Das Unendliche Land - 18. Teil

Spät in der Nacht erreichten wir die Schenischenta. BQMZ und ich mußten uns gegenseitig stützen. Naja, ich als Dämonin wurde nicht wirklich betrunken, aber die Piratin hatte einiges intus und klammerte sich an mir fest. Fester als es notwendig gewesen wäre. Es schien ihr zu gefallen.

Schwankend liefen wir die Planke hoch und verschwanden dann Unterdecks.

BQMZs Nachtlager war kein gewöhnliches Bett, sondern eins, das man irgendwie durch Ausziehen vergrößern konnte. Als ich meinem Erstaunen über dieses bemerkenswerte Möbelstück Ausdruck gab, erklärte die Piratin stolz: "Wenn man viel herumkommt, findet man eben so Manches."

Mit einem Plumps fiel sie auf die Matte und war eingeschlafen, noch ehe sie die Decke über sich hatte ziehen können. Ich schob sie etwas zur Seite und legte mich dann dazu. Mit den Füßen tastete ich nach der Decke und zog sie dann über uns, denn die Hitze des Tages war inzwischen einer erfrischenden Kühle gewichen.

Dann drehte ich mich auf die Seite und wollte gerade die Augen zumachen, als etwas auf dem Bett landete. Ich erschrak, aber es war nur eine Katze, anscheinend die Schiffskatze, und die störte sich an meinen grün glühenden Augen überhaupt nicht. Ihre sahen nämlich genauso aus. Neugierig schnupperte und tastete sie mit ihren Schnurrhaaren herum, dann ließ sie sich zwischen mich und BQMZ auf die Decke nieder und begann mit gurrenden Lauten, sich zu putzen. Ich hätte sie gerne ein bißchen gestreichelt, aber dazu hätte ich meine Beine aus der Decke herausarbeiten müssen, nachdem ich schon einige Mühe gehabt hatte, sie ordentlich darunter zu bekommen. So blieb mir also nur, ihr beim Putzen zuzuhören.

Ich dachte über den Tag nach. Es war so viel passiert. Aber - einen Heiratsantrag hatte ich Saator nicht gemacht. Noch nicht.

Während ich noch so vor mich hin dachte, schlief ich ein, das leise, säuselnde Schnurren der Katze im Ohr.


Als ich am nächsten Morgen erwachte, schickte die Sonne bereits helle Strahlen durch die Fenster der Kabine. Das Kätzchen war verschwunden, dafür hatte BQMZ sich an und teilweise über mich gelegt. Sie schlief noch, und ich arbeitete mich vorsichtig, um sie nicht aufzuwecken, unter ihr hervor und stand auf. Ich verließ die Kabine, begrüßte freundlich die Piraten, die schon auf waren, streifte dann meine Klamotten, die Kette, das Amulett und meinen Brustbeutel ab, warf den Piraten einen grimmigen Blick zu, daß sie nur ja die Finger davonließen, und sprang dann ins Wasser des Hafenbeckens, um ein morgendliches Bad zu nehmen.

Auf dem Grund des Beckens hatte ich allerhand seltsames Zeug angesammelt, und mit einem rostigen Messer zwischen den Zähnen tauchte ich schließlich wieder auf, flog zurück an Bord und zog mich unter den erstaunten Blicken und einigen anerkennenden Pfiffen der anwesenden Piraten wieder an.

Ich zeigte dann das Messer einem der Piraten, doch der schüttelte nur den Kopf. Das Ding war leider nur wertloser Plunder. Schade. Naja, vielleicht eine Erinnerung an Bentheena.

"Heute soll doch eine Delegation von der Canchilla-Insel kommen", meinte ich.

"So? Der Ausguck hat aber noch nichts gemeldet."

Ausguck. Ha! Das konnte ich besser. Ich warf dem Piraten ein triumphierendes Lächeln zu und flog auf. Und in der Tat: aus zwei Kilometern Höhe war ein gutes Stück weit im Westen ein Konvoi aus drei für hiesige Verhältnisse ziemlich großen Schiffe auszumachen. Leicht möglich, daß das der König von Cantchuun war. Ich landete wieder auf Deck und gab Bescheid.

Der Pirat grinste mich breit an, dann sagte er: "Sowas vorher zu wissen ist immer gut."

Ich lief dann in die Stadt und erkundigte mich, ob ich wohl ein Frühstück bekommen könnte. Schließlich landete ich in der großen Allee, in der ich den gestrigen Nachmittag zusammen mit BQMZ verbracht hatte, und nahm vor einer Imbißbude an einem der überall herumstehenden Tische Platz. Ich ging hier inzwischen anscheinend auch als Staatsgast durch, auch wenn ich mich eigentlich eher selbst eingeladen hatte, und der Kellner lehnte meinen Vorschlag, das Frühstück zu bezahlen, rundweg ab. Dafür blieb es mir aber mal wieder nicht erspart zu erklären, daß ich sehr wohl allein essen konnte. Der junge Mann vernahm meine Worte, aber er glaubte sie erst, als er es selbst sah. Was für eine Ironie - erst hatte ich mich an meinen verstümmelten Körper gewöhnen müssen, und nachdem mir das gelungen war und ich daran sogar Gefallen gefunden hatte, mußte ich mich jetzt an die ungläubigen, teils sogar mitleidigen Blicke der Menschen gewöhnen. Und das war erheblich schwerer als zu lernen, meine gelenkigen Füße als Hände zu benutzen.

Später erschienen wieder einige Piraten, und auch BQMZ sah ich am späteren Vormittag die Straße entlangschlendern. Ich dachte, daß es langsam Zeit für mich wäre, Saator meinen Heiratsantrag zu machen. Mein Herz schlug schneller bei dem Gedanken, und ich wurde ziemlich nervös und unsicher, aber ich wollte es nicht mehr länger hinauszögern. Nachdem er mir gestern diese Kette geschenkt hatte ... ich war sicher, es würde gutgehen. Aufgeregt war ich natürlich trotzdem.

Doch es kam etwas dazwischen, nämlich die Ankunft der Delegation von Canchilla. Die drei Schiffe liefen soeben im Hafen ein und machten fest. Dann begann eine pompöse Zeremonie, der beizuwohnen kaum ein Einwohner von Bentheena versäumte. Herausgeputzte Matrosen, die wie Spielzeugsoldaten wirkten, standen Spalier und machten kräftig Musik auf verschiedenen Instrumenten. Fackeln wurden entzündet - mitten am Tag! - und Blumen gestreut, und dann endlich erschien der König auf dem Oberdeck und geruhte, über die Planke aus Edelholz an Land zu gehen.

Jemand sprach mich von hinten an. "Ah, Arashi, schön, Euch wiederzutreffen."

Es war einer der Räte, die ich gestern kennengelernt hatte, ein junger Mann, der sich in kurzer Zeit eine erfolgreiche Existenz als Eishändler aufgebaut hatte. Da Bentheena sehr viele Räte hatte, war es nicht allzu schwer, in dieses Gremium aufgenommen zu werden.

Der sympathische Mann gab mir dann ein paar Erklärungen, die mit den Worten begannen: "Das ist mal wieder typisch für Canchilla."

"Typisch?"

"Wißt Ihr, Koriona bildet einen großen Bogen quer durch das westliche Octaviusmeer. Canchilla jedoch liegt außerhalb dieses Bogens. Der Bogen geht im Süden nach Westen, Canchilla jedoch zweigt nach Osten ab. Deshalb haben die da unten immer Minderwertigkeitskomplexe, weil sie Angst haben, man könnte glauben, daß sie in Wirklichkeit gar nicht dazugehören, und geben an, soviel sie können, um das auszugleichen."

Ja, so etwas hatte ich gestern auch schon andeutungsweise gehört. Vor allem würde der König jeden, aber auch jeden Preis zahlen, um Bentheena, die heimliche Hauptstadt Korionas, auszustechen.

Der Rat fuhr fort: "Canchilla ist auch die einzige der vier Hauptinseln, auf der es nur einen Staat gibt." Er lacht leise und meinte dann: "Denn wer will schon wo leben, wo sich Hund und Katz' Gute Nacht sagen!"

Was ich noch erfuhr, waren Details zu der politischen Struktur dieser Insel. Die Hauptstadt hieß Cantchuun, und dort herrschte ein König, der sich die Macht allerdings mit einem Rat teilte, der unabänderlich aus sechs Frauen und drei Männern bestand. Frauen hatten auf ganz Koriona in der Politik wenig zu melden, Canchilla machte mehr oder weniger die einzige Ausnahme. Fünf der sechs hohen Rätinnen waren jetzt bei dieser Delegation mit dabei. Und sie entfalteten kein bißchen weniger Pomp und Wichtigkeit als ihr König.

Mit schallender Musik und großer Eskorte ging es nun die Allee hoch Richtung Regierungspalast, vorbei an tausenden Schaulustigen, an mir, und auch an BQMZ, die zum Frühstück natürlich wieder das unvermeidliche Eis bestellt hatte und nun ebenso gierig wie genußvoll in sich hineinlöffelte.

Ich ging dann zu ihr und fragte möglichst unverfänglich: "Wo ist eigentlich Saator?"

BQMZ sah mich durchdringend an. Aha, durchschaut! Ich setzte mich, beugte mich zu ihr hinüber und sagte entschlossen: "Ich will Saator heiraten!"

Erst jetzt bemerkte ich, daß mir das Herz bis zum Hals schlug. Auf BQMZs rabenschwarzem Gesicht machte sich ein geradezu unverschämtes Grinsen breit. Gerade wollte sie antworten, da kamen mit lauten Hallo und Juhu Sonya und Miélfina angelaufen, ihren Vater im Schlepptau. Ich war sicher, daß sich heute entscheiden würde, wie die ganze Sache ausging.

Die Mädchen setzten sich zu uns an den Tisch. Sonya hob die Hand und winkte der Kellnerin. Gerade wollte sie ihre Bestellung rufen, da gab es ein seltsames, surrendes Geräusch. Ihr Gesicht wurde starr, und dann knallte sie mit dem Kopf auf den Tisch. Ein Pfeil regte aus ihrem Hinterkopf hervor.

"Elfen!" Ich sprang auf, BQMZ rollte sich instinktiv zur Seite und entging so dem nächsten Pfeil. Die zauberhafte Stimmung war mit einem Schlag dahin. Der Krieg hatte uns eingeholt. Dabei hatte ich keine Ahnung, welches Grauen ich noch erleben sollte.

Sehen konnten wir die Elfen nicht, aber ich konnte sie ohne weiteres orten. Sofort war ich in der Luft und stürzte mich auf sie. Überall hörte ich Schreie. Was diese Biester ausgerechnet hier zu suchen hatten, daran verschwendete ich im Moment keinen Gedanken. Stattdessen konzentrierte ich mich ganz auf die Jagd. Natürlich war es für die Elfen ein Kinderspiel, mir auszuweichen. In der Luft hatte ich keine Deckung. Ich war wendiger als sie, aber sie waren viel schneller. Hier in der Nähe mochten es etwa zehn sein, doch allem Anschein nach waren weitere unten im Hafen und schlachteten die Piraten ab.

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie BQMZ mit ihrem Zackenschwert gegen einen der unsichtbaren Gegner kämpfte. Sie war einer der wenigen Menschen, die in so einem Gefecht eine Chance hatten, und es war faszinierend, ihrem Kampf zuzusehen. Sie wirbelte durch die Luft, ihre Arme und Beine schienen überall gleichzeitig zu sein, und schließlich bohrte sie einen ihrer Zehendolche der Elfe in den Leib, und das war ihr Ende. Saator hatte sich von hinten angeschlichen und hieb nun scheinbar mitten in die Luft. Die Elfe, tödlich getroffen, wurde sichtbar und brach in einem Schwall aus Blut zusammen. Dafür gingen wieder Pfeile nieder. Einer durchbohrte Miélfinas rechtes Bein. Das Mädchen schrie scherzerfüllt auf. Mehr sah ich nicht mehr, weil ich inzwischen fast die Schenischenta erreicht hatte.

Wie ein Racheengel stürzte ich mich auf die Elfen. Diese waren in Kämpfe gegen die Piraten verwickelt. Die Piraten waren zwar für sie keine ernsthaften Gegner, doch es reichte immerhin, um sie ein bißchen aufzuhalten. Genug für mich. Unter meinen Krallen starben innerhalbe einer Sekunde drei Stück, bis die anderen begriffen, daß sich das Blatt gewendet hatte. Sie stoben davon, doch ich erledigte noch eine weitere, eine Lichtelfe sogar, wie ich erkannte, als sie im Tode sichtbar wurde und ins Wasser stürzte.

Die Piraten auf der Schenischenta waren jetzt erst mal sicher. Im Tiefflug ging es zurück in die Stadt. Auch hier wurde überall gekämpft, wenn man dieses Schlachten hilfloser Menschen, Piraten zumeist, so nennen wollte. Aus der Überraschung heraus tötete ich drei weitere Elfen, woraufhin die anderen sich fluchtartig zurückzogen.

Doch das war erst der Anfang. Gerade wollte ich zu BQMZ zurückfliegen, als ich am Himmel drei seltsame, unglaublich grell leuchtende Objekte sah, die sich beängstigend schnell näherte.

Ich flog zu BQMZ, so schnell ich konnte, und schrie: "In Deckung!"

Einen Augenblick später explodierte unten im Hafen die Schenischenta. Eine der Feuerkugeln war direkt in ihrer Mitte eingeschlagen, und das Schiff verging in einer gigantischen Explosion. Sämtliche anderen Schiffe im Hafen fingen unter der ungeheuren Hitze sofort Feuer, sofern sie nicht durch die Druckwelle zerrissen wurden und sanken. Den Gebäuden am Hafen erging es kein bißchen besser. Aus ihren Trümmern züngelten übergangslos lodernde Flammen.

Dann schlugen die beiden anderen Geschosse in die Stadt ein. Irgendwie kickte ich noch Saator irgendwo hin, dann kam der Weltuntergang über uns. Zwei riesige Feuerwalzen fegten über die Stadt und zermalmten jedes Haus in ihrem Weg mit ihrer zerstörerischen Wucht. Die Palmen wurden abgerissen wie Spielzeuge, ihre Überreste vergingen in der Sonnenhitze und rasten zusammen mit all dem anderen, was augenblicklich in Brand geraten war, als glühender Ascheregen über den Berg, an dessen Nordhang bis vor ein paar Sekunden eine Stadt namens Bentheena gestanden hatte.

Doch jetzt waren davon nur noch glühende Trümmer und Ruinen übrig, ein einziges höllisches Flammenmeer. Wie viele Tote es gegeben hatte, konnte ich nicht mal annähernd abschätzen. Oder sagen wir's mal so: wie viele das Inferno überlebt hatten, war noch nicht abzuschätzen, aber viele konnten es nicht sein.

Auch über mich ging die glühende Druckwelle hinweg. Meine Flügel zerfielen sofort zu Asche, und meinem Rücken erging es nicht viel besser, bis ich schließlich irgendwo zwischen Schutt und den Resten eines eingestürzten, von der Explosion zermalmten Haus so etwas wie Deckung fand.

Nachdem die unmittelbaren Explosionen abgeklungen waren, stieg über Bentheena eine Rauchsäule auf, ein riesiges Fanal des Todes. Höher und höher in den strahlend blauen Sommerhimmel erhob sie sich empor, sicherlich sichtbar noch auf der fernsten Insel dieses Archipels und drüben auf dem Festland. Überall tobten verheerende Brände, krachend brach ein Haus nach dem anderen zusammen. Einmal sah ich noch einen Menschen irgendwo die Straße entlangtaumeln. Dann stürzte er und entschwand meinem Blick. Ich war sicher, daß er nie wieder aufstehen würde. Das riesige Feuer, das seine Hitze nach oben steigen ließ, sog von außen frische Luft an, die den Bränden immer neue Nahrung gaben. Ich empfand es fast als Wunder, daß ich überhaupt noch atmen konnte. Die Luft war glühend heiß und schnitt bei jedem Zug tief in die Lungen. Immer wieder wehten Flammenzungen über mich hinweg, und ich vergrub das Gesicht tief in den Dreck. Mit was für Waffen war hier gekämpft worden? Gekämpft? Nein, gemordet. Zwanzigtausend Menschen hatten in Bentheena gelebt, und wenn mehr als ein paar Hundert dieses Flammeniferno überlebt hatten, das war das schon ein mittleres Wunder. Keiner hatte auch nur die Spur einer Chance gehabt.

Anscheinend hatten die Elfen eine neue Waffe getestet, die sie nun im größeren Maßstab gegen Calract einsetzen würden. Das nächste Ziel dieser Feuerkugeln würde also das Gartenland sein. Oder vielleicht Alessandrina. Oder Calract selbst, obwohl so ein Angriff dem mächtigen Zauberer wahrscheinlich gar nichts würde anhaben können. Aber hier - das war tausendfacher Mord, nichts weiter.

Allmählich schwanden mir die Sinne. Ich würde das hier aller Wahrscheinlichkeit nach überleben, meine Verletzungen würden wieder heilen und die Flügel in ein paar Wochen nachwachsen. Und vielleicht hatte das Schicksal mich sogar absichtlich an diesen Ort geführt, als Zeugin für eins der scheußlichsten Verbrechen, von dem die Menschheit je gehört hatte.


Als ich wieder zu mir kam, dämmerte gerade der Abend und hüllte die Ruinen in gnädige Dunkelheit.

Zu meiner großen Überraschung hörte ich Schritte und Stimmen. Ich versuchte, mich zu erheben, doch das gelang mir erst beim dritten Anlauf. Schwankend und stolpernd kam ich auf die Beine. Flüchtig gingen mir zwei Dinge durch den Kopf: die zutrauliche Katze, die gestern mit mir und BQMZ zusammen die Nacht verbracht hatte, auch sie war tot, zu Asche geworden, ihr Leben sinnlos ausgelöscht. Und zweitens war ich jetzt äußerlich von einem - verstümmelten - Menschen nicht mehr zu unterscheiden. Meine Flügel waren weg, die verkohlten Stummeln abgefallen, genau wie die Überreste meiner Kleidung übrigens. Bis die Flügel wieder nachwuchsen, würde es ein bis zwei Wochen dauern. Und meine kräftigen, hochtrainierten Füße fielen in so einer Situation natürlich nicht auf. Was für eine Ironie. Als ich dann allerdings an mir heruntersah - meine Vorderseite war zwar schmutzig, aber relativ unversehrt, und sogar mein Schmuck war noch da -, stellte ich fest, daß ich mich geirrt hatte. Denn über meine Haut zogen grüne Leuchtspuren. Das war für mich nichts Ungewöhnliches, meine Augen leuchteten nachts ebenfalls grün, aber jetzt war dieses marmorierte Glimmen ziemlich intensiv. Und wahrscheinlich auch auf meiner Rückseite zu sehen. Ein gutes Zeichen - ich würde schnell heilen.

Im Moment jedoch war ich noch ziemlich wacklig auf meinen Beinen. Mühsam wankte ich durch die immer noch heißen Trümmer. Das Stadtbild war sehr übersichtlich geworden. Es stand kein einziges Haus mehr, zumindest nicht in dem Bereich, den ich gerade im Blickfeld hatte, nämlich zum Hafen hinunter. Und mich umzudrehen und nach oben zu schauen, fehlte mir die Kraft. Ich ... ich wollte es gar nicht sehen.

Eine der Kugeln war im Südwesten eingeschlagen, die andere ein bißchen östlich des Zentrums. Zusammen mit der Kugel im Hafen hatte das ausgereicht, daß von dieser wundervollen Stadt nur noch ein Feld ausgeglühter Trümmer und Ruinen übriggeblieben war.

"Da, seht, da lebt noch jemand." Eine der Gestalten deutete zu mir herüber und winkte den anderen zu.

Unten im Hafen sah ich eine Reihe kleinerer Schiffe. Natürlich: von den anderen Inseln war man hergekommen um nachzusehen, was hier geschehen war. Ich konnte mir vorstellen, daß die Korionaer bei diesem Anblick geweint hatten. Ich selbst hätte auch gerne geweint, aber ich hatte keine Tränen mehr übrig.

Vier Männer kamen angerannt und fingen mich auf, als mir die Beine nachgaben. Sie machten entsetzte Gesichter, als sie sahen, wie ich zugerichtet war. Oder vielleicht auch wegen des grünen Leuchtens. Immerhin hielten sie mich für keine Elfe. Doch halt - das konnten sie noch gar nicht wissen. Ich versuchte verzweifelt, eine Art aufmunterndes Lächeln auf meine ausgedörrten, aufgesprungenen Lippen zu legen, aber das mißlang mir sicher gründlich. "Wasser", hauchte ich. Ich war kurz vor dem Verdursten.

Die Männer faßten Zutrauen zu mir. Glück für mich - was kann eine armlose Frau schon für eine Gefahr bedeuten, auch wenn sie grün leuchtet? Sie versorgten mich mit rührender Fürsorge und brachten mich hinunter in den ehemaligen Hafen. Nachdem ich mindestens zwei Liter Wasser in mich hineingeschüttet hatte, ging es mir wieder erheblich besser. Ich setzte mich aufrecht hin. Langsam schien es den Seefahrern zu dämmern, daß ich keine gewöhnliche Überlebende war. Schließlich war das ja ziemlich offensichtlich, und so versammelten sich innerhalb von ein paar Minuten gut zwei Dutzend von ihnen um mich. Anscheinend wirkte ich selbst in diesem Zustand irgendwie ... naja, respektgebietend vielleicht, ich weiß es nicht. Denn schließlich war ich jetzt völlig nackt, nur noch bedeckt von Dreck und Asche. Selbst mein Haar war weg, abgeraucht, genau wie meine Kleidung und der größte Teil dieser Stadt.

"Ich danke euch für die Rettung. Mein Name ist Arashi, und ich bin eine Dämonin von Orna. Nur deshalb bin ich wohl noch am Leben, denn wie es aussieht, greift der Elfenkrieg nun auch nach euch, meine Freunde."

Die Korionaer sahen sich betroffen und ratlos an. "Was ist geschehen?", fragte einer von ihnen.

"Das ist schnell erzählt. Zuerst sind hier Elfen aufgetaucht, gut ein Dutzend, würde ich sagen. Ich konnte einige von ihnen töten. Dann erschienen am Himmel drei Feuerkugeln, die ... "

"Ja, die haben wir von Japik aus gesehen."

"Ja, wir auch!", riefen einige andere Leute dazwischen.

"Nun", fuhr ich fort, "was diese Dinger angerichtet haben, das s ... seht ..." Mehr brachte ich nicht heraus. Es war einfach zu furchtbar. Ich vergrub das Gesicht in die Knie und versuchte, mich wieder etwas zu sammeln.

Lange herrschte bedrücktes Schweigen. Einige der Männer tuschelten miteinander. Doch meine Ohren, auch wenn sie zur Zeit ziemlich angekohlt waren, waren viel zu gut, als daß ich sie nicht verstanden hätte. Sie glaubten, der Schlag habe mir gegolten. Ich hätte die Elfen und diese neue Waffe hierhergelockt. Und so grauenvoll das auch klang, einen Beweis, daß dem nicht so war, gab es nicht. Sollte wirklich ich an dieser Katastrophe indirekt Schuld haben?

Ich stand auf und erklärte: "Niemand weiß, warum die Elfen hier mit solchen Mittel zugeschlagen haben. Am ehesten noch kann ich mir vorstellen, daß sie die Piraten mit in den Krieg ziehen wollten. Denn BQMZ ist ... war ja eine sehr enge Verbündete von Calract. Bisher sind die Piraten verschont geblieben. Aber das hat sich nun anscheinend geändert." Was sie wohl ohne ihren Großen Kapitän machen würden?

Die Männer zogen sich zurück und beratschlagten. Ich entfernte mich und ging ein Stück am Ufer spazieren. Eigentlich war es eher eine Kletterpartie über Geröll und Trümmer, denn natürlich war hier alles vollkommen zerstört. Dann setzte ich mich an einer günstigen Stelle ganz dicht ans Wasser und wartete, bis ein Fisch vorbeikam. Es war zwar dann ein Oktopus, aber als Abendessen taugte der genausogut.

Kurz darauf kam einer der Männer zu mir und führte mich zurück zu den anderen. Die Stimmung war reserviert, um nicht zu sagen feindselig. Auf dem Boden lagen zwei weitere Gestalten, die ich aber, da man sie in Decken gehüllt hatte, nicht erkennen konnte. "Wir haben beschlossen, daß Ihr hier nicht bleiben könnt. Nehmt diese beiden mit und verlaßt unser Land."

"Erstens ist das nicht euer Land. Bentheena ist ein unabhängiger Staat, und wer sich dort aufhält, geht Ausländer nichts an. Und zweitens: eigentlich habe ich keineswegs die Absicht hierzubleiben, aber wie es aussieht, sitze ich hier fest. Es sei denn, einer von euch nimmt mich auf seinem Schiff mit nach Leor oder Laguna. Und wer sind denn die beiden Toten da?"

"Ihr irrt euch. Sie leben. Noch." Einer der Seefahrer bückte sich und wickelte die beiden Körper aus den Decken. Mir blieb fast das Herz stehen, als ich sah, wer da vor mir lag: Miélfina und Saator.

"Saator!" Ich sprang zu ihm hin und riß mit den Zähnen die Fetzen an Kleidung, die er noch anhatte, herunter.

Unter normalen Umständen hätte er vielleicht noch ein oder zwei Tage zu leben gehabt. Die Verbrennungen waren viel zu schwer, als daß ein normaler Mensch sich davon wieder hätte erholen können. Doch die Umstände waren nicht normal. Ich war bei ihm.

Viele meiner Schwestern verfügten über je eine besondere Fähigkeit. Batchiribanban konnte zum Beispiel Lebewesen versteinern und sie sogar zu Staub zerfallen lassen. Meine Kräfte waren eher unauffällig, doch in diesem Moment dankte ich meinem Schö ... dankte ich von Maarx, daß er mir die Kraft des Heilens gegeben hatte. Meine Zunge berührte die verbrannte Haut meines Liebsten, und grün glimmende Energie begann überzufließen. Unermüdlich arbeitete ich weiter, auf und ab, und bei jedem Zug verschwanden die Wunden, die Narben, das verbrannte, tote Gewebe, und wurde durch neue Haut ersetzt. Staunend, unter dem Licht zahlreicher Fackeln, sahen die Korionaer mir zu, wie ich den todgeweihten Piraten ins Leben zurückholte.

Stunden vergingen. Es war unglaublich anstrengend. Ich war zu Tode erschöpft, aber nachdem Saator wiederhergestellt war, wollte ich auch Miélfina nicht ganz unversorgt lassen. Ihr Gesicht schaffte ich noch, dann übermannte mich der Schlaf. Oder bessergesagt die Ohnmacht.


Am nächsten Morgen erwachte ich mit großen Durst und einem Bärenhunger. Von den Männern war im Augenblick nichts zu sehen, aber die Schiffe waren noch da. Es waren sogar noch weitere im Ansegeln. Ich wollte aufstehen, doch das ging nicht. Man hatte mich in Ketten gelegt. Etwas Besseres war diesen Leuten anscheinend nicht eingefallen. Nun, das war kein Problem. Kein irdisches Material widerstand meinen Krallen. Und trotz der Fesseln waren meine Beine und Füße gelenkig genug, um sie in eine günstige Position zu bringen. Einen Moment später war ich frei. Auch Saator und Miélfina waren gefesselt worden, aber ich verzichtete zunächst darauf, sie zu befreien, da sie sowieso noch schliefen oder ohnmächtig waren. Zuerst mußte ich mir Nahrung und Wasser suchen. Ersteres war einfach: ein Bach hatte die Brunnen der Stadt gespeist, und nun, wo die Stadt zerstört war, floß er wieder oberirdisch und ergoß sich nur wenige Meter von mir entfernt ins Meer. Die Nacht über hatte er genug Zeit gehabt, sein neues Bett sauberzuputzen, und so war das Wasser kristallklar und erfrischend kühl. Mit meinen Füßen konnte ich mehr anstellen, als die meisten Leute sich vorstellen konnten, doch Wasser schöpfen war mir damit nicht möglich. Ich hatte jedoch eine andere Methode, um an das Wasser zu gelangen. Und zwar stellte ich mich einfach breitbeinig über den Bach und beugte mich dann soweit hinunter, daß ich mit den Lippen das Wasser erreichte. Ich trank, dann sog ich noch soviel Wasser in meine Backen, wie hineinpaßte, und ging zurück zu Saator und Miélfina. Beide hatten hohes Fieber. Bei Saator war es ein Prozeß der Heilung, bei dem Mädchen hingegen ein Anzeichen des nahen Todes. Ich flößte beiden etwas Wasser ein. Das Ganze wiederholte ich noch ein paarmal. Dann sprang ich ins Meer, denn da erhoffte ich mir am ehesten, etwas Eßbares zu erwischen.

Auch ohne Flügel konnte ich mich unter Wasser schnell genug bewegen, um ein paar Fische zu fangen, die hier träge herumpaddelten. Dazu kaute ich noch ein paar Algen, dann stieg ich wieder an Land - eine nackte, armlose Meeresgöttin. Saator begann sich zu regen, und ich befreite ihn und Miélfina nun aus ihren Ketten.

Auch von den Schiffen vernahm ich nun wieder Geräusche und Stimmen. Als man dort sah, daß wir drei wieder frei waren, ging ein großes Gezeter los, wer uns denn so nachlässig gefesselt habe. Von zwei der Schiffe kamen sechs Männer heruntergelaufen. In den Händen trugen sie dicke Taue, und es bestand kein Zweifel daran, was sie damit vorhatten.

Ich lief der einen Gruppe entgegen und schickte sie alle innerhalb einer halben Sekunde ins Land der Träume. Gegen mich hatten sie keine Chance. Meine Bewegungen waren so schnell, daß sie sie nicht einmal sahen. Dann wandte ich mich den anderen zu und rief: "Reicht es nicht, daß hier Zehntausende ermordet wurden? Wollt ihr wirklich gegen uns kämpfen?"

Irgendwie brachte das die Leute zur Vernunft. Sie blieben mißtrauisch und abweisend, versuchten aber nicht mehr, uns etwas anzutun. Ich kümmerte mich um Saator. Ohne Flügel hatte ich praktisch keine Möglichkeit, ihn von hier wegzuschaffen. Er kämpfte gegen das Fieber und die Bewußtlosigkeit. Erneut lief ich zu dem Bach hinüber, nahm Wasser in den Mund, kniete mich dann neben ihn, legte meine Lippen auf die seinen und ließ das lebespendende Naß in seinen Mund rieseln. Ich spürte, wie das Leben in ihn zurückkehrte.

"Saator, mein Geliebter", flüsterte ich ihm ins Ohr, "durch ein gnädiges Schicksal bist du mir erhalten geblieben, aber jetzt muß ich mich um Miélfina kümmern. Sie liegt im Sterben, wenn ich sie nicht rette."

Staunend sahen die Korionaer erneut zu, wie in nun die junge Frau behandelte. Auch sie war nackt, aber in diesem Zustand hatte sie nichts Erotisches an sich. Mehr tot als lebendig, die Haare zu Asche zerfallen, die Haut verbrannt, teilweise schwarz verkohlt, an den anderen Stellen aufgeplatzt, eitrig, rang sie mit dem Tode. Nur ihr Gesicht war wieder so schön, wie ich es gekannt hatte. Ich fürchtete, zu spät zu kommen, doch ich wollte es wenigstens versuchen. Mit frischen Kräften nahm ich den Kampf um Miélfinas Leben auf. Doch es ging kaum voran. Die Haut unter meiner Zunge blieb verbrannt, tot, bis ich endlich doch eine Reaktion spürte. Wieder und immer wieder strich ich über ihren Körper, und als ich dann das erste Mal wieder lebendige Haut hervorsprießen sah, da entfuhr mir ein Seufzer der Erleichterung. Mit Tränen in den Augen machte ich weiter, immer weiter.


Saator stand hinter mir. Es war Spätnachmittag, fast schon Abend. Der Pirat trug Kleider. Die Korionaer hatten sie ihm gegeben. Viele von ihnen standen hier und hatten mir zugesehen. Von Feindschaft war nichts mehr zu spüren, im Gegenteil. Sie glühten geradezu vor Bewunderung für mich, denn sie hatten gesehen, wie ich Stunde um Stunde um das Leben dieses Mädchens gekämpft hatte. Ein Mann brachte mir eine Amphore mit Wasser verdünnten Weins, die ich fast halbleer trank. Andere hatten Feuer gemacht, auf denen sie nun Essen zubereiteten. Es duftete verführerisch. Ich war am Ende meiner Kräfte, aber ich hatte es geschafft: Miélfina würde überleben. Schwere Verstümmelungen, vor allem an Händen und Füßen würde sie allerdings trotzdem davontragen. Daran hatte ich nichts mehr ändern können.

Saator nahm mich in seine Arme und führte mich hinüber zu einer der Feuerstellen. Bald schon waren wir mit den Korionaern in ein angeregtes, entspanntes Gespräch vertieft. Es waren Leute von Bahaine und einigen anderen Staaten auf Teriéte. Ich berichtete erneut, wie ich den Untergang Bentheenas erlebt hatte. Die Leute konnten sich an diesen Geschichten gar nicht satt hören, obwohl ihnen klar war, daß sie selbst die nächsten sein konnten. Aber irgendwie glaubte ich nicht daran. Was gab es für die Elfen hier schon zu gewinnen? Ihre Waffe hatte funktioniert, jetzt konnten sie sie einsetzen, wo immer sie wollten.

"Dann hast du mir also zweimal das Leben gerettet", meinte Saator zu mir. In der Tat, ich hatte ihn mit meinem Tritt anscheinend unter einen Tisch gekickt, und die Tischplatte hatte ihn und Miélfina davor bewahrt, sofort eingeäschert zu werden.

"Hat man die Leiche von BQMZ gefunden?", fragte ich.

"Ich war heute oben, auf dem Platz oder dem, was noch davon übrig ist. Es lagen ein paar, äh, sterbliche Überreste herum, wenn man das mal so nennen will, aber zu wem sie mal gehört haben, das kann keiner mehr sagen. Die Korionaer haben sie inzwischen beigesetzt."

"Dann bist du jetzt der Große Kapitän."

Die Leute horchten auf. Saator sah sich unter halb geschlossenen Lidern um und lächelte ein gefährliches Lächeln.

Ich sprang auf. "Saator. Ich will dich heiraten!" Jetzt war es heraus. Endlich. Im ungünstigsten Moment ... oder? Saator schien es die ganze Zeit erwartet zu haben. Er zog mich zu sich herunter auf seinen Schoß und sagte mit lauter, entschlossener Stimme: "Arashi! Außer unserem Großkapitän BQMZ", er schlug sich mit der Faust gegen die Brust, um der Verstorbenen eine letzte Ehre zu erweisen, "habe ich nie eine bessere Frau als dich kennengelernt! Was auch immer das Schicksal für uns vorgesehen hat, von nun an gehen wir den Weg gemeinsam!"

Ich wollte antworten, doch stattdessen schossen mir die Tränen in die Augen. Ich drückte mein Gesicht ganz fest an die Brust meines zukünftigen Mannes, und dann ließ ich den Tränen einfach freien Lauf. Mädchen dürfen das manchmal.


Am nächsten Tag traf der Statthalter des Großkönigs von Listoyk, einer der vier Hauptinseln Korionas, ein. Trotz des großspurigen Titels war dieser Großkönig doch nur einer von Vieren, die sich die Insel teilten. Immerhin. Und dann gab es noch eine erfreuliche Überraschung: Prinz Alane erschien, wenig später gefolgt von einer offiziellen Delegation seines Königreiches.

Trotz unserer engen Freundschaft hatten wir beide uns ein bißchen aus den Augen verloren, und so war ich überglücklich, den leicht und elegant gebauten jungen Drachen wiederzusehen.

Entschlossen, wie es sich für einen Großkapitän gehörte, hatte Saator unsere Hochzeit angesetzt. Mehr und mehr Korionaer waren eingetroffen und hatten die grauenvolle, aber auch wundersame Geschichte vernommen, die ich inzwischen mindestens zwanzigmal erzählt hatte. Ich hatte die Herzen dieser friedfertigen Menschen erobert, und der Statthalter des Großkönigs von Listoyk war einverstanden, uns zu trauen. Mein Trauzeuge war natürlich Alane, Saator hatte Miélfina gewählt. Das Mädchen, von dessen Fingern nur noch einige Stummel übrig waren, hatte sich tapfer mit seinem Schicksal abgefunden. Sicherlich war ich ihr dabei ein Vorbild. Schließlich hatte ich weder Arme noch Hände und führte trotzdem ein normales und, wenn man vom Krieg absah, recht zufriedenes Leben, das nun durch meine Hochzeit mit großen Glück erfüllt werden würde. Und so versuchte Miélfina mit dem, was ihr verblieben war, zurechtzukommen, was ihr besser gelang, als sie selbst geglaubt hätte. Immerhin war ihr der linke Daumen einigermaßen erhalten geblieben, und zusammen mit den Resten der übrigen Finger entwickelte sie schnell eine enorme Geschicklichkeit.

Saator und ich hatten das Mädchen sozusagen bei uns aufgenommen. Sie würde also doch noch Piratin werden. Wer hätte das gedacht.

Und so wurden am 7. Mai des Jahres 1270 der neue Große Kapitän der Piraten, Saator von Oryock, und ich Arashi, die Schwarze Majordomina, getraut. Und trotz, oder vielleicht sogar wegen all des Grauens, das vorausgegangen war, war das der glücklichste Tag meines Lebens.


Am nächsten Tag bestiegen wir eins der affernavesischen Schiffe. Alane hatte es nicht nehmen lassen, mich persönlich im Gartenland abzuliefern. Ich sah meiner Ankunft dort mit Bangen entgegen. Vielleicht hatten die Elfen dort ja auch schon zugeschlagen.

Aber da war noch etwas. Was wollte ich eigentlich in Zukunft machen? Als Saators Frau war ich automatisch eine der ranghöchsten Piratinnen. Jedoch ... "Saator, ich kann nicht mit dir gehen, solange Calract gegen die Elfen auf Leben und Tod kämpft. Ich bin deine Frau, ich gehöre zu dir und will immer an deiner Seite leben, aber ich kann den Schwarzen König und all die Menschen im Gartenland jetzt nicht im Stich lassen."

Mein Gemahl dachte lange nach, dann antwortete er: "So schwer es mir auch fällt, aber du hast recht, mein Goldschatz. Dennoch ... ich muß ein Treffen aller Piratengroßkapitäne einberufen um zu entscheiden, wie wir uns in diesem Krieg verhalten sollen. Und außerdem muß ich als neuer Großer Kapitän noch offiziell im Amt bestätigt werden."

"Ich rate euch, haltet euch aus dem Krieg heraus! Du hast es ja selbst gesehen. Gegen so einen Gegner können gewöhnliche Menschen nichts ausrichten. Auch wenn es unehrenhaft ist: haltet eure Köpfe unten!"

"Und du?", erwiderte Saator heißblütig. "Meine Frau kämpft an der Front und der Mann zieht den Schwanz ein? Niemals! Wir sind Piraten. Wir alle wissen, daß wir eines Tages im Kampf sterben müssen, und das ist für uns die größte Ehre!"

Er wollte noch weitersprechen, doch ich unterbrach ihn: "Saator, sei doch vernünftig. Das ist kein Kampf, das ist Massenmord. Ich bin eine Dämonin, kein Mensch. Ich habe immerhin eine reale Chance bei so einem Krieg, aber du ..."

Es fiel meinem Gemahl schwer, sich zu beherrschen, aber letztlich siegte die Klugheit. "Aber wir werden Calract insgeheim mit allen Kräften unterstützen." Finster und entschlossen blickte er mich, Miélfina und Alane an.

"Puh!", sagte ich und wedelte mit meinen Flügelstummeln, die langsam nachwuchsen. Dann gab ich meinem Mann einen dicken Kuß. "Saator-Schatz, du bist der Größte!"


Am 10.5. erreichten wir das Gartenland, und mir fiel mehr als ein Stein vom Herzen, als ich sah, daß es unversehrt und alle wohlauf waren.

Es gab einen großen Empfang für uns. Natürlich hatte man auch hier schon gehört, war auf Teriéte geschehen war. Daß ausgerechnet ich und Saator überlebt hatten, erschien vielen wie ein Wunder.

Es waren auch ein paar Piratenschiffe verschiedener Clans da. Offiziell war die Südküste des Gartenlandes immer noch der Hauptstützpunkt der Piraten. Calract hatte ihnen sogar die Insel des Riesen geschenkt. De facto allerdings lagen die meisten Schiffe inzwischen auf Chadney. Immerhin, sollte das Gartenland in Zukunft in Ruhe gelassen werden, würde es sicher wieder an Bedeutung gewinnen.

Saator sprach viel mit seinen Kapitänen. Es herrschte unter diesen harten Burschen tiefe Betroffenheit, als sie nun die endgültige Gewißheit bekamen, daß BQMZ tot war. Doch alle waren entschlossen, irgendwie weiterzumachen.

"Arashi-Goldschatz, ich werde nach Chadney fahren und dort den großen Rat der Piraten abhalten. Und dann komme ich wieder, um dich mitzunehmen!"


45. Kapitel - Wolfsrudel

Es war Winter, aber das war nur Zufall. Es war der Winter 1269 auf 1270, aber auch das interessierte die zerlumpte, abgemagerte Frau nicht.

Die Frau hieß Maria. Einen Nachnamen hatte sie auch mal gehabt, aber sie hatte ihn schon lange vergessen. Geboren worden war sie vor 170 Jahren in Mlrunabal, der kleinsten der freien Städte am Siina. Ein unerbittliches Schicksal hatte sie in das Schwarze Königreich verschlagen, wo sie von dessen finsteren Herrscher Prektar von Caair in einen Wolf verwandelt worden war. Doch als nach dem Tode Thoran von Caairs der Wolfszauber gebrochen und sie wieder ein Mensch geworden war, war sie hierher, in ihre alte Heimat, zurückgekehrt.

Mlrunabal hatte sich in den knapp 130 Jahren seither erstaunlich wenig verändert. Sicher, damals hatte die Stadt zum Weißen Reich gehört, das dann später aufgeteilt worden war. Mlrunabal war unabhängig geworden und ein gutes Stück gewachsen. Doch Maria hatte die meisten Straßen, Häuser und Plätze noch erkannt. Dennoch war ihr diese Welt fremd geworden. 130 Jahre lang hatte sie als Wolf das Unendliche Land durchstreift, hatte zu einem Rudel aus anderen zu Wölfen verzauberten Menschen gehört, hatte mit diesen jeden einzelnen Tag ihres Lebens geteilt. Und dann war der Bann plötzlich gebrochen und alle verzauberten Menschen hatten ihre menschliche Existenz zurückerhalten.

Viele hatten vor Freude geweint, auch Maria. Dann war sie frohen Herzens nach Hause zurückgekehrt. Nach Hause in die Fremde ... 20 Jahre war das nun her. 20 harte Jahre.


Ein Mann torkelte über die schlammige, teilweise mit Schnee und Eis bedeckte Straße, die vom Siina heraufführte. Er machte einen völlig verwahrlosten Eindruck. Seine Kleider waren stinkende Lumpen, seit Jahren getragen und wahrscheinlich noch nie gewaschen. Die wenigen Leute, die jetzt in der naßkalten Abenddämmerung unterwegs waren, machten einen möglichst großen Bogen um ihn. Irgendwo lag ein schlammverkrustetes, halb abgebissenes Brötchen im Dreck. Den Mann hob es auf, wischte es nachlässig ab und begann es dann aufzuessen, wobei er jedoch einen vollkommen geistesabwesenden Eindruck machte. Da sah er die Frau, Maria. Sie war in genau solche abgetragenen Fetzen gehüllt wie er, ihre Haare waren ungewaschen und ungekämmt und standen wirr in alle Richtungen vom Kopf ab. Wie erstarrt blieb er stehen.

Es dauerte lange, da hob Maria ihren Kopf und sah zu dem Mann hinüber. Und als sich ihre Blicke trafen, da durchzuckte sie beide gleichzeitig ein Wiedererkennen, wie wenn man einen alten und sehr engen Freund nach vielen Jahren zum ersten Mal wiedersieht.

Mühsam schleppte der Mann sich zu Maria hinüber. Außer dem Brötchen und ein paar Abfällen hatte er seit Tagen nichts gegessen. Nicht, daß es ihm etwas ausgemacht hätte zu verhungern, doch jetzt, jetzt wollte er auf einmal nicht mehr sterben. Nein, nicht jetzt, wo er seine Wolfsgefährtin wiedergefunden hatte. Es war ein Wink des Schicksals, es mußte einfach so sein.

"Du ...?", fragte sie.

Er nickte.

Maria schüttelte den Kopf. "Ich war der glücklichste Mensch auf der Welt, als damals der Zauber brach und ich wieder ein Mensch wurde und hierher zurück konnte. Aber ...", ihre Stimme wurde zu einem heiseren Flüstern, "ich kann nicht mehr als Mensch leben. Ich kann und will es nicht mehr. Das ist die eigentliche Strafe, die der Schwarze König damals als Fluch auf uns gelegt hat. Wir sind Verfluchte, und nur der Tod kann uns erlösen."

Die beiden saßen dicht aneinandergeschmiegt in der eisigen Kälte, schwiegen und starrten in die Luft. Doch schließlich schüttelte der Mann den Kopf. "Nein. Nein, so kann es nicht enden. Ich weiß, daß es nicht so sein kann. Jetzt, wo wir uns gefunden haben ... es muß einen Sinn ..." Der Rest seiner Worte war nur noch ein leises, unverständliches Murmeln. Mit einem Ruck stand er auf: "Die Götter haben die Fäden unseres Schicksals unwiderruflich mit dem des Schwarzen Königs verbunden. Er weiß nicht, daß es und gibt, also laß uns zu ihm gehen und es ihm sagen. Er soll uns endlich erlösen." Er streckte Maria die Hand hinunter. Sie schlug ein, und er zog sie hoch auf ihre wackeligen Beine.

Sie beide hatten den Tod herbeigesehnt und wenig auf ihre Körper und ihre Gesundheit geachtet. Doch jetzt hatte ihr Leben wieder ein Ziel. Sie durften jetzt noch nicht sterben. Schwankend aufeinander gestützt taumelten sie langsam die Straße entlang.


*


Land der Pfahldörfer hieß diese Gegend, wie ich erfahren hatte.

"Land der Pfahldörfer, hmm ..."

"Was gibt's denn schon wieder? Drücke dich gefälligst mal deutlich aus", murrte Paipai.

"Land der Pfahldörfer ... im Süden dieser Gegend soll es eine sehr beeindruckende Burg geben. Ja, jetzt erinnere ich mich wieder, die Königsfestung Nohgaret. Ich habe sie sogar schon mal gesehen, als ich damals mit einer kleinen Barke unten an der Küste entlanggesegelt bin. Ich denke, wenn wir schon mal in der Gegend sind, sollten wir die Gelegenheit nutzen und sie uns ansehen."

"Du spinnst wohl. Bis zum Meer sind es locker 100 Kilometer. Das wäre ein Umweg von einer Woche. Den kannst du aber alleine machen. Ich würde ohne dich sowieso viel schneller vorankommen."

"Und wohin?"

Paipai schnappte nach Luft und wedelte empört-verlegen mit ihren langen Ohren. Gerade wollte sie wieder etwas sagen, da fügte ich hinzu: "Von mir aus kannst du ja ruhig schon mal vorausgehen oder bessergesagt fliegen." Das war es nämlich, was sie gemeint hatte. Da ich keine Flügel hatte und jeden Weg zu Fuß machen mußte, kamen wir natürlich bei weitem nicht so schnell voran, als wenn sie allein hätte fliegen können. Nur ... wohin? Selbst ich hatte nur eine vage Ahnung, wo unser Ziel lag.

Wie meist, gab Paipai nach einigem Murren und Fauchen nach, und so schwenkten wir ab nach Süden.

Vor uns lag ein langgezogenes, seenreiches Hochtal, an dessen westlichem Rand irgendwo die Grenze zwischen dem Schünterland und dem Land der Pfahldörfer verlief. Aber wie zumeist auf unserem Weg trafen wir auch hier nur sehr selten auf Menschen, ganz zu schweigen von irgendwelchen Grenzbefestigungen oder Posten. Um so schöner war die weitgehend unberührte offene Heidelandschaft. Auffallend waren neben etlichen Birkenhainen die vielen Kirschbäume die jetzt, Mitte Mai, in voller Blüte standen. Fast erinnerte mich das ein bißchen an das Land der Pfirsichblüten.

Nach einem guten Tagesmarsch öffnete sich das Tal vor uns schließlich und gab den Blick frei auf eine sanft zum Meer hin abfallende Landschaft. Das täuschte: vom Wasser aus war der Zugang nicht so leicht, denn die Küste war sehr steil und fiel teilweise mehrere hundert Meter ab. Aber wir sahen noch etwas Anderes: vielleicht noch 20 oder 30 Kilometer vor uns erhob sich ein steiler Felsen. Und auf diesem thronte die Burg Nohgaret, von hier aus allerdings allenfalls zu ahnen.

"Übernachten wir hier", schlug ich vor. Paipai flog auf, um sich mal ein bißchen umzusehen. Anders als sonst kehrte sie diesmal allerdings nicht mit einem Fuchs oder einer Gans im Fang zurück, sondern mit einer überraschenden Nachricht: "Ein Stück weiter westlich gibt es ein Dorf."

"Ach!"

"Was heißt 'ach'?", maulte sie. "Glaub's ruhig. Ich hab's genau gesehen, und es sind auch Menschen da."

Naja, sonst wäre es ja kein Dorf gewesen. "Sehr schön, probieren wir es mal da."

Es war noch eine knappe Stunde Weg, und die Sonne ging langsam unter, als wir das Dorf schließlich erreichten.

Es war ziemlich klar, daß hier nicht so oft Fremde vorbeikamen. Allerdings hätte ich wetten können, daß selbst hier die Menschen schon vom Schwarzen König Calract und seinen Dämonen und - in diesem Fall - Dämoninnen gehört hatten. Und so war es auch.

Wir wurden sehr freundlich aufgenommen und gastlich bewirtet. Baobaopaipai erregte anfangs große Aufmerksamkeit, und sie war eitel genug, diese zu genießen. Dann aber rückte ich in den Mittelpunkt, als ich am großen Feuer von meinen Abenteuern und meinem König zu erzählen begann. Und selbst Paipai war friedlich und lauschte andächtig bis tief in die Nacht meinen spannenden Geschichten.


Nachdem wir uns am nächsten Morgen von den Dorfleuten wieder verabschiedet hatten - wahrscheinlich würden wir auf dem Rückweg hier noch einmal vorbeikommen - marschierten wir stramm Richtung Süden - wenn man Paipais Fortbewegung 'marschieren' nennen wollte. Abgesehen davon, daß sie manchmal flog - auch wenn sie ihre Beine benutzte, hatten ihre Bewegungen wenig mit dem gemein, was man üblicherweise mit 'marschieren' assoziierte. Verantwortlich dafür waren ihre langen Beine und ihre über 60 Zentimeter langen Füße, von denen sie stets nur die Ballen und Zehen auf den Boden setzte. Es war ein sehr eigenartiger Gang, wie bei einem exotischen Vogel, aber sehr elegant und kraftvoll. Und schnell. Ich wußte, daß sie, wenn es sein mußte, zu Fuß fast doppelt so schnell laufen konnte wie ein Pferd in vollem Galopp, also war ich ihr leider auch in dieser Hinsicht gewissermaßen ein Klotz am Bein.

Ich für meinen Teil hatte es allerdings nicht besonders eilig, denn die Landschaft war ausgesprochen idyllisch. Bereits vom Dorf aus hatten wir den riesigen Plateaufelsen mit der Burg Nohgaret stets fest im Blick gehabt, was durch den Umstand, daß auch hier nur relativ vereinzelt Bäume wuchsen, sehr erleichtert wurde. Offenbar war diese Gegend hier nahe dem Meer - es waren keine 20 Kilometer mehr bis zur Steilküste - doch stärker bewirtschaftet, denn wir sahen viele Baumstümpfe und auch gelegentlich einige Baumschulen. Anscheinend wurde hier viel Holz geschlagen.

Und dann begann der Weg. Rechts und links eingefaßt von gerade aufblühenden Kirschbäumen führte diese Straße, die stellenweise sogar gepflastert war, schnurgerade auf den großen Felsen zu. Es war wunderschön, anders konnte man das wirklich nicht ausdrücken, und selbst Paipai war ganz hingerissen und spielte die ganze Zeit mit den Blüten, indem sie sich in die Bäume hängte und mit ihren Ohren danach angelte. Allzuviel konnte sie auf diese Weise nicht ausrichten, aber es machte ihr großen Spaß und sie gab sich diesem Blüten-Haschen stundenlang hin, während ich unten einen Schritt vor den anderen setzte. Wenn ich weit genug voraus war, flatterte sie einfach ein Stück weiter und setzte dann ihr Spiel fort.

Kurz vor Mittag erreichten wir schließlich den Burggraben. Eine halb verrottete heruntergelassene Zugbrücke bot uns Einlaß, und schon hier konnte man sehen, daß das Geschlecht, dem diese Burg einst als Stammsitz gedient hatte, längst erloschen und die Burg seit langer Zeit verlassen war.

Ganz so war es dann aber doch nicht, es lebten durchaus wieder Menschen in diesen riesigen, majestätischen Anlagen. Allerdings waren es Wilde, die mit dieser Krone der Kultur überhaupt nichts anfangen konnten. Dafür waren sie selbst ziemlich auffällig.

"He!", rief Paipai, als sie die ziemlich scheuen Burschen das erste Mal genauer sah, "die haben ja Pappnasen!"

"Pappnasen?" Da die Wilden uns anscheinend fürchteten, dauerte es noch etwas, bis auch ich durch Zufall einen von ihnen aus der Nähe zu sehen bekam.

"Keine Pappnasen, Paipai, sondern Blechnasen. Von denen habe ich schon gehört ... hm, hier leben die also."

"Und was sind das für Burschen?"

"Nun, sie fürchten sich schrecklich vor dem Tod und der Hölle. Sie glauben, daß der Teufel sie an ihrer Nase erkennt. Also schneiden sie sie sich ab. Dann, so hoffen sie, kann ihre Seele unerkannt entkommen. Und anstelle ihrer eigenen Nasen tragen sie solche aus Holz, manchmal auch Metall. Daher der Name."

"Irre."

Das fand ich auch. Aber das war noch gar nichts. Ich hatte auf meinen Reisen noch viel bizarrere Rituale erlebt.

Langsam kam ich ins Schwitzen. Naturgemäß gab es in dieser gewaltigen Anlage zahllose Treppen, dazu auf den Felsvorsprüngen mehrere Türme. Paipai meisterte das alles spielend. Sie verfügte über Kräfte, die man ihrem zierlichen Körper nicht ansah. Ich hingegen mußte schon ganz schön keuchen. Trotzdem nahm ich die Türme ins Visier, denn deswegen war ich ja hergekommen. Auf den größten davon stieg ich schließlich hoch, und als ich oben war und nach Süden schaute, da wußte ich, daß dieser Umweg sich wirklich gelohnt hatte, denn vor mir lag das tief blaue Octaviusmeer wie auf einem Präsentierteller. Es mochten von hier aus bis zu der schroffen Küste noch 10 oder 15 Kilometer sein, und ich stand hier bestimmt 500 Meter hoch - die Aussicht war schlichtweg atemberaubend.

Paipai tat so, als interessiere sie das überhaupt nicht, aber ich kannte sie inzwischen zu gut: obwohl sie als flugfähiges Wesen so etwas ständig zu sehen bekam, ließ auch sie diese Szene nicht unberührt.

Lange sahen wir hinunter, den fernen, winzigen Schiffen nach, die scheinbar gemächlich über das Wasser zogen. Einmal sah ich sogar einen von Calracts Drachen am Horizont entlangfliegen. Es war ein Anblick, der meine Herzen einen tiefen Frieden gab. Ich war nicht allein in dieser Wildnis. Der lange Arm meines Königs reichte selbst hierher. Er beschützte mich, und gleichzeitig durfte ich das machen, was ich am liebsten tat: durch die Welt reisen und Abenteuer erleben. Was konnte ich mehr erwarten vom Leben!

"Hunger", meldete sich Paipai. Ich war allerdings zögerlich, hier in der Burg unsere Vorräte auszupacken, denn Angst hin oder her, es hätte ganz bestimmt die Wilden herbeigelockt. Und ich hatte keine Lust, mit ihnen zu teilen, denn dann wären wir schnell leergefressen gewesen. Ich erklärte es der Dämonin und sie antwortete: "Na gut, dann hole ich mir selbst was ... hm, einen Fisch vielleicht."

Klar, für sie war es bis zum Meer nur ein Katzensprung. In solchen Momenten beneidete ich sie. Sicher, ein Leben ohne Arme und Hände war für mich unvorstellbar, aber ich glaube, Paipai hatte das längst vergessen, und für sie wäre stattdessen ein Leben ohne ihre Flügel unvorstellbar gewesen.

So sprang sie also in die Tiefe, faltete ihre großen Schwingen aus und flog mit kräftigen Schlägen hinunter zum Meer.

Und ich durfte zusehen, wie ich an den Wilden vorbeikam, die jetzt freie Bahn witterten.

Allerdings hatte ich eine Menge Tricks auf Lager, um mir Respekt zu verschaffen. Und diese Primitiven waren wirklich leicht zu beeindrucken.

So trafen wir uns am Abend wieder in der Nähe des Dorfes, wo wir dann auch übernachteten. Und Paipai und ich stimmten darin überein, daß dieser Umweg sich wirklich gelohnt hatte, auch wenn die Dämonin das natürlich nicht offen zugab.

Dann ging es wieder nach Norden und Nordosten.


Wie lange waren Paipai und ich nun schon unterwegs? Aufgebrochen waren wir im April, und jetzt war es Ende Juni.

Der Winter hatte sich in dieser Gegend verdammt lange gehalten, und dann war es praktisch über Nacht Sommer geworden. Laut der Karte lag vor uns der letzte Gebirgskamm vor der Ebene von Äräolahn. Es würde interessant werden.

Übrigens war es nicht schwer gewesen herauszubekommen, warum diese gottverlassene Gegend ausgerechnet 'Land der Pfahldörfer' genannt wurde. Die wenigen Menschen, die hier lebten, waren primitive Wilde, anders konnte man das kaum sagen. Ganz vergessen hatten sie zwar nicht, daß auch das hier mal zur Zivilisation gehört hatte, doch jetzt fristeten sie ein armseliges Leben in Hütten, die sie auf Bäume oder, wenn das nicht ging, auf hohen Pfählen errichteten. Grund war neben den gelegentlichen Überschwemmungen aber hauptsächlich ihre Angst vor Wölfen.

Paipai und ich fanden das ehrlich gesagt etwas albern, denn eher hätten Wölfe Angst vor Menschen haben müssen. Naja, vor diesen hier vielleicht doch nicht. Allerdings - wir mußten eines Tages erfahren, daß die Pfahldorf-Leute doch nicht so unrecht gehabt hatten. Nur war das, was uns dann über den Weg lief, kein gewöhnlicher Wolf.

"Von da oben aus", ich zeigte auf den Gipfel, der seit heute morgen in unserem Blickfeld lag, "sollten wir so langsam das Land Äräolahn sehen können."

"Wieso redest du immerzu von Äräolahn", wollte Paipai wissen.

"Na, sieh' dich doch mal hier um. Seit wir Disat verlassen haben, war die größte menschliche Ansiedlung, die wir gesehen haben, ein Dorf mit vielleicht 200 Leuten. Praktisch alles östlich der Kirchenländer ist zum großen Teil Wildnis, vielleicht die Ufer des Siina ausgenommen. Nirgends Zivilisation. Aber Äräolahn ist anders, ganz anders."

"Klingt ja so, als wärst du schon mal dagewesen."

"Habe ich das nicht schon erzählt? Der Siina fließt durch Äräolahn und mündet dort auch ins Octaviusmeer. Ich bin damals mit verschiedenen Booten und Flößen diesen Fluß hinabgedümpelt, und so habe ich Äräolahn kennengelernt. Naja, wenn man das so nennen will.

"Hm?"

"Naja. Also ... Äräolahn ist eine riesige, über 1500 Kilometer lange und 200 bis 400 Kilometer breite Tiefebene. Sie ist sehr dicht bevölkert, bestimmt zwei- oder dreimal so dicht wie das Weiße Reich. Da leben über 40 Millionen Menschen. Allerdings leben sie ... naja, wie soll ich sagen ... es gibt so gut wie keine Straßen, die die vielen Dörfer und Städte verbinden, nur Feldwege und Trampelpfade. Keiner kommt je in seinem Leben aus seinem Dorf heraus, und alle leben in panischer Angst vor Geistern und allen möglichen Teufeln, von denen es dort tausende geben muß. Den Fluß entlang und unten an der Küste geht's noch einigermaßen, aber ins Landesinnere kommt man als Fremder nicht, und das ist auch besser so. Tja", ich seufzte, "diesmal müssen wir aber quer da durch. Denn Äräolahn ist ja nicht unser Ziel, sondern das Gebiet dahinter. Irgendwo dort soll ja St. Malo liegen. Ich bin mal gespannt, ob wir es überhaupt finden."

Baobaopaipai sah mich fragend an. Doch dann wurde ihr Gesicht starr. Ich brauchte eine Zeitlang, bis ich kapierte, daß das nichts mit mir zu tun hatte. Paipai hob einen Fuß und zeigte mit einer ihrer Krallen wortlos hinter mich. Ich drehte mich langsam um und zuckte zusammen. Was da keine 100 Meter von uns entfernt aus irgendeinem Schlupfloch hervorgekommen war, ließ mich schlagartig die Angst der Leute hier vor Wölfen verstehen. Zwar war dieses Vieh allein, aber es war mindestens zwei Meter hoch und hatte einen Fang, mit dem es eine Portion wie mich mit einem Biß in zwei Hälften zerteilen konnte.

"Den erledige ich", rief Paipai mir aufgeregt zu und flog los.

Ich wußte nicht so recht, ob sie das wirklich alleine schaffen würde. Und so ganz wehrlos war ich auch nicht, im Gegenteil. In den zahllosen Taschen meines Umhangs steckten so manche Überraschungen, zum Beispiel ein Blasrohr. Die Kannibalen hatten es mir gegeben, damals ... zusammen mit einem netten, schnell wirkenden Gift. Pfeile hatte ich mir immer wieder welche gemacht, denn man mußte immer für alles bereit sein. Überraschungen gab es, wie man sah, immer wieder. Ich sprang erst mal hinter einen Felsen, öffnete das Fläschchen und strich ganz vorsichtig, um es ja nicht mit den Fingern zu berühren, etwas von dem Gift auf einen der Pfeile. Dann lud ich ihn in das Blasrohr. Nachdem ich mit diesen Vorbereitungen fertig war, kam ich aus meiner Deckung wieder hervor.

Paipai hatte sich inzwischen auf das Monster gestürzt. Es war nicht zu übersehen, daß es ihr einen Heidenspaß machte, das plumpe Biest zu ärgern. Sie bewegte sich viel zu schnell, als daß dieser Rinderwolf - diesen Namen hatten die Eingeborenen mal genannt und dabei vor Angst geschlottert - sie je hätte erwischen können. Bisher spielte sie noch mit ihm, sie flatterte vor seiner Nase herum und verpaßte ihm Tritte, allerdings noch mit eingezogenen Krallen. Der Rinderwolf kochte bereits vor Wut und sprang heulend und grunzend wie ein Wilder hinter der Dämonin her, wobei der Schaum von seiner Schnauze spritzte. Ich sah, daß er tatschlich Hufe hatte und womöglich wirklich mit einem Rind näher verwandt war als mit einem Wolf. Daß er allerdings ein Fleischfresser war, daran bestand angesichts seines Gebisses nicht der geringste Zweifel.

Er brüllte wie ein verwundeter Stier, als Paipai ihm dann ihre Krallen in die Nase hieb. Mir ging es durch und durch, und ich erinnerte mich, daß wir dieses Schreien in den vergangenen Wochen schon öfters gehört hatten, stets aus weiter Ferne und natürlich ohne zu wissen, von wem es verursacht worden war. Wieder stieß Paipai zu, und dann geschah etwas, was ich nicht für möglich gehalten hätte. Der Wolf riß seinen Kopf hoch, und zwar so blitzschnell, daß Paipai nicht mehr ganz ausweichen konnte. Ihre Krallen verhakten sich an seinen Zähnen. Diese zersplitterten zwar unter dem unzerstörbaren Material, doch Paipai verlor in der Luft das Gleichgewicht. Einen Augenblick später hatte der Rinderwolf sie zu Boden gerissen und eine seiner Hufe auf ihre Brust gesetzt. Fast höhnisch triumphierend sah er sie an. Man konnte so richtig sehen, daß er sich jetzt mit seinem kleinen Gehirn genußvoll ausmalte, was er mit seiner Beute nun machen würde.

Dazu kam er aber nicht mehr, denn da traf ihn mein Pfeil in die Nase.

"Heee, hier, du Trampel", brüllte ich aus Leibeskräften. Der Rinderwolf schüttelte irritiert den Kopf und tat das, was ich hatte erreichen wollen, er nahm etwas von seinem Gewicht von Paipai herunter. Dann wurden seine Bewegungen langsam, sein Blick glasig.

"Paipai, schnell, du mußt da weg!" Die Dämonin erkannte den Ernst der Lage. Wenn dieses riesige Tier umfiel, und das war nur noch eine Frage von Sekunden, dann begrub es sie unter sich.

Paipais Rippen waren eingedrückt und sie mußte große Schmerzen haben, doch sie nahm alle Kraft zusammen und rutschte irgendwie unter dem Huf heraus. Ich war schon bei ihr und zog, so fest ich konnte, an ihren Beinen. Wir schafften es gerade noch rechtzeitig, bevor der Rinderwolf mit einem dumpfen Donnern umkippte, und kugelten zusammen über den sandigen Boden.

Ich stand auf. "Puh. Paipai, bist du schwer verletzt?"

Sie sagte nichts, aber man sah schon, daß es ihr nicht besonders gutging. Naja, immerhin hatten wir jetzt genug zu Essen. Immer das Beste daraus machen, das war mein Motto.

Und so verbrachten wir also den Rest des Tages an diesem Ort, ein Stück weiter oben, wo es eine natürliche Höhle gab, nicht sehr tief, aber für unsere Zwecke völlig ausreichend.

Ich hatte ein Feuer gemacht und Paipai verbunden, geschient und warm verpackt. Es war zwar Sommer, aber hier, in fast 3 Kilometern Höhe, wurde es abends doch empfindlich kühl.

Gemütlich briet ich ein Stück Wolfsfleisch über dem Feuer. Unten stritten sich eine erstaunliche Anzahl verschiedener Vögel und kleiner Raubtiere um den Kadaver. Es waren sogar Geier dabei, majestätische und enorm große Tiere, die diese Beute zielsicher über zig Kilometer gefunden hatten. Dennoch würden sie es nicht schaffen, das alles in den nächsten Tagen aufzufressen, dazu war es viel zuviel.

"Hier", ich hielt Paipai ein Stück Fleisch vor den Mund. Sie sah mich mit wunderschönen großen, moosgrünen Augen an, dann sagte sie leise: "Danke, daß du mir das Leben gerettet hast."

"Das ist bei Gefährten so üblich", erwiderte ich ebenso leise.


Es dauerte noch einen weiteren Tag, bis Paipai wieder laufen konnte, und fast eine Woche, bis auch ihre Rippen, Flügel und was sonst noch so alles in Mitleidenschaft gezogen gewesen war, wieder verheilt war. Ich überlegte mir, hätte ich unter diesen Hufen gelegen, wäre es aus mit mir gewesen. Diese Orna-Dämoninnen waren unglaublich zäh, die brachte fast nichts um.

*

Der Gipfel war geschafft. Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen, aber die Aussicht lohnte die Mühe. Hinter uns das leere Land der Pfahldörfer, vor uns die riesige Ebene von Äräolahn, wo es von Menschen und ihren Aktivitäten nur so wimmelte.

Und dafür gab es auch einen Grund. Einen Grund, der 400 Jahre in die Vergangenheit zurückreichte.

"Wir stehen hier an einer unsichtbaren Grenze", sagte ich zu Paipai. "Hier endet das Gebiet, in dem Tartanos gewirkt hat. Da unten", ich zeigte auf die Ebene im Osten, "ist er nie hingekommen. Und deswegen leben dort soviel mehr Menschen als bei uns im Westen, in den Mittelländern." Selbst von hier aus konnte man zumindest erahnen, wie stark kultiviert Äräolahn war. Wildnis gab es dort keine mehr, selbst die kleinen Wäldchen, die überall noch versprengt zwischen den Feldern und Weilern eingestreut waren, waren bewirtschaftet.

"Schade, daß wir nicht bis zur anderen Seite sehen können", meinte ich nach einiger Zeit.

"Andere Seite?"

"Ja, Äräolahn wird rechts und links durch Gebirge begrenzt. Auf dem westlichen stehen wir ja gerade, und das östliche trägt den Namen 'Flügel des Himmels'. Ich bin damals mit dem Schiff an der Küste daran vorbeigesegelt. Gegen das ist unser Berg hier gerade mal ein Hügel." Paipai war beeindruckt. Nachdenklich faltete sie ihre Flügel auf und wieder zu. Ich fuhr fort: "Bis auf die andere Seite sind es von hier aus bestimmt 500 Kilometer, und ich denke, wenn schon, dann sollten wir den Weg über Asteria gehen. Denn vielleicht weiß man dort etwas über König Wilhelm. Könnte ich mir jedenfalls vorstellen."

"Dann ist dieses Asteria wohl die Hauptstadt von Äräolahn?"

"Ja, und noch viel mehr." Ich zeichnete mit dem Finger ein paar Linien in den dünnen Sand. "Der nördliche und der südliche Flügel des Himmels machen dort, wo sie sich treffen, eine Art Bogen nach Osten. Und da, wo sie zusammenlaufen, wurde Asteria in den Felsen gehauen. Es muß ein phantastischer Anblick sein."

"Hast du das noch nicht gesehen?"

"Aber nein. Vom Siina aus sieht man das nicht, und unten an der Küste, wo ich etwas länger war, erst recht nicht. Asteria liegt Luftlinie über 700 Kilometer landeinwärts."

"Und woher weißt du dann das alles?"

"Informationen sammeln ist mein Job. Es gab dort genug Leute, die mir das alles erzählt haben."

"Naja, was die so erzählt haben mögen."

"Naja, Paipai, weißt du, man kann schon ganz gut einschätzen, wie zuverlässig eine Information ist. Wenn es plausibel klingt, wenn es mit dem übereinstimmt, was man selbst kennt oder schon selbst gesehen hat, oder wenn mehrere Leute unabhängig voneinander dasselbe sagen, dann stimmt es mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit. Und außerdem ist Asteria auch das Motiv zahlreicher Bilder, mal ganz davon abgesehen. Überall in den Hafenstädten des Octaviusmeeres kann man sie finden, genauso wie die Bilder von Calract."

"Was? Bilder von Calract?"

"Ja, Calract ist ein genialer Künstler. Hast du das nicht gewußt? Du solltest mal seine Bilder sehen."

Diese Worte machten Paipai ziemlich nachdenklich. Und auch ihr Respekt vor mir schien um einiges gewachsen. Seit dem Zwischenfall mit dem Rinderwolf war sie sowieso ausgesprochen zahm geworden. Sie hatte lernen müssen, daß selbst ein Wesen wie sie auf die Hilfe anderer angewiesen sein konnte.

Ich hatte keine Lust, jetzt schon zu gehen, und so aßen wir hier oben zu Mittag. Ich hatte schon verdammt viel erlebt in meinem Leben, aber so etwas, das war noch nie gewesen und würde auch nie wiederkommen, davon war ich fest überzeugt. Mittagessen auf einem namenlosen Dreitausender mit Blick über den Südwesten von Äräolahn. Das war einfach atemberaubend. Und majestätisch.

Am Nachmittag begannen wir dann wieder mit dem Abstieg. Der Berg war zwar hoch, aber zumeist nicht allzu steil. Nur dunkel wurde es rasch, weil wir den Osthang hinunterliefen.

Gegen Abend erreichten wir die Waldgrenze, und irgendwie fühlte ich mich doch gleich viel geborgener. Ich war halt doch ein Kind des Waldes, wenn ich auch längst meiner alten Heimat abgeschworen hatte.


*


Es war Donnerstag, der 10. Juli 1270. Seit vielen Wochen waren Calract und seine Begleiter nun schon auf der Suche nach der letzten Basis der Elfen, nach jenem Ort, von dem aus der Schutzschirm erzeugt wurde. An die 100 Drachen hatte der Schwarze König inzwischen dafür herangezogen, dazu am Boden hunderte Lunaloc-Dämonen und sogar einige Menschen, Söldner und auch Freiwilligem die an seiner Seite kämpfen wollten, doch nach wie vor gab es keine heiße Spur. Das Land hier im Norden war geradezu endlos, und noch dazu stark gegliedert: Berge, Flüsse, unendliche Wälder, Seen, Schluchten, riesige Felsen, all das machte die Landschaft extrem unübersichtlich. Calract war sich sicher, daß sie von ihrem Ziel nicht mehr sehr weit entfernt sein konnten. Sie mußten es nur noch finden.

Er ritt gerade neben Riinari her. Über ihnen zogen die Drachen ihre Kurven, in den Wäldern rings herum streiften die Dämonen und Soldaten umher. In den vergangenen Wochen war nichts passiert, und auch an diesem Tag würde aller Voraussicht nach nichts passieren. Nach wie vor griffen die Elfen das Westland an, doch ihre Kraft ließ immer mehr nach. Auch Calracts Suchtrupp war verschiedentlich angegriffen worden. Es hatte auf beiden Seite Verluste gegeben, doch die Elfen konnten diese viel weniger verkraften als der Schwarze König. Und so war es bei gelegentlichen Geplänkeln und Überfällen geblieben.

Riinari trug, seit sie mit Calract auf diese Reise gegangen war, Stiefel und Handschuhe. Sie wollte ihren Aufenthaltsort nicht durch ihre Leuchtspuren verraten. Sicher war das nur eine kleine Vorsichtsmaßnahme, aber Calract war darüber doch ganz froh. Riinari war sonst einfach zu auffällig.

Der Zauberer lächelte gerade zu seiner Begleiterin herüber, als sie beide plötzlich synchron zusammenzuckten.

"Was war das?"

Riinari schüttelte den Kopf, dann meinte sie: "Irgend etwas ist anders als ... ja, die Barriere. Sie ist weg!"

Wachsam blickten die beiden Reiter sich um. Doch alles blieb ruhig. Calract alarmierte seine Leute, aber es geschah nichts weiter.

"Ob das alles war? Weg, einfach so?", fragte er sich. Riinari antwortete nachdenklich: "Irgend etwas kommt bestimmt noch nach. Fragt sich nur, wann."

Calract dachte an Alessandra und das, was er von ihr erfahren hatte. Zwei Wesen hatten die Barriere erzeugt: Alessandra und eine Elfe. War diese nun endlich von ihren Kräften verlassen worden? Sie würden es herausfinden, früher oder später. Davon war der Schwarze König überzeugt.


*


Der Wald war endlos. Tief, dunkel, unheimlich und abweisend für Menschen. Aber nicht für alle. Nicht für die, die Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte als Wölfe in ihm gelebt hatten. Sicher, dieser Wald war nicht der des Schwarzen Königreiches, sondern der, der sich nördlich daran anschloß. Zum Reiche Karls gehörte er, zu diesem riesigen, äußerst dünnbesiedelten Land, hinter dessen Nordostgrenze Calract die Basis der Elfen suchte.

Dieser Wald bot Maria und Femut alles, was sie zum Leben brauchten, wobei sie nicht einmal wußten, ob sie nun als Menschen oder als Wölfe lebten. Doch sie lebten, und es schien ihnen jeden Tag besser zu gehen. Rasch kamen sie voran über Wege, die ein Mensch niemals gefunden hätte.

Zum Schwarzen Schloß hatte sie ihr erster Weg geführt. Doch diese unheimliche Zwingburg des Unendlichen Landes war nicht mehr. Und das war nicht das einzige, was sich seit Calracts Krönung verändert hatte. Die Schwarzen Könige waren immer gefürchtet gewesen. Nie wäre ein normaler Mensch auf den Gedanken gekommen, freiwillig das Schwarze Königreich aufzusuchen. Die Verzweifelten, die es dennoch getan hatten, hatten geendet wie Femut und Maria, wenn nicht noch schlimmer. Jetzt jedoch war alles ganz anders. Statt verlorener Seelen trafen die beiden Wolfsmenschen eine Handvoll Lunaloc-Dämonen, und die waren freundlich und hilfsbereit gewesen und hatten ihnen gesagt, wo ihr Vater, der Schwarze König, sich aufhielt. Die Reise war weit, unendlich weit, doch Maria und Femut hatten kein anderes Ziel in ihrem Leben. Also waren sie erneut losgezogen.

Irgendwo knackste ein Ästchen. Femut sah sich um. Mit leicht zusammengekniffenen Augen nickte er seiner Begleiterin zu. Sie waren nicht allein. Und es war kein Tier, das ihnen folgte. Der Mann gab der Frau ein paar stumme Signale. Wie ein Schatten verschwand er hinter einem umgestürzten Baum in Deckung, während Maria langsam weiter durch das dichte Unterholz huschte, allerdings so, daß sie sich nicht sehr weit von Femut entfernte.

Und dann sah Femut die Verfolger. Sein Herz machte einen gewaltigen Schlag, als er sie erkannte. Er sprang aus seiner Deckung hervor und zeigte sich ihnen ganz offen.

Er wußte nicht, wie die beiden älteren Männer hießen. Und sie wußten sicher nicht, daß er Femut hieß. Aber sie kannten sich seit einer Ewigkeit, denn sie hatten alle zum selben Rudel gehört. Auch sie waren Wolfsmenschen, unterwegs zum jetzigen Schwarzen König, um über ihr Schicksal entscheiden zu lassen.

Sie sahen einander lange, schweigend und intensiv an. Sie brauchten keine Worte. Worte waren für geschwätzige Menschen, nicht für Wesen wie sie.

Später saßen sie alle vier um ein kleines, rauchloses Feuer, das Maria unter einem überhängenden Felsen entzündet hatte, und brieten einen fetten Auerhahn. Der Wald gab ihnen Nahrung, soviel sie brauchten, er sorgte für Wärme, Schutz und sogar Kleidung. Die ganze Zeit über sprachen die vier kaum ein Wort. Wozu auch. Als Wölfe konnten sie sich viel besser ohne das leere, laute und nutzlose Geplapper der Menschen verständigen.

Schließlich aber sagte Maria doch etwas: "Ob die anderen auch hierher unterwegs sind?"

Und von da an hatten die Wolfsmenschen noch ein zweites Ziel: das Rudel wieder zusammenzubringen.


*


Wer nach Asteria will, muß den Weg benutzen, der bei der Festung Kattra beginnt und sich dann entlang des Flusses das obere Stellviat-Tal hinaufzieht. Die himmelhohen Berge rechts und links, die das Tal eng zusammenschnüren und neben dem Fluß kaum Platz für eine Straße freilassen, haben schon viele Menschen diesen Weg gehen sehen. Wenige nur sind wieder zurückgekommen. Zumindest nicht als Menschen.

Wieder ist eine der schwarzen Kutschen unterwegs. Ein schönes, junges Mädchen ist darin, Futter für den Großen Herrn Z. Manchmal freut das Mädchen sich, auserwählt zu sein, manchmal hat es Angst. Und dafür hat es auch allen Grund.

Doch diesmal ist es anders. Ein Vogel landet auf einem Baum, an dem die Kutsche gerade vorbeifährt. Der Vogel springt vor die Pferde auf die Straße. Ein dichter Nebel hüllt plötzlich die Szene ein und hält für die Kutsche die Zeit an. Der kleine Vogel verwandelt sich in die Schwarze Prinzessin Rosalia. Sie steigt in die Kutsche, nimmt die Gestalt des schönen Mädchens an, das dort drinnen ängstlich wartet, jetzt aber betäubt und regungslos ist, und verwandelt dieses in einen Vogel, der davonfliegt. Die Tochter des vormaligen Schwarzen Königs Thoran von Caair läßt die Zeit wieder weiterlaufen. Niemand hat bemerkt, daß jetzt jemand anderes in der Kutsche sitzt, auf dem Weg zu jener unheimlichen Macht, die dieses Land Äräolahn beherrscht.

Rosalia verfügt über das Wissen. Sie weiß, wer der Große Herr Z ist, was er will und wie er es bekommen kann. Mit diesem Wissen und dem Gift, das sie ihm geben wird und an dem bereits das Orakel der Elfen zerbrochen ist, will sie auch ihn unterwerfen. Doch nicht die Herrschaft über das Land Äräolahn ist ihr Ziel, sondern Rache. Sie will Calract endlich, endlich tot sehen.


*


Im nachhinein betrachtet könnte man den 30. September des Jahres 1270 als den Tag bezeichnen, an dem der Elfenkrieg entschieden wurde, auch wenn es unmittelbar danach noch nicht so aussah.

Es regnete in Strömen. Davon abgesehen begann der Tag wie alle anderen in den letzten Monaten. Geduldig durchkämmte Calract Meter um Meter das endlose Nordland. Das Erlöschen des Elfenfeldes war ein schlauer Schachzug des Feindes gewesen, denn nun gab es überhaupt keinen Anhaltspunkt mehr, wo der Stützpunkt wohl sein könnte. Vorher hatte immer diese leichte Energie in der Luft gelegen. Calract und Riinari hatten sie spüren können. Sie hatte ihnen zumindest ganz grob die Richtung gewiesen: Nordost, irgendwo in tiefster Wildnis, die nie eines Menschen Fuß betreten hatte. Jetzt war da nichts mehr, doch der Schwarze König gab nicht auf. Nicht jetzt.

Die Angriffe auf das Westland waren immer schwächer geworden, sodaß die Menschen dort neue Hoffnung zu schöpfen begannen. Calract machte sich keine Illusionen: früher oder später würde der Feind erneut angreifen, und zwar ihn selbst. Wahrscheinlich sammelte er dafür seine Kräfte. Und so war seine Such-Armee stets in gespannter Aufmerksamkeit, trotz der Ruhe, die die letzten Wochen geherrscht hatte.

Und dann war es soweit. Es war noch Vormittag, als der Schwarze König und die Göttin des Lichtes, wie immer fast gleichzeitig, etwas spürten. Von oben, aus den finsteren Regenwolken.

Meine Kinder, ich glaube, etwas kommt, warnte der Zauberer seine Dämonen telepathisch. Geht in Deckung!

Batchiribanban und Kinkiralinlin tauchten neben Calract und Riinari auf. Ihre nackten Körper dampften in der Nässe, und der Regen lief in kleinen Rinnsalen an ihren ledernen Schwingen herab. Die Dämoninnen schauten die beiden fragend an. Wortlos deutete der Schwarze König nach oben in die trüben Regenwolken.

"Ich fliege mal hoch und ..."

"Ich glaube, das kannst du dir sparen, Linlin. Sieh'!"

Irgend etwas Grelles und Heißes bahnte sich mit hoher Geschwindigkeit seinen Weg durch den Regen und gab dabei ein seltsames Zischen und Brausen von sich. Und dann schälte sich für einen Augenblick eine gewaltige Feuerkugel aus den dunklen Wolken. Sie kam rasch näher, dann korrigierte sie sogar ihren Kurs und hielt genau auf Calract und seine Begleiterinnen zu.

So ist das also. Natürlich war der Schwarze König von Arashi über die schrecklichen Ereignisse auf Teriéte unterrichtet worden. Er wußte, was da auf ihn zuraste und ...

Ein Energiestrahl zuckte durch den Nebel und traf die Feuerkugel voll. Diese explodierte mit einem gewaltigen Donnern. Wie ein gigantischer Böller verging sie zwischen den tief hängenden Wolken und vergoß eine enorme Hitze, die bis zum Boden ausstrahlte. Calract errichtete eine Barriere für sich und die Mädchen, während er fasziniert zusah, wie die Wolken durcheinandergewirbelt wurden und schließlich wieder zur Ruhe kamen. Danach setzte der Regen um so heftiger ein.

Calract und Riinari sahen sich vielsagend an. "Heismeroke", stellte Calract fest. Riinari nickte. Sie wirkte nachdenklich.

Calract ritt zu der Kohleprinzessin hinüber, die sich etwa einen Kilometer entfernt auf einer kleinen Anhöhe aufgehalten hatte und ihm nun durch den Matsch entgegenritt.

"Ob das schon alles war für heute?", meinte sie leichthin. Ihr hatte es ganz offensichtlich Spaß gemacht. Viel zu tun hatte sie die letzten Monate ja nicht gehabt.

"Ich werde die Drachen weiter ausschwärmen lassen, vor allem über den Wolken, wo man mehr sieht." Der Zauberer sandte einen entsprechenden Befehl. Dann versammelte er seine Leute um sich, darunter auch den Kommandanten dieses Teils seiner Lunaloc-Dämonen, ein bizarres achtäugiges Wesen namens Rothirh. "Vater, ich habe darüber nachgedacht, was die beste Strategie ist, wenn wir von solchen Feuerkugeln angegriffen werden, und bin zu der Meinung gelangt, daß wir uns am besten möglichst weit verteilen, damit wir kein Ziel bieten. Nur wenige von uns können sich gegen einen Treffer oder nahen Einschlag schützen, also bleibt nur, unterzutauchen."

Calract wollte noch mehr sagen, da landete dicht neben der Gruppe einer der Drachen. Calract erkannte Otia, die Frau aus den Kirchenländern, die er einst gerettet hatte. "Wir bekommen Besuch", meinte die Drachen-Frau lakonisch. Dann erläuterte sie: "Es sind Riesen. Keine solchen wie im Gartenland, nur etwa drei oder vier Meter hoch, aber ganz schöne Klötze. Keine Ahnung, wo die auf einmal alle herkommen, wahrscheinlich haben sie sich entweder schon länger hier versteckt oder sich in dieser Suppe heimlich angeschlichen."

"Wie viele?"

"Weiß nicht. Viele. Bestimmt ein paar tausend."

Calract lief es kalt den Rücken herunter. "Und wo genau?"

"Fast überall inzwischen. Und sie haben schon mit den Angriffen begonnen."

Kaum hatte sie ausgesprochen, als den Schwarzen König ein telepathisches Alarmsignal erreichte. Einer der Drachen hatte Feuerkugeln gesichtet, und zwar mindestens zwanzig. Und auch Elfen waren aufgetaucht. Unsichtbar, aber für die Lunaloc-Dämonen dennoch zu spüren.

"Leute, der Hexentanz geht los! Wir müssen ..." Calract hielt inne, als um Heismeroke die Luft zu vibrieren begann. Die Klappe auf ihrem Rücken sprang auf, und dann schoß ein kleiner Baumstamm in die Glut. Der eiserne Brustkorb der Kohleprinzessin glühte so grell auf, daß sogar der Zauberer umgehend in Deckung sprang. Einen Atemzug später lösten sich von der Kohleprinzessin in kurzer Folge über zehn Schüsse und verschwanden im Himmel. Mindestens vier davon fanden ihr Ziel. Die Explosionen waren so heftig, daß man sie sogar durch die dicken Regenwolken sehen konnte.

Der nächste Stamm verschwand im Innern Heismerokes. Sie feuerte wie ein Maschinengewehr mit unglaubliche schneller Schußfolge. Ladung um Ladung verschwand im Himmel. Dennoch kamen viele der Kugeln durch. Inzwischen war ihre Zahl auf über 100 angewachsen. Calract und Riinari hielten sich so dicht an Heismeroke, wie sie konnten, denn wenn eine der Kugeln hier einschlug, dann würde von ihnen allen nichts mehr übrigbleiben. Sie errichteten eine magische Barriere, denn die Kohleprinzessin hatte zwar unvorstellbare Offensivkraft, aber kaum eigene Abwehrmöglichkeiten, und mußte daher unter allen Umständen geschützt werden.

Während draußen im Regen die Menschen und Lunaloc-Dämonen, unterstützt von ihren fliegenden Brüdern, gegen die blindwütig tobenden Riesen einen erbarmungslosen Kampf auf Leben und Tod führten, hatten die Feuerkugeln offenbar ihr Ziel ausgemacht. Eine nach der anderen nahmen sie Kurs auf Heismeroke, Riinari und Calract. Dessen magischen Abwehrschirm stand, gleichzeitig versuchte er, noch so etwas wie Kontrolle über die Lage zu behalten, indem er weiterhin einige der Drachen aus den Kämpfen heraushielt und stattdessen den Ort des Geschehens weiträumig beobachten ließ. Denn man wußte ja nicht, ob nicht noch mehr kam.

Riinari schrie gellend auf, als eine der Kugeln mit voller Wucht auf ihre Barriere krachte und ihre verheerende Energie entlud. Im näheren Umkreis zerfiel sofort alles zu Asche, und die etwas weiter weg stehenden Bäume brannten wie Fackeln. Eine gewaltige Säule aus Dampf, Rauch und Dreck erhob sich in den Himmel.

Verdammt, noch ein oder zwei solche Treffer, und wir sind erledigt. Wie viele von diesen Geschossen sind das denn noch?

Wieder löste sich eine Serie von Schüssen von der Kohleprinzessin, und wieder gab es ganz in der Nähe in den dichten Wolken gewaltige Explosionen. In schmalen Bahnen floß Feuer vom Himmel und steckte unten alles, was es berührte, sofort in Brand. Zum Glück waren diese halb getroffenen Feuerkugeln recht vergänglich und gingen ziemlich weit oben, tief im Innern der Regenwolken hoch.

"Warte!", rief da plötzlich Riinari, sprang auf, verließ die Barriere und rannte davon. Einen Moment später hatte der trübe Nebel sie verschluckt. Calract hoffte, daß der Schirm auch ohne sie lange genug hielt.


Mit gellendem Kampfschrei stürzten Batchi und Linlin sich synchron auf einen der Riesen. Die beiden Dämoninnen waren voll in ihrem Element. Zum Kämpfen und Töten waren sie geschaffen worden. Vor allem Linlin genoß jede Sekunde dieses heißen und blutigen Kampfes. Batchi hätte sich gar nicht so anstrengen müssen, da sie ihre Gegner ja einfach versteinern konnte. Doch auch sie genoß die Gelegenheit, sich mal wieder so richtig auszutoben. Die beiden hatten nicht lange gebraucht, um die Schwachstellen der Riesen herauszufinden. Es waren offensichtlich umgewandelte Menschen, und derjenige, der das getan hatte, hatte sich nicht viel Mühe gegeben. Diese Kreaturen waren dazu geschaffen worden, in großen Mengen verheizt zu werden. Wozu also viel Arbeit in sie investieren? Den Lunaloc-Dämonen machten sie allerdings schwer zu schaffen, Dutzende von ihnen hatten sie schon erschlagen mit ihren riesigen Keulen, Morgensternen und Knüppeln. Doch wo Linlin und Batchi auftauchten, da brachen ihre Wellen, und sie fielen reihenweise. Im Sekundentakt töteten die beiden Dämoninnen einen nach dem anderen. Die Riesen waren viel zu plump und langsam, als daß sie sich gegen die absolut tödliche Präzision der Orna-Mädchen hätten wehren können.

"Aber", brüllte Batchi durch den dröhnenden Kampflärm hindurch zu Linlin, "was, wenn hier auch diese Feuerkugeln einschlagen? Dann sind wir futsch!"

"Keine Angst. Die zielen nur noch auf Calract und Heisi. Wir sind hier in Sicherheit!"

"Wie beruhigend", erwiderte Batchi sarkastisch. Die Vorstellung, ihr Mann schwebe in akuter Lebensgefahr, wollte ihr überhaupt nicht gefallen. Doch sie wußte nur zu gut, daß sie ihm bei seinem Kampf kein bißchen helfen konnte. Ihr Platz war hier, um die Lunaloc-Armee vor dem Untergang zu retten.

"Elfen ....aaaaaaahhhh!"

Batchi sah wie in Zeitlupe, wie ein flimmerndes Feld Linlin einhüllte und sie in ihre menschliche Gestalt zurückverwandelte. Einen Moment später packte dieses Feld auch sie. Es war, als schwebe sie neben sich selbst und sah sich selbst dabei zu, wie ihre Füße und Ohren wieder kurz wurden und sich die Flügel in Arme zurückverwandelten. Batchiribanban schrie gellend auf, dann sackte sie hilflos auf dem Boden zusammen. Sie war nackt und völlig unbewaffnet. Und hinter ihr standen mindestens vier Riesen und schwangen ihre gewaltigen Keulen. Die Elfen hatten ihren Zauber teuflisch gut abgestimmt.

Mit der Kraft der Verzweiflung gelang es Batchi, die Augen aufzureißen. So konnte sie dem Tod wenigstens in die Augen sehen. Einer der Riesen baute sich vor ihr auf und grinste triumphierend auf sie hinab. Batchis Arme und Beine zuckten, waren aber in diesen entscheidenden Sekunden zu keiner koordinierten Bewegung fähig. Langsam, fast genüßlich, hob der schmierige Riese seine Keule hoch. Sie war vorn mit breitköpfigen Nägeln beschlagen, doch dieser hätte es nicht bedurft, um sie zu einem absolut tödlichen Instrument zu machen. Batchi spannte die Muskeln. Wenigstens versuchen wollte sie, dem ersten Schlag auszuweichen. Mit intensiver Konzentration sah sie in das breite, primitive Gesicht des Riesen hinauf. Da raschelte es irgendwo im Gebüsch, und einen Augenblick später gefror das feiste Grinsen des Riesen auf seinem Gesicht. Seine Augen wurden starr, dann kippte er zur Seite um. Und da lag er nun, mausetot. Hinter ihm stand ein in Fetzen gekleideter Mann, der nun eine dünne, lange Lanze aus dem Herzen des Riesen herauszog. Er warf Batchi einen kurzen Blick zu, dann verschwand er lautlos wieder im Unterholz. Die drei übriggebliebenen Riesen stierten einander dumpf an, dann drehten sie sich um und machten sich an die Verfolgung. Batchi zweifelte keinen Augenblick, daß sie keine Chance haben würden, ihn zu erwischen.

Ziemlich durcheinander, aber auch sehr erleichtert sah die Dämonin sich um. Und was sie dort hinter sich zu sehen bekam, ließ sie zumindest für einen Moment den seltsamen Mann, der ihr das Leben gerettet hatte, vergessen. Anders als sie vermutet hatte, war es nicht die Magie einer Waldelfe gewesen, die die Rückverwandlung bewirkt hatte. Sondern es hatten sich fünf Lichtelfen zusammengetan. Der Zauber war so stark, daß selbst Batchis Versteinerungsfähigkeit lahmgelegt war, kostete die Elfen ihrerseits aber soviel Kraft, daß sie nicht mal mehr ihre Unsichtbarkeit aufrechterhalten konnten. Fünf Lichtelfen auf einem Fleck, das sieht man heutzutage auch nicht mehr oft, dachte die Frau, die jetzt in ihrem menschlichen Körper, von zarter, hinreißender Schönheit war. Erstaunt sah sie, daß Linlin längst wieder auf den Beinen war und auf die Elfen zu rannte. Was will sie da? Die Elfen waren zwar so in ihrer Konzentration gefangen, daß sie nicht mehr richtig kämpfen konnten, aber was konnte Linlin von ihnen wollen? Sie mit Matsch bewerfen, vielleicht gar mit bloßen Händen angreifen? Zuzutrauen wäre es ihr gewesen. Doch dem war ganz und gar nicht so.

Als Linlin die Elfen erreicht hatte, zog sie aus der Scheide, die sie immer noch um die Hüften trug, ein Lichtschwert. Batchi bekam große Augen, als sie das sah. Stimmt, sie hatte dieses Ding die ganze Zeit ständig bei sich. Jetzt sag' bloß nicht, sie hat mit so was gerechnet!

Hatte sie aber. Und selbst als Menschenfrau war Linlin eine wilde und todesmutige Kämpferin. Das Töten machte ihr Spaß und sie gab kein Pardon. Die Elfen reagierten viel zu langsam. Das Lichtschwert fuhr dem ersten durch den Hals und mit derselben Bewegung dem zweiten durch die Brust. Es ging alles blitzschnell. Ein Schwall von Blut spritzte über den Waldboden und vermischte sich mit dem Matsch und dem Schlamm. Linlin hielt ihre Hand darunter und strich sich zwei rote Marken über ihre Wangen. Dann wirbelte sie herum, rannte ein Stück weit weg und sprang dann hinter einer großen Wurzel in Deckung. Die drei verbliebenen Elfen gerieten derweil in Panik. Sie machten sich unsichtbar, aber ihr Zauber brach. Linlin war in Deckung gegangen, weil sie genau wußte, daß sie bei der Rückverwandlung für einige Sekunden hilflos sein würde. Als der Zauber erlosch, schrieen Linlin und Batchi nahezu synchron ihren grauenvollen Schmerz heraus. Doch die vergingen sehr schnell, und dann waren sie wieder Dämoninnen. Und die Elfen hatten die zwei oder drei Sekunden, die ihnen geblieben wären, nicht genutzt. Eine von ihnen wollte wegfliegen, während die anderen viel zu spät mit gezückten Schwertern auf die Orna-Dämonin losgingen. Sie waren zwar jetzt unsichtbar, die Lichtschwerter jedoch konnten sie nicht unsichtbar machen. Sie erreichten Linlin und wurden von ihr im Bruchteil einer Sekunde dahingemetzelt. Dann nahm die braunhäutige Dämonin die Verfolgung der fliehenden Elfe auf, der letzten, die noch am Leben war.

In freier Luft konnten Lichtelfen mit ihren vier Flügeln sehr schnell fliegen. Hier unten im Gestrüpp des Waldes waren ihre starren Flügel jedoch eher hinderlich, während ein Wesen wie Linlin hier in seinem Element war. Halb fliegend, halb sich mit den langen Beinen und Füßen durch das Geäst hangelnd schoß sie ihrer Beute hinterher. Die Jagd dauerte keine zehn Sekunden, dann fiel auch die letzte der fünf Lichtelfen.

Batchi hatte sich inzwischen ebenfalls wieder in Position gebracht. Jetzt stürzte sie sich wieder auf die drei Riesen, die noch immer in der Nähe herumpolterten, und bohrte einem nach dem anderen ihre Krallen ins schwabbelige Fleisch.


Wieder löste sich eine Reihe von Schüssen aus Heismeroke, doch Calract sah, daß es diesmal nicht langen würde. Die Kohleprinzessin glühte. Nicht nur ihr eiserner Brustkorb, sondern ihr ganzer Körper glühte rot, im Zentrum sogar gelb, und verstrahlte eine ungeheure Hitze. Heismeroke pfiff auf dem letzten Loch, und zwei der Kugeln waren am Ende durchgekommen. Wenige Sekunden noch, dann mußte alles aus sein. Da sah Calract zwei Schatten durch den Himmel auf die Kugeln zuschießen. Sie trafen sie voll und brachten sie gut 100 Meter über der Erde zur Explosion. Der Schwarze König war erschüttert. Zwei seiner Drachen hatten sich geopfert, um ihn zu beschützen.

Weiter oben gab es weitere dieser Explosionen, und jedesmal vernahm Calract den Todesschrei eines seiner Kinder.

"HAAAAAAA!" Voller Wut und Verzweiflung schoß nun auch der Schwarze König selbst in die Luft. Die Barriere aufrechtzuerhalten hatte keinen Sinn mehr, jetzt ging es nur noch darum, wer schneller schoß.


"Vater, wieso landen wir?"

"Steig' ab!"

"Aber ..."

"Steig ab, Junge!"

Naruun, der Angesprochene, versteifte sich. "Vater, du ... du willst ... nein!"

Der Drachen nickte. "Es ist unsere Aufgabe, unseren Vater Calract zu schützen. Wenn es sein muß, mit unserem Leben."

"Vater", hauchte Naruun.

"Sieh doch, Naruun. Die Kohleprinzessin ist am Ende ihrer Kräfte. Wenn eine der Feuerkugeln durchkommt ... ich spüre ganz deutlich, daß Calract sie nicht länger aufzuhalten vermag."

"Dann laß mich mitfliegen."

Der alte Drachen, Nerimod war sein Name, schüttelte den Kopf. "Du bist mein Sohn. Ich werde dich nicht sinnlos opfern. Ich werde für unseren Vater sterben, aber du, mein Kind, braucht nicht auch zu sterben." Er begann mit den Flügeln zu schlagen, doch Naruun hielt ihn fest. "Vater, kein einziger von den anderen Assistenten hat seinen Drachen im Stich gelassen, egal, was geschehen ist. Soll ich mit der Schande leben, im entscheidenden Moment abgehauen zu sein? Wir haben immer alles gemeinsam gemacht. Laß' mich mitfliegen!"

Nerimod landete wieder. Wortlos sahen Vater und Sohn sich an. Elf Jahre war es nun her, daß sie beide ins Gartenland gekommen waren, Flüchtlinge aus einem weit entfernten Land, von den Piraten als Sklaven verkauft. Naruun war damals noch ein kleines Kind gewesen. Seine Mutter war irgendwo auf See gestorben, und die beiden hatten das Schlimmste erwartet. Stattdessen hatte Calract ihnen angeboten, sie zu Drachen umzuformen, zu Lunaloc-Dämonen. Naruun war sofort Feuer und Flamme für diese abenteuerliche Idee gewesen, doch sein Vater hatte darauf bestanden, daß er erst erwachsen werden müssen und danach erst entscheiden konnte. Stattdessen hatte er selbst sich freiwillig gemeldet. Doch obwohl der eine nun ein Dämon und der andere ein Mensch war, waren sie doch als Vater und Sohn zusammengeblieben. Fast alle Drachen hatten einen Assistenten. Manche glaubten, diese Assistenten seien die Piloten der Drachen, doch sie waren nicht ihre Herren, sondern ihre Diener, oft auch Freunde. Oder Angehörige wie in diesem Fall.

"Steig' auf, mein Sohn. Beeil' dich, die nächsten Kugeln kommen bereits!"


Hier ... ich bin hier ...

Riinari sah eine Kugel nach der anderen über sich die pechschwarzen Wolken durchpflügen und davonziehen. Doch endlich reagierte eine davon auf ihr Locken, änderte ihren Kurs und raste auf die Göttin des Lichtes zu.

Komm' ... sei ganz ruhig ...

Wirklich wurde die Kugel langsamer, und je näher sie der Göttin kam, um so schwächer wurde ihr Feuer. Und als sie schließlich in Riinaris ausgestreckten Händen landete, da waren alle Strahlen und Flammen erloschen und Riinari sah, was diese Kugeln wirklich waren: Waldelfen. Irgendeine dämonische Macht hatte ihr Elfenlicht so gnadenlos hochgedreht, daß aus ihnen die selbstmörderischen Feuerkugeln wurden. Denn brachten sie auch Tod und Feuer für andere, so bedeutete der Aufschlag natürlich auch für sie selbst das Ende. Die schöne Göttin des Lichtes war tieferschüttert, als ihr klar wurde, daß sie hier Zeugin des Unterganges dieses Elfenstammes wurde. Waldelfen waren selten, sehr selten. Jede Kugel war eine von ihnen, und sie hatte inzwischen über 200 gezählt. Viele waren irgendwo in den Wäldern bei den kämpfenden Dämonen eingeschlagen und hatten Dutzende von ihnen in den Tod gerissen, und wahrscheinlich hunderte von Riesen gleich mit. Wie so oft in diesem Krieg wurde auch dieses Mal wieder ohne jede Rücksicht und Menschlichkeit gekämpft.

"Wer hat euch das angetan?"

Das winzige Herz der Elfe schlug noch, obwohl sie dem Tode näher war als dem Leben. Nur dank der Macht der Göttin war sie noch am Leben und würde es wahrscheinlich auch bleiben. Heiße Tränen kullerten über Riinaris regennasses Gesicht. Vorsichtig steckte sie die Elfe in eine Tasche und wärmte sie über ihrem Herzen.

Und dann war es vorbei. In den brennenden, leise knackenden und zischenden Wald kehrte die fast unnatürliche Stille nach der Schlacht ein. Schluchzend sank Riinari in die Knie, als ihr klar wurde, daß es von jetzt an keine Waldelfen mehr gab. Nur diese eine einzige, die sie bei sich trug.


Dennoch hatte Calract natürlich Recht, daß er diese Schlacht als großen Sieg für sich verbuchte.

Die Waldelfen hatten letztlich nichts mehr ausrichten können und waren umsonst verheizt worden waren. Nachdem die letzte explodiert war, hatten die Drachen mit den Riesen leichtes Spiel gehabt. Nun ordneten sich Calracts Reihen langsam wieder. Die Verluste waren nicht dramatisch, wenn auch schmerzlich. Der skurrilste Todesfall war Heismerokes Pferd. Die Kohleprinzessin hatte die ganze Schlacht hindurch darauf gesessen, und als alles vorbei war, da stellte sie verblüfft fest, daß es zwar noch fest auf seinen vier Beinen stand, aber mausetot war. Anscheinend war es nicht allzu bekömmlich, sich längere Zeit in der Nähe einer Kohleprinzessin aufzuhalten, wenn diese mal loslegte.

Batchi versteinerte das Pferd dann und machte daraus eine Statue, und von da an hieß diese Stelle der Hügel des versteinerten Pferdes. Hier schlug Calract dann auch sein Quartier auf.


"Zeig mal."

"Nein! Du willst sie nur auffressen."

Linlin zuckte zurück und wedelte empört mit den Ohren: "Aber nein. Ich würde doch nie deine Elfe auffressen."

"Also gut, aber nur anschauen. Sonst erschrickt sie bestimmt, wenn sie aufwacht und dich sieht."

Doch es würde noch eine Zeitlang dauern, bis Riinaris Elfe wieder erwachte.

"Seltsam. So viele von diesen kleinen Biestern habe ich getötet, aber ... so genau angesehen habe ich sie mir nie. Und du sagst, das ist die letzte, die es gibt?"

Auch Batchi war dazugekommen und äugte neugierig auf den winzigen Körper, der schlaff in Riinaris Hand lag. Vorsichtig streckte sie ihre lange Zunge vor und tippte der Elfe ganz sachte auf die Brust. "Ganz warm. Was ist, wen Calract sie verhören will?"

"Calract bekommt sie auch nicht", erklärte Riinari entschlossen. "Ich werde sie beschützen." Sie nickte sich bestätigend selbst zu.

Calract war zu ihr hingetreten, sagte aber nichts und ging dann wortlos wieder davon. Auch ihn ließ es nicht kalt, daß von den drei Elfenstämmen einer soeben erloschen war.

Linlin meinte hingegen: "Aber ein gutes hat die Sache: diese kleinen Biester hatten sehr starke Zauberkräfte. Sie waren verdammt gefährlich. Jetzt wird die Jagd für mich leichter."

Riinari schüttelte den Kopf und sagte leise: "Die Jagd ist vorbei, meine Schwester. Die Elfen wurden soeben besiegt."

Und diese Worte stimmten auch die wilde, kampfeslustige Kinkiralinlin ziemlich nachdenklich.


"Wolfsmenschen?" Calract sah die etwa zwei Dutzend Männer und Frauen zweifelnd an.

"Ja, ja!", rief ihm seine Frau aufgeregt dazwischen. "Klar, so, wie sie sich bewegt haben." Sie sah über die kleine Gruppe hinweg und erkannte den Mann, den sie vor kurzem gesehen hatte. Sie ging auf ihn zu und rief fröhlich: "Danke, daß du mir das Leben gerettet hast."

Der Mann sah sie etwas verwirrt an. Batchi erklärte: "Die Elfen hatten uns zurückverwandelt. Deshalb lag ich hilflos auf dem Boden. Wenn du nicht gekommen wärst, dann hätte er mich mit seiner Keule zermalmt. Aber jetzt bin ich zum Glück wieder ich selbst."

Der Mann kniff die Augen zusammen und murmelte leise zu sich selbst: "Und ich hatte mich schon gewundert, wo mitten im Wald ein nacktes schönes Mädchen herkommt."

"Schönes Mädchen!" Natürlich hatte Batchi alles gehört, und sie fühlte sich sehr geschmeichelt. Kokett klimperte sie mit den Wimpern und wackelte mit den Hüften. Dann drehte sie sich zu ihrem Mann herum und rief ihm zu: "Du könntest ruhig auch öfters mal solche Sachen zu mir sagen, Schatzilein."

"Aber Mäuschen, du weißt doch, daß ich dich über alles liebe."

"Schon, aber es ist so schön, wenn du es mir ab und zu auch sagst."

Calract brummte etwas, dann wandte er sich wieder diesen Leuten zu, die ihm und seinen Dämonen so unerwartet zu Hilfe gekommen waren. Eine ältere Frau, wie alle anderen auch nur notdürftig mit Lumpen und Fetzen bekleidet, trat hervor. Ihr Körper wirkte kraftvoll und geschmeidig, und sie bewegte sich sehr elegant. Calract war etwas überrascht, als erst sie und dann alle anderen niederknieten.

"Majestät. Einst wurden wir von den Schwarzen Königen in Wölfe verzaubert und durchstreiften lange Jahre Euer Land. Als Thoran, der letzte Schwarze König, starb, ließet Ihr den Zauber erlöschen. Wir konnten ihn unsere Heimat zurückkehren, doch wir konnten dort nicht mehr Fuß fassen. Zu lange haben wir als Wölfe gelebt, als daß wir jemals wieder in die menschliche Zivilisation zurückkehren könnten. Und so legen wir unser Schicksal erneut in die Hand eines Schwarzen Königs. Verfahrt mit uns, wie Ihr es für richtig haltet."

Calract und die anderen Versammelten, Linlin, Rothirh, Riinari, Heismeroke, selbst SOL war dabei, sie alle waren von diesen tragischen Schicksalen und dem blinden Vertrauen, das die Wolfsmenschen dem neuen Schwarzen König entgegenbrachten, tief berührt.

Der Zauberer fand nach kurzem Nachdenken eine Lösung, die typisch für ihn war. "Erhebt euch bitte." Nachdem alle wieder aufrecht vor ihm standen, machte Calract eine ausholende Geste in die Runde. "Die meisten derjenigen, die ihr hier seht, sind ebenfalls verwandelte Menschen. Doch nicht der Macht eines Zauberers verdanken sie ihre jetzige Existenzform, sondern der Macht besonderer Kraftzentren, von denen es auf der Welt nur sehr wenige gibt. Der Unterschied ist euch vielleicht bekannt, ihr habt es ja selbst erlebt: ein Zauber kann relativ leicht gebrochen werden, selbst wenn er, wie in eurem Fall, über mehrere Generationen von Schwarzen Königen hinweg weitergegeben wurde. Hingegen ist es äußerst schwer, die Verwandlung, die von einer Heiligen Stätte ausgegangen ist, wieder rückgängig zu machen. Ihre Träger bleiben für den Rest ihres unterblichen Lebens, wie sie sind. Und auch ihr könnt dieses Leben wählen. Wenn dieser Krieg hier vorbei ist, dann gehe ich mit euch nach Lunaloc und verwandele euch dort in Lunaloc-Dämonen. Viele meiner Kinder haben besondere Fähigkeiten, und auch ihr sollt eine solche bekommen, nämlich die, euch nach Belieben in Wölfe oder Menschen umwandeln zu können. So könnt ihr aus beiden Leben das beste für euch herausholen."

Die Wolfsmenschen sahen sich fragend an. Was hatten sie erwartet? Sie hatten nie darüber gesprochen, vielleicht hatte jeder von dieser entscheidenden Begegnung eine andere Vorstellung gehabt. Femut trat vor und antwortete mit fester Stimme: "Majestät, ich danke Euch und nehme Euer Angebot an." Und dem schlossen die anderen sich ebenfalls an.


Der Regen hielt noch viele Tage an, während Calract weitersuchte, und ging dann in Schnee über. Die Tage wurden schnell kürzer, und dann kam die Zeit, wo die Sonne überhaupt nicht mehr aufging. Der Elfenkrieg war vorbei. Weder das Gartenland noch sonst etwas, was mit Calract zu tun hatte, wurde noch angegriffen. Dennoch wußte Calract, daß er es noch nicht überstanden hatte.

Er konnte sich nicht erklären, warum er das Ziel nicht finden konnte. Doch als er es dann endlich doch gefunden hatte, war die Sache eigentlich ziemlich einleuchtend.


46. Kapitel - Äräolahn

So eine Verschwendung. Mißmutig stapfte Koruun hinüber in den Stall. Heute war der Tag von Riszuratt und dem Heiligen Moebek, und an diesem Tag mußte ein Huhn geopfert und in einer feierlichen Zeremonie beigesetzt werden. Nicht, daß die Familie Giliaubell zu viele Hühner gehabt hätte, im Gegenteil. Das, das heute dran war, war eins von gerade mal zweien, und das hieß, bis man sich ein neues kaufen konnte, würde es nur noch halb so viele Eier geben. Und schlimmer noch: das Huhn mußte in einer genau vorgeschriebenen Zeremonie getötet, gerupft und dann zubereitet werden. Nur essen durfte die Familie es nicht. Koruuns Vater Koraam war bereits unten am Bach und hob das Opfergrab aus, das dann der Dorfälteste weihen würde, zusammen mit den anderen Opfergräbern. Denn am Tag von Riszuratt und dem Heiligen Moebek mußte jede Familie ein solches Opfer bringen.

So eine Verschwendung wegen nichts und wieder nichts. Kein Wunder, wenn wir es nie zu etwas bringen.

Das Jahr hatte 365 Tage, und dementsprechend gab es auch 365 Teufel und 365 Schutzheilige. An jeden einzelnen Tag in Jahr fand irgendeine Zeremonie statt, um die Teufel zu bannen und die Schutzheiligen milde zu stimmen. Es kostete nicht jeden Tag ein Huhn, aber teuer war die Sache auf jeden Fall. Und wofür? Wo sind denn all diese scheiß Geister, Dämonen und Teufel! Allerdings war Koruun bei weitem nicht so mutig, wie seine ketzerischen Gedanken es hätten vermuten lassen. Niemals hätte er sich etwa des Nachts, wenn die Teufel umgingen, hinaus ins Freie gewagt. Nicht mal die sagenhaften Ritter wagten das, höchstens die Allermutigsten von ihnen.

Mit lautem Quietschen drückte Koruun die Stalltür auf. Es war, als ahnten die zwei Hühner, was kommen würde. Verängstigt drückten sie sich in eine Ecke. "Kommt, seid schön brav", murmelte der Junge. Er drückte die Tür wieder zu und warf ein paar Körner auf den Boden. Die Vögel wurden wieder zutraulich, schließlich kannten sie ihn. Er oder seine Schwester Silberner Morgen kamen jeden Tag zum Füttern.

Koruuns Problem war, daß er in seinem ganzen Dorf, ja anscheinend sogar in der ganzen Grafschaft Kira, oder womöglich sogar im ganzen Reich Äräolahn der einzige zu sein schien, der sich einbildete, nicht an Geister und Teufel zu glauben. Und dabei leben wir in Kira, dem zivilisiertesten Teil unseres stolzen Reiches. Wann immer er mit jemandem über dieses Thema gesprochen hatte, waren die Reaktionen erschütternd gewesen. Sie hatten ihn ausgelacht, andere hatten dunkle Warnungen und Drohungen ausgestoßen, und sein Vater hatte ihn mehr als einmal grün und blau geschlagen deshalb. Am schlimmsten war es aber bei seiner Mutter: diese stille, tiefe Verzweiflung in ihren Blicken. Wenn sie ihn so ansah, dann lief ihm eine eiskalte Gänsehaut über den Rücken. Es war, als hätte sie Dinge gesehen, über die nie ein Mensch spreche durfte. Und diese Momente waren auch die einzigen, an denen er daran zweifelte, ob seine Unbekümmertheit angebracht war. Gab es all diese Teufel und Dämonen doch und warteten sie nur in irgendwelchen Verstecken darauf, sichtbar zu werden und über ihn herzufallen?

Er erinnerte sich an einen Tag vor ... es war schon lange her, er war noch ein Knirps gewesen. Es war der 29. Februar gewesen, der schrecklichste aller Tage, der Tag des Riesen Merklaat. Gegen jeden Teufel, selbst gegen den Pestreiter und den Wallbill, gab es einen Schutzheiligen. Die einzige Ausnahme war alle vier Jahre der Tag des Riesen Merklaat. Es hieß, der Riese Merklaat sei so groß, daß ein Mensch nur seine Füße und Beine sehen konnte. Der Rest verschwinde im Himmel. Von Norden kommend, erst den Lauf des Nuriob und dann den Siina entlang von den Nordbergen bis zum Meer gehe der Riese in nur einer Nacht. Und was sich ihm in den Weg stelle, das trampele er einfach nieder. Wer ihn ansehe, der verschwinde spurlos und für immer.

Ängstlich hatte die Familie damals in ihrer Hütte gesessen, aneinandergedrückt und mit klopfenden Herzen auf die Schritte gewartet, die irgendwann nach Mitternacht hier vorbeikommen sollten. Den Siina hinunter - nun, die Grafschaft Kira lag direkt am Siina, dort, wo er eine bogenförmige Schleife machte. Die Kiraer empfanden sich als das Herz Äräolahns, doch ihre lange Flußgrenze bedeutete natürlich auch, daß der Riese Merklaat sich hier besonders lange aufhalten würde.

"Wann kommt denn nun der Riese?", hatte Koruun seine Mutter gefragt, die ihn und seine Schwester Silberner Morgen fest an sich drückte.

"Schscht!", zischte sie ihm leise zu. Koruun konnte die panische Angst seiner Mutter, ihren rasenden Puls, ihre schweißnasse, eiskalte Haut, nur zu deutlich fühlen, aber schon damals, als kleiner Knirps, war ihm diese Show irgendwie albern vorgekommen. Irgendwann tief in der Nacht war er dann eingeschlafen, und bis heute wußte er nicht, ob er das, was er dann gehört hatte, nur geträumt hatte oder ob es tatsächlich passiert war. Diese Schritte in der Finsternis. Dann die Stille. Irgendwo huschte eine Maus über das Dach. Dann wieder einen Schritt, ein abgrundtiefes Donnern aus weiter, weiter Ferne, so weit, daß man nicht sagen konnte, ob es nicht vielleicht nur das eigene, heftig zuckende Herz war, das man zu hören glaubte. Wieder eine Minute Pause, dann wieder ein Schritt, diesmal lauter. Dann der nächste. Die Erde begann leicht zu zittern. Oder war es nur das panikerfüllte Zittern seiner Mutter, die ihn wie in einem eisernen Schraubstock festhielt?

Koruun wußte nicht, wie langes es gedauert hatte, bis diese Schritte eines Giganten wieder irgendwo in der Ferne - im Süden? - verschwunden waren. Auf jeden Fall, wenn es real gewesen war, dann war es die schlimmste Nacht seines Lebens gewesen, andernfalls sein schlimmster Alptraum.

Koruun schüttelte energisch den Kopf. Die Hühner sahen auf und äugten neugierig zu ihm hinüber. Der Junge warf noch ein paar Körner auf den Boden, diesmal dicht vor sich. So ersparte er es sich, den Vögeln nachlaufen zu müssen. Zutraulich kamen sie näher, und Koruun fing eines ein. Er hielt es mit der einen Hand fest und ließ es aus der anderen noch ein bißchen fressen. Dann verließ er den Stall wieder. Das Huhn sah seinem Zuhause wehmütig nach.

"Hier, ich habe eins."

"Das hat ja lange gedauert. Was glaubst du, daß wir den ganzen Tag Zeit haben? Los, schneide ihm den Hals durch und dann fang an mit Rupfen!"

"Aber ..."

"Kein aber! Gott, warum mußt du immer widersprechen!", erwiderte seine Mutter streng, während sie Holz in die Feuerstelle legte.


Silberner Morgen war bei der mittäglichen Preisung gewesen, in der der Große Herr Z um Gnade und Vergebung angefleht wurde. Dann begann der Umzug zu den Opfergräbern, die die Familienväter inzwischen ausgehoben hatten. Pech war es für die Witwen und ihre Kinder. Das Ausheben war nun mal Männersache, und wenn in der Familie kein Mann mehr war, dann wurde ihr auch kein Segen zuteil. Koruun empfand allerdings kein Mitleid mit ihnen. Wer in solchen Verhältnissen lebte, der verdiente es nicht besser. Und außerdem war diese ganze Show sowieso lächerlich. Segen, pah! Einen Segen konnte man weder sehen noch anfassen. Also gab es ihn gar nicht, das war doch sonnenklar. Selbst schuld, war an sowas glaubte.


Silberner Morgen und die anderen Dorfbewohner, die Zeit gehabt hatten, an der Preisung teilzunehmen, folgten nun dem Dorfältesten auf seinem Rundgang. Vom Marktplatz des Dorfes zum Bach waren es gute zwei Kilometer. Das Land hier am Unterlauf des Siina war ausgesprochen idyllisch und sehr fruchtbar. Zwischen den weiten Feldern mit den darin eingestreuten Dörfern erhoben sich einige sanfte Hügel, die meisten davon bewaldet, denn der Provinzfürst und seine engsten Untergebenen beliebten gern zur Jagd auszureiten, und dafür waren die lichten Wäldchen geradezu ideal. Weniger ideal war es für die Bauern, denn ihren wachsenden Familien fehlte das Land, um dort etwas anzubauen. Doch das war schon immer so gewesen. Äräolahn war seit Menschengedenken kultiviert, und ebensolange hatte sich hier nichts geändert. Nichts am Stand der Technik, nichts am Stand der Zivilisation, und schon gar nichts an dem inbrünstigen Glauben an Teufel, Geister und Schutzheilige. Denn die Großen, die dieses riesige Land beherrschten, waren an Veränderungen nicht interessiert. Ab und zu, alle paar Menschenleben, wechselten sie ihre Namen. Doch für die kleinen Leute wie Koraam und seine Familie waren sie so fern wie die Götter selbst.

Es war heute ein besonders schöner Tag. Zuvor hatte es ausgiebig geregnet, jetzt herrschte strahlender Sonnenschein, und die Pflanzenwelt schien geradezu zu explodieren. Über weichen Boden ging die Prozession hinunter zu dem kleinen, murmelnden Bach, der am Rande des Dorfes floß und seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden die Grenze zur Nachbargemeinde bildete. Auf beiden Seiten hatten die Familienväter inzwischen die Opfergräber ausgehoben. Allerdings hatte auf der anderen Seite die Segnung bereits begonnen. Dennoch zeigte der Dorfälteste nicht die geringste Eile. Er war mindestens doppelt so alt wie sein Kollege drüben, und es wäre unter seiner Würde gewesen, wegen dieses jungen Spundes, der sowieso keine Ahnung hatte, ins Schwitzen zu kommen.

Grab um Grab ging der weißhaarige Alte ab, murmelte unverständliche Zaubersprüche und warf dann in jedes der Löcher eine Handvoll Salz und ein paar glimmende, stark rauchende Blätter, die angeblich noch vom Großen Kümgens persönlich gesegnet worden waren. Sicher halfen sie besonders gut gegen die Teufel. Silberner Morgen dachte an ihre Schwester, die vor eineinhalb Jahren an einer plötzlichen Krankheit gestorben war. Gestern war sie noch quietsch lebendig gewesen, einen Tag später lag sie mit glühendem Fieber im Bett, und am nächsten Tag war sie nicht mehr aufgewacht. Sie konnte einfach nicht begreifen, wie ihr doofer Bruder behaupten konnte, es gebe keine Geister, wenn man doch jeden Tag das Gegenteil mit den eigenen Augen sehen konnte. Geister waren so real wie die Sonne und der Mond.

In einer stillen Stunde hatte Silberner Morgen den Dorfältesten mal gefragt, ob Koruun irgendwie nicht ganz normal sei. Leider hatte sie seine kryptische Antwort nicht verstanden. Irgend etwas mit "Ketzer" oder so hatte der Alte gesagt, und daß Koruun ein grauenvolles Schicksal bevorstünde. Den Rest hatte das schöne Mädchen lieber rasch wieder vergessen.

Die Zeremonie zog sich bis zum späten Nachmittag hin. Die Frauen kamen mit den gebratenen Hühnern. Sie waren alle zum Essen zubereitet, mit Gewürzen, Honig - nichts fehlte. Und doch waren sie nicht für die Menschen, schon gar nicht für die immer hungrigen Kinder gedacht, sondern für den Heiligen Riszuratt. Ehrfurchtsvoll wurden die Speisen in die Gräber versenkt, dann wurden diese wieder zugeschaufelt. So manch einer wischte sich dabei heimlich eine Träne aus den Augen. Gebratene Hühner, so etwas gab es in den meisten Häusern vielleicht einmal im Jahr. Doch mit den Geistern mußte man sich gutstellen, auch wenn es etwas kostete.

Nachdem die Erde wieder drauf war, schritt der Dorfälteste den Bach wieder in der anderen Richtung ab und legte auf jedes Grab einen geflochtenen Blumenkranz, den die Mädchen aus seiner Unterrichtsstunde am Morgen gemacht hatten. Silberner Morgen war auf ihren Kranz sehr stolz, sie hatte sich besonders viel Mühe gegeben und war hoch erfreut, daß er auf dem Opfergrab ihrer Familie zu liegen kam. Diese liebenswürdigen kleinen Aufmerksamkeiten waren es, weswegen Silberner Morgen den freundlichen Dorfältesten so sehr verehrte. Während Koruun von ihm gar nichts hielt und ihn meistens als alten Spinner bezeichnete. Natürlich nur, wenn niemand zuhörte. Nur leider hatte es ihre Mutter einmal doch mitbekommen. Sie hatte es Silberner Morgens Vater erzählt, und so war für Koruun mal wieder eine ordentliche Tracht Prügel fällig gewesen.


Das Abendessen war bescheiden wie immer, aber wenigstens gab es genug Brot, auch wenn es ohne Salz, das nur der Abwehr böser Geister vorbehalten war, fad schmeckte. Aber Koraam meinte, sie müßten dem Großen Herrn Z dafür mehr als dankbar sein. Denn es gab viele Leute, denen es es viel schlechter ging. Die armen Pecks waren das Beispiel, das Koraam bei solchen Anlässen stets zitierte. Silberner Morgen hatte nur eine äußerst vage Vorstellung, was sie sich unter einem armen Peck vorzustellen hatte, doch Koruun behauptete, er habe schon mal einen gesehen. Wie der ausgesehen hatte, das hatte er Silberner Morgen nicht verraten, und daher war die junge Frau überzeugt, ihr kleiner Bruder habe sich das nur ausgedacht. Aber auch so gab es genügend Beispiele für Beladene oder Menschen, denen ihr persönlicher Teufel das Leben mit Krankheiten und Schicksalsschlägen aller Art zur Hölle machte.

Zwar nicht zufrieden, aber immerhin satt, begab Koruun sich dann zur Ruhe.

*

Der nächste Tag begann ganz normal. Die Männer und ihre Söhne gingen auf die Felder, die Frauen und Töchter begannen mit den nie endenden Arbeiten im Haus, im Garten und den Ställen. Doch irgend etwas war anders heute. Ein Gerücht summte über das Land. Man konnte es fast herumfliegen sehen. Natürlich wußte niemand von den Nachbarn etwas Konkretes, irgend etwas sollte jedenfalls passieren, und zwar etwas Gutes. Nach dem Mittagessen war für die Kinder die übliche Unterweisungsstunde beim Dorfältesten. Silberner Morgen war eigentlich schon zu alt dafür, aber der Dorfälteste hatte sie als eine Art Assistentin engagiert. Ihre Mutter kam die ein oder zwei Stunden auch ohne sie zurecht, und so verbracht die junge Frau fast jeden Nachmittag mit dem freundlichen alten Mann, der den Kindern die Legenden Äräolahns erzählte und ihnen Respekt vor den Geistern, den Schutzheiligen, den tapferen Rittern und weltlichen Autoritäten beibrachte.

Nie hatte Silberner Morgen dabei beobachtet, daß der Dorfälteste eins der Kinder je geschlagen hätte. Prügel waren in Äräolahn ein vollkommen selbstverständliches Erziehungsmittel, doch dieser Mann genoß dank seines hohen Alters, seiner Freundlichkeit und auch seiner tiefgründigen Gewitztheit im ganzen Dorf einen großen Respekt. Sein Wort war Gesetz, jedenfalls solange nicht der Graf etwas Anderes befahl. Doch Graf Kira ließ sich außerhalb der Hauptstadt kaum jemals blicken und mischte sich in das tägliche Leben seiner Untertanen so gut wie nie ein. Gut, er ritt oft zum Jagen, aber dennoch - er war den Bauern so fern, nichts als ein Name, ein ferner Schatten, der mit ihrem tägliche Leben nicht wirklich etwas zu tun hatte. Er gehörte einfach zur gottgewollten Hierarchie dieses geheiligten Landes.

An diesem Tag jedenfalls hatte Silberner Morgen es besonders eilig, nach dem Essen und dem Abräumen des Tisches zum Dorfplatz zu kommen. Sie platze fast vor Neugier, was denn nun eigentlich wirklich los war. Doch der Dorfälteste bat sie um etwas Geduld.

Schneller als sonst trudelten auch die Kinder zur Unterweisungsstunde ein, setzten sich auf die Plätze und sahen den weißhaarigen alten Mann mit großen Augen an. Der tat sehr geheimnisvoll, murmelte wieder einige seiner seltsamen Sprüche in einer Sprache, die niemand kannte, dann baute er sich vor den Kindern auf - Silberner Morgen sah, daß etwas außerhalb auch viele Erwachsene standen und gespannt zuhörten - und sagte schließlich mit gewichtiger Stimme: "Liebe Kinder. Der normale Unterricht fällt heute aus, denn es wird ein Ereignis eintreten, das einem kleinen, unbedeutenden Dorf wie dem unseren nur alle paar Jahrzehnte wiederfährt. Ein Verkünder wird uns aufsuchen."

Alles hielt den Atem an. Jeder konnte sich unter dem Begriff 'Verkünder' etwas vorstellen, auch wenn nur die ganz Alten des Dorfes je einen persönlich gesehen haben mochten.

Verkünder waren fast so etwas wie lebende Schutzheilige. Sie verkündeten die Lehre der Großen, heute war es der Große Herr Z, der seit nunmehr fast 70 Jahren in Weisheit und Güte über Äräolahn herrschte. Sie standen außerhalb der normalen gesellschaftlichen Hierarchie. Nicht einmal der Graf konnte einem Verkünder etwas befehlen, im Gegenteil, er mußte für seinen Schutz und eine angemessene Unterkunft auf seinem Gebiet sorgen. Selten nur kam es vor, daß ein Verkünder die jeweilige Hauptstadt verließ und die Dörfer aufsuchte, doch offensichtlich stand diesmal genau so ein Ereignis bevor.

"Ja, ein Verkünder kommt zu uns Niederen herabgestiegen, um uns die Gnade des Großen Herrn Z zu verkünden und genau zu untersuchen, ob wir ihrer auch würdig sind."

Streng blickte der Dorfälteste in die Runde, und zumindest den Erwachsenen entging die versteckte Drohung in diesen Worten nicht. Denn wenn sich das Dorf, aus welchen Gründen auch immer, als unwürdig erweisen würde ... nicht auszudenken. Alle Blicke ruhten wie gebannt auf dem Dorfältesten. Er hatte es nun in der Hand zu bestimmen, was das Dorf tun mußte, um für würdig befunden zu werden.

Was nun folgte, war eine ausschweifende Rede, die sich über mehr als zwei Stunden hinzog und in der alles und nichts gesagt wurde. Klar war am Ende, daß das Dorf für den morgigen Tag herausgeputzt und geschmückt werden mußte. Der Boden mußte so sauber sein, daß man davon essen konnte. Die Häuser mußten geputzt, ausgebessert und frisch gestrichen werden. Kurz, es war unendlich viel Arbeit zu tun. Die Männer mußten ihre Felder verlassen und mithelfen, obwohl es draußen auch mehr als genug zu tun gegeben hätte. Das ganze Dorf summte nur so vor Geschäftigkeit, die bis in die späten Abendstunden andauerte. Dann kam die Zeit der Teufel, Salz half nun nicht mehr, und die Menschen mußten zurück in ihre Häuser.

Am nächsten Morgen ging es dann in aller Frühe weiter. Der Verkünder würde gegen 11 Uhr erwartet, immerhin Zeit genug, um alle Arbeiten abzuschließen.

"So ein Blödsinn, und das nur wegen eines Typen, den wir gar nicht mal kennen", flüsterte Koruun seiner Schwester zu. Die machte ein entsetztes Gesicht, aber heute hatte sie einfach keine Zeit und auch keine Energie mehr, ihren störrischen Bruder zur Raison zu bringen. "Wart's nur ab", zischte sie ihm zu.

Auf dem Dorfplatz hatte man vorne eine für die hiesigen Verhältnisse ausgesprochen prächtige und luxuriöse Tribüne aufgebaut, auf der in der Mitte der Verkünder, rechts von ihm der Dorfälteste und links Silberner Morgen als seine Assistentin sitzen würde. Dem Mädchen war fast schwindelig geworden, als sie erfahren hatte, welche Ehre ihr zuteil werden sollte. Direkt neben einem Verkünder zu sitzen, das hätte sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht erhofft. Ihre Mutter und ihr Vater glühten geradezu vor Stolz auf ihre schöne Tochter und warfen Koruun um so finsterere Blicke zu. "Wenn du mir heute Schande machst, dann schlage ich dich tot", hatte Koraam seinem Sohn mit eisiger Stimme verkündet, und der hatte keinen Zweifel, daß sein Vater diese Drohung wahr machen würde. Also würde er sich ausnahmsweise zusammenreißen.

Gegenüber der Tribüne waren zwei Reihen Bänke aufgestellt, auf denen die wichtigen Männer des Dorfes saßen. Dahinter kamen einfache Stühle für die einfachen Leute, noch weiter hinten die Stehplätze für die Frauen, Kinder und die Armen.

Bis zuletzt wurde geklopft, gehämmert, gefegt, geputzt und poliert. Ein paar Leute rollten sogar einen Teppich aus. Es war jener Teppich aus dem kleinen Gemeindehaus, der im Verwaltungszimmer des Dorfältesten an der Wand hing. Er war uralt und sehr wertvoll. Er zeigte Szenen aus den legendären Gründertagen Äräolahns. Neben den Hafenstädten Kalik und Doona war auf diesem Teppich auch Kira symbolisch abgebildet - der Beweis, wie bedeutend dieses Herzstück Äräolahns schon immer gewesen war - für diejenigen, die es nicht glauben mochten.

Kurz vor Elf betraten der Dorfältestes und Silberner Morgen die Tribüne. Beide waren in prunkvolle Kleider gehüllt. Schweigend blieben sie neben den Sesseln stehen und blickten auf die Versammelten vor ihnen herab. Die Turmuhr schlug Elf, und ein leises Raunen ging durch die Menge. ER kam die Straße entlang, die nach Kira führte.

"Gemeinde: erhebt euch, denn es nahet der Verkünder, Doktor Tschiebelholzer!" Alles erhob sich von den Plätzen.

Koruun war enttäuscht. Das sollte dieser tolle Verkünder sein? Der Kerl hatte nicht mal ein Pferd. Und keine Begleiter. Jemand, der allein zu Fuß unterwegs war, war ... ein Peck ... Krampfhaft unterdrückte der Junge ein glucksendes Lachen. Wenn sein Vater von ihm auch nur den leisesten Mucks hörte, dann war was fällig. Seltsamerweise mußte er bei dem Gedanken an seinen Vater noch mehr kichern. Es traten ihm fast die Augen aus dem Kopf, so mußte er sich zusammenreißen, doch er schaffte es.

Der Verkünder kam näher. Es war eine große, hagere Gestalt, gehüllt in eine weite Kutte und mit einer Kapuze über dem Kopf. Koruuns Spott verwandelte sich in Neugier. Der Verkünder sah nicht so aus, wie er ihn sich vorgestellt hatte - er hatte an so etwas wie den Grafen Kira gedacht, der vor lauter Gold und Schmuck kaum laufen konnte - zumindest hatte Koruun ihn so in Erinnerung, aber das war schon ewig lang her. Wie oft im Leben kam einer dazu, sein Dorf zu verlassen und in die Provinzhauptstadt zu kommen? Es gab ja nicht mal Straßen. Aber der Verkünder - der kam durch die ganze Welt. In Koruun erwachte ein gewisser Respekt.

Die Schritte des Verkünders waren ruhig und kraftvoll, irgendwie schwebend. Er betrat die Tribüne und zog die Kapuze vom Kopf. Wieder ging ein Raunen durch die Menge. Dieser Mann sah ungewöhnlich und irgendwie gefährlich aus. Sein Alter war unmöglich zu schätzen. Sein Gesicht war hager, seine Züge hart und seine grauen Augen scheinen in weite Fernen zu blicken. Der Mund war zusammengekniffen und zeugte von großem Leid, das dieser Mann gesehen oder auch erfahren haben mochte.

Dennoch nickte er dem Dorfältesten freundlich zu. Dann wandte er sich Silberner Morgen zu, nahm ihre Hand und streichelte ihr über den Kopf, wobei sein Blick immer noch weit weg zu sein schien.

Schließlich rückte er sich den prunkvollen Sessel zurecht und setzte sich hin, was für den Dorfältesten und seine Assistentin das Zeichen war, es ihm gleichzutun. Nun nahmen auch die Versammelten wieder Platz, nachdem sie sich zunächst ehrfürchtig vor dem Verkünder verbeugt hatten.

Der Doktor hatte eine leise, aber dennoch durchdringende Stimme. "Liebe Gemeinde in Kira. Ich bedanke mich für den freundlichen Empfang, den ihr mir geboten habt." Seine Stimme klang allerdings nicht so, als würde er sich wirklich freuen.

"Der Große Herr Z, unser alle Gebieter und Beschützer der heiligen Ordnung, hat mich ausgesandt, um die Guten zu belohnen und die Bösen zu bestrafen."

Er machte eine Pause und sah mit bohrenden Blicken auf die vor ihm Versammelten herab. Es herrschte atemlose Stille.

"Im Namen des Großen Herrn Z befehle ich euch, eure Plätze nicht zu verlassen, ganz gleich, was nun auch geschieht. Koruun Giliaubell, tritt vor!"

Koruun zuckte zusammen wir unter einem heftigen Stromstoß. Was ... war das wirklich sein Name gewesen? Aber ... Ihm wurde schwindelig.

"Koruun Giliaubell, tritt vor und komme zu mir, um für deine Sünden zu büßen."

Koruun wollte irgend etwas machen, doch er konnte sich nicht bewegen.

"Koruun Giliaubell. Der Große Herr Z sieht alles und weiß alles. Er weiß, daß du ein Zweifler bist. Komme nun zu mir und höre meine Entscheidung!"

Koruun sah, wie sein Vater aufsprang, zu ihm hinüberrannte, ihn am Arm packte und nach vorne schleifte. In ihm war jedes Gefühl abgestorben, es war, als schwebe er neben sich. Daß auch sein Vater vor Aufregung und Scham zitterte und kaum Luft holen konnte, das bekam der Junge nicht mit.

"Herr, hier ist der Sünder", hörte er seinen Vater keuchen. Er erkannte kaum seine Stimme.

"Ich danke dir, Koraam Giliaubell. Du bist ein guter und rechtschaffener Mann und wirst für deinen Glauben belohnt werden." Die Stimme des Verkünders war kalt wie Eis.

Koraam taumelte auf seinen Platz zurück.

Koruun zuckte zusammen. Das Leben kehrte in ihn zurück. Was sollte dieser Wahnsinn hier? Was bildete dieser alte Sack sich überhaupt ein? Trotzig blickte er den Doktor an.

"Koruun Giliaubell. Gestehst du deine Sünden."

"Nein. NEIIIIN! Ich habe keine Sünden begangen."

Ein Aufschrei des Entsetzens ging durch die Menge. Koruuns Vater sprang auf und stürzte nach vorn, wild entschlossen, seinen Sohn zum Schweigen zu bringen, und wenn er ihn totschlagen mußte. Doch Doktor Tschiebelholzer gebot ihm mit einer energischen Handbewegung Einhalt. Dann stand er auf. "Du brauchst keine Angst zu haben, daß ich nicht die Mittel hätte, meine Autorität und die des Großen Herrn Z durchzusetzen auch gegenüber Ketzern wie diesem Jungen hier, der sich einbildet, an nichts glauben zu wollen, was uns allen heilig ist. Nun, Koruun, gestehst du, daß du die Teufel und Geister für Aberglauben hältst?"

"Ja, es sind nichts als Ammenmärchen, um uns in Armut und Unterdrückung zu halten." Koruun hatte mit seinem Leben abgeschlossen, und die Widerworte sprudelten nur so aus ihm heraus. Einmal, einmal wenigstens mußte das gesagt werden, weil es die verdammte Wahrheit war.

"Gestern, diese armen Hü... hü... h ..." Er wollte weitersprechen, doch eine unsichtbare Faust schnürte ihm die Kehle zu, während die Augen des Verkünders grell zu leuchten schienen. Koruun rang verzweifelt um Atem, bis er schließlich blau anlief und zusammenbrach. Einen Augenblick, bevor er bewußtlos wurde, löste sich der grauenvolle Griff wieder. Mit der Kraft der Verzweiflung sog der Junge die lebensspendende Luft in seine Lungen.

"Stehe auf. Du wirst noch lange genug auf dem Boden kriechen, junger Koruun!"

Unwillkürlich gehorchte der Junge. Unsicher blickte er den Doktor an. Ihn überkam ein grauenvoller Verdacht. Sollte er doch Unrecht gehabt haben. Gab es all die Geister wirklich, wie die Leute immer behaupteten?

Doktor Tschiebelholzer erhob sich, verließ die Bühne, trat vor Koruun hin und löste von seinem Gürtel zwei kleine Steinfiguren. "Du wirst eine weite Reise machen, Koruun Giliaubell. Du wirst dein Dorf, deine Familie und deine Freunde niemals wiedersehen. Diese beiden Meganten werden dir den Weg weisen." Er legte die Hände zusammen und begann sich zu konzentrieren. Koruun fühlte sich innerlich wie aus Eis, vor dem nun ein heißes Feuer dunkler Mächte zu brennen begonnen hatte. Was tat dieser Mann da vor ihm? Eine seltsame Macht strömte von ihm aus und ging auf die kleinen Steinfiguren über. Diese wurden plötzlich lebendig und begannen zu wachsen. Sie wurden größer und größer, bis sie schließlich eine Höhe von fast 2,5 Metern erreicht hatten. Sie waren immer noch aus Stein, und doch waren sie lebendig.

"Koruun Giliaubell! Folge den Meganten. Und dreh' dich nicht mehr um."

"W... wohin ahhh" Wieder griff diese eiserne Faust nach seiner Kehle, und diesmal drückte sie solange zu, bis Koruun bewußtlos zusammenbrach. Nach kurzer Zeit erwachte er wieder. Die Meganten standen bereits am Dorfausgang. Schweigend deutete Doktor Tschiebelholzer zu ihnen hinüber. Sein bleicher, langer, dünner Zeigefinger schien Koruun den Weg direkt zur Hölle zu weisen. Koruun stand auf und setzte sich taumelnd in Bewegung.

"Folge den Meganten und sieh dich nicht mehr um!"

Natürlich drehte er sich auf diese Worte hin sofort doch um, doch dieser Ungehorsam wurde auf der Stelle grausam bestraft. Es war wie das Feuer der Hölle, das nun nach dem rebellischen Jungen griff. Koruuns Todesqualen dauerte nur wenige Minuten und hinterließ auch keine äußerlich sichtbaren Schäden, doch der Wille den Jungen war erst einmal gebrochen. Mit kraftlosen Schritten schleppte er sich hinter den Meganten her. Er drehte sich nicht mehr um. Sein altes Leben war Vergangenheit, nichts davon würde er je wiedersehen.

Koruun und seine steinernen und dennoch lebendigen Wächter verließen das Dorf, dann ging es über Wege, von denen der Junge nicht mal gewußt hatte, daß die existieren, hinaus aus der Dorfgemarkung, in weiter Ferne vorbei an der Hauptstadt. Weiter und immer weiter liefen sie, einem unbekannten Ziel entgegen.


"Der Große Herr Z sieht alles." Wieder machte Doktor Tschiebelholzer eine Pause, diesmal eine sehr lange. Er schien erschöpft und gealtert. Die Versammelten wagten kaum zu atmen. Wer wußte schon, wer der nächste sein würde. Sünder waren sie doch alle.

"Aber", fuhr er nach langem Schweigen mit leiser Stimme fort, "er belohnt auch die Guten. Silberner Morgen, du wurdest auserwählt. Auserwählt für die höchste irdische Belohnung. Du wirst den Großen Herrn Z sehen."

*

Koruun wußte nicht, wie lange dieser Marsch schon dauerte. Es war dunkel geworden, dann wieder hell, wieder dunkel ... er hatte nicht mitgezählt. Auch, daß sie meist im Freien übernachteten, machte ihm nichts mehr aus. Vielleicht lag das an seinen unheimlichen Begleitern. Die Meganten sprachen nie, sie setzten sich auch nie hin. Auch während der Nächte standen sie aufrecht und wachten mit glühenden Augen über ihn. Es wurde wieder einmal Tag. Als Koruun erwachte, drehten die Steinernen sich um und gingen weiter. Koruun überlegte sich, was passieren würde, wenn er einfach liegenblieb. Aber irgend etwas zwang ihn dazu, den beiden unheimlichen Wächtern zu folgen. Am Vormittag pflegten die Meganten üblicherweise auf irgendein Haus oder ein Gehöft zuzugehen und anzuklopfen - viermal. Das war das Zeichen für böse Geister oder noch etwas Schlimmeres. Aber man mußte trotzdem öffnen.

Natürlich öffnete niemand. Die Menschen hatten zuviel Angst und taten so, als wäre niemand Zuhause. So klopften sie wieder. Und wieder. Und wieder. Einmal hatte es eine dreiviertel Stunde gedauert, bis die Tür schließlich doch aufgerissen worden war. Die Frau des Hauses war mit einem Küchenmesser bewaffnet und zitternd entschlossen, um ihr Leben zu kämpfen. Doch einerseits wollten die beiden Meganten gar nichts von ihr, und außerdem bezweifelte Koruun, daß man ihnen, die nicht einmal richtig lebendig waren, mit einem primitiven Messer hätte gefährlich werden können. Zumal sie ja aus Stein waren.

Zweck der Übung war es, ihn mit Nahrung zu versorgen, damit er die Reise, wohin sie auch immer gehen mochte, überhaupt überlebte. Und obwohl die Meganten niemals sprachen, begriffen die Leute schnell, was man von ihnen verlangte.

Eine weitere Mahlzeit dieser Art gab es abends. Zu hungern brauchte Koruun nicht. Wasser gab es in den zahlreichen kleinen Bächen, die das kultivierte Land überall durchzogen, auch immer genug, und so gelang es dem Jungen aus Kira ab und zu sogar, seiner unfreiwilligen Reise auch schöne Seiten abzugewinnen. Er sah hier Orte, von deren Existenz er nie zuvor etwas geahnt hatte.

So groß und dichtbesiedelt Äräolahn auch war, so gab es doch keinerlei Straßen, die die einzelnen Distrikte miteinander verbanden. Von der jeweiligen Hauptstadt, in der der Fürst oder Graf residierte, zogen sich ein paar Feldwege und Trampelpfade zu den Dörfern und Äckern. Daß jemand weiter weg gehen wollte, war nicht vorgesehen. Es war aber natürlich auch nicht unmöglich. Die Meganten gingen somit die meiste Zeit einfach querfeldein beziehungsweise an den Feldergrenzen entlang, was bei dem stark bewirtschafteten und fruchtbaren Land recht leicht war. Irgendwann erreichte man dann wieder einen Pfad, kam in das nächste Dorf, dann die Hauptstadt, in der es in der Regel keinerlei Gasthäuser oder irgend etwas gab, um Fremde zu bewirten und unterzubringen - wozu auch? - dann verließen die drei Wanderer die Stadt wieder, kamen durch kleine Dörfer, dann wieder über Felder und Äcker. Manchmal mußten sie auch Waldstücke durchqueren. Hier fühlte Koruun sich instinktiv unwohl. Wenn es einen Ort gab, an dem die Geister sich ganz gewiß versammelten, dann waren es diese Wälder. Wälder waren kein Ort für Menschen.

Der Junge verstand nicht, warum so etwas nutzloses und Schauriges wie Wälder überhaupt noch da war. Wenn man sie rodete, hatten man doch mehr Platz für Äcker und Felder. Alle würden dann mehr zu essen haben. Nicht, daß die Bevölkerung oft Hunger hätte leiden müssen, aber sparsam mußte man schon sein, und wenn etwas Unvorhergesehenes passierte, dann kam es schon mal vor, daß eine Woche lang das Abendessen ausfiel und man hungrig ins Bett mußte. Das war nicht schön. Und dazu kamen diese ständigen Opfer, die sie zur Besänftigung aller möglichen Teufel Tag um Tag bringen mußten. Und das kostbare Salz mußte auch bezahlt werden. Nein, leicht war das Leben in Äräolahn nicht.

Koruun kam nie auf die Idee sich zu wundern, warum es überall, wo er hinkam, praktisch gleich aussah. Überall die gleichen Dörfer, die kaum vorhandenen Wege, die Stelen gegen böse Geister, der stark verwurzelte Glaube an Teufel und Schutzheilige, auch wenn sie in anderen Gegenden teilweise anders hießen. Überall war es genau wie Zuhause. Äräolahn war eine festgefügte Einheit, und das, obwohl die Menschen einander niemals begegneten. Für Koruun war das allerdings so selbstverständlich, daß es ihm nie in den Sinn kam, es könnte anderswo vielleicht nicht so sein.

Die unheimliche Reise ging die meiste Zeit Richtung Norden, grob den Siina entlang. Eines Tages jedoch trafen sie auf eine breite, gut ausgebaute und sogar gepflasterte Straße. Koruun staunte. Er kannte so etwas bisher nur vom Hörensagen. Die Straße führte in fast gerader Linie von West nach Ost. Im Westen lief sie auf den Siina zu, wo sie anscheinend auch begann. Wohin sie in die andere Richtung ging, das wußte Koruun jedoch nicht. Nur, daß er dort in weiter Ferne am Horizont die Flügel des Himmels sehen konnte, diese majestätischen Berge, die nicht einmal die bösen Geister überwinden konnten und die seine Heimat Äräolahn vor jeder Gefahr aus dem Osten beschützten. So hatte er es in den Unterweisungen des Dorfältesten gelernt. Jetzt erst - zu spät - erkannt der Junge, daß diese Unterrichtsstunden nicht nur verschwendete Zeit und blödes Gerede gewesen waren, sondern einen sehr realen Hintergrund hatten.

Am Abend, als wieder Essenszeit war, erreichte die unheimliche Reisegruppe eine kleine Stadt, und auch hier war einiges anders: es gab ein Gasthaus. Reisende aus anderen Ländern hätten es wahrscheinlich als kleine Privatherberge mit zwei Betten bezeichnet, aber es war das erste Mal auf seiner Reise durch sein Heimatland, daß Koruun überhaupt ein Haus sah, das zumindest teilweise dafür gedacht war, Reisenden für die Nacht eine Unterkunft zu geben.

Und es war auch das erst Mal, daß die beiden Meganten ihn ins Innere begleiteten. Nun ja, bei den Bauernhöfen war er nur selten ins Haus gebeten worden. Zumeist hatte man ihm das Essen vor die Tür gestellt. Gut und reichlich, denn man wollte es sich ja nicht mit den Teufeln verderben, die da vor der Tür standen, aber eben Essen im Freien. Hier war das anders.

Der Wirt und die Wirtin waren zwar über ihre steinernen Gäste erschrocken und verunsichert, doch sie führten alle drei in einen mittelgroßen Raum mit zwei Tischen. Diese waren beide frei. Koruun setzte sich, die Meganten blieben wie üblich irgendwo im Raum stehen.

"Was wünscht Ihr zu essen?"

Koruun war über die Frage verwirrt. Er war doch ein Delinquent, ein zum Tode Verurteilter. Wieso waren diese Leute so unterwürfig zu ihm?

"Ich, ähm, äh, danke, ich möchte einfach nur etwas zu essen", stammelte er.

Während Koruun auf das Essen wartete, sah er sich in dem Zimmer um. Es war ungewöhnlich eingerichtet. An den Wänden hingen Bilder, etwas, was in Koruuns Vorstellung der Inbegriff von Luxus und verschwenderischem Lebensstil war. Die Bilder zeigten verschiedene Landschaften, manchmal auch Menschen und Tiere. Eins zeige einen See, aber es mußte ein sehr großer See sein, denn man sah gar kein Ende, dafür aber ein geradezu riesiges Schiff mit vielen Segeln. Koruun fragte sich, wo wohl dieser Ort sein mochte.

In einer Ecke, fast etwas versteckt, hing ein weiteres Bild. Koruun konnte es vom Tisch aus nicht richtig erkennen, deswegen beugte er sich vor und stand dann sogar auf, um es näher in Augenschein nehmen zu können. Und je mehr er sah, um so mehr nahm dieses Bild in gefangen. Nie in seinem Leben hatte er etwas wie dieses Bild gesehen, ja, nicht einmal vorstellen hätte er sich so etwas können. Das Bild zeigte eine sehr große Stadt an einem gewaltigen Fluß. Der Blick ging über ein Feld auf eine breite Straße, viel breiter und prächtiger als die, auf der er heute gereist war. Die Stadt hatte eine mächtige Mauer und Tore, die geradezu unüberwindlich erschienen, doch sie waren offen. Sie waren offen und ließen eine Armee von Wesen in die Stadt, die geradewegs der Hölle entsprungen sein mußten. Monster, Teufel, Dämonen, geflügelte Drachen, alle mit meisterlicher Perfektion wiedergegeben. Und alle wirkten irgendwie friedlich. So, als ob diese Dämonenarmee dieser Stadt und ihren armen Bewohnern gar nichts tun wollte.

Koruun sah genauer hin, und er erkannte, daß es sich tatsächlich so verhalten mußte, denn die Dämonen verließen die Stadt auf der anderen Seite, nach der Überquerung des Flusses, wieder. Sollte es so etwas geben?

Die Lunaloc-Armee überquert die Meydabrücke - Kopie nach einem Werk des unbekannten Meisters C.V.C., stand auf einer kleinen Holztafel.

"Essen ist fertig."

Koruun hörte die Wirtin nicht. Er konnte sich nicht von diesem Bild lösen. Was für eine Welt wollte es ihm zeigen?

"He, junger Herr! Das Essen!"

Koruun zuckte zusammen, sprang zurück an den Tisch, und als er sich über den Braten hermachte, da war das Bild vergessen. Braten - er konnte sich nicht erinnern, wann er überhaupt je in seinem Leben so etwas bekommen hatte. Jedoch - war er nicht ein zu einem schrecklichen Tode Verurteilter? Das Essen blieb dem Jungen fast im Hals stecken, und rasch mußte er mit der Milch, die man ihm serviert hatte, herunterspülen.

Die frische Milch hob Koruuns Stimmung schnell wieder. Langsam aß er weiter und genoß den Braten, denn in diesem Leben würde er so etwas kein weiteres Mal mehr bekommen. Ihm kam die Ironie seiner Lage in den Sinn: Zuhause war meist Schmalhans Küchenmeister gewesen, doch jetzt, wo er seinen letzten Gang antrat, bekam er mehr und besser zu essen als je in seinem Leben.

Koruuns Blick fiel auf ein Bild, eher eine Tafel, die an der Tür hing und nur einen zweizeiligen Text enthielt:

Der Alkohol bringt den langsamen Tod.

Aber was soll's? Wir haben's nicht eilig.

Koruun verstand den Sinn dieser Worte nicht. Alkohol, das hatte doch irgend etwas mit Wein zu tun, dieser seltenen und äußerst kostbaren Flüssigkeit, die nur an wenigen Tagen des Jahres zu bestimmten Zeremonien in kleinen Tropfen geopfert wurde. Wieso sollte das den langsamen Tod bringen? Er traute sich aber nicht, die Wirtin zu fragen. Anscheinend hielt man ihn hier für einen Herrn. Und Herren wußten so etwas. Das jedenfalls glaubte Koruun felsenfest.

Schweigend aß der Junge unter den blicklosen Augen seiner steinernen Begleiter zu Ende.


Nach dem Essen führten die Wirtsleute Koruun auf ein Zimmer. Zum ersten Mal überhaupt in seinem Leben schlief er hier in einem Bett, das er für sich allein hatte, auch wenn selbst an diesem Ort die Meganten nicht von seiner Seite wichen.

Am nächsten Tag gab es ein üppiges Frühstück, dann drehten die steinernen Teufel sich einfach um und marschierten los, Koruun hinterher. Nicht einmal verabschieden konnte er sich von den freundlichen Wirtsleuten.

Der Marsch über die Straße war eine interessante Erfahrung für den Jungen. Es verkehrten hier Menschen mit Schubkarren, Ochsengespanne, Reiter und sogar Kutschen, wenn auch nicht viele.

Es ging zwei Tage so, dann erreichten sie eine Brücke. Koruun, der begriffen hatte, daß er im Moment nicht in unmittelbarer Lebensgefahr schwebte, war inzwischen ziemlich neugierig geworden und fragte die Menschen, denen er unterwegs begegnete, nach den jeweiligen Örtlichkeiten. Über die Brücke staunte er nicht schlecht, denn es war die erste, die er in seinem Leben sah. Brücken waren in Äräolahn genauso selten wie Wege und Straßen. Koruun wußte es nicht, aber in dem ganzen Reich gab es nicht eine einzige Brücke über den Siina. Insgesamt gab es über diesen gewaltigen Fluß, die Lebensader vieler Reiche, überhaupt nur vier Brücken: die Njala-Brücke, die Calract gehörte und ganz am Oberlauf stand, jetzt aber durch den Elfenkrieg zerstört war, 700 Kilometer weiter stromabwärts eine in Siinabal, weitere 100 km flußabwärts die berühmte vierstrahlige Meyda-Brücke, und die vierte und letzte überspannte den Fluß in der Stadt Antanoe, der Hauptstadt des Bognerlandes. Von dort bis zur Mündung des Siina ins Octavius-Meer waren es aber noch 2000 Flußkilometer.

Diese Brücke hier überspannte auch nicht den Siina, sondern einen kleineren, schnell fließenden Fluß namens Stellviat. Die Flügel des Himmels schienen hier schon zum Greifen nahe, und dennoch dauerte die weitere Reise noch zwei Tage, in denen das Gebirge immer höher und höher emporwuchs, bis es schließlich den Himmel zu berühren schien. Endlich standen sie vor der Festung Kattra. Dies war ein erstaunlicher Ort. Die letzten zwei Tage hatten Koruun und die Meganten die Ebene verlassen und waren leicht bergauf marschiert. Nun hatten sie einen Ort erreicht, wo der nördliche und der südliche Flügel des Himmels dicht aneinanderrückten und nur ein schmales Tal freigaben, das rechts und links von weiteren himmelhohen Bergen begrenzt war. Und den Eingang zu diesem Tal bewachte die Festung Kattra.

Doch für die Meganten öffneten sich die riesigen, massiven Tore. Es war erst früher Nachmittag, aber die Meganten führten den Jungen bereits jetzt zum Abendessen, das man ihm auch hier in einem Gasthaus servierte. Allerdings war dieses Gasthaus ganz anders als das vorherige. Es schien nur für Soldaten gedacht zu sein. Oder für Gefangenentransporte ... Aber zu essen gab es dort dennoch, und ein Bett ebenfalls, wenn auch kein warmes.

Am nächsten Tag erfuhr Koruun, warum die Meganten es mit der Einkehr so gehalten hatten. Sie brachen nämlich in aller Frühe auf, weit vor Sonnenaufgang, und verließen Kattra durch das östliche Tor, das nicht minder gigantisch und bedrohlich war als das westliche. Dann ging es durch das Tal des Stellviat, und durch eine Landschaft, wie Koruun noch nie eine gesehen hatte. Es gab den gepflasterten Weg, und das war auch schon das einzige Anzeichen dafür, daß hier jemals Menschen gewirkt hatten. Das schroffe Tal war ansonsten völlig wild und unberührt. Eine Wildnis, wie es sie in Äräolahn anderswo seit tausend Jahren nicht mehr gab. Doch - neben den Brücken gab es noch etwas anderes, nämlich diese unheimlichen steinernen Figuren, an denen sie ab und zu vorbeikamen. Hierhin hätten auch die Meganten gut gepaßt, und Koruun fühlte, daß all diese Teufelsstatuen zu schaurigem Leben erwachen konnten, wenn eines mächtigen Zauberers Hand sie berührte. Aber vielleicht ersetzten sie auch die sonst allgegenwärtigen heiligen Stelen.

Diese Statuen hier standen teils in Nischen, die in den Fels getrieben worden waren, teils einfach so am Wegesrand, und Koruun machte jedesmal einen möglichst großen Bogen um sie. Was angesichts der Platzverhältnisse alles andere als einfach war.

Der Stellviat füllte den schmalen Platz des Tales fast zur Gänze aus, und so mußte der Weg diesen nicht sehr breiten, aber reißenden Fluß gleich mehrmals über eine Reihe von Brücken queren. Koruun zählte insgesamt acht, und das waren wahrscheinlich mehr als im ganzen restlichen riesigen Äräolahn zusammen. Dennoch, Koruun wußte irgendwie, daß sie das Land noch nicht verlassen hatten. So unwirtlich und schroff dieses Tal auch war, es gehörte nicht nur zu Äräolahn, sondern es führte sogar zum Herzen dieses Reiches, zu Asteria, der Stadt des Himmels.

Früh am Morgen waren sie aufgebrochen. Der Marsch ging mit strammer Geschwindigkeit den ganzen Tag hindurch, und am Abend, in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne, erblickte Koruun dann die Stadt Asteria. Mit offenem Mund blieb er stehen und nahm dieses Wunder in sich auf.

Das Stellviat-Tal endete hier. Rechts, links und nun auch vorne ragten die Vier- und Fünftausender in geradezu unendliche Höhen. Rechterhand stürzte der Fluß aus schwindelerregender Höhe in einem bombastischen Wasserfall die Felsen hinab, und direkt daneben, eingehauen in die kilometerhoch aufragende Wand, da lag Asteria, uneinnehmbare Festung und Herz des Reiches Äräolahn.

In Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden hatte man diese Stadt in die Granitfelsen getrieben. Es war ein unbeschreiblicher Anblick, diese Häuser, die übereinander gestapelt an der Wand klebten, verbunden durch ein dreidimensionales Gewirr von Straßen im Fels. Koruun hatte keine Ahnung, wie weit hinein die Anlagen reichten. Von vorne jedenfalls ging diese Stadt weiter, als er mit bloßen Auge erkennen konnte, in die Höhe. Dies hier war die gigantischste Festung, die es auf der ganzen Welt geben konnte, davon war der Junge fest überzeugt. Und noch von etwas Anderem war er fest überzeugt, daß nämlich seine Reise hier endete. Doch da irrte er sich.

Die Meganten passierten einen Zugang, der schwer gepanzert, aber verglichen mit den riesigen Toren der Festung Kattra geradezu unauffällig klein war. Sie betraten das düstere Innere dieser Welt im Berg. Koruun zuckte zusammen, als sich das Tor hinter ihm mit einem gewaltigen Donnern wieder schloß. Er fühlte sich in dieser düsteren, kalten Finsternis lebendig begraben. Er stöhnte auf, als die Augen der Meganten plötzlich hell aufleuchteten und den vor ihnen liegenden Weg in grelles, kalkiges Licht tauchten.

Koruun war erschöpft. Seit dem frühen Morgen waren sie unterwegs, und er hatte außer frischem, kalten Gebirgswasser nur eine Handvoll Himbeeren bekommen. Zudem war es die ganze Zeit recht steil bergauf gegangen. Jetzt wurde das noch viel schlimmer: hier gab es ein Labyrinth an Treppen und Gängen. Unermüdlich schritten die Meganten voran. Ihre steinernen Füße erzeugten auf dem steinernen Boden bei jedem Schritt ein polterndes Knallen. Einmal glaubte Koruun in weiter Ferne ein grauenhaftes Schreien zu hören, dann ein hysterisches Lachen. Aber wer mochte bei dieser Akustik sagen, woher diese Geräusche wirklich kamen.

Und dann, urplötzlich, weitete sich der Gang zu einem in den Berg gehauenen großen Zimmer, an dessen Ende ein gemütliches Feuer brannte, über dem zwei alte Frauen, Pecks, wie Koruun erkannte, Essen zubereiteten. Behäbig drehten die Tiermenschen sich zu den Meganten um. Als sie dann aber den Jungen sahen, kam Leben in sie. Sie wuselten herum, plazierten den völlig erschöpften Wanderer auf einen gemütlichen Stuhl, knallten schwungvoll vor ihn einen Silberteller auf den Tisch und luden dort eine große Portion eines undefinierbaren Zeugs ab, das zwar nach nichts aussah, aber überraschend gut schmeckte.

Koruun stopfte sich voll und trank eine seltsame, saure, aber sehr erfrischende Flüssigkeit, die stark und eigenartig duftete. Nach dem Essen wollte er sich umsehen, doch er war auf seinem Stuhl eingeschlafen, bevor er auch nur den Kopf wenden konnte.

Es mochte Morgen sein oder auch nicht, als Koruun wieder erwachte. Die Meganten standen reglos im Raum, ihre Augen glommen gelblich vor sich hin. Die Peck-Frauen waren weg. Koruun stand auf, mußte sich dann aber am Tisch festhalten, weil sich alles um ihn herum zu drehen begann. Nach einer Zeit stoppte die Rotation des Zimmers wieder. Vorsichtig ging Koruun hinüber zur Feuerstelle, fand dort den Rest des Abendessens und verputzte diesen direkt aus dem Topf heraus. Kaum war er fertig, schalteten die Meganten wieder ihre Scheinwerfer hoch und setzten sich mit knallenden Schritten in Bewegung.

In Asteria herrschte eine seltsame Zeitlosigkeit. Es gab nicht Tag und nicht Nacht. Nur an wenigen Stellen brannten Fackeln und Öllampen. Wären nicht die leuchtenden Augen der Meganten gewesen, die endlosen Treppen, Tunnels, Gänge und Räumlichkeiten dieses gigantischen, dreidimensionalen Labyrinthes hätten in völliger Finsternis gelegen. Die Anlagen im Berg, an diesem besonderen Punkt, wo der nördliche und der südliche Flügel des Himmels sich vereinigten, waren unermeßlich. Koruun kamen sie geradezu unendlich vor. Es gab Ställe, in denen hunderte von Pferden Platz gefunden hätten. Jedoch waren sie leer und verlassen. Einmal passierten sie einen gigantischen Hohlraum, in den die Erschaffer dieser Anlage eine komplette Burg errichtet hatten. An manchen Stellen floß Wasser aus den Wänden und bildete neben Tropfsteinen eine natürliche Kanalisation. Auch war die Luft erstaunlich frisch. Doch alles war dunkel und völlig menschenleer. Seit den Peck-Frauen vom Abend hatte Koruun nur ein einziges Mal Menschen gesehen, düstere Wachen, die mit schlurfenden Schritten hier ihre Runden drehten und den Meganten nicht einmal nachsahen. Ab und zu glaubte Koruun aus den Tiefen der Festung Stimmen zu hören, aber das mochte auch Einbildung sein, der Wind oder das Wasser, das irgendwo murmelnd die Wände herunterrann.

Sie hatten einige schwer gepanzerte Türen passiert und zweimal auch Abgründe, über die man nur mit Hilfe ausfahrbarer Brücken gelangen konnte. Diese Brücken kamen seitlich aus der Wand, und sollten sie jemals einfahren, während noch Leute darauf waren, dann würden diese unweigerlich in den schwarzen Abgrund stürzen und irgendwo da unten im Nichts zerschellen.

Seit Stunden schon knurrte Koruun wieder der Magen, aber diesmal gab es weit und breit nichts zu essen. Unerbittlich Schritt um Schritt setzten die beiden Teufel ihre steinernen Füße voreinander. Wieder erreichten sie eine Tür, die sich wie von Geisterhand vor ihnen öffnete, und als der erste Spalt offen war, da schien helles Tageslicht Koruun entgegen. Sie traten ins Freie.

Es war kalt, und die nachmittägliche Sonne strahlte grell zu ihnen hinab. Doch die Meganten hatten keinen Sinn für irgendwelche Naturschönheiten. Sie marschierten weiter. Und auch als es Abend wurde und Koruuns Magen vernehmlicher knurrte, da hielten sie nicht an. Sie gingen weiter und weiter. Zwar ging es diesmal erst leicht und dann steiler bergab, doch der Junge aus Kira war langsam am Ende seiner Kräfte. In Asteria mochte er gut zwei Höhenkilometer überwunden haben. Es war unglaublich anstrengend gewesen. Teilweise war er auf allen Vieren die endlosen Treppen hinaufgekrochen. Und nun dieser sich endlos hinziehende Marsch weiter nach Osten. Es wurde Nacht. Die Meganten ließen wieder ihre Augen aufleuchten und gingen weiter. Koruun stolperte hinter ihnen her. Er war ein Sklave und hatte zu gehorchen, so was das in Wirklichkeit.

Es ging die ganze Nacht hindurch. Und dann erreichten sie das Dorf der Pecks. Koruun war viel zu erschöpft, um über diesen Anblick erschüttert zu sein. Hier gab es keine Menschen mehr, hier lebten nur noch Pecks, ehemalige Menschen, die allesamt in Tier-Chimären verwandelt worden waren. Mitten auf dem Dorfplatz blieben die Meganten stehen. Die Pecks eilten herbei und gaben dem Jungen zu Essen und zu trinken. Mit schwarz umränderten Augen sah Koruun sich um. Da näherte sich ein alter Peck, der auf seine schaurige Weise ebensoviel Würde ausstrahlte wie der Dorfälteste in Koruuns Heimatdorf. "Willkommen in St. Malo, dem Reich der Verdammten!", sagte der Alte.


*


Irgendwann ungefähr fünf Jahre zuvor.

"Jetzt reicht es mir aber endgültig", keifte der Kopf der Schwarzen Hexe. Dieser mitleidige Blick, mit dem Rosalia sie immerzu ansah, brachte sie zur Weißglut. "Ich habe für dich den Splitter in der Stadt am Fluß gefunden. Du hast mir versprochen, du würdest meinen Körper entsteinern, aber nix war's. Stattdessen hast du Max diese Information zugespielt, damit er Calract um die Ecke bringen kann ..." Die Schwarze Hexe keuchte.

"Maarx, Boris von Maarx, nicht Max", erwiderte Rosalia mit teilnahmsloser Stimme. Desinteressiert blickte sie in der Gegend herum.

Doch die Schwarze Hexe war noch nicht fertig: "Ich Trottel habe dir auch noch geglaubt und weitergesucht. Wie ein verdammter Geist bin ich ... weißt du, wie anstrengend das für mich war? Und all das nur, damit ich meinen Körper endlich wiederbekomme."

"Aber du kriegst ihn ja zurück. Wenn wir diese Sache ..."

"Wenn ... wenn. Alles Quatsch, das kannst du deiner Großmutter erzählen ..." Sie lachte böse, "... oder deinem lieben Onkel Calract." Befriedigt sah sie, wie Rosalia zusammenzuckte und die Fäuste ballte. Der Haß auf den Schwarzen König war so übermächtig in ihr, daß sie an nichts Anderes mehr denken konnte. Sie lebte nur noch für den Augenblick, an dem sie sich an dem Mörder ihres Vaters rächen konnte.

Die Schwarze Hexe fuhr fort: "St. Malo hast du selbst gefunden, aber ohne das Blaue Tal wäre es nutzlos, und das hast du von mir. Aber ich mache das Spielchen nicht länger mit. Entweder du unternimmst auf der Stelle etwas, um mir meinen Körper zurückzugeben, oder ..."

"Oder was?"

Die Schwarze Hexe keuchte: "Oder wir sind geschiedene Leute. Jawohl, ich schufte nicht länger für eine verdammte Hexe wie dich."

"Brauchst du auch nicht, Beata. Ich habe alles bekommen, was ich wollte."

"He, was soll das heißen. He, Rosalia ... Rosalia, du verdammtes Dreckstück, du kannst mich doch nicht hier einfach allein zurücklassen!"

Doch die gellenden Schreie und Flüche der Schwarzen Hexe gingen ins Leere. Rosalia war bereits verschwunden. Und diesmal kam sie nicht mehr zurück.


Es dauerte sehr lange, bis die Schwarze Hexe aufgab und vor König Calract kapitulierte. Doch ihr Haß auf ihn und vor allem seine Frau, dieses Vieh, das sie versteinert hatte, waren so groß, daß sie Rosalias Plan trotzdem nicht verriet, sondern die beiden ins offene Messer laufen ließ. Allerdings war es so ausgegangen, wie sie insgeheim ohnehin befürchtet hatte: Calract schaffte es wirklich, von Maarx zu besiegen und diesmal für immer zu vernichten. Ein Trost für die Imperatrice der Sonneninsel war dabei immerhin, daß Calract seine über alles geliebte Frau verlor und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nie mehr zurückbekommen würde. Der Schwarze König war zwar mit allen Wassern gewaschen, aber das würde nicht mal er schaffen.

Die Schwarze Hexe machte sich dann davon, wobei sie den Sohn der Dämonin Kinkiralinlin mitnahm. Zunächst wußte sie nicht, was sie mit ihrem neuen Boy eigentlich anfangen sollte, doch der Junge erwies sich als cleverer Bursche. Irgendwie fand sie Gefallen an ihm und gewöhnte sich an seine Gegenwart. Aber ihr wichtigstes Ziel war St. Malo. Hier irgendwo trieb sich Rosalia herum. Die Schwarze Hexe hatte eine gewisse Vorstellung von den Mitteln, die Rosalia hier zur Verfügung standen, und dementsprechend vorsichtig ging sie vor. Schließlich provozierte sie einen Auftritt eines Wallbills und fand ihre Befürchtungen bestätigt. Und schlimmer noch: was genau Rosalia hier eigentlich tat, darüber konnte sie nichts herausfinden. Sie verhörte ihre neue Sklavin Tausend Schatten mit Mitteln, die ihr jede Information lieferte, die in Tausend Schattens Gehirn drin war. Aber über die Schwarze Prinzessin fand die Schwarze Hexe nichts. Rosalia war viel zu gerissen, als daß sie sich so eine Blöße gegeben hätte.


*


"Hier, nehmt das heute abend ein." Der Dorfälteste drückte Koraam Giliaubell und seiner Frau eine Tüte mit grünlichem Pulver in die Hand. Es war Nachmittag, und der Platz vor der Tribüne lag verlassen vor ihnen. Doktor Tschiebelholzer war wieder verschwunden, und keiner aus dem Dorf würde ihn je in seinem Leben wiedersehen. Einen letzten Befehl hatte er hinterlassen: am nächsten Tag würde aus Kira eine schwarze Kutsche kommen und Silberner Morgen abholen. Sie sollte ihre schönsten Kleider anziehen und bereit sein, in wenigen Tagen dem Großen Herrn Z gegenüberzutreten.

"Es ist ein wirksames Schlafmittel. Ihr drei werdet es heute nacht brauchen", erklärte der Dorfälteste. Und damit hatte er zweifellos Recht. Das, was mit Koruun geschehen war, hatte das ganze Dorf entsetzt, aber Koraam und seine Familie als die unmittelbar Betroffenen waren bis ins Innerste aufgewühlt. Und das war noch nicht alles: morgen würden die Eltern auch noch ihr letztes Kind verlieren, auch wenn es eine unglaubliche Ehre war, seine Tochter nach Asteria schicken zu dürfen. Der Dorfälteste hatte Recht: von selbst würden die drei heute nacht kein Auge zubekommen.

Koraam war klug genug, dem Rat zu folgen und das Mittel zu nehmen. Und dieses hielt, was der Dorfälteste versprochen hatte: sie alle drei verbrachten eine angenehme und erholsame Nacht. Bis dann der Morgen kam, und mit ihm aller Kummer und alle Sorgen.

Und die Schwarze Kutsche. Unerwartet früh fuhr sie auf dem Dorfplatz vor. In aller Hast kleidete Silberner Morgen sich ein und schlang dabei ein letztes heimatliches Frühstück hinunter. Unter Tränen verabschiedeten sich die Eltern dann von dem schönen Mädchen und ließen es schließlich in die prächtige Kutsche einsteigen. Vier edle Rösser zogen die Kutsche, die innen einen sehr gemütlichen Eindruck machte. Sicher konnte man mit ihr kreuz und quer durch das ganze Land fahren, ohne daß es einen anstrengte. Vorn saßen zwei schweigsame Kutscher, die auch beim Aufladen von Silberner Morgens Tasche halfen. Schwer war diese Arbeit nicht, denn das Mädchen besaß nicht viel, das es hätte mitnehmen können. Und dann setzte die prächtige Kutsche sich in Bewegung.

"Lebt wohl!", rief Silberner Morgen dem Dorf nach, bis dieses hinter der Wegbiegung verschwand. In erstaunlich kurzer Zeit erreichten sie die Hauptstadt Kira, durchquerten sie und fuhren dann mit hohem Tempo hinaus in das offene Ackerland im Süden Äräolahns. Die Fahrt ging den ganzen Tag und die ganze Nacht, nur durch gelegentliche Pausen unterbrochen. Manchmal hielt die Kutsche in größeren Städten und erlaubte es dem Mädchen zu speisen. Doch die meiste Zeit waren sie unterwegs, und die einzigen Vorräte, die es gab, waren die, welche die Kutsche mitführte.

Nach drei Tagen erreichte das Fahrzeug eine eigenartige Station, die nur über einen versteckten Weg zu erreichen war und direkt am Siina lag. Ziemlich erschöpft stieg Silberner Morgen aus und blickte nach Westen, wo gerade die rote Sonne über dem Fluß, der hier schon über zwei Kilometer breit war, unterging. Aus der Station kam eine ältere Frau und erklärte dem Mädchen, daß es hier übernachten werde. Sie würde auch seine Wäsche waschen, und Silberner Morgen könnte die Gelegenheit nutzen, im Fluß ein Bad zu nehmen. Silberner Morgen hatte noch nie im Siina gebadet und fand das ausgesprochen reizvoll, zumal die rasch einsetzende Abenddämmerung ihre Nacktheit verhüllte. Angst vor der hereinbrechenden Dunkelheit hatte sie nicht mehr. Der große Herr Z beschützte sie. Weit hinaus wagte sie sich allerdings trotzdem nicht, weil sie nicht schwimmen konnte. Und als es schließlich ziemlich dunkel geworden war, stellte Silberner Morgen fest, daß die Teufel nicht die einzigen Schwierigkeiten waren, die die Finsternis so mit sich brachte. Nur rasch zurück ans Ufer, solange sie die Stelle überhaupt noch sehen konnte.

Nach dem Bad im Fluß hüllte sie sich in ein bereitliegendes großes Handtuch aus reiner Seide. Silberner Morgen wußte nicht, welch weiten Weg dieses Tuch hinter sich hatte: gewebt worden war es im Reich der Wüstennomaden, die es danach in einer Karawane durch das Westland zur Sonneninsel gebracht und an die dortigen Händler verkauft hatten. Diese hatten es nach Gel-Almanaum verschifft und dort mit großen Gewinn an einen Fernhändler verkauft, der einmal im Jahr die weite Reise zum Unterlauf des Siina machte und das Tuch dort in der Hafenstadt Kalik an einen Piraten verkaufte, der wiederum es zurück den Siina aufwärts verschiffte, wo es dann gegen zwanzig Hühner von einem Beauftragten des Großen Herrn Z erworben und schließlich an diese Station weitergegeben wurde. Denn man wußte, was man dem Herrscher dieses Landes schuldig war. Die Mädchen, die er verlangte, mußten zart und schön sein.

Silberner Morgen verbrachte eine ruhige und friedliche Nacht und setzte dann am folgenden Tag die Reise fort, die, wie man ihr sagte, etwa noch einmal so lang werden würde.

Zwei Tage später passierte der Transport die Tore der Festung Kattra, erst hinein durch die westlichen, dann wieder hinaus durch die östlichen. Auf dem schmalen, gepflasterten Weg rumpelte die Kutsche dahin, als plötzlich ein kleiner Vogel vor ihr landete, in einem dichten Nebel für die Kutsche die Zeit anhielt, sich in die Hexe Rosalia verwandelte, Silberner Morgen aus der Kutsche warf, sie in einen Vogel und sich selbst in Silberner Morgen verwandelte und dann als sie die Reise fortsetzte.

Die Kutscher des Großen Herrn Z hatten den Austausch nicht bemerkt. Doch der Große Herr Z würde es. Denn er war es, zu dem die Schwarze Prinzessin wollte.


Das ist also meine Strafe. Ich werde in einen Peck verwandelt und muß von nun an hier leben.

Doch Koruun irrte sich. Als er wieder zu sich kam, lag er in einer gemütlichen Hütte auf einem Strohbett. Er wollte sich aufrichten, doch seine Muskeln taten so weh, daß er nur ein Stöhnen von sich gab und den Versuch bleibenließ.

"Ah, unser Besucher ist wieder zu sich gekommen." Der Dorfälteste der Pecks trat in Koruuns Blickfeld. Neben dem Alten, dessen Körper zum größten Teil eine Mischung aus Kuh und Ziege zu sein schien, stand eine Peck-Frau, die zwar einen menschlichen Körper, dafür aber den Kopf eines Schafes hatte. Anscheinend konnte sie nicht sprechen. Aber sie trug einen Krug mit frischem, kühlen Wasser in den Händen, den Koruun nun gierig leer trank. Um die Schafsfrau herum wuselten vier Hühner mit menschlichen Gesichtern. Es fiel Koruun schwer, angesichts dieses Grauens überhaupt etwas zu trinken. Doch dann siegte der Durst, und er stürzte den halben Krug seine Kehle hinunter.

Erst danach bemerkte er die Meganten, die starr und schweigend wie immer weiter hinten in dem großen Raum standen. Der Dorfälteste deutete seinen Blick richtig und sagte: "Morgen wird deine Reise weitergehen, mein Junge. Ich weiß nicht, warum du hier bist, aber ich wünsche dir alles Gute."

"Wartet ..." Doch da war der Alte schon weg.

Obwohl Koruun sich völlig zerschlagen fühlte, konnte er lange nicht einschlafen. Und das leise Glühen der Megantenaugen, nachdem es dunkel geworden war, trug auch nicht gerade zu seiner Beruhigung bei. Irgendwann in der Nacht übermannte ihn dann doch der Schlaf, aber am nächsten Morgen fühlte er sich erst recht müde und erschöpft.

Immerhin waren die Pecks sehr freundlich und gaben ihm reichlich zu Essen. Kaum war er fertig, setzten die Meganten sich wieder in Bewegung, und das war für Koruun der Befehl zum Aufbruch. Doch wohin sollte die Reise gehen? Den Namen St. Malo erwähnte man in Äräolahn nur hinter vorgehaltener Hand. Jetzt, wo Koruun selbst hier war, fand er an diesem Ort an sich nichts besonders Schreckliches. Auch hier schien die Sonne, auch hier lebten Menschen ... nein, hier lebten eben keine Menschen. Und außerdem hatte Koruun am eigenen Leib erfahren, daß eine friedlich scheinende Situation sehr schnell umschlagen und sich in einen Alptraum verwandeln konnte. St Malo ... das war das Ende der Welt.

Seltsam. Wir haben und nie Gedanken darüber gemacht, was eigentlich außerhalb von Äräolahn ist. Im Osten sind die Flügel des Himmels, im Westen der Siina, aber dahinter ist auch noch Äräolahn. Aber was ist noch weiter im Westen, im Norden und Süden? Gibt es außer Äräolahn auch noch andere Länder auf der Welt, wo Menschen leben? Und St. Malo ... jetzt bin ich hier, hinter dem Ende der Welt, und doch scheint selbst das nur eine Durchgangsstation zu sein.

Doch das konnte nicht sein. Koruun sah sich um. Wohin er auch blickte, überall waren Berge, himmelhohe Berge. St. Malo war ein großes, bereits selbst sehr hochgelegenes Tal und ringsum umschlossen von Bergen, die unmöglich ein Mensch überwinden konnte. Was auch immer im Süden, Norden und Westen sein mochte, im Osten konnte nichts mehr sein. Hinter diesen Bergen war die Welt zu Ende.

Allerdings hatte Koruun die Größe des Hochtals von St. Malo gewaltig unterschätzt. Noch vier weitere Tage marschierten sie. Im Gegensatz zum restlichen Äräolahn gab es hier gut ausgebaute Wege, die anscheinend die ganze Provinz durchzogen. Dafür war diese kaum besiedelt. Wann man sich in Äräolahn auf einen erhöhten Punkt stellte, dann konnte man stets ein gutes Dutzend Dörfer oder zumindest größere Gehöfte und auch die ein oder andere Stadt ausmachen, dazu zahllose Felder und auf ihnen viele Menschen. Hier oben in St. Malo hingegen konnte man stundenlang laufen ohne irgendwo auch nur eine Hütte zu sehen.

Immerhin landeten sie zumindest abends immer in einem Dorf, doch zu Koruuns Schrecken waren alle Bewohner stets Pecks. Im Grunde wußte der Junge nicht so recht, was Pecks eigentlich waren, aber tief in seinem Inneren sagte ihm eine Stimme, daß hier oben etwas Furchtbares geschehen sein mußte.

Gegen Mittag des vierten Tages öffnete sich vor den drei Wanderern schließlich der Wald zu einer weiten, offenen Ebene, hinter der ein riesiger See lag, der See Tika. Am Vormittag hatte es leicht geregnet, wovon Koruun unter den Bäumen allerdings nicht viel abbekommen hatte. Jetzt hatte ein frischer Wind die Wolken zerrissen, und dem Jungen aus Kira bot sich ein atemberaubendes Panorama. Durch die zerwühlten Wolken blitzten immer wieder Sonnenstrahlen hinunter auf den klaren, blauen See, in dessen Mitte sich ein gewaltiger Vulkankegel erhob. Dahinter ragten die Berge, die St. Malo auch hier umschlossen, majestätisch in den Himmel. Auf einigen von ihnen lag selbst jetzt noch Schnee, oder vielleicht waren es auch Gletscher. Für Koruun machte das keinen Unterschied. Was er hier sah, war majestätische, reine und nahezu unberührte Natur. Also genau das Gegenteil dessen, was er bisher in seinem Leben ausschließlich kennengelernt hatte. Äräolahn war dichtbesiedelt und seit Jahrtausenden kultiviert. Kaum ein Baum, der nicht durch eines Menschen Hand an seinen Platz gepflanzt worden wäre, von den bunten Äckern, die nahezu das ganze Land bedeckten, ganz zu schweigen.

Die Meganten gingen langsam weiter, und Koruun hatte stundenlang Zeit, dieses imposante Panorama zu genießen. Ein bißchen unheimlich war es ihm schon, denn er war es gewöhnt, immer viele Menschen in Rufweite um sich zu haben. Hier oben gab es niemanden. Nur ihn, die Steinernen und diese erschlagende, grenzenlose Natur. Wenn ihm hier etwas passierte ... und die Meganten einfach weitergingen ... er würde niemals gefunden und begraben werden. Koruun schluchzte. Der Gedanke war zu schrecklich. Doch alles Umschauen nützte nichts. Es kam kein Dorf mehr, kein Haus, nichts, was ihm noch Trost hätte spenden können.

Die Nacht, die Koruun unter freiem Himmel verbringen mußte, war empfindlich kühl. Auch zu essen gab es nichts, weder an Abend, noch am nächsten Morgen. Wenigstens dursten mußte Koruun nicht, denn der Weg zog sich die meiste Zeit am See entlang, und dessen klares Wasser war sehr erfrischend.

Sie hatten den See schon zu einem Drittel umrundet, als Koruun den Damm bemerkte, der sich vom Land über die Rückseite des Sees hinweg zu der Insel schlängelte. Irgendwie wußte er, daß sie sich ihrem Ziel näherte. Ihm knurrte vernehmlich der Magen, doch darauf reagierten die Meganten nicht im Geringsten. Stur machten sie Schritt um Schritt, immer weiter und weiter. Sie schienen keine Müdigkeit zu kennen. Aber sie waren ja auch Teufel.

Tatsächlich betraten sie dann den Damm, der sicherlich 10 Kilometer lang war, und liefen darüber bis zu der Vulkaninsel, die von der Rückseite her gesehen noch wilder und verlassener wirkte als von vorne. Dann begann der mühsame Aufstieg. Ein schmaler, oft kaum erkennbarer Weg schlängelte sich zwischen Schluchten, Felsen und Bäumen nach oben, dann wieder nach unten, mindestens einmal um die halbe Insel herum, was wegen des extrem schwierigen Geländes sehr lange dauerte.

Erschöpft und mit schmerzenden Muskeln tappte Koruun den Meganten nach. Er hatte längst aufgehört, auf die Umgebung zu achten, sondern hoffte nur, daß sie bald irgendwo ankämen, wo es wieder etwas zu essen gab. Er war am Ende seiner Kräfte und fragte sich, was ihn eigentlich überhaupt noch auf den Beinen hielt. Und dann standen sie plötzlich unter einem großen Torbogen. Das Tor selbst war geöffnet. Dahinter kamen Treppen, die anscheinend direkt aus dem Vulkangestein herausgehauen waren. Was das auch immer sein mochte, es mußte von Menschenhand erschaffen worden sein. Der Weg öffnete sich. Nach links hatte Koruun einen fantastischen Ausblick über den See und den Nordosten von St. Malo. Zur Rechten hingegen sah er die Mauern einer riesigen Bergfestung. Überall wuchsen Pflanzen und Bäume, sodaß man diese Festung eigentlich erst erkannte, wenn man mitten darinnen stand, obwohl sie sich völlig offen jedem Blick präsentierte. Nach kurzer Zeit traten die Meganten durch eine Tür in das Innere dieser Anlage. Wieder ging es über Treppen und finstere Gänge, die Koruun an Asteria erinnerten, nur daß es hier immer mal wieder kleine Scharten nach draußen gab, durch die wenigstens etwas Tageslicht in das Innere dieser Burg fallen konnte.

Schließlich ging es einen langen Gang entlang bis zu einer schweren, doppelflügligen Tür. Jeder der Meganten drückte einen Flügel auf, dann traten sie ein und blieben in der Nähe des Eingangs stehen. Neugierig trat nun auch Koruun in die Halle, deren Boden zum größten Teil von einem schweren Teppich bedeckt war.

Dieser gewaltige Raum war mindestens 20 Meter hoch. Seine Wände wiesen zahlreiche große und sehr hohe Fenster aus, die mit bunten Mosaikgläsern versehen waren und das Innere in irgendwie feierliches und zugleich auch unheimliches Licht tauchten. An den Wänden standen hohe Bücherregale, dazu kamen etliche seltsame Dinge, von denen der Junge sich nicht vorstellen konnte, wozu sie wohl dienen mochten. Am Ende, dicht unter dem größten Fenster, stand ein gewaltiger Schreibtisch. Hinter diesem stand ein dazu passender thronartiger Sessel, und auf diesem saß ein Mann. Kein Peck, sondern ein richtiger Mensch.

Ein Mensch ... Koruun fühlte sich eher an eine lebende Mumie erinnert. Der Alte schien tot zu sein und nicht mal zu atmen. Doch er lebte. Nach langer Zeit, in der Koruun mit klopfendem Herzen unter der Tür gestanden hatte, hob er den Kopf und musterte ihn mit kleinen, grausamen Augen. Sein schmallippiger, faltiger Mund war zu einem Strich zusammengepreßt. Doch nun öffnete er ihn und sagte mit überraschend klarer und lauter Stimme: "Willkommen in der Ewigen Festung Dorrostak, Koruun Giliaubell!"

"Ihr kennt meinen Namen, Herr?"

Der Alte antwortete nicht. Mit einer kraftvollen Bewegung, die so gar nicht zu seinem Mumienkörper passen wollte, erhob er sich und schritt vor - vorbei an Koruun und zu den Meganten hin. Er legte die Hände zusammen, und eine seltsame Energie begann den Raum zu erfüllen. Die Luft schien zu flimmert, dann wurden die Meganten in grelles Licht getaucht, das kurz darauf immer kleiner und kleiner wurde. Und als Koruun wieder etwas sehen konnte, da waren die Meganten wieder die kleinen, grob zugehauenen Steinfiguren, die Doktor Tschiebelholzer damals bei sich gehabt hatte. Damals ... es waren vielleicht drei oder vier Wochen, aber Koruun kam es vor wie in einem anderen Leben.

"Es gibt viel für dich zu lernen, Koruun. Aber die wichtigste Lektion lernst du sofort. Stelle nie überflüssige Fragen, vor allem nicht die eine. Wenn du zuviel fragst, wirst du bestraft. Und wenn du die eine falsche Frage stellst, dann wirst du sterben."

"Und welches ist diese Frage?", platze Koruun ohne nachzudenken heraus. Da glühten die Augen des Alten grell auf, und Koruun versank in der Hölle. Glühende Peitschen zerfetzten seine Haut, stählerne Messer zerrissen seine Glieder, ein riesiger Bohrer zertrümmerte seinen Schädel und zermalmte sein Gehirn. Koruun schrie und schrie und schrie ... und erwachte in einer kleinen Nische auf einem Strohbett. In seinem Mund spürte er abgestandenes Blut. Er hatte sich heftig auf die Zunge gebissen. Doch davon abgesehen war sein Körper vollkommen unversehrt. Das Grauen war nur eine Illusion gewesen. Allerdings eine, die Koruun kein zweites Mal in seinem Leben mitmachen wollte. Er schloß die Augen und war einen Moment später trotz der Kälte wieder eingeschlafen.

Am nächsten Morgen erwachte er recht früh und konnte so einen prächtigen Sonnenaufgang erleben, auch wenn die Fenster alle mehr oder weniger nach Westen zeigten. Trotzdem, auch aus dieser Perspektive war das Naturschauspiel sehr beeindruckend. So etwas bekam man unten in Äräolahn nie zu sehen. Allerdings waren die Sonnenaufgänge dort auch sehr schön. Nur eben ganz anders.

Koruun zog sich an. Überrascht stellte er fest, daß die Fetzen, die er die ganze Reise über getragen hatte, durch neue, saubere Kleider ersetzt worden waren. Sie fühlten sich ziemlich ungewohnt an, doch das verging schnell. Wichtiger war jetzt etwas Eßbares. In der Ferne, hinter dem nächsten Gang, hörte der Junge etwas, was wie Küchengeräusche klang. Sofort rannte er los, und er hatte Recht: es war eine Küche, in der eine Peckfrau hinter einem großen Tisch stand und das Frühstück herrichtete. Auch dieser Peck konnte nicht sprechen, schien aber ansonsten recht freundlich. Nur durfte Koruun jetzt noch nicht anfangen zu essen. Die Frau führte ihn stattdessen in einen großen Raum, in dessen Mitte eine große Tafel stand, an der zwei Stühle aufgebaut waren. Sie bedeutete Koruun, sich auf einen davon zu setzen. Das tat er dann auch und wartete.

Es dauerte nicht lange, da erschien der Alte. Er setzt sich und klingelte mit dem kleinen Glöckchen, das neben seinem Gedeck stand. Nun kam die Peck-Frau und begann mit dem Servieren.

Zum ersten Mal seit zwei Tagen konnte Koruun sich mal wieder so richtig satt essen. Der Alte grinste, als er sah, wie gierig Koruun die Brote und danach die Früchte herunterschlang.

"Iß nur. Du wirst es brauchen, denn es gibt unendlich viel zu lernen für dich."

"Warum hat man mich hier hergebracht? Was ist das für ein Ort ..." Koruun erschrak zu Tode, als er die Augen des Alten wieder gelb aufglühen sah. "Ich sehe, du hast die erste Lektion noch nicht begriffen." Und wieder wurde der Junge in einer Vision auf geradezu schauerliche Weise zerfetzt und zu Tode gefoltert.

Als er wieder zu sich kam, war es dunkel, und er fühlte sich absolut furchtbar.


Die nächsten Tage verbrachte Koruun in einer Mischung aus Fiebertraum und Schwächeanfällen. Noch so eine Tortur, auch wenn sie nicht wirklich real war, würde er nicht überstehen, das wußte er. Immer wieder erschien die Peckfrau an seinem Lager und versorgte ihn. Langsam begann er, seine Angst und Abscheu gegen diese Verwandelten abzulegen. Es waren keine bösen Geister. Im Gegenteil, es waren selbst Opfer eines bösen Geistes. Koruun fragte sich einmal, ob hier die Macht des Großen Herrn Z nicht wirkte, wenn solche Dinge geschehen konnten. Es lag ihm auf der Zunge, den Meister zu fragen, doch dann fiel ihm die erste Lektion ein. Fragen wurden hier nicht geduldet.


"Ich sehe, junger Koruun, es geht dir wieder besser." Die Stimme des Meisters war kräftig wie immer, trotz seines verbrauchten Aussehens. "Wir werden heute mit dem Unterricht beginnen. Komm', steh' auf."

"Ja, Meister."

Die beiden gingen zum Eßzimmer. Das Frühstück war recht reichlich und liebevoll zubereitet. Man erzählte sich, Pecks seien verzauberte Menschen. Koruun fragte sich, wie die Köchin wohl ausgesehen haben mochte, als sie noch ein Mensch gewesen war.

"Träume nicht. Komm'!"

Koruun war erstaunt, daß er nicht allein war. Der Alte hatte ihn kreuz und quer durch die riesige Festungsanlage geführt. Schließlich hatten sie einen hohen Raum mit vielen Büchern an den Wänden erreicht. In der Mitte dieses Raumes stand ein langer Refektoriumstisch, und daran saß jemand, ein Junge genau wie Koruun.

Koruun wußte nicht, wie er sich jetzt verhalten sollte, und so setzte er sich schweigend ein paar Stühle weiter an den Tisch und sah zu dem Meister. Der ging auf die Situation mit keinem Wort ein. Stattdessen begann er: "Äräolahn unterteilt sich in 104 Distrikte. Jeder Distrikt hat an jedem Tag einen Teufel und einen Schutzheiligen. Macht zusammen 75920 plus einen für den 29. Februar. Zum Glück sind die meisten Teufel und Heiligen überall gleich, so daß es insgesamt nur 1331 sind, aber ihr müßt sie alle kennen und dem Distrikt zuordnen können. Jeder Heilige und jeder Teufel hat seine eigene Geschichte, seine eigene Weise, wie ihm geopfert wird und wofür oder wogegen er besonders wirkt."

Koruun war ziemlich schockiert. Wie sollte er über tausend Namen und all die Daten jemals lernen können? Weiter als bis 100 hatte er noch nie in seinem Leben gezählt. Tausend, das war soviel wie Unendlich. Ihm schwindelte. Als er seinen Namen hörte, zuckte er zusammen.

"Koruun, welches ist der Teufel und der Schutzheilige in Kira für den 1. Januar."

Koruun stand auf und erwiderte ohne nachzudenken: "Gautz und die Gute Jenna."

"Richtig. Und was weißt du über die beiden?"

"Gautz ist der Teufel der Habgier. Er vergiftet die menschliche Seele und stachelt zu Streit und Mord an. Die Gute Jenna ist die Mutter der Eintracht und mächtige Feindin des Gautz. Wir opfern ihr an jedem 1. Januar das, was uns am liebsten ist, damit wir von der Habgier befreit werden. Dafür vergibt die Gute Jenna uns und gibt uns unser Opfer am 1.1. des nächsten Jahres wieder zurück."

"Sehr gut. Forkas. Wer ist der Teufel und der Schutzheilige am 2. Januar im Distrikt Pake?"

Koruun setzte sich wieder, dafür erhob sich Forkas und antwortete.


Ganz anders, als Koruun gedacht hatte, war dieser Teil des Unterrichtes sehr spannend, auch wenn er viel auswendig lernen mußte. Aber da er vieles schon wußte, war es leichter als befürchtet. Auch waren hier Fragen zugelassen, solange sie sich direkt auf den Unterricht bezogen.

In der Festung Dorrostak gab es noch mindestens einen weiteren Meister, und der unterrichtete Koruun manchmal in Magie und Kräuterkunde. Außerdem lernte der Junge Lesen und Schreiben, etwas, das in seinem Dorf nur der Dorfälteste und ein paar Reichsbeamte konnten. Wozu auch sollte ein Bauernjunge lesen und schreiben können? Genau das fragte Koruun sich jetzt auch, doch er behielt diese Frage wohlweislich für sich. Forkas war anscheinend schon länger hier. Koruun und er redeten wenig miteinander, denn Forkas war dem Jungen aus Kira irgendwie unheimlich. Sein Alter war schwer zu schätzen. Auf den ersten Blick wirkte er vielleicht wie 16, aber manchmal kam er ihm vor wie 60. Fast war es so wie mit den Meistern. Auch sie wirkten oft unglaublich alt, ihre Haut war vergilbt und dünn, aber sie verfügten über jugendliche Kräfte. Es war sehr seltsam und unheimlich.

So vergingen Tage, Wochen, schließlich Monate. Das Leben in Dorrostak verlief immer nach demselben Schema: Aufstehen, waschen, frühstücken, Unterricht, Mittagessen, dann wieder Unterricht oder Auswendig-Lernen. Das ging dann bis zum Abend so. Nach dem Abendessen gab es meistens noch einen Vortrag über verschiedene Themen, oft wurden die beiden Jungen auch durch die Festung geführt, in der vor langer, langer Zeit entscheidende Dinge geschehen sein mußten. Dann war Schlafenszeit. Manchmal gab es auch Unterricht und Übungen in Magie, und eines Tages, so verkündete der andere Meister, würde Koruun selbst in der Lage sein, einen Meganten zu erwecken. Der Junge konnte es kaum glauben, daß ausgerechnet er mit einer solche Macht ausgestattet werden sollte. Wieso er?

Und dann sah sich Koruun eines Morgens zum ersten Mal seit langer Zeit zufällig wieder in einem Spiegel und erschrak bis ins Innerste. Denn das Gesicht, das ihm da entgegensah, war das eine Fremden. Das bin ich? Koruun tastete über sein Gesicht. Es fühlte sich an wie immer, doch der alte Mann im Spiegel, das konnte doch unmöglich er sein. An was für einem Ort des Grauens bin ich hier! Panik ergriff den Jungen mit dem altersfleckigen Gesicht und den dünnen, grauen Haaren. Ist das meine Strafe? Schlagartig begriff er: ihm erging es kein bißchen anders als Forkas oder den beiden Meistern. Irgend etwas zehrte an seinen Lebenskräften und war dabei, ihn ganz langsam leerzusaugen. Angst stieg in Koruun auf, nackte, kalte Angst.

Beim Frühstück zitterte er so stark, daß er kaum das Essen in den Mund brachte. Die ganze Zeit musterte der Meister ihn dabei eindringlich mit seinen gelben, glühenden Augen, und Koruun fürchtete, jeden Moment wieder eine Foltervision erleiden zu müssen, was seine Angst nur noch weiter verstärkte. Doch der Meister stellte keine Fragen. Galt dieses Gebot auch für ihn selbst? Koruun konnte es kaum glauben. Und doch ... der Meister war nicht allmächtig, das begriff der Junge mit einem Schlag.

Wieder vergingen Wochen, da sah Koruun eines Morgens am anderen Ufer des Tika-Sees mehrere kleine Pünktchen, die sich langsam bewegten. Meganten mit neuen Gefangenen? Oder sollte man besser sagen 'Schülern'?

Doch er erlebte eine Überraschung, auch wenn er sich bis zum nächsten Nachmittag gedulden mußte. Der Weg erst um den See und dann über den Berg war weit und beschwerlich.

Koruun und Forkas waren gerade im Kräutergarten, als der Meister zu ihnen kam. Er bewegte sich schneller, als er das sonst zu tun pflegte, baute sich von den beiden Schülern und seinem Kollegen auf und sagte: "Kommt. Wir haben Besuch."


"Doktor Tschiebelholzer!" Koruun konnte es kaum glauben. Doch es gab keinen Zweifel, auch wenn der Doktor um mindestens 10 Jahre älter aussah, als er ihn in Erinnerung hatte.

"Sieh' da, wie geht es denn unserem verlorenen Sohn?"

Der Doktor war allerdings nicht allein, sondern in Begleitung von fünf ausgemergelten und völlig verängstigten Jungen. Der Meister - Koruun kannte immer noch nicht seinen Namen, deshalb nannte er ihn für sich immer 'der Erste Meister' - trat vor die fünfe hin und schien sich mit seinen gelben Augen geradezu zu durchbohren. Einer sackte daraufhin ohnmächtig zusammen und konnte von den anderen gerade noch aufgefangen werden. "Die erste Regel lautet: ihr dürft niemals überflüssige Fragen stellen. Wer das tut, wir furchtbar bestraft. Und wer die Frage der Fragen stellt, der stirbt."

Koruun wußte, was nun kommen würde. Und es kam. Einer der Jungen begriff nicht rechtzeitig und fragte: "Und welches ist diese Frage ..." Zu mehr kam er nicht. Die Augen des Meisters flammten auf. Koruun hatte nun zum ersten Mal Gelegenheit, diesen grauenvollen Vorgang sozusagen von außen zu beobachten, und das war unheimlich genug. Der Junge schrie, wie Koruun nie zuvor jemanden hatte schreien hören, während über das haßverzerrte Gesicht des Ersten Meisters feurige Grimassen und unheimliche Feuer huschten. Die Schreie hallten durch die ganze Festung, bis der Alte irgendwann von seinem Opfer abließ. Er schien gealtert und erschöpft.

Zwei Pecks, die Koruun in all den Monaten hier noch nie gesehen hatte, erschienen und transportierten den Jungen ab. Auch die vier anderen folgten schweigend. Sie schwitzen vor Angst. Koruun konnte es bis zu seinem Standort riechen.

Dann blickte der Meister den Doktor an, lange und intensiv. Tschiebelholzer schüttelte irgendwann den Kopf, und auf dem Gesicht des Meisters machte sich Enttäuschung breit. Was um alles in der Welt hatte das zu bedeuten?, fragte Koruun sich. Die beiden hatten ohne Wort miteinander gesprochen, aber über was?

Begleitet von dem Kräutermeister verließ Tschiebelholzer dann den Raum, wahrscheinlich, um etwas zu sich zu nehmen und dann zu ruhen. Koruun blieb stehen, wo er stand. Er wartete auf Anweisungen. Der Meister rührte sich lange Zeit nicht, nur sein keuchender Atem war zu hören. Zu Koruuns Überraschung sagte er schließlich: "Ihr werden also fünf Klassenkameraden bekommen. Geht jetzt und beschäftigt euch bis zum Abendessen mit euren Studien."

Doch Koruun konnte sich nicht auf seine Aufzeichnungen konzentrieren. Das Schicksal dieser Kinder ging ihm nicht aus dem Sinn.


Am nächsten Morgen waren sie beim Frühstück ungewöhnlich viele: die beiden Meister, der Doktor, Forkas, Koruun und vier der fünf Neuen. Der fünfte war noch nicht wieder in der Verfassung, hier erscheinen zu können.

Danach passierte nichts weiter. Außer daß Forkas und Koruun jetzt nicht nur unterrichtet wurden, sondern ab und zu auch selbst unterrichten mußten. Ihre eigenen Lektionen beschäftigten sich nun stärker mit Magie, Heilkunde und Giften. Es gab nur noch wenige Unterrichtsstunden am Tag, denn das Zaubern war sehr anstrengend. Längst hatte Koruun begriffen, daß es hauptsächlich die Magie war, die ihn und auch die anderen so rasch altern ließ. Der Kräutermeister hatte einmal gesagt, das sei der Unterschied zwischen gewöhnlichen Sterblichen und Zauberern. Koruun erinnerte sich noch genau an die Worte: "Wir Menschen können die Magie im Prinzip erlernen, doch die Verbindung mit dem Übernatürlichen verzehrt unsere Lebenskraft. Echte Zauberer hingegen stehen weit über uns. Sie haben ein ewiges Feuer in ihrem Geist, das ihnen immer und ewig neue Kraft gibt. So erlahmt ihre Macht nie. Und der größte und mächtigste aller Magier ist der Große Herr Z, unser Meister und Herrscher der ganzen Welt."

Herrscher der ganzen Welt. Soweit Koruun wußte, war er nur Herrscher über Äräolahn, und das war ganz gewiß nicht die ganze Welt, auch wenn Koruun selbst jetzt noch keine Vorstellung davon hatte, was außerhalb von Äräolahn eigentlich war. Nun, immerhin war da St. Malo. Es war nie direkt gesagt worden, aber allem Anschein nach herrschte der Große Herr Z auch hier. Irgendwie war es seltsam: Koruun hatte den Großen Herrn Z nie gesehen, und er kannte auch keinen, der das getan hatte. Dennoch war er allgegenwärtig. So wie die Teufel. Auch sie sah man normalerweise nicht, aber sie verbreiteten Krankheiten, Dürren und Tierseuchen, und das hieß nichts Anderes, als daß es auch sehr reale Dinge gab, die man nun mal nicht sehen konnte.

Selten nur wagte Koruun es, mit Forkas oder den Schülern über so etwas wie persönliche Dinge zu sprechen, aber die wenigen Andeutungen, die er erhielt, machten klar, daß er der anscheinend einzige war, den all diese Fragen und Zweifel quälten. Und eine Frage stellte sich ihm immer drängender: 'Warum gerade ich?' Es war ganz offensichtlich, daß der Große Herr Z hier eine Schule für seine Verkünder unterhielt. Die Meister, und auch diejenigen Verkünder wie Doktor Tschiebelholzer, die durch das Land zogen, waren ihrem Herrn, den sie wahrscheinlich auch noch nie gesehen hatten, blind ergeben. Und das wurde auch von den Schülern erwartet. Koruun hingegen glaubte von Tag zu Tag weniger an all diese Geister und Teufel, an die unendliche Macht und unendliche Güte des Großen Herrn Z und all diese Dinge, die ihnen da aufgetischt wurden und die sie zu schlucken hatten. Auch das Erste Gebot bekam damit seinen tieferen Sinn: Nicht fragen, sondern glauben. So mußte es sein: auch die Meister hatten im Grunde kein wirkliches Verständnis der tiefen Zusammenhänge. Sie mußten nichts weiter, als auf wohldefinierte Weise funktionieren. Sie bildeten Schüler aus, die dann als Verkünder durch Äräolahn zogen, so wie Forkas, der vor kurzem auf genau diese Mission geschickt worden war. Doktor Walderer nannte er sich draußen. Für Koruun hingegen war er nichts weiter als eben Forkas, sein Mitschüler. Doch Doktor Walderer verfügte über Wissen und Fähigkeiten, von denen der einfache Bauer oder auch Dorfälteste in Äräolahn nicht einmal träumen konnte. Und auch sein Aussehen paßte zu seiner Mission, denn er ähnelte jetzt eher einem Geist als einem Jugendlichen. Und Koruun war sicher, daß er auch bald die ersten Schüler hierherschicken würde.


Irgendwie hatte Koruun schon am Morgen gefühlt, daß dieser Tag etwas Besonderes werden würde. Der Kräuter-Meister hatte ihn gleich nach dem Frühstück mit sich genommen. Jetzt gingen sie durch einen Teil der Festung, den Koruun so gut wie nicht kannte, tief hinunter in den Berg. Magische Lichter spendeten eine trübe Dämmerung, nicht viel, aber genug, um die Stufen zu erkennen.

Schließlich gelangten sie in eine riesige Halle, in der an den Rändern teilweise auf Sockeln, teilweise in Felsnischen, teilweise auch einfach so auf dem nackten Boden, unzählige Statuen und Figuren standen. Es gab große und kleine, einige waren geradezu riesig ... "Ein Wallbill!" entfuhr es Koruun unwillkürlich. So sah er also im Ruhezustand aus: eine riesige Statue aus Stein. Zum ersten Mal überhaupt sah er den Meister lächeln. Er bückte sich und hob eine kleine Steinfigur auf. Er hielt sie Koruun auffordernd vor die Nase. "Ein Megant."

Der Alte nickte. "Genau. Und Du wirst ihn heute erwecken. Wenn du das geschafft hast, ist deine Ausbildung beendet und du wirst als Verkünder und Doktor durch die Länder der Welt ziehen."

Koruun verzog das Gesicht. Die Länder der Welt. Wie kann ein so intelligenter und mächtiger Mann wie mein Meister so etwas glauben? Äräolahn ist nicht die Welt. Zum Glück bemerkte der Kräutermeister Koruuns Gedanken nicht. Vielleicht war er zu angetan von diesen Dämonen, die er wirklich zu lieben schien, vielleicht war es aber auch einfach zu dunkel hier unten.

Zu Koruuns Überraschung verließen sie die riesige Halle wieder und betraten einen finsteren Raum, den sie nur durch einen engen Korridor betreten konnten. Koruun empfand die Enge beklemmend und war froh, als sie schließlich den Raum erreichten. In diesem Raum, dessen Boden schmutzig und sandig war wie alles hier unten, stand eigentlich nichts weiter als ein uralter, massiver Tisch, dazu gab es noch eine Felsnische, in die der Meister nun eine Kerze stellte. Auf dem Tisch plazierte er den winzigen Meganten. Dann nickte er Koruun auffordernd zu.

Der nahm nun all seine Konzentration zusammen und richtete seine Magie auf die Statue. Koruun konnte genau spüren, wie er Kontakt zum Geist des Meganten bekam, der in dieser Statue steckte, und wie dieser Geist dann begann, seine Lebensenergie aufzufressen und dabei zu wachsen. Übelkeit durchlief den jungen Mann aus Kira, doch er ließ nicht nach, auch dann nicht, als der Megant geradezu gierig seine Kraft verschlang, den Stein sprengte und zu einer Größe von über 2 Metern wuchs.

Koruun war so erschöpft, daß er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnten und zitternd an der Wand nach unten rutschte. Aus weiter Ferne drangen die Worte des Meisters an sein Ohr: "Zum Glück ist es nur selten nötig, den Gläubigen ein solches Wunder leibhaftig vorzuführen, denn du hast ja nun selbst erlebt, wieviel Kraft es dich kostet. Aber allein das Wissen um diese Macht, der kein Sterblicher in der Welt Äräolahn etwas entgegenstellen kann, macht dich zu einen Mächtigen, einem Verkünder, der hoch über den übrigen Menschen steht, einem bevorzugten Diener des Großen Herrn Z."

In dieser Sekunde beschloß Koruun zwei Dinge: er würde dem Ersten Meister die eine Frage stellen, und wenn er das überlebte, dann würde er den Großen Herrn Z aufsuchen.

Der Kräutermeister hatte ihm alles über die Meganten beigebracht: wer sie erweckte, der war ihr Gott. Sie würden jeden, aber auch wirklich jeden Befehl ihres Meisters erfüllen, solange es in ihrer Macht stand. Nachdem Koruun die Schwäche überwunden hatte, erhob er sich. Er sah seinen Meganten an. Warum ich? Warum geben sie mir so eine Macht?

"Töte ihn!"

Der Kräutermeister war so vollkommen überrascht, daß er keinen Widerstand leistete. Er starb schnell und leise. Es gab nicht mal eine Erschütterung des Äthers, die der Erste Meister hätte spüren können. Zusammen mit seinem Meganten verließ Koruun dann die Höhle.

Der Erste Meister hielt gerade Unterricht. Nachdem dieser beendet war, fanden sich die fünf Schüler im Speiseraum ein, um das Abendessen einzunehmen. Koruun kannte den Ablauf, er änderte sich selten. Er stand mitten im Raum, hinter ihm der Megant. Als die Schüler eintrafen, sagte er: "Das Abendessen findet heute später statt. Geht zunächst auf eure Zimmer."

Die Schüler waren es gewohnt zu gehorchen ohne Fragen zu stellen. Zudem verlieh der Megant Koruun einen enormen Respekt, so daß sie sich still und leise davonmachten.

Als etwas später der Erste Meister erschien, merkte er, daß irgend etwas nicht stimmte. Koruun, der den Meganten hinter einer Tür versteckt hatte, ließ dem Alten aber keine Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen. Er wunderte sich nur ein bißchen, daß er so ruhig war, wo er gerade einen Mord begangen hatte und dabei war, einen Kampf auf Leben und Tod zu führen.

"Meister, warum gerade ich?"

Das war sie, die Frage aller Fragen, die niemals gestellt werden durfte. Wer diese Frage stellte, der glaubte nicht, sondern zweifelte. Und wer am Großen Herrn Z zweifelte, der mußte sterben. So einfach war das. Koruun wartete die Antwort nicht ab, sondern griff sofort mit aller Kraft an. Doch ohne seinen Meganten hätte er gegen den Meister keine Chance gehabt. Viele Jahre Vorsprung in der Beherrschung der Magie verhalfen dem Ersten Meister sehr schnell dazu, über Koruuns unbeholfene Magie die Oberhand zu behalten. Wieder hieben glühende Peitschen und feurige Eisenstangen auf den Mann ein, doch diesmal stachelten die grauenvollen Qualen seine Energie an. Dazu kam der Angriff des Meganten, und mit einem Mal sah der Alte sich zwei Gegnern gegenüber, die beide nur ein Ziel hatten, nämlich ihn so schnell wie es ging um die Ecke zu bringen.

In der Sekunde, in der Koruun starb, erkannte er zwei Dinge ganz klar: es gab den Großen Herrn Z wirklich, und er beschützte seine Diener.


*


"Doktor Tschiebelholzer."

Der Angesprochene nickte. Er wirkte schuldbewußt.

"Wie ich hörte, gab es große Probleme mit einem Schüler."

Der Erste Meister sah den Doktor durchdringend an. Der sagte rasch: "Ich war wirklich der festen Überzeugung, er wäre ein geeigneter Kandidat. Ihr wißt selbst, gerade die bekehrten Ketzer werden später die fanatischsten Verkünder der Lehre."

"Das weiß man leider nie wirklich. Nur unser Herr und Gebieter kann in die Seele eines jeden Wesens sehen. Dafür waren die fünf anderen sehr gutes Material. Sie werden dem Großen Herrn Z gut und treu dienen." Der Erste Meister zeigte auf den großen Mann, den Tschiebelholzer mitgebracht hatte: "Ein neuer Schüler?" Doch kaum hatte er die Frage ausgesprochen, da erschien sie ihm lächerlich. Dieser Mann stammte nicht aus Äräolahn. Er war ein Fremder. Der erste, den der Meister in seinem Leben sah.

Der Angesprochene trat einen halben Schritt vor und sagte: "Ein neuer Schüler bin ich gewiß nicht. Mein Name ist Traunsteiner, Mag Traunsteiner, und ich suche den Weißen König."



Erstellt am 27.3.2004. Letzte Änderung auf dieser Seite: 16.10.2017