Das Unendliche Land - 17. Teil

42. Kapitel - Alessandra

"Ich, äh, also, ich weiß nicht, wie, ahm, ich das sagen soll ...", stotterte Tschuri.

Nanu, meine clevere Tochter ist doch sonst nicht auf den Mund gefallen, dachte Calract bei sich. "Na, spuck's schon aus, Tschuri. Sag's einfach frei heraus. Mir kannst du alles sagen."

"Ja, aber wart's mal ab." Die schöne Dämonin holte tief Luft. Feurige Muster liefen über ihren Körper. "Also, ich, äh, ich habe Alessandra gefunden!"

Es kam selten vor, daß der Schwarze König sprachlos war, aber jetzt stand er wie vom Donner gerührt da und starrte Tschuri mit aufgerissenen Augen und offenem Mund an.

"A ... aber das ist ... unmöglich." Das KANN niemand überlebt haben. Oder hat Chebesch doch recht gehabt - unglaublich!

"Nun ja ... ääh, am besten, du siehst es selbst. Komm' mit, ich zeig's dir."

Tschuri hatte ihren Vater in Alessandrina getroffen. Die Stadt war Hauptkampfgebiet und ständiges Ziel der Elfen, doch Hotaru hatte es bisher geschafft, alle Angriffe abzuwehren. Zwar waren nach und nach fast die Hälfte der Gebäude niedergebrannt worden, aber die Elfen hatten hier jedesmal schwere Verluste einstecken müssen. Und das nicht nur durch die Eiserne selbst, denn hier standen mehrere tausend Mann der Lunaloc-Armee, darunter zweihundert Drachen, die ständig das Westland abflogen und den Siedlern bei der Evakuierung und Versorgung halfen, wo es nur ging. Sie waren der Schrecken der Weißen Armeen. Und doch konnten sie nicht verhindern, daß immer noch jeden Tag neue Eindringlinge über den Siina kamen, um hier ihr Glück zu suchen.

Weit über hunderttausend Flüchtlinge hatten sich in und vor Alessandrina in relativer Sicherheit zusammengedrängt. Organisiert hatte diese beispiellose Rettungsaktion Gad'ta. Er hatte vor den Toren der Stadt ein riesiges Flüchtlingslager eingerichtet, in dem die Vertriebenen vorläufig unterkamen. Zu diesem Lager gehörten auch Lazarett-Stationen, und in einer davon gingen seit einiger Zeit sehr seltsame Dinge vor. Man erzählte sich, wer dort behandelt werde, der genese selbst von den schlimmsten Krankheiten und Verletzungen. Als Tschuri, neugierig geworden, dem nachgegangen war, da fand sie vor dem zweistöckigen Bretterhaus eine Schlange von über zweitausend Wartenden. Viele davon waren in einem so schlimmen Zustand, daß sie die Zeit, bis sie drankamen, wohl nicht mehr überstehen würden.

Aber das Gerücht stimmte: selbst Verstümmelte und Amputierte kamen vollständig geheilt und mit allen Gliedmaßen wieder heraus. Etwa ein solcher Patient pro Viertelstunden konnte verarztet werden, und das rund um die Uhr, also knapp 100 pro Tag. Jedoch wuchs die Schlange der Verwundeten und Hilfesuchenden noch erheblich schneller.


"Jetzt, gleich, paß' auf", tschilpte Tschuri. Calract hatte sie und sich selbst in Spatzen verwandelt, so daß sie unauffällig auskundschaften konnten, was hier geschah. Sie saßen auf der Fensterbank des Behandlungsraumes und spähten hinein, während irgendwo über ihnen eine Schwadron Drachen Jagd auf eine Gruppe Waldelfen machte.

Die kleinen Scheiben waren trübe und schmutzig, und so war auf den ersten Blick nicht so recht zu erkennen, was hier eigentlich los war. Mitten in dem schmutzigen Raum, den die beiden Vögel praktisch zur Gänze, wenn auch etwas verzerrt, überblicken konnten, lag auf einer verdreckten Matte ein undefinierbares, großes, schwarzes Ding. Mehrere Krankenpfleger und Helfer hatten einen Schwerverwundeten auf einer Bahre in den Raum getragen und vor diese mysteriöse verkohlte Statue abgestellt. Der Soldat, übrigens ein Weißer, wie man an den blutverschmierten Resten seiner Uniform erkennen konnte, hatte große Schmerzen.

"Ich wußte gar nicht, daß dieses Lager auch für den Feind da ist", zwitscherte Calract.

"Doch, hier wird jeder behandelt. Und begraben, falls er es doch nicht übersteht", piepste Tschuri." Da! Schau'!"

Aus dem verkohlten Ding sickerte plötzlich eine goldene Aura, und als Calract die sah, da war sein Gehirn auf einmal in der Lage, das, was seine Augen sahen, zu einem Bild zusammenzusetzen, das einen Sinn ergab.

Das Kohleding war der Überrest eines Menschen. Jetzt, wo Calract das wußte, konnte er oben den Kopf, darunter den Rumpf ausmachen. Arme und Beine fehlten, und der ganze Leib war schwarz und mit einer dicken Schicht aus Asche und verkohltem Fleisch bedeckt. Es war das, was von Alessandra übriggeblieben war. Die goldene Aura war einmalig. Kein anderes Wesen auf der Welt konnte so etwas hervorbringen. Dieses schwarze, verbrannte Ding war die Goldene Königin.

Dennoch war der Zauberer überzeugt, daß Alessandra die Explosion der Dana'an-Insel niemals überstanden haben konnte. Wie sie, wenn auch nur als verkohlter Rest, jetzt dennoch hier herkam, das interessierte ihn brennend.

Die Behandlung dauerte etwa 10 Minuten, dann erlosch die Goldene Aura. Der Soldat war geheilt. Er konnte es kaum glauben, aber es war so. Rasch führten die Helfer ihn aus dem Raum und holten den nächsten Todkranken.

Tschuri und Calract verfolgten auch diese Heilung. Es war eine junge Frau, die zwar noch alle Glieder hatte, der man aber ansah, daß sie es nicht mehr lange gemacht hätte. Auch sie wurde geheilt und entlassen.

"Was machen wir jetzt?", piepste Tschuri fragend.

"Weiß schon. Komm' mit, beim Nächsten schlüpfen wir mit rein."

In dem Zimmer roch es nach Tod und Verwesung. Der Boden war bedeckt mit verkrustetem Blut und Dingen, von denen Tschuri lieber nicht so genau wissen wollte, was sie waren. Dennoch wurde hier ein Leben nach dem anderen gerettet.

Wieder trugen die Helfer einen Schwerverletzten hinein. Calract war erleichtert, daß es ein Arcadier war, denn diesmal würde der Patient nicht geheilt werden, sondern sterben. Wäre es einer seiner eigenen Leute gewesen, so hätte er warten müssen, und das wollte er nicht.

Die Burschen verließen den Raum. Als die Goldene Aura aufleuchtete und kraftvoll nach dem Soldaten griff, verwandelte Calract sich und Tschuri zurück. Er ließ den Splitter des Mondsteins erstrahlen, packte die Goldene Aura, zog mit brutaler Gewalt alle Energie, die er kriegen konnte, an sich und richtete die Heilkraft dann auf den verkohlten Leib Alessandras selbst.

Die Goldene Königin wehrte sich nicht einmal, als sie sich zwangsweise selbst heilte.

Als das Leuchten erlosch, sahen Calract und Tschuri sie wieder so vor sich, wie sie früher ausgesehen hatte, einen durchtrainierten, perfekten Frauenkörper, der nackt in der Luft schwebte und sich nun langsam zu Boden senkte.

Dann schlug Alessandra die Augen auf. Wie in Trance irrten ihr Blick umher.

Calract trat auf sie zu. Lange sah er sie durchdringend an, während Alessandras Blicke fast hilflos durch das Zimmer irrten. Es fiel dem Schwarzen König schwer, die passenden Worte zu finden. Schließlich machte er das, was er meist tat, er ging direkt auf sein Ziel los: "Alessandra! Wie kommt es, daß du noch lebst? Wie konntest du diese Explosion, die die halbe Dana'an-Insel pulverisiert hat, überleben? Rede! Ich habe selbst gesehen, wie der Berg in die Luft geflogen ist. Von diesem Energiefeld und allem, was darin war, sind nur einzelne Atome übriggeblieben. Wie konntest du das überstehen?"

"Aber ich war doch gar nicht da", murmelte Alessandra fast unhörbar leise. "Es war nur ein Spiegel. Bitte, Calract, laß mich weiter diesen armen Menschen helfen. Sie haben so viel gelitten, durch meine Schuld." Sie wollte sich abwenden, doch der Zauberer hielt sie fest.

"Nicht so eilig. Es werden hier noch viel mehr Leute sterben, wenn du nicht machst, was ich dir befehle."

"Calract, nein, ich ... kann nicht ... ich muß ... helfen."

Calract knallte Alessandra so heftig eine, daß Tschuri zusammenzuckte. Doch die Goldene Königin schien es gar nicht zu spüren. Hilflos sah sie in Raum umher und sah dann den im Sterben liegenden Soldaten, den sie eigentlich hatte retten wollen. Als Calract bemerkte, wie sie wieder ihre Aura aktivieren wollte, feuerte er einen Energiestrahl dicht vor die Füße des Mannes.

"Paß auf. Du hast zwar mehr Menschen auf dem Gewissen als jeder andere Herrscher der letzten 400 Jahre..." Tschuri fand, das war ziemlich dramatisch ausgedrückt, um nicht zu sagen maßlos übertrieben, aber Calract war im Moment nicht gerade bester Stimmung; er fuhr fort "... mich eingeschlossen, aber ich brauche deine Hilfe für jemanden, an dessen Schicksal du zur Abwechslung nicht schuld bist. Meine Frau Batchiribanban ist durch, sagen wir mal, unglückliche Umstände im Unendlichen Land zu einer Goldstatue geworden, und du bist nun mal leider die Einzige, die sie wieder zurückverwandeln kann."

"Deine ... Frau ... Batchiribanban, das Vieh."

Da hätte Alessandra nicht sagen sollen. War Calract auch sonst nicht so leicht aus der Fassung zu bringen, diesmal begann er zu toben.

Von der Krankenbaracke blieben nur Trümmer, und es gab unter den Helfern und Wartenden wahrscheinlich etliche Verletzte. Auch Alessandra bekam mehr als nur ein paar Kratzer ab. Calract verwandelte sich danach kurzerhand in einen Drachen und schnappte sich die Goldene Königin mit seinem riesigen Fang.

Nachdem er sich wieder ein wenig beruhigt hatte, knurrte er: "Wir fliegen zur Stadt am Fluß zum dortigen Zugang zum Unendlichen Land. Da wartet Batchi auf mich. Und wenn du schön brav bist, dann darfst du in ein paar Tagen hier wieder deinen - und vor allem meinen - Leuten das Leben retten."

"Äh, Calract", meinte Tschuri, "warum fliegst du nicht zum Schwarzen Schloß und dort in das Unendliche Land? Das würde doch viel schneller gehen."

Calract sah seine Dämonin verblüfft an und meinte dann: "Auf die einfachsten Sachen kommt man immer zuletzt. Stimmt, Tschuri, vielen Dank. Also los, dann wollen wir mal."

Er erhob sich in die Lüfte und flog davon nach Osten.

Das Schwarze Königreich war von den Elfen bisher nicht angegriffen worden, von dem Überfall des Riesen auf das Schwarze Schloß abgesehen. Auch die wenigen Drachenpoststationen, die es dort gab, waren bisher zumindest verschont geblieben. Das Land war ruhig, friedlich, kalt und abweisend wie immer. In wenigen Minuten hatte der riesige Drachen die himmelhohen Berge überflogen und die zentrale Ebene erreicht, wo einst das Schwarze Schloß gestanden hatte. Jahre um Jahre hatte ein Handvoll Lunalocdämonen und Menschen nach dessen Zerstörung am Wiederaufbau gearbeitet, bis der Angriff des Riesen erneut alles vernichtet hatte. Statt des Schlosses oder wenigstens seiner Ruine stand über dem Zugang zum Unendlichen Land nun ein zweihundert Meter hoher schwarzer Berg, durch dessen Mitte von unten nach oben Calract eine weite Röhre geschossen hatte. In diese flog der Drache jetzt hinein, stürzte sich in die bodenlose Schwärze, um nach einem abenteuerlichen Flug durch enge Gänge und verwinkelte Korridore schließlich in der Höhle zu landen, an deren Ende das Unendliche Land begann. Hier verwandelte Calract sich zurück.

"Los, gehen wir!"

"Wohin?" Immer noch machte Alessandra einen abwesenden Eindruck. Sie ließ alles widerstandslos mit sich geschehen und sah Calract nur fragend an.

"Zu dem dritten Zugang, den ich vor elf Monaten entdeckt habe. Dort ist meine Frau." Und dort war auch die Statue von Maarx, aber die habe ich zum Glück zerstört. Keine Macht des Universums kann den wieder zurückbringen, nicht mal du.

Sie betraten das Unendliche Land. Calract kannte den Weg und ging entschlossen voran, Alessandra hinter sich herziehend. Es dauerte nur wenigen Minuten, dann konnte er in der Ferne sein Ziel erkennen, zunächst noch ganz klein und weit weg: die Statue, zu der seine geliebte Frau geworden war. Sie stand nicht weit vom Zugang unter der Stadt am Fluß, doch Calract hatte nicht vor, dort aufzusteigen.

Angekommen, wies er die Goldene Königin auf ihre Aufgabe hin. Mal sehen, ob sie dazu die Splitter des Mondkristalles braucht. Wenn ja, muß ich sie ihr wohl oder übel geben.

Doch das schien nicht der Fall zu sein. Alessandra, die immer noch irgendwie desorientiert schien, trat dicht an die Statue hin und ließ ihre goldene Aura wirken. Und vor Calracts Augen verwandelte sich seine über alles geliebte Frau wieder in ein Wesen aus Fleisch und Blut und kehrte ins Leben zurück.

Calract konnte die Tränen nicht zurückhalten, als er Batchi um den Hals fiel. Und auch die Dämonin war zutiefst ergriffen. Sie hatte zwar die letzten elf Monate und damit den gesamten bisherigen Elfenkrieg verpaßt, aber in welcher Lage sie sich befunden hatte, darüber war sie sich jetzt, nach ihrem Erwachen, völlig im klaren.

"Und jetzt nichts wie raus hier, bevor du wieder zu einer Statue wirst."

"Das ist nicht nötig, Calract", bemerkte Alessandra mit schleppender Stimme. "Sie ist jetzt sicher, bis sie das Unendliche Land verläßt, wo auch immer."

Calract fiel etwas ein. "Sag mal, das letzte Mal, als du Leute zurückverwandelt hast, da hattest du doch den Seelenstein bei dir. Diesmal aber nicht. Wie konntest du Batchi trotzdem zurückverwandeln?"

"Aber das ist doch ganz einfach".

Calract hatte irgendwie das Gefühl, daß Alessandras Geist nicht mehr ganz in der gleichen Realität wandelte, in der sich normale Wesen aufhielten. Aber wie auch immer, er war gespannt auf die Antwort. Alessandra antwortete leise: "Ich kann die Kraft der Inversen Wächter nutzen."

"Wer oder was ...?" Warte mal, ich habe diesen Begriff schon mal gehört. Das war doch ...

Alessandra enthob ihn der Mühe, weiter nachzudenken. "Zu jedem Zugang des Unendlichen Landes gibt es einen Inversen Wächter, der seinen ganz bestimmten Zugang kontrolliert. Beim Zugang unter dem Octaviusmeer ist es der Mondstein, hier ist es die Magische Eiche Scharaxai. Sie lieh mir ihre Kraft."

"Scharaxai!", riefen Calract und Batchi wie aus einem Mund. Die Dämonin sah ihren Mann mit großen Augen und, und der sinnierte weiter: "Deshalb kann Wüwü das Unendliche Land betreten! Sie ist aus Scharaxais Holz geschnitzt. Jetzt wird mir so manches klar. Und ... natürlich! Als ich nach der Zerstörung des Mondsteins und der Geschichte mit den vier Spiegeln zum Octaviusmeer zurückkehrte, da war der Eingang zum Unendlichen Land ein paar hundert Meter ins Landesinnere verschoben. Das muß passiert sein durch den Schuß, den ich auf den Kristall abgegeben habe. Der Stoß hat sich auch auf den zugehörigen Zugang ausgewirkt. Das ist ja interessant."

Calract blickte zu Alessandra, dann zu Batchi, dann wieder zu Alessandra. "Nun gut, ich habe noch ein paar Fragen wegen der Elfen, aber das hat Zeit. Bis auf weiteres bist du entlassen und kannst zu diesem komischen Krankenhaus zurückkehren. Ich würde sagen ... hm, wir gehen alle zum Gartenland, und von dort bringt dich ein Drache zurück in die Stadt, die deinen Namen trägt."

*

Die Wiedersehensfreude war riesig, als Calract mit Batchiribanban im Gartenland auftauchte. Als erstes schickte er Alessandra per Drachen zurück nach Alessandrina, verbunden mit der strengen Anweisung, sie nicht aus den Augen zu lassen. Dann nahm er sich zwei Tage Zeit, seiner Frau zu erzählen, was sich in der Zwischenzeit so alles ereignet hatte. Dazu gab es ein großes Fest, das erste seit langer Zeit. Denn viel zu feiern hatte es ja nicht gegeben in den letzten Monaten. Doch nun hatte er seine Frau wieder, das Weiße Reich hatte sich ergeben, und wenn er Glück hatte, war der ganze grauenvolle Krieg bald zu Ende sein.

Dann endlich flog er mit seiner Frau wieder nach Alessandrina, um den verschobenen Kriegsrat nun endlich zu beginnen. Und da waren natürlich auch noch ein paar ziemlich drängende Fragen, die er Alessandra stellen wollte, vor allem, was die Elfen anging.

*

Vorher oder nachher? Calract hatte der Goldenen Königin einen erneuten Besuch abgestattet und sie diesmal ausführlich über die Vorgeschichte des Elfenkrieges verhört. Alessandra hatte sich nur ungern von ihrer Tätigkeit als Heilerin abhalten lassen, denn sie wußte nur zu genau, wem all diese Verwundeten und Sterbenden ihr Leid zu verdanken hatten. Ohne ihre Macht hätten die Elfen diesen Krieg nicht führen können beziehungsweise gar nicht erst begonnen. Allerdings hatten sie sich inzwischen so verbissen, daß sie den Krieg auch ohne Alessandra weiterführten, ihrem eigenen sicheren Untergang entgegen. Das Lazarett griffen sie aber nie an, im Gegenteil. Sie ignorierten die Goldene Königin völlig.

Calract hatte von der Elfenfestung tief unter seinem Reich erfahren, davon, daß Alessandras Macht von dort aus zur Dana'an-Insel gespiegelt worden war um den Ort ihrer Entstehung zu verbergen, aber auch von der Elfenprinzessin, die man anscheinend für einen ähnlichen Zweck geopfert hatte. Was aus ihr geworden war, wußte Alessandra nicht. Doch da konnte Calract ihr aushelfen. Dieser unheimliche Schutzschirm, der die Elfen die ganze Zeit geschützt hatte, war zwar schwächer geworden und wirkte nur noch unregelmäßig, doch er stand noch. Also mußte auch die Kraft dieser Elfe irgendwo noch stecken.

Nun überlegte der Schwarze König, ob er vor oder nach dem großen Kriegsrat die Elfenfestung unter seinem Reich aufsuchen sollte.

Eine Kleinigkeit war es schließlich, die den Ausschlag gab. Arashi hatte sich per Boten für den übernächsten Tag angekündigt, und Calract beschloß, die Zeit zu nutzen, sich den Elfenstützpunkt anzusehen und den Kriegsrat dann zu beginnen, wenn seine neue Majordomina auch dabei war. Und so verwandelte er sich in seine Drachenform und flog in wenigen Minuten hinüber ins Schwarze Königreich.

*

14.4.1270

Die Suche nach dem Zugang hatte über einen halben Tag gedauert. Jetzt endlich stand der Zauberer vor der Stelle, die Alessandra ihm beschrieben hatte, dem geheimen Zugang zum Stützpunkt der Elfen im Schwarzen Königreich. Trotz der recht präzisen Angaben war es nicht leicht gewesen, den Eingang zu finden, denn erstens lag er an einer Stelle, wo wahrscheinlich seit 1000 Jahren kein Mensch mehr hingekommen war und nicht mal ein Weg oder auch nur ein Trampelpfad hinführte, mitten in den tiefen Schwarzen Bergen, und zweitens war er auch optisch äußerst unauffällig. Die Spalte wirkte wie ein unbedeutender Riß oder Vorsprung in der zerklüfteten Felswand und fiel nicht mal dann auf, wenn man direkt davorstand.

Entschlossen trat der Schwarze König vor. Es wurde rasch stockdunkel. Tief hinunter ging es in den Berg. Alessandra hatte offensichtlich die Wahrheit gesprochen. Calract entzündete ein magisches Licht und öffnete auch sein Stirnauge. Mit gespannten Sinnen lauschte er nach Lebenszeichen oder den Auren der Elfen. Was er stattdessen fand war eine Leiche. Die verkohlten Flügel verrieten Calract, auf welche Weise dieser Elf ums Leben gekommen war. Und er sollte nicht der einzige Tote bleiben, auf den Calract stieß, im Gegenteil. Alle paar Meter mußte er über einen weiteren Toten steigen, und je tiefer er in den Berg vordrang, desto deutlicher wurden die Brandverletzungen. Es war eiskalt. Im Unendlichen Land war es immer eiskalt. Die Leichen waren gefroren und daher so erhalten, wie sie gestorben waren. Aber zu jenem Zeitpunkt mußte hier eine ungeheure Hitze geherrscht haben.

So war das also. Diese ungeheure Explosion auf der Dana'an-Insel hat hierher durchgeschlagen und alles verbrannt.

Und genauso war es. Calract erreichte nach einiger Zeit die riesige Halle oder das, was noch von ihr übrig war. Hier mußte eine Hitze geherrscht haben, die selbst Steine zum Schmelzen gebracht hatte. Leichen gab es hier längst keine mehr, sie waren alle zu Asche zerfallen. Calract ließ das Licht aus seinem Stirnauge über die zerschmolzenen, jetzt wieder von Eis bedeckten Felsen schweifen. Es herrschte die vollkommene, kalte Stille des Todes. Was auch immer dieser Ort einst bedeutet hatte, jetzt war nichts mehr davon übrig.

Der fahle Lichtstrahl ging zurück zum Zentrum der Halle, wo ein Buckel die Stelle markierte, an der einst der massive Steinaltar gestanden hatte. Wie Alessandra das nur überstanden hat? Selbst von dem Altar, von dem sie erzählt hat, ist so gut wie nichts mehr ... ha, was ist denn das?

Der Zauberer bückte sich, kratze die Schlacke ein wenig zur Seite und hob einen Ring auf - Alessandras Tigerring.

Lange und schweigend betrachtete der Zauberer dieses phantastische Kunstwerk von der Sonneninsel, das zweite davon, das nun in seinen Besitz gelangte. Alles in dieser riesigen Höhle war vernichtet worden, Dutzende von Elfen waren ausgelöscht und die Goldene Königin zu einem verkohlten Torso verbrannt worden, doch dieser Ring hatte es ohne einen Kratzer überstanden. Und zwar dank des starken Zaubers, den Thoran auf ihn und die drei anderen gelegt hatte.

"Thoran ..."

Zum ersten Mal in seinem Leben empfand der Zauberer ein starkes Gefühl des Bedauerns und der Trauer darüber, daß er seinen Neffen getötet hatte. Sein Leben war so völlig anders und endlich doch in so positiven Bahnen verlaufen. Es hätte dieses blutigen Familienzwistes nicht bedurft. Die Beute dieses Kampfes, das Schwarze Königreich, interessierte Calract nicht. Sein Herz gehörte dem Gartenland, der Westkolonie, seinen Lunaloc-Dämonen und vor allem seiner Frau.

"Thoran, es tut mir leid."

Aber es war zu spät.

Calracts Gedanken begannen abzuschweifen. Hätte das funktionieren können: er selbst im Gartenland und in der Westkolonie, während Thoran die Schwarze Dynastie im alten Stammland fortführte? Er war glücklich verheiratet gewesen, hatte sogar eine Tochter ... Rosalia. Bei diesem Gedanken zuckte der Schwarze König leicht zusammen. Rosalia - was war eigentlich aus dem Mädchen geworden?

Doch er kam nicht dazu, den Gedanken weiterzuverfolgen. Denn plötzlich begann der Ring leicht zu glühen. Calract warf ihn rasch von sich und ließ ihn vor sich in der Luft schweben. Er erlebte eine Überraschung. Aus dem Ring sickerte eine Art dünner Nebel, eine ganze Menge davon sogar, und formte sich schließlich zu einer menschlichen Gestalt, die ein Stück über dem Boden schwebte.

"Solitor!"

Doch der Geist schien ihn nicht gehört zu haben. Er war immer noch durchsichtig und wirkte kraftlose. "Ich konnte sie nicht beschützen ...", hauchte er. Dann sank er in den Boden ein, wobei er sich immer mehr verflüchtigte. Schließlich war er ganz verschwunden.

Solitor. Was für eine Überraschung. Von dem haben wir ja schon seit 20 Jahren nichts mehr gehört. So war das also. Aber du irrst dich. Du hast sehr wohl Alessandra beschützt. Du hast ihr hier das Leben gerettet, wenn auch nur knapp. Calract sah nachdenklich auf den Boden, wo dieser seltsame Geist, der schon so lange im Weißen Reich herumspukte, verschwunden war. Ob ihn jemals jemand wiedersehen würde?

Dann steckte er den Ring ein und ging wieder nach draußen. Von diesem Ort drohte keine Gefahr mehr. Zufrieden und auch ein bißchen nachdenklich kehrte der Schwarze König nach Alessandrina zurück.


*


Vieles in diesen Tagen bestand aus Provisorien, und der Tagungsraum, in dem der große Kriegsrat stattfand, machte da keine Ausnahme. Vor 23 Jahren hatte hier die Kolonialversammlung getagt, unter ähnlichen Umständen. Damals war die Stadt eine große Baustelle gewesen, jetzt eine Trümmerwüste. Und damals wie heute tagten der König und seine Leute in einer besseren Bretterbude. Immerhin war die Karte des Westlandes, die Calract damals aufgehängt hatte, gerettet worden und zierte nun wieder die Stirnseite des Saales. Auch wenn dieses Pergament längst nur noch symbolische Bedeutung hatte, war Calract doch froh und auch ein bißchen stolz, sie wieder zu sehen.

Und nicht nur diese alte Karte hing dort, zusammen mit einigen weiteren, die unter anderem den Verlauf der Kriegshandlungen und Frontlinien zeigten. Auch die Teilnehmer waren zum großen Teil identisch mit denen von damals: die Schwarze Großfürstin Hotaru mit ihrem Mann Gad'ta, Kyraia und Tschuri, dazu Hedrass, der Drache Fior und der Sensenmann als militärische Oberkommandierende. Neu dabei waren der jetzige Bürgermeister von Alessandrina mit einigen seiner Verwaltungsleute, Rió für die Drachenpoststationen, und nicht zu vergessen Arashi. Gerne hätte Calract auch Batchiribanban, Lalalu und Kinkiralinlin dabeigehabt, doch sie waren alle drei nicht erschienen. Batchi hatte es sich nicht nehmen lassen, ins Troll-Land zu fliegen, um nach ihrer Freundin Kokoma zu sehen. Calract hielt das für einen Wahnsinn und hätte es ihr am liebsten verboten, doch er wußte, daß es nutzlos gewesen wäre, und hatte sie nur eindringlich ermahnt, vorsichtig zu sein. Niemand konnte wissen, wie Harlengart auf so einen Besuch reagieren würde.

Lalalu hatte kein Interesse an der Kriegskonferenz gezeigt, sie wollte lieber ihre Akademie aufbauen. Und wo Linlin steckte, das wußte im Moment niemand so genau. Nur, daß sie noch am Leben und höchst aktiv war, das war bekannt. Sie lehrte die Elfen das Grauen.

Calract hatte auch Riinari eingeladen, und zu seiner großen Freude erschien die schöne Göttin mit dem Drachen, den er ihr gesandt hatte, gerade noch rechtzeitig vor dem Beginn der Konferenz.

Und noch einen Teilnehmer gab es, auch wenn er, bessergesagt sie, sich stets unauffällig in Hintergrund hielt: SOL, die geheimnisvolle Frau, die im Gefolge Riós in Calracts Umgebung aufgetaucht war. Calract selbst war es gewesen, der sie in seiner Nähe und damit unter Beobachtung haben wollte. Und so saß sie nun auch mit am Tisch, als die Teilnehmer nach und nach eintrafen und Platz nahmen.

Es war schon später Nachmittag an jenem denkwürdigen 16. April des Jahres 1270, einem Mittwoch übrigens, als Calract endlich den großen Kriegsrat eröffnete. Seiner Meinung nach hatte er schon viel zu lange damit gezögert, doch nun war er entschlossen, endlich einen entscheidenden Schlag gegen die tödliche Bedrohung zu führen, die auf sein Reich, seine Kinder und Untertanen und nicht zuletzt auf ihn selbst zielte.

Die Konferenz würde sich voraussichtlich über mehrere Tage hinziehen. Zunächst zogen Calract und Hotaru eine Bilanz der vergangenen Ereignisse gezogen. Kurz gesagt stand das Westland vor dem Zusammenbruch. In den übrigen Kampfgebieten waren zumindest bisher keine irreparablen Schäden aufgetreten. Auf der Haben-Seite stand die Herauslösung Alessandras aus der Front des Feindes und die Kapitulation des Weißen Königreiches, über dessen positive Entwicklung Arashi dann recht ausführlich berichtete. Calract teilte die optimistische Einschätzung seiner Majordomina nicht so ganz, sagte aber nichts weiter dazu. Es stimmte schon, daß König Frank Arashi aus der Hand fraß, aber aus Erfahrung wußte der Schwarze König, daß ein großes Land wie das Weiße Königreich seine eigene Dynamik hatte, egal was der König sagte oder nicht sagte.

Gegen 21 Uhr beendete Calract schließlich den ersten Sitzungstag und begab sich dann vor die Stadt zu seinen Truppen und den Flüchtlingen, um mit ihnen zusammen das Abendessen einzunehmen. Die Angriffe der Elfen gingen praktisch pausenlos weiter. Kopfschüttelnd sah der Schwarze König zu, wie sich hoch über seinen Köpfen seine Drachen mit den unsichtbaren Elfen feurige Duelle lieferten. Es wird verdammt noch mal höchste Zeit, daß wir diesem Wahnsinn ein Ende bereiten.

Lautlos hatte sich Arashi genähert und setzte sich nun neben den Zauberer. Begleitet wurde sie von Riinari.

"Soll ich dir was zu essen holen, Mama?"

Arashi sah zu ihrer Tochter hoch und nickte. Fröhlich sprang Riinari davon. Sie wirkte dabei wie ein junges Mädchen.

Calract sah ihr schmunzelnd nach, dann legte er Arashi eine Hand um die Taille und zog sie näher an sich heran, bis sie sich berührten. Die Dämonin legte ihren Kopf auf seine Schulter und lächelte versonnen, bis ihre Tochter mit zwei Holztellern zurückkam. Der Weg, den sie genommen hatte, war durch die leuchtenden Fußabdrücke deutlich zu sehen.

Wir sind schon eine seltsame Truppe. Und ich schwöre, die Elfen werden uns nicht kriegen. Über ihnen hauchte gerade eine von ihnen ihr Leben im Feuerstrahl eines der Drachen aus. Wie ein Komet verglühte sie am Himmel, und Calract spürte ihren lautlosen Todesschrei. Auch Arashi und Riinari wandten ihre Augen nach oben. Daß die Lichtgöttin für mentale Signale solcherart empfänglich war, wunderte Calract nicht. Daß aber auch Arashi sie vernehmen konnte, überraschte ihn ein wenig. Aber er hatte schon von Anfang an gemerkt, daß in dieser still und zurückhaltend wirkenden Dämonin erstaunliche Talente steckten. Deswegen war sie auch sehr schnell zur Verwalterin seines Gartenlandes, der Majordomina, aufgestiegen. Tja, Arashi ist also die Mutter von Riinari. Wer hätte das gedacht? Calract lächelte versonnen und sah zu der Göttin hinüber.

Riinari trug heute ein hautenges, tief dunkelblaues Kostüm aus einem Material, das sie sich irgendwoher herbeigezaubert haben mußte, denn Calract kannte es nicht, doch wie immer war sie barfuß. Calract hatte sie noch nie in Schuhen gesehen, und er bezweifelte, daß das überhaupt jemals vorkam. Denn dann hätte sie ja auf ihr spezielles Markenzeichen, die leuchtenden Abdrücke, verzichten müssen.

Riinari stellte einen Teller vor ihrer Mutter ab, die daraufhin mit den Füßen Messer und Gabel ergriff und mit großem Appetit zu essen begann. Calract fand es immer wieder faszinierend, ihr - oder auch seiner Frau, die das genauso machte - dabei zuzusehen. Riinari setzte sich in ihrem üblichen Schneidersitz, setzte den Teller auf ihren Beinen ab und machte sich dann ebenfalls über den Braten her. Es war einer der letzten, die es gab, denn das Westland war verwüstet und ausgeplündert. Wild sollte es wieder geben, aber das trieb sich irgendwo in der Wildnis herum, wo niemand an es herankam. In Alessandrina und dem großen Flüchtlingslager jedenfalls mangelte es an allem, und ganz besonders an Lebensmitteln. Arashi hatte zwar versprochen, daß König Frank alles liefern würde, was sie hier zum Überleben brauchten, aber wenn es so weiterging, würde es hier bald niemanden mehr geben, der überhaupt etwas brauchte.


Am nächsten Tag ging es zunächst hauptsächlich um den Grund, warum die Elfen diesen Krieg überhaupt führten. Rió hatte hier einiges zu erzählen, und auch Calract hatte es nicht verabsäumt, Alessandra dazu einige Fragen zu stellen. Wie übereinstimmend berichtet wurde, lagen die Dinge so, daß die Elfen bis zur Auslöschung einer der beiden Seiten kämpfen würden. Calract fragte sich, wer sie auf diese Wahnsinnsidee gebracht hatte. Sicher hatte der ehemalige König Wilhelm dazu beigetragen, aber im Grunde mußten diese Vorstellungen schon lange vorher in den Köpfen der Elfen herumgespukt haben. So etwas beschloß man nicht aus einer Laune heraus von heute auf morgen. Am späten Vormittag begann dann der wichtigste Teil: wie man nun weiter vorgehen wollte.

"Wir müssen den Stützpunkt der Elfen finden, diese zweite Basis, von der aus das Kraftfeld erzeugt wird, das sie immer noch schützt!" Calract sah Riinari an. Die Göttin konnte es genauso spüren wie er. "Seit der Pol auf der Dana'an-Insel zerstört ist, ist das Feld so inhomogen, daß wir zumindest sagen können, daß dieser Stützpunkt irgendwo im Nordosten liegen muß." Riinari nickte. "Dafür spricht auch, daß die Elfen immer aus dieser Richtung kommen. Und je länger dieser Zermürbungskrieg geht, um so weniger machen sie sich die Mühe, ihre Routen zu tarnen." In der Tat hatte Gad'ta mehr als einmal die Drachen auf die Verfolgung der Elfen angesetzt, doch herausgekommen waren dabei nur weitere Luftschlachten, geführt irgendwo über den endlosen Weiten des Nordens und mit einer Erbitterung, die die Drachen schließlich zur Aufgabe gezwungen hatte.

Calract, der heute einen etwas unkonzentrierten Eindruck machte, seufzte. "Wir haben nicht mehr viel Zeit. In spätestens ein paar Monaten ist hier Schluß, und wenn von den Elfen dann immer noch welche übrig sind, dann werden sie woanders weitermachen." Diesmal waren es Hotaru und Gad'ta, die eifrig nickten. "Deshalb werde ich mich, wenn das, äh die Konferenz, meine ich, hier zu Ende und alles soweit geregelt ist, mit ein paar von euch auf den Weg nach Norden machen und diesen Stützpunkt suchen."

Der Zauberer blickte in die Runde: "Gerne hätte ich Linlin dabei, und auch eine Kohleprinzessin kann nicht schaden. Meine Frau werde ich auch mitnehmen ... tja, wirklich schade, daß man die Elfen nicht verhören kann. Das würde uns einiges an Arbeit sparen. Aber das hat nicht mal Linlin bisher geschafft. Leider konnte selbst sie aus den Gedanken der Elfen bisher nichts Brauchbares herausbekommen. Und mit konventionellen Mitteln geht es sowieso nicht. Eher töten sie sich selbst, als daß sie in Gefangenschaft gehen und reden. Vielleicht weiß König Wilhelm etwas, und irgendwann werden wir ihn finden, aber wir können nicht mehr warten." Calract blickte Riinari an: "Bei dir ist alles soweit klar, denke ich."

Die Göttin nickte: "Die Elfen haben sich wohlweislich gehütet, Riinar anzugreifen. Und was deinen Wunsch nach einer Kohleprinzessin angeht, so hast du die Auswahl unter vieren."

"Danke. Dann nehme ich Heismeroke." Die kannte der Schwarze König schon, und so war sie ihm nicht mehr ganz so unheimlich.

"Gern. Ach und Calract!"

"Hm?"

"Ich komme auch mit!"

Calract nickte nur.


Den Rest des Tages verbrachte der Rat dann mit militärischen Strategien für das Westland, und am Abend war eigentlich alles geregelt. Calract hatte am Ende nur noch schweigend zugehört, falls überhaupt, denn er schien mit seinen Gedanken irgendwo weit weg. Kaum erklärte Hotaru die Sitzung für beendet, stand er auf und wandelte wie in Trance hinaus ins Freie. Verwundert sahen die anderen ihm nach. Der Schwarze König blieb plötzlich so abrupt stehen, daß Rió, die dicht hinter ihm gegangen war, fast auf ihn prallte.

"Fior, laß' die Drachen sich zurückziehen und landen!"

Der in der Nacht bräunlich glänzende Drachen breitete seine Schwingen aus und hob ab.

Die anderen blieben fragend stehen, nur Riinari ging weiter auf Calract zu. Anscheinend wußte sie, was bevorstand.

Der Zauberer und die Göttin gingen die schlammige Straße entlang, die direkt aus der Stadt hinaus zu den Feldlagern führte. Dort, etwas außerhalb des Bereiches der Zelte, blieben die beiden dann stehen. Oben schwirrten wie lästige Insekten an die zwanzig Waldelfen und versprühten ihre Zauberkräfte. Calract und Riinari sahen sich an.

Und dann begannen die beiden von einem Augenblick zum nächsten wie zwei Sonnen zu strahlen. Ungeheuren Energien strömten von ihnen ab, und alle Menschen in weitem Umkreis mußten sich zu Boden werfen oder zumindest geblendet abwenden. Die Waldelfen oben in der Luft explodierten wie Puffmais im Feuer und verglühten unter feurigen Lichtern.

Nochmals steigerten Riinari und Calract ihre Energien, und dann wurde er sichtbar, der Schirm, der von Nordosten kommend und mit zahlreichen Lücken und Rissen doch immer noch die Angriffe der Elfen beschützte. Die Göttin und der Zauberer begannen nun mit ihren Kräften auf diese Glocke aus Energie einzuschlagen und sie zur Resonanz zu bringen.

Im Umkreis von hunderten von Kilometern wurden alle Elfen vorübergehend kampfunfähig, doch das eigentliche Ziel war es, den Ursprung dieses Feldes zu finden. Das jedoch vermochten die beiden Magier nicht, trotz aller Anstrengungen.

Und ebenso plötzlich, wie der magische Angriff begonnen hatte, endete er auch wieder. Völlig erschöpft sanken Calract und Riinari zu Boden und fielen praktisch sofort in tiefe Ohnmacht. So wurden sie von ihren Leuten gefunden und eingesammelt.


43. Kapitel - Tausend Schatten

Es klopfte an die Tür. Zweimal. Das bedeutete, daß draußen jemand stand, der ein Freund oder Familienmitglied war.

Hundert Segel klopfte von innen zweimal zurück, um die bösen Geister zu vertreiben, dann öffnete sie die Tür. Und zuckte mit einem Aufschrei zusammen.

"Verschwinde, Peck!" Hundert Segel drehte sich empört um, holte den Besen hervor und war drauf und dran, damit auf das bedauernswerte Wesen loszugehen, das vor ihr auf dem regennassen Hof stand. "Los, weg! Hau ab. So was wollen wir hier nicht." Der Peck hatte es gewagt, zweimal zu klopfen und hatte sie damit auf das übelste getäuscht.

"Aber", hauchte die Kreatur. Die junge Frau hielt inne. Diese Stimme ... "Schwester. Ich bin's, Tausend Schatten."

Die Angesprochene zog überrascht die Luft ein, hielt inne und musterte die scheußliche Kreatur genauer. Ihre Augen weiteten sich. Ja ... irgendwie ... sie erkannte ihre Schwester jetzt. Oder das, was noch von ihr übrig war. Immerhin, Arme und Beine waren noch halbwegs menschlich, Rumpf und Kopf aber gehörten einem Schwein. Einem Schwein, das trotzdem immer noch so etwas wie die Züge von Tausend Schatten trug. Aber Schwester oder nicht, es war undenkbar, diesen widerlichen Peck ins Haus zu lassen. Mit steinernem Gesicht blickte Hundert Segel das verfluchte Wesen an und sagte mit heiserer, bebender Stimme: "Also gut. Du kannst in der Scheune übernachten. Aber nur bis Morgen. Wenn die Sonne aufgeht, muß du verschwunden sein, Peck."

"Danke. Ich danke dir, Schwester."

Die junge Frau knallte die Tür zu und warf sich zitternd auf einen Stuhl. Tränen rannen über ihr Gesicht. Aber wer war schon jemals heil zurückgekehrt, wenn der Große Herr Z gerufen hatte. "Kümgensgütiger, steh' mir bei", betete sie voller Inbrunst.


Tausend Schatten wußte, wo die Scheune war und wie sie hineinkam. Sie war ja hier geboren und aufgewachsen, hatte ihre Kindheit und ihre Jugend auf diesem Hof und in diesem Dorf in der Provinz Üpek verbracht. Bis, ja bis der Ruf an sie ergangen war. Weit, weit war der Weg zur Festung des Himmels gewesen, Wochen und Wochen durch das gesegnete Land Äräolahn, zuerst bis zum großen Siina-Fluß, dann mit einer Fähre über diesen hinweg und weiter, immer weiter bis zu den Flügeln des Himmels. Dort, wo der nördliche und der südliche Flügel aufeinandertrafen, da erhob sich das gigantischste Bauwerk, das Menschen je erschaffen hatten, Asteria, die Festung des Himmels und Sperriegel gegen das dahinter liegende Märchenreich der Dämonen und Teufel, St. Malo.

Der Anblick der himmlischen Festung hatte sich tief und für alle Zeiten in Tausend Schattens Gedächtnis eingebrannt. Es war ihr letzter Eindruck von dieser Schicksalsreise, denn was danach geschehen war, daran hatte sie keinerlei Erinnerung mehr. Es war Frühling gewesen, und irgendwann im Spätsommer oder Herbst hatte sie sich wiedergefunden auf dem Rückweg. Nur war ihr Körper da nicht mehr ihr ursprünglicher gewesen, sondern zur Hälfte der eines Schweins. Ein Peck war sie geworden, eine Ausgestoßene. Der Große Herr Z hatte sie nicht gewollt und bestraft. Wie er so viele vor ihr zu sich gerufen, schließlich für unwürdig befunden und bestraft hatte.

Tausend Schatten war an sich und der Welt verzweifelt. Immer wieder fragte sie sich, ob sie eine der unzähligen Zeremonien falsch gemacht hatte, vielleicht einen Namen eines Heiligen vergessen, oder den eines Teufels, der sie dafür verflucht hatte.

Sie wußte nicht, wie viele Pecks es geben mochte. Man sah sie selten, denn die Menschen wollten nichts mit ihnen zu tun haben. Es war schon gewagt genug gewesen, zu ihrer Familie zurückzukehren. Womöglich würde diese deswegen Schwierigkeiten bekommen, doch Tausend Schatten hatte einfach keinen anderen Ort gewußt, zu dem sie hätte gehen sollen. Vielleicht geschah ja ein Wunder.

Immerhin hatte Hundert Segel, ihre Schwester, sie nicht sofort totgeschlagen, sondern ihr ein Lager für die Nacht erlaubt. Das war mehr, als die meisten Pecks erwarten konnten.

In den Hainen Äräolahns fand man immer wieder die Skelette der Verzweifelten, die sich dort einfach irgendwo hingelegt hatten um zu verhungern und zu sterben. Keiner weinte ihnen eine Träne nach. Jeder haßte und verabscheute sie. Sie waren häßlich, verstümmelt und schlimmer noch, sie waren verflucht. Der Große Herr Z persönlich hatte sie verstoßen. Gewogen und für zu leicht befunden. Niemandem konnte zugemutet werden, mit solchen mit Schande Beladenen zusammenzuleben.

Verzweifelt vergrub Tausend Schatten ihren Schweinskopf in ihren Armen.

Da spürte sie eine sachte Berührung. Tausend Schatten schrak auf. Es war Fleckchen, ihre Katze. Sie hatte ihre alte Herrin erkannt und kam nun, um gestreichelt zu werden. Tausend Schatten hob Fleckchen hoch, drückte sie an sich und brach dann in bittere Tränen aus. Die Katze leckte ihr mitfühlend über das entstellte Gesicht. Für Tausend Schatten war das Leben zu Ende, und das auf solch grauenhafte Weise.

*

He. He! HEEE!

He, Schlafmütze. Du bist doch Tausend Schatten, nicht? Es gibt einen Ort, an dem die Verwandelten in Frieden leben können, das Haus Gutroth am Rande des Tals der Donnerberge, hinter dem Bawisklaan-See im verwunschenen Birkenwald. Du kennst es doch aus den Sagen und Geschichten der Alten, nicht?

Dort leben viele Pecks wie du. Komm dort hin, Tausend Schatten. Du wirst doch kommen, nicht?

*

Kurz vor Sonnenaufgang krähte der Hahn. Wie immer. Nichts hatte sich verändert. Nur Tausend Schatten. Sie gehörte nicht mehr hierher. Schlaftrunken rieb sie sich die Augen.

Dieser Traum. War das Wirklichkeit gewesen? Eine große Ratte stand heute nacht vor mir und sagte mir, wo mein neues Zuhause ist. Wo ich von jetzt an hingehöre.

Tausend Schatten sah sich in der Scheuer um. Durch einige Ritzen fielen die ersten Sonnenstrahlen des späten Herbstes. In der Nacht wurde es bereits empfindlich kühl. Das Mädchen war dankbar, daß es diese Nacht in der alten Scheune hatte verbringen dürfen. Tausend Schatten machte sich bereit. Zeit zu gehen. Für immer.

Sie kniete nieder und murmelte die obligatorischen Gebete des Tages, um den heutigen Heiligen zu ehren und den Teufel zu bannen. Dann stand sie auf. Leise öffnete sie das Tor. Sie war überrascht, davor einen Sack liegen zu sehen. Vorsichtig hob sie ihn hoch und machte ihn dann auf. Sie riß ihre Augen vor Überraschung weit auf. Der Sack enthielt Kleider und Lebensmittel. Hundert Segel mußte ihn heimlich in der Nacht dort für sie hingelegt haben. Welch ein Mut, mitten in der Nacht, wenn all die Geister unterwegs waren, das Haus zu verlassen, und wenn es auch nur für ein paar Sekunden gewesen sein mochte.

Tausend Schatten sah an sich herunter. Was sie trug, verdiente den Namen Kleidung nicht mehr, es waren nur noch zerrissene Fetzen. Niemand dachte im Traum daran, einem Peck Kleidung zu geben. Selbst die, die irgendwo heimlich als Sklaven arbeiten durften - was immer noch besser als Verhungern war - bekamen nur das, was sie für das im wahrsten Sinne des Wortes nackte Überleben brauchten.

In Gedanken bedankte Tausend Schatten sich inständig bei ihrer Schwester, schlüpfte in die Kleider und lief dann davon.


Der Bawisklaan-See war von ihrem Dorf gar nicht einmal so weit weg, jedenfalls viel näher als Asteria. Auch wenn sie wegen der Menschen die schmalen Wege entlang der Felder besser mied, würde Tausend Schatten sicher nicht mehr als zwei oder drei Wochen bis dorthin brauchen. Immer wieder griff sie sich unterwegs an den Hals, wo früher, eigentlich ihr ganzes Leben lang, die Bernsteinkette gehangen hatte, mit deren Hilfe man böse Geister vertreiben konnte. Doch sie hatte sie nicht mehr. Stattdessen gehörte sie nun selbst zu den bösen Geistern. Wie Tausend Schatten das verkraftete, ohne den Verstand dabei zu verlieren, das verstand sie selbst nicht.

Es wurde eine unerwartet lange und harte Reise. Als Peck hatte sie nicht mit dem Mitleid der Menschen zu rechnen. Im Grunde konnte jeder, der ihr zufällig begegnete, sie einfach totschlagen, wenn ihm danach war. Das war völlig legal und wurde sogar offiziell gerne gesehen. Deshalb mieden die Verwandelten alle Orte, an denen sie auf Menschen treffen konnten, und ernährten sich durch Diebstähle auf den Feldern und Plantagen, was den Haß der Menschen auf sie natürlich erst recht anstachelte.

Das Haus Gutroth im verwunschenen Birkenwald hinter dem Bawisklaan-See. Dort muß ich hin. Diese Anweisung hatte sich fest in ihr Gehirn eingebrannt. Tausend Schatten war entschlossen, dieses Ziel zu erreichen, mochte da kommen was wollte.

Nachts fiel schon der erste Schnee, und auch wenn die morgendliche Sonne im milden Klima Äräolahns ihn gleich wieder wegtaute, so machte er doch Nacht um Nacht Tausend Schatten das Leben zur Hölle. Die Kälte war kaum zu ertragen, dazu kam der ewige Hunger, die Angst, die Verzweiflung. Doch immer weiter lief das Mädchen, Tag um Tag, auf abgelegenen Pfaden. Immer, wenn es Menschen hörte, versteckte es sich tiefer im Wald und hoffte, es mochten keine Ritter mit Bluthunden sein.

Inzwischen stieg das Gelände langsam etwas an und die Donnerberge kamen in Sicht. In der Schule hatte Tausend Schatten gelernt, daß diese Gruppe aus zwei Spitzen die höchste und auffälligste Erhebung in der ganzen, riesigen Ebene Äräolahns waren, Heimat zahlloser Heiliger und Teufel. Und als sie sie nun sah, glaubte sie das auch. Sie wirkten erhaben, majestätisch und für Sterbliche unnahbar.

Vor allem an den Südhängen der Donnerberge wurde viel Wein angebaut, sogar Ölpalmen wuchsen dort in dem warmen Klima. Dahinter aber, in dem Land zwischen Gothu und Prig, gab es weder Landwirtschaft noch irgendwelche Siedlungen. Nur ein schmales, von Dämonen besessenes Sumpf-Tal, durch das der Bawisklaan-Bach floß, der schließlich den gleichnamigen See formte. Es war eine viel kühlere, verwunschen wirkende Landschaft, ein Rückzugsgebiet für alle, die in der Zivilisation keinen Platz mehr hatten, seien es Wildtiere, seien es ausgestoßene Pecks. In den Sumpf traute sich kein Beamter des Reiches. Und noch weiter westlich kamen die Grenz-Berge. Nicht so hoch wie die beiden Flügel des Himmels im Osten, doch hoch genug, um die Ebene von Äräolahn von allen äußeren Einflüssen aus dieser Richtung vollständig abzuschirmen.

Seit Menschengedenken war von dort nichts und niemand mehr in das Reich vorgedrungen, und selbst Tartanos, der einzige Teufel Äräolahns, der ursprünglich aus der Fremde stammte, hatte davor haltgemacht. So erzählten es die alten Legenden.


Tausend Schatten zuckte zusammen, als sie in der Ferne Hundegebell hörte. Und es war nicht nur ein Hund, sondern eine ganze Meute. Panik griff nach ihr, und sie wollte wegrennen, doch wohin? Vor kurzem war sie durch einen seichten Bach gewatet. Vielleicht konnten die Hunde ihrer Fährte jetzt nicht mehr folgen. Tausend Schatten sah sich hastig um und entschied sich, auf einen geeigneten Baum in der Nähe zu klettern.

Keinen Moment zu früh, denn kaum war sie im Geäst verschwunden, als unter ihr ein Verwandelter vorbeirannte. Und er rannte um sein Leben. Auch er war zur Hälfte ein Schwein. Der Große Herr Z liebte es, die Menschen mit diesem Zauber zu bestrafen. Tausend Schatten sah die Hunde hinter dem Armen herrennen. Er hatte keine Chance, ihnen zu entkommen. Und dann kamen die Reiter. Tausend Schatten wußte nicht, ob sie imperiale Jäger waren oder zu dem lokalen Provinzfürsten gehörten, aber das machte wohl auch keinen Unterschied. Fünf von ihnen galoppierten fast direkt unter ihr vorbei, und einen Herzschlag später hörte sie den Todesschrei des Peck. Zu den Geistern und Teufeln des Sumpfes hatte sich eine weitere verlorene Seele gesellt, die eines Tages zurückkehren und an ihren Peinigern oder deren Nachkommen grausame Rache üben würde. Die Jäger mußten sich von nun an sehr vorsehen. So wie jeder Mensch in Äräolahn sich vorsehen mußte, denn - so hatte Tausend Schatten es in der Schule gelernt - es gab niemanden, in dessen Linie nicht irgendwo eine schreckliche Blutschuld stand. Jeder hatte irgendwo da draußen einen Teufel, der auf den Tag der Abrechnung wartete.

Einer ihrer Klassenkameraden hatte daraufhin den Dorfältesten gefragt, warum die Menschen denn Schlechtes täten, wenn sie doch wüßten, daß sie eines Tages unweigerlich dafür bestraft wurden, sei es mit Hunger, Krankheit, Seuche, Krieg Feuer oder einem Fluch. Der Lehrer hatte geantwortet, das liege daran, daß Menschen von Natur aus böse und schlecht seien, und man deswegen das ganze Leben lang strenge Zucht üben müsse, um wenigstens das Schlimmste zu verhindern. Zucht, Ordnung, Disziplin, Arbeit, oft sinnlose, und als vierte Säule Gebete und Zeremonien gegen Geister. Darum drehte sich alles im Leben der Menschen von Äräolahn.

Und so war auch Tausend Schatten fest überzeugt, vom Großen Herrn Z für irgendeine schwere Sünde bestraft worden zu sein. Daß sie nicht wußte für welche, spielte keine Rolle. Vielleicht war es auch eine Sünde ihrer Mutter gewesen, oder ihrer Großmutter, für die sie nun büßen mußte.

Tausend Schatten blieb bis zum Anbruch der Nacht auf ihrem Baum, bis sie ganz sicher war, daß die Jäger weit, weit weg waren. Dann kletterte sie wieder hinab. Ein paar Dutzend Meter entfernt lagen die Überreste des Pecks. Das, was die Hunde übriggelassen hatten. Der Große Herr Z hatte in seinem Zorn auch die Hände dieses Pecks zu Schweinsklauen verwandelt, so daß er nicht mal auf einen Baum hätte klettern können wie Tausend Schatten. Mit dem Grauen im Nacken rannte das Mädchen davon, bis es irgendwann tief in der Nacht irgendwo im Birkensumpf erschöpft zusammenbrach. Selbst die Sumpfgeister, die dort umgingen, interessierten es nicht mehr. Nicht einmal der Wallbill hätte sie noch erschrecken können. Tausend Schatten wartete nur noch auf den erlösenden Tod.

Stattdessen kam ein neuer Tag.

Es war kühl, Reif glitzerte auf den kahlen Ästen. Über dem wolkenlosen Himmel strahlte die Sonne freundlich auf das Sumpfland herab. Zitternd, halberfroren, raffte Tausend Schatten sich auf und schleppte sich weiter.

Langsam kehrte die Wärme in ihren Körper zurück. Später am Vormittag fand sie auf einer Lichtung eine große Ansammlung Pilze. Sie lief sofort hinüber und begann gierig zu essen.

"Äh, hallo!"

Tausend Schatten erschrak fast zu Tode. Wie von der Tarantel gestochen fuhr sie auf. Doch sie war nicht in Gefahr. Nicht im Geringsten, im Gegenteil.

Vor ihr, etwa 10 Schritte weg, standen zwei Verwandelte, eine Frau und wahrscheinlich ein Mann, und man konnte auf den ersten Blick sehen, daß sie harmlos waren.

Die Frau saß in einem Schubkarren, denn sie hatte keine Beine mehr. Genauer gesagt hatte sie die kurzen Watschelbeine eines Schwimmvogels, einer Gans oder eines Schwans vielleicht. Sie waren viel zu klein und zierlich, als daß sie den menschlichen Rumpf hätten tragen können.

Geschoben wurde die Schubkarre von einem aufrecht gehenden Ziegenbock. Auch dieser war einmal ein Mensch gewesen, aber das einzige, was davon noch zeugte, waren seine Augen und der aufrechte Gang. Selbst seine Hände waren zu Ziegenhufen verwandelt, und er konnte die Griffe des Karrens nur mit Hilfe von speziellen Schlaufen halten.

"Tut mir leid, wir wollten dich nicht erschrecken." Die beinlose Frau wandte sich an den Ziegenmann: "Gyum, fahr doch ein bißchen näher an das Mädchen heran."

Mädchen. Wie lange war es her, daß jemand Tausend Schatten so genannt hatte. Für die Menschen war sie nur noch ein Peck, nichts Anderes als ekliger Abfall.

Sie schluckte. "Ich heiße Tausend Schatten."

"Ja, freut mich", antwortete die Frau. Sie machte einen erstaunlich fröhlichen Eindruck. "Mein Name ich Schöner Abend. Und das ist Gyum. Wir sind immer hier in der Gegend unterwegs, um arme Menschen wie dich zu finden und zum Haus Gutroth zu führen."

Tausend Schattens Herz pochte auf einmal sehr heftig. "Das Haus Gutroth - es existiert also wirklich!"

"Jaaa", antwortete Schöner Abend gedehnt. "Du hast davon geträumt und warst nicht sicher, ob es auch real ist, nicht wahr?"

Tausend Schatten nickte heftig mit ihrem Schweinskopf.

Schöner Abend antwortete nicht darauf. Sie warf Gyum einen vielsagenden Blick zu, dann meinte sie: "Komm'."

Eine Zeitlang ging Tausend Schatten schweigend hinter den beiden her. "Dieser Weg - ist das nicht zu unsicher. Gestern habe ich ..."

"Keine Angst, so weit trauen die sich nie. Jedenfalls haben wir hier noch nie Untertanen des Reiches getroffen. Nicht wahr, Gyum?"

Der Ziegenmann nickte.

"Er redet wohl nicht sehr viel?", meinte Tausend Schatten.

"Er kann nicht mehr sprechen."

"Oh", rief Tausend Schatten betroffen. Wie dumm von ihr. Und wie schrecklich. Wenn er nicht sprechen konnte, wie konnte er dann die Zaubersprüche aufsagen, die ihn vor den bösen Geistern schützten?

Doch Schöner Abend antwortete leichthin: "Macht nichts. Ich ersetze ihm die Stimme, und er mir die Beine. Das geht wunderbar."

Tausend Schatten staunte. Konnte es sein, daß man auch als Peck ein Leben in Würde und Zufriedenheit führen konnte? Dieser Gedanke war für das Mädchen völlig neu. Pecks hatte sie nie anders denn als verachtenswerte Wesen kennengelernt, Tiere, die man am besten sofort totschlug. Nun war sie selbst einer, aber daß jemand sie wie einen Menschen behandelte, das hatte sie einfach nicht erwartet.

Stundenlang ging es den schmalen Weg auf dem gefrorenen Boden entlang. Schöner Abend und Gyum kannten sich hier gut aus. Immer wieder machten sie Halt, um etwas Eßbares zu sammeln, zu pflücken, aufzuheben oder auszugraben. Wenn man so gut Bescheid wußte wie diese beiden, dann konnte man selbst in dieser Sumpf-Wildnis recht komfortabel überleben. Tausend Schatten, die nichts als Hunger gekannt hatte, kam das wie ein Wunder vor.

Am Abend erreichten die drei dann eine Hütte tief im Wald.

"Ist das das Haus Gutroth?"

"Aber nein, das ist nur eine Hütte, die ein paar von uns mal gebaut haben. Wir sind ja noch nicht mal am Bawisklaan-See."

Aus dem Schornstein der Hütte stieg Rauch auf, es war also jemand da. Gyum trat vor, öffnete die Tür und schob Schöner Abend dann hinein. Tausend Schatten folgte den beiden.

Im Innern der Hütte saßen oder standen fünf Verwandelte herum, allesamt groteske Mischungen aus Mensch und Tier. Tausend Schatten starrte sie fassungslos an. So viele Pecks, noch dazu ganz entspannt und sogar vergnügt, hatte sie noch nie zusammen gesehen.

"Hallo Freunde. Das ist Tausend Schatten, unsere neue Kameradin." Die Angesprochenen begrüßten Tausend Schatten freundlich und luden sie ein, mit ihnen zusammen zu essen. Auch Schöner Abend hatte noch einiges von dem, was sie im Laufe des Tages gesammelt hatte dabei. Sie lieferte es bei einem der Pecks ab. Dann kletterte sie, auf die Arme gestützt, aus ihrem Karren. "Ah, endlich mal wieder ein bißchen Bewegung", rief sie, und bedankte sich bei Gyum fürs Schieben.

Über der Feuerstelle hing ein großer Bottich, in dem eine kräftige Suppe gerade dabei war zu kochen. In der Hütte war es warm und unglaublich anheimelnd. Schüchtern setzte Tausend Schatten sich auf die Bank. Schnell kam sie dann aber mit den anderen ins Gespräch und verlor jede Scheu.

Später gab es dann Essen, und Tausend Schatten war überzeugt, nie in ihrem Leben etwas besseres gegessen zu haben.

Nach und nach legten sich dann alle schlafen. Tausend Schatten fiel auf, daß die meisten nicht einmal beteten. Sie selbst tat es natürlich.


Irgend etwas weckte Tausend Schatten mitten in der Nacht. Ein Geräusch, ein seltsamer Geruch ... und das Gebell von unzähligen Hunden!

Es brannte. Die Hütte stand in Flammen, das Strohdach explodierte in diesem Moment geradezu. Die Geister waren gekommen, und sie zu holen!

"Feuer!", schrie jemand. Tausend Schatten zuckte zusammen, schoß aus dem Bett und rüttelte die anderen wach. In diesem Moment brachen die dünnen Äste, auf denen das Dach geruht hatte, und ein Regen aus Feuer, Glut und Asche stürzte auf die Pecks.

Die meisten schafften es trotzdem nach draußen, doch dort warteten schon die Jäger und ihre Bluthunde. Wer durch die Tür kam, wurde sofort niedergemetzelt. Die Todesschreie der Verwandelten mischten sich mit dem Gekläffe der Hunde, dem Wiehern der Pferde und den hart gebrüllten Befehlen der Jäger zu einer Kakophonie des Grauens.

Weitere Teile der Hütte gaben nach und stürzten zusammen. Irgend etwas traf Tausend Schatten am Kopf, und sie ging ohnmächtig zu Boden.


Und wieder strahlte die Sonne aus einem makellos blauen Himmel herab auf die Erde und beleuchtete die noch rauchenden Trümmer der Hütte.

Ein schrilles, keuchendes Husten erklang, dann wühlte Tausend Schatten sich aus der Asche. Sie konnte es kaum glauben, aber sie war am Leben und praktisch unverletzt.

"Oh, Kümgensgütiger", rief sie. Die Hölle hatte sie doch wieder eingeholt, auch wenn die Jäger oder Teufel sie diesmal übersehen hatten.

Das Knacksen eines Astes ließ Tausend Schatten mit einem Schrei hochfahren. Für einen Moment glaubte sie, dort am Waldrand den schreckliche Wallbill zu sehen. Aber es war nur Gyum. Er hatte eine schwere Wunde an der Schulter sowie einige Brandverletzungen, doch lebensgefährlich schienen sie allesamt nicht zu sein.

"Gyum! Oh Gott."

Der Ziegenmann wies auf die Ruine der Hütte. Zusammen gruben sie dann in der Asche nach Überlebenden. Sie fanden Schöner Abend und einen weiteren Verwandelten, beide tot. Die Überreste der anderen lagen rings um die Hütte verstreut. Und wir können sie nicht mal begraben.

Am Nachmittag verließen die beiden Pecks den Ort der Katastrophe. Tausend Schatten trottete hinter Gyum her, doch dem ging es zusehends schlechter. Seine Wunden hatten sich entzündet, und schließlich mußte Tausend Schatten ihn stützen.

Sie waren die ganze Zeit am Bawisklaan-Bach entlanggegangen, und kurz vor Sonnenuntergang erreichten sie schließlich den See, der schon halb zugefroren war.

"Whoa, ich hätte nie gedacht, daß er so groß ist", staunte Tausend Schatten. Doch viel Zeit, sich zu freuen, blieb ihr nicht, denn Gyum brach zusammen. "Oh Gott, du hast ja hohes Fieber!" Panisch sah Tausend Schatten sich um. Was sollte sie jetzt nur tun? Mit seiner Klaue zupfte Gyum sie am Ärmel und deutete dann nach Südwesten.

"Nein, ich bleibe bei dir."

Gyum schlug sie auf den Arm und deutete dann erneut und ziemlich energisch in diese Richtung. Tausend Schatten verstand. Er wollte, daß sie ihn hier zurückließ und sich in Sicherheit brachte. Dort irgendwo, in dem schmalen Streifen zwischen dem See und den Bergen mußte das Haus Gutroth sein.

"Ich ..." Mit Tränen in den Augen nahm sie Gyums Klaue in ihre Hände und drückte sie zum Abschied noch einmal ganz fest. "Ich verspreche, ich werde Hilfe holen." Doch Gyum schüttelte nur den Kopf. Erneut zeigte er den See entlang, dann sank sein Huf kraftlos zu Boden.

Weinend, schreiend vor Verzweiflung lief Tausend Schatten davon.


Das Land am See kam ihr vor wie ein Alptraum. Gab es hier Trolle? Oder noch etwas Schlimmeres? Die Nacht war finster, Regen und Schnee wechselten sich ab. Links von Tausend Schatten gluckste der See, und Nachtgeister ließen ihre seltsamen Laute hören. Auf den Berggipfeln saßen die Wölfe und heulten zu der Verwandelten herunter, dazu toste der Wind durch die kahlen Bäume und sang das Lied des Todes. Schritt um Schritt taumelte die junge Frau durch die Finsternis, durch den eisigen Schneematsch, ohne die geringste Ahnung, wo sie war und wo sie hinmußte. Jeden Augenblick würde ein Teufel auftauchen und sie holen, aber das erschien ihr allmählich als Erlösung. Irgendwann brach sie einfach zusammen.

Und wieder wurde sie gerettet.

Tausend Schatten lag direkt am See, fast schon im Wasser, auf dem sich langsam die Eisdecke schloß. Doch als der Morgen heraufdämmerte, weckte sie ein eigenartiges, knirschendes Geräusch. Ein Ruderboot bahnte sich seinen Weg durch das dünne Eis und zerschnitt dieses dabei Stück um Stück.

Zitternd raffte Tausend Schatten sich auf und blickte auf den See. War das der Ertrunkene Hoodze, der Ungeist der Meere, der sich ihr jetzt auf diesem riesigen See näherte, um ihre Seele abzuholen? Tausend Schatten wußte es noch nicht, aber so ganz falsch lag sie mit ihrer Befürchtung nicht.

In dem Boot befanden sich zwei Pecks. Einer, derjenige, der ruderte, hatte den Körper eines Menschen und den Kopf einer Ratte, wie Tausend Schatten erkannte, als das Boot nahe genug heran war. Vorn auf dem Bug hingegen stand eine Frau, die trotz ihres Vogelkopfes irgendwie nicht zu einem Verwandelten zu passen schien. Sie war in schwarze, elegant und zugleich irgendwie bedrohlich wirkende Gewänder gehüllt, und die kleinen Augen in dem geradezu winzig wirkenden Kopf blickten scharf und sezierend umher.

Was da auf den Schultern dieser Frau, die irgendwie fast wie eine Fürstin oder Königin wirkte, ruhte, war eine Art Schwanenhals plus Schwanenkopf in Originalgröße. Nur, daß dieser Kopf nicht von einem Schwan stammte. Das Boot legte an und die Frau sprang mit einem kraftvollen Satz an Land. Tausend Schatten zitterte vor Kälte, doch sie konnte die Augen nicht von diesem Kopf nehmen. Was für ein Vogel war das? Sie hatte nie etwas Ähnliches gesehen, obwohl sie auf dem Land aufgewachsen war und alle Tiere Äräolahns gut kannte. Es war ... es erschien ihr wie der Kopf eines Drachens oder Dämons, trotz des Schnabels und der Federn. Und dazu diese Drachenaugen, die verschiedene Farben hatten.

"Du bist Tausend Schatten." Die energische, kraftvolle Stimme durchschnitt die Kälte des nebligen Morgens unnatürlich laut. Es war eher eine Feststellung als eine Frage. Tausend Schatten fragte sich, woher diese Frau ihren Namen kannte.

"Du kannst mich Mistress nennen. Ich bin die Beschützerin der Verwandelten. Das da ist Rock. Komm!" Sie streckte Tausend Schatten ihre Hand entgegen. Als das Mädchen sie ergriff, war es überrascht über die Wärme, aber auch die Kraft. Mit einem spielerischen Ruck zog Mistress Tausend Schatten auf die Füße und schob sie dann ins Boot. Rock gab ihr eine Decke, und Tausend Schatten hüllte sich geradezu gierig in diese ein. Dann legte das Boot wieder ab.

"Das war dann wohl die letzte Fahrt vor dem Winter", sagte Mistress halblaut zu ihrem Ruderer. Der nickte mit seinem Rattenkopf.

Tausend Schatten kamen sie beiden seltsam vor. So ganz anders als die anderen Pecks, die sie bisher kennengelernt hatte. Sie benahmen sich so, als gehörten sie gar nicht wirklich hierher. Pecks waren Ausgestoßene. Sie waren immer gehetzt und daher war Vorsicht ihre zweite Natur. Wer das auch nur ein einziges Mal vergaß, der endete so wie ihre Freunde aus der Hütte, Schöner Abend, Gyum und die anderen. Rock und Mistress hingegen benahmen sich wie ... wie ... ja, wie Eroberer, die das unbekannte Land inspizierten, bevor sie es in Besitz nahmen und die Bewohner vertrieben oder töteten. Aber sie halfen Tausend Schatten. Hatten sie sie nicht gerade gerettet! Mistress holte von irgendwo her etwas zu essen und gab es der Frau. Tausend Schatten hatte seit mehr als einem Tag nichts mehr gegessen und machte sich gierig darüber her. Als sie aufgegessen hatte, gab Mistress ihr mehr, und dafür war Tausend Schatten ihr dankbar und vergaß ihre finsteren Gedanken. Die beiden waren seltsam - nun, das war sie doch wohl auch, eine Frau mit dem Leib und Kopf eines Schweins. Wer war sie, andere zu verurteilen?

Die Ruderfahrt über den See, über dem abgesehen vom gelegentlichen Rufen eines einsam kreisenden Vogels eine tiefe Stille lag, dauerte an die drei Stunden. Zwischendurch erklärte Mistress: "Es gibt etwa auf halber Höhe des Sees eine tiefe Einbuchtung, fast eine Insel, die mit dem Festland nur durch einen schmalen Streifen verbunden ist. Dort, versteckt im Wald, ist das Haus Gutroth, die Heimat der Verwandelten, wo ihr in Sicherheit seid."

Später hörte Tausend Schatten Klopfen und Hacken. Mistress erklärte: "Da drüben ist das Eis schon dicker. Deine zukünftigen Kameraden hacken das Eis auf, um an die Fische heranzukommen. Von irgend etwas müssen wir ja leben." Sie lachte, und auch Rock fiel darin ein. Es war ein, leises, verhaltenes, aber gleichzeitig auch verächtliches, zynisches Lachen. Wieder hatte Tausend Schatten das eindringliche Gefühl, daß diese beiden nicht hierhergehörten. Sie waren keine Pecks, sie waren Wesen, die über Pecks lachten. Über Pecks und über den, der Menschen in Pecks verwandelte. Tausend Schatten bekam eine Gänsehaut und wandte den Blick ab. Vielleicht ... ja vielleicht wäre sie besser dran gewesen, sich von den Jägern totschlagen zu lassen. Doch dafür war es zu spät.

Endlich erreichten sie die Halbinsel, von der Mistress gesprochen hatte. Von einem Haus war weit und breit nichts zu sehen, und auch sonst gab es nicht den geringsten Hinweis auf Zivilisation oder das Vorhandensein von Menschen. Nur winterlich kahlen Birkenwald, der aber trotzdem so dicht war, daß der Blick nur wenige Meter weit eindringen konnte.

Mistress sprang aus dem Boot, und Rock vertäute es an einer gut versteckten Stelle. Dann folgte Tausend Schatten den beiden in den Wald hinein. Es war kaum zu glauben, aber nach kaum fünf Minuten standen sie wirklich vor einem Haus, und war für einem. Das Haus Gutroth war riesig, ein zweistöckiger Klotz aus Lehm, Steinen und Balken mit einem Dach aus Schilf, das es in dieser Umgebung fast unsichtbar machte.

Fenster gab es fast keine. Vorne und, wie Tausend Schatten später feststelle, auch hinten, gab es je einen Eingang.

"Mistress ..."

"Hmm?"

"Woher wußtet Ihr, wo Ihr mich finden konntet? Und woher kanntet Ihr meinen Namen?" Unwillkürlich hatte Tausend Schatten die respektvolle Anrede gewählt.

Die Frau mit dem Vogelkopf sah Tausend Schatten nur kurz an. Und sie beantwortete ihre Fragen auch nicht.


Es vergingen eine Reihe von ruhigen Tagen. Von der ausgelassenen Stimmung, die in der Hütte damals geherrscht hatte, war hier nichts zu spüren. Über dem Haus Gutroth lag etwas, das Tausend Schatten an das Schweigen eines Grabes erinnerte. Doch das war nur ein vager Eindruck. Mistress kümmerte sich wirklich um die mehr als hundert Pecks, die hier lebten. Es ging ihnen gut, sie waren in Sicherheit und konnten in Frieden leben, ohne jede Minute Angst haben zu müssen. Und dafür waren sie ihrer Retterin dankbar.

Mistress war sehr an den persönlichen Lebensgeschichten ihrer Schützlinge interessiert und nahm sich immer mal wieder einen zur Seite, um ihn zu befragen. Sie alle mußten auch arbeiten, vor allem Holz und Nahrung sammeln. Rock und Mistress kannten jede Menge Stellen, an denen sich entweder erstaunlich viel Wild, Fische, Nüsse, eßbare Wurzeln oder was auch immer fand, so daß sie allesamt leicht ernährt werden konnten, auch diejenigen, die nicht in der Lage waren, selbst loszuziehen und sich etwas zu besorgen. Sie alle wurden jeden Tag satt, und das wußten sie sehr zu schätzen. Denn es war unter den Verwandelten keiner, der nicht mehr als einmal dem Tod von der Schippe gesprungen war. So manchen hatte Mistress aufgelesen, der sich einfach irgendwo zum Verhungern hingelegt hatte. Sie hatte ihnen zu Essen gegeben. Auch solche, die von erbosten Bauern zu Tode gehetzt werden sollten, hatte die Frau vor den Bluthunden gerettet und hier in Sicherheit gebracht. Und auch die, die für wenige Krumen Brot härteste Sklavenarbeit hatten verrichten müssen, hatten hier Schutz gefunden.

Doch als der Winter mit Macht über das Land kam, da wurde die Situation prekär. Tausend Schatten hatte nie einen so harten Winter mit so viel Schnee erlebt. Unten in der Ebene gab es so etwas nicht. Äräolahn hatte ein ausgesprochen mildes Klima. Hier oben jedoch war selbst der See vollkommen zugefroren und mit hohen Schneemassen bedeckt, so daß man nicht einmal mehr sagen konnte, wo er eigentlich genau lag.

"Also", sagte Mistress eines Morgens zu ihren Schützlingen, "wir müssen hinunter in die Ebene und uns dort etwas holen, sonst müssen wir hier oben verhungern. Dort unten gibt es noch genug Wintergemüse auf den Feldern. Es reicht für uns alle, und wir nehmen den Bauern auch nicht viel weg, aber es bleibt uns keine Wahl."

"Aber", warf Tausend Schatten schüchtern ein, "die Jäger ..."

"Sollen wir hier oben bleiben und verhungern?"

"Aber ... wenn der Wallbill kommt ...."

Mistress lachte höhnisch. "Der Wallbill. Erzähl mir bloß nicht, du glaubst an diese albernen Kindermärchen!"

"Aber Mistress", wandte einer der anderen ein, "ich habe gehört ..."

"Was!", schnitt die Vogelköpfige ihm das Wort ab. "Hast du den Wallbill schon mal gesehen? Hä? Oder kennst du wenigstens einen, der ihn schon mal gesehen hat? Nein? Nein! Also, gehen wir!"

Und so wurde es dann auch gemacht.

Gewissenbisse, den Menschen etwas zu stehlen, hatte unter den Pecks so gut wie alle. Sie waren schuldig, verflucht für ihre Sünden. Und jetzt mußten sie noch mehr sündigen. Aber was half's? Für sie ging es ums nackte Überleben.

Mistress versorgte sie alle mit einigermaßen winterfester Kleidung, und dann zogen sie los. Es ging quer über den See. Der Marsch durch die meterhohen Schneewehen war eine Tortur, dazu wehte ein beständiger, eisiger Wind das schmale Tal entlang, und zu Essen hatten die Pecks auch fast nichts mehr. Doch ihre Entschlossenheit und ihr Wille zum Überleben war stärker, und am Ende des Tages standen sie vor der Stufe, die hinunter in die Ebene führte, wo noch immer Herbst war und die Bauern gerade das Getreide ernteten.

"So leben die, und uns überläßt man nicht mal das Schwarze unter den Fingernägeln", rief Rock seinen Kameraden zu. "Kommt, wir holen uns unseren Anteil."

In der Nacht schlichen die Pecks sich hinab in die Ebene und plünderten alle Felder, die sie vor Sonnenaufgang erreichten. Dann zogen sie sich wieder zurück.

Es war abzusehen, daß sie nicht so schnell zum Haus Gutroth würden zurückkehren können. Zwar schickte Mistress einige Pecks los, um denen, die nicht hatten mitkommen können, etwas zu bringen, aber das, was die anderen eingesammelt hatten, würde nicht lange reichen. Nur für ein paar Tage, keinesfalls für den ganzen Winter. Es stand ein unerfreulicher Kleinkrieg bevor, und so entschied Mistress, daß sie möglichst schnell möglichst weit vorstoßen sollten. Die nächstgelegene Großstadt war Landa an der Grenze der Provinzen Tüög und Prig. Dort gab es eine Rittergarnison, und wenn die gegen die Pecks ausrückte, dann würde es ein fürchterliches Blutbad geben.

"Aber andererseits gibt es nur noch in der Nähe von Landa auf den Feldern genug, daß wir über den Winter kommen", erklärte Mistress. "Wir dringen so schnell es geht vor, wenn's sein muß sogar am Tag, holen uns, was wir brauchen, und ziehen uns dann rasch zurück."

Doch das klappte nicht so richtig. Ständig kam es in den folgenden Tagen zu blutigen Zusammenstößen mit den Bauern der Umgebung, und auch die Ritter waren alarmiert und patrouillierten verstärkt durch die Provinz. Nicht wenigen Pecks kostete eine Begegnung mit ihnen das Leben, und die Unsicherheit, aber auch der Haß unter den anderen wuchs mehr und mehr.

Da wurde Tausend Schatten Zeugin eines unheimlichen Zwischenfalls. Es hatte sich inzwischen weit über die Grenzen Tüögs hinaus herumgesprochen, daß dort eine gut organisierte Gruppe Pecks den Menschen erfolgreich Widerstand leistete, und das wirkte auf alle Verwandelten, die davon erfuhren, wie elektrisierend. Zum ersten Mal in ihrer traurigen Existenz gab es so etwas wie Hoffnung, und so erhielt Mistress' Gruppe einen zwar kleinen, aber stetigen Zustrom von zu allem Entschlossenen.

Tausend Schatten befand sich gerade am Rande eines Apfelgartens, wo sie die noch nicht abgeernteten Äpfel einsammelte, als sie aus der Ferne wieder einmal die Geräusche hörte, die sie so zu fürchten und zu hassen gelernt hatte: Hundegebell und Pferde. Kein Zweifel, eine Gruppe Jäger oder sogar Ritter verfolgte einen Peck. Und genauso war es auch. Tausend Schatten wurde Zeugin, wie die Gruppe aus über zehn Berittenen vier Pecks abschlachtete und ihre Reste dann den Hunden vorwarf. Sie selbst befand sich in einer Erdhöhle in hervorragender Deckung, konnte alles genau beobachten, aber selbst nicht gesehen werden.

Nachdem die Hunde satt waren, zogen die Reiter wieder ab und ließen die zerrissenen Leichen einfach am Straßenrand liegen. Tausend Schatten wollte gerade ihr Versteck verlassen, da hörte sie Stimmen. Die Stimmen von Mistress und Rock. "Ich glaube, so langsam haben wir sie soweit." Das war Mistress, und aus ihrem Tonfall konnte Tausend Schatten eine tiefe Befriedigung heraushören. Mistress fuhr fort: "Zeit für die Waffen." Dann sah sie sich um. Und der Blick aus ihren Drachenaugen fiel genau auf Tausend Schatten in ihrem Erdloch. Für das Mädchen gingen die Lichter aus.


Mitten in der Nacht fand Tausend Schatten sich auf dem Schlachtfeld wieder. Eine große Gruppe Pecks hatte sich mit den Bewohnern eines nahegelegenen Dorfes einen mit unglaublicher Härte und Erbitterung geführten Kampf geliefert. Überall brannten noch die Heuballen, glühten noch die Ruinen der angezündeten Scheunen, Ställe und Wohnhäuser. Die Menschen hatten von einer Gruppe Ritter Verstärkung bekommen und die Pecks am Ende niedergemacht oder zumindest vertrieben. Mitten unter den Flüchtlingen - es waren erstaunlich viele - stand Mistress. "Wenn wir nicht kämpfen, werden wir sterben", rief sie mit ihrer durchdringenden Stimme den demoralisierten Pecks zu.

Doch die hatten zu viel Angst. Da erhob sich Tausend Schatten und trat zu Mistress hin. Sie war wie in Trance, als sie sich langsam einmal um sich selbst drehte und dann mit leiser Stimme, die irgendwie nicht die ihre war, zu sprechen begann.

Mistress hat Recht.

"Mistress hat Recht."

Sie wollen nur eins, uns alle töten.

"Sie wollen nur eins, uns alle töten."

Wollt ihr das zulassen? Selbst wenn ihr nicht mehr für euch selbst kämpfen wollt, was ist mit all den anderen Pecks, für die wir die letzte Hoffnung sind?

"Wollt ihr das zulassen? Selbst wenn ihr nicht mehr für euch selbst kämpfen wollt, was ist mit all den anderen Pecks, für die wir die letzte Hoffnung sind?"

Wenn wir jetzt nicht bestehen, dann werden wir für immer und alle Ewigkeit verdammt sein. Hier und jetzt entscheidet sich das Schicksal der Pecks. Wenn wir gewinnen, dann bekommen wir vielleicht sogar die Macht, den Großen Herrn Z dazu zu zwingen, uns zurückzuverwandeln.

"Wenn wir jetzt nicht bestehen, dann werden wir für immer und alle Ewigkeit verdammt sein. Hier und jetzt entscheidet sich das Schicksal der Pecks. Wenn wir gewinnen, dann bekommen wir vielleicht sogar die Macht, den Großen Herrn Z dazu zu zwingen, uns zurückzuverwandeln."

Diese Worte fuhren wie ein Ruck unter die Pecks. Die jähe Hoffnung, eines Tages wieder Menschen werden zu können, war für sie ein helles Licht in tiefster Nacht. In diesem Moment wurden aus Sklaven wieder Männer und Frauen, und nichts würde sie von nun an davon abhalten zu kämpfen bis zum Sieg oder Tod.

War ich das? Habe ich das gesagt? Verwirrt blickte Tausend Schatten sich um, doch da sprach bereits Rock weiter: "Freunde. Mistress und ich haben in der Nähe eine alte Kultstätte gefunden. Und wißt ihr, was wir dort entdeckt haben: Waffen: Schwerter, Lanzen, Messer, sogar Pfeil und Bogen."

Ein ungeheurer Jubel brach unter den Pecks aus, und sie waren nicht mehr zu halten. Rock rief ihnen noch hinterher, daß man die Sachen alle erst mal ein bißchen instand setzen mußte, aber das hörte schon keiner mehr. Alle rannten hinter Mistress her. Nachdem sie ihren Lebenswillen zurückbekommen hatten, bekamen sie jetzt auch die Waffen, die sie dafür brauchten. Es war wie ein Wunder.

Und so zog noch in der gleichen Nacht ein marodierender Haufen los Richtung Westen. Mistress und Rock ließen keine Gelegenheit aus, die Pecks weiter anzustacheln und aufzuhetzen. Und so wurde jeder Mensch, der sich dem tobenden Haufen in den Weg stellte, gnadenlos niedergemacht. All der Haß, der sich in den gedemütigten, getretenen Kreaturen über Jahre hinweg aufgestaut hatte, brach sich jetzt Bahn. Es gab kein Halten mehr. Dorf um Dorf brannte, und die Menschen, die dem tobenden Mob hatten entkommen können, zogen in langen Karawanen gen Landa, wo sie sich Schutz erhofften.

Einen Tag später mußten die Pecks, deren Zahl inzwischen auf über 500 angewachsen war, ihre erste große Bewährungsprobe bestehen, als ein Trupp von 100 schwerbewaffneten Rittern sich ihnen entgegenstellte. Doch die Reihen der Ritter hielten nicht stand. Ihre Pferde scheuten, warfen die Reiter ab, und die Pecks metzelten sie allesamt nieder. Es war wie ein Blutrausch, dem sie alle anheimgefallen waren.

Am nächsten Tag erlitten weitere 50 Ritter das gleiche Schicksal, wobei die Pecks diesmal allerdings selbst hohe Verluste hinnehmen mußten. Doch ihre Zahl wuchs inzwischen schneller als sie durch Kampfesverluste abnahm. Das ganze Reich Äräolahn schien zu beben.

Am nächsten Tag standen die Pecks vor Landa.

In Äräolahn herrschte seit Menschengedenken Friede, und außer Asteria hatten nur ganz wenige Städte so etwas wie eine Befestigung. Die Bürger wehrten sich verzweifelt, doch im Nu standen die ersten Häuser in Flammen. Nur der Umstand, daß die Rittergarnison im Osten lag, verhinderte, daß sofort die ganze Stadt niedergebrannt wurde, denn die Pecks kamen ja von Osten und stießen also zuerst auf die Garnison, und die war sehr wohl befestigt. Doch wie von Zauberhand fiel auch hier Schanze um Schanze. Wie im Rausch eroberten die Pecks die Garnison, Haus um Haus, und töteten jeden Menschen, den sie fangen konnten.

Tausend Schatten hatte den Zug nach Landa mitgemacht, allerdings nicht als aktive Kämpferin. Dazu fühlte sie als Frau sich nicht berufen, obwohl es unter den Kämpfern mehr als genug Frauen gab, denen ihr Haß und der allgemeine Blutrausch jede Hemmung genommen hatte. Als Landa zu brennen begann, überkamen Tausend Schatten langsam Zweifel an dem, was sie da eigentlich taten. Waren sie nicht losgezogen, um Nahrung zu sammeln? Wollten sie nicht einfach in Ruhe gelassen werden? Wie viele Menschen waren nun schon von ihnen abgeschlachtet worden?

Es fiel Tausend Schatten auf, daß Rock und Mistress, die sonst immer ganz vorne mitmarschiert waren, auf einmal, nachdem die Garnison so gut wie erobert war, verschwunden schienen. Sie fragte nach den beiden, aber niemand hatte sie gesehen, und es interessierte auch niemanden, denn mit einem Mal hatte die Schlacht sich gewendet, und die verbliebenen Ritter errangen die ersten Siege gegen die Pecks. Stundenlang ging es hin und her, bis die wenigen Ritter, die noch da waren, die Pecks schließlich aus ihrem Lager wieder vertreiben konnten. Diese wandten sich dafür gegen die Stadt, aber auch da schlug ihnen erbitterter Widerstand entgegen.

Seltsam. Mistress und Rock sind weg, und schon können wir nicht mehr siegen. Doch weiter kam Tausend Schatten mit ihren Gedanken nicht, denn da passierte ... etwas. Gehetzt blickte sie sich um. Ihre Borsten stellten sich steil auf. Die Luft war wie elektrisch geladen, und ein abgründiges Dröhnen ließ den Boden und die Luft vibrieren. Einen Moment später blitzte am östlichen Horizont, da, wo in weiter, weiter Ferne der südliche Flügel des Himmels lag, ein grelles, violettes Licht auf. Tausend Schatten wußte ziemlich genau, wie weit die riesige Gebirgskette weg war, und sie war auch ganz sicher, daß der Blitz von dort kam. Er mußte unglaublich hell sein, wenn er auf diese Entfernung noch so deutlich zu sehen war.

Und dann begann das Ende der Welt. Ein wahrhaft gigantischer Blitz erfüllte für einen kurzen Moment den ganzen Himmel, um dann direkt im Zentrum der Stadt einzuschlagen. Der Donner, der dabei entstand, war so laut, daß er Tausend Schatten von den Füßen riß. Zahllose Häuser in der Stadt mußten dabei eingestürzt sein.

Hören konnte Tausend Schatten für die nächsten Stunden nichts mehr. Der Weltuntergang spielte sich in gespenstischer Lautlosigkeit ab.

Wie ein Dämon aus einer anderen Welt stapfte das Wesen, das sich aus dem Blitz materialisiert hatte, über die Trümmer den Pecks entgegen.

"Der Wallbill!" Tausend Schatten hörte ihre eigene Stimme nicht. Aber sie wußte, was sie da sah. Auch wenn niemand zuvor dieses Monstrum je gesehen hatte, Tausend Schatten wußte es. Es war der Wallbill. Und gegen die Realität waren all ihre Ängste geradezu lächerlich.

Der Wallbill war am Anfang ein knapp vier Meter hohes, äußerst breitschultriges, aber skelettiert wirkendes Monstrum mit fünf Hufen an jedem Fuß und zwei mächtigen Hörner. Es fegte durch die Reihen der Pecks und zerriß sie wie Spielzeuge. Und mit jedem Getöteten wurde der Wallbill kräftiger. Fleisch begann seine Knochen zu überziehen und die Hohlräume seines Körpers zu füllen. Die Pecks konnten nicht mal fliehen, der Wallbill bannte sie. Er zerfetzte einen nach dem anderen und verwandelte sich in ein Monstrum, wie Tausend Schatten es sich niemals auch nur in ihren schlimmsten Alpträumen hatte vorstellen können.

An die tausend Pecks hatten Landa berannt und waren in die Stadt eingedrungen. Lebend heraus kamen, soweit Tausend Schatten das später feststellen konnte, außer ihr kein einziger.

Und dabei bleib auch von der Stadt nicht viel übrig, obwohl der Wallbill die Menschen völlig ignorierte, ja ihnen sogar manchmal auswich. Aber er setzte einfach so unglaublich viel Kampfkraft frei, daß nichts und niemand, der das Pech hatte, in seine Nähe zu kommen, auch nur die Spur einer Chance hatte, das zu überstehen.

Tausend Schatten hatte jegliches Gefühl für Zeit verloren. Irgendwann stellte der Wallbill seine Tätigkeit ein. Und so dramatisch sein Auftritt gewesen war, so unheimlich war sein Abgang. Er wurde einfach durchsichtig und war nach wenigen Augenblicken verschwunden. Zurück ließ er eine völlig verwüstete Stadt und einen Berg zerfetzter Leichen.


"Das hat sich doch wirklich gelohnt, Mistress Beata!" Es war die Stimme von Rock. Tausend Schatten war verwundert, daß sie wieder etwas hören konnte. Sie kroch aus ihrem Versteck hervor.

"Es war ja auch genug Arbeit, das vorzubereiten. Ah, da kommt ja unser kleines Schweinemädchen. Tausendsassa oder so, gell?"

"Tausend Schatten ist mein Name." Die Szene kam Tausend Schatten völlig irreal vor. Der Morgen graute gerade, die Menschen begannen, sich in der Trümmerwüste wieder zu orientieren, und sie stand hier irgendwo auf einem abgebrannten Feld vor dieser drachenköpfigen Frau, die sie bisher unter dem Namen Mistress gekannt hatte und die sich auf einem luxuriösen Stuhl flegelte, den sie weiß der Himmel woher haben mochte.

"Wie es aussieht, Kleines, bist du die einzige Überlebende. Naja, schade ist es nicht um dieses Pack. Na, dann wollen wir mal."

Tausend Schattens Herz blieb für einen Moment stehen, als Mistress' und Rocks Köpfe sich zu verwandeln begannen und nach wenigen Augenblicken in ihre normale Form zurückkehrten.

Ein fast schwarzes und ein ganz hellblaues Auge musterten Tausend Schatten mit einem kalten, abschätzenden Blick. "Darf ich vorstellen: ich bin Beata, Imperatrice der Sonneninsel, genannt die Schwarze Hexe, und das da ist Gerard de Roqueville, mein Boy und Lehrling. Und du, Kleines, bist ab sofort meine Sklavin."

Tausend Schatten schrie gellend auf, als der Zauber der Hexe nach ihr griff und ihren Körper wie mit flüssigem Feuer füllte. Doch einen Moment später waren die grauenvollen Schmerzen wie weggewischt. Und Tausend Schatten hatte ihren menschlichen Körper wieder zurück. Es war ein Wunder, er unfaßbares Wunder. Doch Tausend Schatten fühlte irgendwie gar nichts, keine Erleichterung, keine Angst, nichts. Es war alles so irreal, daß es sie nicht berührte, im Moment zumindest nicht.

Gerard und die Hexe musterten sie interessiert. "Na, das ist doch eine schöne Zugabe, findest du nicht, Boy?"

"Doch, doch, Mistress Beata. In der Tat. So richtig zum Vernaschen." Die beiden fielen in ihr hartes, trockenes Gelächter ein. Die Schwarze Hexe und ihr Lehrling waren anscheinend bester Laune.

"Aber jetzt müssen wir hier weg. Kommt, bevor wir noch auffallen."

Sie und der gutaussehende junge Mann liefen los, und Tausend Schatten blieb nichts Anderes übrig, als ihnen zu folgen. Sie fragte sich, was wohl passiert wäre, wenn sie einfach stehengeblieben wäre. Doch das wagte sie nicht.

Die drei zogen durch ein verwüstetes Land. Jetzt erste wurde Tausend Schatten so richtig klar, was dieser Krieg, denn nichts Anderes war es gewesen, hier angerichtet hatte. Überall wimmelte es von Rittern und Reichsbeamten, doch seltsamerweise nahmen sie von der Schwarzen Hexe und ihren beiden Begleitern keinerlei Notiz. Die drei konnten in aller Seelenruhe ihres Weges ziehen.

Am Abend marschierte die Hexe schnurstracks auf ein schönes, großes Haus, fast eine Villa, zu.

"Aber Herrin. Was, wenn dort jemand ist?"

"Keine Angst. Da wohnt keiner mehr. Dafür haben wir schon gesorgt." Wieder lachte sie dieses schrille, trockene Lachen. Tausend Schatten bekam eine Gänsehaut.

Sie wollte gerade eintreten, da schrie Tausend Schatten: "Wartet. Erst müssen wir die bösen Geister beruhigen. Wißt Ihr nicht, daß heute der Tag des Heiligen Rimsbi und des Teufels Iranoq ist. Wir müssen ..."

Weiter kam sie nicht, denn die Schwarze Hexe gab ihr eine Ohrfeige, die sie von den Füßen fegte.

Sich die brennende Wange haltend blickte sie mit Tränen der Angst und der Schmerzen zu der Hexe auf, die sich drohend über sie aufbaute. "Wochen und Monate habe ich euch Pack ausgehorcht, und immer und immerzu, tagaus, tagein, habe ich nichts Anderes zu hören bekommen als diesen Geister-Scheiß. Heilige hier, Teufel da. Bei euch Irren sitzt unter jedem Stein ein eigener Teufel, und wenn ihr nur drauftretet, dann kommt er hervor und tut euch was an!"

"Aber Herrin!" Genauso war es doch. Denn woher sonst kamen all die Krankheiten, die Unglücksfälle, die Mißernten, all das Mißgeschick, das den Menschen das Leben so schwermachte, wenn nicht von den Teufeln und bösen Geistern?

"Schweig'! Ich kann diesen Quatsch nicht mehr hören. Und wenn du damit nicht aufhörst, verwandele ich dich in einen Peck zurück!", zeterte sie.

Tausend Schatten blieb vor Angst fast das Herz stehen. Alles, nur das nicht. Und so kniete sie nieder und flehte ihre neue Herrin um Vergebung an.

Die Schwarze Hexe gab ihr einen Tritt.

Dann betraten sie das Haus.

"Mach' uns was zu essen. Los, dalli!"

Die Hexe und ihr Boy flegelten sich auf dem Sofa und einem der Sessel und ließen Tausend Schatten Feuer machen und Essen kochen. Das Haus war innen noch weitaus vornehmer als von außen, und die Speisekammer war prall gefüllt. Manche der Sachen kannte Tausend Schatten gerade mal dem Namen nach. Hier mußten reiche Leute gelebt haben. Tausend Schatten wollte lieber nicht wissen, was mit ihnen geschehen war.

Später servierte sie dann das Essen in geradezu wundervollen Porzellanschüsseln. Das Besteck war aus Silber und Elfenbein, und auf dem Tisch brannten zehn Kerzen aus parfümiertem Bienenwachs. So viel Luxus hatte Tausend Schatten nie zuvor gesehen, obwohl sie keineswegs in Armut aufgewachsen war.

"Buah, das schmeckt ja scheußlich. Wo hast du denn Kochen gelernt? Da ist ja kein Gramm Salz dran, an dem Fleisch!"

"Aber Herrin, wißt ihr nicht, daß man Salz niemals essen darf? Es ist nur zum Schutz gegen böse Gei ..."

Weiter kam Tausend Schatten nicht. Die glühenden Augen der Schwarzen Hexe durchbohrten sie geradezu. In dem Zimmer wurde es mit einem Mal eisigkalt und finster. "Böse Geister? Der einzige böse Geist, den es hier gibt, bin ich, Kleine, und wenn du mir nicht auf der Stelle was Ordentliches kochst - mit Salz drin - dann koche ich dich!"

Zitternd und vor Angst weinend schlich Tausend Schatten zurück in die Küche und kam einige Zeit später mit dem Essen wieder.

Zu ihrem Erstaunen hatte die Hexe sich wieder vollkommen beruhigt und lud sie sogar ein, mit ihr und ihrem Boy zusammen zu essen. Tausend Schatten erfuhr alsbald den Grund für diese Großzügigkeit, denn die Schwarze Hexe brannte geradezu darauf, ihr zu erzählen, was für ein irres Ding sie da gedreht hatte.

Zwischen den Bissen also erfuhr das schöne Mädchen, das nun wieder ein Mensch war, eine erstaunliche Geschichte.

"Da im Westen gibt es einen Zauberer, der so mächtig ist, daß er sich früher oder später wohl auch für Äräolahn interessieren wird. Offiziell bin ich seine, naja, Verbündete, oder was auch immer, aber ich war jedenfalls der Meinung, daß es nichts schaden könnte, wenn ich mich hier vorher mal ein bißchen umsehe. Außerdem ist hier ein gewisser Wilhelm von Botha versteckt, und den will ich finden. Du kennst ihn nicht zufällig?" Der kalte Blick aus den schwarzen und dem blauen Auge schien Tausend Schatten bis auf den Grund ihrer Seele zu durchbohren. Vor Schreck verschluckte sie sich an ihrem Bissen und antwortete hustend: "Nein, Herrin, diesen Namen habe ich noch nie gehört. Ich schwöre es beim heiligen ..."

"Schon gut. Ich glaube dir. Nein, ich weiß, daß du die Wahrheit sprichst. Eine wie du kann die Schwarze Hexe nicht belügen. Und verschone mich mit deinen Heiligen. Also weiter." Sie stopfte sich ein großes Stück Braten in den Mund und erklärte, während sie kaute: "Natürlich habe ich gleich gemerkt, daß dieses Land auch von einem mächtigen Zauberer beherrscht wird oder zumindest wurde, von diesem Großen Herrn Z oder wie er auch immer in Wahrheit heißen mag."

"In Wahrheit? Aber ..."

"Natürlich, du naives Ding. Du glaubst doch nicht, daß das sein richtiger Name ist. Aber den werde ich schon noch herausbekommen. Jedenfalls, was ich schnell herausgefunden habe ist, daß er über eine sehr mächtige Waffe verfügen muß. Damit meine ich nicht ...", sie biß das nächste Stück ab, "diese Macht, Menschen in Tiere und Schweine zu verwandeln. Das kann jeder Hobby-Zauberer."

Tausend Schatten war erschüttert. Aber hatte es die Schwarze Hexe nicht ein einfaches Fingerschnippen gekostet, den Zauber zu lösen, der auf ihr gelastet hatte? Gespannt lauschte sie weiter.

"Wallbill. Dieses Wort ist mir immer wieder begegnet. Also habe ich einen kleinen Plan gemacht, Z aus der Reserve zu locken, daß er mir seine Wunderwaffe mal zeigt. Und das hat ja prächtig geklappt."

Langsam begriff Tausend Schatten, was die Schwarze Hexe ihr da gerade gesagt hatte. Die fuhr fort: "Aber ich fürchte, das was wir gesehen haben, war nur ein kleiner Teil dessen, wozu dieser Wallbill fähig ist. Und es kommt noch besser: ich glaube fest, daß es mehr als nur diesen einen gibt."

"Da wird Calract ein schönes Problem bekommen", warf Gerard ein. Die Schwarze Hexe nickte heftig. "Ja, da freue ich mich schon drauf, dem alten Sack mal eins auszuwischen. Er ist mir noch so einiges schuldig. He, TS, bring mir noch eine Flasche Wein, hopp hopp."

"Was ist TS?", fragte Gerard überrascht.

"Na, Tausend Schatten natürlich, du Blödmann. Was denn sonst?"

"Hm, vielleicht 'Tomate und Salat'?"

Die Schwarze Hexe bekam große Augen, während Gerard vor Lachen herausplatzte.

Tausend Schatten hatte allerdings das Gefühl, die Pointe nicht ganz verstanden zu haben. Jedenfalls sprang sie sogleich auf und folgte dem Befehl ihrer Herrin. Die war's zufrieden.

"Herrin?"

"Hm?"

"Die Verwandelten ... Ihr könntet sie doch alle erlösen."

Tausend Schatten blickte der Schwarzen Hexe genau in die Augen. Sie spürte, wie ihr eigener Puls immer langsamer und schwächer wurde. Die kalten Schlangenaugen der Schwarzen Hexe schienen sich immer weiter und weiter zu entfernen. Schließlich stand für einen furchtbaren, endlosen Augenblick Tausend Schattens Herz still. Bis es mit einem heftigen Ruck wieder zu schlagen begann. Tausend Schatten fragte nicht weiter.

*

"Was machen wir jetzt? Wir haben diese Informationen und eine praktische Sklavin. Aber wie gehen wir jetzt weiter vor, Mistress Beata?"

"Jetzt, mein lieber Boy, nehmen wir uns Asteria vor." Sie machte eine ausholende Geste: "Mir gefällt dieses Land, und ich will nicht, daß Calract es bekommt. Ich will es für mich selbst! Ich spüre, daß hier einiges zu holen ist."

Sie sah Tausend Schatten an. "Na, wenn du was sagen willst, dann immer heraus damit!"

"Herrin ... der Große Herr Z ...", piepste das Mädchen verlegen.

Die Schwarze Hexe schüttelte den Kopf. Sie beugte sich über den Tisch und zauberte ein paar Sachen herbei, die sie dann wieder verschwinden ließ. "Weißt du, ein Zauberer oder eine Hexe wie ich kann im Gebiet eines anderen Zauberers seine Kräfte normalerweise nicht oder nur sehr eingeschränkt benutzen. Hier aber ... spüre ich gar nichts. Was auch immer mit diesem Z passiert ist, seine Macht ist offensichtlich gebrochen." Und ich habe auch so eine Idee, warum das so ist. Deshalb muß ich ein bißchen vorsichtig sein - noch ...


44. Kapitel - Die Eismaschine

Der Anlaß - der große Kriegsrat - war kein erfreulicher gewesen, aber trotzdem hatte ich mich wahnsinnig gefreut, mal wieder meine Tochter Riinari zu sehen. Im Weißen Königreich war die Lage im Moment einigermaßen stabil, so daß ich ruhigen Gewissens nach Alessandrina hatte fliegen können.

Der Zustand dieser Stadt hatte mich erschreckt. Ein Wunder, daß in diesen brennenden Trümmern noch Menschen lebten. Und doch war gerade diese Stadt die letzte Hoffnung für das ganze Westland. Die Elfen, die Weißen und arcadischen Marodeure hatten dieses ganze, riesige Gebiet systematisch verwüstet und so viele Kolonisten getötet, wie sie nur konnten. Hauptsächlich Gad'ta war es zu verdanken, daß dennoch die meisten von ihnen wenigsten noch am Leben waren, denn er hatte den großen Treck organisiert und sie alle gerettet und hierhergeführt. Die Versorgungslage war extrem schwierig, aber immerhin ließ sich diese Stadt leichter verteidigen als das riesige offene Land. Hier hatte Calract hunderte von Drachen stationiert, und an denen bissen die Elfen sich die Zähne aus. Andererseits waren die winzigen und doch so mächtigen Waldelfen für die Drachen viel zu flink, so daß eine Art Patt-Situation herrschte. Trotzdem griffen sie immer und immer wieder an, wie die Besessenen. Und sowohl Calract als auch ich glauben allmählich, daß man das mit der Besessenheit ziemlich wörtlich nehmen durfte. Fragte sich nur, wer hinter all dem steckte.

Ich muß sagen, was sich hier abspielte, dieser sinnlos gewordene Ausrottungskrieg, bei dem die Elfen längst nichts mehr gewinnen konnten, war erschütternd.

Im Verlauf der Konferenz erklärte vor allem Rió, die einiges durchgemacht hatte, mir nachvollziehbar, was ihrer Ansicht nach die Elfen antrieb. Aber das machte es für mich eigentlich noch schlimmer, denn anscheinend gab es keine Hoffnung. Entweder wir oder sie. Calract ließ keine Zweifel daran, daß er unter diesen Umständen die Elfen auslöschen würde, wenn er konnte. Er hatte einfach keine andere Wahl. Aber ich wußte, daß es ihm nicht leichtfiel. Denn er hatte vor der Schöpfung, und gerade auch vor diesem Teil der Schöpfung, großen Respekt. Doch er konnte nicht zulassen, daß hunderttausende von Menschen, die ihr Schicksal und ihr Wohlergehen in seine Hände gelegt hatten, einfach zu dem Tode überantwortet wurden. Nein, er würde kämpfen bis zum Ende.

Und auch meine Tochter wollte kämpfen, an Calracts Seite. Schon während der Konferenz machte sie entsprechende Andeutungen, die ich sehr deutlich verstand.

Am zweiten Tag beobachtete ich dann, wie Calract immer abwesender wurde, weil er Energie für irgend etwas sammelte. Und Riinari schien mit ihm auf geheimnisvolle Weise verbunden. Ich konnte das ganz deutlich spüren. Als am Abend, nach Ende der Konferenz, Calract fast wie in Trance die Bretterbude verließ, warf Riinari mir einen vielsagenden Blick zu, bevor sie ihm nachging.

Es war leicht, ihrer Spur zu folgen, die leuchtenden Fußabdrücke zogen sich die ganze Hauptstraße entlang ein gutes Stück ins freie Land hinaus, wo ein Teil der Soldaten und Flüchtlinge kampierten. Ich war ein gutes Stück zurückgeblieben, und das erwies sich jetzt als Glück, denn völlig unvermittelt legten die beiden los. Calract setzte unglaubliche Energien frei, und Riinari ließ ebenfalls ihre gesamte Macht einfließen. Der Himmel schien zu beben. Rings um mich brachen die Menschen reihenweise ohnmächtig zusammen, und oben am Himmel explodierten etliche Elfen wie Sternschnuppen. Ich als Orna-Dämonin hielt einiges mehr aus, trotzdem hatte ich das Gefühl, mein Kopf sei zu einer riesigen Glocke geworden, die nun mit unglaublicher Wucht dröhnte und schmerzte unter den Titanenschlägen, die die beiden gegen den Elfenschirm führten.

Einen Augenblick lang huschten seltsame Bilder über den Himmel, dann stabilisiere sich ein faszinierender Anblick: die Energieglocke, die die Elfen beschützte.

Es war nicht Riinaris und Calracts Ziel, diesen Schirm zu zerstören, im Gegenteil. Denn dann hätten sie keine Chance mehr gehabt, seinen Ursprungspunkt zu lokalisieren. Dennoch schlugen sie mit ihren Zauberkräften wie wild darauf ein. Jeder Schlag lief durch meinen Kopf wie Feuer. Langsam, aber sicher, schwanden auch mir die Sinne.

Und dann war es vorbei. Ich atmete tief durch und wollte wieder aufstehen, doch meine Beine waren wie aus Gummi. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich mich hochgearbeitet hatte und wieder laufen konnte. Dann rannte ich zu den beiden hinüber. Wie ich es nicht anders erwartet hatte, lagen sie völlig erschöpft in tiefer Bewußtlosigkeit am Boden. Mir fiel auf, welch unnatürliche Stille herrschte. Anscheinend war ich im Moment das einzige Lebewesen weit und breit, das bei Bewußtsein war. Ganz stimmte das aber nicht, denn ein paar Minuten später erschien Hotaru, die Eiserne.

Wir sahen uns an. Gestern hatte ich diese Frau, die jetzt schon eine lebende Legende war, zum ersten Mal getroffen. Was in ihrem Kopf vorging, war unmöglich zu sagen, doch allem Anschein nach war sie eine loyale Vasallin des Mannes, dem auch ich diente: Calract.

"Ihr Orna-Dämoninnen haltet ganz schön was aus", meinte Hotaru lakonisch. Ich lächelte leicht und antwortete: "Dafür sind wir ja gemacht worden."

"Gemacht ..." Sie blickte nachdenklich zu Boden, dann sagte sie leise: "Ich wünschte, ich wüßte auch, wofür ich gemacht wurde."

Sie atmete tief ein, dann sagte sie: "Ich werde mal Calract ins Lager bringen. Hier draußen kann er ja schlecht liegenbleiben.

"Gut. Dann nehme ich meine Tochter."

Hotaru sah mich fragend an. Ich verstand. Wie wollte eine Frau, die keine Arme hatte, jemanden tragen? Ich lächelte. Mein Körperbau hatte doch immer wieder interessante Wirkungen auf die Leute, und so gut wie jeder unterschätzte mich. Jedenfalls war es hier draußen sehr einfach. Ich trat über Riinari, umschlang sie mit meinen Beinen, schlug meine Flügel auf, und als Hotaru mit Calract in Lager ankam, da lag meine Tochter schon lange in einem gemütlichen Bett.

*

Ich hatte nicht gewartet, bis Calract wieder zu sich gekommen war, denn ich wollte etwas Wichtiges erledigen. Und dieses Wichtige hieß Saator. Saator von Oryock.

Unter mir lag in der aufgehenden Sonne das Weiße Reich. Es war Mitte April, aber dieses Jahr hielt sich der Winter besonders lange. Daß die Schwarzen Berge in meinem Rücken noch schneebedeckt waren, war normal. Dort schmolz der Schnee nicht mal im Hochsommer. Aber hier im Weißen Land sollte um diese Zeit bereits so langsam die Aussaat beginnen. Das würde aber wohl dieses Jahr noch ein paar Wochen warten müssen. Es war, als wollte die Natur die Menschen für ihre Torheiten bestrafen.

Meine Flügel schlugen kraftvoll und gleichmäßig, und ich wollte die Ruhe, die hier oben herrschte, dazu nutzen, über mich nachzudenken.

Wenige Monate war es erst her, daß ich zu Calract gestoßen war. Und doch erschien es mir wie ein halbes Leben. Und das war es auch. Im Alptraumland war ich nichts als ein Schatten gewesen. Meine Schwestern waren Wächterinnen in diesem Gebiet der Zeitlosigkeit. Sie hatten immerhin eine Aufgabe gehabt. Ich hingegen war Ausschuß, unbrauchbares Testmaterial, das Boris von Maarx eher zufällig am Leben gelassen hatte. Naja, nicht nur zufällig, ich war seine bevorzugte Bettgenossin gewesen, wenn man das mal so sagen wollte. Vielleicht hatte er mich bevorzugt, weil mein Körper von allen Orna-Dämoninnen noch der menschenähnlichste war. Zeit war für mich in diesen 400 Jahren keine vergangen, und dann, als Calract Maarx das erste Mal besiegt hatte und das Verwunschene Land zerstört worden war, da waren wir, die Überlebenden, zusammen mit Maarx geflohen. Weit waren wir durch die Welt gezogen, und immer und überall hatte Maarx nach einem Weg gesucht, wie er sich an Calract rächen und ihn endlich vernichten konnte.

Er hatte mit Rosalia und der Schwarzen Hexe konspiriert, und ich hatte ein weiteres Kind von ihm bekommen. Sein teuflischer Plan jedoch war am Ende gescheitert und er hatte den Tod gefunden, und in diesem Moment hatte mein Leben wieder begonnen. Riinari war dagewesen. Damals hatte ich noch nicht - oder nicht mehr - gewußt, daß sie meine Tochter war. 400 Jahre waren doch eine zu lange Zeit, und damals war ich sowieso in einer Art Trance gewesen. Ich hatte mich daher nicht ihr, sondern Calract angeschlossen, dem Mann, mit dem ich schon vor 20 Jahren mal eine Nacht verbracht hatte, zusammen mit Lalalu und Linlin. Kein Wunder also, daß auch Lalalu Calract bat, sie bei sich aufzunehmen, was dieser auch gerne tat.

Ich glaube, Calract ist der wundervollste Mensch auf der ganzen Welt. Nicht, daß er besonders gütig, edel oder großherzig wäre. Normale menschliche Maßstäbe bedeuteten nicht viel bei ihm. Vielleicht sieht Batchiribanban das in ihm, wer weiß. Nein, für mich ist er einfach das Gegenteil all dessen, was ich an Schrecklichem hatte durchmachen müssen und was untrennbar mit dem Namen Boris von Maarx verbunden war. Bei Calract war ich kein Rest, kein lebender Ausschuß, den man benutzte und dann wegwarf. Stattdessen hatte er mich zu seiner Majordomina gemacht, der wichtigsten Person in seinem Reich nach dem König und der Königin. Ich trug nun die Verantwortung für mehrere tausend Dämonen und Menschen im Gartenland, das Gartenland selbst und die Koordination mit den übrigen Gebieten. Es war eine wundervolle Arbeit, die mich erfüllte und stolz machte. Alle mochten mich, jeder half mir, wenn ich Rat und Hilfe brauchte, und meine beiden Sklavinnen Meriad und Seyra empfanden mir gegenüber eine tiefe Verehrung und Zuneigung. Ja, das war es vielleicht, der Kern dessen, was Calract ausmachte: dieses warme Vertrauen ineinander.

Es war, als wäre ich aus tiefster Benommenheit erwacht und in ein helles, weiches Licht getreten, das mein Herz mit Freude erfüllte. Und es war noch viel besser gekommen. Ich hatte meine Tochter wiedergefunden, meine über alles geliebte Riinari.

Am Anfang war es zugegebenermaßen schwer gewesen. Ich hatte meinen neuen Platz erst mühsam finden müssen. Am meisten dabei geholfen hatten mir (neben Riinari natürlich) BQMZ und der Mann, in den ich mich schließlich verliebt hatte: Saator. Und ich war entschlossen, nun zu ihm zu fliegen und ihm einen Heiratsantrag zu machen.

Das Problem, wer mich solange als Majordomina vertrat, hatte ich ja kürzlich schon einmal gelöst. Seyra hatte sich in dieser Aufgabe gut bewährt. Ich würde sie also erneut bitte, während ich auf Hochzeitsreise war. Und vielleicht konnte auch Morga ein bißchen mitmachen und sie unterstützen.

Die Sonne war inzwischen aufgegangen, und ich spürte, daß es der erste richtig warme Tag dieses Jahres werden würde. Am Horizont erschien das grau-grüne Band des Siina, des Schicksalsflusses der Mittelländer, der jetzt bis zur Sonneninsel hinunter die Grenze zu Calracts Westland bildete. Mein König hatte sich da ein ganz ordentliches Stück einverleibt.

Nach gut drei Stunden, es ging langsam auf Mittag zu, überquerte ich den breiten, wasserreichen Fluß, auf dem reger Bootsverkehr herrschte. Ein Stück östlich von mir lag die Stadt Allera, die von oben einen recht prächtigen Anblick bot. Meine Neugier wurde aber eher durch diese Schiffe und Fähren erregt, die zwischen dem Nordufer, das den Weißen gehörte, und dem Südufer, dem Herzogtum Rolfes, hin und her pendelten, und dabei anscheinend eine Weiße Armee übersetzten. Na sowas!

Das Kommandozelt zu finden war nicht schwer, es war durch seine Größe, die davor aufgestellten Standarten und Wachen wirklich nicht zu übersehen. Nebenbei bemerkt stand es ein gutes Stück auf dem Südufer, und dort begann sich in der Tat eine ganz nett große Weiße Ritterarmee zu formieren. Eine richtige Armee diesmal, nicht solche Mörderbanden, wie sie ständig durch die Westkolonie zogen. Ich beschloß, mir die Sache mal genauer anzusehen, und flog auf das Zelt zu.

Kurz vor der Landung machten die Wachen mich aus. Schon langten sie nach ihren Bogen, doch einer von ihnen brüllte, es sei keine Elfe, und so entspannten sie sich wieder.

Ich faltete meine Flügel ein. Erst jetzt merkte ich, wie anstrengend dieser lange Flug gewesen war. Von heute morgen 5 Uhr bis jetzt, etwa 11:30, alles am Stück und ohne Pause. Ich trat vor die Wachen, die mich finster anblickten. Das schreckte mich aber nicht im geringsten. "Ob Ihr wohl etwas Wasser für mich hättet. Ich habe einen weiten Flug hinter mir."

Der Soldat, den Rangabzeichen nach ein Unterleutnant, blickte sich nervös um. Er stand sicher nicht hier, um jemandem Wasser zu holen. Schließlich sah er irgendwo eine Ordonnanz herumspringen und winkte sie energisch herbei.

Wenig später kam der junge Soldat, fast noch ein Kind, mit einem Krug klaren Wassers zurück, und wollte es mir geben. Er erschrak, als er bemerkte, daß ich keine Arme hatte. Ich lächelte ihn mit meinem sanftesten Lächeln an, und er schmolz geradezu dahin. Ich ließ mir einfach den Krug an den Mund führen, und trank ihn fast ganz aus.

"Danke, mein Kleiner."

"Gern geschehen, edle Herrin Arashi."

Aha, anscheinend kannte er mich.

Ich drehte mich um, als ich hinter mir mehrere Soldaten kommen hörte. Anscheinend befand sich der kommandierende General dieses Feldzuges nicht in dem Zelt, wie ich vermutet hattet, denn er kam gerade von irgendwo da draußen und wollte hinein. Man hatte ihm schon berichtet, wer da überraschend bei seinen Truppen aufgetaucht war, und so baute er sich mit seinen zwei Adjutanten großspurig vor mir auf und blickte mich mit undurchdringlichem Pokergesicht an.

Vielleicht war es ein Fehler von mir gewesen, hier zu landen. Was die Weißen vorhatten, war ziemlich offensichtlich, aber es ging mich eigentlich gar nichts an. Wie auch immer. "Mein Name ist Arashi, Majordomina des Schwarzen Königs. Und mit wem habe ich die Ehre?"

"Kohler. Generalmajor Kohler, Kommandeur der 14. Armee." Seine Stimme klang nicht mal unfreundlich, und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: "Wollt Ihr vielleicht mit reinkommen, Frau Arashi?" Er machte eine einladende Geste in Richtung des Zeltes. Ich überlegte, dann schüttelte ich den Kopf. Sicher hätte eine längere Pause mit gutgetan, aber es war nicht zu übersehen, daß ich hier nicht sonderlich erwünscht war. "Danke, General. Aber ich bin auf der Durchreise und habe mich nur gewundert, daß so kurz nach dem Friedensschluß die Weiße Armee schon wieder operiert."

Ich sah dem General, dessen Name mir wohlvertraut war, und seinen zwei Obristen ins Gesicht. "König Frank weiß nichts von dem, was hier geschieht, stimmt's?" Ich wußte nämlich auch von nichts, und ich hatte zusammen mit Frank die ganze letzte Woche nichts Anderes gemacht, als mich um genau solche Dinge zu kümmern.

Die drei Soldaten griffen nach ihren Schwertern. "Aber, aber, meine Herren, Ihr wollt doch nicht gegen eine Orna-Dämonin antreten", lachte ich. Ich brauchte diese Männer nicht zu fürchten, sie hätten im Ernstfall gegen mich keine Chance gehabt. Und das wußten sie. Auf ein Zeichen des Generals hin steckten sie mit verkniffenen Gesichtern ihre Schwerter wieder ein.

"Also, Ihr erobert hier ein Stück des Herzogtum Rolfes als Ausgleich für den Streifen westlich des Siina. Aber der hat dem Grafen Bremren gehört. Ihr habt damit gar nichts zu tun."

"Es war trotzdem unser Land", erwiderte einer der Obristen.

Tja, und jetzt war ich genau an dem Punkt, weswegen ich mir wünschte, ich wäre einfach weitergeflogen. Was diese Leute hier taten, ging mich nichts an. Allerdings ... Ich trat einen Schritt auf den General zu: "Ihr wißt sicher, mein lieber General, daß ich König Frank darin unterstütz habe, sein Land vor der Anarchie zu bewahren und seine Autorität und Souveränität wiederherzustellen. Ihr braucht mir nicht zu sagen, daß Ihr Euren König für ein Kind haltet, das nur aus einer Laune des Schwarzen Königs oder wegen eines Zufalls nun Euer König ist. Tatsache ist, daß Ihr Soldaten Eures Königs Frank seid und ihm Gehorsam ..."

"Schweigt!", unterbrach der General mich energisch. "Die inneren Angelegenheiten unseres Landes gehen Fremde nichts an. Und Prinz Frank ist keineswegs unser rechtmäßiger König. Wir dienen Königin Alessandra und König Wilhelm. Nur von ihnen nehmen wir Befehle entgegen."

"Dann frage ich mich doch, wer Euch den Befehl zu dieser Operation gegeben hat. Denn Wilhelm und Alessandra können es ja wohl nicht gewesen sein!"

General Kohler wurde blaß, aber nicht vor Schreck, sondern vor Wut. Es bestand kein Zweifel, daß er diesen Eroberungsfeldzug auf eigene Rechnung machte.

"Gehen wir doch ins Zelt", schlug ich vor. Ich hoffte, wir würden doch noch vernünftig miteinander reden können.


Das Innere des Zeltes war ausgesprochen luxuriös ausgestattet. Ich setzte mich auf ein großes Sitzkissen, das den Eindruck machte, auf ihm sei schon so manche Orgie gefeiert worden.

"Anscheinend ist der Krieg für manche ein gutes Geschäft." Ich ließ den General nicht zu Wort kommen, sondern sagte: "General Kohler. Solange Ihr Euren Kopf so weit unten behaltet, daß Calract ihn nicht sieht, könnt Ihr wegen mir machen, was ihr wollt. Aber der Blick meines Königs ruht auf König Frank." Das war zwar eine Lüge. Calracts Blick ruhte im Moment fest auf dem Schutzschirm der Elfen, aber das wußten die Burschen hier ja nicht. Ich fuhr fort: "Sollte also Euer neuer König eines Tages Schwierigkeiten mit der Treue seiner Truppen haben, dann wird der Schwarze König nicht tatenlos zusehen. Wir verstehen uns? Ihr seid bei weitem nicht mächtig genug, um Calract die Stirn bieten zu können, also müßt Ihr Euch fügen. So einfach ist das. Das gute, alte Recht des Stärkeren. Ihr kennt das ja sicher. Und jetzt darf ich mich verabschieden. Ich habe noch einen weiten Flug vor mir."

Ich bin sicher, wenn Kohler gekonnt hätte, hätte er versucht mich aufzuhalten. Doch Hand an eine der engsten Vertrauten des Schwarzen Königs zu legen wagte er nicht. Früher oder später würde er einsehen müssen, daß sein riskantes Spielchen vorbei war.

*

"Majordomina? Ich! Schon wieder!" Seyra blickte mich erschrocken an, und auch Morga war ziemlich überrascht.

Ich nickte.

Die Lunaloc-Dämonen waren unglaublich fleißig. Und die Menschen hier auch. Die meisten waren zwar Sklaven, aber sie wußten genau, was sie an ihrem Herrn, dem Schwarzen König hatten. Ich glaube, ich hatte es schon erwähnt: durch besondere Güte zeichnete sich Calract sicher nicht aus, dafür verband ihn mit dem Schicksal der einfachen Sterblichen zu wenig. Aber seine Gerechtigkeit und Fairneß waren weithin bekannt. Nie hatte er je sein Wort gebrochen. Und willkürliche Grausamkeiten gegenüber seinen Schutzbefohlenen, wie sie Sklaven anderswo ständig zu ertragen hatten, waren ihm vollkommen fremd. Und so hatten sie alle freiwillig geschuftet bis zum Umfallen und hier in der kurzen Zeit Unglaubliches geleistet, auf das sie zurecht stolz waren.

Lalalu hatte eine Strandpromenade - ja, man mußte schon fast sagen - herbeigezaubert, deren bezaubernder Liebreiz mir den Atem verschlug. Die Küste hier im Gartenland war steil, schroff und praktisch unzugänglich. Lalalu aber hatte das Unmögliche möglich gemacht: mit Hilfe einer unserer Schwestern, der Kohleprinzessin Heismeroke hatte sie einen breiten Streifen des Felsenlandes entfernt und dort einen Zugang zum Meer geschaffen, der in weiten, sanften Stufen, unterbrochen durch großzügig angelegte Terrassen, sich bis zum tief blauen Wasser herunter erstreckte. Dutzende ihrer neuen Studenten verbrachten dort ihre freie Zeit, oft zusammen mit ihren Professoren, zu denen natürlich auch Lalalu selbst zählte, die klügste Frau ihrer Zeit damals - und heute wahrscheinlich auch.

War es oben im Westland noch eisigkalt, hier im Gartenland herrschte schon fast Sommer. Die Mädchen taten es ihrer Lehrerin nach und liefen meist nackt herum, um die warmen Temperaturen und die fast ständig strahlende Sonne in vollen Zügen zu genießen, und auch die männlichen Studenten konnte man nur als sehr dünn bekleidet beschreiben.

Es herrschte eine fröhliche, entspannte Stimmung. Kaum zu glauben, daß vor ein paar Monaten hier alles noch eine niedergewalzte, trostlose Trümmerwüste gewesen war.

Auf den Terrassen wurde des Abends Fisch gegrillt, und nicht selten kamen den Studenten, aber auch den Dozenten, beim zwanglosen Gespräch oder beim Tollen im Wasser die eine oder andere gute Idee für ihre Studien und Experimente.

Vor allem eins fiel mir sofort auf, es wärmte mir das Herz. Nämlich zu sehen, wie selbstverständlich Lalalu als Ornadämonin zwischen ihren Schülern wandelte. Die Jungen und Mädchen verehrten ihre Akademieleiterin zutiefst, und diese dankte es ihnen mit liebevoller Hinwendung.

Oben, ein paar Dutzend Meter vom Ende der Treppe landeinwärts, stand bereits der erste Flügel ihrer Universität, und er entsprach in seiner offenen, prachtvollen Architektur ganz dem, was man vom zukünftigen wissenschaftlichen Herzen eines großen Reiches erwarten konnte. Lalalu hatte es zusammen mit einigen ihrer Studenten geplant, und sie hatten auch alle tatkräftig beim Bau mitgeholfen. Die Praxis, auch schwere körperliche Arbeit, war ein wichtiger Bestandteil der Lehre.

Auch der Palast, in dem 20 Jahre lang meine Vorgängerin Kokoma residiert hatte, stand zumindest teilweise wieder. Und hier nun saß ich mit Seyra und Morga zusammen, nachdem ich Lalalu zuvor hatte überreden können, sie mir für ein paar Wochen auszuleihen.

"Schaut mal, das ist doch gar nicht so schwer. Im Moment läuft doch sowieso alles von selbst. Ihr braucht gar nicht viel zu machen." Irgendwie kamen mir diese Worte bekannt vor. So ähnlich hatte ich Seyra beim letzten Mal auch überredet.

"Also, ich weiß nicht ..."

Ich redete mit Engelszungen auf sie ein, doch sie zierten sich. Ich seufzte und sagte schließlich: "Wißt ihr, wenn ich keinen Vertreter für mich finde, dann kann ich nicht heiraten."

"Heiraten!" Sie blickten mich mit großen Augen an.

"Ja, ja!" Ich nickte heftig. "Ich will zur Chadney-Insel fliegen und dort Saator bitten, mich zu heiraten. Als ich vor ein paar Tagen Batchi wiedergesehen habe, und wie glücklich sie mit Calract zusammen ist, da ist mir schlagartig klargeworden, daß ich auch einen Mann will. Einen ganz tollen, so wie Saator."

"Also, warum hast du das denn nicht gleich gesagt, Arashi. Klar helfen wir dir und übernehme den Posten solange, bis du, äh, bis ihr beide wieder da seid."

Ich unterdrückte ein zufriedenes Grinsen. Stattdessen beugte ich mich vor und drückte Seyra und Morga ein liebevolles Küßchen auf die Stirn. Dann stand ich auf und wandet mich an meine neuen Stellvertreterinnen: "Wunderbar. Ihr tut einfach alles, damit der Laden hier rund läuft. Dafür braucht ihr die nächsten paar Tage auch nichts mehr für mich herumzutragen." Vor allem Seyra hatte sich damit für mich geradezu unentbehrlich gemacht, denn Transporte alle Art waren für mich nun mal umständlich und schwierig.

"Herrin!" Seyra fiel vor mir auf die Knie und umarmte meine Beine.

"Aber, aber, Mädchen. Ich komme ja bald zurück."

"Alles Gute, Arashi", wünschte auch Morga mir. "Und daß du den besten alle Männer bekommst. Übrigens - nimmst du etwas mit, ein Hochzeitsgeschenk oder so?"

Ich zuckte ein wenig mit den Flügeln und antwortete: "Wir Orna-Dämoninnen sind immer mit leichtem Gepäck unterwegs." Geld allerdings würde ich schon mitnehmen. Batchiribanban hatte dazu eine clevere Erfindung gemacht, nämlich einen Brustbeutel, in dem wir wichtige Kleinigkeiten aller Art leicht befördern konnte. Allmählich kreieren wir eine neue Mode: Praktisches Zubehör für armlose Frauen. Immerhin waren schon vier von uns mehr oder weniger ständige Bewohnerinnen des Gartenlandes, eine davon war hier sogar Königin. Und ich als Majordomina war ja auch nicht ganz unwichtig. Eigentlich besaß ich schon länger einen solchen Beutel, doch wenn ich hier war, trug ich ihn selten, anders als mein goldenes Medaillon, das ich normalerweise nur nachts ablegte. Hier hatte ich schließlich meine Mädchen, vor allem Seyra und Meriad, die mir diese Arbeiten abnahmen.

"Lebt wohl, bis in ein paar Tagen." Mit diesen Worten hüpfte ich zum Fenster hinaus, breitete meine Schwingen aus und flog los.


Keine zwei Stunden später sah ich unter mir die Chadney-Insel auftauchen. Wenig später landete ich im Hafen von Caldarra, ziemlich genau an der Stelle, an der ich schon vor zehn Monaten mit der Flotte der Flüchtlinge die Insel erreicht hatte.

Es war viel los. Von dem Krieg, der im Norden gegen Calracts Reich tobte, war hier nichts zu spüren. Dafür reichten die Ressourcen der Elfen auch nicht mehr. Ein paar große Schiffe verschiedener Clans lagen im Hafen, und eine Reihe von Fischerbooten war unterwegs, um den Fang des Nachmittages abzuliefern oder sich für einen nächtlichen Zug bereitzumachen. Im Hafen selbst herrschte diese angenehme Mischung aus eifriger Geschäftigkeit und entspannter Gelassenheit, die man an vielen Orten des Octavius-Meeres vorfand. Die Menschen arbeiteten fleißig, aber umbringen mußte man sich dabei ja nun auch wieder nicht. Und vieles war, wenn man es sich genau überlegte, vielleicht doch nicht so eilig, wie der Boß es gesagt hatte.

Ich landete schließlich am Rande des Hafens. Mit einem breiten Schmunzeln ging ich dann stadteinwärts. Viele der Fischer und Händler - offiziell waren sie natürlich Piraten und wären tödlich beleidigt gewesen, hätte man sie nicht so genannt - erkannten mich wieder und begrüßten mich freudig. Ich hatte eben einen hohen Wiedererkennungswert.

"He, Frau Arashi, wollt Ihr nicht mal meinen köstlichen gegrillten Seeigel kosten. Eine Spezialität der Grauen Säbel. Für Euch heute ganz um sonst."

Die Grauen Säbel waren einer der zahlreichen Clans, die es bei den Piraten gab, und angeblich vor allem spezialisiert auf Menschenraub, Erpressungen und Sklavenhandel. Sie hatten sogar ein eigenes Wappen, auf das sie sehr stolz waren.

"Ich wußte gar nicht, daß die Grauen Säbel jetzt auch im Fisch-Geschäft tätig sind. Ich frage mich, was aus dem Vorbesitzer dieses Standes wohl geworden ist."

"Aber, aber, Frau Arashi. Ich, Hollack Benntz, bin das schwarze Schaf der Familie und ernähre mich leider nur mit ehrlicher Arbeit." Er zog einen großen Seeigel aus seinem Topf mit siedendem Öl und legte ihn auf einen Holzteller. Ich war überrascht, was für einen verführerischen Duft dieses Meerestier, dem man vorher die Stacheln entfernt hatte, verbreitete.

"Wie ißt man das?" fragte ich.

"Wartet, erst muß er ein bißchen abkühlen. Ich zeige es Euch."

Mit einem seltsam geformten Löffel begann er an dem Seeigel herumzuhantieren und hatte ihn wenig später in handliche Portionen zerlegt.

"Sieht so ein Seeigel von innen aus?", fragte ich erstaunt.

Hollack lachte. "Aber nein, er ist natürlich gefüllt."

"Und mit was?"

"Das ist Geschäftsgeheimnis. Hier." Er stellte den Teller auf einen Tisch und reichte mir dazu einen Löffel, diesmal einen normal aussehenden. "Ihr könnt doch im Stehen essen, nicht wahr?"

Ich nickte.

"Sehr schön. Rutscht ja auch viel besser." Wieder brach er in schallendes Gelächter aus, und ich fiel schließlich ein. Die Sache fing wirklich an, mir Spaß zu machen.

Auf dem linken Fuß stehend ergriff ich den Löffel mit dem rechten und versuchte, ein Stück dieses gewürzten Fleisches darauf zu bekommen. Nach kurzer Zeit hatte ich den Trick heraus, wie man es machen mußte, daß die Schalenstücke nicht ausbüchsten, und dann konnte ich diese Meeresdelikatesse, die mindestens ebensogut schmeckte, wie sie roch, in vollen Zügen genießen.

"Wie wäre es mit einem Wein? Heute nur eine halben Kreuzer pro Glas."

Aha, so verdiente er also sein Geld. "Gerne."

Aus dem einen Glas wurden schließlich vier, und aus dem einen Seeigel immerhin zwei.

Langsam ging die Sonne unter. Ich fühlte mich unglaublich gut. Es war so gemütlich hier, warm, freundlich, dazu der Geruch der See und der Duft des Essens. Viele Menschen, die mich kannten, hatten sich inzwischen eingefunden, und es gab ein großes Hallo. Pirat Hollack machte so gute Geschäfte, daß er großzügig abwinkte, als ich bezahlen wollte.

Ich bedankte mich bei ihm, dann fragte ich in die fröhliche Runde: "Ist eigentlich Kommandant Saator hier irgendwo?"

Die Antwort war enttäuschend. Er war zusammen mit dem Großen Kapitän BQMZ unterwegs in einer geheimen Mission.

Im Verlauf des Abends hörte ich mindestens ein Dutzend Versionen, um was es bei diesem Spezialeinsatz angeblich ging. Sicher war nur, daß niemand etwas wußte. Da trat ein älterer, kleiner, drahtig wirkender Mann vor mich hin. Den Abzeichen auf seinem Säbel nach handelte es sich um einen ranghohen Kapitän, was bei uns etwa einem Grafen oder Fürsten entsprechen mochte. Als er vortrat, wurden die anderen sofort leiser. Neugierig betrachtete er mich. Ich hatte ihn noch nie gesehen, und er mich anscheinend auch noch nicht. Schließlich zog er seinen Federhut, verbeugte sich vor mir und stellte sich dann vor: "Gestatten, Parakelske, stellvertretender Kommandeur der Chadney Insel und Großkapitän des ersten Geschwaders."

Ich stand artig auf und verbeugte mich ebenfalls. "Und mein Name ist Arashi. Äh, die Titel lasse ich mal weg, aber Ihr könnt Arashi zu mir sagen. Alle nennen mich so."

Naja, fast alle. Wie ich es fast erwartet hatte, blieb Parakelske beim förmlichen 'Frau Arashi'.

"Ihr wollt also zu Kapitän Saator."

Ich nickte. Dann erklärte ich: "Vor knapp einem Jahr hatte ich bereits die Gelegenheit, die Gastfreundschaft der Piraten auf der Chadney-Insel kennenlernen zu dürfen. BQMZ machte mich damals mit Saator bekannt, und ... äh ... ich würde ihn gerne wiedersehen."

Parakelske nickte wissend. "Ja, Saator hat oft von Euch gesprochen und davon geschwärmt, wie gut Ihr im Bett wart."

Ich schnappte nach Luft, und die Piraten brachen in donnerndes Gelächter aus. Völlig ungerührt fuhr Parakelske fort: "Nun, leider ist er zur Zeit nicht hier. Kommt mir, ich will Euch etwas zeigen." Er wirkte irgendwie geheimnisvoll. Ich wurde neugierig.

Und so verließ ich die lärmende, gemütliche Runde der Feiernden. Es war schon dunkel, und meine Augen begannen grün, mein Amulett leicht bläulich zu leuchten. Parakelske hatte sich mit einer Fackel versorgt. Durch stille, verwinkelte Gassen ging es kreuz und quer durch die Altstadt. Der steinerne Boden unter meinen Füßen war noch warm von der Sonne. Ich hatte keine Ahnung, wo wir schließlich landeten. Allerdings hätte ich es sehr leicht herausfinden können, wenn ich einfach hochgeflogen und mir die Lokation aus hundert Metern Höhe angesehen hätte. So groß war Caldarra nun auch wieder nicht. Parakelske blieb schließlich vor einem großen, fensterlosen Lagerhaus stehen, fummelte einen schweren Schlüssel aus einer seiner Taschen, öffnete das Schloß und bedeutete mir, einzutreten. Er kam auch mit hinein und schloß hinter sich sorgfältig wieder ab. Dann drehte er sich um und hielt die Fackel hoch.

Das Licht war alles andere als gut, und ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, was sich da vor uns schemenhaft aus der Dunkelheit schälte.

Die Lagerhalle war ziemlich groß und enthielt anscheinend nur dieses komische Ding, soweit ich das in dem trüben Licht überhaupt sehen konnte. Nun ja, sicherlich sah ich immer noch einiges mehr als Parakelske. Wie auch immer: was da vor mir stand, war gut sechs Meter lang, zwei breit und hoch und bestand aus zwei Stücken. Irgendwie waren es zwei aneinandergebaute Kästen, um die herum eine Reihe von Röhren oder so liefen.

"Was soll das sein?" Ich trat vor und betastete die Vorrichtung. Teilweise war sie aus Metall.

"Das soll eine Eismaschine sein."

"Eine WAS?"

"Ihr habt schon richtig gehört, Frau Arashi. Unsere Kommandantin hat eine Eismaschine erbeutet. Nur weiß leider niemand, wie sie funktioniert."

Ich dachte nach. "Woher hat sie sie?"

"Sie kommt von den Koriona-Inseln. Dort soll es angeblich sogar welche geben, die tatsächlich Eis machen."

"Eis machen ..." Feuer machen, Wärme, das war kein Problem. Nun, immerhin brachte die Natur selbst Eis und Schnee hervor. Die Idee, daß ein Mensch das mit Hilfe einer geheimnisvollen Maschine ebenfalls vermochte, war so abwegig nun auch wieder nicht. Und die Koriona-Inseln - waren sie nicht bekannt für ihre Spinner? Aber vielleicht waren diese Leute, die man woanders als Verrückte ansah, doch nicht so verrückt. Wenn ich es mir so recht überlegte, hörte ich nicht zum ersten Mal von diesen Inseln, auf denen ein gutes Dutzend Stadtstaaten miteinander konkurrierten. Der Inselbogen erstreckte sich über circa tausend Kilometer quer durchs östliche Octaviusmeer und bestand aus drei größeren, drei kleineren und unzähligen kleinen bis winzigen Inseln, auf denen Menschen wohnten, deren freier Geist nicht überall verstanden wurde. Sollte tatsächlich einer von ihnen so etwas zustande gebracht haben?

Parakelske bestätigte meine Gedanken. Und genau deshalb waren BQMZ und Saator dorthin unterwegs - wieder unterwegs, denn diese Maschine, die jetzt vor mir stand, hatten sie dort bei ihrer ersten Expedition gestohlen. Nachdem sie sie dann hier aufgebaut hatten, war ihnen aufgefallen, daß sie das nötige Bedienpersonal vergessen hatten. Keiner hier - mich eingeschlossen - hatte auch nur den Schimmer einer Ahnung, wie eine Eismaschine funktionierte.

Leider kam ich nicht dazu, noch länger darüber nachzudenken, denn plötzlich warnte mich etwas.

"Elfen!"

Alarmiert sah Parakelske sich um. Doch hier drinnen hätte er ein paar Elfen nicht mal dann ausmachen können, wenn sie sich nicht unsichtbar gemacht hätten. Die mickrige Fackel reichte nicht im entferntesten, den großen, unübersichtlichen Raum auszuleuchten. Aber die Elfen waren auch gar nicht hier drinnen, sondern auf dem Dach.

"Rasch, öffnet die Tür. Vielleicht kriege ich sie noch." Besonders gut standen meine Chancen nicht. Elfen folgen schneller als ich, vor allem Lichtelfen. Wenn sie sich rechtzeitig absetzten, dann hatte ich das Nachsehen.

Der Pirat zögerte. "Was ist?", fragte ich nervös. Er wies auf die Eismaschine, die er auf keinen Fall gefährden wollte.

"Unsinn. Ich kann sie verjagen." Ich war zwar nur der Prototyp einer Nahkampfwaffe, aber nach den Erfahrungen, die die Elfen bisher schon mit uns Orna-Dämoninnen gesammelt hatten, ging ich davon aus, daß sie es auf einen Kampf nicht ankommen lassen würden. Meiner Schätzung nach waren es auch nur zwei oder höchstens drei, die sich da oben herumtrieben und anscheinend eine Luke oder ein offenes Fenster suchten, durch das sie herein konnten.

So leise wie möglich schloß Parakelske die Tür auf. Ich sprang ins Freie, flog sofort auf das Dach und stürzte mich auf den Feind, der vor meinen Augen unsichtbar wurde.

Wenn Elfen unsichtbar waren, dann hatte das für sie einen wichtigen Nachteil: sie sahen einander selbst auch nicht mehr. Mich störte das nicht weiter. Ich hörte ihren Atem, der jetzt sehr hektisch wurde. Nicht im Traum hatten sie damit gerechnet, hier von einer Orna-Dämonin angegriffen zu werden. Es ging alles blitzschnell. Mit einem Kampfschrei schoß ich mit voll ausgefahrenen Krallen auf die Elfen zu und erwischte eine von ihnen voll.

Es waren wirklich drei, und die beiden anderen ergriffen sofort die Flucht. Die Leiche derjenigen, die ich erledigt hatte, rollte polternd über das schräge Dach herab und schlug eine Sekunde später unten auf, direkt vor den Füßen des Groß-Kapitäns.

Die anderen beiden entkamen leider. Ich war bestürzt. Nie hätte ich hier mit diesen Biestern gerechnet.


Als Reaktion auf diesen Zwischenfall ließ Parakelske die Nachtwachen verdoppeln und besonders dieses Lagerhaus schwer bewachen. Ob den Piraten das bei einem direkten Angriff der Elfen etwas genützt hätte, bezweifelte ich. Aber was sollten sie machen?

Ich wurde schließlich in die Residenz des Piraten eingeladen, ein eigentlich ziemlich schmales, aber luxuriös eingerichtetes Haus mitten in der idyllischen Altstadt. Anscheinend führte Parakelske von hier aus auch die Amtsgeschäfte als Insel-Kommandeur, und lebte zusammen mit einem halben Dutzend Sklaven. "Meine Frau ist vor ein paar Jahren gestorben und meine Söhne und Töchter segeln unter allen vier Winden, aber wenn mal eins von meinen Kindern da ist, dann wohnt es zumeist auch hier. Deshalb habe ich immer ein Bett frei."

Das war mir sehr recht. Der Wein machte sich nun deutlich bemerkbar, und es war auch schon recht spät. Ich landete also irgendwo in einem wunderbar weichen Bett - wo es nun auch immer stehen mochte - und war einen Augenblick später eingeschlafen.


Am nächsten Morgen weckten mich die wärmenden Strahlen der Morgensonne und die geschäftigen Geräusche, die aus der Küche und dem Speisezimmer zu mir heraufdrangen. Ich stellte fest, daß ich nach wie vor meine Sachen anhatte, was mir die Mühe ersparte, sie anzuziehen. Ich stand auf und machte einen neugierigen Rundgang durch das Haus, das sich im Sonnenlicht ausgesprochen prächtig präsentierte. Man merkte, daß sein Besitzer reich war und einen guten Geschmack besaß beziehungsweise eine Menge erfolgreicher Kaperfahrten absolviert hatte.

Kurz darauf nahmen mich zwei Sklaven in Empfang und geleiteten mich mit erlesener Höflichkeit in das Speisezimmer, wo der Hausherr bereits wartete. Man hatte mir einen hohen, mit kostbaren Stickereien bezogenen Stuhl ohne Armlehnen hingestellt, so daß ich gute Beinfreiheit hatte. Dann begannen die Sklaven damit, das Frühstück zu servieren.

Anscheinend war es Sitte in diesem Haus, daß sich das Frühstück in zahllosen Gängen über Stunden hinzog und Parakelske in dieser Zeit alle möglichen Leute empfing und seinen Amtsgeschäften nachging. So lernte ich nebenbei alles kennen, was hier Rang und Namen hatte, denn mein Erfolg gegen die Elfen, die sich hier in der Nacht herumgedrückt hatten, hatte sich natürlich in Windeseile herumgesprochen. Viele der Piraten kannte ich zumindest vom Sehen, und es war eine gute Gelegenheit, alte Bekanntschaften aufzufrischen und neue zu knüpfen.

Besonders erfreut war ich darüber, wie unbefangen diese Menschen mir entgegentraten. Normalerweise zuckten Menschen, die mich nicht kannten, erst mal heftig zusammen, wenn sie mitbekamen, daß ich keine Arme und Hände hatte und ihnen zur Begrüßung nur den rechten Fuß entgegenstrecken konnte. Für die Piraten schien das aber inzwischen selbstverständlich.

Es war eine sehr entspannte und freundschaftliche Atmosphäre, und der Gedanke, daß der Elfenkrieg nun auch hierher überschwappen würde, bereitete mit großes Unbehagen. Hoffentlich war Calract rasch erfolgreich. Und ich ... war mein Platz jetzt nicht woanders? Ich bekam direkt ein schlechtes Gewissen. Wer beschützte nun das Gartenland? Naja, Calract hatte dort tausende von Lunaloc-Dämonen. Aber die Elfen waren verdammt tückisch. Ich trug Parakelske und den gerade anwesenden Kapitänen meine Bedenken vor und schloß: "Deshalb werde ich nun rasch zu den Koriona-Inseln fliegen und nach Saator suchen."

Die Kapitäne zeigten sich verständnisvoll. Parakelske meinte: "Frau Arashi, kann ich Euch zum Abschied noch etwas Gutes tun?"

"Wenn Ihr zufällig wißt, wo auf den Koriona-Inseln ich suchen muß, wäre mir viel geholfen." In Quadratkilometern gerechnet war diese Inselgruppe nicht so riesig, aber dafür sehr ausgedehnt über eine gewaltige Meeresfläche, und auch geographisch ziemlich unübersichtlich.

"Nun, da müßte ich raten. Soweit ich weiß, hat unser Großer Kapitän die Eismaschine irgendwo auf der Hauptinsel Teriéte gestoh ... äh ... organisiert. Vielleicht ist sie wieder dorthin gesegelt." Er zog aus einem Regal eine Karte und zeigte auf Bentheena, die größte Stadt dieser Insel und gleichzeitig Hauptstadt des entsprechenden Kleinstaates. "Das hat Großkapitän Saator mal erwähnt. Mehr weiß leider niemand. Die Sache ist ziemlich ... vertraulich."

Aber das half mir schon ein gutes Stück weiter. Ich bedankte mich, verabschiedete mich von allen Anwesenden und flog dann los. Ziemlich genau 700 Kilometer südlich von hier lag das Ziel, eine Strecke, die ich bis zum Abend zu schaffen hoffte.


*


Zum Abschied hatte Calract seine Frau gefragt: "Du willst also wirklich zu Harlengart? Nun gut, wenn's denn sein muß. Und wenn du ihn siehst, dann gibt ihm das hier. Dieses Ding habe ich ihm damals versprechen müssen."


Nun, daß Batchiribanban zu Harlengart wollte, stimmte nicht ganz. Eigentlich wollte sie zu Kokoma. Und jetzt war sie hier, an der Grenze des Troll-Landes. Sie landete und sah sich um. Das ist also das Troll-Land, das Reich Harlengarts. Unheimlich irgendwie. Um die Sache noch schauriger zu machen, war die Dämonin so geflogen, daß sie ihr Ziel am späten Abend erreichte, wo dieses eigenartige Land noch um ein vielfaches gruseliger war als während der trüben Tage. Batchi wollte ihren Besuch eben in vollen Zügen auskosten. Zögernd setzte sie einen Fuß nach vorne. Zwischen ihren Zehen quoll sumpfiger Schlamm empor und warf dicke Blasen, die mit leisem Knall vergingen. Es roch nach Schwefel und Moder. Überall gab es Gruppen leuchtender Pilze, und auch manche der Algen in den Wasserlöchern begannen in kaltem Blau zu glühen, wenn Batchi durch sie hindurchschritt.

Die schöne Dämonin zuckte zusammen, als plötzlich, wie auf ein geheimes Kommando, das Gequake von tausenden von Fröschen ansetzte. Im Licht der Pilze konnte sie erkennen, wie die großen Männchen ihre Backen aufpumpten und sie dann unter Erzeugung teilweise ziemlich unwahrscheinlicher Töne wieder herausließen. Der Erfolg ließ auch meist nicht lange auf sich warten. Die Weibchen kamen herbeigeschwommen und hüpften um die glitschigen Männchen herum, oft zu mehreren, was wiederum weitere Männchen anlockte.

Es gab zwei Arten dieser Frösche. Die kleinen quakten, indem sie ihre Bäckchen aufpumpten und dann die Luft wieder herausließen. Die größeren pusteten ihren Kehlsack auf, was für ihre Weibchen offenbar einen absolut unwiderstehlichen Gesang erzeugte. Trotz der unheimlichen Umgebung herrschte hier in gewissen Sinne das blühende Leben. Das blühende Leben, hm ... Das brühende Leben, wenn man sie kocht ... Batchi spießte ein paar von ihnen auf und verschlang sie. Fasziniert beobachtete sie, daß die anderen sich dadurch nicht im Geringsten stören ließen. Lecker. Aber deswegen bin ich nicht hier.

Eigentlich hatte sie keine Ahnung, wo Harlengart zu finden war. Sie hoffte, er würde sie finden. Nun ja, vielleicht konnte man dem ja ein bißchen nachhelfen.

"Harlengart! Wo steckst du? Zeig dich. Hast du mich schon vergessen? Komm' heraus!" Sie wedelte heftig mit den Ohren.

Doch der Höllenbaron hörte sie entweder nicht, oder er wollte sie ein bißchen schmoren lassen.

Mit leisem Platschen begann es zu regnen. Trotz der nächtlichen Kühle waren die Tropfen angenehm warm. Calracts Frau sah und hörte sich um. Sie zuckte zusammen, als ein grauenvoller Schrei das Sumpfland erschütterte. Doch weder konnte sie orten, von wo er gekommen war, noch wiederholte er sich. Dafür quakten die Frösche mit einer enormen Lautstärke weiter.

Da könnte sich ein Ochse anschleichen, und ich würde es nicht hören ... aber Ochsen schleichen ja nicht, Dummerchen. Der Gedanke belustigte sie und sie kicherte, was in dieser Umgebung geradezu bizarr wirkte.

Batchi schritt weiter. Trotz des sumpfigen Bodens erlaubten ihr ihre langen Beine und Füße sehr elegante Bewegungen. Später flatterte sie ein Stück auf, doch das brachte ihr auch nicht viel. Noch später erreichte sie einen einzelnstehenden, ziemlich großen Baum. Sie sprang nach oben, umklammerte einen Ast und hängte sich kopfüber zum Schlafen hin. Alessandra, die damals auf genau diesem Baum ebenfalls gesessen hatte, war vor Angst tausend Tode gestorben. Batchiribanban hingegen war vollkommen ruhig. Sie schloß die Augen und war wenig später sanft entschlummert.

Bis sie jemand anstieß.

"Ha!" Sowas, das passiert mir auch nicht oft, daß sich jemand an mich anschleicht und ich merke es nicht.

Es war immer noch stockfinster. Allerdings trug der Unhold, der Batchi geweckt hatte, eine Fackel, die ein unnatürliches, kaltes, blaugrünes Licht versprühte.

"Lbrrdug du ... mitkomm... mitkommen ... mit .... komm."

Interessant. Batchi betrachtete den einäugigen Unhold, der fast drei Meter groß war und einen ebenso grobschlächtigen wie kräftigen Eindruck machte, genauer. Irgendwie hatte sie das Gefühl, daß dieses Wesen weiblichen Geschlechtes war.

Na, Batchi-Mädchen, dann laß' mal deinen Charme spielen. "Hallo. Freut mich, Lbrrdug. Ich heiße Batchi." Zur Begrüßung streckte sie ihm (oder ihr) den rechten Fuß hin. Der Unhold zog es vor, das zu ignorieren. Er war offensichtlich nicht der Hellste. Er drehte sich einfach um und stapfte mit schweren Schritten davon. Batchi blieb nichts Anderes übrig, als ihm hinterherzugehen.

Die kleinen Backenfrösche waren inzwischen verschwunden, aber einige der Kehlsack-Kröten trompeteten noch. Batchi sah, wie zwei Eulen lautlos durch die Dunkelheit glitten und sich über sie hermachten.

Der Marsch durch den Sumpf dauerte über eine Stunde. Am östlichen Horizont konnte man schon die nahende Morgendämmerung erahnen. Eigentlich war das Schwarze Gebirge, das auf der anderen Seite, im Westen lag, zum Greifen nahe, doch in der nebligen, schwefligen Atmosphäre, die hier jahrein, jahraus herrschte, blieben selbst die himmelhohen Bergriesen dort unsichtbar. Das Troll-Land war eine Welt für sich, trotz seiner geringen Größe. Schließlich erreichten die beiden Wanderer eine Spalte in der Erde. Der Unhold sprang hinein und war verschwunden. Batchi zögerte nicht und sprang hinterher.

Die Welt unter dem Sumpf war mindestens genauso faszinierend wie die oben. Pilze und Flechten leuchteten in verschiedenen Farben, meist grün oder schwefelgelb. Der Gang, durch den Lbrrdug tapste, weitete sich zu einer über vier Meter hohen Höhle, die anscheinend komplett aus Erde und Lehm getrieben war. Batchi fragte sich, wie das eigentlich hielt, denn feuchter Lehm war nicht gerade ein sehr tragfähiges Baumaterial. Alles machte einen sehr alten, aber irgendwie heimeligen Eindruck. An manchen Stellen hingen Wurzeln über den Wänden.

"Blumen!" Sie waren um eine Ecke gebogen, und als die Dämonin die Glasblumen erblickte, die in einer Vase in einer Wandnische standen, da hatte sie vor Überraschung laut gesprochen. Lbrrdug tapste allerdings völlig teilnahmslos daran vorbei.

Kokoma. Sie ist hier. Sie hat diese Blumen hier aufgestellt.

Einen Moment später kam die nächste Überraschung. Wieder ging es um die Kurve, und dahinter, unter dem Durchgang zu einer weiteren Höhle, stand Harlengart. Batchi zuckte leicht zusammen und legte ängstlich die Ohren an. Mit diesem Wesen war nicht zu spaßen, und selbst eine so kampfstarke Dämonin wie sie hatte gegen den Baron der Hölle nicht die Spur einer Chance. Sie blieb stehen und sah Harlengart etwas schüchtern an. Der starrte mit glühenden Augen zurück und bannte Batchi mit seinem Blick. Die Dämonin konnte kaum mehr atmen. Eine endlose Zeit schien zu vergehen, da ließ Harlengart von ihr ab und schwenkte seine Augen zu Lbrrdug, der inzwischen gut 10 Meter weitermarschiert und dann wohl stehengeblieben war. Batchi hastete ihm hinterher. Harlengarts Blicke durchbohrten sie von hinten wie Feuerspeere, so kam es ihr jedenfalls vor.

Oh, das Mitbringsel. Batchi wußte selbst nicht, was in dem Beutel war, den ihr Mann ihr vor ihrem Abflug um den Hals gehängt hatte. Egal, es mußte etwas sehr Wichtiges sein. Sie machte kehrt, trat vor den Baron der Hölle hin, zog sich den Beutel über den Kopf und reichte ihn ihm. Harlengarts Pranke schnappte ihn sich, und dann erschein auf dem monströsen Gebiß des Troll-Königs ein überaus zufriedenes Grinsen. Dann drehte er sich wortlos um und zog sich zurück.

Mit immer noch heftig pochendem Herzen erreichte Batchiri schließlich einen unterirdischen Saal von enormen Ausmaßen. Darin stand ein wuchtiger Thron aus tiefschwarzem Granit. Doch daneben stand ein weiterer thronartiger Sessel, von dem man irgendwie sofort sagen konnte, daß er noch nicht lange dastand. In diesem kleineren Thron saß eine Frau, und als Batchi sie erkannte, da machte ihr Herz einen Hüpfer bis zum Hals.

"Kokoma", hauchte sie.

Die Angesprochene erhob sich nun und blickte die Dämonin entgeistert an. "Batchi? Batchi, bis du das wirklich?"

Und dann liefen die beiden Freundinnen zueinander und umarmten und küßten sich stürmisch.


Sie hat sich verändert. "Du siehst anders aus, Liebste." In der Tat: Kokomas Haut war fast weiß geworden, das Rot ihrer Augen war fast stechend, und sie trug ein üppiges, königliches Kleid, das ersichtlich aus den kostbarsten Stoffen bestand, sehr schwer war, und auf dem zahllose Diamanten und andere Edelsteine funkelten und teilweise sogar von innen heraus leuchteten. Sie sah märchenhaft und unheimlich zugleich aus.

"Batchi, meine Geliebte. Du lebst! Ich bin ja so froh." Erst jetzt schienen die Worte der Dämonin sie zu erreichen. Etwas verlegen trat sie einen halben Schritt zurück. "Ich gehöre jetzt IHM, weißt du. Ich ... ich selbst wollte es so. Sonst ...", sie schluckte und flüsterte leise weiter, "sonst wäre Calract jetzt sicher nicht mehr am Leben."

Schweigen. Verlegen spielte Batchiri mit den Ohren. Sie wußte auf einmal nicht mehr, was sie jetzt noch sagen sollte.

Schließlich ergriff Kokoma wieder das Wort. Mit gespielter Fröhlichkeit sagte sie: "Ich freu' mich so, dich wiederzusehen. Erzähl' doch mal. Wie konntest du wieder zurückverwandelt werden?"

Batchi sah Kokoma traurig an. Sie brachte kein Wort heraus. Was war aus ihrer Liebsten geworden? So glücklich waren sie beide gewesen, unten im ewigen Sommer des Gartenlandes. Und jetzt ... Tränen rannen über das wunderschöne, samtbraune Gesicht der Schwarzen Königin. Sie machte einen schnellen Schritt auf Kokoma zu, umschlang sie mit ihren langen Ohren und küßte sie mit verzehrender Inbrunst.

Irgendwann löste die Wetterhexe sich wieder von ihr. Sie schüttelte den Kopf. "Es ist nicht so, wie du denkst ... ich ... ich bin jetzt die Königin der Trolle, Harlengarts Frau." Batchi wollte etwas erwidern, doch Kokoma legte rasch ihre Finger auf ihre Lippen. "Er liebt mich wirklich. Er ... er hat um meine Hand angehalten. Und er hat gesagt, ich müßte nicht, wenn ich nicht wollte. Er würde mich gehenlassen. Aber ... verzeih mir. Ich konnte ihn nicht einfach so verlassen." Sie schlang ihre Arme um Batchi und drückte sie ganz fest an sich. Leise flüsterte sie ihr ins Ohr: "So schlimm ist es hier gar nicht, glaube mir. Die Trolle und Unholde sehen schrecklich aus und sie haben auch keinen Funken Verstand, aber sie sind sehr nett zu mir. Alle mögen mich. Und mein Gemahl liebt mich wirklich. Er würde nie zulassen, daß ich leide. Nur, Liebste, verzeih', aber zu dir zurückkehren, das kann ich nicht."

Lange sahen die beiden Freundinnen einander an. Schließlich piepste Batchiri leise und traurig: "Wenn du hier wirklich glücklich bist ... dann ..." Mehr Worte brachte sie nicht über ihre Lippen, denn dicke Tränen kullerten über ihre Wangen. Kokoma ergriff Batchis Ohren und begann sie zu streicheln. Batchi schnurrte und weinte zugleich. Schließlich vergrub sie ihren Kopf in den weichen Stoffen um Kokomas Brust und gab sich ihrer Traurigkeit hin.


Harlengart war nicht wieder aufgetaucht. Batchi wunderte sich. Sollte dieser riesige Klotz tatsächlich soviel Taktgefühl haben? Von dieser Seite hatte sie ihn noch nie kennengelernt. Aber sie kannte Kokoma. Keine der beiden konnte ihre Gefühle und Gedanken vor der anderen verstecken. Und es war wirklich so: Kokoma hatte sich mit ihrem Schicksal arrangiert und machte das Beste daraus. Sie war keine Gefangene oder gar Sklavin dieses Höllenwesens, sondern sie war freiwillig hier und an seiner Seite.

"Gehen wir nach oben." Das war wohl der Abschied.

Mit schlafwandlerischer Sicherheit fand Kokoma den Weg durch das dreidimensionale Labyrinth der Höhlen und unterirdischen Gänge. Ja, manchmal glaubte Batchi sogar, die Wege seien irgendwie lebendig und bahnten ihrer Herrin den Weg. Schließlich stellte Batchiri erstaunt fest, daß sie irgendwie auf einmal wieder im Freien standen. Wie auch immer sie schließlich hierhergekommen waren.

Kokoma breitete ihre Arme aus und ließ ihre Macht wirken. Die schwefligen Schwaden gerieten in Bewegung, sie wirbelten davon, und dieser warme Wind erfaßte schließlich fast das ganze Troll-Land. Der ewige diesige Nebel riß auf, und zum ersten Mal seit vielleicht tausenden von Jahren fielen einige tastende Sonnenstrahlen herunter auf den dampfenden Sumpf. Doch damit waren Kokomas Kräfte noch lange nicht erschöpft. Alle Wolken und Nebenbänke lösten sich auf, bis über dem ganzen Land strahlendster Sonnenschein herrschte.

"Meine Liebste. Ich danke dir, daß du zu mir gekommen bist. Ich bin so unendlich erleichtert, daß er dir gutgeht. Das gibt meinem Herzen tiefen Frieden."

Ein Troll erschien. Er sah aus wie eine Mischung aus einem Frosch und einem Kasperle, und drückte Kokoma etwas in die Hand.

"Hier, Liebste. Der Ring, den Calract mir gegeben und der mich beschützt hat." Ihre Augen funkelten listig, als sie sagte: "Harlengart hätte ihn gern behalten. Er meint, es könnte mal nützlich sein, einen Ring zu haben, den der Schwarze König hergestellt und verzaubert hat. Aber ich habe entschieden, ihn Calract zurückzugeben, wenn die Gelegenheit dafür gekommen ist." Sie zog Batchis Brustbeutel auf und steckte den Ring hinein.

Gerade wollte Batchi abheben, da hielt Kokoma sie nochmals am Ohr zurück. Ernst blickte sie sie an. "Ich gehöre jetzt zu Harlengart und zu diesem Land. Bitte, Geliebte, tilge mich aus deinem Herzen. Komme nie wieder hier her und nimm eine andere Gespielin. Unsere gemeinsame Zeit ist unwiderruflich vergangen."

Ohne auf Batchiris Reaktion zu warten drehte sie sich um und war einen Augenblick später irgendwo in einer Erdspalte verschwunden.


Hier bin ich herausgekommen. Ausgerechnet. Batchiri war losgeflogen, doch mit ihren Gedanken war sie immer noch bei Kokoma. Und nun war sie gelandet und zum ersten Mal seit Stunden registrierte sie wieder bewußt ihre Umgebung. Sie saß auf dem Felskegel, der einst der Riese gewesen war, der das Schwarze Schloß zerstört hatte. Ganz oben war sie gelandet. Es war schneidend kalt, aber man hatte eine hinreißende Aussicht auf die Länder ringsum: das endlose Waldreich Karls im Norden, das von Krieg verheerte Westland, im Süden das Weiße Reich - man konnte sogar die Hauptstadt sehen von hier aus -, und im Osten das Land Harlengarts, jetzt wieder versteckt im ewigen Nebel. Und in der Mitte das Schwarze Königreich, dessen Namen sie, die Schwarze Königin, seit 20 Jahren trug. Zum ersten Mal empfand sie das hier als ihre Heimat, denn es war die Heimat ihres Mannes, dieses unheimlichen Zauberers, den sie über alles liebte.


*


Der Flug über das Octaviusmeer verlief ziemlich ereignislos. Mehr als einmal sah ich am fernen Horizont einen von Calracts Drachen dahinziehen. Unter mir herrschte reger Schiffsverkehr. Aber hier oben, zwischen den dünnen Wolkenschleiern, war alles ruhig. Mit gleichmäßigem Schlag meiner Schwingen zog ich in etwa vier Kilometer Höhe dahin, über das endlose, tiefe Blau des Ozeans. Langsam senkte sich die Sonne, und als sie gerade den westlichen Horizont berührte - unten auf Meereshöhe war sie bereits untergegangen - da sah ich in der Ferne die ersten Inseln der Koriona-Gruppe.

Ich erreichte mein Zwischenziel gerade noch bei Helligkeit, landete einfach irgendwo, rollte mich erst mal unter einem Baum zusammen und schlief ein paar Stunden. Mitten in der Nacht wachte ich wieder auf, weil mich großer Durst quälte. Über mir spannte sich ein prächtiger Sternenhimmel und spendete ein zwar fahles, aber irgendwie auch majestätisches Licht. Gleichzeitig glühten meine Augen in intensivem Grün.

Hauptsächlich nach Gehör flatterte ich dicht über dem Boden, doch ich mußte eine Zeitlang suchen, bis ich die Geräusche eines Baches orten konnte. Die Koriona-Inseln waren schließlich ziemlich trocken. Immerhin hatten sie guten Wein, und das Olivenöl, das sie exportierten, war weithin bekannt.

Ich stillte meinen Durst, dann legte ich mich unter den warmen Himmel und schlief zufrieden ein, trotz des leichten Muskelkaters in meinen Brustmuskeln.


Am nächsten Morgen brauchte ich eine Zeitlang, um richtig wach zu werden. Irgend etwas war seltsam, es fühlte sich so komisch an. Mit einem Mal kam es mir: es regnete. Ich schüttelte das Wasser von meinem Gesicht und öffnete die Augen. Zum ersten Mal sah ich nun bei Helligkeit, wo ich war. Von dem strömenden Regen abgesehen war es eine mediterrane Landschaft, hügelig, mit einigen lockeren Baumgruppen, Palmen, Sträuchern und Olivenhainen. Die karge Schönheit dieser Insel bezauberte mich. Einen Hügel weiter grasten friedlich ein paar Schafe. Sie schienen sich über den Regen zu freuen, denn man sah es diesem Land an, daß das eher zu den seltenen Ereignissen gehörte.

Weiter unten, zum nicht allzu fernen Strand hin, standen eine Reihe hoher, baumartiger Kakteen, und dicht am Wasser eine größere Menge Palmen. Mit meinen scharfen Augen konnte ich sehen, wie ein kleiner Junge mit affenartiger Behendigkeit eine davon emporkletterte und eine Kokosnuß herunterwarf, wahrscheinlich das Frühstück für sich und seine Freunde. Dort standen auch ein paar Häuser, außerdem gab es einen Landesteg, an dem eine Reihe kleiner Fischerboote festgemacht war. Die Insel bildete hier eine große Bucht, die den Booten bei Sturm einen guten Schutz versprach.

Inzwischen hatte der Regen schon wieder aufgehört. Immerhin führte der Bach, an dessen Ufer ich geschlafen hatte, jetzt deutlich mehr Wasser als noch in der Nacht.

Er zog sich durch diese liebliche Landschaft talwärts, vorbei an einer Handvoll einzelnstehender Häuschen, bis hinunter in die Bucht, wo er sich mit einem weiteren Bach vereinigte und dann ins Meer ergoß. Ich beschloß, zum Dorf hinunterzugehen und mich über diesen Ort ein wenig schlau zu machen.


Das Auge täuschte manchmal. Bis hinunter zum Strand waren es zu Fuß, wie ich nach einiger Zeit feststellte, bestimmt drei Stunden. Also entfaltete ich meine Flügel und flog hinunter. Dort allerdings gerieten die Menschen bei meinem Anblick in Panik. "Uaaa, eine Dämonin, eine Dämonin!" Sie rannten davon und waren nach einem kurzen Augenblick in den Häusern verschwunden.

Na sowas. "He, ich will euch doch nichts tun." Ich wußte nicht mal, wie diese Insel überhaupt hieß. Ich klopfte an eine der Türen, hinter der ich eine größere Familie vermutete, und rief: "Wieso fürchtet ihr euch vor mir? Ich tue euch bestimmt nichts."

Die Tür blieb verschlossen, dafür erschienen hinter mir fünf Männer. Naja, drei waren fast noch Kinder, aber sie waren alle mit Knüppeln bewaffnet. Der Anführer, ein älterer Mann, trug sogar ein verrostetes Schwert. Allerdings - wie er es hielt, konnte man deutlich sehen, daß er so eine Waffe wohl zum ersten Mal in seinem Leben führte. Mit finsteren Blicken kamen sie auf mich zu.

"Naaa, ihr wollt euch doch nicht mit mir anlegen?" Ich holte aus und fuhr mit einer blitzschnellen Bewegung mit den Krallen durch einen der Knüppel. Die Stücke, die dabei entstanden, flogen in hohem Bogen durch die Luft. Der Kleine hatte nicht die geringste Chance gehabt, auch nur die Hand wegzuziehen. Entgeistert starrte er mich an.

Die anderen wichen erschrocken zurück. Sie traten nervös von einem Fuß auf den anderen. Schließlich rief der Anführer mit vor Aufregung heiserer Stimme: "Was wollt Ihr von uns? Schickt Euch BQMZ?" Er spuckte auf den Boden.

Es war ziemlich offensichtlich, daß diese Leute von der Piratin nicht sehr viel hielten. Und bekanntlich hatte sie so manchen Sieg in auswegloser Situation doch noch für sich erfochten, weil Calract sie immer wieder mit seinen Dämonen unterstütz hatte. Deswegen also ... Und was für eine Antwort hier die richtige war, darüber brauchte ich mir auch nicht groß den Kopf zu zerbrechen.

Versuchen wir's mal damit. "Nein, ich suche sie selbst. Ich will sie nämlich umbringen." Die Leute starrten mich entgeistert an. Ich nickte bekräftigend, warf mit einer energischen Kopfbewegung meine Haare zurück und erklärte: "Jawohl. Sie hat meinen Schatz gestohlen, und wenn ich sie finde, dann stirbt sie unter meinen Krallen!"

"So hat sie also auch Euch bestohlen", antwortete der Anführer. Die Stimmung war völlig umgeschlagen. Ich war nicht mehr der Feind, sondern ein potentieller Verbündeter, auf jeden Fall ein Leidensgenosse. Ich unterdrückte das schlechte Gewissen, das sich einschleichen wollte, und freute mich stattdessen lieber, daß sie mir diese Story so leicht abgekauft hatten. Allerdings ... "Auch? Was meint ihr mit 'auch'?" Ich sah mich um.

Die fünf verstanden. Ich sagte: "Ich will euch ja nicht zu nahetreten, aber was gibt es auf dieser Insel, was eine geldgierige Piratin wie BQMZ interessieren könnte?" Sicher nicht die Schafe und Kokosnüsse.

"Sie hat uns unser großes Heiligtum genommen, die Insel Mystika, den heiligen Ort unseres Volkes."

Meinem fragenden Gesicht entnahmen sie, daß ich keine Ahnung hatte, wovon sie sprachen. Doch ich erfuhr es umgehend.

"Wißt Ihr, die Koriona-Inseln bilden einen nach Westen offenen Dreiviertelbogen im Octaviusmeer. Gegenüber diesem Bogen liegt Mystika, eine Insel, die einen nach Osten geöffneten Bogen formt, in dessen Brennpunkt eine Felsinsel liegt. Dort befindet sich das Heiligtum aller Korionaer. Und BQMZ", wieder spuckte er verächtlich aus, "hat es gewagt, uns diese Insel zu rauben. Leider waren wir bisher nicht stark genug, sie wieder zurückzuerobern."

"Das tut mir sehr leid für euch, aber ihr könnt gewiß sein, bald werdet ihr euer Heiligtum zurückbekommen. Allerdings muß ich BQMZ dazu erst mal finden."

"Nun, edle Dämonin, wie wir gehört haben, kreuzt die Schenischenta", wieder spuckte er aus, er war darin sehr hartnäckig, "in unseren Gewässern, angeblich nahe Teriéte. Dort solltet ihr suchen."

Ich wußte, was er gemeint hatte. 'Schenischenta" war der Name von BQMZs Flaggschiff. Legenden rankte sich um diese elegante Konstruktion. Vor allem die Segel waren berühmt und gefürchtet. BQMZ hatte eine ganze Reihe davon, je nachdem, wie sie sich gerade präsentieren wollte. Trug die Schenischenta reines Weiß, bedeutete das keine Gefahr. BQMZ war dann für gewöhnlich in diplomatischer Mission unterwegs, wie sie es nannte. Mit anderen Worten fuhr sie einfach Fracht gegen Bezahlung. Die Standard-Bespannung war allerdings nicht weiß, sondern rot. Davon hatte BQMZ vier Sätze: feuerrot - genau derselbe Farbton wie ihre Haare, Purpur zum Angeben, denn Purpursegel waren so unglaublich teuer, daß einem schwindelig dabei werden konnte, und dann das ganze nochmal mit jeweils einem großen schwarzen Totenkopf. Und zuletzt hatte sie auch noch ganz schwarze Segel. Wenn sie die aufzog, dann hieß es nur noch rette sich wer kann.

Die Männer boten mir als nächstes an, mit ihnen zu essen, doch das lehnte ich ab, denn ich glaube nicht, daß ich ihnen noch lange diese Geschichte hätte weitererzählen können. So eine gute Lügnerin war ich nicht, und beim Essen hätten sie mich bestimmt ausgefragt über mich und meinen angeblichen Schatz.

Stattdessen versuchte ich, ein möglichst gefährliches Gesicht zu machen, und erklärte: "Danke für eure Gastfreundschaft, aber ich muß so schnell als möglich meinen Schatz zurückerobern. Lebet denn wohl." Mit lauten Flapp faltete ich meine Flügel auf und hob ab. Staunend sahen die Leute mir nach. Kurz darauf erkannte ich noch, daß die anderen wieder aus ihren Häusern gekommen waren und mir nun ebenfalls nachsahen und -winkten.


Der Flug gestern war über die offene See gegangen und daher wenig abwechslungsreich gewesen. Heute war das ganz anders. Die unter mir liegenden Inseln der Koriona-Gruppe boten ein ausgesprochen idyllisches Bild, gerade von hier oben. Mein Ziel war bereits in Sicht, Teriéte, die größte der Hauptinseln. Ich näherte mich ihr nicht ganz auf dem direkten Weg, sondern holte etwas östlich aus, so daß ich sie komplett von Ost nach West abfliegen konnte. Das würde mir die Suche erleichtern, hoffte ich.

Unter mir zog wieder diese liebliche, offene Landschaft dahin. Inzwischen war es kurz vor Mittag. Ich schätzte, daß es da unten ziemlich heiß wurde. Da ich es nicht so eilig hatte, wie ich den Leuten auf der Insel heute morgen erzählt hatte, flog ich dann tiefer und wollte landen. Da sah ich einen Mann, der irgend etwas ziemlich Seltsames tat.

Er stand in einem Steinbruch und drosch mit einer Peitsche auf einen großen Block ein. Ich landete, setzte meine Füße auf den warmen Boden und sah ihm weiter zu. Ganz offensichtlich hatte der Mann meine Ankunft bemerkt, doch er ließ sich in keinster Weise stören. Neben dem Block hatte er ein Feuer entzündet, in dem eine Eisenstange steckte. Dies zog er nun, nachdem er mit der Peitsche fertig war, heraus, und begann dann den Felsen mit der glühenden Spitze zu bearbeiten. "Da! Und da! Nimm das!"

Ich hielt es nicht länger aus, trat näher zu ihm hin und fragte: "Was macht Ihr denn da?"

"Sieht man das nicht, edle Dämonin? Ich foltere Steine!"

Ich glaube, in diesem Moment muß ich ein ziemlich dummes Gesicht gemacht haben. "Waaaas?"

"Da!" Mit einem energischen Hieb trieb er die heiße Spitze gegen den Stein, dann legte er das Eisen wieder ins Feuer und machte mit der Peitsche weiter.

"Ähem. Äh, junger Mann, seid Ihr sicher, daß Ihr noch alle beieinanderhabt?"

"Ganz sicher, edle Dämonin. Viel lieber würde ich natürlich die verfluchten Piraten foltern, und ihre Helfer, die ebenfalls verfluchten Dämonen, aber sie lassen mich nicht. Also foltere ich stattdessen Steine. Das ist sicherer."

"Hm. So, so. Äh, und was genau habt Ihr gegen die Piraten, wenn man fragen darf?"

"Wißt Ihr das nicht? Sie haben uns unser größtes Heiligtum gestohlen. Da! Nimm das!" Die Peitsche knallte. Und ich spürte nur zu deutlich, daß dieser Mann wirklich liebend gern damit statt auf den Marmorblock auf mich losgegangen wäre, wenn er gekonnt hätte.

"Also ..."

"Wenn Ihr BQMZ sucht, Ihr findet sie wahrscheinlich immer noch in Bentheena. Und jetzt geht, edle Dämonin."

Wie praktisch. Ich hatte nicht mal fragen müssen.


Allerdings hätte ich die Schenischenta auch so gefunden. Bentheena, die größte Stadt Teriétes, war nur noch ein paar Flugminuten weg, und BQMZs Schiff mit den purpurnen Segeln, das dort im Hafen lag, war nun wirklich nicht zu übersehen. Purpur, aber ohne Totenköpfe. Weiß war ihr für die Korionaer wohl zu wenig aufregend, dachte ich bei mir. Die Menschen hier waren wirklich ein seltsames Völkchen. Der letzte Krieg lag Jahrhunderte zurück. Es gab kaum militärische Traditionen, es gab kaum Waffen oder gar Kriegsschiffe, von einem Berufsheer ganz zu schweigen, und vor solchen Leuten, Bauern und Schäfern in der Hauptsache, hatte eine räuberische Piratin wie BQMZ einfach keinen Respekt. Ich allerdings wollte mit einem endgültigen Urteil lieber noch etwas warten.

Inzwischen war es Mittag. Wir hatten den 30. April, und es war heiß. Ich landete am Rande Bentheenas an einer Stelle, von der aus man einen schönen Blick auf die weiß leuchtende Stadt und den großen Hafen hatte. Überall hatten die Menschen Kübel mit Pflanzen und Blumen auf die Straßen gestellt, es gab auch einige offene Alleen, in deren Mittelstreifen Palmen wuchsen. Auf den gepflasterten Straßen waren die Menschen meist zu Fuß unterwegs, man sah aber auch eine Reihe von Karren, die teils von Menschen, teils von Ochsen, Eseln oder manchmal von Pferden gezogen wurden.

Ha, was war das? Irgendwo zwischen den Häusern waren zwei Polizisten der Stadtwache aufgetaucht. Das war natürlich nichts Besonderes, aber ihre Reittiere schon. Sie saßen auf Dinosauriern, die ich nach kurzen Nachdenken als Iguanodone identifizierte. Das war wirklich bemerkenswert, Dinosaurier sah man nicht oft heutzutage. Mit gleichmäßigen Schritten stapften die Dinos, die sich sowohl auf ihren Hinterbeinen als auch auf allen Vieren fortbewegen konnten, eine der Alleen entlang, um dann nach kurzer Zeit in einer Seitenstraße wieder meinen Blicken zu entschwinden.

Ich muß sagen, selten hatte ich ein idyllischeres und friedlicheres Bild vor mir gehabt als hier. Und allem Anschein nach war es überall, auf allen Inseln dieses riesigen Bogens so. Ich fragte mich, warum man von diesen Ländern bei uns so selten etwas hörte.

Mit leichten Schritten lief ich nun den Weg hinab und betrat nach kurzer Zeit die eigentliche Stadt.

Viele der Leute auf den Straßen drehten sich nach mir um, doch sie verhielten sich friedlich, allenfalls etwas neugierig, aber auf jeden Fall nicht abweisend oder gar feindselig. Vielleicht lag das aber auch nur daran, daß ich so auf die Schnelle nicht unbedingt als Dämonin zu erkennen war.

Ich näherte mich dem Palast, in dem wohl der König dieses Landes residierte. Ich bog um die Ecke und prallte zurück. Keine zwei Schritte vor mir stand Saator, rechts und links im Arm ein schönes Mädchen. Ich war vollkommen vor den Kopf gestoßen. Saator sagte irgend etwas, doch ich hörte es nicht. Ohne nachzudenken drehte ich mich um und rannte einfach davon. Kurz darauf flog ich auf. Irgendwie war mein Verstand abgeschaltet. Ich wollte nur noch weg.

Später dann landete ich irgendwo in einer Baumgruppe, vergrub den Kopf zwischen den Knien und begann hemmungslos zu schluchzen. Der Schock saß tief.

Irgendwann war ich dann aber doch langsam wieder fähig, einen klaren Gedanken zu fassen, aber das machte es auch nicht besser, im Gegenteil. Was ging mir nicht alles durch den Kopf: einfach wieder nach Haus fliegen, mich von den Klippen stürzen und so weiter.

Aber nachdem ich mich ausgeweint und meine grenzenlose Enttäuschung etwas überwunden hatte, beschloß ich, der Sache zumindest noch etwas auf den Grund zu gehen.

Es war inzwischen Nachmittag geworden, und die drückende Hitze war einer angenehmen Wärme gewichen.

Ich stellte fest, daß ich keinen Steinwurf weit vom Meer entfernt saß. Stein, das war ein gutes Stichwort. Steine hätte ich jetzt auch gerne ausgepeitscht und gefoltert. Mit dem Fuß griff ich mir einen und schleuderte ihn wütend davon ins Meer. Irgendwie beruhigte mich das wieder und ich sah mich genauer um. Einen Strand gab es hier nicht, stattdessen fiel das Ufer in steilen Klippen direkt ins Meer ab. Aber das braucht mich nicht zu stören. Ich mußte nicht mal fliegen, sondern konnte mich direkt von hier aus in die Wogen stürzen. Ich streifte mir die Bluse und dem Rock, den ich seit einiger Zeit anstelle der weiten Hose trug, ab, und zog mir auch den Brustbeutel und das Amulett vom Kopf. Es sah nicht so aus, als würde das hier jemand stehlen. Dann nahm ich Anlauf und sprang dann Kopf vor in das tief blaue und, wie ich einen Moment später bemerkte, ziemlich kalte Wasser.

Doch nach der Hitze des Tages empfand ich das als ausgesprochen erfrischend. Mit den Beinen kräftig paddelnd tauchte ich die Felsen entlang und bestaunte die leuchtend bunten Schwämme, Seeanemonen und Korallen, die hier wuchsen. Außerdem wimmelte es von Fischen. Die meisten waren winzig und schillerten silbrig, aber es gab auch große, die immer wieder ihre roten und gelben Köpfe aus den Höhlen hervorstreckten und mir neugierig nachsahen. Ich tauchte wieder auf, um Luft zu holen. Dann ging es wieder nach unten. Diesmal nahm ich auch meine Flügel zu Hilfe, so daß ich sehr schnell und ohne Anstrengungen vorankam. Die Welt unter Wasser war unglaublich faszinierend, und ich vergaß total die Zeit. Erst als ich nichts mehr sehen konnte, merkte ich, daß es inzwischen fast Nacht geworden war.

Schnell fing ich noch ein paar Fische und verschlang sie gleich an Ort und Stelle, dann schwamm ich wieder zur Wasseroberfläche und erhob mich mit mächtigem Schlag meiner Flügel in die Luft.

Obwohl ich anscheinend stundenlang herumgeschwommen und getaucht war, hatte ich mich nicht weit von meinem Ausgangspunkt entfernt, wo ich einen Moment später wieder landete. Hier oben war es noch einigermaßen hell, aber sicher nicht mehr lange. Mißtrauisch äugte ich auf meine Kleider herab, aber es war alles unberührt. Nachdem ich getrocknet war, zog ich mich wieder an. Und morgen würde ich mir dann Saator vorknöpfen. Naja - daß er ein großer Frauenheld war, daraus hatte er nie einen Hehl gemacht. Ich seufzte.

Ich hatte die beiden Mädchen mehr oder weniger nur von hinten gesehen, aber sie mußten sehr schön sein. Menschenfrauen mit Armen und zärtlichen Händen, und ich nur eine armlose Dämonin. Ich seufzte erneut. Wütend ballte ich meinen rechten Fuß zur Faust. Egal, Hände oder nicht, ich würde mir Saator schnappen!

Zufrieden rollte ich mich unter den Palmen zusammen und ließ mich von der Brandung 10 Meter unter mir in den Schlaf lullen.

*

Am nächsten Morgen erwachte ich schon vor Sonnenaufgang und beschloß, zumindest einen Teil des Rückweges zu Fuß zurückzulegen. Ich lief eigentlich sehr gerne, weil ich all die verschiedenen Dinge unter meinen Fußsohlen spüren konnte: den weichen Sand, die kühlen Steine, das Moos, das an manchen Stellen wuchs, oder die Blätter und herabgefallenen Zweige der Bäume. Es war eine Erfahrung, die Menschen, die Schuhe trugen, nicht machen konnten, wofür ich sie direkt bedauerte. Zum Ausgleich hielten mich viele, zumindest solange sie mich nicht näher kannten, für eine Art besseres Tier. Aber selbst das hatte sein Gutes, denn das machte sie oft zutraulich und leichter zugänglich.

Der Weg zog sich hin. Nach gut einer Stunde wurde ich langsam ungeduldig. Und außerdem wußte ich auch nicht so genau, wo ich eigentlich war. Also flog ich mal wieder auf und sah mich mal um. Bis Bentheena war es doch noch ein ganz schönes Stück, und so beschloß ich, den Rest der Strecke zu fliegen. Wenige Minuten später war ich über der Stadt. Und wen sah ich da auf dem großen Platz genau in der Mitte sitzen: BQMZ, Saator und die beiden Schönen von gestern. Und noch einen älteren Mann, auf den BQMZ heftig einredete.

Seltsam. Ich dachte, die Korionaer würden der Piratin am liebsten den Kopf abreißen. Stattdessen sitzt sie hier in aller Seelenruhe und löffelt dieses ... was auch immer zum Frühstück.

"Arashi!", rief BQMZ erfreut, als ich neben ihrem Tisch landete.

"Hallo Arashi, mein Schätzchen."

"Schätzchen?", rief ich giftig zurück und zeigte auf die beiden Mädchen rechts und links neben ihm.

BQMZ lachte. "Komm', setz' dich erst mal, Mädchen. Das ist eine lange Geschichte. Hier, probiere mal das Eis. Es gibt nichts Besseres auf der Welt!"

Eis! EIS! Ich war verblüfft. Und noch mehr verblüfft war ich, als ich die Geschichte erfuhr, um die es hier ging.

Vor etwa sieben Jahren hatten BQMZ und ihre Leute beschlossen, die Koriona-Inseln auf die Hörner zu nehmen. "Sie sagten zwar, daß es hier nichts gibt außer Schafen, aber inzwischen weiß ich, daß ich das beste Geschäft meines Lebens gemacht habe", erläuterte die Piratin.

Sie war damals mit einer großen Flotte angesegelt, hatte die paar Kriegs-Schiffchen der hiesigen Reiche rasch versenkt und dann Mystika erobert, ohne einen einzigen Mann zu verlieren. "Diese Narren. Sie haben nicht mal eine Flotte, um sich zu selbst zu schützen."

"Aber was sollen sie denn schützen?", fragte ich zurück. "Hier gibt es doch nur Schafe, Oliven und Steine."

"Tss, tss. Hier gibt es Eis, meine liebe Arashi."

Tja, und mit diesem Eis hatte es eine besondere Bewandtnis. Die Koriona-Inseln waren politisch in zahllose kleine Reiche und Städte aufgesplittert, kulturell jedoch eine gewachsene Einheit. Die Menschen genossen hier ungewöhnliche Freiheiten, und so lebten auf den Inseln nicht nur Fischer, Schäfer und Olivenbauern, sondern auch viele berühmte Philosophen und Erfinder. Und der - zumindest in BQMZs Augen wichtigste, ein kauzig aussehender älterer Herr namens Jahaal Rebafan, saß hier an unserem Tisch, zusammen mit seinen beiden Töchtern. Seinen beiden überaus attraktiven Töchtern, um es genau zu sagen.

Alle Blicke richteten sich nun auf ihn. BQMZ meinte noch: "Er hat mir bestimmt schon zwanzigmal erklärt, wie das funktioniert, aber ich kapiere es immer noch nicht."

"Dabei ist das Prinzip doch so einfach. Wenn man Luft komprimiert, erhitzt sie sich. Läßt man diese sich wieder abkühlen und expandiert sie dann, dann kann man damit Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt erreichen. Ich habe ein zweistufiges Prinzip entwickelt mit zwei Kammern, die man abwechselnd komprimieren und expandieren sowie isolieren und thermisch relaxieren kann. Damit muß man nur noch die Luft ein bißchen hin und her pumpen, und schon kann man einen ganzen Wassertank zum Gefrieren bringen. Ganz einfach."

So, so, ganz einfach. Ich dachte an Lalalu. Sie oder Tschuri hätten das bestimmt auf Anhieb verstanden. Hm, zwei Kammern. Das war doch genau das, was BQMZ da auf Chadney versteckt hielt und von dem sie nicht wußte, wie sie es benutzen sollte. So war das also.

Nachdem ich sie gefragt hatte, erklärte sie mir: "Stimmt. Ich habe Jahaal zuerst so eine Maschine gestohlen. Aber dann habe ich gemerkt, daß mir das verdammt wenig genützt hat." Sie blickte in das leere Glas und rief: "He, Kleine. Noch ein Eis." Es war bestimmt das fünfte, das sie in sich hineinlöffelte, seit ich da war. "Oder halt, bring' zwei!" Sie sah mich an: "Mußt du unbedingt mal probieren. Jedenfalls, jetzt kommt Mystika ins Spiel. Ich ... äh ... habe also meinen sündteuren Purpur-Segel gesetzt, ha ha ha, bin hierhergekommen und habe angeboten, Mystika gegen das Geheimnis der Eismaschine zu tauschen. Natürlich noch ein paar exklusive Handelsrechte und so weiter, aber egal. Tja, und der Volksrat entscheidet nun, ob er mir Jahaal gegen Mystika eintauscht."

Die Kellnerin brachte die georderten Eisbecher. Einen stellte sie vor BQMZ hin, den anderen vor mir. Es machte mir keine Mühe, den schlanken Löffel zwischen die Zehen zu nehmen und damit das Eis zu löffeln. Und ich muß sagen, ich verstand die Piratin. So etwas hatte ich noch nie in meinem Leben gegessen. Es war einfach unvergleichlich.

BQMZ sah offenbar das Leuchten in meinen Augen und strahlte mich an wie ein Honigkuchenpferd, während sie selbst ihr mit Früchten und Sirup verziertes Eis schleckte.

"Ach ja, die beiden Kleinen da sind Sonya und Miélfina, Jahaals Töchter. Saator kümmert sich ein bißchen um sie, während ich ihren Vater ... äh ..."

"Kümmert!", rief ich giftig. Doch Saator grinste nur breit, währen die beiden Mädchen, die ich auf etwa 15 und 20 schätzte, mich fasziniert ansahen. Ich muß zugeben, die beiden waren wirklich niedlich. Und noch dazu wunderschön. Sie machten einen sehr zutraulichen Eindruck, fast wie zwei verspielte Welpen, und musterten mich völlig ungeniert. Nun ja, es war auch sicher kein alltäglicher Anblick, eine Frau zu sehen, die ihren Löffel zwischen den Zehen hält und mit den Füßen ißt. Ich steckte den Löffel in das Eis und tippte mit der großen Zehe Miélfina auf die Nase. Die beiden Mädchen lachten glockenhell auf. Miélfina nahm meinen Fuß in ihre zarten Hände und erkundete ihn mit ihren Fingern. Sonya sah ihr dabei höchst interessiert zu. Und mich durchrannen warme Schauer. Gekommen war ich doch eigentlich wegen Saator. Aber wenn ich den nicht kriegen sollte, würde ich stattdessen vielleicht diese beiden hinreißenden Mädchen nehmen.

Ich schalt mich eine Närrin wegen meiner Eifersucht, und blickte zu Saator hinüber. Der nickte mir verschwörerisch zu.

BQMZ bestellte das nächste Eis, dann begann sie wieder auf Jahaal einzureden. Wenig später hörte ich dumpfe Tritte. Unter der Eskorte der beiden Iguanodone erschien die Abordnung des Volksrates. Hier herrschte kein König, sondern Bentheena war eine sogenannte Demokratie. Alle Männer, die reich genug waren, wählten einmal im Jahr unter sich die 365 Ratsmitglieder, und unter denen wurde jeder einmal für einen Tag Vorsitzender. Ich fand das eine interessante Idee. So war jeder unmittelbar für seinen Staat verantwortlich. König für einen Tag sozusagen.

"Der Hohe Rat bittet den Großen Kapitän und seine Begleiter für den Nachmittag in den Palast." So wurde es uns verkündet. Wozu sie dafür gleich mit ihren Dinosauriern hatten anmarschieren müssen, verstand ich allerdings nicht. Offenbar legte der Rat sehr viel Wert auf seine Würde.

Wie auch immer. BQMZ bestellte sich das nächste Eis. Saator flüsterte mir zu, daß sie Gast des Staates sei und so viel essen könne, wie sie wolle. Praktisch. Ich blickte zwischen Saator und den beiden Rebafan-Mädchen hin und her. Saator erhob sich und sagte: "Gehen wir doch mal runter zum Hafen."

"Dürfen wir dann auch die Schenischenta sehen?", fragte Sonya.

"Sei nicht so vorlaut, Schwester", meinte Miélfina.

"Aber, aber. Klar dürft ihr mal an Bord, ihr zwei Süßen."

Zu viert schlenderten wir dann langsam die Prachtstraße entlang Richtung Hafen. Das Ambiente war wunderschön. Die weißen Häuser strahlten in der Sonne, in der Mitte spendeten die Palmen Schatten, dazwischen blühten bunte Blumen, die von eifrigen Hausfrauen fleißig gegossen wurden. Überall waren fliegende Händler, kleine Läden und Imbiß-Stuben, wo man neben dem Eis, das es wirklich an jeder Ecke gab, auch alles mögliche andere an Delikatessen bekommen konnte, vor allem natürlich Fisch und sonstige Meeresfrüchte. Neben dem Eis gab es auch eisgekühlte Getränke, und ich sah nach kurzer Zeit auch, wie sie es genau machten. Anscheinend war die Eis-Erzeugung eine aufwendige Sache und wurde irgendwo zentral erledigt. Auf großen Ochsenkarren, eingehüllt in viele isolierende Decken, wurde das Eis überall in der Stadt ausgefahren und in Form großer Blöcke in die Häuser geliefert.

Neben den Einheimischen begegneten uns auch zahlreiche Piraten. Die Schenischenta hatte über 200 Mann Besatzung, und pro Wache hatte jeweils die Hälfte Landgang, übrigens ebenfalls mit freier Verpflegung, und die malerisch aussehenden Burschen machten davon auch regen Gebrauch. Und natürlich erregten sie auch die Aufmerksamkeit vor allem der jungen Mädchen. So etwas hatten sie hier bestimmt noch nie gesehen. Ihrerseits waren die allermeisten von ihnen geradezu bildschön, was wiederum die Piraten zur Höchstform auflaufen ließ. Akrobatische Kunststücke beherrschten sie alle, und viele hatten noch einiges mehr drauf, zum Beispiel Jonglieren mit mehreren Messern, oder sogar Feuerspucken.


Irgendwie ergab es sich, daß Saator und Sonya ein Stück vorausgegangen waren, und ich mich auf den Beckenrand eines großen Brunnens gesetzt hatte. Jetzt plantschte ich mit den Füßen im kühlen Wasser und sah den Papageien zu, die hier badeten und die Hunde ärgerten. Immer, wenn einer der flauschigen kleinen Köter ins Wasser springen wollte, stürzten sich ein paar der roten und blauen Vögel auf ihn, machten ein Mords Geschrei und schlugen ihn in die Flucht. Doch anscheinend betrachteten beide Seiten es als ein Spiel, denn wenigen Augenblicke später kamen die Hündchen mit lauten Kläffen zurück und versuchten es erneut. Wie eng die Freundschaft der Hunde mit den Papageien tatsächlich war, sah ich kurz darauf, als einer der Vögel irgendwie den Halt verlor, ins tiefere Wasser stürzte und dort hilflos und ängstlich schreiend um sein Leben paddelte. Sofort kam eines der Hündchen angesprungen, stürzte sich ins Wasser, schnappte nach dem großen Vogel, aber ganz vorsichtig, und rettete ihn an Land, wo dieser sich erst mal kräftig ausschüttelte, dann aufplusterte und ein gewaltiges Geschrei losließ, während der Hund über seinen Rücken leckte.

Ich mußte lachen, und auch die anderen Leute, die das gesehen hatten, grinsten über beide Ohren. Einige applaudierten sogar, und - kaum zu glauben - der Hund begann wie eine Diva herumzutänzeln.

Miélfina setzte sich neben mich und zog die dünnen Sandalen von ihren Füßen. Dann tauchte sie sie ebenfalls ins Wasser.

Das Mädchen trug ein dünnes Nichts von einem Kleid, und als die Hunde und Papageien ein paar Wassertropfen über sie spritzten, da wurde es vollends durchsichtig. Ich mußte schlucken und spürte mein Herz schneller schlagen. Miélfinas Füße paddelten im Wasser, dann meinte sie versonnen: "Ich würde auch gerne fliegen können."

Sie zog ihren Fuß aus dem Wasser und tippte mir mit der tropfnassen Zehe auf die Nase. Dann lachte sie wieder glockenhell auf, schlüpfte in ihre Sandalen und sprang davon, hinunter zu ihrer Schwester und Saator.

Bis wir schließlich die Schenischenta erreichten, vergingen noch fast zwei Stunden. Der Hafen machte einen ebenso majestätischen Eindruck wie der Rest der Stadt, sehr sauber, sehr gepflegt, großzügig angelegt, aber fast ohne Schiffe. Wäre nicht BQMZs gewaltiges Flaggschiff gewesen, hätten sich die paar Fischerbötchen hier völlig verloren. Die Schenischenta hingegen machte mächtig Eindruck. Fast 80 Meter lang und mit drei majestätischen Masten war sie sicher der größte Klipper, der hier seit zig Jahren vor Anker gegangen war. Sie paßte eigentlich sehr gut zu Bentheena, sie hätte für diesen Staat ein wunderbares Flaggschiff abgegeben.

"Die Leute auf diesen Inseln interessieren sich nicht für sowas", erläuterte Saator mir den Sachverhalt. "Sie sind mit einem einfachen Leben als Fischer, Händler und Bauern zufrieden, und wenn sie Abwechslung suchen, dann lassen sie ihre Räte und Politiker streiten. Oder erfinden seltsame Sachen ..."

"Einfaches Leben?" Ich wandte mich um und blickte über Bentheena. Diese Stadt war alles andere als einfach, sie war prächtig, richtig majestätisch.

"Du darfst nicht vergessen, meine kleine Arashi, all das wurde in Jahrhunderten erbaut. Und sieh' mal genau hin. Auf der Sonneninsel und der Weißen Hauptstadt ist das weiße Material echter Marmor. Hier ist es einfacher Kalkstein, Gips und Stuck. Es ist nicht wertvoll. Außer einem schönen Leben gibt es auf den ganzen Inseln nichts wirklich Wertvolles, mein Schatz." Saator legte eine Hand um meine Hüfte und blickte über den Teil der aufsteigenden Küste, den man von hier unten aus einsehen konnte. "Weißt du, was ich glaube: die Korionaer haben vor langer Zeit beschlossen, alles Gold und Juwelen wegzuschmeißen, damit sie in Ruhe gelassen werden. Und wie man sieht, hat sich das gelohnt." Er musterte die beiden Mädchen, die immer noch um uns herumspielten. In den Augen Miélfinas las ich das tiefe Wissen um diese Dinge. Die Leute hier mochten als schrullige Kauze, einfache Bauern oder verspielte Kinder wirken, ihrer Situation waren sie sich sehr wohl bewußt.

Ich nahm an, daß auch BQMZ das nicht entgangen war. Allerdings schien sie im Gegensatz zu mir für die Korionaer trotzdem keinen Respekt zu empfinden. Mich hingegen beeindruckten diese Menschen mehr und mehr.

"Gehen wir doch mal an Bord."

Mit stolzgeschwellter Brust führte Saator uns drei nun durch das Flaggschiff seiner Kommandantin. Es waren zur Zeit nicht sehr viele Piraten an Bord. Zu bewachen gab es nichts, denn die Korionaer waren wirklich so friedlich, wie sie taten. Keinem wäre es eingefallen, hier einzubrechen und etwas mitzunehmen. Gelohnt hätte es sich freilich. Die Piraten liebten es, den Goldkram, den sie erbeutet hatten, stets bei sich zu führen. Und als ich erst BQMZs Kabine sah, da blieb mir der Atem weg. Diese Frau mußte reicher als Calract sein! Gold und Schätze bedeckten den Boden und die Wände, und selbst die Decke war mit geschmackvollen, wenngleich ziemlich martialischen Motiven bemalt. Wenn man das sah, konnte einem schwindelig werden. Miélfina und Sonya bekamen den Mund nicht mehr zu.

Etwas benommen stolperten wir drei schließlich wieder aus der Kapitänskabine heraus. Vom Rest der Schiffsführung bekam zumindest ich nicht mehr viel mit, und auch Miélfinas und Sonya waren ziemlich schweigsam geworden. Bevor wir das Unterdeck wieder verließen, blieb Saator noch einmal stehen und musterte die beiden Mädchen mit einem stechenden Blick: "Wir suchen immer gute Leute. Das hier kommt nicht von nichts." Er machte eine ausholende Geste. "Die meisten von euch lieben dieses einfache, friedliche Leben, aber wenn es mal einer von euch zu langweilig wird: hier ist für harte Jungs und Mädchen immer eine Hängematte frei."

Harte Jungs, das waren die Piraten wirklich. Zumeist liefen sie halbnackt herum, doch was nie fehlte waren ein Satz von Messern, Dolchen, Schwertern oder noch was Schlimmerem, und natürlich ihr Schmuck. Man sah es diesen Menschen an, daß sie das Abenteuer liebten und weder Tod noch Teufel fürchteten. Und daß sie auch den Preis dafür kannten, nämlich einen frühen Tod unter dem Schwert einem der zahlreichen Feinde, oder vielleicht auch mal im Gebiß eines Haies oder eines der Seedrachen. Doch es entging mir nicht, daß Miélfina und Sonya ziemlich nachdenklich geworden waren. "He, ihr zwei!" Ich tippte sie mit der Schulter an und schüttelte den Kopf. Sie waren nicht aus diesem Holz geschnitzt. Sie würden nie Piratinnen werden. Saator sah das wohl genauso, wie ich seinem versonnenen Lächeln entnehmen zu können glaubte.

"Aber du. Wie wär's mit dir, mein Schatz?" flüsterte er mir zu, als er mit uns wieder auf das Oberdeck trat.

Piratin, hmm! Ich blickte den Mann, den ich heiraten wollte, verträumt an. Ich als Dämonin hatte mit dem harten Leben hier keine Probleme ... nur Schmuck und so Zeug zusammenraffen, das würde mir ohne Arme ziemlich schwerfallen. Ich lächelte und blickte auf meine Schultern, dann auf meine kräftigen, wundervollen Füße. Saator streichelte mich über die Wangen, dann rief er vergnügt: "So, langsam wird's Zeit zurückzugehen. Bald müssen BQMZ, Arashi und ich zum Rat. Aber vorher ..." Er langte in seine Taschen und zog eine Perlenkette heraus, die er Miélfina um den Hals hängte. Eine weitere folgte für Sonya. Dann blickte er mich mit leuchtenden Augen an, kruschte lange in einer weiteren Tasche herum, tat sehr geheimnisvoll, und förderte schließlich eine dritte Halskette ans Tageslicht.

Ich mußte schlucken. Selbst in Calracts Schatz hatte ich ein solches Kunstwerk noch nicht gesehen. Gold, Perlen, Diamanten, es fehlte nichts. Und selbst ein Laie wie ich sah, daß nur ein ganz großer Meister so etwas wie diese Kette hatte anfertigen können.

"Der Krämer, dem ich diese Kette geraubt habe, sagte noch, bevor ich ihm den Hals durchschnitt, daß sie von der Sonneninsel stammt", meinte er zu mir mit einem Grinsen, das sich von einem Ohr zum anderen zog, während er mir diese Kette um meinen langen Hals legte. Geradezu andächtig musterte er mich, dann küßte er mich auf die Brust.

Ich wurde rot. Meine Kleidung waren zwar keine Lumpen, aber doch sehr einfacher Art. Diese Kette stach so auffällig davon ab ...

"Es ist egal, was du anhast, Geliebte", flüsterte er mir ins Ohr. "Diese Kette ist für deinen göttlichen Körper, nicht für deine Kleider."

Mein Herz pochte heftig. Saator ... konnte es wirklich wahr sein, daß er mich liebte? Mich ...


Als wir den großen Platz wieder erreicht hatten - wenn man sich beeilte, waren es von Hafen hier herauf keine 10 Minuten - standen bereits vier Ratsherren um BQMZ herum. Sie machten irgendwie einen ziemlich nervösen Eindruck. Die Polizeieskorte war diesmal zu Fuß da, die Dinos grasten friedlich auf dem Mittelstreifen unter den Palmen.

"Ah, da seid ihr ja endlich wieder. Kommt, wir müssen los."

Unterwegs fragte ich BQMZ, was dieses Heiligtum eigentlich genau sei.

"Naja, also ehrlich gesagt, das war eine ganz schöne Enttäuschung. Irgendwie hatte ich nach allem, was sie darüber fabuliert haben, gedacht, es könnte dort vielleicht einen Zugang zum Unendlichen Land geben, oder wenigstens eine Heilige Stätte, aber nichts ... Diese Insel Mystika zieht sich als Bogen um den großen Felsen oder eigentlich Vulkankegel im Zentrum, und ich hatte Wunders was für Geschichten darüber gehört. Als wir dann da waren, brauchten wir nur die Treppen raufzukraxeln und ein paar Priester gefangenzunehmen. Dann standen wir vor diesem Tempel oder was das auch immer sein mag. Drin war so gut wie gar nichts. Aber stell' dir vor, Arashi, das wollen die jetzt wieder zurückhaben, diesen lächerlichen Plunder und Schrott." Die Piratin lachte lauthals. "Dreißig Silberteller, dreizehn Goldteller, einen Haufen Silberbesteck, sechzehn komische Bilder, einen goldenen Kerzenleuchter, achtzehn Jade-Statuen ..." ihre Stimme wurde immer ärgerlicher "... vierundzwanzig seidenbezogenen Luxus-Sessel, dreißig goldene ... " sie schnaufte tief, "... so eine unglaubliche Frechheit. Das gehört alles mir, ich habe es erbeutet. Diese Schweinepriester bekommen gar nichts zurück!"

Neben mir mußte Saator sich das Grinsen verkneifen. Dafür machten die Räte ein Gesicht, als hätten sie auf Zitronen gebissen.

Kurz darauf betraten wir den Palast. Auch hier war alles sehr sauber und geschmackvoll eingerichtet, doch der ganze Wert der Einrichtung bestand allenfalls aus der Arbeit, die er bei der Herstellung gemacht hatte. Gegenstände aus Gold, Silber oder anderen wertvollen Materialien waren nicht dabei. Nicht einmal hier, im Palast dieser märchenhaften Stadt. Wie ich inzwischen gemerkt hatte, war selbst das Geld nur aus Eisen. Nicht mal Kupfer. Hier gab es wirklich nichts, wofür sich beutegierige Fremde interessieren konnten.

Als wir an einem Spiegel vorbeikamen, blieb ich stehen und blickte verliebt auf meine wundervolle neue Halskette, bis BQMZ mich weiterzog. Auch sie trug übrigens Schmuck - das, was sie darunter verstand, nämlich Waffen und vor allem ihre Zehendolche. Die ließen keinen kalt, der sie mal gesehen hatte.

Der Rat bestand wirklich aus sage und schreibe 365 Edelleuten oder dem, was man hier darunter verstand. Sie alle machten einen sehr besonnenen und gebildeten Eindruck, aber damit konnten sie eine Frau wie BQMZ nicht beeindrucken. Allerdings, Besonnenheit hin oder her, zwischen dem Rat auf der einen und BQMZ und Saator auf der anderen Seite entbrannte bald ein lautstark ausgetragener Streit. Der Rat hatte es ziemlich eilig, die Verhandlungen zu einem Abschluß und BQMZ zu einer Unterschrift zu bringen. BQMZ merkte das natürlich sofort und begann mit einem geradezu sadistischen Nervenkrieg.

Ich spielte ihr Spiel natürlich mit und unterhielt mich am Rande der Konferenz mit einigen der Räte. Darunter fand man alle nur denkbaren Charaktere, von einfältig bis verschlagen, von gutmütig bis rachgierig. Wieder kam mir zugute, daß ich dank der fehlenden Arme so hilflos und schutzbedürftig wirkte. Niemand nahm jemanden wie mich ganz ernst. Viele der Räte faßten Vertrauen zu mir, und so erfuhr ich bald, um was es diesen Leuten eigentlich ging.

Es hätte nämlich für den Staat Bentheena einen unglaublichen Prestige-Gewinn bedeutet, wenn seine Diplomatie dem ganzen Koriona-Volk ihre Kultstätte wiedergegeben hätte. Aber die anderen Staaten, zumindest die größeren, wollten Bentheena diesen Sieg auf keinen Fall gönnen. Man wußte aus sicherer Quelle, daß mindestens drei weitere höchstrangige Delegationen auf dem Weg hierher waren. Morgen wurde zum Beispiel der König von Canchilla erwartet. Und wenn der und die anderen erst mal da waren, dann würden die Verhandlungen endlos schwierig werden.

In einer Pause erklärte ich das BQMZ und Saator. Die beiden verstanden sofort. Ich hatte den Eindruck, daß BQMZ das bereits mehr oder weniger selbst herausbekommen hatte. Sie war eben mit allen Wassern gewaschen. "Ich würde das auch gerne zu Ende bringen, bevor die anderen da sind. Ich habe keine Lust, hier die nächsten Wochen oder Monate zu versauern. Aber dabei will ich natürlich soviel wie möglich für uns herausholen", erklärte sie mir.

Wobei sich schon das nächste Problem stellte: womit sollten die Korionaer eigentlich bezahlen? Natürlich ging es BQMZ in der Hauptsache um die Eismaschine und ihren Erfinder. Aber das war ihr zu wenig, es hatte einfach nicht genug Prestige. Ein einzelner Mann gegen eine ganze Insel. Aber was hatte Bentheena sonst zu bieten - nichts. Das bißchen Gold, das sie gehabt hatten, war auf Mystika gewesen und BQMZ ohnehin damals in die Hände gefallen. Die Piratin und Saator überlegten hin und her, wie viel Wein, Schafe, Oliven, Holz, Handelsrechte, Fische und was weiß ich was nicht noch alles sie zu verlangen hatten, damit die Sache sich lohnte. Dabei wurde scharf kalkuliert. BQMZ schrieb eine endlose Kolonne geheimnisvoller Zahlen auf ein Papier, saldierte immer wieder, hörte sich Saators halblaute Einwände an, rechnete erneut ...

"Wie wär's mit Schiffen?", fragte ich ganz naiv.

"Pah, diese Äppelkähne ..."

"Warte mal", fiel Saator nachdenklich ein. "Klar, sie haben nichts Aufregendes auf dem Wasser, aber ..." er machte eine bedeutungsvolle Pause. Ich sah BQMZs Augen aufleuchten. Es war faszinierend zu sehen, wie diese beiden Piraten sich verstanden und die Bälle zuspielten. BQMZ wußte genau, worauf ihr Erster Offizier hinauswollte. Saator erklärte es mir: "Die Korionaer bauen seit vielen Jahrhunderten Schiffe, und die sind gut. Das weiß man. Sie gehören zum solidesten, was auf der Azursee herumschippert, sie sollen sogar mit denen von Dana'an mithalten können."

BQMZs Augen blitzten auf, als Saator das vortrug. Er fuhr fort: "Also geben wir - sagen wir mal - zehn Schiffe nach unseren Vorgaben in Auftrag. Das wird der Preis sein."

"Wobei sich noch die Frage stellt, wen wir diesen Gunstbeweis erbringen lassen sollen. Bentheena würde es sicher gerne allein machen, aber dafür reichen ihre Kapazitäten nicht", meinte BQMZ.

"Ja, ich finde auch, wir sollten die Verhandlungen doch hinauszögern, bis die anderen großen Delegationen da sind. Die gegeneinander auszuspielen, dürfte nicht so schwierig werden."

"Und vor allem viel Spaß machen", lachte BQMZ.

Saator blickte sich nachdenklich um. "Ich frage mich ... man hat schon von Versammlungshallen gehört, wo man jedes Flüstern hören kann, wenn man an einem ganz bestimmten Ort steht." Er langte zu seinem Säbel und blickte finster zu den Räten hinüber.

"Keine Angst", erwiderte ich. Saator und BQMZ sahen mich etwas überrascht an. "Ich hätte euch schon gewarnt, wenn ich so etwas bemerkt hätte."

"Das kannst du hören?", fragte die schwarze Piratin erstaunt.

"Klar!" Ich grinste sie fröhlich an.


BQMZ kannte alle Verhandlungstricks, und als es Abend wurde, hatte sie die Räte dermaßen durchgekaut, daß diese ihr am liebsten den roten Teppich ausgelegt hätten, wenn so etwas hier Sitte gewesen wäre. Untertänigst boten sie der Piratin an, sie und ihr Gefolge im besten Gästehaus des Staates unterzubringen, doch BQMZ lehnte ab. "Ich schlafe lieber in meiner Kabine auf der Schenischenta." Das konnte ich gut verstehen. "Ach ja, Arashi-Liebes, leistest du mir heute nacht Gesellschaft?"

Ich nickte, obwohl ich eigentlich lieber Saator Gesellschaft geleistet hätte. Nun ja, Geduld ...

"Edle Frau BQMZ", rief einer der Räte, "dürfen wir Euch heute abend noch zu einer Theatervorstellung einladen?" Es folgte eine wortreiche Schilderung dessen, was uns da geboten werden sollte. Ich wurde neugierig. BQMZ schien kein so großes Interesse zu haben, schloß sich Saator und mir aber an.

Und wir wurden nicht enttäuscht.

In Bentheena spielte sich das Leben zum großen Teil im Freien ab, und dementsprechend waren die Straßen und Plätze angelegt. Man führte uns quer durch die in der warmen Abendsonne rosa-orange leuchtende Stadt zu einem Platz, der auf den ersten Blick eher klein wirkte. Doch seine durch Treppen und mehrere Ebenen stark gegliederte Topologie täuschte das Auge. Hier paßten an die tausend Menschen hin.

Wir, BQMZ, Saator, ich und noch etwa zehn weitere Piraten, saßen auf der ersten Empore, direkt vor der untersten Ebene, auf die wir einen optimalen Blick hatten. Überall standen Gips- und teileweise auch Marmorstatuen schöner Göttinnen, dazu duftende Blumen. Auf den ersten zwei Etagen gab es Sitzplätze, darüber mußten die Zuschauer stehen. Wir hier hatten nicht nur Stühle. Vor uns waren mit schweren Decken geschmückte Tische aufgestellt, auf denen uns nun ein Staatsbankett serviert wurde.

Ich muß sagen, dagegen war alles, was ich bei Calract je gesehen hatte, nichts weiter als Pfadfinderküche. Was hier geboten wurde, das war einfach unglaublich. Extra für mich wurde eine Sklavin abgestellt, die mich hätte füttern sollen, doch ich stellte klar, daß ich sehr wohl alleine essen konnte. Ich brauchte nur ein bißchen mehr Beinfreiheit als diejenigen, die zum Essen ihre Hände benutzten.

Während des Essens bereits begannen die Vorführungen. Es war ein buntes Programm mit Künstlern von allen Inseln des Archipels. Theatergruppen, Dichter, Zauberkünstler, Tänzer, Tänzerinnen, und alles hochprofessionell. Dagegen führte Calract das Leben eines Asketen. Zugegeben, es herrschte Krieg, und da war an Theater und Ballett nicht zu denken, aber Calract interessierte sich grundsätzlich nicht besonders für so etwas, und so führten er und alle seine Untertanen im Gartenland ein genügsames Leben. Zumindest, wenn man es mit der Lebensfreude hier verglich.

Irgendwann war ich satt. Auch dem köstlichen, gekühlten Wein hatte ich reichlich zugesprochen. Es gab hier Dutzende von Sorten von herb bis zuckersüß. Zufrieden lehnte ich mich in meinem bequemen Stuhl zurück. Hm, womit beleuchten sie diesen Platz eigentlich? An den Wänden der umliegenden Häuser waren Fackeln befestigt, insgesamt an die dreißig Stück, die ein warmes Licht verströmten. Aber gewöhnliche Fackeln waren das nicht. Ich winkte die Sklavin herbei, die mir an diesem Abend zugeteilt war, und fragte sie. Die Antwort war erstaunlich.

"Herrin, das sind die Magischen Fackeln. Die Legende sagt, daß der Hohe Rat sie vor über hundert Jahren von einem Zauberer erworben hat. Sie brennen jede Nacht und verlöschen nie."

"Zauberer. Und von welchem?"

Mit dieser Frage konnte das schöne Mädchen nichts anfangen.

"Na, wie hat er geheißen?"

"Geheißen?" Sie dachte angestrengt nach. "Das ist nicht überliefert, Herrin."

Schade. Calract interessierte sich immer brennend für seine Kollegen, von denen die meisten ein Leben im Verborgenen führten. Nun ja, wenn die Sklavin es nicht wußte, war das eben nicht zu ändern. Zauberer und Hexen gab es viele. Es war schön zu wissen, daß die meisten von ihnen den Menschen von Nutzen waren.



Erstellt am 27.12.2003. Letzte Änderung auf dieser Seite: 6.11.2017