Das Unendliche Land - 19. Teil

"Frau Admiral, ein Boot!"

Festen Schrittes, wie es ihre Art war, marschierte Tuatha de Dana'an über das Oberdeck ihres Schiffes und blickte in die bezeichnete Richtung.

"Wohl eher ein Floß", kommentierte sie. Sie sah genauer hin. "Interessant ... Ändert den Kurs und fischt diese Burschen auf!"

"Zu Befehl, Admiral!"


"Piraten!" Admiralin de Dana'an spie das Wort geradezu aus. Die beiden Schiffbrüchigen, die ihre Leute da gerettet hatten, waren durch die Reste ihrer Kleidung, ihrer Waffen und ihres Schmuckes, den sie immer noch trugen, auf den ersten Blick als Seeräuber zu identifizieren. Und sie wußten, daß sie von den Dana'an-Leuten nichts Gutes zu erwarten hatten. Viel zu lange lagen beide Parteien schon in einem erbitterten Kleinkrieg, beim dem die Piraten dank der Entschlossenheit und Intelligenz ihrer Anführerin BQMZ und ihrer sehr guten Verbindungen zu Calract Dana'an immer mehr an die Wand gedrängt hatten.

Doch das Blatt hatte sich gewendet. Njala, Calracts Dämonin, stand nun auf der Seite Dana'ans, und auch wenn sie nicht daran dachte, sich irgendwie aktiv in Kämpfe einzumischen, so war sie doch ein Trumpf, der stach. Fast noch bedeutsamer war jedoch der Tod BQMZs. Als diese Nachricht auf der Dana'an-Insel bekanntgeworden war, da hatte es ein Freudenfest gegeben, das jenes nach dem Ende der Belagerung durch Njala bei weitem in den Schatten gestellt hatte. Damals war von der Bevölkerung nichts als ein Haufen halb verhungerter Verzweifelter geblieben, doch die Insel hatte sich dank der energischen Tatkraft ihrer Bewohner und Calracts und Njalas Hilfe erstaunlich schnell erholt.

Trotzig sahen die beiden Piraten, die man gezwungen hatte niederzuknien, zu der stolzen Admiralin hoch. Sie wußten, daß ihnen der Tod gewiß war, aber sie wollten wenigstens ehrenvoll sterben.

"Nun, habt ihr Gesindel noch einen letzten Wunsch?"

"Wenn Ihr so scharf darauf seid, Piraten zu jagen, warum versucht Ihr es nicht mal vor Saphori, Admiral?", antwortete einer der beiden. Der andere nickte grinsend und entblößte dabei eine Reihe Goldzähne.

Mit zusammengezogenen Augenbrauen sah die Admiralin zu den Piraten herab. "Ich seid vom Oryock-Clan, nicht wahr ..."

Jetzt grinste auch der andere Pirat.

Im Gehirn der Admiralin begann es zu arbeiten. Streng blicke sie zu den beiden zerlumpten Gestalten hinunter. "Ich warne euch. Wenn das eine Falle ist ..." Tuatha wandte sich an ihre Leute. "Werft diese beiden erst mal in eine Zelle. Und dann nehmen wir Kurs Nord-West!"

"Kurs Nordwest. Zu Befehl, Admiral!"

Tuatha da Dana'an war sicher, daß ihr Oberbootsmann die Tragweite dessen, was die Piraten ihr da andeutungsweise zu verstehen gegeben hatten, nicht mal ansatzweise erkannt hatte. Aber das war auch gar nicht nötig. Wenn sie Kurs Nordwest befahl, dann wurde das einfach so gemacht.


47. Kapitel - Baobaopaipai

Von weitem schon konnten wir, Paipai und ich, genau erkennen, wo Äräolahn anfing. Und je näher wir dieser sich deutlich abzeichnenden Grenze zwischen Wildnis und kultiviertem Land kamen, desto nervöser wurde ich. Paipai merkte das natürlich. Irgendwann blieb sie stehen, setzte mir eine Kralle auf die Brust und sagte: "Na, spuck's schon aus. Was ist los?"

"Hast du schon mal den Begriff 'Peck' gehört?"

"Nein." Sie sah mich mit ihren großen, wunderschönen, moosgrünen Augen auffordernd an.

"Ich weiß nicht genau, was Pecks sind, aber ich vermute mal folgendes. In Äräolahn scheint es einen mächtigen Zauberer zu geben, ähnlich wie Calract oder von Maarx. Und der hat anscheinend viele Menschen in Tier-Chimären verwandelt."

"Tier-was?"

"Chimären. Das sind Mischungen aus Mensch und Tier, oder verschiedene Tiere zusammengesetzt, etwa eine Schlange mit Löwenkopf oder was weiß ich. Äh, ich meine, so etwas ist in den Mittelländern ja nichts Besonderes mehr ...", etwas verlegen sah ich Paipai an. Ich hatte mich sicher nicht besonders geschickt ausgedrückt, aber wenn das Mädchen es bemerkt hatte, dann überging sie es taktvoll. Ich räusperte mich. "Also, unten in Kalike, der westlichen Hafenstadt, liefen ziemlich viele herum. Sie gelten in diesem Land als der letzte Dreck, um es mal ganz klar zu sagen. Wenn sie Glück haben, dürfen sie sich als Sklaven zu Tode schuften. Wenn sie Pech haben, schlägt man sie einfach auf der Straße tot. Jeder darf das, wie er Lust hat."

"Na, das würde ich ihnen aber bei mir nicht raten."

"Eben, das ist ja das Problem. Du siehst zwar nicht aus wie ein typischer Peck, denn die sind nicht elegant und so wunder ... äh, ich meine, sie sind verunstaltet, viele können nicht mal sprechen. Aber die Bürger von Äräolahn sind geistig nicht gerade besonders flexibel. Sie werden dich trotzdem als Peck betrachten und entsprechend behandeln. Vielleicht kommen wir einigermaßen durch, wenn ich dich als meine Sklavin ausgeben w ... würde ..." Ich erwartete nun einen ihrer typischen Temperamentsausbrüche, aber seltsamerweise blieb Paipai ganz ruhig und hörte mir weiterhin aufmerksam zu. "Äh, und selbst, wenn das klappt, wird es trotzdem kein solcher Spaziergang, wie wir ihn bisher hinter uns gebracht haben. Die Leute da sind Fremde nicht gewöhnt."

Paipai dachte eine Zeitlang nach, dann meinte sie: "Warum fliege ich nicht einfach voraus, und wir treffen uns dann wieder irgendwo?"

"Daran habe ich auch schon gedacht, aber wie sollen wir uns wieder finden? Ich denke, bis auf weiteres ist es doch das Beste, wenn wir zusammen bleiben."

"Als deine Sklavin ..."

Ich wurde rot. Aber was sollte ich machen. So lagen die Dinge nun mal. Nachdenklich sah ich sie an. Idee!

"Sag mal, Paipai, du kannst doch statt auf den Ballen und Zehen auch auf den ganzen Fußsohlen laufen."

Die schöne Dämonin nickte. "Schon, aber dann watschele ich wie eine Ente."

"Genau das brauchen wir. Damit machst du einen sehr harmlosen Eindruck. Und am besten, wenn wir unten sind, sagst du nichts mehr, damit die Leute denken, du könntest nicht sprechen."

Paipai seufzte. "Na gut. Ich vertraue dir."

Ich fühlte mich geehrt. Anscheinend hatten unsere bisherigen Abenteuer doch dazu geführt, das anfangs recht schwierige Verhältnis zwischen uns zu entspannen. Paipai war inzwischen ganz schön zutraulich geworden.

Schweigend setzten wir dann unseren Weg fort. Die Landschaft war jetzt im Spätsommer ausgesprochen schön, richtig idyllisch. Wir befanden uns auf den letzten Anhöhen des westlichen Gebirges und schritten über lichtes Heideland und hellen Sandboden einen schmalen Tier-Trampelpfad entlang hinunter ins Tal, in die riesige Ebene Äräolahns.

Irgendwo endete die unberührte Natur abrupt, und das erste Feld begann. Mit einem Fuß stand man noch in unberührter Wildnis, mit dem anderen schon mitten in Äräolahn.

Unser Kommen war den Bauern natürlich nicht entgangen. Sie verteilten sich überall auf den Feldern, aber allein von hier aus konnte ich überschlägig leicht 200 Leute zählen. Es war anscheinend immer noch Erntezeit, und überall wurde fleißig gearbeitet. Jetzt aber ruckten zahllose Köpfe hoch und drehten sich in unsere Richtung. Ob es wohl öfters mal vorkam, daß Fremde diesen Weg kamen? Das Land, von wo wir kamen, war endlos weit und praktisch menschenleer, dank Tartanos, daher glaubte ich das eher nicht.

Und dann überschritt ich die Grenze und stand auf äräolahnischem Boden. Ich ging zu einem der Bauern hinüber, der mich mit großem Mißtrauen, aber auch etwas wie Angst in den Augen musterte. Die nächsten Worte würden entscheidend sein.

"Ich wünsche euch im Namen des Großen Herrn Z einen schönen Tag. Sag', Freund, wie nennt ihr diesen Distrikt?"

Der Bauer hatte garantiert nicht mit so einer Frage gerechnet. Ich kannte den Großen Herrn Z, und ich fragte nicht nach dem Land, sondern nach dem Distrikt. Also konnte ich nicht wirklich ein Fremder sein.

Der Mann fummelte nervös an seinem Amulett, das er um den Hals trug. Er dachte ein paar Sekunden nach, dann antwortete er: "Daob. Daob heißt er. Und das da drüben", er deutete auf den nahen Fluß, den wir oben im Gebirge, wo er noch ein kleiner Bach war, mehrfach überquert hatten, ist der Fluß Vörea. Dahinter ist der Distrikt Yefa."

"Danke, Freund. Wir sind in einer wichtigen Mission unterwegs, die allerdings nicht euch betrifft. Wir müssen nach Osten."

"Nach Dram?"

Dram sagte mir nichts, aber es war ein Name, wie er charakteristisch war für die äräolahnischen Distrikte. Ihre Namen bestanden meistens aus vier Buchstaben beziehungsweise vier Phonemen. Und so riet ich mal, daß Dram der östliche Nachbardistrikt von Daob war.

"Nein, noch weiter. Aber ich darf nicht so viel darüber sprechen." Der Bauer nickte. Inzwischen waren ein gutes Dutzend weiterer Menschen herbeigekommen, darunter viele Kinder, die hier, wie überall auf der Welt, auf den Feldern mithalfen, um die Familien zu ernähren.

Ich drehte mich zu Paipai um und rief: "Komm'."

Gehorsam setzte die Dämonin sich in Bewegung. In der Tat, wenn sie auf den ganzen, über 60 Zentimeter langen Fußsohlen ging und die Zehenkrallen eingezogen ließ, sah man ihr nicht an, wie schnell und gefährlich sie in Wirklichkeit war. So erweckte sie wirklich fast den Eindruck einer dieser Mißgeburten, die man hier 'Pecks' nannte. Zudem ließ sie ihre langen Ohren wackelnd herunterhängen und wirkte damit wie ein stumpfsinniges Schaf. Ich mußte der Dämonin zu dieser schauspielerischen Leistung wirklich gratulieren. Es schien ihr sogar Spaß zu machen.

Wir gingen den schmalen, überall von heiligen Stelen und Figuren eingefaßten Feldweg entlang. Diese schmalen Pfade zwischen den Äckern waren praktisch die einzigen Wege, die es in diesem Land gab, und wir würden noch so manchen Kilometer auf ihnen laufen.

Diese Feldwege hatten zudem für uns die unerfreuliche Eigenschaft, daß sie zumeist sternförmig auf das jeweils zugehörige Dorf liefen. Ich hätte die Dörfer lieber umgangen, aber das Fortkommen war so schon schwierig genug, und wären wir wirklich außen um die Dörfer herum gekommen, wären die Strecken nahezu doppelt so lang geworden. Also gingen wir durch das erste Dorf und taten so, als sei das das selbstverständlichste auf der Welt. Die Leute, die wir dort trafen, konnten mit uns nichts anfangen. Wir waren so etwas wie das achte Weltwunder, aber was sollten sie jetzt tun? Das hatte ihnen niemand gesagt. Außerdem war Tag, und die Teufel waren immer nur nachts unterwegs. Also standen sie mit offenen Mündern da und starrten uns nach, wie wir seelenruhig auf der einen Seite hinein und auf der anderen wieder hinausmarschierten.

In der Nacht erst erreichten wir die Hauptstadt, die, wie hier zumeist üblich, denselben Namen trug wie der Distrikt, nämlich Daob. Nur der Titel des jeweiligen Herrschers variierte von Distrikt zu Distrikt: Herzog, Graf, Baron und was weiß ich was sie noch alles hatten.

Für mich war es ungewohnt, daß Daob keine Stadtmauern hatte. Auch in den Mittelländern waren Stadtmauern in den letzten Jahrzehnten ein bißchen aus der Mode gekommen, aber die meisten Städte hatten noch eine. Hier in Äräolahn gab es hingegen generell nur sehr wenige. Man konnte einfach so in jede Stadt hineinspazieren.

Nur nützte uns das nicht viel, denn so etwas wie ein Gasthaus suchten wir vergeblich. Meine bevorzugte Methode, etwas über Land und Leute zu erfahren, versagte also hier. Außerdem war sowieso keine Menschenseele mehr auf den Straßen, alles war wie ausgestorben. Schuld daran war der tief verwurzelte Aberglaube dieser Leute an alle möglichen Geister und Teufel, die wohl nachts noch schlimmer waren als am Tag. Wenn die letzten Strahlen der Abenddämmerung erloschen, dann mußte jeder Zuhause sein, das war eine eiserne Regel, die niemals freiwillig gebrochen wurde.

Und wir hatten inzwischen weit nach zehn Uhr.

"Tja, suchen wir uns draußen einen gemütlichen Baum und morgen dann, bevor die Bauern kommen, ein paar Früchte."

"Darf ich jetzt wieder normal laufen? Mir tun schon die Füße weh."

"Klar." Sie tat mir richtig leid, denn dieser Watschelgang war für sie nicht nur demütigend, sondern auch sehr anstrengend.


Auf diese Weise wanderten wir die folgenden Tage: wir gingen Menschen so gut es ging aus dem Weg und stahlen nachts, wenn keiner da war, von den Feldern und Bäumen Früchte und Obst. Schließlich, nach meiner Zählung war es der 20. Oktober 1270, standen wir am Ufer des Siina. In mir kamen richtig heimatliche Gefühle auf, denn hier fuhren auch Schiffe aus fremden Ländern wie dem Bogner- und dem Torriner Land oder sogar von der Sonneninsel. Die landschaftlich schöne, menschlich aber abweisende äräolahnische Provinz hatten wir erst mal hinter uns.

"Wir müssen auf die andere Seite." Ich blickte zu Paipai. Für sie war das kein Problem. Ich hingegen ... nun, ich hätte zur Not schwimmen können. Bei der Breite des Flusses war das aber nicht ratsam. Die sicherere Methode war jedenfalls ein Boot oder eine Fähre. Also schlug ich meiner Begleiterin vor, nach einer solchen zu suchen. Die Äräolahner waren zwar nicht sehr reisefreudig, aber ab und zu mußte doch mal jemand über den Fluß.

"Probieren wir's mal in der nächsten Stadt", meinte ich schließlich. Diese Idee gefiel mir. Bisher hatten wir alle Städte nach Möglichkeit gemieden. Hier am Fluß jedoch schätzte ich das Risiko als gering ein, denn hier kamen immerhin so oft Fremde und Ausländer, daß die Äräolahner sie gewöhnt waren und nicht sofort die Polizei oder die Ritter herbeiriefen.

Doch diesmal trog mein Gefühl allerdings, und zwar gründlich.

Zuvor jedoch hatten wir eine denkwürdige Begegnung.

Im Siina trieben mehrere Boote, die hier fischten. Ich sah auch eines, von dem aus immer wieder zwei Personen - ich konnte auf die Distanz nicht erkennen, ob es Männer oder Frauen waren - hinabtauchten, um nach einiger Zeit wieder zu erscheinen und irgend etwas in das Boot hochreichten, was von einer dritten Person in Empfang genommen wurde. Was sie da unten wohl fanden? Vielleicht Flußperlen.

Nanu, was ist das? Ich starrte hinaus auf den Fluß, dann zu Paipai, dann wieder hinaus. Dort trieb ein Boot, an dessen Mast unten ein weißes Segel und oben eine Flagge aufgezogen waren. Diese Flagge - wie hatte ich sie so lange übersehen können! Dieses kleine Schiff schwamm seit mindestens 10 Minuten quasi vor unserer Nase herum. Und es bestand nicht der geringste Zweifel, woher es kam. Nämlich aus dem Schwarzen Königreich. Calracts Wappen war nun wirklich unverwechselbar. Nur daß Calract eigentlich keine eigenen Schiffe besaß. Das Unendliche Land war ein Binnenland, das Westland ebenso, sogar eine ehemalige Wüste, und was vom Gartenland aus verschifft werden mußte, das erledigten die Piraten. Das war ja sehr spannend.

Ohne daß ich etwas hätte sagen müssen, erhob Paipai sich in die Luft und flog zu dem Schiff hinüber, das kurz darauf den Kurs änderte und fünf Minuten später am Ufer anlegte.

Mein Erstaunen hatte sich noch nicht gelegt, und so empfing ich den Kapitän, beziehungsweise den Mann, den ich dafür hielt.

"Traunsteiner. Mag Traunsteiner ist mein Name, und ich muß sagen, ich bin mehr als überrascht, hier ein Schiff unseres Königs vorzufinden."

Der Mann schüttelte mir mit kräftigem Druck meine Hand. "Karl Frien. Ich bin der Kommandant dieser Expedition. Und die Freude ist ganz auf meiner Seite."

"Expedition?"

"Allerdings. Es ist wohl noch nicht bis an den Unterlauf des Siina vorgedrungen, daß Professorin von Palato viele geologische und kartographische Expeditionen ausgeschickt hat, um das vorhandene Kartenmaterial und allgemein das Wissen über unsere Nachbarländer zu verbessern."

"Professorin von Palato ... Tschuri!"

"Ihr habt Recht, die Professorin läßt sich lieber mit ihrem Vornamen ansprechen."

Für einen kurzen Moment bekam der Mann verträumte Augen. Tschuri ... ich war ihr noch nie persönlich begegnet - leider. Aber bei dem Kapitän hier hatte sie offenbar einen bleibenden Eindruck hinterlassen. "Tja", fuhr er fort. "König Calract hat keine eigene Flotte, also hat Frau von Palato dieses Schiff gechartert ... und jetzt sind wir hier."

Ich musterte Frien genauer. Sollte er etwa ... "Sagt, aus welchem Land und welcher Stadt kommt Ihr?"

"Sydur ist meine Heimatstadt. Wahrscheinlich habt Ihr noch nie davon gehört, aber ..."

"Natürlich kenne ich Sydur, auch wenn ich zugeben muß, noch nie dort gewesen zu sein. Wahrlich, auch im Schwarzen Königreich sind moderne Zeiten angebrochen."

Frien schüttelte den Kopf. "Leider ganz und gar nicht. Die Leute dort sind leider genauso kleinkariert und weltabgeschieden geblieben, wie sie es seit 1000 Jahren immer gewesen sind. Anders ist heute nur, daß Menschen wie ich, die das nicht mehr aushalten, die Möglichkeit haben fortzugehen und in einem anderen Teil des Reiches unseres Königs ihr Glück zu machen. Vor allem seit Großfürstin Katare und mal ... besucht hat ... Doch, ein paar Sachen haben sich wirklich geändert im Schwarzen Reich." Stolz sah er sich um. Auf seinem Schiff waren fünf weitere Besatzungsmitglieder, von denen drei ebenfalls an Land gegangen waren und nun irgendwelche Instrumente aufbauten, mit denen sie anscheinend das Land hier vermessen wollten. Ich wunderte mich. Was sie da machten, war eigentlich ziemlich dreist.

Ich sprach Frien darauf an. "Habt ihr keine Schwierigkeiten, mitten im Herzen von Äräolahn Vermessungsarbeiten vorzunehmen?"

"Nein, ich bin mir sicher, die Menschen hier haben überhaupt keine Ahnung, was wir eigentlich machen. Manchmal schauen sie uns ein bißchen zu, aber dann wird ihnen langweilig und sie gehen wieder. Noch nie hat jemand versucht, und Schwierigkeiten zu machen. Aber seltsam ist das schon, da habt Ihr Recht, Herr Traunsteiner."

"In Äräolahn ist so manches seltsam. Seid jedenfalls auf der Hut."

"Na, wenn eine Orna-Dämonin in der Nähe ist, dann kann uns ja nichts passieren."

Paipai erwiderte: "Sehr lange bin ich aber nicht mehr hier. Wir müssen auf die andere Seite und dann weiter nach Osten. Nach St. Malo."

"St. Malo! Ja, wißt Ihr denn, wo das ist?"

"Nur vage, Herr Frien, aber ich bin sicher, wir werden es finden."

"Wenn wir hier fertig sind, können wir euch auf die andere Seite fahren."

"Danke, aber vorher sehe ich mir noch die Stadt da an." Ich deutete flußaufwärts, wo unser nächstes Ziel war. "Anscheinend gibt es dort auch eine Fähre. Mit der werden wir dann übersetzen. Aber vorher hoffe ich, dort noch ein paar Informationen zu sammeln." Ich lachte. "Im Grunde tun wir beide das gleiche: wir erkunden fremde Länder und vermehren das Wissen unseres Königs Calract. Und in unserem Fall suchen wir auch noch den Weißen König."

Frien sah uns aufmerksam an. "Ja, davon habe ich schon gehört. König Calract hat den Reichsbefehl ausgegeben, jede noch so kleine Information bezüglich des Weißen Königs zu sammeln und weiterzugeben. Und es soll auch ein Suchkommando geben. Ihr seid das also. Erstaunlich, daß das Schicksal und hier einander begegnen läßt."

Das fand ich allerdings auch.

Wir blieben dann noch eine Zeitlang beisammen und redeten, dann machten Paipai und ich uns wieder auf den Weg. Auch Frien ließ wieder ablegen, und kurz darauf war sein Schiff nur noch ein kleiner Punkt in der Ferne. Ob wir uns jemals wieder begegnen werden?


Ohne Böses zu ahnen, spazierten wir dann in die Stadt. Fumtrat wurde sie genannt, und es gab dort wirklich eine Fähre über den Siina. Doch zunächst freute ich mich, daß es hier so etwas wie ein Gasthaus gab, auch wenn Pecks dort natürlich keinen Zutritt hatten. Unten am Hafen allerdings gab es auch Imbißbuden, und dorthin wandten wir uns zunächst.

Der Hauptexportartikel von Äräolahn war erstaunlicherweise Glas, sowohl als Rohmasse wie auch als Scheiben oder in Form von Gebrauchsgegenständen oder sogar Schmuck. Gemessen an der Größe dieses Landes war der Glashandel zwar kaum der Rede wert, aber das Glas war in der ganzen bekannten Welt begehrt. Anscheinend gab es hier ein paar Stellen, wo man die Rohmaterialien dafür vorfand, reinen Sand und Soda vor allem, jedenfalls sahen Paipai und ich, wie in dem kleinen Hafen einige sorgsam verpackte Scheiben auf ein Boot verladen wurden. Angesichts des Preises für Fensterglas dieser Größe und Qualität war der Aufwand auch nur zu verständlich. Andererseits war gerade Fensterglas äußerst wichtig und heißbegehrt. Komisch, kaum jemand wußte, woher unsere Scheiben zumeist kamen. Fragte man jemanden, so antwortete er wahrscheinlich, das Glas käme von der Sonneninsel. Dort saßen aber nur die Händler. Erzeugt wurde es hier.

Paipai war über diesen Sachverhalt recht erstaunt. Wir unterhielten uns darüber, während wir einen Fisch und eine Ladung gedünsteter Kartoffeln oder so etwas Ähnliches verputzten.

"Na sowas, eine Ornadämonin sieht man hier auch nicht alle Tage."

Wir zuckten synchron zusammen. Heute war wohl der Tag der Überraschungen. Vor uns stand ein Typ, dem man - genau wie uns - auf den ersten Blick ansah, daß er nicht von hier war. Er hatte eine Zigarre im Mund und grinste von einem Ohr zum anderen. "Gestatten, ich bin Kapitän Marduk."

Kapitän ... natürlich, er war ein Pirat. Eigentlich war das nicht zu übersehen, diesen Menschenschlag erkannte man eigentlich überall sofort.

"Und das da unten ist mein Kahn. Im Moment jedenfalls. Wir dürfen hier leider nicht mit unseren eigenen Schiffen fahren, sondern müssen für ein Schweinegeld diese Klapperkästen mieten. Wie soll man da ein Geschäft machen?" Er schlug theatralisch die Hände über dem Kopf zusammen, aber das war natürlich nur Schau. Ich war sicher, daß er sich hier eine goldene Nase verdiente.

Ich stand auf und schüttelte dem Mann die Hand. Dabei bemerkte ich ein weißes Tuch, daß er sich um den rechten Oberarm geknotet hatte.

Marduk deutete meinen Blick richtig. "Ja, wir haben einen tragischen Todesfall zu beklagen."

"In der Familie?"

"Sozusagen. Unser Großkapitän ist gestorben, BQMZ, die größte aller Piratinnen."

Mich traf fast der Schlag. BQMZ tot?

Marduk sagte mit leiser Stimme: "Inzwischen kennen wir die Details. Es waren die verdammten Elfen. Sie haben die halbe Insel Teriéte in Schutt und Asche gelegt, als der Großkapitän sich dort gerade, äh, geschäftlich aufhielt. Es hat so gut wie keine Überlebenden gegeben, nur wie durch ein Wunder Kapitän Saator und seine Frau Arashi."

"Arashi... seine ... Frau!", rief Paipai. "Schwester Arashi hat ... hat einen Piratenkapitän geheiratet! Aber ... aber ..."

"Ja, aber Saator ist ihr anscheinend hoffnungslos verfallen. Oder sie ihm, hä hä. Mal sehen, wenn dieser verdammte Krieg vorbei ist, dann wird sich auch bei uns einiges ändern."

Der Krieg ... deshalb waren Paipai und ich letztlich hier. Ich fragte: "Sagt, Kapitän Marduk, ihr habt nicht zufällig irgend etwas über den Weißen König Wilhelm gehört?"

"Ex-König Wilhelm. Calract hat ihn abgesetzt und einen seiner Söhne zum neuen Weißen König gemacht."

Das war ja hoch interessant. "Und? Wo ist Wilhelm geblieben?"

"Das weiß niemand. Calract hat Leute losgesch ..." Es machte 'Klick' bei ihm: "Ihr seid das! Ihr seid unterwegs, um Wilhelm zu suchen ... ja, verdammt, ein Karolinger und eine Dämonin."

Paipai und ich nickten. Wie klein doch die Welt sein konnte, selbst hier.

Es wurde ein äußerst angenehmer Nachmittag. Marduk war natürlich nicht allein. Im Laufe der nächsten Zeit erschien nach und nach seine gesamte Mannschaft. Wir kauften ein paar Fressalien, dann gingen wir alle auf sein Boot. Es würde erst in ein paar Tagen auslaufen, denn er erwartete weitere Ladung, außerdem mußten noch alle möglichen Formalitäten erledigt werden. Doch Marduk versprach, uns ein Stück den flußaufwärts mitzunehmen und uns dann am Ostufer abzusetzen.

Wir unterhielten uns angeregt über Gott und die Welt. Es war so angenehm, mit diesen Leuten zusammenzusein, die Paipai nicht als ausgestoßene Mißgeburt, sondern als ganz normalen Mitmenschen behandelten. Einen größeren Unterschied zu den verschlossenen, schrulligen und abergläubischen Äräolahnern konnte man sich kaum vorstellen.

Am späten Nachmittag tauchten dann ein paar Hafenbeamte auf. So dachten wir jedenfalls. Es waren sechs, und sie hielten zielstrebig auf Marduks Boot zu. "Aha, der Zoll."

Aber es war nicht der Zoll, es war die Geheimpolizei, und sie war gekommen, um Paipai und mich zu verhaften.

Die sechs Männer hätten gegen Paipai nicht die Spur einer Chance gehabt. Die Dämonin hätte keine Sekunde gebraucht, sie allesamt in die nächste Welt zu schicken, doch ich bedeutete dem Mädchen, sich nicht zu wehren. Mein Riecher sagte mir, daß das interessant werden konnte.

"Wir warten ein paar Tage auf euch", raunte Marduk mir noch zu.

"Keine Sorge, mein Freund, Paipai und ich kommen schon klar."

Dann wurden wir abgeführt, wobei Paipai wieder diesen Watschelgang benutzte, um ihre wahre Natur zu verbergen.


Wir wurden getrennt. Paipai steckten sie in einen Verschlag, was der beste Beweis dafür war, daß sie sie tatsächlich für einen Peck hielten. Mich nahmen sie mit in ein kleines Gebäude, das allerdings unterkellert war.

Die Verließe machten keinen sehr angenehmen Eindruck, doch ich wurde relativ höflich behandelt. Man führte mich in einen großen Raum, der durch eine Reihe von Fackeln in rötliches Licht getaucht war. Vier Wachen standen um mich herum, traten dann aber etwas in den Hintergrund, als der Offizier erschien und sich hinter den schweren Schreibtisch setzte. Ich hingegen mußte stehenbleiben, denn es gab nur diesen einen Stuhl.

"Du bist fremd hier?"

"Stimmt auffallend." Sicher war es nicht so angebracht, in so einer Lage solche sarkastischen Antworten zu geben. Und prompt wurde ich zurechtgewiesen.

"Du wirst mich mit 'Herr Major' anreden. Und ich warne dich, wenn du uns hier irgendwelche Lügengeschichten erzählst, dann wirst du es bereuen." Er warf den vier Soldaten, die hinter mir standen, einen vielsagenden Blick zu. Besser, wenn ich mich zusammenriß.

"Ich habe nichts zu verbergen, Herr Major. Ich bin auf der Suche nach einem Mann. Das ist alles."

Der Offizier ging darauf zunächst nicht ein. Ihm schien es um etwas ganz Anderes zu gehen: "Hier hat es vor kurzem einen großen Peck-Aufstand gegeben. Der größte, den wir je hatten. Sogar der einzige, den wir je hatten. Die Stadt Landa ist dabei zerstört worden. Es ist unmöglich, daß Kreaturen wie die Verwandelten dies aus eigenem Entschluß tun konnten. Wir suchen die Drahtzieher. Was weißt du darüber?"

Er musterte mich scharf. "Ich bedauere. Darüber weiß ich gar nichts. Ich bin mit meiner Dienerin aus dem Land der Pfahldörfer gekommen. Äräolahnischen Boden haben wir im Distrikt Daob zum ersten Mal betreten, aber auf unserer ganzen Reise haben wir von keiner Stadt gehört, die Landa heißt."

"Nun, das mit Daob zumindest ist wahr."

Ich war überrascht. Anscheinend gab es hier sehr wohl funktionierende Nachrichtenkanäle, auch wenn die Menschen kaum jemals in ihrem Leben auch nur ihr Dorf verließen.

"Aber", fuhr der Major fort, "wie kommt ihr von Daob hierher?"

"Zu Fuß. Nur haben wir natürlich wenig Wert darauf gelegt, unterwegs mehr als nötig gesehen zu werden. Die Menschen hier sind Reisende nicht gewohnt." Ich überlegte kurz: "Wann war denn dieser Aufstand?"

"Im vorigen Winter."

"Dann können wir es nicht gewesen sein. Im Winter weilte ich in ..."

"Ja?"

"Da war ich in Grünanbährn, einer weit entfernten Hafenstadt am Octaviusmeer." Ja, kaum zu glauben, daß das noch kein Jahr her war.

Der Major blieb mißtrauisch, aber er hatte nichts gegen mich in der Hand. Schließlich sagte er: "Deine Dienerin, diese komische Peck-Frau, woher hast du sie?"

"Sie sieht aus wie ein Peck, ist aber keiner. Auch da, wo ich herkomme, gibt es verzauberte Menschen, und ..."

Mit einer energischen Handbewegung gebot er mir zu schweigen. Ruckartig stand er auf und rief mit schneidender Stimme: "Unteroffizier, warte mit deinen Männern draußen!"

Der Angesprochene grüßte zackig und zog dann mit den drei anderen Wachen ab. Der Major ging zu der schweren Tür und verschloß sie. Dann setzte er sich mir direkt gegenüber auf die Schreibtischkante.

"Hier wird normalerweise nicht über diese Dinge gesprochen. Verdammt."

Auf dem Tisch lag ein Papier. Ich deutete darauf: "Was ist das?"

Es dauerte eine Zeitlang, bis meine Frage zu dem Offizier vordrang, denn anscheinend war er mit seinen Gedanken ganz woanders gewesen. "Wie? Ach das? Einer der überlebenden Pecks hat uns die Anführerin des Aufstandes beschrieben." Er grinste, dann fuhr er fort: "Natürlich wollte er nicht reden, aber wir haben ihn zum Sprechen gebracht, diesen Narren." Er schnappte nach dem Papier und hielt es mir unter die Nase: "Kennst du dieses Wesen? Vogelkopf, ein hellblaues und ein schwarzes Auge?"

Mir wurde schwindelig. Es dauerte eine Zeitlang, bis ich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, und ich gratulierte mir dazu, daß ich mich hatte verhaften lassen. Diese Information war mehr wert als pures Gold. "Ja, Major, die kenne ich!"

Der Offizier hatte nicht im Traum mit dieser Antwort gerechnet. Sein Unterkiefer klappte nach unten. Ich erklärte: "Es ist die Schwarze Hexe, und hier einen Aufstand zu inszenieren, das paßt genau zu ihr."

"Schwarze Hexe ... ?"

"Es gibt niemanden sonst, der rechts ein hellblaues und links ein dunkelbraunes Auge hat und das überall herumzeigt. Kein Zweifel, das ist die Schwarze Hexe. Natürlich sieht sie nicht in Wirklichkeit so aus, aber für sie ist es ein Kinderspiel, sich in so einen Vogel zu verwandeln."

"Was weißt du noch?", fragte er mit bebender Stimme. Seine Gedanken schienen zu rasen.

"Vielleicht solltet Ihr meine Begleiterin holen. Sie heißt Baobaopaipai und kann mir helfen, Eure Fragen zu beantworten."

Der Offizier kam meinem Vorschlag nach kurzem Zögern nach, öffnete die Tür und brüllte: "Unteroffizier, holt mir diesen Peck!"

Wir warteten dann, bis Paipai ins Zimmer geschoben wurde. Das Mädchen merkte sofort, daß es sich hier nicht mehr zu verstellen brauchte. Ihre ganze Körperhaltung änderte sich, und der Major murmelte: "In der Tat, du bist niemals ein Peck."

"Nein, ich bin die stolze Dämonin Baobaopaipai."

Es war vielleicht nicht die glücklichste Art, sich in so einer Situation vorzustellen. Der Major schwieg lange. Mehrfach setzte er zum Sprechen an. Da trat Paipai auf ihn zu. "Ich kann dir helfen." Und dann begannen diese keinen grünen Flecken in ihren Augen zu glühen.

Ich hatte diese unheimliche Fähigkeit schon einmal in Aktion gesehen, doch anscheinend war sie nicht nur zerstörerisch, sondern wenn sie wollte, konnte Paipai damit auch sehr sanft umgehen. Und so erfuhren wir, wer dieser Major war, wie sein Leben verlaufen war und was er von uns wollte. Eigentlich war es sehr einfach: Er wollte seine Frau wiederhaben.


Nachdem Paipai alles, was im Gehirn des Majors gespeichert war, als Vision herausgeholt und sich selbst, ihm und mir zugänglich gemacht hatte, standen wir lange schweigend in dem Raum. Der Major zitterte, seine glasigen Augen wanderten ziellos durch den Raum.

Das gelegentliche Knacksen der Fackeln war das einzige Geräusch, zumindest für meine Ohren. Paipai konnte mehr hören, den rasenden Herzschlag dieses äräolahnischen Offiziers vor uns zum Beispiel.

Ich räusperte mich. "Der Große Herr Z hat Euch also Tausend Vögel, die Frau, die Ihr mehr als alles andere auf der Welt geliebt habt, genommen." Der Major nickte. Er hatte Tränen in den Augen. Dann sprang er auf und rief mit vor Erregung heiserer Stimme: "Ich weiß, daß ich mein Leben verwirkt habe, denn der Große Herr Z sieht jeden Ungehorsam. Aber bevor ich sterbe, will ich noch einmal Tausend Vögel in meinen Armen halten und ihren Duft riechen."

"Was ist aus ihr geworden?" Ich kannte die Antwort schon so halb, Paipai hatte mir das gezeigt, was dieser Offizier darüber wußte.

"Eines Tages kam die Schwarze Kutsche und hat sie mitgenommen. Sie ist nie wieder zurückgekehrt. Verdammt ..."

Die Schwarze Hexe, der Große Herr Z, König Wilhelm. Wie hing das alles zusammen? Etwas hilflos sah ich Paipai an.

"Wo ist St. Malo?"

Der Major sprang wie von der Tarantel gestochen vom Tisch und blickte uns an, als hätten wir uns in gottverdammte Monster verwandelt. "St. Malo!"

"Beruhigt Euch bitte." Ich setzte mich neben ihn auf den Tisch. "Ich glaube, in unserer Situation kann jede Information von entscheidender Wichtigkeit sein."

Irgendwie schien das den Offizier zu überzeugen. Er bat uns, einen Moment zu warten und verließ den Raum. Einige Minuten später kehrte er mit einer Karte in der Hand zurück, die es nun auf dem Tisch ausrollte. Es war eine sehr detaillierte Karte von Äräolahn und ich hätte einiges darum gegeben, wenn ich auch so eine besessen hätte.

"Niemand, außer vielleicht den Verkündern und natürlich dem Großen Herrn Z, wissen etwas Genaues ..."

Das konnte ich mir denken. Unwissenheit und Aberglaube waren anscheinend das Mittel, mit dem Äräolahn seit tausend Jahren beherrscht wurde. Der Major fuhr fort: " ... aber soweit ich weiß, gelangt man zum Talkessel von St. Malo nur durch die Festung Asteria, unsere Hauptstadt. Hier irgendwo", er tippte auf die vage eingezeichneten Berge östlich des südlichen Flügels des Himmels, "hier irgendwo soll St. Malo sein."

"In St. Malo soll sich der Mann aufhalten, den wir suchen. Hm, Euer Großer Herr Z entführt anscheinend nicht nur schöne Frauen."

Der Major sah mich sprachlos an. Ich sagte: "Ich weiß nicht, ob ich Euch helfen kann. Ich bin kein Zauberer, sondern nur ein Wanderer, der im Auftrag von König Calract eine Mission zu erfüllen sucht."

"Aber diese ... diese ..." er zeigte auf Paipai. In seinen Augen mußte sie so etwas wie eine allmächtige Göttin sein.

"Major!" Ich baute mich vor ihm auf und legte meine Hände auf seine Schultern. "Seid versichert, hier werden sich viele Dinge ändern. Noch kein Land, das mein König Calract berührt hat, ist so geblieben, wie es war, und stets ist ein Wechsel zum Guten erfolgt. Aber stets auch hat es Opfer gekostet."


Wir beide, auch Paipai, verbrachten die Nacht im Haus des Majors, das wir gerade noch rechtzeitig in der letzten Abenddämmerung erreichten. An Schlaf war allerdings nicht zu denken. Der Major lebte hier allein. Seine Frau war ja weg, und die drei Kinder hatten woanders ihre eigenen Familien. Tagsüber führte eine Magd den Haushalt, aber nachts war sie natürlich nicht da. Wir waren ungestört, und ich begann, dem Major - und auch Paipai - einige meiner Abenteuer zu erzählen.

Mit den großen, staunenden Augen eines Kindes hörte der Offizier mir zu, Stunde um Stunde, bis in den frühen Morgen. Irgendwann sagte er: "Traunsteiner, wenn ich nicht auf meine Frau warten müßte, heute noch würde ich Äräolahn verlassen und zu Eurem König Calract gehen."


Marduk bekam alle Passierscheine, die er haben wollte. Der Offizier war anscheinend einer der wichtigsten Leute in der Stadt und hatte große Macht. Wir hatten keinerlei Schwierigkeiten mehr, und am nächsten Tag lief das Boot aus.

"Weißt du, was ich mich frage, Trauni?", meinte Paipai während der Fahrt.

"Hm?"

"Was wohl aus der Schwarzen Hexe geworden ist?"

"Glaube mir, Paipai, wir werden ihr früher begegnen, als uns lieb sein kann." Davon war ich fest überzeugt. Wesen wie die Schwarze Hexe tauchten immer wieder auf, und meistens zur falschen Zeit am falschen Ort.


Einige Tage später.

"Der Stellviat!" Marduk deutete ein Stück stromaufwärts, wo ein etwa 20 Meter breiter und sehr schnellfließender Fluß mit auffallend klarem Wasser sich in den trüben, träge dahinfließenden Siina ergoß.

"Und wie heißt die Stadt dort?", wollte ich wissen.

"Klié, genau wie der Distrikt. Und gegenüber, auf dem Westufer des Siina, ist Pohh. Man kann gut verdienen, wenn man ein paarmal zwischen diesen beiden Städten hin und her fährt und Leute mitnimmt. Weißt du, Traunsteiner, in ganz Äräolahn gibt es keine einzige Brücke über den Siina! Ist doch irre, oder?"

"Ja, das finde ich auch. Aber andererseits - wer kann eine Brücke über einen Fluß bauen, der an keiner Stelle schmaler als 4 bis 5 Kilometer ist? Aber egal, ich denke, wir gehen lieber hier an Land. Wir werden kaum ein zweites Mal auf jemanden wie diesen Major aus Fumtrat treffen. Besser also, wenn wir ab jetzt wieder unauffällig reisen."

"Wie wollt ihr denn eigentlich nach St. Malo kommen? Mal angenommen, ihr findet es überhaupt. Oder nein, sagt es mir nicht. Was man nicht weiß, kann man nicht ausplaudern."

Er gab Anweisung, möglichst nahe ans Ufer zu segeln. Auf dem Siina war im Moment kaum Schiffsverkehr. Selbst die Fischerbötchen waren an dieser Stelle nicht präsent. Und größere Kähne sah man sowieso nur selten. Äräolahn exportierte kaum, und es gab auch keinen großen Binnenhandel. Jeder lebte auf und von seinem Fleckchen Land und bliebt auch sein ganzes Leben lang da. Jedes Dorf war praktisch autark. Es war wirklich ein eigenartiges Land mit einem ganz eigenen Lebensrhythmus. Wir verabschiedeten uns von den Piraten, mit denen wir inzwischen Freundschaft geschlossen hatten. Ich hoffte, sie eines Tages mal wiederzusehen. Dann sprang ich aus dem Boot und watete an Land. Paipai hatte es da erheblich einfacher, sie flog einfach das kurze Stück.

Manchmal fragte ich mich, ob ich gerne mit ihr getauscht hätte. Aber die Antwort fiel immer gleich aus: Nein. Dafür aber war ich gerne mit ihr zusammen. Nicht nur, daß ich sie mochte, wir bildeten auch ein gutes Team. Was der eine nicht konnte, das trug der andere bei.

Ich trat neben Paipai und wandte mich um. Langsam wurde Marduks Boot dann immer kleiner und verschwand schließlich aus unserer Sicht. Und für uns beide ging jetzt wieder das Versteckspiel los.

Immer den südlichen Flügel des Himmels im Blick, dessen schneebedeckter weißer Kamm von hier aus schon am fernen Horizont zu ahnen war, marschierten wir dann nach Osten, Tag um Tag, und eine Woche später standen wir wieder vor einer Grenze. Vor der, wo Äräolahn im Osten endete und die Gebirgskette aufragte. Hinter den letzten Feldern kam noch ein schmaler Streifen Wildnis, die einzige wirklich von Menschenhand unberührte Stelle, die wir seit dem Land der Pfahldörfer gesehen hatten, und dahinter begann die senkrecht aufsteigende Felswand, die so hoch ging, daß ich von hier aus die Oberkante nicht sehen konnte.

Ich sah Paipai an. Wie oft war ich ihr zur Hand gegangen bei all den Verrichtungen, die sie trotz ihrer geschickten Füße nur schwer oder gar nicht tun konnte. Jetzt war es mal wieder umgekehrt. Sie konnte einfach da hinauffliegen, und ich nicht. So sehr ich es auch wollte, für mich gab es keinen Weg. Ich mußte hier unten warten und die Erkundung ihr überlassen.

"Ich sehe mich da oben mal ein bißchen um. Vielleicht finde ich ja auch eine Möglichkeit, wo du doch hinaufklettern kannst", meinte sie leichthin. Sie konnte ihre heimliche Freude nicht verbergen.

"Naja ...", antwortete ich etwas lahm. Hinaufklettern - das sah schlecht aus. Ganz davon abgesehen, daß selbst in halber Höhe schon Schnee und Eis lag. Wahrscheinlich würde ich, wie alle anderen Menschen auch, den Weg über Kattra, das Stellviat-Tal hinauf und durch Asteria gehen müssen. Keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte. Ich kannte dieses Land inzwischen viel zu gut, um glauben zu können, sie würden mich dort einfach so hindurch spazieren lassen.

"In ein paar Stunden bin ich wieder da." Paipai faltete ihre Schwingen aus, griff in die Luft und erhob sich mit einer beneidenswerten Leichtigkeit vom Boden. Wie ein großer exotischer Vogel stieg sie dicht vor den senkrechten Felsen hoch und immer höher, bis sie schließlich - von hier unten aus nur noch als winziger Punkt am Himmel zu erahnen - den Kamm erreichte und endgültig aus meinem Blick entschwand.

Für mich gab es derweil nichts weiter zu tun. Ich mußte warten, bis sie wieder zurückkam.

Aber sie kam nicht wieder zurück. Nicht an diesem Tag und auch nicht am nächsten.


So bedrückend es auch war, noch länger zu warten hatte keinen Sinn. Also wandte ich mich nach Norden, dort, wo in einigen Tagesmärschen Entfernung das Stellviat-Tal einen Weg nach Osten öffnete. Wobei ich mich die ganze Zeit fragte, ob ich einer Gefahr, die eine Orna-Dämonin in Bedrängnis bringen konnte, wenn nicht schlimmeres, überhaupt gewachsen war. Aber egal, es blieb mir schlicht und einfach nichts Anderes übrig.


Kattra. Da mußte ich hinein und auf der anderen Seite wieder hinaus. Wie auch immer ich das schaffen sollte. Die Festung, die den Zugang zum Stellviat-Tal abriegelte, gab sich abweisend und drohend. Aber irgendwie mußte ich sie überwinden.

Ich setzte mich auf einen Stein und sah resignierend hinüber. Es gab hier nicht mehr viele Felder, sondern hauptsächlich gerodetes Ödland, auf dem junge Bäume nachwuchsen. Von hier aus konnte man nicht so genau erkennen, ob es vielleicht möglich war, die Mauern der Festung zu umgehen. So, wie Kattra sich an die Berge schmiegte, würde das aber ein halsbrecherisches Unternehmen werden, vor allem in der Nacht, denn am Tag würde man für die Wachen ein deutliches Ziel abgeben.

Ich hatte nicht weiter auf die Umgebung geachtet, deshalb sah ich den seltsamen Greis erst, als er schon nahe bei mir war. Und so, wie er auf mich zukam, gab es keinen Zweifel, daß er zu mir wollte. Ich blickte ihm skeptisch entgegen und machte mich auf eine Überraschung gefaßt. Irgendwie hatte ich so ein komisches Gefühl.

"Mag Traunsteiner?"

Einen Moment blieb mir die Luft weg. Ich nickte automatisch und stand auf. Was auch immer jetzt geschehen würde, mein Schicksal lag ab jetzt in den Händen anderer.

"Mein Name ist Doktor Tschiebelholzer. Kommt mit mir!"


*


Rosalia.

Ich glaube, die Schwarze Hexe wußte gar nicht, wie sehr sie mir geholfen hatte. Ohne sie wäre mein Plan, meinen Onkel Calract zu vernichten, niemals möglich gewesen. Sie hatte mir alle Bausteine geliefert, die ich für die Falle brauchte. Und der Schlüssel zu allem war die Heilige Stätte des Blauen Tals. Es war fast ein Witz, daß ich von ihr ausgerechnet in der Bibliothek des Weißen Schlosses gelesen hatte, damals, als ich als kleines Waisenmädchen von Tante Alessandra aufgenommen worden war. Die sogenannten Hofzauberer dort waren nichts als lächerliche Schießbudenfiguren, die Alessandra, nachdem sie erfahren hatte, was echte Zauberei ist, sofort rausgeworfen hatte. Mein Glück, denn sonst wäre es vielleicht aufgefallen, daß ich mich mit einem dieser uralten, verstaubten Wälzer besonders lange beschäftigt hatte. An der geheimen Bibliothek des Weißen Reiches lag es jedenfalls nicht, daß die Hofzauberer solche Nieten gewesen waren.

Allerdings wußte auch niemand diese kryptischen Texte richtig zu deuten. Die Bibliothek meines Vaters hätte mir gewiß weitergeholfen, doch die war mit dem Schwarzen Schloß untergegangen, wie ich zunächst geglaubt hatte. Später erfuhr ich dann, daß der Erzverbrecher Calract sie gerettet und an sich gebracht hatte. Dort unten im Gartenland nützte sie mir nur leider nichts, es war völlig undenkbar, dort einzudringen, in welcher Gestalt auch immer. Dazu war mein Onkel viel zu mächtig. Nein, im Gegenteil, ich mußte so viel Abstand zwischen ihm und mir halten wie nur irgend möglich. Niemals durfte er auch den leisesten Hinweis bekommen, ich hätte mit der ganzen Sache etwas zu tun.

Irgendwann kreuzte dann die Schwarze Hexe meinen Weg. Auch sie wollte sich an Calract rächen für irgendeine Kleinigkeit, es hat mich nie wirklich interessiert. Leider ging unser erster Versuch gründlich schief. Wir hatten Nuitor gefunden, eingefangen und an ihm ein paar - sagen wir mal - Experimente gemacht. Hätte ich damals schon gewußt, was ich heute weiß, hätte Calract seinen Kopf nicht retten können. Aber an diesem Tag der Drei Hochzeiten ging alles schief. Statt Calract verlor die Schwarze Hexe ihren Kopf, ihr Körper wurde versteinert, und dann tauchte auch noch von Maarx auf.

Ich konnte mich und Beata knapp retten. Maarx wurde dann von Calract schmählich besiegt, und das brachte mich auf die Idee, ihn für meine Pläne einzuspannen.

Da die Schwarze Hexe keinen Körper mehr hatte, ließ sie ihren Geist umherwandern, und was sie dabei so alles fand, versetzte mich in Entzücken. Zum Beispiel einen Splitter des Mondkristalles, den der Verbrecher Calract in seinem Wahn damals zerstört hatte. Damals - es war genau jener Tag gewesen, an dem er auch meinen Vater ermordet hatte ...

Ich spielte den Kristall von Maarx in die Hände, und er machte daraus eine Waffe, die er für unfehlbar hielt. Doch ich glaubte nicht an seinen Sieg, dazu war er einfach zu dämlich. Und genauso kam es dann auch. Calract wurde nicht nur nicht besiegt, er konnte aus der ganzen Geschichte unglaublich viel Kapital für sich herausschlagen: sein ärgster Feind tot, der Splitter in seiner Hand, und das Bündnis mit Riinari, diesem unheimlichen Wesen, das man die Göttin des Lichtes nannte. Auch sie war so eine, von der ich mich so fern wie nur irgend möglich halten mußte. Aber viele von Maarx' Dämoninnen schlossen sich Calract an. Ich beobachtete das aus der Ferne mit gewisser Schadenfreude, denn diese erbärmlichen Kreaturen würden meinem Onkel ein gewaltiger Klotz am Bein sein. Waren sie aber nicht, im Gegenteil: diese Mädchen, die weder Arme noch Hände hatten, erweisen sich als vielseitig talentiert und wurde eine tragende Stütze von Calracts Macht.

Ich muß zugeben, ich war damals nahe daran, den Verstand zu verlieren. Diese Bestie machte aus jeder Niederlage einen Sieg. Was sie anfaßte, wurde zu Gold. Ich wußte nur eins: ich würde meinen Onkel töten, nein, vernichten, oder bei dem Versuch sterben.

Ein kleiner Trost blieb mir immerhin: Calract hatte seine Frau verloren. Im Unendlichen Land würde sie für alle Zeit als Goldstatue schmoren. Nur die Goldene Königin wäre in der Lage gewesen, sie da wieder herauszuholen. Ich wußte, Calract hätte Tante Alessandra irgendwie dazu gebracht, das für ihn zu tun. Daß ich sie vorher schon aus dem Verkehr gezogen hatte, was eigentlich nur ein glücklicher Zufall. Denn ich hatte sie, die fast allmächtige und mindestens ebenso all-naive Goldene Königin wunderbar in meine Pläne einbauen können.

Blieb das Blaue Tal. Ich hatte die Texte mehr oder weniger auswendig gelernt und immer und immer wieder analysiert. Doch heraus kam dabei nichts. Gar nichts. Ich hätte den Verfasser dieses Buches auf den Mond schießen können, bis mir irgendwann, nach Jahren der Suche, klar wurde, daß hier absichtlich eine falsche Spur gelegt worden war. Die Heilige Stätte vom Blauen Tal existierte, aber niemals würde sie jemand finden können.

Doch die Schwarze Hexe fand sie. Wie, das interessierte mich ab da nicht mehr. Mir fiel einfach nur eine Zentnerlast von den Schultern, denn jetzt endlich war der Weg frei. Jetzt endlich konnte ich den Erzverbrecher vernichten. Ich stattete dem Blauen Tal umgehend einen Besuch ab. Es war ein denkwürdiger Tag, dieser 11. Oktober 1267.

Ich hatte die Gestalt einer Ente angenommen, ein unverdächtiges Tier und schneller Flieger. Die geheimnisvollen Elfen hatten das Gerücht ausgestreut, ihr großes Heiligtum liege unendlich weit im Norden an einem mystischen Ort, wo kein Sterblicher es jemals finden konnte. Aber das war natürlich gelogen. Norden stimmte zwar, aber vom Weißen Schloß waren es gerade mal gute 2.000 Kilometer. Allerdings war dieses Land vollkommen abgelegen und menschenleer, so daß die Elfen in der Tat keine Entdeckung zu fürchten brauchten. Außerdem war die Heilige Stätte getarnt. Solange man nicht tatsächlich in sie vordrang, war sie von außen unsichtbar. Das war auch der Grund, warum Calract, der sie zur Zeit ja intensiv suchte, sie einfach nicht finden konnte, obwohl seine Drachen wahrscheinlich schon mehrere Male darüber hinweggeflogen waren. Außerdem war es für mich ziemlich beruhigend, daß er ein paar hundert oder tausend Kilometer zu weit im Norden suchte. Aber das machte nichts, irgendwann würde er sie doch finden, und je schwieriger die Suche bis dahin gewesen war, desto weniger würde er eine Falle vermuten, aus der es diesmal für ihn kein Entrinnen gab. Weder für ihn, noch für seine Monsterarmee. Denn das Blaue Tal war so etwas wie die Urstätte aller Heiligen Stätten, also insbesondere Lunaloc und Orna. Wer das Blaue Tal hatte, hatte die Macht über alle Dämonen. Und noch etwas hatte ich für meinen Onkel vorbereitet, etwas, das auf den hübschen Namen 'der Lange Abschied' hörte. Was für ein harmloses Wort für das Grauen ...


*


Die Ente landet. Lang ist der Flug gewesen, und das Ziel wirkt wie ein Paradies. Nicht weit im Süden liegt die geheimnisvolle Stadt der Elfen, doch diese interessiert die Ente, die sich jetzt in eine Maus verwandelt, nicht. Noch nicht.

Als Maus huscht die Schwarze Prinzessin durch das idyllische, völlig unberührte Tal, durch das sich murmelnd ein kristallklarer Bach ergießt, bis zu einem bestimmten Felsvorsprung. Sie sprintet weiter, durchbricht ein magisches Feld, und vor ihr erscheint in einem kleinen Seitental die Heilige Stätte. Die Informationen aus dem Zauberbuch im Weißen Schloß waren mehr als kryptisch gewesen, doch die Prinzessin weiß, daß es hier einen uralten Wächter gibt. Den muß sie besiegen.

Sie huscht weiter. Hinter dem Altar und den halb verfallen wirkenden Statuen ragt steil die Bergwand auf. Dort ist die Höhle mit dem Orakel der Gütigen Fee. Tief dringt die kleine Maus in die Höhle vor und verhält sich so ruhig und unauffällig wie möglich. Tage wartet sie geduldig ab, schließlich kommen zwei Elfen-Frauen. Sie gehen zu dem Heiligen Orakel, einem mumifizierten Mann, von dem die Prinzessin noch nicht weiß, was er wirklich darstellt. Als die Priesterinnen kommen, erwacht der Alte und nimmt ein paar Speisen und Wasser zu sich. Jetzt weiß die Hexe, wie sie das Orakel und damit das gesamte Elfenvolk unterwerfen kann. Mit Giften, die auch einen starken Willen brechen, kennt sie sich aus. Sie ist schließlich nicht irgendeine Hexe, sondern die Tochter eines der mächtigsten Schwarzen Könige.

Ein paar Tage später kommen wieder die Priesterinnen, doch diesmal servieren sie nicht die Speisen, die dem Alten guttäten. Als sie weg sind, tritt Rosalia hervor. Der Alte kann sich nicht wehren, seine Kräfte wären auch ohne das Gift schwach gewesen. Anscheinend ist er ein künstliches Lebewesen, in das jemand vor Urzeiten einen Teil seines Ichs verpflanzt hat. Kein Gegner für die Schwarze Prinzessin. Sie befiehlt dem Alten, die Elfen in den Krieg gegen Calract zu treiben. Und die Goldene Königin wird ihnen bei diesem aussichtslosen Kampf helfen.

*

Fast zu spät erkannte ich die potentielle Gefahr, die von St. Malo für meinen Plan ausgegangen wäre, denn St. Malo war auch eine Heilige Stätte, die von einem mächtigen Zauberer beherrscht wurde. Ich beschloß, mich persönlich darum zu kümmern.

Der Große Herr Z beliebte schöne junge Mädchen zu vernaschen, und auf diesem Wege kam ich ganz leicht in seine Festung. Ich muß sagen, obwohl ich einiges gewöhnt war, war dies für mich ein Ort des Grauens. Und der allmächtige Zauberer, dessen Namen seine Untertanen nur flüsternd auszusprechen wagten, war ein ekelhafter Fettwanst, der nicht mehr und nicht weniger wollte als die Herrschaft über die ganze Welt. Ich beglückwünschte mich dazu, ihn aufgesucht zu haben, denn hätte er seine wahnsinnigen Pläne, vor allem die mit der Heiligen Stätte, in die Tat umsetzen können, wäre ich womöglich in große Schwierigkeiten gekommen. So aber konnte ich einen wertvollen Verbündeten gewinnen.


*


Man schrieb das Jahr 277 des Großen und Gütigen Herrn Kümgens, als Elam Faust in der Stadt St Malo, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz des großen Reiches Äräolahn, zur Welt kam. Er war vom ersten Tag an ein Glückskind. Tatsächlich war er einer der mächtigsten Zauberer seiner Zeit. Nur wußte das keiner, am allerwenigsten er selbst. Jedenfalls strotzte er nur so vor Kraft und Gesundheit, er war charmant, und das schon als Baby. Alle liebten ihn, und er liebte alle. Er sah blendend aus, und seine Attraktivität, seine goldenen Locken, die klaren, blauen Augen, der große, kräftige Körper, das einnehmende Wesen, steigerten sich, je älter er wurde. Schon als Schüler war er der Schwarm aller Mädchen, und auch die Jungen bewunderten ihn wegen seiner Kraft, Geschicklichkeit und seiner unkomplizierten Herzlichkeit. Seine Familie war wohlhabend, was ihn von schwerer Arbeit verschonte, und so konnte er seine Talente stetig entfalten.

Ein einziger Schatten lag auf seinem Leben: er wußte nicht, wer sein Vater war. Seine Mutter hatte nie darüber gesprochen, und als er sieben Jahre alt war und anfing Fragen zu stellen, da war sie bedauerlicherweise an einer kurzen, aber schweren Krankheit verstorben.

Elam ging es danach nicht schlechter, Verwandte nahmen ihn auf und zogen ihn auf wie ihren eigenen Sohn. Elam kam nicht im Traum auf die Idee, daß seine drei Cousins ihn in Wahrheit abgrundtief haßten. Denn wo er auch hinkam, drehte sich immer alles nur um ihn. Er war der strahlende, unbesiegbare Held, der Stolz seiner Adoptiveltern, der Stolz seiner Lehrer, der Stolz des Stadtältesten, der Liebling der Mädchen. Gegen ihn, seine Schönheit, seinen sprudelnden Witz, verblaßten alle anderen, so sehr sie sich auch anstrengen mochten. Alles, wofür sie hart kämpfen mußten, flog Elam mühelos zu.

Und so kam Elam, ohne sich dessen bewußt zu werden, zu der Überzeugung, ein vom Schicksal Begünstigter zu sein, zu Höherem berufen, geboren in eine schöne und gute Welt, die nur auf ihn gewartet hatte.

Ein junger Mann wie er wäre andernorts wohl Offizier geworden und bald zu Oberst oder General aufgestiegen, hätte für seinen König glänzende Siege errungen und in fortgeschrittenem Alter zum Dank eine kleine Grafschaft bekommen. Doch in Äräolahn lag der letzte Krieg so lange zurück, daß sich niemand mehr auch nur ungefähr an das Datum erinnern konnte. Es gab keine Armee, wozu auch: der Große Herr Kümgens bedurfte ihrer nicht, er hatte selbst genug Macht. Und wer wäre schon so verrückt gewesen, die Festung Asteria anzugreifen? Über tausend Jahre alt war sie, und sie stammte aus den Zeiten der blutigen Eroberungen, ein ewiges Mahnmal, wie die Welt zu diesen finsteren Zeiten, die außerhalb des Reiches noch überall andauerten, ausgesehen hatte.

Doch das Schicksal hatte für Elam Faust anders entschieden. Denn in seiner Heimatstatt gab es einen magischen Ort. Womöglich wußte nicht einmal der Große Herr Kümgens selbst davon, doch dieser Ort lag nahe an Elams Schule, und er rief nach ihm. Als kleiner Junge träumte Elam manchmal davon, später, als er älter wurde, verspürte er immer diese seltsame Freude, in die Schule zu gehen, obwohl der Unterricht ihn langweilte. Er war seinen Klassenkameraden weit voraus, ihm fiel das Wissen, die guten Noten, einfach so in den Schoß, und im Sport war er sowieso nicht zu schlagen. Also langweilte er sich und verspürte in seinem Innern immer deutlicher dieses seltsame Rufen und Locken.

Lange, viele Jahre dauerte es, bis der Zufall Elam darauf brachte, woher diese lockende Wärme kam. Sie spielten Wurfball, Elam warf ein bißchen zu heftig, und der Ball landete in dem verwilderten Park hinter der Schule.

"Laß nur, ich gehe schon", rief er seinen Mitspielern zu, kletterte behende wie ein Affe über den klapprigen Bretterzaun und begann, nach dem Ball zu suchen.

Es war, als wäre er in eine andere Welt gekommen. Drehte er sich um, sah er die Schule, den Hof, seine Freunde. Hier jedoch war ein verwunschenes Land. Keine zehn Schritte weiter, aber durch Efeu und dichtes Unterholz verborgen und vom Schulhof aus nicht zu sehen, stieß Elam auf eine Wand. Diese gehörte zu einem verfallen wirkenden Gebäude ... Elam war fasziniert wie nie zuvor in seinem Leben. Hier wartete etwas Großes auf ihn.

Aus unendlicher Ferne hörte er seinen Namen rufen, doch es dauerte lange, bis er merkte, daß es sein Lehrer war, der aus Leibeskräften nach ihm brüllte.

Elam zuckte zusammen und hastete zurück. Zufällig stolperte er über den Ball, griff fahrig danach und kletterte dann über den Zaun zurück.

Er war erschrocken, als er sah, daß nicht nur sein Lehrer, sondern auch der Rektor und der Schulverkünder ihn erwarteten und nun wie wild anbrüllten. Und es war das erste und einzige Mal in seiner ganzen Kindheit und Jugend, daß er eine Tracht Prügel bekam, vor der versammelten Schule. Denn er hatte, ohne es zu wissen und zu wollen, ein großes Tabu gebrochen.

Andere Kinder hätten sich wahrscheinlich nie mehr auch nur in die Nähe dieses wilden Parks, der mitten in der Stadt und doch völlig davon isoliert lag, getraut. Elam hingegen konnte an nichts Anderes mehr denken.

Wenige Tage später schlich er sich heimlich in der Nacht aus dem Haus und huschte durch die finsteren Straßen zur Schule, denn der Zaun dort schien der einzige Weg zu sein, diesen geheimnisvollen Park zu erreichen. Wegen der nächtlichen Teufel und Geister war natürlich niemand mehr auf den Straßen, dennoch war Elam äußerst vorsichtig. Nicht wegen der Geister. Irgendwie wußte er, daß er solche nicht zu fürchten hatte. Ein geborener Sieger wir er, und Geister - das war fast lächerlich. Aber ein Gefühl sagte ihm, daß er wegen etwas Anderem vorsichtig sein mußte, sehr vorsichtig.

Geduckt sprintete er über den Sportplatz und kletterte über den Zaun. Es war fast vollkommen finster, doch ein seltsames inneres Licht schien dem Jungen den Weg zu weisen. Er gelangte an das Gebäude und tastete sich daran entlang, bis er die Tür fand. Sie war verschlossen. Elam war vor Enttäuschung wie gelähmt. Erneut drückte er gegen die Tür, doch natürlich war sie immer noch verschlossen. Gerade wollte er mit größerer Kraft versuchen, sie mit Gewalt zu öffnen, als er dicht neben sich das bekannte Geräusch eines Feuersteins hörte. Elam fühlte sich innerlich zu Eis erstarren. Wenig später schälte sich das Gesicht des Verkünders aus der Finsternis. Er sah Elam ernst an, und der wußte, was ihn nun erwartete, würde er sein Lebtag nicht mehr vergessen. Und so war es auch, nur ganz anders, als er je gedacht hätte. Es geschah etwas ganz und gar Unglaubliches. Eine warme, verführerische Energie strömte auf den Jungen über und entführte ihn in eine fremde, bizarr-schöne Welt. Aus weiter Ferne sah er den Verkünder am Boden liegen und sich vor Schmerzen krümmen, doch das war so weit weg, daß es Elam nichts anging. Er badete in dem warmen Licht, genoß es hier zu sein, bis es dann langsam wieder dunkler wurde und er zurückgestoßen wurde in die harte Realität einer finsteren Nacht.

Es dauerte eine Zeitlang, bis Elam wieder bei sich war. Von dem Verkünder war weit und breit nichts zu sehen, doch das spielte jetzt wohl keine Rolle. So schnell er konnte, rannte Elam davon, zurück über den Zaun, die Straßen entlang bis zum Haus seiner Stiefeltern. Zitternd kletterte er in sein Zimmer und verkroch sich unter seiner Decke.


Am nächsten Morgen in der Schule rechnete Elam mit dem Schlimmsten. Doch es kam noch schlimmer. Zunächst jedoch geschah erst mal gar nichts. Der Lehrer kam und tat so, als sei nichts passiert. Elam lief auch dem Rektor über den Weg. Der machte einen ziemlich aufgelösten Eindruck, aber das hatte ganz offensichtlich nichts mit ihm zu tun. Die Schule wirkte irgendwie hektisch, doch diesmal drehte es sich nicht um Elam. Tatsache war, daß niemand ihn heute beachtete.

Erst später hörte Elam von dem Gerücht, daß der Verkünder spurlos verschwunden sei. Es war, als griffe eine Faust aus Eis nach seinem Herzen. Er wußte es. Er wußte ganz genau, was mit dem Verkünder passiert war, und es war so grauenvoll, daß er nie wieder daran denken wollte. Doch er dachte nur noch daran, und es war nicht nur grauenvoll, es war ... gigantisch.


Dennoch - die folgenden Monate zwang Elam sich halbwegs erfolgreich dazu, die Sache zu vergessen. Der Große Herr Kümgens hatte einen neuen Verkünder geschickt, außerdem war um den verwilderten Park eine hohe Mauer gezogen worden, die keinen einzigen Durchlaß hatte. Es gab keine Tür, zu der irgend jemand, der Rektor oder der Stadtälteste vielleicht, einen Schlüssel hatten. Es gab schlichtweg keine.

Doch diese warme Stimme konnte Elam einfach nicht mehr vergessen. Sie lockte weiter, und so schlich sich der junge Mann eines Nachts erneut aus seinem Haus, um dieser Wärme wenigstens nahe zu sein, wenn er sich schon nicht mehr ganz erreichen durfte.

So setzte er sich unter die Mauer und blieb dort einfach sitzen, bis eine ihm nur allzu vertraute Stimme ihn aus der Dunkelheit ansprach. Es war Just, sein ältester Cousin.

"Hab' ich dich endlich!"

Elam verstand nicht. Klar, er war erwischt worden, aber das schien sein Cousin nicht gemeint zu haben. Doch Elam sollte nicht lange im Unklaren über Justs Absichten im Unklaren bleiben. "Wenn ich dich anzeige, dann bekommst du endlich, was du schon immer verdient hast."

"Waaas? Aber ... wovon redest du nur? Und ... wieso hast du keine Angst vor den Teufeln der Nacht?"

"Halt's Maul, du Betrüger. Hast du eigentlich eine Ahnung, was du uns angetan hast? Seit du da bist, sind wir nur noch die Schuhabstreifer. Für unsere eigenen Eltern. Dich Rabenbastard lieben sie tausendmal mehr als uns. Aber ich werde aller Welt die Augen öffnen, wie du wirklich bist."

Elam war erschüttert, ins Innerste getroffen. Seltsamerweise verstand er ganz genau, was sein Cousin ihm da vorwarf. Wo er war, da war vorn. Alle anderen wurden zu grauen Mäusen. Justs Seele war daran zerbrochen, und er empfand nichts weiter als blinden Haß auf Elam. Er wollte etwas sagen, den haßerfüllten Wortschwall seines Cousins unterbrechen, doch da war wieder dieses warme Licht, das ihn mit sich nahm, ganz weit weg, und Just war auf einmal so klein und unwichtig. Er lag schmerzverkrümmt auf dem Boden, und Elam stellte sich vor, wie er zu einem Schwein würde, das er ja in Wahrheit war, und Just wurde zu einem Schwein und galoppierte quiekend davon in die Nacht.


Zwei Tage später kamen die Truppen. Der Große Herr Z verfügte zwar über keine stehende Armee, aber eine Polizeitruppe war ihm natürlich stets zur Hand. Begleitet wurden die Ritter von zwei Hohen Verkündern.

Keiner in der Stadt wußte, was dieses Aufgebot sollte, keiner außer Elam. Ihm war klargeworden, daß er an die Tür zu höheren Mächten geklopft hatte. Und das sah der Große Herr Z anscheinend nicht so gerne. Trotzdem gelang Elam es noch mehrere Tage, die Spur von sich abzulenken. Doch die Verkünder gaben nicht auf. Sie suchten, gruben, forschten, stellten Fragen, und so zog sich der Ring um Elam enger und enger. Der verschwundene Just brachte sie am Ende auf die richtige Spur. Als die Soldaten dann kamen, um ihn mitzunehmen, da lief Elam davon, aber nicht hinaus in die Wälder, sondern zu der Mauer. Die Ritter und die beiden Verkünder, selbst Zauberer, hatten ihn eingekreist. Doch da öffnete sich das Tor zur Überwelt wieder und nahm Elam mit seiner Wärme und Helligkeit auf. Die Soldaten verwandelten sich in eine Mischung aus Mensch und Pferd, die hohen Verkünder, die plötzlich so hilflos waren vor Elams Macht, sie wurden zu Raben mit menschlichen Gesichtern. Doch diesmal endete es nicht, Elam sah auf ganz St. Malo herab. Er wollte es eigentlich nicht, doch diese winzig kleinen Spielzeugmenschen verwandelten sich fast wie von selbst, wurden zu bizarren Alptraumgestalten, zu Schweinen, zu Schafs- und Ziegenmenschen, zu Eseln mit Menschenköpfen, all solche amüsanten Dinge. Gigantisch. Das war die Macht, die Elam da für sich nutzbar gemacht hatte.

Elam wischte die Mauer beiseite und schwebte in den Park. Die Tür öffnete sich vor ihm und ließ ihn ein in die Heilige Stätte St. Malo. Elam wurde eins mit ihr. Er wußte nicht wieviel Zeit verging, es spielte auch keine Rolle, denn er wollte für immer hier bleiben, an diesem Ort, wo ihn niemand insgeheim haßte ... ja, sie alle haßten ihn, diese Schweine, diese verlogenen Hunde. Vorne herum taten sie so, als sei er ihr Liebling, hinten herum wollten sie ihm das Messer in den Rücken rammen. Sie sollten alle zu Tieren werden, nicht mehr sprechen können, dieses wertlose Pack. Stand er nicht meilenweit über ihnen? Hatten sie nicht geächzt und gestöhnt bei den leichtesten Aufgaben? Sie waren dumm und falsch, und dafür mußten sie bestraft werden.

An diesem Tag, nach der Zeitrechnung der Mittelländer war es der 16.6.1202, wurden alle Bewohner von St. Malo in Tiere oder eine bizarre Mischung aus Mensch und Tier verwandelt, die man später Peck nennen würde. Es war der grauenvollste Tag sein Menschengedenken.


Es dauerte Jahre, bis man wieder von Elam Faust hörte. Die Bevölkerung hatte sich um mehr als die Hälfte verringert. Viele der Chimären waren überhaupt nicht lebensfähig gewesen, manche anderen verhungert, weil sie nicht mehr arbeiten konnten. Die übrigen hatten sich nach einer Zeit des Grauens und bitterster Not irgendwie mit ihrem neuen Leben arrangiert und zu einer Art bizarrer Normalität zurückgefunden. Flucht war unmöglich, denn der Große Herr Kümgens hatte die Festung Asteria geschlossen. St. Malo, der Ort namenlosen Grauens, war hermetisch abgeriegelt. Die 104. Provinz von Äräolahn hatte damit für die Außenwelt zu existieren aufgehört.

Da stand eines schönen Tages Elam Faust wieder auf der Straße nahe der Heiligen Stätte.

Als die Pecks ihn sahen, rannten sie voller Panik davon. Elam sah sich langsam und bedächtig um. Wo immer er auch gewesen war, nun war er wieder zurück. Das Land des Lichtes hatte ihn wieder freigegeben, doch seine Macht war keineswegs gebrochen, im Gegenteil. Jetzt wollte er Äräolahn.

Aber zuerst mußte er mal etwas essen, denn er hatte einen Bärenhunger. Er brach einfach in das nächste Haus ein und nahm sich, was er wollte. Er aß, bis er fast platzte, dann schlief er. Er verbrachte die ganze Nacht in dem Haus, und am nächsten Morgen machte er sich auf den Weg nach Westen, wo ziemlich genau 200 Kilometer von der Stadt St Malo, am anderen Ende des Talkessels, die Festung Asteria den Weg nach Äräolahn wies.

Elam wanderte langsam, denn er aß und schlief die meiste Zeit. Die Pecks machten ihm keine Schwierigkeiten, sie fürchteten ihn und flohen zumeist, wenn sie ihn sahen. Einer versuchte mal, ihn mit einer Heugabel anzugreifen, doch da war wieder dieses Licht, und als es weg war, waren von dem Peck nur noch ein paar verrottete Knochen übrig, an denen die Krähen nach Fleischresten pickten. Fast wäre ganz St. Malo diesem armen Peck in die Hölle gefolgt, doch Elam schaffte es diesmal, sich zurückzuhalten.

Wochen später erreichte er dann das schmale Tal, das hinauf nach Asteria führte. Mühsam durchwanderte er ein Stück davon, bis ihm klar wurde, daß er auf dem ganzen Weg, von dem er nicht einmal wußte, wie weit er war, nichts mehr zu essen bekommen würde. Also kehrte er um. In den nächsten Wochen sammelte er so viele Pecks ein, wie er finden konnte, und befahl ihnen, möglichst dicht am Eingang des Tals ein Dorf zu bauen und Vorräte bereitzuhalten. Man konnte ja nie wissen.

Das Ganze dauerte ihm dann doch zu lange, und so kam er auf die an sich viel naheliegendere Idee, einfach einen Wagen mit Vorräten zu bepacken und mitzunehmen. Das Problem war nur, daß es nirgends in St. Malo noch einen funktionierenden Wagen gab. Die Zivilisation der Pecks bewegte sich auf niedrigstem Niveau, es reichte gerade so zum Überleben. Kaum, daß wenigstens einige von ihnen Kleider hatten. Wütend machte Elam sich also ein weiteres Mal auf den Weg, egal, ob er nun zu Essen bekam oder nicht. Und einen Tagesmarsch später stand er vor den Toren von Asteria, und er begriff, wozu diese Festung einst gebaut worden war: nicht um die Ebene von Äräolahn mit St. Malo zu verbinden, sondern um sie zu trennen.

Mit anderen Worten, er kam nicht hinein. Elam wartete auf das Licht, die unheimliche Zaubermacht der Heiligen Stätte, aber es kam nicht. Er war viel zu weit weg. Elam erkannte, wie hilflos und verwundbar er ohne diese Macht war, und rannte durch die Nacht zurück, so schnell er konnte, und er hielt nicht eher an, als bis er dieses warme Licht wieder fühlen konnte. Dann brach er vor Erschöpfung zusammen.

Viele Jahre dauerte es, bis Elam Faust sein Gefängnis verlassen konnte.

Langsam war in ihm die Erkenntnis gereift, daß er in den Pecks nützliche Sklaven hatte. Er mußte sie nur richtig behandeln. Und so entstand ganz allmählich eine eigenartige Beziehung zwischen dem Herrscher der Heilige Stätte und den Menschen, die er zu Monstren gemacht hatte. Manche lockte er mit dem Versprechen, sie eines Tages, wenn sie ihm immer gehorchten, wieder zurückzuverwandeln, obwohl beide Seiten wußten, daß es diese Erlösung in Wahrheit nie geben würde. Dennoch arbeiteten sie für ihn, und endlich gelang es Elam im Jahre 1249, mit einer List Asteria zu erobern.

Zwei Pecks waren es, die eines Tages an die Östlichen Tore der Bergfestung pochten und um Einlaß baten. Sie seien aus dem Reich des Schrecklichen geflohen. Wer auch immer entschied, den beiden die Tore zu öffnen, besiegelte damit das Schicksal Asterias und Äräolahns. Im nachhinein war es geradezu unglaublich, daß der Große Herr Kümgens einen solchen Fehler nicht mit allen Mitteln rechtzeitig unterbunden hatte. Doch als sich das Tor einen Spalt breit öffneten und die beiden Gestalten hineinschlüpften, da war es zu spät. Einer der beiden Pecks war Elam Faust in Verkleidung. Der flammende Wunsch, seinem Gefängnis endlich zu entfliehen, hatte seine Kräfte zu neuen Höhen getrieben, und mit der bloßen Faust erschlug er den schwer gepanzerten Ritter, dessen Rüstung er daraufhin selbst anzog. Andere Ritter und Wachsoldaten kamen, doch Elam sah in der Ferne, tief im Felsen, ein Licht. Er ließ seinen Getreuen zurück und verschwand in dem Labyrinth der Höhlen, Treppen, Gänge und Kammern, die das Gebirge durchzogen, immer dieses Licht vor Augen.

Asteria war in höchste Alarmstufe versetzt, und der Große Herr Kümgens persönlich schickte Soldaten, dazu seine Meganten und all die anderen Teufel, um den Eindringling zu finden und zu vernichten. Doch es war seltsam: je mehr Kraft er anwandte, desto stärker wurde der Feind. Es schien, als absorbiere Elam Faust seine Macht und verwandele sie in seine eigene. Zum Schluß wurde Kümgens von seinen eigenen Teufeln eingekreist, nachdem diese zuvor die Wachen und Soldaten in die Tiefe gestürzt und zerschmettert hatten.

Da öffnete sich das Spalier und Elam Faust trat hervor, seinem jahrzehntelangen Widersacher entgegen.

"Wer bist du?"

"Ich bin Elam Faust, der Große Herr Faust, wie man mich von jetzt an nennen wird!"

"Nein, du bist ein Nichts, ein Niemand. Die Geschichte wird dich hinwegfegen. Auch wenn du mich jetzt besiegst, so wirst auch du eines Tages besiegt, und die Menschen werden spucken, wenn sie deinen Namen hören."

"Nach mir ... nach mir wird niemand mehr kommen. Aber du hast recht, mein Name ist viel zu schade für die Niederen. So werde ich denn den letzten Buchstaben des Alphabetes als meinen Namen wählen, um aller Welt zu zeigen, daß ich das Ende einer langen Reihe bin, und ihr krönender Abschluß. Ich bin der Große Herr Z. Und du bist tot, kleiner Kümgens."

Und er stieß dem Zauberer, der über 300 Jahren lang über Äräolahn geherrscht hatte, den Dolch in die Brust.

Es dauerte lange, bis Kümgens starb, denn seine Kräfte waren groß, und hätte Elam Faust sie nicht absorbiert, hätte er niemals auf diese Weise getötet werden können.

Nachdem er dann endlich tot war, ließ Faust, jetzt der Große Herr Z, seinen Leichnam in die Tiefe stürzen. Dann schickte er seine Ritter, die wenigen, die noch am Leben waren und ihm die Treue geschworen hatten, aus, um im ganzen Land die frohe Kunde vom Tod des schrecklichen Kümgens und dem Beginn der goldenen Herrschaft des Großen Herrn Z zu verkünden.

Da klopfte es an seinem Thronsaal, und ein trat der Peck, den er damals, vor vielen Tagen, nahe dem Eingang zurückgelassen hatte. Faust war sicher gewesen, die Soldaten hätten den Peck auf der Stelle getötet, doch er lebte.

"Großer Herr Z, euer untertänigster Diener steht Euch zur Verfügung."

Es war vielleicht das erste Mal in seinem Leben, daß Faust wirklich tief gerührt und ergriffen war. Lange sagte er kein Wort, dann sagte er: "Wie ist dein Name?"

"Mein Name war Kallhoun."

Faust schickt den Peck fort, aber er vergaß ihn nicht. Doch zunächst gab es Wichtigeres zu tun. Tagelang durchstreifte er Asteria und räucherte jeden verbliebenen Widerstand aus. Dabei entdeckte er sogar noch verzauberte Rest von Menschen, die gegen Kümgens kämpfen wollten, weil sie auf dessen Vorgänger Birrkhalmled eingeschworen waren, ebenfalls einen Zauberer, der vor mehr als 300 Jahren von Kümgens besiegt und vertrieben oder getötet worden war. Faust erlöste die Verdammten und schickte sie in den Tod.

Nachdem seine Herrschaft also nicht mehr bedroht war, stellte Elam Faust fest, daß er in der gigantischen Bergfestung so gut wie alleine war. Das befriedigte ihn. Er rief Kallhoun zu sich, und gemeinsam verließen sie Asteria. Es war das letzte Mal für Jahrzehnte, daß Elam Faust seine Festung verließ, aber diese eine, letzte Mal, ging er mit Kallhoun nach St Malo und verwandelte ihn in einen Menschen zurück. Diesen nahm er dann mit in die uralte Kriegsfestung Dorrostak, wo er als Lehrer und Meister das neue und endgültige Zeitalter des Großen Herrn Z verkünden sollte. Und auch wenn sie von da an stets weit voneinander entfernt lebten, so riß die Verbindung zwischen dem Herrn und seinem ihm blind ergebenen Diener nie ab.


Faust stellte schnell fest, was für eine träge Masse die Ebene von Äräolahn war. St. Malo hatte er im Traum erobert, doch Äräolahn blieb ihm fremd. Seine Macht reichte nicht so weit, und das war ein ewiger Stachel in seinem Fleisch. Hatte er auch die Kraft des Kümgens in sich aufgenommen, so endete doch sein direktes Einflußgebiet irgendwo zwischen Asteria und Kattra. Allerdings machten die Äräolahner ihm auch keine Schwierigkeiten. Sie waren das Denken und Fragen nicht gewohnt und taten widerspruchslos alles, was ihnen von oben befohlen wurde, ohne je zu wissen, wer "oben" eigentlich saß.

Um seine Langeweile und seinen Frust zu überwinden, ging Faust zunächst dazu über, Menschen aus Äräolahn zu sich zu holen und nur so zum Spaß in Pecks zu verwandeln. Eines Tages war bei diesen Bedauernswerten auch ein sehr schönes junges Mädchen, in das Faust sich verliebte, oder das, was er dafür hielt. Denn Liebe konnte es nicht sein, wenn er nach wenigen Wochen schon gelangweilt war und später beim Anblick des Mädchens nur noch Abscheu empfand. Was auch immer er vom Leben erwartete, sie konnte es ihm nicht geben, und so verließ auch sie als Peck die Festung, um wahrscheinlich irgendwo da draußen am Straßenrand vom abergläubischen Pöbel erschlagen zu werden. Geschah ihr doch recht!

Ein Mädchen nach dem anderen kam und wurde verbraucht. Faust war längst fett geworden, er soff, er stank, sein Äußeres interessierte ihn nicht mehr, doch wenn die schönen Mädchen kamen, und das, was sie sahen, mit dem Bild verglichen, das sie sich von ihrem großen Herrscher gemacht hatten, und wenn dann Ekel und Abscheu in ihre schönen Augen trat und die vollen Münder sich nach unten verzogen, dann war es ihm eine letzte Befriedigung, sie in Pecks zu verwandeln. Das beherrschte er inzwischen perfekt. Er konnte jedem Menschen jede Gestalt geben und ihn das auch bei vollem Bewußtsein miterleben lassen. Gleichzeitig spürte er wieder diese Wärme und Helligkeit, die einzige, die es in diesem kalten Berg gab. Und die Schreie der Verzweifelten, zu einer schrecklichen Existenz Verdammten, bereiteten ihm himmlische Genüsse.


Dann, wiederum viele Jahre später, geschahen kurz hintereinander zwei Dinge, die dem Leben des Elam Faust eine neue Wendung geben sollten.

Zum einen landete er mal wieder in Kümgens' Bibliothek. Gelangweilt zog er eins der verstaubten Bücher aus den massiven, mit reichen Schnitzereien verzierten Regalen. Gelangweilt knallte er es auf den Tisch, doch sein Interesse wurde geweckt, als er der Titel las: "Der Ursprung der Macht der Heiligen Stätte St. Malo".

Faust war elektrisiert. Wie besessen las er das Buch, nur um es am Ende enttäuscht und verzweifelt auf den Boden zu werfen. Was da drin stand, waren nichts als dunkle Orakelsprüche, finstere Weissagungen, uralte Mythen und Märchen, Zaubersprüche, die längst ihre Wirkung verloren hatten, und ein Name: Das Blaue Tal. Die Heilige Stätte vom Blauen Tal.

Am folgenden Tag kam Faust in die Bibliothek zurück und las das Buch erneut. Er suchte auch in anderen Büchern, und wochenlang war er aus der Bibliothek nicht mehr herauszubringen. Als er glaubte, alle Bücher auswendig zu kennen, wußte er, wie er nicht nur Äräolahn, sondern die ganze Welt unter seine Macht bringen konnte. St. Malo war nur ein Ableger des viel mächtigeren Blauen Tales. Wenn er dieses fand, dann gehörte die Welt ihm.

Irgendwo im Norden sollte es liegen, jenseits des Polarkreises, wo Wasser zu Stein wurde.

Dumpfe Verzweiflung befiel Elam, als er an die Aussichtslosigkeit dachte, diesen Ort jemals erreichen zu können. Wen sollte er schicken? Seine Untertanen da draußen in der sonnigen Ebene waren nicht dafür geboren auf Reisen zu gehen. Die weiteste Reise, die sie in ihrem Leben machten, war von ihrer Hütte aufs Feld und am Abend wieder zurück.

Seine Untertanen in St. Malo? Sie würden fliehen, sobald er sie gehenließ.

Er dachte an Kallhoun. Ja, das mußte die Lösung sein. Kallhoun sollte viele Schüler bekommen und ausbilden und unter ihnen die fähigsten und treuesten auf die Suche schicken. So befahl er es dann seinen Verkündern, von denen eine knappe Handvoll die Ebene durchwanderten. Erst jetzt wurde Faust klar, über wie lächerlich geringe Mittel er verfügte. Mit der Macht von St. Malo hatte er sich stets unbesiegbar gefühlt. Vielleicht war er das auch, aber ausrichten konnte er nichts. Er war völlig hilflos.

Wieder klopfte es an seiner Tür.

"Reinkommen", murmelte er. Der Wächter kannte das Ritual. Er stieß die Tür auf und führte ein junges Mädchen in den mit schweren Teppichen ausgelegten Saal, in dem der Große Herr Z gelangweilt auf einem flachen Bett fläzte.

Diskret zog der Soldat sich zurück. Die schwere Tür knallte zu, und Elam war mit seinem Opfer allein.

Doch irgendwie war diese Frau anders. Sie sah sich aufmerksam in dem Raum um, ihre Blicke streiften Elams fetten Körper nur flüchtig.

"Du bist Silberner Morgen ..."

"Und du bist Elam Faust."

Dem Zauberer klappte der Unterkiefer herab. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er die Frau an.

"Bemüh' dich nicht, Dickerchen." Sie tat etwas, dann wurden ihre Konturen unscharf. Ein helles Leuchten hüllte sie ein, und als es erlosch und sie wieder komplett materialisierte, da hatte sie mit dem zarten Mädchen Silberner Morgen nichts mehr gemein.

"Es stimmt übrigens nicht, Dickerchen. Ich bin nicht Silberner Morgen, sondern die Hexe Rosalia von Caair, Tochter des Schwarzen Königs Thoran von Caair. Und du, du könntest mal ein Bad und eine Rasur vertragen."

Elams Herz hatte ein paar Sekunden angehalten. Nun setzte es sich mit rasendem Pochen wieder in Gang. Allerdings war der Zauberer zu keinem klaren Gedanken fähig. Er war vollkommen überrascht. So etwas konnte es nicht geben, nicht in seiner Welt, die er ganz allein kontrollierte.

"Du willst wissen, wo das Blaue Tal ist! Frag' die Elfen, die wissen es."

Immer noch starrte Faust die Hexe einfach nur mit offenem Mund an. Langsam kam sein Gehirn wieder in Gang, und das erste, was er empfand, war Angst. Er war vollkommen schutzlos überrascht worden. Jeder ... es durchzuckte ihn wie ein Blitz: genauso hatte er damals Kümgens überrascht. Wer hier herrschte, der verlor jeden Bezug zur Realität ... aber ... wo sollte er sonst hin, in einer Welt voller Feinde und Wesen, die ihn nicht verstanden? Er sah es doch an den Mädchen, die fast jeden Tag zu ihm kamen: insgeheim haßten sie ihn, genauso wie Just ihn gehaßt hatte. Nur hier, in der uneinnehmbaren ewigen Festung war er sicher. Lebendig begraben, aber sicher ... jedoch - war er das wirklich, wenn eine Hexe hier einfach so hereinspazieren konnte?

Als erstes würde er die Wache töten lassen, die das zu verantworten hatte.

Es gingen ihm noch eine Reihe weiterer wirrer Gedanken durch den Kopf, bis er schließlich beim Blauen Tal anlangte, das diese Rosalia eben erwähnt hatte. Schlagartig waren alle Ängste vergessen. Das Blaue Tal und damit die Weltherrschaft winkten.

"Wo ist es? Sag' mir auf der Stelle, wo ich das Blaue Tal finden kann."

"Das, mein geschätzter Partner, weiß ich leider selbst nicht. Aber wie schon gesagt: es ist das größte Heiligtum der Elfen, und die wissen ganz genau, wo es ist. Wenn du willst, dann werde ich sie fragen."

"Ja, ja! Frage sie!"

"Aber stell' dir das nicht zu leicht vor. Elfen sind selten und schwer zu fangen. Und noch schwerer zu verhören. Du mußt mir schon ein bißchen dabei helfen."

"Ja, ich tue alles, was du willst."

Und damit hatte Rosalia ihn da, wo sie ihn haben wollte: nämlich gefangen in seinem eigenen Alptraum. Und wenn er jetzt noch ein bißchen von ihrem Gift trank, dann war er verloren, dann gehörte er ihr.

Von der ersten Sekunde an empfand die Schwarze Prinzessin Ekel gegenüber Elam Faust, dem Großen Herrn Z. Doch sie erkannte auch eines: er hatte große Macht. So große, daß er ihr den Sieg über Calract garantierte, wenn sie es nur richtig anstellte. Dieser Mann lebte in einer verzerrten Phantasiewelt und war leicht zu manipulieren, doch er war auch sehr gefährlich. Aber gerade dieses Lavieren zwischen zwei Gefahren, Calract und Faust, fand Rosalia äußerst reizvoll. Sie war eine Spielerin und tat alles, um zu gewinnen. Aber vor allem genoß sie das Spiel, den Krieg, den sie heraufbeschworen hatte und der Calract zwar nicht töten, aber sein Reich zermalmen würde. Es war alles so einfach gewesen. Man brauchte nur ganz wenig Kraft an den richtigen Stellen anzuwenden, damit sich eine Maschinerie in Bewegung setzte, die im Begriff war, die ganze bekannte Welt zu verschlingen.

Natürlich wurde Faust ungeduldig, doch Rosalia vertröstet ihn immer wieder aufs neue. "Die Elfen führen Krieg. Es ist schwer, eine zu fangen." Bereitwillig erzählte sie ihm auch, gegen wen die Elfen Krieg führten: gegen den Schwarzen König Calract, einen Mörder, der als nächstes Äräolahn angreifen würde. Elam Faust glaubte ihr jedes Wort. Er hatte auch gar keine andere Möglichkeit, als ihr zu glauben. Rosalia ging ein und aus, wie sie wollte. Sie sah die ganze Welt, sie war Fausts Auge und Ohr. Alles, was er wußte, wußte er von ihr.

Sie erzählte ihm auch von der Goldenen Königin, die an ihrer Seite mit den Elfen gegen den Erzverbrecher Calract kämpfte, und von ihrem Mann, dem tapferen König Wilhelm.

Doch wo nun das Blaue Tal war, das wollte oder konnte sie ihm nicht verraten. Und so kam Elam Faust auf eine abenteuerliche Idee. Er schickte eine seiner Schwarzen Kutschen aus. Diesmal sollten sie keine Mädchen mitbringen, sondern den Weißen König.

Es dauerte Wochen, und dann war die Kutsche wieder zurück. Der Große Herr Z glaubte zu träumen, aber seine Meganten und der Verkünder hatten die Mission erfüllt. Sie brachten König Wilhelm als Gefangenen mit.

Tief war Fausts Enttäuschung, als er feststellen mußte, daß auch der Weiße König trotz schwerer Folter seine wichtigste Frage nicht beantworten konnte. Daß er nicht wollte, das konnte Faust ausschließen. Und das, was König Wilhelm ihm sonst noch zu sagen hatte, das interessierte Elam Faust einen Dreck. Seine Welt, die Quelle all seiner Wahrheiten, war Rosalia.

Bis er Baobaopaipai traf.


Zu den Sicherheitsmaßnahmen, die der Große Herr Z in letzter Zeit ergriffen hatte und die Rosalia stets so lässig umging, gehörte es auch, daß ein Trupp geflügelter Teufel, Nerimods genannt, die Flügel des Himmels abpatrouillierten. Die Annahme, ausgerechnet von dort könnte ihm Gefahr drohen, war vielleicht idiotisch - oder auch nicht. Menschen, ja Menschen kamen durch das Stellviat-Tal, aber Menschen waren Würmer. Vor denen brauchte er sich nicht zu fürchten. Aber das Gebirge, wo kein Mensch hinkam, von dort drohte womöglich Gefahr. Denn eine Macht, die dort hingelangen konnte, konnte auch in Asteria eindringen und ihn ernstlich bedrohen.

Und in der Tat meldeten ihm eines Tages zwei seiner Teufel, sie hätten einen geflügelten Eindringling gestellt. Die beiden Nerimods waren stark ramponiert. Faust kannte ihre Kampfkraft nur zu genau. Wer die beiden so zurichten konnte, der mußte ein sehr gefährliches Wesen sein.

Vier Meganten trugen dann die zerfetzten Überreste eines geflügelten Wesens herein, und als Faust es sah, durchzucke es ihn wie ein starker Stromstoß. Wieder öffnete sich die Tür zum Licht, und er sah sein Zimmer aus weiter Ferne. Wärme und Geborgenheit umgaben den Zauberer. Dann lenkte er seinen Blick auf die Gefangene, und wie er sie ansah, da spürte er, daß er hier das Äquivalent eines Pecks vor sich hatte, aber nicht erschaffen in St. Malo, sondern woanders. Es war ein ungeheuerlicher Schock für den Zauberer. Sein Verstand setzte aus, und unter seinen Augen verwandelte sich dieser Drachen zurück in das, was er ursprünglich einmal gewesen war.

Und als die Umwandlung fertig war, da lag ein Mädchen auf dem Boden, wie Elam noch nie eines gesehen hatte. Vergessen war die Verachtung, die er Frauen gegenüber empfand. Diese zarte, esoterische, dem Tode nahe Göttin wollte er um jeden Preis beschützen.

Rosalia! Die Hexe kam zurück. Mit einem schmerzhaften Ruck landete Elam wieder in seinem Zimmer. Hastig hob er das fast schwerelose nackte Mädchen auf und schob es in eine Nebenkammer, bevor die Hexe es finden konnte. Denn er spürte instinktiv, daß das niemals geschehen durfte.

Wie üblich ohne anzuklopfen trat Rosalia ein. "Na, hast du mal wieder ein bißchen gezaubert." Elam wurde abwechselnd weiß und rot. "Hat's Spaß gemacht?" Die Stimme Rosalias troff nur so vor Hohn. Elam erkannte, wie abhängig er von diesem Ungeheuer bereits war. Doch auf keinen Fall durfte er sich jetzt verraten. Rosalia war zu mächtig.

Der Abend mit ihr wurde zu einer Qual. Elams Gedanken waren nur noch bei dem Mädchen, und er war froh, als Rosalia endlich wieder ging. Er hoffte, daß sie keinen Verdacht geschöpft hatte.

Sicherheitshalber wartete er noch eine Zeitlang. Und tatsächlich platzte Rosalia kurz darauf noch einmal in sein Zimmer: "Hier, dein Wein!" Sie stellte ihm eine prächtig geschmückte Karaffe auf den Tisch, dazu ein ebenso prunkvolles Glas, beides aus äräolahnischer Produktion, wie Elam stolz vermerkte. Rosalia warf Elam ein falsches Lächeln zu, sah sich noch einmal argwöhnisch um und rauschte dann wieder ab.

Elam ließ sich durch eine Wache vergewissern, daß Rosalia wirklich weg war. Dann endlich konnte er zu seiner sterbenden Prinzessin.

Da lag sie nun vor ihm auf dem Bett. Atem und Puls waren kaum spürbar. Immerhin, noch lebte sie, auch wenn ihre graue, fast durchsichtige Haut klar zum Ausdruck brachte, daß sie mit dem Tode rang. Der Kampf gegen die Teufel hatte sie zu schwer verletzt. Elam versuchte, ihr mit seiner Zauberkraft zu helfen, aber das vermochte er nicht. Er konnte verwandeln, auch, wie er jetzt wußte, zurückverwandeln, aber nicht heilen. Verzweifelt versuchte er, die Tränen zurückzuhalten. Dieses Mädchen war nicht nur von überirdischer Schönheit, sie war auch eine Dämonin gewesen und mußte ihm all die Fragen beantworten können, über die Rosalia ihm immer nur Lügen erzählte. "Oh, Kümgensgütiger, mach', daß sie nicht stirbt."

Und da schlug Baobaopaipai die Augen auf.

Wie hypnotisiert starrte Elam Faust in diese großen, tiefen, moosgrünen Augen mit den winzig kleinen smaragdenen Pünktchen darin. Nie zuvor hatte er solche Augen gesehen, und er versank geradezu darin. Bis das Mädchen wieder in Ohnmacht fiel

Es ist alles meine Schuld. Die Nerimods haben sie fast umgebracht. Aber das konnte ich doch nicht wissen. Wie hätte ich das wissen können?

Einen Moment lang dachte er daran, Rosalia um Hilfe zu bitten, doch dann wurde er sich klar darüber, daß es besser war, dieses Mädchen sterben zu lassen, als es der Hexe zu überantworten. Nein, ich werde sie in Sicherheit bringen, nach Dorrostak. Dort kann die böse Hexe sie nicht finden.

Und so geschah es. Gleichzeitig schickte Elam nach St. Malo und Äräolahn, um den besten Arzt, den es dort gab, kommen zu lassen. Viel Hoffnung machte er sich aber nicht. In St. Malo gab es außer einer Handvoll Schüler nur Pecks, und in Äräolahn regierten Unwissenheit und Aberglaube. Niemand würde der Göttin helfen können, wenn sie sich nicht selbst half.

Elam begleitete Paipai, die mit einer der schwarzen Kutschen transportiert wurde, und wich auch in Dorrostak nicht von ihrer Seite. Die ganze Nacht wachte er an Paipais Bett und hielt ihre Hand. Und schließlich spürte er wieder einen Funken Leben in dem kühlen Körper.

"Wo ...wo ist Traunsteiner?"

Er las die Frage mehr von ihren Lippen ab, als daß er sie hörte, so schwach war ihre Stimme.

"Traunsteiner?"

"Mag Traunsteiner. Mein Gefährte. Er wartet auf mich, vor dem südlichen Flügel des Himmels."

Ein Strahl der Hoffnung durchzuckte Elam Faust. Selbst wenn diese Göttin starb, gab es also noch jemand anderen, der ihm vielleicht gegen Rosalia helfen konnte.

Zufällig war gerade Doktor Tschiebelholzer mit neuen Schülern in Dorrostak. Der Große Herr Z schickte seinen Doktor sofort auf die Suche nach diesem Mag Traunsteiner. Und er schärfte ihm ein, ihn als Staatsgast zu behandeln, auch wenn weder er noch der Doktor wußten, was genau damit gemeint war.


Baobaopaipai starb nicht, jedenfalls vorerst. Sie erlangte immer länger das Bewußtsein zurück, auch wenn sie so schwach blieb, daß sie sich kaum bewegen konnte und gefüttert werden mußte.

Elam Faust machte sich keine Illusionen: dieses Mädchen würde nicht ihm gehören. Sie war eine Göttin, und er ein stinkender Fettsack. Sich zu waschen und zu rasieren wagte er nicht aus Angst, Rosalia könnte hinter sein Geheimnis kommen, wenn er wieder zurück in Asteria war. Paipai machte auch ein paar spitze Bemerkungen darüber, doch Elam nahm es ihr nicht übel. Im Gegenteil, war auch ihr Körper dem Tode näher als dem Leben, ihr Geist hatte sich wieder erholt. Sie war bei klarem Verstand. Und so erzählte Elam Faust ihr seine Lebensgeschichte, und sie ihm ihre.

Und dann stand Doktor Tschiebelholzer wieder vor ihm. Dabei hatte er einen Mann, dem man aus zehn Kilometern ansah, daß er von sehr, sehr weit her sein mußte: Mag Traunsteiner. Elam Faust war von diesem Mann tief beeindruckt. Und Traunsteiner eröffnete dem Zauberer aus St. Malo eine neue Welt.


48. Kapitel - Rosalias Falle

Am 20.10.1225 erblickte Prinz Wilhelm IV von Botha das Licht der Welt. Er war ein strammer Junge, der Stolz seiner Eltern, und schon als junger Mann zeigte er alle Talente eines guten Ritters. Daß seine Seele zu diesem Zeitpunkt bereits einen Knacks hatte, ahnten nicht einmal seine Eltern. Ursache dafür war Calracts Mondnacht, der Alptraum für alle Menschen der Mittelländer.

Später hatte man erfahren, daß der Mondkristall, den der Zauberer dafür benutzt hatte, zerstört worden war. Ein Aufatmen war durch die Menschheit gegangen, und dann hatte Calract sich auch noch als ein Herrscher herausgestellt, der eigentlich in jeder Hinsicht anders war, als man zunächst vermutet hatte. Auf relativ friedliche Weise griff er in das Schicksal vieler Länder ein, meist zum Guten für die Bewohner, und auch seine Drachenpost brachte den Menschen ungeahnten Nutzen, und so hatte man sich mit der heraufziehenden neuen Ordnung der Welt arrangiert. Nicht so der junge Prinz. Die Finsternis jener Wochen hatte sich unauslöschlich in sein Herz gefressen.

Zweieinhalb Jahre später nahm er mit seinem Vater an einem Feldzug teil, der den uralten Anspruch des Hauses Botha auf einen fernen, kleinen Gebietszipfel am Siina sicherstellen sollte. Um ein Haar überlebte Wilhelm diese Expedition in das Alptraumland nicht, und daß er es, wenn auch für sein Leben gezeichnet, doch tat, das verdankte er seiner Überzeugung nach allein der Weißen Prinzessin Alessandra. Sein Haß auf Calract, überhaupt auf alle Zauberer und Dämonen jedoch, der war von nun an die heimliche Antriebskraft seines Lebens.

Noch allerdings stand ihm eine äußerst schwere Entscheidung bevor. Er hatte sich unsterblich in die Goldene Königin verliebt. Sicher, er stammte aus höchstem Adel und würde eines Tages Fürst eines souveränen Landes sein, was sich von der Position eines Königs nur durch den Titel unterschied. Jedoch: Botha war ein armes Land, nichts weiter als ein unbedeutendes Fleckchen zwischen dem großen, mächtigen und strahlenden Weißen Reich und dem riesigen Lande Karls.

Seine Mutter gab letztlich den Ausschlag: sie gab ihm die Kraft und den Mut, zu der Dame seines Herzens zu reiten und sie um ihre Hand anzuhalten. Fürchtete Wilhelm auch weder Drachen noch Dämonen, diesen Ritt trat er mit zitternden Knien an.

Als die Goldene Königin dann sofort "ja" sagte, da war es dem jungen Ritter, als schwebe er im Siebten Himmel. Erst viel später wurde ihm klar, daß es Alessandra kein bißchen anders ergangen war. Mehrfach und unter zum Teil abenteuerlichen Umständen schon hatte sie einen sicher geglaubten Ehemann verloren, und so war natürlich auch sie überglücklich, einen passenden Mann zu finden. Daß aus dieser Verbindung aber ein Krieg hervorgehen würde, der die ganze bekannte Welt an den Rand des Abgrundes bringen würde, das ahnten sie beide damals noch nicht.

Wilhelm allerdings, der wenig später vom alten König Harro die königlichen Amtsgeschäfte übernahm, legte bald schon Wert auf eine starke Armee als Stütze seines Landes. Viele Offiziere stammten aus seiner Heimat oder auch aus anderen Ländern, und so baute der junge König ein schlagkräftiges und gut organisiertes Heer auf.

Das allein hätte ihm gegen Calract freilich nichts genutzt. Einige Jahre nach dem großen Kampf zwischen diesem und seinem Feind Boris von Maarx besichtigte Wilhelm zusammen mit seinem Vater das Alptraumland, das ihnen ja nun gehörte, und selbst nach dieser langen Zeit waren die Spuren des Titanenkampfes, der hier zwischen der Schwarzen Großfürstin Hotaru und den Kohleprinzessinnen des Boris von Maarx geführt worden waren, mehr als deutlich zu sehen. Wilhelm machte sich keine Illusionen: selbst mit noch so vielen tapferen Rittern hatte er gegen so etwas nicht den Hauch einer Chance. Doch er suchte immer weiter, und wer niemals aufgibt, der erreicht sein Ziel irgendwann, wenn auch oft auf abenteuerlichen Umwegen. Und so kam es schließlich zu dem verheißungsvollen und gleichzeitig so verhängnisvollen Pakt mit den Elfen.

Die Elfen verachteten die Menschen, doch noch viel mehr haßten sie den Schwarzen König. Wilhelm hatte in den langen Jahren seiner Ehe Alessandra auf seine Seite gezogen, und so gab die Goldene Königin sich und ihre Macht, von der wahrscheinlich nicht einmal sie selbst wußte, was sie alles vermochte, her für einen mehr als abenteuerlichen Plan. Und damit begann der Elfenkrieg.

Die engsten Verbündeten des Weißen Reiches waren Botha und Arcadia, wobei die Qualität der arcadischen Soldaten nach Wilhelms Meinung sehr zu wünschen übrig ließen. Dennoch waren sie gut genug, Calract an allen Fronten große Schwierigkeiten zu machen, was nicht zuletzt ihr erfolgreicher Überfall in das Gartenland bewies, bei dem dieses von Calract besonders geschätzte Juwel schwer verwüstet wurde.

Wilhelm und seine Oberkommandierenden, General Kohler für den Süden und General Karuman für den Westen, waren erfreut über die eigenen Erfolge, zugleich aber auch verunsichert. Man hatte mit einer viel heftigeren Gegenreaktion des Schwarzen Königs gerechnet. Doch dieser blieb erstaunlich passiv, und seine Leute fochten nur in der Defensive. Allerdings, selbst da entwickelten sie solche Kräfte, daß die Weißen und ihre Verbündeten, ja selbst die Elfen, schreckliche Verluste hinnehmen mußten.

Es zeichnete sich ein Ausblutungskrieg ab, denn Wilhelms Ritter und die Elfen hatten nicht die Mittel, Calract mit einem Schlag zu besiegen, und der wiederum, der die Mittel wahrscheinlich gehabt hätte, nutzte sie aus unerfindlichen Gründen nicht.

Eine Zeitlang war das Weiße Schloß so etwas wie das Hauptquartier der Elfen. Deshalb errichteten sie mit den unheimlichen Zauberkräften, die ihnen durch Alessandra und das Opfer einer ihrer eigenen Prinzessinnen zuflossen, einen Schutzschirm darum. Welche Mittel Calract wiederum zur Verfügung standen, bewies dieser, indem er trotzdem in diesen Schirm eindrang, den alten König Harro ermordete und dann auch noch unbehelligt entkommen konnte. Wilhelm war längst nicht mehr in der Verfassung zu erkennen, wie die Dinge tatsächlich verlaufen waren. Stattdessen verließ er mit einer Gruppe seiner Getreuen das Schloß, und auch die Elfen zogen dort ab, ließen die Barriere aber bestehen, um Calract keine Hinweise zu geben. Denn trotz seiner Macht konnte auch der Schwarze König dort nicht einfach so hineinspazieren.

Und dann geschah eines Tages etwas sehr Seltsames. Es war kurz vor Beginn des Winters 1269 / 70. Obwohl Calract praktisch mit einer Hand auf dem Rücken gekämpft hatte, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Weißen aufgeben mußten. Die Elfen würden, das wußte Wilhelm, bis zum letzten Mann kämpfen, doch für sein Land und sein Volk hatte dieser Krieg keinen Sinn mehr. Mehr als eine halbe Million junger Männer waren in den Krieg gezogen, und von ihnen lebte so gut wie keiner mehr. Das hielt weitere Abenteurer zwar nicht im Geringsten davon ab, trotzdem weiter ins Westland vorzudringen, aber mit militärischen Aktionen hatte das nichts mehr zu tun.

Der Weiße König stand mit seinen Leuten nahe der Grenze zu den Kirchenländern. Es war ihre letzte Hoffnung, die labile Ordnung, die Calract dort geschaffen hatte, zu zerbrechen und die Bischöfe auf ihre Seite zu ziehen. Tief in der Nacht erwachte Wilhelm durch ein seltsames Geräusch. Es war ein eigenartiges Stampfen schwerer Schritte, dann sah er vier Paar Augen, die in der Dunkelheit wie Scheinwerfer leuchteten.

Wilhelm floh nicht. Er setzte sich auf und wartete, was weiter geschehen würde. Wahrscheinlich waren es Ungeheuer, die Calract geschickt hatte, um ihn einzufangen Nun gut, er war bereit zu verhandeln. Das war besser als Sterben, und wer weiß, vielleicht bekam er dann in 20 Jahren eine weitere Chance, gegen seinen verhaßten Feind zu kämpfen.

Einige seiner Männer erwachten nun ebenfalls, doch auf das Zeichen ihres Königs hin griffen sie die steinernen Ungeheuer, die da anmarschiert kamen, nicht an. Wilhelm wollte sinnloses Blutvergießen vermeiden. Gegen das, was Calract aufzubieten hatte, konnten Menschen, auch die tapfersten Ritter, im direkten Zweikampf normalerweise nichts ausrichten.

"Bist du Wilhelm, der Weiße König?"

Es war nicht die Stimme dieser Dämonen. Sondern ein verhüllter Mensch hatte gesprochen.

Wilhelm kamen Zweifel auf, ob diese unheimliche Gruppe wirklich von Calract kam. Dennoch antwortete er: "Ja, der bin ich." Er erhob sich und griff nach seinem Schwert, zog es aber noch nicht.

"Weiß du, wo das Blaue Tal ist?"

"Nein, davon habe ich noch nie gehört."

"Der Große Herr Z will dich sehen. Folge mir."

Die steinernen Dämonen, Meganten genannt, sorgten dafür, daß der Befehl dieses unheimlichen Mannes umgesetzt wurde. Kein Zweifel, das alles hatte mit dem Schwarzen König nicht das Geringste zu tun. Doch Wilhelm ärgerte sich nicht über seine Fehleinschätzung, und wehrte sich nicht. Vielleicht war er sogar froh, der Hölle, die er selbst geschaffen hatte, zu entrinnen. Dafür allerdings erwartete ihn eine noch viel schlimmere Hölle.

Die Teufel und der Mann, der sich Verkünder des Großen Herrn Z nannte, gingen mit ihrem Gefangenen nicht sehr schonend um. Die Reise dauerte viele Wochen und rieb die Kräfte des Weißen Königs auf. Durch die kleinen Fenster der schwarzen Kutsche konnte er immerhin nach draußen sehen, und so stelle er fest, daß man ihn in ein Land brachte, von dem er noch niemals gehört hatte: Äräolahn. War das jedes sagenhafte Große Reich im Osten? Doch auch dieses durchquerte die Kutsche, die so gut wie nie anhielt. Sie passierten eine gewaltige Festung, mächtiger als alles, was Wilhelm je gesehen hatte, dann ging es durch ein schmales Tal. Schließlich endete die Fahrt vor einer weiteren Festung, aber einer, wie sie sich der Weiße König nicht einmal in seinen wildesten Träumen hätte vorstellen können: Asteria.

Beinahe sollte dieser Ort sein Grab werden. Der Herrscher von Asteria war eben jener große Herr Z, und er glaubte König Wilhelm nicht, daß er von dem Blauen Tal nichts wußte. Wilhelm wurde gefoltert, mißhandelt und schließlich, nachdem der Große Herr Z es aufgab, in einer finsteren Zelle eingesperrt und vergessen.

Er war dem Tode schon näher als dem Leben, als eines Tages die Tür doch wieder geöffnet wurde. Drei dieser grauenhaft entstellten Wesen, die man hier unter dem Namen "Peck" kannte, trugen ihn hinaus. Es ging kreuz und quer durch die gigantische Bergfestung, schließlich lieferten sie Wilhelm in einem großen, durch einen magischen Kristall hell erleuchteten Raum ab, legten ihn auf ein Bett, gaben ihm zu essen und zu trinken, säuberten ihn, gaben ihm neue Kleider und versorgten seine eitrigen Wunden.

Und dann stand dieser verrückte Zauberer, der sich der Große Herr Z nannte, wieder vor Wilhelm. Beim Anblick dieses Scheusals wünschte Wilhelm sich zum ersten Mal in seinem Leben, er hätte mit Calract seinen Frieden gemacht. Doch es sollte anders kommen. Elam Faust, wie Z in Wirklichkeit hieß, war wie ausgewechselt. Er bat Wilhelm, von sich zu erzählen, von seinem Land, wie es dort aussah, wie man dort lebte, auch von Calract und seinen Dämonen sollte er erzählen, und von Rosalia.

Da begann Wilhelm ganz vage zu dämmern, was für ein Spiel hier gespielt wurde. Aber er erfüllte alle Wünsche Fausts, denn er hatte nicht mehr die Kraft noch weiterzukämpfen. Er hatte den Tod vor Augen gehabt - wieder einmal - doch diesmal hatte er daraus nicht Kraft geschöpft, sondern war gebrochen worden.

Später brachte Elam ihn dann noch weiter nach Osten in die Festung Dorrostak, und dort traf er auf eins der Wesen, denen er bis vor kurzem den Tod geschworen hatte, auch wenn die Dämonin Paipai jetzt wieder ein Mensch war. Und was für einer. Sie hatte die zarte Schönheit einer zerbrechlichen Göttin aus einem fernen Land, aber sie war innerlich schwer verletzt. Faust erklärte ihm, Paipai sei über 400 Jahre lang eine Dämonin gewesen. Ihr Körper habe sich daran gewöhnt. Jetzt war sie wieder ein Mensch, und ob sie das überstehen würde, das wußten allein die Götter. Paipais Geist allerdings war wach und klar, und so verbrachten Wilhelm und das Mädchen lange Stunden miteinander im Gespräch.

Wilhelm war immer noch der Meinung, daß ein Mittel gefunden werden müsse, um Calract Einhalt zu gebieten. Der Schwarze König verfügte über schreckliche Macht, aber aus Wilhelms Sicht am schrecklichsten war die, seine Feinde auf seine Seite ziehen zu können. Gerade mit den Orna-Dämoninnen um Riinari hatte er Verbündete gewonnen, deren Wert gar nicht hoch genug eingeschätzt werden konnte. Eine von ihnen hatte er sogar geheiratet. Wilhelm und seine Frau hatten an diese Verbindung stets mit Ekel und Abscheu gedacht. Nun aber, wo Wilhelm zum ersten Mal eine solche Dämonin persönlich kennenlernte, begann er, diese Dinge anders zu sehen. Wie auch immer, Calract war dabei, auf nahezu friedlichem Wege zum Herrscher über die ganze bekannte Welt zu werden, und das wollte Wilhelm nach wie vor verhindern. Nur wußte er jetzt, daß Haß und Krieg dazu die falschen Mittel waren, denn sie zogen unweigerlich auch ihn selbst in den Abgrund. Nein, ein friedlicher Wettstreit der Kulturen mußte es sein. Das Weiße Reich hatte so viel zu bieten. Man mußte nicht eine Position nach der anderen an Calract abtreten, wenn man es schaffte, die Menschen auf seine Seite zu ziehen.

Wie, davon hatte der Weiße König allerdings noch keine Vorstellung.


*


"Hee, Agnesia, wo fliegst du denn hin?"

"Ich glaube, ich habe da was gesehen", antwortete der Drache seiner Pilotin OKL.

"Elfen?", fragte die schlanke Frau, von deren tief schwarzer Haut man wegen der winterlichen Vermummung allerdings fast nichts sehen konnte.

"Kann sein."

"Ich dachte, die sind unsichtbar!" Seltsam. So lange schon focht sie hier gegen diesen Feind, aber mit eigenen Augen gesehen hatte die Kerinaanerin die Elfen noch nie.

Der Drache antwortete gegen den eisigen Flugwind: "Ja, meistens schon, aber wir Kinder von Calract können sie manchmal trotzdem sehen. Und jetzt sei mal still, damit ich die Spur nicht verliere."

Das war OKL auch ganz recht, denn hier oben, in knapp einem Kilometer über dem herbstlichen Waldland, war es bitter kalt, vor allem, wenn ihr Drache so schnell flog wie jetzt. OKL wünschte sich an das warme Octaviusmeer zurück, wo sie manchmal völlig nackt auf Agnesia geflogen war. Die beiden hatten einen Heidenspaß dabei gehabt, aber hier, tausende Kilometer weiter im Norden, war daran nicht im Traum zu denken.

"Halte dich fest, Mädchen!", rief die Drachenfrau, dann legte sie ihre Schwingen an und schoß wie ein Pfeil in die Tiefe.

OKL bekam von der nun folgenden Verfolgungsjagd nicht viel mit, sie hatte alle Hände voll zu tun, nicht heruntergeschleudert zu werden. Und langsam, aber sicher, wurde ihr auch noch schlecht.

"Verflixt ...", grummelte Agnesia, "das Biest will uns abhängen. Na warte ..." Kleine Flammen züngelten aus ihrer Schnauze.

Völlig überraschend tauchten zwei weitere Elfen auf und begannen, den Drachen mit Pfeilen zu beschießen. Außerdem setzten sie auch ihre Zauberkräfte ein. Agnesia wich hastig aus, und dabei platzte der schmale Gürtel, der für OKLs Halt gesorgt hatte. Die schwarzhäutige Frau, die dem gleichen Volk entstammte, dem auch BQMZ angehört hatte, stürzte mit einem gellenden Schrei in die Tiefe.

Agnesia schleuderte den beiden Elfen einen Flammenstrahl entgegen, dann schoß sie OKL hinterher und konnte mit ihrem mächtigen Fang knapp vor dem Boden abfangen. Die beiden machten eine Notlandung, aber zum Glück passierte nichts Schlimmes. Agnesia als Lunaloc-Dämonin hielt eine Menge aus, und die Frau aus dem Süden kam dank ihrer dicken Kleidung ebenfalls ohne Blessuren davon. Allerdings gaben ihre Beine erst mal nach, als der Drache sie auf dem Boden absetzte. Eine Zeitlang rang sie um Atem und konnte nicht sprechen. Und als sie wieder soweit war, da blieben ihr aus einem anderen Grund die Worte weg. Denn sie und ihre Freundin waren auf einmal umringt von Elfen.

"Aber ... das sind ja alles Frauen ... mit Kindern."

OKL und Agnesia sahen sich erstaunt an. Sollten sie hier durch Zufall das legendäre Dorf der Elfen entdeckt haben? In der Tat, die Häuser waren ziemlich unauffällig, selbst von hier unten. Allerdings: "Wir sind hier schon zig Male drüber geflogen. Es ist doch unmöglich, daß wir das immer und immer wieder übersehen haben."

"Egal, viel wichtiger ist, was die da jetzt mit uns machen", zischte OKL. Es war kaum anzunehmen, daß die Elfen ihre Enttarnung einfach so hinnehmen würden. Bevor Agnesia wieder etwas sagen konnte, rief OKL: "Flieh', Freundin, und gib unserem König Bescheid. Er wird mich rächen!" Dann zog sie ein Messer hervor und stürzte sich mit einem gellenden Kampfschrei auf die Elfenfrauen. Doch die reagierten anders, als erwartet. Sie wehrten OKLs Angriff zwar ab, töteten die Frau aber nicht, obwohl sie das leicht gekonnt hätten.

OKL landete im Matsch. Als sie sich wieder aufgerappelt hatte, sah sie sich um und entdeckte Agnesia, die immer noch unschlüssig dastand. " Los, verdammt, flieg' endlich los! Ich komme hier schon klar."

Die rotbraune Drachenfrau gehorchte verwirrt, griff mit ihren gewaltigen Schwingen in die Luft, hob ab und schoß dann davon, zum Hügel des versteinerten Pferdes. Damit rückte auch an dieser letzten Front das Ende des Krieges in greifbare Nähe. Wahrscheinlich war das sogar der Wunsch der Elfen selbst. Denn wenn sie gewollt hätten, hätten sie den Drachen durchaus aufhalten können, was ihre Enttarnung allerdings auf Dauer auch nicht verhindert, sondern nur etwas hinausgeschoben hätte. Calract und seine Dämonen wußten so ungefähr, wo welcher Drachen unterwegs war. Wenn einer von ihnen plötzlich verschwand, dann was das ein ziemlich auffälliger Hinweis. Wie auch immer, anscheinend suchten die Elfen jetzt die letzte Entscheidung und ließen die Drachenfrau entkommen und berichten.


Sie standen sich gegenüber. Tage hatte der Aufmarsch gedauert.

Auf der einen Seite Calract, die Orna-Dämoninnen Batchiribanban, Kinkiralinlin und Heismeroke, Riinari, das Wolfsrudel, 250 Drachen und an die 2000 Dämonen der Lunaloc-Armee. Und selbst Lalalu und Arashi hatten es sich nicht nehmen lassen, diesem entscheidenden Ereignis beizuwohnen, und waren vom Gartenland herbeigeeilt, um Calract beizustehen. Und ganz insgeheim hoffte Arashi natürlich, nun bald zu Saator gehen zu können, wenn das hier alles vorbei war.

Auf der anderen Seite standen knapp 350 Elfen. Alle, die noch übrig waren, darunter 150 Frauen und etwa ebenso viele Kinder. Sie alle scharten sich hinter ihrem König, seiner Königin und der Handvoll Krieger, die noch am Leben waren, bereit zum letzten großen Kampf. Kämpfend, mit dem Schwert in der Hand, suchten sie hier einen ehrenvollen Tod, und sie waren fest entschlossen, so viele von Calracts Dämonen wie möglich mitzunehmen. Angesichts von Gegnern wie Heismeroke eine törichte Hoffnung.

Calract sah seine Frau und Riinari an. Er war etwas ratlos. Denn ein Schuß der Kohleprinzessin würde genügen, um dem Spuk ein Ende zu machen und das Volk der Elfen vom Erdboden zu tilgen. Doch sollte es wirklich so enden?

Mit steinernem Gesicht blickte König Trügg zu seinen Feinden hinüber. Es war soweit. Gerade wollte er nach seinem Lichtschwert greifen, da unterbrach ein lauter Ruf die heilige Stille.

"Heee, ich kenn' dich!"

Alle Köpfe flogen herum. Es war Linlin, die mit einem Fuß auf eine der Dunkelelfen zeigte, die in der ersten - und einzigen - Reihe neben König Trügg standen.

Langsam, mit den für sie typischen eleganten, ausgreifenden Schritten, stolzierte die dunkelhäutige Dämonin auf die Elfen zu, die in eine abwehrende Haltung gingen.

"Du bist der Vater meines Kindes. Miau." Zärtlich strich sie mit einem Ohr über ihren Bauch. Man sah es der geflügelten Frau inzwischen deutlich an, daß sie bald ein Kind auf die Welt bringen würde. Dann fixierte sie wieder den Elf. "Du erinnerst dich doch noch - damals, vor neun Monaten im Westland ... Wie heißt du eigentlich? Schließlich muß ich ja wissen, wie mein zukünftiger Mann heißt. Und welchen Namen ich bald tragen werde, hi hi."

Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Natürlich war sich auch Linlin über das Absurde dieser Situation völlig im Klaren, dennoch plapperte sie unverdrossen weiter: "Ich freue mich, daß du überlebt hast. Es sind nur so wenige von euch noch am Leben." Und dafür habe ja nicht zuletzt ich selbst gesorgt, fügte sie in Gedanken hinzu.

""Komm, mein Liebster." Sie strich dicht am König der Elfen vorbei. Dessen Hand zuckte erneut herab zu seinem Lichtschwert, ließ es aber stecken. Jede der Elfen war sich dessen bewußt, wer ihnen da gegenüberstand. Kinkiralinlin war so etwas wie ihr fleischgewordener Alptraum.

Die Orna-Dämonin beugte sich nun herab und faßte mit dem Fang nach der Hand des Elfenmannes. Genau wie damals verhielt der sich völlig passiv und ließ alles mit sich machen, ohne sich zu wehren. Nur das Pochen seines Herzens zeigte an, daß er sehr wohl mitbekam, wie ihm geschah. Linlin zog ihn einfach mit sich. Etwas außerhalb der Reihen der Elfen ließ sie seine Hand wieder los. "Wie das hier auch immer ausgeht, du wirst nicht sterben. Ich will deine Frau werden und an deiner Seite leben!" Sie strahlte ihn mit ihren gelben Katzenaugen an und entblößte ihre schneeweißen Zähne zu einem glücklichen Lächeln.

Batchi und Lalalu sahen sich fassungslos an, auch Calract und Riinari tauschten ungläubige Blicke. So etwas konnte nur Linlin fertigbringen.

Da erhob König Trügg seine Stimme: "Den brauchen wir nicht mehr. Soll er ruhig weiterleben als Wurm und Knecht einer dieser Mißgeburten aus der Hölle."

"Waaas!" Linlin drehte sich empört um, machte einen Satz auf den König zu und baute sich vor ihm auf. "Hör mal zu, du Angeber. Ich bin eine wunderschöne Frau. Und jetzt bin ich dazu noch eine elegante Dämonin und Engel des Todes. Komm' und kämpfe mit mir, statt dich hier so aufzublasen!"

"Alsoooo ..". versuchte Calract einzuwerfen, doch Trügg hörte nicht auf ihn. Er sah sich zu seinem Volk um. Wie ein Mann zogen sie ihre Schwerter, auch die Frauen, und selbst die Kinder. Es war das Signal für den letzten Angriff. Heismerokes Brust begann heller zu glühen.

"Wartet!" Eine helle, durchdringende Stimme ließ alle Köpfe herumfliegen.

"SOL!", rief Batchi.

"Sölbey!", rief König Trügg.

Und da stand sie vor ihnen: Sölbey Ohnenamen die Lichtelfe - SOL. Und auf ihrem Rücken prangten vier libellenartige Flügel. Calract lächelte versonnen und tief befriedigt. Der Elfenkrieg war zu Ende


Einige Stunden zuvor.

Calract und der Hauptteil seiner Streitmacht waren inzwischen vor der Stadt der Elfen gelandet und bereiteten sich auf die letzte Schlacht vor. Auch SOL war unter den Leuten, wie immer wenig beachtet. Scheinbar - denn Calract registrierte sehr genau, daß SOL sich unauffällig von der Gruppe absetzte und wie in Trance einen kaum erkennbaren Pfad entlanglief, weg vom Elfendorf und dann gut eine Viertelstunde durch dichtes Gestrüpp bis nahe an die schroff aufragenden Felsen. Für eine Zeit verlor der Zauberer das geheimnisvolle Mädchen aus den Augen, denn hinter den Felsen, so gut verborgen, daß man den Weg nur finden konnte, wenn man ihn genau kannte, begann ein kleines, tiefes Tal. Calract spürte noch schwach den Zauber, der hier anscheinend bis vor einiger Zeit gelegen und dieses Tal vor neugierigen Blicken aus der Luft geschützt hatte.

Das war hervorragend getarnt. Viel besser, als ich je vermutet hätte. Kein Wunder, daß wir es so lange übersehen haben.

In dem Tal wuchsen nur wenige Bäume, dafür wurde das Zentrum eingenommen von einer halb verfallen wirkenden uralten Kultstätte. Deren Mitte wurde von einem noch größtenteils erhaltenen Mosaikboden gebildet, um den herum sich eine Reihe von Statuen gruppierten, die allerdings in keinem guten Zustand mehr waren. Dennoch, das hier funktionierte noch. Und als Calract diesen Ort das erste Mal zu sehen bekam, lief es ihm abwechselnd heiß und kalt den Rücken herunter. Gerade noch konnte er sehen, wie SOL über einige Felsen in die Höhe kletterte und dann irgendwo verschwand. Eilig lief der Schwarze König ihr nach, denn er wollte auf keinen Fall verpassen, was weiter geschah. Um die Heilige Stätte vom Blauen Tal konnte er sich später noch kümmern.

SOL war in der Tat in einer Höhle verschwunden. Es mußte das Allerheiligste der Elfen sein, die Höhle des Orakels. Viel hatte man über die Elfen zwar nicht herausgefunden, aber das immerhin wußte der Schwarze König. SOL stand mitten in der geisterhaft erleuchteten Höhle, in deren Zentrum auf einem massiven Steinthron das uralte, mumifiziert wirkende Orakel saß. Calract drückte sich hinter einen Felsen, um nicht entdeckt zu werden. Er wußte nicht, daß es hier noch zwei weitere heimliche Beobachter gab, eine graue und eine fette Maus.

SOL stand vor dem Orakel und regte sich nicht. Sie schien genauso von ihrem Leben verlassen wie der Alte. Lange Zeit geschah nichts, dann begannen beide gleichzeitig, sich ein wenig zu bewegen.

Das Orakel hob eine Hand und zeigte nach hinten. SOL verstand, ging um den Thron herum, hob etwas auf und trat dann damit wieder vor.

Ich wußte es, ging es Calract durch den Sinn, als er sah, was die Frau da in den Händen hielt: vier Elfenflügel - ihre eigenen.

Sie zog nun ihr Oberteil aus - sie trug wieder jenes blutdurchtränkte Hemd, das sie angehabt hatte, als sie halbtot zusammenmit Rió das Gartenland erreicht hatte - legte dann die Flügel auf dem Boden aus und kniete vor dem Orakel nieder. Das erhob sich langsam und begann dann, seine Umgebung, SOL und ihre vier Flügel in helles, weiches Licht zu tauchen. Die Flügel schwebten hoch, nahmen ihre Position auf SOLs Rücken ein und wuchsen dort unter der magischen Kraft des Orakels wieder fest.

SOL ruckte hoch. "Ich bin ..." schluchzte sie ...

"Ja, du bist Sölbey von der Hohen Eiche. In deinen Flügeln waren deine Erinnerungen versteckt, Prinzessin und Retterin der Elfen, denn dir ist bestimmt, in dieser Stunde der Entscheidung dein Volk vor dem Untergang zu retten."

Na, da bin ich aber mal gespannt, wie sie das machen will. Calract machte sich kampfbereit für den Fall, daß das Orakel die Lichtelfenprinzessin mit irgendeiner Wunderwaffe ausstatten wollte. Doch es kam ganz anders. Nicht mit Schwertern, sondern mit Worten würde Prinzessin Sölbey um das Leben ihres Volkes kämpfen. Und Calract wußte nur zu gut, welch wirksame Waffen Worte sein konnten.

"Bist du bereit für eine Wahrheit, die schlimmer ist als der Tod?", fragte das Orakel mit tiefer Stimme.

Sölbey nickte. "Ja", hauchte sie. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.

"Dann höre, mein Kind. Höre, was die wahre Natur der Elfen ist ..."

Auch Calract hörte die Worte des Orakels, und sein Verdacht, den er schon seit damals in Lunaloc hegte, als er SOL in seinem magischen Spiegel gesehen hatte, fand sich voll und ganz bestätigt.

Nachdem das Orakel geendet hatte, setzte es sich wieder in seinen Thron und schien irgendwie zu versteinern. Sölbey drehte sich langsam um und ging mit schleppenden Schritten ins Freie. Sie mußte sich sogar streckenweise an den Felsen entlangtasten, aber das war nach dem, was sie soeben erfahren hatte, kein Wunder.


Rosalia trat vor das Orakel. "Danke, Alterchen. Gute Arbeit. Aber jetzt brauchen wir dich nicht mehr." Dann zog sie einen Lichtdolch und stieß ihn dem Alten, der wieder wie versteinert dasaß und die Hexe nicht zu bemerken schien, direkt ins Herz.

Elam sah sie verwirrt an. "Aber ... ich ... wir ..."

"Warte noch ein bißchen. Das Beste haben wir noch vor uns. Ich verspreche dir, du wirst nicht enttäuscht werden."


"Sölbey Ohnenamen, wieder bringst du Schande über das Elfenvolk!", rief Trügg wütend. Entschlossen hielt er mit beiden Händen sein Lichtschwert fest.

"Es gibt kein Elfenvolk!", antwortete Sölbey mit matter Stimme.

Bei diesen Worten verschlug es selbst König Trügg den Atem.

Calract trat vor: "Sie hat recht. So, wie ich Lunaloc-Dämonen erschaffen habe und Boris von Max die schönen Mädchen von Orna, so seid auch ihr Elfen vor langer Zeit aus Menschen erschaffen worden, und zwar genau hier, in der Heiligen Stätte vom Blauen Tal. Das habe ich schon lange vermutet, und euer Orakel hat es dieser jungen Elfe, die anscheinend deine Tochter ist, vor wenigen Minuten bestätigt."

Fast höhnisch sah Calract die Elfen an. Hinter ihm gab es einen Plumps. Linlins unfreiwilliger Bräutigam war ohnmächtig zusammengebrochen. Ungerührt fuhr Calract fort: "Euer Kampf gegen die Dämonen war nur eine Illusion, denn ihr seid selbst Dämonen, die Dämonen vom Blauen Tal!"

Um Heismeroke begann die Luft zu flimmern und leise zu summen. Sie würde sofort schießen, wenn die Elfen jetzt etwas Unüberlegtes taten. Doch der Schock saß viel zu tief, als daß sie in diesem Moment überhaupt irgend etwas hätten tun können. Bis auf König Trügg. Er war bleich wie der Tod, denn er spürte tief in seinem Innern, daß seine Tochter und der Schwarze König die Wahrheit gesprochen hatten. Mit einer eckigen Bewegung riß er sein Lichtschwert herum und stieß es sich ins Herz. Auf der Stelle brach er tot zusammen.

"Wollt ihr weiterkämpfen?", fragte Calract die verbliebenen Elfen. Er zeigte auf den zu seinen Füßen liegenden Toten: "Das war der vorletzte Lichtelfenmann der Welt." In der Tat war die Streitmacht der Elfen auf einen erbärmlichen Haufen zusammengeschmolzen. Da trat Sölbey erneut vor ihr Volk. Sie breitete Arme und Flügel aus und rief: "Brüder und Schwestern. Haben wir das nicht schon immer gewußt, tief in Innersten unserer Seele? Seht mich an, die Tochter zweier Lichtelfen und doch ein halber Mensch. Das ist es, was wir in Wahrheit sind. Aber verzweifelt nicht. Wir dürfen erhobenen Hauptes in die Zukunft gehen, denn wir sind Geschöpfe der Liebe. Unser Orakel hat es mir offenbart: vor Äonen hat eine gütige Fee uns erschaffen, um dem Wald und der Natur eine wundervolle neue Nuance des Lebens hinzuzufügen. Lichtelfen wurden zuerst erschaffen, sie sind die schönsten und edelsten. Jedoch sind uns unsere starren Flügel im dichten Wald hinderlich, und so erschuf unsere Fee die Dunkelelfen, geheimnisvolle und mächtige Wesen des tiefen Waldes. Zuletzt griff sie ihre ursprüngliche Idee von den esoterischen Lichtwesen wieder auf und erschuf die Waldelfen. Unsere Brüder und Schwestern, die sich in diesem grauenhaften Krieg allesamt geopfert und den Tod gefunden haben."

SOL setzte ihren leidenschaftlichen Appell fort, doch Calract hörte nicht mehr zu. Unter einem schrecklichen Gedanken zuckte er zusammen. Gehetzt sah er sich um

Bravo, lieber Onkel, es beginnt dir langsam zu dämmern, was gleich passieren wird.

Der Schwarze König wußte selbst nicht, woher ihm diese Erkenntnis zugeflossen war. Vielleicht war es SOLs Erwähnung des Schicksals der Waldelfen gewesen, die ihn darauf gebracht hatten, daß hinter diesem Krieg eine finstere Macht stehen mußte. Es konnte einfach nicht anders sein. Waldelfen in Feuerkugeln zu verwandeln, indem man ihr Elfenlicht so hochdrehte, daß sie dabei ausbrannten, das entsprach nicht dem Kampfstil einer Elfe. Diese Ungeheuerlichkeit mußte einem anderen Gehirn entsprungen sein, einer dunkeln Macht im Hintergrund. Und daß diese Macht sich einen Dreck für Menschen, Elfen und Dämonen interessierte, das war auch klar. Das eigentliche Ziel dieser gigantischen Mühle der Vernichtung war ausschließlich er selbst ...

Und dann griff diese unheimliche Macht nach dem Schwarzen König und seinen Dämonen. Calract stöhnte auf. Wie in Zeitlupe sah er die Elfen zusammensacken. Hinter ihm schrieen seine Orna-Dämoninnen gellend auf, als ihre Körper zerbrachen und sie in Menschen zurückverwandelt wurden. Ebenso erging es den Lunaloc-Dämonen. Ihre Umrisse flimmerten, und Stück um Stück wurden sie wieder zu den Menschen, aus denen Calract sie vor Jahrzehnten geschaffen hatte.

Mit scharfem Zischen fuhr ein gewaltiger, sonnenheller Energiestrahl in dem Himmel. Es war Heismerokes letzte Tat, sich selbst vor einer Explosion zu bewahren, die das ganze Tal eingeäschert hätte. Dann brach die Kohleprinzessin zusammen und verwandelte sich ebenfalls zurück. Selbst die Magie der Elfen hatte das nie vermocht, aber diesmal lagen die Dinge anders. Und da ihr eiserner Brustkorb real war und sich nicht in irgend etwas zurückverwandeln konnte, überstand sie diese Prozedur nicht, sondern mumifizierte, glühte dann aus und zerfiel zu Asche.

Anders als die Elfen, die schon seit vielen Generationen als Dämonen lebten, war jeder einzelne der versammelten Orna- und Lunalocdämonen früher ein Mensch gewesen, Riinari vielleicht ausgenommen. Und zu diesen Menschen wurden sie alle jetzt durch die unheimliche Macht des Blauen Tals wieder zurückverwandelt.

Calract brach auf die Knie zusammen. Nur mit großer Mühe konnte er überhaupt noch atmen. Der Druck, der auf ihm und allen seinen Dämonen lastete, war überwältigend mächtig. Selbst die Macht seines Mond-Kristalles war durch die alles erdrückende Kraft des Blauen Tales blockiert und konnte ihm nicht helfen.

Da teilte sich das Unterholz und Rosalia trat ins Freie. Hinter ihr kam ein fetter Mann, der von innen heraus zu glühen schien und wie in Trance wirkte. Calract sah ihn nur noch undeutlich. Wie ein eiserner Ring zog sich die tödliche Kraft um seinen Kopf zusammen. Doch er erkannte, daß dieser Fremde ein überaus mächtiger Zauberer war, der geradezu spielerisch die vernichtende Kraft des Blauen Tales handhabte und gegen ihn, seine Dämonen und die Elfen richtete.

Rosalia trat vor Calract hin, setzte ihm dann ihren Stiefel auf die Brust und stieß ihn zu Boden. Hilflos keuchend und um Luft ringend lag der Schwarze König vor ihr, geschlagen, besiegt und dem Tode nahe. Blut begann aus seiner Nase zu rinnen.

"Bevor ich dich nun endlich, nach all den Jahren, ins Jenseits befördere, will ich dir gerne noch erzählen, wie ich die besiegt und vernichtet habe, Onkel Calract!" Sie spuckte die beiden letzten Worte geradezu heraus.

"Ich muß zugeben, ohne Hilfe hätte ich es nicht geschafft. Die Schwarze Hexe war mir sehr nützlich, ebenso die Elfen, ihr törichtes Orakel, meine schwachsinnige Tante Alessandra, und mein Freund Elam hier, aber ohne das Blaue Tal, den Dreh- und Angelpunkt meines ganzen Plans, hätte ich dich nie besiegen können. Deine Macht beruht auf Lunaloc. Nun, diese ist die Master-Stätte sowohl für Lunaloc als auch Orna und St. Malo. Die Elfen wurden hier erschaffen, wie die kleine Sölbey Ohnenamen ganz richtig gesagt hat. Vor allem die Waldelfen haben von ihrer Erschafferin eine Menge magischer Kräfte mitbekommen, die sich aus der Macht des Blauen Tals speisten. Deshalb konnten sie auch immer wieder deine ach so heißgeliebten Dämonen zurückverwandeln und dann ganz leicht töten. Es war herrlich mitanzusehen, wie ihr euch gegenseitig abgeschlachtet habt. Das hat mich für vieles entschädigt. Tja, das alles verdanke ich dem Großen Herrn Z. He, Elam, komm' mal her!"

Wie ein Schaf tappte Elam Faust zu der Hexe hin. "Tja, Elam, Alkohol ist eben ungesund, vor allem, wenn er vergiftet ist. Ohne dich hätte ich Calract nicht besiegen können, denn dein Talent, die Macht der Heiligen Stätten zu nutzen, ist wirklich unvergleichlich. Aber leider, genau wie das Orakel der Elfen, wirst auch du jetzt nicht mehr gebraucht."

"Rosalia ..."

"Stirb!" Diesmal brauchte die Schwarze Prinzessin keine Waffe. Sie konnte ganz frei ihre Magie einsetzten, denn eine Entdeckung mußte sie ja jetzt nicht mehr fürchten. Elam Faust verfiel innerhalb weniger Sekunden zu einem Skelett, faltete sich zusammen und zerbröselte beim Aufprall zu Staub.

Im gleichen Moment verwandelten sich alle Pecks in Äräolahn und St. Malo zurück in Menschen.

Davon ahnte Rosalia nichts, und es hätte sie auch nicht interessiert. Sie sah wieder zu Calract hinunter. "Lange habe ich überlegt, wie ich dich zu Tode bringen werde, wenn es soweit ist. Nun, mir ist etwas wirklich Nettes eingefallen. Es hat mich sehr viel Arbeit und Mühen gekostet, aber das Ergebnis hat sich wirklich gelohnt!" Sie hielt einen bizarr verschlungenen, mit silbernen Verzierungen und seltsamen Schläuchen ausgestatteten Stab hoch, der vorne eine nadelscharfe Spitze hatte. Diese begann nun grünlich zu glühen ...


Ich, die stolze Dämonin Kinkiralinlin, fühlte mich grauenhaft. Jetzt erst wußte ich, was es wirklich heißt, von einer Dämonin in einen Menschen zurückverwandelt zu werden. Die Elfen hatten das zwar schon ein paarmal gemacht, aber damals war es irgendwie so gewesen, daß ich zu meinem Wesen als Dämonin immer noch eine Verbindung gehabt hatte. Jetzt hingegen war ich wirklich nur noch ein Mensch. Ich war fast blind und taub, konnte mich kaum bewegen, und was am schlimmsten war: ich konnte auch keine Gedanken mehr lesen.

Neben mir wimmerte etwas, und ich wand mich auf dem Boden herum, dem Geräusch zu. Wie ein Wurm kroch ich dort hin und fand eine Frau, der es anscheinend genauso ergangen war wie mir. Batchi war es, aber da meine Augen im Moment nicht funktionierten, erkannte ich sie nur am Geruch.

"Linlin?" Ihre Stimme war dumpf und krächzend, ich erkannte sie kaum wieder. Verzweifelt klammerten wir uns aneinander, und das half ein bißchen. Die verschwimmenden grauen Schatten vor meinen Augen wurden allmählich etwas klarer, und ich konnte meine Freundin wenigstens wieder in Umrissen sehen. Auch mein Gehör kalibrierte sich anscheinend neu, und so lauschten wir beide aufmerksam dem, was die Hexe Rosalia Calract erzählte. Ich muß sagen, dem Himmel sei Dank, daß sie uns diese Zeit ließ.

"He, Batchi!"

"Hm?"

"Weißt du, was diese Rosalia mit uns macht, wenn sie Calract getötet hat?"

"Nein, aber bestimmt nichts Gutes."

"Wir müssen kämpfen!"

"Aber wir können nicht mehr kämpfen. Ich bin so gut wie blind und kann mich kaum bewegen.

"Ich auch. Trotzdem. Sterben müssen wir so oder so. Und außerdem habe ich ja noch DAS!" Ich klopfte auf die Scheide, in der immer noch mein Lichtschwert steckte. Meine Hände und Finger gehorchten meinem Willen so langsam wieder, und ich umfaßte den Knauf und hielt ihn ganz fest. "Eine stolze Orna-Dämonin läßt sich nie besiegen! Los, versuch', ob du aufstehen kannst. Beeil' dich, sie ist anscheinend mit ihrem Gequatsche fertig. Jetzt geht es Calract an den Kragen."

Die Aussicht, ihren Liebsten zu verlieren, schienen Batchi geradezu Flügel zu verleihen. Sie griff nach irgendeinem Stein, kam dann auf die Beine, kroch unbeholfen auf allen Vieren, die sie ja jetzt wieder hatte, auf Rosalia zu und briet ihr dann den Stein über. Die Hexe war durch diese Karikatur eines Angriffs natürlich nicht verletzt worden, aber erschrocken und wütend. Batchi rannte zurück - wir lagen so halbwegs in Deckung hinter einem großen Baum, und hierhin wollte meine Freundin sich nun wieder retten. Rosalia hatte ein oder zwei Sekunden gezögert, während ihr Gesicht langsam die Farbe einer überreifen Tomate annahm. Es war das erste seit meiner Rückverwandlung, was ich wieder deutlich sehen konnte. Dann machte sie den Fehler, der die ganze Sache entschied. Statt dort zu bleiben, wo sie war, und von dieser Position aus mit einem Zauberspruch oder einer Ladung magischen Feuers Batchi zu bestrafen, lief sie ihr nach, wobei sie wilde Drohungen und Verwünschungen ausstieß. Daß ihre Rache auf so eine Weise unterbrochen worden war, trieb sie dermaßen zur Weißglut, daß ihr Verstand anscheinend teilweise aussetzte.

Ich drückte mich hinter dem Baum in den Dreck und zog das Schwert. Rosalia war so blind vor Wut, daß sie mich gar nicht sah. Sie hielt irgend etwas Längliches in der Hand, das sie nun drohend auf Batchi richtete. Da sprang ich hinter dem Baum hervor, stürzte mich von hinten auf die Hexe und hieb mit der Kraft der Verzweiflung auf sie ein.

Reflexartig war Rosalia ausgewichen, doch ich hatte getroffen. Sie hatte ein halbes Bein weniger. Wie eine Puppe fiel sie um. Sie schrie nicht mal. Anscheinend hatte sie für einen Moment den Kontakt zur Realität verloren. Über 20 Jahre lang hatte sie nur für ihre Rache gelebt, an nichts Anderes denken können, und jetzt, wo endlich der Augenblick gekommen war, da sollte sie ihr wieder aus der Hand gerungen werden? Das war anscheinend zuviel für sie. Ich stürzte mich mit dem Mut der Verzweiflung auf sie und hieb sie triumphierend mit einem Schlag dieses fantastischen Lichtschwertes von oben bis unten durch in zwei Teile.


*


Ich war eingenickt, doch als Paipais Finger sich in meiner Hand bewegten, war ich sofort hellwach. "Paipai?"

"Traunsteiner ...", flüsterte sie. Ich sah sie an und erschrak. Ihre unnatürlich graue Haut wirkte inzwischen fast durchsichtig.

"Paipai, soll ich ..."

Sie winkte mich näher heran. Ihr Flüstern war so leise, daß man es nur verstehen konnte, wenn man das Ohr direkt an ihre Lippen hielt. Und das trotz der feierlichen Stille, die stets in Dorrostak herrschte.

"Traunsteiner, ich ... muß jetzt gehen. V ... vorher wollte ich nur noch eins sagen ..."

Ich schluckte, und Tränen traten in meine Augen.

"Es tut mir leid, daß ich immer so gemein zu dir gewesen bin. Du ... bist ein guter Mann, Mag Traunsteiner."

Und dann schloß meine Begleiterin Baobaopaipai für immer die Augen.

Erst viel später erfuhr ich, daß genau zu dieser Zeit Elam Faust ebenfalls den Tod gefunden hatte. Was wir aber sehr schnell bemerkten, ich, der Erste Meister Kallhoun und seine Schüler, das war, daß alle Pecks sich in ihre menschliche Gestalt zurückverwandelt hatten. Das Zeichen für eine neue Zeit.

Im Augenblick war mir das aber herzlich egal. Da lag sie nun, meine süße Paipai. Wie sollte ich das Riinari erklären, wenn ich ohne sie zurückkam? "Paipai", flüsterte ich, dann brach ich schluchzend neben ihrem Bett zusammen.


"Herr Traunsteiner." Es war Kallhoun, der Erste Meister, der an meinen Schultern rüttelte. Ich sah auf.

"Mein Herr und Gebieter, der Große Herr Z, hat einen weiteren Gast aus fernen Ländern bei uns. Und er möchte, daß Ihr ihn kennenlernt."

"Einen weiteren Gast? Wer mag das wohl sein?" Ich blickte zu dem zierlichen, kalten Körper Paipais herab. Der Erste Meister zog eine Decke über ihre Leiche. "Es ist ein König aus einem Land weit, weit weg. Wilhelm ist sein Name."

Ich gab ein gurgelndes Geräusch von mir und sah den Ersten Meister fassungslos an. "König Wilhelm?"

"Dann kennt Ihr ihn also?"

"Ich ... ich kenne ihn nicht persönlich, aber er ist der Grund, warum Paipai und ich diese Reise unternommen haben." Wie ein Blitz durchzuckte es mich: Der Ring. Aber vielleicht bemerkt Kallhoun das, wenn ich meinem König das Signal sende. Aber man könnte ... "Mein König hat uns beide vor vielen Monaten ausgesandt, um diesen Wilhelm zu finden." Ich hob die Hand mit dem Ring hoch und drückte auf den Stein. Genau wie damals in Jerinoor ging eine leichte, warme Energie durch meinen Körper, der Ring wurde heiß und löste sich dann auf.

Ich erwartete, daß nun jeden Augenblick König Calract hier erscheinen würde. Aber nichts weiter geschah. Kallhoun sah mich fragend an. Kein Zweifel, er hatte genau mitbekommen, was ich getan hatte. Da aber nichts passierte, nahm er mich schließlich mit zu den gesicherten Räumen, wo König Wilhelm zur Zeit untergebracht war.


*


"Hee, Bürschchen, aufgewacht!" Ich rüttelte den Elfenmann heftig. Unglaublich, er war ohnmächtig geworden und hatte alles verpaßt.

Ich war immer noch ein Mensch, genau wie die Lunaloc-Dämonen. Immerhin, das Kind in meinem Bauch, das bald das Licht der Welt erblicken würde, war gesund und munter, wie ich an seinem Strampeln merkte.

"Was...!" Der Elf fuhr hoch und sah mich verwirrt an.

"Ich bin's, Linlin, deine Zukünftige."

Besonders schnell im Denken war er nicht. Naja. "Aber jetzt sage mir doch endlich mal, wie du heißt."

"Körger vom Ruhigen Bach."

Ich sah ihn mit großen Augen an, dann platzte ich mit Lachen heraus. "Hahaha, ist das komisch. Der Name paßt wirklich zu dir." Ich nahm seine Hand und legte sie auf meinen Bauch. Nebenbei bemerkte ich, daß ich - wie immer - nackt war. Bis auf den Gürtel mit der Scheide für das Lichtschwert. Das Schwert selbst lag ein Stück weiter zwischen den beiden Hälften der Schwarzen Prinzessin.

Ich hörte drüben Calract stöhnen. Batchi kümmerte sich gerade um ihn. Es ging ihm nicht so besonders, aber immerhin war er am Leben. Und das gab uns allen Hoffnung.

"Du hast wirklich das beste verpaßt, Körger-Schatzi."

"Schatzi. Nenn' mich nicht Schatzi. Ich kenne dich überhaupt nicht!"

"Das ist dein Sohn!" Ich sah ihm tief in die Augen, und - naja - wie soll ich sagen, irgendwie schien er langsam zu begreifen. Er sah mich großen Kinderaugen an, und irgendwie hatte ich das Gefühl, daß er sich wohl in sein Schicksal ergeben hatte.

"Sohn?"

"Sohn!"

Er sah mich fragend an. "W ... wird es eine Elfe oder ...?"

"... oder ein Mensch oder ein Dämon - ich weiß es selbst nicht. Ich war mal mit einem Menschenmann verheiratet, 20 aufregende Jahre lang. Aus dieser Ehe habe ich zwei Kinder, die jetzt um die 20 sind, und es sind beides Menschen. Aber was aus der Liebe eines Elfen und einer Dämonin hervorgeht, das ... naja, bald werden wir die Antwort ja haben. Noch zwei oder drei Wochen, schätze ich."

Ich stand auf: "Na, wie findest du mich? Gefalle ich dir? Aber keine Angst, ich hoffe, daß Calract mich wieder in meine Dämonengestalt zurückverwandeln kann."

Wieder dachte Körger eine Zeitlang schweigend nach. "Wieso bist du plötzlich ein Mensch?"

Ich erklärte es ihm. Dann deutete ich auf Rosalia. Ach ja, das Schwert. Dreimal hatte es mich nun schon gerettet, und ich würde es bestimmt nicht einfach dort liegenlassen, auch wenn ich es, wenn ich wieder eine Dämonin war, nicht mehr benutzen konnte. Ich hob es auf und steckte es wieder in die Scheide. Körger schien immer noch ein bißchen neben sich zu stehen. Ich setzte mich wieder neben ihn, schmiegte mich an ihn und sagte: "Komm, nimm mich in deine Arme. Und dann sage mir mal, wie so eine Elfenhochzeit vonstatten geht."

Das lenkte meinen Verlobten wider Willen ein bißchen ab. Etwas später kam Calract zu mir. Er wirkte erschöpft. Ich sagte zu Körger: "Tut mir leid, Schatzi, ich muß dich mal für eine Zeitlang alleine lassen." Ein weiteres Mal sah ich ihm tief in die blauen Augen und sagte: "Aber nicht weglaufen. Dein Sohn wird nicht ohne seinen Vater groß werden."

Ich sah in seinen Augen, daß er nun so langsam begriff, was auf ihn zukam. Er wurde ziemlich rot, und ich wußte, daß ich ihn nun endgültig an der Angel hatte. Verheiratet mit einem Elfenmann, das war einfach phantastisch. Auch wenn er weder mutig noch schlau war, ich war überzeugt, daß wir gut miteinander auskommen würden. Ich mochte ihn einfach, und ich wollte ihn haben.


Da standen wir nun alle um Calract herum: Batchi, Lalalu, Arashi und ich. Lalalu und Arashi sah ich übrigens zum ersten Mal in ihrer menschlichen Gestalt. Ach ja, und Riinari. Sie war, genau wie die Elfen, nicht zurückverwandelt worden - in was auch? Sie war ja schon als Göttin auf die Welt gekommen. Ihre Mutter Arashi hingegen war sehr wohl ein Mensch gewesen, und diese Gestalt hatte sie nun wieder. Ich musterte sie neugierig. Sie hatte ein unglaublich interessantes Gesicht. Nachdenklich blickte sie auf ihre bloßen Füße herab. Es war nicht schwer zu erraten, an was sie dachte.

Etwas weiter hatten sich an die 2300 Menschen versammelt - Calracts Lunaloc-Armee und die Drachen, alle in ihrer menschlichen Gestalt.

"Meine Liebsten. Es ist vorbei." Calracts Stimme klang schwach und erschöpft. Er war dem Tode nur knapp entkommen und sah nicht gut aus. Irgend etwas schien auf seiner Brust grün zu glimmen. Das irritierte und beunruhigte mich gewaltig. Und so wollte ob unseres Sieges kein so rechter Jubel aufkommen. Calract wollte fortfahren, da trat Batchi vor, drückte sich an ihn, legte seinen Arm um ihre Schultern und stützte ihn.

Calract trat schließlich einen Schritt vor: "Es ist vorbei, aber auch für mich wird bald die Zeit des Abschiedes kommen. Rosalia ist ... war eine geniale Giftmischerin, und ..." Er wischte über seine Brust, und ich verstand schlagartig. Diese gräßliche Hexe hatte meinem Schatz die Saat des Todes gepflanzt. Tränen schossen mir in die Augen.

"Nein", hörte ich neben mit Batchi schluchzen. Auch sie hatte begriffen.

"Ich werde nicht sterben, Mädchen. So weit ist Rosalia mit ihrem Zauber nicht mehr gekommen. Nur lange schlafen. Ein paar Tage habe ich aber noch, und in dieser Zeit ..." er hustete gequält, und ich sah, daß er Blut ausspuckte, "... in dieser Zeit muß ich noch einiges auf den rechten Weg bringen."

Er hielt einen Moment inne und atmete keuchend durch. "Dieser Ort, an dem vor tausenden von Jahren die Elfen erschaffen wurden, trägt den Namen 'Heilige Stätte vom Blauen Tal'. Sie ist anscheinend so etwas wie der Ursprung von Lunaloc und Orna. Genaueres weiß ich selbst nicht, aber welche Macht dieser Ort hat, das seht ihr ja an euch selbst." Er sah in die Runde. "Wer von euch ein Mensch bleiben will ... wer nicht, den kann ich leicht wieder zurückverwandeln."

"Ich will wieder eine Dämonin sein!" rief ich mit fester Stimme und trat vor. Keine Sekunde länger als unbedingt nötig wollte ich in diesem zerbrechlichen Menschenkörper verbleiben.

"Ich auch", verkündete Lalalu.

"Ich ebenfalls", sagte Arashi. Ich blickte zu ihr hinüber. Irgendwie war ich froh, daß sie sich so entschieden hatte. Sie war eine meiner Schwestern, und ich wollte sie behalten. Mit sanfter Stimme erklärte Arashi nun: "Zuvor allerdings möchte ich etwas machen, was ich in meinem ganzen Leben noch nie habe tun können. Riinari, geliebtes Mädchen, laß dich von deiner Mutter umarmen und ganz fest an die Brust drücken."

Ich mußte vor Rührung schlucken. Wie sehr Mutter und Tochter aneinander hingen, das war wirklich anrührend. Ich seufzte. Gerne hätte ich in diesem Moment Adusa bei mir gehabt. Einfach nur so, denn ich hatte sie so oft an mich gedrückt, wie ich gewollt hatte. Ob ich dazu meine Arme oder meine Beine benutzte, was für eine Rolle spielte das schon? Für Arashi hingegen war dies ein ganz besonderer Moment. Jede von uns war eben auf ihre ganz eigene Weise mit ihrem Schicksal als Dämonin in der Menschenwelt fertig geworden. Und Schwester Arashi, das wußte ich, hatte sich am Anfang ziemlich schwergetan dabei.

"Und du, Mäuschen?", fragte Calract mit brüchiger Stimme seine Batchi. Die beiden blicken einander tief in die Augen und hielten stumme Zwiesprache. Ich verwünschte den Umstand, daß ich keine Gedanken mehr lesen konnte. Ich war wie blind, und das machte mich richtig fertig.

"Linlin!"

"Ja, Liebster ... ups." Es war mir so herausgerutscht, aber - mein zukünftiger Mann war nicht Calract, sondern die Dunkelelfe Körger vom Ruhigen Bach einige Meter hinter mir. Schuldbewußt sah ich zu Boden. Naja, das war eben Pech. Calract kam auf mich zu, legte mir die Hände auf die Schultern - sie waren eiskalt - und sagte: "deiner Tapferkeit und Geschicklichkeit haben wir alle zu verdanken, daß wir noch leben. Rosalia hätte keinen von euch am Leben gelassen. Komm', ich werde dich als erste zurückverwandeln."

"Aber, du bist zu schwach im Moment."

"Keine Angst, das schaffe ich schon. Ich muß, denn mir bleibt nicht mehr viel Zeit." Er wandte sich an die anderen: "Ihr wartet bitte hier und baut ein Lager. Bis ich hier mit allem, was ich tun muß, fertig bin, wird es einige Tage dauern."

Dann ging er mit schleppenden Schritten voran und verschwand im Dickicht, ich dicht hinter ihm.

Es war ein eigenartiges Gefühl ... nackt und barfüßig war ich immer gewesen, aber jetzt war ich ein Mensch, und da war alles so anders. Mir ging durch den Kopf, daß dies meine letzten Minuten in dieser Existenzform waren, und auch wenn ich sie wieder loswerden wollte, diese Zeit sollte ich genießen. Und so ließ ich meine Hände über die kalten, moosbewachsenen Baumstämme und Felsen streichen, rupfte hier und da ein Blatt ab und zerrieb es zwischen den Fingern.

Dann erreichten wir die steilen Felsen. Calract verschwand fast vor meinen Augen um eine Ecke, die man nur sah, wenn man quasi mit der Nase darauf hing. Ich folgte ihm und war sehr erstaunt, wohin dieser verwunschene Weg uns führte, nämlich in ein kleines, paradiesisches Tal, in dessen Mitte eine uralt wirkende Kultstätte lag. Calract trat in die Mitte des mit Mosaiken belegten Kreises. Ich folgte ihm, und dann ging eigentlich alles ganz schnell. Eine unglaubliche Wärme ergriff mich, dann durchzuckte ein grauenvoller Schmerz meinen Körper. Es war jedesmal eine Qual, wenn meine Arme zermalmt und wieder zu Schwingen geformt wurden, doch es dauerte nur eine Sekunde.

Und dann war ich wieder ich selbst, die stolze, schwarzhäutige Ornadämonin Kinkiralinlin, Königin von Delandau, Alptraum der Elfen. Letzteres in Zukunft hoffentlich aber nicht mehr.

Grau und schwer keuchend lag Calract am Boden.

"Calract." Ich sprang zu ihm hin. Es war so unglaublich phantastisch, wieder diesen geschmeidigen, unbesiegbaren Körper zu haben, Augen, die alles sahen, Ohren so scharf, daß ich das Gras wachsen hören konnte, und - endlich - meine Gabe der Telepathie. Ich landete vor meinem Liebsten, nahm sanft seinen schweißüberströmten Kopf zwischen meine Füße und drückte ihn zärtlich an meine warme Brust.

"Linlin."

"Hm?" Seine Stimme klang überraschend fest.

"Hilf mir mal beim Aufstehen ... das war doch alles ein bißchen viel. Aber bevor ich mich kurz ausruhe, will ich noch etwas wissen." Er legte seinen Arm um meinen Halsansatz - zusammen mit meinen Armen hatte ich ja auch meine menschlichen Schultern eingebüßt - und ich stand in einer geschmeidigen Bewegung auf und zog Calract mit hoch. Es bereitete mir keinerlei Anstrengungen. Er zeigte auf die Felswand wo, wie ich nun sah, eine Höhle tiefer in den Berg führte.

"Das ist die Höhle des Orakels der Elfen. Irgendeine Ahnung sagt mir, daß das Orakel nicht mehr am Leben ist. Rosalia hat es bestimmt auch getötet. Aber das würde ich gerne mit eigenen Augen sehen."

Ich traute meinem Schatz die Kraxelei über die steilen Felsen eigentlich in diesem Zustand gar nicht zu, aber er erholte sich doch recht schnell wieder, und kurz darauf standen wir im Eingang der Höhle und traten vor.

Calracts Vermutung bestätigte sich. Das Orakel lag kalt und tot, zu einem mumifizierten Skelett zusammengeschrumpelt, auf dem Boden vor seinem Steinthron. "Ich wußte es", flüsterte Calract.

"Und ...?", fragte ich.

Calract öffnete sein drittes Auge und machte Licht. Es war matter als sonst.

"Kannst du nicht mit der Macht des Blauen Tals dieses Gift neutralisieren?", fragte ich verzweifelt.

Calract knöpfte sein Hemd auf. Die grün schimmernde Fläche war etwa so groß wie ein Handteller. "Rosalia hat leider an alles gedacht. Es ...", er hustete, "es ist wirklich ein Jammer, daß wir Feinde waren, bei ihren Talenten. Aber egal, sehen wir uns hier noch ein bißchen um."

Was soll das heißem, 'Egal!' Du wirst bald sterben. Oh, mein Gott, Calract ... Aber ich biß die Zähne zusammen. Ich mußte jetzt tapfer sein und durfte meinen Liebsten nicht noch mehr beunruhigen. So folgte ich ihm tiefer in die Finsternis.

Die Höhle war größer, als wir anfange vermutet hatten, und kurz darauf begriff ich, was mein Schatz hier zu finden gehofft hatte: Bücher. Seine große Leidenschaft. Er fand schließlich nur zwei, aber ich nahm mal an, daß es sie sonst kein zweites Mal auf dieser Welt gab. Calract strich mit den Händen darüber, doch dann ließ er sie stehen. Es mußte wirklich schlimm um ihn stehen. Außerdem fanden wir noch eine Schatzkammer. Es war nicht so, daß sie vor Gold und Juwelen überquoll, dennoch: was hier herumlag, dafür konnte man sich mehr als ein kleines Königreich kaufen. "Kriegsentschädigung", murmelte Calract, hob ein paar der besten Stücke auf und steckte sie in seinen Beutel.

Dann setzte er sich auf einen Stein, um sich etwas auszuruhen. Ich tänzelte ein bißchen herum und entdeckte eine Nische, von der aus es noch tiefer in den Berg ging. Das Licht, das bis hierher fiel, war gerade noch stark genug, daß ich erkennen konnte, daß hier irgend etwas war, anscheinend ein Bild an der Wand und davor ein kleiner Tisch.

"Calract ..." Meine Stimme klang heiser und ich räusperte mich, damit mein Schatz es nicht bemerkte, "kannst du mal hierher leuchten?"

Calract kam herbei, und im Schein seines Stirnauges enthüllte sich uns eine Überraschung, die sogar mich für einen Augenblick Calracts schlimme Lage vergessen ließ.

Ich war dem Wesen, das hier abgebildet war, nie persönlich begegnet, aber ich kannte es von mehreren Bildern, die Calract gemalt hatte.

"Elysiss!", hauchte ich.

Calract nickte. "Das Orakel der Gütigen Fee. So ist das also ..." Mir fiel auf, daß diesem esoterischen, durchsichtigen Leichnam das rechte Auge fehlte. Aber wir alle wußten ja, wo es jetzt steckte.

Die Schutzgöttin des Weißen Reiches war seit über 25 Jahren tot, getötet ausgerechnet von der Schwarzen Hexe, Rosalias engster Verbündeter. Hatte diese Tat der Schwarzen Prinzessin letztlich den Weg bereitet? Hätten die Elfen ihr widerstehen können, wenn ihre gute Fee, diese Zauberin, die sie allem Anschein nach vor langer, langer Zeit geschaffen hatte, noch am Leben gewesen wäre?

"Gehen wir wieder hinaus", murmelte Calract.

Schweigend traten wir wieder ins Freie. Zwischen uns war eine stille Abmachung getroffen worden, nicht über diese Entdeckung zu sprechen. Zu undurchschaubar waren die Verstrickungen der Schicksalsfäden aller Beteiligten, als daß dieses Wissen hätte verbreitet werden dürfen.

Calract setzte sich auf einen Stein und schickte mich dann los. Ich sollte Batchi holen.

Also kehrte ich allein zu den anderen zurück. Diese hatten inzwischen begonnen, sich in dem Elfendorf einzuquartieren. An die hundert Häuser dort standen leer, kein Wunder, wenn man die ungeheuren Verluste dieser Wesen in diesem Krieg bedachte.

Die Elfen, vor allem die Frauen, protestierten, doch unsere Leute machte klar, wer im Moment hier das Sagen hatte. Vor allem das Wolfsrudel, von der Rückverwandlung ja nicht betroffen, bot den Elfen klar und deutlich Paroli. Auch wenn sie, ehemals Wölfe, jetzt nur noch Menschen und den Elfen damit an sich körperlich deutlich unterlegen waren, so waren sie durch ihren unbeugsamen Willen, ihr unglaublich starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, das sie wie ein Mann denken und handeln ließ, und diese seltsame Aura, die sie ausstrahlten, den gebrochenen Elfen weit überlegen. Mich durchrieselte ein leiser Schauer der Faszination, daß Calracts Armee selbst in so einer Lage noch kämpfen konnte. Ich war ungeheuer stolz, an der Seite eines solchen Mannes weilen und ihm dienen zu dürfen.

Ich fand Batchi und führte sie dann durch den dichten Urwald zu der Heiligen Stätte. Und ich war erleichtert, Calract dort lebend und bei Bewußtsein anzutreffen, auch wenn er grau und verfallen wirkte.

Er verwandelte Batchi zurück. Dann kam Lalalu an die Reihe, schließlich Arashi. Ich trat vor sie hin. Die Frau wirkte fast scheu und unsicher, eng saß sie an ihre Tochter geschmiegt auf der mit weichen Fellen überzogenen Couch.

"Es bliebt dir nichts übrig, du mußt dich entscheiden, Arashi", sagte ich zu ihr. "Schwester", fügte ich noch hinzu und legte meine Pranke sanft auf ihre Schulter. Arashi zog tief die Luft ein und stand ruckartig auf.

"Soll ich dich begleiten, Mama?"

Arashi warf ihrer Tochter einen so liebevollen Blick zu, daß ich direkt neidisch wurde. Wo war überhaupt mein Körger? Hoffentlich nicht abgehauen.


Ausnahmslos alle vormaligen Drachen ließen sich wieder zurückverwandeln. Calract machte das nicht mehr einzeln wie bei mir und meinen Schwestern, sondern in Gruppen zu etwa 50. Ich fragte mich, wie lange er das noch durchhielt, denn er schlief nicht. Er arbeitete wie ein Besessener Tag und Nacht. Und der grüne Fleck des teuflischen Giftes auf seiner Brust wurde größer und größer. Aber er machte weiter. Er wußte, kein anderer konnte es tun, und wenn er uns verließ, wollte er diese Dinge erledigt haben.

Die Stimmung war gedrückt. Batchi sprach kaum ein Wort, und ich mußte mich um vieles kümmern. Calract ließ fast niemanden an sich heran, bis auf die, die er gerade zurückverwandelte, und manchmal seine Frau, die dann jedesmal völlig aufgelöst zu mir zurückkam. Nicht einmal Riinari durfte zu ihm.

Die Lunaloc-Dämonen, die nicht zu den Drachen gehörten, gaben sich schwierig. Anders als bei den Drachen hatte Calract die wenigsten von ihnen damals vorher gefragt, ob sie seine Dämonen - seine Kinder - werden wollten. Dazu kam nun noch, daß ihr 'Vater' bald nicht mehr da sein würde. Das gab sicher für viele den Ausschlag: immerhin knapp 1000 der etwas über 2000 von ihnen lehnten es ab, wieder zu Dämonen zu werden. Waren auch viele Jahrzehnte vergangen, so wollte sie doch in ihre Heimat, das Land um den Engelsberg zurückkehren. Calract erklärte ihnen, daß sie ihre Familien sicher nicht mehr vorfinden würden. Er erinnerte sie auch an das Wolfsrudel. Auch diese Menschen waren über ihre Erlösung zuerst überglücklich gewesen, hatten dann aber festgestellt, daß sie mit einem Leben als normale Menschen nicht mehr zurechtkamen. Der eine oder anderer ließ sich überzeugen, vielleicht aus Treue oder Anhänglichkeit zu der großen Familie der Lunaloc-Dämonen, aber die anderen hatten sich endgültig entschieden, Menschen zu bleiben, auch wenn diese Entscheidung, wenn Calract nicht mehr da war, nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte. Calract nahm sie mit in die Höhle des Orakels und gab jedem von ihnen zum Dank und Abschied ein großes Stück Gold oder einen wertvollen Edelstein.

"Ihr bleibt trotz allem meine Kinder, und ich will, daß es euch gutgeht da draußen", sagte er zu ihnen. Es war ein stiller, aber sehr ergreifender Abschied. Manch einer hatte 50 und mehr Jahre an der Seite des Schwarzen Königs verbracht. Das vergaß man nicht so leicht. War Calract damals ein brutaler Eroberer gewesen, so hatte er sich längst in einen gütigen Vater verwandelt, dem das Wohl seiner Kinder und seines Volkes sehr am Herzen lag. "Und wenn ihr in eurer alten Heimat nicht mehr leben wollt, im Westland ist immer ein Platz für euch."

Als letztes kam das Wolfsrudel dran. Für diese etwa zwei Dutzend Männer und Frauen, die mit bewundernswerter Bravour und Tapferkeit gekämpft hatten, hatte Calract sich etwas Besonderes ausgedacht. Sie alle wurden zu Dämonen, die zwischen zwei Formen wechseln konnten. Mensch und Wolf, das hatten sie immer sein wollen, und das wurde ihnen nun gewährt. Und Calract wäre nicht Calract gewesen, wenn er den Wölfen nicht noch ein kleines Extra mitgegeben hätte. Als ich es sah, war ich entzückt.

Und dann, einen Tag vor der Abreise, stand noch ein besonderer Termin auf meinem Programm, nämlich meine Hochzeit mit Körger vom Ruhigen Bach. Ich, Kinkiralinlin de Roqueville würde zu Kinkiralinlin vom Ruhigen Bach werden. Calract, dessen ganzer Oberkörper schon grünlich glomm, hatte darauf bestanden, das noch für mich zu tun. Ich war ganz aufgeregt.

Calract also würde uns trauen, aber ich hatte gewünscht, daß auch Königin Sölbey die Trauung nach Elfenart durchführen würde. Da sie aber um nichts in der Welt dazu zu bringen gewesen war, hatte sich stattdessen ihre Tochter Prinzessin Sölbey dazu bereit erklärt. Überhaupt war Sölbey ein wirklich liebenswertes Mädchen, das selbst in der erbärmlichen Lage, in der sich ihr Volk jetzt befand, ihren Optimismus nicht verlor.

Und so fand am 30.11.1270 mitten auf der Heiligen Stätte vom Blauen Tal, deren Macht Calract inzwischen versiegelt hatte, unsere Trauung statt. Seitens meines Mannes war es alles andere als eine Liebeshochzeit, aber er fügte sich.

Vor Calract, der schwer atmend auf einem Stuhl sitzen mußte, steckte ich ihm einen Ring an den Finger und gelobte ihm ewige Treue und Liebe. Auf den Ring für mich hatten wir verzichtet, an meine Zehen paßte sowieso keiner richtig, außer diesem magischen Ring, den mir Calract mal geschenkt hatte und der auf geheimnisvolle Weise seine Größe verändern konnte, und der immer noch im Westland in jener Grube ruhte und darauf wartete, daß ich ihn mir eines Tages wieder holte. Körger schwor nun auch mir Treue und Liebe bis in den Tod, und dann erklärte Calract uns zu Mann und Frau. Dann trat die junge Sölbey vor. Sie war in die weiten Gewänder einer Orakelpriesterin gehüllt - wahrscheinlich war es das letzte Mal, daß diese Kleidung getragen wurde - und trug auf dem Kopf die Königskrone der Elfen. Sie sah unglaublich schön und exotisch aus mit ihren vier zarten Libellenflügeln und ihren vor Aufregung geröteten Bäckchen.

Es war bei den Elfen Brauch, daß derjenige, der die Hochzeit vornahm, ein Band aus bestimmten Waldblumen flocht und damit die linke Hand des Bräutigams mit der rechten der Braut umschlang. Leider ließ meine Anatomie das aber nicht zu, und ich konnte es eigentlich weder mit dem Ohr noch dem Fuß sinnvoll ersetzen. So hatten wir die Sache etwas variiert. Prinzessin Sölbey hatte zwei etwas kürzere Bänder geflochten. Eins knotete sie nun Körger um das linke Handgelenk, das andere mir um die rechte Fußfessel.

Es waren nur sehr wenige Elfen zu dieser Trauung gekommen, im Gegensatz zu Calracts Leuten, von denen so viele anwesend waren, wie in das nicht allzu große Blaue Tal hineinpaßten.

Calract hatte mich ermutigt, daß wir diese Hochzeit feierten, doch eine feierliche Stimmung wollte einfach nicht aufkommen. Ich küßte meinen Mann und schmiegte mich zärtlich an ihn, als er einen Arm um mich legte, aber ... wie sollte eine Welt ohne Calract aussehen? Keiner von uns konnte sich das so richtig vorstellen.

Da erhob der Zauber sich. Es fiel ihm sichtlich schwer, aber er streckte beide Fäuste in den Himmel und rief zu uns und seinen Kindern: "Wir lassen uns niemals unterkriegen. Und eines Tages wird auch das hier", er zeigte auf seine Brust, "überstanden sein. Weint nicht, sondern freut euch, daß der Krieg vorbei ist und ihr einer Zukunft in Frieden und Wohlstand entgegenseht."


Und dann war Aufbruch. Allerdings nicht für mich. Ich würde hierbleiben, hier in der Stadt der Elfen, und hier auch mein Kind zur Welt bringen.

Der Abschied war schwer und tränenreich. Es war wirklich bedrückend, einen Drachen nach dem anderen starten zu sehen und zu wissen, daß sie nicht wiederkommen würden.

Jeder der Drachen transportierte neben seinem Assistenten noch zwei oder drei Passagiere, der Rest der Lunaloc-Armee rückte zu Fuß ab, ebenso die Menschen, die zurück zum Engelsberg in ihre alte Heimat wollten. Sie hatten einen sehr weiten Weg vor sich.

Das Tal der Elfen leerte sich. Zuletzt waren nur noch Calract, Batchi und das Wolfsrudel da.

"Willst du wirklich nicht mit uns kommen, Linlin?", fragte meine Schwester.

Ich schüttelte den Kopf und warf meinem Körger, der neben mir stand und seine Hand um meine Taille gelegt hatte, einen verliebten Blick zu. "Mach's gut, Mädchen." Ich sah Calract an, doch der schüttelte den Kopf. Es war sein Wunsch, daß ich hier bei meinem Mann blieb und nicht bei ihm, um ihm seine letzten Stunden zu erleichtern. Dafür würde aber Batchi an seiner Seite sein.

Hoppla, wer kam denn da? Es war Prinzessin Sölbey. Etwas schüchtern kam sie auf Calract zu, machte dann einen artigen Knicks und fragte: "Majestät, darf ich mit Ihnen zurück in das Gartenland gehen?"

Calract war verblüfft, nickte dann aber schwach und lächelte der schönen jungen Elfe aufmunternd zu.

Dann wandte er sich dem Wolfsrudel zu, dessen Mitglieder zum Teil menschliche, zum Teil Wolfsgestalt angenommen hatten. "Und ihr geht zurück in das Schwarze Königreich?"

"Ja, Majestät. Das Unendliche Land ist uns zur Heimat geworden. Dort wollen wir leben es beschützen, bis Ihr wieder da seid."

"Ich danke euch für eure Hilfe bei dieser Aufgabe, meine Kinder."

Dann wandte er sich seiner Frau zu: "Bevor ich ins Gartenland gehe, muß ich noch etwas Wichtiges erledigen."

"Schatzi, du ... du bist viel zu schwach!"

Vor unseren Augen verwandelte Calract sich in einen Drachen. Sein Körper glühte schon zu fast Dreivierteln in diesem grauenvollem Giftgrün. Wohin er auch wollte, es würde einer seiner letzten Flüge werden. Doch der erklärte mit harter Stimme: "Noch bin ich nicht am Ende". Ohne weitere Worte zu verlieren, startete er.


Nervös wanderte ich durch die menschenleeren Hallen und Gänge von Dorrostak. Tage war es nun schon her, daß ich meinem König mit dem Ring das Signal gesendet hatte, doch bis jetzt war keinerlei Reaktion erfolgt. Mir persönlich drängte die Zeit nicht, der Weiße König war hier sicher aufgehoben und würde uns nicht davonlaufen. Doch wenn König Calract sich so viel Zeit ließ, bedeutete das nichts Gutes.

Ich hatte König Wilhelm bisher nur einmal durch die Tür seiner Kammer gesehen. Mit ihm zu reden hatte ich keine Lust gehabt, nicht so kurz nach dem Tod meiner kleinen Paipai. Was hätte ich ihm auch sagen sollen?

Mehr zufällig fiel mein Blick aus einem der schmalen Durchbrüche hinaus über den See. Und da war etwas, ein kleiner, dunkler Punkt am westlichen Horizont. Für einen Vogel war er bei dieser Entfernung viel zu groß. Mein Herz machte einen Satz. Sollte das einer von Calracts Drachen sein? Atemlos verfolgte ich dieses Flugwesen. Es kam rasch näher, und dann sah ich noch zwei weitere. Es waren wirklich Drachen, und sie kamen genau auf die Insel zugeflogen.

Ich stürmte hinaus ins Freie und winkte und rief ihnen zu, als sie suchend über der riesigen Festung zu kreisen begannen. Kurz darauf landeten sie dicht vor mir.

Jeder der Drachen hatte noch drei oder vier Dämonen dabei, die nun abstiegen und mich kritisch musterten.

"Meine Freunde", begrüßte ich sie hoch erfreut, "ich bin Traunsteiner. Mag Traunsteiner, und ich habe den Weißen König Wilhelm gefunden."

Einer der Dämonen trat vor. Es war ein wirklich unheimlich anzusehendes Wesen ohne Kopf, das rechts und links in der Brust je vier Augen übereinander trug. An den breiten Schultern saßen insgesamt vier Arme, und oben, da, wo der Kopf hätte sein sollen, trug es einen kurzen, sehr beweglichen Rüssel, aus dem es auch sprechen konnte.

"Ich begrüße dich, Mag Traunsteiner. Ich bin Rothirh." Er stellte mir dann die anderen vor. Irgendwie war es ein komisches Gefühl, daß all diese Drachen und Ungeheuer Namen hatten. Aber so waren sie eben, Calracts Lunaloc-Dämonen. Rothirh meinte dann: "Wir sind in der Tat wegen des Weißen Königs hier, doch darum wird sich unser Vater persönlich kümmern. In ein oder zwei Tagen wird er hier eintreffen."

Und dann erzählten sie mir, daß der Elfenkrieg aus war. Ich fühlte mich von einer Zentnerlast befreit. Erst jetzt wurde mir klar, wie sehr dieser Krieg auf uns allen gelastet hatte.

Ich erfuhr unglaubliche Dinge, ich erfuhr vom Tod des Großen Herrn Z, von der Rolle, die die Schwarze Prinzessin Rosalia bei all dem gespielt hatte, und ich erfuhr, daß Calract bald nicht mehr unter uns sein würde. Seine Zeit war knapp geworden, und deswegen hatte er bisher auch noch nicht erscheinen können. Das hier war das letzte, was er vor seinem Tod, oder wie auch immer sie es nennen mochten, noch in seinem Sinne regeln wollte.


Unter den Schülern und dem Ersten Meister brach eine schwer zu fassende Nervosität aus, als sie von diesen Dingen erfuhren. Natürlich hatten sie die Rückverwandlung sämtlicher Pecks bemerkt. Es war eine Sensation gewesen. Aber erst mit diesem Hintergrundwissen konnten sie dieses Ereignis richtig einordnen. Für viele von ihnen brach damit eine Welt zusammen.

Später fand ich den zerschmetterten Leichnam eines der Schüler unter den Festungsmauern. Er hatte sich in die Tiefe gestürzt. Doch die anderen besaßen immerhin den Mut, sich diesen Veränderungen zu stellen. Ich beruhigte sie: mein König würde ihre Existenz zum Besseren wenden. Davon war ich fest überzeugt.

Die Dämonen durchstreiften die Festung und steckten Wilhelm in eine Zelle unten in den Verließen, damit er es sich nicht doch noch anders überlegen konnte. Für sie war er einer ihrer schlimmsten Feinde. Mit den Elfen hatten sie abgerechnet, Wilhelm kam als nächster dran. Und sie stellten sicher, daß er auch da war, wenn Calract sein Gericht über ihn hielt.

Ich fieberte der Ankunft meines Königs geradezu entgegen. Was, wenn er doch schon in den Ewigen Schlaf gefallen war? Was dann?

Doch er kam. Als grün glühender Drache kam er angeflogen und verwandelte sich vor meinen Augen in seine menschliche Gestalt zurück. Ich erschrak, als ich ihn so sah, denn er sah furchtbar aus, alt, verbraucht und dem Tode nahe.

Wir waren alle versammelt, die Handvoll Äräolahner, die Dämonen und Wilhelm. Sie hatten darauf verzichtet, ihn in Fesseln zu legen. Denn den Dämonen entkommen, das konnte er niemals.

"Rosalia hat den Großen Herr Z, Elam Faust, ermordet, bevor sie dann mir das hier angetan hat." Bis auf seinen Kopf und die Finger lag alles unter diesem schrecklichen grünen Glimmen.

"Das heißt", fuhr er mit schleppender Stimme fort, "daß Äräolahn und St. Malo nun verwaist sind."

Der Erste Meister schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen.

"Du, Mag Traunsteiner, wirst hier mein Statthalter, der Großfürst von St. Malo."

"Iiiiiiich?" Völlig entgeistert sah ich meinen König an. Der nickte: "Diese Lunaloc-Dämonen hier werden dir dabei helfen. Ich ..."

Hinter uns gab es ein Geräusch. "Das glaube ich nicht!"

Wir fuhren herum.

Der Coup der Schwarzen Hexe war exakt geplant. Das gesamte Arsenal an Teufeln hatte sie erweckt und uns nun damit eingekreist. Wir waren vollkommen überrascht worden, was bei Calracts Zustand aber auch kein Wunder war.

Mir trat kalter Schweiß auf die Stirn, als ich mich umsah. Dreißig Meganten, zwei Wallbills, an die zehn Nerimods, das andere Zeug kannte ich nicht beim Namen, aber was die Schwarze Hexe hier hatte aufmarschieren lassen, das reichte locker, um Calract und seine Dämonen in den Boden zu stampfen.

An der Seite der Schwarzen Hexe stand ein junger Mann, den sie immer mit 'Boy' anredete. Jetzt trat die Hexe vor. Ihr schwarzes und ihr blaues Augen glühten vor diebischer Freude. "Rosalia ist also tot, ja?"

Calract nickte schwach.

"Wunderbar. Herrlich. Schade, daß ich nicht dabei war. Aber diese Figuren hier", sie wies auf die Drachen, "haben es sehr plastisch geschildert. Nun ja, mein lieber Calract, wie es aussieht, hast du verloren und ich gewonnen. Ich werde Äräolahn übernehmen. Ich, nicht dieses Würstchen da!" - sie wies auf mich. Ihre Stimme wurde hart. Dann sagte sie: "Anscheinend hat Rosalia mir mit dir in diesem Zustand noch ein unerwartetes Abschiedsgeschenk hinterlassen. Ich kann es kaum glauben ..." Sie begann, in ihren weiten, schwarzen Gewändern herumzufummeln. Ich blickte nervös zu Calract und seinen Dämonen hinüber. Doch diese machten keine Anstalten, etwas zu unternehmen. Gegen die Teufel hätten sie keine große Chance gehabt, aber für mich sah es eher so aus, als wollte Calract abwarten, was die Schwarze Hexe noch vorhatte.

"Ahhh, da haben wir es ja. Tja, mein lieber Calract, Rosalia war eine bedauerlich mächtige Hexe, aber die Imperatrice der Sonneninsel und neue Herrscherin von Äräolahn und St. Malo ist auch nicht auf den Kopf gefallen." Triumphierend hielt sie ein Flakon hoch. Mein Herz machte einen Sprung, als ich das grüne Glühen darin sah. Es hatte exakt die gleiche Farbe wie das über dem Körper meines Königs. "Diesen netten kleinen Zauber hat Rosalia nämlich von mir. Der Langsame Abschied heißt das Zeug. Was für ein passender Name. Ja, stell' dir vor. Dieses undankbare kleine Biest. Ja, verdammt, ich bin inzwischen sicher, sie hätte die Versteinerung meines Körpers lösen können, wenn sie gewollt hätte. Aber egal jetzt."

Sie trat auf Calract zu und hielt ihm den Flakon unter die Nase: "Weiß du, was das hier ist? Das ist dein Leben. Und hier sind meine Bedingungen." Sie faßte den Ersten Meister ins Visier und befahl: "Schreib mit! Also erstens: die Festung Nohgaret wird neutrales Gebiet, alles Land östlich davon gehört mir. Zweitens: gleiches gilt für meine Sonneninsel. Das Verbindungsbüro darf bestehenbleiben, wird aber mit meinen Untertanen besetzt. Kein Orna- oder Lunalocdämon darf die Sonneninsel betreten, außer die Postdrachen und Besucher, die zum Einkaufen kommen. Die Postdrachen dürfen dort auch nicht übernachten oder sich lange aufhalten. Und drittens: alle Erkenntnisse aus und über den Elfenkrieg und seine Neben- und Begleitumstände werden mir dargelegt, insbesondere alles, was über das Blaue Tal bekannt ist." Mit einer Geste befahl sie dem Meister, die Niederschrift zu beenden, und sagte dann: "Rosalia hast du ja dankenswerterweise schon selbst erledigt, Z auch, und was Batchiribanban angeht - die muß von jetzt an sehr vorsichtig sein."

"Warum wartest du nicht einfach, bis ich in den Ewigen Schlaf falle, dann bekommst du doch sowieso alles?"

Ich schluckte. Wie konnte Calract in so einer Lage noch so eine Frage stellen. Außerdem waren das sehr großzügige Bedingungen. Ich an seiner Stelle hätte sofort zugegriffen. Ich sah, wie das grüne Glühen sich ein Stück weiter seinen Hals hochschob. Sein Gesicht war totenbleich, Blut, das teilweise selbst schon grünlich leuchtete, lief ihm aus der Nase und er rang nach Atem.

Geradezu begeistert sah die Schwarze Hexe ihm dabei zu. Dann rief sie: "Klar, stimmt, aber ich will in Wirklichkeit etwas ganz Anderes. Erinnerst du dich noch an Nuitor, damals ... Ich will, daß du vor mir auf die Knie fällst und um dein Leben bettelst." Sie brach in hysterisches Gelächter aus.

Ich wußte, Calract würde das niemals tun. Seine Dämonen allerdings schon. Einer nach dem anderen knieten nieder, auch die Drachen, soweit sie das eben konnten, und flehten die Schwarze Hexe an, ihren Vater zu retten. Auch ich warf mich vor ihr in den Staub. Doch die Hexe lachte nur.

Calract unterwarf sich nicht. Er blickte die Schwarze Hexe aus kalten Augen an, und die sah zurück wie eine Schlange, die ein Kaninchen hypnotisiert. Sie wußte, es war nur noch eine Frage von Minuten. Zentimeter um Zentimeter stieg das Leuchten höher und überzog meinen König immer mehr. Ich richtete mich wieder etwas auf und sah, wie das grüne Glühen schließlich endgültig seinen Körper verschlang. Wie eine Puppe fiel der Schwarze König um und landete im Staub.

"Pah". Die Hexe öffnete das Flakon. Eine grüne Wolke entwich. Sie bändigte sie mit ihrer Magie und hüllte Calract damit ein.

Was sich dann abspielte, war nicht sehr erfreulich. Calract kam wieder zu sich, doch er litt unvorstellbare Qualen, die die Schwarze Hexe ihm mit Genuß bereitete, während sie ihn ins Leben zurückholte. Mehr als einmal wollten die Drachen auf sie losgehen, doch der Boy, Gerard de Roqueville, Königin Linlins Sohn, paßte genau auf und winkte die Teufel herbei, um zu verhindern, daß die Schwarze Hexe bei ihrer sadistischen Rache gestört wurde.

Die Folter zog sich über mehr als zwei Stunden hin. Irgendwann zwischendurch erschien in Calracts fast durchsichtig gewordenen Körper ein greller, bläulicher Funken. Es war der Splitter des Mondkristalles. Er verließ den Schwarzen König, und die Hexe fing ihn auf und nahm ihn an sich. Dann setzte sie die Tortur fort. Irgendwann aber war sie selbst erschöpft. Sie ließ sich auf eine Steinbank plumpsen. "Boy, sag' TS, sie soll mir was zum Essen bringen." Calract lag am Boden. Er sah furchtbar aus, grau, zerschunden, seine Kleider waren zerfetzt, aber dieses scheußliche Glühen, das sein Leben verschlungen hatte, das war nicht mehr da. Die Schwarze Hexe hatte ihm wirklich das Leben gerettet.

Rothirh und die anderen Dämonen eilten zu ihrem Vater. Der schlug nach einiger Zeit die Augen auf und stöhnte leise.

"Da!" Ich war maßlos überrascht, als die Schwarze Hexe ihm den Kristallsplitter zuwarf. Dieses Ding war unglaublich wertvoll. Wieso gab sie es ihm einfach so wieder zurück. Der Splitter drang in Calracts Körper ein, woraufhin Calract sich etwas erholte. Beata trat von ihn hin. "Unterschreib!" Ich blickte ihr über die Schulter. Der Erste Meister hatte von der Urkunde in der Zwischenzeit eine Kopie angefertigt, und Beata hatte beide mit ihrem vollen Titel unterschrieben: Beata, Imperatrice der Sonneninsel, die Schwarze Hexe, Beherrscherin von Äräolahn.

Wortlos zeichnete Calract gegen.

"Und jetzt raus aus meinem Land!"


*

"Warum habt Ihr das getan, Mistress Beata?" fragte Gerard, nach dem die Drachen mit Calract, Traunsteiner und den übrigen Dämonen abgehoben und in westlicher Richtung davongeflogen waren.

Die Schwarze Hexe sah ihn an und ließ dann langsam ihre Blicke über ihre Umgebung schweifen, die Handvoll Menschen, die Teufel, die Ewige Festung Dorrostak, St Malo. Erst jetzt schien ihr richtig klarzuwerden, daß sie soeben Herrin von Äräolahn geworden war. Alles, was hier lebte und existierte, gehörte jetzt ihr. Und selbst ihr Lieblingsfeind Calract hatte sich ihr beugen müssen.

"Du meinst, ich hätte ihn töten beziehungsweise einfach abkratzen lassen sollen." Sie machte eine lange Pause. Als sie gerade weiterreden wollte, erschien Tausend Schatten. "Ah! Endlich was zu essen!" Sie zauberte einen Tisch und zwei Stühle herbei, einen für sich, den anderen für Gerard, und langte dann zu. Daß die anderen stehend zusehen mußten, störte sie nicht im geringsten.

Nachdem sie ausgiebig gespeist hatte, meinte sie schließlich: "Tja, da gibt es viele Gründe. Zum Beispiel diesen: was wäre aus der Lunaloc-Armee geworden? Jemand hätte sie auf die Idee bringen können, sich an dem zu rächen, der für den Tod ihres Vaters verantwortlich gewesen wäre, also an mir. Keine schönen Aussichten. Zweitens - was wäre aus den Mittelländern geworden? Sie wären im Chaos versunken, und das kann ich hier gerade nicht brauchen. So ist Calract geschwächt, hält aber weiterhin alles zusammen. Wenn man überlegt, was dieser Krieg ihn gekostet hat, ist es ein Wunder, daß bei ihm überhaupt noch was funktioniert. Aber ..." sie machte eine bedeutungsschwere Pause, "der eigentliche Grund ist, daß es hier ohne Calract zu langweilig wäre." Ihre Augen leuchteten auf, dann brach sie in ihr charakteristisches hysterisches Gelächter aus.

"Kleiner Scherz." Sie sah Gerard und die Äräolahner an. "Wißt ihr, wie es möglich war, daß ein so mächtiger Zauberer wie Elam Faust, euer Z, enden konnte wie eine Schmeißfliege?" Der Erste Meister sah Tschiebelholzer und die anderen ratlos an. Auch Gerard hatte keine Ahnung. "Nun, er hat sich in Asteria zu seinem eigenen Gefangenen gemacht und ist dort langsam verrottet und hat den Verstand verloren. Er hatte nie einen Maßstab, einen, der genauso groß und mächtig oder sogar noch mächtiger war als er selbst. So verlor er jeden Kontakt zur Realität und wurde für eine heimtückische Schlange wie Rosalia zu einer allzu leichten Beute. Aber ich, ich habe Calract. Calract schläft nie. Also werde auch ich nie schlafen. Ich werde immer besser werden, und eines Tages werde ich ihn besiegen!" Was für eine Ironie, daß mein Lieblingsfeind meine größte Energiequelle wird.

"Aber der Kristall. Warum habt Ihr nicht wenigstens den behalten?"

"Weil ich nichts haben will, was vorher Calract gehört hat. Außerdem sind wir damit quitt. Du hast es ja selbst gesehen - er hat den Vertrag ohne Wenn und Aber unterzeichnet. Und er wird sich daran halten. Was glaubst du, wenn ich den Kristall behalten hätte? Ich hätte keine ruhige Minute mehr gehabt. Aber so kann ich mich hier in aller Ruhm um meinen neuen Besitz kümmern."

Wieder machte sie eine Pause, dann fuhr sie fort: "In Äräolahn gibt es unglaubliche Schätze zu holen. Ich glaube, selbst Z hat nur einen Bruchteil davon gekannt. Naja, er war ja auch nur ein schwachsinniger Angeber." Bei diesen Worten zuckten der Erste Meister und die anderen Äräolahner heftig zusammen. Beata registrierte es mit tiefer Befriedigung. "Es ist wie im Märchen: alle meine Feinde haben sich gegenseitig umgebracht, und der letzte mußte vor mir in den Staub. Ich brauche nur noch die Hand auszustrecken und die Früchte zu pflücken." Wieder brach sie in Gelächter aus, und diesmal endete das nicht so schnell.

Nachdem sie sich wieder beruhigt hatte, murmelte sie einen Zauberspruch. Wenig später kam eine Schwarze Kutsche angerollt. Beata sah Gerard und Tausend Schatten an. "Ihr erinnert euch doch noch an das, was ich euch über Magier im Gebiet anderer Magier erzählt habe." De Roqueville und das Mädchen nickten heftig. "Nun", fuhr die Hexe fort, dann werde ich Äräolahn jetzt mal in Besitz nehmen." Sie stand auf. "Ihr braucht nicht zu warten. Das dauert länger. Aber ihr beide", sie zeigte auf ihren Boy und Tausend Schatten, "bekommt vorher von mir einen Spezialauftrag. Ihr fahrt mit diesem Ding hier zu Calracts Gartenland und besorgt euch dort alle Unterlagen über den Elfenkrieg. Wie ich Calract kenne, wird er alles schon schön säuberlich niederschreiben lassen. Davon will ich Kopien. Und dann fahrt ihr weiter zur Sonneninsel, meiner Heimat. Ich will, daß TS das sieht, verstanden! Und sag' meinem Sohn, er soll euch gefälligst als Staatsgäste behandeln."

"Sohn ..."

"Ja, Tausend Schatten, selbst ich habe so etwas wie eine Familie." In die sonst harten Züge der Schwarzen Hexe trat eine verklärte Weichheit. Die Äräolahnerin war sehr überrascht, ihre Herrin so zu sehen. Diese Seite hatte sie noch nie gesehen, obwohl sie sie nun schon seit recht langer Zeit kannte.

"Du mußt Sofrejan auch noch etwas mitbringen, nämlich eine Kopie von Calracts Kapitulationsurkunde. Es ist wichtig, daß er sie hat." Sie gab Kallhoun einen Wink, und der nickte eifrig. "Aber genug geschwätzt. Es gibt viel zu tun. Los, ihr beiden!" Die beiden Angesprochenen nickten eifrig. "Und du, Gerard, kannst, wenn du Lust hast, auch deine Mutter besuchen. Sage ihr, jetzt kann sie stolz auf dich sein. So, dann wollen wir mal ..."

Sie beugte sich weit vor, bis ihre Faust den blanken Boden berührte. Und dann geschah ... gar nichts, und doch. Es war nicht sichtbar, aber irgendeine Art von unsichtbarer Energie floß von der Schwarzen Hexe ab in den äräolahnischen Boden, der diese wie ein Schwamm aufsog und verteilte. Den Menschen stellten sich die Härchen auf. Doch mehr geschah nicht. Die Hexe bewegte sich um keinen Millimeter, die schien wie festgefroren. Tausend Schatten und Gerard de Roqueville beobachteten sie noch eine Weile, ließen sich von Kallhoun die Urkunde geben, bestiegen dann die Kutsche und begannen ihre lange Reise, die sie zunächst quer durch St. Malo und Äräolahn führen würde. Die Übrigen blieben zurück.

Stunden vergingen. Irgendwann schlichen sich Tschiebelholzer, der Erste Meister und die Schüler davon.

Am nächsten Tag gab es keine Änderung. Alle waren wieder versammelt. Tausend Schatten meinte schließlich: "Ist sie tot?" Sie wirkte vollkommen ratlos. Doch der Doktor antwortete mit leiser Stimme: "Nein, mein Kind. Wenn sie tot wäre, würden die Teufel hier auf der Stelle wieder zu Stein. Nein, unsere neue Herrin ist höchst lebendig. Und die Kräfte, die sie hier freisetzt, machen mich sprachlos." Der Erste Meister nickte bestätigend.

Tschiebelholzer fuhr fort: "Uns gewöhnlichen Sterblichen kostet es schon fast unsere gesamte Lebensenergie, auch nur ein oder zwei Meganten zu erwecken. Aber das hier ..." Er vollendete den Satz nicht, doch Tausend Schatten hatte verstanden. Äräolahn hatte eine neue Beherrscherin, die nichts, aber auch gar nichts mit ihrem Vorgänger gemein hatte. Von nun an würde hier alles anders werden.


Tage vergingen. Es schneite oft, manchmal sogar tagsüber. Doch um die Schwarze Hexe herum fiel keine einzige Flocke. Unverrückbar stand sie da, in gebückter Haltung mit der Faust auf dem Grund, eine finstere Gestalt in einer weißen Winterlandschaft, und strahlte eine unheimliche Energie ab. Zwei Wochen gingen dahin, bis die Schwarze Hexe schließlich mit ihrer Arbeit fertig war. Die ganze Zeit war immer mindestens einer der Schüler in ihrer Nähe gewesen, und als sie sich jetzt wieder rührte, alarmierte er sofort den Doktor und den Ersten Meister. Als sie ankamen, war Beata vollkommen entkräftet am Boden zusammengesunken. Sie brachten sie in ihr Gemach, aber es dauerte Tage, bis sie wieder einigermaßen ansprechbar war. Schließlich trat sie wieder hinaus, die wenigen hier anwesenden Menschen um sich versammelt. "So, dann wollen wir mal. Du, Tschiebelholzer, wirst ab sofort Gouverneur von St. Malo. Kallhoun wird dein Stellvertreter, die anderen hier erst mal eure Gehilfen. Kümmert euch um die Menschen hier und seht zu, daß dieses Gebiet wieder auf die Beine kommt. Wenn ihr etwas braucht, sagt Bescheid. Ich gehe jetzt erst mal auf Schatzsuche."

Hm, mal sehen, in was verwandele ich mich denn am besten? Früher habe ich immer die Form eines Adlers gewählt, aber das ist mir viel zu mickrig. Ein Drache wäre gut, aber das macht schon Calract so. Kommt also überhaupt nicht in Frage. Mal überlegen ... ja, das wäre doch was Nettes ..."

Vor den Augen der Versammelten verwandelte Beata sich in einen riesigen Flugsaurier, einen gigantischen Pteranodon mit einem dunklen und einem hellblauen Auge. Mit mächtigen Schlägen seiner ledernen Schwingen hob das Ungeheuer ab und nahm Kurs West.


*


Der Flug der Drachen, auf denen wir saßen, trug uns über St. Malo, die Flügel des Himmels und die weite Ebene von Äräolahn. Ich genoß diesen phantastischen Anblick, besonders auch deshalb, weil ich nach menschlichem Ermessen in meinem Leben nie wieder hierherkommen würde. Die Schwarze Hexe hatte sich da ziemlich unmißverständlich ausgedrückt.

Großfürst von Äräolahn - das war ich gewesen, wenn auch nur für eine Sekunde. Ich lachte leise. Wieder eine unglaubliche Episode in meinem an unglaublichen Abenteuern so reichen Leben.

Nach zwei Stunden Flug erreichten wir schließlich das Grenzgebirge im Westen und überflogen es. Mir kam eine Idee. Praktischerweise saß ich direkt hinter König Calract, der noch zu schwach war, um sich in einen Drachen zu verwandeln und selbst zu fliegen. "Majestät, vielleicht sollten wir eine Zwischenlandung in Nohgaret machen und dort einen Vorposten errichten." Gemäß dem Vertrag war die Königsfestung neutrales Gebiet. Um so wichtiger war es, vollendete Tatsachen zu schaffen. Mein König war immerhin schon soweit wieder auf der Höhe, daß er das begriff. Er hielt es sogar für eine sehr gute Idee.

Und so gingen wir eine gute Stunde später in einem der weiten Innenhöfe der Königsburg Nohgaret nieder. Von den Wilden bekamen wir wie erwartet nichts zu sehen, aber sie spielten für die Pläne meines Königs auch keine Rolle. Er ließ einen Drachen und ein paar Dämonen an Ort und Stelle. Sie sollten sich hier einrichten und einen Stützpunkt aufbauen. Der Rest der Truppe, mich eingeschlossen, flog dann weiter nach Westen.

Spät in der Nacht erreichten wir das Gartenland.

Als ich abstieg und meinen Fuß auf heimatliche Erde setzte, war der Krieg nun endlich auch für mich zu Ende. Der Wahnsinn eines einzelnen Menschen hatte ausgereicht, die Welt an den Rand des Untergangs zu bringen. Doch die Kräfte des Chaos waren am Ende unterlegen.


In dieser Nacht fand keiner viel Schlaf, der König natürlich ausgenommen. Dann rückte ich ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Sklaven legten auf das fast heruntergebrannte Feuer, an dem sie das Abendessen bereitet hatten, kräftig Holz nach, sodaß es wieder hell aufflammte. Und dann versammelte sich um dieses Feuer nach und nach die gesamte Einwohnerschaft des Gartenlandes, wie mir schien. Ich sah Riinari - mit ihren leuchtenden Händen und Füßen gerade in der Nacht die auffälligste Gestalt und außerdem die einzige hier, die ich kannte. Später erschien auch noch Lalalu in Begleitung einer Gruppe junger Männer und Mädchen, die, wie ich zu meinem Erstaunen vernahm, ihre Studenten waren. Ich freute mich, diese freundliche und kluge Dämonin, deren Augen in der Nacht in tiefem Blau glühten, lebendig wiederzusehen.

Man servierte mir ein spätes Abendessen, das ich nur als köstlich bezeichnen konnte. Etwa eine Stunde später tauchte aus dem Tempel eine weitere Orna-Dämonin auf, Batchiribanban, die Schwarze Königin und Calracts Frau. Ich hatte sie bisher nur ganz kurz gesehen, weil sie sich die ganze Zeit um ihren Mann gekümmert hatte. Sie war eine entzückende und wunderschöne Frau, doch das Geschöpf, das zuletzt kam, ließ mein Herz wirklich höher schlagen.

Es war eine Frau, die trotz ihres jugendlichen Aussehens ein nur schwer bestimmbares Alter hatte, und ich war mir sofort sicher, daß auch sie eine Dämonin oder Fee oder so etwas sein mußte, denn ihre Augen leuchteten in sanftem Grün. Sie kam aus dem Tempel, der unter dem recht hellen Licht des fast vollen Mondes und der Sterne ganz gut zu sehen war. Man hatte hier in kurzer Zeit sehr viel wieder auf- oder ganz neu gebaut.

Um mich herum saßen die Sklaven, Dämonen, einige Piraten und wer weiß wer sonst noch alles, doch vor dieser Frau teilte sich sie Menge und machte bereitwillig Platz. Offenbar genoß sie hier größten Respekt. Einige Schritte hinter ihr liefen zwei Sklavinnen, eine hell- und die andere relativ dunkelhäutig und beide ausgesprochene Schönheiten, doch mehr als einen flüchtigen Blick hatte ich für sie nicht übrig.

Die Frau trug einen gut knielangen weiten Rock, Unterschenken und Füße waren frei. Den wohlgeformten Oberkörper bedeckte eine weite Bluse in zartem Rosa. Mit weichen, eleganten Schritten trat sie vor mich hin und sagte mit einer klaren, angenehmen Stimme: "Du bist also der berühmte Traunsteiner", wobei sie schelmisch lächelte. Ich nickte. Sie fuhr fort: "Mein Name ist Arashi. Ich bin - noch - Calracts Majordomina."

"Sehr erfreut." Ich erlebte einen ziemlichen Schock, als ich ihr die Hand zur Begrüßung hinhielt und sie sie mit ihrem Fuß ergriff. Mein Zusammenzucken, für das ich mich im nachhinein ziemlich schämte, blieb dieser faszinierenden Frau natürlich nicht verborgen. Aber sie war keineswegs peinlich berührt, sondern lächelte und sagte: "Auch ich bin eine Orna-Dämonin und habe, wie alle meine Schwestern, Flügel statt Arme."

Arashi ... "Ihr seid ... seid Ihr wirklich Riinaris Mutter?"

Ein funkelndes Leuchten trat in Arashis grünlich leuchtende Augen, als sie das bestätigte. In der Tat, diese Frau war wirklich etwas ganz Besonderes.

Sie drehte sich zu ihren Sklavinnen um und flüsterte etwas. Die beiden liefen davon, und Arashi wandte sich wieder mir zu: "Ich sehe, du hast schon gegessen." Sie setze sich vor mich, und ich folgte ihrem Beispiel. Gerade wollte die Majordomina wieder zum Sprechen ansetzen, als Riinari sich ihren Weg durch die Versammelten bahnte und kurz vor mir stehenblieb. Ich ahnte, was nun kommen würde - Paipai. Die Göttin des Lichtes sprach die Frage nicht aus, sie hatte andere Mittel, mir mitzuteilen, um was es ihr ging. Ich senkte den Kopf. Mehr nicht, sie wußte Bescheid.

Rasch erhob ich mich, trat zu der Göttin hin, nahm ihre Hände in meine und sagte leise "Es tut mir so leid, aber ich hatte nicht die kleinste Chance. Ich werde Euch alles genau erzählen, wie es war."

"Warte bitte noch einen Augenblick, bis Meriad und Seyra mit dem Schreibzeug wieder da sind"; unterbrach Arashi mich. "Calract schätzt Bücher, und nicht zuletzt Reiseberichte wie den, den wir jetzt gleich zu hören bekommen werden."

Oh ja, Leute, ihr würdet etwas zu hören bekommen, eine Geschichte, wie ihr sie noch nie gehört habt.


Am nächsten Morgen erschien Calract wieder. Er ließ alle Bewohner des Gartenlandes antreten, dann verkündete er, daß ab sofort alle Sklaven frei seien und gehen könnten, wohin sie wollten. Es überraschte mich allerdings nicht, daß sich praktisch alle dazu entschieden, hierzubleiben. Vielleicht nicht für immer, aber für jetzt auf jeden Fall.


*


Silberner Morgen erwachte. Sie lag auf dem Boden, vollkommen nackt. Kein Federkleid bedeckte mehr ihren Körper. Sie erinnerte sich an alles, an den Verkünder, ihre Reise zum Großen Herrn Z, ihre Verwandlung in einen Vogel. Als Vogel hatte sie die letzten 5 Jahre gelebt, ohne zu wissen, daß sie mal ein Mensch gewesen war. Doch jetzt wußte sie es wieder. Sie stand auf. Ihre Beine waren noch etwas wacklig, aber das gab sich schnell.

Silberner Morgen hatte keine Ahnung, was geschehen war, nur daß jetzt etwas anders war als vorher, das spürte sie. Sie sah sich um. Dann machte sie sich auf den langen Weg nach Hause.


Erstellt am 1.5.2004. Letzte Änderung auf dieser Seite: 17.10.2017