Geschichten über mich im Westland gehört. Es ist wahr, ich schlachte Elfen ab und fresse sie dann auf. Weißt du, Mäuschen, deine Mutter ist eine wilde, grausame Jägerin. Wenn ... wenn ich mit denen fertig bin, dann schicke zum Aufräumen ein paar Männer, die wirklich nichts mehr erschüttern kann. Und komm' auf keinen Fall selbst."

"Mama?"

"Ja, mein Schatz?"

"Ich hab' dich ganz furchtbar lieb." Sie blickte mich aus treuen, feuchten Augen an ... sie wußte genau, was ich tat. Und daß ich mich dafür nicht nur nicht schämte, sondern sogar stolz darauf war. Aber ich war ihre Mutter. Ich liebte sie und war gekommen, um sie zu beschützen.

Ich umschloß sie mit meinen langen Beinen und drückte sie ganz fest an mich. Dann stürzte ich mich aus dem Fenster, während Adusa in aller Eile die Stadtwache alarmierte. Sie sollten auf keinen Fall etwas Auffälliges tun, um die Elfen, die in ein paar Minuten da sein würden, nicht zu warnen, und sich stattdessen in Sicherheit bringen.


Stille. Wir waren zwei Lunaloc-Dämonen und ich. Die Menschen, die hier in der Drachenpoststation arbeiteten, ungefähr sechs, waren normalerweise nie in der Nacht hier, sodaß wir uns um sie keine Sorgen zu machen brauchten.

"Ja ... sie wollen ganz schnell hier ihre Brandfackeln abwerfen, euch abschlachten bevor alles in Flammen steht, und dann wieder abhauen. Sie glauben, euch im Schlaf überraschen zu können. Es sind acht, vier oder fünf davon Dunkelelfen", flüsterte ich den beiden Dämonen zu. Nun, die Elfen würden hier ihr blaues Wunder erleben.

"Paßt auf, wir haben noch ein oder zwei Minuten. Ihr stellt euch schlafend. Ich warte draußen. Sobald alle bis auf einen drin sind, schnappe ich mir den letzten und komme dann auch rein oder fange die ab, die fliehen wollen, je nachdem." Die beiden Dämonen nickten. Sie trugen an einigen Körperstellen Rüstungen, außerdem waren sie mit mehreren Schwertern, Keulen und Morgensternen bewaffnet. Selbst ohne mich hätten die Elfen hier kein leichtes Spiel gehabt. Immerhin, acht gegen zwei, das hätten sie geschafft. So aber war ihr Schicksal besiegelt.

Ich huschte ins Freie und schloß leise die Türe hinter mir. Dann ging ich in Deckung. Meine fast schwarze Haut war in der Nacht eine ideale Tarnung, fast so gut wie die Unsichtbarkeit dieser Biester.

Die Elfen waren in der Tat, wie meist, wenn sie in kriegerischer Mission unterwegs waren, unsichtbar. Normalerweise konnte ich sie zumindest schemenhaft sehen, aber es war finstere Nacht. Das machte aber nichts, meine Ohren orteten sie ganz genau, und mein telepathischer Sinn natürlich erst recht. Ich nahm das leichte Rauschen der Schwingen der Dunkelelfen und das ganz sachte Zirpen der Flügel der Lichtelfen ganz deutlich wahr, ich fühlte die Wärme, die ihre Körper abstrahlten und die kleinen Luftwirbel, die sie bei ihrer raschen Fortbewegung erzeugten.

Ich fragte mich, wie sie vorgehen wollten, denn Fackeln hatten sie keine dabei. Die konnten sie nämlich nicht unsichtbar machen. Nun ja, Fackeln hatten sie natürlich schon, nur keine, die schon brannten. Also knackten sie, als sie schließlich angekommen waren, die Laterne auf dem Platz vor dem Haus und entzündeten die Fackeln dort. Sie machten sich sogar kurz sichtbar, weil sie sich sonst nicht hätten koordinieren können. Die Unsichtbarkeit der Elfen war durchaus eine zweischneidige Sache: sie sahen sich gegenseitig dann nämlich auch nicht. Allerdings waren sie es gewohnt, so zu arbeiten, und waren entsprechend routiniert. Sie waren sogar so umsichtig, die zerbrochene Laterne mit schwarzen Tüchern zu verhüllen, sodaß ein zufällig vorbeikommender Passant sie leicht hätte übersehen können. Ich überlegte es mir anders. Ich würde sie alle acht hier draußen erwischen und das Haus auf diese Weise davor bewahren, angesteckt zu werden.

Ich schloß die Augen. Ich brauchte sie nicht und ihr gelbes Leuchten hätte mich nur verraten. Dann schoß ich empor.

Als der Todesschrei des ersten Elfs in seinem Blut erstickte, fuhren die anderen alarmiert hoch. Doch ich hatte mir genau überlegt, in welcher Reihenfolge ich sie töten würde. Der erste war noch nicht auf das Straßenpflaster geknallt, da durchbohrten meine Krallen schon das Herz des nächsten. Den Fuß aus dem zweiten herausgezogen, mich am dritten, der nun zu Boden ging, abstützend, jagte ich auf den vierten zu. Die Elfen waren schnell und kampferfahren. Mein nächstes Ziel wich mir instinktiv aus, versperrte dafür aber seinem Nebenmann das Aktionsfeld. Ich zog ihm meine Krallen durch das Gesicht. Keine sofort tödliche Verletzung, aber kämpfen konnte er erst mal nicht mehr.

Der fünfte überlegte einen Moment zu lange, bevor er sein Schwert zog. Da flog seine Hand schon in hohem Bogen über den Platz und er schrie gellend auf. Der sechste und der siebte starteten in blinder Panik, während der achte noch Zeit hatte, sein Schwert zu ziehen. Seit dem Beginn meines Angriffs waren genau 1,1 Sekunden vergangen. Nummer acht fiel, und ich jagte sechs und sieben hinterher. Nummer sechs bohrte ich meine Krallen in den Unterschenkel, zog ihn dann heran und brach mit einem gezielten Hieb sein Genick. Wie ein Sack stürzte er zu Boden. Leider konnte ich meinen Fuß nicht mehr rechtzeitig von ihm lösen und verlor genau den Augenblick, den ich für Nummer sieben gebraucht hätte.

Doch der flog nicht davon, sondern hielt in der Luft an und fing an, mit Pfeilen auf mich zu schießen.

Die Pfeile waren in der Finsternis praktisch genauso unsichtbar wie der Elf, aber auch sie konnte ich mit meinen Ohren orten. Nur ausweichen konnte ich in der Luft bei weitem nicht so leicht wie am Boden, trotz meiner Wendigkeit.

Ausweichen nicht, aber fangen konnte ich sie.

Meine Augen waren immer noch geschlossen. Ein zu deutliches Ziel hätten sie dem Lichtelf sonst geboten. In der Tat wußte er gar nicht so ganz genau, wo ich war. Einige seiner Pfeile hätten mich dennoch getroffen. Er feuerte schneller als einen pro Sekunde, und das mit ungeheurer Kraft. Trotzdem hatte er keine Chance. Denn nach zehn Sekunden war sein Vorrat an Pfeilen erschöpft.

Unten waren inzwischen die beiden Dämonen erschienen und hatten die Elfen, doch meinen ersten Angriff überlebt hatten, erschlagen. Zu versuchen, sie gefangenzunehmen und zu verhören, war sinnlos. Sie töteten sich lieber selbst, als irgend etwas zu verraten.

Und ich stürzte mich auf Nummer sieben, und zwar von oben, während er mich unter sich vermutete. Bis er meine Krallen in seinem Rücken spürte. Und das war auch das letzte, was er in seinem Leben fühlte. Er war tot, als wir unten landeten.

Nach und nach gingen in den benachbarten Häusern die Lichter an, und eine wachsende Schar von in Schlafanzügen gekleidete Menschen sammelte sich auf dem Platz. Als sie mich sahen, fielen sie auf die Knie. Ich war gerührt. Anfangs war ich nicht bei allen Menschen dieses Landes willkommen gewesen, aber in den 20 Jahren, die Ralph und ich hier regiert hatten, hatte sich das geändert. Wir hatten diesem Volk Wohlstand und Frieden gebracht, und das dankten die Menschen uns durch tiefe Verehrung und Treue.

Kurz darauf erschein die Stadtwache. Und Adusa.

Nun ja, wenn sie es unbedingt sehen wollte ... schließlich war sie die Königin. Und so schlimm wie damals vor der Hütte von Franz Gröller war es diesmal bei weitem nicht geworden. Meine Beute war im großen Ganzen noch an einem Stück. Nur das Straßenpflaster war ziemlich rot geworden.

Jedenfalls war ich die Heldin des Tages.


In der Nacht geschah nicht mehr viel, außer daß die Leichen der Elfen weggeräumt und sofort verbrannt wurden. Dafür gab es am nächsten Tag ein spontanes Willkommens- und Freudenfest.

Ich war wieder daheim. Und ich freute mich riesig.

Adusa hatte die erlegten Elfen gesehen, und sie war wahnsinnig stolz auch mich. Auch die beiden Lunaloc-Dämonen verehrten mich wie eine Heilige. Es war ein wunderbarer Tag. Und so schnell würden die Elfen sich hier nicht wieder her trauen.

Ich allerdings wollte nicht lange bleiben. Am folgenden Tag trat der große Reichsrat zusammen. Ich nahm als eine Art Gast oder Königinmutter teil, mein Wort hatte immer noch großes Gewicht, insbesondere nach meinem Kampf gegen die Elfen hier. Es wurden aber keine wirklich weltbewegenden Beschlüsse gefaßt. Was hätte ein kleines Land wie Delandau auch tun können außer zu versuchen, sich irgendwie über Wasser zu halten. Obwohl - es gab auch Stimmen, die den engen Bund zwischen Delandau und Calract für verhängnisvoll ansahen und das Bündnis kündigen wollten. Diese Stimmen waren jetzt, wo ich da war, allerdings so gut wie verstummt, nur wenige hatten den Mut, jetzt noch offen dafür einzutreten. Ihre Motive waren ehrlich: sie waren der Überzeugung, Calract würde sie mit ins Verderben ziehen, wenn sie die Verbindung nicht offen widerriefen.

Ich konnte noch nicht mal behaupten, daß das nicht stimmte: jeder Freund von Calract war ein Ziel, sei es Delandau, sei es Affernavese oder Laguna. Aber es war auch eine Frage der Ehre. Zusammen hatten wir gute Zeiten gehabt, jetzt mußten wir auch in schweren Zeiten zusammenstehen. Ich war sicher, daß Calract am Ende siegen würde, so oder so. Einen Faktor wie ihn konnte man nicht mit militärischer Gewalt beseitigen. Die Elfen bluteten sich aus, während mein Geliebter immer und immer wieder aufstand. Langsam zwar - zu langsam - aber am Ende würde er siegen. Daran bestand für mich kein Zweifel.

Und das überzeugte die Delandauer schließlich. Sie schworen Calract Freundschaft und Treue, wenn sie nur militärisch neutral bleiben durften. Dafür versprach ich, mich bei Calract dafür einzusetzen, ein paar zusätzliche Drachen hierher als Schutz zu verlegen.

*

Die Tage gingen vorbei, und das schneller, als ich es merkte. Zu süß war das Zusammensein mit meiner Tochter in einem Land wo ein, wenn auch nur zerbrechlicher Frieden herrschte. Doch eines Tages entschloß ich mich wieder aufzubrechen. Nur: wohin. Wieder ins Westland zur Elfenjagd? Oder ins Gartenland zu IHM? Der Zufall kam mir zu Hilfe, als ich durch einen Postdrachen erfuhr, daß Calract sich nach Alessandrina begeben hatte, um großen Kriegsrat zu halten. Endlich! Damit schlug ich zwei Fliegen mit einer Klappe: ich war wieder im Westen und bei Calract. Wundervoll!

So verabschiedete ich mich von meiner geliebten Tochter und meinem Volk, und machte mich auf den langen Flug zurück. Unterwegs las mich einer der Drachen auf und ersparte mir einen Teil des langen Fluges, und so betrat ich am 3. April 1270 die befestigte Stadt Alessandrina, Großfürstin Hotarus Hauptstadt, heißumkämpftes Armee-Hauptquartier und zur Zeit wohl das größte Flüchtlingslager der bekannten Welt.


*


Rückblick

Im Laufe des Winters und beginnenden Frühjahrs strömten immer mehr Flüchtlinge und Entwurzelte aus allen Ländern, die Calract gehörten oder mit ihm verbündet waren, ins Gartenland. Hier fanden sie Frieden, und nicht zuletzt genug zu essen, wiederum dank Arashi, die in weiser Voraussicht dafür gesorgt hatte, daß in kurzer Zeit große Mengen an Lebensmitteln herangeschafft werden konnten. Die Piraten waren dabei eine unschätzbare Hilfe: sie fuhren Lebensmittel heran und evakuierten viele der Flüchtlinge vorübergehend auf die Chadney-Insel. Gelegentlich griffen die Elfen allerdings auch Piratenschiffen an, doch BQMZ hielt ihrem engsten Verbündeten eisern die Treue. Als Gegenleistung wurde jeder Transport von mindestens einem Drachen eskortiert. Übrigens legten von Zeit zu Zeit auch Schiffe ab, deren Ziel viel weiter weg lag, gut 5.000 Kilometer - die Dana'an-Insel nämlich.

Der Krieg tobte jetzt vor allem im Westland, doch es gab immer noch ständige Überfälle auf die verbliebenen Poststationen. Selbst im Schwarzen Königreich waren schon vereinzelt Elfen gesichtet worden. Im Grunde war nichts und niemand mehr sicher. Nur in das Gartenland und nach Lunaloc trauten sie sich einstweilen nicht mehr. Und seltsamerweise machten sie auch um Riinar einen großen Bogen. Was sie dort so sehr fürchteten, wußte allerdings niemand, nicht einmal die Göttin des Lichtes selbst. Davon abgesehen wäre Riinari durchaus jederzeit leicht in der Lage gewesen, jeden feindlichen Angriff auf ihr kleines Land abzuwehren.

Irgendwann platzte Calract der Kragen. All die Monate hatte er gehofft, daß die Elfen angesichts ihrer hohen Verluste irgendwann aufgeben würden. Aber offenbar dachten sie nicht daran und machten ernst. Nämlich mit dem Kampf, der erst endete, wenn eine der beiden Kriegsparteien vom Antlitz der Erde ausgelöscht war. Es war abzusehen, daß sie selbst es sein würden, dennoch kämpften sie mit Todesverachtung weiter. Calract hatte dem eigentlich schon viel zu lange zugesehen. Die Abschußmeldungen aus dem Westland hatten ihn in dem Glauben gelassen, die Elfen würden bald aufgeben müssen. Das aber taten sie nicht, und so beschloß Calract endlich, sich den Teil des Feindes vorzunehmen, den er am leichtesten greifen konnte. Am 12. April 1270 stand er schließlich mit Hotaru vor dem Weißen Schloß und verlangte ultimativ die Herausgabe von König Wilhelm, andernfalls die Eiserne die Energiebarriere um das Schloß angreifen würde. Ob diese standhalten würde, war zwar offen, ganz sicher nicht standhalten würde aber die Stadt darum herum. Von ihr würde nur ein geschmolzener Krater übrigbleiben, wenn die Eiserne richtig loslegte.

Doch Calract erlebte eine Überraschung. Die Prinzen Harro II und Frank kamen mit einer weißen Fahne aus dem Schloß.

"Was soll das denn werden?" Calract sah Hotaru fragend an, doch das Gesicht der Eisernen war reglos. Nur tief in ihren Augen, da sah Calract Mordlust. Was allerdings kein Wunder war. Hotaru bekam wie kaum ein anderer Tag für Tag die Schrecken dieses Krieges mit.

Schließlich traten die beiden ältesten Weißen Prinzen vor Calract hin. Sie wirkten ziemlich aufgelöst.

"Na Jungs, was ist das jetzt?" Calract deutete auf die weiße Fahne und blickte die beiden durchdringen an. Mit gefährlich leiser Stimme fragte er: "Wo ist Willi?"

"Unser Vater ... er ist verschwunden."

"Verschwunden?"

Calract glaubte den beiden kein Wort. Er verlangte Zutritt zum Schloß, um es persönlich durchsuchen zu können. Die beiden Prinzen besaßen je einen magischen Anhänger, der ihnen das Schirmfeld öffnete, und einen davon nahm der Zauberer an sich. Damit hatten er und Hotaru freien Zugang zum Schloß. Calract durchsuchte es von oben bis unten. Dann ließ er ein paar Lunaloc-Dämonen kommen, die auf das Finden von Menschen spezialisiert waren. Auch Lalalu erschien in der Weißen Hauptstadt, um Calract zu unterstützen. Doch das Ergebnis blieb das gleiche. König Wilhelm war verschwunden und zwar, wie sich herausstellte, schon seit dem 3.12.1269, also seit vier Monaten. Seltsamerweise hatte das der Kriegführung weder der Elfen noch der Weißen Armeen einen Abbruch getan. Das gab Calract ziemlich zu denken. Wer stand eigentlich hinter dieser Wahnsinnsaktion, wenn das Verschwinden des Mannes, den man für die treibende Kraft gehalten hatte, monatelang nicht auffiel? Und natürlich stellte sich die Frage, was aus ihm geworden war. War er geflüchtet? Calract hielt das für ausgeschlossen. Also war er entführt worden. Aber von wem und warum? Fragen über Fragen.


Der Schwarze König saß auf dem Weißen Thron. Einige Tage waren vergangen und die Dämonen hatten die Weiße Stadt besetzt und unter ihre Kontrolle gebracht. Widerstand hatte es keinen gegeben, die Bevölkerung nahm die Besatzung apathisch hin. Calract sinnierte vor sich hin: Es ist unglaublich: der feindliche König verschwindet, und niemand auf der ganzen Welt merkt etwas davon. Was für einen unheimlichen Krieg führe ich hier eigentlich? Es hilft alles nichts. Ich muß an die Elfen heran. Aber vorher wird hier aufgeräumt. "He, Wache!"

Der Angesprochene war ein Weißer Ritter, einer der wenigen, die im Palast verblieben waren. Er schlug zackig die Hacken zusammen und rief: "Ihr wünscht, Majestät!"

"Bring' mir mal die beiden Prinzen! Und sie sollen was zum Schreiben mitbringen. Für das da ..."

"Jawohl, Majestät!"


Calract war gerade dabei, die Kapitulation des Weißen Königshauses vorzulegen, als ihn das SIGNAL erreichte. Einer seiner Agenten - Mag Traunsteiner - hatte einen Splitter des Mondkristalles gefunden. Der Schwarze König zuckte heftig zusammen und ließ alles fallen, was er gerade in der Hand hatte. Zufällig stand Lalalu neben ihm. Er sagte zu Hotaru und den Prinzen: "Tut mir leid, wir müssen das verschieben. Ich habe etwas Unaufschiebbares zu erledigen. Es kann ein paar Tage dauern. Lalalu, wenn du willst, kannst du mich begleiten." Die schöne Dämonin lächelte mit ihren vollen Lippen und nickte. "Klar. Immer!" Calract ließ den Mondkristall aufglühen und entmaterialisierte sich. Kopfschüttelnd rollte die Eiserne die Kapitulationsurkunde wieder zusammen und erklärte den Prinzen: "Anscheinend dauert es noch ein bißchen. Haltet euch zur Verfügung."


*


Ein paar Tage später kehrte Calract dann wieder aus dem Land der Pfirsichblüten zurück, nachdem er in Riinar Zwischenstation gemacht und Traunsteiner auf die Suche nach König Wilhelm geschickt hatte.

Die Bilanz dieser wenigen Tage war beachtlich: er besaß jetzt ein neues Territorium am Südufer des Octavius-Meeres, verwaltet durch die Hexe Rebekka, in das er von den Piraten sofort die ersten Flüchtlinge evakuieren ließ. Das entlastete die angespannte Situation im Gartenland ganz gewaltig. Auch die auf Chadney untergebrachten Menschen konnten jetzt in eine neue Heimat verschifft werden. Auf der Dana'an-Insel hatten die Elfen eine womöglich kriegsentscheidende Niederlage hinnehmen müssen, zudem hatte Calract anschließend sogar das Wunder geschafft, einen neuen Verbündeten zu finden. Soweit waren die Dinge also zu seiner größten Zufriedenheit geregelt, als er schließlich in die Weiße Hauptstadt zurückkehrte.

Hotaru war allerdings längst nicht mehr da, sondern kämpfte wieder an der Westfront. Die Kapitulationsurkunde des Weißen Reiches lag immer noch ohne Unterschrift im Weißen Schloß, dessen Barriere inzwischen allerdings erloschen war. Zumindest diese Wirkung hatte die Vernichtung der Elfenbasis auf der Dana'an-Insel unzweifelhaft gehabt. Sonst aber, wie sich herausstellte, leider keine. Calract fiel es schwer zu akzeptieren, daß der Elfenkrieg selbst nach diesem Schlag unvermindert weiterging, obwohl die Elfen jetzt, ohne diesen Schutzschirm, von den Drachen viel leichter abgeschossen werden konnten. Um so dringlicher empfand er es, endlich im Weißen Reich für Ruhe zu sorgen.

Calract ließ eine Schwadron aus 30 Drachen kommen, die feuerspeiend ein paar Runden über der Stadt zogen, bevor sie landeten. Einige verteilten sich über die Hauptstadt, aber zwölf von ihnen gingen direkt vor dem Weißen Schloß nieder und besetzten die Zufahrt, die Rampe, den Platz vor und um das Schloß sowie die Innenhöfe. Jeder Drache hatte neben seinem Begleiter noch zwei Dämonen der Lunaloc-Armee mitgebracht, und auch Kyraia, Lalalu und Arashi waren mit von der Partie, letztere allerdings eher gegen ihren Willen. Calract wollte sie auch nicht in die unmittelbaren Kampfhandlungen hineinziehen, denn obwohl auch diese Typ-III-Orna-Dämonin als Waffe konzipiert war, entsprach so etwas nicht ihrer sanften, eher nachdenklichen Natur. Für sie war das hier nur eine Zwischenstation.

"Wo sind die Prinzen?"

Es war gar nicht so einfach gewesen, in dem großen Schloß überhaupt eine Menschenseele zu finden. Calract war schließlich auf ein paar ziemlich verängstigte Wachen gestoßen. Doch die jungen Ritter wußten leider nichts.

Fast hatte der Schwarze König die Hoffnung schon aufgegeben, da führten seine Dämonen ihm doch noch den Prinzen Frank vor.

"Na, Bursche, jetzt verrat' mit doch mal, wo der Rest deiner Sippe steckt. Fangen wir mit was Leichtem an, nämlich deinen Brüdern. Vor allem Harro II. Der war doch vor ein paar Tagen noch da."

"Mein Bruder Harro ist mit seinen Getreuen ausgezogen, um unseren Vater zu suchen. Er wollte nicht mehr hier sein, wenn wir gezwungen werden, vor dem Mörder unseres Großvaters zu kapitulieren."

"Wie?" Verdammt, ich wußte es. Sie würden mir die Schuld geben. Calract war empört, und das sah man ihm deutlich an.

Frank starrte mit bleichem, verkniffenen Gesicht zu Boden. Er zitterte vor Angst.

"Wer hat dir denn diese Geschichte erzählt?", fragte der Zauberer drohend.

Doch der junge Prinz hielt weiterhin den Blick auf den Boden gerichtet.

"Antworte!"

"Mein Vater hat es selbst gesehen."

"Hat er nicht!", donnerte Calract empört. "Ich war damals mit Lalalu im Schloß. Harro selbst wollte, daß wir ihn mitnehmen, hinaus aus diesem Alptraum, und so zeigte er uns einen Weg, über den wir zu entkommen hofften. Leider lief er aber einem Dunkelelf ins Schwert. Diese Bestien haben sich einen Dreck darum gekümmert, daß sie den Schweigervater ihres engsten Verbündeten abschlachten. Und ...", er sah Lalalu an, "ich habe genau gewußt, daß sie mir das anhängen würden." Die Dämonin nickte. Calract fuhr fort: "Durch diese Barriere waren meine Zauberkräfte gelähmt, sonst hätte ich ihn vielleicht retten können. So aber war es umgekehrt: er hat uns gerettet. Über den Weg, den er uns gezeigt hat, konnte ich mit Lalalu entkommen. Tja, Ironie des Schicksals: wir beide verdanken deinem Großvater wahrscheinlich unser Leben, und zum Dank ist er von seinen eigenen Verbündeten ermordet worden. Hör zu, Frank, es ist mein fester Wunsch, diesen Wahnsinn möglichst schnell zu beenden. Und wenn du klug bist, dann solltest du das auch wünschen."

Calract sah Frank finster an, dann fragte er weiter: "Und nachdem das jetzt klargestellt ist, kommen wir zurück zu deiner Familie. Also, wo steckt der Rest?"

"Reinhard ist, glaube ich, an der Westfront, und Felix wurde auf dem Land in Sicherheit gebracht, Herr."

"Auf dem Land in Sicherheit gebracht." Calract trat auf den verängstigten Prinzen zu und packte ihn am Kragen. "Und vor wem in Sicherheit?"

"V ... v ... vor Euch oder den Elfen, ich weiß es nicht."

"Und wer hat das dann angeordnet?"

"Mein Bruder Harro, bevor er aufbrach, Herr."

Calract ließ den zitternden jungen Mann wieder los. Prinz Frank, gerade mal 17 Jahre alt, war dieser Situation ersichtlich nicht gewachsen.

"Und jetzt zur Frage aller Fragen: wo ist Alessandra, die Goldene Königin?"

"Ich ... ich weiß es nicht, Herr. Vor einem Jahr ging sie mit den Elfen. Seitdem haben wir nichts mehr von ihr gehört."

Das ist auch besser so. Sie ist nämlich tot oder so was Ähnliches. Und wenn mir das jemand anhängen wollte, hätte er erheblich mehr Recht als bei deinem Großvater. Das sagte er dem Prinzen allerdings nicht.

"Die Kapitulationsurkunde?"

"Sofort, Herr."

Brav, brav. Frank spurtete los und erschien wenig später mit der noch nicht unterschriebenen und gesiegelten Schriftrolle in der Hand.

Calract hatte folgendes darin notiert:

Kapitulationsurkunde

1) Das Weiße Königshaus stellt sämtliche Kampfhandlungen gegen Calracts Besitztümer, Untertanen und Territorien sofort ein

2) West-Bremren tritt das Gebiet westlich des Siina an die Westkolonie ab und wird mit Weißen Reichsland gleicher Größe entschädigt

3) Das Weiße Königreich unterbindet den Durchzug von Personen aller Art, die sich in feindlicher Absicht oder ohne Erlaubnis in das Westland oder sonst eins von Calracts Territorien begeben wollen

4) Sämtliche verfügbaren Informationen über die Elfen werden offengelegt

5) König Wilhelm muß an Calract ausgeliefert werden, der mit ihm verfahren kann, wie es ihm beliebt

6) Alle Drachenpoststationen werden wieder geöffnet und von Weißen Rittern geschützt. Die Station in der Hauptstadt bekommt die rechts und links gelegenen Nachbargrundstücke zugeschlagen. Die für die Überfälle verantwortlichen Personen werden ausgeliefert

7) Über eine Kriegsentschädigung wird zu einem späteren Zeitpunkt verhandelt

"Und Achtens) Da der Weiße König als Kriegsverbrecher steckbrieflich gesucht und damit abgesetzt ist, wird das nächst-verfügbare Mitglied des Weißen Königshauses, nämlich Prinz Frank, ab Unterschrift zum neuen Weißen König bestimmt."

Calract sah den totenbleichen Prinzen an und hielt ihm die Feder hin.

"Unterschreib'!"

"Aber Herr, ich bin nicht der König. Nur er ...", winselte der Prinz.

Calract zog sein Schwert. Es war ein Elfenschwert, und die Klinge leuchtete drohend vor Franks Gesicht. "Unterschreibe!"

Mit zitternden Fingern tauchte Frank die Feder in die Tinte und kritzelte seinen Namenszug unter das Dokument. Dann folgte das Siegel. Dasselbe tat er mit der Kopie. Auch Calract unterzeichnete beide. Eine der Rollen schob er dem Prinzen zu, die andere nahm er an sich und sah nochmals über die Punkte.

"Na bravo, König Frank der Erste", meinte Calract mit ironischer Stimme.

Dies war die Stunde der tiefsten Erniedrigung und Demütigung des Weißen Königshauses.

Doch der Schwarze König war nicht zufrieden. An seiner Seite standen Lalalu und der Sensenmann, etwas dahinter Arashi und Kyraia. Calract winkte sie näher heran.

"Wir brauchen uns da keine Illusionen zu machen. Im Moment ist das nichts als ein wertloses Stück Papier. Erstens: Das Weiße Königshaus kann die Kampfhandlungen gar nicht einstellen, weil es längst keine Kontrolle mehr über sie hat und wahrscheinlich auch nie hatte. Der König ist untergetaucht, die Königin tot, die ...

"TOT! Aber ... aber ... oh, mein Gott, Mutter." Der Prinz beziehungsweise der neue König sah Calract fassungslos an, dann schlug er die Hände vor das Gesicht.

Calract nahm auf seine Befindlichkeit keine Rücksicht. "Die Elfen haben von Anfang an ein Chaos im Sinn gehabt. Was da gegen uns kämpft, ist nicht die Armee eines Reiches, sondern etliche Gruppen von Marodeuren, Partisanen und Mördern. Sie haben von der regulären Armee teilweise Waffen und logistische Unterstützung bekommen, aber das macht daraus noch lange nicht die Reichsarmee. Niemand hat über diese Bande die Befehlsgewalt. Ganz zu schweigen von den Ausländern, Arcadiern, Ganda- und Botha-Leuten, Karolingern und was weiß ich was noch alles."

Sie werden von meinen Drachen zu Tausenden niedergemäht, und dennoch hört der Zustrom nicht auf. Calract seufzte und sah die Anwesenden, auch den neuen Weißen König, der Reihe nach an. "Und das heißt, wir werden alle, die sich auf unserem Land herumtreiben, wie bisher erbarmungslos jagen und töten, bis keiner mehr übrig ist. Zweitens: ob sich das mit dem Land am Siina gegenüber Bremren durchsetzen läßt, ist mehr als fraglich. Das Gebiet war bisher strittig und wird es jetzt weiterhin sein. Ich habe mir sogar überlegt, diesen Passus wegzulassen, weil der Graf inzwischen eins meiner Kinder ist. Aber es geht mir hier darum, gegenüber dem Weißen Reich Ansprüche aufzustellen, die es in Zukunft nicht mehr ignorieren kann."

Calract holte Luft. "Zu Punkt drei: siehe eins. Hier ist jede Ordnung zusammengebrochen. Du, König Frank", er bohrte dem Jungen seinen Zeigefinger in die Brust, "bist ab sofort dafür verantwortlich, Recht und Ordnung wiederherzustellen und dafür zu sorgen, daß diese Räuberbanden aus dem Verkehr gezogen werden. Dann zu Punkt vier: verhört habe ich euch ja schon alle. Keiner weiß was. Aber ich warne dich: wenn irgendwo irgendwelche Informationen, die die Elfen betreffen, auftauchen und du sie nicht umgehend an Kyraia weitergibst, dann wirst du den Tag bereuen, an dem du geboren wurdest!"

König Frank zitterte am ganzen Leib. Er war grau im Gesicht. Diesen schrecklichen Tag würde er nie in seinem Leben vergessen. Calract fragte sich, was er wohl daraus machen würde. Sein Vater Wilhelm hatte damals, im Alptraumland, eine ähnlich traumatische Erfahrung machen müssen. Er war darüber, wie man jetzt wußte, zum Monster geworden, auch wenn er das 20 Jahre lang hatte verheimlichen können. Vielleicht wurde Frank das auch, vielleicht aber stattdessen zu einem Wurm, der von nun an vor jeder noch so kleinen Entscheidung den Schwarzen König um Erlaubnis fragte. Man würde sehen.

"Fünftens, die Auslieferung: darum kümmere ich mich schon selbst. Du, Kyraia, wirst hier aber auch ein bißchen die Augen aufhalten. Könnte ja sein, daß er genauso plötzlich wieder auftaucht, wie er verschwunden ist."

Die engelsgleiche Dämonin, deren Flügel in düsterem Dunkelgrau erschienen, nickte. Calract konnte sich auf sie verlassen. Sie würde hier mehr tun als nur ihre Pflicht, denn sie hatte mit Wilhelm noch eine Rechnung offen. Davon abgesehen war Kyraia sowieso immer eine seiner besten und zuverlässigsten Mitarbeiterinnen gewesen, ihrem Vater in tiefer Liebe, Dankbarkeit und Treue zugetan.

"Sechstens. Die Erweiterung unseres Verbindungsbüros. Das ist auch wieder was für dich, Mädelchen", sagte er an Kyraia gewandt. Diese nickte und ergriff das Wort: "Leider wissen wir bisher nur bei wenigen der Aktionen gegen unsere Verbindungsbüros die Namen der Verantwortlichen, aber im Falle von Trok kennen wir ihn." Ihre Schwingen färbten sich noch dunkler. "Es ist der Baron von Remlingshausen. Seine Güter werden hiermit eingezogen und in das Eigentum des Schwarzen Königs überführt. Zufällig befindet sich darunter auch eins der beiden Grundstücke, deren Beschlagnahme zum Zweck der Vergrößerung des Verbindungsbüros mit besagtem Punkt 6 festgelegt ist. Der Eigentümer des anderen Hauses wird entschädigt, falls sich herausstellen sollte, daß er an keiner feindlichen Aktion gegen uns teilgenommen hat. Wenn nicht, werde ich persönlich einen Steckbrief für ihn herausgeben. Und nur damit es zu keinen Mißverständnissen kommt: alle Menschen, die sich an den Überfällen und Brandschatzungen gegen meine Verbindungsbüros beteiligt haben, werde ich finden und hinrichten!"

Kyraias Schwingen waren inzwischen tief schwarz geworden, und sie blickte Frank unheilverkündend an. Der nickte ängstlich.

Calract fuhr fort: "Tja, was hätten wir noch, Punkt sieben, die Reparationen. Weiß ich jetzt noch nicht."

Arashi meinte: "Die Leute hier sind doch aufgebrochen, weil der Hunger sie getrieben hat. Bei denen ist wohl nichts zu holen."

"Bei den Bettlern auf der Straße sicher nicht, aber zum Beispiel beim Adel und dem Königshaus. Ich könnte zum Beispiel das Weiße Schloß einkassieren. Na, mal sehen. Ja, und dann hätten wir unter Punkt acht noch einen neuen König. Na, Kleiner, wie fühlt man sich denn so als frisch gebackener Souverän eines großen Landes?" Calracts Stimme troff nur so vor Hohn.

König Frank saß totenbleich, mit verkrampften Fäusten, am Tisch und blickte starr ins Leere. Hilflosigkeit und Wut spiegelten sich in seinem Gesicht.

"Deine Eltern haben hoch gepokert. Aber tröste dich, der Krieg ist noch nicht vorbei. Vielleicht passieren ja noch ein paar Überraschungen. Aber eins sage ich dir: ich werde hier jede einzelne Stadt und jedes Dorf niederbrennen lassen, wenn du es nicht schaffst, deine Untertanen unter Kontrolle zu halten. Und das heißt: hier könnt ihr euch von mir aus alle gegenseitig umbringen, bis ihr wieder so wenige seid, daß der Boden reicht, alle zu ernähren. Aber wenn dieser Zug in meine Westkolonie nicht sofort aufhört, dann mache ich euch fertig!"

Mit diesem Worten rauschte er ab.


König Frank brauchte eine Weile, bis er wieder klar denken konnte. Er zuckte zusammen, als er auf dem Stuhl gegenüber noch jemanden sitzen sah, eine einfach gekleidete, irgendwie seltsam aussehende Frau mit schulterlangem, vollem Haar, hellbraunen Augen und heller, leicht marmorierter wirkender Haut. Sie sah ihn freundlich an. "Ich bin Arashi, Orna-Dämonin und Calracts Majordomina. Freut mich, dich kennenzulernen, Frank."

Frank starrt Arashi entgeistert an.

Die erhob sich und setzte sich direkt vor ihm im Schneidersitz auf den Tisch. Sie hatte nackte Füße mit kräftigen Zehen, und allem Anschein nach fehlten ihr die Arme. Normalerweise wäre Frank darüber schockiert gewesen, doch im Moment beschäftigen ihn ganz andere Dinge, so daß er es gar nicht zu bemerken schien.

"Ich gehöre zu denen, denen die Elfen, dein Vater, deine Mutter und wahrscheinlich auch du den Tod geschworen hast. Aber ich glaube, du hast überhaupt keine Ahnung, auf was du dich da eingelassen hast. Du kennst uns nicht. Du bist Calract nie zuvor persönlich begegnet. Ihr spielt hier mit Mächten, von denen ihr nicht die leiseste Ahnung habt. Ihr seid nichts als Kanonenfutter der Elfen." ... der Elfen ... oder dem, der hinter ihnen steht ...

Mit riesigen Augen starrte Frank auf die Dämonin. Es sah nicht so aus, als hätten ihre Worte sein Bewußtsein erreicht. Irgendwann kehrten seine Blicke wieder in die Realität zurück. Er begann, Arashi genauer zu mustern. Schließlich trat ihm erneut der Schweiß auf die Stirn: "Du ... du hast ja gar keine Arme", flüsterte er kaum hörbar.

Die Dämonin ließ ihre braunen Augen kurz grün aufblitzen. "Habe ich doch gesagt: du kennst deinen Feind überhaupt nicht, du weißt nur, daß er ausgerottet werden muß."

Irgend etwas an Arashis Stimme berührte Franks Innerstes. Und dann brach er schluchzend zusammen.

Es dauerte lange, bis er sich wieder gefaßt hatte, und da fand er sich an der weichen, warmen Brust dieser Dämonin wieder, die sich genauso anfühlte wie seine Mutter, die Königin. Mit ihren Beinen drückte sie den verzweifelten Prinzen zärtlich an sich.

Dann sagte sie mit sanfter Stimme: "Anscheinend ist dir allmählich aufgegangen, was Calract alles von dir verlangt, und du hast nicht die Spur einer Chance, seine Bedingungen zu erfüllen, und wenn du es nicht tust, dann kannst du nur noch zusehen, wie er dein Land in Schutt und Asche legt. Glaub' mit, Frank, Calract hat sogar mehrere Möglichkeiten, unter denen er sich die grausamste aussuchen kann, um das zu tun."

Frank begann erneut zu zittern. Seine Lage erschien ihm schlicht und einfach aussichtslos.

Da nahm Arashi sein Gesicht zwischen ihre Füße und sagte: "Wenn du mir vertraust, dann werde ich dir helfen."

"Helfen? Aber ..."

"Kein aber. Ich diene Calract, aber ... er ist nicht das Ungeheuer, als das dein Vater ihn hingestellt hat, im Gegenteil. Für einen fairen Ausgleich ist er immer zu haben. Hör zu, in zwei Tagen beginnt in Alessandrina der große Kriegsrat. Calract wird dort beschließen, wie er zurückschlägt. Gegen die Elfen und gegen die fremden Soldaten. Ich soll an diesem Rat auch teilnehmen, aber ich werde ihm sagen, daß ich etwas später komme und solange dich hier unterstütze."

"Aber ... du bist eine Feindin. Ich ... wir wollten dich töten. Warum ...?"

Arashi seufzte. Sie hob einen Fuß, fuhr die Krallen dicht vor Franks Gesicht aus und machte dann einen Sprung quer durch den Thronsaal. Sie bewegte sich so schnell, daß die Augen des Königs ihr nicht zu folgen vermochten. Nach dieser Demonstration setzte sie sich wieder vor ihn. "Geboren wurde ich als Mensch, als ganz normale Frau. Ein mächtiger Zauberer namens Boris von Maarx entführte mich vor über 400 Jahren und machte aus mir eine nahezu unbesiegbare Nahkampfwaffe. Du hast es ja gerade gesehen. Ich kann sogar fliegen. Aber weißt du, ich wurde nicht gefragt, ob ich dieses Leben führen wollte. Calract hat Maarx inzwischen getötet, wofür ich ihm zutiefst dankbar bin. Seitdem bin ich frei. Diesen Körper werde ich bis zu meinem Ende behalten, aber was ich damit anstelle, das entscheide nun ich selbst. Und ich will nicht zerstören, sondern helfen und aufbauen. König Frank, du bist im Moment das ärmste Wesen im ganzen Land, und deswegen will ich dir helfen. Glaub' mir, ich weiß, wie man ein Land in den Griff bekommt. Ich bin die Schwarze Majordomina und habe das gut geübt. Aber du mußt mir vertrauen."

Mit flehenden Augen sah Frank die Dämonin an. "Ich ... ich werde alles tun, was Ihr sagt, Edle Arashi."

"Sag' einfach Arashi. So nennen mich alle."

Doch das wollte der junge König nicht.

Und so kam es, daß das geschah, was Calract, als er davon erfuhr, für ein Wunder hielt: in nur einer Woche gelang es König Frank, die Disziplin in seinem Reich wiederaufzurichten. Die Räuberbanden wurden gejagt, die Grenzen zum Westland geschlossen und damit eine der wichtigsten Forderungen des Schwarzen Königs erfüllt. Die Invasion der Plünderer und Strauchdiebe wurde gestoppt, zumindest an diesem Abschnitt der Grenze.

Dafür kam Arashi allerdings ein paar Tage zu spät zum großen Kriegsrat. Aus einem sehr seltsamen Grund hatte der allerdings noch nicht begonnen.

Der letzte Gang, bevor Arashi schließlich die Weiße Hauptstadt verließ, führte sie und König Frank zu Kyraia.

Auf Calracts Befehl waren die beiden prächtigen Villen, die rechts und links neben dem Verbindungsbüro gestanden hatten, kurzerhand abgerissen worden. Das Verbindungsbüro selbst war damals niedergebrannt, sodaß Kyraia, bis das neue Büro stand, in einem großen Zelt residierte.

Die schöne Lunaloc-Dämonin stand gerade der königlichen Familie äußerst reserviert gegenüber, hatte der damalige König Wilhelm sie doch persönlich ermorden wollen. Um ein Haar wäre es ihm ja auch geglückt. Der Angriff auf die Poststation und die toten Lunaloc-Dämonen gingen aller Wahrscheinlichkeit nach auch auf sein Konto. Es bestand nicht der geringste Zweifel, was Calract mit Wilhelm machen würde, wenn er ihn zu fassen bekam, und Kyraia wünschte ihm von ganzem Herzen einen qualvollen Tod.

Kühl sah die Dämonen-Frau nun den jungen Prinzen an. Ihre Flügel färbten sich von fast weiß zu dunkelgrau, und je dunkler sie wurden, um so mehr sank Frank in sich zusammen. Er wußte nur zu genau, was diese Farbe zu bedeuten hatte. Schließlich kniete er vor Kyraia nieder und sagte: "Edle Kyraia, ich bitte Euch um Unterstützung beim Wiederaufbau meines Landes. Nie werde ich das, was Euch angetan wurde, wiedergutmachen könne, aber bitte verharrt nicht in Feindschaft. Ich werde alles tun, was ich kann, damit wir in eine bessere Zukunft gehen können."

Arashi setzte sich auf Kyraias Schreitisch. Er war aus massivem Holz und hatte den Brand überraschend gut überstanden. Sie sah die oberste Leiterin aller Verbindungsbüros im Weißen Reich mit einem sanften Lächeln an, doch Kyraia antwortete nicht darauf. Stattdessen sagte sie mit einer kalten Stimme, die so gar nicht zu ihrem engelshaften Wesen passen wollte: "Weißt du, Arashi ... als Kind wurde ich in die Sklaverei verkauft. Dann fiel ich Bischof Ornata, einem wahnsinnigen Sadisten, in die Hände. Eigentlich sollte ich doch alles Schlechte im Menschen schon kennen. Aber nachdem ich Calract begegnete, war mein Leben verwandelt. Die Menschen hier liebten mich. Ja, ver ... verdammt, sie haben mich geliebt."

Tränen liefen der schönen Dämonin aus den Augen. "Das habe ich zumindest gedacht, bis sie kamen, um uns abzuschlachten. Weißt du, wie das ist, wenn die, denen du vertraut hast, kommen, um dich zu holen? Wenn sie deine Freunde totschlagen, dein Haus anstecken. Wenn sie dir sagen, du bist eine Bestie, die nicht das Recht hat, unter der Sonne zu wandeln! Nein, ich habe keinen Glauben mehr übrig. Und schon gar nicht in den da. Sein Vater hat ..."

Erschüttert schlug sie die Hände vor das Gesicht. König Frank kniete immer noch vor ihr. Er sah aus wie ein Häufchen Elend. Da berührte Arashi Kyraia. Es war eine Berührung voller Wärme und Hoffnung.

Sie schüttelte den Kopf: "In jedem menschlichen Wesen Steckt Gutes und Böses. Ihre Seelen scheinen hell, aber sie alle haben auch tiefe, dunkle Abgründe. Und fast immer entscheiden andere, wie die Existenz eines Menschenkindes sich entwickelt. Gewiß gibt es geborene Verbrecher ebenso wie Heilige, doch für fast alle anderen gilt: wenn man sie auf dunkle Wege führt, dann werden ihre Herzen dunkel. Führt man sie aber ins Licht, dann können sie heller scheinen, als sie selbst je gedacht hätten. Du, meine Freundin, entscheidest mit über den Weg dieses jungen Mannes, der hier seine dunkelsten Stunden durchmacht. Wird er aufblühen oder verwelken? Auch sein Herz wird, solange er lebt, Gut und Böse, Licht und Finsternis in sich vereinigen, aber dafür können wir ihn nicht bestrafen, denn er ist ein Mensch, und Menschen sind so. Du, Kyraia hast es da viel einfacher. Dein Licht ist Calract. Er ist die leuchtende Sonne, um die deine Existenz kreist. Menschen aber brauchen Vorbilder, sie brauchen Zuneigung, und das Wichtigste: sie brauchen Hoffnung."

Arashi sprang auf: "Ich muß jetzt gehen." Sie beugte sich zu Kyraia vor und küßte sie, dann gab sie auch dem jungen König einen Abschiedskuß.

Der sagte: "Edle Arashi, Worte können nicht ausdrücken, was Ihr für mich getan habt. Für alle Zeiten werde ich in Eurer Schuld stehen. Mögen alle guten Götter ihren Schutz über Euch ausbreiten."

"Leb' wohl, mein kleiner Frank."

Nachdem sie abgeflogen war, wandte König Frank sich wieder zu Kyraia. Schüchtern sah er sie an.

Die Dämonin winkte ihn zu sich, dann zog sie seinen Kopf zärtlich an ihre Brust.

"Nie wieder werde ich nackt durch die Straßen dieser Stadt laufen können. Wenn die Leute mich freundlich begrüßen, wenn ihre Augen bei meinem Anblick leuchten, dann werde ich an das brennende Büro und meine erschlagenen Brüder denken. Aber Arashi hat Recht: Haß führt in den Abgrund. Frank, ob ich euch jemals verzeihen kann, weiß ich noch nicht, aber ich werde deinen Wunsch erfüllen und dir beim Wiederaufbau helfen. Ja ... die schöne, unbeschwerte Zeit meiner Kindheit ist vorbei, jetzt bin ich erwachsen. Mein Herz hat das Böse gesehen und seine Unschuld verloren ... erwachsen ... aber man kann nicht für immer ein Kind bleiben. Einmal kommt auch die Zeit, da wird man Mutter und selbst verantwortlich für seine Kinder."

Zärtlich streichelte sie dem jungen König über die Locken. "Ich werde dich beschützen und darauf aufpassen, daß die Finsternis in deiner Seele nicht eines Tages erneut die Oberhand gewinnt."

Danke Arashi. Danke Calract.


41. Kapitel - Unterwegs nach Osten

Auf meiner Karte hieß es 'Das große Reich im Osten', was aber nichts über die tatsächlichen politischen und geographischen Verhältnisse besagte, dafür um so mehr etwas über die Unkenntnis des Autors des Kartenmaterials zum Ausdruck brachte.

Das Große Reich im Osten gab es natürlich, nur lag es nicht da, wo die Karte es verzeichnete, und es hieß auch nicht so, sondern Äräolahn, und an sich konnte jeder dort hingelangen. Die beiden großen Hafenstädte Kalik und Doona-Veltique, rechts und links der Mündung des Siina gelegen, trieben durchaus Seehandel. Kein Tag, an dem nicht ein Schiff der Piraten oder der anderen Handelsnationen dort vor Anker ging. Allerdings zugegeben, ins Landesinnere kamen Fremde eher selten. Ziemlich selten ... also eigentlich nie. Äräolahn war kein Ort, an dem man sich gerne länger aufhielt.

Bereits einmal war ich durch diesen Teil der Welt gezogen, damals vor knapp 20 Jahren und allein, über lange Strecken den Siina hinunter, diesmal quer durch den Hochwald und in Begleitung einer störrischen Dämonin. Denn Paipai bekam ich nur selten zu sehen. Meist flatterte sie ein Dutzend Meter über mir irgendwo durch die Wipfel der riesigen Laubbäume, aus denen der endlose Wald hier im Schünterland zum größten Teil bestand.

Es lag immer noch tiefer Schnee, vor allem in den Senken dieses stark gegliederten Landes mit seinen unzähligen Bergen und Hügeln, von denen nicht wenige die Ruinen uralter Burgen trugen. In manchen davon hausten heute wieder Räuber oder was weiß ich was für unheimliche Gestalten. Ein Glück, daß ich den größten Teil meines Geldes nicht bei mir tragen mußte. Dieses Gesindel konnte Reichtum irgendwie wittern. Keine Ahnung, wie sie das machten, aber sie wußten es einfach, verdammt noch mal. Wenn es irgendwo was zu holen gab, dann kamen sie auch.

Andererseits waren die Räuber und die Vogelfreien auch immer eine sehr gute Quelle für Informationen aller Art. Man mußte nur wissen, wie man sie zu nehmen hatte. Naja, und irgendwo war ja auch immer Paipai in meiner Nähe. Ob ich mich, wenn es hart auf hart kam, wirklich auf sie verlassen konnte, wußte ich nicht, aber irgendwie beruhigend war es schon.

Das letzte Mal war ich relativ weit im Norden gewandert, oft hatte ich von den hohen Gipfeln aus den Siina-Fluß sehen können oder war gar auf ihm gefahren. Diesmal führte mich mein Weg viele hundert Kilometer weiter südlich, näher an der Meeresküste entlang. Es war Ende März und es wurde endlich langsam wärmer. Tagsüber reichte die Kraft der Sonne meist, einen Teil des Schnees zu tauen, sodaß man hier, im Wald, ständig mit von den Bäumen herabfallenden Schneelawinen zu rechen hatte. Vor allem, wenn da oben eine riesige Fledermausfrau herumturnte.

Ich vermutete insgeheim ja, daß sie das absichtlich machte, aber ich sagte nichts.

Des Abends machte ich normalerweise ein Feuer irgendwo an einer geschützten Stelle. Irgendwann pflegte dann Paipai aufzutauchen mit einen Stück Wild in ihren Klauen, das wir schweigend brieten und aßen. Diese Dämoninnen konnten so gut wie alles essen, aber ein leckerer, heißer Braten war ihnen natürlich viel lieber als Würmer und Wurzeln. Für mich war es immer wieder faszinierend zuzusehen, wie geschickt sie das alles mit ihren Füßen machen konnte. Manchmal kamen sie mir vor wie Hände, die nur irgendwie an einer ungewöhnlichen Stelle saßen.

Für ein paar Tage kehrte dann der Winter noch einmal zurück mit bitterer Kälte und eisigen Schneestürmen, und so war ich froh, als ich endlich mal wieder in der Ferne ein Haus sah.

Mit verbissenem Gesicht, dem Eissturm trotzend, kämpfte ich mich durch den Schnee Schritt um Schritt voran. Trotzdem brauchte ich Stunden, bis ich endlich vor der Tür stand.

Eigentlich waren es drei Häuser, doch eins war ziemlich verfallen und wirkte auch nicht wie ein Wohnhaus, sondern eher wie eine Art Schmiede oder sowas in der Art. Vielleicht würde ich es gelegentlich herausfinden, vielleicht auch nicht, denn es interessierte mich nicht wirklich. Das zweite Gebäude, ebenfalls nicht gerade in einem guten Zustand, diente als Scheune für Heu und Holz. Man konnte hineinsehen, weil das Tor fehlte. Dazwischen, etwas nach vorne versetzt, stand das eigentliche Wohnhaus, das aber auch schon bessere Tage erlebt hatte. Ich klopfte an.

Nichts geschah. Probeweise zog und drückte ich an der Tür, aber sie war verschlossen. Also mußte hier jemand wohnen, der von innen einen Balken vor die Tür gelegt hatte. Erneut pochte ich an die Tür, diesmal heftiger und länger.

Endlich hörte ich innen schlurfende Schritte, dann wurde die Tür geöffnet.

Unter dem Türrahmen stand eine häßliche, große, abgemagerte Frau mit einem langen, oben abgebrochenen Messer in der Hand. Hinter ihr hatten sich zwei mit Prügeln bewaffnete Mädchen aufgebaut, die man auch nicht gerade als Schönheiten bezeichnen konnte. Gekleidet waren sie alle drei in armselige Lumpen, und es war mir ziemlich klar, daß sie wohl kaum die ursprünglichen Bewohner dieses Hauses sein konnten.

"Was willst du?", knurrte die Alte.

Tja, was wohl - "Ich suche eine Unterkunft, bis der Sturm vorbei ist."

"Weißt du nicht, daß man am Tahra-Tag ein Haus nicht über die vordere Schwelle betreten darf?" Die Alte wollte die Tür schon wieder zuwerfen, da hielt ich ihr einen halben Kupferkreuzer hin.

Ihre Augen wurden groß, verräterisch groß. In diesem Haus herrschte bittere Armut, und was auch immer ein Tahra-Tag sein mochte, ein halber Kreuzer wog offensichtlich mehr.

Ich trat ein. Das Innere war genauso dreckig, schäbig und verfallen, wie ich es bei Anblick der Alten erwartet hatte. Auch das Essen war dementsprechend. Es gab eine dünne Kohlsuppe und ein fades, steinhartes Brot - für mich und die Alte wohlgemerkt. Die Mädchen bekamen gar nichts.

Durch die Ritzen und Spalten von Wänden, Decke und Boden zog es scheußlich, sodaß es im Innern kaum wärmer war als draußen. Aber es war immer noch besser als dieser eisige Schneesturm, und ich war's soweit zufrieden.

Die drei redeten nicht sehr viel. Später kam noch ein weiteres Mädchen dazu, das einen zurückgebliebenen Eindruck machte. Es trug nicht mal Kleider, sondern hatte Stroh um den Leib gebunden. Die Primitivität dieser Verhältnisse war erschütternd.

"Versucht nicht, mit ihr zu reden. Sie ist taub", erklärte die Alte mir.

Draußen heulte und tobte der Sturm, und ich begann, mir ernstlich Sorgen um Baobaopaipai zu machen. Sie hielt einiges aus, aber das hier?

"Habt Ihr noch ein zweites Bett frei?"

"Hä?"

"Da draußen ist noch meine Begleiterin. Sie ist, äh, ein bißchen schüchtern."

Die Alte machte das Geld-Symbol, und ich rückte einen weiteren halben Kupferkreuzer heraus, obwohl keineswegs sicher war, daß Paipai überhaupt kommen würde.

Ich ging jedenfalls nochmal nach draußen, obwohl mich das einige Überwindung kostete und ich auch nicht sicher sein konnte, daß die Alte mir die Tür überhaupt nochmal aufmachen würde, und begann, nach Paipai zu rufen.

Nach einer Weile wurde es mir zu blöd. Ich drehte mich um und schlich zurück zur Hütte. Gerade wollte ich anklopfen, da sah ich einen Schatten neben mir landen: Paipai. Mit den Krallen ihres linken Fußes hielt sie ein kleines Wildschwein. Ich hieb gegen die Tür.

Als Paipai eintrat, richteten sich alle Blicke auf sie.

"Ein Peck, eine Verwunschene von St Malo", keuchte die Alte. "Kümgensgütiger, steh' uns bei."

Erregt horchte ich auf. St Malo! Das war ja hochinteressant.

Paipai warf das Wildschweinchen achtlos auf den halb zerbrochenen Tisch. Ihre moosgrünen Augen schimmerten irgendwie unheimlich.

Die drei Mädchen begriffen schneller als ihre Mutter, die immer noch vor Angst oder Überraschung wie erstarrte war. Sie stürzten sich auf das Wild und verschwanden damit hinter einen Bretterverschlag. Es gab eine lautstarke Balgerei. Fast wunderte es mich, daß sie das Schweinchen nicht gleich roh fraßen. Doch anscheinend einigten sie sich. Das taube Mädchen kam schließlich hervorgeschlichen und verließ kurz das Haus, um Holz zu holen.

Auch bei der Alten hatte schließlich der Hunger über den Aberglauben gesiegt. Sie versuchte krampfhaft, Paipai nicht anzublicken, während sie mit den Vorbereitungen für das Essen begann.

Während die vier eifrig am Werk waren und sich die Stimmung zunehmend entspannte, setzte ich mich neben Paipai auf die einzige Bank, die noch über genügend Beine verfügte, daß man sie benutzen konnte.

"Ziemlich kalt draußen, nicht?"

Sie antwortete nicht, wie üblich, sondern sah demonstrativ weg.

"Selbst eine Dämonin wie du kann das nicht lange aushalten."

Ich sah sie direkt und offen an. "Was gefällt dir eigentlich an mir nicht, Paipai?"

Die Dämonin zuckte mit ihren langen Ohren und antwortete dann: "Zum Beispiel, wie du mich nennst. Mein Name ist Baobaopaipai, merk' dir das gefälligst mal."

"Wenn das dein Problem ist, dann kann ich dir leider nicht helfen, Paipai", antwortete ich ihr gelassen. Mochte sie soviel schmollen, wie sie wollte. Wenn es ihr Spaß machte, meinetwegen. Ich fügte hinzu: "Aber trotzdem Danke für das Schweinchen."

Das war inzwischen an einem Holzspieß über dem Feuer gelandet und begann, die Hütte mit köstlichem Bratenduft zu füllen. Die drei Mädchen schlichen ständig um das Feuer herum, doch ihre Mutter wachte mit Argusaugen und dem abgebrochenen Messer in der der Hand darüber, daß sie nicht zu nahe herankamen. Wer hier den ersten und größten Teil bekommen sollte, war ziemlich klar. Allerdings hatten wir da auch noch ein Wörtchen mitzureden.

Ich setzte mich neben die Frau. Sie sah mich genauso verbiestert an wie ihre Töchter, wagte es aber nicht, mich ebenso wegzuscheuchen.

"St Malo hast du gesagt. Da wollen wir hin."

Sie machte ein abfälliges Geräusch, dann meinte sie: "Um die Kleine wieder zurückzuverwandeln? Das könnt Ihr vergessen. Der Große Herr Z hat noch nie einfach so jemanden, den er verzaubert hat, wieder erlöst. Soviel Geld habt selbst Ihr nicht."

"Wo genau liegt St Malo?", wollte ich wissen.

Die Frau sah mich mißtrauisch an. "Ihr kommt von da und wißt nicht, wo es ist?" Sie sah zu ihren Töchtern hinüber.

"Ich habe nie behauptet, daß wir von dort kommen. Aber anscheinend gibt es auch dort verzauberte Menschen. Also, in welche Richtung müssen wir gehen?"

Die Alte wandte sich dem Schweinebraten zu und machte nicht die geringsten Anstalten, meine Frage zu beantworten.

Ich räusperte mich. "Wenn du ein Problem mit der Antwort hast, wie wäre es dann damit?" Ich hielt ihr eine weitere Münze vor die Nase.

Die Alte schnappte danach. Für einen Moment war sie abgelenkt, und das nutzten ihre zwei älteren Töchter aus. Die eine sprang die Alte an und warf sie zu Boden, wobei ihr das Messer aus der Hand fiel und quer über den Boden schlitterte, die anderen riß das Schwein vom Feuer und rannte los, Richtung Tür.

Die Alte und ihre Tochter rauften sich schreiend am Boden. Sie bissen, brüllten, zogen sich an den Haaren, spuckten und taten auch sonst alles, um meinen Glauben an das Gute im Menschen zu erschüttern. Immer wieder versuchte die Alte sich zu lösen und prügelte erbarmungslos auf ihre Tochter ein, doch die hielt sie eisern fest. Dafür hatte die andere ihre Zähe in das knusprige Fleisch geschlagen. Während sie, halb verhungert, wie sie war, hastig die Bissen herunterschlang, wehrte sie die Jüngste ab. Die war zwar taub und auch sonst nicht sehr helle, doch beim Kampf um das Essen entwickelte sie die Kraft der Verzweiflung. Schließlich spuckte die Ältere ein Stück wieder aus, und die Jüngere stürzte sich darauf und fraß es vom Boden weg.

Dafür hatte die Alte ihr Tochter inzwischen bewußtlos geschlagen und kam jetzt wie eine Waldhexe auf ihre zweite Tochter zugestürmt. Die wollte zur Tür hinausstürmen, doch da stand plötzlich Paipai. Mit einer Bewegung, die schneller war, als das Auge zu folgen vermochte, riß sie dem Mädchen den Braten aus dem Händen und spießte ihn mit ihren Krallen auf. Gleichzeitig schleuderte sie das Mädchen quer durch das Zimmer. Das gleiche Schicksal ereilte die Alte.

Dann flatterte sie an die Feuerstelle, wo man recht bequem und dank der Wärme inzwischen auch gemütlich sitzen konnte. Fast war ich überrascht, daß sie mir bedeutete, mich zu ihr zu setzen, doch ich ließ mich natürlich nicht zweimal auffordern. Und so verputzen wir in aller Ruhe etwa ein Drittel des Bratens, bis wir satt waren.

An sich war genug für alle da, kein Grund für Mord und Totschlag also. Doch die vier schlichen ständig um uns herum wie hungrige Hyänen. Hätten sie nicht so einen Respekt vor Paipai gehabt, wären sie längst über uns hergefallen. Ich wußte, was dafür verantwortlich war, aus Menschen solche Bestien zu machen, nämlich schlicht und einfach Hunger. Die Angst, verhungern zu müssen, ließ sie hier den Kampf ums nackte Überleben führen, und es spielte überhaupt keine Rolle, daß sie Mutter und Töchter waren.

Als wir fertig waren, zerteilte Paipai den Rest in vier Stücke. Ihre Krallen fuhren dabei durch die Knochen des Bratens wie durch Butter. Sie warf die Stücke dann auf den Tisch.

Gut gemeint, aber natürlich funktionierte das nicht. Die Alte ging sofort wieder mit dem Messer auf ihre Töchter los. Irgendwie schaffte die Jüngste es trotzdem, ein kleines Stück zu erwischen und in den Mund zu bekommen, doch die anderen beiden stürzten sich sofort auf sie und rissen es wieder heraus.

Allerdings kam auch die Alte nicht so zum Zug, wie sie sich das gedacht hatte, denn da stand wieder Paipai vor ihr und sagte mit leiser, eindringlicher Stimme: "Der da hat dich was gefragt." Sie hob einen Fuß vor das Gesicht der Alten und fuhr langsam die Krallen aus. "Wie kommen wir nach St Malo?"

"Immer nach Süden, nach Süden, nein, nach Osten, nach Südosten, äh, äh, geht der Weg, den Fluß entlang bis ..."

Paipai und ich sahen einander an. Das Gestammel der Frau war so offensichtlicher Unsinn, daß ich mich wunderte, wie sie glauben konnte, uns so etwas auftischen zu können.

Da verlor Paipai die Geduld. Und ich bekam zum ersten Mal zu sehen, über welch phantastische Kräfte meine Begleiterin verfügte.

Über Gesicht und Kleidung der Alten begannen plötzlich kleine, grüne, helleuchtende Flecken zu wandern, in langsamer, rotierender Bewegung. Es waren die Auftreffpunkte von einem guten Dutzend grüner Strahlen, die aus Paipais Augen hervorkamen.

Diese Augen waren an sich von einen tiefen, satten Moosgrün, doch darin eingebettet waren wie Smaragde einige winzige, hellgrüne Pünktchen. Diese Pünktchen, nun gewaltig gewachsen, waren die Quelle dieser Strahlen, und ihre Wirkung war durchdringend. Die Frau atmete keuchend, konnte sich aber nicht mehr bewegen. Wo die Flecken auftrafen, sah ich das Skelett und die inneren Organe durchscheinen. Dann wanderten die Strahlen nach oben, zum Gehirn. Die Alte winselte leise.

Aus den Augenwinkeln sah ich, daß selbst ihre Töchter ihren gnadenlosen Kampf ums Essen vorübergehend eingestellt hatten und voller Furcht und Faszination zu ihrer Mutter herübersahen.

Unheimlich war es wirklich. Es kam mir so vor, als seziere Paipai den Verstand und die Erinnerungen dieser Frau. Wie geisterhafte Fetzen schienen ihre Gedanken aus ihrem Gehirn herauszuschießen, den grünen Strahlen entlang, und in den in grellem Grün leuchtenden Augen Paipais einzusickern.

Ich fragte mich, ob die Frau diese Behandlung wohl überleben würde und wenn ja, ob sie ihren Verstand und ihre Erinnerungen behielt, denn auf mich wirkte es so, als würde sie leergesaugt.

Paipai setzte diese Vivisektion jedenfalls fort, bis sie anscheinend die Information entdeckt hatte, die sie suchte.

Das grelle Leuchten erlosch, und die Frau sackte bewußtlos zusammen. Polternd landete sie auf dem Boden, wie eine Marionette, der man die Fäden durchgeschnitten hatte.

Immerhin atmete sie noch.

Die drei Mädchen saßen verschüchtert in einer Ecke und blickten mit großen, vor Angst geweiteten Augen zu Paipai herüber. Ich war überrascht zu sehen, daß jede nun tatsächlich ein Stück des Bratens hielt und trotz ihrer Angst daran kaute. Dann wandte ich mich wieder Paipai zu.

Sie schüttelte langsam den Kopf: "Viel hat sie nicht gewußt, aber immerhin kenne ich jetzt ungefähr den Weg. Es geht noch ein gutes Stück weiter nach Nordosten. Es scheint dann ein hohes Gebirge zu kommen, und dahinter ist eine andere Welt. Dort irgendwo liegt St Malo. Anscheinend heißt ein ganzes Land so, vielleicht aber auch die Hauptstadt, so genau war das nicht herauszubekommen."

Ich seufzte. Viel war das ja nicht. Aber besser als gar nichts.

Neben dem Feuer stand ein Eimer. In ihm war ein großer Eisklotz gewesen, doch der war inzwischen aufgetaut, sodaß wir etwas zu trinken hatten. Ich hob ihn hoch und stillte meinen Durst, dann hielt ich ihn Paipai hin. Die zierte sich ausnahmsweise nicht, sondern trank ebenfalls ganz brav.

Eine Weile saßen wir schweigend am Feuer und sahen den Mädchen zu, wie sie gierig die Stücke des Wildschweins herunterschlangen. Draußen tobte immer noch der Sturm, doch hier drinnen war es fast so etwas wie gemütlich.

Schließlich zog ich ein Fell aus meinem Sack, breitete es vor dem Feuer auf dem Boden aus, legte mich darauf und schloß die Augen. Ich konnte fast bildlich vor mir sehen, wie Paipai mit sich rang, doch dann legte sie sie neben mich.

Ich öffnete die Augen wieder und sah sie an. Sie hatte ihre langen Ohren irgendwie hinter dem Kopf verstaut und ihre tiefgrünen, großen, wunderschönen Augen auf mich gerichtet. Ihr rosiges Gesicht machte einen sehr jugendlichen, fast kindlichen Eindruck.

"Irgendwie habe ich dich immer für einen Bauern gehalten. Aber das hier ...", sagte sie leise.

Ich lächelte und flüsterte zurück: "Ich bin eben schon weit herumgekommen. Allerdings, solche Verhältnisse wie in dieser Familie habe ich selbst bei den Menschenfressern nicht gesehen."

Schweigend sahen wir uns in die Augen.

Dann streckte Paipai ihr Bein nach vorne. Ich wußte zwar, wie gelenkig die Beine der Orna-Mädchen waren, aber irgendwie faszinierte es mich trotzdem immer wieder, wie mühelos sie ihre Füße bis weit über den Kopf ausstrecken konnten. Mit ihren langen Zehen tastete Paipai dann über die Tätowierungen in meinem Gesicht. Ich war überrascht. Ihre Zehen waren so weich.

"Die habe ich von einem Schamanen, der mir damit das Leben gerettet hat. Aber das ist eine lange Geschichte." Paipai lächelte. Ich glaube, es war das erste Mal auf unserer Reise, daß sie mich anlächelte, wenn auch noch etwas schüchtern.

"Ich war", flüsterte sie, "einst eine wunderschöne Prinzessin. Und jetzt bin ich ein Tier. Sag, Traunsteiner, ist das gerecht?" Ihre großen Augen wurden feucht.

"Es gibt keine Gerechtigkeit auf dieser Welt außer der, für die man selbst sorgt", antwortete ich. "Es kommt einfach darauf an, was du daraus machst. So übel ist dein Körper nicht, und du bist unsterblich, während ich zum Beispiel immer älter werde. Ist das gerecht? Aber so ist es nun mal, und ich lebe mein Leben, so wie es ist. Gute Nacht, Paipai-Mädchen. Schlaf gut."

Später in der Nacht wachte ich mal kurz auf. Paipai lag dicht an mich geschmiegt und gab ein Geräusch von sich, das ich im Halbschlaf nicht so recht zuordnen konnte. Bis es mir einfiel. Ich war überrascht. Nanu, ihr könnt schnurren wie Katzen? Diese verzauberten Prinzessinnen steckten voller Überraschungen. Zufrieden schlief ich wieder ein.


Als ich am nächsten Morgen aufwachte, da war der Sturm vorbei, und draußen schien die Sonne über eine leuchtend weiße winterliche Märchenlandschaft.

Die alte Frau war anscheinend wieder zu sich gekommen, denn der Platz, wo sie gelegen hatte, war leer. Auch die beiden älteren Mädchen waren verschwunden, das jüngste drückte sich in eine Ecke und sah mit düsterem Ausdruck zu uns herüber. Auch Paipai erwachte und streckte sich ausgiebig. Ich muß zugeben, ihr dabei zuzusehen war ein Genuß. Sie war wirklich unglaublich schön. Und - naja - so alt war ich ja nun auch wieder nicht. Wie auch immer sie als Prinzessin ausgesehen haben mochte - was von Maarx aus ihr gemacht hatte, war hinreißend, um es mal milde auszudrücken.

Anscheinend grinste ich ziemlich unverschämt, denn als Paipai ihre grünen Augen aufschlug und mich ansah, machte sie ein Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen und begrüßte mich mit einem leisen Fauchen. Allerdings vergaß sie diesmal, ihre Ohren anzulegen, und so sah das Ganze nicht sehr bedrohlich aus. Ich verkniff mir ein Schmunzeln.

Routinemäßig kontrollierte ich mein Gepäck und meine Ausrüstung, aber es fehlte nichts. Ich holte ein paar der Vorräte hervor, die ich dann mit Paipai zusammen aß. Auch das taube Mädchen bekam etwas ab. Sie tat mir irgendwie leid.

Später tauchten die anderen nach und nach wieder auf, aber da rüsteten wir uns schon zum Aufbruch.

Es wurde nicht mehr viel gesprochen an diesem Morgen. Verfolgt von mißtrauischen Blicken packte ich meine Sachen. Paipai hatte außer ihren Kleidern nur einen kleinen Stoffbeutel, den sie um die Hüften trug.

Als war das Haus verließen, bemerkte ich noch, daß die Alte wieder ihr Messer in der Hand hatte.


Es war windstill und die Sonne schien warm und freundlich durch die hohen, blattlosen Baumkronen zu uns herunter. Paipai lief den ganzen Tag brav neben mir her, statt wie zuvor irgendwo durchs Geäst zu fliegen. Wie weit es bis zu dem Barrieregebirge war, wußte sie nicht. Sie war einmal hoch aufgeflogen und hatte in großer Ferne tatsächlich etwas gesehen, was dieses Gebirge sein konnte. Vielleicht waren aber auch nur Wolken gewesen. Das heiß, wir würden noch viele Tage unterwegs sein.

Ansonsten setzten wir unsere geübte Routine fort: des Abends machte ich ein Feuer und Paipai lieferte ein Tier dazu, daß wir dann brieten und aufaßen, meistens schweigend. Aber dennoch war die Stimmung zwischen uns jetzt viel gelöster und vertrauten als zuvor. Selbst diese alte Hexe hatte also noch etwas Gutes bewirkt.

Ein paar Tage später führte uns unser Weg durch ein ziemlich zerklüftetes Sandsteingebirge, in dem es viele Höhlen gab, große und kleine. In machen wohnten Tiere, in machen hatten wohl auch Menschen gehaust. Ich fand sogar Spuren eines Schamanen. Ob es wohl der war, dem ich meine Tätowierungen zu verdanke hatte? Diese geheimnisvollen Gestalten kamen und gingen - wer weiß.



Erstellt am 6.12.2003. Letzte Änderung auf dieser Seite: 22.11.2017